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Full text: Zwischenspeicher

ZWISCHENSPEICHER

Ein Einblick in die Diskussion
zum Grünbuch Digitale Plattformen

Inhalt
Vorwort		

5

1.	 Level Playing Field	

8

	

Workshop „Level Playing Field und Perspektiven für den Netzausbau“	

14

2.	 Innovationsfreundliche Regulierung	

16

3.	 Anreize für Gigabitnetze	

22

4.	 Big Data/Datenökonomie	

28

5.	 Differenzierter Ordnungsrahmen	

34

6.	 Digitale Grundregeln	

40

7.	Informationsungleichgewicht	

46

	

52

Workshop „Informationelle Macht – personalisierte Preissetzung in der digitalen Wirtschaft“	

8.	 Personalisierte Preise	

54

9.	 Identity Management	

60

	

66

Workshop „Individuelle Datensouveränität in der digitalen Wirtschaft“	

10.	Suchmaschinen	

68

11.	Rechtsdurchsetzung	

74

12. 	Digitalagentur 	

80

Blick voraus 	

86

Vorwort
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Digitalisierung verändert unsere
Wirtschaft und Gesellschaft auf funda­
mentale Weise. Plattformen für Daten
sind eine besondere Herausforderung
dieses Wandels. Sie stellen bestehende
Geschäftsmodelle infrage.
Die digitale Plattformökonomie verlangt
Unternehmen und Beschäftigten einiges
ab. Sie kann zu marktbeherrschenden
Konzentrationen wirtschaftlicher Macht
führen und Druck auf bestehende Beschäftigungsverhältnisse ausüben.
Bewährte Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft können infrage ge­
stellt werden, und unsere Wettbewerbsordnung wird herausgefordert.
Auf der anderen Seite eröffnet der Wandel auch zahlreiche neue Mög­
lichkeiten: Je mehr Vernetzung es gibt, desto weniger wichtig wird die
räumliche Bindung an den Arbeitsplatz. Das kann die Vereinbarkeit von
Beruf und Familie verbessern. Die moderne medizinische Versorgung
wird durch digitale Vernetzung leistungsfähiger. Zudem bietet die Digi­
talisierung viel Potenzial für gute und kostenlose Bildung und für inno­
vative Verkehrs- und Mobilitätskonzepte.
In diesem Spannungsfeld gilt es, den richtigen regulatorischen Rahmen
zu finden. Denn klar ist: Auch in der digitalen Welt muss es ein wirkungs­­
volles Arbeits-, Vertrags- und Wettbewerbsrecht geben. Auch und gerade
in einer datengetriebenen Ökonomie müssen Daten- und Verbraucher­
schutz gewährleistet sein. Auch in der digitalen Welt müssen die Prinzi­
pien der Sozialen Marktwirtschaft gewahrt bleiben.

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5

Dieser Aufgabe stellt sich das Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie (BMWi). Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Unternehmen,
Gewerkschaften, Verbänden und der Öffentlichkeit wollen wir eine
innovative, kompetitive und faire digitale Ökonomie gestalten. Dazu
können wir in Teilen auf ein bewährtes System an Bestimmungen
und Gesetzen aus dem Wettbewerbs-, Telekommunikations- und Daten­
schutzrecht zurückgreifen. Wir müssen uns aber auch offensiv mit
der Frage auseinandersetzen, inwieweit unser Rechtsrahmen von heute
ausreicht für die digitalen Plattformmärkte von morgen. Wo müssen
wir Anpassungen vornehmen, wo neue Ansätze denken und passende
Ergänzungen finden? Auf den Punkt gebracht: Wie sieht eine Soziale
Marktwirtschaft in der digitalen Welt aus?
Als Teil der Digitalen Strategie 2025 hat das BMWi Ende Mai das Grün­
buch Digitale Plattformen herausgebracht. Darin sind die vielfältigen
rechtlichen und regulatorischen Fragestellungen identifiziert, definiert
und strukturiert. Das Grünbuch dient so als Grundlage für einen ge­
samt­gesellschaftlichen Diskussions- und Konsultationsprozess, an des­
sen Ende Anfang 2017 ein Weißbuch mit konkreten politischen Positio­
nen stehen wird.
Diese Debatte wird umso fruchtbarer, je mehr Sachverstand einfließt.
Deshalb haben wir den Konsultationsprozess so breit wie möglich
an­gelegt und wollen möglichst viele Meinungen einholen und gerade
Gruppen mit sehr unterschiedlichen, zum Teil auch gegenläufigen
In­teressen zu Wort kommen lassen. Auf dem parallel zum Grünbuch
freigeschalteten Online-Beteiligungsportal – de.digital/gruenbuch –
kann man sich informieren und seine Meinung äußern. Es wird rege
genutzt. Zusätzlich zu den zahlreichen Beiträgen in den Online-Foren
erreichen uns aber auch umfangreiche schriftliche Stellungnahmen,
die wir gerne aufgreifen. Auch die bislang drei Workshops zu überge­
ordneten Themenfeldern haben viel zur Debatte beigetragen.

6

In der nun vorliegenden Publikation „Zwischenspeicher“ bilden wir die
vielfältigen Beiträge, Anmerkungen und weiterführenden Fragen ab, die
der Konsultationsprozess bisher ergeben hat. Allen Beteiligten, die sich
konstruktiv in die Debatte eingebracht haben, danke ich für ihr Engage­
ment. Alle Interessierten kann ich nur ermutigen, ihrem Beispiel zu fol­gen.
Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam auf einem guten Weg sind. Es
wird uns gelingen, einen Ordnungsrahmen für die datengetriebene
Ökonomie zu entwickeln, der auf der einen Seite ein Mehr an Innovationen
und Investi­t ionen ermöglicht und auf der anderen Seite den sicheren
Schutz der individuellen und unternehmerischen Grundrechte gewähr­
leistet.

Ihr

Sigmar Gabriel
Bundesminister für Wirtschaft und Energie

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7

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

1. 

Level Playing Field
Digitalisierung und Datennutzung verändern Märkte und stellen
bestehende Geschäftsmodelle infrage. Ein „Regulierungsgefälle“
zwischen herkömmlichen und neuen Diensten und Produkten
ver­zerrt den Wettbewerb. Die derzeitigen gesetzlichen Grundlagen
müssen daraufhin überprüft werden, ob angesichts der fortschreiten­
den Digitalisierung rechtliche Rahmenbedingungen so angepasst
werden müssen, dass ein Level Playing Field zwischen „analogen“,
„digitalen“ und „hybriden“ Geschäftsmodellen gesichert wird.

8

Der Thesenpate hat das Wort:
„Lernen am Beispiel Musikindustrie
Es war die Musikindustrie, die sich sehr früh mit der Digitalisierung
aus­einandersetzen musste, und die Auswirkungen eines Wettbewerbs, in
dem nicht alle Marktteilnehmer die rechtlichen Rahmenbedingungen
respektieren, sind bestens bekannt: eine Halbierung der Umsätze in den
letzten 15 Jahren und der Verlust zahlloser Arbeitsplätze. Andere Branchen folgten und komplettieren das Bild eines Transformationsprozesses.
Ein aktuelles Beispiel für ein zu justierendes ‚Level Playing Field‘ ist YouTube.
YouTube zählt aktuell mehr als eine Milliarde Nutzer; laut IFPI greifen
82 Pro­zent davon auf den Dienst zu, um Musik zu hören. Damit ist YouTube der größte On-Demand-Musikdienst der Welt – mehr also als eine

© Markus Nass

neutrale Plattform für User-generated Content.
Ist es vor diesem Hintergrund noch richtig, dass ein Dienst wie YouTube
sich weiterhin auf die Safe-Harbor-Bestimmung beruft, die auf einer

Prof. Dieter Gorny
Vorsitzender des Bundesverbandes
Musikindustrie e. V.

16 Jahre alten Richtlinie basiert? Der ursprüngliche Zweck dieser Richt­
linie: neuen technologiegetriebenen Geschäftsmodellen den Start
zu erleichtern – wenn sie technisch neutral sind. Dass Plattformen wie
YouTube keine Starthilfen mehr benötigen, liegt auf der Hand. Die
Richtlinie ist indes noch in Kraft. Ihr zufolge wird YouTube behandelt
wie ein ‚neutraler‘ Host-Provider, der keine Lizenzierung für die kreati­
ven Produkte vornehmen muss, weil nicht er selbst die Inhalte bereitstellt, sondern seine Nutzer.
Diese Einordnung verkennt, dass YouTube die Inhalte längst sortiert,
kuratiert und mit Werbung versieht, sich also nicht ‚neutral‘ verhält. Dies
erzeugt im Wettbewerb mit den Musik-Streaming-Diensten eine ökono­
mische Unwucht: Spotify zahlt jährlich rund 18 US-Dollar je Nutzer,
YouTube dagegen weniger als einen US-Dollar. Im Juni 2016 haben des­halb
mehr als 1.100 europäische Künstler/-innen und Bands an die EU-Kommission appelliert, dieses Unverhältnis zu beseitigen. Dies zeigt, wie
wichtig es ist, ein ‚Level Playing Field‘ zu schaffen, das auch nötig sein
wird, um die digitale Ökonomie prosperierend zu entwickeln.“

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9

Fakten:
•	Klassische Dienste, wie Festnetztelefonie oder SMS, und neue
Dienste, wie Internettelefonie, Video-on-Demand oder Messenger-­
Dienste, stehen zum Teil im direkten Wettbewerb. Der geltende
Rechtsrahmen erfasst jedoch zweifelsfrei nur die „klassischen Telekommunikationsdienste“.
•	Am 03.12.1992 hat der britische Ingenieur Neil Papworth die erste
SMS verschickt.1 Das Unternehmen WhatsApp wurde 2009 gegründet. 2
•	Das erste Telefon führte dessen Erfinder Philipp Reis am 26.10.1861
in Frankfurt vor3, Telefonnetze gibt es in Deutschland seit Ende des
19. Jahrhunderts. Der Dienst Skype wurde 2003 eingeführt.4
•	Durch die Verbreitung von Smartphones werden SMS-Mitteilungen
zunehmend durch Messaging-Apps verdrängt5: In Deutschland
wurden 2015 jeden Tag 667 Millionen Nachrichten per WhatsApp
verschickt, aber nur noch 39,8 Millionen SMS. Die meisten SMS
wurden 2012 verschickt – rund 163 Millionen pro Tag.6
•	Unter den schon länger etablierten Kommunikationsdiensten be­
hauptet sich die E-Mail, vor allem im geschäftlichen Bereich, am
besten: Von 2016 bis 2020 wird die Anzahl der täglich gesendeten
und empfangenen E-Mails weltweit von gut 215 Milliarden auf
knapp 258 Milliarden steigen.7
•	Weltweit werden jeden Tag mehr als 100 Millionen Telefonate über
WhatsApp geführt8, Skype nutzen jeden Monat 300 Millionen Menschen zum Telefonieren. 9
•	Ein analoges Geschäftsmodell ist beispielsweise eine stationäre
Vi­deothek. Das digitale Pendant ist Video-on-Demand, also ein
Online-Streaming- oder Download-Dienst. Ein hybrides Geschäftsmodell wäre eine stationäre Videothek, die zusätzlich Video-on-­
Demand anbietet.
•	76 Prozent aller deutschen Internetuser nutzen Video-on-Demand, ein
Viertel davon kostenpflichtige Anbieter wie Maxdome oder Netflix.10

10

1 Quelle: neilpapworth.com/, vgl. u. a. Spiegel online, 30.11.2011,
http://bit.ly/2cIh35r
2 Quelle: Chip online, 24.02.2016, http://bit.ly/2cEtq3z
3 Quelle: Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive.
Westdeutscher Verlag, Opladen, 1993, S. 249.
4 Quelle: Barry Mansfield: Joosting for power. In: Ink. CNBC European Business, 01.11 2007
5 Quelle: Bundesnetzagentur, Jahresbericht 2015, S. 58,
http://bit.ly/1RWbKe7

6Q
 uelle: Statista, Anzahl gesendeter SMS-Nachrichten pro Tag in
Deutschland bis 2015, http://bit.ly/­1bKEzbL
7Q
 uelle: Statista, Prognose zur Anzahl der täglich versendeten und
empfangenen E-Mails weltweit bis 2020, http://bit.ly/1qCxFzO
8 Quelle: WhatsApp Blog, Stand: Juni 2016, http://bit.ly/2cIj69y
9Q
 uelle: Windowsreport, Stand: März 2016, http://bit.ly/2cULSXB
10 Q
 uelle: Bundesverband der Verbraucher­zentralen, Untersuchung
Streamingdienste, S. 15 und 23, Stand: April 2016,
http://bit.ly/2crpkwE

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 1
ist die am meisten diskutierte These.

1159 Bewertungen
Zustimmungen 899
Ablehnungen 141

*

Das Thema Level Playing Field regt zu viel Diskussion an und ist für viele
ein Einstieg in die Debatte. In Bezug auf die konkreten mit der These
verbunden­en Fragen bleibt der öffentliche Diskurs bislang jedoch noch
relativ an der Oberfläche. Das zeigt sich sowohl in den durchaus zahlreichen Beiträgen des Diskussionsportals als auch in den bislang eingereichten schriftlichen Stellungnahmen von Experten. Die Mehrheit der
Beiträge bezieht zur Frage, welche Rahmenbedingungen nötig wären,
um die Chancengleichheit analoger, digitaler und hybrider Geschäfts­
modelle zu gewährleisten, gar nicht erst Stellung.
Diejenigen Kommentierungen, die auf das Thema näher eingehen, sind
von einer gewissen Skepsis gegenüber den Möglichkeiten und der Effekti­
vität von Regulierungsmaßnahmen geprägt. Vier Nutzer (20./21.06. und
05.09.2016) bezweifeln etwa, dass der Gesetzgeber überhaupt schnell genug auf teils aggressive neue digitale Geschäftsmodelle und die „Schnelllebigkeit des internationalen Onlinemarktes“ reagieren könne.
Ein weiterer Nutzer (01.06.2016) hält einen fairen Wettbewerb im digitalen Umfeld für „nicht regulierbar“: „[...] Digitale Innovationen [entstehen]
im globalen Umfeld und werden global genutzt, akzeptiert oder abgelehnt.
Der Benutzer entscheidet!“

*Statistik vom 05.09.2016 – Redaktionsschluss des vorliegenden Zwischenspeichers, so auch auf den nachfolgenden Seiten.

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11

Ein anderer Kommentierender (18.07.2016) hingegen hält Regulierung für
sinnvoll und machbar. Konkret spricht er sich für das Setzen rechtlicher
Grenzen aus, aktive Unterstützung lehnt er ab:
„Fairer Wettbewerb ja, aber nur durch die negative Staatspflicht
der Schaffung von Verboten. Nicht durch irgendeine positive, aktive
Unterstützung abgehängter Marktteilnehmer. [...]“
Für eine sektorspezifische Regulierung digitaler Plattformen im Bereich
Medien plädiert Nutzer Hgranna mit der Begründung „Rundfunk und
Presse verlieren an Bedeutung“. Der Teilnehmer fährt fort: „Es bedarf
speziell im Entertainment-Bereich (siehe YouTube) einer Fair-Use-Regulierung nach amerikanischem Vorbild.“

2020

werden jeden Monat so viele Videos
im Internet angeschaut, dass
Jahre
eine einzelne Person mehr als
bräuchte, um sie alle zu sehen

5 Mio. 

Quelle: Cisco Visual Networking Index, Executive Summary, http://bit.ly/295hnsl

Differenzierter sind die Stellungnahmen aus der Wirtschaft. Ein konkretes Beispiel für durch Digitalisierung entstehende Ungleichgewichte nennt ein als Unternehmen registrierter Nutzer (05.09.2016): In der
Tourismusbranche komme es oftmals vor, dass Unternehmen wie Online
Travel Agencies mit im Ausland entwickelten Geschäftsmodellen in
rechtlichen Grauzonen sehr schnell Marktanteile erreichten. „Dies ist
zum Nachteil der strikt an den nationalen Gesetzen orientierten Unternehmen wie zum Beispiel Hotelanbieter. Bis Gesetzgeber, Kommunen
und Kartellbehörden […] reagieren, ist der Marktanteil bereits an neue
Mitbewerber gegangen.“ Konkret schlägt der Nutzer vor:

12

„Politik und Gesetzgebung sollten das Phänomen zum Anlass neh­
men, Vorschriften für die etablierten Anbieter auf Sinnhaftigkeit und
Verhältnismäßigkeit zu überprüfen. Im Sinne einer Gleichbehand­
lung sollten vergleichbare Rahmenbedingungen für alle Anbieter
geschaffen werden.“
Manfred Reitenspiess, Betreiber und Eigentümer einer Plattform, deutet
anhand des Beispiels von Fahrgastvermittlungen, die mit dem Taxigewerbe im Wettbewerb stehen, auf ein grundsätzliches Thema, an dem Regulierung seiner Ansicht nach ansetzen sollte. Wenn digitale Geschäftsmodelle bestehende analoge Unternehmen wie Taxivermittlungen und
Taxifahrer ergänzten, seien diese ebenfalls an den Kosten, zum Beispiel
der sozialen Sicherung des Fahrers und Personals, zu beteiligen.
Ein Teilnehmer des Diskussionsforums (12.08.2016) beklagt, dass die bei
einigen in der Bundesrepublik tätigen internationalen Unternehmen
übliche Praxis, der Besteuerung in Deutschland zu entgehen, gegenüber
„normalen Einzelhändlern“ eine Chancenungleichheit darstelle.

Fazit:

Die große Zahl positiver Bewertungen zeigt, dass eine Mehrheit die
Überprüfung des Rechtsrahmens grundsätzlich für richtig hält.
Was konkrete Maßnahmen angeht, ist die Debatte jedoch durchaus
heterogen. Einige Teilnehmer in den Diskussionsforen gehen eher
allgemein auf das Thema ein, oder sie bezweifeln die Möglichkeit
von Regulierungsansätzen. Stellungnahmen aus der Wirtschaft hin­
gegen konstatieren einen klaren Handlungsbedarf. Um ein Level
Playing Field herzustellen, setzen die einen auf den Abbau von
Regulierungen für etablierte Anbieter. Die anderen empfehlen eine
Beteiligung neuer Anbieter an den Verpflichtungen, die von den
etablierten (analogen) Unternehmen einzuhalten sind.

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13

Workshop



Level Playing Field und Perspektiven
für den Netzausbau

© BMWi/Susanne Eriksson

„Wettbewerbsgleichheit und Technologieneutralität verlangen
eine vergleichbare regulatorische Behandlung.“
Professor Dr. Thomas Fetzer, Universität Mannheim

14

Die Frage nach einem Level Playing Field – also der Anspruch, gleiche
Wettbewerbsbedingungen für alle Unternehmen herzustellen, die auf

31. August 2016

demselben Markt tätig sind – stellt sich in etlichen Bereichen. Der Work­

Teilnehmer: Experten von Deutsche Tele­

shop diskutierte Möglichkeiten eines fairen Wettbewerbs speziell für den

kom, eBay, Facebook, Google, Microsoft,

Telekommunikationsmarkt. Die Volumina für Kommunikations­dienste
und -inhalte sind immens und es treten große internationale Wettbewer­
ber (u. a. Google, Facebook, Microsoft) auf.

