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Full text: Handlungskonzept Görlitzer Park

Handlungskonzept
Görlitzer Park

Mai 2016

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

IMPRESSUM
Herausgeber
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin
10965 Berlin
www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/
tiefgruen@ba-fk.berlin.de
Verfasser
AG Görlitzer Park
Birgit Beyer, Bezirksamt, Fachbereich Grünflächen,
Leiterin Projektentwicklung und Bürgerbeteiligung
Martin Heuß, Anwohner
Caroline Kohlmey, Kreuzer Paul Gerhardt Werk,
Diakonische Dienste gGmbH
Axel Koller, Bezirksamt, Leitung Straßen- und Grünflächenamt
Karl-Josef Konermann, Bezirksamt,
Allgemeine Kinder- und Jugendförderung
Anna Kuntze, Bezirksamt, Integrationsbeauftragte
Astrid Leicht, Fixpunkt e.V.
Ursula Mahnke, Anwohnerin
Sabine Merz, Bezirksamt, Koordination Frühe Bildung und Erziehung
Lorenz Rollhäuser, Anwohner
Marion Schuchardt, STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH
Fotonachweis:
Lorenz Rollhäuser (Titel, S. 5, S. 12, S. 20), STATTBAU GmbH (S. 8),
foTorero (S. 25, S. 27, S. 29)
Karten Görlitzer Park: Geoportal Berlin / [Orthophotos 2015]
Mai 2016

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

INHALT
1.

Einleitung

1

2.

AG Görlitzer Park

2

3.

Bestandsaufnahme

4

3.1 	

Der Park als Problemraum

4

3.2 	

Bisherige Diskussionen und Maßnahmen

6

3.3 	

Potentiale und Ressourcen

8

3.4 	

Aufgabenfelder

9

4.

5.

Zielsetzung

13

4.1 	

Leitbild

13

4.2 	

Ziele

13

4.3 	

Bürgerbeteiligung

15

Maßnahmen

16

5.1 	

Überblick

16

5.2 	

Parkkoordination und Praktikerrunde

17

5.3 	

Parkläufer*innen

17

5.4 	

Soziale Unterstützung

19

5.5 	

Aktivierung und kulturelle Belebung

24

5.6 	

Bauliche Maßnahmen

28

5.7 	

Parkpflege und Reinigung

31

5.8 	

Görli-Haus

32

5.9 	

Kommunikative Maßnahmen

35

5.10 	 Parkrat

36

5.11 	 Zusammenwirken der Maßnahmen

37

6.

Erwartung an Politik und Verwaltung

39

7.

Ressourcenbedarf

41

8.

Anhang

42

8.1 	

Arbeitsauftrag

42

8.2 	

Übersicht sozialer Einrichtungen

43

8.3 	

Kurzfassung der ethnographischen Nutzungs­analyse von
Frau Dr. Franziska Becker: „Hier ist jeder Busch ­politisch“

46

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

1. Einleitung
Das vorliegende Konzept ist das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses, bei dem wir uns von folgendem Grundsatz haben leiten lassen:
Zum Recht auf Stadt gehört das Recht, ihre öffentlichen Räume zu nutzen. Das bedeutet nicht nur, dass ein Ort allen Besucher*innen objektiv,
sondern auch subjektiv zugänglich ist. D. h. es sollte ihnen möglich sein,
sich ungestört und ohne Angst dort aufzuhalten. Genau das ist beim
Görlitzer Park zurzeit nicht gegeben.
Dabei erhebt dieses Papier nicht den Anspruch, für alle Probleme eine
Lösung anzubieten. Es ist vielmehr ein Versuch, im Wissen um vorhergehende Anläufe, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht die
gewünschten Ergebnisse zeitigten, ein realistisches und tragfähiges
Konzept zu entwickeln. Ein Konzept, das von allen Seiten die Bereitschaft verlangt, die subjektiven Empfindungen und Empfindlichkeiten
nicht zur alleinigen Richtschnur des Handelns zu machen. Ein Konzept,
mit dem aber – so hoffen wir jedenfalls – ein großer Teil derer leben
kann, die um den Park herum wohnen, dort arbeiten oder ihn einfach
nutzen möchten.
Es geht uns dabei nicht darum, den Charakter des Parks grundsätzlich
zu verändern. Der Görli ist in seiner Art einmalig und wird, ob wir wollen
oder nicht, der Rowdy unter den Berliner Parks bleiben. Was wir wollen,
ist ein Ort, den eine große Mehrheit der Kreuzberger*innen wieder als
ihren Park betrachtet.
Für die Politik ist das eine Herausforderung, denn halbherziges Agieren
hilft in einem Sozialraum, wo Gentrifizierung, Tourismus, illegale Drogen und Migration aufeinandertreffen, ebenso wenig weiter wie rein
repressives Handeln.
Neben einem praktikablen Konzept, das auf die lokalen Bedingungen
zugeschnitten ist, braucht es hier das konstruktive Zusammenwirken
von Zivilgesellschaft und politischen Akteuren sowie angemessene
finanzielle Mittel. Dann jedoch kann diese Kreuzberger Lösung wegweisend sein, denn es geht hier um Metropolenprobleme, auf die auch
andernorts Antworten gesucht werden.

1

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

2. AG Görlitzer Park
Das vorliegende Gesamtkonzept wurde von der „AG Görlitzer Park“
erarbeitet, die im August 2015 ihren offiziellen Auftrag durch den
Kreuzberger Bezirksstadtrat für Planen, Bauen und Umwelt Hans
Panhoff erhielt*. Die AG bildete sich aus Interessierten der „Koordinationsrunde Görlitzer Park“ bzw. dem „Fachgespräch Parkranger“ und
bestand aus Vertreter*innen der Verwaltung, sozialer Träger vor Ort
und der Anwohnerschaft.

*siehe Anhang 8.1
Arbeitsauftrag, S. 42

Für die Arbeit der AG war es elementar, ihre Ideen ohne die Einschränkungen durch das tägliche operative Handeln entwickeln zu können. Sie
unterlag keinen Vorgaben seitens Politik oder Verwaltung und erfuhr
keinerlei Eingriffe in ihre Unabhängigkeit. Nicht zuletzt dadurch war ein
sehr gutes und konstruktives Arbeitsklima gegeben.
Die Moderation wurde auf gemeinsamen Wunsch Heinz Nopper übertragen, der schon beim Projekt „Leopoldplatz – Gemeinsam einen Platz für
alle gestalten“ als Präventionsrat des Bezirksamts Mitte moderierend
tätig war. Der dortige Aushandlungsprozess hatte für die AG in mancher
Hinsicht Vorbildcharakter, ist es doch dort gelungen, einen schwierigen
Stadtraum wieder für alle Interessenten attraktiv zu machen, ohne bisherige Nutzer zu vertreiben.
Zudem wurde die AG von Dr. Franziska Becker professionell begleitet,
die als Ethnologin und Mediatorin ebenfalls am Leopoldplatz aktiv war.
Mittels einer ethnographischen Nutzungsanalyse mit dem Titel ‚Hier
ist jeder Busch politisch‘ arbeitete sie Nutzungsverhalten, Defizite und
Interessenlagen in und um den Görlitzer Park heraus. Zudem stellte sie
Kontakt zu externen Stellen her und konnte die AG auch anderweitig
beraten.
Frau Liebig, Mitarbeiterin der Verwaltung, stärkte durch ihre verlässliche organisatorische Arbeit und die Protokollerstellung der AG den
Rücken.
Die inhaltliche Detailarbeit erfolgte in Unterarbeitsgruppen, deren
Papiere in der ganzen Gruppe diskutiert und verabschiedet wurden.
Außerdem wurden zu einzelnen Punkten Expertenrunden organisiert. So
fand ein Treffen mit der Polizei, vertreten durch die Abschnittsleiterin,
den Präventionsbeauftragten und den Leiter der Task Force statt. Zum
Thema „Bauliche Veränderungen“ gab es ein Expertengespräch mit
Landschaftsarchitekten und Fachvertretern. Zu anderen Themen fanden
informelle Treffen mit weiteren Fachleuten statt.

2

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Die Ausgangslage für die Arbeit der AG war nicht einfach. Völlig unterschiedliche Wahrnehmungen und Interessen bei Anwohner*innen und
Nutzer*innen, eine festgefahrene politische Debatte und reichlich Frustration auf allen Seiten sind keine guten Voraussetzungen für die Erarbeitung eines Vorschlags, der breite Unterstützung finden und rasch mit
Bürgerbeteiligung umgesetzt werden kann. Auch innerhalb der AG gab
es zu vielen Themen unterschiedliche Auffassungen, die nicht immer
leicht auf einen gemeinsamen praktischen Nenner zu bringen waren.
Angesichts dessen hat sich die AG für folgende Vorgehensweise entschieden:
ƒƒ

Wir konzentrieren uns auf real erlebte, alltägliche Probleme
und vermeiden ideologische Diskurse. Um zu einer objektiveren
Darstellung zu gelangen, lassen wir uns durch eine ethnographische Nutzungsanalyse unterstützen*.

ƒƒ

Die Vorschläge beruhen auf einem ausgewiesenen Leitbild, das
in zehn Punkten zusammengefasst wird*.

ƒƒ

Es werden sieben Aufgabenfelder* benannt, in denen durch
konkrete Maßnahmen positive Effekte eintreten sollen. Für
jedes Aufgabenfeld werden konkrete Ziele definiert. Diese Ziele
berücksichtigen unterschiedliche Interessen und Sichtweisen.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen bewegen sich im gegebenen
rechtlichen Rahmen und beruhen auf realistischer Einschätzung des Machbaren*.

*siehe Anhang 8.3 Kurzfassung der ethnographischen
Nutzungs­analyse von Frau Dr.
Franziska Becker: „Hier ist jeder
Busch p
­ olitisch“, S. 46
*siehe 4.1 Leitbild, S. 13
*siehe 3.4
Aufgabenfelder, S. 9

*siehe 4.2 Ziele, S. 13

Wir betonen an dieser Stelle ausdrücklich, dass dieses Konzept zunächst
nur ein Vorschlag ist. Dieser Vorschlagscharakter gilt für alle Aspekte:
Leitbild, Ziele und die empfohlenen Maßnahmen.
Wir wünschen uns eine produktive Diskussion unter den Nutzer*innen
und Anwohner*innen des Parks, in der Öffentlichkeit, im Bezirksamt,
der BVV und den zuständigen Stellen des Senats. Und wir hoffen natürlich, dass sich insbesondere das Bezirksamt das erarbeitete Konzept zu
eigen macht und zügig Schritte zu seiner Realisierung unternimmt.
Rückmeldungen, Nachfragen und Angebote zur Mitwirkung erreichen
uns über die Mail-Adresse tiefgruen@ba-fk.berlin.de

3

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

3.	 Bestandsaufnahme
„Hühnerhaus“
Haus 1-3 (Schwarzlicht-Minigolfanlage | café edelweiss | “Kreuzer“)
Betonplatte
Käfig/Bolzplatz

Gö

Kuhle/Trichter

rlit

zer

Str

Pamukkale-Brunnen

aß

e

Durchgang Falckensteinstr./
Wiener Str.
„Wasserfall“

Jugendverkehrsschule

Rosengarten

Wi

ene

rS

Biotop mit
„Hundeteich“

tra

ße

Piratenspielplatz
Kinderbauernhof
Sportplatz
Rodelhügel
mit silberner
Rutsche

Karte des Parks mit Verortung
der genannten Einrichtungen
und Orte

3.1 	 Der Park als Problemraum
Eins gleich vorweg: Der Görlitzer Park wird nicht von allen Kreuzberger*innen als „Problemort“ erlebt. Viele seiner Stammbesucher*innen
sehen im Görli vor allem einen Freiraum, eine widerborstige Enklave,
der die Gentrifizierung bisher nicht den Garaus machen konnte und die
es um jeden Preis zu verteidigen gilt; einen Ort, an dem möglich ist, was
im urbanen Raum sonst immer weniger geht: sich allein oder in Gesellschaft aufzuhalten, ohne auf Stühlen sitzen und konsumieren zu müssen. Stattdessen dürfen hier alle tun und lassen, was sie wollen. Ob arm
oder reich, schmutzig oder schnieke, betrunken, bekifft oder nüchtern,
alle finden ihren Platz. So gleicht der Görlitzer Park in ihren Augen einer
sozialen Skulptur oder einer Bühne, auf der sich seine Besucher*innen
nach Belieben inszenieren können.
Für andere Kreuzberger*innen dagegen ist der Görli ein unheimlicher
und gefährlicher Ort, den sie tunlichst meiden: Eltern verbieten ihren
Kindern, den Park aufzusuchen; Frauen nehmen zum Teil weite Umwege in Kauf, um ihn nicht durchqueren zu müssen, Familien weichen in
ihrer Freizeit auf entferntere Parks aus. Für sie alle ist der Görli nicht
mehr ihr Park.

4

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Dass der Görlitzer Park polarisiert, ist nicht neu. Streit um seinen Charakter gab es schon, als es den Park noch gar nicht gab. In den jahrelangen Diskussionen, die der Umwandlung des früheren Bahngeländes
vorausgingen, stießen die unterschiedlichsten Wünsche und Interessen
aufeinander. Als der Park Ende der 1980er Jahre endlich Wirklichkeit
wurde, war die Freude bei den meisten groß. Auf manchen Seiten aber
blieb Enttäuschung zurück: viele türkischstämmige Kreuzberger hatten
auf ein eigenes Kulturzentrum gehofft, andere auf eine repräsentative
Moschee; das geplante Freibad war nicht entstanden; die Sportler hatten auf größere Sportflächen gehofft, die Freunde der Natur bemängelten zu wenig Schutz- und Rückzugsräume für Wildpflanzen und -tiere
etc..
Doch der verfügbare Raum war einfach zu klein. Außerdem konnte der
Park nie zu Ende gebaut werden, weil es an Geld fehlte. Und es wurde
lange Zeit an der Parkpflege gespart. Damit war eine gewisse Verwahrlosung vorprogrammiert, nicht zuletzt, weil von Beginn an Zerstörungen durch Vandalismus zum Alltag gehörten.
Manchen war im Park schon damals alles zu viel: zu viel Gewalt vor
allem, so dass der Park besonders für Frauen und nach Sonnenuntergang unsicher war; aber auch zu viel Schmutz, zu viel Lärm, zu viele frei
laufende Hunde und deren Hinterlassenschaften, zu viele Griller etc..

