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Full text: Monitor Issue 27.2006

monitor
rundbrief des apabiz e. v. | nr. 27, oktober 2006

Der »Kampf um die Straße«
ist vom »Kampf um die
Parlamente« nicht zu trennen
Hintergrund

Ü Zur »Demonstrationspolitik« der extremen Rechten

Mit dem Einzug der NPD in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns am 17. September gelangt
die neofaschistische Partei nicht nur in den Besitz erheblicher zusätzlicher Geldmittel und
kann das Parlament – wie bereits in Sachsen – als Plattform für ihre Propaganda benutzen.
Auch die Bündnisse mit der DVU und den neonazistischen Gruppen und Netzwerken sind
durch diesen Erfolg stabilisiert worden. Aus Sicht der NPD wird es nun darauf ankommen,
einerseits jene WählerInnen, die der Partei erstmals ihre Stimme gegeben haben, an die Partei zu binden – hierbei dürfte insbesondere die zukünftige Arbeit der Landtagsfraktion eine
beträchtliche Rolle spielen. Andererseits muss die Partei bewegungs- und szeneintern weiterhin Angebote machen, die das aktionsorientierte Spektrum der extremen Rechten ansprechen.
Hier kommt auch weiterhin Demonstrationen eine wichtige Bedeutung zu.

A

ls politische Aktionsform haben Demonstrationen für die extreme Rechte, insbesondere die NPD und neonazistische Akteure,
seit Mitte der 1990er Jahre erheblich an Bedeutung gewonnen und sind zum festen Bestandteil ihres Aktionsrepertoires geworden. Wie der
Soziologe Fabian Virchow in einer Untersuchung über diese Form rechter Mobilisierung (s.
hierzu die Rezension auf S. 7 in diesem monitor) zeigen konnte, hat die Zahl der jährlich
stattfindenden neofaschistischen Demonstrationen bzw. Aufmärsche deutlich zugenommen.
Gab es ihm zufolge 1997 nur 25 solcher Aktionen mit mehr als 50 Teilnehmenden, so waren
es in den Folgejahren erheblich mehr: 46
(1998), 53 (1999), 70 (2000), 107 (2001), 84

(2002), 92 (2003) und 102 (2004). Auch im vergangenen Jahr wurden über einhundert solcher
Aktionen gezählt. Mittlerweile hat sich eine
Art jährlicher »Demonstrationskalender«
bundesweit organisierter Aufmärsche herausgebildet: Mitte Februar (Dresden), 1. Mai, Mitte
August (Hess-Verehrung) und Mitte November
(Halbe bei Berlin).
Etwa ein Viertel der seit 1998 durchgeführten neofaschistischen Aufmärsche richtete sich
gegen das drohende NPD-Verbot oder andere
staatliche Maßnahmen sowie gegen gesellschaftliche Aktivitäten gegen die extreme
Rechte. Weitere Aktionsschwerpunkte waren
völkische und antisemitische Globalisierungsbzw. Kapitalismuskritik, nationalistische, re-

Sichtbare Unterschiede: FAP-Aufmarsch 1993 in Berlin – NPD-Aufmarsch 2004 in Berlin.

antifaschistisches pressearchiv und
bildungszentrum berlin e.v. (apabiz)
lausitzerstr. 10 | 10999 berlin
geöffnet do von 15 bis 19 uhr und
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blz: 100 205 00
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monitor ist nicht im abo erhältlich,
aber fördermitglieder bekommen ihn
zugeschickt.

Das apabiz e. V. informiert seit 1991
über die extreme Rechte. Unsere Informationen stehen allen Personen und
Initiativen zur Verfügung. Umgekehrt
sind wir an Euren Einschätzungen und
Erfahrungen interessiert. Gerne vereinbaren wir einen Austausch oder nehmen
Euch in unsere Mailingliste auf.
Archiv: Für Recherchen halten wir unser
Archiv bereit, das eines der größten
dieser Art in der BRD ist. Wir verfügen
über rechte Publikationen, Videos, CDs
u.a.m. Diese Primärquellen werden
ergänzt durch eine Datenbank, in der
Presseveröffentlichungen seit Anfang
der 90er Jahre erfasst sind, eine
umfangreiche Präsenzbibliothek, verschiedene Sondersammlungen sowie
antifaschistische Publikationen aus
ganz Europa und den USA.
Bildung: Unser ReferentInnen-Katalog
(siehe www.apabiz.de) umfasst mehr als
40 Vorträge und Seminare aus diversen
Bereichen, für die ReferentInnen bei
uns angefordert werden können. Zu
bestimmten Themen haben wir ReferentInnen-Koffer erstellt, die die eigenständige Durchführung von Veranstaltungen ermöglichen, oder halten wir
Handreichungen bereit.
Publikationen: Ergebnisse unserer Arbeit
verwerten wir nicht nur im monitor, sondern auch in Broschüren, Pressemitteilungen, Handreichungen und sonstigen
Publikationen. Diese und weitere Materialien findet ihr unter www.apabiz.de.

Der »Kampf um die Straße« ist vom »Kampf um die Parlamente« nicht zu trennen Seite 1 | archiv en
detail Seite 2 | Das NPD-Gerücht

Seite 4 | Keine Angst vor Antifa und Illuminati Seite 6

Rezension Seite 7 | bildung en detail Seite 7 | Neu im Archiv Seite 8

monitor – rundbrief des apabiz e.v. | v.i.s.d.p.:
apabiz e.v. | dank an unsere fördermitglieder,
die mit ihrem beitrag die finanzierung unterstützen | erscheinungsweise: alle zwei monate |
fotos: alle rechte liegen bei den fotografen

