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Quartiere kooperativ entwickeln

Full text: Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung Issue 2015/2016 Quartiere kooperativ entwickeln

Quartiere kooperativ
entwickeln

		

Initialkapital für eine chancengerechte 		
Stadtteilentwicklung

Programmbericht 2015 / 2016

Inhalt
A	

Initialkapital und Stadterneuerung

	

Mehr Initialkapital für die Stadtteilentwicklung –––––––––––––––––––––––––––– 4

	

	

	
	

Die neue Normalität des Städtischen ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 8

Sebastian Kurtenbach

Mit Lust fürs Gemeinwohl –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 13

Jörg Jung

Unikat oder Modell? ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 22

Interdisziplinäres Fachgespräch

B	

Initialkapital II ‒ Auswahlverfahren und Ergebnisse

	

Auswertung des Projektaufrufs ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 36

	

Porträt: Goethequartier in Bremerhaven –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 48

	

Porträt: Freiimfelde in Halle ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 51

	

Nicht ausgewählt – wie geht es weiter? –––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 54

C	

Initialkapital I ‒ Zwischenbilanz und Ausblick

	

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld ––––––––––––– 60

	

Etappen und Dynamiken ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 72

Interview mit Robert Ambrée und Henry Beierlorzer

	

Gemeinschaft in Bewegung –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 79

	

»Bin ich schön?« –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 82

	Ausblick –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 84
	Dank –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 85
	

Impressum, Beteiligte, Nachweise –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 86

A Initialkapital und
Stadterneuerung

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Mehr Initialkapital für
die Stadtteilentwicklung
Themen – Fragen – Perspektiven
Seit ca. sieben Jahren investiert die Montag Stiftung
Urbane Räume Know-how, Geld und Netzwerkarbeit
in benachteiligte Stadtteile. Angefangen hat es mit der
KALKschmiede* in Köln und der Idee, als Mittlerin und
Moderatorin in der Stadtteilentwicklung zu agieren. Obwohl die KALKschmiede* im Nachhinein viele qualitätvolle
Veränderungen für den örtlichen Wohnungsmarkt und
den Stadtteil als Sozialraum zur Folge hatte, konnten aus
dieser Moderatorenrolle heraus die Investitionsentscheidungen von Kommune und Wirtschaft nur sehr mittelbar
beeinflusst werden. Schon damals entstand der Wunsch,
künftig selbst investieren und mit den eigenen Investitionen Stadtteilentwicklung betreiben zu wollen.
Daraus ist 2012 das Programm Initialkapital geworden:
Die Carl Richard Montag Förderstiftung stellt Kapital bereit,
das vor Ort angelegt wird und über ein Unternehmen mit
ausschließlich gemeinnützigen Zielen die Basis für eine
chancengerechtere Stadtteilentwicklung vergrößert. Die
Investitionen in Immobilien sind aufs Engste verknüpft
mit Investitionen in das gemeinschaftliche Miteinander
im Viertel. Dieses Modell, Investitionen »in Steine« und
Investitionen »in Menschen« sehr viel stärker zu koppeln,
als es ansonsten bei vielen Immobilienprojekten gemeinnütziger Träger üblich ist, wird seit 2013 im ersten Initialkapital-Projekt in Krefeld erprobt.
Der Start im Krefelder Samtweberviertel verlief ermutigend, sodass sich die Stiftung entschlossen hat, noch vor
Abschluss dieses Pilotvorhabens mit einem zweiten Initialkapital-Projekt zu beginnen. Im Fokus des Programms
stehen Stadtviertel, die sich unter sozialräumlichen und
sozioökonomischen Gesichtspunkten in einem »indifferenten Gleichgewicht« (Wolfgang Kiehle) befinden. Mit dem
Programm will die Stiftung helfen, in solchen Vierteln
das einfache und gute Zusammenleben in soziokulturell
gemischten Nachbarschaften zu stabilisieren. Dafür braucht
es vielfältige Ressourcen, die nur teilweise vorhanden sind.
Den Kommunen mangelt es immer häufiger an den finanziellen und vor allem personellen Ressourcen, um komplexe und vielschichtige Entwicklungsvorhaben umsetzen
zu können. Den zivilgesellschaftlichen Initiativen fehlen
meist die erforderlichen finanziellen Mittel, aber auch die
unternehmerische und betriebswirtschaftliche Erfahrung.
Das nachbarschaftliche Miteinander in den Vierteln leidet
zudem unter dem teilweisen Rückzug traditioneller Träger

der Gemeinwesenarbeit wie zum Beispiel der Kirchengemeinden und Gewerkschaften. Immer häufiger findet
Gemeinwesenarbeit daher anlass- und fallbezogen statt,
obwohl neue Agenten für eine systematische, sozialraumorientierte Gemeinwesenarbeit seit langem angemahnt
werden.
Ein gesellschaftlicher Bedarf für neue Ressourcen
und Strategien ist demnach vorhanden. Dies hat die Stiftung ermutigt, in 2015 einen bundesweiten Projektaufruf
durchzuführen: Wo gibt es Projektideen, die mithilfe des
Initialkapital-Modells umgesetzt werden können? Welche
Themen sind wichtig? Welche Kooperationen sind geeignet? Was können die Projekte zu gemeinwohlorientierter
Stadtteilentwicklung und Stadterneuerung beitragen?

64 PROJEKTE – EIN BREITES SPEKTRUM 	
AKTUELLER THEMEN IN DER STADTERNEUERUNG
Innerhalb von zwei Monaten wurden 64 Projektvorschläge
eingereicht – aufgerufen waren Verwaltungen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Initiativen aus Städten mit
mehr als 50.000 Einwohnern. An 47 dieser 64 Projekteinreichungen beteiligten sich zivilgesellschaftliche Partner.
Dies belegt eindrücklich die hohe Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements in der Stadterneuerung. Kommunen und Wirtschaftsunternehmen waren an 27 bzw.
22 Projektvorschlägen beteiligt. Offensichtlich beginnen
auch Wirtschaftsunternehmen zu erkennen, dass sie sich
über den eigenen Betrieb hinaus stärker für das Stadtviertel als Ganzes engagieren müssen. Es sind nicht nur
Unternehmen der Immobilienwirtschaft, sondern auch
ortsansässige, mit dem Viertel verbundene Unternehmerfamilien oder kleine und mittlere Betriebe aus den unterschiedlichsten Branchen.
64 Projektvorschläge sind selbstverständlich nicht
repräsentativ für den Status quo in benachteiligten
Stadtvierteln, aber sie geben wichtige Hinweise auf
die Erwartungen, die sich in solchen Vierteln mit dem
Stiftungsprogramm Initialkapital verbinden. Sämtliche
Projekteinreichungen kamen aus Stadtteilen, in denen
sich die durchschnittlichen Wohnungsmieten auf einem
im Vergleich zur Gesamtstadt niedrigen bis mittleren

Mehr Initialkapital für die Stadtteilentwicklung

Preisniveau befinden. Der Wohnungsmarkt ist dort in der
Regel wenig dynamisch; Befürchtungen über mögliche
Gentrifizierungsprozesse wurden nur in wenigen Fällen
geäußert. Von einem Programm Initialkapital wird eher
das Beseitigen von Entwicklungshemmnissen als ein Schutz
vor sprunghaften Aufwertungsprozessen erwartet.
Schaut man auf die inhaltliche Ausrichtung der 64
Projekteinreichungen, so zeigt sich zunächst das erwartbare Spektrum klassischer sozialer Stadterneuerung.
Darüber hinaus sind Projekte aus dem Bereich Kunst und
Kultur oder Projekte des nachhaltigen und solidarischen
Wirtschaftens häufiger vertreten. Besonders interessant
sind Projektvorschläge, die verschiedene Themen (Wohnen, Gewerbe, Soziokultur etc.) auch in ihrem immobilienwirtschaftlichen Part kombinieren. Etwa die Hälfte
aller Projekteinreichungen kamen aus Stadtvierteln, die
man als überdurchschnittlich »jung« und »bunt« bezeichnen kann: Es sind Quartiere mit vielen Kindern und Jugendlichen und einem hohen Maß an sozialer und kultureller
Heterogenität innerhalb der Bevölkerung. Diese besondere soziodemografische Ausgangslage findet sich auch
in der inhaltlichen Ausrichtung der Projektvorschläge
wieder.
Mit der Auswertung des Projektaufrufs hat die Stiftung wichtige Erkenntnisse gewonnen, die in die Weiterentwicklung des Programms einfließen. Sie sind auch für
die Arbeit im Programmfeld »Neue Nachbarschaft« von
großem Nutzen:

Verlässliche Partnerschaften brauchen Zeit
Einige der Einreichungen beschreiben gute, innovative,
der Komplexität der jeweiligen Herausforderungen angemessene Ansätze, die wertvolle neue Impulse für die
Quartiere bringen könnten. Sie lassen sich oft nur in Kooperationen zum Beispiel aus Kommune und Zivilgesellschaft oder in anderen Konstellationen umsetzen.
An den Schnittstellen dieser notwendigen Zusammenarbeit waren schon beim Lesen der Einreichungen Grenzen und Barrieren spürbar, die in unterschiedlichen
Handlungsgeschwindigkeiten und eingefahrenen Rollenmustern begründet sind und die für eine fruchtbare Zusammenarbeit erst einmal beseitigt werden müssten.
Der Aufbau verlässlicher Partnerschaften bedarf allerdings Zeit, insbesondere dann, wenn eine akteurs-

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übergreifende Kooperation auf Augenhöhe noch ungewohnt ist. Dies ist sicherlich ein Grund, warum viele der
Projekteinreicher zwar immer mehrere Kooperationspartner genannt haben, der Antrag aber nicht unbedingt
partnerschaftlich erarbeitet wurde.

Immobilienwirtschaftliches Know-how
fehlt häufig
Das ambitionierte Ziel des Programms, eine »Stadtteilrendite« zu erwirtschaften, steht in der Stadtentwicklung noch ganz am Anfang. Weder die privaten noch
die öffentlichen Akteure, die sich lokal für die Stadtteilentwicklung einsetzen, haben in ihrer Mehrzahl damit
Erfahrungen. Der in den Einreichungen beschriebene immobilienwirtschaftliche Ansatz zur Erwirtschaftung von
Überschüssen für den Stadtteil war in vielen Fällen noch
schwach ausformuliert. Bemerkenswert sind an dieser
Stelle vor allem die eher offen gehaltenen Ideenskizzen
aus der Zivilgesellschaft, deren Lücken durch geeignete
Partnerschaften (z. B. mit Wohnungswirtschaft und Kommunen) geschlossen werden könnten.

Grenzen des Immobilienmarktes – ohne
Fördermittel geht es nicht
Um ihren Ideen Räume zu geben, haben sich die Einreicher in ihren Stadtteilen auf die Suche nach geeigneten
Immobilien gemacht. Dabei wurden auch weniger »sichtbare« Flächen wie Brachen oder leerstehende Ladenlokale aufgetan. Tatsächlich erwecken die Einreichungen
den Eindruck, es gebe überall Flächen oder Gebäude,
mit denen sich Projekte realisieren lassen. Problematisch sind dagegen die generierbaren Mieten in Städten
mit einem geringen Mietniveau; in den benachteiligten
Stadtteilen verschärft sich dieses Problem noch einmal
zusätzlich. Aus der Perspektive der Mieter mag das positiv wahrgenommen werden, für die Erwirtschaftung eines
Überschusses durch Mieteinahmen ist dies jedoch eine
große Hürde. Ohne zusätzliche Förderung ist in solchen
Stadtteilen der immobilienwirtschaftliche Ansatz des
Programms Initialkapital nicht zu realisieren.

Initialkapital ist keine Patentlösung
Ein Großteil der Projektvorschläge kam aus Stadtteilen,
auf die die Bezeichnung »benachteiligt« gut passt. Auch

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nach 20 Jahren Städtebauförderung sind die Bewohner
einzelner Stadtteile nach wie vor arm bzw. von Armut
bedroht und von Verfall und Perspektivlosigkeit umgeben.
Hier ist auch das Programm Initialkapital keine Patentlösung, es kann aber vielleicht neue Perspektiven eröffnen. Allerdings wird es schwierig, dort Ansätze zu verfolgen, die zu weiten Teilen auf der Generierung von
Überschüssen aus der Immobilienbewirtschaftung basieren. Dies würde sowohl den Stadtteil als auch die Stiftung
überfordern. Stattdessen gilt es, die richtige Balance
zwischen Unterstützung und Mobilisierung vorhandener
Potenziale zu finden, damit das Initialkapital sinnvoll
eingesetzt werden kann.

PERSPEKTIVEN FÜR ZIVILGESELLSCHAFTLICHES HANDELN IN DER STADTTEILENTWICKLUNG
Ergänzt man diese Erkenntnisse um die Erfahrungen,
die die Stiftung mit den zahlreichen aktiven Nachbarschaftsinitiativen im Programm Neue Nachbarschaft
macht, so lassen sich – bei aller gebotenen Vorsicht –
einige Thesen zu den Perspektiven zivilgesellschaftlich
getragener Stadtteilentwicklung formulieren.
Bürgerschaftliches und sozialraumorientiertes Engagement ist ein verlässlicher Faktor und liegt im Trend –
mit oder ohne Immobilien. Selbstorganisiertes Engagement für die eigene Nachbarschaft findet vor allem dort
statt, wo Menschen Verantwortung übernehmen können,
das heißt dort, wo Menschen mit überschüssigen sozialen,
kulturellen oder finanziellen Ressourcen leben. Ihre Initiativen sind meist klein und verfügen jenseits der Eigenleistung
(»Muskelhypothek«) in der Regel über wenig Eigenkapital,
sodass sie notwendigerweise eher kleinteilige und innovative Lösungen favorisieren. Auch wenn Lebensweisen und
Lebensalter zivilgesellschaftlich engagierter Menschen sehr
unterschiedlich sind, so sind sie doch meist gut ausgebildet und zu großen Teilen deutscher Herkunft. Aspekte des
alternativen Wirtschaftens, der kreativen Produktion und
des selbstbestimmten Wohnens, Lebens und Arbeitens
haben vor allem in städtischen Milieus große Bedeutung.

Mehr Initialkapital für die Stadtteilentwicklung

Die oft soziale oder kulturelle Motivation für bürgergesellschaftliches Engagement ist durchaus mit unternehmerischen Energien und einem Bewusstsein für die
finanziellen Risiken verbunden. Das Risikobewusstsein
macht jedoch nicht mutlos, sondern lässt die Akteure
nach anderen Wegen der Finanzierung suchen: »Lieber
1000 Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken« –
das Motto des Mietshäuser Syndikats zum Modell der
Direktkredite – ist dafür nur ein Beispiel.
Die starke Präsenz politisch und emanzipatorisch
geprägter Projekte der Gegenwart sollte nicht den Blick
darauf verstellen, dass es bereits seit den 1980er Jahren
viele selbstverwaltete Kulturzentren, Jugendhäuser,
Kindertagesstätten oder soziale Zufluchtsorte gibt, die
teilweise in Selbsthilfe entstanden sind und noch heute
als wichtige Orte für ein lebendiges Gemeinwesen gelten.
Im ländlichen Raum ist das zivilgesellschaftliche Engagement nicht geringer, allerdings sind die Aufgaben
zumeist etwas anders und die Milieus tendenziell konservativer. Es dominieren mittlere und ältere Altersgruppen,
die den Zusammenhalt der Dorfgemeinden und die Sicherung von Infrastruktur und Nahversorgung im Blick haben.
Sie wollen dazu beitragen, dass ihr Lebensumfeld lebenswert und lebendig bleibt und knüpfen dabei an teils weit
zurückreichende Traditionen an – bis hin zu den dörflichen Allmenden.
Zivilgesellschaftliche Initiativen sind nicht kreativer als Kommunen. Kommunale Akteure lassen
sich in gleichem Maße auf experimentelle Ansätze und
Strategien ein, wie es Initiativen gibt, die sich für ihre
Nachbarschaft eine konventionelle Gemeinwesenarbeit
wünschen.
Noch sind derartige zivilgesellschaftlichen Projekte
vereinzelte und daher besondere Vorhaben, deren
Wert für die jeweilige Nachbarschaft allerdings groß
sein kann. Sie schaffen Angebote für die Nachbarschaft,
die über den eigenen Nutzen hinausgehen; sie entwickeln
Netzwerke zwischen verschiedenen Akteuren, die im
gleichen Sozialraum tätig sind, und sie entziehen »ihr«
kleines Stück Stadt häufig der Spekulation auf dem Immobilienmarkt. Ihre soziale Qualität fußt auf der lokalen Verankerung der Macher: Dazu zählen freundschaftliche bzw.
familiäre Netzwerke genauso wie das alltägliche Leben

Mehr Initialkapital für die Stadtteilentwicklung

im Stadtviertel. So lässt sich ein zivilgesellschaftliches
Engagement auch über längere Zeiträume aufrechterhalten, weil sich die Menschen vor Ort gegenseitig unterstützen und etwaige Engpässe ausgleichen können.

JAHRESBERICHT »INITIALKAPITAL«
Mit dem nun vorgelegten zweiten Bericht zum Programm
Initialkapital möchte die Stiftung solche Erkenntnisse
und Erfahrungen aus der laufenden Programm- und Projektarbeit für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich
zu machen. Der Bericht ist in drei Teile gegliedert. Im einführenden Teil A werden die Möglichkeiten und Grenzen
des Programms im Verhältnis zu den aktuellen Fragen der
Stadterneuerung erörtert. Sebastian Kurtenbach benennt
in seinem kurzen Fachbeitrag wichtige Herausforderungen der Stadterneuerung: Segregation, Diversität, Transnationalisierung, so stellt er fest, kennzeichnen die neue
Normalität des Städtischen, mit der sich eine Stadterneuerung auf der Höhe der Zeit zu befassen habe. Jörg
Jung hat im Auftrag der Stiftung gemeinwohlorientierte Projekte in Leipzig und Gelsenkirchen besucht und
dabei festgestellt, das sich die Lust aufs Gemeinwohl
dort mit sehr viel unternehmerischem Geschick verbindet. Den Abschluss des einleitenden Kapitels bildet die
ausführliche Dokumentation eines Fachgesprächs, das
auf Einladung der Stiftung am 1. März 2016 in der Krefelder Samtweberei stattfand. Unter dem Titel »Unikat oder
Modell?« diskutierten Experten aus Stadtteilerneuerung,
Gemeinwesenarbeit, Wohnungswirtschaft und Immobilienfinanzierung mit Vertretern der Stiftung und der Projektgesellschaft Urbane Nachbarschaft Samtweberei (UNS)
zu der Frage, inwieweit das Modell Initialkapital auf andere Stadtviertel und andere Partner übertragbar ist.

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Teil B des Berichts behandelt die Ergebnisse des
Projektaufrufs in 2015. Das Büro plan zwei aus Hannover
hat die 64 Projektvorschläge ausgewertet und die beiden
»Finalisten« des Aufrufs – Bremerhaven und Halle –
noch einmal gesondert porträtiert. Welche positiven
Effekte der Projektaufruf auch dort auslösen konnte, wo
die Projektvorschläge nicht für das Stiftungsprogramm
ausgewählt wurden, hat Marcus Paul bei Bewerbern aus
Berlin, Oberhausen und Görlitz recherchiert.
Der abschließende Teil C ist dem Pilotprojekt im Krefelder Samtweberviertel gewidmet. In einer Zwischenbilanz
wird über den Stand der Umsetzung der verschiedenen
Projektbausteine berichtet. Welche besonderen Anforderungen im Hinblick auf Steuerung und Management
dieses Pilotprojekt mit sich bringt, erläutern Henry Beierlorzer und Robert Ambrée im Gespräch mit Yasemin Utku.
In einem weiteren Beitrag beschreiben Frauke Burgdorff
und Robert Ambrée, welche Erfahrungen mit den verschiedenen Formen und Ebenen von gesellschaftlicher
Teilhabe bislang in diesem Vorhaben gemacht werden
konnten. Auch wenn das Pilotprojekt noch längst nicht
abgeschlossen ist, hat die Evaluierung bereits begonnen.
Welche Schritte und vor allem welche Ziele sich mit der
laufenden Evaluation verbinden, skizziert Frauke Burgdorff
in ihrem abschließenden Beitrag.
Für Leser dieses zweiten Berichts, die sich ausführlicher über die Anfänge des Krefelder Pilotprojekts informieren möchten, steht der erste Jahresbericht zum
Programm Initialkapital aus dem Jahr 2015 nach wie vor
online zur Verfügung.
WWW.MONTAG-STIFTUNGEN.DE/INDEX.PHP?ID=10521
Autoren: Oliver Brügge, Frauke Burgdorff (beide Montag Stiftung
Urbane Räume), Klaus Habermann-Nieße, Simone Müller (beide plan
zwei)

»Selbstorganisiertes Engagement für die eigene Nachbarschaft findet
vor allem dort statt, wo Menschen Verantwortung übernehmen können.«

8

Die neue Normalität
des Städtischen

Segregation, Diversität, Transnationalisierung
»Wir leben heute im Zeitalter der Städte« – das ist ein
Satz, den wir gegenwärtig sehr häufig lesen und hören.
Nie zuvor wurde mehr über urbane Herausforderungen
diskutiert. Auch abstrakt erscheinende Themen wie
Globalisierung, Klimawandel, Integration oder Digitalisierung werden in jeder Stadt und in jedem Stadtviertel
konkret erfahrbar und sind folgerichtig auch Gegenstand
städtischer Politik und Planung. Der folgende Beitrag
thematisiert Fragen der gesellschaftlichen Integration als –
alte wie neue – urbane Herausforderungen und legt
dabei ein besonderes Augenmerk auf die Ebene des
Stadtviertels. Wie ein Stadtviertel bzw. Stadtquartier
definiert werden kann, ist ständig Gegenstand wissenschaftlicher Debatten, nicht zuletzt weil zum Beispiel
die Größe von Stadtvierteln mit der Größe jener Städte
korreliert, in der sie sich befinden: Ein Stadtviertel in
Mexiko City ist etwas anderes als ein Stadtviertel in Bonn.
An dieser Stelle soll es jedoch genügen, Stadtviertel als
Teilbereiche einer Stadt zu beschreiben, die von den Bewohnern als überschaubare sozialräumliche Einheiten
verstanden und entsprechend gelebt werden.

SEGREGATION UND POLARISIERUNG
Wenn wir Stadtviertel als die Teile sehen, aus denen sich
eine Stadt zusammensetzt, bedeutet das nicht, dass diese Teile gleich sind. Ganz im Gegenteil: Sie unterscheiden
sich mitunter deutlich voneinander. In einigen Stadtvierteln mögen viele Reiche wohnen, in anderen sehr viel
mehr Familien mit Kindern, in wieder anderen Stadtvierteln vor allem Menschen, die in anderen Ländern geboren
sind. Eine solche Ungleichverteilung von Merkmalen wird
in der Stadtforschung als Segregation bezeichnet. Bei der
Beschäftigung mit Segregation ist es wichtig, zwischen
unterschiedlichen Arten von Segregation zu unterscheiden. Üblich sind solche nach arm und reich (soziale Segregation), nach Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit
(ethnische Segregation) oder nach Alter (demografische
Segregation). Hinzu kommen solche nach Religionszugehörigkeit, Wahlbeteiligung oder Umweltbelastung. Das
Phänomen Segregation ist im Grunde nichts Neues, aber
die Auseinandersetzung damit wird wichtiger, da seit
einigen Jahren die soziale und räumliche Polarisierung in

den Städten weiter zunimmt. Die Gründe dafür sind vielfältig, dabei lassen sich raumbezogene und nicht raumbezogene Aspekte unterscheiden. Raumbezogene Aspekte
sind zum Beispiel die immer wichtiger werdende »Visitenkartenfunktion« von Orten, der rapide Rückgang preisgebundener Wohnungen oder die Reurbanisierung von
Innenstadtvierteln. Als nicht-raumbezogene Einflussfaktoren gelten Aspekte wie die zunehmend brüchigen
Erwerbsbiografien und die damit einhergehenden Armutsrisiken. Wer wo wohnt, wird hauptsächlich über das jeweilige Einkommen bestimmt. Wenn also die Einkommensungleichheit in einer Gesellschaft zunimmt, dann nimmt
zumeist auch die Ungleichheit in einer Stadt zu. Eine solche
Polarisierung bedeutet auf der Ebene der Stadtviertel,
dass sie sich immer weiter sozial entmischen: Reiche
wohnen tendenziell nur noch neben Reichen und Arme neben Armen. Zwar sind die Dimensionen sozialräumlicher
Entmischung hierzulande nicht so ausgeprägt wie in anderen Staaten der Welt, aber der Trend ist unverkennbar.
Führt die soziale Entmischung eines Stadtviertels
dazu, dass es im Vergleich zu vorher einen geringeren
sozioökonomischen Status aufweist, spricht man von
»downgrading«. Im Falle eines Zuzugs statushöherer
Gruppen und der folgenden sozioökonomischen Aufwertung des Viertels handelt es sich um »gentrification«.
Auch gewöhnliche stadtplanerische Eingriffe in ein Stadtviertel oder seine Umgebung haben Auswirkungen auf
die soziale Zusammensetzung eines Viertels. Wird neben
einem Wohnviertel eine neue Industrieanlage oder ein
größerer Straßenabschnitt gebaut, kann dies ein downgrading des Viertels auslösen. Die Vernachlässigung
kommunaler Infrastruktureinrichtungen im Viertel kann
ebenfalls zu Abwertung und Entmischung führen. Wenn
dagegen ein bislang eher armutsgeprägter Stadtteil zum
»In-Viertel« für Studierende und junge Kreative wird, kann
dies zur Folge haben, dass die bisherige Bevölkerung nach
und nach von dort verdrängt wird. Die richtige Mischung
zu finden zwischen Stabilisierung und Erneuerung, ist
demnach ein wichtiges Merkmal behutsamer Stadterneuerung. Falsch wäre es, ein Viertel vorrangig als Ansammlung von Immobilien zu sehen. Stadtviertel sind gerade
für die Menschen, die dort leben, sehr emotionale Orte
und dieses emotionale Verhältnis zum Viertel gilt es zu
respektieren.

Die neue Normalität des Städtischen

SOZIALE MISCHUNG: NOTWENDIG,
ABER NICHT HINREICHEND
Städte sind nicht nur Orte des Nebeneinanders, sondern
Orte für das Miteinander. Zumindest ist das die normative
Idealvorstellung einer »guten«, »gemischten« und damit
»gerechten« Stadt. Dahinter steht u. a. der Gedanke, dass
benachteiligte Gruppen von privilegierten Gruppen profitieren können, indem beispielsweise Jobs vermittelt werden
oder sie mehr Unterstützung bei Bildung und Qualifizierung
erfahren. Gestützt wird diese Annahme von einschlägigen
Befunden aus der Netzwerkforschung, die zeigen, dass bei
der Jobsuche insbesondere die eher schlecht Gebildeten
Vorteile von sozial unähnlichen Netzwerkkontakten haben.
Die Vorteile gemischter Netzwerke im Viertel sind bislang
jedoch wenig erforscht. Man geht davon aus, dass solche
Netzwerkkontakte zwischen sozial unähnlichen Personen
häufiger zustande kommen, wenn sie nur dicht genug zusammenwohnen. Daher wird soziale Mischung befürwortet.
Allerdings führt die räumliche Nähe ungleicher Personen
nicht zwangsläufig zum Austausch zwischen ihnen. In einer
Studie zu einer sozial gemischten Grundschule in einem
sozial gemischten Quartier in Berlin haben Nast und Blokland (2013) den Kontakt zwischen den Eltern der Schulkinder untersucht. Es wurde vermutet, dass sich diese sozial
unähnlichen Eltern durch ihre alltäglichen Begegnungen
und das gemeinsame Thema, nämlich die Schule, leichter
und intensiver austauschen würden. Der Befund zeigt aber,
dass selbst unter diesen »guten« Voraussetzungen es kaum
zu Kontakt zwischen unähnlichen Personen kam bzw. dieser
Kontakt nur auf sehr spezifische Themen beschränkt blieb.

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Man ist lieber »unter sich«, auch wenn ansonsten das Ideal
der sozialen Mischung ausdrücklich akzeptiert wird.
Daraus den Schluss ziehen zu wollen, dass Stadtplanung doch besser auf sozial homogene Nachbarschaften
zielen sollte, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Denn Quartiere sind zugleich soziale Erfahrungsräume bzw. Räume
der Sozialisation. Es werden verschiedene Lebensweisen
und Normen erfahrbar, auch wenn der tatsächliche Austausch gar nicht so groß ist. Für den Abbau von Vorurteilen
und die Förderung gesellschaftlicher Solidarität sind dies
wichtige Voraussetzungen. Gerade in stabil armutsgeprägten Stadtvierteln sind die Bewohner häufig sozial derart
isoliert, dass sie andere Normen und Lebensweisen kaum
noch in ihrem direkten Umfeld wahrnehmen können. Ob
es ähnliche Effekte in »Reichen-Ghettos« gibt, lässt sich nur
vermuten, weil die entsprechenden Studien bislang fehlen.
Soziale Mischung kann demnach einer Polarisierung
von Lebenswelten entgegenwirken. Die Erwartung aber,
dass bereits das Vorhandensein sozial unähnlicher Milieus
in einem Viertel dafür ausreicht, wäre zu einfach gedacht.
Austausch muss organisiert und gepflegt werden, zum Beispiel in attraktiven öffentlichen Räumen oder durch Nachbarschaftsfeste und andere soziale Ereignisse. Wie wichtig
die soziale Dimension in der Stadterneuerung ist, lässt sich
mittlerweile auch in den entsprechenden Programmen
ablesen. Soziale Mischung zu erhalten, das Miteinander zu
fördern und den alltäglichen Austausch zu ermöglichen, ist
in den immer stärker polarisierten Städten eine Daueraufgabe geworden.

BEISPIEL AUS DER PRAXIS: »ENTDECKE DIE VIELFALT IN DEINER NACHBARSCHAFT!«
In der Spandauer Siedlung der Berliner Wohn- und Baugenossenschaft von 1892 eG wurde ein mehrstufiges Projekt
initiiert, das die vorhandenen Spannungen zwischen Zuwandererfamilien und langjährigen, in der Regel älteren
Bewohnern (meist ohne Migrationshintergrund) abbauen und das nachbarschaftliche Zusammenleben fördern
sollte. Dieses Projekt mag auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen, aber es beinhaltet die »richtigen«
Bausteine: das Entdecken und Erkennen der gemeinsamen sozialen und kulturellen Vielfalt, das Schulen interkultureller Kompetenzen auf allen Seiten und das Schaffen von Anlässen zu regelmäßigen Begegnungen. Entstanden
ist u. a. das »Waschcafé«, das nun ein willkommener Begegnungsort im Alltagsleben der Siedlung geworden ist.
Weitere Informationen: WWW.STADTENTWICKLUNG.BERLIN.DE/SOZIALE_STADT/GENDER_MAINSTREAMING/DOWNLOAD/VIELFALT_FOERDERN_KOMPLETT.PDF (S.45-54)

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DIVERSITÄT ALS UNBEKANNTE
NORMALITÄT IN DER STADT
Im Kontrast zur zunehmenden sozialen Entmischung von
Stadtvierteln ist eine wachsende Diversität vor allem
innerhalb ethnisch segregierter Viertel zu erkennen: Die
gesellschaftliche Vielfalt nimmt hier zu. Das seitens der
Politik vorherrschende Bild ist dagegen meist noch von
der Vorstellung geprägt, solche Gebiete seien von einer
oder zwei homogenen ethnischen Gruppen dominiert.
Für die Vergangenheit mag das plausibel gewesen sein,
denn es waren damals wenige, große Migrantengruppen,
die dauerhaft nach Deutschland einwanderten. Heute
haben wir es eher mit einer Vielzahl kleinerer Bevölkerungsgruppen zu tun, die teilweise auch zwischen verschiedenen
Ländern hin- und herpendeln. Die Zeiten mono-ethnischer
Zuwanderergebiete (z. B. des sprichwörtlichen »Italienerviertels«) dürften über kurz oder lang vorbei sein. Stattdessen entwickeln sich super-diverse Stadtviertel (Vertovec
2006). In solchen Quartieren stellt keine Gruppe mehr
die Mehrheit, daher kommt es zu neuen, komplexeren
Aushandlungsprozessen zwischen den verschiedenen
Gruppen. Die zunehmende Zahl an Sprachen, die in einem
Viertel gesprochen werden, ist dabei nur ein Aspekt.
Stadtplanung und Stadterneuerung stehen hier vor der
schwierigen Aufgabe, mit einer fast unübersichtlich
erscheinenden ethnischen, kulturellen, sprachlichen
und religiösen Diversität angemessen umzugehen und die
»Superdiversität« als Potenzial für die weitere Entwicklung eines Viertels zu nutzen. Meist sind solche Viertel
auch noch von Armut geprägt, also sozioökonomisch
segregiert, und weisen einen hohen Anteil an Kindern
und Jugendlichen auf; sie sind also Armenviertel, Integrationsmaschine und Kinderstube in einem. Kindheit und
Integration müssen daher mehr und mehr unter den Bedingungen räumlich erfahrbarer relativer Armut gelingen.
Die ethnisch segregierten und zunehmend diversen
Viertel erfüllen nicht alle die gleichen Funktionen für die
Gesamtstadt. Hervorzuheben sind zum Beispiel solche
Quartiere, die als bevorzugte Ankunftsgebiete für Zuwanderungen gelten. Hier finden Migranten am leichtesten
erste Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten. Nach einem
gelungenen sozialen Aufstieg wird das Viertel meist verlassen und anschließende finden neue Zuwanderergruppen

Die neue Normalität des Städtischen

hier ihre erste Bleibe. Es sind also Viertel des ständigen
Kommens und Gehens: Sie zeichnen sich durch eine
längere Migrationsgeschichte, hohe Fluktuationsraten
und migrationstypische Geschäfte bzw. Unternehmen
aus, die zum Beispiel den internationalen Geldversand
abwickeln und Arbeitsgelegenheiten auch für Unqualifizierte organisieren.

TRANSNATIONALISIERUNG VON
STADTVIERTELN
Nicht nur die ethnischen Zugehörigkeiten, Nationalitäten
und Sprachen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend diversifiziert, sondern auch die Migrationsmuster selbst. Vorherrschend ist immer noch die Idee, dass
Menschen einen Ort verlassen und an einem anderen
bleiben. Das ist auch nicht falsch, allerdings sind neben
diese klassische Ein- und Auswanderung weitere Formen
von Migration getreten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Arbeitsmigranten, die, nachdem sie einige
Jahre oder Jahrzehnte in Deutschland gearbeitet haben,
in ihre alte Heimat zurückkehren. Ähnlich bekannt sind
die Diasporagruppen, die aus politischen oder Sicherheitsgründen für einige Zeit im Ausland – im Exil – leben,
deren Perspektiven aber ansonsten strikt auf das jeweilige Herkunftsland ausgerichtet sind. Teile der kubanischen Community in US-amerikanischen Städten gehören
beispielsweise zu einer solchen Gruppe.
Ein anderes, nicht ganz so bekanntes Phänomen ist
die transnationale Migration. Auch wenn solche Migrantengruppen bislang zahlenmäßig noch klein sind, wächst
ihre Bedeutung. Die damit verbundenen Auswirkungen
sind in einigen Stadtvierteln bereits deutlich zu erkennen.
Transnationale Migranten pendeln mehr oder minder
regelmäßig zwischen mehreren Ländern, versenden Geld
und Güter über Staatsgrenzen hinweg und verfügen über
intensive und vielfältige individuelle Netzwerkkontakte
in jedem dieser Länder. Sie leben in und zwischen mehreren Staaten – und damit auch in und zwischen mehreren Städten bzw. Stadtvierteln. Auf welche Weise sie
sinnvoll in längerfristige Prozesse der Stadterneuerung
oder stabile lokale Nachbarschaften eingebunden werden können, ist noch vollkommen offen. Denn wie weit

Die neue Normalität des Städtischen

11

BEISPIEL AUS DER PRAXIS: BÜRGERPLATTFORM KÖLN
Im Kölner Norden hat sich unter dem Label »Stark! im Kölner Norden« eine Bürgerplattform gegründet. Orientiert
am Konzept des »community organizing« haben sich verschiedene zivilgesellschaftliche, ethnische und religiöse
Gruppen, aber auch Einzelpersonen, zusammengefunden und organisieren Bürgerbeteiligung »von unten«. Die
Bürgerplattform ist dabei weder ideologisch noch parteipolitisch gebunden und setzt sich für konkrete Veränderungen im besonders heterogenen Kölner Norden ein.
Weitere Informationen: WWW.STARK-KOELN.ORG

ihr Engagement bzw. ihr Mitspracherecht gehen kann,
wenn sie nur zeitweilig vor Ort sind, wird vermutlich nur
durch praktisches Erproben und begleitende Forschung
herauszufinden sein. Gerade dieses Nebeneinander sehr
unterschiedlicher Formen, Muster und Rhythmen von
Migration ist eine jener urbanen Herausforderungen,
die man tatsächlich als neu bezeichnen muss.