Görlitzer Park am 01. Mai 2014

5

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Waren anfangs typische Kreuzberger Verhältnisse für die Probleme
bestimmend, entwickelte sich der Park seit der Jahrtausendwende
mehr und mehr zu einem Brennglas globaler Entwicklungen. Familien
aus Südosteuropa suchten im Park ein vorübergehendes Zuhause; aus
Westafrika kamen Männer mit unsicherem oder ganz ohne Aufenthaltsstatus und begannen, Einheimische und feierlustige Tourist*innen
mit Cannabis zu versorgen. Zunächst geschah das zurückhaltend, nach
ein paar Jahren zunehmend offensiv und organisiert. Und seitdem der
Park durch Medien und Stadtführer als Kifferparadies bekannt wurde,
wählten ihn immer mehr junge Leute aus aller Welt zum Treffpunkt und
als Partylocation. Hinzu kamen Jugendliche aus anderen Teilen Berlins,
die den Park zum ungestörten Kauf und Konsum von Drogen und zum
Abhängen aufsuchten.
Die Atmosphäre hat sich damit deutlich geändert: konnte Mensch früher den Park weitgehend unbeachtet betreten, wird nun zu jeder Tagesoder Nachtzeit an allen Eingängen gecheckt, ob Mensch als Kund*in in
Frage kommt. An manchen Stellen ist das Spalierstehen der Händler
üblich. Ansprache von Kindern und Jugendlichen und sexistische Anmache von Frauen sind zur alltäglichen Erfahrung geworden. Hinzu kommen Bedrohungen und in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme
von Raub- und Diebstahlsdelikten. Plötzlich herrscht im Freiraum das
Recht des Stärkeren.
Handfeste Gewalt geht dabei weniger von den Drogenhändlern selbst
aus. Doch ein Ort, an dem man alles tun und lassen kann, ohne dass es
Konsequenzen hat, zieht eben nicht nur drogeninteressierte Jugendliche
und abenteuerlustige Tourist*innen, sondern auch Kleinkriminelle an.
Fazit: vielen Kreuzberger*innen geht die „Freiheit“ im Park zu weit. Sie
haben Angst, fühlen sich unwohl, bedrängt oder empfinden die allgemeine Atmosphäre schlicht als angespannt und stressig. Diese Gefühle
sind entscheidend dafür, dass der Park in den letzten Jahren vor allem
den Anwohner*innen mehr und mehr als Freizeitort verloren gegangen
ist.

3.2 	 Bisherige Diskussionen und Maßnahmen
Seit vielen Jahren diskutieren Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung
über Handlungsstrategien für den Görlitzer Park. Alle derartigen Versuche führten bisher zu keinem befriedigenden Ergebnis. Das liegt nicht
zuletzt daran, dass dieser Ort eine Projektionsfläche für die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Haltungen ist und durch diese politische Aufladung zum Zankapfel wurde.

6

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Diese Uneinigkeit gilt sowohl für die Kreuzberger*innen untereinander,
die ihr Handeln häufig nur an den jeweils eigenen Auffassungen und Befindlichkeiten orientieren, als auch für die politischen Akteure in Senat
und Bezirk.
Dabei gab es durchaus Versuche, Handlungsfähigkeit zu zeigen: Im September 2011 wurde von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt und dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gemeinsam ein
Auswahlverfahren zur Einrichtung eines innovativen Parkmanagements
durchgeführt*. In der Folge wurde bis Ende 2013 das Partizipationsprojekt „Unser Görli“ realisiert* .
Es wurden zwar viele Ideen gesammelt und allerlei Aktivitäten in die
Wege geleitet. Es gelang jedoch nicht, ein verbindliches Handlungskonzept zu entwickeln. Die meisten praktischen Ansätze waren unterfinanziert und verliefen früher oder später im Sande.

*http://unsergoerli.de/wp-content/uploads/2011/11/ausschreibung-parkmanagement.
pdf
*http://unsergoerli.de/wp-content/uploads/unser_goerli_taetigkeitsbericht_2012_2013_
mit-ausblick.pdf

Seitdem hat der Bezirk z. B. mit dem SPIELwagen oder dem Familienfest
immer wieder Initiative gezeigt, sich ansonsten aber vornehmlich in
baulicher und pflegerischer Weise engagiert. Jedoch wurde der Rückschnitt von Büschen und Bäumen im November 2014, nachdem Kinder
auf einem Spielplatz Kokainkügelchen gefunden hatten, von vielen
Kreuzberger*innen als „Kahlschlag“ kritisiert.
Innensenator Henkel nahm diesen Fund zum Anlass, eine Taskforce ins
Leben zu rufen und den Park im März 2015 zur Nulltoleranzzone zu
erklären*. Seitdem wurde mit massivem Personaleinsatz die Strafverfolgung im Park verstärkt mit dem Ziel, den Görlitzer Park als Drogenhandelsplatz unattraktiv zu machen.
Anwohnerschaft wie Behörden stellen fest, dass dies zu einer Verlagerung in umliegende Viertel führt und bei nachlassender Polizeiaktivität
der Handel in den Görlitzer Park zurückkehrt*.
Diese Entwicklung ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass
sich zum einen an der Lage vieler Kleindealer, die keine Alternative zum
Drogenhandel sehen, nichts geändert hat. Und zum anderen besteht
die Nachfrage unverändert weiter und wird kaum nachlassen, so lange
Berlin weiter auf steigende Touristenzahlen setzt.

*Pressemitteilung vom
31.03.15:
https://www.berlin.de/sen/inneres/aktuelles/artikel.287591.
php

*siehe auch: http://pardok.
parlament-berlin.de/starweb/
adis/citat/VT/17/SchrAnfr/S1718278.pdf

Fazit: Die bisherigen administrativen und ordnungspolitischen Maßnahmen wurden den Problemen im Park nicht gerecht. Viele
Anwohner*innen sind frustriert, weil ihrem Sicherheitsbedürfnis nicht
ausreichend Rechnung getragen wird. Soziale Angebote für bedürftige
Nutzer*innen fehlen. Der Park als Sozialraum bleibt wesentlich sich
selbst überlassen.

7

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

3.3 	 Potentiale und Ressourcen
Der Görlitzer Park ist nicht nur Problemort. Viele Menschen mögen ihn
gerade wegen der „wilden“ Atmosphäre, die von anderen wiederum
beklagt wird. Er wird von den unterschiedlichsten Menschen regelmäßig
genutzt und diese Vielfalt ist eine Stärke. Bei gutem Wetter ist er häufig
überfüllt. Vor allem junge Menschen halten sich im Park bis spät in die
Nacht auf. Mehr als andere Parks ist der Görli ein internationaler Treffpunkt.
Trotz der Ummauerung ist der Park gut mit den ihn umgebenden
Quartieren verbunden. Aufgrund der vorhandenen Wegachsen wird er
von vielen Menschen mehrfach täglich betreten und ist Teil ihres Alltagslebens. Die verbesserten und neu ausgebauten Spielplätze sind gut
besucht. Angebote des Kinderbauernhofs, der Jugendverkehrsschule,
des SPIELwagens am Montag oder die Verleihstation des „Kreuzer“ sind
ausgesprochen beliebt. Das Müllkonzept hat die Sauberkeit wesentlich
verbessert, mit dem Parkpflegewerk wurde die Grundlage für einen
dauerhaft guten Pflegezustand geschaffen.

Neugebauter Piratenspielplatz
(2013)

Der Park bedient vielfältige Wünsche: im vorderen Bereich findet sich
eine gut besuchte Gastronomie, davor eine Art Amphitheater, hier
finden bei schönem Wetter häufig spontane Konzerte statt. Daneben
gibt es großzügige Flächen, auf denen sich Menschen ohne Zwang zum
Konsum aufhalten können. Auch laden im östlichen Teil Bereiche zum
Erleben von Natur ein.

8

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Der Charakter eines Stadtplatzes lässt sich im vorderen Teil noch ausgestalten. Ansonsten verfügt der Park über eine große Zahl wenig oder
völlig ungenutzter Flächen insbesondere in den Randzonen. Darin sehen
wir großes Potential für gestalterische Eingriffe, die die Nutzungsmöglichkeiten erweitern und so auch das Miteinander im Park verbessern
können.
Außerdem finden sich im unmittelbaren Umfeld die verschiedensten sozialen, und kulturellen Einrichtungen, die als Partner gewonnen werden
können. Vielleicht die wichtigste Ressource jedoch dürfte die engagierte
Bürgerschaft sein, die um den Park herum wohnt und sich, so hoffen
wir, einbinden lässt, sobald die Realisierung konkreter, sinnvoller Maßnahmen beschlossen und finanziell gesichert ist.

3.4 	 Aufgabenfelder
Bevor wir die Ziele sowie die entsprechenden Maßnahmen darstellen,
wollen wir deutlich machen, welche Aufgaben im Rahmen des vorgestellten Handlungskonzepts angegangen werden. Wir haben sieben
relevante Felder identifiziert.
1. Belästigung und Verunsicherung durch den Drogenhandel
Viele Anwohner*innen und (derzeitige oder ehemalige) Nutzer*innen
fühlen sich im Park unwohl oder auch bedrängt und beklagen die angespannte Atmosphäre. Diese Gefühle werden in aller Regel mit dem
Drogenhandel in Verbindung gebracht. Genannt werden hauptsächlich
unerwünschtes „Abchecken“ durch Blicke, die Ansprache auch von
Kindern und Jugendlichen, das „Spalierlaufen“ an den Eingängen sowie
sexuelle Belästigungen im Umfeld des Handels.
Zahlreiche Nutzer*innen fühlen sich durch die bloße Anwesenheit der
Drogenhändler beeinträchtigt und sehen darin eine Gefahr für ihre Kinder. Andere stören sich nur an der Menge der Händler und ihren Verhaltensweisen. Wieder andere - das soll nicht unerwähnt bleiben - haben
mit dem Drogenhandel keine oder geringe Probleme. Zu ihnen dürften
die Konsument*innen gehören, die auch aus den umliegenden Kiezen
stammen.
2. Mangelnde Sicherheit
Viele Menschen haben im Park Angst und meiden ihn daher. Dabei steht
für sie nicht unbedingt der Drogenhandel im Vordergrund, sondern
Eigentums- und Gewaltdelikte, die in seinem Umfeld geschehen. Diese
sind zu einem massiven Problem geworden.

9

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Die regelmäßige Verletzung von Gesetzen, die mit dem Drogenhandel
einhergeht, scheint zu signalisieren, dass hier alles erlaubt ist. Zudem
wird durch die Käufer*innen und das Umfeld der Händler auch eine
Klientel angezogen, die den eigenen Drogenkonsum durch Kleinkriminalität zu finanzieren sucht.
Durch die zahlreichen Tourist*innen ergeben sich in einer Parkanlage
mit Räumen, die der Beobachtung und der sozialen Kontrolle entzogen
sind, weitere Betätigungsfelder für Kriminelle. So wurden zum Beispiel
im Zusammenhang mit der Anbahnung von Drogengeschäften Menschen in abseits gelegene Orte gelockt und um ihr Geld gebracht.
3. Verhalten von Nutzer*innen
Schon seit der Eröffnung des Parks gibt es Probleme, die durch das Verhalten von einzelnen oder Gruppen von Nutzer*innen verursacht werden. Aushandlungsprozesse mit dem Ziel, mehr gegenseitige Rücksicht
zu erzielen, waren oft schwierig und wenig erfolgreich. Die Bereitschaft,
sich in andere hineinzuversetzen, kann nicht vorausgesetzt werden, die
eigene Wahrnehmung wird häufig zum Maßstab erklärt. „Hau doch ab!“
heißt es schon mal zu jemandem, der sein Unbehagen mit den Verhältnissen im Park formuliert.
Als Probleme treten auf:
ƒƒ 	

Lärmbelästigung durch Musik und Böller

ƒƒ 	

Belästigung durch Rauchentwicklung,
Grillen an nicht vorgesehenen Stellen

ƒƒ 	

Probleme zwischen Radfahrer*innen und Fußgänger*innen

ƒƒ 	

Konflikt mit Hundehalter*innen, die oft die Anleinung
verweigern und wenig Gesprächsbereitschaft zeigen

ƒƒ 	Vermüllung
ƒƒ 	

Belästigung anderer Parknutzer*innen,
sexistische Anmache von Frauen

ƒƒ 	

Unberechenbares und angsteinflößendes Verhalten von
psychisch auffälligen, oft berauschten Menschen

ƒƒ 	

Campieren im Park, häufiges Hinterlassen von Unrat,
Matratzen usw.

ƒƒ 	

Urinieren und Koten im Park, insbesondere durch Menschen,
die im Park campieren

10

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4. Sozialer Ausschluss von Nutzergruppen
Keine Gruppe im Park sollte ausschließlich als Problemverursacher gesehen werden. Vielmehr muss geprüft werden, in welcher Form Unterstützung gewährt werden kann, um letztlich zu einer Win-Win-Situation
zu gelangen. Hierbei ist zum Beispiel an campierende Familien aus Südosteuropa zu denken, die in oder neben dem Park leben und nächtigen.
Insbesondere deren Kindern muss geholfen bzw. ihre Eltern müssen
dabei unterstützt werden, sie angemessen zu versorgen.
Für viele Männer, die aus Ländern des afrikanischen Kontinents kommen und im Park ihren Lebensmittelpunkt haben, ist der Park ein Ort
der Not. Diejenigen, die mit Drogen handeln, befinden sich in einer prekären Situation. Unterstützungsmöglichkeiten sind ihnen oft unbekannt
und bleiben ihnen daher verschlossen.
5. Ökologie und Naturschutz
In der Vergangenheit gab es viele Diskussionen über parkpflegerische
und bauliche Maßnahmen unter dem Gesichtspunkt von Ökologie und
Naturschutz. Eine verbindliche Linie existiert mit dem Parkpflegewerk,
welches mit Beteiligung von Bürger*innen erarbeitet wurde. Doch die
massiven Rückschnittmaßnahmen vom Herbst 2014 wurden von vielen
Parknutzer*innen als „Kahlschlagaktion“ bezeichnet, die mehr polizeitaktischer als ökologischer Notwendigkeit geschuldet seien.
6. Parkgestaltung
In der Vergangenheit wurden schon etliche erkennbare bauliche Verbesserungen für den Park im Bereich der Wege, der Eingangsgestaltung und der Beleuchtung realisiert. Weitere Optimierungen im Sinne
besserer Nutzbarkeit und Transparenz sind denkbar. Dabei geht es um
aktivierende Nutzungsangebote auf Teilflächen, die Verbindung zu den
umliegenden Kiezen sowie die Wegeführung.
Besondere Nutzungsdefizite lassen sich entlang der Ränder feststellen. Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Parks gibt es entlang der
Mauer viele tote Winkel und große Flächen, die einer sinnvollen Nutzung entzogen sind. Verbesserungen in diesen Bereichen sollten - unter
Bürgerbeteiligung - vorgenommen werden.
Es wird eine fehlende Toilette beklagt, speziell für den hinteren Teil des
Parks.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

7. Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme
Zurzeit gibt es keine Möglichkeit der Partizipation für Nutzer*innen
und Anwohner*innen. Seit dem Auslaufen von „Unser Görli“ herrscht
bei vielen Anwohner*innen Resignation und Lethargie. Es wird nicht
einfach sein, diese Haltung zu verändern. Auch die verschiedenen, gut
gemeinten kleinen Projekte mit kurzer Laufzeit und meist verpuffender
Wirkung tragen zu dieser Haltung bei.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

4.	 Zielsetzung
4.1 	 Leitbild
1.	 	

Wir setzen uns für einen Park für alle ein. Jeder Mensch hat das
Recht den Park zu besuchen. Keine Gruppe darf diskriminiert
werden, keine den Park dominieren.