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Rechtsextreme Wahlerfolge
in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen
Berlin/Rostock • Die NPD hat bei
den Wahlen in drei Bundesländern
erwartete Wahlerfolge erzielt. In Berlin konnte die neonazistische Partei
ihren Zweitstimmenanteil auf 2,6 %
steigern (35.162 Stimmen) und wurde stärkste rechtsextreme Kraft vor
den REPUBLIKANERN mit 0,9 %.
Bei den gleichzeitig stattfindenden
Kommunalwahlen zog die NPD mit
elf Kandidaten in vier Bezirksparlamente ein: Neukölln (3,9 %; THOMAS
VIERK, JAN STURM), Treptow-Köpenick
(5,3 %; UDO VOIGT, ECKART BRÄUNIGER,
FRITZ LIEBENOW) Marzahn-Hellersdorf
(6,4 %; WOLFGANG CHIEDUCH, KARL-HEINZ
BURKHARDT, MATTHIAS WICHMANN), Lichtenberg (6,0 %; MANUELA TÖNHARDT,
JÖRG HÄHNEL, TORSTEN MEYER). Mit TÖNHARDT, BURKHARDT und MEYER sind drei
DVU-Mitglieder in die Bezirksparlamente eingezogen. In Pankow wurde
der REPUBLIKANER MICHAEL RAUSCHENBACH
als Bezirksverordneter gewählt. Mehr
dazu unter http://www.apabiz.de.
Bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern konnte die NPD unter Spitzenkandidat UDO PASTÖRS (Lübtheen)
ihre kommunale Verankerung in
einen ungefährdeten Einzug in den
Landtag ummünzen. Mit 7,3 % stelllen die Neonazis nun die zweite
Landtagsfraktion neben Sachsen.
Gewählt wurden neben Udo Pastörs
TINO MÜLLER, MICHAEL ANDREJEWSKI, STEFAN KÖSTER, BIRGER LÜSSOW und RAIMUND
BORRMANN.
Auch die Kommunalwahlen in Niedersachsen am 10. September bescherten der NPD Zuwächse. Siebzehn
Kandidaten errangen insgesamt 24
Mandate, zum Teil über Wählergemeinschaften: ADOLF PREUß, FRIEDRICH
PREUß, ELKE RAABE, THOMAS KUPFERSCHMIDT, STEFFEN DITTRICH, MICHAEL HAHN,
ADOLF DAMMANN, PETER BRINKMANN,
HEINRICH THOMFOHRDE, MARC REUTER, DR.
RIGOLF HENNIG, DANIEL FÜRSTENBERG, PETER
MÜLLER, CHRISTIAN BERISHA, CHRISTIAN
GROß, WILHELM KÖHLER, DENNIS
PIETSCH.

Kameradschaftssterben
in Brandenburg
Brandenburg • Innerhalb weniger
Wochen haben sich im Süden des
Landes Brandenburg mehrere Neonazi-Kameradschaften formell aufgelöst. Den Anfang machte Mitte
August die LAUSITZER FRONT aus 6

2

vanchistische und rassistische Mobilisierungen,
die Verherrlichung von WEHRMACHT und WAFFENSS bzw. von NS-Führungspersonal (RUDOLF HESS)
sowie insbesondere vor und während des Krieges gegen Jugoslawien bzw. den Irak der Versuch, sich als Antikriegsbewegung zu inszenieren.
Eine neue Qualität
öffentlichen Auftretens
Diese Entwicklung markiert eine qualitative Veränderung des öffentlichen Auftretens des
Neofaschismus in der Bundesrepublik gegenüber den 1980er Jahren. Während es der später
verbotenen FREIHEITLICHEN DEUTSCHEN ARBEITERPARTEI (FAP) in jener Zeit nur mit Mühe gelang, im
Rahmen einer bundesweiten Mobilisierung 100
bis 200 Anhänger nach Rotenburg/Wümme zu
mobilisieren, so finden seit einigen Jahren
jedes Wochenende neofaschistische Demonstrationen bzw. Aufmärsche statt. Bis zur Größenordnung von 200 bis 250 Teilnehmenden
kommen diese in ihrer großen Mehrheit aus
einem Umkreis von 200 Kilometern um den Veranstaltungsort. Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Teilnehmerzahlen von 5.000
erreicht.
Zudem stellt die Durchführung solcher
Aktionen angesichts der gestiegenen »Rechts-

sicherheit«, d. h. der zugunsten der neofaschistischen Organisatoren ergangenen Urteile des
Bundesverfassungsgerichts, sowie der in vielen
Orten rückläufigen antifaschistischen Gegenaktionen längst keine »high-risk«-Mobilisierung
mehr dar. Diese Entwicklung ist nicht das
Ergebnis eines zufälligen Zusammentreffens
günstiger Faktoren, sondern maßgeblich Resultat einer konsequent verfolgten und bewusst
ausgebauten »Demonstrationspolitik« der NPD
und von Kadern aus der Kameradschaftsszene.
Bereits bei den Mobilisierungen gegen das NPDVerbot und die Ausstellung »Vernichtungskrieg
- Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944« hatte
sich gezeigt, dass das Spektrum in der Lage ist,
nicht nur vereinzelte Aktionen abzuhalten,
sondern politische Kampagnen zu organisieren,
deren Dichte sich im Verlaufe der Jahre deutlich gesteigert hat. Gab es etwa 1996 nur vereinzelt kleinere Mahnwachen der Neonazis
gegen die Wehrmachts-Ausstellung, so sah sich
diese einige Jahre später in Dortmund nicht
nur mit zwei Demonstrationen, sondern auch
mit Störversuchen und wöchentlichen Gegenaktionen konfrontiert.
Sinn und Zweck
Diese »Demonstrationspolitik« der extremen Rechten mit ihren Vergemeinschaftungs-,

An dieser Stelle berichten wir in jeder Ausgabe über einzelne Arbeitsgebiete, Projekte, Sammlungen etc. aus dem Archiv des apabiz, um so einen Einblick in unsere Arbeit zu ermöglichen.

archiv en detail Personen, Ideologien, Themen

Der Sonderbestand »Lebensschützer«
Der Sonderbestand »Lebensschützer« umfasst
Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Briefe und
Texte, die Anfang der 1990er Jahre im Rahmen
von Recherchen für Radiofeatures, Presseartikel
und Vorträge der Journalistin Elke Amberg
gesammelt wurden. Ausgangspunkt der Sammlung
ist das 1991 erschienene Buch »Vorsicht Lebenssschützer. Die Macht der organisierten Abtreibungsgegner« von Barbara Ritter und anderen. Insbesondere wurden Originalbroschüren und Bücher
folgender Lebensschützer-Vereinigungen gesammmelt:
4 EUROPÄISCHE ÄRZTE AKTION (EÄA)
4 JURISTENVEREINIGUNG LEBENSRECHT (JVL)
4 AKTION LEBENSRECHT FÜR ALLE (ALFA)
4 AKTION LEBEN E.V. (AL)
4 CHRISTDEMOKRATEN FÜR DAS LEBEN (CDL)
4 SELBSTHILFEGRUPPEN RAHEL / »Forschungen« von
Maria Simon (Würzburg)
Führende IdeologInnen wurden interviewt. So
liegen in transkribierter Form Interviewaussagen

vor von CHRISTA MEWES, SIEGFRIED ERNST, JOHANNA VON
WESTPHALEN, BERNWARD BÜCHNER, MARIA SIMON. Die Vernetzung und Einflussnahme auf die aktuelle Politik, die zentralen Ideologien und Argumentationsmuster sowie die inhaltlichen und personellen Verbindungen zu rechtsradikalen Personen und
Gruppierungen werden in mehreren journalistischen Beiträgen dargelegt und anhand der Originalbelege untermauert. Auch Briefwechsel zu
juristischen Auseinandersetzungen sowie Bücher
für eine Abtreibungsliberalisierung sind enthalten.
Die Sammlung umfasst insgesamt zehn Aktenordner sowie 40 Bücher und berührt Ideologien
und Denkrichtungen wie christlicher Fundamentalismus, Rassismus und Antisemitismus, Biologismus, Frauenfeindlichkeit, Elitedenken, Verneinung der Evolution, Homophobie, Psychiatrisierung von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbbruch vornehmen ließen.
Für Nachfragen ist Elke Amberg unter
ea@muenchen-mail.de zu erreichen.