Universität Mannheim, orga.zone, SAP,
Telefónica, United Internet, Visual Meta,
Vodafone, Computer and Communica­
tions Industry Association E
­ urope,
Bundesnetzagentur, Bundes­kartellamt,

Die Level Playing Field Debatte zwischen Telekommunikationsunterneh­
men (TK) und neuen Anbietern, zumeist als Over-the-top-Player (OTT)

Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie

bezeichnet, umfasst vereinfacht zwei Dimensionen. Für vertikale Markt­
konstellationen, in denen TK- und OTT-Angebote komplementär zuein­
ander stehen, wurde von den Diskutanten keine Eingriffsnotwendigkeit
gesehen, weil die Spielfelder weitgehend abgegrenzt und die Fragen zur
Netz­neu­tralität auf europäischer Ebene grundsätzlich beantwortet seien.
Im hori­­zontalen Wettbewerbsverhältnis wurden Regulierungsunterschiede
zwischen TK- und OTT-Unternehmen attestiert. Ob diese Unterschiede
gewichtig sind und wie sie gegebenenfalls aufgehoben werden können,
blieb in der Runde kontrovers.
Zwei Aspekte bestimmten hier die Diskussion. Erstens wurden gegen­
sätzliche Positionen in Bezug auf die volle Substituierbarkeit zwischen
TK- und OTT-Diensten geäußert. Zweitens blieben Handlungsnotwendig­
keit und politisches Vorgehen strittig. TK-Dienste forderten aus Wettbe­
werbsgründen eine schnelle regulatorische Gleichstellung von TK- und
bestimmten OTT-Diensten. OTT-Unternehmen sahen kein grundsätzlich
anzugehendes Regulierungsgefälle – wenn überhaupt, müssten Regulie­
rungserfordernisse Schritt für Schritt in einzelnen Bereichen überprüft
und entschieden werden.
Einigkeit bestand darin, dass der Abbau von bestehenden sektorspezi­
fischen Regelungen (u. a. im Telekommunikationsgesetz), die ihre
Be­rechtigung verloren haben und womöglich nun Innovationen und
Wachstum von Unternehmen erschweren, begonnen werden sollte.
Die Runde war sich zudem weitestgehend einig darin, dass für den Netz­
ausbau die Nachfrageseite – also Verbraucher und anwendungsorien­
tierte Unternehmen – eine Schlüsselrolle einnehmen wird.

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15

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

2. 

Innovationsfreundliche
Regulierung
Als Folge der rasanten technologischen Entwicklung kommen
binnen kürzester Zeit ganz neue Anbieter auf den Markt, die
selbst bisherige „Platzhirsche“ rasch vom Markt verdrängen.
Solche neuen Player können auch in Deutschland und Europa
entstehen. Das setzt aber voraus, dass neue Ideen nicht durch
überbordende Regulierung schon im Keim erstickt werden und
gleichzeitig Wettbewerbsfairness sichergestellt wird. Es geht
um eine neue Balance zwischen Innovation und gleichen Wett­
bewerbschancen.

16

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Potenzial zum ‚Land der Digitalinnovationen‘
Deutschland ist eine starke Wirtschaftsnation, die ihre Flagge dringend
auf Zukunft setzen muss. Die Digitalisierung gehört dazu. Plattform­
modelle werden heutige Geschäftsmodelle ablösen und klassische Wohlstandsindustrien in Bedrängnis bringen, wenn diese nicht umdenken.
Deutschland braucht mehr Innovationen für seinen zukünftigen
Wohlstand. Während in anderen Nationen wie den USA oder Israel ein
unbändiger Innovationswille besteht, gibt es beim Unternehmergeist
hierzulande noch Luft nach oben. Wir haben das Potenzial, ‚Land der
Digitalinnovationen‘ zu werden, und sollten dringend daran arbeiten.
© Dialego AG

Ein chinesisches Sprichwort sagt: ‚Wenn der Wind der Veränderung
weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.‘ In

Andera Gadeib

Deutschland sollten wir die Chancen der Digitalisierung in den Vorder-

Gründerin und CEO von Dialego AG,

grund stellen, diese positiv diskutieren und die Möglichkeiten darlegen,

Mitglied im Beirat Junge Digitale

statt nur Risiken aufzuzeigen. Wir sollten lernen, mit der Digitalisierung

Wirtschaft des Bundesministeriums für

umzugehen und sie für uns zu nutzen.

Wirtschaft und Energie

Zu starke Regulierung dagegen bildet eine Mauer, die Innovationen
verhindert. Beispielsweise ist Deutschland im Datenschutz seit jeher
sehr stark, die Gesetzgebung kommt aber nicht mit den technischen
Entwicklungen mit. Natürlich dürfen persönliche Daten kein ‚Freiwild‘
im Netz sein. Aber wir sollten auch in der Lage sein, datengetriebene
Geschäftsmodelle rechtssicher aus Deutschland heraus zu entwickeln.
Dabei gilt: Nicht alles, was digitalisiert werden kann, sollte auch digita­
li­siert werden. Wir brauchen den Diskurs darüber, wo Digitalisierung
richtig, sinnvoll und ethisch vertretbar ist. Weniger Regulierung, son­
dern vielmehr eine Art ‚digitale Empathie‘ sollte uns leiten. So ist der
Pflegeroboter zwar technisch machbar, zur Lösung der Herausforderungen einer alter­nden Gesellschaft aber schlicht nicht brauchbar. Ihm
fehlt die soziale Interaktion, eine zutiefst menschliche Eigenschaft.
Die gesellschaftliche Diskussion sollte Ängsten begegnen, statt mit übereifriger Regulierung zu versuchen, Digitalisierung auszubremsen.“

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17

Fakten:
•	Vier große Player werden in der Diskussion um die Plattformökonomie immer wieder genannt: Google, Apple, Facebook und Amazon
(GAFA). Gemeinsam verfügen sie über eine Marktkapitalisierung von
rund 1,5 Billionen Euro, das entspricht fast der Hälfte des deutschen
Inlandsproduktes.1
•	In den USA herrscht ein innovations- und investitionsfreundliches
Klima. Das 2009 gegründete Fahrdienstleistungsunternehmen Uber
erreichte Schätzungen zufolge 2015 eine Unternehmensbewertung
von 50 Milliarden US-Dollar.2 Airbnb, eine Plattform zur Vermietung
von Privatunterkünften, hat sieben Jahre nach der Gründung einen
geschätzten Unternehmenswert von 24 Milliarden US-Dollar.3 In
einigen deutschen Städten wurde die Vermietung von privatem
Wohn­raum an Urlauber mittlerweile unter Genehmigungsvorbehalt
bzw. das Zweckentfremdungsverbot gestellt.4
•	Von der datengetriebenen Wirtschaft profitieren bislang vor allem
Unternehmen außerhalb der Europäischen Union: Während der
IKT-­Sektor in den USA in den Jahren 2001 bis 2011 zu 55 Prozent zum
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts beigetragen hat, waren dies
innerhalb der Europäischen Union (EU) lediglich 30 Prozent.5
•	Auch deutsche Start-ups haben sich erfolgreich zu etablierten Unter­
nehmen entwickelt. Der Online-Versandhändler Zalando zum Beispiel ist bereits wenige Jahre nach der Gründung (2008) – bezogen
auf den Umsatz – der drittgrößte deutsche Versandhändler.6
•	Dennoch ist in Deutschland die Zahl der Hightech-Gründungen von
1995 bis 2015 um mehr als 40 Prozent zurückgegangen.7
•	Die EU will 500 Millionen Euro in ein unionsweites Netz von Techno­
logie-Exzellenzzentren (sogenannten „Digital Innovation Hubs“)
investieren, in denen Unternehmen digitale Innovationen testen und
sich beraten lassen können.8

18

1 Quelle: Welt.de, 10.01.2016, http://bit.ly/2cguaPT
2 Quelle: reuters.com, Uber seen reaching $10.8 billion in bookings in
2015: fundraising presentation, 21.8.2015, http://reut.rs/2cQp6gX
3 Quelle: beta.fortune, http://for.tn/1VKmWi3, vgl. Grünbuch
Digitale Plattformen, S. 22
4 Quelle: Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz Berlin,
www. gesetze.berlin.de, http://bit.ly/2c3Ahkq

5Q
 uelle: EU-Kommission, A Digital Single Market Strategy for
Europe, http://bit.ly/2cixZ1N
6Q
 uelle: Statista, Größte Online-Shops in Deutschland nach Besucherzahlen 2014, http://bit.ly/1kzW3JJ
7Q
 uelle: The Wall Street Journal, Hightech-Gründungen gehen in
Deutschland dramatisch zurück, 10.12.2013, http://bit.ly/2c3DyQI
8Q
 uelle: EU-Kommission, Pressemitteilung vom 16.04.2016
http://bit.ly/1VAC6cK

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 2

913 Bewertungen
Zustimmungen 687
Ablehnungen 83
*

Es ist vor allem ein Vergleich, den die Diskussionsteilnehmer wiederholt
bemühen: Der Gründergeist und die gesetzlichen Rahmenbedingungen
im Silicon Valley seien beispielhaft. Der Grad, in dem diese Umfeldfaktoren vorlägen, sei ausschlaggebend für Innovationen. Einige Teilnehmer
der Diskussion nehmen die US-­amerikanischen „Platzhirsche“ jedoch
auch als Bedrohung wahr. Im Groben entscheidet sich entlang dieser Linie,
ob die Nutzer eher für Regulierung oder für Deregulierung plädieren.
Ein Nutzer (10.08.2016) sagt mit Bezug auf die Internationalität der
Märk­te: „Daher müssen wir außergewöhnlichen Ideen, die dem besten
Geschäft Konkurrenz machen, Raum schaffen.“ Ein weiterer Teilnehmer
(01.06.2016) konstatiert: „Wer sich erfolgreich im Wettbewerb mit dem
Silicon Valley behaupten will, braucht eine ähnliche, besser noch ‚offen­e­
re‘ Businessumgebung. In jedem Fall keine Behinderungen durch Regeln,
die nicht in den USA gelten.“

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19

Ein Nutzer (14.08.2016) sieht Europas Chance in der Fokussierung auf
bestimmte Teilbranchen, die ein Gegengewicht – oder vielleicht eine
Ergänzung – zur Marktmacht der Unternehmen im Silicon Valley dar­
stellen können:
„Gegenüber dem globalen Markt kann die EU ein Macher [oder]
Gestalter im Gebiet des Datastorage (Strato), Datenschutz (AD-BlockPlus) und Open-Source sein. Allgemein ist es sinnvoll, Open-Source-­
Dienste als Gegengewicht gegenüber den globalen Diensten wie
Facebook, Amazon, Google, Microsoft zu etablieren [und zu] unter­
stützen.“
Für Regulierung setzt sich ein anderer Teilnehmer (10.07.2016) ein:
„Die ausgezeichnete deutsche und europäische Rechtslandschaft ist ein
Exportgut, dies wird auch im digitalen Bereich in Zukunft der Fall sein.“
Die Regulierung dürfe nicht der Hoffnung auf erfolgreiche Start-ups
geopfert werden.
Eine andere Stimme hingegen (01.06.2016) sieht Deutschland bereits gut
aufgestellt und hält weitere Deregulierung nicht für nötig:
„Deutschland bietet bereits ein sehr Start-up-freundliches Umfeld.
Berlin boomt geradezu bei Neugründungen der IT-Szene. An zu
strengen Regulatorien kann es also nicht liegen. Regeln zu Daten­
schutz und IT-Sicherheit sind lange erarbeitet worden und sollten
nicht ohne weiteres aufgeweicht werden.“

3,1 Mrd. Euro

wurden 2015 in deutsche Start-ups investiert
Quelle: gruenderszene.de, 22.01.2016, http://bit.ly/1Th3AmW

20

Den Anspruch, neue Ideen nicht durch überbordende Regulierung „im
Keim zu ersticken“, hält ein Nutzer für sinnvoll, jedoch nicht ausreichend,
wenn es darum geht, Innovationen zu ermöglichen. Er fragt (30.05.2016):
„Wo bleibt der gute Wille, die Förderung durch kurze Amtswege, die
Begleitung durch Beratung und sachkundige Information?“
Experimentierklauseln werden von zwei Nutzern des Portals im Rahmen
der Fachdiskussion explizit befürwortet. Einer von ihnen (05.09.2016)
schlägt vor, „Anmeldeverfahren zu Versuchszwecken neuartiger Ge­schäfts­
modelle zu realisieren, beispielsweise durch Ausnahmeregelungen zu
Testzwecken“. Er vergleicht das mit den Möglichkeiten, die der Automobilindustrie eingeräumt würden, etwa der Genehmigung für einen in der
Straßenzulassung autonom fahrenden Lkw auf bestimmten Teilstrecken.
Nutzer Hgranna vertritt die Ansicht, dass zusätzlich „Schutzrechte gelockert werden“ sollten und „wegweisende Technologie […] für jeden verfügbar gemacht werden“ müsse.

Fazit:

Die Debatte spiegelt die Herausforderung wider, die in der These
formuliert ist: Auf der einen Seite sollen Regeln und Gesetze gleiche Wettbewerbschancen sicherstellen, andererseits aber Innovationen nicht bremsen. Die Befürworter der Regulierung verweisen
auf deren Schutzfunktion, während die Fürsprecher von Deregu­
lierung die Bedeutung internationaler Wettbewerbsfähigkeit
betonen. Vertreten ist zudem die Ansicht, dass Deutschland bereits
innovationsfreudig aufgestellt sei.

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21

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

3. 

Anreize für Gigabitnetze
Die digitalen Infrastrukturen müssen für die Gigabitgesellschaft
fit gemacht werden. Derzeit schaut Regulierung vor allem auf
Marktanteile der Telekommunikationsunternehmen und versucht,
darüber Wettbewerb sicherzustellen. Jetzt geht es darum, einen
Ordnungsrahmen zu schaffen, der stärkere Anreize für Netzinves­
titionen in Gigabitinfrastrukturen setzt und Innovationen auf
Dienstebene fördert.

22

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Rasch ein Ausbauziel für Gigabitnetze definieren
Deutschland als Lebens- und Wirtschaftsstandort kann es sich nicht
leisten, hinter anderen Regionen zurückzubleiben. Brüssel sieht Europa
auf dem Weg zur Gigabitgesellschaft. Eine Reihe von europäischen
Ländern hat bereits entsprechende nationale Ziele definiert. Der Ausbau
des Gigabitnetzes muss jetzt begonnen werden.
Die Nachfrage nach Diensten auf der Basis hochleistungsfähiger Netze
wird in absehbarer Zeit deutlich spürbar. WIK hat das künftige Potenzial
geschätzt. Danach werden 75 Prozent der Haushalte und Unternehmen
im Jahr 2025 Bandbreiten von mindestens 500 Mbit/s nachfragen. Doch
Gigabitnetze sind mehr als eine dicke Pipe. Bei vielen Anwendungen

© WIK

des Internets der Dinge rückt die Qualität der Verbindung in den Fokus,
also Kenngrößen wie Echtzeit, Latenz, Jitter, Symmetrie, Sicherheit der
Datenübertragung und generell garantierte Qualitäten.

Dr. Iris Henseler-Unger
Direktorin und Geschäftsführerin
der WIK GmbH,

Der Ausbau von Gigabitnetzen benötigt Zeit. Sie basieren auf Glasfasernetzen (FTTB/H), aber auch auf aufgerüsteten Kabelnetzen oder 5G-Mo-

Wissenschaftliches Institut für Infra­
struktur und Kommunikationsdienste

bilfunknetzen. Mit den Investitionen muss heute begonnen werden, um
rasch einen akzeptablen Ausbaustand, auch im ländlichen Bereich, zu
erreichen. Kupferbasierte Technologien können die hohen Bandbreiten
und Qualitäten nicht liefern.
Deutschland muss jetzt rasch ein politisches Gigabitnetz-Ausbauziel
definieren. Ohne die Kräfte des Wettbewerbs wird ein Ausbau von hoch­
leistungsfähigem Breitband nicht funktionieren. Nur im Wettlauf
verschiedener Geschäftsmodelle wird der Ausbau Fahrt aufnehmen und
private Gelder anziehen, auch für regionale Konzepte durch Neueinsteiger. Regulierung und Förderung müssen den Wettbewerb unterstützen.
Wir sollten für viele marktgetriebene Lösungen als Teil einer Gesamt­
lösung offen sein, zum Beispiel für Koinvestments, Aggregationsplattformen, Open-Access-Konzepte, Kooperationen mit anderen Infrastruk­
turanbietern, gemeinsame Finanzierungen mit Inhalteanbietern, tem­
poräre Konzessionen, Fonds und institutionelle Investoren.“

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23

Fakten:
•	Die durchschnittliche tatsächliche Verbindungsgeschwindigkeit,
mit der man in Deutschland im Internet unterwegs ist, betrug
im 1. Quartal 2016 13,9 Mbit/s. Damit belegt Deutschland in der
„Weltrangliste“ Platz 25. Spitzenreiter ist Südkorea mit durchschnittlich 29,0 Mbit/s. Unter den Top Ten befinden sich neben
Japan und Hongkong sieben europäische Staaten.1
•	Nur 5,5 Prozent der Deutschen haben „schnelles Internet“, das
heißt einen Breitbandtarif, der eine Downloadgeschwindigkeit
von 30 Mbit/s oder mehr bietet. Der Durchschnitt in der EU liegt
bei 6,3 Prozent. Spitzenreiter ist Belgien, wo 22,7 Prozent der
Nutzer einen solchen Tarif haben.2
•	Neben der Geschwindigkeit ist auch die Übertragungsverzögerung
(„Latenz“) von großer Bedeutung: Schon eine Latenz von 16 Milli­
sekunden (zusätzlich zur durchschnittlichen Verzögerung von
100 Millisekunden) kann einen Videostream einschränken und
entsprechende Angebote und Geschäftsmodelle stark beeinträchtigen.3
•	1,5 Prozent der Breitbandanschlüsse in Deutschland funktionieren
über Glasfasertechnologie, nur knapp 7 Prozent der deutschen
Haushalte sind derzeit mit Glasfaseranschlüssen erreichbar. Damit
nimmt Deutschland im OECD-Vergleich einen der letzten Plätze
ein. Spitzenreiter ist Japan mit einem Anteil von über 73 Prozent.4
•	2025 werden voraussichtlich über 75 Prozent der Haushalte Bandbreiten von mindestens 500 Mbit/s nachfragen, rund 12 Millionen
Haushalte sogar von mindestens 1 Gbit/s.5
•	Der weltweite Datenverkehr wächst nach wie vor rasant. Im Jahr
2016 betrug der globale IP-Traffic gut 72 Exabyte (= 72 Milliarden
Gigabyte). Dieses Volumen wird sich bis zum Jahr 2020 auf etwa
194 Exabyte fast verdreifachen.6

24

1 Quelle: Akamai Technologies, State of the Internet Report,
S. 3, 12, 34, Stand: 1. Quartal 2016, http://akamai.me/2cDNH9i
2 EU-Kommission, zitiert nach Statista, Stand: 2014,
http://bit.ly/2cDOjeZ
3 Quelle: Arthur D. Little/Liberty Global: The Future oft the
Internet. Innovation and Investment in IP Interconnection,
Figure 8, http://bit.ly/1QBmbYC

4 Quellen: OECD zitiert nach Statista, Anteil von Glasfaseranschlüssen an den Breitbandanschlüssen in Ländern der OECD
2015, http://bit.ly/2cfw5nM; WIK Consult GmbH: Management Summary „FTTB/H-Netze für Deutschland: Relevanz,
Treiber und Trends“, S. 1 f., http://bit.ly/2cTUG0a
5 Quelle: ebenda, S. 2
6 Quelle: Cisco Systems, White paper: Cisco VNI Forecast and
Methodology, 2015–2020, http://bit.ly/1OdTJgJ

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 3

770 Bewertungen
Zustimmungen 518
Ablehnungen 104
*

In der Mehrheit sehen die Diskussionsteilnehmer den Ausbau der Gigabitnetze als Notwendigkeit. Der jetzige Stand des Netzausbaus wird als
ungenügend empfunden. Ein Nutzer etwa (20.06.2016) mahnt zur Eile:
„Der Marathonlauf um die neuen Plattformen für die etablierten Wertschöpfungsketten hat schon lange begonnen, es wartet niemand auf
uns, bis wir startklar sind.“ Ein anderer Nutzer (30.05.2016) betont, dass
der Ausbau digitaler Infrastrukturen kein einmaliges Ziel sei, sondern
ein andauernder Prozess: „Die ständige technische Weiterentwicklung
erfordert auch, die Weiterentwicklung der Infrastruktur kontinuierlich
mitzudenken.“
Einige wenige Stimmen halten den Anspruch, zur digitalen Weltspitze
zu gehören, für zu hoch gegriffen. Zwei Teilnehmer (14. und 15.08.2016)
äußern sich skeptisch über Innovationsanreize für Akteure aus der Wirtschaft und sehen den Staat stärker gefordert.

