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Full text: Monitor Issue 60.2013

rundbrief des apabiz e. v. | ausgabe nr. 60, juli 2013

Inhalt
1	 Sie bereuen nichts
	 Der Blick der rechten Szene
auf den NSU
4	 Maskulistische Bewegung	
Männliche
	 Überlegenheitsträume
6	 Barbara Reimann ist tot
	 Nachruf
7	 Kurzmeldungen
7	 Schattenbericht erschienen
8	 Neu im Archiv
Zum NSU-Prozessauftakt warteten auch Neonazis vor dem Münchener Gericht. (c) NSU Watch

Sie bereuen nichts

Der Blick der rechten Szene auf den NSU
Die kritische Öffentlichkeit tut sich weiterhin schwer mit dem Zusammensetzen der unzähligen Puzzleteile des NSU-Komplexes zu einem sinnvollen Ganzen, aus dem sich Interpretationen und Forderungen ableiten lassen. Die Meinungsbildung ist bei vielen noch im Prozess.
Um so bedenklicher ist, dass die extreme Rechte ihre Interventionen besonders anlässlich des
NSU-Prozesses verstärkt – aller inhaltlichen Schwächen zum Trotz.

E

ineinhalb Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU hadern die meisten Beobachter_innen mit der Formulierung eines schlüssigen Gesamtbildes und der Einordnung der vielen kleinen und großen Skandale. Oder sie scheitern daran. Gerade der antifaschistischen und
antirassistischen Linken fehlt die gemeinsame
Benennung von Adressat_innen für ihre Empörung, Wut, Veränderungsforderungen. Bis jetzt
ist vieles noch zu unerklärlich. Zu mehr als dem
ehrlichen Resümee, dass die direkte und indirekte (Mit-)Schuld der Behörden und der Gesellschaft an diesen schwersten Verbrechen und
ihren fatalen Folgen für Betroffene, Angehörige
und Gesellschaft multikausal und überaus komplex ist, können auch wir uns nicht durchringen.
Es kann eine Stärke sein, zu diesem Zeitpunkt
noch kein abschließendes Urteil, kein umfassendes Fazit, keine stringente Theorie zu liefern –
eben um den Prozess der Aufklärung offen und
im Fluss zu halten, um sich nicht auf einige
wenige Schuldige einzuschießen, um weiterhin
alle wichtigen Fragen stellen zu können.

Wer sich zum NSU eine einfache, unterkomplexe Meinung bilden will, der kann sich auf
einer steigenden Anzahl von Blogs und in Foren
informieren und diskutieren – viele sind leider
unseriös bis verschwörungsideologisch. Sie verdrehen Fakten und geben vermeintliche Antworten auf Fragen, die bis jetzt weder die Untersuchungsausschüsse noch die Medienberichterstattung beantworten konnten, vor allem die nach
der Verstrickung des Staates. Gerade hier versucht auch die extreme Rechte zunehmend am
öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Dabei beteiligt sie sich kaum an der Berichterstattung über
neue Erkenntnisse und trägt damit sowieso wenig
zur Wahrheitsfindung bei. Ihr offensichtliches
Ziel ist es, Meinungsbildung in ihrem Sinne zu
betreiben.
Schuldabwehr
In der Rezeption des NSU bilden sich derzeit
drei Stränge heraus: Schuldabwehr, Feindbestimmung und positive Bezugnahme. Der erste und
stärkste Strang ist die Schuldabwehr mittels ver-

antifaschistisches pressearchiv
und bildungszentrum berlin e.v.
(apabiz)
lausitzerstr. 10 | 10999 berlin
geöffnet do von 15 bis 19 uhr
und nach absprache
fon | fax: 0 30 . 6 11 62 49
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monitor ist nicht im abo erhältlich, aber fördermitglieder bekommen ihn zugeschickt. mehr
infos dazu gibt es auf der rückseite.
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v.i.s.d.p.: apabiz e.v., c.schulze, lausitzer str. 10, 10999 berlin | dank an
unsere fördermitglieder, die mit ihrem
beitrag die finanzierung unter­stützen |
erscheinungsweise: alle zwei monate
fotos: alle rechte liegen bei den
fotograf_innen

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

1
Vgl. DS-Aktuell: Neue
NPD-Verbotsforderung
ist plumpes Ablenkungsmanöver (vom
14. November 2011);
in: http://ds-aktuell.
de/?p=741
(letzter Zugriff am
19.06.2013)
2
Vgl. Elsässer, Jürgen:
Elsässer zum NSU-Prozess auf »Stimme Russlands«, in: http://juergenelsaesser.wordpress.
com/2013/06/07/
elsasser-zum-nsuprozess-auf-stimmerusslands/
(letzter Zugriff am
19.06.2013)
3
Vgl. Krautkrämer,
Felix: Dickicht, Sumpf,
wildes Wuchern – der
Nationalsozialistische
Untergrund; in: Sezession 53, April 2013,
S. 16-19
4
z.B. schrieb die
neonazistische AG
Nordheide im bekannten
»revolutionären«
Duktus: »Man muss
die wahre Terrorzelle
beim Namen nennen
und diese wäre für uns
das GANZE System mit
seinen Handlangern.«
Vgl. AG Nordheide: Das
NSU Theater und Warnungen vor Anschlägen
(vom 10. April 2013);
in: http://logr.org/
agnordheide/2013/
04/10/das-nsu-theaterund-warnungen-voranschlagen/ (
letzter Zugriff am
19.06.2013)
5
Vgl. Wuttke, Roland:
Staatsterror abschalten!
-›Verfassungsschutz‹
verbieten: Wie in
Deutschland Dissidenten stigmatisiert und
kriminalisiert werden;
in: Deutsche Stimme, März
2012, S. 10

