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Full text: Stimmen zum Berliner Schloss - Humboldtforum

Stimmen zum

BERLINER SCHLOSS –
HUMBOLDTFORUM
Das Erbe bewahren, um die Zukunft zu gewinnen

Stimmen zum

BERLINER SCHLOSS –
HUMBOLDTFORUM
Das Erbe bewahren, um die Zukunft zu gewinnen

Herausgegeben von der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum

Inhalt

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Manfred Rettig, Frank Nägele	
Martin Heller	
Christine von Heinz	
Richard Schröder	
Antje Vollmer	
Rainer Bomba	
Klaus-Dieter Lehmann	
Jan-Hendrik Olbertz	
Claudia Lux	
Udo Lindenberg	
Peter Raue	
Eric Schweitzer	
Peer Steinbrück	
Hermann Parzinger	
Horst Bredekamp	
Josef Ackermann	
Monika Grütters	
Christina Weiss	
Klaus Töpfer	
Martin Roth	
Irmgard Schwaetzer	
Wolfgang Thierse	
Jens Odewald	
Stephan Schwarz	
Wilhelm von Boddien	
Karl-Ludwig Kley	
Matthias Lilienthal	
Hans Heinrich Driftmann	
Hannes Swoboda	

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Autorenverzeichnis
Impressum

Vorwort
Vom Glück eines Neuanfangs
Der Name als Programm
Welch eine schöne Botschaft
Eine kulturelle Zeitreise
Ohne Preußens Glanz und Gloria
Gespräche in und mit der Welt
Den Alltag wissenschaftlich entdecken
Treffpunkt Bibliothek
Ort des lebendigen Dialogs
Auf Augenhöhe
Herausforderung für Stuckateure und Steinmetze
Projekt ohne Alternative
Damit die Welt sich selbst betrachten kann
Großartiger geht es nicht
Von Humboldt geprägt
Eine Vision für Berlin und Deutschland
Blick über den Jägerzaun
Ausrufungszeichen der Geschichte
Kunst und Kultur und kein Kommerz
Nichts anderes sein als neugierig
Geschichte mit Zukunft verbinden
Eine nationale Aufgabe
Brücke zwischen Tradition und Innovation
Marketing für eine verrückte Idee
Begeisterung für Bildung wecken
Ein wenig Avantgarde
Weltoffenheit ausstrahlen
Zum Spannenden des Projekts bekennen

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Vorwort

Mit dem Berliner Schloss – Humboldtforum entsteht in der
Mitte der deutschen Hauptstadt das bedeutendste europäische Kulturprojekt am Anfang des 21. Jahrhunderts. Nach
einer langjährigen, durchaus auch kontroversen öffentlichen
Diskussion über Gestaltung und Inhalt hat sich der Deutsche
Bundestag mit fraktionsübergreifender Mehrheit für die Rea­
lisierung dieses einmaligen Projektes ausgesprochen. Voraussetzungen für das Engagement des Bundes waren die
Beteiligungszusage Berlins und die Spendenbereitschaft der
Bürgerinnen und Bürger.
Damit erfährt der hoffentlich niemals endende Prozess
„Humboldtforum“ eine neue Dynamik. In den historischen
Fassaden des Berliner Schlosses entsteht im Herzen Berlins
ein weltweit strahlender Kulturort, der mit seinen Inhalten
und seiner Architektur, mit seiner Verbindung von Museen,
Universität und Bibliothek, mit seinen großen Veranstaltungsräumen etwas Neues und Ein­maliges sein wird. Es entsteht
ein Leuchtturm, ein Anziehungspunkt, der für Berlin eine
Bedeutung haben wird, wie für London das British Museum,
für Paris der Grand Louvre und für Madrid der Prado.
Mit seinen Inhalten und seiner Architektur, mit seiner
Transformation und Rekonstruktion, erhält das Humboldt­
forum im Berliner Schloss ein unvergleichbares Alleinstellungsmerkmal.
Für die von der Bundesregierung gegründete Stiftung
Berliner Schloss – Humboldtforum ist es Ehre und Herausforderung, den Bau zu verwirklichen. Erfreulich ist dabei das
breite bürgerschaftliche Engagement, von dem das Projekt
getragen wird.
Als Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum danken wir allen Autorinnen und Autoren dafür, dass sie
zum Gelingen dieser Broschüre beigetragen haben.

Manfred Rettig 			

Dr. Frank Nägele

Manfred Rettig
Sprecher des Vorstands

Dr. Frank Nägele
Kaufmännischer Vorstand

„Die Beteiligten müssten eine
Absicht, ein Leitbild, eine Vision
teilen und dann auf ihre Weise
an der Verwir­klichung dieser
Vision mitarbeiten.“

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Vom Glück eines
Neuanfangs
Interview mit Martin Heller

Das Berliner Schloss – Humboldtforum gilt als größtes Kultur­
projekt Deutschlands. Was reizt Sie, an diesem Projekt mitzu­
arbeiten und es nach Möglichkeit auch zu prägen?
Im Kern reizt mich die Ambition, die dahinter steht. In der
Mitte Berlins eine Institution zu schaffen, die etwas Neues ist.
Die zwar zum Teil auf bekannte Strukturen und Formate zurückgreifen kann, sich aber zugleich zu eigen macht, etwas
Neues in die Welt zu stellen und an diesem prominenten Platz
Deutschland in seinem Bezug zur Welt zu thematisieren. Das
finde ich hinreißend. Das wäre in der Schweiz nicht möglich,
auch nicht in Österreich. Das ist einzigartig. Diese Ambition ist
gigantisch, und ich liebe gigantische Ambitionen. Mithelfen
zu können, möglichst viel von dieser Ambition auf eine kluge
und kompetente, professionell und emphatisch gleichermaßen intensive Weise zu verwirklichen: das ist es, was mich
interessiert.
Was ist neu an der Idee des Humboldtforums?
Etwas Neues zu schaffen heißt, etwas Neues zu erfinden.
Kann man sich als – mehr oder weniger – laienhafter Kulturkonsument vorstellen, dass sich in dieser Welt überhaupt
noch etwas Neues erfinden lässt? Ich bin davon überzeugt.
Dieses Problem kennt jeder Künstler, jede Künstlerin. Etwas
Neues zu erfinden heißt, aus dem Vorhandenen eine neue
Konstellation herzustellen. Für mich ist das immer auch die
Konsequenz aus einer zeitspezifischen Bedingung, die ich in
meinem Leben mit großer innerer Zustimmung akzeptiert
habe: der Postmoderne als einer unendlichen Fülle von Möglichkeiten. Wenn es dort heißt: „anything goes“, alles geht,
so ist es ein hoher Akt von Verantwortung, das auszuwählen,
was besonders gut zusammen geht und was besonders
Sinn macht.
Dieser Wahlprozess nun und dieses Komponieren, das ist
die Erfindung – die im übrigen aus viel Bekanntem bestehen
kann, was in neue Beziehungen zueinander gesetzt wird. In
einem historischen Gebäude einen Ort aktueller Begegnungen
zu schaffen, das ist ein scheinbarer Widerspruch, der über
genau solche Einsichten aufgelöst werden kann. Es gilt, über
die Inhalte Verbindlichkeiten zu schaffen und mit diesen Inhalten ein neues und breites Publikum anzusprechen. Nicht
im Sinne eines tradierten Museums, sondern eben im Sinne
einer Institution, die lebt, und die auch dem Schauvergnügen
einen hohen Stellenwert einräumt. Das alles sind Dinge, die
zu ihrer Realisierung viel Arbeit, viel Fingerspitzengefühl und
vielleicht auch Testreihen und experimentelles Verhalten verlangen.

Wenn es gelingt, diese Chance zu realisieren, wie wirkt das
möglicherweise auf andere Hauptstädte, die sich zugute hal­
ten, auch Metropolen zu sein – sei es Paris oder London.
Hätte Berlin dann eine Position der Einzigartigkeit?
Mit Sicherheit. Das Interesse aus Kreisen der Fachöffentlichkeit, also von Experten, die sich mit Museen und museumsähnlichen Einrichtungen dieser Art beschäftigen, dieses Interesse ist groß. Aus dem einfachen Grund, weil es einen derart
prominenten Neuanfang nicht alle Jahrzehnte gibt. Die Bedeutung beispielsweise auch der beiden Dahlemer Sammlungen, die ins Humboldtforum kommen, das repräsentative,
symbolische Gewicht des Ortes, die Bedeutung der Thematik,
dass Deutschland sich hier der Welt stellt – das sind alles
Ingredienzien, die an Einzigartigkeit fast nicht mehr zu überbieten sind. Und wenn es gelingt, könnte das Humboldtforum
so etwas wie ein Rollenmodell sein. Nicht nur für Institutionen
gleicher Art, sondern auch in der Denkweise.
Das Schwierige bei einer Aufgabe dieser Größe besteht
natürlich darin, in das Projekt eine konsistente Haltung hineinzubringen. Vielleicht nicht bei den Architekten. Aber wenn
es darum geht, das neue Schloss zu bespielen und von innen
her zu gestalten, da müsste im Grunde vom Eingang bis ins
Obergeschoss und zum Dachrestaurant und wieder nach unten zum Schlüterhof eine konsistente Haltung spürbar sein.
Konsistent meint übrigens keineswegs uniform. Sondern: Die
Beteiligten müssten eine Absicht, ein Leitbild, eine Vision
teilen und dann auf ihre Weise an der Verwirklichung dieser
Vision mitarbeiten. Weil das so vielgestaltig ist und so groß,
und weil die Projektwirklichkeit dem nicht immer zugeneigt
ist, fällt das mitunter so schwer, kann anderseits aber ungemein beglückend sein.
Da Sie zumindest der Teilgestalter dieses Projekts sind: von
wem würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen oder er­
warten?
Was das Projekt auf meiner Ebene dringend braucht sind Ressourcen, in jeder Hinsicht. Geld, Personen, Unterstützung auf
der Inhaltsebene. Im Moment ist der ganze Schöpfungsprozess des Humboldtforums gewissermaßen delegiert an das
Baugeschehen. Das Inhaltsgeschehen soll sich irgendwie
selbst helfen. Zwar ist es überhaupt nicht so, dass nur Geld
glücklich macht und den Erfolg bringt, aber ohne Geld eine
solche Aufgabe stemmen zu wollen ist absolut unmöglich.
Und da wünsche ich mir nicht nur finanzielle Unterstützung,
sondern für alle inhaltlich Beteiligten einfach mehr Spielraum,
mehr Optionen. »

Könnten Sie sich vorstellen, dass sich der ganz normale
Bürger auch an der inhaltlichen Ausgestaltung des Humboldt­
forums beteiligt?
Ich habe in meinem Leben viele Partizipationsprozesse erlebt.
Die meisten davon waren wirkungslose Selbstläufer. Wenn Sie
Menschen hoffnungsfroh einladen, Beiträge zu leisten, und
die können Sie dann nachher gar nicht umsetzen, dann fühlen sich die Leute zu recht für dumm verkauft. Also muss die
Überzeugung vorhanden sein, die Geschenke der vielen auch
nutzen zu können. Ich glaube nicht, dass die Ablieferung von
Ideen im Sinne eines Speakers Corner dem gerecht würde.
Inhaltsentwicklung ist eine hochprofessionelle Arbeit und
nährt sich unter anderem daraus, dass man sein Publikum
immer vor Augen hat. Alles, was man für einen Ort wie das
Humboldtforum plant, rechtfertigt sich einzig dadurch, weil
es ein Publikum geben wird. Aber es wäre falsch, diesem Publikum zu suggerieren, es dürfe uns jetzt die leuchtenden
Ideen liefern, die wir selbst nicht haben. Das ist eine Verkennung der kulturellen Realität.
Wie aber können Zuspruch oder sogar Begeisterung für das
Projekt in breiteren Schichten der Bevölkerung geweckt
werden?
Ich würde es bevorzugen, dass das Publikum beispielsweise
auf einer Art Probebühne Gelegenheit erhält, in die Werkstatt
der Entwicklung zu schauen. Normalerweise finden solche
Prozesse hinter verschlossenen Türen statt. Eine solche Probebühne etwa in Dahlem bedeutet, dass die, die dabei sein
wollen, halt nach Dahlem hinausfahren müssen. Ähnliches
kann möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt auch die
Info-Box auf dem Schlossplatz auffangen. Also: Wer will, kann
sich informieren und mag auch seinen Kommentar abgeben,
ohne dass er oder sie die Last der Ideenfindung tragen muss.
Mich stört, dass oft suggeriert wird, es reiche, Ideen zu haben. Ideen zu haben ist relativ einfach. Aber eine Idee ist
noch lange keine Erfindung. Eine Erfindung besteht daraus,
dass man versucht, einer Idee zur Existenz in der Welt zu verhelfen, sie im Realen zu verankern, in der Wirklichkeit. Das ist
die Erfindung. Eine Beteiligung einzufädeln, ist ein Akt hoher
Verantwortung von denen, die das betreiben. Deshalb beschäftigen mich Formen wie eine Probebühne, auf der man
bereits vor der Premiere an einer Produktion teilhaben kann.
Mich hat am Theater immer fasziniert, dass man da sehen
kann, wie etwas entsteht und dabei seine Meinung prüft und
formt.

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Glauben Sie, dass das deutsche Publikum, das Berliner Pub­
likum besonders schwierig oder gnadenlos ist? Kann eine
Probebühne auch etwas kaputt machen?
Wenn man so denkt, sollte man besser gar nicht anfangen. Im
letzten Herbst habe ich eine wunderbare Erfahrung gemacht.
Wir hatten in der ehemaligen Turbinenhalle des Kraftwerks
Mitte eine ungewöhnliche Ausstellung realisiert, „Realstadt“,
die in acht Wochen rund 30.000 Besucher anzog. Das war eines der beglückendsten Projekte, das ich überhaupt je erlebt
habe, und darüber hinaus eine wunderschöne Begrüßung
durch die Berliner. Dazu kommt: Solche Fragen stellen sich
nicht in einer Hauptstadt. Ohne jeden Nationalismus meine
ich, dass die Berliner viel stärker in ihre Hauptstädterrolle
hin­einwachsen sollten. Bis dahin, dass die Berliner Politik
sich entschlossen an der Einbindung des Humboldtforums in
das Stadtgeschehen und in den Stadtraum Berlin Mitte beteiligt. Das ist nicht Sache des Bundes – als erstes gehört jede
Stadt sich selbst.

Der Name
als Programm
Von Christine von Heinz

Die Berufung auf die Brüder Humboldt in der Namensgebung
des Forums ist sinnvoll und verpflichtend. Beide sind in ihrer
Zeit für transregionale und interkulturelle Ideen eingetreten,
die heute erst recht gültig sind, viel leichter geleistet werden
können und für die Zukunft unserer globalisierten Welt existenziell entscheidend sind.
Berlin war am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Brüder
Humboldt hier aufwuchsen, mit seinen französischen, polnischen und jüdischen Bevölkerungsanteilen, seinen Akademien, Verlagen und Salons eine intellektuell offene Stadt. Vor
allem nach den napoleonischen Kriegen entwickelte sie sich
zu einer Metropole. Wilhelm von Humboldt hatte hieran mit
der Gründung der Universität (1810) und des Museums (1830)
und seinen liberalen Stellungnahmen zu Verfassungsfragen
einen wichtigen Anteil. Alexander von Humboldt stärkte ebenfalls mit seinen „Kosmos-Vorlesungen“ (1827/28), die der
König und Handwerker gleichermaßen hörten, und mit der
Förderung junger Wissenschaftler das Selbstverständnis
der gesamten Bevölkerung.
Auch heute geht es darum – und das Humboldtforum
könnte hierzu einen wichtigen Beitrag leisten –, das Selbstverständnis und Verantwortungsgefühl der Bevölkerung zu
stärken. Während in der Zeit der Humboldts die Integration
des Bürgertums wichtig war, handelt es sich heute darum,
Bevölkerungsteile auch nichtdeutschen Ursprungs zu interessieren, zu bilden und mitzunehmen in eine demokratische
Gesellschaft.
In Wilhelm von Humboldts Schriften wird immer wieder
gefordert, für die eigene Bildung sich einer möglichst großen
„Mannigfaltigkeit“ auszusetzen, mit anderen in eine „Wechselwirkung“ einzutreten. Nur im Dialog könne sich annäherndes Verstehen ereignen. Bildung ist daher bei Humboldt ein
eminent gesellschaftspolitischer und alle Menschen einbeziehender Begriff.
Das Forum wird also bestrebt sein, den Dialog der Besucher untereinander und mit den Werken und Gegenständen
durch Mannigfaltigkeit der Präsentation (Video, Film, Theater,
Musik, Tanz, usw.) in verständlicher Weise anzuregen, auch
weil unterschiedliche Gruppen verschiedene Zugänge zu Themen ihres Interesses haben.
Alexander von Humboldt war die Popularisierung der Wissenschaft wichtig, ohne damit den wissenschaftlichen Ernst
zu vernachlässigen. Sein Alterswerk „Kosmos“ war ein Bestseller und ist hierfür ein gutes Beispiel.

Es wird darauf ankommen, im Forum eine „ambitionierte
Populärkultur“ (Martin Heller) zu schaffen, also nicht ein Museum nur für den schon gebildeten Besucher. Durch seine
Lage ist das Schloss ohnehin auch Anziehungspunkt für den
neugierigen, nicht vorgebildeten Besucher. Diese Chance, hier
weite Kreise ansprechen zu können, muss genutzt werden.
Beide Brüder Humboldt waren weltweit tätig. Wilhelm war
einer der Wenigen seiner Zeit, der die europäischen Metropolen durch eigenes Erleben kannte. Vor allem hat er sich ab
1820 intensiv der Vergleichenden Sprachforschung – der „Naturwissenschaft des Geistes“ – gewidmet und weltweit Grammatiken und Weltsichten ganz unterschiedlicher Kulturen beschrieben. Alexander hat auf seinen komplementären Reisen
durch Süd- und Mittelamerika und Asien die Welt nicht nur
naturwissenschaftlich sondern auch kulturell erforscht.
Die weltweite, durch die ethnologischen und ostasiatischen Sammlungen vorgegebene Orientierung des Forums
kann damit unmittelbar an seine beiden Namensgeber anknüpfen. Seine Aufgabe erschöpft sich nicht darin, die eigene
Bevölkerung zur Begegnung mit anderen Kulturen mitzunehmen, sondern sie lädt gleichzeitig die unterschiedlichsten
Lebenswelten zum respektvollen Umgang durch Dialog ein.
Sie ist global. Damit kann das Forum friedenstiftend und
–sichernd wirken.
Alexander von Humboldt hat in vielen seiner Werke die
wissenschaftliche Beschreibung literarisch gestaltet oder
durch Künstler anschaulich machen lassen („Ansichten der
Natur“, „Vues des Cordillères“), und auch Wilhelm von Humboldt war es wichtig, seine anthropologische Philosophie
durch Einbeziehung der Kunst darzustellen. Verstand und
Sinnlichkeit sind für beide Brüder sich ergänzende Elemente
von Erkenntnis.
Als Ausstellungsort für die ostasiatischen und ethnologischen Sammlungen ist das Forum hierauf programmiert. Hier
sind Wissenschaft und Kunst miteinander verbunden. Das
sollte aber weder dazu führen, dass die Wissenschaft, die
sich mit anderen Kulturen und Lebensformen beschäftigt,
banalisiert wird, noch dazu, dass die Gegenstände nur unter
dem Gesichtspunkt von „Kunst“ ausgewählt werden. Der Besucher sollte zwar angesprochen und neugierig gemacht
werden, aber man sollte ihm auch Anstrengung zumuten: eine
sinnliche, am Erleben und Nacherleben ausgerichtete Aneignung von Wissen statt „Eventkultur“. »

„Auch das Humboldtforum wird
man sich nicht als statische
Einrichtung in der Form eines
etablierten Museums vorstellen
dürfen. Es ist sinnvoll nur als
Prozess denkbar.“

Alexander von Humboldt kann gerade nicht darauf beschränkt werden, die Welt „vermessen“ zu haben. Es ging ihm
in seinem Werk letztlich um Deutungen, er wollte „dem geheimnisvollen Gang der Ideen nachspüren“ (Kosmos). Ein solches Projekt kann nie als abgeschlossen gelten. Es ging ihm
um den Prozess des Verstehens. Ein zentraler Gedanke auch
Wilhelm von Humboldts war, „Wissenschaft als etwas noch
nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen.“

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Auch das Humboldtforum wird man sich nicht als statische Einrichtung in der Form eines etablierten Museums vorstellen dürfen. Um der Philosophie der Brüder Humboldt zu
entsprechen, aber vor allem auch als eigene Aufgabe, wird es
sich den Einflüssen der anderen Kulturen und Lebenswelten
und der Besucher öffnen und sich in stetiger Veränderung
befinden müssen. Es ist sinnvoll nur als Prozess denkbar.

