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Full text: Monitor Issue 45.2010

monitor
rundbrief des apabiz e. v. | nr. 45, april 2010

»Volksfeinde« im Visier
Ü

Hintergrund Neonazistische Anschläge auf antifaschistische
Personen und Projekte nehmen zu

antifaschistisches pressearchiv und
bildungszentrum berlin e.v. (apabiz)

Wiederholt warfen Neonazis bei Nacht und Nebel Scheiben linker Projekte in den Berliner
Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg ein, verklebten Türschlösser, hinterließen Drohungen an
Häuserwänden. Im hessischen Wetzlar flog ein Molotow-Cocktail gegen die Haustür eines
Antifaschisten, in Kiel wurde in der Nacht scharf auf das beleuchtete Fenster eines linken
Zentrums geschossen, aus mehreren Orten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen melden AntifaschistInnen eine Zunahme von gezielten Angriffen auf Personen und Räume, die
mit dem Widerstand gegen Nazis in Bezug gebracht werden.

geöffnet do von 15 bis 19 uhr und
nach absprache

W

ie sind diese Angriffe zu werten? Steht
dahinter eine Strategie oder sind sie Ausdruck von Konzeptlosigkeit? Das Selbstbewusstsein einiger Neonazi-Gruppen ist augenscheinlich
gestiegen, doch muss genau hinterfragt werden,
ob diese Offensiven wirklich Zeichen zunehmender Stärke sind.
Zwischen den Angriffen in den weit
auseinander liegenden Regionen gibt es
Parallelen. Diese finden meist statt im zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit
erfolgreichen Veranstaltungen und Kampagnen gegen Nazis, von denen sich die TäterInnen direkt betroffen sehen. Auch sind die
TäterInnen meist im Spektrum der FREIEN
KAMERADSCHAFTEN oder der sogenannten AUTONOMEN NATIONALISTEN (AN) zu verorten. Ansonsten sind die Rahmenbedingungen unterschiedlich. Ein Vergleich ausgewählter Orte:
Lahn-Dill-Kreis - Hessen
Seit Herbst des Jahres 2008 treten bekannte
Neonazis im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis
unter dem Label einer ANTI-ANTIFA WETZLAR auf und
inszenieren sich mit T-Shirts mit der Aufschrift
»Wetzlar ist unsere Stadt«. Überfälle auf alternative Treffpunkte nahmen zu, auch im 15 Kilometer entfernten Gießen kam es zu Sachbeschädigungen an bzw. vor einem linken Zentrum.
Schließlich flog in der Nacht vom 5. auf den 6.
März 2010, am Vorabend eines Rock-GegenRechts-Konzertes, ein Molotow-Cocktail gegen die
Tür des Hauses, das man fälschlicherweise als
Wohnort des Verantwortlichen eines Video-Projektes gegen Rechts ausgemacht hatte. Der Wetzlarer ist in der katholischen Jugend- und Sozialarbeit aktiv und dokumentiert die Aktivitäten

der Neonazis in der Stadt. Die Staatsanwaltschaft
ermittelt wegen versuchtem Mord.
Hier handeln die Neonazis aus einer Position
der Stärke heraus und aus »ehrlicher Empörung«,
denn kaum jemand stellte sich in den letzten

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Das apabiz e. V. informiert seit 1991
über die extreme Rechte. Unsere Informationen stehen allen Personen und
Initiativen zur Verfügung. Umgekehrt
sind wir an Euren Einschätzungen und
Erfahrungen interessiert. Gerne vereinbaren wir einen Austausch oder nehmen
Euch in unsere Mailingliste auf.

Gegen »Volksfeinde« und im »Kampf gegen ein
Scheiß-System«: AUTONOME NATIONALISTEN.
Jahren im Lahn-Dill-Kreis der zahlenmäßig starken Neonaziszene entgegen, die eine beängstigende Akzeptanz in weiten Teilen der Jugendkulturen, des Vereins- und Alltagslebens erreicht
hat. Das öffentliche Auftreten des Videoprojektes
gegen Rechts und die Durchführung eines Konzertes gegen Rechts erscheinen ihnen als ungeheure Provokation, als Eindringen in ihr angestammtes Territorium, das mit Brachialgewalt
beantwortet wird.
Und es fällt auf: Je mehr sich die ANTI-ANTIFA
WETZLAR mit den hiesigen AUTONOMEN NATIONALISTEN
WETZLAR verband, umso mehr verlagerte sich die

»Volksfeinde« im Visier - Anschläge von Neonazis nehmen zu Seite 1 | Vom Jungbrunnen zur Achillesferse der
Nazi-Szene? Massenblockaden zeigen Wirkung Seite 4 | archiv en detail: Sammlung zu Frauen im Nationalsozialismus Seite 6 | Rezension: Bücher zur extremen Rechten in Europa Seite 7 | Neu im Archiv Seite 8

Archiv: Für Recherchen halten wir unser
Archiv bereit, das eines der größten
dieser Art in der BRD ist. Wir verfügen
über rechte Publikationen, Videos, CDs
u.a.m. Diese Primärquellen werden
ergänzt durch eine Datenbank, in der
Presseveröffentlichungen seit Anfang
der 90er Jahre erfasst sind, eine
umfangreiche Präsenzbibliothek, verschiedene Sondersammlungen sowie
antifaschistische Publikationen aus
ganz Europa und den USA.
Bildung: Unser ReferentInnen-Katalog
(siehe www.apabiz.de) umfasst mehr als
40 Vorträge und Seminare aus diversen
Bereichen, für die ReferentInnen bei
uns angefordert werden können. Zu
bestimmten Themen haben wir ReferentInnen-Koffer erstellt, die die eigenständige Durchführung von Veranstaltungen ermöglichen, oder halten wir
Handreichungen bereit.
Publikationen: Ergebnisse unserer Arbeit
verwerten wir nicht nur im monitor, sondern auch in Broschüren, Pressemitteilungen, Handreichungen und sonstigen
Publikationen. Diese und weitere Materialien findet ihr unter www.apabiz.de.

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die mit ihrem beitrag die finanzierung unterstützen | erscheinungsweise: alle zwei monate |
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antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.
Gewalt von »spontanen« Überfällen hin zu gezielten und geplanten Anschlägen.
Unna und Kamen - Nordrhein-Westfalen

ERNST NOLTE spricht beim
STUDIENZENTRUM WEIKERSHEIM
Berlin • Am 3. März lud das
rechtskonservative STUDIENZENTRUM
WEIKERSHEIM zu ihrem »Berliner
Kamingespräch« mit dem Historiker
ERNST NOLTE in den Berliner Bezirk
Zehlendorf. Im Bürgerkeller stellte
Nolte sein Buch »Die dritte Widerstandsbewegung: Der Islamismus«
aus dem LANDT-VERLAG (Berlin) vor.