2

schwörungsideologischer Distanzierung: Der NSU sei »staatlich gemachter Terror« und nicht die Konsequenz
bewussten Handelns überzeugter
Neonazis. Mit Rassismus hätten die
Taten demnach nichts zu tun, und
auch die zugrunde liegenden neonazistischen Konzepte bleiben unerwähnt. Im extrem rechten Sprachgebrauch hat sich schnell der Begriff
»NSU-Phantom« durchgesetzt. DasGerichtsverfahren wird als »NSU-Theater« und »Schauprozess« bezeichnet, das Trio als Marionetten oder
»Bauernopfer«.
Die versuchte Dekonstruktion des
öffentlichen Bildes vom NSU als ein
Netzwerk (oder wenigstens eine Zelle) von rassistischen Nazis führt von
der Schuldabwehr zur Täter-OpferUmkehr. Der NSU sei konstruiert
worden, um der extremen Rechten,
insbesondere der neonazistischen
Szene und der NPD zu schaden. Die
Zeitschrift Zuerst! titelte bereits im
Januar 2012 mit »Bestellter Terror –
Wem nützt die »rechte Gewalt«?«.
Der NPD-Vorsitzende H olger A pfel
sagte im Hinblick auf ein erneutes
Verbotsverfahren, dass »hier bewußt
ein neuer Verbotsgrund geschaffen
worden ist«.1 Der Berliner NPD-Landesvorsitzende S ebastian S chmidtke
distanzierte sich bei einer Demonstration im April 2012 vom NSU: »All
dieser Lügenschwindel der sogenannten Dönermorde, und was es da
momentan alles gibt, schreckt natürlich ab, mit uns zu laufen. Aber wir
als NPD haben mit Sicherheit nichts
mit sogenannten Dönermorden, oder
was auch immer vom Verfassungsschutz organisiert wurde.«
Die Methode der Argumentation
in Blättern wie Compact, Deutsche Stimme oder auf Webportalen wie deutschelobby oder pi-news ist simpel: Ermittlungserkenntnisse und in der Öffentlichkeit diskutierte Fakten werden
prinzipiell als manipuliert oder frei
erfunden angezweifelt, um dann mit
eigenen frei erfundenen oder aus
dem Zusammenhang gerissenen
»Fakten« ein anderes Bild zu liefern,
das dem eigenen Weltbild entspricht.
Auch der ehemalige Wehrsportgruppen-Führer Karl-Heinz Hoffmann kommentiert auf seiner Webseite die
Geschehnisse der Prozesstage, findet

eigene Erklärungen und spricht die
Angeklagten von jeglicher Schuld
frei. Erfreut verweist H offmann auf
ein Statement von C ompact -Chefredakteur Jürgen Elsässer, nach denen
»die Morde […] auf das Konto eines
internationalen Geheimdienstnetzwerkes« aus deutschen, türkischen
und US-amerikanischen Diensten
gingen und »das Trio höchstens bei
einem Teil der Morde involviert
gewesen« sei.2 Belege werden selbstverständlich keine geliefert.
Elsässer und seine Compact dienen
überaus häufig als Referenz und
Quelle für alle Spektren der extremen
Rechten - von Internetseiten neonazistischer Kameradschaften bis zur
Jungen Freiheit. Deren Redakteur Felix
Krautkrämer lobt zwar »die richtigen
Fragen«,3 mag aber den Lösungsansätzen der Compact nicht bis zur letzten Konsequenz folgen. Den Mangel
an eigener Theorie zum NSU-Komplex
wischt die sich intellektuell gebärdende Neue Rechte einfach weg. Ihr
fehlt es genauso wie den »Straßennazis« am Willen und den Werkzeugen, den Rechtsterrorismus adäquat
zu analysieren. So gebärdet sich die
Andeutung und das Gerücht bei der
Jungen Freiheit als Meinung.
Feindbestimmung gegen »das
System«, »die Ausländer«
und »die Antifa«
Der zweite Strang der extrem
rechten Diskursbildung ist die Feindbestimmung und damit die Kampfansage gegen »das System«, »die Ausländer« und »die Antifa«. Anhand
der Heraushebung der vermuteten
bzw. halluzinierten Rolle dieser
Feindbilder im NSU-Komplex versucht sich die extreme Rechte des
öffentlichen Diskurses selbst zu
bemächtigen. Die Anklage richtet sie
gegen altbekannte Feinde, Slogans
werden nur sporadisch abgewandelt
vor der neuen zurecht geschnittenen
Folie des NSU.4
Die Compact präsentiert in ihrer
Sonderausgabe von März 2013 die
faktisch längst widerlegte »Kriminalität« der Opfer für ihre Analyse der
Mordserie. Damit werden rassistische
Ressentiments bedient und die Morde grundlegend entpolitisiert: Die
neonazistische Sozialisation und Ein-

stellung des Trios und ihres Unterstützungsumfelds bleiben unerwähnt. Gerne werden auch Zahlen
gegeneinander gerechnet, die jeglicher faktischen Grundlage entbehren. So schreibt die NPD-Zeitung
Deutsche Stimme von angeblich 7.000
»deutschen Mordopfer[n] von Einwanderern […] seit 1990« und
bezeichnet die Opferzahlen rechter
Gewalt als »Hetzlügen der Globalisierungs-Propagandisten«.5 Ein übliches Muster ist es außerdem, dem
Diskurs um den NSU Gewalt oder vermeintlichen Terrorismus durch »Linke und Ausländer« gegenüber zu
stellen und dort mehr Repression
einzufordern.
All dies dient der Verschiebung
der öffentlichen Erklärungsmuster in
eine der eigenen rassistischen und
neonazistischen Ideologie dienlichen
»alternativen« Wahrheit. Dass ein
Konspirationsideologe wie E lsässer
der einigende Minimalkonsens der
extrem rechten Meinungsbildung ist,
belegt ihre inhaltliche Schwäche.
Sympathie für den NSU,
Verunglimpfung der Opfer
und Morddrohungen
Weniger diskursorientiert findet
die unverhohlene positive Bezugnahme auf den NSU statt.
Seit dem Auffliegen des NSU ist
die extreme Rechte nicht nur unter
staatlichem Repressionsdruck, sondern auch tatsächlich unter verstärkter öffentlicher Aufmerksamkeit,
vielleicht sogar unter gesellschaftlichem Druck. Derzeit Konzepte vom
»bewaffneten Widerstand« zu propagieren bedeutet auch für ein selbstbewusstes Kameradschaftsspektrum
ein ungleich höheres Risiko als in
den 90er Jahren. Dies erklärt, warum
sich die militante neonazistische
Szene weniger in die öffentliche Diskussion einbringt. Zumal wir davon
ausgehen können, dass es unter
ihnen einige Personen gibt, die tatsächlich etwas über den NSU wissen.
So findet eine Fakten basierte »Aufklärung« und eine eigene Interpretation des NSU in diesem Spektrum
kaum statt. Die Neonazis übernehmen die verschwörungsideologische
Schuldabwehr und die übliche Feind-