„Es ist gut, dass das Schloss mit
seinen historischen Fassaden zum
Brandenburger Tor hin wieder­
erstehen wird. Da wird eine Wunde
im Stadtbild geheilt.“

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Welch eine
schöne Botschaft
Von Richard Schröder

Als ich 1962 zum Studium nach Ostberlin kam, war der ehemalige Standort des Berliner Schlosses ein großer freier Platz,
an dessen Rand sich eine gemauerte Tribüne befand. Auf dieser Tribüne ließ sich die Partei- und Staatsführung der DDR
von herbeibeorderten Demonstranten bejubeln, oder sie nahm
Paraden der „Volksarmee“ ab. Später wurde diese Tribüne abgerissen und der „Palast der Republik“ erbaut, ein durchaus
populäres Bauwerk, das aber immer noch vor einem großen
leeren Platz stand. Die „Tribüne“ für die Vorbeimärsche war in
den Palast integriert. Das war der unfreiwillig treffende städtebauliche Ausdruck für die Scheindemokratie, die nicht aus
Wahlen, sondern aus (bestellten) Massenumzügen ihre Legitimation zu beziehen trachtete. Dieser Schein jedoch wurde
unfreiwillig sichtbar: im Zentrum der „Hauptstadt der DDR“:
ein leerer Platz, zumeist als Parkplatz genutzt. Dieses Loch
in der Mitte Berlins fiel umso mehr auf, als die Prachtstraße
Unter den Linden auf den Schlossplatz zu ihre klassizistischen Bauten zurückbekam und schließlich sogar das Denkmal Friedrichs II. Kam man vom Brandenburger Tor her, war
man gespannt, wohin diese Straße führen würde. Auf einen
Parkplatz. Unter den Linden ohne Schloss, das war wie ein
Witz ohne Pointe. Jedenfalls musste dort wieder ein Gebäude
in der Kubatur des Schlosses entstehen, denn darauf war die
Umgebung, der Dom und der Lustgarten angelegt. Es ist gut,
dass das Schloss mit seinen historischen Fassaden zum
Brandenburger Tor hin wiedererstehen wird. Da wird eine
Wunde im Stadtbild geheilt.
Aber was soll ein Königsschloss in einer Demokratie?
Dies Problem haben alle heutigen Demokratien, ausgenommen diejenigen, die weiterhin einen König haben, was ja in
Europa nicht wenige sind. Sie haben für ihre ehemals königlichen Schlösser zwei Verwendungen gefunden. Entweder lassen sie ihren demokratisch gewählten Präsidenten im ehemals königlichen Schloss residieren, so etwa in Prag, oder sie
widmen die Schlösser der Kultur, so der Louvre in Paris und
der Prado in Madrid.

Die Idee des Humboldtforums gehört zum zweiten Typ.
Sie hat ihren besonderen Charme darin, dass die Berliner
Museen von der Museumsinsel bis zum Alten Museum aus der
Kunstkammer des Berliner Schlosses hervorgegangen sind
und sich nun sozusagen ihre Keimzelle einverleiben. Städtebaulich ist die Idee des Humboldtforums ebenfalls eine
schöne Botschaft: die Mitte der Mitte Berlins ist der Begegnung der Kulturen gewidmet.
Bis jetzt ist die Begeisterung für das Humboldtforums
im Berliner Schloss sowohl in Berlin als in Deutschland –
sagen wir: begrenzt, nicht umwerfend. Aber manchmal kommt
der Appetit erst beim Essen. Wir Menschen sind doch Sinnenwesen. Wenn das Gemäuer aus dem Erdboden wächst und
der erste Figurenschmuck an den Fassaden sichtbar wird,
wird auch das Interesse wachsen, da bin ich mir sicher.
Deutschland, repräsentiert durchs Humboldtforum, da
bin ich gern Deutscher.

„Ich glaube, dass die vielen
jungen Leute, die nach Berlin
kommen, erstaunt sein werden,
wenn sie im humboldtforum
auf ihre eigenen Wurzeln
stoSSen können.“

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EINE KULTURELLE
ZEITREISE
Von Antje Vollmer

Das Humboldtforum braucht kundige Ausgräber, die die fast
in Vergessenheit geratenen Schätze der Dahlemer Sammlungen wieder ans Tageslicht des Metropolen-Interesses holen.
Und gleichzeitig braucht es ein Gespür für die überfällige
Emanzipation der außereuropäischen Kultur. Wir alle werden
mit Staunen sehen, was da auf Augenhöhe jedem Vergleich
mit den Meisterwerken europäischer Kultur standhalten wird.
Diesen Prozess in der Mitte von Berlin finde ich sehr
spannend. Die neue Kulturhauptstadt Berlin ist ja neben den
Immobilienspekulanten vor allem von den jungen Künstlern
entdeckt worden. Es macht die Qualität von Berlin aus, dass
viele mit leichtem Gepäck in diese unfertige Stadt kamen und
damit einen Metropolenbegriff geprägt haben, den es so noch
nicht gab. Die meisten Metropolen wachsen um das historische Erbe ihrer Gründungs- oder größten Macht-Epoche. Aber
Berlin war eine Metropole mit einer Leerstelle im Zentrum, in
der ganz Unterschiedliches zusammenwachsen musste. Das
hat sehr viele Künstler gereizt. Auch weil es sich leichter leben lässt in Berlin als in London, New York oder Paris. Aber
nicht nur billiger, sondern vor allem kreativer.
Dasselbe lässt sich auf der Ebene der Hochkultur abbilden. Jeder, der einmal irgendwo in Lateinamerika, in Ägypten
oder in China in einem Museum war, erkennt fasziniert, dass
es in diesen Regionen dieselben Epochen gab wie in der europäischen Kultur: Die Archaik, die Klassik, die Porträtkunst,
den „Hellenismus“ und vieles andere. Wenn man das jetzt
auch im Zentrum von Berlin wiederfindet, dann wird damit dokumentiert, dass die Dominanz der Europäer in der Weltkultur
aufhört. Ich glaube, dass die vielen jungen Leute, die nach
Berlin kommen, erstaunt sein werden, wenn sie hier auf ihre
eigenen Wurzeln stoßen können.
Dieses Interesse lässt sich für mich vor allem am Beispiel
der musikethnologischen Sammlungen nachvollziehen. Es
gehört zu den Großtaten im Geiste Humboldts zu erkennen, es
sterben in der Moderne nicht nur Pflanzen oder Tiere durch
die Industrialisierung, sondern durch die kulturelle Globalisierung drohen auch zahllose Traditionen ganzer Völker verloren
zu gehen: das betrifft viele Sprachen und ganz besonders die
Musik. Es gab schon ganz früh Forscher, die – im Geiste Humboldts – durch die Welt gezogen sind, und im Himalaya, in
den Regenwäldern, im hohen Altai oder der Mongolei versucht
haben, die Musiktraditionen in diesen Teilen der Welt festzuhalten, zu konservieren mit den Mitteln moderner Aufnahme­techniken. Wenn diese Völker untergehen oder sich unter
Druck modernisieren müssen, vergessen sie ihre alten

Traditionen. Ein unwiederbringliches Erbe würde damit verloren gehen. In den Dahlemer Sammlungen ist dieses Erbe gesammelt und lange Zeit auch wissenschaftlich betreut worden. Diese Pflege wieder zu neuem Leben zu erwecken, ist
dringend notwendig.
Im künftigen Humboldtforum will man ja nicht nur etwas
sehen, sondern auch etwas hören, was zum Wiederbeleben
und Wiederentdecken dieser fernen Kulturen außerordentlich
wichtig ist.
Das ist ein Erbe, das kaum ein Berliner kennt, ja, das sogar von den Berliner Universitäten mit Missachtung gestraft
wurde. Entscheidend ist, dass man begreift, was da verloren
gehen würde. In dieser Musik stecken religiöse Traditionen,
in ihr spiegeln sich Szenen des Alltags wieder, der Rhythmus
der Feldarbeit und die Abläufe von Hochzeitsfeierlichkeiten
lassen sich entdecken. Reiterlieder gehören zu dieser Musik
ebenso wie Lieder, die Arbeitsvorgänge begleitet haben. Die
Vielfalt der Instrumente ist bewundernswert. Das ist keine
Folklore, das ist eine kulturelle Zeitreise. Die Wirkung dieses
Musikerbes auf den Betrachter und Hörer ist faszinierend. Und
das Humboldtforum wäre die angemessene Bühne für solche
Entdeckungen.

„Wir sind in der Lage, durch
die bauliche Gestaltung,
aber auch durch die Nutzung
dieses Schlosses im Geist
der beiden Gebrüder Humboldt
einen guten Weg zu gehen.“

16

Ohne PreuSSens
Glanz und Gloria
Interview mit Rainer Bomba

Sie sind „Neu-Berliner“. Wie stehen Sie persönlich zu dem
Projekt des Humboldtforums?
Für mich persönlich ist es eine sehr schöne Aufgabe, die mir
als Staatssekretär des zuständigen Ministeriums gleichsam
qua Amt zugefallen ist. Ich habe mir immer ausgedacht, wie
es wäre, wenn man mal ein Schloss bauen dürfte. Und ich
muss sagen, für mich ist es wirklich eine grandiose Aufgabe.
Man kann sich zwar nicht selbst verwirklichen, weil es ein
historischer Bau ist, aber man gibt Berlin wieder seine Mitte
zurück. Und das ist für mich eine ganz besondere Aufgabe.
Auch wenn ich sie definitiv nicht fertig stellen kann. Man hat
zwar ein bisschen Macht, aber die ist nur auf Zeit gepachtet.
Als Sie zum ersten Mal diese leere Fläche gesehen haben –
was war das für ein Gefühl?
Ich bin schon mehrmals über die Fläche gelaufen. Es gibt eine
ganz bestimmte Stelle gegenüber der Humboldtbox, wo ich
mich gerne länger hinstelle, mir die Fläche anschaue und mir
die Ausmaße des Schlosses vor Augen führe. Für mich ist es
wichtig, sich das Schloss dort vorzustellen in seiner gesamten Höhe, in seiner Länge, in seiner Breite und zu erleben, wie
sich diese Baulücke vor dem geistigen Auge füllt. Es ist ein
schönes Gefühl. Und eins steht auch fest: 2019 – wenn die
Eröffnung des Humboldtforums gefeiert wird, bin ich definitiv
dabei – egal in welcher Funktion.
Was wird die Aufgabe des Bauministeriums sein, wenn das
Projekt Humboldtforum fertig gestellt ist?
Momentan haben wir die Aufgabe, dieses Schloss und das
Humboldtforum zu bauen. Die Bundesregierung ist hier mit
dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und
der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum vertreten.
Wir stellen sicher, dass das Ganze gebaut wird und dass der
Ablauf ordentlich funktioniert. Dann werden wir den Bau an
die Kollegen vom Bundeskanzleramt übergeben – die jetzt
selbstverständlich schon mit am Tisch sitzen. Sie beschäftigen sich mit dem kulturellen Innenleben des Projekts. Insbesondere Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der das heute
schon mit Inbrunst und großem Engagement betreibt.
Bau und Innenleben sind aber doch nicht voneinander zu
trennen?
Wir sitzen ja auch jetzt schon im Stiftungsrat zusammen und
beraten – unterstützt von einer Reihe von Fachleuten – wie
wir das Schloss mit Leben füllen, wie wir die Humboldt-Idee

als wissenschaftlich-kulturelles Forum in den Räumen des
Schlosses verankern können. Hier gibt es hervorragende Ansätze, die jetzt zu einem Humboldt-Konzept zusammenwachsen müssen. Sicherlich wird hierdurch auch bei der breiten
Öffentlichkeit eine wachsende Neugier auf das fertige
Schloss – Humboldtforum geweckt werden.
Wer wird in Zukunft für den Unterhalt des Humboldtforums
zuständig sein?
Für den Unterhalt wird sicherlich gesorgt werden. Hier sind
sich der Bund und auch das Land Berlin ihrer politischen Verantwortung sehr bewusst. Ein Teil wird auch über Eintrittsgelder erlöst werden. Wie sich konkrete Zuständigkeiten ab 2019
darstellen, steht heute noch nicht fest. Es wird nicht passieren, dass es ein leerer Bau bleibt. Wir werden ihn mit Leben
erfüllen. Es wird ganz sicher keine vereinsamte Kulturinstitution werden.
Ist die Politik nach der Eröffnung des Humboldtforums also
aus dem Spiel?
Sicherlich nicht. Die Aufgabe des Bauministeriums zur Errichtung des Bauwerkes ist dann erfüllt. Für den Betrieb und die
Bespielung des Humboldtforums wird natürlich – wie soeben
schon erwähnt – die Politik im weiteren Sinne nach wie vor in
der Verantwortung sein. Der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
wird hierbei sicherlich eine bedeutende Rolle zufallen.
Was sagt ein solch gigantisches Projekt über die kulturpoliti­
sche Verantwortung eines Staates aus?
Ich denke, ein solches Projekt zeigt, das wir mit unserer Historie umgehen können. Dass wir in der Lage sind, ein solches
Schloss und damit die Mitte von Berlin wieder auferstehen zu
lassen, ohne damit Preußens Glanz und Gloria zu beschwören.
Wir sind in der Lage, durch die bauliche Gestaltung, aber auch
durch die Nutzung dieses Schlosses im Geist der beiden Gebrüder Humboldt einen guten Weg zu gehen. Es wäre eine
Katastrophe für die Mitte der Stadt, wenn wir eine andere
Entscheidung getroffen hätten und hier beispielsweise ein
Bürogebäude hingestellt hätten.
Ich war vor kurzem in Warschau und habe das Schloss in
der polnischen Hauptstadt besucht. Die polnischen Gastgeber
haben uns zu dem Entschluss, das Berliner Schloss wieder
aufzubauen, beglückwünscht. Sie haben überhaupt kein Verständnis dafür, dass man anderer Meinung sein kann. Das
Warschauer Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg durch die
Nationalsozialisten zerstört. Nach dem Krieg wurde es

komplett wiederaufgebaut und das mit Hilfe und mit Unterstützung des polnischen Volkes. Man hat uns geraten, unser
Berliner Projekt genauso durchzuführen. Und man hat uns
auch gesagt, wenn es dann erst mal steht, sind alle Einwände und alle Befürchtungen vergessen.
Was wird nach 2019 ihr Lieblingsplatz in Berlins Mitte sein?
Das kann ich ganz genau sagen. Ich werde auf dem Freiheitsund Einheitsdenkmal stehen oder sitzen und – der Spreekanal fließt hinter mir – das Plätschern des Wassers hören und
mir das Schloss von dort ganz genau anschauen. Von diesem
Platz aus wird man die beste Sicht auf das Schloss haben. Es
sind nur wenige Meter. Man sieht die Kuppel, man sieht die
Balkone, man sieht die Fenster. Und übrigens: der Tag der Eröffnung wird ein wunderschöner Sonnentag sein, mit strahlendblauem Himmel, angenehmer Temperatur, leichtem Wind.
Ich teile da ganz die Auffassung unserer polnischen Freunde:
Wenn das Schloss erstmal steht, wird es eine Erfolgsgeschichte sein.

18

Gespräche in
und mit der Welt
Von Klaus-Dieter Lehmann

Die Mitte Berlins mit ihrer einzigartige Kunst- und Wissenschaftstopografie ist ein realer und symbolischer Zukunftsort
ersten Ranges. Hier wurden die herausragenden Wissensund Kunstschätze zusammengetragen, von hier richtete sich
in der Nachfolge der Brüder von Humboldt die Weltneugier auf
das Fremde und Andere. Das derzeit in Planung befindliche
Humboldt-Forum im wieder entstehenden Schloss – gegenüber der Museumsinsel – wird ein Ort für die außereuropäischen Kulturen.
Mehr denn je sind in der internationalen Wahrnehmung
Kultur und Bildung entscheidende Indikatoren für Zusammenarbeit und Zusammenleben, für Offenheit und Neugier auf
verschiedene Lebensformen und Lebensorte. Die Globalisierung durch die Ökonomie und weitergehende Modernisierung
haben nicht zur Verwirklichung einer einheitlichen Welt geführt, sondern im Gegenteil zu einer Re-Segmentierung, nicht
zuletzt ausgelöst durch industrielle Formen der Arbeitsteilung
und das Entstehen hoch industrialisierter Zentren mit schnellem Wachstum neben unproduktiven Wüsten. Andererseits
sind dadurch weltweit Migrationsströme ausgelöst worden,
die Gesellschaften kulturell und sozial verändern, die Parallelwelten innerhalb nationaler Grenzen schaffen und die Abschottungstendenzen verstärken. Die Bevorzugung ökonomischer Sichtweisen gegenüber kulturellen unterstützt diesen
Prozess.
Will das Humboldt-Forum in einem solchen Kontext wirksam werden – und das ist eine wesentliche Voraussetzung
für seine Legitimation –, dann genügt es nicht, historische
Hüllen zu konservieren, Sammlungen zu musealisieren oder
Kultur publikumswirksam zu trivialisieren. Das Humboldt-Forum muss intellektuelle und künstlerische Erzeugnisse und
Präsentationen im ständigen Prozess für eine breite Deutung
verfügbar machen. Es muss einen Ansatz formulieren, der ein
kritisches und fantasievolles Gespräch in und mit der Welt
konkret ermöglicht. Auch wenn ein solcher Kulturdialog den
Erfolg zur Wahrnehmung und Behandlung von Verwerfungen,
Abschottungen, Ungerechtigkeiten nicht garantiert, ohne ihn
geht es auf keinen Fall. Er ermöglicht die Entwicklung von
Alternativen statt der Fixierung auf Konflikte, er ermöglicht
einen Prozess statt Stillstand, und er macht genügend
selbstkritisch durch die Kenntnis des Anderen.
Mit dem Humboldt-Forum wird kein frei schwebendes
„Think-Tank-Modell“ formuliert, sondern ein bewusst den materiellen Reichtum seiner Sammlungen einbeziehendes Denken, Bestands orientiert und Sparten übergreifend, Material

„Mehr denn je
sind Kultur und
Bildung ent­
scheidende
Indikatoren
für Zusammen­
arbeit und Zu­
sammenleben,
für Offenheit
und Neugier
auf verschie­
dene Lebens­
formen und
Lebensorte.“

zu Material in Beziehung gesetzt, nach verschiedenen
Ordnungsmustern und Verknüpfungsregeln ausgewertet,
entdeckt und interpretiert mit Experten und Kuratoren der
verschiedenen Weltregionen, Sammlungen, die in ihrer Aussagefähigkeit deshalb konsequent fortgeführt und aktuell
gehalten werden müssen. Damit wird die Gleichwertigkeit
der Kulturen der Welt als Prinzip festgestellt und die Bereitschaft, sich auf andere Kulturen einzulassen, sich zu ihnen
ins Verhältnis zu setzen, formuliert. Arroganz sowie Hierarchisierung der Kulturen gehören bei diesem Ansatz der Vergangenheit an. »

20

„Das Humboldt-Forum muss intel­
lektuelle und künstlerische
Erzeugnisse und Präsentationen
im ständigen Prozess für eine
breite Deutung verfügbar machen.“

Das Humboldt-Forum bildet bei allem versammelten
Wissen keine Wissensgemeinschaft sondern eine Lerngemeinschaft, um einen Ausdruck von Wolf Lepenies zu benutzen. Lerngemeinschaft bedeutet Gegenseitigkeit, aber nicht
nur für den inneren Kreis der Beteiligten sondern für das Publikum, das erreicht werden soll. Es muss deutlich werden,
dass Innen und Außen keine getrennten Welten sind, sondern
dass sie sich in hohem Maß gegenseitig bedingen und beeinflussen. Wird dies nicht erkannt und anerkannt, entsteht aus
der Isolation wiederum eine egoistische Anspruchshaltung.
In dem Maß, wie sich westliche Hegemonien krisenanfällig zeigen, rücken bislang wenig beachtete Bilderwelten und
Erzählformen außereuropäischer Kulturen in den Vordergrund,
die Ungleichzeitigkeit der Moderne in den verschiedenen
Weltregionen mit ihren bestehenden spezifischen kulturellen
Ausdrucksformen bewirkt möglicherweise Spannungsbögen
und Kraftfelder, die aufgespürt werden müssen. Die Strukturen der Ökonomie mit dem Gefälle zwischen ihren Megastädten und den rückständigen Provinzen sind nicht unbedingt
deckungsgleich mit den Verdichtungen der Kreativzonen der
Kunst.

