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Periodical volume

Full text: Gleiche Gesundheit für Alle?! Issue 2015

2015
Gleiche Gesundheit für Alle?!
2. Gesundheits- und Sozialbericht
des Bezirks Tempelhof-Schöneberg
- KURZFASSUNG -

Krebsneuerkrankungen je 100 000 EW

Impressum
Herausgebende Institution:

Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin
Abteilung Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung
März 2016

Berichterstatterin:

Patrizia Paplinski

Für weitere Informationen
wenden Sie sich bitte an:

Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg
Planungs- und Koordinierungsstelle Gesundheit
Tempelhofer Damm 165, 12099 Berlin
Postanschrift: 10820 Berlin
Telefon: (030) 90277 7251 (Geschäftszimmer)
Email: planko@ba-ts.berlin.de

Kostenloser Download dieses Berichts und weiterer Berichte unter:
http://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/politik-und-verwaltung/service-undorganisationseinheiten/planungs-und-koordinierungsstelle-gesundheit/artikel.397294.php

Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die vorliegenden Seiten stellen den zweiten Basisbericht des Bezirks Tempelhof-Schöneberg
dar, der neben allgemeinen gesamtbezirklichen Aussagen zur gesundheitlichen und sozialen
Lage auch die Sozialräume des Bezirks genauer in Augenschein nimmt. Damit wird es
möglich, Problemfelder zu identifizieren und Handlungsbedarfe aufzuzeigen.
Schon

1986

wurde

die

Ottawa-Charta

zur

Gesundheitsförderung

von

der

Weltgesundheitsorganisation verabschiedet. Das darin verankerte Schlüsselkonzept „Health
in all Policies“ (zu dt.: „gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“) gilt auch für die kommunale
Ebene: nicht nur der Gesundheitssektor sondern auch die Rahmenbedingungen für Arbeit,
Wohnen und Freizeit haben Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Einzelnen.
Ein zentrales Thema des Berichts ist deshalb der Zusammenhang zwischen Armut und
Gesundheit. Hier wird besonders deutlich, wie wichtig Kooperationen zwischen einzelnen
politischen Verantwortungsfeldern sind, um allen Einwohner_innen die gleichen Chancen auf
ein gesundes Leben zu ermöglichen. Ein anderer Schwerpunkt des Berichts liegt auf dem
Thema Gender. So sterben beispielsweise Männer im Bezirk im Schnitt 9 Jahre früher als
Frauen. Frauen dagegen erkranken häufiger als Männer vor ihrem 65. Lebensjahr an Krebs.
Für zukünftige Berichte stehen wir vor der besonderen Herausforderung, die gesundheitliche
Lage von geflüchteten Menschen zu erfassen, um nicht nur die basismedizinische
Versorgung zu gewährleisten, sondern auch aus einer gesundheitsfördernden Perspektive
handeln zu können.
Vor diesem Hintergrund freue ich mich auf angeregte Diskussionen mit politisch
Verantwortlichen, der Verwaltung, den Trägern und den Bewohner_innen unseres Bezirks,
um Tempelhof-Schöneberg gemeinsam noch gesünder und lebenswerter zu machen.

Dr. Sibyll Klotz
Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung

Inhaltsverzeichnis
1.

Einleitung .................................................................................................................... 1

2.

Der Bezirk und seine Einwohner_innen ...................................................................... 3

3.

Faktoren sozialer Benachteiligung .............................................................................. 4

4.

Gesundheitliche Lage ................................................................................................. 7
1.

Mortalität ................................................................................................................. 8

2.

Morbidität ................................................................................................................ 9

5.

Raumbezogene Analyse ........................................................................................... 11
1.

Einwohner_innen ....................................................................................................16

2.

Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit ................................................................16

3.

Kindergesundheit ...................................................................................................17

4.

Morbidität und Mortalität .........................................................................................18

6.

Ausgewählte Handlungsfelder und -empfehlungen ................................................... 19
1.

Demografischer Wandel .........................................................................................19

2.

Armut und Gesundheit ...........................................................................................20

3.

Interkulturelle Aspekte ............................................................................................21

4.

Gender ...................................................................................................................23

5.

Ausgewählte Krankheitsbilder ................................................................................24

6.

Sozialräumliche Orientierung .................................................................................24

1. Einleitung
Wer oder was beeinflusst unsere Gesundheit? Lange Zeit wurde argumentiert, dass das
individuelle Verhalten bezüglich gesunder Ernährung, körperlicher Bewegung und dem
Konsum von Suchtmitteln maßgeblich dafür verantwortlich ist. Dementsprechend bestand
Gesundheitsförderung vornehmlich aus Gesundheitserziehung und der Vorstellung, dass
das Individuum selbst für seinen/ihren Gesundheitszustand verantwortlich ist.
Was ist aber mit den strukturellen Lebensbedingungen, in denen wir uns bewegen? Der
britische Gesundheitswissenschaftler Michael Marmot hat schon in den 1960er Jahren
herausgefunden, dass die Lebenserwartung eng mit der Stellung im Beruf zusammenhängt
und Personen, die sozial schlechter gestellt sind, anfälliger für (chronische) Krankheiten sind.
Das bedeutet, dass nicht nur das eigene Verhalten, sondern auch soziale und ökonomische
Lebensbedingungen großen Einfluss auf unseren Gesundheitszustand haben. Die Art und
Weise von Benachteiligung kann sehr unterschiedlich sein. Sie kann sich z.B. in niedriger
Schulbildung oder Arbeitslosigkeit äußern, aber auch in fehlender sozialer Unterstützung und
einem unsicheren Wohnumfeld1. Abbildung 1 zeigt, welche sozialen Determinanten Einfluss
auf unseren Gesundheitszustand haben können.

Abbildung 1: Soziale Determinanten von Gesundheit. Quelle: fgoe.org

1

http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0008/98441/e81384g.pdf

1

Ungünstige soziale Determinanten treffen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen häufiger zu
und können über die gesamte Lebensspanne auftreten. Zudem wirken sie sich anhäufend
auf die jeweilige gesundheitliche Verfassung aus. Das heißt, je länger Personen unter
ungünstigen Umständen leben müssen, umso stärker fallen die negativen Konsequenzen für
ihren Gesundheitszustand aus.
Diese Erkenntnisse haben mehrere Folgen: zum einen verdeutlichen sie, dass Prävention
von Krankheiten und die Verminderung von frühzeitigen Todesfällen nicht nur in der
Verantwortung des Gesundheitssektors liegen kann. Zum anderen wird klar, dass nicht früh
genug mit Prävention begonnen werden kann. Je früher die sozial-ökonomischen und
gesundheitlichen Bedingungen verbessert werden, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit,
dass Menschen auch in Zukunft gesund und lange leben werden.
Während eines Lebens durchläuft man verschiedene Phasen, die positive oder negative
Auswirkungen auf den gesundheitlichen, sozialen oder ökonomischen Zustand haben
können und dementsprechend die weitere Zukunft beeinflussen. Diese Phasen beinhalten
zum Beispiel den Übergang von früher Kindheit zu Schule und Ausbildung, das Verlassen
des Elternhauses und die Gründung einer eigenen Familie, bis hin zum Eintritt ins
Erwerbsleben und möglicher Arbeitslosigkeit sowie den Übergang ins Rentenalter.
Es bietet sich deshalb an, in der Prävention ein besonderes Augenmerk auf Übergänge zu
haben, um eine vorausgegangene Benachteiligung nicht zu einer zukünftigen werden zu
lassen. Außerdem müssen bestimmte Personengruppen mehr als andere in den Fokus von
gesundheitspolitischen Überlegungen rücken. Mit besonderer Benachteiligung haben vor
allem Menschen mit schlechter Schul- und Berufsbildung sowie niedrigem Einkommen sowie
spezifische Zielgruppen wie zum Beispiel wohnungslose Menschen, drogenabhängige
Personen oder Menschen mit Behinderung zu kämpfen.
Ausgehend von diesen Überlegungen soll der vorliegende Gesundheits- und Sozialbericht zu
einem bereichsübergreifenden Problembewusstsein beitragen und Diskussionen über
Interventionsfelder und Handlungsmöglichkeiten anregen und fördern. Ziel soll es sein, die
sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten in Tempelhof-Schöneberg zu verringern und
allen Einwohner_innen ein gesundes Leben bis ins hohe Alter zu ermöglichen.
2