Der Einladung folgten etwa 80 bis
100 Personen aus den verschiedensten politischen Spektren. Unter den
überwiegend älteren ZuhörerInnen
war u.a. ERIK LEHNERT vom neurechten
INSTITUT FÜR STAATSPOLITIK (IfS), deren
Gast Nolte bereits in der
Vergangenheit war.
Vor Ort waren auch etwa 10 bis 15
Personen aus dem Umfeld des sich
formierenden Berliner Landesverbandes von PRO DEUTSCHLAND um
GARY BEUTH. Diese folgten nur bedingt
Noltes Thesen zum Islamismus und
verteilten u. a. ihre Flugblätter
gegen eine Neuköllner Moschee und
Freiexemplare der rechten Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT.
Mit einem Bücherstand seines
gleichnamigen Verlages war auch der
Verleger ANDREAS KRAUS LANDT anwesend. Nicht erschienen dagegen war
das angekündigte Weikersheim-Präsidiumsmitglied JÖRG SCHÖNBOHM.

PRO BERLIN zu Gast in
Spandau
Spandau (bei Berlin) • Zu einer
Abendveranstaltung mit Vorträgen
traf sich am 25. Februar die extrem
rechte Gruppierung PRO BERLIN in
einer Gaststätte in Spandau. Die
etwa 15 Gäste folgten den Ausführungen von PRO DEUTSCHLAND-Chef
MANFRED ROUHS und dem Arnstädter
Journalisten HANS-JOACHIM KÖNIG.
Unter den ZuhörerInnen befanden
sich u.a. die PRO BERLIN-Mitglieder
MANFRED MÜLLER und GARY BEUTH.
Der neu gewählte NPD-Landeschef
UWE MEENEN und NPD-Landesvor-

2

Nachdem Anfang 2009 der NATIONALE WIDERUNNA eine »Anti-Antifa-Liste« veröffentlichte, wurden etliche der darin aufgeführten Projekte angegriffen. Anfänglichen Schmierereien folgten eingeschlagene Scheiben und Schüsse mit
einem Kleinkalibergewehr auf ein Büro der GRÜNEN. Die Neonazis haben rund um Unna alles im
Visier, was von ihnen als »Antifa« ausgemacht
wird oder sich irgendwie »gegen Rechts« positioniert: Büros der LINKEN und der SPD, städtische
Jugendzentren, Redaktionsräume von Zeitungen
und Radiosendern.
Einen Höhepunkt stellte am 14. März 2010
der Angriff von 35 Neonazis auf eine Informationsveranstaltung in Kamen dar, es kam zu
schweren Auseinandersetzungen, die Angreifer
wurden schließlich von der Polizei festgesetzt.
Doch in Unna und dem benachbarten Kamen
haben die Neonazis – im Unterschied zum LahnDill-Kreis – wenig Bewegungsfreiheit. Sie sind
nicht verankert in kulturellen Milieus und nicht
als Alltagserscheinung akzeptiert. Ihren Versuchen, Raum zu gewinnen, stellen sich breite
Bündnisse entgegen. So erscheinen die Anschläge als Mittel, Gefährlichkeit und Entschlossenheit
zu suggerieren, für Verunsicherung zu sorgen und
mediale Ausrufezeichen zu setzen.
Die Parallele zwischen den Angriffen im LahnDill-Kreis und dem Kreis Unna besteht darin, dass
die hierfür verantwortlichen Neonazigruppen
Impulse von den AUTONOMEN NATIONALISTEN in Dortmund erhalten. Diese gelten bundesweit als Vorzeigestruktur der AN und zeigten in der Vergangenheit, wie sehr man mit einer militanten, entschlossenen Gruppe selbst eine großstädtische
Linke dauerhaft beschäftigen und sich zum
bundesweiten Thema machen kann. Das Selbstbewusstsein und der Aktionismus der Neonazis in
und um Unna ist ohne tatkräftige Hilfe aus dem
nur wenig entfernten Dortmund kaum vorstellbar. Die geplanten Angriffe im Raum Wetzlar
begannen, als die ANTI-ANTIFA WETZLAR Zugang zur
Dortmunder Szene erhielt. Allzu offensichtlich
nimmt man die Dynamik aus Dortmund auf und
setzt sich unter Druck, eigene Taten vollbringen
zu müssen, um sich in deren Kreisen zu profilieren.
STAND

Berlin und Brandenburg
Für Aufsehen sorgte ein Anschlag auf das
Haus der Demokratie in Zossen (Brandenburg) in
der Nacht auf den 23. Januar 2010. Das Gebäude,
in dem sich u.a. eine Ausstellung über jüdisches
Leben befand, brannte nieder. Ein ausgeklügeltes
Vorgehen war nicht zu erkennen. Die Täter, die
schnell ermittelt wurden, verrieten sich selbst.

Bereits während der Löscharbeiten hatten örtliche Neonazis vor dem Feuerschein posiert und
sich mit Handykameras gefilmt. Die Neonazis in
vielen Orten (nicht nur) Brandenburgs benehmen
sich, als könne ihnen niemand etwas anhaben,
ihre Angriffe geschehen aus purer Selbstverständlichkeit und verfestigtem Allmachtsdenken.
In Berlin ist das anders. Die Szene in der
Hauptstadt verfügt durch beständigen Druck und
Repression über nicht allzu viele Spielräume. Insbesondere die NPD bietet ein Bild der Stagnation.

Laut einer Berliner Nazi-Homepage eine von »Linkskriminellen« verübte »Schmiererei«: Naziparole bei
den GRÜNEN in Berlin-Neukölln.
Nur ein einziges Mal demonstrierten die Berliner
Neonazis im vergangenen Jahr Geschlossenheit:
Am 10. Oktober 2009 marschierten unter dem
Motto »Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff« 750 Personen als Reaktion auf eine
Auseinandersetzung vor einer Neonazi-Kneipe,
bei der ein Neonazi schwer verletzt wurde. Vom
Lautsprecherwagen wurden Namen und Adressen
von AntifaschistInnen verlesen und gedroht: »Wir
kriegen euch alle!«.
Dass sich der angebliche »Antifa-Mordversuch« zuvor schon als Streit unter Kneipengästen
entpuppt hatte, tat der Opferstilisierung und dem
Wutgeheul keinen Abbruch. Die Angriffe, die seit
dem Herbst 2009 folgten, betrafen ein breit gefächertes Spektrum: linke Kneipen, Parteibüros der
GRÜNEN und der LINKEN bis hin zu einer Obdachlosen-Initiative. Und sie zeigen eine bisher nicht
gekannte Kontinuität und Risikobereitschaft. Zu
vermuten sind die TäterInnen in dem Umfeld des
NATIONALEN WIDERSTANDS BERLIN, der auf seiner Internetseite eine ständig aktualisierte »Chronik«
angeblicher »linksextremer« Straftaten bietet,
die die Angriffe als legitime Gegenwehr erscheinen lassen sollen.
»Nationale Bewegung« in Auflösung
Derartige Offensiven der Neonazis sind beileibe kein neues Phänomen: Die militanten, zum
Teil rechtsterroristischen Gruppen der 1970erund 1980er-Jahre entstanden vielfach aus Krisen
einer NPD, die Großes versprach aber nicht leisten
konnte – und die verstärkt aufs bürgerliche Lager

