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Full text: Monitor Issue 29.2007 special

monitor

special

rundbrief des apabiz e. v. | nr. 29, märz 2007

Generalmusikdirektor a. D.
dirigiert für Neonazis
Ü

Bericht
Der ehemalige Chefdirigent der Komischen Oper ist
für den FREUNDESKREIS ULRICH VON HUTTEN aktiv
Er ist ein über 80-jähriger ehemaliger Generalmusikdirektor und für seine langjährigen Verdienste zum Ehrenmitglied zweier Opernhäuser ernannt worden. Im Jahr 2000 wurde er mit
dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Eben dieser Professor ROLF REUTER schult
junge Singleiter für den neonazistischen FREUNDESKREIS ULRICH VON HUTTEN.

R

REUTER hat einen beeindruckenden
Lebenslauf vorzuweisen: Generalmusikdirektor an der Oper Leipzig, am Nationaltheater
in Weimar und der Komischen Oper in Berlin; er
unterrichtete an Musikhochschulen in Leipzig,
Weimar, Berlin, München, Lyon. »Als Operndirigent hat er sich vor allem als Mozart- und
Wagnerdirigent einen geachteten Ruf erworben,
und Gastverpflichtungen führen ihn ständig an
die großen Opernhäuser Europas und nach
Übersee«, schreibt das Berliner Philharmonische Kammerorchester über ihn.1
Seit Mitte der 1990er Jahre taucht REUTER
zunächst sporadisch und später immer häufiger
in extrem rechten Zusammenhängen auf. Er
positionierte sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit – für Leugner des Holocaust. Schon
1996 unterzeichnete er den »Appell der 100.
Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr«, eine Solidaritätsadresse für den Verleger WIGBERT
GRABERT, der wegen des Vertriebs des Auschwitz
leugnenden Buches »Grundlagen zur Zeitgeschichte« zu einer Geldstrafe verurteilt worden
war.
OLF

NATION & EUROPA mit Foto und ausführlicher Vita
des Verfassers – »zählt zu den namhaftesten
Musikwissenschaftlern unserer Zeit« – abgedruckt.2 REUTER wiederholt bekannte rechtsex-

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monitor ist nicht im abo erhältlich,
aber fördermitglieder bekommen ihn
zugeschickt.

Das apabiz e. V. informiert seit 1991
über die extreme Rechte. Unsere Informationen stehen allen Personen und
Initiativen zur Verfügung. Umgekehrt
sind wir an Euren Einschätzungen und
Erfahrungen interessiert. Gerne vereinbaren wir einen Austausch oder nehmen
Euch in unsere Mailingliste auf.
Archiv: Für Recherchen halten wir unser
Archiv bereit, das eines der größten
dieser Art in der BRD ist. Wir verfügen
über rechte Publikationen, Videos, CDs
u.a.m. Diese Primärquellen werden
ergänzt durch eine Datenbank, in der
Presseveröffentlichungen seit Anfang
der 90er Jahre erfasst sind, eine
umfangreiche Präsenzbibliothek, verschiedene Sondersammlungen sowie
antifaschistische Publikationen aus
ganz Europa und den USA.

Deutsche Scham
Zwei Jahre später verlangte ROLF REUTER in
einem offenen Brief von der Internationalen
Gesellschaft für Menschenrechte, sofort gegen
den »Gesinnungsterror« in Deutschland vorzugehen. Anlass waren REUTER erneut zwei Verurteilungen gegen die rechtsextremen Verleger
ANDREAS RÖHLER und UDO WALENDY. Für beide forderte er Gedankenfreiheit: »Ich schäme mich
als Deutscher für dieses ‘im Namen des Volkes’
begangene Unrecht.« Der Brief wurde in einschlägig rechtsextremen Publikationen wie

antifaschistisches pressearchiv und
bildungszentrum berlin e.v. (apabiz)

treme Topoi, um sich zum Anwalt von rechtsextremen Volksverhetzern zu machen. Seine
Privatadresse taucht im Notizbuch des Schweizer Holocaust-Leugners BERNHARD SCHAUB auf.
Für REUTERS Arbeit hatten solche politischen
Aktivitäten keinerlei Folgen. Seitdem er 1993
sein Engagement als Chefdirigent der Komischen Oper beendet hatte, führt er seine Tätigkeit an diversen Instituten fort.