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 60, juli 2013

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bestimmung, veröffentlichen selbst
aber kaum.
Die Neonazis drücken ihre Sympathie für den NSU vor allem in Drohungen und Angriffen auf die antizipierten Feinde des NSU aus. Schon
im November 2011 wurde im ThiaziForum rassistisch gehetzt: »Muß ich
durch das ganze Land reisen, um ein
paar Dönerladenbesitzer ihrer Bestimmung zuzuführen?« Nach der gerichtlichen Stilllegung von Thiazi haben
sich solche Vorgänge vor allem in
den Kommentarbereich von Altermedia verlagert. Hier geht es weniger
um die Interpretation des NSU-Komplexes sondern um das Wirken nach
Innen in einem vermeintlichen
Schutz der Anonymität. Inwieweit
Taten und Worte zusammenspielen,
lässt sich wenn überhaupt dort ablesen.
In etlichen Orten tauchten Sprühereien auf, die den NSU verherrlichen oder die Opfer verunglimpfen.
In Düren wurde an das Gebäude der
Islamischen Gemeinde gesprüht:
»NSU lebt weiter...«, verbunden mit
einer konkreten Morddrohung. In
München wurden seit dem Prozessbeginn ungefähr ein Dutzend
Anschläge verübt, darunter auf das
Büro der Nebenklagevertreterin
Angelika Lex und mehrere Male auf
den bayerischen Flüchtlingsrat. In
allen Fällen ist es offensichtlich, dass
Neonazis die Anschläge verübten.6
Seit einiger Zeit erfolgen explizite Sympathiebekundungen und
Unterstützungsleistungen für im
NSU-Prozess angeklagte Personen.
Mehrere Neonazis, darunter sein Bruder Maik E. und andere bekannte Protagonisten der militanten NeonaziSzene, unterstützen André E. emotional durch ihre Anwesenheit beim
Prozess und strukturell durch ihre
Beherbergung in einem Münchner
Hausprojekt.7 Ebenfalls an mehreren
Prozesstagen anwesend war Steffen
R., der immer wieder Blickkontakt
mit den Angeklagten Z schäpe und
Wohlleben suchte. Steffen R. ist einer
der Initiatoren der Solidaritätskampagne F reiheit für W olle für R alf
Wohlleben, der unmissverständlich als
einer der ihrigen betrachtet wird.
Bisheriger Höhepunkt dieser Kampagne war der Thüringentag der nationa-

len J ugend am 15. Juni in
Kahla bei Jena. In Redebeiträgen, auf zahlreichen
T-Shirts und einem großen
Banner des Thüringer Heimatschutzes bekannten die OrganisatorInnen und Gäste ihre
offene Sym­pathie und Unter­
stützung.

Heldin der nationalen
Bewegung Zschäpe?
Der Angeklagte André E.
und seine Frau S usann E.
haben laut Presseberichten
in ihrer Wohnung eine Mundlos und Böhnhardt zeigende
Kohlezeichnung hängen, die mit
einer Todesrune und dem Schriftzug
»unvergessen« verziert ist. Ob Beate
Zschäpe solch eine Heldenverehrung
jemals zu Teil werden wird, ist noch
unklar solange die Gefahr besteht,
dass sie entweder V-Frau gewesen
sein könnte oder dass sie aussagt,
also mit dem verhassten Staat kooperiert. Bezeichnend ist, dass im neonazistischen Spektrum - außer halbherzigen Verurteilungen der Morde
in der offiziellen NPD-Linie – keinerlei Distanzierung von Zschäpe, Mundlos und B öhnhardt als mutmaßliche
MörderInnen gab.
Wenn sich in der Szene die Lesart
des NSU-Komplexes als komplette
Verschwörung durchsetzt, kann
Zschäpe als unschuldiges Justizopfer
gelten. Jürgen Elsässer behauptet das
schon heute in einer zweifelhaften
Sympathiebekundung: »Irgendwie
will mir nicht in den Kopf, dass ein
Mensch, der den Eindruck eines
Engels hinterlassen hat, ein Teufel
gewesen sein soll. Oder bin ich
naiv?«8 Wenn Zschäpe dann, wie es
ihre Brieffreundschaft mit dem 2008
zu acht Jahren Gefängnis verurteiltem Neonazi Robin S.9 nahelegt, das
Bild aufrecht erhalten kann, eine
überzeugte, aber verschwiegene Rassistin und Neonazistin zu sein, macht
sie deutlich, dass sie Solidarität verdiene. Die Art der Solidarität ist dann
für die Szene, die weiterhin über
gute Gefangenen-Hilfe-Strukturen
verfügt, nur noch der übliche Drahtseilakt zwischen legaler, quasi humanitärer Hilfe und strafrechtlich relevanter Billigung von Straftaten.

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 60, juli 2013

Fazit
Das Zusammenspiel zwischen
Verschwörungsideologien und dem
Interesse der Neonazis, die gesellschaftliche Debatte um den NSU in
ihrem Sinne zu nutzen, ist gefährlich. Nicht nur, weil Worten Taten
folgen und der NSU erst Märtyrerund dann Vorbildcharakter bekäme.
Allein aus Respekt vor den Opfern
muss Argumentationen entgegengetreten werden, die die Taten nicht
als Produkt eines gesellschaftlichen
Rassismus und einer neonazistischen
Selbstermächtigung begreifen. Wenn
Verschwörungsideologien die Täter­
Innen freisprechen, sie zu Opfern
und letztendlich die Opfer wieder zu
Täter_innen werden lassen, können
die Neonazis auf dieser diskursiven
Basis ihrem Interesse nachgehen,
den NSU zu verherrlichen und gegen
ihre altbekannten Feindbilder zu
»kämpfen«.
Deswegen ist es auch wichtig –
bei allen offenen Fragen und bei
allen eigenen Zweifeln an der offiziellen Interpretation des NSU – immer
wieder den den Taten zu Grunde liegenden Rassismus der TäterInnen
und der Ermittler_innen zu benennen. So schwer die Einordnung des
NSU in ein schlüssiges Narrativ ist:
Wir müssen uns positionieren und
den Diskurs weder den rassistischen
Verschwörungsideolog_innen noch
den Neonazis überlassen. Das Problem heißt Rassismus. Die TäterInnen
waren überzeugte und bewusst handelnde Neonazis.
Frank Metzger und Eike Sanders