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Der rechte »Demonstrationskalender« (von links oben im Uhrzeigersinn): Dresden im Februar 2006, 1. Mai
2004 in Berlin, Hess-Verehrung 2004 in Wunsiedel, Halbe bei Berlin im November 1991.

Schulungs- und Selektionsmechanismen dient
nicht allein der inneren Stabilisierung der neofaschistischen Bewegung. Es soll der Öffentlichkeit dieses politische Spektrum auch als
aktions- und durchsetzungsfähigen Akteur
präsentieren, der das Ohr an den wesentlichen
Problemen der Zeit und für diese tragfähige
Lösungsmöglichkeiten anzubieten hat. Vor
allem in Ostdeutschland hat es im Zusammenhang mit den Protesten gegen die unter dem
Begriff »Hartz IV« bekannt gewordenen umfangreichen Kürzungen im Sozialbereich eigenständige und zum Teil kontinuierliche Aktionen von Neonazis gegeben (s. dazu monitor Nr.
17).
Mit der in diesem Jahr angelaufenen so
genannten »Antikap«-Kampagne (Antikap
steht für Antikapitalismus) versucht sich dieses Spektrum nun vor allem in Ostdeutschland
als grundlegender und radikaler Kritiker von
Globalisierung, Armut und Sozialabbau zu präsentieren und damit unzufriedene Bevölkerungsteile anzusprechen. Auf Schulungen und
Schulungsbroschüren zu »Privatisierung« oder
»Kapitalismus« bauend, soll der Kreis der Aktiven, die auch an den Info-Ständen – wie
jüngst zahlreich in Mecklenburg-Vorpommern
– Rede und Antwort stehen können, erweitert
werden. Mit Flugblattverteilungen und Demonstrationen, die in mehrwöchigen Abständen an
verschiedenen Orten in ostdeutschen Bundesländern durchgeführt werden, wird das Ziel
verbunden, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Von einer solchen kontinuierlichen politischen Arbeit kann die NPD am
Wahltag profitieren.
monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

Ausblick
Für die NPD, die sich der völkischen Besetzung der »sozialen Frage« nicht nur mit den
seit einigen Jahren regelmäßig durchgeführten
1. Mai-Demonstrationen, sondern auch mit der
von der Landtagsfraktion in Sachsen gestarteten Mindestlohn-Initiative zugewandt hat,
geht es in ihrer Propaganda darum, eine radikale Geste mit (scheinbar) realisierbaren Konzepten zu verknüpfen. Denn nur so kann sie
zugleich die ideologisch gefestigten NS-Überzeugungstäter wie diejenigen bei der Stange
halten, die sich eine Verbesserung ihrer
schwierigen Lebensbedingungen von der NPD
erwarten und denen daher auch konkrete politische Vorschläge geboten werden müssen.
So finden sich bei den Aufmärschen Parolen
wie »Arbeitsplätze statt Globalisierung« oder
»Arbeit für Millionen statt Profite für Millionäre« (dabei ist die Arbeit der Millionen im kapitalistischen Wirtschaftssystem gerade die Voraussetzung für die Profite der wenigen) sowie
manches Transparent mit einer Losung »für den
Sozialismus«. Als völkische Bewegung, deren
verkürztes Verständnis von Kapitalismus diesen
lediglich in der Zirkulationssphäre des Kapitals
zu finden glaubt, bringt die NPD die Forderung
nach Mindestlohn nicht nur mit der Forderung
nach Mindestgewinn zusammen. Sie bindet die
Idee zugleich an die Einrichtung von Arbeitspflicht und Arbeitsdienst, in den Erwerbslose
zwangsweise eingegliedert werden, sowie den
Ausschluss von MigrantInnen aus dem Arbeitsmarkt. So wird aus der »sozialen Frage« bei den
Faschisten eine »Sache der Nation«.
Klaus P. Bergmeier

4Guben mit der Begründung,
zunehmende staatliche Verfolgung
habe diesen Schritt nötig gemacht.
Man suche derzeit nach neuen
»neuen Aktionsformen«. DER STURM
COTTBUS erklärte einige Tage später
ebenfalls seine Auflösung – ohne
Angabe von Gründen. Beide Kameradschaften waren in das Netzwerk
LAUSITZER AKTIONSBÜNDNIS eingebunden. Mitte September folgte die
GESINNUNGSGEMEINSCHAFT SÜDOST-BRANDENBURG (GGSOBB). Weil die bisherigen Möglichkeiten ausgereizt seien,
wolle man mit der Auflösung »die
nächste Stufe erklimmen«.
Mitte September waren in der sächsischen Lausitz Wohnungen von
rund 20 Neonazis durchsucht worden – die Aktion richtete sich vor
allem gegen die KAMERADSCHAFT OBERLAUSITZ. In einem hierauf abgegebenen Rundschreiben wurden andere
Kameradschaften aufgefordert, sich
formell aufzulösen, um der Represssion zu entgehen. Auf Gruppennamen solle fortan verzichtet und die
gemeinsame Gesinnung als ausreichendes Bindeglied betrachtet werden.

Schülerzeitung fand
reißenden Absatz
Bundesweit • Die Zeitung »Kein
Bock auf Nazis« ist vergriffen. Das
achtseitige Heft war vom apabiz
zusammen mit dem Antifaschistischen Infoblatt und Turn it Down
produziert worden (s. monitor Nr.
26). Es richtete sich vor allem an
Jugendliche und sollte diese zum
Engagement gegen Rechtsextremismus ermutigen. Zwischen Juli
und September wurden 125.000
Exemplare der Zeitung verteilt, die
Dank der Förderung von Verdi, IG
Metall Jugend und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gratis verschickt werden konnten.
Zu den Abnehmern zählten neben
Antifa-Gruppen, kirchlichen Initiativen und Kulturprojekten vor allem
Schulen und Jugendklubs. Während
der Wahlkämpfe wurde die 6

3

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Das NPD-Gerücht
4 Zeitung in Mecklenburg-Vorpommmern und Berlin besonders zahlreich
verteilt. In Köln nutzten Antifas die
Zeitung, um gegen eine Jugendzeitschrift der rechtsextremen Gruppierung PRO KÖLN zu kontern. Unter
http://www.keinbockaufnazis.de steht
die Zeitung als PDF zur Verfügung.