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 45, april 2010

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.
schielte und die »Militanten« nicht mehr zu
erreichen vermochte. Ähnliches findet heute
statt. Das Konstrukt der »Nationalen Bewegung«
fällt vielerorts in sich zusammen. Die NPD hat
keine Angebote und somit immer weniger Bindungskraft für aktionsorientierte Kameradschaften und AN.
Die AN wiederum fühlen sich auf sich alleine
gestellt und niemandem zur Rechenschaft pflichtig – und sie handeln trotzig und militant. Selbst
die AN, derzeit noch eine anwachsende Strömung, haben erste Einbrüche erlitten. Sie traten
vor Jahren an, um Wehrhaftigkeit gegen Linke
und »Polizeiwillkür« zu demonstrieren, sie versprachen Massenmilitanz und (zurück-)erkämpfte Straßen. Mit dem Angriff von 300 Neonazis auf
die Demonstration der Gewerkschaften am 1. Mai
2009 in Dortmund scheint der Bogen jedoch fürs
Erste überspannt.
Die Versuche der AN, am 13. Februar 2010 in
Dresden den Aufmarsch durchzusetzen, waren
nur Pose und endeten im Handgemenge mit den
eigenen Ordnern. Und auf ihrem »eigenen« Aufmarsch am 5. September 2009 in Dortmund verharrten 700 Neonazis mutlos hinter Polizeiabsperrungen und ließen sich, ohne einen Meter
marschiert zu sein, aus der Stadt schaffen. Durch
nächtliche Anschläge und Hit-and-Run-Aktionen
werden diese Rückschläge kompensiert. Kleingruppen-Aktionen ersetzen phantasierte Barrikadenkämpfe, das revolutionäre Selbstbild bleibt
ungebrochen. Das Fehlen von Konzepten und
Strategien jenseits von Militanz beschränkt den
eigenen Handlungsrahmen erheblich. Ohne den
beständigen Beweis eigener Macht und Stärke,
ohne den Adrenalin-Kick und ohne begleitendes
Medien-Tamtam kann das System der AN gar
nicht funktionieren.
Ein altes Feindbild hat neue Konjunktur
Doch warum werden jetzt alle ins Visier
genommen, die sich lokal und öffentlich gegen
Nazis engagieren? Die Gründe sind vielfältig.
Die Konstruktion des Feindbildes »Antifa«
folgt einem Prinzip, das seit den frühen 1990er
Jahren, mit der Erfindung des Schlagwortes
»Anti-Antifa«, Gültigkeit hat: Verantwortlich für
den »Antifa-Terror« seien die »geistigen Brandstifter« in den Universitäten, den Parlamenten
und den Medien – und ebenso die »Bundesbürger«, die sich nicht zu schade seien, »ein Lichtlein in der Kette anzuzünden, ein ‘NAZIS RAUS’
zu skandieren.« Alle solcherart als »destruktive
Kräfte« markierten Personen, ob links oder
rechts, stehen seither im Fadenkreuz der Neonazis.
Die direkte Konfrontation mit »der Antifa«
wird heute, so beschreibt es ein Ausgestiegener,
als Auseinandersetzung auf Augenhöhe wahrgenommen und bewirkt ein mediales Echo, das zur

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 45, april 2010

Selbstbestätigung aufgesogen wird. Die Institutionen des Kapitalismus oder »des Systems«
anzugreifen, wäre hingegen zu abstrakt und großen Teilen der eigenen Szenen kaum vermittelbar.
Territoriale Machtkämpfe mit migrantischen
Milieus erscheinen selbst den Neonazis in Dortmund zu riskant und hätten in Neukölln unkalkulierbare Folgen. Bei den AN ist die Fokussierung auf linke Feindbilder zwangslogisch. Der
beständige Klau von Style, Symbolik und Themen
der radikalen Linken erzeugt den Druck, sich brachial und publicityträchtig von diesen abgrenzen
zu müssen. Linke Zentren und Projekte wachsen
in dieser Dynamik zu negativen Bezugsgrößen,
die man aufgrund fehlender Utopien und Perspektiven nicht kopieren kann und voller Neid
verachtet.
Dass dieses Feindbild nun wieder in den
Vordergrund rückt, hat auch den einfachen
Grund: All die antifaschistischen Gruppen und
Bündnisse gegen Rechts sind mit ihrer Kampagnenarbeit und ihrem Widerstand auf den Straßen
dafür verantwortlich, dass extrem rechte Räume
häufig enormem Druck ausgesetzt sind und kaum
noch ein Aufmarsch zum Erfolg wird. Der Stachel
der Frustration über den Verlust identitätsstiftender Massenerlebnisse wie dem »Gedenkmarsch« in
Dresden sitzt tatsächlich tief, da diese zur Inszenierung der »Bewegung« und zur Demonstration
von Stärke unverzichtbar sind (siehe nachfolgenden Artikel).
Fazit
Der direkte Zusammenhang der Angriffe mit
erfolgreichen Veranstaltungen und Kampagnen
gegen Nazis zeigt, wie sehr diese Arbeit den Nerv
neonazistischer Strukturen trifft. So störend die
Drohgebärden und Attacken auch sein mögen, so
ernst die steigenden Eskalationsstufen (Schüsse
mit scharfen Waffen, Molotow-Cocktails auf
Wohnhäuser) auch zu nehmen sind: Letztendlich
sollte die Offensive der Neonazis als Beleg für die
Effektivität antifaschistischer Bündnispolitik,
Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit gesehen
werden.
Wenn wir uns gegen Nazis engagieren, geraten wir ins Visier - und noch mehr, wenn wir uns
in öffentlichen Konfrontationen wie Blockaden
von Naziaufmärschen durchsetzen können oder
ihnen über Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit
den Bewegungsraum enger machen. Der Rückschluss – ohne Selbstgefälligkeit und Schulterklopfen – kann nur lauten: Wir dürfen nicht aufhören, öffentlichen Druck auf die Neonazis und
ihre Räume auszuüben und zu versuchen, ihre
Aufmärsche zu verhindern. Die Solidarität mit
den Angegriffenen gehört selbstverständlich
dazu.
Michael Weiss/Felix Hansen

standsmitglied JAN STURM durften an
der öffentlichen Veranstaltung ebenso teilnehmen wie der frühere Landesgeschäftsführer der Berliner REPUBLIKANER, DETLEF BRITT, der als Aktivist
der DEUTSCHLAND-BEWEGUNG bekannt
gewordene GERT SCHNEIDER und andere.
ROUHS stimmte die Berliner ProMannschaft darauf ein, dass PATRIK
BRINKMANN (EX-DVU) als Spitzenkandidat zur Berliner Wahl 2011 antreten
werde. Sollte BRINKMANN Forderungen
bezüglich seiner Rolle im Landesverband haben, also beispielsweise Vorsitzender werden wollen, seien diese
in keiner Weise »nach oben limitiert«.