2.	 	

Wir wollen eine faire Nutzung. Jeder Mensch muss den Park so
nutzen, dass ihn auch andere unbeschwert nutzen können.

3.	 	

Wir wollen, dass die Anwohnerschaft bei der Nutzung angemessen berücksichtigt wird, schließlich entstand der Park auf deren
Initiative.

4.	 	

Wir wollen keine Vertreibung von Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen, sondern kümmern uns um sie.

5.	 	

Wir schaffen Stätten der Begegnung und Aktivität.

6.	 	

Wir sorgen für die Sauberkeit, die wir zum Wohlfühlen brauchen.

7.	 	

Wir fördern Maßnahmen, die bewirken, dass sich alle sicherer
fühlen können, ohne auf Law-and-Order zu setzen.

8.	 	

Wir stellen sicher, dass Ökologie und Naturschutz langfristig
berücksichtigt werden.

9.	 	

Wir wollen die Vielfalt des Parks erhalten und die Verbindung
zu den umliegenden Kiezen stärken.

10.		

Wir etablieren auf Dauer angelegte Instrumente der
Bürgerbetei­ligung.

4.2 	 Ziele
„Wohin soll die Reise gehen?“. Diese Frage steht am Anfang jedes Vorhabens. Eine Teilantwort für den Veränderungsprozess des Görlitzer
Parks haben wir mit dem vorangestellten Leitbild gegeben.
Nun geht es darum, realistische Ziele zu benennen. Dabei ist klar, dass
kein Lösungsvorschlag wirklich alle zufriedenstellen wird. Dazu sind
zum einen die Erwartungen und Interessen zu unterschiedlich. Zum
anderen können wir auf lokaler Ebene nur sehr begrenzt auf globale
Prozesse wie Migration, Drogenpolitik oder Tourismus Einfluss nehmen.

13

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Das betrifft vor allem den häufig geäußerten Wunsch nach einem Verschwinden des Drogenhandels. Unter den gegenwärtigen Bedingungen
ist dieses Ziel nicht realistisch. Ob man will oder nicht: Wir werden uns
auf die Weiterexistenz des Handels einstellen müssen.
Es sei an dieser Stelle jedoch angemerkt, dass eine Verbesserung der
Aufenthaltsperspektiven für die aus Afrika stammenden Männer – zum
Beispiel im Rahmen von Härtefallregellungen – eine deutliche Verbesserung der Situation im Park bewirken könnte*.
Unser allgemeines Ziel ist daher so groß wie bescheiden: Diejenigen, die
den Park meiden, suchen ihn wieder auf, diejenigen, die sich unwohl
fühlen, fühlen sich wieder wohl. Kinder und Jugendliche können sich
unbeaufsichtigt im Park aufhalten. Die Anwohner*innen identifizieren
sich mit „ihrem“ Park und übernehmen Verantwortung.

*siehe Anhang 8.3
Kurzfassung, S. 46

Für die einzelnen Aufgabenfelder existieren konkrete Ziele:
1. Belästigung und Verunsicherung durch den Drogenhandel
Die Belästigung durch Drogenhändler vermindert sich spürbar, einerseits dadurch, dass der Handel selbst zurückgeht und andererseits die
Dealer angehalten werden, sich weniger bedrängend und aggressiv zu
verhalten.
2. Mangelnde Sicherheit
Die reale und empfundene Sicherheit im Park ist wahrnehmbar erhöht.
Sexuelle Übergriffe sowie Diebstähle und Überfälle im Park reduzieren
sich deutlich. Durch mehr räumliche Transparenz und die Belebung bisher vernachlässigter Ecken sowie die Anwesenheit von Parkläufer*innen
sinkt auch das subjektive Gefühl der Bedrohung.
3. Verhalten von Nutzern
Aufgrund der Ansprache durch Parkläufer*innen gehen Beeinträchtigungen durch rücksichtsloses Verhalten zurück. Auf längere Sicht
entwickelt sich ein besseres Miteinander.
4. Sozialer Ausschluss von Nutzergruppen
Menschen in sozialen Problemlagen werden im Rahmen aufsuchender
sozialer Arbeit erreicht. Sie werden durch Soforthilfe unterstützt, Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb des Parks werden für sie
erschlossen.
5. Ökologie und Naturschutz
Parkpflege und andere Maßnahmen in Bezug auf Flora und Fauna
erfolgen auf Basis verbindlicher, akzeptierter Vereinbarungen wie dem
Parkpflegewerk.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

6. Parkgestaltung
Es wird ein Prozess zur Erschließung ungenutzter Potentiale unter breiter Bürgerbeteiligung in Gang gesetzt.
7. Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme
Zur dauerhaften Beteiligung und Verantwortungsübernahme der Nutzer*innen und der Anwohnerschaft wird ein Parkrat etabliert. Gleichzeitig werden neue Möglichkeiten der Betätigung und Mitbestimmung
geschaffen, zum Beispiel bei der Schaffung neuer Flächen zur aktiven
Betätigung, der ehrenamtlichen Mitarbeit in Projekten für Problemgruppen und dem Einbringen von Ideen für zukünftige bauliche Maßnahmen.

4.3 	 Bürgerbeteiligung
Der Görlitzer Park entstand nur auf Grund der Initiative von Bürger*innen. Bundesweit erstmalig waren Bürgervertreter*innen sowohl bei
Formulierung der Ansprüche an den künftigen Park als auch in die Entscheidung, welcher der Vorschläge zur Gestaltung des Parks umgesetzt
werden soll, maßgeblich eingebunden.
Diese Tradition der Bürgerbeteiligung muss wieder belebt werden.
Um die Belange der Bürger*innen zu berücksichtigen, hat sich die AG
entschlossen, schon in einer frühen Phase deren Erfahrungen einzubeziehen. Hierzu wurde von Dr. Franziska Becker eine ethnographische
Nutzungsanalyse mit dem Titel „Hier ist jeder Busch politisch“
durchgeführt*.
Eine breite Organisation von Bürgerbeteiligung in Form von Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme macht aber erst dann Sinn, wenn
relevante Maßnahmen – wie zum Beispiel die Parkläufer*innen – von
den politisch Zuständigen beschlossen wurden und auch deren Finanzierung gesichert ist.
Erst dann soll ein Parkrat als dauerhaftes Gremium der Beteiligung entstehen, zunächst als Gründungsrat*.

*siehe Anhang 8.3
Kurzfassung, S. 46

*siehe 5.10 Parkrat, S. 36

Um diese Partizipationsprozesse anzustoßen und die Anwohnerschaft
einzubeziehen, braucht es Öffentlichkeit, zum Beispiel in Form sogenannter Dialogveranstaltungen. Weil jedoch offene, kaum strukturierte Formen des Austauschs eine konstruktive und ergebnisorientierte
Diskussion erschweren und leicht gestört werden können, ist genau zu
erwägen, in welcher Form solche Veranstaltungen stattfinden.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

5.	 Maßnahmen
5.1 	 Überblick
Den unterschiedlich gearteten Problemen im Park kann nur mit einem
Mix von Maßnahmen begegnet werden. Eine Maßnahme kann in
mehrere Problemfelder hinein wirken. Nach der Darstellung der Maßnahmen stellen wir die denkbaren Wirkungsmechanismen schematisch
dar*.
Belästigungen durch den Drogenhandel und mangelnde Sicherheit
werden von vielen Anwohner*innen und – zum Teil ehemaligen – Nutzer*innen als zentrale Probleme benannt. Dies hat auch die ethnographische Nutzungsanalyse ergeben.

*siehe 5.11 Zusammenwirken
der Maßnahmen, S. 37

Die AG hat es nicht als ihre Aufgabe betrachtet, ein polizeitaktisches
Konzept zu entwickeln. Es sei hier jedoch angemerkt, dass viele Anwohner*innen eine dauerhafte Präsenz der Polizei vor Ort gegenüber
einer temporären im Rahmen von – zum Teil bedrohlich erscheinenden
– Razzien bevorzugen. Die Notwendigkeit polizeilicher Maßnahmen wird
von der AG nicht bestritten, diese sollten jedoch nicht über die Köpfe der
Bürger*innen hinweg geschehen. Der AG geht es aber um die Entwicklung ergänzender Maßnahmen.
Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass ein so schwieriger urbaner Sozialraum wie der Görlitzer Park nicht sich selbst überlassen werden kann.
Im Zentrum der Maßnahmen stehen daher zum einem
Parkläufer*innen – professionelle, kommunikativ arbeitende
Parkwächter*innen. Zugleich werden Mitglieder aus benachteiligten
Gruppen – beispielsweise im Park campierende Familien oder junge
Männer aus Afrika – durch Sozialarbeiter*innen unterstützt, die Soforthilfe leisten und weitere Unterstützungsmöglichkeiten erschließen. Die
genannten Maßnahmen sollten möglichst rasch umgesetzt werden.
Vorgeschlagene Maßnahmen im Bereich von Aktivierung bzw. kultureller Belebung, Parkpflege, Reinigung, Ökologie und Naturschutz sowie
bauliche Veränderungen sind längerfristig angelegt und bedürfen der
Bürgerbeteiligung.
Die Vernetzung aller Maßnahmen übernimmt die Parkkoordination* in
Zusammenarbeit mit einer Abstimmungsrunde der beteiligten Profis
und dem Parkrat, der als dauerhaftes Gremium geschaffen wird.

*siehe 5.2 Parkkoordination und
Praktikerrunde, S. 17

Abgesichert wird das Paket durch verschiedene kommunikative Maßnahmen wie eine Website und Schautafeln.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Das Untergeschoss des Hauses 3 (Kreuzer) wird so umgebaut, dass es
Platz für die am Prozess Beteiligten bietet („Görli-Haus“). Perspektivisch
soll dort ein Begegnungshaus entstehen, in dem die unterschiedlichsten
Angebote ihren Platz finden können.

5.2 	 Parkkoordination und Praktikerrunde
Die Leitung und Abstimmung der Maßnahmen in den unterschiedlichen
Bereichen erfolgt durch eine Parkkoordination und in der Praktikerrunde.
Die Parkkoordination kommuniziert mit allen im Stadtraum Görlitzer Park tätigen Akteuren, sie ist die Schnittstelle zur Verwaltung und
hat die Übersicht über alle wichtigen Prozesse. Die Parkkoordination ist Ansprechpartnerin für alle Belange der Parknutzer*innen und
der verschiedenen im Park tätigen Institutionen und Firmen. Darüber
hinaus kümmert sie sich aktiv um die Vernetzung und Aktivierung von
Nutzer*innen und unterstützt und organisiert auf den Park bezogene
kulturelle und soziale Aktivitäten
Die Praktikerrunde dient der Abstimmung aller im Park arbeitenden
professionellen Akteure. Sie ist ein Handlungsgremium zur Abstimmung
anfallender praktischer Aufgaben. Zugleich versucht sie Probleme frühzeitig zu erkennen und ist konfliktpräventiv tätig.
Das Gremium wird von der Parkkoordination moderiert und angeleitet.
Zu den Teilnehmern gehören die Parkläufer*innen, die sozialen Einrichtungen im Park und in der Umgebung, soweit sie durch ihre Arbeit mit
dem Park zu tun haben, außerdem die Verwaltung, die Polizei und das
Ordnungsamt. Nach Bedarf können auch andere Akteure dazu hinzugezogen werden. Für eine effektive Arbeit ist eine Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung und des Vertrauens wichtig.

5.3 	 Parkläufer*innen
Allgemeines
In Konfliktsituationen, bei denen es um die Wahrung eines friedlichen
Miteinanders geht, halten wir den Einsatz sogenannter Parkläufer*innen für ein geeignetes und notwendiges Instrument, da der Polizei und
dem Ordnungsamt in der Regel die Ressourcen für niedrigschwelligere
Interventionen fehlen. Unsere Überlegungen orientieren sich auch an
Modellen, die bereits in anderen Großstädten wie z. B. in Paris mit den
„Correspondants de nuit“* oder in Malmö im Stadtteil Rosengards mit
den Kiezläufern* erfolgreich praktiziert werden.

*Correspondants de nuit:
http://isra.tuwien.ac.at/frey/
Deutsch/Publikationen/Diplomarbeit.pdf

*Die Aufgabe der „Kiezläufer“
in Malmö ist Prävention und Gestaltung von Freizeitangeboten.
Die „Kiezläufer“ kommen alle
aus Rosengard, haben unterschiedliche Nationalitäten, sprechen mehrere Sprachen und sind
365 Tage im Jahr im Einsatz.
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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Aufgaben der Parkläufer*innen
Aufgabe der Parkläufer*innen ist die Kommunikation grundsätzlicher
Verhaltensregeln, damit sich alle Besucher*innen, vor allem auch Kinder
und Jugendliche, unbeschwert und angstfrei im Park bewegen können.
Dafür müssen die Parkläufer*innen insbesondere während der wärmeren Jahreszeiten täglich bis in die Nacht sichtbar anwesend sein.
Die Parkläufer*innen erkennen Nutzungskonflikte frühzeitig und agieren schlichtend. Sie sind äußerlich erkennbar und ansprechbar, wenn
Parkbesucher*innen Probleme oder Angst haben; sie achten auf Kinder
und andere Personen, die sich im Park eventuell unsicher fühlen. Können sie Fragen oder Anliegen von Besucher*innen nicht selbst beantworten, vermitteln sie deren Anliegen an dafür kompetente Personen
weiter. Sie arbeiten eng mit der Parkkoordination zusammen.
Das Handeln der Parkläufer*innen ist für die Parkbesucher*innen transparent und wird mit dem Parkrat und anderen Beteiligten abgestimmt.
Es unterliegt damit demokratischer Kontrolle.
Die Parkläufer*innen können und sollen weder Polizei noch Ordnungsamt ersetzen, weil sie deren gesetzlich festgelegte Aufgaben nicht
wahrnehmen dürfen. Sie müssen allerdings, um ihren Aufgaben nachzukommen, mit beiden in gutem Kontakt stehen. Wo ihre Vermittlungsversuche scheitern, können und müssen sie die Ordnungsbehörden zu
Hilfe rufen.
Die Aufgaben des Ordnungsamtes werden weiterhin durch das Ordnungsamt selbst ausgeübt. Das Bezirksamt ist entsprechend in der
Pflicht, in diesem Bereich für ausreichende Ressourcen zu sorgen.
Auch das Gewaltmonopol des Staates wird durch die Parkläufer*innen
nicht in Frage gestellt. Es bleibt weiterhin Aufgabe der Polizei, Straftaten zu verfolgen und die öffentliche Sicherheit zu garantieren. Erhofft
wird jedoch, dass sich durch die Parkläufer*innen die Präsenz der
Polizei deutlich verringern lässt. Daher wurde die Idee der
Parkläufer*innen in einem ersten Gespräch von dem zuständigen Polizeiabschnitt positiv aufgenommen.
Anforderungsprofil
Folgende Fähigkeiten müssen die Parkläufer*innen vorweisen:
ƒƒ 	

interkulturelle Kompetenz (Team auch mit migrantischem Hintergrund, z.B. mit schwarzafrikanischen und/oder arabischen
Mitarbeiter*innen)

ƒƒ 	

kommunikative und mediative Fähigkeiten sowie Besonnenheit

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Das Gelingen des Konzepts Parkläufer*innen wird wesentlich von den
Personen abhängig sein, die sich für diese Aufgabe finden. Personelle
Kontinuität ist dabei von entscheidender Bedeutung, denn die
Parkläufer*innen werden vor allem dann erfolgreich sein, wenn sie die
Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt im Park haben, kennen und sie
wiederum den Parknutzer*innen persönlich bekannt sind.
Schritte zur Realisierung
Sobald der Einsatz der Parkläufer*innen von Seiten des Bezirks befürwortet und die Finanzierung geklärt ist, wird ein interdisziplinäres Team
gebildet, um das Konzept zu konkretisieren. In diesem Team sollten
erfahrene Sicherheitsunternehmen, Vertreter*innen der Polizei, des Bezirksamts, der im Park ansässigen Vereine sowie der Anwohner*innen
bzw. des Parkrats zusammen arbeiten.
Eins ist klar: nur eine gute und intensive Kommunikation aller Teammitglieder kann beim Thema Sicherheit im Görlitzer Park zum Erfolg führen. Allen Beteiligten muss klar sein, dass unterschiedliche Perspektiven
und Aufgaben auch unterschiedliche Lösungsansätze und –wünsche
nahelegen. Die Bereitschaft, sich mit diesen Unterschieden auseinanderzusetzen, muss bei den Beteiligten vorhanden sein.