Screenshot von AG
Nordheide

6
Mehr Informationen
in den Chroniken von
a.i.d.a. (antifaschistische informations-,
dokumentations- und
archivstelle münchen
e.V.) unter
www.aida-archiv.de
7
Kastner, Bernd: Braunes
Haus; in: http://www.
sueddeutsche.de/muenchen/treffpunkt-derneonazi-szene-brauneshaus-1.1695036
(letzter Zugriff am
19.06.2013)
8
Vgl. Elsässer, Jürgen:
Allein unter Wölfen –
Editorial, in: Compact,
Mai 2013, S. 3
9
Vgl. LOTTA Nr. 34
(Frühjahr 2009), S. 345

3

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Außerhalb der digitalen Welt nicht
mobilisierungsfähig: Kundgebung
von Agens am Brandenburger Tor
gegen die »Mauer
des Scheidungsfeminismus« am 17.
Juli 2011 mit weniger als 30 TeilnehmerInnen.
| (c) apabiz

Männliche Überlegenheitsträume
Der »Maskulismus« versucht, antifeministische Politik salonfähig zu
machen – teilweise erfolgreich
Mit dem Maskulismus trat in den vergangenen Jahren eine ebenso gefährliche wie widersprüchliche ›Bewegung‹ in die geschlechterpolitische Diskussion. Parallel zur Einforderung von »Geschlechtergerechtigkeit für
Männer« werden Adresslisten anonymer Frauenhäuser veröffentlicht, patriarchale Familienbilder gepredigt
und Gewaltphantasien an Frauen beschworen. Mittlerweile hat sich ein ›linker Maskulismus‹ abgespalten.
Doch am Antifeminismus ändert dies nur wenig.

S

1
»Maskulismus« ist eine
Eigenbezeichnung des
Spektrums, wird hier
aber auch als kritische
Kategorie verwendet.
Hierbei ist die konkrete
Erscheiungsform von
männlicher Überlegenheitsideologie
des »Maskulinismus«
gemeint.
2
www.agensev.de/
wp-content/uploads/
H%C3%A4uslicheGewalt.pdf
3
www.manndat.de/
jungen/jungenleseliste-jungen; Stand
14.07.2011. Die Liste
wird regelmäßig aktualisiert.

4

eit 2010 haben die antifeministische Männerrechtsbewegung beziehungsweise der
»Maskulismus«1 Auftrieb gewonnen.
Existierten zuvor schon MANN dat
und die M ännerpartei , blieb deren
gesellschaftlicher Einfluss kaum
messbar. 2010 gründete sich der Verein Agens aus dem AutorInnenkreis
des Sammelbandes »Befreiungsbewegung für Männer« − darunter der
emeritierte Soziologie-Professor Gerhardt Amendt und der Junge-FreiheitAutor Arne Hoffmann. Vorstand Eckhard K uhla organisierte Veranstaltungskooperationen mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (Juni 2011),
dem Max-Planck-Institut (Januar
2012) sowie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (September 2012).
Waren diese Veranstaltungen teilweise zwar von internen Konflikten in
den Institutionen sowie externen
Protesten begleitet, zeigen sie doch

eine neue Qualität der Salonfähigkeit
antifeministischer Politik.
Gleichstellung für Männer
Die ins Feld geführten Thesen
sind geschlechterpolitisch plump wie
gefährlich. So wird behauptet, häusliche und sexualisierte Gewalt ginge
in nahezu gleichem Maße von Frauen
wie von Männern aus.2 Aktuell finden sich derlei Einträge in den Kommentarleisten bundesdeutscher Leitmedien zu den weltweit bekannt
gewordenen Vergewaltigungsfällen
in Indien. Auf eine Meldung von
›India News‹, dass Vergewaltigungen
zu übergroßem Teil von Männern
ausgingen, fabuliert man im Maskulismus von »feminazistischen Rassegesetzen«. Nur für männliche Opfer
fänden sich kaum Unterstützungstrukturen, was auf der feministischen Deutungshoheit in geschlechterpolitischen Fragen basiere. Zudem

werden Männer als Opfer frauenfördernder Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt wie in der Bildungspolitik
gezeichnet. Damit einher geht die
Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit für Männer nach dem Ende
des Feminismus sowie ein Appell an
eine von diesem unabhängige Männlichkeit. Kein Wort fällt dabei über
die ökonomische Macht von Männern
oder die Verdrängung von Frauen in
unbezahlte Tätigkeiten. ›Patriarchat‹
ist tabu.
Phantasien männlicher
Suprematie
Stattdessen werden althergebrachte Ideale männlicher Stärke
beschworen. MANN dat präsentiert
auf seiner Homepage eine
Jungenleseliste,3 welche den Interessen der Jungen angemessenes
Lesematerial aufliste. Ihr geht ein
Interview mit der Kinderbuchautorin