»Soziale Mischung zu erhalten,
das Miteinander zu fördern und
den alltäglichen Austausch zu
ermöglichen, ist in den immer
stärker polarisierten Städten
eine Daueraufgabe geworden.«

FAZIT: DREI FRAGEN – UND NOCH MEHR
HERAUSFORDERUNGEN
Wenn wir wachsende Segregation, ansteigende Diversität
und zunehmende Transnationalisierung als neue Normalität unserer Städte verstehen müssen, ergeben sich daraus wichtige Fragen für die Stadterneuerung:
Wie kann soziale Mischung in Stadtvierteln nicht nur
erhalten, sondern aktiviert werden?
Wie gelingt es, dass die vielen Arten und Ebenen von
Diversität nicht zu sozialen Fliehkräften werden,
sondern ein Stadtviertel zusammenhalten?
Und wie lassen sich Teilhabe und nachbarschaftliches
Miteinander organisieren, wenn die Migrationsmuster
so unterschiedlich sind und zunehmend mehr Menschen
zur gleichen Zeit mehrere Lebensmittelpunkte haben?
Diese kurze Aufzählung ist selbstverständlich nicht
erschöpfend, aber es sollte klar werden, dass Stadtgesellschaften in Zukunft noch mehr Ideen und noch
bessere Verfahren und Instrumente benötigen, um mit
der wachsenden, oft widersprüchlichen Vielfalt unserer
Stadtviertel umgehen zu können. Manche Viertel werden
homogener, andere sehr viel heterogener – schon deshalb
kann Stadterneuerung nicht überall nach dem gleichen
Muster agieren.

12

Die neue Normalität des Städtischen

LITERATUR
Nast, J. & Blokland, T. (2013). Social Mix Revisited:
Neighbourhood Institutions as Setting for Boundary
Work and Social Capital. Sociology, 48(3), S. 482-499.
Vertovec, S. (2006). The emergence of super-diversity
in Britain. Oxford: Centre on Migration, Policy and
Society, University of Oxford.
Weiterführende Literatur
… zu Segregation
Friedrichs, J. & Triemer, S. (2009): Gespaltene Städte?
Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Strohmeier, K. P. (2006): Segregation in den Städten.
Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.
… zu Diversität
Staubach, R. (2013): Armutszuwanderung aus Südosteuropa: Ansatzpunkte zur Förderung von Diversität in
»Ankunftsstadtteilen«. Erkundungen in der Dortmunder
Nordstadt. Forum Wohnen, 5, S. 254-260.
Yildiz, E. (2011): Migration und Diversität als urbane
Ressource. In H. Herrmann, C. Keller, R. Neef & R. Ruhne
(Hrsg.), Die Besonderheit des Städtischen ‒ Entwicklungslinien der Stadt(soziologie). Wiesbaden: VS Verlag
für Sozialwissenschaften, S. 125-143.

… zu Ankunftsgebieten
Kurtenbach, S. (2015): Ankunftsgebiete – Segregation als
Potenzial nutzen. In A. El-Mafaalani, S. Kurtenbach & K. P.
Strohmeier (Hrsg.), Auf die Adresse kommt es an. Segregierte
Stadtteile als Problem- und Möglichkeitsräume begreifen.
Weinheim und Basel: Beltz Juventa Verlag, S. 306-328.
Saunders, D. (2011): Arrival City. München: Karl Blessing
Verlag.
… zu Transnationalisierung
Pries, L. (2008): Die Transnationalisierung der sozialen
Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften.
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Riedel, S. (2016): The Problems of Assessing Transnational
Mobility: Identifying Latent Groups of Immigrants in Germany
Using Factor Mixture Analysis. Social Indicators Research,
53(9), S. 1689-1699.
Weiterführende Onlineressourcen
www.stadtundmigration.wordpress.com
www.praktische-sozialwissenschaft.de
Autor: Sebastian Kurtenbach, M. A. Sozialwissenschaft,
ist Doktorand am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln, Mitarbeiter am Zentrum für
interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der RuhrUniversität Bochum und Lehrbeauftragter an der FH Dortmund im Studiengang Soziale Arbeit. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der soziologischen Stadt- und
Migrationsforschung.

13

Mit Lust fürs Gemeinwohl
Wie Initiativen Immobilien zum Wohl ihrer
Nachbarschaft entwickeln
»Gemeinwohl gemeinsam gestalten« – ein Wahlspruch
der Montag Stiftung Urbane Räume – ist mehr als nur
eine schöne Vision. Er ist Konzept und Strategie für eine
zukunftsoffene Stadtentwicklung, die möglichst viele mitnimmt, das eigene direkte Lebensumfeld mitzugestalten.
Es geht um Stadtplanung aus dem Quartier und um eine
andere Planungskultur: mit Mut zum Risiko und mit Neugierde auf das kreative Potenzial jedes Einzelnen. Der Gedanke hat viel vom Urtraum der Polis, vom Kerngedanken
einer Demokratie, die systematisch von unten nach oben
organisiert ist. Doch die Realität sieht oft anders aus.
Schon in größeren Kommunen werden häufig Entscheidungen der Bezirksvertretungen »kassiert« und »höheren
Zielen« geopfert. Es herrscht – ob Kommune, Land, Bund,
EU – viel Steuerungskultur von oben, gepaart mit Überregulierung und Normierungszwang. Ein Gefühl von Fremdbestimmtheit macht sich breit. Wie viel Spielraum für die
Gestaltung des eigenen Lebensraums bleibt da noch?

AUF GUTE NACHBARSCHAFT
Es gilt, solche Gestaltungsräume zurückzuerobern. Die
alte Idee von Nachbarschaft neu zu denken. Vertrauen zu
schaffen in die Machbarkeit alternativer Daseinsentwürfe
auf der Basis eigener Kreativität. Dazu gehört, »Rendite«
sozial zu begreifen und ein funktionierendes Miteinander
als »Kapital« zu verstehen. In der Vorbereitung eines
bundesweiten Konvents »Immobilien für viele« lud die
Montag Stiftung Urbane Räume im Februar 2016 zu einem
Beiratstreffen nach Berlin. Eingeladen waren Vertreter von
Initiativen, Verbänden, Wirtschaft und öffentlicher Hand,
um neue Wege zu finden, Stadtteile nachhaltiger zu entwickeln. Der Ort war zielbewusst gewählt. Man traf sich
auf dem ExRotaprint-Gelände in Berlin-Wedding, einem
Stadtteil mit großen sozialen Problemen. Hier hat es eine
Initiative geschafft, gegen jede klassische Investorenlogik
ein Modell vorzulegen, das mittlerweile als beispielhaft
gilt. Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Erfolg
war dort das gemeinschaftliche Bekenntnis zu einem neuen
Verständnis von »Profit«. In der Kombination aus Erbbaurechtsvertrag und Gründung einer gemeinnützigen
GmbH wurde jeder finanzielle Gewinn für die Eigentümer
konsequent ausgeschlossen. Der Profit besteht vor allem

Abb. 1: Beiratstreffen auf dem ExRotaprint-Gelände
Foto: Thomas Puschmann © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

darin, dass hier mitten in Wedding unterschiedlichste
Menschen zu günstigen Bedingungen weitgehend selbstbestimmt leben und arbeiten können und dabei ein
hochlebendiges Zentrum für das Viertel entstanden ist.
Das Beispiel zeigt: Es lohnt sich, beim Denken die
Richtung wechseln zu können. Sich zu öffnen für Lösungsmuster, die unkonventionell sind. Auch eine neue Kreativität zu entwickeln im Umgang mit gesetzlichen Vorgaben.
Das geht nur gemeinsam, unter Hinzuziehung aller gesellschaftlichen Kräfte, gepaart mit der Bereitschaft, gegenseitige Vorurteile abzubauen. Der große Zuspruch aus
vielen verschiedenen Gruppen zum Konvent zeigt, dass
sich weitgehend alle auch zu diesem Ziel bekennen. Schon
das Beiratstreffen im Februar machte Mut.
Caroline Rosenthal von der Initiative »Mietshäuser
Syndikat GmbH«: »Die Idee, zu sagen, wir sind viele, oft
kleine Akteure und eigentlich gibt es da andere, die andere
Namen haben und andere Formen und in anderen Sparten
sind, aber an bestimmten Punkten vielleicht das Gleiche
wollen, das ist es, was uns hier zusammenbringt. Die
Idee, dass man möglicherweise einfach seine Kräfte vereinigen muss, um Rahmenbedingungen zu verändern.«
Auf Verwaltungsseite ist die Offenheit hierfür durchaus
vorhanden. Stefan Raetz, Bürgermeister von Rheinbach
und Vorsitzender des Ausschusses Städtebau, Bauwesen
und Landesplanung des Städte- und Gemeindebundes
Nordrhein-Westfalen hat seine Erfahrungen schon gemacht,
»was Initiativen bewirken können, im Hinblick auf Wohnungsbau, Quartiere und Nachbarschaften. Es geht darum, dass wir von diesen positiven Beispielen lernen und
aufzeigen, Mensch, so schlimm sind die doch gar nicht.
Ganz im Gegenteil: Die haben nicht nur spinnerte Ideen,

14

wie man vielleicht vielerorts denkt, sondern die sind auch
in der Lage, das, was sie sich vorstellen, umzusetzen,
wenn man ihnen die Möglichkeiten gibt.« Eine Ansicht,
die Benedikt Altrogge von der GLS Bank nur bestätigen
kann: »Gerade Initiativen sind von der Gruppenbildung
her und auch von der Grundausrichtung so stark, dass sie
diverse Probleme überwinden können. Da haben wir genug
Beispiele, die zeigen, dass das klappen kann und da ist es
eher wichtig, die Leute in den anderen Banken mitzunehmen, mal Projekte zu besuchen, um sich einfach zu informieren, wie lange manche Projekte schon am Markt sind
und welche Wirkung sie erzielt haben.«
Es geht um ein neues Vertrauen zwischen Bürgern und
ihrer Verwaltung. Die Rückeroberung von Spielräumen
für alle. Jürgen Aring vom vhw-Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. fordert im Interesse einer
nachhaltigen Stadtteilentwicklung mehr Beweglichkeit in
rechtlichen Rahmenbedingungen und hofft darauf, in Zukunft hier »vielleicht auch Öffnungsklauseln zu erwirken,
die den Kommunen mehr Handlungsspielräume geben«.
Das gilt auch und besonders bei den europäischen Fördermechanismen. Frank Baranowski, Oberbürgermeister

Mit Lust fürs Gemeinwohl

von Gelsenkirchen, mahnt hier »mehr Pragmatismus« an.
»Meine Kollegen, Oberbürgermeister und Landräte der
Region, waren jetzt vor kurzem in Brüssel, um genau
das mal direkt zu artikulieren. Und ich fand es ganz spannend, dass Vertreter der Kommission, aber auch Vertreter
der Verwaltung in Brüssel sagten: >Das ist für uns hochinteressant, dass wir mal direkt mit Kommunen sprechen,
um auch mal zu sehen, wie kommt das eigentlich an, was
wir hier machen.‹ Ich habe festgestellt, auch denen ist
gar nicht klar, wie funktioniert das eigentlich, was die
dort an Verordnungen auf den Weg bringen.«

Abb. 2-6: Ausschnitte aus dem Film »Immobilien für viele ‒ Gemeinwohl gemeinsam gestalten« von Jörg Jung und Verena Maas, zu sehen sind
Mitglieder des Konvent-Beirats, die am Ende des Artikels namentlich aufgeführt werden © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

Mit Lust fürs Gemeinwohl

FREIRÄUME NUTZEN
Mit dem Programm »Initialkapital für eine chancengerechte
Stadtteilentwicklung« geht die Montag Stiftung Urbane
Räume beispielhaft voran und übernimmt auch als Akteur
Verantwortung. Im Stadtteil Freiimfelde in Halle an der Saale
hat sie im Frühjahr 2016 ihr zweites Initialkapital-Projekt
gestartet. Hier hatte es eine Künstlergruppe bereits vor
einigen Jahren geschafft, in einem von massivem Leerstand
geplagten Viertel in direkter Bahnhofsnähe mit einem
Streetart-Festival den negativen, pessimistischen Blick
positiv zu verändern. Ein wichtiges Ziel war es, »Leerstand
als Potenzial aufzuzeigen«, wie Hendryk von Busse, einer
der Initiatoren, sagt, »denn Leerstand bedeutet Freiraum«. 15.000 Menschen folgten dem Ruf zum »All-YouCan-Paint-Festival«, bei dem sowohl international bekannte Streetart-Künstler als auch Menschen aus dem
Viertel große Wände bemalten und der Tristesse vor Ort
den Kampf ansagten. In der Folge gründete sich eine »Freiraumgalerie«, in der künstlerische Projekte verfolgt werden
und vier Künstler ein eigenes Stadtentwicklungsbüro
betreiben. Sie sind Ansprechpartner für diverse Akteure
aus dem Viertel und die Stadtverwaltung. Uwe Stäglin,
Dezernent für Bauen und Planen in Halle freut sich über
das Engagement der Künstler: »Das Verlockende ist, dass
man nicht mit dem üblichen Instrumentenkasten fragt, was
würde hier passen. Gemeinsam von unten heraus zu entwickeln, das ist erstmal eine Chance. Auch zu gucken, dass
der Kreis der Akteure, der von außen kommt, unterstützt,
aber nicht überwiegt. Die Zielsetzung ist, dass wir durch
die Aufwertungsprozesse nicht den Schritt machen, den
viele dieser innovativen Quartiere machen, nämlich durch
die Innovation so attraktiv zu werden, dass die eigentlichen Motoren für die Entwicklung zum Schluss verdrängt
werden.«

WIE MAN SICH SELBST NEU ERFINDET:
DAS BONNI IN GELSENKIRCHEN-HASSEL
»Wir haben entdeckt, was Menschen verschiedener Kulturen, Religionen, verschiedener Generationen und unterschiedlicher politischer Überzeugungen verbinden kann,
ohne dass sie dabei ihre Traditionen und Prägungen

15

aufgeben: die alltäglichen Probleme der Menschen.«
Rolf Heinrich, langjähriger Pfarrer an der evangelischen
Lukasgemeinde in Gelsenkirchen-Hassel hat erkannt, dass
es gerade in einem Stadtteil mit heterogener Bevölkerungsstruktur und großen sozialen Problemen darauf
ankommt, möglichst flexibel auf die alltäglichen Herausforderungen reagieren zu können. Und er wagte einen nahezu
revolutionären Schritt. Das Lukasgemeindezentrum in
Gelsenkirchen-Hassel war seit seiner Gründung 1961 ein
Vorzeigeprojekt integrierter Stadtteilarbeit unter kirchlichem Dach. Von Anfang an war es eine Anlaufstelle –
auch für Bewohner anderer Glaubensrichtungen. Mit der
Errichtung des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses, dem ersten
Haus der offenen Tür (OT) in NRW, wurde ein Markstein
in der Jugend- und Bildungsarbeit gesetzt. Doch 2006
sollten das Haus und eine Kindergartengruppe aus Kostengründen geschlossen werden. Rolf Heinrich und seine
Mitstreiter standen vor der Frage, ob sie Opfer oder Akteure
sein wollen. Sie entschieden sich für Letzteres und sagten:
Jetzt erst recht! Aus der Kirche »für Andere« sollte eine
Kirche »mit Anderen« werden. Das hieß, neue Trägerstrukturen mussten her, um die Schließung des BonhoefferHauses zu verhindern und die Lasten der sozialen Arbeit
auf mehrere Schultern zu verteilen.

Loslassen, um voranzukommen
Eine Bürgerstiftung wurde gegründet, die nach dem Motto
»gemeinsam Verantwortung teilen« eine Verbindung
zwischen Wirtschaft, Stadt, Kirche, Bürgern und verschiedenen Religionsgemeinschaften einschließlich der muslimischen und der neuapostolischen Gemeinde herstellt.
Statt das alte Jugendzentrum zu schließen, sollten neue
Gebäude her, um neue Einrichtungen aufnehmen zu können:
neben den Räumen für die Jugendarbeit ein Beratungszentrum für soziale Fragen, vermietbare Veranstaltungsräume, ein komplett eingerichteter Theaterraum für
Kulturveranstaltungen, eine Fahrradwerkstatt sowie im
Zentrum eine gastronomische Einrichtung, die täglich
allen Bürgern offen steht und gleichzeitig einen Cateringservice für die benachbarten Schulen und Kindergärten
bereithält.
Eine sehr wichtige Voraussetzung für das Gelingen
dieses Plans war die Bereitschaft der evangelischen Kirche,
Grund und Boden sowie die Gebäude in die Hände einer

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solchen Stiftung zu geben. Wie vereinigen sich Kirchenrecht und öffentliches Recht? Wer trägt die Risiken? Es
stellten sich viele Fragen und es musste einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. Ein zentraler Punkt war
zum Beispiel, dass im Falle eines Scheiterns die Stadt
Gelsenkirchen die Haftung übernimmt. »Man muss bereit
sein, neue Wege zu gehen«, sagt Uli Kaminsky, Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied in der Stiftung. »Querdenken,
mutig sein, experimentieren. Auch mal auf die Nase fallen.
Ein Schritt vor, zwei zurück und drei wieder nach vorne.
So kann’s gelingen. Es gibt kein Schema F. Man muss voneinander lernen.«
Es kommt darauf an, andere zu begeistern. Lust zu
entwickeln für die Arbeit am Gemeinwohl. In Hassel war
es schließlich der Anwalt der Landeskirche selbst, der
die letzten Zweifel beseitigen konnte. Uli Kaminsky: »Der
fand das so spannend, sich selber daran zu beteiligen,
etwas Neues, das deutschlandweit nicht existiert, zu entwickeln, dass er sich da in positivem Sinne reingehängt
hat. Es sind viele Leute infiziert worden von verschiedenster Seite, die dann dazu beigetragen haben, dass dieses
Gesamtprojekt letztendlich auf den Weg gebracht worden
ist und wir guten Mutes sind, auch für die weitere Zukunft.«

Initiative ergreifen
Gut, dass am Anfang eines solchen Projekts niemand weiß,
was auf einen zukommt. Man würde wohl erst gar nicht
beginnen. »Es muss deutlich weniger Bürokratie geben«,
fordert Frank Baranowski, Oberbürgermeister von Gelsenkirchen und in dieser Funktion Mitglied in der Stiftung
»Leben in Hassel«. Das Büro des Oberbürgermeisters hat
von Anfang an versucht zu helfen, bürokratische Hürden
zu überwinden und Rahmenbedingungen zu schaffen, um
das Gelingen des Projekts zu erleichtern. Zu Hilfe kam aber
auch, dass es in NRW ein beispielgebendes Programm gibt,
um städtebauliche Fördermittel zu bekommen. Das war
ein entscheidender Faktor für die Initiative in Hassel, denn
das zu erwartende Investitionsvolumen für die nötigen
Neubauten lag zwischen 4 und 5 Mio. €.
Mit dem Landesprogramm »Initiative ergreifen. Bürger
machen Stadt« will das nordrhein-westfälische Ministerium
für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr bessere Möglichkeiten für bürgerschaftlich getragene Projekte
schaffen. »Wir versuchen über die Landesinitiative Zugang

Mit Lust fürs Gemeinwohl

zu den Fördertöpfen zu liefern«, sagt Joachim Boll, Manager des Landesprogramms. 80 % der Baukosten werden
bei einer Förderung vom Land übernommen. Die verbleibenden 20 % teilen sich Kommune und Initiative. Bei einem
Kostenvolumen von 4-5 Mio. € ist das immer noch eine
halbe Million, die durch Eigenleistung aufgebracht werden
muss. Mit 4.000 Stunden »Muskelhypothek«, wie Uli
Kaminsky sagt, konnte man diesen Betrag noch reduzieren.
»Muskelhypothek heißt richtig mit anpacken, Wände
einreißen, streichen, Böden bearbeiten, pflastern, alles,
was man irgendwie selbst bewältigen kann.« Der Nebeneffekt dabei: Schon am Anfang wächst die Gemeinschaft
zusammen und identifiziert sich umso mehr mit ihrem
neuen Stadtteilzentrum. Für die Zukunft der Nachbarschaftsarbeit ist das wichtig. Für Joachim Boll kommt es
auf drei grundlegende Dinge an, um Chancen auf eine
Förderung zu haben: »Es bedarf immer einer Truppe
Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, die
eine Idee im Kopf haben, die mit den Füßen scharren.
Also die nicht nur theoretisieren wollen, sondern die
wirklich Dinge umsetzen wollen. Das Zweite: Es braucht
fast immer einen Ort, der eine Energie hat, der auch
Menschen treibt. Das war hier so ein Ort, obwohl es ein
Neubau ist, der erheblich umgebaut worden ist, aber hier
sind einfach ganz viel Gedächtnis und Engagement über
zwanzig, dreißig Jahre in der Kirchengemeinde in den
Mauern sozusagen eingemauert. Und das ist ein Schatz,
den kann man nicht erzeugen, der muss auch ein Stück
weit da sein. Also ein Ort, der Energie bringt. Und das
Dritte ist ein gutes Konzept. Das ist aber die Flachware,
also das Konzept auf dem Papier, aber das braucht es
auch. Und erst wenn diese drei Dinge zusammenkommen,
kann auch wirklich ein Projekt daraus werden.«
Das ehemalige Dietrich-Bonhoeffer-Haus wurde ganz
offiziell in »Bonni« umbenannt – so wie es umgangssprachlich von allen im Viertel seit Jahrzehnten genannt wird. Das
schafft Identifikation und hält die Schwelle zum Betreten
des Bonni bewusst niedrig. »Das Besondere ist, dass hier
versucht worden ist, ganz viele Dinge, die real im Leben
der Menschen hier in diesem Stadtteil eine Rolle spielen,
auch unter ein Dach zu kriegen. Ich sage immer, Verwaltung und öffentliche Hand denkt immer sektoral und
die Initiative denkt quer, über die Sektoren hinweg.
Und das ist hier vorbildlich gelungen. Hier machen die

Mit Lust fürs Gemeinwohl

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Abb. 7-11: Ausschnitte aus dem Film »Stadtteilzentrum Bonni Gelsenkirchen« von Jörg Jung und Verena Maas © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

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Veranstaltungen im Kulturbereich, die machen Jugendarbeit, die machen Sozialberatung, gerade auch in einem
schwierigen Stadtteil, sie machen ein Projekt, das Menschen
Arbeit bietet, wie die Küche und die Gastronomie. Also
da ist ganz viel und es wird sich in den nächsten Jahren
noch weiter etwas daran docken, also das Projekt wird in
Bewegung bleiben.« (Joachim Boll)
Wichtige wirtschaftliche Bausteine im Bonni sind die
Küche, ein Integrationsbetrieb mit fünf Mitarbeitern, und
eine als Unternehmergesellschaft (UG) geführte Fahrradwerkstatt, die als Meisterbetrieb ebenfalls Ausbildungsplätze anbietet. Besonders erwähnenswert: Das ortsansässige Werk des BP-Konzerns, das in der Bürger-Stiftung
vertreten ist, hat mit dieser Fahrradwerkstatt einen festen
Vertrag zur Wartung der mehr als 1.000 Werksräder abgeschlossen. Das garantiert eine gewisse Stabilität für den
Betrieb und regelmäßige Einkünfte für die Bewirtschaftung des Bonni.
Auch der Cateringservice der Küche sorgt für regelmäßige Einkünfte, die dem Gesamtprojekt zugutekommen.
Hinzu kommen Mietverträge mit anderen Nutzern und die
Bewirtschaftung der Veranstaltungsräume, zu denen auch
ein kleines, mit Licht- und Tontechnik ausgestattetes
Theater gehört, in dem man sich neben Theateraufführungen, Konzerten, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen noch einiges Andere vorstellen kann. Schließlich
sollen möglichst viele Nachbarn möglichst oft das Bonni
besuchen kommen.

KULTUR TREIBT AN: SCHAUBÜHNE
LINDENFELS IN LEIPZIG
Wenn Orte eine Energie haben, die es für derartige Initiativen braucht, dann gilt das sicherlich für die Schaubühne
Lindenfels im Leipziger Westen. Ein freies Theater, das
als gemeinnützige Aktiengesellschaft ein anspruchsvolles
Programm bestreitet, mit integriertem Kinobetrieb, und
sich dabei sogar ein eigenes Ensemble leistet: Wie geht das?
Am Anfang waren es zwei Schauspieler, die vier Jahre
nach der Wende ein heruntergekommenes Bauwerk wiederentdecken, das in seiner Architektur zwischen Historismus
und Jugendstil einzuordnen ist. Es besitzt einen bezaubernden Tanzsaal, eine Orchesterbühne samt Akustikmuschel

Mit Lust fürs Gemeinwohl

und eine von gusseisernen Säulen im Renaissance-Stil
getragene Empore. Die jugendstilartig geschwungenen
Profile der Fenster und Portale lagen in der Zeit, in der das
Gebäude als volkseigener Betrieb »Lichtspieltheater Lindenfels« geführte wurde, verschämt hinter Blendwänden
verborgen. 1987 löste eine defekte Heizkesselanlage ein
Feuer aus und versetzte das Gebäude, das als Tanzhaus
gegründet wurde, aber danach bereits als Theater und
sogar als Fabrik genutzt worden war, in einen Dornröschenschlaf.
Für René Reinhardt und Anka Baier ein Ort, der danach
schrie, wieder zum Leben erweckt zu werden. Und 1993,
im Vakuum nach der gerade untergegangenen DDR, gab
es viel Freiraum für Fantasie und Ideen, wenn man nur
bereit war anzupacken. Reinhardt und Baier faszinierten
Freunde mit ihrer Idee, ein freies Theater mit eigenem
Ensemble zu gründen. Schnell wurde ein Mietvertrag
unterschrieben und zwei Jahre hart geschuftet, um das
Haus spielfähig zu machen. Doch bald wurde klar, dass
ihr Traum in der ursprünglichen Konzeption wirtschaftlich
nicht tragfähig war. »Man muss sich breiter aufstellen
als Veranstaltungshaus. Daran ist aber leider auch dann
erstmal diese ursprüngliche Idee ein bisschen gescheitert.
Das ursprüngliche Ensemble hat sich aufgelöst und wir
haben jetzt vor drei Jahren, 2012, ein neues Schau-Ensemble ins Leben gerufen. Das heißt, es gab eine relativ lange
Zeit, in der erstmal im Vordergrund stand, die Existenz
dieses Hauses zu sichern und dafür Geschäfts- und Finanzierungsmodelle zu finden, dass die Immobilie gehalten
werden kann und dass hier ein Betrieb läuft.« (Ulrike
Melzwig, Schaubühne Lindenfels)
Breiter aufstellen, aber ohne die Kernidee zu verraten,
das war die Aufgabe. Um Geld in die Kassen zu spielen,
wurde der Kinobetrieb im oberen kleinen Veranstaltungssaal wieder aufgenommen. Ein Programmkino, das als
Diskursort in Leipzig gebraucht wurde und in dem Regisseure wie Volker Schlöndorff ihre Filme präsentierten.
Außerdem wurde ein Gastspielprogramm aufgesetzt, das
auch Konzerte und Lesungen umfasste: Viele Stars der
Szene wie Fehlfarben, Nina Hagen, Ulla Meinecke, Wladimir Kaminer und Wiglaf Droste traten hier auf. Entstanden war ein interdisziplinäres Kulturhaus, das dem neuen
Leipzig eine Identität gab.

Mit Lust fürs Gemeinwohl

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Abb. 12-16: Ausschnitte aus dem Film »Schaubühne Lindenfels gAG Leipzig« von Jörg Jung und Verena Maas © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

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Auch hier ist ein Restaurationsbetrieb wesentliches
Element zur Verzahnung des Projekts mit dem Viertel.
Café und Restaurant mit den wieder freigelegten Jugendstil-Elementen haben sich nicht nur schnell als Treffpunkt
der Szene etabliert, sondern erhielten auch immer mehr
Besucher aus der direkten Nachbarschaft in Plagwitz und
Lindenau. »Was uns betrifft, ist das Café ein ganz zentraler Bestandteil des ganzen Projektes. Wir sind ja hier an
einer relativ großen, belebten Straße und das Café, das
früh öffnet und den ganzen Tag offen ist, ist das Portal
nach außen. Wir sind eben dadurch nicht ein kleines,
irgendwo verstecktes Büro, sondern es gibt immer diesen
Ort, wo man reinkommen kann, wo man Leute trifft, wo
man sich informieren kann, was läuft hier eigentlich im
Theater oder im Kino.« (Ulrike Melzwig) Lange Zeit wurden
Café und Restaurant selbst betrieben, zwischenzeitlich
als eigenständige GmbH. Im Oktober 2015 entschloss
sich die Bühnenleitung, das Restaurant an einen professionellen Gastronomen zu verpachten. Ulrike Melzwig:
»Für uns ist das ertragreicher. Das hängt mit der Größe
des Lokals zusammen. Es ist ja ein richtiges Restaurant
und nicht nur irgendeine kleine Theaterbar, wo man ein
bisschen Wein ausschenkt. Da macht es für uns Sinn, das
in professionelle Hände zu geben und zu verpachten.
Aber es ist natürlich wichtig, dass es eine sehr gute Kommunikation mit den Betreibern gibt, weil es für uns das
Foyer ist. Der Raum hat ja zwei Funktionen. Er ist auch
unser Theater- und Kino-Foyer, wo sich die Leute versammeln, bevor sie in die Vorstellungen gehen. Das muss
sehr gut abgestimmt werden und funktioniert in unserem
Fall gut.«

Ein Kulturbetrieb als Aktiengesellschaft
Nach zehn Jahren erfolgreicher Arbeit kam die Katastrophe. Der Besitzer der Immobilie wurde insolvent und
musste verkaufen. Die beste Idee war, selber zu kaufen,
aber wie? Ganz einfach: Man macht es wie alle Kapitalisten. Man sucht sich Teilhaber und gründet eine Aktiengesellschaft. »Das Haus wurde 2005 für 200.000 € gekauft
über einen Kredit und einen Vorschuss der Förderung der
Stadt Leipzig. Das waren 120.000 € Kredit und 80.000 €
Förderung von der Stadt. Es ist dann auch über den Aktienverkauf gelungen, diesen Kredit zurückzuzahlen. Heute
ist das Haus im Besitz der gAG und unserer 1.400

Mit Lust fürs Gemeinwohl

Mitaktionäre und ist also unser Haus.« (Ulrike Melzwig).
Das kleine »g« verrät den Trick. Die Aktiengesellschaft
ist gemeinnützig und dient der Förderung der Kultur. Der
Gewinn für die Aktionäre ist nicht monetär. Der »Profit«
ist Kultur. »Ausgeschüttet« werden Kulturveranstaltungen
und die Möglichkeiten für zivilgesellschaftliche Begegnungen in Restaurant, Theater und Kino. Eine garantiert
ertragreiche Rendite. »Bei uns kauft man Kunstaktien,
die kosten 24 € das Stück und sind jeweils von einem
Leipziger Künstler gestaltet. Das sind Kunstaktien, die
man sammeln kann und die >Dividende< ist, die Unabhängigkeit für uns zu bewahren, einen Kulturort zu fördern,
der ein gutes Programm in Leipzig macht.«
Die Schaubühne Lindenfels ist für das Gemeinwesen
in Leipzig ein großer Gewinn. Und deshalb lassen Stadt
und Land die Institution nicht allein und fördern sie zusätzlich im Rahmen der gesetzlichen Fördermechanismen.
Das neue Schau-Ensemble etwa bewirbt sich wie alle
Kulturschaffenden bei Produktionen um Förderprogramme
aus den Kulturetats, während die in Zukunft vorgesehenen,
mit ca. 400.000 € bezifferten Sanierungsmaßnahmen
am Gebäude zu 85 % aus Mitteln der EU, des Freistaates
Sachsen und der Stadt unterstützt werden. 62.000 € will
die gAG Schaubühne Lindenfels selbst finanzieren. Da
können also noch einige Aktien gekauft werden.

INITIATIVEN SIND VERLÄSSLICHE PARTNER
IN DER STADTTEILENTWICKLUNG
Solche Beispiele zeigen, dass es sich überall lohnt, auf
das Engagement von Bürgern und Initiativen in der Stadtentwicklung zu setzen und dieses Engagement so gut es
geht zu unterstützen. Ermutigend ist, dass sowohl bei Initiativen als auch in Verwaltung und Politik erkannt wird,
dass Entwicklung nur gemeinsam geht und so sogar Spaß
macht. Wenn man nur bereit ist, gegenseitig Vorurteile abzubauen und voneinander zu lernen.
Die Lust und Kreativität derer, die vor Ort leben und
arbeiten, sichert uns allen eine Vielfalt an gemeinschaftlichen Daseinsmodellen, die auf andere Orte ausstrahlen
kann. Sie sind wahres Initialkapital für die Entwicklung
unserer Städte.
Autor: Jörg Jung

Mit Lust fürs Gemeinwohl

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Beirat des Konvents »Immobilien für viele –
Gemeinwohl gemeinsam gestalten«
Partner: Benedikt Altrogge (GLS-Bank) ‖ Tobias Behrens
(STATTBAU Hamburg) ‖ Joachim Boll (startklar.projekt.
kommunikation) ‖ Oliver Brügge (Montag Stiftung Urbane
Räume) ‖ Frauke Burgdorff (Montag Stiftung Urbane
Räume) ‖ Marta Doehler-Behzadi (Internationale Bauausstellung IBA-Thüringen) ‖ Dorothee Dubrau (Stadt
Leipzig) ‖ Roman Grabolle (Haus- und WagenRat) ‖
Christian Huttenloher (Deutscher Verband für Städtebau, Wohnungswesen und Raumordnung) ‖ Wolfgang
Kiehle (Kiehle Beratung: Wohnen) ‖ Martin Linne (Deutscher Städtetag | Stadt Krefeld) ‖ Rolf Novy-Huy (Stiftung
trias) ‖ Stefan Raetz (Deutscher Städte- und Gemeindebund | Stadt Rheinbach) ‖ Caroline Rosenthal (Mietshäuser
Syndikat) ‖ Andreas Roters (Netzwerk Bürgerbäder) ‖
Birgit Schmidt (Wohnbund) ‖ Peter Schmidt (WOGENO
München) ‖ Enrico Schönberg (Mietshäuser Syndikat) ‖
Martin zur Nedden (Deutsches Institut für Urbanistik)

Mitdenker: Jürgen Aring (vhw – Bundesverband für
Wohnen und Stadtentwicklung) ‖ Kerstin Asher (startklar.
projekt.kommunikation) ‖ Henry Beierlorzer (Urbane
Nachbarschaft Samtweberei) ‖ Torsten Bölting (InWIS
Forschung & Beratung) ‖ Marco Clausen (Prinzessinnengarten | Nomadisch Grün) ‖ Constanze Cremer (STATTBAU
Berlin) ‖ Markus Eltges (Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung) ‖ Anna Heilgemeir (Chair for Urban
Design and Urbanization TU-Berlin) ‖ Andrej Holm (Humboldt Universität zu Berlin) ‖ Melanie Kloth (NRW.BANK) ‖
Tristan Lannuzel (urbanista – Stadtentwicklung & Kommunikation) ‖ Jochen Mauel (GAG Immobilien, Köln) ‖
Brigitte Schultz (Stadtbauwelt) ‖ Rolf Weilert (WEG-Damit)

22

Unikat oder Modell?

Fachgespräch zu Voraussetzungen, Möglichkeiten
und Grenzen des Modells »Initialkapital«
Am 1. März 2016 lud die Montag Stiftung Urbane Räume
zu einem interdisziplinären Fachgespräch in die Samtweberei in Krefeld. Experten aus Stadtteilerneuerung,
Gemeinwesenarbeit, Wohnungswirtschaft und Immobilienfinanzierung diskutierten mit Vertretern der Stiftung und der Projektgesellschaft Urbane Nachbarschaft
Samtweberei zu der Frage, inwieweit das Modell Initialkapital auf andere Stadtviertel und andere Partner übertragbar ist: Wo geht das Modell über etablierte Ansätze
der sozialen Stadtteilerneuerung hinaus? Wie müssen
die immobilienwirtschaftlichen Rahmenbedingungen
aussehen? Welche Arten von öffentlicher Förderung sind
hilfreich? Welche Kultur von Gemeinwesenarbeit lässt
sich mit dem Modell sinnvoll verbinden? Wie kann »Aufwertung« zur Stabilisierung eines Viertels beitragen, ohne
dass es zur Verdrängung ärmerer Bevölkerungsgruppen
kommt?

Am Gespräch teilgenommen haben:
—— Benedikt Altrogge (GLS Bank, Bochum)
—— Carola Scholz (Ministerium für Bauen, Wohnen,
Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf)
—— Doris Sibum (Futur A, Neunkirchen-Seelscheid)
—— Kirsten Wagner (Nordmetall-Stiftung, Hamburg)
—— Birgit Wend (S.T.E.R.N Gesellschaft für behutsame
Stadterneuerung mbH, Gelsenkirchen)
—— David Wilde (Hattinger Wohnungsgenossenschaft 	
hwg eG, Hattingen) sowie
—— Oliver Brügge und Frauke Burgdorff für die
Montag Stiftung Urbane Räume und
—— Robert Ambrée und Henry Beierlorzer für die
Urbane Nachbarschaft Samtweberei
Yasemin Utku (sds_utku, Dortmund), Dirk E. Haas
(REFLEX architects_urbanists, Essen) und Sandra Jasper
(Urbane Nachbarschaft Samtweberei, Krefeld) haben
das Gespräch dokumentiert.