Aus all dem wird deutlich, dass das Humboldt-Forum im
internationalen Kulturaustausch nur erfolgreich sein kann,
wenn es über zwei Komponenten verfügt, über einen kraftvollen, ausstrahlenden Kristallisationskern in der Mitte Berlins
und über ein dichtes internationales Netz von Partnern, mit
dem sowohl die Funktion als Seismograph für kulturelle Entwicklungen als auch der weltweite Vertrieb und Austausch
von Erkenntnissen und Erfahrungen organisiert werden kann.
Nur dann wird es der Weltort, der Kompetenz in Weltverständnis glaubhaft vermitteln kann. Hierzu kann beispielsweise das
Goethe-Institut mit seinem weltweiten Netz einen gewichtigen Beitrag leisten.

„Für die Humboldt-Universität
kann das Humboldt-Forum auch
ein Labor für Wissenschafts­
kommunikation sein, in dem wir
einer groSSen Öffentlichkeit
Forschung und Lehre nahebringen.“

22

Den Alltag
wissenschaftlich
entdecken
Interview mit Jan-Hendrik Olbertz

Wie stellt sich die Humboldt-Universität die Zusammenarbeit
mit dem künftigen Humboldt-Forum vor?
Die Humboldt-Universität arbeitet nicht nur mit dem Humboldt-Forum zusammen, sondern ist tragender Teil des
Ganzen. Gemeinsam mit den beiden anderen Partnern, der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin werden wir Konzepte für Ausstellungen
und Veranstaltungen entwickeln. In der Humboldt-Box, der
„kleinen Schwester“ des späteren Humboldt-Forum, funktioniert das schon ausgesprochen gut. Ähnlich wie hier sollen
auch im künftigen Humboldt-Forum historische Sammlungen
im Kontext aktueller Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft interessierte Besucher anlocken.
Anschaulich vorgestellte Schlaglichter auf komplexe Projekte sind exemplarisch für das Anliegen der Humboldt–Universität im Humboldt–Forum: Ausgehend von der wissenschaftlichen Tradition befassen sich Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler mit Gegenwartsthemen und Zukunftsproblemen. Sie sind dabei im engen Dialog mit den Projekten
der Museen für Ethnologie und Asiatische Kunst und in Kooperation mit regionalen und internationalen Fachleuten.
Glauben Sie, dass von dieser Zusammenarbeit mehr das Hum­
boldt-Forum oder die Humboldt-Universität profitiert?
Ich hoffe doch beide! Um das Humboldt-Forum zu einem lebendigen Ort zu machen, bedarf es spannender Projekte vielfältiger Partner und Akteure. Die Humboldt-Universität deckt
hier maßgeblich den wissenschaftlichen Teil ab. Wenn man so
will, besteht unser Alltag aus wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir müssen den Menschen nur Lust darauf machen, ihren Alltag auch wissenschaftlich zu entdecken. Es ist eine
große Herausforderung, Erkenntnisse aus der Forschung in all
ihren Facetten verständlich darzustellen. Aber wir nehmen
diese Herausforderung gerne an. Für die Humboldt-Universität
kann das Humboldt-Forum auch ein Labor für Wissenschaftskommunikation sein, in dem wir einer großen Öffentlichkeit
Forschung und Lehre nahebringen. Wir können dort neue Präsentationsformen wissenschaftlicher Ergebnisse erproben
und weiterentwickeln. So lassen sich auch Berührungsängste
gegenüber der Wissenschaft in ihrem „Elfenbeinturm“ abbauen.
Wo sollte aus Ihrer Sicht der Schwerpunkt des Forums liegen?
Der Schwerpunkt sollte ganz klar im offenen Austausch über
die weltumspannende Bedeutung von Wissen und von Wissenschaft liegen. Als Universität haben wir einen Bildungs-

auftrag. Die Humboldt-Universität hat für das HumboldtForum den Blick für das Ganze im Sinn: Mit den historischen
Sammlungen ihrer Gründungsväter möchte sie die Präsentation außereuropäischer Kulturen beispielsweise mit dem wissenschaftlichen Blick auf die Natur dieser Regionen untermauern und gleichzeitig globale Fragen wie nach dem Klima
oder seinem Einfluss auf Natur und Kultur beantworten. In
begleitenden Veranstaltungen muss den Besuchern Gelegenheit gegeben werden, mit den Forscherinnen und Forschern
ins Gespräch zu kommen. Insofern präsentiert die HumboldtUniversität Wissenschaft im Entstehen – übrigens auch heute
schon in der Humboldt-Box. In einem der Projekte präsentieren wir beispielsweise nicht nur einen Teil unserer exotischen
Froschsammlung, sondern informieren darüber, dass einige
Froscharten in Westafrika zu Tausenden gefangen und auf
den Märkten angeboten werden. Die Kaulquappen dieser Frösche fressen allerdings die Larven der Malariamücke; damit
erhöht der Froschverzehr in dieser Größenordnung die Mala­
ria­gefahr, und das wiederum ist nicht nur ein regionales
Problem.
Welchen Mehrwert wird ein Humboldt-Forum für die Studie­
renden haben?
An der Ausarbeitung unserer Ausstellungen werden natürlich
auch Studierende beteiligt. Für sie gilt im Kleinen, was für die
Humboldt-Universität im Großen gilt: zu lernen und auszuprobieren, wie Wissenschaft funktioniert und wie man ihre Methoden und Ergebnisse der Öffentlichkeit auch außerhalb der
Universität sichtbar und verständlich vermitteln kann.
Dazu gehört die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Einrichtungen, aber auch die Entwicklung von
multimedialen Formen der Vermittlung, ohne die gute Ausstellungen heute nicht mehr denkbar sind.
In welchem der Teile des Humboldt-Forums wird man Sie
möglicherweise oft antreffen können?
Diese Frage kann ich nur aus verschiedenen Perspektiven
beantworten. Als Präsident der Humboldt-Universität wird
man mich wahrscheinlich beim Flanieren durch die 700 Qua­
dratmeter große Ausstellung unserer Universität antreffen.
Als kulturinteressierter Bürger wäre ich wohl in der Agora
anzutreffen, dem neuen, zentralen Veranstaltungs- und Begegnungsort im Schloss und damit in Berlins Mitte.
Und als Berliner könnte man mir dann und wann auf der
Dachterrasse mit Blick auf die Humboldt-Universität und das
historische Berlin begegnen. Je nachdem.

„Für die Bibliothek im HumboldtForum ist die Zusammenarbeit
mit Museum und Universität eine
Chance, neue Präsentations­
möglichkeiten zu erarbeiten.“

24

Treffpunkt
Bibliothek
Von Claudia Lux

Braucht das Humboldt-Forum eine Bibliothek? Diese Frage
wird immer wieder gestellt und die Antwort kann nicht oft genug wiederholt werden: ja, das Humboldt-Forum braucht eine
Bibliothek, eine Bibliothek als Lern- und Aufenthaltsort für
Jedermann, mitten im Schloss, mitten in Berlin, nicht nur für
die bürgerlichen Kulturliebhaber, sondern für Kinder, für Jugendliche und Erwachsene aus allen Schichten. Sie wollen in
dieser Bibliothek Anregung finden, sich Themen nähern, Wissenslücken schließen oder phantasievoll entspannen. Die
Brüder Humboldt würden sich freuen, wenn sie das rege Interesse aus allen Bevölkerungsschichten an Sprache und Kultur
so vieler Völker heute sehen könnten.
In der Humboldt-Box zeigt die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) wie es funktioniert: kommt man im dritten
Stock der Humboldt-Box in den Bereich mit dem großen Fenster zum Lustgarten, dann kann man sich auf einer blauen
Sitzecke ausruhen. Man genießt den Blick auf Dom, Museumsinsel, auf die Straße „Unter den Linden“ – bei klarem Wetter bis zum Brandenburger Tor. Dann entdeckt man die Kopfhörer, und Neugier verleitet, sie zu erproben. Schon wird man
in die Geschichten aus Australien, Südafrika und Mexiko hineinversetzt, ja geradezu hineingezogen. Mit einem Mal wird
das Wissen, das man zuvor museal präsentiert bekam, mit
starken emotionalen Geschichten verbunden. Neue Bilder
entstehen im Kopf, Faszination und Verständnis für andere,
für fremde Kulturen, und bringen sie ganz nah. Ein Pärchen
kuschelt sich in den Sonic Chair und schaut einen indischen
Film, wo vorher noch ein Rentner die Nationalhymne von
Tonga gehört hat. In der Audiohöhle lauschen drei Kinder den
Geschichten über Alexander von Humboldt, ein Jugendlicher
blättert in einem Buch über ägyptische Pyramiden.
Warum funktioniert das Konzept der ZLB in der Humboldtlounge und lässt wunderbare Erwartungen für das HumboldtForum erhoffen? Weil die Menschen sich selbstbestimmt
anregen und informieren wollen, sie wollen die Vielfalt des
populären Wissensangebots genießen.
Rund um den Schlüterhof im ersten Stock des HumboldtForums wird eine lebendige, multimediale Bibliothek entstehen, in der für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein vielfältiges Wissensangebot zu den Kulturen der Welt präsentiert
wird. Es ist ein wichtiger Teil des Humboldt-Forums, das neben den wunderbaren Ausstellungsobjekten der Museen und
wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität an
dieser Stelle den Berlinern und Berlinerinnen einen Treffpunkt
bietet, der ihr Interesse an den unterschiedlichen Kulturen

mit Wissen speist. Ein Wissensort im Schloss für jedermann,
mit leichtem Zugang, der Neugier stillt. Diese öffentliche Bibliothek im Schloss führt gedanklich zurück zur kurfürstlichen
Bibliothek im Apothekenflügel. Sie wird zugleich ein zutiefst
demokratischer Ort mit vielfältigem Wissen zum Dialog der
Kulturen sein, ein Diskussionsforum über die gemeinsame
Zukunft der Menschheit.
Bibliotheken haben in der modernen Wissensgesellschaft neue Bedeutung erhalten. Sie sind nicht länger geprägt durch ein in Regalen beschränktes Angebot, sondern
werden Tor zum globalen Wissen, zur digitalen Weltkultur.
Zugleich sind sie durch eine neue Medienvielfalt geprägt, die
Text, Bild, Musik und Film präsentiert und in Zukunft auch die
Rezeption und die Verarbeitung dieser Elemente unterstützen
wird. Bibliotheken entwickeln sich heute zum sogenannten
dritten Ort, der das selbstbestimmte Lernen und die kulturelle
Beschäftigung in der Freizeit repräsentiert. Dies ist ein Ort
neben dem ersten Ort, dem Zuhause, und dem zweiten Ort,
der Tätigkeit wie Arbeit oder Schule.
Die ZLB im Humboldt-Forum präsentiert ihr bibliothekarisches Schaufenster als einen öffentlichen Ort, an dem man
sich wegen der schönen Gestaltung und dem vielfältigen Medienangebot gerne aufhält. Anders als die dunklen, lichtgeschützten Ausstellungsbereiche der Museen bietet die Bibliothek im Humboldt-Forum helle Lese- und Arbeitsplätze rund
um den Schlüterhof, den Blick auf die Flanierzeile des Forums
und eine Aussicht zum Alexanderplatz. Dies macht die Bibliothek im Humboldt-Forum zu einem attraktiven Lernort und
einem lebendigen Treffpunkt mitten in Berlin. Vielleicht können so auch Berliner und Berlinerinnen das bei ihnen ungeliebte Schloss selbst in Besitz nehmen und als einen Ort genießen, an dem sie ihr eigenes Interesse an den Kulturen der
Welt anregen und vertiefen.
Für die Bibliothek im Humboldt-Forum ist die Zusammenarbeit mit Museum und Universität eine Chance, neue Präsentationsmöglichkeiten zu erarbeiten. Werden die musealen
Objekte vernetzt mit Text, Sprache und Bildern, so kann die
Bibliothek das spezifische Interesse der Besucher weiterführen und vertiefen und von einer betrachtenden zu einer aktivierenden Auseinandersetzung mit anderen Kulturen unterstützen. Viele experimentelle und spielerische Elemente der
Wissensvermittlung werden dabei eingeführt. Das gemeinsame Netzwerk mit den außereuropäischen Museen und
der Humboldt-Universität bietet der Bibliothek eine Vielzahl
von Anregungen und Kooperationen, die wiederum die

Bibliotheksnutzer motivieren werden, die anderen Bereiche
des Humboldt-Forums zu erkunden. Dafür bietet die Bibliothek den Zugriff auf die digitale Vernetzung, wie sie von Bibliotheken, Archiven und Museen gemeinsam entwickelt wird
und hilft bei der gezielten Suche nach künstlerischen Objekten, die die Beeinflussung der Weltkulturen untereinander
repräsentieren. Gemeinsam mit der Museumspädagogik ist sie
Partner im Netzwerk der kulturellen Bildung.
Die Bibliothek im Humboldt-Forum richtet sich auch speziell an Berliner und Berlinerinnen mit Migrationshintergrund,
an Jugendliche, die neugierig auf die Kultur ihrer Vorfahren
sind und an Ältere, die Traditionen und aktuelle Entwicklung
ihrer Herkunftsländer nachvollziehen möchten. Die Bibliothek
ist zugleich ein Ort, der diesen Menschen Chancen bietet,
Chancen für die Wendepunkte in ihrem Leben, für ihre persönliche Entwicklung. Die Bibliothek im Humboldt-Forum hat
nicht ihren Schwerpunkt im Bildungsbürgertum, sondern bei
den Menschen, bei den Jugendlichen und Kindern, die mit
Neugier die Anregungen und das Wissen in der Bibliothek suchen und die anderen Kulturangebote entdecken werden. Sie
gestalten damit ihren eigenen erfolgreichen Weg der Partizipation in einer demokratischen Gesellschaft.
Die ZLB im Humboldt-Forum stellt Medien für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zur Verfügung. Sie richtet sich an
Berliner und Berlinerinnen, die mehr über die Weltkulturen
und den Dialog der Kulturen erfahren möchten und bietet ihnen zugleich einen demokratischen Platz im Schloss für Jedermann. Dort kann man arbeiten, studieren, lesen, spielen,
sich aufhalten. Die Inhalte der Bibliothek im Humboldt-Forum
sind durch den Dialog der Kulturen, durch Kunst und Kultur
aus aller Welt, geprägt, nicht nur in Büchern, sondern, wie
von der ZLB in der Humboldt-Box präsentiert, auch in Filmen,
in der Musik, in Netzinformationen. Musik, Tanz, Theater und
Film spielen eine wichtige Rolle in der Globalisierung der
Kultur und der Diskussion um kulturelle Identität. In diesem
Kontext spielen Sprachen eine wichtige Rolle, und auch hier
bietet die Bibliothek im Humboldt-Forum eine besondere
Vielfalt an.

26

Wie Kinder die Welt der unterschiedlichen Kulturen und
Sprachen wahrnehmen, wird ein Schwerpunkt der Präsentationen der ZLB im Humboldt-Forum sein. Ihre Neugier, ihre Unvoreingenommenheit, ihr Interesse an fernen Ländern wird
einen wichtigen pädagogischen Aspekt für die Bibliothek im
Humboldt-Forum darstellen. Globale Jugendkulturen beeinflussen auch die Literatur heute überall. Als Beispiel können
die vielen Aktivitäten in deutschen Bibliotheken zu der japanischen Manga-Kultur aufgeführt werden, diese Comics haben das Interesse an Japan und am Studium der Japanologie
verstärkt. In vielen anderen Kulturen gibt es Ansätze und
Trends, die die Bibliothek mit ihrer Medienvielfalt wunderbar
aufgreifen und dadurch zu einem vertieften Verständnis zwischen den Kulturen beitragen kann.

Ort des
lebendigen dialogs
Von Udo Lindenberg

„Der Name Humboldt ist uns allen vertraut. Wer
möchte nicht wie der junge Alexander die Welt ent­
decken oder so schlau sein wie sein Bruder Wilhelm.
Wenn im Humboldt­forum Kultur lebendig werden
soll, darf es nicht abgeschottet sein wie der frühere
Palast der Republik, als ich dort auftrat. Ein leben­
diger Dialog mit den auSSereuro­päischen Kulturen
braucht mehr als eine Ansammlung von Museums­
räumen und muSS wie eine Vertikale alle Ebenen durch­
dringen. Erinnerungen und Zukunftsvisionen könn­
ten so das Humboldtforum zum Ort eines lebendigen
Dialogs machen.“

„Ich träume davon, dass das
Humboldtforum auch ein Platz
ist für die bildende Kunst,
der das „missing link“ zwischen
der Museumsinsel und dem
Schlossplatz schlieSSt.“

28

Auf
Augenhöhe
Interview mit Peter Raue

Was bringt das Humboldtforum der Hauptstadt Berlin?
Das Humboldtforum bringt Berlin-Mitte seine eigentliche
Mitte. Nicht nur städtebaulich ist das eine Notwendigkeit. Es
wird auch ein Zentrum des Geistigen, der Kultur, des – ja so
pathetisch darf man es wohl formulieren – Menschheitsgedächtnisses. Die Kulturen der Welt präsentieren sich an einem Ort, Trennungen aufhebend, neue Sichtachsen bauend
und Verständnis einfordernd für die Zusammenhänge, für das
Bindende und für das Trennende dieser Kulturen der Welt. Ich
behaupte das, obwohl die inhaltliche Frage noch keineswegs
ausdiskutiert ist, Varianten möglich sind und sein sollen. Immer wieder fällt ja der schöne Begriff der „Agora“, wenn wir
über das Humboldtforum nachdenken: Die „Agora“ als Platz
und Ort, an dem sich die Menschen treffen, miteinander reden, streiten, suchen. Ich träume davon, dass das Humboldtforum auch ein Platz ist für die bildende Kunst, der das „missing link“ zwischen der Museumsinsel und dem Schlossplatz
schließt. Wie bei Planungsüberlegungen alles im Fluss ist, so
soll das Statische und das Bewegende dort Platz und Raum
finden.
Läuft Berlin damit anderen Metropolen den Rang ab?
Das ist nicht die Frage. Den „Rang ablaufen“ bedeutet,
schneller zu rennen, eher durchs Ziel zu gehen als die anderen. Das kann nicht das Streben der Bemühungen um das
Humboldtforum sein. Es gilt, in gelassenem Selbstbewusstsein sich für die Welt zu öffnen. Dass es freilich in Europa
wenige Orte geben wird, die soviel Welthaltigkeit dem Besucher bietet, von Pergamon über Bodemuseum zu den Kulturen
der Welt, ist offensichtlich. Jedenfalls spielt Berlin mit dem
Humboldtforum auf – wie heute so schön gesagt wird – „Augenhöhe“ mit Paris, London, Madrid. Berlin wird niemandem
den Rang ablaufen, wohl aber sich seines welthaltigen Ranges gelassen erfreuen.
Sie haben den Ruf, ein ‚Kulturbeschaffer‘ zu sein. Was kön­
nen Sie zum Gelingen des Humboldtforums beitragen?
Der „Kulturbeschaffer“ ist bei diesem Riesen-Projekt wahrlich
nicht gefragt. Und kann nicht mehr zu dem Gelingen beitragen, als jeder, der in dieser Stadt mitdenkt, mitredet, jeder
„Citoyen“, der nicht das Nörgeln und Besserwissen zur Maxime seines Handeln macht, sondern offen an Diskussionen
teilnimmt.