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Charlotte Habersack voraus, die den
Fokus von Jungenliteratur folgend
charakterisiert:
»Wichtig ist auf jeden Fall eine
männliche Hauptfigur. (...) Außerdem sollte die männliche Hauptfigur
stark sein − wobei es ganz egal ist,
ob sie eine physische, psychische
oder moralische Stärke besitzt. Sie
sollte (...) Abenteuer bestehen müssen, die tendenziell eher in der
Außenwelt liegen. Zu guter Letzt
sollte die Hauptfigur das Abenteuer
aus eigener Kraft meistern.« 4 Die
Themen- und Titelliste befasst sich
zu großen Teilen mit Rittern, Wikingern, Fahrzeugen, Technik, Abenteuern, Jungscliquen und Mutproben.
Ein Interesse von Jungen an starken,
gleichgeschlechtlichen Helden, mit
denen männliche Identifikation möglich sei, wird als ›natürlich‹ dargestellt. Diesem liegt der Bezug auf
traditionell männlich konotierte
Eigenschaften wie Stärke, Abenteuerlust, Außendrang und Durchsetzungsfähigkeit inne, was die Verengung männlicher Identitäten
bezweckt.
Noch drastischer wird das Verständnis von ›männlicher Überlegenheit‹ in anonymen Internetforen
artikuliert. Die Homepage wgvdl.com5
betreibt ein Forum, in dem sich maskulistische AktivistInnen austauschen, für »Shitstorms« vernetzen
und gegen feministische Politik hetzen. Der Begriff »Geschlitzte«6 findet
dort Verwendung als Bezeichnung
für Frauen und vereint drei Merkmale maskulistischer Beschimpfung: der
biologistische Bezug, die Zuschreibung von Passivität sowie die Analogie zu schwerer körperlicher Gewalt.
Der Begriff ruft deutliche Assoziationen zum gewalttätigen Akt des ›Aufgeschlitztwerdens‹, Bildern von Verwundungen bzw. Wunden sowie Analogien zu Unvollständigkeit und
Krankheit hervor.

beiführen wollte«.7 Manifold betreibt
die maskulistische Internetseite www.
sonsofperseus.de, welche den Untertitel »Gegen die Unterdrückung und
Entrechtung von Männern in Europa
und weltweit« trägt. Sie ist gespickt
mit Hoheitssymbolen im Stile männlicher Krieger und sexualisierter
Frauenbilder. M anifold gehört zum
rechtsextremen Flügel des Maskulismus und seine Positionen in erfahren
teilweise Widerspruch. ForumsuserIn
SoSo: »Ich fühle mich nicht als
Rechtspopulist. (...) An deinem Ausländerhaß bist aber du selbst schuld
und auch nur du allein verantwortlich. Laß mich in Ruhe damit!«8 Doch
bezieht sich solche Kritik ausschließlich auf die Frage, ob nicht-deutsche
Männer Teil der ›maskulistischen
Bewegung‹ sein dürfen. Der gewalttätige Antifeminismus und Frauenhass bleiben unhinterfragt.
Dem Konflikt entsprechend hat
sich im vergangenen Jahr eine weitere Spielart des Maskulismus entwickelt. Der Sozialarbeiter W olfgang
Wenger präsentierte im Frühjahr 2012
das »linke maskulistische Manifest«.9
In diesem hält Wenger fest: »Es gibt
zu viele in der Männerbewegung,
denen die Männer eigentlich egal
sind. Andere Absichten haben eindeutig Priorität: Hass auf Schwule,
Nationalismus, Religion, Fremdenangst, Angst vor dem Andersartigen,
Sexualfeindlichkeit«. Wenger bringt
einen Antifeminismus zur Sprache,
der ohne direkte Verweise auf männliche Überlegenheitsphantasien,
autoritaristisches Gedankengut sowie

frauenverachtendes Vokabular auskommt.
Zugleich jedoch greift auch er
gleichstellungspolitische Maßnahmen an: »Nach 50 Jahren intensiver
Frauenförderung darf erwartet werden, dass Frauen sich endlich um
ihre Belange kümmern und ihren
Anteil am Beruf- und Erwerbsleben
einnehmen können.« So bildet der
Antifeminismus die gemeinsame
Klammer des politischen Bezugs auf
›männliche Interessen‹, wobei diese
womöglich nicht als gemeinsame
Basis einer weiteren Zusammenarbeit
ausreichen. Denn W engers Thesen
wurden im Forum äußerst kritisch
diskutiert. Manifold warf Wenger vor:
»Wird der linke ›Maskulist‹ bei den
Feministen betteln, dass sie ihn doch
endlich erhören mögen?«
Letztlich bleibt der Maskulismus
in all seinen Spielarten, sprachlich
entschärft bis verbal gewaltvoll, eine
gefährliche Erscheinung. Zudem werden partielle Bündnisse mit LebenschützerInnen, christlichen FamilienfundamentalistInnen und Rechtsextremen geschmiedet. Gemeinsam
versuchen sie, feministische Anliegen zu delegitimieren und geschlechteremanzipatorische Projekte unter
Legitimationsdruck zu setzen. Deshalb sollte der Maskulismus nicht aus
dem Fokus rutschen.
Robert Claus
Der Autor ist Mitherausgeber des
Sammelbandes »Was ein rechter
Mann ist...« Männlichkeiten im
Rechtsextremismus (Berlin 2010).

Antifeminismus als Klammer
In Anbetracht solcher Gewaltphantasien wundert es kaum, dass
ForumsuserIn Manifold in Bezug auf
die Anschläge Anders Behring Breiviks
in Norwegen »Sympathie mit einem
Terroristen« äußerte, »der lediglich
eine andere, islamismusfreie und
multikultiresistente Gesellschaft hermonitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 60, juli 2013

Plumpeste Symbolik. Maskulismus wähnt sich im
Auftrag von Freiheit. | (c) www.wgvdl.com

4
Ebd.
5
Ausgeschrieben ›Wieviel Gleichberechtigung
verträgt das Land?‹
6
UserIn knn am
04.08.2011, abrufbar
unter www.wgvdl.com/
forum/forum_entry.
php?id=194618
In selbigem Beitrag
wird der Slutwalk
als »Die Wanderung
der Geschlitzten«
übersetzt.
7
www.sonsofperseus.
blogspot.com/2011/08/
die-osloer-katastropheals.html, verlinkt
über www.wgvdl.com/
forum/forum_entry.
php?id=194512
8
UserIn Soso, abrufbar
unter: www.wgvdl.com/
forum/forum_entry.
php?id=194544
9
www.344903.
forumromanum.com/
member/forum/entry.
user_344903.4.111378
6701.manifest_fuer_einen_linken_maskulismus-vaetermafia.html

5

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Eine ganz normale Arbeitertochter
Sie war Kommunistin, überlebte das KZ Ravensbrück und hielt auch in der DDR mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Mit 93 Jahren ist Barbara Reimann gestorben.