Ende auf der Überholspur
Sachsen • Am 30. August ist der parlamentarische Geschäftsführer der
NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag,
UWE LEICHSENRING, bei einem Verkehrs-

unfall nahe Pirna ums Leben gekommmen. LEICHSENRING, der von Beruf Fahrlehrer war, prallte bei einem Überholmanöver mit 130 Stundenkilometern
frontal gegen einen LKW. Noch am
gleichen Tag versammelten sich 250
NPD-Anhänger an der Unfallstelle; an
der Beerdigung Mitte September nahmen 300 Gäste teil.
In der rechten Szene kursieren
Gerüchte, dass LEICHSENRING ermordet
worden sei. Die Untersuchungen der
Staatsanwaltschaft lassen indes »keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden« erkennen. Der 39jährige galt als
Symbolfigur für die Verankerung der
NPD in Sachsen. In seiner Heimatstadt Königstein hatte er bei der Wahl
2004 über 20 Prozent erreicht. In die
sächsische NPD-Fraktion ist nun der
Dresdner RENÉ DESPANG nachgerückt.

Baring bei Hessen-CDU
Wiesbaden • Am 7. September hat
der rechtskonservative Historiker und
emeritierte Professor der Freien Universität Berlin, ARNULF BARING, auf Einladung der hessischen CDU einen Vortrag zum Thema Patriotismus gehalten. Darin bezeichnete er die NS-Diktatur als eine »beklagenswerte Entgleisung« und stellte die Einzigartigkeit des Holocaust (laut BARING ein
zweifelhafter »Sünderstolz«) in Frage.
Gewalttätigkeiten von Rechtsextremisten sind seiner Meinung 6

4

Ü

Hintergrund
Gewachsene rechtsoffene Milieus ermöglichten
den Erfolg der NPD in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Nach dem klaren Einzug der NPD in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns wurde als
Grund für das scheinbar plötzliche Erstarken der NPD in vielen Medien deren Verankerung in der Bevölkerung und ihr ambitionierter Wahlkampf angeführt. In Reportagen
wurde auf NPD-Kinderfeste und andere Formen der Bürgernähe hingewiesen.
Auch wenn diese Art der Ursachenforschung einigermaßen spät kommt – schließlich sind
derartige Bestrebungen der NPD seit etlichen Jahren bekannt – ist es ein Schritt nach
vorne, dass nicht wie bisher reflexartig auf Protest-WählerInnen verwiesen wird. Doch
auch die These von der lokalen Verankerung muss sich an den Verhältnissen vor Ort
messen lassen.

E

in Vergleich mit der Situation in Berlin
bietet sich an – hier zog die NPD am gleichen Tag in vier Kommunalparlamente
ein. Im Osten der Stadt erzielte die Partei vier
Prozent der Stimmen, stadtweit waren es
immer noch 2,6 Prozent. Die Berliner Ergebnisse lassen Zweifel an der These der sozialen
Verankerung als Basis für die Wahlerfolge der
Partei aufkommen. In Berlin kann davon nämlich keine Rede sein. Ein funktionierender
Landesverband mit einer ausreichenden Mitglieder- und Kaderdecke ist nicht vorhanden.
Außerhalb von Wahlkämpfen ist von der NPD
nichts zu spüren.
Auch die Kandidaten für die Kommunalparlamente brachten nichts von dem mit, was
an sich für eine Kommunalwahl wahlentscheidend ist: Die meisten Kandidaten haben keinerlei Bezug zu Berlin, oder zu den Bezirken
in denen sie angetreten waren. So ist im
Bezirk Treptow-Köpenick der Parteibundeschef
U DO VOIGT in die Bezirksverordnetenversammlung eingezogen. Er stammt weder aus Berlin,
noch hat er irgendeine Verbindung zum
Bezirk. Auch der Berliner NPD-Vorsitzende, der
ehemalige Kroatiensöldner und Rechtsrockaktivist ECKART BRÄUNIGER, ist alles andere als ein
Beispiel für praktizierte Bürgernähe. Ähnlich
sieht es in den anderen Bezirken aus. Entweder traten beliebige NPD-Kader oder bisher fast
völlig unbekannte und farblose »Nachwuchsaktivisten« zu den Kommunalwahlen an. Im
Bezirk Lichtenberg ging kurz vor der Wahl ein
Schreiben an alle Mitglieder, in dem händeringend nach geeigneten Kandidaten gesucht
wurde. Resümiert man den Zustand und das
Auftreten der NPD in der Bundeshauptstadt
muss man zum Schluss kommen, dass der
Wahlerfolg dieser Partei nicht viel mit ihr
selbst zu tun hat.
Je radikaler, desto erfolgreicher
Die Allpräsenz der NPD ist insofern nicht
mehr als ein Gerücht. Auch im mecklenburg-

vorpommerschen Dorf Postlow, wo die NPD
satte 38,5 Prozent der Stimmen holte, ging der
tatsächliche Wahlkampf kaum über die
üblichen Plakatier-Aktionen hinaus. Wie in
den Wahlnachlesen mancher Medien munkelt
man dort in der Bevölkerung trotzdem vom
Einfluss der NPD-Leute. Wem solche Bedeutung
zugeschrieben wird, dem traut man auch
leicht die Kompetenz zu, brennende Probleme
anzugehen. Die tatsächlichen Inhalte und
Wahlkampfhemen der Partei sind nicht entscheidend gewesen. Es genügte das bloße
Gefühl, mit der NPD eine Partei zu wählen, die
diffus die eigenen Interessen vertreten würde.
Dieses Gefühl brauchte die NPD nur zu befeuern, um große Stimmenanteile zu erreichen steuerbar ist es jedoch auch für die Partei
selbst nicht.
Hinzu kommt, dass Hinweise auf den neonazistischen Charakter der NPD kaum
abschreckten. Das Tabu des Nationalsozialismus ist in Teilen der Bevölkerung wirkungslos geworden. Die Bemerkung des Postlower
Bürgermeisters, dass eine »Demokratur« möglicherweise eine gute Alternative zum jetzigen
System sei, spricht eine deutliche Sprache.
Dahinter steckt, dass menschenfeindliche
Positionen allgemein diskussionsfähig geworden sind. Je radikaler die NPD sich gab, umso
glaubhafter war sie – und umschiffte so elegant auch mögliche Konflikte mit der Kameradschafts-Szene. Die in Westdeutschland noch
funktionierende Bindungskraft der dort jahrzehntealten bürgerlichen Parteien hat sich in
Ostdeutschland ohnehin nie entwickeln könnnen.
Problematische Milieus
Es lohnt, einen Blick auf die Milieus und
vor allem die Jugendkultur in den fraglichen
Gegenden zu werfen. Schnell wird klar, dass
sich dort in den letzten Jahren ein äußerst
problematisches soziales Milieu herausgebildet
hat. In den verschiedenen Jugendkulturen
monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