2. Der Bezirk und seine Einwohner_innen
Auch im Bezirk lässt sich der demografische Wandel beobachten. Jede_r fünfte_r
Einwohner_in (EW) ist über 65 Jahre alt, nur knapp jede_r Siebte ist unter 18 Jahre alt, das
durchschnittliche Alter der Einwohner_innen liegt bei über 40 Jahren. Mit der älteren
Bevölkerungsgruppe sind einige Besonderheiten zu beobachten: zum einen ist im Bezirk der
Anteil von Singlehaushalten von Personen über 65 Jahren höher als deren Anteil in der
Bevölkerung. Mit zunehmendem Alter steigt ebenso der Anteil von Schwerbehinderten. Der
Großteil ist über 50 Jahre alt.
Zudem lässt sich eine Feminisierung des Alters feststellen. 70% der über 80jährigen sind
Frauen. Mit einer höheren Lebenserwartung als Männer und einer geringeren vorzeitigen
Sterberate, auf die später genauer eingegangen wird, bedeutet dies, dass Frauen das Bild
im Alter zunehmend prägen und prägen werden. Gleichzeitig sind die sozioökonomischen
Grundlagen von älteren Frauen im Bezirk schlechter als die der Männer: sie haben geringere
Anteile an mittleren und hohen Schulabschlüssen als Männer und die Gruppe der über
65jährigen, die keinen beruflichen Abschluss besitzen, besteht hauptsächlich aus Frauen.
Unterhalb des Renteneintrittsalters lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den
Geschlechtern in Bezug auf die Erwerbsarbeit feststellen: Frauen sind nach wie vor weniger
häufig erwerbstätig als Männer und arbeiten weniger Wochenstunden. Nichtsdestotrotz
gelten 4 von 10 Frauen als Haupteinkommensbezieherinnen. Deren Anteile in den höheren
Einkommensklassen liegen dennoch unter denen der Männer.
Bildung

spielt

eine

maßgebliche

Rolle

für

die

individuelle

Gesundheit.

Da

ein

Zusammenhang zwischen Bildungsabschlüssen und der späteren Position in der Arbeitswelt
besteht, hat Bildung indirekt Einfluss auf berufsbezogene Belastungen, Ressourcen und
nicht zuletzt auf die Höhe des Einkommens. Darüber hinaus beeinflusst Bildung
gesundheitsförderndes Wissen und Handlungskompetenzen, um Gesundheitsprobleme und
Belastungen zu bewältigen.
Hier zeigt sich, dass es nicht nur deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt,
sondern auch Menschen mit Migrationsgeschichte eine besondere Rolle einnehmen (vgl.
Abbildung 2).

3

Höchste Schulabschlüsse
Anteil an allen 15- bis unter 65jährigen der
jeweiligen Bevölkerungsgruppe in %

Bezirk (2013)
100%
90%
80%
70%

41,5

52,4

60%

Hoch-/Fachhochschulreife

50%

mittlerer Abschluss

40%
30%

19,4

Haupt-(Volks)schulabschluss

28,2

20%
10%

19,2

12,5

0%
ohne MH

mit MH

Abbildung 2: Höchster Schulabschluss nach Migrationshintergrund der Bevölkerung zwischen 15 und unter 65
Jahren in Tempelhof-Schöneberg in Prozent, Stand 2013. Quelle: AfS Berlin-Brandenburg, Mikrozensus 2013.
Eigene Berechnung, eigene Darstellung.

Personen mit Migrationshintergrund (MH) machen circa ein Drittel der Einwohner_innen im
Bezirk aus und haben vorwiegend eine türkische oder polnische Migrationsgeschichte. Es
lässt sich beobachten, dass sie geringere Anteile an hohen und mittleren Schul- und
Berufsabschlüssen haben und doppelt so häufig erwerbslos sind als Menschen ohne
Migrationshintergrund. Besonders bei den unter 24jährigen fällt auf, dass junge Menschen
mit MH deutlich weniger erwerbstätig sind als diejenigen ohne MH. Es muss gefragt werden,
inwiefern strukturelle Benachteiligungen eine Rolle dabei spielen.

3. Faktoren sozialer Benachteiligung
Obwohl die bezirklichen Daten in vielerlei Hinsicht dem Durchschnitt entsprechen, können
solche „mittlere“ Werte auch dadurch zustande kommen, dass die Werte für einzelne
Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich ausfallen, zusammengenommen aber unauffällig
sind (vgl. Abbildung 3). Indikatoren wie die Armutsgefährdungslücke, der Gini-Koeffizient und
die S80/S20-Quote2 haben gezeigt, dass die Einkommen im Bezirk sehr ungleich verteilt
sind. Es stellt sich also die Frage, wer im Bezirk besonders von Armut betroffen sein kann.
Wie im vorangehenden Kapitel ausgeführt, ist bei älteren Frauen und Menschen mit
Migrationsgeschichte aufgrund geringerer Bildungs- und Erwerbschancen das Risiko erhöht,
2

Maße der Einkommensverteilung.

4

in einer schwierigen sozialen Lage zu sein. Daraus können gesundheitliche Ungleichheiten
entstehen, die sich auf das Wissen über Gesundheitsverhalten, aber auch den Zugang und
die Qualität von gesundheitlicher Versorgung beziehen. In der Konsequenz bedeutet das,
dass das Risiko ernsthaft zu erkranken und frühzeitig zu versterben für Menschen mit einem
schlechteren sozialen Status doppelt so hoch ist als für diejenigen, die sozio-ökonomisch
besser gestellt sind.

Empfänger_innen von Transferleistungen nach SGB II
26,2

28,5

25,3

23,1

21,5

19,5

18,4

22,5

13,7

13,4

11,3

Reinickendorf

Lichtenberg

MarzahnHellersdorf

Treptow-Köpenick

Neukölln

TempelhofSchöneberg

Steglitz-Zehlendorf

CharlottenburgWilmersdorf

Spandau

9,7

Pankow

FriedrichshainKreuzberg

30,0
25,0
20,0
15,0
10,0
5,0
0,0

Mitte

Anteil an EW unter 65 Jahren in %

Bezirke (12/2014)

Abbildung 3: Empfänger_innen von Transferleistungen nach SGB II an den EW unter 65 Jahren in den Bezirken
in Prozent, Stand 12/2014. Entspricht Kernindikator [KID] D4. Quelle: Bundesagentur für Arbeit/AfS BerlinBrandenburg, Abgestimmter Datenpool. Eigene Berechnung, eigene Darstellung.

Personen, die Transferleistungen beziehen, gehören zu den Gruppen, die am häufigsten
einen niedrigen sozialökonomischen Status aufweisen. Mehrere Faktoren spielen dabei eine
Rolle: zum einen sind die Leistungen der Mindestsicherungssysteme oftmals nicht
ausreichend, um einen Weg aus der Armut zu finden. Laut Armutsbericht liegt die
Armutsquote bei Hartz IV-Empfänger_innen bei 84%. Zum anderen scheint es schwer, der
Arbeitslosigkeit

schnell

wieder

Leistungsbezieher_innen nach

zu

entkommen:

87%

Sozialgesetzbuch (SGB) II

im

aller

momentanen

Bezirk

erhalten die

Unterstützung für 2 Jahre oder länger.
Wie wichtig es ist, optimale Bedingungen für eine gute Schul- und damit auch
Berufsausbildung zur Verfügung zu stellen, zeigt das negative Gefälle zwischen Art der
Berufsausbildung und Sozialleistungsbezug: 4 von 10 Leistungsbezieher_innen nach SGB II