Abb. 17: Zum Einstieg in das Fachgespräch stellten Stiftung und Projektgesellschaft das Krefelder Pilotvorhaben vor und führten die Teilnehmer
durch die Samtweberei und das Samtweberviertel Foto: Marcel Rotzinger © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

Unikat oder Modell?

23

Nachdem wir nun bei dem kurzen Rundgang gesehen haben,
wie es im Samtweberviertel aussieht und wie eng das Schöne
und das Schwierige beieinanderliegen: Welche Merkmale,
welche Probleme und welche Qualitäten muss ein Stadtviertel
besitzen, damit ein Programm wie Initialkapital wirksam werden kann? Was muss das Viertel mitbringen?

wie Gelsenkirchen-City, wo es viel Bewegung gibt und
sehr viel Kommen und Gehen, da ist es schwierig, Stabilität herzustellen.

Carola Scholz: Es braucht natürlich eine oder mehrere Immobilien, mit denen man neue und nachhaltige Impulse
setzen kann. Beim Spaziergang hatte ich den Eindruck: So
richtig schlimm ist es hier nicht. Vielleicht liegt es daran,
dass das Gebiet in der Vergangenheit bereits Sanierungsgebiet war und daher einiges ins Stadtbild investiert worden
ist. Das sind gute Voraussetzungen für ein Modell, das vor
allem auf Stabilisierung von Nachbarschaften setzt. Dort,
wo der unmittelbare städtebauliche Sanierungsaufwand
nicht so riesig ist, kann man mehr präventiv arbeiten, und
dafür ist die bausteinartige Entwicklung der Samtweberei
ein vorbildliches Beispiel.

Anknüpfend an die Beobachtung von Carola Scholz, dass
es um die Samtweberei herum gar nicht so richtig schlimm
aussieht: Ist das, was wir hier gesehen haben, ein durchschnittliches Stadtviertel, wie es genau so oder in ähnlicher
Form auch in jeder anderen deutschen Großstadt zu finden
ist?

Doris Sibum: Ja, solche Viertel dürfen keine reinen Zwischenstationen sein, wenn sie Heimat werden sollen.

Birgit Wend: Mir scheint es ein bisschen gefährlich zu sein,
zu sagen, dass es gar nicht mal schlimm aussieht. Wie wir
gehört haben, war die Südweststadt schon mal Sanierungsgebiet …
Henry Beierlorzer: … von 1990 bis 2004 …

Kirsten Wagner: Und es sollten bereits Initiativen vor Ort
sein: Es ist fast egal, welcher Art sie sind und was sie
im konkreten Fall tun. Mit ihnen lassen sich die Strukturen
aufbauen, die es braucht, damit sich die Stiftung später
wirklich guten Gewissens zurückziehen kann.
David Wilde: Aus unserer Arbeit in Hattingen weiß ich: Es
müssen auch wirklich Quartiere sein, gefühlte Stadtviertel,
und nicht nur statistische Bezirke der Verwaltung. Es ist gar
nicht so entscheidend, ob dieses Viertel einen guten oder
einen weniger guten Ruf hat, sondern es muss von der Bevölkerung im Alltag als Stadtviertel gelebt werden.
Kirsten Wagner: … wenn ich es richtig verstanden habe,
hat das Viertel hier in Krefeld noch nicht mal einen richtigen
Namen …
Robert Ambrée: … bei der Bewohnerbefragung in 2013
haben wir 37 verschiedene Bezeichnungen für das Viertel
bekommen …
Frauke Burgdorff: Der Stadtteil heißt offiziell Südweststadt und er hat in der Innen- wie in der Außenwahrnehmung eher einen schlechten Ruf. Es gibt nicht das, was
man ein positives Selbstbild nennen würde, kein »Wir sind
…«, auf das man hätte aufbauen können. Andererseits gibt
es Nachbarschaften unterhalb der Quartiersebene, etwa
den Bereich um Josefkirche und Josefschule, die sich auch
selbstbewusst nach außen zeigen.
Birgit Wend: Zu einem Viertel, das man stabilisieren
möchte, gehört idealerweise eine gewisse Stabilität der
Bewohnerschaft dazu, damit sich Zugehörigkeit und Identifikation herausbilden können. Wenn ich an Quartiere denke

Birgit Wend: … das heißt, dass in baulichen Dingen vor
nicht allzu langer Zeit einiges gemacht worden ist. Und
trotzdem gibt es ja Probleme. Auch in Gelsenkirchen gibt es
ein kleines Viertel, das sieht auf den ersten Blick richtig top
aus, aber wenn man in die Hinterhöfe geht oder hinter die
Fassaden schaut, wer da so lebt und vor allem wie – das ist
dann ganz anders. Der Schein trügt eben manchmal.
Kirsten Wagner: Das kann ich aus Hamburg bestätigen.
Die Quartiere, die dort als soziale Brennpunkte gelten, sind
nicht unbedingt unattraktiv: Neuallermöhe zum Beispiel, ein
richtiges Reihenhausparadies, wenn man dort durchspaziert, merkt man von Konflikten zwischen russischstämmigen und afghanischen Bevölkerungsgruppen erstmal gar
nichts. Oder von familiärer Verwahrlosung … die vielen
Kinderbuggys in den Gärten täuschen darüber hinweg, dass
hier etwas nicht in Ordnung ist.
Frauke Burgdorff: Ich meine nicht, dass die Südweststadt
ein durchschnittliches Viertel ist, aber es ist natürlich
auch nicht so, dass sich hier zwei verfeindete Bevölkerungsgruppen gegenüberstehen. Man spürt die Lebendigkeit des
Viertels, wenn man über die Straße geht, und diese im
besten Sinne superbunte Lebendigkeit ist nicht ganz ohne
Konflikte zu haben. Aber es ist ein Quartier, das auf der
Kippe steht: Die Armut ist in manchen Straßen wirklich
unübersehbar. Derartige Straßen wird man vielleicht im
Duisburger Norden noch häufiger antreffen, aber in Köln
oder Düsseldorf gibt es das so nicht. Das hat auch viel mit
dem Immobilienmarkt zu tun. Ein Quartier mit dieser großartigen baulichen Substanz, in dieser Lage und mit dieser
Buntheit, wäre in Köln längst durchsaniert und die Immobilienpreise wären komplett durch die Decke gegangen.

24

Bevor die Entscheidung für Krefeld fiel, wurden auch andere Stadtviertel in NRW untersucht. Waren sie von der
Substanz her vergleichbar?
Frauke Burgdorff: In vielerlei Hinsicht schon. Wir haben
uns zum Beispiel genauer mit einem Stadtviertel in Gelsenkirchen befasst, entlang der schon legendären Bochumer
Straße in Ückendorf. Dort ist schon sehr viel versucht
worden und es wird weiterhin sehr viel versucht werden.
Ich gestehe, letztlich hat uns damals die Fantasie gefehlt,
vielleicht auch der Mut, an so einem schwierigen Ort mit
einem Pilotvorhaben zu starten. Zumal das Geld der Stiftung auch alleine gar nicht gereicht hätte, um etwas zu
bewegen. Hier in Krefeld, das ist dann schon sehr besonders, haben wir diese eine große Immobilie, mit der man
so viel machen und ausprobieren kann. Da frage ich mich
andererseits: Was wäre passiert, wenn wir stattdessen 15
Häuser im Viertel gekauft hätten? Hätte das eine ähnliche
Wirkung entfalten können?
Kirsten Wagner: Darf ich Ihnen da mit ihrer eigenen Publikation antworten? Sie haben im ersten Jahresbericht auf
die hohe Symbolkraft historischer Gebäude verwiesen
und das deckt sich vollständig mit meinen eigenen Erfahrungen. Egal ob in einer Millionenstadt wie Hamburg
oder in kleinen Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern, wo
die vielen ehemaligen Konsum-Geschäfte leer stehen:
Gebäude, die Geschichte haben und Geschichten erzählen, und bei denen man bedauert, dass dort kein Leben
mehr stattfindet, sind einfach viel interessanter als
x-beliebige Wohn- und Bürogebäude.
Carola Scholz: Vermutlich wäre die Ausstrahlung bei
15 einzelnen Gebäuden nicht ganz so groß. Das hat mit
der Historie der Samtweberei zu tun, mit dem Denkmalwert, und mit der Möglichkeit, das Ganze in Bausteinen
zu entwickeln.
Henry Beierlorzer: Es müsste nicht unbedingt auf eine
große zentrale Immobilie hinauslaufen, wenn es gelänge,
die dezentralen Maßnahmen zu einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen. Aber jede einzelne Projektentwicklung müsste auch eine eigene Geschichte erzählen,
sodass die Vielfältigkeit und Reichhaltigkeit entsteht, die
so ein Modell braucht. Würden wir hier in der Samtweberei nur Wohnen entwickeln, wäre das als Erzählung auch
viel zu wenig, egal wie großartig die Immobilie ist.
Oliver Brügge: Das ist eine der Kernfragen, die wir
im Hinblick auf das zweite Initialkapital-Projekt gerade
diskutieren: Leuchtturm oder Kleinteiligkeit – was funktioniert besser bzw. wie kann auch Kleinteiligkeit funktionieren? Bremerhaven hatte sich mit dem Goethequartier
als Stadtviertel beworben. Dort gibt es keine große

Unikat oder Modell?

zentrale Immobilie, die ein Leuchtturm werden könnte,
sondern mehrere Immobilien, die sich um einen Platz als
Quartiersmitte gruppieren. Wir haben nach einer Idee
gesucht, wie man dennoch eine Bündelung hinbekommt,
eine Art räumliche und zeitliche Kristallisation, mit der
wir sowohl Konzentration als auch Aufbruchstimmung
erzeugen könnten.
Frauke Burgdorff: Vielleicht ist es gar nicht der Leuchtturm, sondern das Lagerfeuer, das wir brauchen.
Leuchtturm ist ja mittlerweile nicht zu Unrecht ein korrumpierter Begriff. Auch ein Lagerfeuer hat diese Idee
der gemeinsamen Mitte, um die sich alle sammeln und
auf das alle draufschauen. Und alle holen das Holz herbei, damit das Lagerfeuer möglichst lange brennt und
möglichst viele wärmt. Wenn man viele einzelne Projekte
um eine große gemeinsame Erzählung, also das gemeinsame Lagerfeuer, sammelt, kann auch das gut funktionieren. Letztlich kommt es darauf an, dass es eine gute
Erzählung ist, auf die sich alle beziehen und zu der alle
etwas beitragen können. Im heutigen Städtebau haben
wir anscheinend vergessen, den Menschen gute und
glaubhafte Erzählungen anzubieten.
Carola Scholz: Das sehe ich genauso: Gute Erzählungen
sind wichtig, damit das Projekt möglichst viel Ausstrahlungskraft entwickelt. Aber mir ist noch etwas anderes
wichtig, unabhängig davon, ob wir es mit einer zentralen
Immobilie oder einem Pool von verstreuten Gebäuden
zu tun haben. Mischung ist das A und O. Solche Projekte
sollten dazu beitragen, funktionale und soziale Mischung
entweder zu erhalten oder dort, wo sie verloren gegangen ist, wieder herzustellen. Das schafft die Lebendigkeit,
die wir uns von solchen Stadtvierteln wünschen, und mit
einem Projekt wie hier, wo man Mischung bausteinartig
entwickeln kann, ist das nahezu ideal.
Frauke Burgdorff: Dafür brauchen wir aber Zeit: Zeit zum
Verstehen, zum Nachdenken, zum bausteinartigen Entwickeln. Und dabei hilft uns die Lösung mit dem Erbbaurecht sehr – und der damit verbundene Zeithorizont von
60 Jahren. Man kommt leichter aus dieser fürchterlichen
Getriebenheit heraus, die für normale Immobilienentwicklung so charakteristisch ist. Wir sind freier, mit etwas zu
starten, ohne sofort an das Ende denken zu müssen;
freier, auch etwas ausprobieren zu können, von dem wir
nicht genau wissen, ob es tatsächlich funktioniert.
Henry Beierlorzer: Das ist das Besondere: Einerseits in
langen Linien denken zu können, andererseits aber auch
sehr schnell, nach wenigen Monaten, etwas umzusetzen.
Die Eröffnung des Pionierhauses zum Beispiel …

Unikat oder Modell?

25

Abb. 18: Fachgespräch Foto: Marcel Rotzinger © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

Carola Scholz: … davon war unser Minister sehr beeindruckt! Diese Strategie, ein Gebäude einfach wieder in
Betrieb zu nehmen, sollte man sehr viel häufiger anwenden. Es darf doch nicht sein, dass unsere Bauordnung
solche vorbildhaften Projekte hemmt.

im und um das Gebäude passiert, man sieht, wo Monika
und Robert sitzen … es ist eine unglaubliche Präsenz,
die diese Gebäude hat. Das zu gewährleisten, wäre bei
dezentralen Projekten, bei vielen kleinen Lagerfeuern,
anders zu machen und sicher schwieriger.

Oliver Brügge: Wir benötigen dieses Mehr an Zeit auch
deshalb, weil wir in unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten. Da gibt es die Initiativen, die meist ehrenamtlich arbeiten, dann kommt die Kommune an Bord,
nicht zu vergessen wir als unabhängige Stiftung aus Bonn
und wir machen das hauptberuflich – und alle haben
unterschiedliche Ausgangspunkte, Arbeitsweisen und
Geschwindigkeiten. Da braucht es Zeit, Arbeitsweisen
und Geschwindigkeiten zu synchronisieren, Vertrauen
aufzubauen, und gleichzeitig braucht es einen Punkt,
an dem das miteinander Reden in gemeinsames Handeln
umschlägt.

Dieses Bild vom Lagerfeuer lässt mich noch nicht los.
Wir sind uns einig, dass wir in Krefeld eine sehr günstige
Konstellation vorfinden: Es gibt diese eine große Schlüsselimmobilie, mit der man wunderbar die Logik und die
verschiedenen Ziele des Modells Initialkapital deutlich
machen kann. Wenn ich aber auf das Viertel schaue, mit
der riesigen leer stehenden Immobilie mittendrin, die jetzt
durch das Projekt wieder belebt und bewirtschaftet wird,
und gleichzeitig den Leerstand in den angrenzenden Bereichen des Viertels sehe, muss ich mich da nicht fragen: Wie
groß ist die Gefahr, dass ich für die Wiederbelebung dieses
großen schwarzen Lochs zu viel Energie aus dem Rest des
Viertels absauge? Muss ich das viele Holz, das ich für ein
großes Lagerfeuer brauche, nicht aus den anderen Ecken
des Viertels zusammentragen? Wir hatten vorhin bei der
Besichtigung diesen Moment, als Robert Ambrée uns das
provisorische Nachbarschaftswohnzimmer in einem vorher
leer stehenden Ladenlokal gezeigt hat: Das Ladenlokal
stand leer, weil die ehemaligen Mieter ins Pionierhaus umgezogen sind.

Robert Ambrée: Noch einmal zurück zur Frage zentral
oder dezentral: Für das Pilotvorhaben hier war es wichtig, dass es diese einzelne große Immobilie ist, auch
wenn sie in mehreren Bausteinen entwickelt wird. Auf
solche Instrumente wie die Viertel-Stunden wären wir
gar nicht gekommen, wenn wir in einzelnen Gebäuden
über das Viertel verteilt gearbeitet hätten. Auch die Idee
von der Nachbarschaft innerhalb der Samtweberei würde es vermutlich nicht geben. Das kann in Zukunft bei
den nächsten Projekten wieder anders sein. Vielleicht
kommen wir da auf neue Dinge, auf die man nur kommt,
wenn man dezentral an verschiedenen Stellen Projekte
umsetzt.
Doris Sibum: Es ist doch auch eine Frage der Sichtbarkeit. Die Samtweberei sieht man einfach sehr gut. Ob
man zum Einkaufen geht, zum Sport, auf dem Weg zum
Bahnhof ist oder unterwegs zur Hochschule, man kommt
hier vorbei, sieht den Schriftzug an der Wand, sieht, was

Henry Beierlorzer: Es gibt zwei Ebenen, die man dabei
sehen muss. Die erste Ebene ist der Immobilienmarkt.
Den örtlichen Immobilienmarkt haben wir uns sehr genau
angeschaut, und zwar mit dem Ziel, möglichst nicht in
Konkurrenz zu treten zu dem, was bereits da ist. Wir haben das aus der Befürchtung heraus getan, dass wir da im
Wettbewerb eventuell verlieren könnten. Wir mussten also
etwas Eigenes, Neues entwickeln, etwas, das es hier im
Viertel bislang nicht gibt: ein neues Profil, ein neues immobilienwirtschaftliches Produkt. Läden zum Beispiel, ob
nun leerstehend oder in Betrieb, gibt es im Viertel

26

viele. Wir machen in der Samtweberei also keine Ladenlokale. Die andere Ebene in puncto Energieabsaugen hat
uns viel mehr beschäftigt, nämlich die Frage, wie weit
binden wir die Menschen an die Immobilie, Menschen
mit ihren begrenzten Zeitbudgets, die sie zum Beispiel für
gemeinschaftliche oder ehrenamtliche Arbeit aufbringen
können. Anfangs hatten wir überlegt, eine Genossenschaft zu gründen, um die Samtweberei in Selbstverwaltung bewirtschaften zu lassen. Die Menschen, die in die
Samtweberei einziehen möchten, haben uns aber klar
gesagt: Das ist uns zu viel Arbeit, ihr seid gute Vermieter,
macht ihr das doch weiter! Und wir haben uns gesagt,
warum sollten wir sie dazu bringen, Nebenkostenabrechnungen zu machen, wozu sie keine Lust haben. Sie
sollen lieber etwas Vernünftiges im Stadtteil machen,
wozu sie auch Lust haben. Das hilft dem Viertel mehr.
Die Immobilie soll nicht um sich selbst kreisen und sämtliche Selbsthilfepotenziale des Viertels absorbieren, damit hier möglichst alles in Selbstverwaltung passiert. Im
Gegenteil: Wir fragen uns immer wieder, wo die Energie
für Selbsthilfe und Selbstorganisation im Viertel besser
aufgehoben ist.
Frauke Burgdorff: Dieses Entwickeln der immobilienwirtschaftlichen Produkte geht Schritt für Schritt, es ist
ein Herantasten: Was können wir uns trauen, was nicht?
Können wir nach dem Pionierhaus auch das Torgebäude
mit kleinen Unternehmen füllen? Und wie bekommen wir
das Gesamtpaket so skaliert, dass zumindest Teile auch
in die Städtebauförderung passen? Wir stellen ja fest, nur
mit Mitteln der Städtebauförderung geht es nicht, aber
ganz darauf verzichten können wir auch nicht.
Carola Scholz: Es ist eben kein Leuchtturm im herkömmlichen Sinn, kein Akt der Überwältigung, sondern die
schrittweise Erneuerung von altem Bestand, mittels
kleinteiliger und gemischter Projektentwicklung und den
dafür notwendigen Zeiträumen. Im Grunde genommen
sehen wir hier die alte Grundidee der behutsamen Stadterneuerung wieder, die in den letzten Jahrzehnten etwas
verloren gegangen ist. Aber sie ist dringend notwendig
und sie muss wieder in die Köpfe!
Das stimmt. Behutsame Stadterneuerung ist selten geworden. Stattdessen sieht man viel Stadterneuerung,
die fast gar nicht funktioniert – oder man sieht die stürmische Variante, die zu massiven Aufwertungs- und
Verdrängungsprozessen führt. Was mich zu der Frage
bringt, die auch die Stiftung beschäftigt: Könnte Initialkapital auch ein Instrument gegen Gentrifizierung sein,
also gegen die sprunghafte Aufwertung von Stadtvierteln
und die Verdrängung alteingesessener Bevölkerung?
Kann man sich das vorstellen und wenn ja, unter welchen
Voraussetzungen?

Unikat oder Modell?

Carola Scholz: Ja! Es wäre gut, solche Projekte zum Beispiel in Frankfurt zu haben. Die wenigen Kreativen, die
noch nicht nach Offenbach gegangen sind, wünschen
sich händeringend Gebäude, die so zu entwickeln wären. Und in München macht die Stadt selbst ein Kreativquartier, um Vergleichbares zu haben.
Birgit Wend: Allerdings bräuchte man längerfristige
Bremsen, was die Steigerung des Immobilienwertes angeht. Man müsste sicherstellen, dass die üblichen Marktmechanismen nicht greifen.
Kirsten Wagner: In manchen Fällen und unter bestimmten Voraussetzungen kann Gentrifizierung nützlich sein,
um mehr soziale Mischung herzustellen. Zum Beispiel,
wenn sie eine Querfinanzierung ermöglicht: Sie verkaufen
das Penthaus oben für sehr gutes Geld, um damit in den
unteren Etagen preisgünstige Ateliers für junge Künstler
zu ermöglichen.
Oliver Brügge: Um in wachsenden Immobilienmärkten
eine wirksame Bremse gegen Gentrifizierung sein zu
können, sind wir als Akteur viel zu klein. Das schaffen wir
nie und nimmer alleine. Wir können Nischen entwickeln,
die vielleicht Vorbildcharakter bekommen, aber wichtiger sind das Zusammenspiel mit den Kommunen und
das Handeln der Kommunen selbst. Sie können Instrumente wie Sanierungsrecht und Milieuschutzsatzung nutzen, auch
wenn sie alle ihre Vor- und Nachteile haben. Leider verfügen
die Kommunen selbst über immer weniger Grundeigentum.
Frauke Burgdorff: Wir haben im Samtweberviertel anfangs auch die Gefahren einer möglichen Gentrifizierung
gesehen, vielleicht mit zu viel »Berlin« im Kopf. Mittlerweile sind wir etwas entspannter, aber ganz aus den Augen verlieren sollten wir es nicht. Das Viertel hat einfach
tolle Qualitäten, die es für solche Prozesse anfällig macht.
Am Anfang hatten wir deshalb auch den Traum, sukzessive einzelne Gebäude aufzukaufen, mit Erbbaurecht zu
arbeiten und den erworbenen Bestand in eine Genossenschaft zu überführen, sodass wir irgendwann mal 5 %
der Grundstücke im Viertel gesichert hätten, damit dort
auch in den nächsten 99 Jahren Menschen mit knappen
Geldbeuteln hätten leben können. Aber dazu hätten wir
weitere Partner und Geldgeber gebraucht, und die hatten
wir hier nicht. Ich denke aber, dass wir solche Modelle in
unseren Städten bald häufiger haben werden.
Carola Scholz: Beim Rundgang vorhin haben wir gesehen,
wo die Stadt sonst noch über Eigentum verfügt. Da könnte
sie genau in diesem Sinne agieren, zum Beispiel mit Erbbaurecht, und die Wohnstätte als kommunale Wohnungsgesellschaft könnte die Bewirtschaftung übernehmen und langfristig preisdämpfend wirken.

Unikat oder Modell?

Oliver Brügge: Ich fürchte, auch die kommunalen Wohnungsgesellschaften sind in diesem Denken spekulativer
Wertsteigerungen gefangen. Man bekommt das wahrscheinlich nur aus den Köpfen, wenn man Boden und
Gebäude konsequent entkoppelt.
Henry Beierlorzer: Man muss die Gesamtsituation sehen,
nicht nur den Immobilienmarkt in einem bestimmten Viertel. Ist Initialkapital eher ein Modell für die wachsenden
und boomenden Städte, oder eher für die schrumpfenden und stagnierenden Räume? In Krefeld bewegen wir
uns in einem stagnierenden Raum und nur deswegen
haben wir überhaupt ein Grundstück bekommen. In Düsseldorf hätte uns kein Mensch so eine Immobilie gegeben,
Private schon gar nicht. In Düsseldorf bräuchte man unser Modell auch gar nicht, um eine Entwicklung anzustoßen – wenn überhaupt, wäre es dort ein strategisches
Instrument zur Preisdämpfung. Wahrscheinlich werden
wir uns mit Initialkapital auf Dauer eher in stagnierenden
und schrumpfenden Räumen bewegen.
Birgit Wend: Warum sollte man es nicht auch in anderen Regionen ausprobieren?
Carola Scholz: … um Vielfalt und Mischung zu erhalten,
die bei starken Aufwertungen ja oft verloren geht. Gentrifizierte Gebiete sind meist ziemlich monoton und es fehlen günstige Räume, um etwas Neues ohne allzu großes
finanzielles Risiko auszuprobieren.
Frauke Burgdorff: Wenn ich in Städten wie Frankfurt
unterwegs bin, habe ich häufig das Gefühl, dort wird
Stadt eher benutzt als gelebt. Das ist hier anders. Zumindest empfinde ich es so, dass hier Kommunikation und
Nähe leichter aufzubauen sind. Im Grunde genommen
sind gentrifizierte Viertel die sozial schwachen Viertel,
weil das Zusammenleben so unterentwickelt ist. Diese
hartnäckige Vorurteil, Armut wäre das Gleiche wie soziale Schwäche, muss endlich korrigiert werden! Oft ist es
ja genau anders herum. Wenn man das Zusammenleben
in einem Viertel als einen Wert begreift, dann könnte mit
»Aufwertung« auch ganz etwas anderes als immobilienwirtschaftliche Aufwertung gemeint sein.
Ich würde gerne auf das Thema Immobilienfinanzierung
und ihre Rahmenbedingungen zu sprechen kommen.
Henry Beierlorzer hat gerade gesagt, dass man ein
Grundstück wie die Samtweberei wohl nur in stagnierenden oder schrumpfenden Räumen so günstig bekäme
und auf diese Weise entwickeln könne. In Düsseldorf
wäre das kaum vorstellbar. Die Frage ist allerdings, ob
es schrumpfende Räume künftig noch geben wird. Auch
eine Stadt wie Duisburg, die vor einigen Jahren noch als
Paradebeispiel für eine schrumpfende Stadt im Westen

27

galt, hat wieder Bevölkerungszuwächse. Das sind vielleicht nicht diejenigen Bevölkerungsgruppen, die sich die
dortige Stadtentwicklung wünscht, aber der Bedarf an
entsprechenden Wohnungen ist da. Daher die Frage:
Gibt es schrumpfende Wohnungsmärkte auf längere
Sicht überhaupt noch?
Benedikt Altrogge: Zumindest in ländlichen Regionen
wird es wohl weiterhin schrumpfende Wohnungsmärkte
geben, nicht nur in Deutschland. Auch Nachbarländer wie
die dicht besiedelten Niederlande sind davon betroffen.
Für Städte ist das anders, die aktuellen Zuwanderungen
nach Deutschland gehen ja meist in städtische Regionen. –
Ich will aber noch einmal zurückkommen zu der Frage,
was ein Modell wie Initialkapital leisten kann, gerade weil
wir als GLS Bank in letzter Zeit viele Projekte begleiten,
die einen gemeinwohlorientierten Ansatz verfolgen. Die
Mischung aus Wohnen, Arbeiten und stadtteiloffenen Nutzungen ist sicherlich richtig. Wäre es nur ein Wohnprojekt,
würde es im Viertel gar nicht wahrgenommen werden.
Wenn man auf die Finanzierung guckt: Es braucht Investoren, die zumindest den Ankauf des Grundstücks schon
am Anfang schnell hinbekommen. Wir sehen gerade in
den Boomregionen, dass auch Investoren mit sozialen bzw.
gemeinwohlorientierten Ansätzen eigentlich nur zum Zuge
kommen, wenn sie über große Summen verfügen. Sonst
funktioniert das nicht, weil auch die Kommunen meist an
den Höchstbietenden verkaufen – falls sie überhaupt noch
über Grundstücke verfügen. Mit ihrem geringen Grundbesitz können Kommunen am Immobilienmarkt leider nicht
mehr viel ausrichten.
Frauke Burgdorff: Man könnte aber jetzt zumindest mal
die Richtung ändern – sodass es vielleicht in 50 Jahren
wieder besser möglich ist. – Ich habe noch eine Frage
zu unserem Projekt hier in Krefeld. Die GLS Bank finanziert das Projekt mit, anders als andere Banken, die sich
dazu nicht in der Lage sahen. Wie wichtig ist das immobilienwirtschaftliche Mantra von der »Lage! Lage! Lage!«
wirklich, wenn es um die Immobilienfinanzierung geht?
Gibt es auch für die GLS Bank Standorte, an denen sie
keine noch so guten Projekte mitfinanzieren würde?
Benedikt Altrogge: Auch unsere Bank geht bei der Immobilienfinanzierung am Anfang sehr konventionell vor, das
heißt, wir schauen uns die lokalen Immobilienmärkte
darauf hin an, welche Erträge dort zu erzielen sind.
Da gilt eine einfache Rechnung: Wenn die zu erwartenden
Mieteinnahmen eher gering sind, muss entsprechend mehr
Eigenkapital vorhanden sein. Da können auch wir nicht
daran vorbei. Aber wir haben traditionell sehr viel mit
Genossenschaften und Initiativen zu tun, sodass wir
ganz gut einschätzen können, wann ein solches Projekt
finanzierbar ist. Andere Institute haben diese Erfahrungen

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womöglich nicht. Das mag erklären, warum eine örtliche
Sparkasse vielleicht nicht in die Finanzierung einsteigt. Ich
selbst habe noch mit keinem Projekt zu tun gehabt, bei
dem ich hätte sagen müssen, in dieser Lage finanziere ich
überhaupt nicht. Man muss sich die Situation anschauen,
die Risiken einschätzen und beim Finanzierungsmodell darauf reagieren. Das klingt jetzt nicht besonders aufregend,
aber so ist es.
Oliver Brügge: Beim zweiten Aufruf für das Initialkapital-Programm hatten wir 64 Einreichungen. Bei der
Auswertung haben wir uns auch die Mietmärkte in den
Vierteln angeschaut, um Rückschlüsse für unser Modell
zu bekommen. Da waren Viertel dabei mit Durchschnittsmieten von unter 5 € pro Quadratmeter – Durchschnittsmieten wohlgemerkt. Und da wird es auch für unser
Modell schwierig, weil wir ja auch Banken für die Finanzierung brauchen. Wenn die Bank uns in solchen Vierteln
sagt, da kriegt sie keine Finanzierung gerechnet, weil
die zu erzielenden Mieteinnahmen nicht genug hergeben,
kommen auch wir nicht besonders weit.
Benedikt Altrogge: Wie gesagt, letztlich ist es eine Frage
des Eigenkapitals, das eingesetzt werden kann. Das muss
zu den Rahmenbedingungen passen. Es braucht bei jeder
Finanzierung ein Stück Kapital, das kein Geld kostet. Wir
haben das beim Rundgang kurz angesprochen: Die Stiftung
kann das Geld, das sie in diese Immobilie investiert, drin
lassen oder sie holt es über die Bewirtschaftung wieder
heraus, um damit andere Projekte zu starten. Das wäre
dann das Eigenkapital, das beim nächsten Projekt kein
Geld kostet.
Frauke Burgdorff: Man braucht Geld, das mit keiner
Zinserwartung verbunden ist. Diese 1 Mio. € der Stiftung
in diesem Projekt, das ist gewissermaßen geschenktes Geld.
Wenn man das herauswirtschaften könnte – wunderbar!
Aber ich glaube, es braucht diesen Anteil geschenkten
Geldes, damit das Delta bei der Projektfinanzierung ausgeglichen werden kann. Weil das Stiftungskapital ja erhalten
bleiben muss, kann dieses geschenkte Geld eigentlich nur
aus Überschüssen kommen. Das sind die Grenzen, die
wir als Stiftungen haben. – Aber losgelöst von Stiftungen
und Stiftungsrecht: Es gibt so viel flüssiges und überflüssiges Geld auf der Welt! Wie verkauft man ein Modell wie
Initialkapital an Menschen mit viel überflüssigem Geld?
Menschen, die das gar nicht als Anlage, sondern letztlich als das, was es ist, nämlich als Spende, verstehen? Als
sehr nachhaltige Spende, weil sie etwas in Gang setzt:
Die Spende ist zwar verbraucht, aber daraus wird vor Ort
eine Rendite erwirtschaftet, die dann auch wieder vor Ort
eingesetzt wird. Wir sprechen von Geldgebern, die nicht
mehr anlegen müssen oder wollen, sondern mit ihrem
Geld möglichst Gutes in Gang setzen möchten.

Unikat oder Modell?

»Es braucht bei jeder Finanzierung
ein Stück Kapital, das kein Geld
kostet.« – Benedikt Altrogge
Birgit Wend: Wo gerade von Schenken die Rede ist, will
ich auf das »Klushuizen«-Modell zu sprechen kommen,
das in Holland praktiziert wird und von dem wir hoffen,
es auch in Gelsenkirchen testen zu können. Das Modell
ist so entstanden: In Vierteln, die ziemlich runter waren
und in denen über lange Zeit und ohne viel Erfolg sehr
viel Geld für die Bekämpfung von Leerstand, Kriminalität usw. ausgegeben wurde, hat sich die Stadt Rotterdam gefragt, ob sie dieses Geld nicht anders einsetzen
kann. Sie hat mit diesem Geld dann heruntergekommene
Häuser gekauft, eine Art minimale Grundinstandsetzung
gemacht und anschließend diese Häuser an Selbstnutzer mit der Auflage abgegeben, dort selbst mit privatem
Kapital zu investieren und eine Weile zu wohnen. Und
das ist das, was diese Viertel nachhaltig verändert hat,
nämlich neue Leute, die dort hingezogen sind und neue
Nachbarschaften aufgebaut haben. Es ist kein Gemeinwesenansatz im herkömmlichen Sinn, aber die Viertel
wurden stabilisiert. Ich sehe da durchaus Parallelen zum
Ansatz der Montag Stiftungen …
Oliver Brügge: … über diese Idee von Selbstausbau denken wir zurzeit auch in Halle nach, über Mikrokredite für
Leute, die solche Häuser nach und nach selbst renovieren, aber vielleicht bei der Bank kein Geld bekommen,
weil die Sicherheiten fehlen. Was passiert aber in 30 Jahren? Wir haben ihnen das Geld gegeben, sie bauen ihre
Häuser aus und haben sich eigenes Eigentum geschaffen,
dem Stadtviertel geht es gut … und dann brauchen sie
die Häuser vielleicht nicht mehr und wollen sie für richtig
gutes Geld weiterverkaufen. Dann sind wir wieder mittendrin in der Spekulation mit Immobilienwerten …
Henry Beierlorzer: … Erbbaurecht! …
Oliver Brügge: … genau! Deshalb müssen wir auch die
langfristigen Spekulationserwartungen herausnehmen,
zum Beispiel, indem wir Boden und Immobilie entkoppeln.
Die Menschen sollen günstig wohnen können bis an ihr
Lebensende, nur eines sollen sie nicht tun: in 30 Jahren
zu Höchstpreisen wieder verkaufen.
Benedikt Altrogge: Spekulationserwartungen sind ja nur
eines der Probleme. In Berlin gibt es Projekte mit teilweise extrem niedrigen Mieten, nur 3 € pro Quadratmeter.
Diejenigen, die so günstig wohnen, haben natürlich wenig
Interesse, das sich das ändert. Man hätte damals vom
Grundsystem anders herangehen sollen, zum Beispiel mit
einer Regelung, die sagt: Wir bleiben mit unseren Mieten

Unikat oder Modell?

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nur 10 bis 20 % unter den ortsüblichen Mieten und die
Mehreinnahmen, die sich daraus – gegenüber den 3 € pro
Quadratmeter – ergeben, nutzen wir, um einen Solidaritätsfonds aufzubauen und neue Projekte anzuschieben.

investieren hier ja auch in heruntergekommene Gebäude,
aber wir tun das mit dem Ziel, dass uns das Geld bringt,
das wir in den Stadtteil investieren können. Wenn es das
nicht tut, lassen wir das Gebäude erstmal liegen.

Frauke Burgdorff: Solche Modelle gibt es bereits, etwa
das Mietshäuser Syndikat. Wir müssen aber einsehen,
dass die Idee von der Immobilie als Grundsicherung für
das eigene Leben, ob als Eigentum oder als vererbbares
Recht, sehr tief eingebrannt ist in diese Gesellschaft.
Damit müssen wir umgehen, wenn wir Menschen dazu
bringen wollen, Energie und Kapital in solche Projekte
zu investieren. – Noch ein Satz zum Kluishuizen-Modell:
Wir als Stiftung können keine Einzelpersonen fördern und
deshalb auch keine Häuser an Private verschenken. Das
müsste dann schon die Kommune machen. Und warum
sollte eine Kommune keine Schenkungen organisieren
können, wenn sie auch Tilgungserlasse hinbekommt?