5.4 	 Soziale Unterstützung
Allgemeines
Vor allem während der letzten Jahre haben sich im Görlitzer Park neue
Nutzergruppen eingefunden, die zum Teil soziale und medizinische Unterstützung brauchen. Eine solche Unterstützung geschieht im Moment
nur punktuell, juristische Hilfe fehlt bisher völlig. Das möchten wir ändern. Richtschnur unserer Überlegungen ist dabei, dass die Menschen,
die derzeit den Park nutzen, nicht verdrängt werden sollen.
In der Umgebung des Parks existieren zahlreiche soziale Angebote. Allerdings finden die Menschen im Park dort nicht hin oder kennen diese
gar nicht. Die zentrale Aufgabe einer aufsuchenden sozialen Arbeit im
Park besteht somit darin, zu diesen Menschen Kontakt aufzubauen und
sie zu den entsprechenden Anlaufstellen im Sozialraum zu begleiten
(Lotsenfunktion). Damit wird zugleich angestrebt, den Park als öffentlichen Raum stärker als bisher in den Fokus der umliegenden Einrichtungen zu rücken, damit diese ihre Angebote entsprechend ausrichten.
Die aufsuchende soziale Arbeit im Park muss zielorientiert und arbeitsteilig abgestimmt mit Maßnahmen der niedrigschwelligen Sozialkontrolle (Parkläufer*innen), des Ordnungsamtes und der Polizei erfolgen.
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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Sie ist dabei unabhängig, parteilich und arbeitet auf der Basis von Freiwilligkeit und Anonymität. Sie soll sich auf die Parknutzenden in schwierigen Lebenslagen konzentrieren, für die der Park Lebensmittelpunkt ist
und die sozial problematisches Verhalten zeigen.
Auf Grund der Besonderheit ihrer Situation haben wir uns entschlossen,
auf die Männer afrikanischer Herkunft gesondert einzugehen.
Unterstützung im Park bei offensichtlichen sozialen Problemen
Ausgangslage
Im Park sind häufig Menschen anzutreffen, die sich erkennbar oder
vermutlich in einer akuten oder dauerhaften schwierigen Situation befinden, zum Teil aufgrund ihres Verhaltens zu Konflikten beitragen oder
bei anderen Parknutzenden Ängste auslösen. Zu ihnen zählen psychisch
auffällige Menschen, Party-Feiernde in Rauschzuständen, Familien aus
Südosteuropa, die im Park leben, sowie Geflüchtete, die in desolaten
Verhältnissen leben.
Zu den problematischen Verhaltensweisen gehören vor allen Dingen
das Urinieren und Koten im Park und das Hinterlassen von Abfällen und
Gegenständen wie Matratzen und Mobiliar.
Nachts drohen insbesondere berauschte Personen zu Opfern von Gewalt- und Raubdelikten zu werden. Problematisch unter Gesichtspunkten des Kinderschutzes ist auch das Leben und Nächtigen im oder neben
dem Park von Familien aus Südosteuropa mit Kindern.

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Vorhandene Angebote aufsuchender sozialer Arbeit im Park
Derzeit gibt es punktuell und saisonal aufsuchende Arbeit von Trägern
der Sozialarbeit und Jugendhilfe, die Familien aus Südosteuropa bei der
Suche nach einer Unterkunft oder Klärung der sozialrechtlichen Möglichkeiten unterstützen und zur Wahrung des Kindeswohls beitragen.
Seit kurzem wird diese ergänzt durch soziale und medizinische Gesundheitshilfe vor Ort. Weitere aufsuchende soziale Angebote im Park,
z. B. für psychisch Auffällige oder für drogenkonsumierende junge Menschen, existieren nicht.
Notwendige Angebote der aufsuchenden sozialen Arbeit und deren
Zielsetzung
Durch Sozialarbeiter*innen, die über eine ausgeprägte interkulturelle
Kompetenz verfügen, soll unmittelbar erkundet und schnell reagiert
werden können, wenn bei anderen Parknutzenden oder den Betroffenen
selbst der Eindruck besteht, dass die Lebenssituation einer auffälligen
Person außerordentlich problematisch oder das Verhalten nicht tragbar
ist.
Das Ziel solcher Interventionen ist beispielsweise, Familien aus Südosteuropa, die sich im oder am Görlitzer Park aufhalten, darin zu unterstützen, die Kinder in ihren Familien angemessen zu versorgen. Bei
einer psychisch extrem auffälligen Person dagegen wäre zu eruieren, ob
sie einen Hilfewunsch artikuliert und ob eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht.
Die Sozialarbeiter*innen nehmen Kontakt zu den Menschen auf, klären
die Situation, leisten nach Möglichkeit Soforthilfe und organisieren bei
tatsächlich festgestelltem Handlungsbedarf weitere Unterstützungsmaßnahmen im Sinne eines Lotsens. Ausgangspunkt sind immer die
konkreten Handlungsbedarfe im Park.
Gleichzeitig sollen sie Projekte zur Entwicklung nachbarschaftlicher Sozialkontakte, insbesondere durch Bildungs- oder Freizeitaktivitäten wie
z. B. gemeinsames Kochen, initiieren und begleiten, um die Isolierung
der Betroffenen aufzubrechen.

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Soziale Unterstützung im Park für Männer aus afrikanischen Ländern
Ausgangslage
Der Park ist für viele Männer, die aus Ländern des afrikanischen Kontinents kommen und im Park ihren Lebensmittelpunkt haben, eine Sackgasse. Sie können nicht mehr zurück, gleichzeitig fehlt ihnen eine legale
Perspektive für ein Leben in Berlin bzw. Deutschland. Auf Grund fehlender Arbeitserlaubnis sehen viele von ihnen nur die Möglichkeit, ihren
Lebensunterhalt durch den Handel mit Drogen (vor allem Cannabis) zu
verdienen*.
Perspektivlosigkeit sowie die zunehmende Professionalisierung des organisierten Drogenhandels fördern aufdrängendes Verhalten, insbesondere beim Drogenverkauf, sowie lautstarke und teilweise gewalttätig
ausgetragene Konflikte untereinander. Aggression und Gewalt stellen
auch für unbeteiligte Parknutzende eine Belastung dar und erzeugen
bei Beobachtenden häufig Unbehagen, Angst und Unsicherheit. Die
Kontaktaufnahme mit weiblichen Passanten, die von Seiten der Drogenhändler üblich geworden ist, wird von diesen häufig als sexuelle Belästigung erlebt.

*siehe Anhang 8.3
Kurzfassung, S. 46

In der Regel kennen diese Männer die sozialen Unterstützungsmöglichkeiten, z. B. Hilfe für Geflüchtete und Wohnungslose, nicht. Sie benötigen eine kompetente, sozialarbeiterisch vermittelnde Integrationshilfe
in die Institutionen der Aufnahmegesellschaft (z.B. Aufklärung über
legale Bleibechancen, Rechtsberatung im und außerhalb des Asylverfahrens u. a.). Dazu bedarf es einer professionellen und zielgerichteten
Vernetzungsarbeit mit den entsprechenden Institutionen im Sozialraum
Görlitzer Park und den angrenzenden Kiezen.
Vorhandene Angebote aufsuchender sozialer Arbeit im Park
Aktuell gibt es im Park so gut wie keine Angebote, die sich an Männer
aus afrikanischen Ländern richten und im direkten Kontakt mit ihnen
realisiert werden. Die Initiative Bantabaa e.V. in unmittelbarer Nähe des
Parks unterstützt afrikanische Männer unter der Voraussetzung, dass
sie nicht in den Drogenhandel involviert sind. Joliba e. V. bietet interkulturelle Familienhilfe, Sozialberatung und macht Projekte im Bildungsund Kulturbereich, hat aber zu den Männern im Park zurzeit keinen
aufsuchenden Zugang. Beide Vereine übernehmen keine Sozialarbeit im
öffentlichen Raum und können den Bedarf an sozialer Unterstützung
für die Männer im Park nicht abdecken. Zwei Fixpunkt-Mobile bieten
einmal wöchentlich direkt im Park sozialarbeiterische und medizinische
Akut-Beratung an.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Notwendige Angebote aufsuchender sozialer Arbeit und deren
Zielsetzung
Die Menschen aus afrikanischen Ländern sind aufgrund ihrer Vorerfahrungen häufig sehr misstrauisch. Unabdingbar ist deshalb eine kontinuierliche Präsenz von Sozialarbeit*innen im Park, die Kontakt und
Vertrauen zu ihnen aufbauen und als verlässliche Ansprechpartner*innen bereitstehen. Nur so ist es möglich, weitere Hilfen zu erschließen,
problematische Verhaltensweisen zu thematisieren und auf Veränderungen von Lebensverhältnissen und Verhaltensweisen hinzuwirken.
Viele Männer benötigen beispielsweise einen Zugang zu kostenlosen
bzw. preiswerten Möglichkeiten zum Essen, Duschen und Schlafen. Die
Sozialarbeit*innen informieren sie über nahegelegene Angebote der
Flüchtlings- und Wohnungslosenhilfe und begleiten bei Bedarf direkt
und sofort dorthin. Ziel ist die Überlebenssicherung und Stabilisierung
der Lebenssituation hinsichtlich menschlicher Grundbedürfnisse.
Weiterhin wird in folgenden Bereichen Hilfe vermittelt, die bedarfs- und
zielorientiert stattfindet und fortlaufend im Hinblick auf Notwendigkeit
und Wirksamkeit überprüft wird:
ƒƒ 	

spezifische Rechtsberatung (Asylrecht, Aufenthaltsrecht und
Strafrecht)

ƒƒ 	

gezielte Integrationshilfe (z.B. passende Deutsch- und
Alphabetisierungskurse)

ƒƒ 	

Beratung zu schulischer Bildung, Ausbildung, (beruflichem)
Kompetenzerwerb

ƒƒ 	

Ausstiegsberatung für Menschen, die Drogen verkaufen

ƒƒ 	

alternative Beschäftigungsmöglichkeiten

ƒƒ 	

ggf. Rückkehrhilfen

Aufgaben der sozialen Arbeit im Park
Es handelt sich um ein neues Feld interdisziplinärer sozialer Arbeit im
öffentlichen Raum.
Die aufsuchende soziale Arbeit findet im Sinne von Street- bzw.
Parkwork in Absprache oder ggf. gemeinsam mit den Parkläufer*innen
im Park statt, begleitet aber im Bedarfsfall auch in Institutionen außerhalb des Parks.
Für diese Arbeit im Park ist eine intensive Netzwerk-/Kooperationsarbeit
im Kiez/Gemeinwesen und mit fachspezifisch relevanten Einrichtungen
und Diensten erforderlich.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Die Sozialarbeiter*innen vermitteln den Kontakt zwischen den Parknutzenden und den Einrichtungen und Diensten und sind somit eine wesentliche Schnittstelle zur Erschließung von Hilfen. Die Lotsenangebote
(Information, Beratung, Vermittlung, Begleitung) finden lebensweltorientiert und individuell ausgerichtet statt.
Angebote zu Kommunikation, sozialem Austausch, Spracherwerb und
Alphabetisierung (Lesen, Schreiben) sollen über Projekte realisiert und
in Kooperation mit entsprechenden Vereinen bzw. sozialen Trägern
durchgeführt werden*.

*siehe auch 5.8
Görli-Haus, S. 32

Anforderungsprofil
Fundierte Erfahrungen in den Bereichen der sozialen Arbeit, der Psychologie und der Medizin sind erforderlich.
Es muss zusätzlich eine Person vor Ort sein, die in den Gebieten Aufenthaltsrecht und Asylrecht geschult ist.
Das fachliche Profil muss interkulturell, aufsuchend, lebensweltbezogen
und an der Lebenswirklichkeit transnationaler Migration orientiert sein.
Schritte zur Realisierung
Das oben skizzierte Konzept wird weiter ausgearbeitet. Dabei werden
detailliert, konkret und wirkungsorientiert die Ziele, Aufgabenstellungen, Handlungskompetenzen, Anforderungsprofile und Kooperationsformen und -strukturen der Beteiligten beschrieben.
Vorhandene Akteure sozialer und pädagogischer Arbeit, die im Park tätig sind bzw. werden wollen oder im unmittelbaren räumlichen Umfeld
tätig sind, werden einbezogen und gestärkt, z. B. Kreuzer, Bantabaa,
Joliba, Fixpunkt, Caritas, KUB, RAA (Regionale Arbeitsstelle für Bildung,
Integration und Demokratie) e. V. sowie der Kinderbauernhof, die
Jugendverkehrsschule und die Sportvereine*.

*siehe Anhang 8.2 Übersicht
sozialer Einrichtungen, S. 43

5.5 	 Aktivierung und kulturelle Belebung
Allgemeines
Um den Freizeitnutzen des Parks für seine Besucher*innen und vor
allem die Anwohner*innen zu erhöhen, betrachten wir eine kulturelle Belebung und Aktivierung als sinnvollen und notwendigen Teil der
Gesamtstrategie. Der Görlitzer Park soll durch zusätzliche kulturelle Angebote und weitere Möglichkeiten für Sport und Bewegung eine größere
Nutzungsvielfalt erhalten.
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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Hierbei wird der Begriff „Kultur“ weit gefasst und meint neben Musik,
Tanz und Theater auch Spiel- und Sportangebote für unterschiedliche
Bedürfnisse von Besucher*innen.
Der Freizeitnutzen des Parks soll vor allem für die erhöht werden, die
den Park derzeit nicht oder wenig nutzen. Dies sind ältere Menschen,
Kinder und Jugendliche, hier vor allem Mädchen.
Sämtliche Angebote im Park sollten dabei grundsätzlich für alle offen
sein.
Folgende Maßnahmen regen wir an:
Aktionsräume und-inseln
Tischtennisplatten (u. a. im Eingangsbereich Skalitzer Straße), ein
Volleyballfeld und ein Laufpfad, der im Rahmen zukünftiger baulicher
Maßnahmen* angelegt werden könnte, würden zusätzliche Aktionsräume schaffen. Außerdem sind die Einrichtung eines Bouleplatzes oder
von Nachbarschaftsgärten denkbar. Zwei oder drei kleinere Podeste zur
temporären nicht-kommerziellen kulturellen Nutzung (z. B. Musik,
Theater, Tanz oder Lesungen) könnten ebenfalls durch spezifische
Aktionen für Belebung sorgen.