5

haben keinen beruflichen Abschluss, während es nur knapp 6% mit (Fach-)Hochschulreife
sind.
Einwohner_innen mit ausländischer Staatsbürgerschaft weisen im Vergleich besonders hohe
Anteile bei Transferleistungen wie SGB II und Grundsicherung (GruSi) auf. Das Verhältnis
von SGB II-Leistungsbezieher_innen mit deutschem oder ausländischem Pass liegt bei 1:2
und gehört damit zu den äußerst ungleichen in Berlin. Der Anteil von ausländischen GruSiEmpfänger_innen im Rentenalter ist fast viermal so hoch wie der von Personen mit
deutschem Pass. Diese Bevölkerungsgruppe ist damit potentiell einem höheren Risiko
ausgesetzt, in relativer Armut und Altersarmut zu leben. Zudem stellt sich die Frage, ob unter
anderem strukturelle Diskriminierungen eine Rolle dabei spielen.
Außerdem erhalten innerhalb von Einrichtungen anteilig sehr wenige Ausländer_innen
Leistungen der Grundsicherung. Es ist zu vermuten, dass sich die Pflege und Versorgung
von hilfebedürftigen Menschen in die (soziale) Familie verlagert hat oder Personen sehr
isoliert leben, da sie eigentlich nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag ohne Unterstützung
zu bewältigen.
Die Gesundheit im Erwachsenenalter wird maßgeblich von den Entwicklungsbedingungen im
Kindesalter und vor der Geburt beeinflusst. Eine schlechte soziale Lage von Kindern
beeinflusst nicht nur biologische, körperliche und emotionale Prozesse des Aufwachsens,
sondern erhöht auch das Risiko später mit einer chronischen Erkrankung diagnostiziert zu
werden oder frühzeitig zu sterben. 30% aller Kinder und Jugendlichen im Bezirk leben in
einer Bedarfsgemeinschaft mit SGB II-Anspruch (vgl. Abbildung 4). Circa 6 500
Minderjährige leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, das SGB II-Leistungen bezieht.
Wie die Analyse der Einschulungsuntersuchungen 2014 gezeigt hat, hat der soziale Status
des Elternhauses einen sehr starken Einfluss auf die gesundheitlichen Parameter des
Kindes (d.h. aus Raucher_innenhaushalt stammend, sanierungsbedürftiges Gebiss,
unvollständiger

Impfstatus,

eigenes

Fernsehgerät

und

über

2

Stunden

Fernsehkonsum) und wirkt sich zudem stark auf Entwicklungsauffälligkeiten auf.

6

täglicher

Nicht erwerbsfähige Empfänger_innen von Transferleistungen nach
SGB II unter 15 Jahren
50,2
40,8

MarzahnHellersdorf

Neukölln

TempelhofSchöneberg

SteglitzZehlendorf

CharlottenburgWilmersdorf

Pankow

33,4

37,6

20,8

13,7

TreptowKöpenick

20,9

14,4

FriedrichshainKreuzberg

40,6
30,1

Reinickendorf

36,6

Lichtenberg

47,7

Spandau

60,0
50,0
40,0
30,0
20,0
10,0
0,0

Mitte

Anteil an EW unter 15 Jahren in %

Bezirke (12/2014)

Abbildung 4: Anteil von nicht erwerbsfähigen Empfänger_innen von Transferleistungen nach SGB II unter 15
Jahren in den Berliner Bezirken in Prozent, Stand 12/2014. Entspricht KID D5. Quelle: Bundesagentur für
Arbeit/AfS Berlin-Brandenburg, Abgestimmter Datenpool. Eigene Darstellung.

Knapp 13% der Einwohner_innen im Bezirk haben eine anerkannte Schwerbehinderung.
Laut UN-Behindertenrechtskonvention ist „Menschen mit Behinderungen eine unentgeltliche
oder erschwingliche Gesundheitsversorgung in derselben Bandbreite, von derselben Qualität
und auf demselben Standard zu Verfügung [zu stellen] wie anderen Menschen“. Für den
Bezirk können keine Aussagen zu Versorgungsstrukturen und zur Versorgungsqualität für
Menschen mit Behinderungen getroffen werden, da momentan keine ausreichenden Daten
vorliegen.
Gesundheit umfasst auch sichere Lebens-, Arbeits-, Wohn- und Freizeitbedingungen. Die
über 5 000 geflüchteten Menschen im Bezirk, die zumeist in Gemeinschaftsunterkünften
untergebracht sind, müssen meist in sehr beengten Räumlichkeiten mit wenig Privatsphäre
wohnen. Die Kombination aus beengtem Raum, sehr unterschiedlichen Menschen und
keiner Möglichkeit zur Erwerbstätigkeit können sich in Kombination mit der Unsicherheit über
den Aufenthaltsstatuts negativ auf die psychische und physische Gesundheit auswirken.

4. Gesundheitliche Lage
Sowohl

bei

den

Krankheits-

als

auch

Sterblichkeitsdaten

lassen

sich

deutliche

Geschlechtsunterschiede feststellen:
Im Berlinvergleich weist Tempelhof-Schöneberg mit 80,8 Jahren die vierthöchste
Lebenserwartung auf (vgl. Abbildung 5). Frauen haben nicht nur eine um 5,2 Jahre höhere
7

Lebenserwartung als Männer: Männer sterben im Schnitt auch knapp 9 Jahre früher als
Frauen. Diese Differenz ist die größte in Berlin. Insgesamt ist das durchschnittliche
Sterbealter aber angestiegen und liegt im Berliner Mittelfeld.

Mittlere Lebenserwartung
81,5
79,9

79,8

Treptow-Köpenick

Neukölln

TempelhofSchöneberg

78,9

Steglitz-Zehlendorf

Spandau

CharlottenburgWilmersdorf

79,0

79,1

Pankow

79,1

Reinickendorf

80,3

80,1

Lichtenberg

80,9

80,8

MarzahnHellersdorf

81,2

FriedrichshainKreuzberg

82,0
81,5
81,0
80,5
80,0
79,5
79,0
78,5
78,0
77,5

Mitte

in Jahren

Berliner Bezirke (2011-2013)

Abbildung 5: Mittlere Lebenserwartung in den Berliner Bezirken 2011-2013 (zusammengefasst) in Jahren. Quelle:
AfS Berlin-Brandenburg, eigene Darstellung.

Die Anzahl der Lebendgeborenen insgesamt sinkt, was einem deutschlandweiten Trend
entspricht. Die Rate der Säuglingssterblichkeit liegt leicht über dem Berliner Durchschnitt.
Die Geburtenziffer ist in den letzten 20 Jahren gesunken und die Fruchtbarkeitsziffer leicht
gestiegen. Bei ausländischen Frauen sind beide Ziffern deutlich gesunken.
1. Mortalität
Die häufigsten Todesursachen sind Krankheiten des Kreislaufsystems und bösartige
Neubildungen. Unter den bösartigen Neubildungen zählt Lungenkrebs bei beiden
Geschlechtern zur häufigsten Todesursache, gefolgt von bösartigen Neubildungen der
Prostata (bei Männern) bzw. Brustdrüse (bei Frauen) und des Darms. Männer versterben
insgesamt häufiger als Frauen an bösartigen Neubildungen. Vergleicht man die weiblichen
Sterberaten aufgrund von Krebs der verschiedenen Bezirke miteinander fällt auf, dass
Frauen in Tempelhof-Schöneberg die zweithöchste Sterberate an Krebs aufweisen.
Im Bezirk sterben in Relation zu Gesamtberlin weniger Personen vor ihrem 65. Lebensjahr,
Männer sterben allerdings häufiger als Frauen vorzeitig. Im Vergleich zu Berlin sterben

8

Frauen im Bezirk häufiger vorzeitig an Lungen- und Brustkrebs, Männer häufiger an
Lungenkrebs.
Die vorzeitigen Todesursachen bei Männern werden von ischämischen Herzkrankheiten und
Lungenkrebs angeführt, bei Frauen sind es Lungen- und Brustkrebs. Obwohl Frauen
häufiger vorzeitig an Krebs erkranken, ist die vorzeitige Sterberate bei bösartigen
Neubildungen von Männern höher.
Die Selbsttötungsrate ist bei Männern sowohl unter als auch über 65 Jahren höher als die
der Frauen.
2. Morbidität
In Deutschland stehen Herz-Kreislauf-, Krebs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie
psychische und Verhaltensstörungen an oberster Stelle, wenn es um die Krankheitslast der
Bevölkerung geht. Dafür wird die Maßzahl „Disability-Adjusted Life Years“ (DALYs)
verwendet, die den Verlust von gesunden Lebensjahren aufgrund einer Erkrankung oder
eines Todesfall errechnet. Die genannten Erkrankungen sind für 65% der verlorenen
behinderungsfreien Lebensjahre verantwortlich.
Individuelle