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25

52,1 %

aller deutschen Haushalte
im ländlichen Raum haben keinen Zugang zu einem
schnellen Internetanschluss (mind. 30 Mbit/s)

Quelle: BMVI, Aktuelle Breitbandverfügbarkeit, Stand: 2016, S. 4, http://bit.ly/2c3J9GM

Mehrere Teilnehmer konstatieren, dass es differenzierter Lösungen
bedarf, um Anreize für einen flächendeckenden Ausbau der Gigabitnetze
zu schaffen. So spricht sich ein Kommentierender (31.05.2016) für eine
punktuelle Förderung wirtschaftlich schwächerer Regionen aus:
„Zahlungsfähige Privat- und Geschäftskunden [...] sollten im Allge­
meinen Anreiz genug für Internetprovider sein, um die notwendige
Infrastruktur zu schaffen. Anreize sollten deshalb nur für die Regio­
nen geschaffen werden, wo das Kundenpotenzial nicht ausreicht oder
sich die Investitionen vermutlich nicht rechnen werden.“
Ein weiterer Nutzer (23.07.2016) schlägt vor, einerseits den Wettbewerb
der Internetanbieter untereinander zu stärken und andererseits Breitbandbündnisse zu fördern, in denen sich zum Beispiel Kommunen und
regionale Akteure zusammenschließen.
Doch wie könnten konkrete Anreize aussehen? Ein Teilnehmer (02.08.2016)
der Online-Diskussion wünscht sich eine technikneutrale Förderung, die
Konzentration auf den „Klingeldraht“ (also auf DSL/VDSL/VDSL2/g.fast)
in den vergangenen Jahren sei kontraproduktiv gewesen. Als konkreten
Anreiz für den Ausbau der Netze schlägt er vor, bei Bauvorhaben der
öffent­l ichen Hand verpflichtend Leerrohre mit 10 Zentimeter Durchmesser verlegen zu lassen. Diese Rohre sollten dann vermietet werden.
Das würde kleinen TK-Unternehmen den Marktzugang erleichtern, da
sie von den hohen Kosten des Tiefbaus entlastet würden.

26

Debattiert wurden auch die Rahmenbedingungen möglicher Anreize.
So merkt ein Nutzer an (18.07.2016), dass die Anreize nicht auf Kosten der
Netzneutralität geschaffen werden dürften. Und eine weitere Stimme
(30.05.2016) regt an, die anstehenden Prozesse der Infrastrukturentwicklung zu nutzen, um neben der Geschwindigkeit der Netze auch andere
Zielgrößen festzulegen, die sich an zivilgesellschaftlichen Standards wie
Grundrechten und Datenschutz orientieren.
Ein Nutzer (01.06.2016) schließlich weist darauf hin, dass neben Gigabitnetzen auch flächendeckende mobile Netze wichtig sind:
„Ausbau der Gigabitnetze reicht nicht. Die Welt ist mobil heute! Fast
jeder benutzt heute ein Handy, um sich im Netz zu bewegen. Aber es
gibt [außerhalb von] Städten immer noch zu viele Funklöcher, die ge­
rade beim Mittelstand auf dem Land verhindern, dass mehr digitale
innovative Lösungen geschaffen werden.“

Fazit:

Unter den Debattenteilnehmern herrscht weitgehend Einigkeit,
dass der Ausbau der Gigabitnetze möglichst zeitnah vorangetrieben
werden sollte. Die Notwendigkeit von Anreizen wird differenziert
gesehen. So konstatieren einige Teilnehmer, dass die markteigenen
Anreize der Telekommunikationsbranche ausreichen, um Gigabit­
netze in Ballungsräumen und den durchschnittlich besiedelten
Regionen errichten zu können. Für den Ausbau der Netze in entlegenen, ländlichen Regionen seien intelligente Förderungen nötig,
die unter Einbeziehung der jeweiligen Akteure vor Ort konkretisiert
werden könnten.

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27

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

4. 

Big Data/Datenökonomie
Die Datenökonomie stellt uns vor ganz neue Herausforderungen.
Sie führt zu Zielkonflikten: Einerseits geht es um Möglichkeiten,
durch Datennutzung neue Geschäftsmodelle, neue Dienstleistun­
gen zu entwickeln, und andererseits darum, Datensicherheit und
Datensouveränität zu gewährleisten. Diese Zielkonflikte müssen
produktiv aufgelöst werden.

28

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Beziehungsstatus: Es ist kompliziert
Es ist alarmierend: Nicht einmal ein Viertel der Deutschen vertraut
Staat und Unternehmen, ‚ordnungsgemäß‘ mit ihren Daten umzugehen
(D21-Digital-Index). Die bedenkliche Botschaft an Politik und Wirtschaft
lautet: Es fehlt grundlegend an Vertrauen.
Betreiber digitaler Plattformen wissen viel über ihre Nutzer – erst das
ermöglicht es ihnen, viele wertvolle Dienste anzubieten. Da AGB und
Nutzungsbedingungen entweder nach dem Prinzip ‚ganz oder gar nicht‘
aufgesetzt sind oder es an einem klaren Datenbewusstsein mangelt,
bedeutet ‚Daten gegen Dienst‘ ein Machtungleichgewicht zu Lasten der
Dienstnutzenden. Die Macht und das Wissen über die Daten sind un-

© Corporate Inspiration

gleich verteilt, Nutzer sind im Wissensnachteil.
Lena-Sophie Müller

Digitalkompetenz ist heute so wichtig wie Lesen, Schreiben, Rechnen.

Geschäftsführerin der Initiative D21,

Dennoch können sich nur 36 Prozent der Deutschen selbstbestimmt im

Netzwerk für die digitale Gesellschaft

Internet bewegen. Um gleichberechtigte Partner zu sein, müssen Nutzer
befähigt werden, selbstbestimmt und kompetent mit den eigenen Daten
umzugehen. Dies wird seit 30 Jahren versäumt, nachhaltig bis heute,
nämlich in der Ausgestaltung schulischer Lernziele und in qualifizierenden Lernumgebungen. Digitale Bildung wird in Deutschland bedrohlich
vernachlässigt.
Aber auch Unternehmen müssen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung
gerecht werden, transparenter im Umgang mit den Daten agieren und
Datenausbeutung beenden. Selbstregulierung über ein unternehmerisches Bekenntnis zu einer ‚Digital Corporate Responsibility‘ gehört zur
Ethik unserer digitalisierten Welt.
Der Staat sollte hierbei Leitplanken einziehen – eingreifen, wo es an
Selbstverpflichtung auf der einen und Digitalkompetenz auf der anderen
Seite fehlt, und definieren, welche Daten welchen Wert haben, um sie
entsprechend den Bedürfnissen der Nutzer zu schützen. Finden wir keine
Lösung, bleibt der Beziehungsstatus zwischen Unternehmen, Nutzern
und Staat bis auf Weiteres kompliziert.“

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29

Fakten:
•	Im Digitalzeitalter sind Daten zu einem Rohstoff für wirtschaftliche Wertschöpfung geworden. Das Datenaufkommen
wächst rasant: Wurden im Jahr 2005 weltweit 130 Exabyte
(Trillionen Byte) an Daten generiert, so waren es im Jahr 2015
bereits 8,6 Zettabyte (Trilliarden Byte). Die jährliche Datenmenge wuchs also um den Faktor 66 an. Für 2020 rechnet man mit
einem weltweiten Datenaufkommen von etwa 40 Zettabyte
(40.000.000.000.000.000.000.000 Byte), also einer knappen Vervierfachung.1
•	Heutzutage werden permanent Daten erzeugt und übertragen.
Nur wenige Beispiele:
·	 Standortdaten von Mobiltelefonen
·	 Konsumentscheidungen beim Online-Shopping
·	Suchhistorien
·	Transaktionsdaten
·	 geteilte Interessen in sozialen Medien
·	 medizinische Daten
•	Das IT-Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Gartner
nennt drei Dimensionen von Big Data, die die Verarbeitung mit
klassischen Datenbanksystemen und -methoden erschweren:
·	 Datenumfang (Volume)
·	 Vielfalt und hohe Dimensionalität (Variety)
·	 Geschwindigkeit von Erzeugung und Verarbeitung (Velocity)2
•	Bei einer Umfrage unter 704 Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern in Deutschland gaben 35 Prozent an, bereits Big-Data-­
Anwendungen zu nutzen. Weitere 24 Prozent haben konkrete
Planungen, Big-Data-Lösungen einzusetzen. In 18 Prozent der
Unternehmen wird der Einsatz aktuell (2016) diskutiert. Nur in
einem Prozent der Unternehmen hatte man sich noch nicht mit
einer solchen Fragestellung befasst.3
•	Aktuell liegt der weltweite Umsatz mit Big-Data-Lösungen bei
etwa 27 Milliarden US-Dollar, in zehn Jahren wird sich dieser
Wert annähernd vervierfacht haben.4
1 Quelle: BMWi: Smart Data, Innovation aus Daten, Januar 2016, S. 4, http://bit.ly/2c4iHfT
2 Quelle: Gartner, Pressemitteilung vom 27.06. 2011, http://gtnr.it/2caKkax
3 Quelle: Bitkom Research/KPMG: Präsentation zur Studie „Mit Daten Werte schaffen – Report 2016“, Folie 22, http://bit.ly/295EiID
4 Quelle: Wikibon.com: Prognose „2016–2026 Worldwide Big Data Market Forecast“, zitiert nach statista.de, http://bit.ly/2ctNHZe

30

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 4

697 Bewertungen
Zustimmungen 537
Ablehnungen 88
*

In der Debatte um These 4 bringen viele Nutzer zum Ausdruck, dass sie
den Datenschutz für ein vorrangiges Anliegen halten. Manfred Reiten­
spiess, Geschäftsführer einer Plattform, sieht die Intransparenz in der
Praxis der Datenerhebung als Grund für die Zielkonflikte zwischen
Datennutzung und Datensouveränität:
„In der Internetökonomie hat man es bisher verstanden, die Nutzung
von Nutzerdaten und ihren wirtschaftlichen Wert gegenüber den
Nutzern zu verschleiern bzw. hinter einer ‚Umsonst‘-Mentalität zu
verstecken. […] Die meisten Nutzer, das zeigen Untersuchungen, sind
sich dieser Datenakkumulation nicht bewusst. Ein Teil würde sie,
wenn bekannt, sogar ablehnen.“
Diese Einschätzung wird durch einige Kommentare bekräftigt. Ein
Debattenteilnehmer (30.05.2016) hält es für notwendig, dass jeder Mensch
die Möglichkeit hat, ein Leben zu führen, das sich der elektronischen
Erfassung von Daten in vielen Bereichen entzieht. Dazu ist es ihm auch
wichtig, dass beispielsweise Bargeld als Zahlungsmittel erhalten bleibt
und dass elektronische Geräte „immer auch in der Ohne-Internet-Variante am Markt verfügbar“ sind.

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31

Differenziert äußert sich eine Stimme (21.07.2016), die den wirtschaft­
lichen und kulturellen Nutzen von Daten anerkennt, jedoch dafür plädiert, dass diese anonymisiert werden:
„Datenschutz sollte sich ausschließlich darauf konzentrieren, Daten
nicht eindeutig einer bestimmten Person zuordnen zu können.
Das Erheben, Speichern und Auswerten von personenbezogenen
Daten ist in manchen Fällen unumgänglich, jedoch muss es eine
letzte Bastion der Verfremdung geben, die nur persönlich vom
‚Datenurheber‘ aufgehoben werden kann.“
Ein weiterer Teilnehmer (31.05.2016) hält die statistische Auswertung
großer Datenmengen ebenfalls für grundsätzlich sinnvoll, fordert jedoch
im Fall personenbezogener Daten Schutzmaßnahmen: „(...) die Möglich­
keit, die Datenerhebung abzulehnen (Opt-in/Opt-out); zu erfahren,
welche personenbeziehbaren Daten genutzt werden und diese, auch zu
einem späteren Zeitpunkt, wirksam löschen zu lassen.“ Wichtig ist ihm
zudem ein Schutz vor der Reidentifikation anonymisierter Daten. So
sollten Unternehmen, die mit Big Data arbeiten, verpflichtet werden, „die
notwendigen Maßnahmen gegen ein Wiedererkennen des Einzelnen […]
zu treffen.“
Doch wie lässt sich das Ziel, Nutzer über die Verwendung ihrer Daten
selbst entscheiden zu lassen, konkret umsetzen? Ein Nutzer (05.09.2016)
gibt zu bedenken, dass eine einfache Ausweitung der bisherigen Praxis
nicht ausreiche: „Noch ausführlichere Einwilligungserklärungen für
jeden Schritt im Internet und jeweils bei einem neuen Anbieter führen
hier nicht zu einer Lösung des Zielkonflikts.“

Rund

1,4 Mrd. Euro

Umsatz haben
Unternehmen in Deutschland 2015 mit Big-Data-Lösungen
erzielt

Quelle: Statista, Prognose zum Umsatz mit Big-Data-Lösungen in Deutschland bis 2020, http://bit.ly/2cwT63d

32

Manfred Reitenspiess empfiehlt drei konkrete Maßnahmen, um dem
Konflikt zwischen Datennutzung und -souveränität zu begegnen:
„Digitale Souveränität ist bei der Umsetzung von digitalen/hybriden
Geschäftsmodellen grundsätzlich zu gewährleisten (Prüfsiegel).
Technische Maßnahmen (z. B. Anonymisierung, Identitätsmanage­
ment …) sollten standardisiert für die Umsetzung neuer Geschäfts­
modelle zur Verfügung stehen. Eine unabhängige Prüfinstanz für
die Umsetzung eines Prüfsiegels ist vorzusehen.“
Einige skeptische Stimmen stellen die Frage der Datensicherheit und
Datensouveränität im internationalen Kontext: „Fragen und Probleme,
die sich aus globaler Kommunikation und globalisiertem Online-Busi­
ness ergeben, können nie einzelstaatlich gelöst werden.“ (20.06.2016)

Fazit:

In großer Übereinstimmung sehen die Debattenteilnehmer die
Notwendigkeit, die Nutzung von Daten nicht uneingeschränkt zu
erlauben. Insbesondere für die Erhebung und Nutzung personenbezogener Daten sollte ein Rahmen geschaffen werden, der Datenschutz gewährleistet. Einige Stimmen forderten als Voraussetzung
für Datensouveränität insbesondere klare Verpflichtungen zur
Transparenz in der Datennutzung.

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33

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

5. 

Differenzierter
Ordnungsrahmen
Die gegenwärtige Datenökonomie führt durch die besondere Stärke
ein­zelner Plattformen und Netzwerke teilweise zu Konzentrations­
entwicklungen oder monopolähnlichen Strukturen. Wettbewerb ist
auch in der „digitalen Marktwirtschaft“ das wichtigste Instrument
für Wachstum und Innovation. Voraussetzung hierfür ist ein robus­
ter Ordnungsrahmen, der für unverfälschten Wettbewerb sorgt und
so die Chancengleichheit der Wettbewerber sichert.