David Wilde: Die ganze Zeit, in der wir hier sprechen,
habe ich immer wieder diese eine Grafik im Kopf, mit der
die Stiftung ihr Modell Initialkapital erklärt. Im ersten Jahresbericht ist es ja auch enthalten: Es gibt einen Stadtteil,
der steht auf der Kippe, man investiert in ein Schlüsselgebäude, das wird dann genutzt, wirft Überschüsse ab,
die anschließend in den Stadtteil zurückfließen und alles
wird gut. Total logisch und bestechend einfach – quasi ein
Selbstläufer, bei dem man sich fragt, warum man nicht
längst selbst darauf gekommen ist.
Mir wird aber jetzt klar: Das ist ganz schön tricky, weil
man es mit unheimlich vielen Zielkonflikten zu tun hat, die oft
schwer auszuloten sind. Beispiel: Das Projekt soll eine Rendite erwirtschaften, die in den Stadtteil zurückfließt, aber
die darf nicht zu hoch sein, weil es ja bezahlbare Mieten
sein sollen. Oder: Der Stadtteil soll aufgewertet werden, aber
auch nicht zu viel, weil wir ja keine Gentrifizierung wollen, also
müssen wir gleichzeitig bremsen und aufwerten. Und: Die
Stiftung will sich irgendwann aus dem Projekt zurückziehen,
aber die Bewohner sollen sich nicht mit Nebenkostenabrechnungen beschäftigen müssen. Es gibt also ganz viele
Schieberegler, bei denen man herausfinden muss, wo ist
jetzt genau der richtige Bereich. In unserer Genossenschaft
ist es nicht anders: Wenn wir Mieterhöhungen verschicken,
haben wir einerseits immer ein schlechtes Gewissen
gegenüber unseren Mitgliedern, können die Mieterhöhung
andererseits aber auch gut erklären, denn mit den Mehreinnahmen können wir Fenster erneuern, die Treppenhäuser streichen oder einen Spielplatz bauen. Wir müssen
aber immer die richtige Stellung für diesen Schieberegler

Henry Beierlorzer: Die Idee, Erbbaurecht und Selbstausbau zu kombinieren, beschäftigt uns nach wie vor. Aber
man muss auch die Lage sehen. Krefeld und Gelsenkirchen sind nicht Rotterdam. Wer geht in diese Viertel und
wer von denen kann 100.000 € und mehr in ein heruntergewirtschaftetes Haus investieren? Wo ist in Gelsenkirchen
die Szene, die dafür infrage kommt? – Mich beschäftigt
aber noch etwas anderes, gerade weil ich ursprünglich
vom Städtebau herkomme und mir der Erhalt schöner
Häuser ein Herzensanliegen ist: Soll man wirklich immer
so viel Geld für den Erhalt eines zweifellos schönen
Hauses einsetzen? Geht diese Immobilienfixierung der
Stadterneuerung nicht zu weit? Wie weit soll man den
städtebaulichen Mehraufwand treiben und wo ist der soziale Effekt? Wäre das Geld nicht woanders besser angelegt,
und zwar besser zum Wohle des Viertels? Sicher, wir

Abb. 19: Gesprächsrunde Foto: Marcel Rotzinger © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

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Unikat oder Modell?

finden: Erhöhen wir um 5 %? Dann können wir nur die
Treppenhäuser machen. Erhöhen wir um 10 %? Dann sind
auch neue Fenster und ein Spielplatz drin. Und was wollen
die Mitglieder? Es ist jedes Mal schwierig. Aber andererseits: Es klappt seit 117 Jahren!

allem wenn auch noch EU-Mittel im Spiel sind. Vieles
steht und fällt mit den Menschen in den Verwaltungen
und ob sie die Initiativen gut beraten oder nicht. In
schrumpfenden Verwaltungen gibt es immer weniger
Leute, die damit gut vertraut sind …

Frauke Burgdorff: Genau das diskutieren wir gerade
auch und zwar mit Blick auf die Zeit ab 2018. Wenn die
Überschüsse in nur einer Hand bleiben, nämlich bei
der Gesellschaft, die diese Immobilie bewirtschaftet,
entsteht immer diese Konkurrenz um die Verwendung
der Überschüsse: Streichen wir den Flur oder geben wir
Geld an ein Stadtteilprojekt? Da müssen wir eine praktikable Lösung finden.

Oliver Brügge: … oder sie haben keine Zeit, weil sie in
Arbeit ersticken …

Kirsten Wagner: Ein weiterer Schieberegler ist das Maß
an Verantwortung, das die Menschen bereit und in der
Lage sind zu erbringen. Es muss gelingen, eine Struktur
für Verantwortung und Engagement zu entwickeln, die
auch dann trägt, wenn die Stiftung sich zurückzieht.
Frauke Burgdorff: Wie bekommt man diese unternehmerische Energie, mit der wir jetzt die Projektgesellschaft
betreiben, verstetigt? Was ist, wenn alles fertig gebaut
ist? Das ist etwas, das mich beschäftigt. Muss man es so
machen wie die Rohrmeisterei in Schwerte, die immer
dann zu bauen anfängt, wenn es in der Initiative lahmt
oder knirscht? Alle X Jahre eine neue Immobilie im Viertel
entwickeln, damit es nicht zu gemütlich und saturiert wird?
Es geht vermutlich gar nicht ums Bauen an sich, sondern
um die »Heureka!«-Momente, die das Bauen mit sich bringt.
Themenwechsel! Nicht, weil das nicht wichtig oder interessant wäre, aber wir sollten wie angekündigt noch über
Förderung sprechen: Welche Arten von Förderung sind bei
solchen Projekten hilfreich, welche nicht? Wo passen Förderkriterien vielleicht gar nicht zu den Projektzielen?
Frauke Burgdorff: Und: Welche Qualifikationen braucht es
in den Projekten, um überhaupt Förderung akquirieren zu
können?
Oliver Brügge: Und welchen Aufwand kostet das?
Das heißt, Förderung ist nicht gerade niederschwellig.
Eine kleine ehrenamtliche Initiative schafft das in den
seltensten Fällen …
Carola Scholz: … ich würde niemandem dazu raten, es
sei denn die Kommune übernimmt das für die Initiative.
Henry Beierlorzer: Es gibt Unterschiede. Die Wohnbaufördermittel auf Kreditbasis sind wesentlich unkomplizierter als zum Beispiel die Städtebauförderung, vor

Henry Beierlorzer: Ja. Wenn Verwaltungen keine Hilfe,
sondern Hürde sind, wird es echt schwierig. Im Grunde
ist es ein Thema für die Landesregierung: Wie organisieren wir ein Fördersystem, das auch diejenigen anspricht,
die man für eine von Bürgern getragene Stadtteilentwicklung braucht – also die Initiativen?
Frauke Burgdorff: Einerseits haben wir Förderprogramme für Bestandsinvestitionen, die natürlich auch von kleinen Initiativen in Anspruch genommen werden können
– egal, wie kompliziert das im Einzelfall ist. Andererseits
gibt es die Wohnraumförderung. Die Standards, die sie
fördert, sind aber nicht immer geeignet, das Optimum
aus der Bewirtschaftung für einen Gemeinwesenüberschuss herauszuholen. Wie sehen Sie das, Herr Wilde? Sie
arbeiten doch wahrscheinlich mit Wohnraumförderung.
David Wilde: Nein, eigentlich nicht mehr. Wir stellen uns
in puncto Förderung immer die Frage: Reden wir über
Zuschüsse oder reden wir über zinsgünstige Darlehen?
Förderdarlehen sind für uns eher unattraktiv, wir kriegen
derzeit auch freifinanziert ausreichend gute Konditionen. Der Bearbeitungsaufwand für die minimal besseren
Konditionen bei Förderdarlehen ist oft zu hoch. Außerdem holt man sich Bindungen und Standards ins Haus,
die man im Einzelfall gar nicht braucht und die das Bauen
teurer machen. Anders ist es bei Förderprogrammen,
die teilweise Zuschüsse enthalten, wie aktuell beim Programm für Flüchtlingswohnungen. Das nutzen wir gerne,
um Flüchtlingen Wohnungen in unserem Bestand bereitstellen zu können. Was mir bei den vielen Förderprogrammen nicht so ganz einleuchtet: Warum müssen immer
alle möglichen Standards und Ziele miteinander verbunden werden? Es ist ja nicht so, dass es keine Zielkonflikte
zwischen »preiswert«, »barrierefrei«, »für Flüchtlinge«,
»klimaangepasst« usw. gäbe.
Henry Beierlorzer: Wenn man sich unser Projekt unter
dem Aspekt Finanzierung und Förderung anschaut, stellt
man fest, da steckt Risikokapital drin. Wir gehen Risiken
ein, zwar kontrolliert und nach bestem Wissen und
Gewissen, aber wir probieren neue Wege aus und die
können sich auch als falsch herausstellen. Hier wird
also ein Experiment finanziert. Das ist der eigentliche
Gegensatz zur öffentlichen Förderung, bei der strenge

Unikat oder Modell?

31

Bonitätsprüfungen stattfinden und jedes Projekt hohe
Sicherheiten mitbringen muss. Bei einer Zuschussförderung wie der Städtebauförderung will die zuständige Bezirksregierung ganz genau wissen, bis zum letzten Stein,
was am Ende gebaut wird und zwar zwei bis drei Jahre,
bevor überhaupt das erste Geld fließt. Das widerspricht
ganz krass der Idee, mit Menschen im Viertel eine Immobilie schrittweise zu entwickeln.

Doris Sibum: Der Gedanke, die Arbeit auf möglichst
viele Schultern zu verteilen und dabei vor allem an die
Menschen im Viertel zu denken, ist natürlich gut. Ich
frage mich aber: Wie kommen dann neue Impulse von
außen ins Viertel? Wie stellt man überhaupt sicher, dass
immer wieder Ideen und Impulse in so ein Projekt fließen?
Die Stiftung ist ja schließlich auch von außen in das Viertel gekommen.

Kirsten Wagner: Oft ist es sinnvoller, in Menschen und ihr
Know-how zu investieren anstatt in technische Lösungen,
nur weil sie womöglich förderfähig wären. Ihr Hausmeister,
Herr Otto, hat ja offensichtlich ganz praktische Lösungen
für bestimmte Probleme, die Andere eher durch aufwändige Um- und Einbauten aus der Welt schaffen würden.

Henry Beierlorzer: Die Idee des sozialen Gärtnerns ist
es aus der Erfahrung heraus entstanden, dass wir es im
Viertel mit sehr unterschiedlichen Szenen zu tun haben,
sehr verschiedenen Zielgruppen. Diese verschiedenen
Welten wollen wir zusammenzubringen, damit die Vielfalt
des Viertels auch für alle erlebbar ist. Wenn wir soziale
Gärtner aus den verschiedenen Szenen haben, ist das viel
leichter.

Frauke Burgdorff: Ein schöner und wichtiger Gedanke!
Und er bringt mich dazu, unser Gespräch in Richtung
Gemeinwesenarbeit zu lenken. Bei der letzten Klausurtagung haben wir uns gefragt, wie wir die Menschen,
die hier leben, stärker in die Gemeinwesenarbeit verwickeln, die aus den Überschüssen finanziert werden soll.
Wir haben zwei Alternativen diskutiert: Von den avisierten
60.000 € Überschuss pro Jahr geben wir ca. 35.000 €
für einen ausgebildeten Sozialarbeiter oder Quartiersmanager aus, der Rest geht in die Stadtteilprojekte. Oder:
Wir finanzieren nur eine Art Coach, mit ca. 10.000 €, und
machen darüber hinaus feste, auf zwei bis drei Jahre
befristete Kleinverträge mit Menschen aus dem Viertel,
die mit einem bestimmten Auftrag als soziale Gärtner im
Viertel tätig sind. Das wären natürlich keine ausgebildeten Sozialarbeiter, sie bräuchten eine Art Anleitung oder
Weiterbildung im sozialen Gärtnern – dafür der Coach.
Vielleicht hat jemand von Ihnen Erfahrung mit einem
solchen Modell. Das interessiert uns sehr.

»Ehrenamt ist gut und schön,
aber ehrenamtliches Arbeiten
muss man sich auch leisten
können« – Robert Ambrée
Birgit Wend: In Gelsenkirchen gibt es die Nachbarschaftsstifter, sie beraten Menschen, gehen in Kitas und lesen
vor, halten Sprechstunden usw. Sie machen das aber ehrenamtlich und werden dafür auch geschult. Das heißt,
sie bekommen keine Löhne. Was sie bekommen, das sind
Mobiltelefone, Computer und solche Dinge, die sie für
diese Tätigkeit brauchen.
Carola Scholz: Das Projekt Stadtteilmütter in NRW ist ein
guter Ansatz. Die Erfahrungen sind durchweg positiv.

David Wilde: Mir kommt die Idee auf den ersten Blick
etwas komisch vor. Sie brauchen ja Leute, die bereits
hoch motiviert sind und diese hoch motivierten Menschen müssen Sie in der Regel nicht bezahlen, weil sie
die Arbeit aus anderen Gründen tun. Vielleicht ist eine
Wertschätzung, die über Budgetverantwortung funktioniert, sogar besser als die Entlohnung kleiner Jobs.
Robert Ambrée: Ehrenamt ist gut und schön, aber ehrenamtliches Arbeiten muss man sich auch leisten können.
Wer ein gutes Gehalt hat oder eine gute Rente, dem fällt
das sehr viel leichter als dem Vater und der Mutter einer
sechsköpfigen Familie, die oft auch nur schlecht bezahlte Jobs haben – falls sie überhaupt welche haben. Wenn
wir solche Bevölkerungsgruppen erreichen wollen, dann
müssen wir das honorieren. 300 € pro Monat machen
einen Unterschied in solchen Familien. 300 € pro Monat
können auch ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation sein.
Frauke Burgdorff: Da schließe ich mich an! Wir sind hier
in einem Viertel, wo es um Armut und Existenzsicherung
geht. Aber den Gedanken, die sozialen Gärtner nicht nur
zu entlohnen, sondern ihnen auch ein Budget zu geben,
über das sie entscheiden, nehmen wir gerne mit. Wichtig
ist, dass allen von Beginn an klar ist: Es ist befristet. Die
Tätigkeit als sozialer Gärtner ist eine Tätigkeit auf Zeit.
Auch eine Auszeichnung auf Zeit. – Zum Abschluss des
Gesprächs noch einmal die Frage, die uns heute immer
wieder beschäftigt hat, nämlich die Frage nach der Übertragbarkeit dieses Modells, das wir zurzeit hier in Krefeld
erproben: Was lässt sich auf andere Situationen und Aufgaben übertragen? Oder noch vorsichtiger gefragt: Was
würden Sie gerne auf eine mögliche Übertragbarkeit hin
geprüft sehen? Und was nehmen Sie bereits jetzt für Ihre
eigene Praxis mit?

32

Benedikt Altrogge: Am Anfang braucht es vor allem Zeit,
um ein Projekt sorgfältig planen zu können. Das geht sehr
viel besser, wenn es einen Partner gibt, der ausreichend
Kapital mitbringt, um in Ruhe planen zu können, und
gleichzeitig bereits erste Bausteine realisieren kann.
Kirsten Wagner: Für mich ist dieses systematische
Mitdenken der Immobilien interessant. Es war mir vor
diesem Tag nicht so bewusst, in welcher Weise man
Immobilienentwicklung für soziale Stadtentwicklung einsetzen kann. Da tun sich Fragen auf: Wer besitzt Immobilien? Wen kann ich dafür interessieren? Wie verbinde ich
das mit einer sozialen Lobbyarbeit im Viertel? – In Bremerhaven sollten wir unbedingt etwas zusammen auf die
Beine stellen! Sind nicht gerade wir Stiftungen dafür da,
Neues auszuprobieren? Und bei Dingen, die nicht funktionieren, auch ehrlich zu sagen, da ist etwas schief gegangen und wir lernen daraus und berichten darüber, sodass
niemand anderes die gleichen Fehler machen muss? Um
es kurz zu machen: Den heutigen Besuch und das Gespräch sehe ich als wertvolle Fortbildung!
Birgit Wend: Die Frage nach der Übertragbarkeit stellt
sich mir ja ganz konkret in Ückendorf: Welche Prinzipien
könnten auch für das dortige Stadtumbaugebiet sinnvoll
sein? Welche Formen von Initialkapital braucht es dort
und wofür setzt man es am besten ein? Oder: Wie organisiere ich das Verhältnis von Eigentum und Nutzung?
Da würde ich sehr gerne mit der Stiftung im Gespräch
bleiben.
Carola Scholz: Wir sollten dieses Modell noch sehr viel
stärker an die Kommunen herantragen, denn Situationen
wie hier in Krefeld sind überhaupt nicht einzigartig. Sie
gibt es in vielen Städten, zumindest in NRW. Man sieht
es anhand der vielen Einreichungen zum neuen Projektaufruf: Die Nachfrage ist groß und die Stiftung kann nicht
überall tätig werden. Die Frage ist also: Wer kann das,
was die Stiftung hier macht, in den vielen anderen Quartieren machen?
David Wilde: Ja, das Geschäftsmodell ist nach meiner
Auffassung übertragbar, auch wenn es in anderen Vierteln etwas anders funktionieren wird. Daher ein Hinweis
für künftige Projekte: Hier im Viertel ist die Eigentümerstruktur sehr dispers. Es gibt viele Einzeleigentümer, mit
denen es erfahrungsgemäß schwieriger ist, sich auf eine
Strategie und ein Konzept zu einigen. Das ist sowieso
ganz typisch für diese Art von Quartieren, die ein bisschen
auf der Kippe stehen. Anders sieht es aus, wenn man
es mit einem Großeigentümer, etwa einer kommunalen
Wohnungsgesellschaft, zu tun hat. Der Start wäre einfacher, weil viele Immobilien in einer Hand sind. Wenn
die Immobilien dann auch noch in einer Straße oder in

Unikat oder Modell?

einem Block liegen – umso besser. So ein starker Partner
kann außerdem Know-how, Kapital, Organisationskraft
und Geschwindigkeit mitbringen.
Oliver Brügge: Mir ist vor allem bei der Diskussion um
Finanzierung und Förderung wieder klar geworden: Wenn
wir hier in Krefeld pro Jahr 60.000 € für die Gemeinwesenarbeit erwirtschaften, dann speist sich dieser Überschuss aus unterschiedlichen Quellen. Es steckt eben
auch staatliches Geld drin (Förderung), und kommunales
Geld (Verzicht auf den Erbbauzins). Für die Übertragbarkeit heißt das, wir müssen die Kommunen und mögliche
Förderungen immer mitdenken, gerade wenn wir in Stadtvierteln arbeiten, in denen die gängige Immobilienbewirtschaftung kaum Gewinne abwirft – das jetzt nur mal zum
Thema Finanzierung. Das eigentlich Spannende und Neue
ist nach wie vor diese enge Verknüpfung von Immobilie
und Gemeinwesen.
Frauke Burgdorff: Ja, das ist das Besondere: Wie kann
eine andere Immobilienentwicklung aussehen? Und wie
sieht in einem heterogenen Quartier die Gemeinwesenarbeit dazu aus, die sich um diese Immobilie organisieren
lässt? Also eben nicht: hier die Investitionen in Steine,
dort die Investitionen in Menschen, sondern beides zusammen. Das ist das, von dem wir uns wünschen, dass
es übertragbar ist. Das Krefelder Projekt soll daher kein
Unikat bleiben und wir als Stiftung wollen natürlich auch
kein Unikat sein, wenn es um das Ausprobieren solcher
Modelle geht.
Unsere Zeit für heute ist um und die Züge warten auch in
Krefeld nicht. Mir bleibt daher nur noch, Ihnen allen im
Namen der Stiftung für dieses sehr konstruktive Gespräch
zu danken, aus dem die Stiftung vieles mitnehmen wird
für die weitere Arbeit am Programm Initialkapital. Unseren Gastgebern, der Urbanen Nachbarschaft Samtweberei,
sei ebenfalls herzlich gedankt. Von der wunderbar optimistischen Atmosphäre, die der Ort, das Projekt und seine Macher immer wieder ausstrahlen, hat – wie könnte
es anders sein – auch das heutige Gespräch kräftig
profitiert.

Unikat oder Modell?

33

»Oft ist es sinnvoller, in Menschen
und ihr Know-how zu investieren
anstatt in technische Lösungen,
nur weil sie womöglich förderfähig
wären.« – Kirsten Wagner

»Das Spannende und Neue ist
nach wie vor diese enge Verknüpfung von Immobilie und Gemeinwesen.« – Oliver Brügge

Abb. 20-25: Fotos: Marcel Rotzinger © Montag Stiftung Urbane
Räume gAG

B Initialkapital II –
Auswahlverfahren und
Ergebnisse

36

Auswertung des
Projektaufrufs
1. AUFRUF, PRÜF- UND
AUSWAHLVERFAHREN
Anders als bei der Auswahl des Pilotvorhabens im Krefelder Samtweberviertel, dem ein Suchprozess ausschließlich in NRW vorausgegangen war, entschied sich
die Stiftung bei der Vorbereitung von »Initialkapital II«
für einen bundesweiten Projektaufruf, um das Interesse
möglichst vieler Kommunen und Initiativen im Bundesgebiet zu wecken und gleichzeitig eine große Bandbreite
an Projektideen zu erhalten. Im April 2015 wurden zwei
verschiedene Aufrufe – ein Aufruf richtete sich explizit
an Kommunen und ein weiterer an zivilgesellschaftliche
Initiativen – bundesweit verbreitet und mit einer begleitenden Öffentlichkeitsarbeit kommuniziert. Interessierte
Kommunen und Initiativen hatten daraufhin zwei Monate
Zeit, ihre Bewerbungen zu erstellen und einzureichen.

»Wir suchen einen Stadtteil mit
besonderen ökonomischen und sozialen Herausforderungen und geeignete Immobilien vor Ort, um sie
mit unseren Partnern in der Art zu
entwickeln, dass die Menschen und
die Gemeinschaft im Stadtteil davon langfristig profitieren.« – aus
dem Projektaufruf
Konkret gesucht wurde ein Stadtteil in einer Stadt mit
mindestens 50.000 Einwohnern sowie nach einer
Partnerschaft aus Kommune, Initiative(n) und / oder
Wirtschaft, die gemeinsam mit der Stiftung im Stadtteil
aktiv werden wollen. Die interessierten Akteure wurden
gebeten, eine Projektskizze mit Aussagen zur Stadt, zum
Quartier, zum Immobilienbezug, zu den geplanten Handlungsansätzen und zur Zusammenarbeit mit Partnern
zu verfassen. Aus den Einreichungen sollte am Ende ein
Projektvorschlag ausgewählt werden, der ein konsistentes und erfolgversprechendes Projekt in Zusammenspiel
von Stadtteil, Idee und Partnern erkennen lässt. Zudem

mussten die Akteure bereit sein, sich auf eine mehrjährige aktive und verbindliche Zusammenarbeit mit der Stiftung einzulassen.
Zum Ende der Bewerbungsfrist im Juni 2015 lagen 64
Einreichungen aus 43 Städten aus dem gesamten Bundesgebiet vor. Das anschließende Prüf- und Auswahlverfahren fand in mehreren Stufen statt. Zur externen Unterstützung beauftragte die Stiftung das Stadtplanungsbüro
plan zwei aus Hannover, das seine Erfahrungen bei der
Auswahl von Fallbeispielen und Modellvorhaben aus großen Bewerberpools einspielen konnte und mit einem aus
der Praxis der Stadtteil- und Projektentwicklung geschulten Blick die Einreichungen bewerten sollte.
Für das Prüf- und Auswahlverfahren wurden zunächst
formale Kriterien angelegt, wie zum Beispiel die geforderte Mindestgröße der Stadt (50.000 EW) sowie die
ebenfalls geforderte partnerschaftliche Einreichung
des Projektvorschlags unter Beteiligung einer Kommune.
Im zweiten Schritt wurden die Einreichungen qualitativ
betrachtet. Die Quartierscharakteristik, die Projektidee,
die Kooperation sowie die Immobilie wurden im Hinblick
auf die Zielsetzungen des Projektaufrufs bewertet. Nach
Abschluss dieses Schrittes verblieben zehn Projekteinreichungen auf der Shortlist des Auswahlverfahrens.
Alle zehn verbliebenen Stadtteile wurden anschließend
bereist und besichtigt. Nach der Bereisung und einer
anschließenden ersten Jury-Sitzung reduzierte sich die
Anzahl auf fünf Projektvorschläge, für deren Bewertung
folgende Kriterien entwickelt wurden:
—— Ist ein sozialer und städtebaulicher Bedarf im
Stadtteil gegeben?
—— Wird das Engagement der Stiftung gebraucht?
—— Kann mit den Immobilien und ihrer Bewirtschaftung 	
die gewünschte Wirkung auf das Quartier im Sinne 		
des Initialkapitals erreicht werden? Ist der immobilienwirtschaftliche Ansatz plausibel?
—— Ist mit den beteiligten Partnern die Umsetzung der 	
Projektidee denkbar? Wie ist die Qualität der bereits 	
gelebten und zu erwartenden Kooperation
einzuschätzen?
Nach Abschluss dieses Bewertungsschritts verblieben
zwei Projektvorschläge im Auswahlverfahren. Beide

Auswertung des Projektaufrufs

37

Quartiere wurden anschließend ein weiteres Mal näher
untersucht und bewertet (durch Interviews, Begehungen
und ganztägige Workshops mit den Kooperationspartnern vor Ort). Diese zweite Bereisung diente vor allem
dazu, die Stadtteile und die Partner näher kennenzulernen, gegenseitige Erwartungen und offen gebliebene Fragen zu klären und die Projektideen mit den Akteuren ggf.
weiterzuentwickeln. Für die zweite Jurysitzung (Oktober
2015) wurden die Ergebnisse und Erkenntnisse entlang
der folgenden Aspekte aufbereitet:
—— Stadtteil / Quartiersdynamik
—— Ziele der Projektentwicklung
—— Nutzungskonzept
—— Immobilienwirtschaftlicher Ansatz
—— Akteure / Zusammenarbeit / Kooperation
—— Chancen und Risiken der Projektentwicklung
—— Gesamtbewertung
Die hohe Qualität der beiden verbliebenen Projekteinreichungen aus Bremerhaven und Halle, aber auch ihre
Unterschiedlichkeit hinsichtlich Ansatz und Ausgangssituation, erschwerten eine Entscheidung, bis hin zur
Überlegung, ob die Stiftung sich nicht gleichzeitig in
beiden Quartieren engagieren könne.

Gegenüberstellung wichtiger Parameter
Bremerhaven und Halle
BremerhavenGoethequartier

HalleFreiimfelde

Stadthistorie

(Hafen-)
Arbeiterstadt

Bürgerstadt

Entwicklungstendenz und
Lage der Stadt

Stagnierend,
in Randlage

Tendenziell wachsend,
Schwarmstadt neben
Leipzig

Quartiersentwicklung

Hinweise für die
Langjähriges
Entstehung eines
Soziale-Stadt-Quartier
Kreativquartiers

Image

Verfestigtes Image

Imagewandel und
Markenbildung

Immobilienmarkt

Stagnierend,
hoher Leerstand

In Teilbereichen steigende Mieten bei
nach wie vor hohem
Leerstand

Projektansatz

Top-down

Bottom-up

Die ausführliche Diskussion und Abwägung aller Kriterien
und Merkmale führte zu einer Vorentscheidung für den
Stadtteil Freiimfelde in Halle. Der dortige Projektansatz
unterscheidet sich deutlich vom Pilotvorhaben in Krefeld
– das lässt neue Erkenntnisse und Erfahrungen für das
Programm Initialkapital erhoffen.

Der in Freiimfelde mittels Streetart initiierte Imagewandel und das selbstorganisierte bürgerschaftliche
Engagement im Stadtteil stehen für eine neue Art der
Stadtentwicklung »von unten«. Die Einreichung des Projektvorschlags ist daher durch eine Initiative erfolgt. Die
bürgerschaftlichen Akteure wären bei der Projektentwicklung von Beginn an dabei und würden sich aktiv in einer
Projektgesellschaft engagieren – das ist auch für die Stiftung neu. Zudem ist der Zeitpunkt für ein Engagement in
Halle günstig: Die Protagonisten der Freiraumgalerie sind
von der Stadt Halle beauftragt, ein partizipatives Quartierskonzept zu entwickeln. Auch lassen es die allgemeinen Rahmenbedingungen erwarten, dass eine positive
und nachhaltige Entwicklung des Stadtteils realistisch
ist. Halle ist eine Universitätsstadt mit mehr als 20.000
Studierenden, einer renommierten Kunsthochschule und
einer kreativen Szene. Im Stadtteil Freiimfelde lässt sich
eine Dynamik bereits erkennen: Der Immobilienmarkt
bewegt sich und es finden private Investitionen in einzelne Gebäude statt, auch wenn die Leerstandsquote im
Viertel noch bei 30 % liegt. Nach der Entwicklung eines
realisierungsfähigen immobilienwirtschaftlichen Ansatzes
und intensiven Gesprächen mit der Verwaltungsspitze
der Stadt Halle über ihren Beitrag zur Quartiersentwicklung hat sich die Stiftung im Januar 2016 entschlossen,
das zweite Vorhaben des Programms Initialkapital in
Halle-Freiimfelde umzusetzen.

2. ÜBERBLICK ZU DEN PROJEKTEINREICHUNGEN
Die große Anzahl der Einreichungen ist angesichts des
nur zweimonatigen Bewerbungsraumes eine positive
Überraschung. Aus 43 Städten kamen insgesamt 64
Projekteinreichungen. Vertreten sind nahezu alle Bundesländer, wobei ein deutlicher Schwerpunkt auf NRW liegt:
Dort ist nicht nur die Stiftung beheimatet, sondern mit
ihrem Pilotvorhaben im Krefelder Samtweberviertel auch
überdurchschnittlich gut bekannt. Auffällig ist der hohe
Anteil an Einreichungen aus Großstädten: Alleine aus
Berlin wurden fünf Projektvorschläge eingebracht, aus
Städten wie Duisburg und Essen kamen jeweils vier Einreichungen, Dresden und Wuppertal waren mit jeweils drei
Vorschlägen vertreten. Aus Mittelstädten sind insgesamt
16 Einreichungen eingegangen. Im Gesamtbild liefern die
eingereichten Vorschläge einen guten Überblick zu den
aktuellen Problemstellungen und Entwicklungstrends
in benachteiligten Stadtvierteln großer Städte. Sie zeigen
darüber hinaus, mit welchen Ansätzen Kommunen und
zivilgesellschaftliche Initiativen solche Viertel weiterentwickeln möchten.

38

DIE STADTTEILE – WO WIRD
INITIALKAPITAL GEBRAUCHT?
Gesucht waren Stadtteile, die im Vergleich zu anderen
Quartieren einer Stadt als benachteiligt gelten und daher Unterstützung benötigen: Stadtteile mit größeren
sozialen und ökonomischen Problemen sowie instabilen Wohnungs- und Immobilienmärkten, aber auch der
Möglichkeit, sie durch kluge Investitionen und mehr
zivilgesellschaftliches Engagement wieder für alle Bevölkerungsgruppen lebenswerter zu machen. Fast die Hälfte
aller Einreichungen betreffen funktionsgemischte Quartiere mit einem heterogenen städtebaulichen Bestand
unterschiedlichen Alters, teilweise gemischt mit ehemaligen Industrie-, Gewerbe- bzw. Kasernenarealen. Gründerzeit-Viertel bzw. Quartiere mit einem hohen Anteil
an Gründerzeitarchitektur sind ebenfalls häufig vertreten. Zumeist handelt es sich um Bereiche im Inneren der
Stadt mit ausgeprägter Funktionsmischung (z. B. Wohnen,
Handel, Dienstleistung, Gastronomie, Kultur, soziale
Infrastruktur) und entsprechend vielfältigen Anknüpfungspunkten für ein Programm wie Initialkapital. Nur 14
Projektvorschläge beziehen sich auf eher monofunktionale Großwohnsiedlungen bzw. Siedlungen mit vorwiegend Ein- und Zweifamilienhäusern. Sie liegen zumeist
in Stadtrandgebieten.
Sehr viele dieser Stadtteile befinden sich bereits jetzt
in unterschiedlichen Förderprogrammen. In den meisten
Fällen handelt es sich um die Städtebauförderung und
hier in erster Linie das Programm Soziale Stadt. Nur 21
der 64 Projekteinreichungen kommen aus Stadtteilen
ohne jede Förderung. Schwerpunkte und Auswahlkriterien der Städtebauförderung finden sich daher auch
in vielen Projekteinreichungen wieder (städtebauliche
Defizite, Brachen- und Leerstandsproblematik, fehlende
Quartiersidentität, soziale Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit, Armut etc.). Noch eher selten wird in den
Einreichungen von Stiftungen berichtet, die sich in solchen Vierteln engagieren. Wenn sie es tun, dann in erster
Linie durch die Unterstützung bürgerschaftlicher Initiativen beim Kauf von Grundstücken oder der Finanzierung
von Machbarkeitsstudien.
Mehr als die Hälfte sind »junge Stadtviertel«, das
heißt, der Altersdurchschnitt des Stadtteils liegt unterhalb des gesamtstädtischen Durchschnitts. Einen hohen
Anteil an Bevölkerung mit Migrationshintergrund hat
etwa die Hälfte der Stadtteile, fünf von ihnen verzeichnen hohe Zuzugsraten aus Südosteuropa. Zum Zeitpunkt
des Projektaufrufs waren allerdings die in 2015 stark angestiegenen Zahlen von Asylsuchenden nur vereinzelt
bereits Thema in den Projektbeschreibungen. Die jungen
und gleichzeitig migrantisch geprägten Stadtviertel aus
dem Pool der Einreichungen konzentrieren sich erwartungsgemäß in den alten Bundesländern (einschließlich

Auswertung des Projektaufrufs

West-Berlin); junge Stadtviertel mit vorwiegend deutscher
Bevölkerung finden sich eher unter den Einreichungen
aus dem östlichen Teil Deutschlands. Altersstruktur und
Herkunft der Quartiersbevölkerung alleine begründen zunächst noch keine soziale Benachteiligung. Wenn weitere
Merkmale hinzukommen, etwa hohe Arbeitslosen- oder
SGB-II-Quoten, dann führt dies in vielen Fällen zu räumlicher Konzentration von Armut und Benachteiligung. Das
gilt für mindestens zwölf Stadtviertel aus dem Pool der
Projekteinreichungen.
In den Bewerbungen sind demnach eine Reihe von
Stadtvierteln vertreten, in denen sich Armut und städtebauliche Missstände konzentrieren und in denen
Kommunen teilweise seit vielen Jahren bemüht sind,
die Lebenssituation der Bevölkerung zu verbessern
oder zumindest ein weiteres Abrutschen des Stadtteils
zu verhindern. Die Immobilienmärkte in diesen Vierteln sind wenig dynamisch und die durchschnittlichen
Mieten sind in aller Regel deutlich geringer als in der
Gesamtstadt. Eine Häufung einkommensschwacher
Haushalte ist die kaum überraschende Konsequenz
solcher Rahmenbedingungen.
Dass sozialräumliche Segregation nicht immer entlang
von Stadtteilgrenzen verläuft, zeigt sich in 15 Quartieren,
in denen innerhalb des Stadtteils sehr unterschiedliche
soziale Milieus existieren. Dies sind einerseits gute Voraussetzungen für ein lebendiges, durchmischtes Stadtviertel. Es kann andererseits auch zu Schwierigkeiten
führen, wenn sich Konflikte zwischen den verschiedenen
sozialen Milieus ergeben oder wenn im Zuge von Aufwertungsprozessen Bereiche für statushöhere Milieus entstehen, die sich sukzessive ausdehnen und andere
Bevölkerungsgruppen verdrängen.
In 26 Projektvorschlägen wird explizit auf ein bereits
entwickeltes kreativwirtschaftliches Milieu vor Ort bzw.
auf die geplante oder bereits realisierte Umnutzung von
Konversionsflächen hingewiesen. Meist handelt es sich
um privatwirtschaftliche Entwicklungsprojekte, die auf
eine Kombination von Arbeiten und Wohnen ausgerichtet sind. In diesen Stadtvierteln ist bereits eine Entwicklungsdynamik erkennbar, die nicht allein von den
Investitionen der öffentlichen Hand getragen wird. Bei
den Bewerberstadtteilen sind im Hinblick auf die Kreativwirtschaft zwei Strategien erkennbar: Entweder entwickeln sich kreativwirtschaftliche Milieus durch die
Initiative von Menschen, die bereits im Bereich Kunst und
Kreativwirtschaft tätig sind und etwa durch Zwischennutzungen in leerstehenden Gebäuden eine Dynamik
vor Ort entfachen (»bottom-up«) oder die Kommunen
versuchen – teilweise mit öffentlicher Förderung – in benachteiligten Quartieren Kreativwirtschaft als neuen Wirtschaftszweig zu implementieren, den Immobilienmarkt
zu beleben und das Image des Viertels zu verbessern
(»top-down«). Teilweise existieren öffentlich geförderte

Auswertung des Projektaufrufs

»Kreativquartiere« inmitten von benachteiligten und von
Armut gekennzeichneten Stadtteilen (z. B. Mannheim-Jungbusch, Essen-Nördliche Innenstadt).
Explizit benannt wurden Gentrifizierung und Verdrängung in fünf Fällen. Das sind jene Stadtteile, in denen
bereits investiert wird und in denen es weniger darum
geht, den Immobilienmarkt anzukurbeln, sondern die begonnenen Aufwertungsprozesse so zu gestalten, dass die
im Viertel beheimatete Bevölkerung davon profitiert und
nicht verdrängt wird.
In der Gesamtschau aller 64 Einreichungen zeigt sich
daher ein heterogenes Bild: Nicht alle Stadtteile lassen
sich nur als benachteiligt charakterisieren. Die Bandbreite reicht von extrem benachteiligten Vierteln mit
langjährigen und verfestigten Problemlagen über Quartiere, die sich aufgrund von größeren öffentlichen oder
privaten Entwicklungsprojekten im Umbruch befinden,
bis hin zu unauffälligen Stadtteilen, in denen sich die
Mietniveaus auf oder gar über den Niveaus der jeweiligen Gesamtstadt bewegen. In vielen Fällen lässt sich anhand der Projektvorschläge sozialer und städtebaulicher
Handlungsbedarf erkennen, der ein Stiftungsengagement
im Rahmen des Programms Initialkapital rechtfertigen
würde. Schwieriger zu bewerten sind Stadtteile, die sich
bereits in Aufwertungsprozessen befinden, obwohl sie
noch als arm gelten, oder die schon jetzt über sehr unterschiedliche sozialräumliche Teilbereiche verfügen. Ein
mögliches Stiftungsengagement könnte in diesen Vierteln
vor allem darauf zielen, für mehr soziale Verträglichkeit
und Gerechtigkeit in diesen Prozessen Sorge zu tragen
und die örtliche Bevölkerung stärker in die Prozesse
einzubinden.