Verhaltensweisen

wie

Tabakgebrauch,

körperliche

Inaktivität,

riskanter

Alkoholkonsum sowie ungesunde Ernährung erhöhen das Risiko solche Krankheiten zu
entwickeln. Insbesondere im Zusammenhang mit ungesunder Ernährung ist der Anstieg von
Typ-2-Diabeteserkrankungen zu beachten.
Im Vergleich zu den Berliner Werten werden im Bezirk etwas weniger Fälle an Krankheiten
des Kreislaufsystems, an psychischen und Verhaltensstörungen sowie an Diabetes Mellitus
vollstationär in Krankenhäusern behandelt. Fälle aufgrund von Krankheiten des MuskelSkelett-Systems und von bösartigen Neubildungen sind im Bezirk häufiger als in Berlin in
Behandlung. Vor allem bei Krankheiten des Kreislaufsystems, bei bösartigen Neubildungen
und ischämischen Herzkrankheiten werden deutlich mehr Männer als Frauen im
Krankenhaus behandelt.
Männer im Bezirk erkranken am häufigsten an Lungen-, Prostata- und Darmkrebs. Bei
Frauen sind es Brust-, Lungen- und Darmkrebs. Vergleicht man die Lokalisationen von
Krebserkrankungen fällt auf, dass Männer deutlich häufiger als Frauen an Krebs insgesamt,
9

des Mundes und Rachens, der Speiseröhre, des Darms, der Lunge und der Harnblase
erkranken. Frauen haben deutlich mehr Krebsneuerkrankungen der Brustdrüse und der
Schilddrüse als Männer.
Im Bezirksvergleich steht die Neuerkrankungsrate an Krebs von Frauen auf niedrigerem
Rang als die der Männer (Rang 6 und Rang 8). Stark auffällig ist die Quote für
tabakassoziierte bösartige Neuerkrankungen bei Frauen im Bezirk, die die zweithöchste in
ganz Berlin ist.
Zu den häufigsten psychischen und Verhaltensstörungen, die im Krankenhaus behandelt
werden, gehören im Bezirk psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope
Substanzen, Schizophrenie, schizoide und wahnhafte Störungen sowie affektive Störungen.
Bei erster Diagnosegruppe liegt die Behandlungsrate von Frauen über 65 Jahren höher als
der Berliner Durchschnitt. Bei Schizophrenie, schizoiden und wahnhaften Störungen werden
bei den unter 65jährigen mehr Fälle als in Berlin behandelt. Bei affektiven Störungen liegt die
Rate der unter 65jährigen Männer über dem Berliner Vergleichswert. Die Diagnosegruppe
der affektiven Störungen ist die einzige der drei genannten, bei der insgesamt mehr Frauen
als Männer im Krankenhaus behandelt werden.
Obwohl

die

Behandlungszahlen

von

dementiellen

Erkrankungen

die

tatsächliche

Erkrankungshäufigkeit nur vage widerspiegeln, wird deutlich, dass sich die Fallzahlen in den
letzten Jahren erhöht haben. Vor allem bei älteren Männern ist ein deutlicher Anstieg zu
verzeichnen.
Auf den Einfluss des individuellen Gesundheitsverhaltens auf die Entwicklung von
chronischen Krankheiten wurde hingewiesen. Es fällt auf, dass anteilig mehr Männer als
Frauen übergewichtig sind (vgl. Abbildung 6). Bei starkem Übergewicht sind die Werte
zwischen den Geschlechtern wiederum annähernd gleich hoch bei ca. 11%. Männer zählen
zudem häufiger zu den Raucher_innen und haben ein früheres Einstiegsalter als Frauen.
Insgesamt betrachtet, weist der Bezirk aber die zweitniedrigste Raucher_innenquote in ganz
Berlin auf.

10

Body-Mass-Index
Bezirk (2013)

weiblich

60,1

26,0

10,7

BMI 18,5 bis unter 25 (normal)
BMI 25 bis unter 30
(übergewichtig)

männlich

43,2

44,8

11,0

BMI 30 und mehr (stark
übergewichtig)

Abbildung 6: Body-Mass-Index (BMI) in Tempelhof-Schöneberg in Prozent, Stand 2013. Quelle: AfS BerlinBrandenburg, Mikrozensus 2013. Eigene Darstellung.

Der Anteil von Pflegebedürftigen in Tempelhof-Schöneberg liegt deutlich unter dem Berliner
Durchschnitt. Der Anteil an pflegebedürftigen Personen steigt mit dem Alter erheblich an und
macht bei den über 95jährigen ca. 90% aus. Pflegebedürftigkeit ist stark weiblich geprägt. Ab
der Altersgruppe 60 Jahren und älter wird der Anteil an pflegebedürftigen Frauen immer
größer.

5. Raumbezogene Analyse
Um die Gesundheitsplanung- und förderung noch zielgenauer auszurichten und näher an der
tatsächlichen Lebenslage der Einwohner_innen zu orientieren, werden im Folgenden
Indikatoren zur sozialen und gesundheitlichen Lage auf Planungsraumebene (nach LORSystematik3) vorgestellt und im Hinblick auf besondere Herausforderungen näher betrachtet
(für Anmerkungen zur Methodik, den Indikatoren und der LOR-Bezeichnung sei auf den
Anhang der Langfassung des Berichts verwiesen).

3

Mehr Informationen zur Entwicklung und Verwendung der lebensweltlich orientierten Räume (LOR) sind auf den Seiten der

Senatsverwaltung

für

Stadtentwicklung

und

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/lor/

11

Umwelt

zu

finden:

Tabelle 1: Planungsraumanalyse Schöneberg-Nord. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)
Wittenbergplatz/
Viktoria-Luise-Platz

EW
9397

Nollendorfplatz

15450

Barbarossaplatz

9956

Dennewitzplatz

13512

U184

Ü65

MH

10,5

23,0

42,8

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

65,5

21,1

78,4

32,8

Bös

T bös

neu

neu

228,2

435,8

220,6

343,9

nef u15

G ü65

Sterb

13,4

19,4

10,8

23,7

43,0

19,6

Rauch

Zahn

Überg

103,8

28,1

6,5

10

94,4

38,8

14

13

-

-

24,8

6,1

6,5

17,1

15,2

14,2

15,3

51,6

14,3

14,9

34,8

48,8

15,6

12,8

18,5

8,4

124,7

404,9

87,4

+
15,9

+
11,7

56,4

77,5

49,9

28,2

47,7

26,5

165,8

318,2

90,3

43

-

+

MSS
2+/2+/2+/3+/-

Tabelle 2: Planungsraumanalyse Schöneberg-Süd. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)

EW

Bayerischer Platz

10335

Volkspark (Rudolf-Wilde-Park)

9832

Kaiser-Wilhelm-Platz

17298

Schöneberger Insel

11395

4

U18

Ü65

MH

13,0

21,1

31,2

12,7

16,4

38,4

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

52,4

13,8

12,1

60,1

17,3

16,5

nef u15

G ü65

Sterb

18,2

6,0

120,0

+

-

7,5

158,9

27,6

Bös.

T bös

neu

neu

353,5

79,2

375,2

98,8

14,7
13,7

12,2
9,1

40,9
33,6
-

60,5
52,5

25,3
24,1

18,6
15,7

-

29,7
26,7

13,4
10,7

188,7
221,7
+

Rauch

Zahn

Überg

27,7

6,3

8,4

+

-

12,5

10,2

35
+

369,4
370,0

99,5
108,6

+

31,3

13,5

+

+

10,8

34,8

11,3

10,8

+

--

MSS
2+/2+/2+/2+/-

folgende Abkürzungen werden verwendet: u18: unter 18 Jahre; ü65: über 65 Jahre; MH: Migrationshintergrund; eLb + nef: Erwerbsfähige Hilfebedürftige und Empfänger_innen von Sozialgeld nach

SGB II; nef u15: Nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte unter 15 Jahren; G ü65: Grundsicherung über 65 Jahre; Sterb: vorzeitige Sterblichkeit; Bös. neu: Neuerkrankungen an bösartigen
Neubildungen; T bös neu: Neuerkrankungen an tabakassoziierten bösartigen Neubildungen; Rauch: Kinder aus Raucher_innenhaushalten; Zahn: Kinder mit unversorgten Zahnschäden; Überg: Kinder
mit Übergewicht; MSS: Gesamtindex soziale Ungleichheit

12

Tabelle 3: Planungsraumanalyse Friedenau. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)

EW

Friedenau

23870

Ceciliengärten

9151

Grazer Platz

12073

U18

Ü65

MH

15,7

18,6

23,0

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

36,3

9,4

7,1

15,2

18,3

27,7

nef u15

G ü65

Sterb

9,4

4,7

138,4

+

-

4,9

180,2

+

+

7,1

170,2

40,9

13,5

9,4

12,0

16,6

14,6

40,0

62,5

19,8

20,9

33,1

Bös.