Massiver Anstieg rechter Gewalt in Berlin 2006 Seite 1 | Generalmusikdirektor a. D. dirigiert für
Neonazis Seite 4 | bildung en detail Seite 4 | Chemtrails: Gift am Himmel Seite 6 |
17,5 Prozent sind weiblich Seite 7 | Neu im Archiv Seite 8

Bildung: Unser ReferentInnen-Katalog
(siehe www.apabiz.de) umfasst mehr als
40 Vorträge und Seminare aus diversen
Bereichen, für die ReferentInnen bei
uns angefordert werden können. Zu
bestimmten Themen haben wir ReferentInnen-Koffer erstellt, die die eigenständige Durchführung von Veranstaltungen ermöglichen, oder halten wir
Handreichungen bereit.
Publikationen: Ergebnisse unserer Arbeit
verwerten wir nicht nur im monitor, sondern auch in Broschüren, Pressemitteilungen, Handreichungen und sonstigen
Publikationen. Diese und weitere Materialien findet ihr unter www.apabiz.de.

monitor – rundbrief des apabiz e.v. | v.i.s.d.p.:
apabiz e.v. | dank an unsere fördermitglieder,
die mit ihrem beitrag die finanzierung unterstützen | erscheinungsweise: alle zwei monate |
fotos: alle rechte liegen bei den fotografen

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Nazi-Anwalt als Autor
bei C.H. Beck
Berlin • Der als Strafverteidiger von
Rechtsextremisten bekannt gewordene Rechtsanwalt Carsten Schrank
tritt auch als Autor des renommierten Verlages C.H. Beck auf. Sein in
der Nazi-Szene bisher beliebtestes
Buch »Richtiges Verhalten im Strafverfahren« hat er 2001 dort als
Rechtsratgeber in der dtv-Reihe veröffentlichen können. Bekannt geworden ist Schrank als Verteidiger in den
Verfahren gegen die Täter der Menschenjagd in Guben, gegen Mitglieder der Skinheads Sächsische
Schweiz sowie als Vertreter der NPD
– unter anderem für den NPD-Parteivorsitzenden Udo Voigt.
Im November 2006 hat der Anwalt
sein inzwischen drittes Buch veröffentlicht. Unter der Überschrift
»Rechts-Staat Deutschland?« versammelt Schrank substanzlose
Betrachtungen zum »Kampf der
Justiz gegen Rechtsextremisten«,
wie es im Untertitel heißt. Auf Dutzenden von Seiten ventiliert er die
sattsam bekannte Leier, dass der
Rechtsstaat die Rechtsextremisten
nicht rechtsstaatlich behandele. Seine eigene Rolle blendet Schrank aus
und vermittelt den Schein des objektiven Juristen. So zitiert er volksverhetzende Landser-Texte ohne zu
erwähnen, dass er selber ein SoliKonto für die Bandmitglieder einrichtete. Ebenso verteidigt Schrank
auf vielen Seiten die Positionen der
NPD, für die er Rechtsschulungen
durchführte.

Landesparteitag der
Berliner NPD
Berlin • Am 4. Februar fand in Schöneweide unter Ausschluss der 6
4Öffentlichkeit der NPD-Landesparteitag statt. Da es der Parteiführung
gelang, den Veranstaltungsort bis
zum Schluss geheim zu halten, konnte dieser ohne Störungen durchgeführt werden. Die Berliner Polizeiführung soll bereits einige Tage zuvor
vom geplanten Tagungsort gewusst
haben, diesen jedoch erst unmittelbar zu Veranstaltungsbeginn bekannt
gegeben haben, um antifaschistische
Proteste unmöglich zu machen.