Broschüre zum Thema
Varusschlacht erschienen
Köln • In der Reihe »Beiträge und
Materialien der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus« des
NS-Dokumentationszentrums Köln ist
vor kurzem eine Broschüre mit dem
Titel »Die Erfindung der Deutschen.
Rezeption der Varusschlacht und die
Mystifizierung der Germanen«
erschienen. Dokumentiert werden die
Beiträge einer Fachtagung vom 3.
Juli 2009 in Köln.
Ziel dieser Tagung war es, das
2000-jährige Jubiläum der Varusschlacht im nationalen Taumel des
»Supergedenkjahrs« kritisch zu
begleiten und die Legende von der
»Geburt der Deutschen« im »Blut
und Schlamm des Teutoburger Waldes« zu entmystifizieren.
Die Broschüre richtet sich nicht nur
an ein Fachpublikum, sondern ist
auch in der politischen Bildungsarbeit gut einsetzbar.
Sie kann für 3 EUR über
www.nsdok.de/ibs bzw. ibs@stadtkoeln.de bestellt werden.

3

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Mal so, mal so: Anti-NaziBlockaden in Lübeck und
Neuruppin
Lübeck/Neuruppin • In Lübeck
wollten am 27. März rund 180 Neonazis aufmarschieren, um des alliierten Luftangriffs in der Nacht vom
29.03.1942 zu gedenken.
Die Demonstration, bei der neben
Versammlungsleiter THOMAS WULFF
auch der Landesvorsitzende der NPD
Schleswig-Holstein, JENS LÜTKE,
sprach, kam nur ein paar hundert
Meter weit.

Trotz überregionaler Mobilisierung
fanden weniger als 200 Neonazis
ihren Weg in die Hansestadt. Ein
breites Bündnis von Kirche, antifaschistischen Initiativen, Gewerkschaften und Parteien hatte zu den
erfolgreichen Blockaden der Naziroute aufgerufen. Im Verlauf des Tages
kam es zu einzelnen Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mit 2000
BeamtInnen vor Ort war.
Anders verlief der Tag in Neuruppin
(Brandenburg). Dort räumte die stark
vertretene Polizei eine Sitzblockade
von etwa 70 Personen unter zum Teil
massiver Gewaltanwendung, um den
rund 300 Neonazis ihren Marsch
unter dem Motto »Nationaler Sozialismus statt Kapitalfaschismus« zu
ermöglichen. Der Aufmarsch war von
den FREIEN KRÄFTEN NEURUPPIN angemeldet worden und fand unter Beteiligung der NPD statt. Das zeitgleich
durchgeführte Bürgerfest konnte
etwa 800 Gäste verbuchen, blieb
damit aber hinter den Erwartungen
der VeranstalterInnen zurück.

Milde Urteile für
Pölchow-Schläger
Rostock • Das Landgericht Rostock
verurteilte Mitte März MICHAEL GREWE,
Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion
in Mecklenburg-Vorpommern, zu
einer Bewährungsstrafe von einem
Jahr und fünf Monaten wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung.
Der Mitangeklagte DENNIS FRANKE
bekam ein Jahr auf Bewährung

4

Vom Jungbrunnen zur
Achillesferse der Nazi-Szene?
Hintergrund

Ü Massenblockaden treffen Naziaufmärsche

Die erfolgreichen Blockaden gegen den Naziaufmarsch in Dresden sind noch in guter Erinnerung. Erstmals gelang, was gerade hier lange Zeit nicht möglich schien: ein starkes Bündnis
stoppte die Nazis. Hat die Anti-Nazi-Bewegung also endlich das probate Mittel gegen die
Nazimärsche in der Hand? Wir haben zwei Mitglieder aus dem Bündnis »Dresden nazifrei«
gebeten, für uns Bilanz zu ziehen. Die Auswertungsthesen des Bündnis findet ihr unter
www.dresden-nazifrei.com.

B

is Mitte der 1990er-Jahre glaubte sich die
Atom-Industrie in der Bundesrepublik sicher.
Ihre KritikerInnen waren nicht verstummt, fanden aber trotz großer Unterstützung kein Mittel,
realen Druck aufzubauen. Dann begann ein Teil
der Anti-AKW-Bewegung, verstärkt auf öffentlich angekündigte Massenblockaden gegen die
Castor-Transporte zu setzen. Zehntausende
beteiligten sich bis zum Ende des Jahrzehnts an
den Aktionen. Die Bewegung erhielt einen kaum
mehr für möglich gehaltenen Aufschwung. Via
Heiligendamm fand das Mittel der offen angekündigten und vorbereiteten Massenblockade
auch Einzug in die Antifa-Bewegung.
Das Konzept
Die Massenblockaden gegen den Naziaufmarsch in Dresden sind der vorläufige Höhepunkt einer politischen Entwicklung der letzten
zwei bis drei Jahre, in der sich ein Teil der Antifa-Gruppen und ein Teil des bürgerlichen sowie
linksreformerischen Anti-Nazi-Spektrums – allerdings in bislang erst wenigen Städten – bewusst
dafür entschieden haben, gemeinsam ein neues
Konzept im Umgang mit Nazi-Aufmärschen zu
entwickeln und zu praktizieren.
Angesichts der weitgehenden Erfolglosigkeit
von »(weniger) hit and (mehr) run«-Aktionen
von Antifa-Gruppen und dem »Bratwurstessen
gegen Rechtsextremismus« bürgerlicher AntiNazigruppen anlässlich von Naziaufmärschen
wurde dies höchste Zeit. Schließlich haben sich
die polizeilich geschützten und relativ störungsfrei verlaufenen Aufmärsche der letzten 20 Jahre zum dauerhaften Mobilisierungs- und Initiationsfaktor einer erstarkenden extremen Rechten entwickelt.
Erfolgreiche Massenblockaden sind jedoch
äußerst voraussetzungsvoll: Es reicht nicht mehr,
sich nur um Aufruf, eventuelle Anmeldung und
Lautsprecherwagen zu kümmern. Massenblockaden verlangen vielmehr von den AkteurInnen
auch das politische Selbstbewußtsein und die
kulturelle Flexibilität, sich mit BündnispartnerInnen zu verständigen, mit denen es im Alltag