haben rechte Ideologiefragmente mittlerweile
einen teilweise zentralen Platz eingenommen
und gehören zum Alltag. Diese Entwicklung
findet nur zum Teil im Wechselspiel mit der
eigentlichen Neonazi-Szene statt und ist mitunter auch teils unabhängig von dieser. Von
den meisten Jugendlichen werden rechte
Bezüge gerade im Lifestylebereich oft nicht
einmal als solche wahrgenommen. So berichten SchülerInnen, dass es völlig normal sei
sich mit rechten Modemarken zu kleiden und
Rechtsrock zu hören. Ein rechtes Weltbild
könne man daran aber nicht festmachen. Von
diesen Tendenzen ist die Kameradschaftsszene
schon länger beeinflusst und eine politische
Präferenz entscheidet sich in diesen Regionen
nicht zwangsweise an politischer Programmatik, sondern wird oft genug zur Lifestylefrage,
zu Lebenskultur.
In einer solchen Konstellation spielt –
zumindest in Berlin – die NPD keine herausragende Rolle und vermag es nicht, diese Entwicklung in irgendeine Richtung zu lenken.
Diese seit langem beobachtete Tendenz ist erst
bei den jetzigen Wahlen für eine breite Öffentlichkeit sichtbar geworden: Die Jugendlichen
sind ins wahlberechtigende Alter gekommen

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und für sie ist die NPD die einzige Partei, die
ihrer politischen Präferenz entspricht. Zwar
gibt es in Deutschland schon lange ein großes
rechtsextremes Einstellungspotenzial. Aber im
Gegensatz zur neuen Generation hat diese
Klientel bislang überwiegend nichts extrem
rechts gewählt.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern
keine Omnipräsenz
Wenn man mit dem Wissen um die Berliner
Besonderheiten auf das Wahlergebnis von
Mecklenburg-Vorpommern schaut, kommen
auch hier Zweifel an der unikausalen These
von der sozialen Verankerung auf. In Mecklenburg-Vorpommern wird man in vielen Regiomonitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

nen eine ähnliche Zusammensetzung der
Jugendkultur finden wie in Ostberlin und auch
die NPD ist in dem nördlichen Bundesland
nicht omnipräsent und spielt abgesehen von
einigen Hochburgen im Alltag kaum eine Rolle. Es erscheint fraglich, ob ein vor Ort beliebter Juwelier und ein mäßig besuchtes Kinderfest mit einigen Parteifähnchen bis zu 25 Prozent der ErstwählerInnen zu überzeugen vermögen.
Betrachtet man das Ergebnis aber einmal
nicht mit dem Fokus auf die NPD, sondern
konzentriert sich auf die Milieus, aus denen
sich deren Wählerschaft rekrutiert hat, so
kann man auch zu dem Schluss kommen, dass
die NPD einfach keinerlei Konkurrenz hat und
daher ein Wahlkampf oder die Kandidaten nur
eine Nebenrolle spielen. Während die etablierten Parteien untereinander um Konzepte streiten und versuchen, die WählerInnen von ihrer
Politik zu überzeugen, spielt dieses für die
NPD eine untergeordnete Rolle. Ihr genügt es,
sich den extrem rechten Bevölkerungsschichten als attraktive und radikale Problemlösung
zu präsentieren. Politisch ist sie konkurrenzlos, auch wenn sich ihr Profil auf einen radikalen Rassismus beschränkt.
Fazit
Bei Berücksichtigung dieser Thesen wird es
zunehmend fraglicher, ob die NPD als fast
alleiniger Gegenstand für den Entwurf von
Gegenstrategien taugt und ob eine »Entzauberung« vor diesem Hintergrund überhaupt möglich ist. Angesicht der hier beschriebenen
Beobachtungen müsste man ihr schon nachweisen, nicht wirklich rechts zu sein, um sie
vor ihrer Klientel zu entzaubern.
Demgegenüber erscheint es sinnvoll, die
WählerInnen der NPD genauer unter die Lupe
zu nehmen und zu ergründen, unter welchen
Voraussetzungen – gerade in den Jugendkulturen – in den vergangenen zehn Jahren Milieus entstehen konnten, die sich selbst als völlig unpolitisch definieren, aber mit eindeutigen Versatzstücken einer neonazistischen
Bewegung gespickt sind. Die Ablehnung von
Politik und ein Mangel an Bildung, gepaart mit
einem maßgeschneiderten Angebot aus rechtem Lifestyle definieren diese Milieus, welche
sich langfristig als feste Basis der extremen
Rechten herausstellen können.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie
man dieser Entwicklung entgegenwirken kann,
und diesbezügliche Strategien zu entwickeln.
Andernfalls wird sich das Problem der rechten
Basis ohne Berührungsängste verschärfen –
und das nicht nur in Form von Wahlerfolgen
der NPD als derzeit davon profitierender Partei.
Falco Schuhmann

4nach nicht neonazistisch motiviert, sondern allenfalls »Jugendverirrungen«. Im nationalsozialistischen
Vokabular plädierte BARING für die
»Eindeutschung« von Einwanderern.
Die hessische CDU distanzierte sich
nicht von BARINGS Äußerungen.

Hoyerswerda:
15 Jahre danach
Hoyerswerda • Am 23. September
demonstrierten in der Kleinstadt 400
Menschen unter dem Motto »Hoyerswerda 15 Jahre später. Gegen rechte
Strukturen und kollektive Verdrängung«. Die antifaschistische Demonstration sollte an das Pogrom von
1991 erinnern und einen lautstarken
Akzent gegen den stillschweigenden
Umgang damit setzen.
In der Woche vom 17. bis zum 22.
September 1991 terrorisierten rechte
Jugendliche und angereiste Neonazis
in Hoyerswerda mosambikanische
und vietnamesische VertragsarbeiterInnen und AsylbewerberInnen. Seinen traurigen Höhepunkt fand das
rassistische Pogrom, als die sächsische Landesregierung die Angegriffenen – begleitet vom wohlwollenden
Beifall und rassistischen Parolen der
Bevölkerung – mit Bussen aus der
Stadt bringen ließ.

Urteil gegen antifaschistischen Button
Stuttgart • Der Betreiber des Punkrock-Mailorders »Nix Gut«, Jürgen
Kamm, ist am 29. September vom
Landgericht Stuttgart zu einer Geldstrafe von 3600 Euro wegen
»gewerbsmäßiger Verbreitung von
Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen« verurteilt worden. Seine Tathandlung bestand im
Vertrieb von Buttons und Aufnähern,
auf denen das Hakenkreuz zerschlagen, entsorgt oder, einem Verbots-

schild gleich, durchgestrichen ist.
Dem Urteil nach sei die eigentliche
Intention der antifaschistischen
Symbole nicht eindeutig zu 6

5

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

4 erkennen. Zudem ziele das Gesetz
auf »die grundsätzliche Tabuisierung
des Hakenkreuzes« ab. Kamms
Anwalt kündigte Revision vor dem
Bundesgerichtshof an.