*siehe 5.6
Bauliche Maßnahmen, S. 28

Als weiteres Angebot in diesem Bereich sind gärtnerische Aktivitäten
mit Unterstützung von Organisationen und sozialen Einrichtungen
vorstellbar, soweit sie auf Grundlage des Parkpflegewerks erfolgen. Die
Realisierung all dieser Maßnahmen muss in Absprache mit dem Grünflächenamt unter Bürgerbeteiligung erfolgen.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Darüber hinaus schlagen wir vor, dass der SPIELwagen, der bisher nur
einmal wöchentlich, zukünftig zweimal wöchentlich im Park Station
macht. Dadurch würde der Park für Kinder und Familien attraktiver.
Außerdem könnte in Kooperation mit den vor Ort tätigen Sportvereinen
und/oder anderen Interessierten regelmäßig ein offenes Sportangebot
(von Fußball bis Tai Chi) erfolgen. Hierfür könnte z. B. der Bolzplatz, im
besten Fall gemeinsam mit den Nutzer*innen, aktiviert und durch Aufstellung von Bänken, der Anbringung von Ballkörben etc. als ‚Insel’ für
freie sportliche Aktivitäten qualifiziert werden.
Temporäre Angebote
Hierunter verstehen wir zum einen nicht-kommerzielle Feste, die auf
den Sozialraum orientiert sind, wie z. B. Sommerfeste, Herbstfeste oder
ein Markt der sozialen Möglichkeiten im vorderen Teil des Parks, wo
ähnlich wie beim erfolgreichen Rixdorfer Weihnachtsmarkt z. B. Nachbarschaftsinitiativen oder Initiativen von Geflüchteten eigene Produkte
verkaufen.
Deutlicher als bisher sollten auch die Organisationen der türkischstämmigen Bewohner*innen einbezogen und zur Durchführung von Festen
angeregt werden, um den Park auch für diese Gruppe wieder attraktiver
zu gestalten.
Kleinere kulturelle Events, die park- und nachbarschaftsverträglich ohne
elektronische Verstärker stattfinden, können regelmäßig veranstaltet
werden. Anwohner*innen, Kleinkünstler*innen, aber auch benachbarte
soziale Einrichtungen sollen ermutigt werden, den Park – hier vor allem
den Platz am Pamukkale – als ihre städtische Bühne zu nutzen.
Denkbar ist, z.B. einen festen Tag für solche Angebote anzusetzen, um
diesen besonders zu Beginn entsprechende Aufmerksamkeit zu sichern.
Die Angebote müssen mit der Parkkoordination abgesprochen werden.

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Naturkundliche Angebote
Bei der Entdeckung der Tier- und Pflanzenwelt kann insbesondere
Kindern und jüngeren Jugendlichen, eine andere Facette des Parks
aufgezeigt werden. Regelmäßige geführte Naturerkundungen, z.B. als
Angebote für Kitas und Schulen, mit entsprechend geschulten Personen,
Handreichungen mit Naturbeschreibungen und -erlebnissen im Park
können dieses Angebot stärken.

Ausweitung der Sport- und Spielangebote im Haus 3
Durch Verlagerung von institutionellen Ressourcen in den Park bietet
sich insbesondere Haus 3 als Anker für weitergehende Angebote in der
unmittelbaren Umgebung („Platte“, Wiese) an. Dazu könnten gehören:
ƒƒ 	

Erweiterung der Ausleihe von Spielgeräten

ƒƒ 	

mobile Skaterrampe

ƒƒ 	

Befestigungspfosten für Slackline

ƒƒ 	

legale Graffitiwand

ƒƒ 	Kletterwand

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5.6 	 Bauliche Maßnahmen
Einleitung
Die Stärkung „parktypischer“ Nutzungen hat neben den dargestellten
sozialen Erfordernissen auch eine nicht unwesentliche bauliche Seite.
Im Folgenden werden nach einem kurzen Blick in die Geschichte des
Parks die bereits durchgeführten und geplanten Maßnahmen dargestellt. Für andere Bereiche liegen erste Vorschläge und Ideen vor, die in
den nächsten Jahren im Rahmen von Beteiligungsverfahren ausgearbeitet werden können.
Mauer
entfernen
Multifunktionsfläche einbinden

Eingang übersichtlicher
gestalten

Ränder stärken/
zum Kiez öffnen

Verkehrsschule
einbinden

Querverbindungen
stärken

Rundgang
ermöglichen

Ränder stärken/
zum Kiez öffnen

Hohlweg
einsichtiger
gestalten

Park
erweitern

Entwicklung des Parks und aktueller Stand
Auf dem heutigen Parkgelände wurde 1867 der Görlitzer Bahnhof
errichtet, der bis in die 1980er Jahre in reduzierter Form in Betrieb war.
Um die Fläche zu einem Stadtteilpark entwickeln zu können, wurde
1985 ein freiraumplanerischer Wettbewerb durchgeführt, den die „Freie
Planungsgruppe Berlin“ gewann. Der Park wurde bis 1998 schrittweise
realisiert und der gesamte Prozess von den Anwohnern*innen intensiv
begleitet.
Im Jahr 2005 wurde ein Tiefbrunnen gebaut, um die zahlreichen Rasenflächen im Park effektiver und ökonomischer bewässern zu können. Ab
2010 wurden alle Hauptwege im Park asphaltiert, damit diese ganzjährig nutzbar sind. Als Besonderheit für eine öffentliche Grünanlage
wurden zur Verbesserung der Sicherheit die Hauptwege beleuchtet. Der
Bereich am ehemaligen Pamukkale-Brunnen wurde aufgewertet.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Des Weiteren wurden ökologische Qualifizierungen am Teich durchgeführt und ein neuer Eingang am Görlitzer Ufer als Verbindung zum
Grünzug am Landwehrkanal geschaffen. Der erneuerte Piratenspielplatz
wurde 2012 wieder eröffnet.
Derzeit werden viele Eingänge übersichtlicher gestaltet, einige wenige
werden - im naturnahen Teil des Parks – geschlossen. Der Hohlweg am
Spreewaldplatz wurde verfüllt und renaturiert. Im Frühjahr 2016 soll
der große Spielplatz am östlichen Rodelhügel umgestaltet und mit einer
Wasserspielanlage als neuer Attraktion versehen werden. In diesem
Bereich wird auch eine neue WC-Anlage entstehen. Zur Vermeidung von
Missbrauch sollte geprüft werden, ob das WC nachts geschlossen werden kann.
Für folgende drei Themenkomplexe liegen Vorschläge für Lösungsansätze vor:
1. Eingänge
Wie zum Teil schon geschehen, sollen klare Eingangssituationen geschaffen werden und der Raum zwischen Skalitzer Straße und Pamukkale-Vorplatz als städtisches Entree gestaltet werden. Außerdem soll die
„Einschnürung“ zwischen dem Bolzplatz und der Jugendverkehrsschule
beseitigt werden. Gleichzeitig sollte die Verkehrsschule zum Park hin
geöffnet werden.
Damit der Bolzplatz vielseitiger nutzbar wird, könnte er mit einem neuen Multifunktionsbelag ausgestattet und seine Abschottung durch die
hohen Zäune beseitigt oder verringert werden.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

2. Parkmauer
Der Görlitzer Park ist in den 1980er Jahren bewusst als geschlossener
Raum im Stadtgefüge konzipiert worden. Es besteht jedoch der Wunsch,
ihn künftig mehr zu den angrenzenden Kiezen zu öffnen. Da zudem die
Randzonen des Parks belebt werden sollen, ist die Idee aufgekommen,
die Mauer an der Görlitzer Straße zwischen Skalitzer und Lübbener
Straße – evtl. teilweise – zu entfernen, auch weil sowohl an der Nordseite der Gebäude im Park als auch straßenseitig ein „toter“ bzw. wenig
belebter Raum liegt.
Entlang der Wiener Straße ist ebenfalls zu erwägen, inwieweit durch
eine teilweise Entfernung der jetzigen Parkbegrenzung eine Einbeziehung des breiten, völlig ungenutzten Grünbereichs zwischen Parkmauer
und Straße möglich ist.
Außerdem besteht bei einigen Parknutzer*innen der Wunsch, den Raum
zur Wiener Str. hin zum Kinderzirkus „Cabuwazi“ zu öffnen, z. B. durch
Abflachen des Hügels, weil dieser Bereich zur Zeit nicht genutzt werden
kann.
3. Parkwege
Die Querverbindungen zwischen Lübbener und Forster Straße, Oppelner und Liegnitzer Straße sowie zwischen Falckenstein- und Glogauer
Straße sollen gestärkt und teilweise verbreitert werden. Außerdem ist
eine Stärkung der Wegebeziehungen im Park erwünscht. Dafür werden
die Wege und ihr Umfeld von zu nah stehendem Strauchwerk befreit
und die Nebenwege verbreitert, wo diese bisher zu eng sind, um aneinander vorbeigehen zu können. Da abgeschiedene Bereiche Unsicherheit
erzeugen, wird nach Möglichkeit die Sicht von Nebenwegen auf den
Hauptweg verbessert. Um die Randzonen besser einzubinden und eine
Alternative zur zentralen Achse zu schaffen, ist angedacht, einen Rundweg anzulegen, der zum Spazieren einlädt. Da auch der zentrale Weg im
östlichen Bereich zwischen den beiden Hügeln auf viele Besucher*innen
wie eine beengende Schlucht wirkt und Unsicherheit erzeugt, soll diese
Situation entschärft werden.
Fazit: Die Weiterentwicklung des Parks soll im Rahmen des geplanten
Dialogverfahrens und gemeinsam mit einem noch zu gründenden Parkrat erarbeitet werden.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

5.7 	 Parkpflege und Reinigung
Allgemeines
Die Pflege des Parks ist immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen
zwischen dem Grünflächenamt und Teilen der Anwohner*innenschaft.
Die angemessene Parkpflege ist daher nicht nur im Sinne des Naturschutzes, sondern auch im Hinblick auf bürgerschaftliches Engagement
ein wichtiger Baustein des integrativen Gesamtkonzepts.
Auf Grund des Unverständnisses von Anwohner*innen für die ab 2012
vorgenommenen Pflegerückschnitte an Gehölzen zur Beseitigung des
Pflegerückstands im Park wurde gemeinsam vom Fachbereich Grünflächen und dem Umwelt- und Naturschutzamt ein ökologisches und
partizipatives Parkpflegewerk für den Görlitzer Park beauftragt.
Es wurde von August 2013 bis Februar 2015 vom Planungsbüro Ökologie & Planung, Frau Dr. Markstein erstellt. Dabei wurde der innovative
Ansatz verfolgt, die Erarbeitung des Parkpflegewerks nicht nur zwischen
Bezirk und Büro abzustimmen, sondern durch eine informelle Steuerungsgruppe aus Expert*innen, Naturschutzverbänden, Anwohnerschaft und der Verwaltung begleiten zu lassen und bürgerschaftliche
Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Parkpflege einzubeziehen. Die am
Planungsprozess Beteiligten wurden regelmäßig über Zwischenergebnisse der Bestandsanalyse informiert, um konsensuale Entscheidungen
treffen zu können. Das Ergebnis ist eine fundierte Grundlage für eine
fachkundige und vermittelbare Pflege des Görlitzer Parks.
Bestandsanalyse
Von Oktober 2013 bis August 2015 wurden eine vegetationskundliche
Typisierung des vorhandenen Baum- und Strauchbestandes, Bodenanalysen sowie faunistische Untersuchungen (Fledermäuse, Käfer, Wildbienen, Vögel) durchgeführt. Ferner wurden die Übernutzungserscheinungen des stark frequentierten Parks wie
ƒƒ 	

Vegetationsschäden durch Trampelpfade, Hundelöcher, Grillstellen

ƒƒ 	

Erosionsschäden an den Hängen

ƒƒ 	

Nutzung der Gebüsche als Freilufttoilette

dokumentiert.
Viele Strauchpflanzungen wiesen in der Zeit der Erhebung erhebliche
Pflegerückstände auf.

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Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Einen Schwerpunkt der Untersuchung stellt der aus naturschutzfachlicher Sicht besonders wertvolle Teich mit seinem Zulaufgraben dar.
Dieser Bereich des Parks ist auf Grund seiner vielfältigen Räume Rückzugsort für Flora und Fauna.
Entwicklungsziele des Parkpflegewerks
Hauptziel ist die Entwicklung weitgehend naturnaher Vegetationsstrukturen, die dem hohen Nutzungsdruck im Park standhalten.
Das Spektrum des Parkpflegewerks beinhaltet hierfür ein breites Bündel
an unterschiedlichen Maßnahmen, angefangen von Pflegerückschnitten
über die Pflanzung von Bienenweiden und Obstgehölzen bis zur Entwicklung von Fledermausquartieren.
Um die Biodiversität zu stützen, soll auch der Biotopverbund zwischen
dem Görlitzer Park, dem Landwehrkanal, dem Flutgraben und dem
Schlesischen Busch gestärkt werden.
Fazit: Das Parkpflegewerk benennt Pflegehinweise, Gestaltungsvorschläge und Naturschutzmaßnahmen, ist aber nicht als Instrumentarium zur Lösung übergeordneter Aufgaben im sozialen oder politischen
Bereich konzipiert. Eine Präsentation des Parkpflegewerks kann auf der
bezirklichen Internetseite* eingesehen werden.
Reinigung
In der Hauptsaison von April bis November 2015 wurde der Görlitzer
Park täglich gereinigt, dazu gehörte auch die Leerung aller Abfallbehälter. In der Folge gab es im vergangenen Jahr keine Beschwerden mehr
über die Vermüllung im Park, wie es in den vorvergangenen Jahren nach
Schönwetterperioden oft der Fall war.

*https://www.berlin.de/
ba-friedrichshain-kreuzberg/
politik-und-verwaltung/aemter/
strassen-und-gruenflaechenamt/gruenflaechen/gruenanlagen/artikel.472555.php

Ab Juni 2016 wird der Park als „Reinigungspilotprojekt“ von der BSR
übernommen, wobei die Reinigungsintensität beibehalten werden soll.