34

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Die Struktur der neuen Datenmärkte besser verstehen
Die neue Datenökonomie ist Teil der grundlegenden Neuerungen, welche die digitale Wirtschaft mit sich bringt. Deutsche und europäische
Unternehmen müssen die Möglichkeit haben, an diesem internationalen
Entdeckungswettbewerb mit hohem Innovationspotenzial teilzunehmen. Der wichtigste Grundpfeiler ist die Gewährleistung wirksamen
Wettbewerbs. Etwaige Probleme von ‚Datenmacht‘, die Nutzer daran
hindern, von ihrer Wahlfreiheit Gebrauch zu machen, oder die Wettbewerbern den Zugang zu neuen Märkten versperren, müssen daher ernst
genommen werden.
Ob und gegebenenfalls wo Probleme der ‚Datenmacht‘ existieren, ist

© Nils Bornemann

bislang allerdings eine offene Frage. Die Wettbewerbsbehörden haben
bislang noch wenig Erfahrung mit der Struktur und der Funktions-

Prof. Dr. Heike Schweitzer

weise von Datenmärkten. Denkbar ist, dass Konzentrationsprozesse,

Geschäftsführende Direktorin

wie wir sie auf einigen Plattformmärkten beobachten, auch zu einer

des Instituts für deutsches und

Konzentra­tion bestimmter Arten von Daten führen und auf diese Weise

europäisches Wirtschafts-, Wettbewerbs-

‚Daten-­Bottlenecks‘ entstehen – mit der Folge eines Marktverschlusses

und Regulierungsrecht (IWWR)

auf angrenzenden Märkten. Denkbar sind auch dateninduzierte ‚Lock-in-­
Effekte‘ für Nutzer, die bereits so viele Daten über eigene Interessen und
Präferenzen auf einer Plattform hinterlassen haben, dass andere Plattformen die individualisierten Dienste dieser Plattform nicht mehr effektiv
angreifen können. Hier soll das in der Datenschutz-Grundverordnung
garantierte Recht der Nutzer auf Datenportabilität Abhilfe schaffen und
den Transfer personenbezogener Daten zu konkurrierenden Anbietern
möglich machen. Dieses Recht bedarf allerdings noch der Konkretisierung und Ausgestaltung. Es muss außerdem mit der neuen Diskussion
über ‚Daten als Entgelt‘ in Übereinstimmung gebracht werden.
Entscheidend für die weitere Diskussion und die gesetzgeberischen Überlegungen ist es zunächst, die Struktur der Datenmärkte sowie die Funk­
tionsweise und die Bedingungen des Wettbewerbs auf diesen Märkten
besser zu verstehen. Gibt es ein Marktversagen auf Datenmärkten? Falls
ja: wo? Und was genau sind die Ursachen? Der Grünbuchprozess kann
maßgeblich dazu beitragen, auf diese Fragen die richtigen Antworten zu
geben.“

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35

Fakten:
•	Netzwerkeffekte können zu Marktkonzentrationen führen,
indem User an Plattformen gebunden werden: Durch eine neu­
artige oder besonders günstige und/oder nutzerfreundliche
Dienstleistung zieht eine Plattform Nachfrager an.1
•	Netzwerkeffekte wirken ambivalent: Je mehr Menschen zum
Beispiel die Suchmaschine Google nutzen, desto größer wird der
Datenpool über das Suchverhalten von Nutzerinnen und Nutzern – und desto genauer werden aber auch die auf Lerneffekten
beruhenden Verbesserungen der Suchergebnisse.2
•	Lock-in-Effekte treten auf, wenn Anbieter eines Produkts oder
einer Dienstleistung den Wechsel zu Konkurrenzanbietern
erschweren, um die Bindung an das eigene Angebot zu erhöhen.
Dies kann durch vertragliche, preisliche oder technische Maßnahmen geschehen.3
•	Der Referentenentwurf zur 9. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) sieht ausdrücklich vor, dass
bei der Bewertung der Marktstellung eines Unternehmens bei
mehrseitigen Märkten und Netzwerken insbesondere direkte
und indirekte Netzwerkeffekte, die parallele Nutzung mehrerer
Dienste und der Wechselaufwand für die Nutzer, die Größenvorteile des Unternehmens im Zusammenhang mit Netzwerkeffekten, der Zugang des Unternehmens zu wettbewerbsrelevanten
Daten sowie der innovationsgetriebene Wettbewerbsdruck zu
berücksichtigen sind.4
•	Nach einer Befragung der Europäischen Kommission halten
über 70 Prozent der Internetnutzer in Europa die Mitnahme
persönlicher Daten bei einem Anbieterwechsel für wichtig.5
•	Mit dem Recht auf Datenportabilität in der EU-Datenschutz-­
Grundverordnung können Lock-in-Effekte abgeschwächt
werden. Anbieter müssen die Nutzerdaten auf elektronischem
Weg und in einem allgemein nutzbaren Format kostenfrei und
schnell aushändigen.6

36

1 Quelle: Zentrum für europäische Wirtschaftsförderung, Discussion Paper No. 16042, 29.05.2016, http://bit.ly/2c5r1Bb
2 Quelle: Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie, Google, Facebook, Amazon,
Ebay: Wettbewerbspolitik auf virtuellen Märkten, 25.09.2013, http://bit.ly/2cTg9pU
3 Quelle: Computerwoche, „Die Datenportabilität in der Cloud hakt“, 07.03.2013, http://bit.ly/2cGXU3N
4 Quelle: BMWi, Referentenentwurf zur 9. GWB-Novelle, http://bit.ly/2cyQsf4
5 Quelle: EU-Kommission, Special Eurobarometer 359, S. 160, http://bit.ly/1TjkP5t
6 Quelle: Europäische Union, Amtsblatt 04.05.2016, http://bit.ly/2aWwsPC

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 5

608 Bewertungen
Zustimmungen 498
Ablehnungen 88
*

Die Debatte spiegelt ein breites Meinungsspektrum wider. Ist ein neuer
Ordnungsrahmen überhaupt notwendig? Ein Nutzer (30.05.2016) hat besonders die sozialen Auswirkungen von Regulierung im Blick, er schreibt:
„Ja, es braucht Regeln und Sanktionen, eine[n] Ordnungsrahmen, der den
Namen verdient.“ Den Gegenpol besetzt Diskussionsteilnehmer Awemhoff, indem er schreibt: „Wenn aus einem Monopol ein Nachteil für andere
Marktteilnehmer entsteht, werden diese schon geeignete Wege finden.“
In der Diskussion wird deutlich, dass sich die Frage nach einem differenzierten Ordnungsrahmen in ganz verschiedenen Bereichen stellt. So sieht
der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) ein Problem
insbesondere in technischen Funktionen, die zum Nadelöhr für den Marktzugang werden:
„Durch die Konzentration von Plattformen und Netzwerken sind
spezifische Regeln notwendig. Dazu gehören bspw. standardisierte
Schnittstellen für den Zugang durch Dritte sowie die Freigabe be­
stimmter, spezifischer Funktionen, die aufgrund der monopolähnli­
chen Stellung von digitalen Plattformen eine Schlüsselfunktion für
den Marktzugang oder Grundlage von Geschäftsmodellen anderer
Anbieter darstellen. Dies können u. a. bei Herstellern die NFC-Funk­
tion bei Smartphones oder biometrische Freigaben (Fingerabdruck
bzw. Touch-ID) auf einem mobilen Endgerät sein.“

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37

Ein Kommentator (05.09.2016) hat vor allem die zunehmende Bedeutung
von kommerziell ausgerichteten Online-Buchungsportalen für Reisen und
Hotels im Auge, die in den letzten Jahren immer schwerer von neutralen
Bewertungsportalen zu unterscheiden seien: „Die Rolle eines Vermittlers
sollte von jedem Vermittler, nicht nur in den AGB, deutlich kenntlich gemacht werden müssen, da diese Rolle den meisten Verbrauchern gar nicht
bewusst ist […]. Zudem könnte man überlegen, dass auch die entsprechenden Geschäftsmodelle (Kommission oder Provision) offenzulegen sind.“
Ein Teil der Diskussionsteilnehmer vertritt die Ansicht, dass Chancengleichheit sich grundsätzlich weniger durch Regulierungen herstellen lasse
als durch gezielte Förderung. „Statt Monopolmöglichkeiten zu regulieren,
sollten besser Investitionsanreize für neue Marktteilnehmer gesetzt werden“, schreibt ein Nutzer (18.07.2016). Maik Schmalstich vom Unternehmen
die.informanten sagt: „Eine Förderung von Innovation in Deutschland ist
einer Marktregulierung eindeutig vorzuziehen.“
Ein Nutzer (30.05.2016) schlägt vor, insbesondere offene Systeme und
Plattformen zu fördern. Ähnlich argumentiert ein weiterer Teilnehmer
(29.06.2016):
„Die Bundesregierung muss Herausforderer strategisch fördern […].
Erst die Verfügbarkeit von Alternativen wie Firefox hat das Netz in
eine gesunde Wettbewerbssituation gebracht, wo es keine Rolle mehr
spielt, welchen Browser man nutzt, weil alle die [gleichen] Standards
unterstützen. Die Bundesregierung sollte alles tun, um Plugfests und
Testumgebungen zu fördern, strategische Abhängigkeiten zu identi­
fizieren und Möglichkeiten zu untersuchen, wie man sich aus ihnen
befreien kann.“

Mehr als

90 %
0,98 %

aller allgemeinen Suchanfragen in Deutschland
werden bei Google gestellt –
bei Bing und
	gegenüber
bei Yahoo!

4,16 %

Quelle: Statista, Marktanteile führender Suchmaschinen in Deutschland in den Jahren 2014–2016, http://bit.ly/1fBoF5h

38

Insbesondere auf kleine Unternehmen richtet ein Teilnehmer (12.07.2016)
den Blick, wenn er fordert:
„Wirksame Regeln sollten insbesondere eine Vereinfachung mit sich
bringen, keine Komplexitätssteigerung. Nur dann wird es auch den
kleineren Unternehmen möglich sein, neben den (quasi) monopolis­
tischen Strukturen zu bestehen/die Monopole einzudämmen.“
Ein Nutzer (14.08.2016) unterstreicht die Bedeutung von Transparenzregeln
für die Akzeptanz und letztlich den unternehmerischen Erfolg digitaler
Geschäftsmodelle – fernab von allen regulatorischen Bemühungen:
„Big Data macht aus meiner Sicht nur Sinn, wenn diese [Geschäfts­
modelle] von der Gesellschaft akzeptiert sind. […] Big Data mit dem
Gütesiegel ‚sozial verträglich‘ wird mehr Umsatz generieren und All­
gemeingültigkeit erlangen, als wenn es einigermaßen intransparent
umgesetzt würde.“

Fazit:

Das Meinungsspektrum ist breit gefächert. Zwei Linien zeichnen
sich jedoch ab: Teilnehmer, die die allgemeine Situation im Blick
haben, sehen in Förderungen ein stärkeres Instrument als in Regulierungen. Geht es jedoch um spezifische Probleme, werden konkrete
und differenzierte Regulierungsansätze vorgeschlagen.

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39

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

6. 

Digitale Grundregeln
Dieser Ordnungsrahmen muss klare Regeln und durchsetzbare
Rechte beinhalten. Dies betrifft sowohl die Rechte von Unterneh­
men als auch von Verbraucherinnen und Verbrauchern.

40

Der Thesenpate hat das Wort:
„Keine Vermittlung ohne Verantwortung
Digitale Plattformen erlauben nicht nur neue Geschäftsmodelle, über
sie wird heute auch Arbeit vermittelt. Neben Verbraucherinnen und
Verbrauchern und Unternehmen brauchen auch Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer Rechte in der digitalen Wirtschaft.
Dazu müssen die Eigner der Plattformen Pflichten übernehmen. Wir
brauchen Regeln und Rechte, damit vorhandene Plattformen keine
erdrückende Marktdominanz entwickeln können, für Nutzer Transparenz geschaffen wird und Arbeitnehmer Fairness erfahren.
Arbeit darf nicht über Plattformen einem uferlosen Unterbietungswett-

© Kay Herschelmann

bewerb ausgesetzt werden und die Vermittlung herkömmlicher betriebsgebundener Arbeitsplätze darf nicht zerstört werden. Deswegen braucht

Lothar Schröder

die Mitbestimmung ein Update und müssen auch Plattformen Verant-

Mitglied des ver.di-Bundesvorstands,

wortung für die Menschen übernehmen, die Leistungen erbringen. Den

Fachbereich Telekommunikation,

Rahm abzuschöpfen und die Verantwortung anderen zu überlassen,

Informationstechnologie

das ist nicht hinnehmbar.
Weder Arbeitsvermittlungsplattformen noch soziale Netzwerke dürfen
von unserer Gemeinwohlverpflichtung ausgenommen werden.
Wer teure Infrastruktur nutzt und soziale Netzwerke betreibt, um daraus
Erträge zu erwirtschaften, muss auch der Infrastruktur verpflichtet werden. Es ist nicht hinnehmbar, dass Telekommunikationsfirmen reguliert
werden und Over-the-top-Player unreguliert bleiben. Sonst tragen die
einen die Lasten und die anderen machen reichlich Kasse und bauen ihre
Marktkonzentration aus.
Digitale Plattformen werfen komplexe ökonomische, rechtliche und
technische Fragen auf. Diese müssen ganzheitlich aufbereitet und be­
ant­­wortet werden können. Es sollte ergebnisoffen geprüft werden, in
welchen Bereichen die Bündelung von Kompetenzen zu mehr Rechts­
sicherheit und Beschleunigung führen kann.
Die Digitalisierung hat sowohl gewaltige Wohlstands- als auch Prekariatspotenziale. Diese Ambivalenz und Offenheit verlangt nach einem
ordnenden Rahmen. Wir brauchen solidarische Gestaltungsarbeit, ein
Bekenntnis zu gemeinsamen Zielen und Konsens über grundlegende,
wirksame Schutzregeln.“

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41

Fakten:
•	Digitale Plattformen, wie Buchungs- oder Vergleichsportale,
genießen eine hohe Glaubwürdigkeit: Die Unabhängigkeit auf
diesen Portalen wird von den Nutzern als zehnmal höher ein­
geschätzt als auf Anbieter- oder Herstellerseiten. Damit besitzen
diese Portale eine hohe Relevanz für Verbraucher bei Kaufentscheidungen.1
•	Auch auf Anbieter von Waren und Dienstleistungen haben diese
Portale einen marktrelevanten Einfluss, für sie wird eine Platzierung im Vergleichsranking immer wertvoller.2
•	Der tatsächliche Nutzen von Plattformen wie Buchungs- oder
Vergleichsportalen – unabhängige Auswahl von Angeboten
zum Auffinden des günstigsten Preises – scheint jedoch eingeschränkt. Eine Untersuchung der Verbraucherzentralen zeigt,
dass zwischen den Portalen zum Teil erhebliche Preisunterschiede bestehen. Nicht alle Portale haben alle Tarife im Angebot.
Diese wiederum werden oftmals auf den Anbieterseiten günstiger angeboten.3
•	Grundlage einer effektiven Durchsetzung von Verbraucher- und
Lauterkeitsrecht ist eine genaue Marktkenntnis. Der „Marktwächter Digitale Welt“ ist ein Projekt, das auf Initiative der
Verbraucher­zentralen mit Unterstützung des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz entstanden ist. Es stellt
systematische Marktbeobachtungen auf Grundlage von Verbraucherbeschwerden an. Die Marktwächter analysieren, ob strukturelle Missstände vorliegen. Ist dies der Fall, werden Verbraucher
möglichst frühzeitig gewarnt und Unternehmen gegebenenfalls
auch abgemahnt.4
•	Das Wettbewerbsrecht sowie die EU-Datenschutz-Grundverord­
nung bieten grundsätzlich Möglichkeiten, Wettbewerbs- und
Verbraucherinteressen gleichermaßen zu schützen. Der Referentenentwurf zur 9. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) geht auf Aufgreifschwellen in der Fusionskontrolle, Marktabgrenzung von mehrseitig datengetriebenen
Märkten und Missbrauch von Marktmacht und Datenmacht ein.5

1 Quelle: Verbraucherzentrale, Buchungs- und Vergleichsportale – schwierige Suche nach dem günstigsten Preis,
18.02.2016, S. 5–7, http://bit.ly/2c3Y3i4
2 Quelle: Verbraucherzentrale, ebenda
3 Quelle: Verbraucherzentrale, ebenda
4 Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband, Marktwächter, Pressemitteilung vom 26.03.2015, http://bit.ly/2cDosnB
5 Quelle: BMWi-Referentenentwurf zur 9. GWB-Novelle, http://bit.ly/2cyQsf4

42

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 6
ist die These mit den meisten Zustimmungen (in Relation).

607 Bewertungen
Zustimmungen 532
Ablehnungen 40

*

Ein Aspekt, der bei dieser These zentral diskutiert wurde, dreht sich um
die Frage, inwiefern geltende Verbraucherschutzregeln allgemein auf
digitale Zusammenhänge übertragen werden sollten. Maik Schmalstich
von die.informanten fragt: „Wo ist der Unterschied zwischen ‚analoger‘
und ‚digitaler‘ Wirtschaft in diesem Punkt? Vielleicht bedarf es keiner
zusätzlichen, sondern einer konsequenten Anwendung und Übertragung
existierender Regeln.“ Ein Nutzer (30.05.2016) schreibt: „Es geht schlicht
darum, den Mechanismen der Sozialen Marktwirtschaft im digitalen
Raum Geltung zu verschaffen.“
Ein anderer Teilnehmer (23.07.2016) hingegen merkt an: „[F]ür neue Spiel­
regeln und Geschäftsmodelle müssen auch Rechte und Pflichten neu
konfiguriert werden.“ Ein Nutzer allerdings (15.08.2016) verleiht seiner
grundsätzlichen Ernüchterung Ausdruck – er schreibt: „Ich kann in den
letzten Jahrzehnten nur einen Rückbau des Verbraucherschutzes beo­b­
achten. Der Verbraucher interessiert schon lange nicht mehr, nur noch
die Lobby-Interessen.“

www.de.digital

43

Wie sollen die Verbraucherschutzregeln für die digitale Welt beschaffen
sein? Einige Nutzer weisen auf die Bedeutung von Transparenz und Daten­
souveränität hin und formulieren unterschiedliche Vorschläge zu ihrer
Umsetzung. Ein Nutzer (12.07.2016) schlägt vor: „Vielleicht sollte es ein
Trans­parenzportal geben, in dem Verbraucher sich über die Verwendung
von Daten durch die Unternehmen, mit denen sie online arbeiten, informieren können.“ Ein weiterer Nutzer (21.08.2016) betont, dass es wichtig sei,
Transparenzregeln durch die Aufnahme des Themas Datensouveränität in
die Lehrpläne zu flankieren:
„Wenn man alle Beteiligten gut informiert, wo und wie Daten fließen
und genutzt werden, bringt das wohl mehr als sehr pauschale Regeln.
Datenschutz braucht einen festen Platz im Bildungssystem. […] Intelli­
genter und aufgeklärter Umgang mit Daten muss durch Wissen, also
Bildung, ermöglicht werden.“

60 %

der Nutzer von Vergleichs- und Bewertungs­portalen achten besonders auf
die Kommentare anderer Nutzer,
auf die Benotung

11 %

Quelle: Statista, Hauptaugenmerk bei der Nutzung von Vergleichs- und Bewertungsportalen 2014, http://bit.ly/2ceMtlJ

44

Ein Mehr an Transparenz regt auch der Bundesverband Öffentlicher
Banken Deutschlands (VÖB) an. Die Forderung bezieht sich vor allem auf
Vergleichsportale im Internet:
„In Bezug auf Transparenz würde es helfen, wenn Mindestanforde­
rungen definiert würden, wie bspw. die Benennung des Anbieters der
Dienstleistung/des Produktes und die Pflicht der Hervorhebung durch
[…] Information gegenüber den Nutzern, wenn zusätzliche Kriterien
oder gesonderte, nicht auch auf andere Anbieter angewandte Kriterien
bei der Anzeige bzw. Dienstleistungs- oder Produktauswahl innerhalb
der digitalen Plattform eine Rolle gespielt haben.“

Fazit:

Unter den Teilnehmern der Debatte herrscht große Einigkeit darüber, dass die Einhaltung eindeutiger Spielregeln auch in der digitalen Wirtschaft gewährleistet sein muss. Generell sollten nach
Meinung der Nutzer die Regeln übertragen werden, die bereits in
der analogen Wirtschaft gelten. Hinzu kommen spezifische Problemfelder, die dem digitalen Sektor eigen sind. Insbesondere wird
die Erwartung formuliert, dass Regeln der Transparenz definiert
und umgesetzt werden.

www.de.digital

45

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

7. 

Informationsungleichgewicht
Zwischen Plattformbetreibern und Verbrauchern besteht oft ein
Informationsungleichgewicht. Privatautonomie setzt allerdings
auch in der digitalen Wirtschaft gleich starke, also annähernd
gleich informierte Vertragspartner voraus. Um Verbraucherinnen
und Verbrauchern souveräne Entscheidungen zu ermöglichen,
sind etwa bei Bewertungsportalen Geschäftsbeziehungen, und
damit potenzielle Interessenkonflikte, transparent zu machen.
Digitale Plattformen, deren Geschäftsmodelle auf Algorithmen
beruhen, müssen nicht diese an sich, aber deren Kriterien offen­
legen.