Das Humboldtforum zu unterhalten wird viel Geld kosten. Wird
das die Aufgabe des Staates sein?
Naturgemäß ist es Aufgabe der Öffentlichkeit – des Staates –,
ein solches Haus zu unterhalten und finanziell auszustatten.
Doch ist es richtig und wünschenswert, dass die private „Öffentlichkeit“ – angefangen bei der Presse über die großen
Sammler und Mäzene in Deutschland (nicht nur in Berlin) bis
zu den Unternehmen, die in Berlin ihre Zukunft erkennen, aber
auch, um dieses Wort einmal zu gebrauchen, die „KunstSchaffenden“ sich mit diesem Projekt solidarisieren. Der Staat
wird um so mehr in die Pflicht genommen werden, je mehr die
deutsche – und keineswegs nur die Berliner – Öffentlichkeit
sich mit dieser „geistigen Mitte“ Deutschlands oder gar Europas identifiziert und integrativer Teil des Ganzen wird.
Berlin – so schrieb im Jahre 1910 Karl Scheffler – sei eine
Stadt, dazu verdammt, „immer zu werden, aber nie zu sein“.
Das gilt 100 Jahre später immer noch und immer mehr. Deshalb erwarte ich vom Humboldtforum nicht ein abgeschlossenes Museum, sondern einen Ort des Geistes, der Bewegung,
der Kommunikation und der Interaktion. Respekt und Bewunderung vor denen, die für die Realisierung dieser Wünsche
den brillanten Kopf und den großen Atem haben. Da ist das
Projekt bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den denkbar besten Händen.

„Das Humboldtforum steht
nicht nur für anspruchsvolle
Ausstellungen und für inter­
kulturelle Diskurse. Es steht
auch für die Diskussion um die
kritische Rekonstruktion der
Berliner Mitte.“

30

Herausforderung
für Stuckateure und
Steinmetze
Von Eric Schweitzer

„Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung
der Menschheit.“ Hätte Alexander von Humboldt 1845 bereits
geahnt, dass auch die Stätte des Berliner Schlosses zu einem
besonderen Ort für den Dialog zwischen Kunst, Kultur und
Wissenschaft werden würde, hätte er sich diesen Satz sicher
für das Humboldtforum aufgespart. Für einen Ort – da bin ich
mir sicher – der seinen Namensgebern alle Ehre machen wird.
Die Gebrüder von Humboldt zählen nicht nur zu den großen Natur- und Geisteswissenschaftlern ihrer Zeit. Sie hatten
immer auch die kulturwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Zusammenhänge im Blick. Wissenschaft und
Weltoffenheit – beides steht nicht nur für Deutschland, es
steht auch und vor allem für Berlin. Für eine Stadt, die sich
durch eine einzigartige Dichte an Wissenschaftseinrichtungen auszeichnet. Für eine Stadt, in der heute Menschen aus
über 180 Nationen leben und deren Vielfalt ein wichtiges Potential für unsere Zukunft ist. Die Entscheidung, das Humboldtforum im Herzen Berlins zu errichten, ist deshalb naheliegend.
Das Humboldtforum steht dabei nicht nur für anspruchsvolle Ausstellungen und für interkulturelle Diskurse. Es steht
auch für die Diskussion um die kritische Rekonstruktion der
Berliner Mitte. Durch die Aufnahme der Kubatur des Berliner
Schlosses wird ein städtebaulicher Bezugspunkt wieder hergestellt, auf den sich auch ein großer Teil der Gebäude im
Umfeld bezieht.
Zu diesen Gebäuden gehört dabei einer der größten und
bedeutendsten Museumskomplexe Deutschlands und Europas: die unter UNESCO-Weltkulturerbe stehende Museumsinsel. Ihre Museen genießen einen hervorragenden internationalen Ruf und ziehen bereits heute mehr als 8.000 Besucher
pro Tag an. Nach Umsetzung des Masterplanes Museumsinsel
und nach Fertigstellung des Humboldtforums rechnen Experten mit einer Verdopplung der Besucherzahlen auf etwa
17.000 Gäste pro Tag. Berlin gewinnt damit durch das Humboldtforum sowohl national als auch international weiter an
Attraktivität.
Dieser neue städtebauliche Bezugspunkt erfordert in
der Komposition mit den anderen Gebäuden der historischen
Mitte ein modernes zukunftsweisendes Gesamtkonzept der
Erreichbarkeit für die Berliner sowie die Gäste der Stadt. Erste
sehr gute Ansätze wie die Verlängerung der U5 oder das aktuell modernste telematikgestützte Busleitsystem Deutschlands an der Museumsinsel gehen in die richtige Richtung.
Wir werden uns an der Aufgabe der Entwicklung eines solchen Gesamtkonzepts weiterhin aktiv beteiligen.

Als Vertreter der Berliner Wirtschaft möchte ich nicht zuletzt darauf hinweisen, dass das Humboldtforum dazu beiträgt, Arbeits- und Ausbildungsplätze auch in der mittelständischen Wirtschaft zu sichern und neu zu schaffen. Dass das
gelingen kann, zeigt eindrucksvoll der Bau des neuen Flughafens BER für die Bundeshauptstadt Berlin. Es kann darüber
hinaus vor allem durch den Wiederaufbau der Barockfassaden
des Schlosses die Fachkompetenz spezifischer Berufe, wie
Stuckateure und Steinmetze, erhalten und an nachfolgende
Generationen weitergegeben werden: Ein wichtiges Thema,
wenn es um die Sicherung von Fachkräften geht. Davon profitiert nicht nur Berlin, sondern das ist ein bundesweites
Thema.
In der Gewissheit, dass das Humboldtforum nicht nur ein
städtebaulicher und kultureller, sondern auch ein belebender
Bezugspunkt in der neuen historischen Mitte Berlins für alle
Deutschen sein wird, wünsche ich dem Projekt alles Gute und
freue mich auf meinen ersten Besuch.

„Das Humboldtforum wird multi­
funktional nutzbar sein, und das
finde ich sehr überzeugend bis hin
zum Einzug der Zentralbibliothek,
in der Menschen Informationen
abholen können.“

32

Projekt ohne
Alternative
Interview mit Peer Steinbrück

Politikern sagt man selten eine Leidenschaft für Kunst und
Kultur nach. Sie sind Mitglied des Kuratoriums der Stiftung
Berliner Schloss – Humboldtforum. Was ist bei Ihnen anders?
Ich bin etwas vorbelastet, weil mein Vater Architekt war. Architektur hat mich laienhaft immer interessiert. Mit Blick auf
die Stadtgeschichte Berlins hat mich schon in meiner Zeit an
der Ständigen Vertretung der alten Bundesrepublik im damaligen Ost-Berlin 1981 die Frage beschäftigt, wie dieses Areal
des Schlossplatzes, das ja das historische Berlin darstellt,
neu gestaltet werden kann. Das sind die Motive, warum ich
Mitglied des Kuratorium geworden bin.
Was bedeutet für Sie das Projekt des Wiederaufbaus des
Schlosses und die Pläne, wie es mit Leben erfüllt wird?
Ich weiß, dass die Idee, das alte Hohenzollernschloss wieder
aufzubauen, lange und bis auf den heutigen Tag umstritten
ist. Es gibt in der Tat auch viele Versuche einer Rekonstruktion alter Architektur, die misslungen sind. Es gibt allerdings
auch Gegenbeispiele. Ich meine, dass beispielsweise der
Reichstag mit der von Norman Foster geschaffenen Kuppel
ein gelungenes Beispiel dafür ist, wie wilhelminische NeoArchitektur mit modernen Elementen ergänzt werden kann.
Aber auf die Frage, was denn anstelle des Schlosses oder
seiner Rekonstruktion, auch mit Blick auf den Zweck derselben, dort hätte gestaltet werden können, habe ich nur
schlechtere Varianten wahrgenommen. Bis hin zu der lapidaren Bemerkung, dass es halt eine riesige Grünfläche werden
könne. Das schien mir zu wenig. Im Übrigen habe ich es immer
als Mangel oder geradezu als Schandtat empfunden, dass die
noch intakten Teile des Schlosses von den DDR-Machthabern
weggesprengt worden sind. Mein Fazit lautet deshalb: ich
fand den Entwurf von Franco Stella überzeugend. Er kombiniert beides: eine Rekonstruktion mit teilweise modernen Elementen und andererseits die Vielfältigkeit der Zwecke, die
dieses Gebäude dann ausfüllen sollen.
Hat der geplante Zweck eine Chance so realisiert zu werden?
Ich finde das Konzept sehr überzeugend, zumal im Zusammenhang mit der gegenüberliegenden Museumsinsel. Die
Konzentration der fünf wichtigen Museen auf der Museumsinsel in Kombination mit der Zusammenführung der ethnologischen Sammlung, der Sammlung asiatischer Kunst zu einem
Museum, das mehr sein soll als ein Museum, nämlich eine
Begegnungsstätte, ein Veranstaltungsort. Das Humboldtforum wird multifunktional nutzbar sein, und das finde ich sehr

überzeugend bis hin zum Einzug der Zentralbibliothek, in der
Menschen Informationen abholen können. Ich wünsche mir,
dass es so realisiert wird. Auch wenn ich mich manchmal
frage, ob es im bisher vorgesehenen Kostenrahmen geschehen kann.
Diese Kosten können aber bewältigt werden?
Die Verhandlungen zwischen dem Bund und Berlin, was der
Bund bereit ist zu zahlen, sind in trockenen Tüchern. Als Abgeordneter des Bundestages kann ich den Berlinern jetzt
nicht signalisieren, dass es Nachverhandlungsbedarf geben
könnte. Das Land Berlin ist anständig und fair behandelt worden. Es wird später auf das Management ankommen, wie kostendeckend es arbeiten oder was erwirtschaften kann. Das
Konzept wird gewiss auch Besucher und Tourismusströme
anziehen, so dass die Einnahmesituation sich vielleicht besser entwickelt als bisher angenommen.
Wie werden Sie diese Gegend im Jahre 2020 erleben?
Es wird historisch ein ziemlich genauer Abdruck dessen sein,
was das alte Berlin vom Brandenburger Tor herkommend
ausgemacht hat. In dieser wahnsinnigen Achse, die an den
Schinkel-Figuren vorbei über die Brücke direkt in den Schlossbereich mündet. Ich kann mir nicht vorstellen, was da anderes hätte entstehen können. Ein anderes Gebäude? Mit welchem Verwendungszweck? In welcher historischen Kontinuität?
Diese Fragen sind von den Kritikern nur unzureichend beantwortet worden. Und einfach eine Freifläche hätte diese Achse
ins Nirgendwo laufen lassen. Deshalb stehe ich zu der Architektur und dem Konzept des Humboldtforums, wie es vorgesehen ist.

„Museumsinsel und Humboldt-Forum
gehören zusammen, sie bilden eine
inhaltliche Einheit, in der jeder Kon­
tinent seinen Platz hat und in der
sich der Dialog und die Gleichberech­
tigung der Kulturen manifestiert.“

34

Damit die Welt
sich selbst
betrachten kann
Von Hermann Parzinger

Weltweit können wir beobachten, wie Kulturprojekte Wirkung
und Renommee der großen Metropolen fördern, prägenden
Einfluss auf das Selbstverständnis der Nationen haben und
von Identität stiftender Wirkung sind. Und meist sind es gerade Museen, die daran besonderen Anteil haben. Die Strategie liegt dabei vielfach in einer symbolkräftigen Verbindung
von kulturellem Erbe und zukunftsweisenden Konzepten.
Weltstädte entwickeln gerade dann eine schier magische Anziehungskraft, wenn ihr Herz für Kultur schlägt, sie blühen
auf, wenn ihre Zentren Kultur atmen. Nichts prägt das Bild
eines Landes in der Welt stärker als seine kulturellen Orte.
Dafür steht die Berliner Museumsinsel als große Vision
des 19. Jahrhunderts. Der immense Sammlungsreichtum
europäischer und nahöstlicher Kunst und Kultur erlebte
nach der deutschen Wiedervereinigung durch die Zusammenführung der getrennten Museumsbestände sowie durch
Sanierung und weiteren Ausbau der Häuser im Rahmen des
Masterplans einen wahren Schub sich von Jahr zu Jahr verstärkender öffentlicher Wahrnehmung, nicht zuletzt durch
seine Anerkennung als UNESCO-Welterbestätte. Mit dem Humboldt-Forum im Berliner Schloss auf der anderen Seite des
Lustgartens wird – komplementär dazu – ein herausragender
Ort für die Kunst und Kultur Asiens, Afrikas, Amerikas, Australiens und Ozeaniens entstehen. In dieser Komposition wird
Berlin zu einer der weltweit führenden Kultur- und Museumsstädte.
Möglich ist dies, weil einzig Berlin diese umfassenden
Sammlungen aus aller Welt in einer einzigen Museumsinstitution vereint: den Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz. Und nur in Berlin kann ein solch ebenso eindrucksvoller wie sinnfälliger Ort der Weltkulturen mit Museumsinsel und Humboldt-Forum geschaffen werden, weil – als
Ergebnis der Dialektik einer verhängnisvollen Geschichte – im
Herzen der Weltstadt der dafür notwendige Raum vorhanden
ist. Noch wichtiger aber: Wir zeigen dadurch auch die geistige
Bereitschaft in unserem Land, das geografische Herzstück
unserer Hauptstadt nicht selbstbezogen zu gestalten, sondern es auf Neugier und Weltoffenheit auszurichten.
Das Konzept bezieht sich auf die Geschichte des Orts
und ist dadurch zusätzlich legitimiert: Museen, Bibliothek und
Universitätssammlungen hatten in der brandenburgischpreußischen Kunst- und Wunderkammer des Berliner Schlosses ihre gemeinsame Keimzelle; sie kehren nun an den Ort
ihres Ursprungs zurück und nehmen ihn ganz in Besitz. Das
Hohenzollernschloss war zwar kein Bürgerforum, keine

moderne, öffentlich zugängliche Bibliothek und kein stark
frequentiertes Museum. Aber Kunst und Wissenschaft spielten hier stets eine zentrale Rolle: Im Schloss entstanden die
ersten völkerkundlichen Sammlungen. Im Schloss wurde, angeregt durch Wilhelm von Humboldt, auch der erste „Masterplan“ zum Ausbau der Museumsinsel als „Freistätte für Kunst
und Wissenschaft“, als gemeinsamer Ort von Museum und
Universität entwickelt. Das Schloss war auch der Ort des erwachenden wissenschaftlichen Interesses an Natur und
Kunst, das seinen Ausdruck im „Theater der Natur und Kunst“
von Gottfried Wilhelm Leibniz fand. Alexander von Humboldt
berichtete im Schloss von seinen großen Reisen und faszinierte die Gesellschaft mit seinen spannenden Entdeckungen. Das inhaltliche Konzept des Humboldt-Forums greift also
Funktionen des alten Schlosses auf und entwickelt sie im
modernen Sinne weiter, seine Bestandteile sind historisch im
Schloss verankert.
Die Verwandlung des einst gesprengten Hohenzollernschlosses zu einem Ort der Weltkunst und Weltkultur und ihres Dialoges mit den Wissenschaften hat eine gewisse innere
Logik: Hier wird – wie in einer verspäteten Verwandlung – erneut der Kulturstaat Preußens sichtbar und macht seine Museen sowie Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen für
die Zukunft fruchtbar. Die besondere Leistung Preußens, der
vor dem Hintergrund seiner Bildungsideale enzyklopädisch
zusammengetragene Reichtum außereuropäischer Kunst und
Kultur, wird das Kernstück des Humboldt-Forums sein. Mit
dem Umzug der außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem
in die Mitte Berlins und mit ihrer wieder gewonnenen Nähe zur
Museumsinsel kehren sie in ein Ensemble zurück, in dem sie
das abwertende Stigma des Exotischen endgültig verlieren.
Auch der Louvre verzichtet nicht auf eine Galerie von Meisterwerken außereuropäischer Kunst, und man ist stolz darauf,
die Hierarchien der Künste der Welt überwunden zu haben.
Das British Museum in London setzt ebenfalls auf die Gegenüberstellung von Europäischem und Außereuropäischem.
Die großen Universalmuseen tragen damit dem Verlangen der
Besucher Rechnung. Es ist überdeutlich: Kulturinteressierte
und Museumsgänger denken heute längst in globalen Dimensionen.
War die Museumsinsel mit der Kunst und Kultur Europas
und des Nahen Ostens die große Idee des 19. Jahrhunderts,
so ist das Humboldt-Forum im Berliner Schloss die Weiterentwicklung dieser Vision zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Museumsinsel und Humboldt-Forum gehören zusammen, sie bilden

eine inhaltliche Einheit, in der jeder Kontinent seinen Platz
hat und in der sich der Dialog und die Gleichberechtigung der
Kulturen manifestiert. Mit dem Humboldt-Forum stellen wir
uns der Aufgabe, auf die Erfordernisse einer globalisierten
Welt angemessen zu reagieren.
Auf einem solchen Nährboden wächst das Wissen über
die Welt. Wissen und Bildung sind die entscheidenden Schlüssel zu Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen,
ohne die ein friedliches Zusammenleben der Völker nicht
möglich ist. Und dies ist zugleich die ungemein humane Botschaft, die hinter dem grand projet Humboldt-Forum steht.
Die Welt wird sich hier selbst betrachten können, und die
Welt braucht solche Orte. Damit besinnt sich Deutschland –
gleichsam im Rückgriff auf das Beste von Preußen – auf seine
große Tradition als Wissenschafts- und Kulturnation und entwickelt daraus eine neue Vision für die Zukunft.