2

Gefragter DKG-Referent
Seit dem Jahr 2001 lassen sich die Teilnahme des Generalmusikdirektor a. D. und frisch
dekorierten Professor ROLF REUTER an den Gästewochen der DEUTSCHEN KULTURGEMEINSCHAFT (DKG)
und seine teilweise Tätigkeit als Referent auf
diesen Veranstaltungen belegen. Er bringt dort
seine musikalischen Qualifikationen für den
Nachwuchs ein und setzt bei seinen Referaten
bekannte Komponisten in das Verhältnis zur
»deutschen Volksseele«.3 Eine Formulierung,
die auch Ausdruck von REUTERS Interesse an der
Anthroposophie sein könnte.4 An seiner Seite
referieren bekannte Exponenten des österreichischen und bundesdeutschen Neonazismus.
Im Mai 2006 führte REUTER als Referent durch
das Thema »Das Volkslied als Mutterboden der
musikalischen Hochkultur«. Anlass war der erste

Völkische Kultur und Verherrlichung des Nationalsozialismus: Huttenbriefe, die Publikation des Freundeskreises

Singleiterkurs einer neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft »Volk und Musik« im FREUNDESKREIS
ULRICH VON HUTTEN. Neben Reuter sprach die Vorsitzende der DEUTSCHEN KULTURGEMEINSCHAFT, LISBETH
GROLITSCH. Anschließend »nahmen die Anwesenden mit viel Lust und Freude an der praktischen
Sing- und Dirigierarbeit teil.«5 Hier macht die
DKG noch mal in völkischem Duktus deutlich,
welches Lied bei ihnen gesungen wird: »Die
Tagung war auch eine Absage an den Bänkelsänger- und Rockmusikstil, der sich leider auch bei
nationalen Veranstaltungen eingenistet hat.«
Der FREUNDESKREIS ULRICH VON HUTTEN ist
gemeinsam mit der von ihm angeleiteten DKG

eine der wichtigsten Kaderorganisationen innerhalb des deutschen Neofaschismus. Seine Aufgabe sieht er v. a. in der Wissensvermittlung und
Schulung der jungen Kader, seine Tagungen dienen als Treffen der neofaschistischen Führungspersonen und zur Kontaktaufnahme zwischen
der älteren Generation und dem Nachwuchs.
Fazit
Warum ROLF REUTER in diesem politischen
Spektrum so aufdringlich tätig wird, wundert
doch. Auch wenn der Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens gewiss vorbei ist: Was treibt
einen Mann, den man ohne Zweifel einer musikalischen wie gesellschaftlichen Elite zuordnen
darf, dazu, den Taktstock für völkische Neonazis
zu schwingen? Seine politischen Meinungsäußerungen lassen keinen Zweifel daran zu, dass er
wusste, mit wem er es zu tun hat.
Die Komische Oper in Berlin zumindest
nimmt die vorgebrachten Aktivitäten REUTERS
sehr ernst und prüft, ob die Ehrenmitgliedschaft
in dem Hause, dem er lange Jahre als Chefdirigent seinen Stempel aufdrückte, Bestand haben
kann. Wir denken, dass solch eine Kulturarbeit
nicht nur dem Hause der Komischen Oper keine
Ehre machen kann. Seine gesamte aktuelle Lehrtätigkeit steht dringend zur Diskussion, ebenso
wie seine Ehrung durch das Bundesverdienstkreuz. Inwieweit seine frühere musikalische
Arbeit durch diese neuen Fakten in einem anderen Licht dastehen und eventuell neu bewertet
gehören, dazu sollten sich seine Weggefährten
äußern.
Ulli Jentsch
1) Siehe http://www.philharmonie.com/rolf_reuter.htm, eingesehen am 25.10.2006.
2) NATION & EUROPA, Heft 9, September 1998, S. 58; Flugblatt
bei ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR DEMOKRATISCHE POLITIK (AFP), 1998.
3) Die Referate trugen die Titel »Händel und die deutsche
Volksseele«, das gleiche für von Weber, Bruckner, Haydn
und Beethoven.
4) REUTER war bekannt mit dem verstorbenen Leiter des COLLEGIUM HUMANUM und rechtsextremen Anthroposophen WERNER
GEORG HAVERBECK.
5) HUTTENBRIEFE 2/2006, S. 10.

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