DIE PROJEKTE – WOFÜR SOLL
INITIALKAPITAL EINGESETZT WERDEN?
Die eingereichten Projektvorschläge lassen sich hinsichtlich ihrer Zielrichtungen, der inhaltlichen bzw. thematischen Schwerpunkte sowie der immobilienbezogenen
Ansätze systematisieren.

Zielrichtungen
Je nach Ausgangssituation im betreffenden Stadtviertel
werden unterschiedliche Zielrichtungen formuliert:
——Im Kontext von Aufwertungsprozessen, die in einem
Viertel stattfinden, soll mit den Projektvorschlägen
eine Verdrängung bzw. Gentrifizierung verhindert und
die weitere Stadtteilentwicklung gemeinsam und sozialverträglich mit der örtlichen Bevölkerung gestaltet
werden.
——In benachteiligten Stadtteilen oder in Stadtteilen mit
einzelnen Problemlagen sollen mit den Projektideen

39

die konkrete Lebenssituation und die Perspektiven
der Bevölkerung verbessert werden. Dabei werden
Ziele verfolgt, die sich auch in der traditionellen
sozialen Stadterneuerung wiederfinden. Großer Wert
wird zum Beispiel auf Sicherung und Ausbau sozialer
Infrastruktur gelegt. Die Versorgung mit solidem und
bezahlbarem Wohnraum ist ebenfalls ein immer wiederkehrendes Ziel.
——Mit einigen Projektideen soll eine bewusste Abkehr
von den traditionellen Strategien der Stadtentwicklung
forciert werden. Sie knüpfen an allgemeine Ideen zur
gesellschaftlichen Transformation an, etwa mit neuen
gemeinsamen Formen des Zusammenlebens, des
Wirtschaftens oder der Energieversorgung.

Themen
Die thematischen Ausrichtungen und inhaltlichen
Schwerpunkte der 64 Einreichungen sind breit gefächert:
—— Stadtteilzentrum / Angebote sozialer Unterstützung:
z. B. Angebote für Begegnung, Betreuung, Beratung,
Freizeit, Gesundheit, Pflege (für unterschiedliche
Zielgruppen)
—— Soziokulturelles Zentrum / Raum für Initiativen und
Projekte: z. B. Treffpunkt, Soziokultur, Raum für
Selbstorganisation und Ehrenamt, Bildung, Sport,
Kunst und Kultur, Veranstaltungen
—— Wohnen: z. B. soziale Wohnangebote (bezahlbar,
barrierefrei, generationenübergreifend, familiengerecht, für Flüchtlinge, Notunterkunft, gemeinschaftliche
Wohnprojekte) oder höherpreisige Wohnangebote /
Eigentumswohnungen (z. B. für die Generierung von
Überschüssen bzw. für Gewinnung von einkommensstärkeren Haushalten)
—— Arbeits- und Beschäftigungsförderung: z. B.
Räume für Start-ups / Gründer im Kultur- und
Kreativbereich, Arbeitsvermittlung, Berufsberatung,
Qualifizierung
—— Gesundheit und Bewegung: z. B. Pflege, medizinische
Versorgung, Sport
—— Kunst und Kultur: z. B. Ateliers, Ausstellungen,
kulturelle Bildung
—— Gastronomie und Hotellerie: z. B. Hotel, Café,
Veranstaltungsräume / Veranstaltungszentrum
—— Nahversorgung: z. B. Grundversorgung, lokale
Wirtschaft
—— Nachhaltigkeit / städtische Landwirtschaft: z. B.
Urban Farming, Aquaponik, Urban Gardening
—— Freiraum: z. B. Wohnumfeld, Mobilität

40

Diese thematischen Ausrichtungen werden in den Projekten entweder als alleinige Schwerpunkte oder in
Kombination mit weiteren Themen verfolgt – bis hin zu
komplexen Konzepten einer umfassenden Quartiersentwicklung. Sie lassen sich zu vier Clustern zusammenfassen (in Klammern: Anzahl der Projekte, die diesem
Cluster zugeordnet werden können).
Unterstützung / Hilfe im traditionellen Sinne sozialer
Stadterneuerung (32):
Genannt werden vor allem unterschiedliche Formen von
Gemeinwesenarbeit, der Aufbau eines Stadtteilzentrums,
Arbeits- und Beschäftigungsförderung, die Schaffung von
bezahlbarem Wohnraum und die Sicherstellung der Nahversorgung. Die Hälfte der Einreichungen bewegt sich mit
ihren Ideenskizzen in diesem großen Feld von Unterstützungsangeboten. Dies hat zum einen mit der Bedarfssituation im Stadtteil und zum anderen mit der Tradition der
Gemeinwesenarbeit und den nunmehr 30 Jahren Erfahrung mit dem Städtebauförderprogramm Soziale Stadt
zu tun. Gerade aus den Städten, deren Quartiere sich in
Städtebauförderprogrammen befinden, werden häufig
Projekte vorgeschlagen, die sich in dieser Logik bewegen.
Kombination von soziokulturellen, gewerblichen und
Wohnnutzungen (10):
Der Ansatz, Wohnraum für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu schaffen, Räume für Gewerbe und Dienstleistungen anzubieten und dabei auch den gemeinschaftlichen Aspekt zu berücksichtigen, wird nicht nur von
kommunalen Akteuren und privaten Investoren verfolgt,
sondern auch von zivilgesellschaftlichen Initiativen. Er
kommt sowohl bei Erneuerungen im Bestand auch als bei
größeren, komplexeren Neubauvorhaben auf Konversionsflächen zur Anwendung. Stärker noch als die Projektvorschläge, die sich an traditionellen Formen sozialer
Stadterneuerung orientieren, zielen diese Projekte auf die
Schaffung bzw. Weiterentwicklung funktional und sozial
gemischter Quartiere, um bereits im Nahbereich ein
hohes Maß an Lebensqualität bieten zu können.
Projekte mit Schwerpunkten im Bereich Kunst und
Kultur und dem Aufbau von Kultur- und Kreativquartieren (16):
Das Cluster umfasst Projektideen, die Kunst, Kultur- und
Kreativwirtschaft zur Erneuerung bzw. Weiterentwicklung
von Quartieren einsetzen möchten. In manchen Fällen
geschieht dies auf Initiative von Künstlern und Kreativen
in teilweise noch informellen Ansätzen, in anderen Fällen
sind es privatwirtschaftlich konzipierte, überwiegend gewerblich orientierte Kreativzentren. Auch Kombinationen
aus künstlerischen und gewerblich konzipierten Ansätzen
werden genannt: Mit dem Einsatz von Fördermitteln und
dem »Zugpferd« Kunst und Kultur sollen Arbeitsplätze

Auswertung des Projektaufrufs

in neuen Branchen geschaffen, Existenzgründungen erleichtert und dem Stadtteil zu einem anderen – besseren –
Image verholfen werden.
Neue solidarische / nachhaltige Formen des Wirtschaftens und lokale Ökonomien (inkl. Gastronomie und
Hotellerie) (6):
Diese Projektvorschläge konzentrieren sich auf die Ökonomie des Stadtteils. Dabei sollen nicht nur Arbeitsplätze geschaffen und die Angebotsvielfalt im Stadtteil
verbessert werden. Mehrere Projekte wollen in bewusster Abwendung vom gängigen kapitalistischen
Wirtschaftsmodell alternative und solidarische Formen
des Wirtschaftens erproben, teilweise mit einer eigenen
Währung.
In diesen beiden letztgenannten Projektclustern
»Kultur« und »Ökonomie« finden sich mindestens sechs
Projektvorschläge, die explizit auf andere Formen des
Zusammenlebens und Arbeitens zielen. Genannt werden
dabei u. a. solidarische Ökonomien, Kreislaufwirtschaft
und verschiedene Ansätze städtischer Landwirtschaft.
Selbermachen und Selbstverantwortung sind wichtige
Motive; die Projekte wollen zu einer nachhaltigen und
solidarischen Entwicklung der Stadt bzw. der Gesellschaft beitragen.
Die experimentellen Ansätze sind noch eher abstrakt
formuliert, sodass sie auch im Hinblick auf den im Projektaufruf geforderten immobilienwirtschaftlichen Part
wenig konkret werden. Dies schmälert jedoch nicht ihr
Potenzial, denn sie formulieren gesellschaftliche Anliegen und Lösungen, die auch für das Programm Initialkapital von Bedeutung sind.

Immobilien
Die Projektvorschläge benennen Immobilien oder Areale, die für das jeweilige Projekt genutzt werden sollten. Die Spannweite ist erwartungsgemäß groß; einen
Schwerpunkt bilden leerstehende bzw. untergenutzte
Liegenschaften:
—— Industriebrachen: Brauerei, Möbelfabrik, Waffenfabrik, Zeche
—— Gewerbeflächen: z. B. Ladengeschäfte, Bürogebäude
oder gerade errichtete Gewerbeflächen in Kulturund Kreativquartieren
—— Ehemals militärisch genutzte Flächen / Kasernengelände
—— (Leerstehende) Wohngebäude
—— Ehemalige Infrastruktureinrichtungen: Bahnhof,
Schule, Gemeindehaus, Gaswerk, Umspannwerk,
Feuerwehrhaus, Freibad, Wasserturm, Bunker,
Parkhaus
—— Freiflächen / Brachflächen

Auswertung des Projektaufrufs

41

Entsprechend vielfältig sind die Eigentums- und Besitzverhältnisse zum Zeitpunkt des Projektaufrufs (Kommune,
kommunale Eigenbetriebe, Kirche, Deutsche Bahn, Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Privateigentum). Es
finden sich auch alle Varianten zwischen Umnutzung, Abriss und Neubau in den Projektvorschlägen; bei mehreren
Vorhaben ist eine Kombination aus Abriss, Umnutzung
und Neubau vorgesehen.
Ein Herzstück des Programms Initialkapital ist die
Erzielung von Überschüssen aus der Bewirtschaftung der
Immobilien, die anschließend wieder in das Stadtviertel
zurückfließen sollen. Bei den eingereichten Projektvorschlägen lassen sich diesbezüglich zwei Grobvarianten
identifizieren. Die erste Variante zielt auf eine Erwirtschaftung von Überschüssen, die für die Gemeinwesenarbeit des Viertels verausgabt werden. In der zweiten
Variante sollen die erwirtschafteten Überschüsse als
Zuschüsse für Existenzgründungen, alternative Wirtschaftsformen oder bezahlbaren Wohnraum im Stadtteil
verwendet werden. Möglichkeiten, solche Überschüsse
zu erwirtschaften, sehen die Projektvorschläge vor allem
in den Bereichen Gastronomie, Beherbergung (Hostel),
Einzelhandel (Ladenlokale), Gewerbe, Wohnen (mittleres
Preissegment, Eigentumswohnungen), Kulturveranstaltungen und die zeitweise Vermietung von Räumlichkeiten,
die für unterschiedliche Nutzergruppen und Aktivitäten
geeignet sind.

Neben Kommunen und Initiativen waren Wirtschaftsunternehmen, städtische Wohnungsunternehmen, Stiftungen und soziale Einrichtungen Kooperationspartner
bei den gemeinsamen Einreichungen. Gerade dort, wo
zahlreiche Kooperationspartner in den Bewerbungen aufgeführt werden (teilweise mehr als 10 Kooperationspartner
eines Projektvorschlags), spricht vieles für das Vorhandensein einer dichten und lebendigen Akteurslandschaft.

DIE AKTEURE – WER SUCHT NACH
INITIALKAPITAL?

3. ZUSAMMENFASSUNG – WAS ZEIGEN
UNS DIE EINGEREICHTEN PROJEKTVORSCHLÄGE?

Mit dem Projektaufruf waren interessierte Bewerber aufgefordert, möglichst mit mehreren Akteuren zusammenzuarbeiten und einen gemeinsamen Projektvorschlag
einzureichen (»zwei oder mehr Partner aus Kommune,
Zivilgesellschaft und Wirtschaft …«). 21 Projektvorschläge wurden gemeinsam von einer Kommune in Zusammenarbeit mit einer Initiative und / oder einem örtlichen
Wirtschaftsunternehmen eingereicht, 30 Einreichungen
kamen zumindest von zwei oder mehr Partnern, 34 Bewerbungen wurden nur von einem Akteur eingereicht.
Erfreulich ist das große Engagement von Initiativen, bürgerschaftlichen Vereinen und Einzelpersonen: Sie waren
an der Erstellung von 47 Ideenskizzen beteiligt – häufiger
als zum  Beispiel Kommunen, die als aktiver Partner an 27
Einreichungen mitgearbeitet haben. Überraschend ist das
nicht, denn Initiativen sind eher auf der Suche nach Geld
und Unterstützung für die Umsetzung ihrer Ideen, zumal
sie weit weniger auf Förderprogramme zurückgreifen können als Kommunen. Projekteinreichungen von Kommunen
als federführende Partner betreffen hingegen häufig jene
Stadtteile, in denen sie bereits mit Förderprogrammen
agieren und die sie daher sehr gut kennen.

ÜBERSICHT:
Kommune und kommunale Einrichtungen:
Stadtverwaltung, städtisches Wohnungsunternehmen,
Wirtschaftsförderung, JobCenter, Stadtwerke, Verkehrsbetriebe

Wirtschaft:
private Immobilienentwickler, Immobilieneigentümer,
Unternehmer und Dienstleister, Genossenschaft, Bank
Initiativen und Zivilgesellschaft:
bürgerschaftlicher Verein, Stiftung, Kunst- und Kulturverein, Kirchengemeinde, Mietshäuser Syndikat, Einzelpersonen (Bewohner, Künstler)
Soziale Einrichtung:
sozialer Träger, Bildungseinrichtung, Quartiersmanagement, Kulturelle Einrichtung

Die Sichtung und Auswertung der 64 Einreichungen hat
deutlich werden lassen, wie differenziert das bereits vorhandene Problembewusstsein in den betreffenden Stadtvierteln ist und wie viele gute Ansätze und Ideen daraus
entstehen können. Nach dem Projektaufruf der Stiftung
wurden in sehr kurzer Zeit mögliche Partner gesucht und
gefunden, Immobilien ausgewählt, Ideenskizzen formuliert
und Ansätze entwickelt, auf welche Weise die Stadtteilrenditen erwirtschaftet werden könnten. Die Erfahrungen
dieses Projektaufrufs zeigen aber auch, wie komplex und
anspruchsvoll insbesondere die Generierung von Stadtteilrenditen mit einer oder mehreren Immobilien in einer
akteursübergreifenden Zusammenarbeit ist. Es müssen
sehr viele Voraussetzungen stimmen, damit aus einer
ersten Idee auch ein realisierbares Projekt werden kann.
Für Initiativen kann das am Anfang eine Überforderung
darstellen, zumal dieser Ansatz in der Stadtteilerneuerung hierzulande noch sehr neu ist. Dies ist eine wichtige
Erkenntnis aus diesem Auswahlverfahren.
Den Projektaufruf haben nicht nur Akteure aus benachteiligten Stadtvierteln genutzt, um Projektvorschläge

42

einzureichen. Bewerbungen kamen auch aus solchen
Quartieren, die sich in Aufwertungsprozessen befinden,
denn auch dort gibt es Benachteiligungen für bestimmte
Bevölkerungsgruppen, die sich bei einer Gentrifizierung
von Stadtvierteln weiter verstärken kann. Wesentliches
Ziel der Projektvorschläge aus solchen Vierteln ist es, die
Aufwertungsprozesse sozialer und gerechter zu gestalten,
damit die gesamte Stadtteilbevölkerung davon profitiert
und niemand ausgeschlossen ist. Inwieweit das Modell
Initialkapital dafür geeignet sein kann, zum Beispiel
preiswerten Wohnraum in Aufwertungsgebieten zu erhalten bzw. zu schaffen, müsste allerdings überhaupt erst
erprobt werden.
Bemerkenswert ist die hohe Bedeutung, die so genannte Kultur- oder Kreativquartiere als mögliche Motoren oder Impulsgeber für die Belebung von Stadtvierteln
einnehmen. Ob »bottom up« oder »top down« – beide
Ansätze sind gut und richtig, allerdings gelingt es Initiativen, die großen Wert auf Offenheit, Experiment und
Autonomie legen, häufig noch nicht, ihre Ideen bis zur
Projektreife zu entwickeln. Sie operieren mit Ideen solidarischen und gemeinwohlorientierten Wirtschaftens,
verknüpfen Kunst zum Beispiel mit Kinder- und Jugendbildung, nutzen neue Formen der Teilhabe und verbinden
künstlerisches Schaffen mit aktiver Stadtteilentwicklung,
aber die Verbindung zur immobilienwirtschaftlichen Seite ist in diesen Projektvorschlägen meist noch schwach
ausgeprägt. Es kann jedoch sehr lohnenswert sein, Initiativen gerade dabei stärker zu unterstützen, zumal sich
viele ihrer Zielsetzungen mit denen des Programms Initialkapital deckt.
Solche Projektvorschläge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hälfte aller Projekteinreichungen nach wie vor in der Tradition bereits bekannter
Ansätze und Instrumente sozialer Stadterneuerung steht.
Dafür gibt es insbesondere in den stark benachteiligten
Stadtquartieren gute Gründe, weil dort soziale Unterstützungsleistungen und die Erhaltung sozialer Infrastruktur
weiterhin notwendig sind. Klassische Gemeinwesenarbeit und das gesamte Repertoire des Programms Soziale
Stadt sind dort fest verankert.
Die hohe Anzahl an Bewerbungen spricht dafür, dass
sehr viel zivilgesellschaftliches Potenzial für Fragen der
Stadtteilentwicklung vorhanden ist. Sie zeigt zudem, dass

Auswertung des Projektaufrufs

das Modell Initialkapital viele Initiativen bewegen kann,
eigene Ideen für den eigenen Stadtteil zu entwickeln. Die
teilweise geringe Ausarbeitungstiefe der Einreichungen
von Initiativen signalisiert aber auch, dass die komplexen
Anforderungen des Modells sich nicht allen Interessierten
sofort erschließen.
Es wurden viele Projektvorschläge eingereicht, die
nicht in der Zusammenarbeit mehrerer Partner entstanden sind – obwohl dies von der Stiftung ausdrücklich so
gewünscht war. Die hohe Zahl dieser Einzeleinreichungen
verweist auf fehlende Kooperationserfahrungen zwischen
Kommunen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Womöglich war schlicht die Laufzeit des Projektaufrufs zu knapp
bemessen, um solche neuen Kooperationen aufbauen zu
können.
Das Stiftungsprogramm Initialkapital ist vielschichtig
und anspruchsvoll. Im Falle weiterer Projektaufrufe kann
es hilfreich sein, interessierte Initiativen und Kommunen
bereits während der Antragstellung zu unterstützen
und zu diesem Zweck mehrstufige Bewerbungs- und
Auswahlverfahren vorzusehen. In begleitenden Workshops könnten etwa Beratungsleistungen für die immobilienwirtschaftlichen Aspekte eines Projektvorschlags
angeboten werden. Auch die Abstimmung zwischen Initiativen, Wirtschaft und Kommunen benötigt mehr Zeit.
Auf diese Weise verlängert sich zwar das Auswahlverfahren; im Gegenzug gewinnen jedoch die Projektvorschläge an Substanz und Realisierbarkeit.
Autoren: Klaus Habermann-Nieße und Simone Müller, plan zwei

Auswertung des Projektaufrufs

43

Kiel
Greifswald

Bremerhaven

Schwerin

Hamburg

Bremen

Berlin (5)

Frankfurt (Oder)

Hannover (2)
Bocholt

Gelsenkirchen
Herten

Dinslaken
Oberhausen
Moers
Duisburg (4)
Essen (4)
Viersen

Castrop-Rauxel
Dessau-Roßlau (2)

Dortmund (2)
Iserlohn
Hattingen
Hagen (2)
Wuppertal (3)

Halle (Saale)
Leipzig

Kassel

Görlitz
Dresden (3)

Köln (2)

Chemnitz
Plauen

Mainz

Offenbach
Bamberg

Projekteinreicherungen durch ...

Trier
Mannheim (2)
Kaiserslautern Ludwigshafen

nur Initiative (25)
nur Kommune (8)

Stuttgart

nur Wirtschaft (3)
Augsburg (2)

Freiburg

Abb. 26: Räumliche Verteilung der Projektvorschläge © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

mehrere Einreicher (28)
Summe: 64

44

Auswertung des Projektaufrufs

ÜBERSICHT DER PROJEKTVORSCHLÄGE
Nr.

Stadt / Stadtviertel Projekttitel
bzw. Nachbarschaft

Vorschlag durch

Immobilie/n

Inhaltliches Profil

1

Augsburg / Lechhausen

Neues Leben für den
Grünen Kranz

Kommune, Stiftung

Neubauvorhaben
(nach Abriss)

Quartierszentrum mit Soziokultur, Gewerbe, Wohnen

2

Augsburg / Thelottund Rosenauviertel

mittendrin

Initiative

Erwerb und Umnutzung eines Quartierszentrum mit sozialen
Gebäudes
Einrichtungen

3

Bamberg / Bamberger Osten

Lagarde-Kaserne

Kommune

Umnutzung eines
Kasernenareals

Kultur- und Kreativquartier
mit gemeinwohlorientierten
Aspekten

4

Berlin / 
Kreuzberg

Community-Forum für die südliche
Friedrichsstadt

Initiative, Wirtschaft,
Kommune

Teilbereich eines
Neubauvorhabens

Räume für soziokulturelle
Projekte

5

Berlin / 
Marzahn,
Hellersdorf

Kastanienboulevard

Initiative

Erwerb und Umnutzung eines Reaktivierung einer leersteGebäudes
henden Kaufhalle für soziale,
kulturelle und gewerbliche
Zwecke

6

Berlin / 
Neukölln

VOLLGUT

Initiative, Wirtschaft, Stiftung Umnutzung eines
Brauereigeländes

7

Berlin / 
Tiergarten-Süd

Grüne Bibliothek

Initiative, Kommune

Teilbereich eines öffentlichen Nachbarschaftstreffpunkt
Gebäudes

8

Berlin / Wedding
(Brunnenviertel)

ps wedding

Initiative, Wirtschaft

Umnutzung und Erweiterung
eines Schulgebäudes

Soziokultur, Kita und preisgünstiges Wohnen

9

Bocholt / 
Suderwick

Dinxperwick

Initiative

–

Grenzüberschreitendes Stadtteilzentrum (D / NL) mit sozialer Schwerpunktsetzung

10

Bremen / 
Blockdiek

Jugend- und
Sportzentrum

Initiative

Umnutzung einer Sportgaststätte und weiterer
Immobilien

Zentrum für Sport und Bewegungsangebote für verschiedene Generationen

11

Bremerhaven / 
Goethequartier

Leher Pausenhof

Kommune, Wirtschaft, Initia- Erwerb und Umbau mehrerer
tive, soziale Einrichtung
Gebäude

12

Castrop-Rauxel / 
Dingen

Bei- und Füreinander Initiative
Leben

Neubauvorhaben

Wohnen und Nachbarschaftszentrum mit Schwerpunkt
Gesundheit und Pflege

13

Chemnitz / 
Sonnenberg

–

Initiative, Wirtschaft, soziale
Einrichtung

–

Experimentelle Quartiersentwicklung mit Schwerpunkt
Kunst und Kultur

14

Dessau-Roßlau / 
Am Leipziger Tor

Urbane Farm Dessau

Kommune, Wirtschaft,
Stiftung

Leerstehende Gebäude

Alternative Wirtschaftsformen,
Gemeinschaftsräume und
bezahlbares Wohnen

15

Dessau-Roßlau / 
Theater- und
Johannisviertel

VorOrt-Haus

Initiative

Umnutzung eines leerstehen- Zentrum für Start-ups
den Gebäudes
aus dem Bereich Kultur- / 
Kreativwirtschaft

16

Dinslaken / 
Lohberg

Parkwerk

Kommune, Initiative,
Wirtschaft

Umnutzung eines
Wasserturms

Abb. 27: Tabellarische Übersicht © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

Experimentelle Quartiersentwicklung mit Schwerpunkt
Kunst und Kultur

Soziokultur, Gewerbe und
Wohnen

Soziokultur, Integration und
Wirtschaft

Auswertung des Projektaufrufs

Nr.

Stadt / Stadtviertel

45

Projekttitel

Vorschlag durch

Immobilie/n

Inhaltliches Profil

bzw. Nachbarschaft

17

Dortmund / 
Borsigplatz

STADT DER CHANCEN / WOLKENKUKUCKSHEIM

Initiative

Umnutzung und gemeinschaftlicher Umbau von
Gebäuden

Gastronomie, Hostel,
Wohnen / alternative
Währung

18

Dortmund / 
Unionviertel

–

mehrere Initiativen

Erwerb und Umnutzung eines Industreiareals

Gewerbe, Soziokultur
und Wohnen

19

Dresden / 
Am Koitschgraben

Haus der Begegnung

Initiative

Umbau eines Handelsgebäudes (Konsum)

Nachbarschaftszentrum mit sozialen
Einrichtungen

20

Dresden / 
Pieschen

Zentralwerk

Initiative

Umbau einer Waffenfabrik

Kultur- und Kreativquartier mit Wohnen

21

Dresden / 
Scheunenhofviertel

Lößnitzstraße 14

Erwerb und Umbau eines
Gaswerks (wird bereits
zwischengenutzt)

Kultur- und
Kreativquartier

22

Duisburg / 
Altstadt-Süd

früher Möbel, heute Kunst, Kultur &
Kommunikation

Wirtschaft, Initiative

Erwerb und Umbau eines
Möbelhauses

Kultur- und
Kreativquartier /
Begegnungsort

23

Duisburg / 
Hochfeld

MarktOrt

Kommune, Initiative

Umbau / Erweiterung eines
Hochbunkers

Wohnen, Gewerbe mit
gemeinwohlorientierten Aspekten

24

Duisburg / Marxloh

Runder Tisch

mehrere Initiativen, Kommune, Wirtschaft

Umbau mehrerer Gebäude
im Kircheneigentum

Zentrum für Inklusion /
teilweise Gewerbe

25

Duisburg / 
Marxloh

InKa für Marxloh

Kommune, Initiative,
Wirtschaft

Erwerb und Umbau von zwei
Gebäuden

Räume für soziale Einrichtungen und Aufgaben / Wohnen

26

Essen / 
Nordviertel,
Altenessen-Süd

Plan W

Initiative

Erwerb und Umbau eines
Ledigenheims

Soziales Wohnprojekt
mit Angeboten für
Nachbarschaft

27

Essen / 
Nördliche
Innenstadt

Internationales Begegnungszentrum
(Leben, Wohnen
und Arbeiten und
einem Dach)

Kommune, Wirtschaft,
soziale Einrichtung

Erwerb und Umnutzung
mehrerer Immobilien

Soziokulturelles Zentrum mit Räumen für
Initiativen

28

Essen / 
Katernberg

Kinder- und Familienförderzentrum
PLUS

Kommune, Initiative

Grundstückserwerb und
Neubauvorhaben

Nachbarschaftszentrum mit sozialen
Einrichtungen

29

Essen / 
Kray

Gemeinsam für Kray

Initiative

Erwerb und Umbau mehrerer
Gebäude

Soziale Einrichtungen,
Kultur und Wohnen

30

Frankfurt (Oder) / 
Lebuser Vorstadt

Gerstenberger Höfe
– Verbünden,
Gestalten, Entwickeln

Kommune, Initiative,
Wirtschaft

Umbau einer Möbelfabrik

Soziokulturelles Zentrum mit Gewerbe

31

Freiburg / 
Haid

–

Initiative

Umnnutzung eines
Umspannwerks

Gewerbe, Soziokultur
und Wohnen

32

Gelsenkirchen / 
Rotthausen

MetropolenGarten

Initiative

Umnutzung eines brachgefallenen Gartenareals
(Zeche)

Urbane Landwirtschaft
(Kreislaufwirtschaft)

46

Nr.

Auswertung des Projektaufrufs

Stadt / Stadtviertel

Projekttitel

Vorschlag durch

Immobilie/n

Inhaltliches Profil

bzw. Nachbarschaft

33

Görlitz / 
Innenstadt-West

habiTAT!

Kommune,
Initiative,
Wirtschaft

Umbau eines
Speichergebäudes

Gastronomie / Beherbergung
(benachbart: Gewerbe, Soziokultur)

34

Greifswald / 
Steinbeckervorstadt

Gesellschaftshaus Greifswald

Kommune,
Initiative

Umbau eines denkmalgeschützten Veranstaltungsgebäudes

Kultur- und Bildungszentrum, Wohnen,
solidarisches Wirtschaften

35

Hagen / 
Hohenlimburg

–

Initiative,
Wirtschaft

Umnutzung eines Gebäudes

Zentrum für Natur, Kultur und Kommunikation (tlw. Tourismus)

36

Hagen / 
Wehringshausen

IMPULS

Initiative

Erwerb und Umnutzung eines Gebäudes

Kultur- und Kreativquartier mit gemeinwohlorientierten Aspekten

37

Halle / 
Freiimfelde

Freiraumgalerie

Initiative,
Wirtschaft, soziale
Einrichtungen

Umnutzung leerstehender
Gebäude und Brachflächen

Experimentelle Quartiersentwicklung mit
Schwerpunkt Kunst und Kultur

38

Hamburg / 
Südliche Neustadt

Ledigenheim

Initiative

Erwerb und Umnutzung
eines denkmalgeschützten
Gebäudes

Kultur, Energieversorgung, soziale
Einrichtungen

39

Hannover / 
Mühlenberg

–

Kommune

Erwerb und Umnutzung
eines Postgebäudes mit
Ladenzeile

Soziokultur, Bildung bzw. Ausbildung

40

Hannover / 
verschiedene
Quartiere

Platzprojekt

Initiative

Erwerb einer Brachfläche
und Nutzung mit Containern

Raum für Start-ups im Bereich Kulturund Kreativwirtschaft / Überschüsse für
dezentrale Platzprojekte

41

Hattingen / 
Welper

Quartiershaus
Welper Kompakt

Kommune,
soziale Einrichtung, Wirtschaft

Umbau eines denkmalgeschützten Gebäudes

Soziokulturelles Zentrum mit Räumen für
Initiativen

42

Herten / 
Herten-Süd

Kreativzentrum
für Rhythmus
und Bewegung
im Vest

Wirtschaft

Erwerb und Entwicklung
eines Gebäudes

Kultur- und Kreativquartier

43

Iserlohn / 
Am Zeughaus,
Südengraben,
Mühlentor

–

Wirtschaft,
Kommune,
Initiative

Umnutzung leerstehender
Gebäude

Quartierszentrum, Räume für soziale
Einrichtungen und Aufgaben

44

Kaiserslautern / 
Im Grübentälchen

–

Kommune

Neubauvorhaben auf
Brachflächen (nach Abriss)

Sozialer Wohnungsbau kombiniert mit
Quartierszentrum

45

Kassel / 
Unterneustadt

Vor der Pulvermühle – Entwicklung der
Mitte

Kommune,
Wirtschaft

Erwerb von Grundstücken
und Neubebauung (Bestand:
Hochbunker)

Wohnungsbau kombiniert mit Quartierszentrum (Bunker)

46

Kiel / 
Gaarden

Parkhaus
»Schulstraße«

Kommune

Erwerb und Teilumbau eines
Parkhauses

Raum für Start-ups im Bereich Kulturund Kreativwirtschaft / Überschüsse für
Gemeinwesenarbeit

47

Köln / 
Mülheim

SSM, Kulturbunker & BürgerHaus MüTZe

mehrere
Initiativen

Sanierung / Umbau von drei
Gebäuden

Gemeinwesenarbeit und Beschäftigungsförderung (Weiterentwicklung)

48

Köln / Nippes
(Clouth-Gelände)

CAP Cologne

Initiative

Erwerb und Umbau eines
Gebäudes

Räume für Kunst und Bildung, Ateliers

Auswertung des Projektaufrufs

47

Nr.

Stadt / Stadtviertel Projekttitel
bzw. Nachbarschaft

Vorschlag durch

Immobilie/n

Inhaltliches Profil

49

Leipzig / 
Anger-Crottendorf

Ostwache

Kommune

Umnutzung einer
Feuerwache

Soziokultur, Gewerbe und Wohnen

50

Ludwigshafen / 
Oggersheim-West

Nachbarschaftszentrum
Comenius

Initiative, soziale
Einrichtung

Umbau eines
Gemeindezentrums

Nachbarschaftszentrum mit sozialen
Einrichtungen

51

Mainz / 
Neustadt

Kommissbrotbäckerei

Kommune

Erwerb und Umnutzung
eines Bäckereiareals

Kultur- und Kreativquartier

52

Mannheim / 
Franklin-Kaserne

FRANKLIN

Wirtschaft

Umnutzung eines
Kasernenareals

Neue Quartiersentwicklung (Wohnen,
Gewerbe, Kultur etc.)

53

Mannheim / 
Jungbusch

Arrival City

Kommune

Umnutzung eines Gebäudes

Zentrum für Arbeitsvermittlung und
-beratung (Zugewanderte)

54

Moers / 
Meerbeck

Hot Spot Saluto

Soziale Einrichtung, Initiative,
Wirtschaft

Umnutzung einer Schule

Zentrum für Gesundheit und Bewegung
mit gemeinwohlorientierten Aspekten

55

Oberhausen / 
Sterkrade

Literaturhaus
Zeche

Initiative

Umnutzung eines
Zechengeländes

Kultur (Literatur), Wohnen und Arbeiten

56

Offenbach / 
Senefelder Quartier

Senefelder
Quartier und
Hauptbahnhof

Kommune,
Wirtschaft

Umnutzung eines
Bahnhofsgebäudes

Soziokulturelles Zentrum

57

Plauen / 
Elsteraue

Hempelsche
Fabrik

Kommune, Wirtschaft, Initiative,
soziale Einrichtung

Umnutzung eines
Industrieareals

Wohnen, Kultur, Kreativwirtschaft mit
gemeinwohlorientierten Aspekten

58

Schwerin / 
Mueßer Holz

D°Halle

Kommune,
Initiative

Umnutzung einer Kaufhalle
und anderer Gebäude

Sport / Bewegung, Soziokultur, Wohnen
und Gewerbe

59

Stuttgart / 
Stuttgart-Süd,
Degerloch

Garnisonsschützenhaus

Initiative

Umnutzung eines
Schützenhauses

Gastronomie, Beherbergung,
Veranstaltungen

60

Trier / Trier-West

Katalysator

Initiative

Umnutzung eines
Kasernenareals

Wohnen, Gewerbe, Soziokultur mit
gemeinwohlorientierten Aspekten

61

Viersen / Boisheim

DORV-Zentrum
Boisheim

Initiative

Umnutzung eines Feuerwehrgerätehauses / Tausch von
Einfamilienhäusern gegen
altengerechte Wohnungen

Nahversorgung, altengerechte
Wohnformen

62

Wuppertal / Mirke

Utopiastadt

Initiative

Umnutzung eines
Bahnhofsareals

Kultur- und Kreativquartier mit gemeinwohlorientierten Aspekten

63

Wuppertal / Mirke,
Elberfeld-Nord

Pro Mirke

Initiative, Kommune, Wirtschaft, soziale Einrichtung

Umnutzung eines Freibads

Bürger- und Bewegungspark (Schwerpunkt Gesundheit, Mobilität)

64

Wuppertal / Oberbarmen-Wichlinghausen

Krübusch-Höfe

Wirtschaft

Umnutzung von
Industriegebäuden

Gastronomie, Beherbergung,
Veranstaltungen

48

Porträt: Goethequartier in
Bremerhaven
STECKBRIEF
Stadt

Bremerhaven

Einwohner

115.000

Quartier

Goethequartier

Einwohner

7.600

Quartierstyp

Gründerzeit

Lage

Innenstadtrand

Projektidee

Stadtteilhaus als Kristallisationspunkt
der Stadtteilentwicklung

Partner

Stadt, STÄWOG, Bürgerverein etc.