36

GroSSartiger
geht es nicht
Interview mit Horst Bredekamp

Mit welchen Gefühlen betrachtet ein Professor der HumboldtUniversität das Wachsen und Gedeihen des Namensvetters
Humboldt-Forum ?
Die Übertragung des Namens Humboldt von der HumboldtUniversität auf das Schloss erfüllt mich mit Freude, weil auf
diese Weise ein historischer Prozess zurückgespult wird, der
mit der Gründung der Universität zusammenhängt. Es war die
Idee von Wilhelm von Humboldt, der Akademie der Wissenschaften die Verfügung über die naturwissenschaftlichen Bereiche der Kunstkammer des Schlosses zu nehmen und diese
Sammlungen der Humboldt-Universität bei ihrer Gründung zu
übergeben. Die Humboldt-Universität und das Schloss sind
durch Dekret von Wilhelm von Humboldt von Beginn an miteinander vernabelt.
Sie sind Kunsthistoriker. Welchen Zugang haben Sie von Ihrer
Profession aus zu diesem gewaltigen Kulturprojekt ?
Ich verstehe mich als Kunsthistoriker in einer Tradition, wie
sie von Alois Riegl und Aby Warburg Ende des 19. Jahrhunderts begründet wurde. In diesem Zusammenhang habe ich
mich über Jahrzehnte mit der Sammlungsgeschichte und insbesondere mit der Geschichte der Kunstkammer beschäftigt,
vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Im Bezug auf Berlin
war das Entscheidende, dass Gottfried Wilhelm Leibniz bei
seinem Konzept für die Gründung der Akademie der Wissenschaften auch eine Kunstkammer gefordert hat. Sie sollte
nicht nur Sammlung, sondern auch Gedankenlaboratorium
sein: als „Theater der Natur und Kunst“. In dieser Ausrichtung
– die Kunstkammer als wissenschaftliches Gedankenlabor
von Leibniz – haben Jochen Brüning und ich 2001 die Ausstellung „Theatrum naturae et artis“ aus Beständen der Humboldt-Universität im Gropius-Bau organisiert. Sie gab den Anstoß, dass der Präsident der Humboldt-Universität Jürgen
Mlynek und ich aus unserer Perspektive das von Klaus-Dieter
Lehmann und Peter-Klaus Schuster vertretene Konzept des
Humboldt-Forums vor der Schlosskommission im Jahr 2001
vorstellten.
Meine Idee war es, dem Forum den Namen von Leibniz zu
geben. Ich hatte diesen Namen vorgeschlagen, um die Tradition der Idee historisch tiefer zu verankern. Leibniz ist für
mich einer der großartigsten und tiefgründigsten Denker der
Museumsidee.

„Die HumboldtUniversität
und das Schloss
sind durch
Dekret von
Wilhelm von
Humboldt
von Beginn an
mit­einander
vernabelt.“

Bedauern Sie, dass sich der Name Leibniz-Forum nicht durch­
gesetzt hat ?
Ich habe zunächst und bisweilen auch noch später dafür plädiert, das Schloss-Forum Leibniz-Forum zu nennen. Im Humboldt-Forum ist diese Idee aber vollgültig aufgehoben. Ich
habe mich damit nicht etwa nur abgefunden, sondern ich
halte den Namen Humboldt heute für nicht mehr diskutierbar.
Auch durch die Doppelung in Wilhelm und Alexander hat der
Name Humboldt einen unschlagbaren Wert. Alexander von
Humboldt ist außerhalb Europas sicherlich der bekannteste
positiv besetzte Deutsche. Aber auch Wilhelm von Humboldt
hat universale Bedeutung. Als Sprachforscher hat er die indigenen Sprachen auf einer unhierarchischen Ebene für sich in
ihrem vollen Wert analysiert. Alexander von Humboldt wiederum hat vermutlich wesentlich hinter dem Konzept von Stülers
Neuem Museum gestanden, das mit all seinen Abteilungen

„Es liegt an uns,
ob das Forum
dem Anspruch
seiner Idee
gerecht bleibt.“

ein historisch wie geographisch umfassendes Weltmuseum
als moderne Form einer Kunstkammer sein sollte: ein Mikrokosmos der Welt, und darin erneut ein Motto für das Humboldt-Forum. Und es ist Wilhelm von Humboldt gewesen, der,
wie gesagt, per Dekret 1809 entschieden hat, dass die Sammlungen der Kunstkammer an die Universität gehen, womit die
Humboldt-Universität mit einer kräftigen Nabelschnur mit
dem Schloss verbunden wurde. Es gäbe das Museum für Naturkunde nicht, wenn nicht die naturkundlichen Objekte der
Kunst­kammer neben anderen Sammlungen 1810 in das Gebäude der Universität überführt worden wären, um dort immer
weiter anzuwachsen. Beide Brüder sind also von großem faktischem und symbolischem Wert.
Tragen Sie das Konzept für das Humboldt-Forum also ohne
Wenn und Aber mit ?
Natürlich, ich habe es ja mit formuliert, und aus meiner Sicht
ist es nach wie vor ein Modell für das 21. Jahrhundert. Diskussionen sind bei solchen Großprojekten unvermeidbar. Die
Kulturen der Welt, unhierarchisch zu den gewaltigen Sammlungen der Museumsinsel hinzugesellt, angereizt durch die
Idee des Labors, wie sie die Kunstkammer wie auch die

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Universität repräsentieren, gemeinsam mit einer medial lebendigen Bibliothek, die im übrigen auch immer der Kunstkammer angeschlossen war: das gehört zum Großartigsten,
was die Museologie in ihrer langen Geschichte hervorgebracht hat. Es ist nicht weniger als eine Weltidee. Ich sehe
mit gewissen Bedenken, dass der Laborcharakter, den wir
anfangs sehr stark und wesentlich gemacht haben, in der
Gefahr ist, weniger stark beachtet zu werden. Es liegt an uns,
ob das Forum dem Anspruch seiner Idee gerecht bleibt.

„Mit dem HumboldtForum kann
Berlin seinen Ruf als dynamische,
kreative und internationale Metro­
pole im Zentrum Europas weiter
stärken und Deutschland einen
einzigartigen Ort der Begegnung
besonders für junge Menschen
aus aller Welt erhalten.“

40

Von Humboldt
geprägt
Von Josef Ackermann

„Jeder Mann hat die Pflicht“, schrieb Alexander von Humboldt
einst an den französischen Astronomen Delambre, „in seinem
Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation
am besten dienen kann.“ Heute wissen wir, dass der preußische Universalgelehrte nicht nur den Platz gefunden hat, um
seiner eigenen Generation zu dienen. Sein Denken und Handeln, seine Forschungen und Schriften prägten auch alle Generationen nach ihm, sie prägen uns bis heute, und dies weit
über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus.
Mit dem Humboldtforum im neu errichteten Berliner Schloss
wollen wir Alexander von Humboldt mehr als nur ein Denkmal
setzen. Wir wollen sein geistiges Erbe neu aufnehmen und
fortführen. Wir wollen in der historischen Mitte Berlins einen
Ort schaffen, an dem Forschungs- und Wissenschaftsgeschichte greifbar und erlebbar werden und an dem zugleich
Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten zusammenkommen und miteinander in einen Dialog treten.
Als Vorbild für diesen Austausch eignet sich niemand
besser als Alexander von Humboldt. Er war der erste globale
Universalgelehrte. Seine Forschungsreisen führten ihn ab
dem Ende des 18. Jahrhunderts über Europa nach Süd- und
Mittelamerika, in die USA sowie nach Vorderasien. Er lernte
mehrere Sprachen und forschte unter anderem als Physiker,
Geologe, Botaniker, Chemiker, Zoologe, Astrologe, Wirtschaftsgeograph sowie Ethnologe. Er korrespondierte mit
Wissenschaftlern aus der ganzen Welt und brachte sie im
Zeitalter der Pferdekutsche zu Kongressen zusammen. Von
Humboldt vernetzte die Welt bereits 200 Jahre vor dem
Durchbruch des Internets.
Es mag paradox klingen: aber in unserer globalisierten,
über elektronische Medien in Echtzeit verbundenen Welt fehlen mehr denn je Orte, an denen sich Menschen verschiedener Herkunft und Kultur regelmäßig persönlich begegnen und
miteinander austauschen. Gerade in unserem so dezentral
organisierten Land mangelt es an einem systematischen Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.
Welche Stadt eignet sich besser, dem Abhilfe zu verschaffen,
als Berlin? Und welches Forum wäre dafür besser geeignet als
eines, das in der historischen Mitte der Hauptstadt angesiedelt ist?
Aber mehr noch: Ein solches Forum, das sich auf den
Weltbürger Alexander von Humboldt berufen darf, kann auch
ein Ort für den intellektuellen Austausch zwischen den
„alten“ Mächten USA und Europa einerseits und den neuen,

aufstrebenden Ländern Asiens, Lateinamerikas und zunehmend auch Afrikas sein. So wie Alexander von Humboldt das
Wissen seiner Zeit zu einen versuchte, soll das nach ihm benannte Forum das Wissen des 21. Jahrhunderts zusammenbringen und zu einem interdisziplinären und interkulturellen
Dialog einladen.
Ich bin der festen Überzeugung: Mit dem Humboldtforum
kann Berlin seinen Ruf als dynamische, kreative und internationale Metropole im Zentrum Europas weiter stärken und
Deutschland einen einzigartigen Ort der Begegnung besonders für junge Menschen aus aller Welt erhalten. Wir sollten
uns deshalb im Sinne Alexander von Humboldts jeder an unserem Platz für dieses Projekt einsetzen, von dem wir alle
profitieren werden: Politiker wie Unternehmer, Wissenschaftler wie Kulturschaffende. Deshalb unterstütze ich das Humboldtforum mit voller Kraft und lade alle ein, an seiner Verwirklichung in den kommenden Jahren mitzuwirken.

„In Berlin müssen sich Land und
Bund zuerst nach ihrer Ver­
antwortung gegenüber dem
ganzen Land, dann Europa und
schlieSSlich der Welt fragen.
Das Humboldt-Forum könnte
eine Antwort darauf sein.“

42

Eine Vision für
Berlin und
Deutschland
Von Monika Grütters

Für Kultur wie Wissenschaft gilt, dass ohne Visionen und
ohne Experimente kein Fortschritt stattfinden kann. Die Neugier auf die Welt, der Diskurs und die Auseinandersetzung mit
Eigenem und Fremdem sind für eine lebendige Kultur- und
Wissenschaftslandschaft unersetzlich. Erkenntnisse in Kultur
und Wissenschaft gehen der gesellschaftlichen Wirklichkeit
voraus. Es ist diese Avantgarde der Kulturnation, die es im
Humboldt-Forum demonstrativ zu ermöglichen und zu fördern
gilt. Im Zusammenspiel dieser beiden strategischen Gesellschaftsbereiche und in der heutigen globalisierten Welt geht
es um neuartige Kunst- und Kulturerfahrungen, um das Wissen über gleichberechtigte Weltkulturen, um neue Kompetenzen im Weltverständnis.
Der Universitas-Gedanke Wilhelm von Humboldts und
Alexander von Humboldts Begriff des Kosmos sind in der Internationalität Berlins gut aufgehoben und stehen gleichsam
Pate für das Humboldt-Forum. Die Neugier auf das Fremde,
das Andere soll im stadträumlichen Bezug zu den Zeugnissen
unserer europäischen Kunst- und Kulturgeschichte gegenüber auf der Museumsinsel Gestalt annehmen. Die Museumsinsel mit ihren reichen europäischen Kunstschätzen und das
Humboldt-Forum mit einer modernen, neuartigen Präsentation der weltberühmten Sammlungen außereuropäischer
Kunst aus den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehören unbedingt zusammen. Die reine Selbstbezüglichkeit eines kulturellen Identitätsbegriffs wird hier zugunsten globaler Betrachtungen der großen Menschheitsthemen
wie der Grenzen des Lebens, Gott und die Bedeutung der Religion, Identität und Migration erweitert.
Der Name Humboldt verpflichtet zu weltweit beachteter
Erstklassigkeit, zum aufgeklärten Kultur-Diskurs. Man beklagt
zwar hier und da, dass nach diesem Konzept in der Agora
„permanent gestritten werden solle“, was aber sollte ein aufgeklärter Kultur-Diskurs heute anderes, ja, mehr leisten als
genau dieses: das politische und gesellschaftliche Primat der
Bildung befolgen. Dem dienen Museen, Bibliotheken, wissenschaftliche Sammlungen. Hier erfahren wir das, was wir über
unser Leben wissen wollen. Unsere heutigen Gesellschaften
sind keine ethnisch homogenen mehr – wir alle erleben verschiedene Formen der Diaspora, gerade in internationalen
Städten wie Paris, London, Berlin: Hier wie dort gibt es ganz
neue ethnisch gemischte Milieus. Kosmopolitische Städte
sind die Zukunft, vor allem in Museen kann man das sichtbar
machen. Hier müssen und können wir zeigen: Alle Menschen

sind gleich, die Unterschiede sind kleiner als die Gemeinsamkeiten. Aber Museen können auch Identität stiften. Dort, wo
im heutigen multiethnischen Alltagsgeschehen „Heimat“ gesucht wird, können gerade die Museen für das Miteinander
und das Zusammenwachsen eine herausragende Rolle spielen. Hier nimmt die große Lessingsche Idee vom Bildungsbürger als Weltbürger Gestalt an, hier können wir Weltbürger
werden, denn Museen „gehören allen“.
Orient und Okzident, Welthaftigkeit und Weltoffenheit –
es muss endlich eine Vision für Berlin, die Hauptstadt, und für
Deutschland als einer der bedeutendsten Kulturnationen der
Welt formuliert werden. Welche Nation der Welt hat denn
schon die historische Chance, den zentralen Platz der Republik am Beginn des 21. Jahrhunderts neu zu definieren? Deutschland zumal ist die Nation mit der höchsten Theaterdichte der
Welt, mit den meisten Museen in seinem Land, hier findet
man fast die Hälfte aller professionell arbeitenden Orchester – die Liste kultureller Leistungen ließe sich verlängern. Ein
solches Fundament trägt und ist doch Chance und Verpflichtung zugleich. In Berlin müssen sich Land und Bund zuerst
nach ihrer Verantwortung gegenüber dem ganzen Land, dann
Europa und schließlich der Welt fragen. Das Humboldt-Forum
könnte eine Antwort darauf sein.
Die Vision für Berlin und Deutschland kann nur in der Exzellenz bestehen, die ihren Ausdruck dann in aufregenden
Kunst- und Wissenschaftspräsentationen findet. Die Bibliothek ist mehr als Unterstützerin und vermittelnde Begleiterin
dieser Idee, sie garantiert vielmehr den Centre PompidouCharakter dieses Projektes, indem sie ihre Bestände aus dem
Themenspektrum des Humboldt-Forum bereithält. In verschiedenen, auf das Humboldt-Forum verweisenden Ausstellungen hat vor allem auch die Humboldt-Universität gezeigt,
dass sie eine unvergleichliche Ideengeberin ist.
Der Name Humboldt verpflichtet zu weltweit beachteter
Erstklassigkeit, zum Diskurs, zur Interdisziplinarität und zum
Experiment.

„Ich suche nach dem Kulturwissen
der Gegenwart, wie es sich aus der
Geschichte heraus verändert hat.
Ich will wissen, was die bleibenden
Werte einer Kultur sind.“

44

Blick über
den Jägerzaun
Von Christina Weiss

Das Humboldtforum muss mehr werden als ein Museum – es
wird die Verlängerung des Museums in die Gegenwart. Die
Museen stellen Objekte der Vergangenheit aus: Kunstgegenstände, Kultobjekte, Ikonen eines kulturellen Zusammenhangs, der in der Vergangenheit liegt. Aus musealer Präsentation aber wird eine lebendige Fortsetzung in die Lebenskultur der Gegenwart erwachsen. In allen Kulturräumen leben
Menschen auch heute noch geprägt von den kulturellen Wurzeln und Traditionen – auch in unserer Zeit, in der alle Kulturen sich in der gemeinsamen globalen Welt mischen und nebeneinander und miteinander bestehen.
Wie aber können wir die Brücke zur Gegenwart schlagen?
Historische Kultur lebt weiter in der Gegenwartskunst. Mit Filmen und Literatur aus der Gegenwart eines Landes können
wir wunderbar sinnlich erfahren, wie das Leben in anderen
Kulturen und fremden Kulturräumen aus den Koordinaten der
kulturellen Grundsätze der Vergangenheit heraus sich in die
Gegenwart – die globale Gegenwart – fortgesetzt hat. Wenn
es gelingt, das Museale in die gelebte Heute-Zeit zu verlängern, dann kann das Humboldtforum als Mischung aus Museum und Debatte der Gegenwart ein weltweit einzigartiges
Projekt werden und für uns alle – ob Europäer oder Nicht-Europäer – ein Ort werden, an dem wir Offenheit trainieren und
Neugierde als Impuls der Sympathie dem Fremden gegenüber
erfahren können.
Wir alle leben inzwischen im globalen Kontext. Wir können uns nicht hinter den Jägerzaun des Nur-Eigenen zurückziehen. Die Nachrichten treffen aus aller Welt auf uns, wir
reisen quer durch die Welt, oder wir arbeiten in Unternehmen,
die uns in weltweiter Vernetzung täglich mit Fremdem konfrontieren.
Wir müssen uns informieren über fremde Gepflogen­
heiten und kulturelle Wertsetzungen, um Menschen aus
fremden Kulturen so begegnen zu können, dass auch im Alltag keine unnötigen Kränkungen entstehen. Das Zusam­
menleben im selben Land erfordert von uns mehr Wissen
über die Anderen.
Was bedeutet Eigentum, was bedeutet Familie, was
bedeutet Ehre, was bedeutet Schuld? Das sind grundlegende
kulturelle Koordinaten, die mit dem deutschen – europäischen – Rechtssystem eventuell massiv in Konflikt geraten
können. Ähnliche Kenntnisse sind erforderlich in Kranken­
häusern, auch im Krankheitsfall gebietet es der Respekt,
Rücksicht nehmen zu können auf fremde Rituale und Bedürfnisse. Natürlich gilt die gleiche Herausforderung, wenn

Europäer im fremden Land leben – auch Europa muss sich
und seine Werte vermitteln.
Internationale Unternehmen schicken Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter in die Welt. Auch ihnen muss die Chance gegeben werden, sich kulturell vorbereiten zu können. Was sind
die Gewohnheiten im fremden Land – was heißt Freundschaft,
was Gastfreundschaft? Nur wer die anderen Verhaltensweisen
und ihre kulturelle Begründung kennt, kann sich offen so verhalten, dass ihm Sympathie entgegen gebracht werden kann
– natürlich kann er in solchem Kontext auch über die Werte
und Rituale der eigenen Kultur berichten.
Mich interessiert vor allem das Zeitgenössische, die Gegenwartsinformation. Ich suche nach dem Kulturwissen der
Gegenwart, wie es sich aus der Geschichte heraus verändert
hat. Ich will wissen, was die bleibenden Werte einer Kultur
sind. Es interessiert mich, wie das „Subjekt“ beispielsweise
in Asien gewertet wird. In Europa ist das Subjekt eine der
höchsten unantastbaren Werteinheiten – in Asien zählt das
Individuum weniger als die Gruppe, die Familie oder sogar die
Firma, die den Arbeitsplatz liefert. Solche Fragen sind zu beantworten, sind in der globalen Welt unabdingbar. Um ein
charmanteres Beispiel zu nennen: die Esskultur ist von
höchster Bedeutung und in ihren Traditionen auch heute
noch herrlich unangetastet in den Kulturen der Welt: ich
möchte wissen, wie man im fremden Land miteinander isst,
wen man wie bewirtet und welche Bedeutung das Miteinander-Essen hat.
Wir müssen die Chancen der Kommunikation erkennen
und Kommunikation im bewusst gemachten Kontext auch
trainieren können. Das ist in unserer Welt, in der wir auch im
engsten Alltag mit fremden Kulturen umzugehen gezwungen
sind, eine Notwendigkeit zu einem guten Miteinander. Wir haben, wenn wir uns über die anderen Kulturen informieren, die
Chance, auch im Alltag Fremdes zu begreifen und mit Sympathie wahrnehmen zu können. Wir reisen viel, aber wir sollten
nicht reisen, ohne etwas zu wissen von der Kultur derjenigen,
in deren Land und deren kulturelle Welt wir eindringen.
Neugier und Offenheit gehören unabdingbar zusammen,
um den Dialog mit einer fremden Kultur aufzunehmen. Das
Fremde ist eine Bereicherung für uns gerade dann, wenn wir
die eigene Kultur, die eigenen Wurzeln und Werte kennen,
aber zugleich auch akzeptieren, dass wir nur eine Lebensmöglichkeit von vielen praktizieren, dass es viele Varianten
gibt, die Welt und den Menschen zu sehen und Verhaltensweisen zu werten. »

Das Humboldtforum muss zu einem exemplarischen Erfahrungsort für Fremdes im Dialog mit dem Eigenen werden.
Um Hortensia Völckers, die Vorsitzende der „Kulturstiftung
des Bundes“ zu zitieren: „Der Albtraum Babel, der für die
Hybris des Verstehens und das Misslingen der Verständigung
steht, könnte sich im Humboldtforum in den Traum einer
multikulturellen Agora verwandeln, aus der heraus Spuren
in die Zukunft gelegt werden.“
Ich plädiere sehr dafür, dass für diese Verständigung
auch die Medien der Gegenwart eingesetzt werden. Über
einen Dokumentar- oder einen Spielfilm lässt sich so viel
über eine fremde Kultur in der heute gelebten Wirklichkeit
erfahren, dass ich diese Erfahrung von „Geschichten“ aus
dem fremden Land neben der musealen Präsentation der
Geschichte und neben Gesprächen über Kulturbegegnungen
nicht missen möchte. Ich bin auch offen dafür, dass bereits
an den Außenflächen des Hauses – des Schlossnachbaus –
Informationen über die Inhalte elektronisch markiert werden.
Wir haben eine wunderbare Chance, mit dem Humboldtforum uns allen, den Deutschen und den Besuchern aus aller
Welt eine neue Blickrichtung in die Welt zu vermitteln. Das
muss und wird gelingen.