46

Der Thesenpate hat das Wort:
„Was Plattformen von Spielkonsolen lernen können
Die beliebte Videospielkonsole Atari 2600 aus dem Anfang der 80er
Jahre hat mehr mit Amazon, Apple, Google und Facebook gemeinsam,
als man auf den ersten Blick vermutet. Denn schon damals war klar,
dass Standardisierung und Schnittstellen die Entwicklungskosten reduzieren und den Marktzugang erleichtern werden. Bei der Atari 2600
wurde schnell ein Marktanteil erreicht, der dann zu Netzwerkeffekten
führte und das Wachstum der Plattform weiter beschleunigte. Mit den
Kunden wurde die Entwicklung weiterer Spiele beschleunigt, was wie­
derum zu mehr Kunden führte.
Was Ende der 1970er im Spielkonsolenmarkt funktionierte, ist mittler­

© dpa/Christian Charisius

weile in vielen Bereichen der digitalen Ökonomie sichtbar. Dadurch
haben die Plattformen eine sehr dominierende Rolle bei der Entwicklung

Nico Lumma

der digitalen Gesellschaft eingenommen. Die Art und Weise, wie Kun-

COO Next Media Accelerator,

den mit Inhalten oder Produkten zusammengebracht werden, macht es

Co-Vorsitzender D64 – Zentrum

einerseits leichter, Kunden zu erreichen. Andererseits werden aber durch

für digitalen Fortschritt e. V.

die einhergehende Standardisierung Marktteilnehmer in ihrer Kundenansprache oder ihrer Produktentwicklung limitiert. Aus Kundensicht
wiederum wird es immer schwieriger zu unterscheiden, wann Plattformen neutral agieren und wann sie eigene Produkte präferieren.
Wir müssen bei dieser Entwicklung klug agieren und die Rechte der
Marktteilnehmer gegenüber den Plattformen stärken, damit die Verbraucher nicht willkürlichen Veränderungen ausgesetzt sind. Ebenso
müssen die Konsumenten in die Lage versetzt werden, selbstbestimmter
über die Nutzung der Plattformen zu entscheiden – Konzepte wie Datenportabilität zwischen Plattformen sind dabei allerdings erst der Anfang.
Plattformen haben allerdings aus den Erfahrungen mit der Videospielkonsole Atari 2600 gelernt: Ohne Innovation und Ausrichtung an den
Kunden und Anbietern, die zusammengeführt werden sollen, wird das
Geschäftsmodell nicht dauerhaft funktionieren. Daher ist kluge Regulierung auch im Sinn der Plattformen selbst.“

www.de.digital

47

Fakten:
•	Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert Betreiber
von Bewertungs- und Vergleichsportalen auf, für einen effektiven
Schutz vor gefälschten Bewertungen und mehr Transparenz in
Bezug auf Bewertungsmethoden und Finanzierung zu sorgen.
Immer wieder gibt es Berichte über gefälschte Bewertungen von
Unternehmen. Auf vielen Portalen ist zudem nicht ersichtlich,
wie das Ranking der bewerteten Unternehmen oder Produkte
zustande kommt, insbesondere, ob Provisionen für die Positio­
nierung auf dem Portal gezahlt werden.1
•	Die Qualität der Information in Bewertungsportalen ist sehr unterschiedlich und keineswegs immer so neutral, unabhängig und
konsumentengeneriert, wie es scheint. Im Gegenteil: Viele Portale
werden kommerziell für Werbezwecke genutzt und sind deshalb
nur bedingt als Verbraucherinformation geeignet.2
•	Das Landgericht München hat im Juli 2016 entschieden, dass
ein Vergleichsportal für Versicherungen gegen die gesetzlichen
Mitteilungspflichten verstößt, wenn es nicht ausdrücklich darauf
hinweist, dass der Betreiber des Vergleichsportals selbst Versicherungsmakler ist. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.3
•	Ein Algorithmus bezeichnet eine systematische, logische Regel
oder Vorgehensweise, die zur Lösung eines vorliegenden Problems führt.4 Bewertungsportale und andere Plattformen nutzen
Algorithmen, um Daten zu gewichten und den Nutzern passende
Angebote anzuzeigen.
•	Algorithmen vernetzen weitgehend selbstständig Datensätze
miteinander – in einer Weise, die für Nutzer nicht immer nachvollziehbar ist. Der Nutzer erhält nur Angebote innerhalb einer
„Filterblase“, die die Algorithmen für ihn erzeugen. Plattformbetreiber sprechen hier von „relevanter“ bzw. „personalisierter
Werbung“.5

1 Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband, Pressemitteilung vom 17.10.2014, http://bit.ly/2cq7hai
2 Quelle: BMJV, Digitale Welt und Handel, S. 2 und 18, http://bit.ly/2clcH4H
3 Quelle: Bayerisches Staatsministerium der Justiz, Pressemitteilung vom 13.07.2016, http://bit.ly/2cpxXVd
4 Quelle: Stangl.eu Lexikon, http://bit.ly/2cykCha
5 Quelle: BMJV, Digitale Welt und Handel, S. 25, http://bit.ly/2clcH4H

48

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 7

585 Bewertungen
Zustimmungen 489
Ablehnungen 43
*

Die Teilnehmer der Debatte sehen das Informationsungleichgewicht zwischen Plattformbetreibern und Verbrauchern grundsätzlich eher problematisch. So beschreibt Nutzer Awemhoff exemplarisch Missstände. Zwar sieht
er Anlass, den juristischen Rahmen zu verändern. Doch er wünscht sich
auch eine Stärkung der Verbraucherseite: „Es gibt bereits gute Regeln. Zum
Beispiel ist das Vortäuschen guter Kundenbewertungen Betrug oder Täuschung. Man muss das nur mal konsequent verfolgen. Hierbei wäre bessere
Unterstützung von Verbraucherschützern hilfreich.“ Ein anderer Diskussionsteilnehmer (05.08.2016) sieht bereits genügend Ermessensspielraum auf
Seiten der Verbraucher:
„Als mündiger Verbraucher kann ich selbst entscheiden, welche Platt­
form ich benutze. Stellt die Plattform für mich nicht transparent dar,
auf welcher Grundlage die Bewertung zustande kommt, so kann ich
selbst entscheiden, ob ich dieser Bewertung Vertrauen schenken möch­
te oder nicht. Eine gesetzliche Regelung ist nicht notwendig.“

www.de.digital

49

72 %

aller Online-Shopper nutzen vor dem Kauf eines
Produktes Bewertungsportale, um sich zu informieren

Quelle: Statista, Anteil der Nutzer von Bewertungsportalen vor dem Online-Kauf nach Altersgruppen 2015, http://bit.ly/2cylRg9

Eine Reihe von Diskussionsteilnehmern hat durchaus konkrete Vorstellungen davon, welche Maßnahmen zu treffen wären, um dem Informationsungleichgewicht entgegenzuwirken. So fordert eine Stimme (05.09.2016):
„Regulierung ist […] im Sinne von klaren, einfach zu verstehenden und
auf den ersten Blick erkennbaren Informationspflichten zu verstehen.
Längere Texte helfen hier nicht. Zu denken wäre hier an gesetzlich vor­
gegebene Zeichen, wie damals z. B. im Lebensmittelbereich (Ampel)
angedacht.“
Zudem müsse, so der gleiche Nutzer, bei Bewertungsportalen sichergestellt
sein, „dass auch nur Nutzer bewerten, welche den Service tatsächlich in
Anspruch genommen haben“. Außerdem fordert er, dass klar ersichtlich
sein müsse, „in wessen Auftrag beispielsweise Produkttests in Auftrag
gegeben wurden. Die entsprechenden Geschäftsmodelle (Kommission oder
Provision) sollten offenzulegen sein.“

50

Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) weist darauf
hin, dass auch für Plattformbetreiber das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) gelte. Einen grundsätzlichen Zwang etwa zu weitge­
hender Offenlegung von Bewertungskriterien sieht der Verband nicht.
Der sei nur in konkreten Fällen sinnvoll, wenn Wettbewerbsverzerrung
vorliege:
„Zur Angabe zusätzlicher Anforderungen wie bspw. die Offenlegung
von Kriterien sowie die Gewichtung dieser bei Bewertungsportalen,
Suchmaschinenanbietern und anderen Plattformbetreibern, sollten
diese nur bei einer wesentlichen Beeinflussung des Marktes und da­
durch bedingten objektivitäts- und neutralitätsverzerrenden Ergebnis­
sen gezwungen werden.“
Dies sollte laut VÖB „aber Aufgabe der Wettbewerbsbehörden sein“. Generell sei die Angabe des Geschäftszwecks und der Anbieterziele sinnvoll –
und es sei „entscheidend, ob durch den Anbieter von bspw. Bewertungsportalen Einfluss auf die Bewertungsergebnisse genommen wird oder ob
es sich ausschließlich um das nicht repräsentative Ergebnis der Nutzer
handelt“.

Fazit:

Die Meinungen zur These sind vielfältig. Für einen großen Teil der
Diskussionsteilnehmer spielt die genannte Problematik eine untergeordnete Rolle. Jene Stimmen, die Handlungsbedarf sehen, äußern
sich weitgehend allgemein dazu. Konkret sprechen sich einige
Nutzer dafür aus, dass für Endverbraucher klar ersichtlich sein soll,
wer Produkttests in Auftrag gegeben hat, und dass Geschäftsmodelle
(wie Kommission oder Provision) offengelegt werden.

www.de.digital

51

Workshop



Informationelle Macht – personalisierte
Preissetzung in der digitalen Wirtschaft

© BMWi/Anja Blumentritt

„Regulierungen bei der Preissetzung halte ich zurzeit für
nicht nötig. Wir sollten allerdings aufmerksam zukünftige
Entwicklungen bei Big Data beobachten.“
Professor Dr. Justus Haucap, Universität Düsseldorf

52

Durch Big-Data-Anwendungen, also die Sammlung, Auswertung und
Verknüpfung großer Datenmengen, sind digitale Plattformen in der Lage,

25. August 2016

individuelle Preise für verschiedene Nutzer festzulegen. Der Sachverstän­

Teilnehmer: Experten von Axel Springer,

digenrat für Verbraucherfragen hat sich in einer Studie von August 2016

Expedia, Trusted Shops, Händlerbund,

gegen den Einsatz personalisierter Preise ausgesprochen. Die Workshop-­
Teilnehmer unterstützten diese Position nicht – gleichwohl wurden
Bedingungen formuliert und Hinweise gegeben, wie sich mehr Klarheit

Ver­brau­cher­zentrale Bundesverband,
Universität Düsseldorf, Hochschule
Niederrhein, Bundeskartellamt, Bun­des­
minis­terium für Wirtschaft und Energie

in Preissetzungsprozessen erreichen ließe und Preisdiskriminierungen
verhindert werden könnten.
Die Runde stellte heraus, dass Preisdifferenzierungen in der Online-Wirt­
schaft noch wenig verbreitet seien. Personalisierte Preise gebe es faktisch
nur in wenigen Bereichen. Vielmehr bildeten die Unternehmen vor allem
Kundencluster, für die spezielle Angebote entwickelt würden. Wichtig
sei, eine gesellschaftliche Debatte darüber zu führen, wo Preisdiskrimi­
nie­rung ausgeschlossen werden sollte. Einigkeit bestand darin, dass Preis­diskriminierungen im Krankenversicherungsbereich, zum Beispiel auf­
grund von genetischen Dispositionen, verhindert werden sollten.
Zur Förderung der Transparenz wurde eine „Kenntlichmachung“ von
Preisdifferenzierungen für gut befunden, durch die digitale Plattformen
anzeigen, dass sie beispielsweise Verhaltensdaten und andere Informa­
tio­nen zur Preisbildung nutzen. Diese allgemein und kurz gehaltenen
In­formationen können dazu führen, dass Verbraucher ihre Suchanstren­
gungen nicht nach dem ersten Preisangebot einstellen. Eine Offenlegung
der Preissetzungsmodelle und der verwendeten Algorithmen wurde als
nicht zielführend angesehen.
Aus Unternehmenssicht wurde insbesondere die Eigenverantwortung
von Kunden betont. Diese sollten durch eine hinreichende Verbraucher­
bildung zu einem reflektierten Umgang mit ihren Daten ertüchtigt wer­
den. Angerissen wurde die Frage, ob hier die Schaffung einer digitalen
Aufklärungsinstitution sinnvoll wäre.

www.de.digital

53

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

8. 

Personalisierte Preise
Plattformen können aufgrund der verfügbaren (einschließlich
nicht personenbezogener) Daten über den konkreten Nutzer oder
das von ihm verwendete Endgerät für die angebotenen Produkte
und Dienstleistungen personalisierte Preise berechnen und ver­
langen. Dieser Informationsvorsprung des Anbieters gegenüber
dem einzelnen Nutzer ist eine unangemessene Bevorzugung des
Anbieters und diskriminiert die unterschiedlichen Nutzerinnen
und Nutzer. Deshalb müssen Anbieter diese Praktik und die Preis­
bildungskriterien transparent machen.

54

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Verbraucher ziehen den Kürzeren
In digitalen Verbrauchermärkten zeichnet sich ein einschneidender
Umbruch ab: Bisher haben sich durch Nachfrage und Angebot Preise
gebildet, die für alle gelten. Mittlerweile können Unternehmen auf der
Basis von gesammelten Daten und Big-Data-Datenbanken die Zahlungsbereitschaft und das Kaufverhalten einzelner Nutzer zunehmend präzise
vorhersagen. Damit kann jedem Verbraucher der Preis angeboten werden, den er maximal zu zahlen bereit ist.
Dies verändert die Position der Verbraucher als Marktteilnehmer fun­
damental: Die Informations- und Machtasymmetrie im Markt verschiebt
sich zu Ungunsten der Verbraucher, wenn Unternehmen Bedürfnisse

© Gert Baumbach, vzbv

und Verhalten von Einzelnen besser kennen als diese selber. Bildlich
gesprochen verhandelt dann der Einzelne mit einem Unternehmen,
das in seinen Kopf sehen kann.

Lina Ehrig
Leitung Team Digitales
im Bundesverband der

Außerdem: Wenn jeder einen individuellen Preis angeboten bekommt,

Verbraucherzentralen (vzbv)

können Preise nicht mehr auf einen Blick verglichen werden und die
Preistransparenz im Markt nimmt ab.
Personalisierte Preise führen vor allem zur Gewinnsteigerung von
Unternehmen, indem jedem Verbraucher der individuelle Maximalpreis
abverlangt wird. Dass im gleichen Zuge Verbraucher mit geringer Zahlungskraft profitieren, weil sie Produkte besonders günstig angeboten
bekommen, ist keinesfalls sichergestellt.
Personalisierte Preise können ethisch höchst bedenklich sein. Beispiels­
weise bei gesundheitlichen Notlagen, in denen Gesundheitsmittel
Ver­brauchern, die dringend darauf angewiesen sind, teurer angeboten
werden. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob das gewünscht ist.
Verbraucher scheinen diese drohenden Wohlfahrtsverluste zu spüren.
Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit individuelle Preise ablehnt.1
Um das Risiko von Wohlfahrtsverlusten zu reduzieren und die informa­
tionelle Selbstbestimmung zu wahren, müssen Anbieter transparent
ausweisen, wenn Preise an den einzelnen Verbraucher angepasst werden.
Offengelegt werden muss dabei, welche Daten in die Berechnung einfließen, und der Verbraucher muss hierin explizit einwilligen.“
1 Vgl.: LINK-Institut für Markt- und Sozialforschung (2015), „Abschlussbericht zum Projekt: Repräsentative Verbraucher­befragung in
der Gruppe der Internetnutzer“ im Auftrag des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen beim Bundes­ministerium der Justiz und
für Verbraucherschutz, S. 8, http://bit.ly/2cdLrXT
Thorun, C., und Diels, J. (2016), „Was Verbraucherinnen und Verbraucher in NRW über individualisierte Preise im Online-­Handel denken“,
im Auftrag des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MKULNV) des Landes NRW, S. 10,
http://bit.ly/2bRvZzD

www.de.digital

55

Fakten:
•	Plattformen sammeln Nutzerdaten und wissen oft mehr über
ihre User als nur den Namen. Sie kennen den Wohnort, persön­
liche Gewohnheiten, bevorzugte Endgeräte oder die Zahlungs­
bereitschaft.1
•	So gestalten einige Anbieter individuelle Preise für ihre Kunden.
Eine Studie im Auftrag des Sachverständigenrats für Verbrau­cher­
fragen wies diese Praxis bereits nach – in der Tourismus-­Branche
für hochpreisige Pauschalreisen. Wie teuer eine Reise war, hing
etwa vom vorherigen Surf- und Kaufverhalten sowie vom ge­
nutz­ten Betriebssystem ab.2
•	Eine Befragung von Preisverantwortlichen aus 51 E-CommerceUnternehmen verschiedener Branchen in Deutschland kommt zu
dem Ergebnis, dass der Professionalisierungsgrad im Pricing bei
den Online-Händlern in Teilen noch sehr niedrig ist. Die Unternehmen verfolgten nur bedingt, wie sich Preisaktionen auf ihre
Gewinne auswirkten.3
•	Preisdifferenzierung findet online, aber auch offline über Rabattund Kundenkarten statt. Drei Millionen Mal pro Tag wird allein
zum Beispiel die Payback-Karte von deutschen Verbrauchern
genutzt. Laut einer Emnid-Studie besitzt rund die Hälfte aller
Haushalte diese Punktesammelkarte.4
•	In Nordrhein-Westfalen lehnen 90 Prozent der Verbraucherinnen
und Verbraucher individualisierte und intransparente Preise ab.5
•	Eine Studie zur Praxis der Preisdifferenzierung am Beispiel von
Amazon zeigt: Der angebotene Preis steht aus Kundensicht für
eine Kaufentscheidung nur an vierter Stelle.6
•	Experten gehen nicht davon aus, dass individualisierte Preise
in Zukunft den Markt bestimmen werden. Zumindest nicht,
solange es einfache Möglichkeiten des Preisvergleichs und einen
funktionierenden Wettbewerb gibt. Denn sobald ein Wettbewerber den Preis für ein identisches Produkt unterbietet, lässt sich
ein personalisierter Preis nicht mehr durchsetzen.7

56

1 Vgl. hierzu Stiftung Warentest, Datenschutz im Check:
Viele Hintertüren bei Google, Netflix & Co, 24.02.2016,
http://bit.ly/1VDQwWm
2 Ebenda
3 Quelle: Conomic, Februar 2015, Pricing im E-Commerce, Studie
Februar 2015, http://bit.ly/2cf4dAc
4 TNS Emnid, Dezember 2014, Bonusprogramme in Deutschland,
Studie Dezember 2014, http://bit.ly/2cz2GnE

5Q
 uelle: Umweltministerium Nordrhein-Westfalen, Pressemeldung
vom 07.02.2016, http://bit.ly/2c5Gb9s
6V
 gl. Prof. Dr. Andreas Krämer und Prof. Dr. Regine Kalka, Dynamic
Pricing – verspielt Amazon das Vertrauen seiner Kunden?, erschienen in absatzwirtschaft.de am 16.02.2016, http://bit.ly/2cHcgB4
7V
 gl. hierzu z. B. Stiftung Warentest, Datenschutz im Check:
Viele Hintertüren bei Google, Netflix & Co, 24.02.2016,
http://bit.ly/1VDQwWm