Keine Angst
vor Antifa und
Illuminati

Pankow: Rassistische
Mobilisierung geht weiter

Bericht
Esoterische Verschwörungstheorien in Berlin

Berlin • Am 14. September hat im
Pankower Ortsteil Heinersdorf erneut
ein Aufmarsch gegen den dort
geplanten Bau einer Moschee stattgefunden. Organisiert wurde die Veranstaltung wie die vorigen von der
BÜRGERINITIATIVE INTERESSENGEMEINSCHAFT
PANKOW-HEINERSDORFER BÜRGER. Unter
den Teilnehmern befanden sich mehrere hundert Rechtsextremisten,
unter ihnen die Führungsriege der
Berliner NPD und deren Bundesvorsitzender UDO VOIGT. Als die Neonazis
einer Anweisung der Demonstrationsleitung, sich am Ende des Zuges ein-

zureihen, nicht Folge leisteten, wurde diese von der Polizei umgesetzt.
Auf dem Aufmarsch sprach auch der
CDU-Kreisvorsitzende und Abgeordnete René Stadtkewitz. Stadtkewitz
war in die Kritik geraten, weil er der
extrem rechten Wochenzeitung JUNGE
FREIHEIT ein Interview gegeben hatte.
Die ebenfalls anwesenden Pankower
Republikaner boten Stadtkewitz daraufhin einen Wechsel in ihre Partei
an, den er jedoch ablehnte.

Abtreibungsgegner
marschieren
Berlin • Am 23. September fand in
Berlin der jährliche Aufmarsch
»1.000 Kreuze für das Leben« statt,
zu dem bundesweit sogenannte
»Lebensschützer« aufrufen. Wie
jedes Jahr nahmen rund 1.000 mit
weißen Holzkreuzen bestückte
Abtreibungsgegner an der Veranstaltung teil; die Kreuze sollen »als
Symbol für die Zahl der ungeborenen
Kinder, die jeden Werktag in
Deutschland getötet werden« stehen,
so die Veranstalter.
Veranstalter des jährlichen Spektakels mit Kundgebung vor dem 6

6

Ü

V

eranstaltet wurde der Vortrag von JO CONRAD
letztlich im Akazienhof in Schöneberg –
nachdem AntifaschistInnen den ursprünglichen
Veranstaltungsort zu einer Absage bewegen
konnte. Einer der Organisatoren der Veranstaltung vom BIOCHEMISCHEN VEREIN BERLIN erklärte
dazu, dass »die Antifa« versucht hätte, den Referenten »in die rechte Ecke zu stellen«. Dies sei
jedoch völlig ungerechtfertigt, er selbst habe das
im Internet noch einmal recherchiert.
Indes ist CONRAD kein Unbekannter; er wird
inzwischen sogar in der Broschüre »Brennpunkt
Esoterik – Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus« der Landesjugendbehörde Hamburg
von 2006 erwähnt. Dort wird er als Vertreter
»eine[r] Vielzahl rechtsextremer Positionen«
gehandelt. CONRAD selbst behauptet, »keinerlei
Sympathien für Nazis« zu haben1, zweifelt
jedoch Deutschlands Kriegsschuld am Zweiten
Weltkrieg an2, hält Zweifel am Holocaust für legitim3 und zitiert ausführlich »Die Protokolle der
Weisen von Zion« – ein gefälschtes antisemitisches Hetz-Werk aus dem 19. Jahrhundert.
»...nur Fragen...«
Am 20. September in Berlin ging es indes
nicht um deutsche Geschichte, sondern viel allgemeiner um »Angst«. Nach CONRAD wollen »die
da oben« uns Angst machen, die Illuminati, die
Freimaurer, der CIA – so genau mag er sich da
nicht festlegen. Trotz strukturell antisemitischer
Vorstellungen fällt das Wort »Juden« nicht ein
einziges Mal. Es ist lediglich von dem »Gott des
Alten Testaments« die Rede, dem Gott der Rache,
Zerstörung und Gewalt, der uns zum Fürchten
bringen soll, wie es auch der Terror versucht. CONRAD selbst lässt sich keine Angst mehr machen,
nicht von der Antifa und nicht von den »Mächten, die die Welt beherrschen wollen«. Angst
hindere uns daran, »unsere eigene Göttlichkeit
zu erkennen«. Er suggeriert unter dem zustimmmenden Gemurmel des Publikums, die Anschläge
des 11.9. seien nur ein Fake gewesen, aber sagt
zugleich: »Ich will gar nicht irgendwelche
Behauptungen aufstellen, ich stelle nur Fragen«.
Die etwa hundert Gäste des Abends scheinen
kaum schockiert von den unglaublichen Enthül-

Am 20. September veranstaltete der esoterische Verschwörungstheoretiker JO CONRAD
in Berlin einen Vortrag, um über ein »paar
Dinge, die Sie über diese Welt wissen sollten…« zu informieren. Der gelernte Taxifahrer erklärte seinem zahlreich erschienenen Publikum im Schöneberger Akazienhof
bei dieser Gelegenheit die Zusammenhänge
von 9/11, Freimaurern, Medizin, Medien,
unserer eigenen Göttlichkeit, Frieden und
anderen Dingen.
lungen, die CONRAD vorsichtig-suggestiv aber
scheinbar wissenschaftlich anhand von Folien
und »Fakten« präsentiert. Irgendwie scheinen sie
das alles schon geahnt zu haben: Der Terror
kommt direkt von den westlichen Mächten; AIDS
gibt es nicht; Krebs ist eine psychische Krankheit; wir müssen uns selbst erlösen; unsere PolitikerInnen sind fremdgesteuert; Freimaurer
kommunizieren anhand einer komplexen Zeichensprache über die öffentlichen Medien etc.
Fazit
Esoterische VerschwörungstheoretikerInnen
wie JO CONRAD finden mit ihren hermetischen
Argumentationsweisen für jedes komplexe Phänomen eine einfache und »ganzheitliche« Erklärung. Sie sprechen ein breites, sich selbst meist
eher als alternativ empfindendes Publikum an.
Dass dabei rechte Ideologien zu einer »spirituellen Selbstbefreiung« mitgeliefert werden, scheinen viele entweder hinzunehmen oder in ihr vermeintlich unpolitisches Weltbild integrieren zu
können.
Conrads Vorlagen4 und nicht zuletzt sein
auch im Vortrag erwähnter Lehrmeister »Jan van
Helsing« bzw. JAN UDO HOLEY finden sich aber
nicht nur in den Regalen von EsoterikerInnen,
sondern sind auch Lektüre vieler Nazis. So gelangen über CONRADS Bücher – die er selbst als Ersatz
für van Helsings indizierte »Geheimgesellschaften« anpreist – die alten Theorien zurück sowohl
in die extrem rechte als auch in die Esoterik-Szene. Und manchmal schreibt CONRAD auch direkt
für Nazis: 2003 publizierte er einen Artikel in der
rechtsextremen Zeitschrift DEUTSCHLAND – SCHRIFT
FÜR NEUE ORDNUNG.