46

Ausrufungszeichen
der Geschichte
Interview mit Klaus Töpfer

Was war Ihr Motiv, sich für ein so gewaltiges Kulturprojekt
wie das Humboldtforum zu engagieren ?
Dieses Projekt ist nicht nur ein bedeutendes, es ist DAS Kulturprojekt, das die Bundesrepublik Deutschland nach der
Wiedervereinigung noch zu leisten hat. Es ist eine großartige
Herausforderung, auf dem Schlossplatz in Berlin in einem Gebäude die Geschichte aufzunehmen und sie in die Zukunft
fortzuschreiben und mit einem großen und die Internationalität dieses Landes widerspiegelnden inneren Programm weiter
zu verfolgen. Es gibt nichts Herausragenderes, nichts Besseres und gerade für jemanden, der lange Zeit im Ausland weltweit unterwegs war als Verantwortlicher für die Umweltpolitik
der Vereinten Nationen, ist es besonders gut zu wissen, dass
wir hier nicht uns selbst bespiegeln wollen, sondern dass wir
uns als offener Partner für diese Welt darstellen.
Waren Sie zu Beginn der Diskussion um den möglichen Wie­
deraufbau des Schlosses aktiv an ihr beteiligt?
Ich war vier Jahre Bundesbauminister und das just in der Zeit,
in der wir die deutsche Einheit gestalten und den Umzug von
Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin durchführen
konnten. So war ich für den Aufbau dessen verantwortlich,
was wir jetzt als – wie ich meine – sehr gelungene Aufnahme
Berliner Geschichte in Gebäuden für die Ministerien und für
das Parlament sehen. Von daher gesehen, hatte ich natürlich
auch eine unmittelbare Verantwortung für den damaligen Palast der Republik. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass es
mir möglich wurde, das Konzept für den Neubau der Bundeshauptstadt Berlin so zu ergänzen, dass beispielsweise an
diesem markanten Platz – dem Schlossplatz – das Gebäude
des Staatsrates mit seinem historischen Balkon stehenblieb.
Ich war überzeugt, dass wir auch und gerade die Jahre, in
denen die DDR existierte, in Gebäuden sichtbar werden lassen
sollten, als einen Teil der Geschichte des zweigeteilten
Deutschlands. Deswegen war ich sehr zurückhaltend mit Blick
auf den Abriss des Palastes der Republik.
Könnten Sie sich vorstellen, Teile des Palastes der Republik
wie das Kunstwerk einer gläsernen Blume in das HumboldtForum zu integrieren?
Ich habe mich sehr dafür auch öffentlich eingesetzt, dass
man so was wie ein Ausrufungszeichen der Geschichte
braucht. Das war eine in Berlin ganz wichtige Auseinandersetzung. Viele der Gebäude, die wieder genutzt wurden
für Ministerien, waren mehr oder weniger heruntergekom­men: wie das sogenannte Regierungskrankenhaus in der

Invalidenstraße, das Wirtschaftsministerium oder das alte
Museum, in dem jetzt das Bau- und Verkehrsministerium arbeitet. Oder auch das Patentamt, in dem sich jetzt das Justizministerium befindet und in dem man geradezu großartig sehen kann, wie sich die Jahresringe der baulichen Entwicklung
Berlins niederschlagen. Die preußischen Jahre, die Ära der
Gründerzeit, die Plattenbauten der DDR-Architektur und letztlich die Beispiele moderner Architektur sollten ein Ensemble
bilden und keinen zufälligen Mischmasch. Das haben wir –
wie ich meine – sehr vernünftig gemacht. Es gibt einen klugen Satz von Wolfgang Thierse, der damals davon sprach,
dass die Urbanität einer Stadt sich in der Ungleichzeitigkeit
des Gebauten niederschlage. Wird alles gleichzeitig gebaut,
wird alles gleichzeitig alt. Und es ermüdet gleichzeitig die Augen. Heute ist jeder dankbar, dass die Bundesregierung mit
ihren Ministerien in die Stadt integriert ist, indem wir solche
Erinnerungsstücke an die Vergangenheit, auch an die
schwerste und schwärzeste Vergangenheit Deutschlands,
erhalten haben und wieder neu nutzen.
Stellen Sie sich vor, das Humboldtforum ist fertig gestellt.
Was wäre für Sie als Besucher besonders reizvoll?
Zunächst sollte man sich bewusst sein, dass es nicht einen,
sondern zwei Humboldts gab. Das Humboldtforum ist sowohl
für Wilhelm als auch für Alexander eine großartige Möglichkeit, die Weltoffenheit schon des damaligen Deutschlands zu
belegen und sie in die Zukunft hinein weiter zu führen. Es ist
ja nicht nur ein museales, es ist ein nach vorne gerichtetes
Konzept. Deswegen ist es großartig, wenn die Sammlungen
des Preußischen Kulturbesitzes von Dahlem, wo sie dringend
baulicher Lösungen bedürfen, in die Mitte der Stadt kommen.
Mit Alexander von Humboldt verbindet uns das Gespür für die
Natur, für ihre Vielfalt und ihre globalisierte Qualität. Das nennen wir heute Umweltpolitik. Damals wurde es als Naturforschung bezeichnet und dies mit einzubringen ist großartig.
Aber vor allen Dingen muss dieses Humboldtforum ein Platz
der Begegnung sein. Da kommen wir sehr viel stärker auf das,
was Wilhelm von Humboldt uns signalisiert: Bereiche zu
schaffen, in denen sich Menschen begegnen, in dem wir
wirklich die Offenheit unserer Gesellschaft nicht nur benennen, sondern auch damit umgehen. Das ist eine Vorstellung
für die Nutzung dieser Bausubstanz, die wirklich nicht im
Historischen verbleibt, sondern für die Generation jetzt und
kommende Generationen deutlich macht, was für eine Verpflichtung wir in einer offenen, parlamentarischen Demokratie
haben, eine Demokratie in einer globalisierten Welt. »

„Das Humboldtforum ist sowohl für
Wilhelm als auch für Alexander
eine groSSartige Möglichkeit, die
Weltoffenheit schon des damaligen
Deutschlands zu belegen und sie
in die Zukunft hinein weiter zu füh­
ren. Es ist ja nicht nur ein museales,
es ist ein nach vorne gerichtetes
Konzept.“

Sie haben viele Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Haben
Sie dort einen besonderen Zugang zur afrikanischen Kultur
und Geschichte gewonnen?
In Dahlem existiert eine der großartigsten Sammlungen mit all
ihren Facetten und Differenzierungen. Deswegen ist es so
wichtig, dass wir sie nicht in einer völlig inadäquaten Bausubstanz belassen, in der wir sie mehr verstecken als zeigen.
Wir müssen das als einen Teil unserer Verpflichtung in dieser
Welt mit einbringen. Wir haben die Museumsinsel. Wir wissen,
dass das Bodemuseum und die anderen Einrichtungen dort
weltweit beachtet und bekannt sind und Menschen aus aller
Welt nach Berlin locken. Es wäre gänzlich unerklärlich, diese
Chance nicht zu nutzen. Und wenn ich von global spreche,
dann ist natürlich auch ein Kontinent wie Afrika mit dabei.
Man kann nicht acht Jahre in Afrika seinen Hauptwohnsitz
haben, ohne sich auch mit den Menschen zu beschäftigen.

48

Kunst und Kultur sind in Afrika eine viel unmittelbarere Aufgabe. Sie obliegt nicht nur den Kunstschaffenden, sondern
sie ist sehr viel intensiver auch verankert in der Bevölkerung.
Da geht es nicht nur um die darstellende Kunst. In hohem
Maße beherrscht die Musik das kulturelle Leben. Überall gibt
es Chöre, man singt und tauscht sich auf diese Weise viel
mehr aus.
Werden Sie sich auch an den Aktivitäten des Humboldtforums
beteiligen und Ihre Erfahrungen nach vielen Jahren in Afrika
einbringen?
Man soll sich nicht überheben. Mein nächster Geburtstag ist
der 74ste. Wir haben jetzt gut daran zu tun, dass dieses
Bauwerk vorankommt und seinen Verpflichtungen gerecht
wird. Da muss noch viel gearbeitet werden. Ich hatte vor vielen Jahren den Eindruck, dass der Wiederaufbau der Frauen­

kirche in Dresden in der Bevölkerung intensiver verankert war.
Das ist von höchster Bedeutung. Charity begins at home. Die
Berliner Gesellschaft muss sich über die unterschiedliche Bewertung „willste das Schloss“ oder „willste das Schloss nich“
bewusst werden. Die Chinesen haben ein Sprichwort: eine
Hand, die Du nicht abhacken kannst, musst Du schütteln. Das
heißt, es ist entschieden. Jetzt schütteln wirs und machen
was daraus. Und das ist ja nicht irgendwie herbeigeredet und
erzwungen. Ich bin sicher, dass viele Jüngere sich dieser Aufgabe annehmen werden und zwar so, dass es auch für Jüngere attraktiv ist. Wenn uns das gelingt und wenn wir es international hinreichend darstellen können, dann haben wir
das erreicht, was wir wollten. Aber das verbindet sich nicht in
besonderer Weise mit mir. That’s the next generation. Dass
dieser Transfer gelingt, daran möchte ich mit aller Kraft und
Begeisterung mitwirken.

„Es wird keine statische Veranstal­
tung. Es wird ein Museum, das ver­
änderbar, thematisch flexibel ist.
Es wird eine Institution, die eine
offene Dis­kussion sucht, und das ist
ein gutes Zeichen für Berlin.“

50

Kunst und Kultur
und kein Kommerz
Von Martin Roth

In Zeiten, in denen überall finanzielle Engpässe beklagt werden, ist es nicht selbstverständlich, wenn eine Institution wie
das Humboldt-Forum ins Leben gerufen wird. Es gehört Mut
dazu, einen so gewaltig großen Entwurf umsetzen zu wollen.
Es gehört Mut dazu, weit verbreitete Ängste und Vorsicht zu
ignorieren. Deshalb ist für mich das Projekt Humboldt-Forum
nicht nur bemerkenswert, sondern vor allem wert, unterstützt
zu werden.
Ich finde es sinnvoll, das Zentrum der Hauptstadt der
Kunst und Kultur zu widmen und nicht dem puren Kommerz.
Es ist auch eine mutige und positive Lösung, dass dieses
Forum im Zentrum der Stadt als Plattform für kontroverse Debatten dienen soll. Das macht die Attraktivität des Projekts
aus. Es wird keine statische Veranstaltung. Es wird ein Museum, das veränderbar, thematisch flexibel ist. Es wird eine
Institution, die eine offene Diskussion sucht, und das ist ein
gutes Zeichen für Berlin.
Ein weiteres klassisches Museum zu schaffen, wäre
auch nicht besonders sinnvoll. Es muss definitiv ein Museum
sein, das Antworten auf aktuelle Fragestellungen auch mittels der hervorragenden Sammlungen gibt. Museum als offenes Diskussionsforum ist nicht neu. Aber so, wie es in Berlin
umgesetzt werden soll – an diesem Ort – ist es ein inhaltliches Signal, das sehr bemerkenswert ist.
Das Humboldt-Forum, sollte es konsequent umgesetzt
werden, könnte einen bedeutenden Beitrag zur Welt- und
Zivilisationsgeschichte leisten. Es wäre ein Solitär, d.h. es
würde sich nicht in einem Wettbewerb mit anderen Kultur­
institutionen befinden.
Das Londoner Victoria and Albert Museum, das ich leite,
und das Humboldt-Forum sind sehr unterschiedliche Institutionen. Ähnlich sind sie sich nur insoweit, dass sie sich auch
aktuellen Themen widmen. Beide versuchen und werden versuchen sich innovativen Ideen zu öffnen, nicht nur im kulturellen sondern auch im sozialen und im wirtschaftlichen Bereich, die dann ihrerseits auch mit der außereuropäischen
Geschichte verknüpft werden.

Der Erfolg eines solchen Projektes stellt sich darin dar,
dass man den anfänglich angelegten Qualitätsmaßstab bis
zum Schluss des Realisierungsprozesses durchhält. Das
Gleichgewicht zwischen Finanzierung und inhaltlichem Anspruch besteht immer darin, dass man bei möglichst vernünftigem Mitteleinsatz ein grandioses Ergebnis erzielt.
Die üblichen zweckmäßigen Kürzungen ruinieren solche
Großvorhaben auf dem Wege der Realisierung. Am Verhältnis
von Anspruch und Wirklichkeit wird letztlich auch das Humboldt-Forum gemessen werden. Aber ich bin sehr optimistisch. Das Humboldt-Forum ist schließlich ein von allen Seiten
auch politisch gewolltes Projekt und weil es sich gegen alle
Widerstände durchgesetzt hat, wird man darauf achten, dass
es auch exzellent umgesetzt wird. Sonst sollte man es lassen.

„Die Neugierde muss darauf gerichtet
sein herauszufinden, was mich davon
in meinem Alltag heute berührt. Oder:
Was verbindet mich mit der Kultur an­
derer Kontinente?“

52

Nichts anderes
sein als neugierig
Interview mit Irmgard Schwaetzer

Braucht Berlin ein so großes Projekt wie das Humboldtforum?
Für mich ist es nicht wichtig, ob ein Kulturprojekt „gebraucht“
wird. Wahrscheinlich könnte unsere Gesellschaft auch weiterleben, wenn es das Humboldtforum nicht gäbe. Viel wichtiger ist die Antwort auf die Frage, was ein solches Projekt über
den Zustand unserer Gesellschaft aussagt. Das war mir auch
wichtig, als ich 2002 für dieses Projekt gestimmt habe: wir
sind eine moderne Demokratie, wir nehmen unseren demokratischen Auftrag im Innern und nach außen sehr ernst. Wir
haben eine etablierte und florierende Wirtschaft. Mit dem
Humboldtforum, das die Kulturen der Welt in die Mitte Berlins
holt, erhalten wir viele Möglichkeiten. Es ist ein Zeichen unserer Neugier auf andere Traditionen und zeigt unsere Verbundenheit mit anderen geistigen Entwicklungen in einer globalisierten Welt.
Das Humboldtforum und sein künftiger Standort haben also
auch eine politische Bedeutung?
Dieser Standort ist schließlich das Zentrum der Hauptstadt
und das Zentrum unserer Republik. Es sind alle möglichen
Überlegungen angestellt worden, was genau an diesem Platz
richtig wäre. Zum Beispiel, ob der Bundespräsident dort seinen Amtssitz haben sollte, ob das Parlament dort seine Entscheidungen trifft. Ich denke, dass die letztlich getroffene
Entscheidung, an dieser Stelle ein einmaliges kulturpolitisches Projekt zu verwirklichen, ein Zeichen für die neue Qualität der deutschen Demokratie nach 1945 und nach der Wiedervereinigung ist.
Welcher Teil des Humboldtforums spricht Sie persönlich am
meisten an ?
Im Moment ist es natürlich die Agora, weil sie Inhalten am
meisten Spielraum lässt. Aber das Humboldtforum als Kulturprojekt kann nur funktionieren, wenn die Verbindung hergestellt wird von den Sammlungen, die in den Obergeschossen
ausgestellt werden, zu dem, was in der Agora stattfindet: an
Diskussionen, an Ausstellungen, an Filmen, an Installationen
an Möglichkeiten zu schauen, sich auszuruhen, sich inspirieren zu lassen.

Kann es dabei nicht auch zu einer kulturellen „Übersättigung“
kommen?
Nein. Weil das Humboldtforum etwas anderes sein muss als
das Bodemuseum oder die Alte Nationalgalerie. Das Humboldtforum wird ein Dialogprojekt. Menschen, die ins Humboldtforum kommen, sind ja neugierig, lassen sich beispielsweise von moderner Kunst oder einem Vortrag oder einem
Film ansprechen, der aber Bezug nimmt auf den Kulturdialog,
der aus den Museen, aus der Stadtbibliothek und aus den
Sammlungen der Humboldt-Universität in die Agora hineingetragen wird. Das erfordert eine völlig andere Ansprache an die
Besucher als in den Museen auf der Museumsinsel.
Was soll, was kann der auswärtige Besucher, der Tourist, aus
dem Humboldtforum mitnehmen? Was kann er lernen?
Den Begriff „lernen“ würde ich nicht in den Vordergrund stellen. Die Menschen, die ins Humboldtforum kommen, sollen
nichts anderes sein als neugierig. Dann allerdings muss ihre
Neugierde durch etwas Überraschendes aufgegriffen werden.
Anthropologische und kulturhistorische Museen sind immer
sehr attraktiv. Das ist gar keine Frage. Aber ich denke, die
Neugierde muss auf mehr gerichtet sein als den Museumsteil,
um zu sehen, wie die Boote in Polynesien gebaut worden sind
oder wie in China das Porzellan hergestellt worden ist. Die
Neugierde muss darauf gerichtet sein herauszufinden, was
mich davon in meinem Alltag heute berührt. Oder: Was verbindet mich mit der Kultur anderer Kontinente? Dieser Aufgabe
wird sich die Agora stellen. Deshalb ist die Agora auch aus
der Eingangshalle herausgeholt worden und wird sich nun
über das ganze Erdgeschoss erstrecken. Ich denke, dass sie
im Humboldtforum mein Lieblingsplatz werden könnte. Um
Neues zu sehen, um Anregungen im Nachdenken zu bekommen.