PROJEKTIDEE
Mit einem Stadtteilhaus als Keimzelle soll die Stadtteilentwicklung eine neue Richtung bekommen – das ist die
Idee für das Initialkapital in Bremerhaven. Das Goethequartier hat als buntes gründerzeitliches Innenstadtquartier viele Qualitäten aufzuweisen. Trotz vielfältiger
Aktivitäten bestimmen der hohe soziale Problemdruck
und der hartnäckig »schlechte Ruf« bislang die Entwicklungsperspektiven des Quartiers.

KONTEXT – STADT UND STADTTEIL
Das Goethequartier liegt im Bremerhavener Stadtteil Lehe.
Die Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung sind nicht
einfach: Bremerhaven hat stark mit den Problemen des
Strukturwandels zu kämpfen. Bedingt durch die Werftenkrise, den Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1993
und den demografischen Wandel ist die Einwohnerzahl
seit den 1990er Jahren stark zurückgegangen. Erst seit
2012 ist ein leichter Aufwärtstrend durch Zuzüge aus dem
Umland und durch Fernwanderungen zu verzeichnen.
Aktuell zählt die Stadt etwa 115.000 Einwohner.
Zwar hat die Stadt mit der Erweiterung des Containerhafens ihre Position als bedeutender Containerumschlagplatz gestärkt und auch in den Branchen Offshore-Windenergie und Tourismus sind neue Arbeitsplätze entstanden,
dennoch liegt die Arbeitslosenzahl in Bremerhaven nach wie

vor deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Anzahl der
Personen, die laufende Hilfe zum Lebensunterhalt benötigen, steigt seit Jahren kontinuierlich.
Das Goethequartier ist mit seiner charakteristischen
Blockrandbebauung das einzige, noch geschlossen erhaltene Gründerzeitviertel Bremerhavens. Mit rund 7.600 Einwohnern zählt es zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der
Stadt. Trotz seiner Lagequalitäten mit der Nähe zum Hafen,
zur Weser, zur Geeste und zum Zentrum gehört es zu den am
stärksten benachteiligten Quartieren. Die Konzentration von
Sozialhilfeempfängern ist eine der höchsten im Stadtgebiet.
Der Wohnungsleerstand ist hoch und die Mieten stagnieren
seit Jahren auf niedrigem Niveau. Aufgrund seiner städtebaulichen und sozialen Problemlagen steht das Goethequartier
seit langem im Fokus von Stadterneuerung und Stadtteilarbeit. In den 1990er Jahren war es Sanierungsgebiet, ab dem
Jahr 2000 dann im EU-Programm URBAN II und seit 2007 ist
es im Programm Stadtumbau West. Im Rahmen der verschiedenen Programme wurden viele Maßnahmen ergriffen und
Projekte umgesetzt: so zum Beispiel die Umnutzung der ehemaligen Theodor-Storm-Schule zu einem Zentrum für Familie,
Arbeit und Kultur (»Theo«) oder die Schaffung eines zentralen
öffentlichen Freiraums – dem Leher Pausenhof – durch den
Abriss der ehemaligen Deichschule.
Auch im derzeit größten Handlungsfeld, dem Umgang
mit verwahrlosten Immobilien, die das Image des Viertels
schädigen und Investitionen in der direkten Nachbarschaft
verhindern, ist die Stadt gemeinsam mit der Städtischen
Wohnungsgesellschaft Bremerhaven aktiv. Sie haben
»Moderatoren« zur Ansprache der Eigentümer eingesetzt
und sich mit dem Vorkaufsortsgesetz das Vorkaufsrecht für
16 verwahrloste Immobilien gesichert, um weitere Immobilienspekulationen zu unterbinden und nachhaltige Projekte
zu entwickeln. Über neue Wohnangebote und -formen
sollen Studierende, Kreative und junge Familien für das
Quartier gewonnen werden.
Es gibt also wichtige positive Entwicklungsimpulse im
Goethequartier und darüber hinaus ein hohes bürgerschaftliches Engagement, das sich u. a. in einer aktiven Stadtteilkonferenz, einer Eigentümerstandortgemeinschaft,
dem Bürgerverein Lehe und weiteren Bürgerinitiativen
manifestiert.

Porträt: Goethequartier in Bremerhaven

49

Abb. 28: Leher Pausenhof © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

Abb. 29: Bremerhavener Straße © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

PROJEKTIDEE / IMMOBILIE – PLÄNE UND
ZIELE

Mit möglichen Überschüssen aus der Immobilienbewirtschaftung sollen Kursangebote für Kinder und Jugendliche, Nachbarschaftsfeste u. ä. anteilig gefördert werden.
Unter den schwierigen Bedingungen des örtlichen Immobilienmarktes ein auf lange Sicht selbstständig wirtschaftlich tragfähiges Projekt zu entwickeln, bleibt allerdings
die große Herausforderung.

Am Leher Pausenhof sollen in zwei zum Verkauf stehenden
Immobilien mit etwa 1.000 m2 Nutzfläche ein Stadtteilhaus
aufgebaut und Räume für die Nachbarschaft geschaffen
werden – Räume für Begegnung, Stadtteilkultur, Beratungsund Unterstützungsangebote, aber auch für selbstorganisierte Nutzungen. Die Ideen für das Raumangebot reichen
vom Café über Werkstätten, Seminarräume bis hin zu einem
Hostel. Ziel ist es, mit dem Stadtteil- oder Kreativhaus einen
neuen Kristallisationspunkt für das Stadtteilleben zu schaffen. Es sollen neue Bewohnergruppen gewonnen und damit
die soziale Durchmischung gefördert werden. Die sozialen
Beratungs- und Serviceangebote sollen dazu beitragen, die
Teilhabechancen der heutigen Quartiersbevölkerung zu
verbessern.
Im Rahmen eines Workshops mit der Stiftung entwickelten die Projekteinreicher für ihre Idee eine weitergehende Perspektive: Vorgesehen ist nun, weitere Immobilien
verkaufsbereiter Eigentümer rund um den Leher Pausenhof
in ein räumliches Verbundprojekt einzubeziehen, um so die
verschiedenen Nutzungswünsche räumlich zu entzerren und
zusätzlich Raum für neue, innovative Wohnangebote wie
zum  Beispiel in Form eines Selbstausbau-Hauses zu schaffen.
Der ursprüngliche Flächenansatz des Projekts wurde von ca.
1.000 m2 auf 3.000-4.000 m2 erweitert.
Ehrenamtliche und hauptamtliche Kräfte und Ressourcen
sollen gebündelt werden, um mit diesem Projekt eine
»Keimzelle« zu schaffen, die auf Dauer positiv ins Quartier
ausstrahlt. Die finanzielle und organisatorisch-inhaltliche
Unterstützung der Stiftung und ihr Blick »von außen« sollen dazu beitragen, dem Projekt die nötige Impulswirkung
und Reichweite zu geben.

Abb. 30: Potenzielles Stadtteilhaus am Leher Pausenhof © Montag
Stiftung Urbane Räume gAG

50

Porträt: Goethequartier in Bremerhaven

»Voneinander lernen – füreinander da sein!«
– Der Bürgerverein Lehe
Im Bürgerverein Lehe engagieren sich viele Ehrenamtliche bereits seit einigen Jahren für den Stadtteil Lehe
und das Goethequartier. Durch verschiedene Aktivitäten
wie zum Beispiel Stadtteilfeste und Kinderspielangebote wollen sie dazu beitragen, die Lebensqualität und
den Wohnwert des Stadtteils zu erhöhen. Ein zentrales
Projekt ist der »Leher Pausenhof«. Unter dem Motto
»Voneinander lernen – füreinander da sein!«, arbeiten
seit 2011 viele Freiwillige auf dem neu entstandenen
Stadtteilplatz. Sie bieten dort eine Ferienprogramm
und jeden Tag in der Woche nachmittags Aktionen vor
allem für Kinder und Jugendliche.
Abb. 31: Kinder aus dem Quartier nehmen den Lehe-Song als Stadtteil-Song auf Foto: Navigo (Olaf Müller-Hanssen)

AKTEURE – MACHER, PARTNER UND
UNTERSTÜTZER
Die Ideenskizze wurde gemeinsam von einem breiten
Spektrum an Kooperationspartnern entwickelt, die bereits
auf eine langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit zurückblicken. Die Initiative für das Projekt kam von Seiten
des Stadtplanungsamtes, das sich schon lange im Stadtteil
engagiert und für eine soziale Stadtteilentwicklung einsetzt. Als starker und aktiver Partner steht ihr die Städtische Wohnbaugesellschaft (STÄWOG) zur Seite, die bereits
mit gutem Erfolg verschiedene Immobilien im Quartier
saniert hat, künftig weitere Wohnprojekte zum Beispiel
für studentisches Wohnen plant und auch bereit wäre,
die Trägerschaft für das Stadtteilhaus zu übernehmen.
Die Volkshochschule (VHS) würde die neuen Räumlichkeiten mitnutzen und sich so im Rahmen der Organisation
des Betriebes beteiligen. Auch das Kulturbüro stünde als
weiterer erfahrener Partner zur Verfügung. Der Bürgerverein Lehe, der bereits den Leher Pausenhof mit ehrenamtlich organisierten Angeboten für Kinder und Jugendliche
betreibt, möchte gerne Räumlichkeiten in der Nähe des
Pausenhofes schaffen und dafür nutzen, weitere Begegnungsmöglichkeiten und Kinderangebote anzubieten.

Die Vertreter der Stadtteilkonferenz engagieren
sich ebenfalls für das Projekt; mit der Quartiersmeisterei
Lehe ist zudem ein weiterer, im Quartier gut vernetzter
Akteur im Boot. Darüber hinaus soll eine systematische
Zusammenarbeit mit den Bremerhavener Wohnungsbaugesellschaften aufgebaut werden.
Zwar hat die Stiftung mittlerweile entschieden, sich
mit dem Programm Initialkapital nicht in Bremerhaven,
sondern in Halle zu engagieren, doch die Dynamik der
Auslobung und des gemeinsamen Ideenworkshops im
Goethequartier wirken bis heute nach. Die Kommune
plant, einen städtebaulichen Rahmenplan für den
Stadtteil Lehe zu erarbeiten und ist mit ersten privaten
Investoren im Gespräch, um die Initialkapital-Ansätze
weiter zu verfolgen. Mit der Auszeichnung des Lehe-Treffs,
einer Freizeitstätte für Kinder, Jugendliche und junge
Erwachsene vor Ort, als eines der nationalen Infrastrukturprojekte des Zukunftsinvestitionsprogramms »Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport,
Jugend und Kultur« konnte sie außerdem die weitere Entwicklung dieses wichtigen Bausteins im Quartier sichern.
Autoren: Klaus Habermann-Nieße und Kirsten Klehn, plan zwei

51

Porträt: Freiimfelde in Halle
STECKBRIEF
Stadt:

Halle

Einwohner

231.000

Quartier

Freiimfelde

Einwohner

2.700

Quartierstyp

Gründerzeit

Lage

Innere Stadt, durch Bahnhof und Gleisanlagen von der Innenstadt getrennt

Projektidee

Umnutzung von Leerstand für künstlerisch und sozial orientierte Quartiersentwicklung mit Bewohnern

Partner

Freiraumgalerie e. V., Freiimfelde e. V.,
Bürgertreff, Comeniusschule, Christus
Gemeinde, Kulturkollektiv e. V.,
Quartiersmanagement

PROJEKTIDEE
(Frei-)Räume für Stadtteilleben, Kunst und Kultur ermöglichen, funktionale Defizite beheben, bezahlbaren
Wohnraum schaffen – die mit einem Kunstprojekt erzeugte Aufbruchstimmung in dem sozial benachteiligten und
stadträumlich abgehängten Quartier Freiimfelde soll genutzt werden, um die beginnende positive Quartiersentwicklung zu stabilisieren. Nun soll es darum gehen, den
Stadtteil gemeinsam mit den Bewohnern zu entwickeln,
ohne Gentrifizierungsprozesse anzustoßen. Die gemeinschaftliche Nutzung leerstehender Immobilien im Verbund mit einer zentralen Freifläche soll zum Herzstück
einer Stadtteilentwicklung »von unten« werden.

KONTEXT – STADT UND STADTTEIL
Im Fokus der Projektidee steht das am östlichen Innenstadtrand der Stadt Halle gelegene Gründerzeitquartier Freiimfelde. Nachdem die Stadt Halle seit
den 1990er Jahren etwa 80.000 Einwohner – fast ein
Drittel ihrer Bevölkerung - verloren hatte, stabilisiert
sich die Einwohnerentwicklung jetzt wieder. Insbesondere die Innenstadt Halles verzeichnet inzwischen
Einwohnerzuwächse.

Freiimfelde war von dem Bevölkerungsverlust nach der
Wende besonders betroffen. Zeitweise standen dort
etwa 60 % der Gebäude leer. Seit 2012 befindet sich das
Quartier in einem Wandel – in Gang gesetzt durch das
Projekt »Freiraumgalerie«. Über drei Jahre veranstalteten die Projektinitiatoren jährlich ein Streetart-Festival.
Mit großflächigen Wandbildern inszenierten Künstler aus
aller Welt und Bewohner aus dem Stadtteil den Leerstand als Leinwand. Sie lenkten die Aufmerksamkeit
auf dieses jenseits der Bahngleise gelegene, ehemalige
Arbeiterviertel.
Inzwischen leben in Freiimfelde etwa 2.700 Menschen.
Mit einzelnen bereits sanierten Immobilien, Kunstateliers
und ersten Kreativ-Start-ups ist eine Aufbruchsstimmung
spürbar. Eine Brachfläche mitten im Stadtteil wurde inzwischen vom Schutt geräumt, in Hochbeeten wird gegärtnert, es finden Freizeit- und Kunstprojekte für Kinder
und Musikveranstaltungen statt. Freiimfelde entwickelt
sich zum Experimentierfeld für alternative Lebens- und
Wohnformen mit einem hohen Maß an zivilgesellschaftlichem Engagement. Die Leerstandsquote ist deutlich
gesunken (auf etwa 30 %), aber sie ist immer noch hoch.
Auch die sozialen Probleme sind längst nicht gelöst. Freiimfelde ist noch immer das Viertel mit der höchsten Kinderarmut in Halle. Es fehlen Einkaufsmöglichkeiten und
Angebote sozialer Infrastruktur ebenso wie Grün- und
Erholungsflächen und Orte für das Stadtteilleben.
Die Herausforderung der weiteren Stadtteilentwicklung wird es sein, die infrastrukturellen und städtebaulichen Defizite abzubauen, die Basis für ein tolerantes und
wertschätzendes Miteinander zwischen alten und neuen
Stadtteilbewohnern bzw. zwischen den verschiedenenMilieus und Altersgruppen zu legen und eine gute Balance
zu finden zwischen der Aufwertung des Quartiers und
dem Erhalt der vorhandenen Nischen für Kreativität und
alternatives Leben. Die Stadt Halle setzt dabei auf den
mit der Freiraumgalerie begonnenen Bottom-up-Prozess
und hat die Projektakteure mit der partizipativen Erarbeitung eines Stadtteilentwicklungskonzeptes beauftragt.

52

Porträt: Freiimfelde in Halle

PROJEKTIDEE / IMMOBILIE – PLÄNE UND
ZIELE
Wesentliches Ziel des Projektes ist es, die positiven
Entwicklungsimpulse, die durch die kreative Szene im
Stadtteil gesetzt wurden, zu verstetigen. Dafür soll zum
einen das bestehende Raumangebot für Kreativ- und
Kulturwirtschaft gesichert und erweitert werden. Zum
anderen sollen neue Begegnungsräume, soziale Angebote
und Ladenlokale zum Beispiel für einen Bäcker oder ein
Café geschaffen werden, um die Lebensqualität und das
Miteinander im Stadtteil zu verbessern. Die von einer
Bewohnerinitiative bereits temporär angeeignete Brachfläche soll für stadtteilbezogene Freiraumnutzungen in
Form von Nachbarschaftsgärten, Kinderspielflächen u. Ä.
langfristig verfügbar gemacht werden.
Zur Umsetzung der Projektidee stehen unterschiedliche Immobilien und Flächen zur Verfügung. Im Zentrum
der eingereichten Projektidee steht der »BLOKK 16«. Die
ehemalige Gewerbeimmobilie wird bereits heute genutzt
– unter anderem sind hier 48 Wohnungen für Studierende
sowie Ateliers für Künstler und Kreative untergebracht.
Trotzdem steht das sehr große Gebäude immer noch fast
zur Hälfte leer und bietet viel Raum für die zahlreichen
Nutzungsideen, die bislang angedacht werden: Nachbarschaftscafé, Hostel, weitere Atelierflächen für Künstler
Freiraumgalerie e.V.: 1 Stadtviertel, 3 Jahre,
72 Wandbilder
Seit 2012 ist die Freiraumgalerie, ein Verein aus
Studierenden und jungen Kreativen, in Freiimfelde
künstlerisch, kulturell und stadtentwicklerisch aktiv.
Mit ihren All-You-Can-Paint-Festivals wagte die Freiraumgalerie das Experiment, die Probleme vor Ort
als Potenziale wahrzunehmen und den Leerstand
kreativ zu nutzen. Durch großflächige Wandgestaltungen wurde Freiimfelde zur einzigartigen Kulisse,
seine Gebäude zur städtischen Leinwand. Neben
lokalen und internationalen Künstlern wurden auch
die Bewohner des Viertels, insbesondere Kinder
und Jugendliche, in den gestalterischen Prozess
einbezogen.
Abb. 32: Straßenzug mit Wandbildern © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

sowie Tagungs- und Seminarräume. Eine kulturpädagogische Einrichtung, die einen Anlaufpunkt vor allem für
Kinder und Jugendliche bietet, befindet sich bereits im
Aufbau. Die Projektinitiatoren arbeiten schon heute gut
und erfolgreich mit dem vor Ort lebenden Eigentümer der
Immobilie zusammen.
Weitere potenzielle Projektimmobilien sind ein leerstehendes Wohngebäude (Landsberger Straße 56) und
das Produktionsgebäude einer ehemaligen Seifenfabrik
(Landsberger Straße 2). Sämtliche Gebäude befinden
sich im Besitz kooperations- bzw. verkaufsbereiter privater Eigentümer.
Die in Nachbarschaft zum BLOKK 16 gelegene Brachfläche, die für stadtteilbezogene Freiraumnutzungen
hergerichtet werden soll, gehört zu den zentralen Projektbausteinen. Eine Bewohnerinitiative trifft sich regelmäßig, um Aktivitäten auf der Fläche zu organisieren
und die Zukunft des »Gemeinschaftsparks« zu planen.
Allerdings ist diese Fläche ebenfalls in Privatbesitz. Die
Verhandlungen mit dem Verwalter über die Konditionen
einer Nutzung gestalten sich zurzeit noch schwierig.
Im Zusammenspiel aus Freiflächen- und Immobilienentwicklung sollen vorhandene Potenziale aufgegriffen
und selbsttragende Strukturen geschaffen werden, die
eine Plattform für die weitere Bottom-up-Entwicklung
des Stadtteils bieten. Ein Ziel der stadtteilbezogenen

Porträt: Freiimfelde in Halle

53

Abb. 33: Kaffeerösterei Foto: Danilo Halle

Immobilienbewirtschaftung wäre es, über Einnahmen aus
der Raumvermietung nachbarschaftliche Projekte und
Bürgerbeteiligung zu unterstützen. Darüber hinaus sollen
Wohn- und Arbeitsräume zu günstigen Mieten gesichert
werden. Auch wenn die Freiraumgalerie als zivilgesellschaftlicher Partner bereit ist, in einer Projektgesellschaft
Verantwortung zu übernehmen, wäre eine Projektentwicklung ohne die organisatorische Unterstützung und
die investiven Ressourcen der Stiftung nicht denkbar –
insbesondere weil zur Unterstützung der Stadtteilentwicklung bislang keine öffentliche Förderung in Aussicht ist.

Initiative vor allem fachliche Beratung und Unterstützung an, sieht allerdings wenig Spielräume für eine
investive Förderung des Projektes.
Autoren: Klaus Habermann-Nieße und Kirsten Klehn, plan zwei

AKTEURE – MACHER, PARTNER UND
UNTERSTÜTZER
Die Ideenskizze für das Projekt in Freiimfelde wurde vom
Verein Freiraumgalerie in Zusammenarbeit mit anderen
Aktiven im Stadtteil entwickelt. Die Akteure der Freiraumgalerie sehen ihre Rolle in der Projektkoordination und
Moderation während der Planungs- und Entwicklungsphase
und sind bereit, als Projektträger Verantwortung in der
anschließenden Nutzungsphase zu übernehmen. Die im
Stadtteil Aktiven sind gut vernetzt und kooperationsbereit. Einzelne wollen sich aktiv in das Projekt einbringen,
wie die Bewohnerinitiative Freiimfelde e. V., die sich für
die zentrale Brachfläche engagiert. Andere Akteure wie
die lokale Kirchengemeinde oder der Quartiersmanager
sind eher ideelle Unterstützer, weil sie die mit dem Projekt
verfolgten Ziele der Stadtteilentwicklung teilen. Auch
die Stadt Halle unterstützt die Projektidee. Sie bietet der

Abb. 34: Brache © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

54

Nicht ausgewählt –
wie geht es weiter?
»Bei einem Ideenwettbewerb gehören zu 64 Einreichungen eben auch
63 Absagen. Mit denen muss man wertschätzend umgehen.«
– Team Initialkapital
Bei einem neuartigen Ideenaufruf liegt es in der Natur
der Sache, dass sich die Aufmerksamkeit, die er erzeugt,
zunächst auf die Ausloberin richtet. Sie präsentiert sich,
ihr Anliegen, ihre Ideen. Sie bringt sich ins Gespräch und
investiert dafür nicht gerade wenige Ressourcen. Im Verlauf des anschließenden Auswahlverfahrens rücken dann
die Bewerber mit ihren Projektvorschlägen in den Vordergrund – zunächst die Shortlist mit den zehn Einreichungen
aus der engeren Wahl, schließlich der Gewinner, der oft
als Sieger wahrgenommen wird, obwohl gar kein Wettkampf, sondern ein Auswahlverfahren stattgefunden hat.
Mit dem Ideenaufruf »Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung« wollten wir einen neuen
Standort und neue Partner aus Stadtverwaltung, örtlichen
Wohnungsgesellschaften, großen und kleinen Unternehmen, Vereinen, organisierten Nachbarschaften und
Quartiersbewohnern für das zweite Projekt im Programm
Initialkapital finden. 64 Projektvorschläge wurden eingereicht – auf den ersten Blick eine beeindruckend hohe
Zahl, denn statistisch betrachtet heißt das: In rund jeder
dritten Stadt mit über 50.000 Einwohnern – an Städte
dieser Mindestgröße war der Aufruf gerichtet – gibt es
Akteure, die sich kooperativ in einem und für einen Stadtteil engagieren wollen und dabei die Unterstützung der
Stiftung wünschen. Sie bedeutet auch: 64 engagierte
Bewerberteams haben sich mit großem Engagement und
Herzblut an dem Aufruf beteiligt. Sie haben ihre Ideen
formuliert und mit anderen geteilt. Sie sind Risiken eingegangen, weil ihre Ideen plötzlich offen und streitbar
im Raum standen. Nicht selten haben sie große Erwartungen an einen möglichen Gewinn geknüpft. Tatsächlich hat uns die Qualität der Einreichungen genauso
begeistert wie die Fülle. Jedes einzelne der eingereichten
Projekte wäre es wert gewesen, weiter verfolgt zu werden.
Und hinter jedem einzelnen Projekt stehen Menschen,
denen gegenüber wir als Ausloberin verantwortlich sind.
Neben dem klaren Benennen der Auswahlkriterien, einer
wertschätzenden Kommunikation während des gesamten

Verfahrens und vielen persönlichen Telefonaten anstelle
postalisch zugestellter, standardisierter Absagen heißt
das vor allem, einen Ideenaufruf so zu gestalten, dass
die Einreicher auch dann vom Aufruf profitieren können,
wenn sie nicht zu den ausgewählten Gewinnern zählen.
Was bewirkte unser Ideenaufruf bei den Projekten,
die nicht ausgewählt wurden? Wie nutzten sie die zusätzliche Aufmerksamkeit, die der Aufruf mit sich brachte?
Und wie haben sich die Ideen in der Zwischenzeit entwickelt? Dazu haben wir stichprobenartig mit Einreichern aus Berlin, Görlitz und Oberhausen gesprochen.
Quartiersentwicklung verstehen wir in der Stiftung
als Gemeinschaftsaufgabe, bei der sich Partner aus Zivilgesellschaft, Öffentlicher Hand und Wirtschaft im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten einbringen und auf
Augenhöhe begegnen. Mit unserem Ideenaufruf wollten
wir zu genau solchen Partnerschaften ermutigen.
Für die Kommunikation bedeutete das, den Aufruf
gleichzeitig über unterschiedliche Kanäle zu verbreiten und
so Informationsungleichgewichte zu vermeiden. Sämtliche 184 Oberbürgermeister in den Städten mit mehr als
50.000 Einwohnern erhielten die Auslobungsunterlagen
per Post. Darüber hinaus verbreiteten rund 1.400 Multiplikatoren aus unterschiedlichsten Institutionen den Aufruf
in ihren jeweiligen Netzwerken. Über 200 Initiativen, mit
denen wir in unserem Programm Neue Nachbarschaft
in Kontakt stehen, informierten wir direkt. Dies hat gut
funktioniert und in einigen Fällen öffneten sich tatsächlich neue Türen.
Zum Beispiel für das Berliner Bürgerprojekt »Guten
Morgen, Du Schöne«, für das der Künstler Maurice de
Martin und die Regisseurin Janina Janke den Grundstein
legten: Die Initiative wollte eine 2.000 m2 große alte
Kaufhalle im Bezirk Marzahn-Hellersdorf wiederbeleben
und zum Stadtteiltreff mit Nahversorgungsangeboten
umbauen. Zu den vielen Unterstützern zählte auch die
Bezirksstadträtin für Jugend und Familie, Weiterbildung
und Kultur, Juliane Witt. »Durch die Ausschreibung bzw.

Nicht ausgewählt – wie geht es weiter?

das gemeinsame Thema sind wir uns dann nahe gerückt.
Der Austausch auf Augenhöhe hat hier wirklich von Beginn
an funktioniert. Hilfreich war, dass sie die notwendigen
Telefonate geführt und viel vorbereitet hat. Sie war vor
allem deshalb sehr hilfreich, weil sie als alteingesessene Marzahnerin eine andere Legitimation hatte als
ich als Künstler von Außen«, beschreibt de Martin die
Zusammenarbeit.

»Marzahn und ich verstehen uns
gut.« – Maurice de Martin, Berlin
Bedauerlicherweise konnte die Initiative keinen Zugriff
auf die alte Kaufhalle erreichen. Der Eigentümer lässt
sich bislang nicht auf einen Verkauf des Gebäudes
ein. »Trotzdem hat das Bürgerprojekt etwas bewegt«,
ist sich de Martin sicher, »zwischen den Hellersdorfern
und den Marzahnern herrscht eine nicht immer harmonische Grundstimmung von gegenseitiger Konkurrenz. Über das Projekt sind die sich jetzt viel näher
zusammengekommen.«

»Nachdem wir uns für eine Bewerbung entschieden haben, hat sich
unglaubliches Potenzial gezeigt.«
– Hartmut Kowsky-Kawelke,
Oberhausen
Auch in Oberhausen-Sterkrade fand die dortige Initiative Literaturhaus Oberhausen über den Projektaufruf
neue Mitstreiter. Hinter der Initiative stehen Hartmut
Kowsky-Kawelke und rund ein Dutzend Bürger. Gemeinsam wollen sie rund 6.000 Büchern ein neues Zuhause
geben. Zum Beispiel in einem alten Schachtgebäude auf
dem Gelände der Zeche Sterkrade: Platz genug für eine
Bibliothek mit Gastronomie, Veranstaltungsräume, einen
Biergarten usw. Gleichzeitig erhofft sich die Initiative,
mit dem Projekt zur Wiederbelebung des 1991 stillgelegten Zechengeländes beitragen zu können. Mit ihrer
Idee steht sie seit Anfang 2015 in Kontakt zur Stiftung

55

Industriedenkmalpflege, der Eigentümerin des Gebäudes. In den Projektaufruf »Initialkapital« setzen KowskyKawelke und seine Mitstreiter große Hoffnungen. »Mit
dem Gewinn hätte man natürlich ganz anders weitermachen können«, erzählt er heute. »Die Absage hat uns
aber nicht zurückgeworfen, sondern auf vielen Ebenen
befördert. Weil unsere Initiative sehr jung ist, hatten wir
zunächst Zweifel.« Nachdem aber die anfänglichen Unsicherheiten überwunden waren, formulierte die Initiative ihre Projektidee weiter aus, um sie im nächsten Schritt
mit potenziellen Partnern zu diskutieren – erfolgreich, wie
sich schnell zeigte: »Mehrere Unternehmer und Politiker
waren sofort dabei, zum Beispiel die STIG (Sterkrader
Interessensgemeinschaft). Das wurde angestoßen durch
den Aufruf.« Heute arbeiten Kowsky-Kawelke und seine
Mitstreiter mit neuem Selbstbewusstsein an der Gründung einer Genossenschaft, um das nötige Geld für ihre
Idee einzusammeln. Die ersten Mitglieder haben sie schon
gewonnen.

»Ich fand es super, dass wir so
zusammen gezwungen waren,
diese ganzen Ideen, oder die
Vision hinter dem Gelände, mal
aufs Papier zu bringen. Das hätte
früher oder später sowieso passieren müssen, aber sowas verschiebt
man halt gerne, wenn man nicht
dazu >motiviert‹ wird.«
– Margarete Kozaczka, Görlitz
Mit ihrem Verein Second Attempt e. V. sind Margarete
Kozaczka, Christian Thomas und Enrico Merker in der
Görlitzer Innenstadt-West aktiv. Ausgehend von der so
genannten »Energiefabrik« engagieren sie sich für die
Einrichtung eines Zentrums für Jugend- und Soziokultur.
Gemeinsam mit der Stadt Görlitz entwickelten sie ein
Konzept, um das benachteiligte Quartier mit neuen Impulsen zu beleben. Auch sie erfuhren über verschiedene

56

Kanäle von der Auslobung: »Ich glaub’, das kam in einem
Verteiler rum, per E-Mail. Und dann kam noch mal eine
Anfrage direkt aus der Stadtverwaltung heraus, vom
Stadtplanungsamt. Und die haben gefragt, ob wir nicht
gemeinsam ein Konzept entwickeln möchten.« Für die
Einreicher war dieses Signal aus der Stadtverwaltung ein
wichtiger Anlass, die vielen bestehenden Ideen zu sortieren und für Dritte nachvollziehbar auszuformulieren.
»Wir waren so eine Art >Blackbox‹ für die Stadtverwaltung. Und wir sind immer sehr schnell, was das angeht,
Ideen zu finden und loszustarten, wenn wir quasi das
Konzept entwickelt haben dafür. Und wir vergessen da ab
und an mal, die Stadtverwaltung mit einzubeziehen.« Die
selbstkritische Einschätzung zeigt, wie unterschiedlich
die Kulturen und Arbeitsweisen der jeweiligen Akteure
vor Ort sind. Wo sich daraus andernorts häufig verhärtete
Fronten bilden, die eine partnerschaftliche, gemeinwohlorientierte Stadtteilentwicklung behindern, bot der Ideenaufruf »Initialkapital« hier einen willkommenen Anlass,
sich über diese kulturellen Unterschiede hinweg anzunähern. Wegen ähnlicher Interessen für den Stadtteil fanden sie schnell zueinander. »Das war schon ein positiver
Schubs und für uns Verwaltungsmitarbeiter war das sehr
erfrischend, mal wieder mit Leuten zusammenzukommen,
die anders denken. Zu spüren, was da für ein Potenzial
dahinter steckt. Und wir hatten die Hoffnung mit dem
Programm Initialkapital, dass dadurch dem Prozess noch
ein Impuls gegeben werden kann«, erinnert sich Wieland

Nicht ausgewählt – wie geht es weiter?

Menzel aus der Görlitzer Verwaltung. Für ihn steht fest,
dass der Kontakt früher oder später auch von alleine entstanden wäre. »Aber dieses Sich-vertraut-Machen mit
dem Konzept, wirklich einmal mit Leuten zusammenzusitzen, um wirklich darüber nachzudenken, wie kann man
etwas miteinander verbinden, das war eigentlich neu«,
fährt er fort. Und so verfolgen die Görlitzer ihre Idee trotz
der Absage der Stiftung weiter. Der Second Attempt e. V.
arbeitet mittlerweile eng mit der Stadtverwaltung zusammen, um seine Vorstellungen mit einer entsprechenden
Baugenehmigung absichern zu lassen.

EIN DANK ZUM SCHLUSS
Sicherlich sind diese drei Beispiele willkürlich gewählt
und nicht generell übertragbar. Dennoch lassen sie erahnen, welche teilweise sehr unterschiedlichen Impulse
durch den Ideenaufruf »Initialkapital« gesetzt wurden,
auch dort, wo sich die Stiftung nicht engagieren wird.
Erzählen lassen sich solche Geschichten aber nur, weil
hinter jeder der 64 Einreichungen Menschen stehen, die
sich mit viel Wissen, Engagement und Zeit für ihre Stadtteile einsetzen. Ihnen gebührt unsere Anerkennung und
unser Dank!

Autor: Marcus Paul, Team Initialkapital der Montag Stiftung Urbane Räume

Nicht ausgewählt – wie geht es weiter?

Abb. 35: Plakate zum Suchprozess im Workshop © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

57

A
C Initialkapital I –

Zwischenbilanz
und Ausblick

60

Pilotprojekt: Urbane
Nachbarschaft Samtweberei
in Krefeld

Abb. 36: Lage der Samtweberei in der Krefelder Südweststadt Grafik: HauptwegNebenwege (Kartengrundlage Stadt Krefeld, der Oberbürgermeister, Vermessungs- und Katasterwesen, 2014) © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

In der Krefelder Südweststadt läuft seit Ende 2013 das
Pilotprojekt im Programm Initialkapital. Vorausgegangen war eine Bewohnerbefragung (»Wie lebt es sich in
der Südweststadt?«), um die Herausforderungen im
Stadtteil sowie die Wünsche und Interessen der dort
lebenden Menschen zu ermitteln. Einerseits sind Armut,
Bildungsdefizite, Leerstände und schwierige Lebensverhältnisse Kennzeichen dieses Stadtviertels, in dem rund
6.800 Menschen leben; andererseits sind eine Vielzahl
an Initiativen, Vereine und Institutionen mit zahlreichen
Projekten für ein lebendiges Stadtteilleben aktiv. Es ist
ein Viertel »auf der Kippe« und mit dem brachgefallenen
Standort einer ehemaligen Textilfabrik, der Samtweberei
an der Lewerentzstraße, passt die Krefelder Südweststadt genau in das Profil des Programms Initialkapital.
Dazu kam das besondere Engagement der Kommune,
hier ein neues und innovatives Stadterneuerungsprojekt
starten zu wollen, sodass die Stiftung sich schließlich
zur Durchführung ihres Pilotprojekts im so genannten
Samtweberviertel entschied. Die Stadt und die Stiftung erarbeiteten gemeinsam und mit Unterstützung

der Krefelder Wohnstätte ein Handlungsprogramm und
definierten Ziele, die ebenso soziokulturelle Aspekte wie
konkrete bauliche Maßnahmen umfassen.
Zunächst war die Entwicklung einer klar gegliederten
Programmstruktur wichtig, um erste Projekte und Aktivitäten anzuschieben. Hierfür wurden drei gleichwertige
Säulen als Grundstruktur definiert:
—— Die Verbesserung des Zusammenlebens im
Samtweberviertel und des Erscheinungsbildes des
Viertels durch eine Stärkung des Gemeinwesens;
—— die Etablierung einer nutzungsgemischten
Nachbarschaft Samtweberei, um soziale Effekte
für den Stadtteil zu generieren – durch Projekte
im Viertel und Aktivitäten in der Samtweberei;
—— die Erzielung von dauerhaften Erträgen aus der
Immobilienbewirtschaftung, um Projekte und
Aktivitäten im Viertel zu unterstützen.