kaum oder sogar keine Berührungspunkte gibt.
Sie müssen sich über einen Aktionskonsens verständigen, einen »lokalen Erregungskorridor«
schaffen und das alles neben der ebenso aufwendigen Schaffung von Entscheidungs- und Infrastrukturen.
Die politischen Implikationen und möglichen
Auswirkungen dieses Konzepts, die im folgenden
genauer beschrieben werden, nähren die Hoffnung, dass es über das singuläre und temporäre
Ereignis einer örtlichen Blockade hinaus gelingen kann, aus der politischen Apathie auszubrechen, die seit dem »Antifa-Staatssommer« im
Jahre 2000 weite Teile der Antifa lähmte. Das linke Reformspektrum sowie das bürgerliche AntiNazi-Spektrum fanden ebenfalls keinen Weg aus
der Zuschauerrolle bei polizeilich geschützten
Naziaufmärschen.
Entscheidend für den Erfolg wird sein, ob
sich nach der Mühe der politischen Aktion nun
auch der Mühe der Reflektion und Weiterentwicklung des Konzepts unterzogen wird. Die
Bilanz- und Strategiekonferenz des bundesweiten Bündnis Dresden-Nazifrei vom 28.-30.Mai in
Jena wird dafür eine wichtige Möglichkeit sein.
(Siehe www.aktionsnetzwerk.de und www.dresden-nazifrei.com).
Erfolgskriterien
Wenn in Bezug auf die Massenblockaden in
Dresden von einem Erfolg gesprochen werden
kann, dann meint das – neben einer nicht zu
unterschätzenden Schlappe für die Nazis – gerade auch die Prozesse bei Antifa und linksreformerischer/bürgerlicher Anti-Nazi-Bewegung. Aus
einem Gegeneinander wurde bei relevanten Teilen aller Bewegungen mindestens ein Nebeneinander und teilweise schon ein Miteinander. Das
gilt sowohl für die Vorbereitung als auch für den
Tag selber, deutlich werdend an der Breite des
Spektrums der AufrufunterzeichnerInnen und
derjenigen, die am Tag selber auf der Straße
saßen. Die Vorarbeit dazu wurde längere Zeit von
Personen und Strukturen aus den verschiedenen
Bewegungen geleistet, eine besondere Bedeumonitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 45, april 2010

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.
tung kam der Aktionskonferenz von »No Pasarán« als Ort des Austausches und des Kennenlernens zu.
Politisch wichtig war die klare Orientierung
auf nicht nur symbolische Blockaden sowie die
vermittelte Glaubwürdigkeit, dass diese Orientierung ernsthaft, entschlossen und in aller Konsequenz umgesetzt werden wird. Dazu gehörte
ebenfalls, die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte und Organisationsgrade der Blockadewilligen im Blockadekonzept zu berücksichtigen, das
»3+1« genannt wurde. Organisierte Gruppen
übernahmen Verantwortung für 3 feste Blockadepunkte und mit dem sogenannten »+1 Punkt»
wurde ein Sammlungs- und Rückzugsort auch für
Nichtorganisierte geschaffen. Das Aktionsniveau
der Blockaden wurde im Vorfeld durch einen
gemeinsam ausgehandelten und veröffentlichten
Aktionskonsens definiert. Dieser lautete: »Von
uns wird keine Eskalation ausgehen. Unsere
Blockaden sind Menschenblockaden. Wir sind
solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen,
den Naziaufmarsch zu verhindern.« Damit wurde
ein kalkulierbarer, kollektiver Regelverstoß für
viele Menschen ermöglicht und zugleich bewusst
eine Spaltung in »gute« und »böse« AntifaschistInnen verweigert.
Die strategischen Züge polizeilichen Handelns
während eines Aktionstages folgen politischen
Prämissen, die weitestgehend im Vorfeld geschaffen werden und dementsprechend umkämpft
sind. Wesentlich mitentscheidend war und ist
daher eine politische Auseinandersetzung zugunsten der Legitimität, Naziaufmärsche zu blockieren – forciert durch eine eigene intensiven Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld. Ein
beträchtlicher Teil des Erfolges vom 13. Februar
wurde in den Wochen und Monaten zuvor organisiert: Der politische Preis einer gewaltsamen
Räumung der Blockaden durch die Polizei wäre
zu hoch gewesen. Die Verbote von antifaschistischen Kundgebungen auf der Neustädter Seite
konnten ebenfalls nicht durchgesetzt werden, da
die Zahl und die Zusammensetzung der Men-

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Geschafft: In Dresden blieb 2010 ein Nazi-Erfolg aus.

schen, die dieses Verbot ignorierten, den politischen Preis, den die Polizei hätte zahlen müssen,
unkalkulierbar machte.
Dass vor, während und nach den Blockaden
in Dresden nicht alles rosig war/ist, bleibt unbestritten. Auch wenn im Zusammenhang mit der
Dresden-Mobilisierung in vielen Orten eine größere Breite hergestellt wurde, hinkt die Möglichkeit der Teilhabe an Trainings einerseits und Planung/Gestaltung andererseits noch den Notwendigkeiten hinterher.
Das gilt auch für die inhaltliche Bearbeitung
des Themas extreme Rechte. So ist beispielsweise
der gemeinsamen Aktionsorientierung zuliebe
die Tiefe der gemeinsamen Analyse der Ursachen
des erstarkenden Neonazismus verringert worden
– bürgerlich-demokratische GegnerInnen des
Faschismus sind eben nicht automatisch gegen
den Kapitalismus und linke ReformerInnen nicht
AnhängerInnen irgendeiner Revolution. Hier gilt
allerdings, dass ein Schritt der realen Bewegung
in die richtige Richtung tausendmal wichtiger ist
als viele richtige Papiere ohne entsprechende
Praxis.
Ausblick
Die Nazis werden versuchen, ihre Niederlage
wettzumachen. Eine Eskalationsstrategie ihrerseits ist dabei nicht auszuschließen. Das Blockadekonzept wird sich noch stärker als bisher mit
der Frage auseinandersetzen müssen, wie es mit
Überfällen umgehen kann. In Dresden war der
Schutz der Blockaden den zahlreichen organisierten und spontanen Antifagruppen in der
Umgebung der Blockaden zu verdanken, deren

und Stefan V., dritter im Bunde,
wurde freigesprochen.
Hintergrund des Verfahrens war ein
Angriff von etwa 100 bis 150 Neonazis auf eine Gruppe linker
Jugendlicher im Sommer 2007 auf
dem Bahnhof von Pölchow (nahe
Rostock). Auch unbeteiligte weitere
Zugreisende waren bei dem ausgesprochen brutalen Überfall verletzt
worden.
Eine antifaschistische Prozessbeobachtungsgruppe kritisierte die milden Urteile als »fatales Signal« und
wies auf Ermittlungspannen der
Polizei hin. Ohnehin sei es nur
schwer verständlich, warum sich
überhaupt nur drei der rechten Pölchowschläger vor Gericht verantworten mussten.
Etwa 60 Neonazis wohnten der
Urteilsverkündung bei, die nur
durch eine Polizeikette von Angriffen gegen nicht-rechte ZuhörerInnen abgehalten werden
konnten.
Weitere Infos unter
www.poelchow-prozess.info.

Etwas weniger rechte
Gewalt im Osten
Ostdeutschland • Die Beratungsstellen für Betroffene rechter und
rassistischer Gewalt in den
ostdeutschen Bundesländern haben
im Jahr 2009 insgesamt 739 solcher
Angriffe registriert, bei denen
1669 Personen geschädigt wurden.
Die meisten Angriffe ereigneten sich
in Sachsen (263), es folgen Sachsen-Anhalt (111), Berlin (102),
Brandenburg (101), Thüringen (83)
sowie Mecklenburg-Vorpommern
(79). 2008 hatte es insgesamt 997
Angriffe gegeben.
Trotz der erfreulichen Tendenz sei
kein Anlass zur Entwarnung gegeben, teilten die Beratungsstellen
mit, denn es habe schon öfter letztlich nur kurzfristige Rückgänge der
Gewalttaten gegeben. Mit einer weiteren Erhöhung der Zahlen durch
Nachmeldungen sei zu rechnen,
hieß es außerdem. Für die westlichen Bundesländer liegen keine
Angaben vor, weil es dort weiterhin
kein unabhängiges Monitoring rechter Gewalt gibt.
Weitere Infos unter
www.opferperspektive.de.