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 8

585 Bewertungen
Zustimmungen 432
Ablehnungen 88

*
*

Ob personalisierte Preise zulässig sein sollten, wird in den Beiträgen unter­
schiedlich bewertet. Nur eine Minderheit sieht darin kein Problem. „Die
Beobachtung von Kunden war schon immer jedem Unternehmer und
Geschäftsbetreiber eigen“, argumentiert ein Nutzer (18.07.2016), auch durch
„nicht digitale Beobachtung“. Ein solches Verhalten sei Treiber des Wettbewerbes. „Über die Annahme dieses Angebotes entscheidet letztlich der
Konsument.“
Ein Kommentierender schlägt vor, personalisierte Preise auf Grundlage des
Datenschutzes zu unterbinden:
„Die Verwendung von Kundendaten für individuelle Preissetzung
wird rechtlich als rechtswidrige Datennutzung eingeordnet. Flan­
kierend werden Klauseln in AGB für unwirksam erklärt, die solche
Datennutzung zulassen sollen.“
Eine Reihe von Stimmen lehnt personalisierte Preise nicht kategorisch ab,
fordert aber Transparenz gegenüber den Kunden. Sie weisen darauf hin,
dass Daten über Nutzer von Internetportalen ausgewertet werden könnten,
um individuelle Preise zu berechnen, ohne dass die Betroffenen davon er­
fahren. Daher sehen einige ohne jeden Zweifel Handlungsbedarf.

www.de.digital

57

Die Teilnehmer des Beteiligungsportals unterbreiten verschiedene Vorschläge, denen gemein ist, dass sie auf eine Erhöhung der Transparenz
abzielen. So schreibt ein Nutzer (31.05.2016), es sei geboten, dass Unternehmen offenlegen, welche (persönlichen) Daten sie in die Berechnung ihrer
Preise einbeziehen. Verbraucher müssen zudem hierin bewusst einwilligen
können. Falls Plattformen personalisierte Preise berechnen, so der Nutzer,
„sollten sie verpflichtet werden, dies kenntlich zu machen und gleichzeitig
beide Berechnungsvorgänge auszuweisen“, also einen Vergleich zwischen
personalisiertem sowie nicht personalisiertem Preis zu ermöglichen.
Ein anderer Teilnehmer (30.05.2016) fordert, es müsse „eine Widerspruchsmöglichkeit zur Erhebung geben, die dennoch eine Weiternutzung der
Plattform einschließt“. Jeder müsse seine Daten „einsehen und ggf. löschen
können“. Adrian Vogler ergänzt dies mit der Forderung: „Die Nutzung meiner Daten sollte für niemand kostenfrei sein.“
Einige Stimmen beziehen in ihre Argumentation die Rolle des jeweiligen
Marktes ein. So plädiert etwa Maik Schmalstich vom Unternehmen
die.informanten dafür, auf die Kräfte des Marktes zu vertrauen: „Transparenz schafft hier der Markt, indem Alternativangebote einen Mausklick
entfernt sind. […] Die Preisfindung sollte dem Markt überlassen werden.
Die Verpflichtung zur Offenlegung der Kriterien wäre aus meiner Sicht zu
weitgehend.“

15 %

der deutschen Internetnutzer haben für
das gleiche Produkt beim gleichen Anbieter schon einmal
einen anderen Preis bezahlt als ein Bekannter

Quelle: Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, Digitale Welt und Handel, Januar 2016, S. 43, http://bit.ly/2c4OzBn

58

Ralf Reusser argumentiert ebenfalls in diesem Sinne, schlägt jedoch vor,
zwischen marktmächtigen Anbietern und Anbietern ohne marktbeherrschende Stellung zu unterscheiden:
„Solange der Wettbewerb dafür sorgt, dass Alternativen für Kunden
bestehen und dadurch Preise letztlich indirekt reguliert werden,
ist dies […] unkritisch. Kritisch wird es, wenn – wie insbesondere bei
digitalen Plattformen leicht möglich – marktdominierende Stellun­
gen eingenommen werden.“
Als Beispiel nennt er Plattformen, die kundenspezifische Preise bei allen
Anbietern, die die Plattform für ihr Warenangebot nutzen, berechnen:
„In solchen Fällen ist es sinnvoll, bei Plattformen eine Transparenz der
Preisgestaltung einzufordern.“

Fazit:

Eine Mehrheit äußert sich gegen personalisierte Preise (und ihre
Berechnungsgrundlagen) oder tritt dafür ein, diese für Verbraucher
transparent zu gestalten. Wie dies rechtlich definiert und in der
Praxis umgesetzt werden soll, wurde nur im Einzelfall konkretisiert.
Einzelne Stimmen fordern, zwischen marktmächtigen Anbietern
und Anbietern ohne marktbeherrschende Stellung zu unterscheiden
und Transparenz lediglich im letzteren Fall einzufordern.

www.de.digital

59

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

9. 

Identity Management
Für die Datensouveränität in der digitalen Welt brauchen wir ein
neues Datenschutzrecht; die europäische Datenschutz-Grund­
verordnung ist hierfür ein erster Schritt. Wir brauchen ein nutzer­
freundliches „Identity Management“, das einerseits Transparenz,
Verständlichkeit und Klarheit garantiert, wenn Daten zur Verfü­
gung gestellt werden, und das andererseits eine umfassende Nut­
zung von anonymisierten Daten zu unternehmerischen, sozialen
und wissenschaftlichen Zwecken ermöglicht.

60

Die Thesenpatin hat das Wort:
„Datenschutz und Datensouveränität
Zwei berechtigte Interessen fordern von uns als Gesellschaft aktuell einen
Spagat: Bürger haben ein Recht darauf, dass mit ihren Daten transparent
und angemessen umgegangen wird und dass sie ihre Souveränität darüber
wahren können. Gleichzeitig ist Big Data ein Wirtschaftsfaktor. Es entstehen laufend spannende, datengetriebene Geschäftsmodelle, die eine Chance
haben sollten. Ich glaube, dass beide Seiten vereinbar sind, wenn Nutzerinnen und Nutzer autonom und mündig über die Verwendung ihrer Daten
entscheiden können: Will ich meine Daten teilen, damit bezahlen, oder sollten sie gelöscht oder gar nicht erst erhoben werden? Eine solche Datensouveränität sollte das Ziel der Datenschutz-Grundverordnung sein. Doch wie
kann das in der Praxis aussehen? Einwilligungsverfahren für Cookies oder

© UdK Berlin I Design Research Lab

das Akzeptieren von AGB scheitern an der Bequemlichkeit – wir klicken sie
fast blind weg. Transparenz muss anders hergestellt werden.

Prof. Dr. Gesche Joost
Professorin für Designforschung an

Datensouveränität lässt sich über drei Parameter steuern: über Technologie,

der Universität der Künste Berlin,

Regulierung und Kompetenz.

Internetbotschafterin der Bundesre­
gierung für die EU-Kommission

1. Technologisch können Standards wie ‚Privacy by Default‘ den Bürger
unterstützen. Über offene Datenschnittstellen (APIs) könnte jeder auf
die eigenen Daten zugreifen und künftig sogar mit ihnen handeln.
2. Regulatorisch lässt sich Transparenz einfordern, indem zum Beispiel
offengelegt wird, nach welchen Parametern über die Kreditwürdigkeit
von Personen entschieden wird. Wir brauchen solche Rahmenbedingungen für die Nutzung von Big Data.
3. Und die Bürger selbst benötigen die Kompetenzen, unterscheiden zu
können, um welche Arten von Daten es in der jeweiligen Situation
geht: ob sie anonymisiert sind und welche Risiken möglicherweise bestehen. Wer hier differenzieren kann, der versteht auch den Sinn und
Zweck eines bestimmten Geschäftsmodells, das mit Daten operiert.
Zum Schluss eine Idee, die uns vielleicht aus dem Spagat hilft: Wie wäre
es, die Bürger an den Erlösen der Datenwirtschaft zu beteiligen? Sie
entscheiden selbst, welcher Deal ihnen fair erscheint, und werden zum
Broker ihrer eigenen Daten.
Alle diese Aspekte müssen verhandelt werden. Ich halte das für eine gute
und spannende Diskussion, bei der wir erst am Anfang stehen.“

www.de.digital

61

Fakten:
•	Identity Management bedeutet „Verwaltung der eigenen Identität“ und beschreibt den bewussten Umgang mit persönlichen
Daten – also Informationen wie Interessen, aktueller Standort
oder sogar Einkommen. Das Identitätsmanagement erlaubt
Verbraucherinnen und Verbrauchern, die Verwendung dieser
Daten nachzuvollziehen und zu steuern. Zudem ermöglicht es
Unternehmen, freigegebene Daten etwa für Marketingzwecke
zu nutzen.1
•	Unternehmen erheben Nutzerdaten vorwiegend auf Grundlage
der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Darin stimmen
Nutzer meist einer Klausel zur Erhebung (und ggf. Weiterverwendung) personenbezogener Daten zu.2
•	Zwar halten es 86 Prozent der Internetnutzer in Deutschland für
wichtig, die Inhalte der AGB zu kennen, doch über 60 Prozent
lesen sie kaum oder gar nicht. Die große Mehrheit gibt an, die
AGB seien zu lang und kaum zu verstehen.3
•	Die EU hat sich auf eine Datenschutz-Grundverordnung geeinigt, die den Datenschutz in Europa vereinheitlicht. So sollen
Internetnutzer mehr Kontrolle über ihre Daten bekommen –
und Unternehmen mehr Planungssicherheit. Die Mitglieds­
staaten haben zwei Jahre Zeit, die neuen Vorschriften umzu­
setzen.4
•	Die EU-Datenschutz-Grundverordnung beinhaltet folgende
wichtige Änderungen: Internetnutzer können veröffentlichte
Informationen leichter löschen lassen. Die Nutzer erhalten das
Recht darauf, Daten von einem Internetanbieter zu einem anderen mitzunehmen. Betroffene haben das Recht, über Verletzun­
gen ihres Datenschutzes informiert zu werden. Datenschutz­
bestimmungen müssen in klarer Sprache erläutert werden. Und
Gesetzesverstöße haben wesentlich härtere Strafen zur Folge.5

1 Vgl. auch: Grünbuch Digitale Plattformen/BMWi
2 Quelle: „Digitale Ökonomie“ – Tagung des Arbeitskreises Kartellrecht, Stand: Oktober 2015, http://bit.ly/1O4BHgN
3 Quelle: Repräsentative Online-Panelbefragung des DIVSI, Stand: Oktober 2015, http://bit.ly/2cRaePj
4 Quelle: Verordnung (EU) 2016/679, http://bit.ly/2cpQWz8
5 Quelle: Europäisches Parlament, Pressemitteilung vom 14.07.2016, http://bit.ly/2czaFBl

62

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 9
hat die meisten Expertenbeiträge bekommen.

558 Bewertungen
Zustimmungen 394
Ablehnungen 94

*

In der Diskussion besteht weitgehend Konsens darüber, dass jeder Mensch
den Umgang mit seinen Daten möglichst souverän selbst steuern und den
Zugriff Dritter darauf kontrollieren können sollte. Die Nutzer sind jedoch
geteilter Meinung, wie die Einwilligung in die Nutzung personenbezogener
Daten gestaltet sein sollte, um Transparenz, Verständlichkeit, Übersichtlichkeit und Klarheit zu gewährleisten. „Auch anonymisiert sollen meine
Daten nicht verwendet werden“, betont ein Nutzer (15.08.2016) vehement.
Andere differenzieren zwischen mehreren Aspekten, die entsprechend
unterschiedlich gehandhabt werden sollten.
Zwei Stimmen sagen: Wer seine Daten anderen zur Verfügung stelle, solle
mitbestimmen können, wie sie verwendet werden, bzw. die Möglichkeit
haben, die Sammlung dieser Daten einzuschränken. Diskus­sions­teil­neh­
mer Awemhoff umschreibt den Handlungsbedarf so:
„Wenn ich meine Daten eingebe, habe ich dieser Organisation meine
Daten gegeben. Darüber brauche ich keine Belehrung. Die Weitergabe
an Dritte sollte immer verboten sein, wenn man es nicht ausdrück­
lich erlaubt. AGB-Formulierungen [wie] ‚Der Nutzer stimmt der
Weitergabe … zu‘ sollten unzulässig sein.“

www.de.digital

63

Ein weiterer Nutzer (31.05.2016) schlägt vor, Unternehmen zu verpflichten,
„ihre Dienste Nutzern auch dann zur Verfügung zu stellen, wenn diese der
Weitergabe ihrer Daten widersprechen“.

20 %

Nur
der Internetnutzer lesen AGB
gründlicher, bevor sie ihnen zustimmen
Quelle: Repräsentative Online-Panelbefragung des DIVSI, http://bit.ly/2cRaePj

Nicht nur die nationale Ebene wird im Forum thematisiert, der Blick geht
auch darüber hinaus. Auf die EU-Datenschutz-Grundverordnung verweist
Roland Markowski (Gigya): Durch sie erhielten Verbraucherinnen und Verbraucher die Möglichkeit, ihre digitale Kommunikation mit Unternehmen
und Organisationen selbst zu steuern:
„Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie nicht nur über eine Infra­
struktur verfügen müssen, mit der ihre Mitarbeiter Kundendaten
in Echtzeit analysieren können, sondern mit der auch die Kunden
Einblick erhalten, welche Daten warum gesammelt, wie lange sie
gespeichert und wann und wie sie gelöscht werden.“
Doch auch Verbraucher sind auf technische Voraussetzungen für das Identity Management angewiesen, wie Oliver Naegele (Blockchain Helix AG)
betont. Er gibt konkrete Hinweise auf praktische Lösungsansätze: „Mit
einer abgestuften Datenarchitektur mit zentralem Identity Management
auf Block-Chain-Basis ist eine souveräne Nutzung des Internets durch
Bürger möglich.“ Block-Chains sind Datensätze, die gegen nachträgliche
Manipulation gesichert sind.

64

Bei der Gestaltung des Identity Managements könnten durchaus Anleihen
bei vorhandenen sozialen Netzen genommen werden, regt Manfred Reitenspiess (in4com) an: „In der Unix-Welt hat sich die Einteilung in drei Ringe (persönlich/selbst, Gruppe, Welt) bewährt“ – auch wenn dies in vielen
Fällen zu wenig Unterscheidung zwischen verschiedenen Rollen erlaube.
Für den Fall, dass Personen ihr Identity Management auf Dritte übertragen,
lautet seine Position:
„Diese Dritten müssen […] klaren Regeln folgen, die gesetzlich fest­
geschrieben sind und von einer unabhängigen Instanz durchgesetzt
werden.“

Fazit:

Konkrete Vorschläge, wie die Einwilligung in die Nutzung personen­
bezogener Daten gestaltet sein sollte, gehen aus den Beiträgen bis­
lang nicht hervor. Auf die Frage, welche Rolle hierbei elektronische
Identitäten mit unterschiedlichen Sicherheitsniveaus spielen, wird
auf vorliegende Erfahrungen (zum Beispiel Unix) verwiesen. Die
treuhänderische Wahrnehmung von Datenrechten durch Dritte
wird thematisiert, aber nur allgemein umrissen. Ob in Deutschland
eine eigene gesetzliche Regelung zur Datenportabilität im Kontext
der Datenschutz-Grundverordnung getroffen werden sollte, wird in
Teilen aufgegriffen und verneint. Das Argument: Damit einhergehende Übergabeformate ließen sich nicht realisieren. Wie der Wert
von Daten im Kontext mit der Prüfung der Angemessenheit des
vertragsrechtlichen Austauschverhältnisses bestimmt werden kann,
wurde in der Debatte nicht thematisiert.

www.de.digital

65

Workshop



Individuelle Datensouveränität in
der digitalen Wirtschaft

© BMWi/Susanne Eriksson

„Praktikable Möglichkeiten für ein elektronisches
‚Identity Management‘ können die individuelle
Datensouveränität stärken.“
Professor Dr. Heike Schweitzer, Freie Universität Berlin

66

Wie kann ein effektiver Schutz von Verbraucherdaten bei gleichzeitiger
Hebung ökonomischer Potenziale von Big Data gewährleistet werden?

29. August 2016

Diese zentrale Frage wurde unter Berücksichtigung von Gefahren erörtert,

Teilnehmer: Experten von Google, Uber,

die sich sowohl aus einer unzureichenden Verbraucheraufklärung als auch

XING, Härting Rechtsanwälte, Osborne

aus Datenmissbrauch durch Unternehmen ergeben. Letztere können Daten
aus verschiedensten Quellen zusammenführen und somit ein sehr umfas­

Clarke, Bundesverband Digitale Wirt­
schaft, Händlerbund, Internet Economy
Foundation, Freie Universität Berlin,

sendes Profil ihrer Kunden erhalten. Die Diskussionsteilnehmer stellten

Universität Osnabrück, Bundesamt für

fest, dass die gegebene Rechtssituation den neuen digitalen Herausforde­

Sicherheit und Informationstechnik,

rungen nur unzureichend gerecht wird. Auch die EU-Datenschutz-Grund­
verordnung schaffe nicht die erforderliche Rechtssicherheit.

Bundesnetzagentur, Bundesbeauf ­trag ­te
für den Datenschutz und die In­for­ma­tions­
freiheit, Bundesministerium für Wirt­
schaft und Energie

Die Mehrheit in der Runde äußerte Zweifel an der Eignung des Leitbilds
der „informationellen Selbstbestimmung“ im digitalen Zeitalter. Die
Verbraucher würden mit Informationen, Hinweisen und Allgemeinen
Geschäftsbedingungen überfordert, deren angemessene Durchdringung
juristisches Fachwissen voraussetzt. Aus diesem Grund wurde der Bedarf
gesehen, Normen für einen angemessenen Umgang mit Daten zu entwi­
ckeln. Einige Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft fordern zudem
mehr politischen Mut zu Verboten.
Als Lösungsweg für einen Datenschutz, der Verbrauchern und Unterneh­
men gerecht wird, wurde das sogenannte „Identity Management“ disku­
tiert – ein bewusster Umgang mit Kundendaten durch die Aufteilung
in die Schutzzonen Identität, Anonymität und Pseudonymität. Grundla­
ge hierfür ist die „Sphärentheorie“, die von einer eigenverantwortlichen
Festlegung verschiedener „Sicherheitsniveaus“ im Rahmen von Intim-,
Privat- und Sozialsphären der Nutzer ausgeht. Zu diesem Zweck müsse
der Verknüpfbarkeit von Daten rechtlich Einhalt geboten werden. Durch
technische Lösungsansätze, wie beispielsweise die Nutzung von Einwilli­
gungsassistenten, könnten Nutzer ihre Datensouveränität stärken.
Zudem diskutierte der Workshop, wie man Unternehmen zu einem
vor­bildhaften Verhalten anreizen könnte. Die Zertifizierung von „Best
Practices“, also im Datenschutz vorbildlichen Unternehmen, wurde hier­
für befürwortet. Grundvoraussetzung sei die Entwicklung einer verbind­
lichen Norm durch die Politik, aus der sich Standards ableiten lassen.
Die neue entstehende Verhaltenskultur könne dann Grundlage für einen
angemessenen Kodex sein, dem sich Unternehmen zur Instandhaltung
ihrer Wettbewerbsfähigkeit freiwillig unterwerfen.

www.de.digital

67

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

10. 