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

Diese Dreiteilung im Projektaufbau ist inzwischen überholt. Es hat sich in der täglichen Arbeit gezeigt, dass das
Verschneiden der drei Programmsäulen wesentlich zielführender ist. Dennoch war es wichtig, am Anfang einen
»großen Plan« für die Ausgestaltung des Programms und
die Entwicklung der Immobilie zu formulieren – auch für
die eigene Orientierung im Projektteam. Inzwischen ist
daraus vor allem eine Planung und Umsetzung in kleinen
Schritten geworden, die genügend Möglichkeiten zur Anpassung lassen und das Nachjustieren in einzelnen Projektbausteinen ermöglichen.
Nachdem im Frühjahr 2014 die gemeinnützige Projektgesellschaft Urbane Nachbarschaft Samtweberei
gGmbH (UNS) gegründet war, erfolgte die Übertragung des rund 6.700 m2 großen Grundstücks mit den
Bauten im Erbbaurecht an die UNS. Die ehemalige
Samtweberei ist mit rund 4.500 m2 Nutzfläche einer
der größten Gebäudekomplexe in der Krefelder Südweststadt. Die Bauten werden mit einem gemischten

61

Nutzungskonzept in mehreren Abschnitten entwickelt.
Der erste Baustein war die Inbetriebnahme des Pionierhauses im Herbst 2014, mit dem gleichzeitig die Samtweberei wieder eröffnet wurde. Hier arbeiten seither
rund 60 Menschen in unterschiedlichen Büros, Ateliers
und Werkstätten. Die Obergeschosse des angrenzenden
Torhauses wurden 2015 zu Büroflächen ausgebaut und
inzwischen sind hier rund 30 Arbeitsplätze entstanden.
Im Erdgeschoss des Torhauses soll zukünftig das Nachbarschaftswohnzimmer entstehen. Seit Ende 2015 im Bau
sind 37 Mietwohnungen unterschiedlicher Größe, die im
denkmalgeschützten Teil der Samtweberei entstehen. Die
Fertigstellung dieses Bereichs ist für Anfang 2017 vorgesehen. Der vierte und letzte Baustein der Realisierung
ist die Shedhalle im Inneren des Lewerentzblocks. Hier
wird ab 2016 neben den notwendigen Stellplätzen für die
Bewohner und Nutzer der Samtweberei ein großzügiger
Freiraum für die Gemeinschaft entstehen.

SHEDHALLE
Freiraum für die Gemeinschaft

DENKMAL

·	Ehemalige Fabrikhallen im
	Blockinneren
·	Nutzfläche: ca. 3.500 m2
·	Neue Nutzungen: gemeinschaftlicher
	 Freiraum für die Samtweberei und das
	 Viertel; Stellplätze und Nebenanlagen
für Bewohner und Nutzer der Samt-	
	weberei
·	Geplante Fertigstellung: 2017

·	 Historischer Kern des Ensembles
	 (Ende des 19. Jahrhunderts), denkmal	geschützt
·	 Nutzfläche: ca. 2.900 m2
·	 Neue Nutzungen: 37 Mietwohnungen 	
	 (tlw. öffentlich gefördert), im Erdgeschoss 	
	 teilweise Gewerbe
·	 Geplante Fertigstellung: 2017

GA
RN
ST
RA
SS
E

Gemeinschaftliches Wohnen

PIONIERHAUS

TORHAUS
Begegnen und Arbeiten

LE
WE
R

EN
TZ

ST
RA
SS

E

Abb. 37: Gebäudekomplex © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

TA
NN

·	 Ehemaliges Verwaltungsgebäude
	 (1960er Jahre)
·	 Nutzfläche: ca. 1.000 m2
·	 Neue Nutzungen: Büros, Ateliers
und Werkstätten
·	 Inbetriebnahme: 2014 (Auftakt des 	
	Gesamtvorhabens)

EN
ST
RA
SS
E

Neues Arbeiten

·	 Ehemaliger Gewerbebau mit Zugang
zum Innenhof (1950er Jahre)
·	 Nutzfläche: ca. 750 m2
·	 Neue Nutzungen: Nachbarschaftswohn-	
	 zimmer (ca. 120 m2) und Freibereich
	 (Erdgeschoss); Büros (ca. 620 m2)
·	 Fertigstellung: 2015 (Büros)
	 bzw. 2017 (Nachbarschaftswohnzimmer)

62

Das Investitionsvolumen für die bauliche Entwicklung
beträgt insgesamt rund 7,5 Mio. €. Darüber hinaus stellt
die Montag Stiftung Urbane Räume der UNS über fünf
Jahre jährlich 200.000 € für das Projektmanagement
vor Ort zur Verfügung. Ein ganz bedeutender Faktor bei
der Gesamtfinanzierung ist eine Vereinbarung mit der
Stadt Krefeld: Solange das Projekt gemeinnützig tätig ist,
wird die Erbbaupacht ausgesetzt und das Areal somit
kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Verknüpfung von
Immobilienentwicklung bzw. -bewirtschaftung mit der
gemeinwesenbezogenen Arbeit ist ein Grundprinzip des
Programms Initialkapital: Mit der Immobilie sollen nach
Fertigstellung der Baumaßnahme jährlich rund 60.000 €
Überschüsse aus der Vermietung der Büros, Ateliers
und Wohnungen für das Gemeinwesen im Viertel erzielt
werden. Zudem werden in der Samtweberei Räume für
nachbarschaftliche Aktivitäten geschaffen und die Nutzer
und Bewohner der Samtweberei erbringen jährlich rund
2.500 gemeinnützige »Viertel-Stunden« für die Krefelder
Südweststadt.

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

»VIERTEL-STUNDEN« – SCHON FAST
1.200 STUNDEN FÜR DAS VIERTEL
Das Prinzip der »Viertel-Stunden« ist einfach: Je nach
Größe der angemieteten Räumlichkeiten verpflichten sich
die Mieter zur Erbringung von Stunden für das Viertel. Die
Erstbezieher der Immobilie, die Pioniere, zahlen für ihre
selbst ausgebauten Räume nur eine geringe Miete und
leisten je angemieteten Quadratmeter eine Stunde pro
Jahr gemeinnützige Arbeit im und für das Viertel. Bei den
Mietern im Torhaus ist der Satz bei 0,5 Stunde je Quadratmeter pro Jahr festgesetzt, da hier die Mieten höher liegen. Für die künftigen Mieter der Wohnungen wird der
Schlüssel der zu erbringenden Viertel-Stunden und die
Organisation noch einmal anders sein; dazu soll ein eigener Verein gegründet werden. So reicht die Verknüpfung
von Immobilienentwicklung und Gemeinwesenarbeit für
das Stadtviertel bis in die Mietverträge hinein. Nach gut
eineinhalb Jahren Betrieb in der Samtweberei ist aus den

Abb. 38: Baumbeete bepflanzen Foto: Siti Jubaedah-Gräfe © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

63

Abb. 39: Printmaterialien Foto: Marcel Rotzinger © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Viertel-Stunden schon eine Vielzahl an Projekten entstanden, die von einer Stadtteilzeitung über Bastelkurse bis
hin zu Beratungsleistungen reichen. Es wurden Projekte
entwickelt, die Menschen und das Leben im Viertel
vorstellen, zur interkulturellen Begegnung beitragen, die
Teilhabe an der Gemeinschaft ermöglichen oder Wissen
über die kulturellen Hintergründe der hier lebenden
Menschen vermitteln.
Da im Pionierhaus überwiegend Menschen in kreativen Berufen ansässig sind, kommt dem Viertel von hier
aus vor allem Medienkompetenz in Film, Text und Gestaltung zugute. Es entstanden bereits Plakate, Logos
und mehrere Kurzfilme zum lebendigen Miteinander im
Viertel. Einige Mieter haben aber auch mit ganz anderen
Ideen und Fähigkeiten zum Stadtteilleben beigetragen:
Im »Café International Kreativ« treffen sich Menschen
unterschiedlicher Kulturen; in einer Handarbeitsgruppe
mit einer Künstlerin wird gestrickt und gebastelt; Landschaftsarchitekten unterstützen Bewohnerinitiativen bei

der Straßenbeetgestaltung. Bis Ende 2015 sind so schon
fast 1.200 Stunden für das Viertel zusammengekommen
– Stunden, die zu einem lebendigen Gemeinwesen im
Samtweberviertel beitragen.

Abb. 40: »Der Samtweber« ‒ die Zeitung aus dem Stadtviertel
Foto: Janine Lück © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

64

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

Abb. 41-42: Großer Viertelsratschlag Fotos: Marcel Rotzinger © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

DAS VIERTEL BERÄT UND
ENTSCHEIDET MIT
Wenn es um Aktivitäten, Projekte und Themen für die
weitere Ausgestaltung eines vielfältigen Gemeinwesens
geht, ist immer auch das Votum der Menschen im Stadtteil gefragt. Einmal im Jahr startet die UNS einen offenen
Projektaufruf für kleinere, gemeinnützige Projekte, der
an alle Menschen im Stadtteil gerichtet ist. Für die Umsetzung der Ideen stellt sie jährlich einen Projektfonds
in Höhe von 5.000 € zur Verfügung. Die Ideen werden in
regelmäßig stattfindenden Projektstammtischen beraten und diskutiert. Alle Projektideen, egal ob sie von
den Nutzern der Samtweberei im Rahmen der ViertelStunden entwickelt wurden oder von Einrichtungen oder
Bewohnern aus dem Stadtteil an die UNS herangetragen
werden, müssen vor ihrer Umsetzung vom Viertelsrat
bestätigt werden. Eine Grundbedingung für die mögliche Umsetzung der eingebrachten Projektideen ist es,
dass sie die Bedürfnisse der Menschen im Viertel ansprechen und zum Gemeinwesen beitragen. Entstanden ist
der Viertelsrat aus der »Spielregelgruppe«, die zu Beginn
des Pilotprojektes gegründet wurde, um Regeln für die
Vergabe von Mitteln aus dem Projektfonds zu definieren. Inzwischen haben sich elf Personen im Viertelsrat
zusammengefunden, die nicht nur über den Projektfonds
entscheiden, sondern auch den Einsatz der Viertel-Stunden im Blick haben und selbst mögliche Projektthemen
einbringen. Zukünftig wird es auch darum gehen, über

die Verwendung der erwirtschafteten Überschüsse der
Samtweberei zu entscheiden. Im Viertelsrat engagieren
sich Menschen, die Interesse an einer lebendigen und
vielfältigen Nachbarschaft im Samtweberviertel haben;
eine genaue Mitgliederzahl ist nicht festgesetzt.
Neben dem inzwischen fest etablierten Viertelsrat,
der sich regelmäßig trifft, findet einmal im Jahr auch der
»Große Viertelsratschlag« statt. Im Februar 2015 kamen
rund 70 Menschen aus dem Stadtteil zusammen, um gemeinsam möglichst konkret über die Frage zu beraten,
welchen Beitrag die UNS mit den jährlich zu erzielenden
Überschüssen künftig für das Gemeinwesen im Stadtteil leisten soll. Die UNS hatte für die Diskussion drei
Arbeitsgruppen vorbereitet: »Unterstützung und gegenseitige Hilfe«, »Nachbarschaft und Zusammenleben«
sowie »Politik und Teilhabe«. Wesentliche Empfehlungen für die Arbeit der UNS zielten auf die Handlungsfelder »Sprache und Sprachförderung» sowie »Angebote
für Jugendliche«. Aber der Viertelsratschlag gab auch
wichtige strukturelle Hinweise, die sich auf die Ansprache der Bewohner beziehen: »Weniger Projekte, mehr
Alltagswirklichkeit« war einer dieser Hinweise. Auch die
Idee, eine Art »Bürgertreff« als politische Interessensvertretung des Stadtteils zu initiieren, wurde vorgebracht.
Neben der Beratung von möglichen Maßnahmen und Aktivitäten dient der Viertelsratschlag dazu, Menschen aus
dem Viertel miteinander ins Gespräch zu bringen und den
nachbarschaftlichen Austausch in einem »offenen Raum«
zu ermöglichen.

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

65

EIN NACHBARSCHAFTSWOHNZIMMER
FÜR DAS VIERTEL: DIE ECKE
Im Nutzungskonzept der Samtweberei wurde im Zuge der
Fortentwicklung des Handlungsprogramms auch ein dauerhafter Ort zur Begegnung für die Nachbarschaft und das
Stadtviertel vorgesehen. Nachdem die Entwicklung eines
solchen Nachbarschaftswohnzimmers in der Samtweberei
erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen wird, ist mit
einem leerstehenden Ladenlokal an der Ecke Südstraße /
Tannenstraße kurzfristig eine gute Alternative gefunden
worden. Die Bürgerinitiative »Rund um St. Josef« und die
UNS haben diesen Raum gemeinsam angemietet und im
Dezember 2015 wurde dort das Nachbarschaftswohnzimmer »ECKE« eröffnet. Innerhalb kurzer Zeit ist die ECKE
ein neuer Treffpunkt im Viertel und ein Ort für Aktivitäten
unterschiedlicher Gruppen und Initiativen geworden. SchulAGs, Projektstammtische und gesellschaftliche Organisationen nutzen die ECKE als Begegnungs- und Veranstaltungsraum. Tagsüber finden Sprachkurse, Sozialberatungen,
Kurse der Kinder- und Jugendarbeit etc. statt, abends
wird der Raum meist von ehrenamtlichen Initiativen
genutzt. Für den Stadtteil ist die »ECKE« zu einer runden
Sache geworden, aber ob das Nachbarschaftswohnzimmer auf Dauer an diesem Standort verbleibt oder doch
irgendwann in die Samtweberei umzieht, ist noch ungewiss. Beide Standorte werden vermutlich nur betrieben
werden können, wenn dafür dauerhaft Fördergelder zur
Verfügung gestellt werden können.

Abb. 43: Die ECKE Foto: Nicolas Beucker © Urbane Nachbarschaft
Samtweberei gGmbH

Abb. 44-45: Die ECKE mit Wasiliki Kragiopoulou © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

66

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

GEMEINSCHAFTLICHES WOHNEN IM
DENKMAL
Schon bevor die Stiftung mit ihrem Programm Initialkapital in Krefeld tätig wurde, gab es Überlegungen, Teile
der ehemaligen Samtweberei für Wohnnutzungen umzubauen. Im Zuge der Projektentwicklung hat sich jedoch
gezeigt, dass die ursprünglichen Überlegungen am Markt
vorbeigehen und so wurde in mehreren Planungswerkstätten mit einem interessierten Kreis potenzieller Mieter
im Zeitraum zwischen September 2014 und Juni 2015 offen über die Entwicklung und Ausgestaltung des Wohnprojektes in der Samtweberei diskutiert. Die Planung zu
den Wohnungen orientiert sich einerseits am denkmalgeschützten Bestand; andererseits war es von Beginn an ein
Ziel, einen breiten Mix an großen und kleinen, freifinanzierten und öffentlich geförderten Wohnungen zu schaffen. Die Mischung für unterschiedliche Haushaltsgrößen,
Altersgruppen und Lebensformen ist ein wesentliches
Merkmal des Konzepts und je nach Erfordernis wird ein
Teil der Wohnungen perspektivisch auch als Büro oder
Atelier genutzt werden können. Das Angebot reicht von
kleinen Appartements bis hin zu 5-Raum-Wohnungen.
Es entstehen 37 Einheiten, davon wird rund ein Drittel
mit öffentlichen Mitteln gefördert. Sämtliche Wohnungen sind barrierearm von der Straßenseite und von der
Hofseite erschlossen, zum Teil mit einer vorgelagerten
Galerie zum Innenhof, von der die Wohnungen dann
unabhängig zugänglich sind. Sämtliche Wohnungen
werden mit einem offenen Freisitz verknüpft, entweder
mit individuellen Balkonen, entlang der Galerien oder
gemeinschaftlich zu nutzenden Terrassen. Neben den
37 Wohneinheiten sind verschiedene Gemeinschaftseinrichtungen wie eine Waschküche oder ein Hobbykeller
vorgesehen; dazu kommt das Nachbarschaftswohnzimmer im Torhaus. Für Anfang 2017 ist der Erstbezug
geplant. Zwei Drittel der Mieter stehen fest, für das verbleibende Drittel liegen bereits zahlreiche Interessenbekundungen vor. Entgegen der ursprünglichen Absicht,
hier ein selbstverwaltetes Wohnprojekt entstehen zu
lassen, wird es nun eine Wohngruppe sein, die sich mit
ihren Viertel-Stunden im Stadtviertel engagieren wird.
Die künftigen Mieter haben deutlich gemacht, dass sie
ihre Energie lieber in das Gemeinwesen investieren als in

Abb. 46: Innenansicht Denkmal Foto: Sebastian Maaß © Urbane
Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Abb. 47: Die Menschen der Wohngruppe Foto: Richard Grüll

Managementaufgaben, die auch künftig von der UNS erfüllt werden sollen. Für die Koordination der Viertel-Stunden ist ein Verein oder Mieterrat in Gründung. Die UNS
fungiert demnach auch bei diesem Projektbaustein als
Entwicklerin, Bauherrin und Vermieterin der Immobilie.

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

67

Ebenso vielfältig wie die Nutzungen in den Gebäuden
werden die Freiräume im Innenbereich des Areals sein.
Sie bilden künftig einen Mix aus privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereichen. Mit der Realisierung
der Wohnungen entstehen neue Außenbezüge auf dem
Gelände der ehemaligen Samtweberei. Dem Wohntrakt werden private Freibereiche sowie ein gemeinschaftlich zu nutzender Garten zugeordnet. Die Nutzung
und Ausgestaltung dieses Gartenbereichs wird ein

0.1

107 m²
Typ H1

Gemeinschaftsprojekt der neuen Wohngruppe. Vor sämtlichen Bauten der Samtweberei befinden sich im Innenhof künftig halböffentliche Bereiche, die der Erschließung
und dem gebäudenahen Aufenthalt dienen. Der öffentliche und für die Stadtteilbewohner nutzbare Teil des
Innenbereichs mit der Shedhalle wird vom Hauptzugang
im Torhaus erschlossen; an dieser Passage liegt auch das
zukünftige Nachbarschaftswohnzimmer.

1

2

3

83 m²
Typ H1

66 m²
Typ A

95 m²
Typ B

4

5

75 m²
Typ C2

74 m²
Typ D

6
61 m²
Typ E

GRUNDRISS ERDGESCHOSS
← Lewerentzstraße 106 | Tannenstraße 79 →

1

Nummer der Wohnung
schwarzer Kreis = mit WBS

1

Nummer der Wohnung
weißer Kreis = freifinanziert

Abb. 48: Grundriss der Alten Samtweberei Zeichnung: Architekturbüro Dipl.-Ing. Heinrich Böll © Urbane Nachbarschaft Samtweberei
gGmbH

68

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

Abb. 49: Nachbarschaftsfest in der Shedhalle Foto: Richard Grüll © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

DIE SHEDHALLE – EIN NEUER FREIRAUM
FÜR DIE GEMEINSCHAFT
Nachdem Ende 2014 zwar die Förderzusage des Landes NRW
für den Umbau der Shedhalle vorlag aber die Stadt Krefeld
erst im Herbst 2015 über einen gesicherten Haushalt
verfügte, konnten die Planungen zum Umbau des über
3.000 m2 großen Raums unter den prägnanten ShedDächern erst ab November 2015 konkret werden. Bereits
im Vorfeld waren Workshops mit Experten aus Architektur
und Planung durchgeführt worden, um die grundsätzlichen
Entwicklungsoptionen auszuloten, und seit Ende 2015 steht
die bewohnerorientierte und gemeinschaftliche Planung
im Vordergrund. Hierfür wurde eigens das »Shedhallenspiel«
entwickelt, das bereits an mehreren Spiele​abenden in
der ECKE für große Begeisterung gesorgt hat. Es ist eine
Art Planspiel, in dem die Mitspieler unterschiedliche Rollen
übernehmen: Es gibt Vertreter der Wohngruppe, der
Pioniere und der Stadtteilbewohner sowie speziell der
Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die ihre jeweils spezifischen Interessen und Sichtweisen zur Gestaltung der
Shedhalle einbringen können. Um Ihre Ideen im Rahmen
des Spiels realisieren zu können, bekommen die Spieler
ein Budget: 10.000 »Samtwebertaler«. Damit können
Sitzbänke bezahlt werden oder Spielgeräte, eine Skaterbahn oder etwas anderes Sinnvolles für die Ausstattung
der Halle. Und wie im richtigen Leben müssen dabei auch

Rahmenbedingungen beachtet werden: zum Beispiel, dass
eine bestimmte Fläche für PKW-Stellplätze eingeplant wird,
dass Dachöffnungen vorgesehen werden und dass die
Wohngruppe ein Interesse an geschützteren halböffentlichen Aufenthaltsbereichen nahe der Wohnungen hat.
Alles Andere ist verhandelbar. Ziel des Spielens ist es, eine
gemeinsame Lösung zu entwickeln. Anfang Januar 2016
fanden weitere Spielabende statt, deren Ergebnisse zu einer
abgestimmten und finanzierbaren Planung führen, sodass
im Laufe des Jahres 2016 mit dem Ausbau der Shedhalle
begonnen werden kann. Bereits im Herbst 2015 wurde ein
großes Nachbarschaftsfest gefeiert, für das der Hof und
die Halle geöffnet wurden und auf diese Weise ein Vorgeschmack auf die künftigen Nutzungsmöglichkeiten gegeben werden konnte.

Abb. 50: Planspiel © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

69

»ORT DES FORTSCHRITTS«
Die vielen Aktivitäten sowie die großen und kleinen Erfolge
in der Umsetzung des Pilotprojekts sprechen sich herum –
sowohl im Viertel und in der Stadt als auch weit darüber
hinaus. Anfang des Jahres 2016 wurde das Samtweberviertel als ein »Ort des Fortschritts 2015« vom Land NRW
geehrt und ist damit nun einer von bislang 38 Titelträgern. Bei seinem Besuch anlässlich der Titelverleihung
schwärmte der zuständige Minister für Bauen, Wohnen,
Stadtentwicklung und Verkehr, Michael Groschek: »Die
Alte Samtweberei ist momentan mein Lieblingsprojekt.
Hier wird Mehrwert geschaffen, Arbeit gestiftet und Geld
sinnvoll reinvestiert. Projekte wie dieses sollten zu Pilgerstätten für alle Gutmeinenden werden.«
Für das Jahr 2016 stehen umfangreiche Baumaßnahmen auf dem Gelände der ehemaligen Samtweberei an.
Es ist das erklärte Ziel, in 2017 sämtliche Baumaßnahmen
weitestgehend abschließen zu können. Daneben werden
die Organisation der Gemeinwesenarbeit oder die künftigen Aufgaben des Viertelsrats wesentliche Themen der
nächsten Phase im Pilotprojekt Urbane Nachbarschaft
Samtweberei sein.

Abb. 51-53: Preisverleihung »Ort des Fortschritts« Fotos: Sebastian
Maaß © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

70

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

Erster Infoabend
Die Montag Stiftung Urbane Räume stellt sich vor und fragt,
ob sie willkommen ist. 100 Zuhörer meinen »ja«.

Pionierhaus
Im Mai begonnen, jetzt schon fertig! Die Pioniere ziehen
ein. Vollvermietung zum 1. Januar 2015.

Handlungsprogramm
Stadt Krefeld und Stiftung haben die Ziele und Eckpunkte des
Projektes Nachbarschaft Samtweberei gemeinsam festgelegt.

Nachbarschaftsfest I
Die Nachbarschaft Samtweberei feiert mit 800 Gästen
die Wiedereröffnung der Alten Samtweberei.

Absichtserklärung
Die Stiftung bekennt sich zur Realisierung des Projektes.

Wohnen gemeinsam planen
Sechs Planungswerkstätten finden statt, 60 Interessierte
sind dabei. Sie beraten bei der Planung.

Gesellschaft gegründet
Die Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH
(UNS) ist da. 	

Gemeinwesen
Sozial-Profis
kommen zusammen und
entwickeln
Ideen für die
zukünftige
Zusammen-
arbeit.

Erbbaurecht
Der Erbbaurechtsvertrag wird geschlossen.
60 Jahre!
Projektaufruf I	
27 Projekte sind dabei. 5.000 € stehen zur
Verfügung. Eine Stadtteil-Jury zeichnet »Klasse
Projekte« und »Klasse Ideen« aus.

Erbbaurecht
Der Rat beschließt einstimmig
die Übertragung des Grundstücks der Alten Samtweberei.
Shedhallen
Eine Planungswerkstatt bringt
gute Ideen und Konzepte für
den Innenhof der Samtweberei
und den Erhalt der Halle.

Abb. 54: Das Logbuch der Nachbarschaft Samtweberei © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Jan.–März 15

Okt.–Dez. 14

Juli–Sept. 14

April–Juni 14

Online
www.samtweberviertel.de

Jan.–März 14

Fortlaufend starten viele
Menschen Initiativen und
Projekte für das Viertel. Hier
wird eine Zeitung produziert,
da ein Sprachkurs angeboten,
mal eben ein paar Straßenbeete wieder auf Vordermann gebracht, mit Kindern
Hauswände verschönert,
Musik gemacht, Kirschblüten gehäkelt, gemeinsam
gekocht und gewerkelt und
vor allem: Im Alltag bewiesen, dass das Samtweberviertel vieles schon kann,
was Deutschland gerade
lernt: Die Neuen mit offenen
Armen aufnehmen und neugierig auf die Nachbarn sein.
DANKE!

Großer Viertelsratschlag
Jetzt sind alle eingeladen.
Viele Profis und noch mehr
Nachbarn kommen, um die
Aufgabenschwerpunkte
der Nachbarschaft Samtweberei mitzubestimmen:
Jugend und Sprache!

Werkstatt Samtweberviertel
Rund 100 Bürger entwickeln
erste Projektideen u
 nd
Vorschläge für den Stadtteil.

Dez. 13

LÄUFT!!!

Pilotprojekt: Urbane Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld

Nachbarschaftsfest II
Der Hof und die große Halle
werden für alle geöffnet und bieten
einen Vorgeschmack auf die möglichen zukünftigen Nutzungen.

Großbaustelle
Viel los in den alten G
 emäuern:
Umbauen wird leider manchmal auch
staubig und laut. Danach wird’s schön!

Shedhalle
Die Förderung steht. Stadt und
Land vereinbaren sich, damit
das Viertel bald unter dem Dach
der Shedhalle Platz nehmen
kann.

Projektaufruf
Ab diesem Jahr können Ideen und Projekte ganzjährig eingereicht werden.

Sprache
Ein besonderes Sprachförderangebot für neu zugewanderte
Kinder von der J osefschule
startet und wird von der UNS
gefördert.

Auszeichnung
Der Minister zeichnet das Projekt als
»Ort des Fortschritts 2015« aus.

Frischer Wind
Die ECKE bekommt eine Koordinatorin.

Viertelsratschlag
Dieses Mal ist es noch voller, bunter und
gemeinschaftlicher im Südbahnhof.

Wohnen im Denkmal
Die zukünftigen Mieter
unterzeichnen ihre Reservierungsvereinbarungen, 20 der
insgesamt 37 Wohneinheiten
sind Ende 2015 vergeben.
Finanzierung und Planung für
den Umbau stehen; die Umsetzung erfolgt im »Baujahr« 2016.

Kirschblütenfest
Alles rosa! Der Bürgerverein
Bahnbezirk nimmt eine alte
Tradition wieder auf und bringt
viele hundert M
 enschen aller
Kulturen zusammen.
Weiter bauen und planen
Das Torhaus wird umgebaut.
Die ersten Nachbarn im
Wohnprojekt bekennen sich
zum Projekt.

Kirschblütenfest
Auch das
2. Frühjahrsfest des Bürgervereins
Bahnbezirk
ist ein voller
Erfolg.

Viertelsrat
Engagierte Menschen aus dem
Viertel und seinen Einrichtungen haben ein Jahr kräftig
gearbeitet und beraten jetzt die
UNS dabei, wo es lang gehen
soll in Sachen Gemeinwesen.

Projektaufruf II
21 Projekte folgen dem zweiten Projektaufruf und werden
von einer Stadtteil-Jury und
diesmal auch einer JugendJury ausgezeichnet.

Nachbarschaftswohnzimmer
Ein Stammtisch sammelt die
Ideen und
Wünsche für
den zukünftigen Begegnungsort in
der Alten
Samtweberei.

Jan.–März 16

Okt.–Dez. 15

Viertel-Stunden
Die Pioniere haben über das
ganze Jahr tolle Beiträge für das
Viertel geleistet, geschrieben,
layoutet, gebuddelt, geholfen:
1.000 Stunden!

Juli–Sept. 15

April–Juni 15

Torhaus
Das Torhaus ist innen wieder
schön und die ersten Mieter
ziehen in die Büroräume.

April 16

Die ECKE
Die Bürgerinitiative Rund um
St. Josef und die UNS mieten
gemeinsam ein leeres Ladenlokal:
Die ECKE. Hier werden Sprachen
gelernt, Kekse gebacken und
Debatten geführt. Ein offenes Haus
für alle!

71

Ende Juni
2017 soll der
Bau fertig
sein. Dann
steht der
Rahmen für
die öffentliche
Shedhalle
und das finanzielle Fundament für das
Gemeinwesen
ist gelegt.
Weiter geht’s,
denn alle
werden zum
Mitgestalten
eingeladen!

72

Etappen und Dynamiken

Interview mit Robert Ambrée und Henry Beierlorzer

Im Zusammenhang mit einem Foto (noch
zu erstellen) der beiden in einer Gesprächssituation:

Abb. 55: Robert Ambrée und Henry Beierlorzer © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Nun sind seit dem Beschluss des Krefelder Stadtrates
zur Unterstützung des Projektes Urbane Nachbarschaft
Samtweberei und der Übertragung des Grundstücks fast
zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen eine Menge
passiert ist: viele Ideen wurden geschmiedet, einige wieder
verworfen und andere umgesetzt; erste Gebäudeabschnitte
der Samtweberei wurden bezogen und zahlreiche Aktivitäten im Stadtteil realisiert. Was waren die »Schlüsselprojekte« für die Verankerung der Samtweberei im Stadtteil?
Henry Beierlorzer: Aus baulicher Sicht ist das Schlüsselprojekt der Samtweberei ohne Zweifel das Pionierhaus.
Es hat nicht umsonst diesen Namen, denn von dort erschließen wir das gesamte Areal mit einem besonderen
Nutzungskonzept. Der erste Baustein, das Pionierhaus,
ist ein Haus für kooperatives Arbeiten und mit seinen
günstigen Mieten ist es attraktiv für junge Unternehmen.
Schon im September 2014 – also drei Monate, nachdem
wir die Immobilie übernommen hatten – haben wir es
eingeweiht und auf einen Schlag sind rund 60 Menschen
in die Samtweberei gezogen. Das war ein Impuls ganz besonderer Art und ein Signal für den Stadtteil, denn von
den Mietern werden im Rahmen ihrer »Halben Miete«
auch Beiträge für das Viertel erbracht. Damit war die Samtweberei eröffnet – wir selbst haben unsere Büros auch hier.

Robert Ambrée: Ja, auf der baulichen Seite ist es das Pionierhaus. Im und für den Stadtteil war es der erste Projektaufruf, den wir parallel zu diesem Umbau gestartet
hatten. Ohne große Formalien konnten nachbarschaftliche
Projektideen eingereicht werden und im besten Fall wurde
die Umsetzung dann von uns unterstützt. Wir haben den
Projektaufruf jetzt zweimal durchgeführt und darüber fast
50 Ideen generiert, die zwar nicht alle aus dem Stadtteil
sind, aber immer einen engen Bezug zum Stadtteil haben.
Es ist ein wichtiges Zeichen, dass man mit uns, mit der UNS,
etwas auf die Beine stellen kann. Etwa ein Drittel dieser
Projekte sind inzwischen gelaufen, laufen noch oder haben
auch schon eine gewisse Kontinuität, beispielsweise die
kostenlose Stadtteilzeitung, der internationale Treff »Café
International kreativ« oder das »Kirschblütenfest« des
Bürgervereins Bahnbezirk, das – und das kann man selbstbewusst so sagen – zustande gekommen ist, weil wir ein
verlässlicher Partner für den Bürgerverein sind.
Welche Rolle spielt die Immobilie bei den Stadtteilprojekten, also die Entwicklung der Immobilie selbst? Wären alle
diese Projekte auch denkbar ohne den Gebäudekomplex?
Robert Ambrée: Es wäre sicher so einiges denkbar,
es gibt ja genügend andere Quartiersprojekte ohne

Etappen und Dynamiken

Immobilienentwicklung. Ich glaube jedoch, die Mieter
aus dem Pionierhaus und auch die künftigen Wohnmieter,
die sich bewusst für die Samtweberei entscheiden, möchten auch Leistungen und Kompetenzen in den Stadtteil
einbringen. Diese Menschen sind in der Regel über
die Immobilie auf die Idee des Projektes angesprungen.
Wir haben die Leute gewonnen über Besichtigungen der
»Ruine« Samtweberei, des Denkmals, der Shedhalle, des
Pionierhauses; das sind Leute, die mittlerweile auch den
Stadtteil mitdenken und sich für das Viertel engagieren.
Der Umbau der Samtweberei-Gebäude weist mit dem geplanten Nutzungsmix, den vielen Beteiligten, der großen
Offenheit und der abschnittsweisen Realisierung ein hohes
Maß an Komplexität auf. Von einem Generalunternehmer
ist ein solches Projekt vermutlich nicht zu realisieren.
Welche Anforderungen an die Projektsteuerung verbinden
sich mit einem Projekt dieser Art?
Henry Beierlorzer: Von Anfang an haben wir diesen
Standort als ein Stück Stadt begriffen, in dem verschiedene
Häuser sowie unterschiedliche Nutzungen und Nutzer
eine Rolle spielen. Damit war klar, diese Entwicklung ist
nicht eine in sich geschlossene Maßnahme, sondern es
gibt verschiedene Bausteine. Das lässt sich städtebaulich begründen, weil es Vielfalt und Mischung ermöglicht;
man kann es aber auch immobilienwirtschaftlich begründen, weil es hilft, auf unterschiedliche Märkte, Nachfragen
und Zielgruppen zu reagieren. In der Steuerung und Abwicklung ermöglicht es unterschiedliche Geschwindigkeiten für die Entwicklung der verschiedenen Bausteine.
Wir haben hier das große Glück, dass wir die Immobilien
vor Ort von der strategischen Projektentwicklung über
die Planung und das Bauen bis hin zur Vermietung und
Bewirtschaftung integriert entlang der Leitziele unseres
Stadtteilprojektes organisieren können. So kann das Arbeiten
an der Immobilie und ihrer Nutzungskonzepte parallel
zum Kennenlernen von Menschen verlaufen. Wir können
Bedarfe aufspüren und erkennen Grenzen dessen, was
in so einem Stadtteil geht oder vielleicht gerade nicht
hierher gehört. Das sind Möglichkeiten, die in klassischen
linearen Steuerungs- und Planungsmodellen oft nicht
vorkommen.
Welchen Anteil hat der offene Planungsprozess daran,
Fehler zu vermeiden und das Nutzungsprogramm der
Samtweberei zu verbessern? Gab es möglicherweise auch
Stellen, an denen der offene Planungsprozess Schwierigkeiten bei der Immobilienentwicklung verursacht hat?
Henry Beierlorzer: Wir müssen zunächst mal den Ausgangspunkt sehen: Diese Immobilie stand sieben Jahre
lang leer, weil sich die klassischen Projektentwickler nicht
daran getraut haben. Die Aussage war: »Das Ding lässt

73

sich nicht entwickeln« – weil sie es als Großstruktur – nur
Wohnen oder nur Dienstleistung oder Handel – gedacht
haben und der örtliche Immobilienmarkt dieses nicht zu
tragen schien. Erst das Auflösen des Gesamtkomplexes in
die unterschiedlichen Bausteine hat das Projekt in Bewegung gebracht.
Derzeit stehen wir vor der Aufgabe, die verschiedenen Bausteine so zusammenzuführen, dass sie Mitte 2017
tatsächlich gemeinsam realisiert sind. Gerade die eher
unkonventionellen Nutzungsbausteine, in denen erst
auch Nutzungsideen im Dialog mit den Menschen im
Viertel reifen mussten, sind permanent in Bewegung. Das
gilt zum Beispiel für das Nachbarschaftswohnzimmer, bei
dem die ursprünglich angedachte Kooperation mit der
Lebenshilfe doch nicht zustande kam. Oder es gibt die
Shedhalle als zukünftigen öffentlichen Freiraum für das
Viertel, die zunächst nicht weitergeplant werden konnte,
weil wir erst im Herbst 2015 das Finanzierungs-Go von der
Stadt Krefeld für die öffentlichen Mittel erhalten haben.
Wir haben uns trotzdem die Zeit genommen, mit den Menschen im Viertel die zukünftigen Nutzungen über ein
»Shedhallenspiel« gemeinsam zu entwickeln. Auch beim
»Krefelder Haus« mussten wir feststellen, dass die Baustruktur normale Modernisierungs- und Vermietungsmodelle nicht trägt. Auch hier braucht es Reifezeit, vielleicht auch die passende Gelegenheit oder den richtigen
Partner für neue Lösungen. Aber zwischen Grundstücksübergang Mitte 2014 und der Fertigstellung des Projektes
Mitte 2017 werden am Ende wohl drei Jahre liegen – das
ist nicht gerade eine zögerliche Bauentwicklung für eine
Investition von rund 7,5 Mio. €.
Bis zu welchem Punkt ist eine Nutzungsoffenheit im Prozess möglich? Wie oft lässt sich nachjustieren und an
welcher Stelle muss entschieden werden?
Robert Ambrée: Es gab mal die Aussage eines Pioniers, der
zu uns sagte: »Bei euch hat man das Gefühl, dass ihr ein
Ziel habt und auch wisst wohin ihr wollt; aber trotzdem
alles so offen lasst, damit die Leute gemäß ihrer Energie
und ihrer Dynamik selbst agieren können.« Diese Offenheit
ist ein Grundprinzip im gesamten Projekt, die muss einfach
da sein, weil man einem so heterogenen Stadtteil sonst
nicht gerecht wird. Ein Beispiel ist die ECKE, das Nachbarschaftswohnzimmer, das im Herbst 2015 in einem leerstehenden Ecklokal gestartet wurde und gemeinsam mit der
Bürgerinitiative Rund um St. Josef betrieben wird. Dieser Ort
ist eigentlich als Übergangslösung bis zur Fertigstellung des
Wohnzimmers in der Samtweberei gedacht. Doch die ECKE
läuft so gut, samt Koordinatorin, dass wir auch überlegen,
ob und wie wir sie ‒ zusätzlich zum Wohnzimmer in der
Samtweberei ‒ längerfristig halten können. Das erfordert
Offenheit und Querdenken, was den möglichen parallelen
Betrieb beider Räumlichkeiten angeht.