T bös

neu

neu

362,1
364,1

Rauch

Zahn

Überg

81,4

17,5

6,6

4,6

83,3

23,1

5,9

8,4

362,0

91,1

-

40,8

17,2

--

14,5
+

MSS
2+/2+/2+/-

Tabelle 4: Planungsraumanalyse Tempelhof. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)

EW

Neu-Tempelhof

17126

Lindenhofsiedlung

2102

Manteuffelstraße

23418

Marienhöhe

5057

Rathaus Tempelhof

10567

Germaniagarten

3590

U18

Ü65

MH

16,2

20,3

33,8

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

49,7

12,6

17,4

nef u15

G ü65

Sterb

24,1

5,5

181,9

Bös

T bös

neu

neu

391,9

100,7

10,3
14,1

32,4
17,9

17,2

38,7

+

-

33,0

57,9

12,6

29,7

-

-

14,7

19,1

3,5

37,0

41,1

12,6

21,3

12,2

45,4

+

-

+

44,3

8,9

+

+

64,0

12,8

70,0

194,1

Überg

34,8

13,3

8,8

+

+

-

370,2

106,5

27,3

9,9

8,6

38,2

6,0

186,4

420,4

103,6

40

16,4

9,1

17,2

28,2

21,6

5,4

101,3

+

455,6

112,9

46

14,8

10,1

381,8

104,6

42,4

15,9

9,8

-24,6

43,0

12,6

5,6

Zahn

-

+
22,0

23,1

Rauch

36,3

65,2

4,7

183,3

-

+

17,4

190,5
-

13

421,1

123,2

48,6

28,8

15,3

MSS
2+/22+/2+/2+/4+/-

Tabelle 5: Planungsraumanalyse Mariendorf. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)

EW

Rathausstraße

15872

Fritz-Werner-Str.

7700

Eisenacher Straße

9106

Imbrosweg

5480

Hundsteinweg

10460

Birnhornweg

2209

U18

Ü65

MH

13,6

21,8

34,4

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

63,6

11,5

23,4

nef u15

G ü65

Sterb

41,1

5,9

195,2

Bös

T bös

neu

neu

453,8

103,9

+
12,2

27,0

30,5

Rauch

Zahn

Überg

41,3

16

13,9

-58,1

6,6

22,9

35,8

3,3

174,0

427,5

85,4

46,6

27,3

11,8

11,5

27,1

27,4

52,4

8,7

19,5

32,7

4,3

157,6

382,9

85,0

41,7

18,5

9,9

21,2

29,2

4,6

239,1

365,2

98,0

44

16,6

10

378,4

81,8

34,2

18,4

11,6

+

+

++

23,5

10,4

6,9

Rauch

Zahn

Überg

41,8

22,6

10,6

3,8

9,4

+
14,9

25,8

28,0

47,8

8,3

14,2

29,9

++
23,5

14,6

44,8

6,4

13,4

22,7

2,6

+
28,1

19,7

37,9

130,9
-

6,9

6,0

9,5

k.A.

138,1

421,8

88,4

Bös

T bös

neu

neu

363,1

84,3

+

MSS
2+/2+/22+/2+/1+/-

Tabelle 6: Planungsraumanalyse Marienfelde. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)
Marienfelder
Nordwest
Kirchstraße
Marienfelde Nordost
Marienfelde Süd

EW
Allee

9901
4606
2740
13843

U18

Ü65

MH

17,4

24,0

36,6

15,8

25,3

18,8

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

60,1

11,8

27,7

+

-

29,8

6,2

nef u15

G ü65

Sterb

41,1

5,0

163,7
++

7,7

10,3

1,7

145,1

+
363,1

87,8

+
15,9

33,6

30,9

69,8

6,1

25,3

48,2

1,7

+
15,0
+

28,7

32,2

52,9

23,5
-

248,4

505,7

95,2

43,8

20,9

17,2

407,8

99,0

46,3

19,9

13,4

+

-

+
11,7

26,4
-

14

43,9

5,8

235,6
++

MSS
2+/1+/2+/2-

Tabelle 7: Planungsraumanalyse Lichtenrade. Eigene Darstellung.
PLR (LOR)

EW

Kettinger

Straße/

Schillerstraße
Alt-Lichtenrade/

Töpchiner

Weg
John-Locke-Straße
Nahariyastraße
Franziusweg/
Rohrbachstraße
Horstwalder
Straße/Paplitzer Straße
Wittelsbacherstraße

10408
10151
7480
8128
7008
3723
2823

U18

Ü65

MH

15,2

27,7

17,3

MH

MH

eLb +

u18

ü65

nef

34,6

4,6

10,1

nef u15

G ü65

Sterb

17,6

1,8

202,3

+

+++

2,6

152,9

+
14,5

26,0

-

+

13,5

30,9

16,0

31,2

11,5

17,1

+
20,6

35,1

19,7

4,6
6,7

30,4

49,9

10,2

T bös

neu

neu

397,7

105,2

Rauch

Zahn

Überg

29,2

9,1

8,7

-

-

400,6

97,3

33,3

7,6

5

235,9

385,5

123,9

49,2

17,3

12,3

181,7

352,1

112,1

53,6

23,6

13

++

+

25,6

42,4

24,2

Bös

5,2
+

36,3

59,5

7,2

+
16,5

24,1

14,2

25,4

3,5

7,0

10,2

1,1

15,6

28,8

12,8

28,2

3,9

103,6

366,8

78,1

28

5,8

6

381,9

71,6

26,6

7,9

6,9

352,5

79,8

23,8

8,8

8

8,9

12,8

1,6

162,0
+

14,6
+

30,7

11,4

22,5

5,0

5,7

+

9,8

k.A.

182,1
+

15

MSS
2+/2+/231+/2+/1+/-

Folgende Planungsräume (PLR) haben besondere Aufmerksamkeit verdient:
1. Einwohner_innen
Kinder

und

Jugendliche

beziehungsweise

ältere

Menschen

werden

in

vielen

gesundheitsfördernden Angeboten aufgrund ihrer besonderen Bedarfe und Bedürfnisse mit
besonderer Aufmerksamkeit bedacht. In sehr wenigen Planungsräumen überwiegt der Anteil
der unter 18jährigen den der über 65jährigen. Namentlich sind das die PLR Dennewitzplatz
(Schöneberg-Nord), Kaiser-Wilhelm-Platz (Schöneberg-Süd), Grazer Platz (Friedenau) und
Germaniagarten (Tempelhof).
In den Planungsräumen Lindenhofsiedlung, Marienhöhe (beide Tempelhof), Hundsteinweg
(Mariendorf),

Marienfelde

Nordost

(Marienfelde),

John-Locke-Straße

und

Wittelsbacherstraße (beide Lichtenrade) beträgt der Anteil der über 65jährigen mindestens
30% der Gesamtbevölkerung.
Aus verschiedenen (schon genannten) Gründen kann die Erreichbarkeit von Migrant_innen
durch die Gesundheitsförderung erschwert sein. Die PLR mit den höchsten Anteilen an EW
mit Migrationshintergrund sind Nollendorfplatz, Dennewitzplatz (beide Schöneberg-Nord) und
Germaniagarten (Tempelhof).
In keinem PLR übersteigt hier der Anteil der Minderjährigen den der Senior_innen.
Besonders hohe Anteile von unter 18jährigen EW mit Migrationsgeschichte sind in den eben
genannten PLR zu finden. Auch im PLR Marienfelde Nordost (Marienfelde) ist der Anteil an
minderjährigen EW mit MH im Vergleich besonders hoch. Besonders hohe Anteile an
Migrant_innen im Rentenalter wohnen in den PLR Nollendorfplatz, Dennewitzplatz sowie
Kaiser-Wilhelm-Platz (Schöneberg-Süd).
2. Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit
Mit Arbeitslosigkeit wird ein erhöhtes Risiko an vorzeitiger Sterblichkeit assoziiert.
Verschlechterungen im Bereich der mentalen Gesundheit, der eigenen Einschätzung des
Gesundheitszustands sowie dem Vorkommen von Herzkrankheiten und von Risikofaktoren
für Herzkrankheiten können Folgen von Arbeitslosigkeit oder schlechten und unsicheren
Arbeitsverhältnissen sein.