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VS Bayern gegen aida e.V.
Bayern • Auch im bayrischen Verfassungsschutzbericht 2009 wird erneut
die Antifaschistische Informations-,
Dokumentations- und Archivstelle
München e.V. (aida) aus München
»linksextremistischer Bestrebungen«
verdächtigt. Wie schon im Vorjahr
wird dem bundesweit bekannten und
anerkannten Verein vorgeworfen, seine Aktivitäten seien »maßgeblich
geprägt durch Personen, die dem
linksextremistischen Spektrum zuzurechnen sind«.
Der Verein hatte schon gegen die
Berichte im Vorjahr einen Antrag auf
einstweilige Anordnung gestellt, eine
Antwort des Gerichts steht noch aus
(wir berichteten in monitor Nr.44
und Nr.40).

AGGB trifft das apabiz
Berlin • Die Arbeitsgemeinschaft der
Gedenkstättenbibliotheken (AGGB)
besuchte im Rahmen ihrer halbjährlichen Tagung am 26. März die
Räumlichkeiten des apabiz.
Das apabiz stellte den Anwesenden
ausführlich seine Geschichte und die
verschiedenen Bereiche der Arbeit
als Archiv und Bildungszentrum vor.
Nach einer Führung durch die Räumlichkeiten und Teilbereiche des
Bestandes folgte ein kurzer Überblick
über die aktuellen rechten Publikationen in Deutschland. Hierbei wurden nicht nur bekannte Periodika
dem Fachpublikum vorgestellt, sondern auch klandestine Kleinstveröffentlichung der extremen und militanten Rechte.
Die AGGB ist ein Zusammenschluss
von über 40 Bibliotheken der verschiedensten Gedenkstätten zum
Nationalsozialismus und zur
Geschichte der DDR. Vertreten sind
neben den Gedenkstättenbibliotheken auch eine Reihe von Institutionen wie der Gedenkstätte Deutscher
Widerstand und die Topographie des
Terrors. Weitere Informationen über
die AG wie der gemeinsame Bibliothekskatalog sind unter www.topographie.de/AGGB/ zu finden.

Führer der AWB tot
Südafrika • EUGENE TERREBLANCHE, der
langjährige Anführer der rechtsextremen AFRIKANER WEERSTANDS-BEWEGING
(AWB), ist tot. Der 69-Jährige wurde
Anfang April auf seiner Farm von
zwei Arbeitern erschlagen, denen
TERREBLANCHE wohl Lohn

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bestmöglicher Schutz vor Repression integraler
Bestandteil eines zukünftigen Konzeptes werden
muss. Die staatlichen Institutionen werden versuchen, den zivilen Ungehorsam einzudämmen.
Das gilt für die juristische Seite ebenso wie für
polizeitaktische Maßnahmen im Vorfeld sowie
am Aktionstag.
Und wir werden (nicht nur in Dresden) versuchen, unseren Erfolg zu wiederholen. Die Hürden dafür sind hoch, denn viele Antifa-Gruppen
werden sich aus einem identitären Selbstbezug
verabschieden müssen und nicht umhin kommen, einen positiven Begriff von »Politikfähigkeit« zu entwickeln. Das linke Reformspektrum
sowie das bürgerlich-demokratische Anti-NaziSpektrum muss hingegen begreifen, dass es einer
»Konfrontation« und damit einhergehender politischer Risiken bedarf, um zur Erreichung der
selbstgesetzten Ziele und zu einer politischen
Weiterentwicklung zu kommen.
Denn es geht um weit mehr, als »nur« die
Verhinderung eines Naziaufmarsches. Es geht um

die Transformation des kulturellen Politikverständnisses und der daraus erwachsenen
Aktionsformen. Es geht um die Frage, was und in
welcher Form auf den Straßen und Plätzen – und
nicht in Sälen hinter verschlossenen Türen – ausgehandelt wird.
Es geht darum, aus dem engen Korsett vorgegebener Konfliktregulierungsmechanismen auszubrechen. Es geht darum, dass ziviler Ungehorsam,
dass kollektive Regelüberschreitungen sowohl
Ausdruck von Selbstermächtigung sind als auch
zu weiterer Selbstermächtigung führen. Und es
geht darum, dass dieser emanzipatorische Impuls
zu einer Dynamik führen kann, die zum ersten
Mal seit sehr langer Zeit so etwas wie Gegenmacht
auch im Alltag erahnbar werden läßt.
Christoph (Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, Jena) / Mischa (Antifa-KOK, Düsseldorf/Neuss)

An dieser Stelle berichten wir über einzelne Arbeitsgebiete, Projekte, Sammlungen etc. aus dem
Archiv des apabiz, um so einen Einblick in unsere Arbeit zu ermöglichen.

archiv en detail Sondersammlung zu völkischen Feministinnen

Frauen im NS: SOPHIE ROGGE-BÖRNER und »DIE
DEUTSCHE KÄMPFERIN« 1933-37

G

elegentlich erhält das apabiz thematische
Sammlungen von JournalistInnen oder ForscherInnen, mit dem Zweck, diese allgemein
zugänglich zu machen. Eine Sammlung rund
um das Thema »Frauen im Nationalsozialismus« wurde im März für die Arbeit im apabiz erschlossen und systematisiert.
Es handelt sich um eine Vielzahl von Primär- und Sekundärliteratur, die von der Politologin Anne Jung Mitte der 1990er-Jahre
zusammengetragen wurden. Neben Grundlagentexten zur völkischen Ideologie oder
Materialen zu Gertrud Bäumer (1873-1954),
ehemalige Vorsitzende des »Bundes Deutscher
Frauenvereine« und wichtige Figur der bürgerlichen Frauenbewegung findet sich darin die
komplette Ausgabe der Zeitschrift »DIE DEUTSCHE
KÄMPFERIN«. Diese im April 1933 gegründete
Zeitschrift wurde herausgegeben von SOPHIE
ROGGE-BÖRNER (1878-1955) und erschien bis zu
ihrem Verbot durch die Gestapo 1937 in monatlichem Turnus mit einer Durchschnittsauflage
von 2600 Exemplaren.
Die Herausgeberin zählte zu einer Gruppe
völkischer Feministinnen, die in der bisherigen
Frauenforschung weitgehend ausgeblendet

wurden und im Gegensatz zu den deutschen
Faschistinnen und Faschisten für die Gleichberechtigung der arischen Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen eintraten.
Anne Jung nimmt sich dieses Themas an
und beschäftigt sich damit eingehend in ihrer
Examensarbeit mit dem Titel »Probleme und
Kontroversen des ‚neuen' Staates und seines
Selbstverständnisses im Spiegel der Zeitschrift
‚Die Deutsche Kämpferin. Stimmen zur Gestaltung der wahrhaftigen Volksgemeinschaft'«.
Diese Arbeit ist sozusagen das »Herzstück« der
vorliegenden Sammlung. Anne Jung bricht darin mit klassischen Täterin-Opfer-Zuweisungen
und zeigt auf, dass neben denjenigen Täterinnen, die sich konform mit der NS-Frauenpolitik zeigten, ebensolche existierten, die feministische Theorieelemente in Verbindung setzten
mit einer völkisch-faschistischen Ideologie.
Einer viel verbreiteten »Homogenisierung der
Täterin-Opfer Perspektive« setzt sie eine (wünschenswert) dezidierte Auseinandersetzung
mit verschiedenen Handlungsmotiven der Täterinnen entgegen.
Die Materialien stehen ab sofort zur Verfügung.
apabiz