1) CONRAD, Zusammenhänge, S. 121, zitiert in: Brennpunkt
Esoterik, S. 224.
2) CONRAD, Zusammenhänge, S. 129, zitiert in: Brennpunkt
Esoterik, S. 224.
3) »Bei uns ist es verboten zu bezweifeln, dass es den Holocaust in diesem Ausmaß gegeben hat. Das soll hier natürlich nicht geschehen, aber man muss sich fragen, warum
Zweifel an etwas verboten sind, das jederzeit beweisbar
wäre.« (CONRAD, Entwirrungen, S. 64; http://www.href.de/personen/conrad-jo/jo-conrad-karma.php).
4) Als solche zu nennen sind etwa GERD HONSIK und GARY ALLEN,
vgl. die Quellenangaben seiner Bücher und die Buchempfehlungen auf seiner Homepage.

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

Rechte »Demonstrationspolitik«
Ü

Rezension Virchow, Fabian: »Dimensionen der ‚Demonstrationspolitik’ der extremen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland«. In: Klärner, Andreas; Kohlstruck, Michael (Hg.): »Moderner
Rechtsextremismus in Deutschland«. Hamburg 2006, S. 68 ff.

M

it ihrem Sammelband haben Klärner und Kohlstruck ein viel beachtetes sowie überfälliges
Werk vorgelegt. Der Band verdeutlicht und versammelt alle Stärken und Schwächen der bundesdeutschen Rechtsextremismus-Forschung – wenn
es eine solche im engeren Sinne überhaupt gibt.
Viele Schwerpunkte des Buches waren in der Vergangenheit auch Aspekte der Arbeit im apabiz. Mit
manchen der Autoren fand daher im Vorfeld des
Bandes ein Austausch statt oder sie nutzten das
Archiv zur Recherche für ihre Beiträge. Da uns der
Platz fehlt, alle Beiträge gleichermaßen zu würdigen, wollen wir in dieser Ausgabe und in folgenden
einzelne Aufsätze herausgreifen.
Fabian Virchows Untersuchung über die »Demonstrationspolitik« der extremen Rechten stellt
zunächst die Bedeutung dieses Aktionsbereiches
für den bewegungsorientierten Rechtsextremismus
fest und belegt dies detailreich mit umfangreichem
Material. So weist der Autor für die Jahre 1998 bis
2004 nicht nur die Anzahl der neonazistischen
Aufmärsche nach, sondern auch deren Themen und
die Durchschnittszahl der Teilnehmenden. Er stellt
u.a. zutreffend fest: »Als qualitative Veränderung
fällt (...) ins Gewicht, dass aus dem Bewegungsmilieu auch kurzfristig (...) und ohne öffentlich
erkennbare Mobilisierung bis zu 200 Personen (...)
zusammenkommen können.« (S. 78). Und resümiert: »Zu den bedeutsamen Veränderungen zählt
schließlich der Versuch (...), zu aktuellen politi-

schen Entwicklungen und Ereignissen öffentlich
wahrnehmbar zu sein und dazu mit einer Vielzahl
von Aktionen und Propagandamitteln aufzutreten.« (ebd.).
Im Anschluss untersucht Virchow die weitergehenden Wirkungen der Demonstrationspolitik
sowohl nach innen, für die neonazistische Bewegung, als auch nach außen in die Gesellschaft. Die
Ziele und Wirkungen nach innen belegt Virchow
anhand von Strategiepapieren und Stellungnahmen des neofaschistischen Spektrums. Er zieht das
Fazit, dass es den Kadern mit der Demonstrationspolitik darum gehe, »ein Emotionskollektiv zu
schaffen, das der Rekrutierung neuer Bewegungsmitglieder ebenso dienlich sein soll wie der Stabilisierung der kollektiven Identität der Bewegung,
der Auswahl von Nachwuchskadern sowie der Formierung spezifischer Weltbilder und innerer Haltungen.« (S. 88). Nach außen gilt es neben dem
Nachweis der Existenz einer neonazistischen Bewegung auch um die symbolträchtige Besetzung von
Orten oder Geschichte, die »den Handlungsspielraum der Bewegung erweitern soll«.
Fabian Virchow liefert mit seiner gelungenen
Untersuchung erstmals eine ausführliche empirische und analytische Studie über das Thema. Sein
Interpretationsrahmen folgt den bisherigen Forschungen über die Bewegungsförmigkeit des modernen Rechtsextremismus und fügt diesen einen
überzeugenden Aspekt hinzu.
Ulli Jentsch

In dieser Rubrik stellen wir jeweils einen Vortrag, Workshop oder ein Seminar aus unserem Bildungsprogramm vor. Den kompletten ReferentInnen-Katalog gibt es unter www.apabiz.de.

bildung en detail Überarbeiteter Vortrag wieder im Programm

NPD unter der Lupe
Der Vortrag über die NPD aus dem Bildungsprogramm des apabiz ist komplett überarbeitet
worden und steht nun in aktualisierter Form für
Infoabende, Diskussionsrunden und Fortbildungen zur Verfügung. Anspruch des Referats ist es,
das nötige Wissen für die Auseinandersetzung
mit der derzeit erfolgreichsten rechtsextremen
Partei in Deutschland zu vermitteln.
Der »Deutschland-Pakt«, die Annäherung an
die Kameradschaftsszene, Drei-Säulen- und
»Wortergreifungs«-Konzept, die parlamentari-

monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006

schen Provokationen in Sachsen und viele weitere Elemente der NPD-Strategie werden
beleuchtet und eingeordnet. Zudem stellt der
Vortrag die ideologischen Fundamente der Partei
sowie die Positionen der führenden Köpfe dar.
In einem historischen Abriss wird erklärt, wie
die NPD – die Mitte der 1990er Jahre kurz dem
politischen und finanziellen Aus stand – es
innerhalb von zehn Jahren schaffen konnte,
sich zu stabilisieren und in zwei Landtage einzuziehen.

4Roten Rathaus, »Trauermarsch«
und Gottesdienst ist der BUNDESVERBAND LEBENSRECHT (BVL) unter CLAUDIA
KAMINSKI, die gleichzeitig Vorsitzende
der AKTION LEBENSRECHT FÜR ALLE (ALFA)
sowie Pressereferentin des Malteser
Hilfsdienstes ist. Die Organisation
vor Ort unterstand der Vereinigung
KALEB E.V. und PRO LIFE BERLIN.