5.8 	 Görli-Haus
Das Haus 3 mit dem Jugendprojekt „Kreuzer“ hat eine wichtige soziale Funktion im Görlitzer Park. Im Rahmen des vorgeschlagenen
Handlungskonzepts wäre das Untergeschoss von Haus 3 zugleich der
geeignete Ort für eine Basisstation der im Park arbeitenden Personen
(Parkkoordination, Parkläufer*innen, Sozialarbeiter*innen und Parkpflegekräfte) und sollte entsprechend ausgebaut werden.

32

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Die AG Görlitzer Park rät jedoch dringend, perspektivisch weitere Funktionen ins Auge zu fassen, die das Haus durch eine Öffnung zum Park hin
haben könnte.
Die folgende Skizze umfasst kein fertiges Planungskonzept, sondern soll
dazu dienen, das Haus und seine Nutzungen bei zukünftigen, den Park
betreffenden Planungsprozessen besonders zu berücksichtigen.
Dieser Prozess soll – so die Empfehlung der AG Görlitzer Park – im Rahmen der für den Park entwickelten neuen Strukturen (Parkkoordination,
Parkrat) beraten und realisiert werden.
Ohne diesem Prozess inhaltlich vorgreifen zu wollen: die AG Görlitzer
Park hält es für erforderlich, dass sich das Gebäude von einem eher
abweisenden, gegenüber dem Parkgeschehen verschlossen wirkenden
Ort in ein Haus verwandelt, das mit seinen Mitarbeiter*innen und Besucher*innen im Park Präsenz zeigt.
Bislang wird das Haus (Erdgeschoss) ausschließlich für die Jugendsozialarbeit „Kreuzer“ genutzt. Das Untergeschoss blieb bisher ungenutzt. Das Projekt „Kreuzer“ des Paul Gerhardt Werks arbeitet sozialintegrativ und aufsuchend mit benachteiligten Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 12 und 20 Jahren, die im Wrangelkiez
leben. Im Rahmen der Öffnung des Kreuzer durch hinausreichende
Sozialarbeit wurde eine Verleihstation für Sport- und Spielgeräte auf
der Betonfläche an der Ostseite des Gebäudes eingerichtet, die von
Kindern und Jugendlichen sehr gut angenommen wird und erheblich zur
kulturellen Belebung des Parkareals beiträgt.
Legende
Funktionsräume/
Angebots- und Werkstattbereich
Räume für die Parkarbeit

WC

(weiteres)

Wiener Straße 59
Nebengebäude
1. Untergeschoss

Dennoch bleibt das Haus 3 – alltagssprachlich auch ‚Bunker‘ genannt –
ein nach außen hin abweisend wirkendes Gebäude in einem schwierigen
Umfeld. Im hinteren Bereich der Betonplatte campieren vor allem in den
Sommermonaten Familien aus Südosteuropa, die mitunter auch im
Park übernachten.

33

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Zugleich sehen sich die Mitarbeiter*innen des Kreuzer mit vielfältigen
Folgen des Drogenhandels konfrontiert, denn das Areal mit den Gebäuden (Haus 1 bis 3) ist insgesamt ein durch den Drogenhandel besonders
belasteter Teil des Görlitzer Parks. Vor allem im Bereich zwischen den
Gebäuden und der Mauer zur Görlitzer Straße kommt es regelmäßig zu
aggressiven Auseinandersetzungen, die mit dem Drogenhandel zu tun
haben.
Dies wirkt sich nicht nur auf die Mitarbeiter*innen der sozialen und
gastronomischen Einrichtungen aus, sondern auch auf Familien mit
Kindern bzw. jugendliche Parknutzende*. Für manche gilt der nördliche
Bereich hinter dem Gebäudekomplex ausdrücklich als „Angstraum“ oder
besonders „unheimlich“, ein Bereich, den man eher meidet. Andererseits finden sich hier auch überwiegend touristische Besucher*innen
des Parks ein, um offen Marihuana zu rauchen.

*siehe dazu Anhang 8.3 Kurzfassung der ethnographischen
Nutzungs­analyse von Frau Dr.
Franziska Becker: „Hier ist jeder
Busch p
­ olitisch“, S. 46

So belastet dieser Ort unter Sicherheitsaspekten einerseits ist, eröffnet
das Haus 3 mit dem ungenutzten Untergeschoss (UG) andererseits viele
Möglichkeiten für die längerfristige soziale Parkentwicklung.
Folgende Funktionen von Haus 3 sind innerhalb des Gesamtkonzepts zu
berücksichtigen:
ƒƒ 	

Büro- und Aufenthaltsräume im Haus (UG): für Parkkoordination, Parkläufer*innen, Sozialarbeiter*innen. Außerdem werden
Räume für Gruppen, die sich im Park engagieren, sowie Räumlichkeiten für Beratungsgespräche, eine Teeküche und Toiletten
benötigt.

ƒƒ 	

Soziale Funktion für den Park: Aktionen und Aktivitäten, die
nach außen wirken und zur kulturellen Belebung des Parks
beitragen

ƒƒ 	

Soziale Kontrolle im Umfeld des Gebäudes durch bauliche
Öffnung und Transparenz mit Hilfe architektonische Neugestaltung

ƒƒ 	

Als Perspektive: Aktivitäten im Haus (UG) mit dem Ziel, Orte
und Gelegenheiten der Begegnung verschiedener Nutzergruppen zu schaffen. Dazu könnten z. B. ein offener Cafébereich,
Sport-, Koch-, Kultur-, Holzwerkstätten gehören. Formen und
Inhalte der Aktivitäten sollten in einem längerfristigen Prozess
unter Beteiligung der Anwohner*innen und Parknutzer*innen
erarbeitet werden.

34

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Bauliche Umgestaltung
Um die o. g. Funktionen realisieren zu können, ist eine bauliche Öffnung des Unter- und Obergeschosses notwendig. Das könnte z. B. durch
große Glastüren geschehen, die sich an der südlichen und nördlichen
Hausseite zur Wiese und zum Parkweg hin öffnen – derzeit verdunkeln
kleine Glasbausteine und vergitterte Fenster das Gebäude in beide Blickrichtungen. Dafür müssten die Stahltreppen und die vergitterten Fensterbereiche abgebaut und evtl. eine Erdreichabtragung für die Öffnung
des Untergeschoss (UG) vorgenommen werden, so dass das Untergeschoss einen direkten Zugang zur Wiese und zum Weg erhält. Außerdem
werden Instandsetzungs- und kleine Umbauarbeiten für neue Räumlichkeiten, Sanierung der Toiletten- und Sanitärräume sowie eine Renovierung aller Räume im UG nötig sein.

5.9 	 Kommunikative Maßnahmen
Zur Unterstützung der vorgeschlagenen Maßnahmen bedarf es verschiedener kommunikativer Aktivitäten. Diese erfüllen folgende Aufgaben: Erstens soll über Form und Inhalt der geplanten Vorhaben im
Rahmen dieses Handlungskonzepts informiert werden. So ist es beispielsweise wichtig, zu verdeutlichen, welche Rolle die Parkläufer*innen
haben. Zweitens geht es darum, die gewünschte Nutzung von Parkflächen darzustellen, zum Beispiel für das Grillen. Drittens soll den Parkbesucher*innen ein Zusatznutzen erschlossen werden, indem beispielsweise über das Ökosystem oder die Geschichte des Parks berichtet wird.
Hierfür sind unterschiedliche Publikationsformate denkbar:
ƒƒ 	

Presseerklärungen informieren über zentrale Vorgänge.

ƒƒ 	

Dialogveranstaltungen dienen dem direkten Austausch mit den
Bürger*innen.

ƒƒ 	

Mit Flyern werden gezielt Gruppen von Anwohner*innen und/
oder Nutzenden angesprochen. So sollte eine mehrsprachige
Infobroschüre erstellt werden, die sich speziell an die jungen
Afrikaner im Park richtet, um zurückhaltendes Verhalten und
die Einhaltung von Parkregeln wirbt und über Ansprechpartner*innen, Kontaktstellen sowie Angebote der sozialen Unterstützung informiert. Eine solche wurde schon einmal von
Joliba e.V. im Rahmen eines kurzfristigen Projektes erstellt und
verteilt. Eine weitere Zielgruppe sind Tourist*innen, die für
Nutzungskonflikte sensibilisiert werden.

35

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

ƒƒ 	Eine Website wäre wichtig. Sie könnte über unterschiedliche
Aspekte des Parks wie z. B. Bau- und/oder Pflegemaßnahmen,
Angebote auf „Aktionsinseln“ usw. berichten und Zusatzinformationen vermitteln. Es könnte aus unterschiedlichen Perspektiven wie der Parkkoordination oder dem Parkrat berichtet und
die Bürger*innen könnten in die Gestaltung einbezogen werden. An die Erfahrungen von „Unser Görli“* sollte angeknüpft
werden.

*http://unsergoerli.de/impressum/

ƒƒ 	Ein Informationssystem mit Tafeln an zentralen Stellen im Park
könnte über Lage und Nutzungsmöglichkeiten informieren. Eine
Verknüpfung über QR-Codes an die Website erscheint sinnvoll.
ƒƒ 	Ein Infokasten an Haus 3 könnte über Aktuelles und Wissenswertes informieren.

5.10 	 Parkrat
Der Parkrat stellt eine auf Dauer angelegte Institution zur Absicherung
von Mitbestimmung und Übernahme von Verantwortung durch Anwohner*innen und Parknutzer*innen dar. Seine Arbeit sollte sich an
den Leitzielen* ausrichten. Der Parkrat hat beratende Funktion, seine
Entscheidungen sind jedoch von Bezirksamt und Verwaltung zu berücksichtigen. Näheres wird in einer zu erarbeitenden Satzung festgelegt.

*siehe 4.2 Ziele, S. 13

Zu den Aufgabenbereichen des Parkrates gehören:
ƒƒ 	

Mitwirkung bei Stellenbesetzungen, die den Park betreffen

ƒƒ 	

Teilnahme an fachübergreifenden Abstimmungen innerhalb des
Bezirkes

ƒƒ 	

Mitwirkung bei der Jahresplanung für den Park durch den Bezirk

ƒƒ 	

Mitwirkung bei der Ideenwerkstatt zu baulichen Ver­
änderungen*

ƒƒ 	

möglicherweise Entwurf einer Parkordnung

ƒƒ 	

„Wächter“ des Handlungskonzepts Görlitzer Park, Einforderung
ausstehender Maßnahmen

*siehe 5.6
Bauliche Maßnahmen, S. 28

Zunächst wird ein „Gründungsrat“ eingesetzt. Er könnte aus einer Dialogveranstaltung hervorgehen. Dabei sollte möglichst auf eine ausgewogene Mischung hinsichtlich Alter, Herkunft und Geschlecht geachtet
werden. Es wäre wünschenswert, wenn möglichst alle Nutzergruppen
vertreten wären.

36

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Der Gründungsrat sollte neun Personen umfassen. Er kann im Laufe
seiner Arbeit weitere Nutzende des Parks als Mitglieder bestimmen,
wenn dies der Vielfalt dient. Die Aufgabe des Gründungsrates ist u. a.
die Erarbeitung einer Satzung, in der weitere Aufgabenfelder festgelegt
werden können.
Satzung und Funktion des Rates sollten durch Beschluss des Bezirksamts bestätigt werden. Der Parkrat ist damit ein anerkanntes Gremium der Bürgerbeteiligung und Mitwirkung an Entscheidungsprozessen
für den Park.
Der Parkrat nimmt seine Arbeit nach einer öffentlichen konstituierenden Sitzung auf, in der die Mitglieder gewählt werden.
Der Parkrat sollte über seine Arbeit informieren und möglichst viele
Nutzer*innen und Anwohner*innen in die Entscheidungsprozesse einbeziehen. So könnten mit Unterstützung der Parkkoordination Dialogveranstaltungen zu speziellen Themen durchgeführt werden.

5.11 	 Zusammenwirken der Maßnahmen
Die dargestellten Maßnahmen erfolgen im Rahmen eines integrierten
Handlungskonzepts, d. h. sie sind aufeinander bezogen. Deshalb würde
es den Erfolg in Frage stellen, sollten einzelne Maßnahme nicht realisiert werden.
Die Ausführenden der verschiedenen Maßnahmen kooperieren. Dabei
haben sie unterschiedliche Rollen inne, die den Nutzenden vermittelt
werden müssen. Die Parkläufer*innen beispielsweise achten auf Regeleinhaltung und sind keine Sozialarbeiter*innen. Letztere wiederum
haben die Belange ihrer Klienten im Fokus.
Ein Aufgabenfeld wird in der Regel nicht allein durch eine Maßnahme
adressiert, und umgekehrt adressiert eine Maßnahme mehrere Aufgabenfelder – zum Teil indirekt. D. h., dass Einzelmaßnahmen für die
meisten der dargestellten Aufgaben und Probleme jeweils für sich allein
keine Lösung darstellen. Die Wirkungsweisen einzelner Maßnahmen
werden in der folgenden Matrix schematisch angezeigt.

37

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

38

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

6.	 Erwartung an Politik und Verwaltung
Um zu einem guten und möglichst konfliktfreien Miteinander im Görlitzer Park zu gelangen, das weder seine jetzigen Nutzer*innen noch
diejenigen ausschließt, die den Park mittlerweile meiden, müssen sich
alle Beteiligten aufeinander zu bewegen. Regeln müssen neu austariert,
Realitäten anerkannt, Kompromisse gefunden werden. Nur wenn der
Park zum Labor für solch einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess
wird und wir uns den Problemen stellen, die viele Metropolen in Europa
auf Grund von Migrationsströmen, Drogenpolitik und Gentrifizierungsprozessen beschäftigen, kann das hier vorgeschlagene Gesamtkonzept
erfolgreich sein.
Für diesen Erfolg braucht es von Politik und auch auf Verwaltungsseite
die entsprechenden fachlichen und finanziellen Ressourcen sowie die
Bereitschaft, gewohnte Bahnen zu verlassen. Denn dieses Konzept ist
nicht von den Zuständigkeiten, sondern von den Problemen und Aufgaben her gedacht. Anders gesagt: die zu seiner Umsetzung erforderlichen
Maßnahmen sind verschiedenen Verantwortungsbereichen zuzuordnen
und nicht allein Aufgabe und Kompetenz des Bezirksamts. Fachübergreifende Koordination ist erforderlich, da sich die vorgeschlagenen Einzelmaßnahmen aufeinander beziehen und Teil einer Netzwerkstrategie
sind. Zu ihrer Umsetzung braucht es klaren politischen Willen, Kreativität und die Bereitschaft zur Erprobung neuer, noch nicht bewährter
Maßnahmen.
Die Verantwortlichkeit für die Umsetzung liegt zunächst sicherlich beim
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg als dem Eigentümer des Parks. Der
Bezirk muss jedoch insbesondere bei der Aufgabe der Sozialen Unterstützung durch die Landesebene gestärkt werden. Die Probleme, die
sich im Görlitzer Park zeigen, sind nicht auf bezirklicher Ebene allein zu
lösen. Zwar gibt es bereits Abstimmungen des Bezirkes mit den Verantwortlichen der Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Umwelt
(bauliche Maßnahmen), Gesundheit und Soziales, Arbeit und Integration
sowie Inneres (Polizei). Für die Realisierung des Konzepts jedoch ist eine
Intensivierung dieser Abstimmungen notwendig.
Anders gesagt: es braucht ein gemeinsames Bekenntnis von Bezirksamt
und Senat zu einem langfristig angelegten Handlungskonzept sowie
eine verwaltungsübergreifende Prozessbegleitung auf verantwortlicher
Ebene, die – in Abstimmung mit den vor Ort tätigen Akteuren – über
weitere Maßnahmen entscheidet.