16

In den PLR Dennewitzplatz (Schöneberg-Nord), Germaniagarten (Tempelhof) und
Nahariyastraße (Lichtenrade) ist der Anteil an Personen, die SGB II-Leistungen beziehen,
sehr viel höher als in den anderen PLR des Bezirks.
Arbeitslosigkeit hängt oftmals mit Armut, relativer Deprivation und sozialer Ausgrenzung
zusammen, die ebenso einen großen Einfluss auf den Gesundheitszustand insgesamt sowie
auf die vorzeitige Sterblichkeit haben. Der Indikator „soziale Ungleichheit“ kombiniert Werte
für Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Existenzsicherungsbezug von Nichtarbeitslosen
und Kinderarmut. In den PLR Dennewitzplatz und Nahariyastraße ist die soziale Ungleichheit
hoch, im PLR Germaniagarten sogar sehr hoch.
Einige Bevölkerungsgruppen sind besonders von den Auswirkungen sozialer Ungleichheit
betroffen. Weiter unten werden die Implikationen für Kinder und Jugendliche aufgeführt. Aber
auch ältere Menschen, die den Belastungen eines Lebens mit geringen materiellen
Verhältnissen ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko, in sozialer Isolation zu leben, akut
zu erkranken, eine chronische Krankheit oder eine Sucht zu entwickeln. Dieser
Zusammenhang besteht in beide Richtungen.
Sozialräumlich betrachtet wird deutlich, dass in den PLR Nollendorfplatz, Dennewitzplatz
(beide Schöneberg-Nord) und Germaniagarten (Tempelhof) die Anteile von EW über 65
Jahren, die Grundsicherungsleistungen empfangen, besonders hoch sind. Gleichzeitig ist der
Gesamtanteil an über 65jährigen in diesen PLR niedrig oder sogar sehr niedrig. Der Anteil
von Personen über MH in dieser Altersgruppe ist wiederum hoch oder sogar sehr hoch.
3. Kindergesundheit
Studien haben gezeigt, dass der Grundstein für Gesundheit im Erwachsenenalter schon vor
der Geburt und in früher Kindheit gelegt wird. Schlechte Bedingungen für das Aufwachsen
schlagen sich in der Biologie des Entwicklungsprozesses eines Kindes nieder und nehmen
damit Einfluss auf das biologische und menschliche Kapital eines Menschen, das ein Leben
lang Auswirkungen auf die Gesundheit eines Individuums hat.
In den PLR Dennewitzplatz (Schöneberg-Nord) und Marienfelde Nordost (Marienfelde) liegt
der Anteil von Kinder und Jugendlichen, die in Bedarfsgemeinschaften mit Arbeitslosengeld
(ALG) II-Bezug leben sehr hoch. Fast die Hälfte aller Kinder unter 15 Jahren erhält hier
17

Sozialgeld. Noch prekärer sieht es in den PLR Germaniagarten (Tempelhof) und
Nahariyastraße (Lichtenrade) aus, wo mindestens 6 von 10 Kindern in einer solchen
Bedarfsgemeinschaft wohnen.
Der konkrete Gesundheitszustand von einzuschulenden Kindern ist in den PLR
Dennewitzplatz,

Germaniagarten,

Fritz-Werner-Straße,

Marienfelder

Allee

Nordwest,

Marienfelde Nordost sowie im PLR Nahariyastraße problematisch.
In den PLR Germaniagarten, John-Locke-Straße und Nahariyastraße stammen 5 von 10
Kindern aus Raucher_innenhaushalten. Es muss allerdings berücksichtigt werden, dass die
Anzahl der untersuchten Kinder in den problematischen PLR 150 Personen nicht
überschreitet.
4. Morbidität und Mortalität5
Im Zusammenhang mit steigender Lebenserwartung erhöht sich auch die Anzahl der
Krebsneuerkrankungen. Sie sind die

zweithäufigste Todessache im

Bezirk.

Eine

Verringerung der Krankheitslast der Bevölkerung an Krebs kann durch primär- (z.B.
Verringerung des Tabak- und Alkoholkonsums) und sekundärpräventive Maßnahmen
(Krebsfrüherkennung) angegangen werden.
Wie genau die teils sehr unterschiedlichen Morbiditäts- und Mortalitätsraten in den PLR
zustande kommen, kann nicht abschließend erklärt werden. Dementsprechend sollte die
Interpretation der Daten hinsichtlich möglicher nächster Handlungsschritte mit Bedacht
angegangen werden.
Die Neuerkrankungsrate an bösartigen Neubildungen variiert über den Bezirk hinweg
erheblich. In den PLR Marienhöhe (Tempelhof), Rathausstraße (Mariendorf) und Marienfelde
Nordost (Marienfelde) gehören die Neuerkrankungsraten zu den höchsten des Bezirks.
Ein eigener Indikator führt die Krebsneuerkrankungen auf, die mit dem Konsum von Tabak in
Zusammenhang stehen. Die Neuerkrankungsrate dieser tabakassoziierter bösartiger
Neubildungen ist in den PLR Marienhöhe, Germaniagarten (beide Tempelhof), John-LockeStraße und Nahariyastraße (beide Lichtenrade) besonders hoch.

5

Die aktuellsten Morbiditäts- und Mortalitätszahlen auf PLR-Ebene liegen aus den Jahren 2006-2009 bzw. 2009-2011 vor. Die

Interpretation der Daten sollte dementsprechend vorsichtig angestellt werden.

18

Die Rate an vorzeitiger Sterblichkeit, das heißt vor dem 65. Lebensjahr, sollte immer im
möglichen

Zusammenhang

mit

gesundheitlichen

Risikofaktoren

betrachtet

werden.

Hochrechnungen für Berlin haben gezeigt, dass die Hälfte dieser Todesfälle mit adäquater
Prävention, Diagnostik oder Therapie vermeidbar wäre. Etwa ein Viertel dieser vermeidbaren
Todesfälle hängen eng mit dem individuellen Gesundheitsverhalten zusammen.
In den PLR Imbrosweg (Mariendorf), Marienfelde Nordost und Marienfelde Süd (beide
Marienfelde) und John-Locke-Straße (Lichtenrade) ist die frühzeitige Sterblichkeitsrate
äußerst hoch. Sie ist in den ersten drei genannten PLR seit dem letzten Basisbericht sehr
deutlich gestiegen.

6. Ausgewählte Handlungsfelder und -empfehlungen
Gemäß dem Motto „von Daten zu Taten“ stellt sich die Frage, welche Handlungsfelder sich
aus den vorliegenden Zahlen ableiten lassen und wie sie lokal bearbeitet werden können.
Wie wichtig lokal bezogenes Handeln im Bereich Gesundheit ist, greift das bundesweite
Gesunde-Städte-Netzwerk auf, in dem Tempelhof-Schöneberg seit 2009 Mitglied ist und zu
dessen 9-Punkte-Programm sich der Bezirk bekannt hat. Ziel ist unter anderem die
Entwicklung gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen in der Kommune, die im
Austausch mit anderen Städten stetig weiterentwickelt werden sollen.
Im Folgenden werden nun einige Themenfelder, die eine wesentliche Rolle für
gesundheitsförderndes Handeln spielen, aufgeführt.
1. Demografischer Wandel
Der demografische Wandel ist ein wichtiges Thema, das auch in Bezug auf die
gesundheitliche Versorgung Herausforderungen stellt. Im Bezirk liegt das Verhältnis von jung
zu alt bei 1:1,4. Steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenziffern führen dazu, dass
der

Anteil

älterer

Menschen

den

der

Jüngeren

übersteigt.