Schutzbund ignoriert
Verbot
Brandenburg (Land) • Die im Juli
vom Land Brandenburg verbotene
Neonazi-Propagandawerkstatt SCHUTZBUND DEUTSCHLAND führt ihre Aktivitäten offenbar fort – unter dem Namen
BEWEGUNG NEUES DEUTSCHLAND. Seit dem
Verbot sind zwei Flugblätter erschienen, die im altbekannten SCHUTZBUNDStil formuliert sind und auch optisch
mit den Vorläufern übereinstimmen.
Lediglich die Bestelladresse hat sich
geändert. Behördliche Reaktionen
auf diese Fortführung des SCHUTZBUNDES lassen bislang auf sich warten.
Das Verbot war mit den verfassungsfeindlichen Parolen und der Verherrlichung des Nationalsozialismus
durch die Organisation begründet
worden.

NPD-Frauenorganisation
gegründet
Sotterhausen • Am 16. September
wurde der RING NATIONALER FRAUEN
(RNF) als Frauenorganisation der
NPD in Sotterhausen gegründet. Als
Initiatorinnen traten die sächsische
NPD-Landtagsabgeordnete GITTA
SCHÜSSLER sowie die NPD-Mitglieder
JUDITH ROTHE (Sachsen-Anhalt) und
KATHARINA BECKER (Niedersachsen) auf.
In das Führungsgremium wurden
neben den Initiatorinnen u. a. STELLA
PALAU – die Lebensgefährtin des neuen NPD-Bezirksverordneten in BerlinLichtenberg, JÖRG HÄHNEL – aus Berlin
und die Freundin des stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden HOLGER
APFEL, JASMIN LANGER, aus Hannover
gewählt.
Neben den 31 Teilnehmerinnen
waren auch der NPD-Multifunktionär
PETER MARX und ENRICO MARX anwesend,
die für den Ordnungsdienst der Veranstaltung verantwortlich waren. In
den verabschiedeten Grundsätzen der
neuen Organisation wurde erklärt,
dass man »sämtliche nationalen
Frauen zusammenbringen
möchte«.

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antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v.

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In dieser Rubrik wollen wir Euch
einen kurzen Überblick über
Bücher, Broschüren und andere
Medien geben, die im Archiv neu
eingegangen und ab sofort verfügbar sind. Darüber hinaus werden wir auf bestimmte Sachgebiete hinweisen, zu denen Ihr
Sammlungen bei uns finden könnt. Danke an die Verlage.

Neu im Archiv

• Jäger, Siegfried; Jäger, Margarete: »Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus«. LIT Verlag, Münster 2003.
Seit dem Wiederaufflammen der gewalttätigen Auseinandersetzungen im Nahen Osten im
September 2000 hat die Berichterstattung über
den Konflikt in den deutschen Medien merklich
zugenommen. In ihrer Studie analysieren Margarete und Siegfried Jäger den Printmedien-Diskurs zur Nahostberichterstattung während der
»Zweiten Intifada« von September 2000 bis
August 2001. Dabei untersuchen sie, inwieweit
das von den Medien gezeichnete Bild der Israelis und der Palästinenser von Vorurteilen und
Stereotypen geprägt ist.
• Kübler, Elisabeth: »Antisemitismus als gesamteuropäische Herausforderung. Eine vergleichende Analyse der Maßnahmen der OSZE und
der EUMC«. LIT Verlag, Wien 2005.
In ihrer Diplomarbeit analysiert Elisabeth
Kübler die gesamteuropäische Strategien zur
Bekämpfung des Antisemitismus, wobei sie
konkret die Maßnahmen der »Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa«
(OSZE) und des 1997 installierten »European
Monitoring Centre on Racism and Xenophobia«
(EUMC) bearbeitet.
Dabei betrachtet Kübler den Antisemitismus als demokratie-, menschenrechts- und
friedenspolitisches Risiko, das aus den speziellen historischen und regionalen Entwikklungen Europas resultiert. Beachtung finden
in der Studie auch der arabische und islamistische Antisemitismus, sowie der Philosemitismus – als »Ausgrenzung unter umgekehrten
Vorzeichen«.
• Gellner, Torsten: »Ein antisemitischer
Affektsturm? Walser, Schirrmacher, Reich-Ranicki und der Tod eines Kritikers«. Tectum Verlag,
Marburg 2004.
Mit seinem Buch »Tod eines Kritikers« hat
Martin Walser im Frühsommer 2002 nicht nur
deutsche Feuilletonredakteure in helle Aufregung versetzt und zahlreiche Kritiken, Gegenkritiken und Protestkundgebungen ausgelöst.
Gellner untersucht in seiner Studie die vielfältigen Konflikte um Walsers Person und Werk
und skizziert den chronologischen Verlauf der
Kontroverse um den angeblich antisemitischen
Tenor von Walsers Buch. Dabei versucht er, die
Frage zu beantworten, inwiefern Walsers inkriminierter Text tatsächlich als ein von antisemi-

tischen Klischees durchsetztes »Hassdokument«
verstanden werden kann.
• Immenroth, Anke: »Die Wehrmacht im Blick
der Öffentlichkeit. Analyse zweier Ausstellungen
unter konzeptionellen Gesichtspunkten«. Tectum
Verlag, Marburg 2004.
Die Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« wurde wie
wohl kaum eine andere in Deutschland in der
Öffentlichkeit diskutiert. Weitgehend unbeachtet blieb dagegen die Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes über militärischen Widerstand gegen das NS-Regime. Immenroth untersucht in ihrer Arbeit die Konzeptionen der beiden Ausstellungen und sucht Gründe für das unterschiedliche öffentliche Interessse.
• Hesse, Hans; Schreiber, Jens: »Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti
und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland«. Tectum Verlag, Marburg
1999.
Auf dem Gelände des ehemaligen Bremer
Schlachthofes stellten im März 1934 Bremer Kriminalbeamte Deportationszüge nach Auschwitz
zusammen und errichteten ein Sammellager, in
dem hunderte Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland mehrere Tage bis zur endgültigen
Deportation gefangengehalten wurden. Das
Buch stellt unter Einbeziehung von Originalakten aus der NS-Zeit die Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma in Bremen und
Bremerhaven während und nach der NS-Zeit dar.
Ein großer Teil der Studie widmet sich zudem
der Verfolgung von Sinti und Roma in Niedersachsen vor 1933.
• Bajohr, Frank; Pohl, Dieter: »Der Holocaust
als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NSFührung und die Alliierten«. C.H. Beck, München 2006.
»Die Massenverbrechen des Nationalsozialismus und insbesondere der Mord an den Juden
waren im Reich und bei den Alliierten seit Mittte 1942 ein offenes Geheimnis« – so die provokante These der Historiker Pohl und Bajohr, die
mit ihrem Buch mit der »Lebenslüge« vieler
Deutscher aufräumen wollen, von der »Sache
mit den Juden« nichts gewusst zu haben. Sie
fragen, wie die deutsche Bevölkerung mit ihrer
Kenntnis von Judenverfolgung und Holocaust
umging und wie die NS-Führung auf die internationale Publizität der Verbrechen reagierte.
monitor | rundbrief des apabiz e.v. | nr. 27, oktober 2006
        
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