Barbara Reimann
bei der Feier zum
60. Jahrestag der
Befreiung im April
2005 im ehemaligen KZ Ravensbrück. | (c) Christian
Ditsch / versionfoto

Barbara Reimann
hat den umfangreichen Nachlass ihres
politischen Lebens
noch zu Lebzeiten dem
apabiz übergeben. Wir
archivieren diesen in
ehrenamtlicher Arbeit
und werden ihn hoffentlich in absehbarer
Zukunft zugänglich
machen können.

Die Autorinnen sind
Herausgeberinnen
der Biografie von
Barbara Reimann: Die
Erinnerung darf nicht
sterben. Barbara Reimann – Eine Biografie
aus acht Jahrzehnten
Deutschland, Hamburg/
Münster 2000.

6

»

Vorbereitung zum Hochverrat,
Abhören ausländischer Sender
und Wehrkraftzersetzung lauteten
die Anklagepunkte auf dem Haftbefehl, mit dem meine Mutter, mein
Stiefvater, meine Patentante und ich
am 16. Juni 1943 in Hamburg festgenommen wurden.« Mit diesem Satz
aus ihren Lebenserinnerungen
eroberte Barbara Reimann, geborene
Dollwetzel, schnell die volle Aufmerksamkeit der zumeist um einige
Jahrzehnte jüngeren Zuhörerinnen
und Zuhörer ihrer zahlreichen Veranstaltungen und Lesungen.
1943 war Barbara – die sich selbst
immer als »Kind einer ganz normalen
Hamburger Arbeiterfamilie bezeichnete – gerade einmal 23 Jahre alt.
Ihr Vater, Max Dollwetzel, Schlosser,
Gewerkschaftsaktivist, enger Weggefährte von Ernst Thälmann und Mitbegründer der KPD, war zu diesem
Zeitpunkt schon knapp zehn Jahre
tot: erschlagen am 28. September
1933 nach dreitägiger Folter von
Gestapo-Vernehmern in den gefürchteten Kellern des B-Flügels der Haftanstalt Fuhlsbüttel im Hamburger
Norden.
Barbara war damals gerade 13
Jahre alt und ging mit Fäusten auf
den Uniformierten los, der ihrer Mutter gegenüber behauptete, Max Dollwetzel habe Selbstmord in der

Ge­stapo-Haft begangen.
Den Alltag der Familie im
Nationalsozialismus
begleiteten von da ab
Armut und Verfolgung.
Aber auch zahlreiche
Versuche, gemeinsam mit
anderen – Kommunistinnen ebenso wie Sozialdemokraten und parteilosen Frauen und Männern
gegen das NS-Regime
aktiv Widerstand zu leisten.
Nach fast einjähriger
Untersuchungshaft in der
Haftanstalt Fuhlsbüttel
wurden Barbara und ihre
damals 54-jährige Mutter
Clara Dollwetzel am 20. April 1944
ohne Anklage und ohne Prozess mit
dem Vermerk »Rückkehr unerwünscht« auf Transport geschickt:
ins Frauenkonzentrationslager
Ravensbrück. »Der Vermerk bedeutete eigentlich ein sicheres Todesurteil,« sagte Barbara Reimann. Das
Staunen über das eigene Überleben
war der alten Dame an diesem Punkt
ihrer Erzählungen auch nach Jahrzehnten noch anzuhören.
Barbara, Teil eines verzweigten
Widerstandnetzwerks, wie auch
Käthe Niederkirchner, die im September 1944 erschossen wurde, wurde Stubenälteste der so genannten
»slawischen Stube« mit rund 200
Frauen in Block 5: polnische Nonnen,
jugoslawische Partisaninnen und
tschechische Sozialdemokratinnen.
Dadurch, dass Block 5 im Industriehof des Lagers und eher abgelegen
liegt, gelang es ihr und ihren Freundinnen manchmal auch, vom Erschießungstod oder Weitertransport in die
Vernichtungslager bedrohte Frauen
für einige Tage zu verstecken.
Am 27. April 1945 begann die SS
mit der Evakuierung des »Lagers« vor
der näher rückenden Roten Armee.
Mehr als 10.000 Häftlinge wurden in
verschiedenen Gruppen auf Todesmärsche in Richtung Norden getrieben. »Wir, die wir bis dahin überlebt

hatten, sollten alle vernichtet werden« fasste Barbara Reimann die
Situation zusammen. Dennoch konnte sie im allgemeinen Chaos gemeinsam mit ihrer völlig entkräfteten
Mutter und ihrer Patentante Emmy
Wilde flüchten. Den Tag der Befreiung erlebten die drei Frauen in Neustrelitz. Zurück in Hamburg trat die
inzwischen 25-jährige Barbara der
KPD bei und engagierte sich im
»Komitee ehemaliger politischer
Gefangener«, einer zunächst parteiübergreifenden Selbstorganisation.

Renaissance des
Interesses
1995 – zum 50 Jahrestag der
Befreiung – erlebten die »Ravensbrückerinnen« eine Renaissance des
Interesses an ihren Lebensgeschichten: Viele junge Linke aus Ost- und
West-Berlin sowie anderen Städten
beteiligen sich an den Befreiungsfeierlichkeiten, führen Interviews und
begleiteten Überlebende anlässlich
der Gedenkfeierlichkeiten. Barbara
Reimann gehörte zu denjenigen ohne
Berührungsängste. Mit viel Neugier,
klaren Standpunkten, vorzüglichem
selbstgekochten Essen und einer
Energie, die sie auf Lese- und Veranstaltungsreisen quer durch die Bundesrepublik führte, ermutigte sie
insbesondere zahlreiche jüngere
Frauen, sich in der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis
e.V. zu engagieren.
Am 21. April 2013 – zum 68. Jahrestag der Befreiung von Ravensbrück – ist Barbara Reimann mit 93
Jahren in Berlin gestorben. Ihre Urne
wurde an der Seite ihrer Familienangehörigen in Hamburg beigesetzt im Ehrenhain der Hamburger Widerstandskämpfer_innen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Denn das war Barbara Reimann auch immer: mit ganzem
Herzen Hamburgerin.
Gekürzter Text von Franziska Bruder
& Heike Kleffner, erschienen in der
TAZ, 01.05.2013.