Gesundheitliche

Herausforderungen liegen darin, dass mit steigendem Alter auch der Anteil von
Pflegebedürftigen und schwerbehinderten Personen ansteigt. Eine wesentliche Aufgabe, die
ebenfalls mit einer zunehmend älteren Bevölkerung verbunden ist, ist der Umgang mit
dementiellen Erkrankungen. Für das Jahr 2050 wird geschätzt, dass 2 Millionen Menschen in
Deutschland an Demenz erkrankt sein werden. Sie zählt zu den kostenintensivsten
Krankheiten des Alters (knapp 44 000 Euro pro Patient_in/Jahr). Es muss also diskutiert
19

werden, welche präventiven Maßnahmen ergriffen werden können, um im Alter
weitestgehend ohne (chronische) Krankheit zu leben.
Dabei

sind

die

gerontopsychiatrischen-geriatrischen

Verbünde

in

Tempelhof

und

Schöneberg bedeutsame Akteure, da sie einen Zusammenschluss von Einrichtungen bilden,
die sich mit der Versorgung und Beratung älterer Menschen beschäftigen. Die Mitarbeit in
Zusammenschlüssen wie „Nachbarschaft als Anker“, die zum Thema Demenz auf einer
sozialräumlichen Ebene arbeiten, ist ebenso wichtig, um für das Thema zu sensibilisieren.
Darüber hinaus bildet das Thema „Sucht im Alter“ einen Arbeitsschwerpunkt in den
bezirklichen Suchtberatungsstellen und im Kooperationsverbund Integrierter Regionaler
Suchthilfedienst Südwest.
Bezirkliche Angebote wie die Kiezspaziergänge zeigen Möglichkeiten auf, auch im Alter
einen (körperlich) aktiven Lebensstil zu führen. Projekte wie „100-jährige in TempelhofSchöneberg“, eröffnen die Möglichkeit, die momentane Lebenssituation hochbetagter
Menschen kennenzulernen und von deren Bedürfnissen zu erfahren.
2. Armut und Gesundheit
Der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit ist an mehreren Stellen erläutert
worden. Die vorliegenden Daten erlauben es zwar nicht, direkte Zusammenhänge im Bezirk
darzustellen, es können aber Bevölkerungsgruppen benannt werden, die sich häufiger in
einer schlechteren sozialen Position befinden und damit einem höheren Risiko ausgesetzt
sind, in Gesundheitsbelangen schlechter gestellt zu sein. Die deutliche Diskrepanz zwischen
armen und reichen Haushalten, die sich u.a. in der Verteilung der Äquivalenzeinkommen des
Bezirks zeigt, sollte ebenso den Blick für die sehr heterogene Einwohner_innenschaft des
Bezirks schärfen und Bemühungen um gesundheitliche Chancengleichheit befördern.
Frauen

über

65

Jahre,

Transferleistungsbezieher_innen

sowie

Personen

mit

Migrationsgeschichte sind dahingehend potentiell besonders vulnerabel. So sind Frauen
über 65 Jahre im Vergleich mit ihren männlichen Altersgenossen häufiger schulisch und
beruflich schlechter ausgebildet. Frauen generell sind weniger häufig erwerbstätig. Ungleiche
Bedingungen im Erwerbsleben reproduzieren sich somit in der Zeit nach dem Renteneintritt.

20

Deutschlandweit sind 84% der Hartz 4-Empfänger_innen von Armut betroffen. Im Bezirk
erhalten fast 9 von 10 Personen nach SGB II die Leistungen für 2 Jahre oder länger und
müssen somit für eine lange Zeit unter prekären Bedingungen leben. Neben materiellen
Einbußen kann (längere) Arbeitslosigkeit dazu führen, dass soziale Kontakte und die soziale
Anerkennung verloren gehen und das Selbstwertgefühl sinkt. All das bedeutet Stress, was
bewiesenermaßen (chronische) Krankheiten und ungesunde Verhaltensweisen befördert.
Ein schlechterer Gesundheitszustand bedeutet gleichzeitig ein großes Hemmnis, um wieder
in den Arbeitsmarkt zu gelangen. Präventionsprojekte wie die „Aktion Darmgesundheit“, die
mit Kund_innen des Jobcenters durchgeführt wurde, versuchen, Gesundheitsförderung auf
genau diese Zielgruppe auszurichten.
Der Anteil von Einwohner_innen mit MH an hohen Schul- und Ausbildungsabschlüssen ist
niedriger als der von Personen ohne Migrationsgeschichte. Vor allem junge Erwachsene mit
MH sind deutlich weniger erwerbstätig als diejenigen ohne MH. Es muss genauer betrachtet
werden, welche Schwierigkeiten in den Übergängen von Schule/Ausbildung zu Berufsleben
speziell für junge Menschen mit MH vorliegen und wie sie gelöst werden können. Eine
Zusammenarbeit mit den Schulen bzw. der Jugendberufsagentur bietet sich an.
Das

bezirkliche

Aktionsprogramm

„Präventionsketten“

könnte

solche

Bemühungen

zusammenführen. Ziel dieses Programmes ist es, gesundheitsfördernde und präventive
Strukturen und Angebote im Bezirk so auszubauen bzw. systematisch aufeinander
abzustimmen, dass Kinder und Jugendliche bestmöglich in einem gesunden Aufwachsen
unterstützt und Eltern in ihren Erziehungskompetenzen gestärkt werden. Perspektivisch ist
der Ausbau der Präventionskette auf alle Lebensphasen bis zum Alter sinnvoll.
3. Interkulturelle Aspekte
Für Menschen mit Migrationsgeschichte bestehen unter Umständen besondere Risiken und
Herausforderungen im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit. Gründe dafür können zum
einen eine schlechte sozioökonomische Lage sein, in der sich Personen mit MH häufiger als
Personen ohne Migrationsgeschichte befinden. Damit verbundene schlechtere Arbeits- und
Wohnbedingungen können in höheren Risiken für ihre Gesundheit münden. Außerdem kann
der Zugang zur Gesundheitsversorgung aufgrund von Sprachschwierigkeiten erschwert sein.

21

Aber

auch Informationslücken oder kulturelle Unterschiede im Gesundheits-

und

Krankheitsverständnis können zu Defiziten führen.
Darüber hinaus kann offener oder verdeckter Rassismus einen deutlichen Einfluss auf den
gesundheitlichen Zustand von Personen ausüben: dies kann in Form von konkreten
körperlichen Gewalterfahrungen passieren, aber auch als psychische Belastung. Die
Registerstelle

zur

Erfassung

rassistischer,

antisemitischer,

rechtsextremer

und

diskriminierender Vorfälle im Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat in den 13 Monaten seit ihrer
Einrichtung 21 gemeldete rassistische bzw. rechtsgerichtete Vorfälle erfasst.
Im Bezirk nehmen Menschen mit Migrationsgeschichte in bestimmten Zusammenhängen
eine besondere Rolle ein. So hat circa jede zweite Person unter 18 Jahren eine
Migrationsgeschichte. Einwohner_innen mit ausländischem Pass leben zudem öfter in einer
sozial schlechteren Lage: es wurde gezeigt, dass in Bezug auf Transferleistungen nach SGB
II und GruSi über 65 Jahren der Anteil an Ausländer_innen deutlich erhöht ist. Außerdem
leben momentan über 5 000 geflüchtete Menschen im Bezirk, deren Lebensbedingungen
momentan als sehr prekär beschrieben werden können.
Um den Bedarfen zumindest eines Teils der Gruppe von Menschen mit Migrationsgeschichte
gerecht zu werden, wurde die bezirkliche Arbeitsgemeinschaft „Migration und Sucht“
gegründet, die sich mit interkulturellen Aspekten in der Suchthilfe und –beratung beschäftigt.
Außerdem stellt die Mitarbeit bei den Runden Tischen der Einrichtungen für geflüchtete
Menschen sicher, dass gesundheitliche Thematiken in den Unterbringungen nachhaltig
verankert werden.
Überdies

muss

diskutiert

werden,

wie

interkulturelle

Aspekte

zum

einen

als

Querschnittsthema konsequent mit bedacht und umgesetzt werden können und zum
anderen Gesundheitsförderung gezielt auf Menschen mit Migrationsgeschichte ausgerichtet
werden kann.
In Bezug auf geflüchtete Menschen im Bezirk sind Maßnahmen zu entwickeln, die die
belastende Wohn-, Arbeits- und Freizeitsituation vor allem für (alleinstehende) Frauen,
schwangere Frauen und junge Mütter sowie für Kinder, Jugendliche und kranke Menschen
erträglicher

machen

können.