Suchmaschinen
Suchmaschinen sind die Navigationsgeräte im Internet. Ohne
Suchmaschinen wären viele Seiten und Dienste nur mit erheblich
größerem Aufwand aufzufinden. Daher stellen sie eine notwen­­dige
Infrastruktur für das Funktionieren des digitalen Marktraumes dar.
Aus dieser zentralen Funktion, die Einfluss hat auf Vielfalt und
Chancengleichheit, folgt eine besondere Verantwortung der Suchmaschinenbetreiber. Deshalb müssen Suchmaschinenbe­t rei­ber
auch ohne marktbeherrschende Stellung besonderen Pflichten wie
beispielsweise Transparenzpflichten unterworfen werden.

68

Der Thesenpate hat das Wort:
„Unverzichtbare Suchmaschinen – eine Diskussion
über Verantwortung
Suchmaschinen sind in einer zunehmend vernetzten und digitalen Welt
unverzichtbar. Sie ermöglichen es Nutzern, sich angesichts der Fülle
an Inhalten im Netz überhaupt erst einmal zu orientieren und konkrete
Informationen zu finden. Damit sind sie maßgebliche Informations­
intermediäre. Gerade in Anbetracht dieser Rolle ist die Diskussion um
die Meinungsmacht von Suchmaschinen allgemein und den Einfluss einzelner Suchmaschinenbetreiber im Aufmerksamkeitswettbewerb sehr
wichtig. Dazu gehört auch die Diskussion um eine mögliche Regulierung.
Derzeit stehen Internetnutzern zahlreiche Suchmaschinen zur Verfü-

© Privat

gung, unter denen sie selbst wählen können. Von der generalisierten
Suchmaschine für das ganze Internet bis zur vertikalen Suchmaschine,

Oliver J. Süme

die nur Inhalte zu einem speziellen Thema erfasst, wie zum Beispiel

Fachanwalt für IT-Recht und

Reisetipps, Restaurants oder den richtigen Lieferservice: Die Angebote

Vorstand Politik & Recht des eco e. V. –

variieren je nach Geschäftsmodell und Zielsetzung.

Verband der Internetwirtschaft

Grundsätzlich sollten derzeit diskutierte Ansätze zur Suchmaschinenregulierung immer auch vor dem Hintergrund der damit verbundenen
Kosten für Suchmaschinenbetreiber sowie möglicher Wettbewerbsnachteile bewertet werden. Besonders problematisch erscheinen hier beispielsweise Transparenzpflichten für alle Suchmaschinenbetreiber oder
auch die erzwungene Offenlegung von Suchalgorithmen. Sie könnten
Betriebsgeheimnisse berühren und so die Geschäftsmodelle der Such­
maschinen- und Plattformbetreiber gefährden.
Sollten tatsächlich grobe Benachteiligungen von Wettbewerbern durch
den Betreiber einer Suchmaschine nachweisbar sein, so wären diese
zunächst einmal eine kartell- und wettbewerbsrechtliche Fragestellung.
Entsprechende Klagen und deren Beurteilung sind aufmerksam zu beo­b­
achten und deren Ergebnisse zu evaluieren, bevor gesetzliche Initiativen
oder Regulierungsvorhaben in Erwägung gezogen werden.“

www.de.digital

69

Fakten:
•	Weihnachten 1990 ging die erste Internetseite überhaupt online.
Aktuell gibt es weltweit über eine Milliarde Websites.1
•	Gut 40 Millionen der etwa 70 Millionen Menschen über 14 Jahren
in Deutschland nutzen mindestens einmal in der Woche Suchmaschinen zur Informationsbeschaffung.2
•	Google dominiert den allgemeinen Suchmaschinenmarkt deutlich: In Deutschland liegt der Marktanteil von Google bei knapp
95 Prozent.3
•	Auch Unternehmen mit einer starken Marktposition können
Marktanteile an einen deutlich kleineren Konkurrenten verlieren.
Dies zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2013: Nachdem in Mozillas
Browser Firefox Yahoo an die Stelle Googles als Standardsuchmaschine trat, sank Googles Anteil am US-amerikanischen Markt um
etwa vier Prozentpunkte auf 75 Prozent, Yahoos Anteil stieg von
7,4 auf 10,4 Prozent.4
•	Die weltweiten Ausgaben für Suchmaschinenwerbung betragen
im Jahr 2016 rund 94 Milliarden US-Dollar. Die Tendenz ist stark
ansteigend; für das Jahr 2019 werden entsprechende Ausgaben
in Höhe von über 130 Milliarden US-Dollar prognostiziert.5 Zum
Vergleich: Der Bundeshaushalt 2016 hat ein Volumen von umgerechnet knapp 350 Milliarden US-Dollar.6
•	93 Prozent der Konsumenten in Deutschland informieren sich
online, wenn sie ein Produkt mit einem Wert von 4.000 Euro oder
mehr suchen.7
•	Vier Fünftel des Traffics von Online-Shops kommen von organischen Suchergebnissen, das heißt aus Suchergebnissen, deren Platzierung in den Ergebnislisten auf Algorithmen beruht und nicht
durch Geldzahlungen verbessert werden kann.8 Der Algorithmus
der Google-Suche bestimmt beispielsweise anhand von 200 Kriterien, welche Seiten und Inhalte für den Nutzer am relevantesten
sind: Wie aktuell ist der Inhalt einer Website? Wie viele andere
Websites verlinken auf diese Website? Welche Schlagwörter sind
auf der Website zu finden?9

70

1 Quelle: World Wide Web Consortium: ständig laufender Zähler
unter www.internetlivestats.com, http://bit.ly/1fBvBR6
2 Quelle: Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse:
Konsumenten punktgenau erreichen. Basisinformationen für
fundierte Mediaentscheidungen, VuMA 2016, S. 58,
http://bit.ly/2cbpFmU
3 Quelle: SEO united GmbH: Suchmaschinenverteilung in
Deutschland, http://bit.ly/2cTZYIZ
4 Quelle: StatCounter/Businesswire, Meldung vom 07.01.2015,
http://bit.ly/2cfCW0o

5Q
 uelle: Statista, Prognose der Ausgaben für Suchmaschinenwerbung weltweit bis 2019, http://bit.ly/2cyNDcA
6 Quelle: Gesetz über die Feststellung des Bundeshaushaltsplanes
für das Haushaltsjahr 2016 (21.12.2015), veröffentlicht in: Bundesgesetzblatt Teil I, Nr. 54, S. 2378 ff., http://bit.ly/2cRyyk6
7Q
 uelle: Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: „Käuferportal Kunden-Studie 2014“, S. 8, http://bit.ly/2cmtBRc
8 Quelle: Aufgesang Inbound Marketing: Studie „Online Marketing bei deutschen Shops 2016“, S. 22, http://bit.ly/2czsPTA
9 Quelle: Google Inside Search, http://bit.ly/1MgRGRm

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 10

554 Bewertungen
Zustimmungen 384
Ablehnungen 88
*

Obwohl der direkte Zugriff auf Internetangebote über Apps zunehmend
an Bedeutung gewinnt, ist rund ein Drittel der Teilnehmer der Debatte
überzeugt, dass Suchmaschinen nach wie vor eine zentrale Rolle für die
Internetnutzung spielen – und dies wahrscheinlich auch künftig tun werden. Es müsse also diskutiert werden, inwieweit Suchmaschinen dabei als
Informationsvermittlern eine besondere Verantwortung zukommt.
Ein Nutzer (31.05.2016) sieht in mangelnder Transparenz vor allem dann ein
Problem, wenn diese mit einer marktbeherrschenden Stellung einhergeht.
Dies „behindert einen fairen Wettbewerb der Marktteilnehmer und stellt
für kleine und mittlere Unternehmen ein erhebliches (Investitions-)Risiko
dar“, denn:
„Wer erfolgreich im Markt ist, entscheidet allzu oft nicht der Wett­
bewerb, sondern die Suchmaschine mit ihrem Ranking.“
Suchmaschinenbetreiber, so der Bundesverband Öffentlicher Banken
Deutschlands (VÖB), „sind ab einem zu definierenden Marktanteil als kritische Infrastrukturen im Sinne der Marktneutralität und gleicher Wettbewerbsbedingungen anzusehen“. Daraus schließt der Verband:
„Marktbeherrschende Suchmaschinenanbieter sollten entsprechend
besonderen Transparenzpflichten unterliegen. Dies nützt letztlich
einerseits Diensteanbietern als auch Dienstenutzern – egal, ob Privat­
personen oder Firmen.“

www.de.digital

71

Ein Teilnehmer fordert (05.09.2016) eine „Offenlegung des Algorithmus […]
für alle Suchmaschinen bzw. Portale mit Rankingfunktion“. Ein anderer
Nutzer (31.05.2016) hingegen vertritt die Position: „Solange kein Verdacht
der Vorteilnahme oder der Manipulation besteht, sollte man hier nicht
eingreifen.“ Sein Argument:
„Suchmaschinenbetreiber sind Unternehmen. Ihre Algorithmen sind
ihr Kapital. Ganze Heerscharen von Internetanbietern lauerten und
lauern darauf, diese Algorithmen zu knacken, um sich auf die ersten
Plätze der Suchmaschinen zu katapultieren. Diese Anbieter sind die
wahren ‚Sünder‘ in der Suchmaschinenwelt.“

Mehr als

30 %

der Nutzer schauen sich nur
Suchergebnisse an, die sofort sichtbar sind oder
auf der ersten Seite erscheinen

Quelle: Tomorrow Focus Media, Erste Digital-Trends-Studie 2013, Präsentation, Folie 15, http://bit.ly/2cm8ca4

Für Manfred Reitenspiess wiederum ist die Marktstellung von Suchmaschinen „mit der Situation vor der Deregulierung des Telekom-Marktes
vergleichbar, wo nationale Netzbetreiber eine Monopolstellung innehatten“. Eine Definition geeigneter Verbraucherschutzvorgaben sei notwendig. Sein Vorschlag:
„Nachdem auf die Geheimhaltung des Auswahlalgorithmus so viel
Wert gelegt wird, könnte man fordern, die Daten, die die Suchmaschi­
nen finden, offenzulegen und allen Suchmaschinenbetreibern zur Ver­
fügung zu stellen (ähnlich der gemeinsamen Nutzung der Netze nach
Telekomderegulierung).“

72

Zur Diskussion wird auch eine Idee gestellt, andere Wege bei der
Ergeb­nis­suche von Suchmaschinen zu gehen. So regt Maik Schmalstich
an, eine Suchmaschine zu initiieren, die Ergebnisse nach neutralen
Kriterien erzeugt: „Eine ‚neutrale‘ Suchmaschine zu schaffen könnte ein
reizvolles Projekt sein. […] Das wäre eine positive Gegenalternative zur
nächsten Regulierung. Was hilft eine Transparenz der Kriterien, die man
nicht beeinflussen kann?“

Fazit:

Dass Suchmaschinen eine bedeutende Rolle zukommt, wird von einem Teil der Diskutanten explizit betont. Auch künftig, so der Tenor,
werden Suchmaschinen wichtig bleiben, selbst wenn deren Funktion
an Bedeutung verlieren sollte. Ihre aktuelle Bedeutung wird teilweise mit dem Ende-zu-Ende-Verbund in der klassischen Telefonie
verglichen. Aus der allgemein wahrgenommenen Schlüsselposition
folgern mehrere Nutzer, dass Transparenzpflichten geboten seien.
Unklar zeigt sich das Meinungsbild hinsichtlich der Frage, ob diese
allen oder ausschließlich den marktbeherrschenden Suchmaschinen auferlegt werden sollten. Welche Art von Pflichten sich konkret
empfehlen, bleibt ebenfalls zu definieren.

www.de.digital

73

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

11.

Rechtsdurchsetzung
Einfache, schnelle Verfahren sind für die effektive Durchsetzung von
Rechten von wesentlicher Bedeutung. Das System der Rechtsdurch­
setzung braucht ein Update. Wir brauchen ein Rechtssystem 4.0.

74

Der Thesenpate hat das Wort:
„Behördliche Befugnisse im Datenschutzrecht nicht ausweiten
Das System der Rechtsdurchsetzung braucht ein ‚Update‘. Für jede Art
der Rechtsverletzung sollte klar sein, ob sie behördlich durchgesetzt
wird oder ob die Durchsetzung des Rechts privatrechtlichen Verfahren
überlassen bleibt.
Die Bekämpfung von Rechtsverstößen mit den Mitteln des Privatrechts
hat in Deutschland eine lange Tradition. Anders als in anderen Ländern
gibt es hierzulande keine Verbraucherschutzbehörden, die über die Einhaltung des Verbraucherrechts wachen und Rechtsverstöße mit Bußgeldern und Zwangsmitteln sanktionieren. Ebenso wenig gibt es Wettbewerbsbehörden, die die Einhaltung der Regeln des lauteren Wettbewerbs

© Bernd Jaworek

überwachen.
Prof. Niko Härting

Rechtsverstöße im Verbraucher- und Wettbewerbsrecht werden durch

Rechtsanwalt in Berlin und Honorar­

Verbraucherschutzverbände und Wettbewerbsvereine per Abmahnung

professor an der Hochschule

verfolgt. Nur wenn auf eine Abmahnung keine Unterlassungserklärung

für Wirtschaft und Recht (HWR)

abgegeben wird, muss der Rechtsweg beschritten werden. Vor Gericht
werden viele Fälle im einstweiligen Rechtsschutz schnell erledigt. Das
System ist trotz mancher Unzulänglichkeiten schnell, effektiv und kostengünstig.
Im Datenschutzrecht verhielt es sich bis vor Kurzem anders. Dort wach­
ten die Datenschutzbehörden über die Einhaltung des Rechts und
ahn­deten Verstöße per Verwaltungsakt und Bußgeldbescheid. Seit der
jüngsten Reform des Unterlassungsklagegesetzes (UKlaG) ist die Rechtsdurchsetzung zweigleisig: Verbraucherschutzverbände haben jetzt auch
bei Datenschutzverstößen Abmahn- und Klagebefugnisse.
Es bleibt abzuwarten, ob sich die Zweigleisigkeit im Datenschutzrecht
bewährt. Es besteht die Gefahr, dass sich Behörden und Verbände ein
Wettrennen der Sanktionen liefern werden in spektakulären Fällen, die
die mediale Öffentlichkeit interessieren. Fälle abseits des öffentlichen
Interesses könnten dabei ins Hintertreffen geraten, wenn sich Behörden
und Verbände darauf verlassen, dass in diesen Fällen die jeweils andere
Seite tätig werden wird.
Die Zweigleisigkeit sollte in jedem Fall eine Ausnahme bleiben. Weder
beim Verbraucherschutz noch im Wettbewerbsrecht bedarf es einer Ausweitung behördlicher Befugnisse.“

www.de.digital

75

Fakten:
•	Beim Datenschutz gibt es bereits ein einfaches Verfahren: Wenn
ein Nutzer annimmt, dass bei der Erhebung, Verarbeitung oder
Nutzung seiner persönlichen Daten datenschutzrechtliche
Bestimmungen missachtet wurden, kann er eine Beschwerde bei
einer Aufsichtsbehörde einlegen. Diese ermittelt dann von Amts
wegen und kann Maßnahmen anordnen.1
•	Berufsverbände und andere Vereinigungen können der zuständigen Aufsichtsbehörde Entwürfe für Verhaltensregeln unterbreiten, um den Datenschutz zu stärken („Selbstverpflichtung“).
Die Aufsichtsbehörde überprüft, ob der vorgeschlagene Entwurf
mit dem Datenschutzrecht vereinbar ist.2
•	Grundsätzlich sind die Datenschutzbeauftragten in den jeweiligen Bundesländern die zuständige Aufsichtsbehörde. Bei Unternehmen, die Telekommunikationsdienstleistungen erbringen,
ist jedoch die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit zuständig. Für die Einhaltung der Vorschriften über
den Datenschutz in der Telekommunikation nach dem Telekommunikationsgesetz (§ 88 bis 107 TKG) ist wiederum die Bundesnetzagentur zuständig.3
•	Unterstützung erhalten Verbraucherinnen und Verbraucher
auch durch das neue Verbandsklagerecht.4
•	Auch die Verbraucherzentralen sind aktiv: Mit dem „Marktwächter Digitale Welt“ beobachten und analysieren sie digitale
Dienste und Angebote aus Sicht der Verbraucher, um Missstände
schon früh zu erkennen. Dafür greifen die Marktwächter auf
Verbraucherbeschwerden und empirische Untersuchungen zurück.5
•	Zudem stärkt die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung die
Rechtsdurchsetzung für Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie
setzt unter anderem auf das „Marktortprinzip“. Dieses bindet
internationale Konzerne an europäische Datenschutzvorgaben,
wenn sie ihre Dienste in Europa anbieten wollen.6

1 Quelle: Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, http://bit.ly/2clx0Pz
2 Quelle: BMJV, http://bit.ly/2cTJssx
3 Quelle: ebenda; Bundesnetzagentur, http://bit.ly/2cj2hBd
4 Quelle: BMJV, Pressemitteilung vom 17. 12. 2015, http://bit.ly/2cyEuAK
5 Quelle: Bundesverband der Verbraucherzentralen, Marktwächter Digitale Welt, http://bit.ly/2cRjs1U
6 Quelle: datenschutzbeauftragter-info.de, http://bit.ly/2cmi7NC

76

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 11
ist die bislang am wenigsten diskutierte These.