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 45, april 2010

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Europäische Rechte im Blick
Ü

Sammelrezension Drei aktuelle Veröffentlichungen
beschreiben unterschiedliche Gesichtspunkte extrem rechter
Parteien und Strömungen in Europa

»

Die Bedrohung demokratischer und menschenrechtlicher Standards durch Rassismus und
Rechtsextremismus sind europaweite, internationale Phänomene«, schreibt Frauke Büttner in dem
gerade erschienenen Buch »Rechtsextremismus
in Deutschland und Europa«. Das weite Feld
Rechtsextremismus für ganz Europa zu erfassen,
ist eine große Herausforderung für jeden Sammelband. So fallen in dem Buch, das 12 Beiträge aus
unterschiedlichen Blickwinkeln und von unterschiedlicher Qualität zusammenbringt, einige Länder und auch wichtige Facetten der extremen
Rechten unter den Tisch.
Schade ist, dass die EU-Parlamentswahlergebnisse von Juni 2009 nicht mehr in die Analysen
eingeflossen sind, wo doch die Darstellungen und
Analysen extrem rechter und rechtspopulistischer
Parteien in Europa den meisten Raum einnehmen.
Es gibt aber auch Beiträge wie jenen von Büttner
zu Spanien oder der überaus interessante Beitrag
von Julia Verse zum irischen Nationalismus, die
andere Perspektiven und Diskurse oder Strategien
gegen rechts in den Fokus stellen.
Während die meisten Beiträge zu Deutschland
wenig Neues bieten und eine enge Orientierung
am Verfassungsschutz erkennen lassen, so ist der
Länder vergleichende Artikel von Britta Schellenberg ein sehr guter Überblick über die wichtigsten
extrem rechten parlamentarischen Akteure sowie
die zunehmenden islamfeindlichen Bewegungen
in Europa. Leider findet die europäische extreme
Rechte jenseits von Parteien in dem Sammelband
nur an einzelnen Stellen Erwähnung, selbst
bedeutende Netzwerke wie BLOOD & HONOUR und
internationale Neonazi-Festivals sind allerhöchstens eine Randnotiz wert.
Wer also ein über die Parteienlandschaft hinausgehendes Gespür für die europäische extreme
Rechte bekommen will, dem oder der sei das Buch
»Gefährliche Liebschaften. Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr« ans Herz
gelegt. Zwar geht es hier »nur« um Neonazis in
Deutschland und Tschechien, doch der Blick auf
deren Vernetzung und die Verbreitung neonazistischer Aktionsformen und Themen über Landesgrenzen hinweg ist auch exemplarisch zu lesen.
Die aus einem gemeinsamen Rechercheprojekt von
dem Kulturbüro Sachsen und Tolerance a obcansk´a
spoplecnost (Prag) entstandene Broschüre, die 21
Beiträge umfasst, beleuchtet neben der historischen Genese des organisierten Rechtsextre-

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 45, april 2010

mismus in beiden Ländern auch die Konfliktlinien
grenzüberschreitender Zusammenarbeit und subkulturelle Aspekte wie den Musikhandel.
Rassismus und Rechtsextremismus werden
hier nicht nur als verfassungsrechtliches Problem
behandelt, sondern auch der gesellschaftliche
Umgang mit der extremen Rechten sowie die Situation von Opfern rechter Gewalt werden vergleichend und kritisch dargestellt. Ein spannendes
Büchlein, das auch für interessierte und engagierte Menschen fernab der deutsch-tschechischen
Grenze von exemplarischer Bedeutung ist.
Einen anderen Blickwinkel verfolgen die beiden österreichischen Journalisten Gregor Mayer
und Bernhard Odehnal in ihrem Buch »Aufmarsch
– Die rechte Gefahr aus Osteuropa«. Die langjährigen Osteuropa-Korrespondenten berichten
über die aktuelle Situation in Ungarn, Tschechien,
Slowakei, Kroatien sowie Serbien und Bulgarien.
Beschrieben werden nicht nur die aktuellen Ereignisse, sondern auch kurze Einblicke in die historischen Bezugspunkte der rechten Gruppierungen
und Parteien geliefert.
Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung
Ungarns. Dort hat sich in den letzten Jahren mit
der Partei JOBBIK, inzwischen mit drei Abgeordneten im EU-Parlament vertreten, eine erfolgreiche
Rechtsaußenpartei etabliert. Eindrucksvoll wird
auch die Situation der Roma in Ungarn und der
dort grassierende Antiziganismus beschrieben.
Leider setzt sich diese Tiefe und Ausführlichkeit
nicht in den weiteren Länderbeschreibungen fort.
Nach den sechs Beiträgen zu den einzelnen Ländern fehlt es an einer verbindenden Abschlusseinschätzungen, so bleiben die teilweise deprimierenden Darstellungen für sich stehen.
Aber trotzdem bietet das Buch einen spannenden Einblick in die politischen Verhältnisse in Ländern, die oft nur eine Randnotiz in der Berichterstattung über rechte Entwicklungen sind.
Eike Sanders/Patrick Schwarz
Holger Spöhr/Sarah Kolls (Hrsg.): Rechtsextremismus in Deutschland und Europa. Aktuelle Entwicklungstendenzen im Vergleich. Frankfurt am
Main: Peter Lang, 2010.
Heinrich-Böll-Stiftung und Kulturbüro Sachsen e.V.
(Hrsg.): Gefährliche Liebschaften. Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr. Berlin/Dresden:
2008.
Gregor Mayer / Bernhard Odehnal: Aufmarsch - Die
rechte Gefahr aus Osteuropa. Mit einem Geleitwort
von Paul Lendvai. St. Pölten: Residenz, 2010.

schuldig geblieben war.
Die Trauerfeier nutzte die seit Jahren geschwächte rassistische Burenbewegung, um sich politisch in Szene zu setzen. Die AWB besitzt nach
Presseangaben nur noch mehrere
Hundert Mitglieder, zu ihren Hochzeiten waren es 70.000 (unten ein
Foto bewaffneter AWBler von 1993).