Die

Förderung
22

des

Zugangs

zu

adäquater

Gesundheitsversorgung und gesundheitsförderlichen Lebensbedingungen dient nicht nur
dazu, Gesundheitsressourcen zu stärken und das Gesundheitsverhalten zu verbessern,
sondern hat auch gesellschaftlich integrierendes Potential.
4. Gender
Es wurde deutlich, dass Gender6 ein maßgeblicher Einflussfaktor für Gesundheit ist. Dabei
gibt es für Männer und Frauen ganz eigene Ressourcen und Herausforderungen.
Die um fast 5 Jahre höhere Lebenserwartung von Frauen und die niedrige vorzeitige
Sterblichkeitsrate

führt

dazu,

dass

eine

zunehmende

Feminisierung

des

Alters

vonstattengeht. Gleichzeitig erkranken Frauen häufiger als Männer vorzeitig an Krebs. Die
Neuerkrankungsrate an tabakassoziierten bösartigen Neubildungen von Frauen ist die
zweithöchste in ganz Berlin. Außerdem ist zu beachten, dass im Berlinvergleich die Frauen
im Bezirk die zweithöchste Sterberate an Krebs aufweisen.
Männer sterben circa 5 Jahre vor ihrer statistisch errechneten Lebenserwartung und im
Schnitt 9 Jahre früher als Frauen. Dieser Unterschied ist der höchste in ganz Berlin. Sie
sterben auch häufiger vor ihrem 65. Lebensjahr. Die häufigsten Ursachen dafür sind
ischämische Herzkrankheiten und Lungenkrebs. Sowohl Männer als auch Frauen im Bezirk
sterben weniger häufig vorzeitig als Einwohner_innen Berlins. Insgesamt sterben Männer
häufiger an Krebs als Frauen, auch häufiger vor ihrem 65. Lebensjahr. Die Selbsttötungsrate
von Männern im Bezirk übersteigt über alle Altersgruppen hinweg die der Frauen.
Der Bezirk weist die zweitniedrigste Raucher_innenquote in Berlin auf. Trotzdem rauchen
Männer insgesamt deutlich öfter als Frauen. Männer sind außerdem häufiger übergewichtig
als Frauen.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern Gender einen Einfluss auf Krankheitserleben,
-diagnose und Therapieverlauf hat. So sind beispielsweise 75% aller Personen mit einer
Schwerbehinderung aufgrund Neurosen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen Frauen.
Erkranken Frauen tatsächlich öfter an diesen Störungen oder wird „Weiblichkeit“
grundsätzlich schneller psychologisiert? Der Umstand, dass obwohl Frauen häufiger

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Gender beschreibt nicht das biologische, sondern das soziale Geschlecht einer Person. Grundlage dafür ist die Annahme,

dass Geschlecht nicht biologisch determiniert, sondern sozial konstruiert wird.

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vorzeitig an Krebs erkranken, die vorzeitige Sterblichkeit von Männern an Krebs höher ist als
die der Frauen, lässt ebenso aufhorchen. Ist diese Tatsache der Art und der
Therapiemöglichkeiten des Krebses geschuldet oder spielen individuelle Verhaltensweisen,
wie zum Beispiel die Compliance, ebenfalls eine Rolle?
Mit Projekten wie „Genderaspekte in der Suchthilfe“ und „Aktion Darmgesundheit“ wurde der
Fokus darauf gelegt, diesen unterschiedlichen Gesundheitsrisiken zu begegnen und
Gesundheitsförderung geschlechtsspezifisch und gendergerecht auszurichten.
5. Ausgewählte Krankheitsbilder
Die häufigsten bösartigen Neubildungen von Frauen und Männern im Bezirk beziehen sich
auf die Lunge, die Prostata/Brustdrüse und den Darm. Sie gehören auch zu den häufigsten
Todesursachen

bei

Krebs.

Frühzeitige

Prävention

und

Diagnostik

können

den

Krankheitsverlauf positiv beeinflussen bzw. eine Erkrankung verhindern. Es ist zu erwarten,
dass die Krebserkrankungsraten in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Der Grund dafür
ist

unter

anderem

im

demografischen

Wandel

zu

sehen.

Präventions-

und

Früherkennungsmaßnahmen gewinnen damit noch mehr an Bedeutung.
Neben bezirklichen Aktivitäten im Rahmen von „Berlin Qualmfrei“ sowie dem schon
erwähnten Projekt „Aktion Darmgesundheit“ sollte diskutiert werden, inwiefern im Bezirk
bevölkerungsbezogen Prävention geleistet werden kann.
6. Sozialräumliche Orientierung
Tempelhof-Schöneberg agiert im Vergleich zu den anderen Bezirken meist im Mittelfeld, es
stellt sich aber ein sehr heterogenes Bild dar, sobald man die einzelnen Planungsräume
betrachtet.
Die Planungsräume Dennewitzplatz (Schöneberg-Nord), Germaniagarten (Tempelhof) sowie
Nahariyastraße

(Lichtenrade)

gehören

zu

denjenigen,

die

eine

relativ

schlechte

sozialökonomische Struktur aufweisen. Das heißt, dass dort ein hoher Anteil an Menschen
lebt, die Transferleistungen beziehen und somit potentiell größerer Armut und sozialer
Ungleichheit ausgesetzt sind. Darüber hinaus sind in diesen PLR auffallend hohe Werte der
Indikatoren aus den Einschulungsuntersuchungen festzustellen. Es ist außerdem mit Sorge
zu betrachten, dass der Anteil von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren, die Sozialgeld

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beziehen, in diesen Planungsräumen zu den höchsten des Bezirks zählt. In letzteren beiden
PLR ist zudem der Anteil an tabakassoziierten Krebsneuerkrankungen besonders hoch.
Aus diesen Daten ergeben sich mehrere Handlungsmöglichkeiten. Zum einen stellt sich die
Frage, wie Kinder und Jugendliche sowie deren Familien in gesundheitsrelevanten
Bereichen unterstützt werden können, damit ein schlechter ökonomischer Status nicht zum
Prädiktor eines ungünstigen Gesundheitszustandes wird. Die schon erwähnten bezirklichen
Präventionsketten können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Außerdem beschäftigt der
Bezirk momentan zwei Familienhebammen, die im Rahmen des Aktionsprogramms „Frühe
Hilfen“ junge Schwangere und Familien in schwieriger Lage medizinisch und psychosozial
unterstützen. Damit soll eine tragfähige Grundlage für die gesunde Entwicklung des Kindes
geschaffen werden. Darüber hinaus koordiniert der Bezirk das Programm „Fitte Kids“, bei
dem in Kooperation mit Sportvereinen übergewichtigen Kindern Freude an Bewegung
vermittelt wird.
Zum anderen wurde deutlich, dass in bestimmten Sozialräumen dringend Handlungsbedarf
besteht. Umfassende Maßnahmen, wie zum Beispiel die Netzwerkrunde Germaniagarten,
können eine Möglichkeit sein, Gesundheitsförderung auf mehreren Ebenen auszurichten.
Regionale Schwerpunktsetzungen von bevölkerungsbezogenen Präventionsmaßnahmen
können ein weiteres Mittel sein, Ungleichheiten zwischen den PLR und Bezirksregionen zu
verringern. Im PLR Nahariyastraße findet in Kooperation mit einer Grundschule das Projekt
„Mach dich fit, beweg dich mit“ statt, dessen Fokus auf gesunder Ernährung und Bewegung
liegt. Ebenfalls erwähnenswert ist hier das Projekt „Fit für den Alltag, fit für die Schule“, das
vom KJGD in der Bezirksregion Lichtenrade durchgeführt wird. Kinder werden dabei in ihren
Alltagskompetenzen gestärkt, um den schulischen Anforderungen besser gewachsen zu
sein. Außerdem wird eine Mutter-Baby-Gruppe im Gemeinschaftshaus Lichtenrade vom
KJGD betreut. Des Weiteren wird durch das Quartiersmanagementgebiet Schöneberger
Norden der Fokus auf sozialräumliche Unterstützungsbedarfe gelegt.

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