„Das wird doch etwas Wunder­
bares, wenn in der Mitte Berlins
globale Kultur­kommunikation
betrieben wird. Das gibt es sonst
nirgendwo auf der Welt.“

54

Geschichte mit
Zukunft verbinden
Interview mit Wolfgang Thierse

Welche Rolle haben Sie in dem Prozess gespielt, an dessen
Ende die Idee des Humboldtforums entstand?
Zunächst will ich daran erinnern, dass ich schon Mitglied in
der internationalen Expertenkommission Historische Mitte
Berlins gewesen bin. Also von Anfang an bei den Überlegungen und Debatten über diesen Ort mitgewirkt habe, mitgemischt habe. Wir hatten damals zweierlei zu entscheiden:
Was soll dort an der kostbarsten Stelle der Stadt Berlin für ein
Baukörper entstehen? Welche Funktion, vor allem welcher
Inhalt soll dort dargeboten werden? Als die Idee geboren
wurde, die dann Humboldtforum hieß und nicht nur ein weiteres Museum sein sollte, sondern ein lebendiger Kommunikationsort für die Kulturen der Welt, war das die befreiende Idee.
Die Humboldtsche Idee der alten Museumsinsel war es, den
Gesamtzusammenhang europäischer Kultur zu präsentieren.
Das durch die Kulturen der Welt zu ergänzen und das an einem Ort, wo nicht nur Museen sich begegnen, sondern wo
lebendige Kommunikation stattfindet, das ist das eigentlich
Faszinierende. Diese Idee durchzuhalten, in allen Diskussionen, bei allen Zweifeln, bei allen Schwierigkeiten mit dem
Bau, bei allen Auseinandersetzungen über die museale Präsentation, halte ich für meine entscheidende Aufgabe. Nicht
nur ein Museum, nicht nur einen Ort für spektakuläre Events
zu gestalten, sondern zu garantieren, dass dort tatsächlich
Begegnungen der Kulturen der Welt stattfinden. Nicht als etwas Totes und etwas Vergangenes, sondern als etwas Gemeinsames, was auf Zukunft zielt.
Haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages darüber
hinaus noch eine besondere Verpflichtung?
Erstens haben wir die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass
dieses Projekt auch dauerhaft finanziert bleibt. Dass es nicht
aus Geldmangel zu einem eher toten Ort wird oder gerade
noch so überlebt. Und des weiteren immer wieder neu dafür
zu sorgen, dass dort nicht nur Museen ihren Platz finden,
sondern dass Künstler und Intellektuelle aus aller Welt eingeladen werden, um im Herzen unserer Hauptstadt miteinander
zu kommunizieren über die Zukunft der Kontinente, über die
Zukunft der unterschiedlichen Kulturen in der Welt.
Sollte ein solches Kulturprojekt für jedermann und kostenfrei
zugänglich sein?
Kultur halte ich für ein öffentliches Gut. Das heißt aber nicht,
dass es kostenfrei ist, sondern dass demokratische Politik
dafür verantwortlich ist, dass die finanziellen Hürden für den

Zugang nicht zu hoch sind. Wir sind in Deutschland gewohnt,
Eintritt in Museen und zu Veranstaltungen zu bezahlen, aber
der Eintritt darf nicht so hoch sein, dass er Menschen mit
kleinerem oder mittlerem Einkommen hindert, diese kulturellen Angebote zu nutzen. Wenn wir in die Alte oder Neue Nationalgalerie gehen oder in andere Museen in Deutschland, wird
Eintritt bezahlt. Wenn wir Kulturveranstaltungen besuchen,
wird Eintritt bezahlt, aber er darf nicht zu hoch sein. Also wird
eine dauerhafte Subventionierung des Humboldtforums notwendig sein. Aber ein eigener Beitrag der Besucher – gleich
ob Stadtbürger oder nationale und internationale Stadtbesucher – das halte ich für durchaus angemessen.
Gibt es nicht schon mit dem Haus der Kulturen der Welt ein
solches Projekt?
Das Haus der Kulturen der Welt macht gute Arbeit, aber man
hat gelegentlich den Eindruck, dass es doch nicht im Zentrum
der Stadtkommunikation ist. Ich wünsche mir natürlich, dass
das Humboldtforum nicht nur idealerweise zentral gelegen ist,
nämlich im Herzen der Stadt, sondern auch ein Zentrum von
städtischer Kommunikation wird. Das wird doch etwas Wunderbares, wenn in der Mitte Berlins sozusagen globale Kulturkommunikation betrieben wird. Das gibt es sonst nirgendwo
auf der Welt. Wenn das gelingt, kann es dem Ruf Berlins, der
deutschen Hauptstadt nur dienlich sein.
Muss Deutschland immer alles besser machen als andere
Länder?
Nein. Aber wenn wir die Chance haben, am Beginn des
21. Jahrhunderts ein großes Kulturprojekt, das größte Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik zu verwirklichen, dann muss es natürlich hohen Ansprüchen genügen.
Das British Museum ist ohne Zweifel ein Museum von Welt­
rang. Aber es ist ein Produkt der britischen Kolonialgeschichte.
Das gilt für viele andere große Museen ebenso. Das Humboldtforum ist genau dies nicht. Ihm ist eine solche Last nicht
aufgebürdet. Diese Freiheit sollten wir nutzen. Das Bekenntnis zur baulichen Geschichte Berlins schließt doch das Bekenntnis zu einer modernen Nutzung ausdrücklich ein. Das
Humboldtforum ist kein vergangenheitsorientiertes Projekt.
Geschichte soll verbunden werden mit Zukunft – das ist es.

„Wenn man so will, war Alexan­
der von Humboldt der erste Glo­
balisierer, und auch das sollte
für die deutsche Wirtschaft ein
guter Grund sein, sich für das
Humboldtforum zu engagieren.“

56

Eine nationale
Aufgabe
Von Jens Odewald

Das Humboldtforum passt in die kulturellen Strömungen unserer Zeit. Nachdem die Museumsinsel in den letzten Jahren
grundlegend saniert, erneuert und zum Teil erweitert wurde,
ist jetzt die Zeit für das Humboldtforum gekommen. Es gibt
viele andere eindrucksvolle Neubauten auf der Welt, die in
diesen Jahrzehnten entstanden sind und entstehen: die Pyramide des Louvre, die Erweiterung des Prado in Madrid sowie
des Modern Art Museums in New York oder das chinesische
Nationalmuseum in Peking, ferner die für 2014 geplante Erweiterung der Eremitage in St. Petersburg. Das Humboldtforum sollte angesichts der Geschichte seines Standortes in
Berlin im Sinne von Leibniz und den Gebrüdern Humboldt als
Stätte für Kultur und Wissen ausgestaltet werden.
Einem solchen Projekt kann sich die deutsche Wirtschaft
als Leistungsträger unserer Gesellschaft kaum entziehen. Sie
hat in den letzten 40 Jahren weltweit investiert und exportiert. Jetzt hat sie die Chance, mit dem Humboldtforum diese
globalen Aktivitäten kulturell zu ergänzen. Denn die Pretiosen
afrikanischer, asiatischer und mesoamerikanischer Kultur in
den verschiedenen Berliner Museen sind von herausragender
Qualität und stellen Weltkunst dar. Im Humboldtforum vereint,
werden sie eine hohe Attraktion bedeuten.
Manche deutschen Unternehmen werden sich zum Teil
eher zurückhaltend verhalten. Sie sollten aber stets daran
denken, dass es keine Wirtschaft gibt, die von der Globalisierung mehr profitiert hat als die deutsche. Wenn man so will,
war Alexander von Humboldt der erste Globalisierer, und auch
das sollte für die deutsche Wirtschaft ein guter Grund sein,
sich für das Humboldtforum zu engagieren.
Das Humboldtforum ist ein herausragendes Projekt an
einem zentralen historischen Ort in Deutschland. Dies hat
mich von Anfang an bewogen, mich hierfür einzusetzen.
Nach den langen Diskussionen der Vergangenheit muss
jetzt auch in die deutsche Öffentlichkeit transportiert werden,
was das Schloss und damit das Humboldtforum bedeutet und
welchen Zweck es erfüllen soll. Es gibt Mitbürger, die sagen,
dass die Berliner ihr Schloss wiederbekommen würden, könnte
in Bayern oder im Rheinland doch nicht von Interesse sein.
Angesichts der Möglichkeit einer Präsentation – in der Mitte
unserer Hauptstadt – von Kulturen des außereuropäischen
Raumes, der mehr abdeckt als die Hälfte der Weltbevölkerung, handelt es sich um eine nationale Aufgabe, sowohl von
seiner Dimension her als auch von der Größe ihrer Heraus­
forderung.

Es gilt, die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit
stärker als bisher auf dieses Kulturprojekt zu lenken. Wer erinnert sich nicht an die grandiose Verhüllung des Reichstages, die bundesweit dazu beigetragen hat, den historischen
Bau als Ort des demokratischen Parlaments zu akzeptieren
und zu schätzen.

„Die historische Schlossfassade ist
ein herausragendes Projekt, eine
echte Herausforderung für das Hand­
werk und zugleich eine groSSe
Chance, die umfassende Kompetenz
des Handwerks zu demonstrieren.“

58

brücke zwischen
Tradition und Innovation
Von Stephan Schwarz

Dass nach vielem Hin und Her das Projekt nun nicht mehr in
Frage gestellt wird und dass die Planung inzwischen in vollem
Gange ist, freut mich aus zwei Gründen. Zum einen stellt die
Bebauung der Brache einen städtebaulichen Meilenstein für
unsere Stadt dar – es entsteht ein phantastisches Kulturprojekt, dessen Wirkung weit über Berlin hinausstrahlen wird.
Zum anderen freut es mich für die zahlreichen Handwerksbetriebe in unserer Stadt, die auf Aufträge hoffen können und
somit in die Lage versetzt werden, weiterhin Arbeits- und
Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.
Bei der fachgerechten Ausführung der Arbeiten an einem
Gebäude, das sich sehr an seinem historischen Vorbild orientiert, werden hoffentlich recht viele regionale Handwerksbetriebe zum Einsatz kommen. In Berlin gibt es eine große Anzahl spezialisierter Handwerksunternehmen, die sich schon
seit langer Zeit erfolgreich in der Denkmalpflege engagieren.
Diese Betriebe kommen aus den unterschiedlichsten Branchen und verfügen über ein großes Know-how, wenn es darum geht, Kulturdenkmäler mit traditionellen Handwerkstechniken zu sanieren. Somit wird dieses Projekt nicht nur ein
Aushängeschild für Berlin, sondern zugleich eine Leistungsschau für das Berliner Handwerk.
Gerade bei den Bau- und Ausbauhandwerken spielt die
Denkmalpflege schon lange eine große Rolle. Zahlreiche Sanierungen und Reparaturen an historischen Gebäuden bieten
den Spezialisten aus dem Handwerk immer wieder die Möglichkeit, sich auf alte Traditionen zu besinnen und ihr Wissen
praktisch anzuwenden. In der Regel handelt es sich allerdings
um eher kleinere Aufträge. Die historische Schlossfassade
dagegen ist ein herausragendes Projekt, eine echte Herausforderung für das Handwerk und zugleich eine große Chance,
die umfassende Kompetenz des Handwerks zu demonstrieren.
Und nicht zuletzt profitieren unsere jungen Handwerkerinnen
und Handwerker, denn sie haben durch die Mitarbeit an einem
solchen Projekt nicht nur die Möglichkeit, ihr Wissen und
Können an den Tag zu legen, sondern es wird ihnen darüber
hinaus auch noch ihr kulturelles Erbe näher gebracht. Der Bau
wird viel mehr sein als ein rekonstruiertes historisches Gebäude voller moderner Technik, er wird eine Brücke zwischen
Tradition und Innovation schlagen.

„Eine zwanzigjährige, vielleicht
die längste Architekturdebatte in
Deutschland überhaupt, wurde
ab­geschlossen. Sie war zäh, kontro­
vers und voller Emotionen.“

60

Marketing für eine
verrückte Idee
Von Wilhelm von Boddien

Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldtforum
steht nach den Beschlüssen des Deutschen Bundestags vom
Juli 2011 nun unmittelbar bevor. Eine zwanzigjährige, vielleicht die längste Architekturdebatte in Deutschland überhaupt, wurde abgeschlossen. Sie war zäh, kontrovers und
voller Emotionen. Drei Gruppen führten sie: die Anhänger der
Moderne, die Anhänger des Palastes der Republik und die Anhänger des Wiederaufbaus des gesprengten, fast vergessenen Berliner Schlosses, des früheren Gravitationszentrums
Berlins.
Die Debatte konnte nicht objektiv geführt werden, sie
war emotionsgeladen. Jeder hielt seine Lösung für die beste.
Schließlich ging es um die Schönheit der Stadtmitte – aber
was ist objektiv Schönheit? Der Begriff lässt sich nicht rational
definieren. Es galt deswegen, die Herzen der Unentschlossenen zu gewinnen. Schloss- und Palastfreunde hatten ähnliche Motive, ihnen war ihr Gebäude aus den unterschiedlichsten Gründen wichtig. Die Anhänger der Moderne meinten, nur
ein zeitgenössischer Bau könne Ausdruck unseres demokratischen Gemeinwesens sein. Die Zeiten der Monarchie habe
man doch wirklich endgültig überwunden. Dennoch, die Begeisterung der Verfechter des Wiederaufbaus steckte an.
1992 bildete sich ein fest zusammenstehendes, freundschaftlich verbundenes Netzwerk. Von Anfang an gehörten
dazu einflussreiche Multiplikatoren der Gesellschaft. Der
Wille, das Schloss wiederaufzubauen, leitete uns. Wir mussten dafür neue Freunde gewinnen, intensiv wurden die nötigen Grundlagen erarbeitet, auch um die Übereinstimmung
der Meinungen im Team zu prüfen. Profilierungssucht war
verpönt, alle ordneten sich ein. Dennoch übernahm ich die
Funktion des Strippenziehers, des Kommunikators, des Ko­
ordinators, kurz, die einer Spinne im Netz. Es galt, die Vielstimmigkeit im Denken pragmatisch in Einklang und in die
richtige Richtung zu bringen. So viel Verantwortung wie möglich wurde an Dritte delegiert, nie jedoch die Hauptverant­
wortung aus der Hand gegeben. Höchste Leistungsbereitschaft war die Maxime für mich selbst – und Rücksicht auf die
unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Freunde. Ihre Ideen,
ihr Mut und ihre Geistesgegenwart waren uns wichtig. Lernbereitschaft, Geduld und ein langer Atem waren nötig, dazu
Heiterkeit und Gelassenheit, so schwer uns dies auch
manchmal fiel.
Zwei Grundsätze bestimmten unser Tun: „Treppen wer­den von oben gefegt“, und „Der Köder muss dem Fisch
schmecken, nicht dem Angler.“ So suchten wir schon früh

die Meinung der Entscheider. Fanden diese unser Projekt
sympathisch und durchsetzbar? Unsere Glaubwürdigkeit
wuchs in dem Maße, wie wir uns selbst dafür in die Pflicht
nahmen. Bewusst gingen wir ein hohes finanzielles und persönliches Risiko ein und realisierten 1993/94 die öffentlich
stark beachtete, unkonventionelle, ausschließlich privat finanzierte 1:1-Simulation des Berliner Schlosses, die es aus
40-jähriger Vergessenheit zurück­­holte, Millionen überzeugte
und deutschlandweit hohe Anerkennung fand.
Kluger Rat wurde gesucht und in unsere Arbeit integriert.
Externe erkennen häufig die besseren Lösungsansätze.
So wurde das Konzept verfeinert und vertieft, und zugleich
merkten wir uns die guten Ratgeber. Sie standen bereit,
wenn wir sie brauchten. Immer wurden ihre Namen von uns
kommuniziert, mit ihrem Einverständnis. Wir ließen uns von
niemandem vereinnahmen, blieben neutral und gesprächsoffen für jede politische Kraft. So schufen wir die entscheidenden Voraussetzungen für die angestrebte Mehrheit.
Heftige Rückschläge mussten einkalkuliert, einmal erreichte Positionen gegen Widerstände abgesichert, von dort
aus der weitere Weg festgelegt werden. Nur wenn wir unsere
Gedanken verständlich machten, konnten wir eine Mehrheit
erhoffen. Das Schlossprojekt wurde dafür im Detail flexibel
der Stimmung im Markt angepasst, ohne es im Kern zu verraten oder zu verwässern. Maximalforderungen sind unerfüll­bar, erst der pragmatisch erarbeitete Kompromiss bringt die
Mehrheit.
Mit der Rekonstruktion der seit Jahrhunderten verlorenen
Originalbaupläne des Schlosses und dem Beginn der Modellbauarbeiten für die Schlossfassaden widerlegten wir Zweifel,
ob es überhaupt möglich wäre, den Wiederaufbau des
Schlosses zu wagen. In der Kommunikation blieben wir in der
Offensive, und nutzten dafür die Bereitschaft der Medien,
neue Ideen zu verbreiten. Den anfänglich reichen Spott
(„Schlossfälscherbande“, „Schlossgespenster“) ertrugen wir.
Wer das aushält, hat es leichter, zu überzeugen.
Markenkern war unser persönliches Engagement, unsere
Glaubwürdigkeit und Integrität. So wirkte unser kleines Team
viel stärker, als es nach der Zahl wirklich war. Schließlich gelang es uns, eine Mehrheit der Bürger und in der Politik zu
überzeugen. Und immer wieder gewannen wir aufs Neue das
große Vertrauen von Tausenden von Spendern, ohne deren
langjährige Hilfe unsere Arbeit umsonst gewesen wäre. Auch
die Dankbarkeit dafür gehört zum Stoff, aus dem das neue
Schloss für Berlin gebaut wird.