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 60, juli 2013

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Kurzmeldungen
»Das Versteckspiel« neu
aufgelegt

Berliner Staatssekretär
entlassen

Berlin • Die Broschüre »Das Versteck-

Berlin • Am 14. Mai entließ der Berli-

spiel. Lifestyle, Symbole und Codes
von Neonazis und extrem Rechten« ist
in einer neuen, komplett überarbeiteten Auflage neu erschienen.
Über 200 Symbole und Codes aus dem
extrem rechten Spektrum im Spannungsfeld zwischen NS-Nostalgie,
Sozialdemagogie, Jugendkultur und
Parteipolitik werden in dem 52-seitigen Heft dargestellt, in Kontext
gesetzt und analysiert.
2001 erschien die Broschüre erstmals.
Mittlerweile liegt die Gesamtauflage
bei 135.000 Exemplaren. Übereinander gestapelt würde der Berliner Fernsehturm überragt werden.
Die anhaltende Nachfrage zeigt zum
einen eine anhaltende Sensibilität
gegenüber extrem rechten Bestrebungen, zum anderen jedoch auch, wie
virulent das Problem weiterhin ist. Die
Broschüre, herausgegeben von der
»Agentur für soziale Perspektiven«
(ASP) ist ein Kooperationsprojekt von
verschiedenen antifaschistischen Bildungseinrichtungen: Neben dem apabiz sind auch das »Antirassistische
Bildungsforum Rheinland«, »Argumente und Kultur« und die »Reihe
antifaschistischer Texte« beteiligt.
Zum Thema sind Seminare und Bildungsveranstaltungen über das apabiz
buchbar. Auch eine Ausstellung ist in
der Vorbereitung.
Einzelexemplare sind für 7 Euro (inklusive Versand) über die ASP bestellbar:

www.dasversteckspiel.de

ner Senat Michael Büge, den Staatssekretär für Soziales aus seinem Amt.
Vorausgegangen war ein Streit um die
Mitgliedschaft des CDUlers in der Berliner Burschenschaft Gothia. Der Politiker ist seit 1989 Mitglied der Verbindung. Er übernahm Funktionen wie
den Vizevorsitz des Altherrenverbands.
Regelmäßig referieren im Haus der
G othia Vertreter_innen der Neuen
Rechten. 2012 nahmen die Burschen
am Zwischentag, einer neurechten
Medienmesse teil. Bereits 2004 legten
Gothia-Mitglieder zum »Heldengedenken« einen Kranz auf dem Friedhof am
Columbiadamm ab – inmitten von
Bundeswehr-Angehörigen und Mitgliedern von NPD und DVU. Neben Büge
steht mit Robbin Juhnke ein weiterer
CDUler in der Kritik. Juhnke referierte
2012 bei der Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg zum Thema »Berliner
Verhältnisse«.

Frankreich: Suizid aus
Protest gegen Homoehe
Paris • Am 21. Mai hat sich der extrem
rechte Publizist Dominique Venner in der
Pariser Kirche Notre Dame erschossen.
Der 79-Jährige hinterließ ein Manifest, in dem er seinen Suizid begründete: Es handele sich um Protest
gegen die von der sozialistischen
Regierung beschlossene Zulassung der
Eheschließung von homosexuellen
Paaren. Über Monate protestierte eine

breite Bewegung gegen das entsprechende Gesetz. Die Teilnahmezahlen
an den Demos waren mehrfach sechsstellig, teilweise kam es zu Ausschreitungen. M arine le P en , Chefin der
rechtsextremen »Front National«,
bekundete Venner wenige Tage nach
dem Selbstmord ihren »Respekt«. Venner war Autor der neurechten Zeitschrift Sezession . Dort wurde Venners
Aktion in einem Nachruf als ȟberlegt,
symbolisch, männlich, frei und hart«
gelobt. In der Kirche hielten sich
zahlreiche Besucher_innen auf, als
Venner sich erschoss.

Paris: Naziskins
ermorden Antifa
Paris • Am 4. Juni wurde

der 18-jährige Antifaschist
und Gewerkschafter Clément Méric in Paris von
Neonazi-Skinheads so
schwer zusammengeschlagen, dass er am Folgetag
im Krankenhaus verstarb.
Vorausgegangen war eine
verbale Auseinandersetzung zwischen den Rechten und einer Gruppe Antifas. Der
mutmaßliche Haupttäter, der 20-jährige E steban M., stammt aus den
Umfeld der extrem rechten Kleinstpartei T roisième V oie (»Dritter Weg«)
beziehungsweise des Ordnungsdienstes »Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires« (JNR). Nach dem Mord gab
es in rund 60 französischen Städten
und auch international antifaschistische Protestdemonstrationen.

»Berliner Zustände 2012« Jährlicher Schattenbericht von MBR und apabiz erschienen
Auch in diesem
Jahr veröffentlichen das apabiz
und die MBR –
bereits zum siebten Mal – den
Schattenbericht
»Berliner Zustände« mit Analysen
und Berichten
aus Berliner Projekten. Die Publikation vereint dieses Mal
auf 100 Seiten 17 Artikel aus insgesamt 12
Projekten. Wir freuen uns sehr, dass damit
die Beteiligung so groß war wie noch nie.
Allerdings war die Fülle des Materials auch
ein Grund, warum sich die Herausgabe um
einen Monat verzögert hat.
monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 60, juli 2013

Wir haben in den »Berliner Zuständen 2012«
das Thema »Medien und Rassismus« zum
Schwerpunkt gewählt, um unter anderem
den Fragen nachzugehen, wie Medien mit
eigenen Vorurteilen umgehen oder welche
Quellen als vertrauenswürdig erachtet werden. Hadija Haruna von der »Initiative
Schwarze Menschen in Deutschland« (ISD)
stellt in ihrem Text anhand vieler Beispiele
dar, wie Rassismus in den Medien funktioniert und in der alltäglichen Praxis stattfindet. Andrea Wierich von »Amaro Foro« zeigt,
dass Medien immer wieder auf rassistische
Stereotype zurückgreifen, um die Situation
von Rumän_innen und Bulgar_innen zu
beschreiben.
Die Berichte aus den Initiativen beleuchten
u.a. die Situation der Geflüchteten in Berlin

und ihre aktuellen Kämpfe, mehrere Artikel
widmen sich rassistischen Diskriminierungen und Angriffen. Selbstverständlich ist
wie in jedem Jahr die Opferberatung
ReachOut mit einem Bericht über die Gewalttaten und der Jahreschronik vertreten. Die
MBR widmet sich dem Nationalen Widerstand
B erlin , das apabiz den R eichsbürgern . Ein
Interview mit dem Rabbiner Daniel Alter
beleuchtet den Antisemitismus aus Sicht
der Jüdischen Gemeinde.
Die »Berliner Zustände 2012« sind als Printausgabe bei den beteiligten Projekten erhältlich sowie als PDF-Ausgabe auf den diversen
Webseiten. Fördermitglieder des apabiz erhalten ein Exemplar wie immer auf dem Postweg.