39

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Das vorgelegte Handlungskonzept ist offen für fachlich begründete Änderungen und Ergänzungen sowie Anpassungen im Zeitverlauf. Die AG
Görlitzer Park, Verfasserin dieses Papiers, schlägt vor, selbst zunächst
weiter beratend tätig zu sein, bis sich auf der Ebene der strategischen
und operativen Prozessbegleitung wie auch der Bürgerbeteiligung (Parkrat) entsprechende Strukturen gebildet haben. Hierzu müsste ihr vom
Bezirksamt ein entsprechendes Mandat erteilt werden.
Vorgeschlagen wird zudem, den gesamten Prozess nach einem angemessenem Zeitraum zu evaluieren.

40

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

7.	 Ressourcenbedarf
Die erforderlichen Ressourcen an Personal und Sachmittel zur Umsetzung der dargestellten Maßnahmen können qualitativ beschrieben, jedoch nicht quantifiziert werden, da beispielsweise bauliche Maßnahmen
in Abstimmung mit den politischen Gremien, Verwaltungen und den
Bürger*innen in den nächsten Schritten auszugestalten und zu konkretisieren sind.
Die folgende Übersicht stellt daher einen Orientierungsrahmen gemäß
des derzeitigen Entwicklungstandes des Konzeptes dar und ist nicht
abschließend und statisch.
Nr.

Maßnahme

Personal

5.2

Parkkoordination und
Praktikerrunde

1 Stelle

Mittel sind im
Bezirkshaushalt
vorhanden

5.3

Parkläufer
*innen

12.000
Einsatzstunden

Mittel müssen
zusätzlich bereit
gestellt werden

5.4

Soziale
Unterstützung

drei Fachkräfte der
sozialen Arbeit

5.5

Aktivierung
und kulturelle
Belebung

0,5 Fachkraft für Mittel für bauliche
Mittel müssen
freizeitpädago- Maßnahmen und den zusätzlich bereit
gische Arbeit
jährlichen Ersatz von gestellt werden
Spielgeräten

5.6

Bauliche
Maßnahmen

Für über die bereits
laufenden Baumaßnahmen hinausgehenden Planungen
müssen zusätzliche
Mittel bereitgestellt
werden

5.7

Parkpflege und
Reinigung

5.8

Görli-Haus

Mittel für die bauliche Instandsetzung
der Kellerräume

Mittel müssen
zusätzlich bereit
gestellt werden

5.9

Kommunikative
Maßnahmen

Mittel für Öffentlichkeitsarbeit und für
Material (Webseite,
Schautafeln, Flyer)

Mittel müssen
zusätzlich bereit
gestellt werden

Evaluierung

Sachmittel

Bemerkung

Projekt- und Honor- Mittel müssen
armittel für verschie- zusätzlich bereit
dene Berufsgruppen gestellt werden
(Sozialarbeit, Psychologie, Medizin, Jura)

Mittel sind im
Bezirkshaushalt
vorhanden

Extern

41

Anhang | Arbeitsauftrag

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

8.	 Anhang
8.1 	 Arbeitsauftrag
Die AG Görlitzer Park legt bis März 2016 einen schriftlichen Vorschlag
von ca. 30 Seiten an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg vor. Die
AG berichtet dem Bezirksamt über den Fortschritt der Arbeit. Basis der
Arbeit ist eine Erfassung der von verschiedenen Gruppen von Anwohnern und Parknutzern wahrgenommen Defizite und Änderungswünsche.
Der Vorschlag beinhaltet mindestens vier Ziele zur Verbesserung der
Aufenthaltsqualität auf der Grundlage definierter Zielgruppen und eines
offen gelegten Leitbilds sowie Maßnahmen zur Realisierung.
Mögliche Handlungsfelder sind:
ƒƒ 	

Maßnahmen zur Verbesserung des sozialen Klimas und der
Einhaltung von Regeln

ƒƒ 	

Bauliche und parkpflegerische Aktivitäten

ƒƒ 	

Verbesserung des sozialpädagogischen Angebots

ƒƒ 	

Kulturelle Belebung

ƒƒ 	Sicherheit
Außerdem wird die AG bei der Formulierung der Aufgabenstellung der
Stelle für die Parkkoordination mitwirken.
Die Ergebnisse der AG werden in einem partizipativen Prozess mit der
Anwohnerschaft kommuniziert und weiterentwickelt.

42

Anhang | Übersicht sozialer Einrichtungen

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

8.2 	 Übersicht sozialer Einrichtungen
Einrichtung

Schwerpunkt Angebot/
Ausrichtung

Adresse

Agentur für soziale Perspektiven e.V. (ASP)

Angebote für
Jugendliche

Lausitzer Str. 7,
10999 Berlin

Alia / Zentrum für Mädchen und junge Frauen

Angebote für Mädchen und
junge Frauen

Wrangelstraße 84 A,
10997 Berlin

Bantabaa e.V.

Nachbarschaft/ Integrationshilfe für Geflüchtete

Falckensteinstr. 18,
10997 Berlin

Begegnungsstätte

Angebote für Senioren

Falckensteinstr. 6,
10997 Berlin

BIK – Berufsorientierung
im Kiez

Berufsbildung

Schlesische Straße 12,
10997 Berlin

Bildungswerk in
Kreuzberg

Berufsbildung

Cuvrystraße 34,
10997 Berlin

CABUWAZI Kreuzberg

Angebote für Kinder- und
Jugendliche

Wiener Str. 59h,
10999 Berlin

Caritas

Mobile Beratungsstelle für
Zuwanderer aus Südosteuropa (MOBI.Berlin)

Levetzowstraße 12a,
10555 Berlin

Circus Schatzinsel

Angebote für Kinder- und
Jugendliche

May-Ayim-Ufer 4,
10997 Berlin

das Edelweiss

Gastronomie im Park

Görlitzer Straße 1-3
(Haus 2),
10997 Berlin

DiTiB - Merkez Moschee
e.V.

Moschee

Wiener Str. 12,
10999 Berlin

Evangelische Martha-Kirchengemeinde

Kirchengemeinde

Glogauer Str. 22,
10999 Berlin

OJA Martha Offene
Jugendarbeit in der Ev.
Martha-Kirchengemeinde

Angebote für Jugendliche
und junge Erwachsene

Glogauer Str. 22,
10999 Berlin

Evangelische Kirchengemeinde Emmaus-Ölberg

Kirchengemeinde

Lausitzer Pl. 8A,
10997 Berlin

Evangelische Taborgemeinde

Kirchengemeinde

Taborstr. 17 ,
10997 Berlin

Expedition Metropolis e.V.

Kultur /Nachbarschaft

Ohlauer Strasse 41,
10999 Berlin

Familien- und Nachbarschaftszentrum Wrangelkiez

Angebote für Familien

Cuvrystraße 13/14,
10997 Berlin

Fatih Moschee

Moschee

Falckensteinstr. 25,
10997 Berlin

FC Kreuzberg e.V. Berlin

Sportverein

Wiener Str. 59 A-G.,
10999 Berlin

43

Anhang | Übersicht sozialer Einrichtungen

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Einrichtung

Schwerpunkt Angebot/
Ausrichtung

Fichtelgebirge GS

Grundschule

Görlitzer Ufer 2,
10997 Berlin

Fixpunkt, SKA Drogenhilfe
/ Kontaktstelle

Drogenberatung

Reichenberger Str. 131,
10999 Berlin

FSV Hansa 07

Sportverein

Wienerstr. 59 A-G.,
10999 Berlin

GRENZRÄUME in SO 36

Soziale Gruppenarbeit

Taborstr. 3,
10997 Berlin

Helmut Ziegner Berufsbildung gGmbH

Berufsbildung

Schlesische Straße 13,
10997 Berlin

Hunsrück Grundschule

Grundschule

Manteuffelstr. 79,
10999 Berlin

JOLIBA - Interkulturelles
Netzwerk in Berlin e.V.

Angebote für Familien

Görlitzer Straße 70,
10997 Berlin

Chip /Jugendhaus

Offene Angebote für Jugend- Reichenberger Str. 44liche
45,
10999 Berlin

Jugendverkehrsschule
(Verkehrsgarten, Spielinsel, Spielwiese)

Angebote für Kinder

Wiener Str. 59 c,
10999 Berlin

Kinderbauernhof auf dem
Görlitzer e.V.

Angebote für Kinder

Wiener Str. 59b,
10999 Berlin

Kreuzberger Stadtteilzentrum

Nachbarschaft

Lausitzer Straße 8,
10999 Berlin

Kreuzer, PGW

Sozialintegrative Gruppenarbeit, Angebote für
benachteiligte Jugendliche,
Ausleihstation, Flüchtlingsprojekte

Görlitzer Straße 1-3
(Haus 3 im Görlitzer
Park),
10997 Berlin

Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und
Migrant_innen e.V. KUB

Beratung

Oranienstr. 159,
10969 Berlin

Maschari Center Omar
Moschee

Moschee

Wiener Straße 1-6,
10999 Berlin

Misfit / Drogen- und
Suchtberatung

Drogenberatung

Cuvrystraße 1,
10997 Berlin

Obdachlosentreff/Wohnungslosentagesstätte

Angebote für Wohnungslose

Cuvrystraße 11-12,
10997 Berlin

Adresse

Werkstatt Integration
Zentrum Schule - Jugendhildurch Bildung (WIB) RAA, fe Friedrichshain-Kreuzberg
Regionale Arbeitsstelle für
Bildung, Integration und
Demokratie e.V.

Adalbertstr. 23b,
10997 Berlin

Refik-Veseli-Schule

Skalitzer Str. 55,
10997 Berlin

Sekundarschule

44

Anhang | Übersicht sozialer Einrichtungen

Einrichtung

Schwerpunkt Angebot/
Ausrichtung

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Adresse

Regenbogenfabrik Block
109 e.V.

Kultur /Nachbarschaft

Lausitzer Straße 22,
10999 Berlin

Rosa-Parks-Grundschule
Berlin

Grundschule

Reichenberger Str. 65,
10999 Berlin

Schwarzlicht-Minigolf-Berlin und Parkcafé,

Gastronomie im Park

Görlitzer Str. 1, im
Görlitzer Park, Haus 1,
10997 Berlin

SPIELwagen 1035 e.V.,

Angebote für Kinder

Schreinerstraße 18,
10247 Berlin

NaunynRitze /Sport-,
Bildungs- und Kulturzentrum

Angebote für Kinder, Jugend- Naunynstraße 63,
liche und junge Erwachsene 10997 Berlin

St. Marien Liebfrauen

Kirchengemeinde

Statthaus
Böcklerpark

Angebote für Kinder, Jugend- Prinzenstraße 1,
liche und junge Erwachsene 10969 Berlin
Soziokulturelles Zentrum

T.E.K Jugendladen Till
Eulenspiegel - Kette e.V

Angebote für Jugendliche
und junge Erwachsene
Jugendsozialarbeit

Köpenicker Straße 189,
10997 Berlin

Schlesische 27
Verein zur Förderung der
interkulturellen Jugendarbeit e.V.

Angebote für Jugendliche
und junge Erwachsene
Kultur /Berufsbildung

Schlesische Str. 27b,
10997 Berlin

Wrangelstr. 50/51,
10997 Berlin

Stand 05/2016

45

Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

8.3 	 Kurzfassung der ethnographischen Nutzungs­analyse
von Frau Dr. Franziska Becker: „Hier ist jeder Busch
­politisch“
Die folgende Kurzfassung des Abschlussberichts fasst die Ergebnisse der
ethnographischen Nutzungsanalyse zum Görlitzer Park zusammen, die
von der Leitung des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirksamtes
Friedrichshain-Kreuzberg im Oktober 2015 in Auftrag gegeben wurde
(siehe ausführlicher Endbericht).
Auftragsbeschreibung
Der Auftrag wurde im Rahmen der am 01.10.2015 erfolgten Ausschreibung „Unterstützung ‚dialogische Konzeptentwicklung‘ für den Görlitzer
Park“ erteilt. Die in der Ausschreibung formulierten Aufgabenstellungen
umfassen (a) die „Durchführung einer Nutzungsanalyse für den Park als
aktuelle Zustandsbeschreibung“ und (b) die „dialogische Erfassung der
Wahrnehmung von Defiziten und Wünschen bei Anwohner/innen sowie
tatsächlichen und potentiellen Nutzer/innen.“ Besonders zu berücksichtigen sind dabei Problemfelder wie „Lärmbelästigung, Drogenverkauf
und -konsum, ‚Angsträume‘, Verschmutzung, Kriminalität, Übernutzung
u.a.“, die „von den verschiedenen Nutzergruppen unterschiedlich intensiv wahrgenommen werden.“ – „Durch Gespräche mit Schlüsselpersonen sowie sonstigen tatsächlichen bzw. potentiellen Nutzern des Parks
(soll) eine handlungs- und ergebnisorientierte Analyse der Situation
und eine Zielbeschreibung für Veränderungen“ erstellt“ werden. „Dabei
sollen die als problematisch wahrgenommenen Gruppierungen in den
Prozess einbezogen werden.“ Die Nutzungsanalyse ist ein Baustein in
der Erarbeitung einer „Gesamtkonzeption zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität im Görlitzer Park.“ (entsprechend der Ausschreibung vom
01.10.2015)
Sozialraumorientierte Nutzungsanalyse
In dem von mir vorgelegten Konzept wurden Methoden und Vorgehen
einer empirisch abgesicherten, sozialraumorientierten Nutzungsanalyse
beschrieben, die den zeitlichen und inhaltlichen Vorgaben und Zielstellungen der Ausschreibung angepasst sind. In einem öffentlichen Raum
wie dem Görlitzer Park mit heterogenen Nutzergruppen und vielen sozialen Funktionen ermöglicht sie eine tiefergehende Analyse sozialraumbezogener Praxis. So erfasst sie u.a. geschlechts-, generationen-und
kulturspezifische Aspekte der Raumnutzung und Raumwahrnehmung
(Multiperspektivität).