Sie vertritt heute nur noch die
Interessen weißer Farmer, die laut
AWB durch Morde bedroht sind. An
der Trauerfeier nahmen Tausende
teil, die zum Teil in Kampfanzüge
gekleidet zur Rache aufriefen.

Ungarn: Extrem rechte
JOBBIK feiert Wahlsieg
Ungarn • Bei den Parlamentswahlen am 11.April 2010 gab es in
Ungarn einen massiven Rechtsruck.
Nicht nur konnte die nationalkonservative Fidesz-Partei mit 52,8%
einen gewaltigen Wahlsieg erringen, auch die extrem rechte JOBBIKPARTEI (siehe auch Artikel auf dieser
Seite) kam auf 16,7%.
Damit ändern sich die parlamentarischen Verhältnisse schlagartig. Die
bisherige sozialistische Regierungspartei MSZP rutschte von knapp
46% auf 19,3%, die Fidesz wird
entweder zusammen mit der JOBBIK
oder auch alleine auf eine
Zweidrittelmehrheit kommen.
Die extrem rechte JOBBIK-PARTEI,
deren Name sowohl »rechts« als
auch »die Besseren« bedeutet, und
ihr Chef GÁBOR VONA haben in den
letzten Jahren immer wieder
Schlagzeilen gemacht – zuletzt
durch die Aufstellung einer eigenen
paramilitärischen »Gendarmerie«:
die sogenannte UNGARISCHE GARDE war
Mitte 2009 verboten worden.
Mit dem Wahlsieg der Nationalkonservativen und der extremen Rechten dürften vor allem den Roma,
Juden und Jüdinnen aber auch
Angehörigen anderer Minderheiten,
AntifaschistInnen und Linken ungemütliche Zeiten bevorstehen.

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In dieser Rubrik wollen wir Euch
einen kurzen Überblick über
Bücher, Broschüren und andere
Medien geben, die im Archiv neu
eingegangen und ab sofort verfügbar sind. Darüber hinaus werden wir auf bestimmte Sachgebiete hinweisen, zu denen Ihr
Sammlungen bei uns finden könnt. Danke an die Verlage.

Neu im Archiv
• Mounajed, René: Geschichte in Sequenzen.
Über den Einsatz von Geschichtscomics im
Geschichtsunterricht. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2009.
Die Dissertation des Göttinger Geschichtsdidaktikers René Mounajed fragt nach den Möglichkeiten, Comics im Geschichtsunterricht einsetzen zu können. Dass etwa auch der Holocaust mit dem lange Zeit als trivial geltenden
Medium des Comics angemessen thematisiert
werden kann, dürfte sich spätestens seit Art
Spiegelmans Zweibänder Maus herumgesprochen haben. Gerade auch die umfangreiche
Bibliographie am Ende des 300-seitigen Buchs
von Mounajed lädt ein, sich über weitere gelungene (und auch weniger gelungene) Comics
über den Nationalsozialismus zu informieren.
• Schulte, Jan Erik (Hrsg.): Die SS, Himmler und
die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg Band 7. Ferdinand Schöningh,
Paderborn 2009.
Bereits im Jahr 2005 führte das Kreismuseum Wewelsburg (bei Paderborn) eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel »Wewelsburg
und die SS« zur Geschichte der SS-Ordensburg
durch. In dem über 500 Seiten umfassenden
Sammelband zu dieser Tagung sind aber auch
eine Reihe von weiteren Beiträgen zu finden.
Die Artikel beleuchten u. a. einzelne Fragmente
der Nutzung der Renaissance-Burg durch die SS
sowie das nahe liegenden KZ Niederhagen.
Neben den Grundlagenbeiträgen über die
Struktur und Organisation der SS werden im
Abschnitt »Kontinuitäten« auch die Geschichte
und die Bedeutung der Wewelsburg nach 1945
beleuchtet, z. B. in einem Beitrag über die Rolle der Wewelsburg in der esoterischen und rechten Literatur nach 1945. Die Tagung und der
dazugehörige Tagungsband bilden u.a. die
Grundlage für die neukonzipierte Dauerausstellung »Ideologie und Terror der SS« des Kreismuseums auf der Burg Wewelsburg, die am 15.
April eröffnet wurde.
• Heimlich, Steven: Rechte Leute von links – Die
68er-Bewegung im Fokus der »Neuen Rechten«.
Tectum, Marburg 2009.
In der Veröffentlichung seiner akademischen Abschlußarbeit widmet sich der Autor
einigen ausgewählten Protagonisten der
bundesdeutschen »68er«-Bewegung, die sich
inzwischen in der politischen Rechte engagieren bzw. wieder gefunden haben.

Nach einer notwendigen Auseinandersetzung mit dem Begriff »Neue Rechte« stellt
Heimlich die Rezeption der »68er« anhand rechter Veröffentlichungen dar. Im Mittelpunkt der
Untersuchung der »Instrumentalisierung« stehen hierbei u.a. HORST MAHLER und BERND RABEHL
sowie die Rezeption der Person Rudi Dutschke.
Auffällig ist die unzureichende Quellenauswahl
des Autors, der scheinbar überwiegend Internetquellen und Sekundärliteratur bei seiner
Lektüre einbezog sowie deren oberflächliche
Bewertung. Ebenfalls scheint der Verlag auf ein
Lektorat bei dieser Veröffentlichung verzichtet
zu haben.
• Osuch, Florian: »Blüten« aus dem KZ – Die
Falschgeldaktion »Operation Bernhard« im Konzentrationslager Sachsenhausen. VSA, Hamburg
2009.
In dem KZ Sachsenhausen wurde 144 jüdische Facharbeiter aus verschiedenen europäischen Ländern gezwungen, gefälschte Banknoten herzustellen. Mit dem Buch des Autors liegt
die erste historische Veröffentlichung unter
Einbeziehung der verwendeten Drucktechnik
über die bisher größte bekannte Geldfälschungsaktion vor. Bisher erschienen u.a. die
Erinnerungen des ehemaligen Häftlings Alois
Burger und der oscarprämierte Film »Die Fälscher«. Burger wurde neben einem weiteren
Überlebenden der »Operation Bernhard« von
Osuch für seine nun veröffentlichte Diplomarbeit interviewt.
• Kershaw, Ian: Der NS-Staat – Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick,
Nikol, Hamburg 2009.
Der englische Historiker Ian Kershaw zeigt
die wesentlichen Forschungsdiskussionen in der
Erforschung des Nationalsozialismus anschaulich, aber auch strikt wissenschaftlich auf.
Hierbei geht der Autor auf die spezielle Forschungsgeschichte von einzelnen Aspekten des
Nationalsozialismus wie Außenpolitik, Holocaust und Wirtschaft ein und zeigt hierbei die
wesentlichen Forschungsliteratur auf.
Seit der Erstveröffentlichung des Standardwerks im Jahre 1985 wurde das Buch mehrmals
vom Autor überarbeitet und neu aufgelegt.
• Gossweiler, Kurt: Der Putsch, der keiner war.
Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf
im deutschen Faschismus. PapyRossa, Köln 2009.
Reprint der ersten Auflage von 1983.

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