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Neu im Archiv

In dieser Rubrik wollen wir Euch
einen kurzen Überblick über
Bücher, Broschüren und andere
Medien geben, die im Archiv neu
eingegangen und ab sofort verfügbar sind. Darüber hinaus werden wir auf bestimmte Sachgebiete hinweisen, zu denen Ihr Sammlungen bei uns finden könnt. Danke an die Verlage.
• Weber, Regina: Rechtsextremistinnen. Zwischen
Kindererziehung und nationalem Kampfauftrag,
Metropol, 2013.
Gegenstand der Magistraarbeit ist die Tätigkeit
von Frauen als Autorinnen in extrem rechten
Zeitschriften. Zur qualitativen Textanalyse wurde Jahrgänge der NPD-Zeitung Deutsche Stimme
und der Funkenflug als Zeitschrift der verbotenen
neonazistischen H eimattreuen D eutschen J ugend
(HDJ) herangezogen und die Beiträge von und
über Frauen untersucht. Weber stellt fest, dass
die Themenbreite von rechten Autorinnen Ende
der 2000er Jahre im Vergleich zu den Neunziger
Jahren deutlich schmaler geworden ist. Diese
Homogenisierung zeigt sich in der Konzentration
auf vermeintlich »weibliche« Themen wie Familienpolitik und Erziehung. Darüber hinaus zeichnet Weber auch Rollenbilder, die von rechten
Autorinnen in ihrem Artikel reproduziert werden, nach.
• Müller, Yves / Zilkenat, Reiner (Hrsg.): Bürgerkriegsarmee. Forschungen zur nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA), Peter Lang, Frankfurt/Main 2013.
Die SA war eine wichtige Organisation im Nationalsozialismus – und trotzdem ist die Anzahl der
Forschungsarbeiten überschaubar. Allzu oft
enden Untersuchungen mit der »Entmachtung«
der SA-Führung um E rnst R öhm 1934. Manche
Forschungslücke will der Sammelband mit seinen
20 Beiträgen zu verschiedenen Teilaspekten der
SA-Geschichte schließen. Beleuchtet wird die
»Kampfzeit« in der Weimarer Republik anhand
regionaler Beispiele genauso wie Strukturen der
SA als Teil des NS-Terrors in der »Machtsicherungsphase«. Thematisiert werden darüber hinaus Aspekte von Homosexualität und Faschismus
und verschiedene Konkurrenzverhältnisse der SA
zu anderen NS-Organisationen. Bei den regionalen Betrachtungen geht es fast ausschließlich
um Ereignisse in Berlin und der Abschnitt »Politik in der Peripherie« fällt sehr knapp aus. Den
Endpunkt bildet das Kapitel »SA-Mythos und
Neonazismus«, zu dem die apabiz-Mitarbeiter Ulli
Jentsch und Frank Metzger den Beitrag »Die
'Blutzeugen der Bewegung' im Blick des heutigen
Neonazismus« beigesteuert haben.
• Langebach, Martin / Speit, Andreas: Europas
radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf
Straßen und in Parlamenten, Orell Füssli Verlag,
Zürich 2013.
Radikale Rechte folgen einer »ultranationalistischen« Ideologie, in deren Zentrum nationale

Zugehörigkeit sowie ethnische und kulturelle
Homogenität stehen und verknüpfen diese mit
einem autoritären Politikverständnis. Auf Basis
dieser Definition des Politikwissenschaftlers
Michael Minkenberg versuchen sich die Autoren
den radikalen Rechten in Europa zu nähern. 2012
entstanden so Reportagen aus 14 Ländern, in
denen jeweils wichtige Parteien, Organisationen
und Netzwerke vorgestellt werden. Neben
geschichtlichen Abrissen wird vor allem den Eindrücken der Autoren von besuchten Veranstaltungen, den Einschätzungen von Szenekenner_
innen sowie Äußerungen der rechten Protagonist_innen selbst Platz eingeräumt. Gut illustriert werden hierbei die nationalen wie internationalen Verbindungen in ideeller und personeller
Hinsicht. Insgesamt eine angenehm zu lesende
und prägnante Überblicksdarstellung.
• Lau, Dirk: Wahlkämpfe der Weimarer Republik.
Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag
von 1924 bis 1930, Tectum, Marburg 2008.
Der Autor analysiert in seiner (bereits 1995 verfassten) Dissertation vier Reichstagswahlkämpfe
in der Weimarer Republik Ende der zwanziger
Jahre. Nach der einführenden Beschreibung der
Parteienlandschaft folgt eine Wahlkampfanalyse
unter dem Titel »Der Aufmarsch der Parteien zur
Wahlschlacht«. Trotz der zentralen Rolle, die der
Bildsprache zugeschrieben wird, verzichtet die
Veröffentlichung leider auf Abbildungen. Ein
Hauptteil beschäftigt sich mit den vier Reichstagswahlen der Jahre 1924 bis 1930. Trotz der
fast 600 Seiten bietet das Buch einen lesenswerten Blick in die Weimarer Republik und die politische Praxis der Parteien.

Das
vom apabiz e.v.
Nicht nur für Vereine und Institutionen, sondern für
alle, die in den Genuss des gesamten Service des
apabiz e.v. kommen möchten, gibt es jetzt unser
in den Größen S, M und L:
• je 3/10 / 20 Exemplare des
pro Ausgabe
• den ReferentInnen-Katalog inklusive Updates
• zwei Exemplare aller neuen Publikationen des
apabiz e.v. (Broschüren, Handreichungen etc.)
• Sonderkonditionen bei Nachbestellungen und
Recherche-Anfragen
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