46

Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Weiterhin erfasst sie aktuelle und potentielle Nutzungskonflikte aus
unterschiedlichen Perspektiven. Und schließlich ermöglicht sie, auch
‚weiche Faktoren‘ wie Stimmungsbilder und Atmosphären, das Image
des öffentlichen Raumes oder das subjektive Sicherheitsempfinden zu
erfassen.
Ethnographische Forschungsperspektive und Feldzugang
Der Forschungszugang erfolgte über eine mehrwöchige ethnographische Feldforschung, die ich im Zeitraum von Anfang November bis Ende
Dezember 2015 sowie im März 2016 im Görlitzer Park und den angrenzenden Wohngebieten (Wrangelkiez und Reichenberger Kiez) durchführte. Um als Forscherin soweit wie möglich an den Alltagsroutinen
des sozialen Lebens im Park teilzunehmen, das Nutzungsverhalten zu
beobachten und Kontakte zu verschiedenen Nutzergruppen zu erhalten, hielt ich mich an insgesamt 28 Tagen jeweils mehrere Stunden zu
unterschiedlichen Tageszeiten (mehrmals bis in die späten Abendstunden) sowohl wochentags als auch an Wochenenden an unterschiedlichen Stellen im Park auf (Teilnehmende Beobachtung). Während dieser
Zeit führte ich Befragungen mit verschiedenen NutzerInnen durch, hielt
mich an Treffpunkten bestimmter Gruppen auf und bekam Kontakt
zu Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt im Park haben bzw. einen
Großteil ihrer Zeit dort verbringen. Vertiefende Interviews mit AnwohnerInnen, die den Park nutzen oder meiden, fanden in den umliegenden
Kiezen in Privatwohnungen, sozialen Einrichtungen, Dienst- und Gewerberäumen statt. Interviews mit Schlüsselpersonen, die über ein hohes
Wissen der Situation vor Ort verfügen bzw. im/am Görlitzer Park tätig
sind, ergaben sich durch eigene Recherchen, vor-Ort-Besuche und auf
Empfehlungen sozialraumbezogener ExpertInnen, lokaler (Kiez)Initiativen, sozialer Einrichtungen u.a. Die Untersuchung wurde allen GesprächspartnerInnen gegenüber als Auftragsforschung im Auftrag des
Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg
ausgewiesen.
Qualitative Methoden der Nutzungsanalyse
Das methodische Vorgehen der Forschung erfolgte auf der Basis qualitativer Erhebungs- und Auswertungsverfahren, es beansprucht im Unterschied zu quantitativen Verfahren der empirischen Sozialforschung
also keine statistische Repräsentativität. Die Nutzungsanalyse umfasst
ein spezifisches Methodensetting, das auf die lokale Situation des öffentlichen Raums (Görlitzer Park) ausgerichtet ist.

47

Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

ƒƒ 	

Die Erhebungsmethoden erfassen die aktuelle Sicht von (potentiellen) NutzerInnen auf das Untersuchungsgebiet (Raumnutzung, Raumwahrnehmung, Rauminteraktion).

ƒƒ 	

Die Methoden erfassen die Beziehungen zwischen unterschiedlichen, im Untersuchungsgebiet vertretenen Gruppen sowie
Nutzungsarrangements und -konflikte.

ƒƒ 	

Die Methoden erbringen tiefere Einblicke in das Untersuchungsgebiet und das Alltagsgeschehen vor Ort.

ƒƒ 	

Die Methoden sind darauf ausgerichtet, auch schwerer erreichbare Gruppen (insb. die als problematisch wahrgenommenen
Gruppierungen) einzubeziehen.

Zu den Erhebungsmethoden gehören:
ƒƒ 	

Teilnehmende Beobachtung zur sozialen Situation und zum
Nutzungsverhalten im Park

ƒƒ 	

Begleitete Parkrundgänge und Begehungen im Umfeld (mit
OrtsexpertInnen, AnwohnerInnen, Mitgliedern der
AG GÖRLITZER PARK)

ƒƒ 	

Ad-Hoc-Gespräche und Kurzinterviews im Park mit NutzerInnen (differenziert nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Ortsbezug,
Wohndauer). Insgesamt wurden Befragungen mit 62 Personen
im Park durchgeführt, darunter überwiegend AnwohnerInnen
aus den angrenzenden Straßen und Kiezen

ƒƒ 	

Qualitative Interviews mit (a) AnwohnerInnen, die im Umfeld
des Parks wohnen/arbeiten, mit (b) MitarbeiterInnen, die in
sozialen Einrichtungen und Gastronomien im Park oder im Umfeld in Kitas und Grundschulen, Familien- und Nachbarschaftszentrum, Seniorenfreizeitstätte, Moschee- und Kirchengemeinden, Jugendeinrichtungen tätig sind, mit (c) Schlüsselpersonen,
die über ein hohes bzw. spezialisiertes Wissen über die Situation vor Ort verfügen. Insgesamt wurden mit 187 Personen
leitfadengestützte Interviews durchgeführt.

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Informelle Gespräche mit Menschen, die einen Großteil ihrer
Zeit im Görlitzer Park verbringen und als schwer erreichbare
bzw. problematische Nutzergruppen wahrgenommen werden.
Insgesamt kam ich mit 16 Männern (überwiegend aus
Westafrika) in näheren Forschungskontakt (zur Situation im
Park, zu Fluchterfahrung und Migrationsverlauf, Lebenssituation bzw. aufenthaltsrechtlichen Problemen, Abläufen des
Cannabis-Drogenhandels).
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Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Zentrale Ergebnisse der sozialraumorientierten Nutzungsanalyse
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Es lassen sich deutliche Verdrängungsprozesse von (potentiellen) Nutzergruppen feststellen, die durch den Drogenhandel
im Görlitzer Park bedingt sind. Dies betrifft insbesondere die
türkisch- und arabischstämmige (alteingesessene) Wohnbevölkerung.

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Der offene Drogenhandel hat sich in den letzten Jahren in der
Grünanlage ausgebreitet; dies betrifft die Anzahl der Dealer,
die mit der gestiegenen, u. a. durch den Tourismus bedingten
(Cannabis-) Nachfrage zusammenhängt.

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Der (Park-)Tourismus wird von großen Teilen der Anwohnerschaft als Belastung wahrgenommen (aus dem Gleichgewicht
geratene soziale Nutzerstruktur bzw. Übernutzung, Drogenkonsum, Lärm, Müll in der Grünanlage).

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Die illegale Marktstruktur des Drogenhandels durchdringt den
öffentlichen Raum der Parkanlage als Freizeit- und Erholungsraum. Die Folgen sind eine gegenseitige, von Vorsicht und
Misstrauen geprägte Beobachtungsstruktur, das Spalierstehen
von Händlergruppen und ihre offensive Ansprache von (potentiellen) KonsumentInnen (Cannabis).

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Das Verkaufsverhalten der Drogenhändler ist besonders belastend für Frauen und Mädchen. Auch hier lässt sich ein deutliches Meidungsverhalten bzgl. des Parks feststellen. Dies hängt
auch mit der Mischung aus bedrängender Kundenwerbung und
teils sexualisierter ‚Ansprache‘ zusammen, die jüngere Frauen
und Mädchen betrifft.

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Deutliche Ängste, den Park zu betreten oder sich darin aufzuhalten, artikulierten vor allem Frauen türkischer Herkunft.
Dabei ging es um die allgemeine Atmosphäre im Park. In den
türkisch- und arabischstämmigen Familien gelten Ängste vor
allem den (jugendlichen) Kindern, die im Park so einfach an
Drogen gelangen können.

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Viele Jugendliche meiden den Park bzw. dürfen ihn von Elternseite wegen des Drogenhandels nicht aufsuchen. Dass der Park
als ‚Gefahrenzone‘ gilt, schränkt ihre Möglichkeiten ein, sich im
Nahraum zu bewegen. (z.B. Schulwege, Besuche von Jugendeinrichtungen durch den Park).

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Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

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Der Kinderschutz und die Einschränkungen, die Kinder durch
den Drogenhandel erfahren (nicht allein einfach in den Park
gehen, nicht Verstecken spielen, Gefahr von Drogen-funden
in Büschen und auf Spielplätzen etc.), werden als gravierende
Probleme benannt – und dies in einem sehr verdichteten Gebiet
mit beengenden Wohnverhältnissen.

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Das Thema Kinder- und Jugendschutz spielt auch in Kitas und
Grundschulen im ‚Sozialraum Görlitzer Park‘ eine Rolle, wenngleich jede Einrichtung ihren jeweiligen (pädagogischen) Umgang damit entwickelt hat. Besonders davon betroffen ist eine
soziale Einrichtung im Park (Kinderbauernhof), weil sie an einer
der direkten Kontaktzonen von Händlern und Käufern liegt.

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Der Drogenhandel und verschiedene Formen von Umfeldkriminalität bewirken, dass der Park von vielen, meist älteren Menschen, als „unsicher“ oder „unheimlich“ wahrgenommen wird.
Als expliziter ‚Angstraum‘ gilt der Bereich hinter den früheren
Bahngebäuden, die sich im Park befinden (Häuser 1 bis 3 an der
Görlitzer Straße).

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Großeinsätze der Polizei, die im Rahmen der ‚Null-Toleranz-Strategie‘ des Berliner Innensenators zu mehr Polizeirazzien im Görlitzer Park geführt haben, sind in der Anwohnerschaft umstritten (Verlagerung der Drogenszene in die
Seitenstraßen, Verhältnismäßigkeit, Eskalation und Kosten).
Stattdessen hielten viele mehr (stationäre) Präsenz der Polizei
im Park bzw. andere polizeiliche Strategien für effektiver.

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Bei vielen Anwohner- und NutzerInnen war eine ambivalente
Positionierung festzustellen: So thematisierten sie die Belastungen durch den Drogenhandel und artikulierten zugleich
Empathie für die Drogenverkäufer (überwiegend junge Männer
aus Westafrika) und ihre prekäre Situation als Flüchtlinge/
Migranten.

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Viele Nutzer- und AnwohnerInnen sehen es als unrealistisch an,
den Drogenhandel durch ausschließlich repressive Maßnahmen
aus dem Park verdrängen zu können. Es werden Integrationshilfen befürwortet, um den jungen afrikanischen Männern
Alternativen zum Drogenhandel zu bieten (Beschäftigung,
Einbindung in Gemeinwesen-Projekte etc.)

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Der Drogenmarkt, in den viele der afrikanischen Männer (aber
nicht alle) im Park involviert sind, ist eine prekäre (illegale)
Ökonomie, die auch mit dem unsicheren rechtlichen Status der
Migranten/Flüchtlinge zusammenhängt.

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Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

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Die aufenthaltsrechtlichen Bedingungen der aus afrikanischen
Ländern stammenden Männer im Park sind sehr unterschiedlich und damit auch ihr Zugang zu Wohnungs-, Arbeits- bzw.
Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Ein großer Teil
sind sog. Lampedusa-Flüchtlinge, denen diese Zugänge strukturell fehlen, weil sie sich außerhalb des deutschen Asylverfahrens, d. h. ohne Duldung in Deutschland/Berlin aufhalten, da
sich der deutsche Staat für diese Gruppe nach dem Dublin-Abkommen nicht zuständig erklärt. Manche der Männer sind ganz
illegalisiert (ohne Identitätspapiere), andere sind im deutschen
Asylverfahren und kommen aus Flüchtlingsunterkünften in
anderen Bundesländern.

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Viele der jungen Männer befinden sich in einer migrationsbedingten Spannungssituation. Sie haben keine reguläre Arbeit
oder Beschäftigung und stehen zugleich unter dem Erwartungsdruck, ihre Familien in den Herkunftsländern in Afrika zu
versorgen. Geld aus dem (Cannabis-)Drogenhandel fließt im
Rahmen des transnationalen Geldtransfers („Remittance“) in
die familiären Versorgungssysteme nach Westafrika zurück.

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Aus der Sicht von in der Flüchtlingsberatung tätigen RechtsexpertInnen sind Einzelfallprüfungen und individuelle Beratungen bezüglich der Situation der Männer im Park sinnvoll,
um aufenthaltsrechtliche Fragen zu klären, (niedrigschwellige)
Integrationsmöglichkeiten und ggf. Rückkehrhilfen auszuloten.
Helferkreise unterstützen geflüchtete Menschen im und um den
Görlitzer Park, können eine (professionelle) aufsuchende
Sozialarbeit im Park (mit Lotsenfunktion in die Beratungsinstitutionen für Geflüchtete im Berliner Stadtraum) jedoch nicht
leisten.

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Auch eine andere Gruppe, die als sog. ‚problematische Nutzergruppe‘ wahrgenommen wird, ist von struktureller Ausgrenzung betroffen. Die Familien aus Südosteuropa können sich im
Rahmen der EU-Freizügigkeit zwar legal in Deutschland aufhalten, bekommen jedoch kaum Wohnungen oder reguläre Arbeit
und sind deshalb obdachlos. Dies betrifft auch jene Familien,
die sich im Görlitzer Park aufhalten und dort in den Sommermonaten im Freien kampieren. Wenn sie nicht in Minijobs sind,
gehen sie oft prekärer Schwarzarbeit nach. Unter migrationspolitischen Gesichtspunkten ist auch diese Gruppe, die sich
hauptsächlich im öffentlichen Raum (Görlitzer Park) aufhält,
von struktureller Ausgrenzung betroffen.

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Anhang | Kurzfassung der ethnographischen Nutzungsanalyse

Handlungskonzept Görlitzer Park (Mai 2016)

Handlungsbedarf im ‚Gemeinwesen‘ Görlitzer Park
Der Görlitzer Park lag bislang nicht im Fokus eines gemeinwesenbezogenen Handelns und fiel als öffentliche Parkanlage in der Vergangenheit
aus dem Fördergebiet des Quartiersmanagements heraus. Im Rahmen
der Initiative „Aktionsraum Plus“ wurden zwar viele einzelne Maßnahmen für den Park umgesetzt, doch eine kontinuierliche, zielgerichtete
Verstetigung fand nicht statt. Im Blick auf die Regulierung von Nutzungskonflikten im Park existieren viele (unterschiedliche) Positionen
und Interessen, aber es zeigen sich auch Lähmungen, Blockaden und
Hilflosigkeit, auf welchen Ebenen Verbesserungsmaßnahmen ansetzen
könnten. Denn der Park ist nicht nur ein lokales Handlungsfeld, sondern
zugleich ein globalisierter Sozialraum (Tourismus, Migration/Flucht,
Gentrifizierung) und ein Brennpunkt für verschiedene sozialpolitische
Themen (Drogenpolitik, Asylpolitik) auf nationaler bzw. europäischer
Ebene.
Auf lokaler Ebene gilt es, die Gemeinwesenverantwortung für den
Görlitzer Park zu fördern, mit dem Ziel, der Zersplitterung von Einzelinteressen entgegenzuwirken und abgestimmte kooperative Handlungsstrukturen zu schaffen, die direkt auf den Park fokussiert sind. Dazu
sind neue Strukturen für die kooperative Zusammenarbeit zwischen
Senat und Bezirk sowie lokaler Zivilgesellschaft und entsprechende demokratische Mitwirkungsformate erforderlich. Die AG GÖRLITZER PARK
hat dazu ein integriertes Handlungskonzept ausgearbeitet, das verschiedene Maßnahmen (Parkstruktur/Partizipation, Soziales, Sicherheit,
kulturelle Belebung etc.) umfasst.
Die empirischen Ergebnisse der SOZIALRAUMORIENTIERTEN NUTZUNGSANALYSE sind in meine Beratungstätigkeit der AG GÖRLITZER PARK
eingeflossen.

Berlin, Mai 2016

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