„Das Berliner Schloss – Humboldt­
forum trägt dazu bei, den Bildungsund Wissenschaftsgedanken im
Herzen der Hauptstadt weiter zu
verankern.“

62

Begeisterung für
Bildung wecken
Von Karl-Ludwig Kley

Innovative Produkte sind eine entscheidende Triebkraft für
den Erfolg der deutschen Wirtschaft. Am Anfang steht jedoch
die Begeisterung für Bildung und Wissenschaft, für Forschung und Entwicklung. Das Berliner Schloss – Humboldt­
forum trägt diese Idee ins Zentrum Berlins.
Von Christopher Wren, dem Architekten der Londoner
Saint Paul’s Cathedral, ist die Äußerung überliefert, Architektur ziele auf die Ewigkeit ab. Im Falle des Berliner Schlosses
endete die Ewigkeit am 7. September 1950. Der politisch motivierte Abriss sollte einen symbolischen Schlussstrich ziehen
unter die Tradition Preußens, die – mitten in der Hauptstadt
der neu gegründeten DDR – von kaum einem anderen Bauwerk so verkörpert wurde wie dem Schlüter’schen Schloss.
Teil dieser Tradition, mit der man brechen wollte, war freilich
das Streben nach Bildung und die Begeisterung für Wissenschaft und Forschung. Schließlich erschöpften sich die preußischen Reformen vom Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur
in Verwaltungs- und Heeresreformen, sondern schlossen das
Bildungswesen mit ein. Vorrangig entworfen von Wilhelm von
Humboldt, sollte auf der Grundlage eines neuhumanistischen
Bildungsideals ein neuer Bürgertypus entstehen. So schrieb
Humboldt 1809: „Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an
sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch
und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im
Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“
Bildung, so postuliert Humboldt, ist also die Grundlage für die
erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Wilhelm von Humboldts Reformen haben mit den Grundstein dafür gelegt, dass die industrielle Revolution hierzulande auf
fruchtbaren Boden fallen konnte.
Die Situation der Wirtschaft heute ist mit der im 19. Jahrhundert durchaus vergleichbar: Neue Technologien verändern
das Arbeitsleben, Wissen und Qualifikation sind unverzichtbar
für den Erfolg im weltweiten Wettbewerb. Das gilt auch und
gerade für uns in Deutschland. Unsere Wirtschaft – und insbesondere unsere Industrie – ist deshalb so erfolgreich, weil
sie mit innovativen Produkten auf dem Weltmarkt bestehen
kann. Entsprechend wendet die Wirtschaft rund 70 Prozent
der in Deutschland getätigten Forschungsausgaben auf.
Damit das auch in Zukunft so bleibt, braucht unser Land
Begeisterung für Bildung. Denn wegen unserer relativen Rohstoffarmut, aber auch wegen unserer strukturellen Kosten­-

nachteile, sind wir zwingend auf Innovationen und damit
letztlich auf die Ideen unserer klügsten Köpfe angewiesen,
wenn wir unser Wohlstandsniveau erhalten wollen. Jede Initiative, die den Bildungsstandort Deutschland stärkt, ist deshalb ein Schritt in die richtige Richtung und ein gutes Signal
für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Bildung und Wissenschaft sind auch mit der Geschichte
des Berliner Schlosses eng verknüpft. So diente das Gebäude
während der Weimarer Republik unter anderem der KaiserWilhelm-Gesellschaft als Museum. Aus dem Herrscherhaus
war ein Haus für die Bürger geworden, in dem bis in die Zeit
nach dem Zweiten Weltkrieg Ausstellungen zu sehen waren.
Es ist deshalb konsequent, das wiederaufgebaute Schloss
erneut zur Heimstätte von Bildung und Wissenschaft zu machen. Und könnte das neue Gebäude einen besseren Namen
tragen als den der beiden Brüder, die prototypisch für die reiche deutsche Forschungstradition stehen?
Das Berliner Schloss – Humboldtforum trägt dazu bei,
den Bildungs- und Wissenschaftsgedanken im Herzen der
Hauptstadt weiter zu verankern. Das Gebäude selbst bildet
hierfür einen idealen architektonischen Rahmen. Mit den drei
rekonstruierten Fassaden komplettiert es nicht nur das einzigartige städtebauliche Ensemble in Berlins Mitte, das Geschichte und Neubeginn geschickt miteinander verbindet,
sondern verweist zurück auf die preußische Bildungstradition.
Das neue Schloss soll dabei keine Kopie des alten sein: Ähnlich wie Norman Fosters Reichstagsumbau schafft moderne
Architektur im Inneren die Voraussetzung dafür, Bildung zu
einem interaktiven Erlebnis des 21. Jahrhunderts werden zu
lassen.
Viel ist darüber diskutiert worden, ob ein solches Bildungs- und Wissenschaftszentrum nicht auch in einem komplett modernen Gebäude entstehen könne, ob es der Rekonstruktion des alten Schlosses bedürfe. Hier lohnt ein Blick
nach Japan: Dort folgt man seit 1.300 Jahren der Tradition, im
Abstand von 20 Jahren die Gebäude des größten nationalen
Heiligtums, der Schreine von Ise, abzureißen und identisch
wieder zu errichten. Der unablässige Neubau der Schreine gilt
als Sinnbild für die Wiederbelebung des japanischen Geistes
und die Wiederkehr der Japaner zu ihrer geistigen Heimat.
Ich wünsche mir in diesem Sinne, dass der Neubau Berliner
Schloss – Humboldtforum zur Wiederbelebung des Hum­
boldt’schen Bildungsideals beitragen wird. Es wäre ein Gewinn nicht nur für das Kulturland Deutschland, sondern
stünde zugleich pars pro toto für die Zukunftsfähigkeit un­
serer Wirtschaft.

„Es ist natürlich interessant,
wenn so was wie das HumboldtForum sich ganz klar und dezi­
diert einer Kultur der Avant­
garde verschreiben würde und
in ihm zeitgenössische Kultur­
formen stattfinden würden.“

64

Ein wenig
avantgarde
Von Matthias Lilienthal

Berlin hat in den letzten 10 Jahren einen extremen Schritt hin
zu seiner Europäisierung gemacht. Es ist längst eine Art von
englischsprachiger Stadt geworden. Diese Easy­jet-Industrie
ist zu einer Art von Tourismustreffpunkt geworden. Wenn man
diese Globalisierung der Stadt weitertreiben würde, indem
man sie zum Treffpunkt von Kulturen aus aller Welt machen
würde, dann könnte es interessant sein. Allzu gern würde ich
den Begriff der Globalisierung nicht den Investmentbankern
überlassen, sondern ihn kulturell besetzen.
Berlin bräuchte so was, was in den 70er Jahren in Paris
mal das Centre Pompidou war. Das wird aber nur gelingen,
wenn es sowohl in der Form als auch mit dem Inhalt mit Tabus
bricht, neue Gedanken denkt und versucht, einen kühnen,
visionären Entwurf für die Zukunft herzustellen.
Es ist natürlich interessant, wenn so was wie das Humboldt-Forum sich ganz klar und dezidiert einer Kultur der
Avantgarde verschreiben würde und in ihm zeitgenössische
Kulturformen stattfinden würden. In diesen außereuropäischen Kulturen schwingt ja ein unglaubliches Maß an Folklore
mit und diese globalisierte Welt weist vielleicht noch Restbestände von Folklore auf, aber es gibt längst einen internationalen Kulturaustausch, in den große Teile dieser Welt einbezogen sind. Insofern müsste der Begriff Humboldt-Forum sich
von unglaublich viel lösen, was im Moment noch vorgegeben
ist. Das könnte dann ein neues Centre Pompidou in Berlin
Mitte werden, das andere Kunstformen mit einbezieht, aber
sich dafür von der gegenwärtig geplanten Architektur lösen
müsste.
Außerdem glaube ich, dass der Ort des Humboldt-Forums
im Moment ja vollständig von Einheimischen entleert ist. Die
Berliner haben am Wochenende Tempelhof als ihren Bummelboulevard entdeckt und Unter den Linden ist ja allein den
Touristen überlassen. So stellt sich bei dem Humboldt-Forum
auch die Frage, wie macht man diesen Ort überhaupt wieder
zu einem Kristallisationspunkt für die Stadt selbst.

„Ich begreife das Humboldtfo­
rum, das wie die deutsche Wirt­
schaft für Internationalität
und für das offene Deutschland
steht, als eine groSSe Chance.“

66

Weltoffenheit
ausstrahlen
Von Hans Heinrich Driftmann

Die interessantesten Gebäude sind in aller Regel diejenigen,
die zu Betrachtungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln
einladen. So ist es auch mit dem Humboldtforum. Man kann
seine Bedeutung unter historischen, architektonischen oder
unter städtebaulichen Aspekten beleuchten. Als Unternehmer
und als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) liegt es jedoch nahe, dass ich einen Brückenschlag zum Wirtschaftsstandort Deutschland herzustellen versuche.
Unser Land liegt im Herzen Europas. Menschen aus allen
Kontinenten und Ländern der Welt leben und arbeiten in
Deutschland. Auch unsere Wirtschaft ist schon seit langer
Zeit internationalisiert. Die deutschen Unternehmen haben
über Jahrzehnte ihr Auslandsgeschäft konsequent ausgebaut
und sich auf den Wachstumsmärkten gut aufgestellt. Nicht
zuletzt mittelständische Firmen haben auf die stetig wechselnde Dynamik der Weltmärkte flexibel reagiert. Mehr als jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande ist vom Export unserer Waren und Dienstleistungen in alle Welt abhängig. Produkte
„Made in Germany“ sind überall auf dem Globus gefragt. Im
Jahr 2011 hat Deutschland beim Export von Waren sogar erstmals die Marke von einer Billion Euro überschritten. Lange
haben wir gar den Titel des Exportweltmeisters getragen.
Ich begreife das Humboldtforum, das wie die deutsche
Wirtschaft für Internationalität und für das offene Deutschland steht, daher als eine große Chance. Durch neues Wissen
und andere Denkansätze kann es bereichern und indirekt
auch helfen, unsere Wirtschaft künftig weiter nach vorne zu
bringen.
Gerade für das Exportland Deutschland ist es wichtig,
sich ständig mit anderen Kulturen und deren Wurzeln auseinander zu setzen und diesen mit Respekt zu begegnen. Und
genau hier kann das Humboldtforum in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen, ist es doch angelegt als Forum, um in der
Mitte der deutschen Hauptstadt einen Dialog der Weltkulturen
anzuregen. Der Blick nach vorn macht deutlich, wie wichtig
eine solche Öffnung gegenüber anderen Nationen gerade für
uns Deutsche ist. Denn: Von offenen Märkten hängt entscheidend ab, wie weit uns der Konjunkturmotor „Export“ noch
tragen kann. Und gerade angesichts der demografischen Entwicklung in unserem Land sind wir auf diesen Austausch
dringend angewiesen – wirtschaftlich wie kulturell.
Als Exportnation müssen wir auch im Inland Weltoffenheit ausstrahlen. Wir brauchen eine stärkere Willkommenskultur, um die Attraktivität Deutschlands als Arbeitsstandort

zu steigern. Auch hier kann das Humboldtforum helfen. Mit
mehr Herz statt kalter Schulter sollten wir Menschen begegnen, die zu uns kommen und hier arbeiten möchten. Denn: Die
Fachkräftesicherung wird zunehmend zur Herausforderung
für die Betriebe. Deshalb müssen wir nicht nur die hiesigen
Potenziale noch besser nutzen. Auch die Zuwanderung von
ausländischen Fachkräften gehört in ein schlüssiges Gesamtkonzept.
Rückmeldungen aus den Auslandshandelskammern rund
um den Erdball machen eines ganz deutlich: Ausländische
Fachkräfte und Studenten stehen derzeit nicht Schlange, um
ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in Deutschland einzubringen.
Und machen wir uns nichts vor, auch andere Länder werben
weltweit um die besten Köpfe – und in denen bestehen oftmals geringere Sprachbarrieren. Deshalb brauchen wir insgesamt eine Willkommenskultur, die nicht zuletzt auch ausländischen Studenten nach ihrer erfolgreichen Ausbildung hier
eine dauerhafte Perspektive bietet.
Das Stichwort „Studenten“ führt zum Thema Wissenschaft. Das Humboldtforum kann auch das Zusammenwirken
von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft voran bringen. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Museumsinsel und zum Berliner
Dom soll es den Blick öffnen für die „Neue Mitte Berlins“. Es
versteht sich als Brückenschlag, um das in den Museen ausgestellte europäische und außereuropäische kulturelle Erbe
vom Altertum bis zur Moderne zu verbinden mit moderner Wissenschaft. Das Humboldtforum eröffnet die Chance, einen
einzigartigen Kommunikationsraum zu schaffen. Unter diesem
Aspekt wird Berlin als Anziehungspunkt für Gäste und als
Standort für Unternehmen weiter gestärkt.

„Das Humboldtforum wird ein Ort des
zivilisierten Streitens und Ringens
um künftige Lebensformen und natür­
lich auch ein Bekenntnis zur Vielfalt
unserer Welt.“

68

Zum Spannenden
des Projekts bekennen
Interview mit Hannes Swoboda

Sie sind Österreicher, Sie sind Wiener. Wie ist es dazu ge­
kommen, dass Sie in das Kuratorium der Stiftung Berliner
Schloss – Humboldtforum berufen worden sind?
Ich war viele Jahre in Wien für die Stadtplanung und die
Stadtentwicklung verantwortlich. Daraus ergab sich, dass ich
Vorsitzender der Expertengruppe Berlin-Mitte wurde. Wir haben die Vorschläge für die Gestaltung von Berlin-Mitte ausgearbeitet. Und damit auch für die Schloss-Rekonstruktion, das
heißt für den Bau, der jetzt geplant ist. Dabei waren wir nicht
nur für das Bauliche zuständig, sondern vor allem auch für
den Inhalt.
Man kann also davon ausgehen, dass Sie hundertprozentig
hinter der gegenwärtigen Planung stehen?
Ich stehe voll und ganz dahinter. Vermutlich bin ich für die
Expertengruppe auch von Leuten nominiert worden, die das
Projekt nicht wollten. Aber nach den gründlichen Diskussionen, die wir geführt haben, bin ich überzeugt, dass der Weg,
den wir aufgezeigt haben, der beste Weg ist. Vielleicht nicht
der einzig mögliche, aber der beste. Ich stehe voll hinter dem
Projekt, insbesondere was den Inhalt betrifft. Aber auch was
den städtebaulichen Standort und die Form betrifft, weil ich
meine, dass die Architektur nie eine abstrakte ist.
Sie sind in Wien zu Hause, einer Stadt mit einer reichen Kul­
turtradition. Gibt es eine Brücke zu der anderen deutschspra­
chigen Metropole?
Die Ausstrahlung, die Berlin durch diesen Bau und die Inhalte
des Projekts bekommen wird, geht weit über das hinaus, was
von Wien ausgeht. Wien und seine Museen sind sehr stark auf
die europäische Kultur orientiert, insbesondere auf die der
ost- und südosteuropäischen Länder. Berlin könnte es mit
dem Humboldtforum gelingen, einen anderen Schwerpunkt zu
setzen, der über die Grenzen der europäischen Kultur hinausreicht. Weit in die Richtung der Kultur anderer Kontinente.
Wobei unter Kultur nicht nur Kunst zu verstehen ist, sondern
zum Beispiel auch Religion. Es gibt einen Link zu Wien und
vielen anderen Orten, aber Berlin könnte mit diesem Kulturprojekt weltweit eine einzigartige Stellung gewinnen.
Wie beurteilen Sie den augenblicklichen Stand der Planung?
Ich bin guten Mutes. Man muss sich klar dazu bekennen. Es
wird immer Leute geben, die – was den Inhalt betrifft, aber
auch die Hülle – anderer Meinung sein werden. Da beginnt
der eine oder andere über das „demokratische Schloss“ zu

fabulieren oder zu schwadronieren. Das halte ich für Unsinn.
Wenn ich zum Beispiel den Louvre betrachte: er war früher ein
Schloss. Er hat seine alten Teile und er hat auch einen neuen
Teil bekommen. Meiner Meinung nach muss sich das Gebäude,
also die Hülle, nach den städtebaulichen Gegebenheiten richten, um Wunden, die geschlagen worden sind, zu korrigieren.
Das andere ist der Inhalt, der die Verknüpfung von Vergangenheit mit der Zukunft und von einem europäischen Standort
in eine globale Situation schaffen soll.
Man muss sich zum Spannenden an einem solchen Projekt bekennen und nicht Details, die dem einen oder anderen
nicht gefallen, kritisieren. Es darf nicht an Mut fehlen, einmal
getroffene Entscheidungen umzusetzen.
Glauben Sie, dass das Humboldtforum durch das Einbeziehen
der außereuropäischen Kulturen ein Symbol für die Globali­
sierung unserer Welt sein kann ?
Es wird sicherlich kein Museum im traditionellen Sinn. Dafür
spricht schon die Agora, die nicht nur einen Teil des Projekts
bildet, sondern die Grundphilosophie des Projekts beschreibt.
Agora heißt Begegnung, Diskussion, Austausch, auch Streit,
das ist das Wesentliche. Ein Teil des Humboldtforums wird
sicherlich auch musealen Charakter haben, in dem natürlich
die modernen Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle spielen werden. Wenn ich nach Dahlem schaue, wo jetzt noch
viele Sammlungen aufbewahrt und präsentiert werden, geht
es dort ja nicht nur um einen Blick in die Vergangenheit, sondern um einen Blick zu den Wurzeln anderer Kulturen und Regionen. Das Humboldtforum wird ein Ort des zivilisierten Streitens und Ringens um künftige Lebensformen und natürlich
auch ein Bekenntnis zur Vielfalt unserer Welt.
Werden Sie als Europaparlamentarier von Ihren Kolleginnen
und Kollegen aus anderen Ländern auf das Projekt Humboldt­
forum angesprochen?
Noch nicht. Die Ursache dafür liegt vermutlich in der langen
Planungsphase des Projekts und der Verzögerung aus finanziellen Gründen. Leider fängt man erst jetzt an, über die konkreten Inhalte zu reden. Ich möchte noch in meiner aktiven
Zeit als Europaparlamentarier auf dieses Projekt angesprochen werden, weil es etwas ist, was weit über Berlin hinausstrahlt. Große Städte sind oft in mancher Hinsicht etwas provinziell. Ich kenne das aus Wien. Diese Provinzialität muss
man überwinden. Dann wird das Humboldtforum ein weltbewegendes Projekt.

autorenverzeichnis

Dr. Josef Ackermann
Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG

Manfred Rettig
Sprecher des Vorstands der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum

Wilhelm von Boddien
Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V.

Prof. Dr. Martin Roth
Direktor des Victoria Albert Museums London

Rainer Bomba
Staatsekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadt­ent­wicklung und Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Berliner
Schloss – Humboldtforum

Prof. Dr. Richard Schröder
Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss e.V.

Prof. Dr. Horst Bredekamp
Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Hans Heinrich Driftmann
Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages
Prof. Monika Grütters
MdB, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im
Deutschen Bundestag
Christine von Heinz
Initiative Humboldt-Forum
Martin Heller
Kulturunternehmer und Projektgestalter
Dr. Karl-Ludwig Kley
Vorsitzender der Geschäftsleitung der Merck KGaA
Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann
Präsident des Goethe-Instituts
Matthias Lilienthal
Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Hebbel-Theater
Berlin GmbH
Udo Lindenberg
Musiker und Künstler
Prof. Dr. Claudia Lux
Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Dr. Frank Nägele
Kaufmännischer Vorstand der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
Dr. Jens Odewald
Vorsitzender des Verwaltungsrats der Odewald & Cie
Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz
Präsident der Humboldt-Universität Berlin
Prof. Dr. Hermann Parzinger
Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Prof. Peter Raue
Rechtsanwalt und Kulturförderer

70

Dr. Irmgard Schwaetzer
Bundesministerin a.D. und Vorsitzende des Domkirchenkollegiums des
Berliner Doms
Stephan Schwarz
Präsident der Handwerkskammer Berlin
Dr. Eric Schweitzer
Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Berlin
Peer Steinbrück
MdB, Bundesminister a.D.
Dr. Hannes Swoboda
MdEP, ehem. Mitglied der Internationalen Expertenkommission
„Historische Mitte Berlin“
Dr. Wolfgang Thierse
MdB, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. Klaus Töpfer
Bundesminister a.D., ehem. Exekutivdirektor des Umwelt-Programms
der UN, Exekutivdirektor des IASS
Dr. Antje Vollmer
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages a.D., Publizistin
Prof. Dr. Christina Weiss
Staatsministerin a.D., Vorsitzende des Vereins der Freunde der
Neuen Nationalgalerie

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Herausgeber
Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum
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Spenden sind grundsätzlich steuerlich absetzbar
Verantwortlich für den Inhalt (V.i.S.d.P.)
Manfred Rettig
Sprecher des Vorstands der Stiftung
Berliner Schloss – Humboldtforum
Koordination
Carolin Herms
Redaktion
Marion Uhrig-Lammersen
Dr. Sten Martenson
Beratung und Gestaltung
Stan Hema Agentur für
Markenentwicklung GmbH
www.stanhema.com
Druck
Mayr Miesbach GmbH
Berlin, Dezember 2011

Bildnachweise
Umschlag: © plainpicture/Glasshouse, Fotograf: BJ Formento; Umschlag Innen + Seiten 2,
4, 71: © Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/Franco Stella; Seite 6: © Markus Bertschi,
2010; Seite 20: © Goethe Institut; Seite 22:
© Matthias Heyde; Seite 27: © Tine Acke;
Seite 28: © Regina Schmeken, Berlin; Seite 30:
© Bernhardt Link; Seite 34: © Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Foto: Bildschön; Seite 42:
© Christoph Rieken; Seite 44: © Thomas Kierok;
Seite 50: © V&A Images; Seite 64: © David
Baltzer; Seite 68: © Archiv SPÖ Europabüro

Textnachweis
Seite 19 – 21: Übernahme aus: „Humboldt-Forum
Berlin, Das Projekt“ (Hrsg. Thomas Flierl und Hermann Parzinger, 2009, Verlag Theater der Zeit)

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