545 Bewertungen
Zustimmungen 380
Ablehnungen 89

*

Eine Reihe von Nutzern vertritt die Position, dass verfahrensrechtliche
Änderungen notwendig sind, um die Durchsetzung von Wettbewerbs-,
Lauterkeits- und Datenschutzrecht sowie verbraucherrechtliche Regeln
enger zu verknüpfen. Außerdem müsse „die Rechtsprechung […] für die
Anwendung bestehender Gesetze auf digitale Sachverhalte fit gemacht
werden“, sagt ein Nutzer (11.07.2016) mit anderem Fokus. Lediglich eine
Stimme widerspricht dem.
Die Frage, ob einfache, schnelle Verfahren etabliert werden sollten, um
Rechte effektiv durchzusetzen, wird von der Mehrheit der Nutzer skeptisch betrachtet. Der Tenor lautet, dass die Qualität der Rechtsprechung
entscheidend sei und nicht Schnelligkeit.
Digitale Plattformen entwickeln sich nicht nur in Deutschland dynamisch. Vor diesem Hintergrund wird die Frage aufgeworfen, inwiefern
die Rechtsdurchsetzung über die Grenzen hinaus funktionieren kann.

www.de.digital

77

In Deutschland, „besser noch mindestens europaweit“, wäre laut Bundes­
verband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) eine Zertifizierung
von Plattformen sinnvoll. Es sollte „auf einheitliche Zertifizierungsstan­
dards gedrungen werden, die regelmäßig durch neutrale Dritte bzw.
Aufsichtsbehörden überprüft werden müssten, wie dies in der Finanzwirtschaft bereits Standard ist“. Dazu der VÖB weiter:
„Ggf. abweichende Rechtsnormen würden über die Akzeptanz der
jeweiligen nationalen Grundsätze im Zusammenhang mit der elekt­
ronischen Identifizierung des jeweiligen Bürgers durch Anbieter vor
dem Bezug von digitalen Diensten abgedeckt. Die Zuständigkeit für
den Anbieter sollte insofern grundsätzlich bei der Behörde des Lan­
des, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat, liegen.“

50 %

Knapp
der Internetnutzer vermuten,
dass Unternehmen ihre persönlichen Daten auch an
Dritte weiterleiten oder sogar verkaufen
Quelle: Repräsentative Online-Panelbefragung des DIVSI, http://bit.ly/2cRaePj

Bei den angebotenen Diensten, so der VÖB, müssten zudem die nationalen Besonderheiten berücksichtigt werden, sofern diese nicht einheitlich
in Europa geregelt sind. „Zwangsmaßnahmen wären dann bei Nichtein­
haltung von wesentlichen Rechtsnormen durch nationale Behörden
unter Einbeziehung der anderen europäischen Behörden zu treffen – bis
hin zur technischen Abschaltung des Dienstes.“

78

Einem Nutzer (10.07.2016) ist insbesondere an der Durchsetzung des
Anspruchs auf Datenschutz gelegen, den Bürger haben. Um sie vor dem
Datenzugriff durch digital agierende Unternehmen oder den Staat zu
schützen, schlägt er vor, „digitale Interaktionen von Bürgern und Bürgerinnen […] als geistiges Eigentum“ geltend zu machen.

Fazit:

Die Ansicht, dass verfahrensrechtliche Änderungen notwendig
sind, um die Durchsetzung von Wettbewerbs-, Lauterkeits- und
Datenschutzrecht sowie verbraucherrechtliche Regeln enger zu
verknüpfen, stößt auf breite Zustimmung. Welche Änderungen das
sein sollen, wird in einem Punkt konkret: einheitliche Zertifizierungsstandards. Wie die Zusammenarbeit von Behörden optimiert
werden kann und wie eine zukunftsgerichtete Behördenstruktur
aussehen sollte, wird nicht thematisiert. So bleibt zudem auch offen,
wie behördliche Verfahren mit Elementen der Selbst- oder Koregu­­
lierung kombiniert werden sollten. Und ob eine Behörde die Befugnis haben soll, in bestimmten Fällen von allgemeiner Bedeutung,
zum Beispiel der systematischen Verletzung von Verbraucherrechten, Verfahren anzustoßen.

www.de.digital

79

Folgende These haben wir
zur Diskussion gestellt:

12. 

Digitalagentur
Fast alle Felder der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik sind
mit einer enormen Dynamik aufgrund der Digitalisierung
konfrontiert. Dies betrifft Geschäftsmodelle, Wettbewerbsregeln,
Verbraucherrechte, Qualifizierung und vieles mehr. Gleichzeitig
sind die behördlichen Kompetenzen stark segmentiert. Wer die
Digitalisierung auf diesen Feldern in seiner Gesamtheit gestalten
will, muss auch passende rechtliche und institutionelle Vorausset­
zungen schaffen. Die entsprechenden Kompetenzen müssen daher
gebündelt werden.

80

Der Thesenpate hat das Wort:
„Wir brauchen transparente Verantwortlichkeiten
Bei der Frage, ob und welche Zuständigkeiten gebündelt werden sollten,
muss das Ziel sein, Überschneidungen, Mehrfachzuständigkeiten und
komplexe Prozesse durch klare, rasche und transparente Verantwortlich­
keiten zu ersetzen. Ein gutes Beispiel ist die EU-Datenschutzreform,
bei der künftig in Europa nur noch eine Datenschutzbehörde (‚One-StopShop‘-Grundsatz) über das vereinheitlichte Datenschutzrecht entscheidet.
Dies spart nicht nur Kosten, sondern verhindert auch widersprüchliche
Entscheidungen.
Da digitale Prozesse, Plattformen und Unternehmen grenzüberschreitend
organisiert sind, muss klar sein, dass die Reformen der EU im Rahmen
des ‚Digital Single Market‘ rasch umgesetzt werden. Verbraucherschutz,
Urheberrecht, Telekommunikatons- und Medienregulierung, elektroni-

Matthias Kurth

scher Handel, Plattformregulierung und Cybersecurity werden zurzeit

Präsident der Bundesnetzagentur a. D.,

europäisch ver­bindlich für alle Mitgliedsstaaten neu geregelt.

Executive Chairman Cable Europe

Auch hier hat sich das Prinzip des ‚Country of Origin‘ bewährt: Ein Un­ter­
nehmen, das europaweit tätig ist, wird nur in seinem Sitzland überwacht
und benötigt nur dort eine Genehmigung, die in allen Ländern der EU
eine Tätigkeit erlaubt. Für die nötige Harmonisierung der Anwendungspraxis sollten die Regulierer-Gremien wie zum Beispiel BEREC oder ERGA,
die mit der Kommission eng zusammenarbeiten, genutzt werden.
Bei der Frage der Zuständigkeiten dürfen auch Zivilgesellschaft und
privater Sektor nicht vergessen werden. Beispielsweise beim Schutz Minderjähriger im Netz oder bei der Bekämpfung von Hass und Gewalt gibt
es bereits gute Beispiele von Selbstregulierung und ‚Codes of Conduct‘.
Staatliche Behörden können sich dann auf Überwachungsaufgaben
zu­r ück­ziehen, während die praktische Kontrolle durch Unternehmen
erfolgt. Die Zusammenarbeit von Wettbewerbsbehörden (Kartellamt)
und Regulierungsbehörden (BNetzA) hat sich im Grundsatz bewährt und
entspricht der Aufgabenteilung in der EU-Kommission zwischen der
Generaldirektion ‚Wettbewerb‘ und der Generaldirektion ‚Kommuni­
kationsnetze, Inhalte und Technologien‘.
Die Bündelung von digitalen Zuständigkeiten auf der ministerialen Ebene
wird erfahrungsgemäß nach Wahlen politisch entschieden. Es wäre
erfreulich, wenn dabei die obigen Prinzipien berücksichtigt würden.“

www.de.digital

81

Fakten:
•	Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft bringt eine
Vielzahl an Aufgaben und Herausforderungen für Politik und
Verwaltung mit sich. Diese Aufgaben werden auf Bundesebene von
verschiedenen Behörden wahrgenommen, zum Beispiel:
·	Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat die Aufgabe, auf den Telekom­
munikationsmärkten durch Regulierung den Wettbewerb zu fördern
und einen diskriminierungsfreien Zugang zu Telekommunikations­
netzen zu gewährleisten. Sie achtet zudem auf flächendeckende,
ausreichende Telekommunikationsdienstleistungen und schafft
Regelungen für Mobilfunkfrequenzen und Rufnummern.1
·	Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ist eine
unabhängige und neutrale Stelle für Fragen zur IT-Sicherheit in der
Informationsgesellschaft. Es untersucht und bewertet bestehende
Sicherheitsrisiken und schätzt vorausschauend die Auswirkungen
neuer Entwicklungen ab.2
•	Das BMWi hat mit der Digitalen Strategie 2025 die Gründung einer
Digitalagentur vorgeschlagen. Diese könnte bestehende Kompetenzen bündeln, die Politik beraten und die politische Agenda unterstützen sowie nachhaltig umfassende Digitalisierungskompetenz
aufbauen.3 Konkrete Aufgaben könnten sein:
·	Beobachtung und Analyse von digitalen Märkten
·	Beratung von Verbrauchern und Unternehmen
·	fundierte Beratung von Politik und Verwaltung als
unabhängiger Think-Tank
·	nationale und internationale Zusammenarbeit mit relevanten
Akteuren und Stakeholdern und deren Vernetzung

1 Quelle: Bundesnetzagentur, www. bundesnetzagentur.de, http://bit.ly/2cfHbJj
2 Quelle: Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik, www.bsi.bund.de, http://bit.ly/2cU56N9
3 Quelle: BMWi: Digitale Strategie 2025, März 2016, http://bit.ly/1s0S83r

82

Die Diskussion auf de.digital/gruenbuch:

These 12
ist die These, die am meisten polarisiert hat.

547 Bewertungen
Zustimmungen 244
Ablehnungen 177

*

Ein mehrfach vorgetragenes Argument gegen institutionelle Bündelung
formuliert ein Nutzer (30.05.2016) folgendermaßen: „Digitalisierung ist
eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe. Sie kann nur gelingen, wenn
ressort­übergreifend zusammengearbeitet wird.“ Dem hält ein anderer
Diskussionsteilnehmer (18.07.2016) entgegen: Wenn „der deutsche Staat
tatsächlich Regulierungen treffen muss […], sollte dieses Mandat […] einer
einzigen Institution zukommen“.
Jannik J. verweist wiederum darauf, dass auch Unternehmen ohne digitalen
Fokus einzelne Charakteristika eines E-Business aufweisen, etwa bei der
Kopplung von Ladengeschäft und Online-Markt. Seine Folgerung:
„Eine Digitalagentur würde solchen Unternehmen nicht gerecht. Es
ist nicht effektiv, digitale von klassischen wirtschaftlichen Heraus­
forderungen zu trennen. […] Digitalpolitik ist Wirtschaftspolitik. Es
gilt, digitale Kompetenzen in den bereits existierenden Institutionen
zu etablieren.“

www.de.digital

83

Während ein Nutzer (30.05.2016) mit Blick auf institutionelle Bündelung
„Kompetenzgerangel“ befürchtet, erhofft Ralf Reussner sich davon den
genau gegenteiligen Effekt: „Abbau von Kompetenzgerangel ist sicherlich
immer gut.“ Davon ausgehend wünscht er,
„dass die notwendigen Kompetenzen aufgebaut und verfügbar ge­
macht werden, so dass Unternehmen ihre Geschäftsmodelle weiter­
entwickeln können und Einzelne auch vorteilhaft an der Digitalisie­
rung teilnehmen können.“

Nur

3 %

der weltweiten Infos waren 1993 digital.

2000 waren es rund

25 %

und 2007 schon

94 %

Quelle: Martin Hilbert (USC), Priscila Lopez (UOC), The World’s Technological Capacity to Store,
Communicate, and Compute Information, Februar 2011, http://bit.ly/2cDJDFX

„Aufgrund der rasant fortschreitenden technischen Entwicklung“ hält
Manfred Reitenspiess (in4com) „eine wissenschaftliche Begleitung und
Unterstützung für den staatlichen Umgang mit der Digitalisierung [für]
unerlässlich“ und er fährt fort:
„Eine Bündelung der digitalen Ressourcen und Kompetenzen in einer
Digitalagentur scheint im Hinblick auf entstehende Marktsegmen­
te sinnvoll. Allerdings […] ist wegen der zu erwartenden hybriden
Geschäftsmodelle die gleichzeitige Ausbildung und Unterstützung
herkömmlicher staatlicher Stellen anzustreben.“

84

Das sieht Maik Schmalstich (die.informanten) ähnlich, der ein Kompetenzzentrum anregt, „das die entsprechenden Ressorts bei Bedarf berät und in
der Entscheidungsfindung unterstützt“. Einem weiteren Nutzer (30.05.2016)
ist es wichtig, dass durch eine Bündelung „noch immer föderal die Willensbildung nicht nur geschützt, sondern auch zugelassen wird […]“.

Fazit:

Die rege Debatte um das Für und Wider einer institutionellen Bündelung hat auf einer eher grundsätzlichen Ebene stattgefunden.
Einzelne Aspekte – wie eine künftige „Digitalagentur“ beschaffen
sein und welche Befugnisse sie bekommen sollte – kamen kaum
zur Sprache. Zu diskutieren bleibt, ob, wie und in welchem Umfang
Wettbewerbs-, Verbraucher- sowie datenrelevante Fragen von Platt­
formmärkten gebündelt und beantwortet werden können. Offen
ist auch, wie eine Marktbeobachtung aussehen könnte und inwiefern hierfür eine ständige wissenschaftliche Begleitung notwendig
ist. Die Zuständigkeitsverteilung zwischen europäischer und na­tio­
naler Ebene wird bislang wenig debattiert, ebenso wie die Durchsetzung erforderlicher Maßnahmen gegenüber global tätigen
Unternehmen.

www.de.digital

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Blick voraus
Das Grünbuch Digitale Plattformen hat eine breite Debatte zur Digitali­
sierung angestoßen. Mit diesem Zwischenspeicher sollen aktuelle Ergeb­
nisse dokumentiert und Impulse für die weitere Diskussion gegeben
werden.
Grundlage der Digitalisierung sind hochleistungsfähige Infrastrukturen.
Erforderlich sind Gigabitnetze mit kurzen Latenzzeiten im Festnetz und
Mobilfunk. Für diese Entwicklung sind optimierte, wettbewerbskonfor­me
Rahmenbedingungen für den notwendigen Infrastrukturausbau zu
schaffen und Anreize für Investitionen zu setzen.

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Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft sind faire Wettbewerbsbedin­
gungen. Erforderlich ist das vieldiskutierte Level Playing Field zwischen
Betreibern der Internetanschlüsse und sogenannten Over-the-top-An­
bietern, aber auch generell zwischen Anbietern herkömmlicher Dienste
und Güter und Betreibern digitaler Plattformen.
Die Ökonomie digitaler Plattformen, insbesondere in Bezug auf Netz­
werkeffekte und die besondere Rolle der Datennutzung, wirft komplexe
Fragestellungen auf. Aus Nutzersicht steigt die Attraktivität von Plattfor­
men mit zunehmender Teilnehmerzahl. Dies begünstigt die Entstehung
von Machtpo­sitionen und Missbräuche werden erleichtert. Es stellen
sich deshalb neue Fragen für den Ordnungsrahmen wie etwa: Können
Datensammlungen zu einer wesentlichen Einrichtung („Essential
Facility“) werden? Ist diskriminierungsfreier Zugang für Wettbewerber

© Michael Voigt

auf vor- oder nachgelagerten Märkten notwendig?
Matthias Machnig

Auch ohne erhebliche Marktmacht kann es im Interesse des Wettbewerbs-

Beamteter Staatssekretär im Bundes­

und Verbraucherschutzes stehen, Transparenz- und Informationspflich­

ministerium für Wirtschaft und Energie

ten für alle Betreiber vorzusehen. Besteht ein Ungleichgewicht zwischen
Marktseiten, sind privatautonome, souveräne Entscheidungen infrage
gestellt. Der Ordnungsrahmen muss die Balance sichern oder wieder her­
stellen. Wir brauchen klare Regeln, wirksame Rechte und ein stimmiges
Gefüge von individueller und behördlicher Rechtsdurchsetzung.
Handlungsbedarf besteht nicht nur bei der Rechtsanwendung, sondern
auch hinsichtlich der Erkenntnisseite. Wir müssen Entwicklungen besser
wahrnehmen und schneller bewerten können. Wir müssen stärker in­for­mieren und die Möglichkeiten der Aufklärung und Qualifizierung ver­
bessern.
Dies sind bislang die Schwerpunkte der Beiträge zum Grünbuch. Die
Debatte ist allerdings noch nicht beendet. Ich würde mir wünschen,
dass dieser Zwischenspeicher noch viele Unternehmen, Verbände, Wis­
senschaftler, Initiativen sowie Bürgerinnen und Bürger motiviert. Bis
zum 30. September läuft die Konsultation. Nutzen Sie die Gelegenheit,
mischen Sie mit!

www.de.digital

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Impressum
Herausgeber
Bundesministerium für
Wirtschaft und Energie (BMWi)
Öffentlichkeitsarbeit
11019 Berlin
Thesenpaten
Prof. Dieter Gorny, Andera Gadeib, Dr. Iris Henseler-Unger, Lena-Sophie
Müller, Prof. Dr. Heike Schweitzer, Lothar Schröder, Nico Lumma, Lina
Ehrig, Prof. Dr. Gesche Joost, Oliver J. Süme, Prof. Niko Härting, Matthias
Kurth
Veranstalter der Workshops
Bundesministerium für
Wirtschaft und Energie (BMWi)
Leitung der Workshops
Roland Berger
Workshop „Level Playing Field und Perspektiven für den Netzausbau“
Teilnehmer: Dr. Guido Brinkel (Microsoft Deutschland GmbH), Valentina Daiber
(Telefónica Germany GmbH & Co OHG), Friedhelm Dommermuth (Bundesnetzagentur),
Prof. Dr. Thomas Fetzer (Universität Mannheim), Dr. Mario Rehse (United Internet AG),
Dr. Johanna Hartog (Bundeskartellamt), Marc Konarski (Vodafone GmbH), Dr. Jan Krancke
(Deutsche Telekom AG), Jakob Kucharczyk (CCIA Europe), Lutz Mache (Google Germany
GmbH), Dr. Nikolaus Lindner (eBay GmbH), Robert M. Maier (Visual Meta GmbH),
Dr. Pablo Mentzinis (SAP SE), Semjon Rens (Facebook Germany GmbH), Ralf Schwöbel
(orga.zone AG)

Workshop „Informationelle Macht – personalisierte Preissetzung in der
digitalen Wirtschaft“
Teilnehmer: Dr. Christian Bongard (Bundeskartellamt), Lina Ehrig (Verbraucherzentrale
Bundesverband e. V.), Martin Hahn (Händlerbund e. V.), Prof. Dr. Justus Haucap (Heinrich-­
Heine-Universität Düsseldorf), Dr. Gunnar Kallfaß (Bundeskartellamt), Andreas Nau (Ex­
pedia.de), Martin Rätze (Trusted Shops GmbH), Prof. Dr. Michael Schleusener (Hochschule
Niederrhein), Sebastian Voigt (Axel Springer SE)

88

Workshop „Individuelle Datensouveränität in der digitalen Wirtschaft“
Teilnehmer: Prof. Dr. Christoph Busch (Universität Osnabrück), Peter Büttgen (Die
Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit), Martin Hahn
(Händlerbund e. V.), Prof. Niko Härting (Härting Rechtsanwälte), Dr. Joachim Jobi (Bundes­
verband Digitale Wirtschaft e. V.), Dennis Kaben (Google Germany GmbH), Dr. Flemming
Moos (Osborne Clarke), Clark Parsons (Internet Economy Foundation [IE.F]), Horst Samsel
(Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik), Wolfram Sauer (XING AG),
Prof. Dr. Heike Schweitzer (FU Berlin), Jürgen Schwemmer (Bundesnetzagentur), Roland
Werner (Uber)

Wir danken allen Teilnehmern der Konsultation zum Grünbuch Digitale
Plattformen, die sich online, per schriftlicher Stellungnahme, als Thesen­
pate oder als Teilnehmer der Workshops eingebracht haben und noch
einbringen werden.

Gestaltung und Produktion
Hirschen Group GmbH, Berlin
Bildnachweis
Seite 8 getty images
Illustrationen Herr Müller
www.behance.net/herrmueller
upperorange.com
Stand
September 2016

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