74

Henry Beierlorzer: Ja, fairerweise muss man aber auch
sagen, diese Offenheit müssen wir irgendwann mal auflösen und es müssen Entscheidungen getroffen werden.
Am Ende hat es auch etwas mit Kosten und Finanzierung
zu tun. Wir werden uns nicht die Anmietung der ECKE
und gleichzeitig den Betrieb des Nachbarschaftswohnzimmers in der Samtweberei leisten können. Das geht
aufs Quartiers-Budget und da müssen wir uns entscheiden. Aber vielleicht bleibt die ECKE wie sie ist und für das
Nachbarschaftswohnzimmer gibt es Ideen für einen kostendeckenden Betrieb, der trotzdem dem Viertel nützt?
Zunächst hatten wir ja über ein Nachbarschaftscafé
nachgedacht, das wir im Entwicklungsprozess mit einem
Partner geplant haben und der Idee, dass da ein integrativer
Betrieb entsteht. Es hat sich relativ früh herausgestellt,
dass der Partner längere Zeit für den Planungs- und Entscheidungsprozess braucht als wir für unseren Bauablauf.
Daraufhin haben wir den Bauantrag für das Wohnprojekt
vom Café entkoppelt und gaben dem Projekt ein halbes
Jahr mehr Zeit für die Entwicklung, Finanzierung und Organisation. So steuern wir die Dinge parallel in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Als sich abzeichnete, dass das
Projekt nicht trägt und der Partner sich zurückzieht,
haben wir einen Plan B entwickelt – von dem wir mittlerweile meinen, dass er eigentlich der bessere Plan A ist,
was die Räume angeht und die Größenordnung des Nachbarschaftswohnzimmers. Man kann also auch umgekehrt
sagen, der offene Planungsprozess hat überhaupt ermöglicht, auch mal ein innovatives Konzept weiter zu
denken. Und das wird auch weiterhin so sein. Wir wissen aber immer noch nicht, ob es am Ende ein Nachbarschaftswohnzimmer wie die ECKE wird und das werden wir
auch Ende 2016 noch nicht wissen. Also planen wir jetzt
einen nutzungsoffenen Raum, der das Zeug hat, später
in eine bestimmte Richtung weiter ausgebaut werden zu
können.
Wie ist der Prozess bei dem Wohnprojekt gelaufen? Es
werden 37 Wohneinheiten in einem vielfältigen Mix entstehen – war das von Beginn an klar?
Henry Beierlorzer: Für das Wohnprojekt haben wir mit
den zukünftigen Bewohnern einen intensiven Beteiligungsprozess geführt und sehr viele Varianten diskutiert.
Wenn man sich die ursprüngliche Machbarkeitsstudie
anschaut, dann waren da wunderschöne riesige Lofts
gezeichnet. Aber der Markt und die Menschen haben uns
gesagt, das kann hier keiner bezahlen. In unserem Beteiligungsprozess haben wir auch neue Lösungen entwickelt,
zum Beispiel die großen Gemeinschaftsterrassen statt
individueller, kleiner Balkone. Und wir haben auch eine
Menge gelernt; bezogen auf den nachgefragten Mix von
kleinen und großen Wohnangeboten für unterschiedliche
Haushaltstypen und die Nachfragergruppen. Bei den

Etappen und Dynamiken

Interessierten eines Wohnprojektes, die schon im Herbst
2015 verbindlich eine Wohnung reserviert haben, waren
relativ viele »Ü55« und 1- oder 2-Personen-Haushalte,
die für sich das gemeinschaftliche Wohnen als eine Wohnform im dritten Lebensabschnitt begreifen. Die haben
einen Zugang zum Thema »Gemeinschaftlich Wohnen«
und planen langfristig ihr Wohnmodell. Anfangs gab es
nur wenige jüngere Familien mit Kindern, aber das ändert
sich gerade. Bewusst haben wir dieses Wohnprojekt in
sich differenziert, mit einem Angebot an geförderten
und freifinanzierten Wohnungen. Der Großteil der geförderten Wohnungen ist geeignet für Familienhaushalte
und es melden sich jetzt zunehmend junge Familien mit
Sozialwohnberechtigungsschein, vielfach international
und im Viertel aufgewachsen. Die finden den Standort
cool und machen ebenfalls Vorschläge, was sie alles als
Viertel-Stunden beitragen können. Denn auch bei den
zukünftigen Bewohnern ist die Idee der Viertel-Stunden
verankert. Nicht verpflichtend, weil das Wohnmietrecht
dieses nicht zulässt. Aber freiwillig, möglicherweise organisiert über einen Bewohnerverein.
Ähnlich komplex wie die Gebäudeentwicklung ist der
Finanzierungsmix für die Umsetzung der Gesamtmaßnahme angelegt. Wie sieht diese Konstruktion aus?
Henry Beierlorzer: Die Finanzierungsstruktur ist zunächst
nicht ungewöhnlich, aber jeder Projektbaustein arbeitet
mit differenzierten Finanzierungswegen. Wir haben eine
gemischte Finanzierung mit Eigenkapital, normalen Darlehen für die freifinanzierten Wohnungen, Förderdarlehen
des Landes für die 13 preisgebundenen Wohnungen und
Städtebauförderungszuschüssen für die Shedhalle. Entscheidend ist: Es muss immer erst einmal Eigenkapital
vorhanden sein und man braucht es real auf dem Konto,
um Vorleistungen erbringen zu können und nicht nur planerische Versprechen abzugeben. Im Viertel war wichtig,
dass wir mit dem Eigenkapital sehr schnell erste Teilmaßnahmen realisieren konnten, die Vertrauen geschaffen
haben, dass wir es ernst meinen. Wir hatten vom Gesellschafter – der Carl Richard Montag Förderstiftung – 1 Mio. €
Eigenkapital und haben dieses bis Ende 2015 in die freifinanzierten Teile – Pionierhaus und Torgebäude – investiert.
Zum Glück ist das Eigenkapital durch die Erbbaurechtslösung mit der Stadt auch nicht im Grundstück gebunden,
sondern konnte gleich in die Gebäude gesteckt werden.
Die sind jetzt unser Vermögen, das wir bei der Finanzierung mit den Darlehen gebenden Banken als Eigenkapital
gegenrechnen können. Neben diesem Eigenkapital haben wir zusätzlich vom Gesellschafter einen Darlehensrahmen erhalten, der das Eigenkapital ergänzt. Über den
Daumen gerechnet ist die Immobilie so als Ganzes mit
rund 25 % Eigenanteil finanziert und das hilft uns auch
bei den externen Darlehensgebern. Den Stellenwert

Etappen und Dynamiken

75

des realen Eigenkapitals haben wir bei den Verhandlungen mit den Banken deutlich gespürt, die so ein
ungewöhnliches Projekt nicht per se finanzieren. Wir
haben in unseren Finanzierungsgesprächen gelernt, auch
mit den örtlichen Banken, dass nicht alles an allen Standorten möglich ist. Das darf zwar offiziell nicht sein, es ist
aber faktisch so. Bestimmte Quartiere stehen gewissermaßen auf dem Index und da werden keine Immobilien
finanziert oder nur mit sehr deutlichen Zins- bzw. Risikoaufschlägen. Und diese Aufschläge werden immer höher,
je schwieriger die Eigenkapitalsituation und je wackliger
der Träger wirkt – oder je ungewöhnlicher das Projekt
scheint. Wir haben hier alle Kriterien erfüllt: schwieriger
Stadtteil, ungewöhnliches Projekt, neuer Träger, frisch
gegründete gemeinnützige GmbH. Ja, mit einer Stiftung
im Rücken und einer gewissen Professionalität im Auftreten und der Darstellung unserer Finanzierungskonzepte

konnten wir das bereinigen, aber am Ende sind wir
nicht bei den örtlichen Banken gelandet, sondern bei
Banken, die Erfahrung haben mit so einer Art von Projekten, wie zum Beispiel die GLS Bank.
Gerade für die Realisierung der nicht- oder wenig
rentierlichen Bausteine sind die öffentlichen Fördermittel natürlich zentral. Dabei nutzen wir die normalen
Angebote der Wohnraumförderung für unsere 13 preisgebundenen Wohnungen. Dass wir auch das Nachbarschaftswohnzimmer mit Förderdarlehen der Wohnraumförderung finanzieren können, ist da schon eher
das Ergebnis kreativer Interpretation der Förderrichtlinien durch das Ministerium. Für das Teilprojekt der
Shedhalle als öffentlicher Freiraum gibt es eine Finanzierung, mit der die Kosten zu 100 % öffentlich finanziert werden: 20 % von der Stadt Krefeld und 80 %
Städtebauförderung des Landes NRW.

INVESTITIONEN IN DEN STANDORT SAMTWEBEREI
Grundstück im Erbbaurecht (Verzicht auf
Erbbauzins wg. Gemeinnützigkeit) 0 €

0,2 MIO. € FÜR
7 JAHRE FÜR DIE
GEMEINWESENARBEIT

Eigenkapital
(Carl Richard Montag-Förderstiftung)
1,0 Mio. € plus 0,7 Mio. €

Fremdkapital (GLS
Bank, Hannoversche
Kassen) 2,9 Mio. €

Wohnraumförderung
– Darlehen (NRW.
Bank) 2,2 Mio. €

Städtebauförderung (Land NRW/
Stadt Krefeld)
1,01 Mio. €

GA
RN
ST
RA
SS
E

URBANE NACHBARSCHAFT SAMTWEBEREI gGmbH

LE
WE
R

EN
TZ

ST
RA
SS

TA
NN
E

NS
TR
AS

SE

E

Die ECKE (Nachbarschaftswohnzimmer auf Zeit)

Reaktivierung des
brachgefallenen Gewerbeareals mit 7.000
m² Gesamtfläche
(4.700 m² Nutzfläche)
seit 2013

Pionierhaus mit
1.000 m² Nutz­­fläche (25 Unternehmen, 60 Arbeitsplätze) und ca. 900
Stunden gemeinnützige Arbeit für das
Viertel pro Jahr ​
seit 2014

Torhaus mit
620 m² Nutzfläche (6 Unternehmen, 30 Arbeitsplätze) und ca. 300
Stunden gemeinnützige Arbeit für das
Viertel pro Jahr
s​ eit 2015

Denkmal mit
2.700 m² Nutzfläche
(37 tlw. öffentlich
geförderte Mietwohnungen, 1 Gewerbe-Einheit) und ca. 1.300
Stunden gemeinnützige Arbeit für das
Viertel pro Jahr
​ b 2017
a

Offenes
Nachbarschaftswohnzimmer
(Torhaus),
Gemeinschaftsgärten und überdachter Freiraum
für das Viertel
(Shedhalle)​
ab 2017

ERTRÄGE FÜR DAS VIERTEL
Abb. 56: Standortinvestitionen und Erträge für das Viertel © Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH

Ca. 60.000 € pro Jahr
Überschüsse aus der
Bewirtschaftung für
das Gemeinwesen;
ca. 2.500 Stunden
gemeinnützige Arbeit
für das Viertel; dauerhaft nutzbare Orte für
nachbarschaftliche
Aktivitäten ​
2018

76

Was sollten andere Initiativen – gerade mit Blick auf
Finanzierungs- und Steuerungsfragen – beherzigen,
die über ein ähnlich komplexes Projekt nachdenken?
Henry Beierlorzer: Ich glaube, dass ein gutes Initiativenprojekt auch eine gewisse Naivität braucht, um aus der
Sache heraus erstmal in die Entwicklung einzusteigen.
Aber der Zugriff auf ein Grundstück, für das man dann
schon Kapital braucht und die Sicherung von Ressourcen,
um in eine seriöse Planung zu gehen, sind entscheidend.
Wir arbeiten immer noch mit den Zahlen, die wir sehr früh
definiert haben, obwohl die Pläne heute anders aussehen.
Aber die Pläne mussten sich innerhalb des Budgetrahmens
verändern, sodass es das Machbare nicht sprengt. Dieses
Planen in Bausteinen mit einer offenen Entwicklungsoption,
das ist auch ein entscheidender Punkt. Die Bausteine
müssen für sich eigenständig handhabbar sein und nicht
zu komplex miteinander verwoben, sonst tritt man permanent auf der Stelle. Es sind möglicherweise die kleinen
Bausteine, mit denen ein Projekt anfängt, aber es braucht
auch einen integrierten Plan für das große Ganze.
Robert Ambrée: Dazu kommt das Zulassen von Beteiligung;
auch in der Zusammenarbeit mit städtischen Behörden
oder Ämtern. Dann sind die Schnittstellen zwischen Verwaltung und Investor besser handhabbar, auch wenn es
mal zu Problemen kommt. In unserem Fall ist es ein ziemlich großes Projekt, das davon lebt, dass eine solvente
Stiftung dahinter steckt. Wenn man das jetzt überträgt
auf kleinere Initiativen, dann geht es ja auch oft um kleinere Immobilien.
Um die Bewohnerschaft des Viertels bestmöglich einzubinden und mehr Eigenverantwortung in der Nachbarschaft zu unterstützen, sind die Teilhabe-Strukturen
in den ersten beiden Jahren mehrfach geändert bzw.
angepasst worden. Welche Auswirkungen hat das auf
das Projektmanagement, sowohl hinsichtlich der Immobilienentwicklung als auch der stadtteilbezogenen
Gemeinwesenarbeit?
Robert Ambrée: Was man beim Bauen mit einem Zeitplan ganz gut hinbekommen kann, ist in Bezug auf Teilhabe der Bewohner nicht so leicht zu realisieren. Es gibt
zwar grundsätzliche Ziele, die auch im Handlungsprogramm
festgeschrieben sind, aber es müssten kleine Ziele für
kürzere Zeiträume definiert werden, die ein Abtasten oder
ein Vorwärtsgehen ermöglichen. Man merkt auch in den
zwei Jahren hier vor Ort, dass wir nach und nach mehr
Personen an das Projekt binden, die in irgendeiner Form
Teilhabe erfahren und die natürlich auch unterschiedlich
viel Begleitung brauchen. Wir sind ein kleines Team in
der UNS in der Gemeinwesenarbeit und natürlich spielen
sich auch Routinen ein. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr,

Etappen und Dynamiken

dass man nur die Leute erreicht, die auch ein Stück auf
uns zu kommen. Wir werden nie alle im Stadtteil erreichen,
und ja, jeder hat auch das Recht, nicht teilzuhaben. Dennoch: Zentral finde ich unsere Offenheit und dieses Herantasten an gewisse Themen. So lassen sich relativ schnell
Dinge anpassen, ohne nach Schema F zu handeln. Wir
haben im Team und im Pionierhaus Kommunikationsfachleute, die eine große Hilfe sind, wenn es darum geht, an
Menschen heranzutreten. Ich nenne mal ein konkretes
Beispiel für unterschiedliche Erfahrungen, die wir hier mit
Teilhabe-Strukturen gemacht haben: Im ersten Projektaufruf 2014 haben wir weit über 20 Einreichungen gehabt,
davon waren viele von Leuten außerhalb des Stadtteils, die
aber irgendeinen Bezug zum Viertel haben. Viele kamen
von Studenten der benachbarten Hochschule im Fachbereich Design, die sich im Studium an so einem Projektaufruf beteiligen wollten, um vielleicht ein paar 100 € für eine
Gestaltungsmaßnahme im öffentlichen Raum zu gewinnen.
Im zweiten Jahr haben wir gezielt versucht, beispielsweise
Kinder und Jugendliche als aktive Gruppe zu gewinnen und
deshalb den zweiten Aufruf über Projektscouts gestaltet.
Wir haben drei Personen in den Stadtteil geschickt, aus der
türkischen und kurdischen Community. Von denen kam die
Rückmeldung, dass »Projekte« einfach nicht auf die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen treffen. Es gab zwar eine Menge Ideen, aber schon der Begriff Projekt ist wahrscheinlich
für viele ein No-Go, da schaltet man ab. Für uns also wieder
ein Anlass, um über neue Formen von Teilhabe-Möglichkeiten nachzudenken. Die bewusste Entscheidung, bei der
Wahl eines Koordinators für die ECKE auf eine Frau zu setzen, die im Stadtteil verwurzelt und vernetzt ist, gegenüber
studierten Mitbewerbern aus der Sozialen Arbeit oder der
Kulturpädagogik von außerhalb Krefelds, ist auch ein gutes
Beispiel für das Anpassen der Teilhabe-Strukturen auf die
Bedürfnisse vor Ort.
Henry Beierlorzer: Aus der Immobiliensicht sind wir mit
einem sehr offenen Konzept gestartet und wollten viel
von den Entscheidungsprozessen zum Beispiel an eine
Genossenschaft abgeben. Wir haben aber festgestellt,
dass die Gruppe das gar nicht wollte. Die Aufgabe im Management liegt also auch darin, in den Diskurs zu gehen,
mit den Menschen Optionen auszuloten und Stimmungen
aufzufangen. Schließlich haben wir unterschiedliche
Selbstverwaltungsmodelle vorgeschlagen und alle hatten
Angst davor. Wir haben das dann positiv für uns interpretiert und unterstützen nun, dass die Menschen ihre
Energien nicht in das Erstellen von Nebenkostenabrechnungen, sondern eher in die Nachbarschaft und in das
Gemeinwesen einbringen.

Etappen und Dynamiken

Gab es im Samtweberviertel auch Projekte bzw. bereits
weit gedachte Projektideen, die stecken geblieben sind
und wenn ja, warum?
Robert Ambrée: Es kann verschiedene Gründe geben,
warum das ein oder andere Projekt nicht läuft oder die
Entwicklung stockt. Das trifft auch auf Projekte zu, die
man selbst vielleicht gut findet und die man eigentlich
pushen möchte. Aber auch da muss man irgendwann
eine Entscheidung treffen, denn eine zu starke Einmischung
von unserer Seite ist nicht unser Ziel. Wir haben in den
letzten zwei Jahren einige Projekte und Erfahrungen gemacht; beispielsweise zum Thema Geschichte, da merkten wir, es gibt ein paar interessierte Leute im Viertel
und wir haben einen Geschichtskreis ins Leben gerufen,
auch weil wir selbst kaum etwas über die Geschichte
der Samtweberei und des Samtweberviertels wussten.
Mit dem Geschichtskreis haben wir im letzten Frühjahr
drei Führungen durch den Stadtteil gemacht und haben
im Herbst noch mal versucht, einen nächsten Schritt zu
machen. Aber da kam nicht viel zurück. Wenn die ehrenamtliche Energie – vielleicht nur im Moment – fehlt, dann
ist es auch völlig in Ordnung, dass Projekte im Sande
verlaufen. Wenn wir als UNS ein Thema aber so wichtig
finden, dann müssen wir eben einen professionellen Auftrag erteilen.
Henry Beierlorzer: Es gibt in diesem Viertel so viel an
strukturellen Problemen, an denen gearbeitet werden
könnte. Themen wie lokale Ökonomie, Umgang mit Armut
oder soziale Arbeit wären wichtig oder eine systematische
Herangehensweise an das Thema Leerstände oder die
Sanierung von diesen Krefelder Häusern. Dazu gibt es
immer auch einzelne Projektideen. Aber wir müssen auch
aufpassen, dass wir uns nicht selbst überschätzen und
uns übernehmen.
Es scheint wichtig, den Menschen in irgendeiner Form eine
Art Verantwortung für ihr Viertel nahe zu legen oder mit zugeben. Mit welchen Mitteln wird über eine Verstetigung der
Teilhabe- oder auch Managementstrukturen nachgedacht?
Es sind ja jetzt nur noch zwei Jahre, wie geht es dann weiter?
Robert Ambrée: Ich setze auf Vertrauen und mittlerweile
ist es so, dass die Menschen aus dem Stadtteil und natürlich aus der Samtweberei ein Vertrauen zu uns haben.
Sie haben die Gewissheit, dass das Projekt insgesamt
in guten Händen ist, was aber natürlich die Frage der
Verstetigung nicht leichter macht. Wir haben beispielsweise den Viertelsrat, ein Gremium, das über unsere Maßnahmen im Stadtteil entscheidet. Dort wurde im letzten
Jahr wirklich viel ehrenamtliche Arbeit geleistet und dies
wird auch das Gremium sein, das zukünftig über das
Stadtteil-Budget von ca. 60.000 € entscheiden wird. Dabei

77

muss man sich fragen: Kann man das zwölf Ehrenamtlern
eigentlich aufbürden? Solche Fragen treiben uns momentan um und sie sind natürlich auch wichtig im Zusammenhang mit einem Verstetigungsprozess.
Henry Beierlorzer: Die Fragen der Verstetigung des
Projektes einschließlich seiner Dynamik und die Fragen,
wie viel professionelle Struktur die UNS noch im Projekt
belassen muss und welche Aufgaben und Verantwortungen in welchen Zeiträumen an wen abgegeben werden
können, sind das wirklich dicke Brett, das wir jetzt in der
zweiten Halbzeit der Projektentwicklung bohren müssen.
Darüber sollten wir uns im nächsten Jahr mal ausführlicher unterhalten.
Welche Rolle spielt das zu erwartende Projektbudget von
ca. 60.000 € pro Jahr? Wie wichtig ist diese Zahl im Hinblick darauf, welche Aktivitäten aus dem Stadtteil angeleiert oder aufgenommen werden, heute und in Zukunft?
Robert Ambrée: Ja, das ist natürlich wichtig und unterscheidet uns auch von einem Programm wie Soziale Stadt,
wo mit einer Förderkulisse in einem bestimmten Zeitraum
mehr oder weniger alle »großen« Themen angegangen
werden. Wir sind in den Stadtteil gegangen und haben
gefragt, was sind die drängenden Themen, die wir angehen
können. Dazu kommt der Große Viertelsratschlag, der letztes Jahr das erste Mal getagt hat. Von dort kam die Anregung: Kümmert euch um das Feld Jugendliche und um
das Feld Sprache, was natürlich mit Integration ganz eng
verknüpft ist. Es ist klar, dass wir an diesen Schwerpunkten
mit einer gewissen Kontinuität über mehrere Jahre arbeiten
müssen. Und da können wir auch mit kleinen Budgets und
Nachbarschaftsprojekten einen wichtigen Beitrag leisten.
Henry Beierlorzer: Die meisten Projekte sind eher niederschwellig und die Menschen sind es auch gewohnt,
mit kleineren Beträgen und eigenem Einsatz etwas zu machen. Daher sind die zu erwartenden 60.000 € im Jahr
relativ viel Geld und es stellt sich die Frage: Was können
wir damit machen? Wir könnten eine halbe bis dreiviertel
Stelle eines Kümmerers realisieren und wir werden das
Nachbarschaftswohnzimmer oder die ECKE sicherstellen
können. Zudem soll es dann noch mal freie Sachmittel für
die Stadtteilprojekte geben.
Robert Ambrée: Perspektivisch könnte sich der Viertelsrat
dahin entwickeln, dass er zumindest in Teilen auch so eine
Art Vertreterfunktion übernimmt, also ein Gremium mit
Vertretern der wichtigen Einrichtungen im Stadtteil wird. Im
Viertelsrat sind von den momentan elf Mitgliedern drei, die
explizit auch ihre Einrichtung vertreten. Wenn man in diese
Richtung denkt, könnte in der Schnittstelle mit einem
Kümmerer eine sinnvolle Projektentwicklung möglich sein.

78

Was werden jetzt erstmal die nächsten Schritte sein?
Was steht 2016 noch an?
Henry Beierlorzer: Bezogen auf die Immobilie ist alles
klar: 2016 ist ein Baujahr und vieles von dem, was wir versprochen und geplant haben, muss jetzt physisch entstehen. Das Wohnprojekt wird spätestens im April 2017
bezogen. Daneben haben wir noch zwei Entwicklungsaufgaben, erstens das Betriebs- und Trägerkonzept für
das Nachbarschaftswohnzimmer, zweitens das Nutzungskonzept und die Aneignung der Shedhalle. Die müssen wir
nicht nur planen, wir müssen sie auch bauen und gleichzeitig zum Leben bringen. Da gilt es, einen offenen Entwicklungsprozess mit den Menschen im Viertel auf der
einen Seite und einen harten Infrastrukturbauprozess auf
der anderen Seite gleichzeitig zu organisieren.
Robert Ambrée: Im Stadtteil ist ein Ziel, noch stärker im
Alltag der Menschen anzukommen. Über die Projektaufrufe und über die Mieter mit ihren Viertel-Stunden und
über die Kontakte zu anderen Einrichtungen. Insbesondere die ECKE kann ein wichtiger Kristallisationspunkt
dafür werden.
Und natürlich gemeinsam Feste feiern wie das Kirschblütenfest im April, aber das ist ja schon so normal, dass
wir es schon gar nicht mehr nennen. Wir hatten bei unseren
Festen bisher immer so ein Glück mit dem Wetter. Das
wäre natürlich auch ein Wunsch für die Zukunft, dass
das immer so bleibt.
Herzlichen Dank für das Gespräch.

Etappen und Dynamiken

Robert Ambrée war schon am Aufbau des Projektes in
der Krefelder Südweststadt beteiligt und ist hauptsächlich verantwortlich für die Koordination der Beiträge der
Nachbarschaft Samtweberei für das Gemeinwesen. Als
Projektleiter kümmert er sich um Kooperationen im Stadtteil, begleitet Projekte und Projektmacher und arbeitet an
den Themen, die aus dem Stadtteil kommen.
Henry Beierlorzer hat gemeinsam mit Frauke Burgdorff
die Geschäftsführung der Projektgesellschaft Urbane
Nachbarschaft Samtweberei (UNS) inne und ist für die
Entwicklung des Grundstücks und der Immobilien der
Alten Samtweberei verantwortlich. Das Spektrum seiner Aufgaben reicht von der Projektentwicklung über die
Finanzierung und die Bauherrenrolle bis hin zur Bewirtschaftung und Vermietung.

79

Gemeinschaft in Bewegung
Sollten Menschen aktiviert werden? Gibt es sozial schwache Quartiere? Kann jeder Selbstorganisation lernen?
Diese Fragen muss die Praxis drei Mal mit Nein beantworten. Denn Menschen sind keine Objekte, die man aktivieren kann, sie müssen sich selbst auf den Weg machen.
Soziales Unvermögen gibt es sowohl in reichen als auch
in armen Quartieren und zivilgesellschaftliche Selbstorganisation ist in der Regel erst dann möglich, wenn ein
bisschen ökonomische Luft zum Atmen übrig ist. Daraus
könnte man die Schlussfolgerung ziehen, Investitionen in
das Gemeinwesen seien zwar moralisch richtig, aber in
der Regel folgenlos. Was können bessere Kommunikation
und ein offenes Miteinander am Ende schon an den konkreten Lebenslagen der Menschen verbessern?
Eine ganze Menge, wie wir in der Krefelder Südweststadt sehen – auch weil wir dort gelernt haben, die Annahme, dass es den Menschen schlecht gehe und dass
wir dies ändern könnten, ad acta zu legen. Denn nach
zwei Jahren Arbeit mit den Menschen wissen wir, dass
es viel Gutes gibt, das wir stärken und ergänzen können; und dass wir gut daran tun, uns als Partner für die
bestehenden Institutionen – Schulen, Kitas, Caritas,
Bürgerinitiative Rund um St. Josef, Bürgerverein Bahnbezirk, Emmaus Gemeinde und viele andere Vereine –
einzureihen. Diese vorhandenen Institutionen mit ihren
hervorragenden Aktivitäten hatten bisher einen wichtigen Schwachpunkt: Ihr sozialräumlicher Bezug war nicht
stark ausgeprägt; sie arbeiteten eher zielgruppenspezifisch (für die Alten, die Jungen, die Armen usw.) oder
thematisch (Bildung, Sport, Familie etc.). Weil sie sich
auf Themen und Zielgruppen konzentrieren und die Wirkung und Effektivität ihrer Arbeit meist auch daran gemessen wird, haben sie kaum freie Ressourcen für eine
weitere aktive Vernetzungs- und Stadtteilarbeit. Diese
Ressourcen sind aber notwendig, um Beziehungen zwischen den Menschen zu schaffen. Diese Beziehungen
sorgen maßgeblich für ein Grundrauschen aus menschlicher Nähe und Bindungen, das letztlich die Basis ist für
die Zufriedenheit und Geborgenheit der Einzelnen in der
Stadtteilgemeinschaft – und für die Identifikation mit der
Gemeinschaft.
Die Mittel, die wir mit der Alten Samtweberei erwirtschaften, die Viertel-Stunden der Nutzer der Samtweberei, das Engagement der Menschen aus dem Viertel

für das Viertel sowie die zukünftigen Möglichkeiten der
Shedhalle als offener Freiraum für den Stadtteil – das
alles wird dazu beitragen, die Bindungen zwischen den
Menschen im Viertel stärker und zahlreicher werden zu
lassen. Dazu gehören Beiträge, auf die die Menschen im
Viertel selbst Lust haben, aber auch solche, die vorhandene Defizite ausgleichen oder Lücken im sozialen Netz
schließen sollen. Die Beiträge »mit Lust« sind in der Regel
Projekte, Initiativen und Ereignisse, die mit dem Projektfonds unterstützt werden können. Die Beiträge, die auf
Defizite reagieren, werden eher aus strukturellen Mitteln
oder zusätzlichen Förderbudgets gemeinsam mit Profis
und Laien konzipiert: Das können zum Beispiel Weiterbildungsangebote für Kinder und Erwachsene, Hilfen bei
Behördengängen oder interkulturelle Mediationen sein.
Die Urbane Nachbarschaft Samtweberei (UNS) ist
jetzt schon anerkannt als Unterstützer, Plattform und
Mittler des Viertels. Diese Rollen kann sie in den kommenden 58 Jahren – so lange läuft der Erbbaurechtsvertrag noch – immer wieder den jeweiligen Bedürfnissen
anpassen. Das heißt, sie kann vorsichtig, ungehetzt
und gemeinsam mit den Menschen im Stadtteil justiert
werden.
Dabei hatte die Initiatorin der UNS – die Montag Stiftung Urbane Räume – ursprünglich das Ziel, diese irgendwann einmal überflüssig zu machen. Wir mussten aber
erkennen, dass die Verselbstständigung im Sinne einer
freundlichen Übernahme durch den Stadtteil nun nicht so
schnell kommt wie gedacht. Die Rückmeldung, die wir
dazu bekommen lautet: »Ihr macht das doch gut. Warum
sollen wir unsere ehrenamtliche Energie in die Steuerung
und Verwaltung der Gemeinwesenarbeit investieren?«
Glücklicherweise ist die UNS ja genau so angelegt, dass
auch dieses Verhältnis gestaltet werden kann: eine engagierte Bewohnerschaft hier, die sich als ideeller Auftraggeber der Gemeinwesenmittel versteht, und eine professionelle Geschäftsstelle dort, die nicht nur verwaltet,
sondern auch immer wieder Vorschläge für die Weiterentwicklung macht. Und wer weiß, vielleicht gibt es in
einigen Jahren womöglich doch eine Gruppe von Menschen, die Lust auf mehr Verantwortung hat. Bis wir dorthin kommen, gilt es diesen Weg von der Information über
die Konsultation hin zur Selbstorganisation so zu stärken,
dass daraus Selbstverantwortung erwachsen kann.

80

Gemeinschaft in Bewegung

Abb. 57: Ablauforganisation © Montag Stiftung Urbane Räume gAG

INFORMIEREN
Mit der ersten Informationsveranstaltung im Dezember
2013 haben wir uns beim Viertel »beworben« und explizit gefragt, ob wir willkommen sind. So früh wie möglich
haben wir über unsere Anliegen informiert und dabei unsere Ziele immer offen gelegt, ob bei öffentlichen Veranstaltungen, über unsere Homepage, mit dem »Logbuch«
am Torgebäude, bei den vielen Gesprächen im Stadtteil
oder in den politischen Hintergrundgesprächen. Wir suchen und nutzen – nicht nur am Anfang, sondern beständig – unterschiedliche Kanäle und Zugänge, um über die
Nachbarschaft Samtweberei zu informieren, möglichst
viele zu erreichen und dadurch auch immer wieder neue
Menschen in das Projekt zu verwickeln.
Nicht alle Informations- und Kommunikationsmaßnahmen sind effektiv oder von Erfolg gekrönt; dessen
sind wir uns bewusst. Um einen so heterogenen Stadtteil wirklich kennenzulernen und gegenseitiges Vertrauen
mit den Bewohnern aufzubauen, muss man von Beginn
an in der Strategie berücksichtigen, das auch das »trial
and error« dazugehört. So wurden beispielsweise für den
zweiten Projektaufruf Projektscouts aus dem Viertel eingesetzt, die neue Projektideen und neue Projektmacher

aufspüren sollten. Jugendliche waren ausdrücklich eine
Zielgruppe dieses Scoutings. Es stellte sich heraus, dass
sie nicht bzw. kaum über das Format »Projektaufruf« zu
erreichen waren. Ein Misserfolg? Nein; eher die Erkenntnis, dass man nicht immer zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen kann. Ganz nebenbei konnten die Projektscouts
enger an die »Nachbarschaft Samtweberei« gebunden
werden, heute sind sie zum Teil wichtige Multiplikatoren
im Viertel.

KONSULTIEREN
Informieren ist vor allem in der ersten Phase noch eine
Einbahnstraße. Wir sind aber auf das Wissen der Bewohner angewiesen, um nicht an ihren Bedürfnissen vorbeizuplanen. Mehr noch: Wir sind aufgefordert, den Rat der
Bewohner nicht nur ernst zu nehmen, sondern konkret
umzusetzen bzw. danach zu handeln. Das passiert einerseits bei den monatlichen Stammtischen, andererseits
– auf größerer Bühne – beim jährlichen »Großen Viertelsratschlag«, der erstmals Anfang 2015 stattfand. Diese öffentliche Versammlung bietet allen Menschen im
Viertel die Möglichkeit, den weiteren Werdegang der

Gemeinschaft in Bewegung

Nachbarschaft Samtweberei aktiv mitzubestimmen, indem
inhaltliche Betätigungsfelder verbindlich festgesetzt bzw.
bei Bedarf angepasst werden.
Der Viertelsratschlag wird sich in den kommenden
Jahren noch stärker im Stadtteil verankern; wohl wissend,
dass diese Form von Veranstaltungen nicht alle Belange
und Bedürfnisse aufnimmt und abbildet. Deshalb müssen
wir konsequent darauf achten, viele Zugänge zu ermöglichen und das wertvolle Wissen in den Nischen des Viertels zu kennen und zu nutzen. Die bürgerliche Mitte hat
eine andere Perspektive auf den Stadtteil als jüngst
Zugewanderte, Jugendliche oder Obdachlose. Mit dem
Nachbarschaftswohnzimmer ECKE wurde mittlerweile
ein ständiger Ort der Konsultation und Selbstorganisation geschaffen. Zur Betreuung dieses Ortes wurde eine
Person aus dem Stadtviertel eingestellt, die alternative
Zugänge ermöglichen und jenes Wissen aus den Nischen
hervorholen kann.

SELBST ORGANISIEREN
Von Anfang an haben wir Menschen dazu ermutigt, eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Dazu stellen wir
jedes Jahr einen kleinen Verfügungsfonds von 5.000 € zur
Verfügung und haben – mit einer »Spielregelgruppe« interessierter Stadtteilbewohner und -akteure – einige wenige Rahmenbedingungen für das Mitmachen festgelegt.
Ansonsten lassen wir die Projekte laufen und ihre Macher
haben die Gewissheit, dass wir etwaige Risiken bei der
Projektdurchführung abfedern können (z. B. beim jährlichen Kirchblütenfest oder der neuen Stadtteilzeitung
»Die Samtweber«) und dass nicht realisierte Projekte
keine gescheiterten Projekte sind, sondern auch wichtige Impulse geben. Auf der anderen Seite unterstützen wir
die Projekte, wenn sie sich professionalisieren möchten
und aus Selbstorganisation Selbstverwaltung wird.
Der Umgang mit den unterschiedlichen Projektgeschwindigkeiten ist nicht immer leicht: Wie oft hakt
man nach, um ein Projekt am Leben zu halten? Wie viel
Beratung verträgt ein Projekt, ohne dass die Ursprungsidee verwischt? Ist es sinnvoll, ähnliche Projekte für eine
– vermutete – bessere Wirkung zusammenzuführen? All
diese Fragen müssen stets unter der Prämisse beantwortet werden, dass Selbstorganisation nur gelingt und auch
nur Spaß macht, wenn die Menschen hinter den Projekten mit ihrem (meist ehrenamtlichen) Maß an Energie,
Tatkraft und Ausdauer handeln dürfen.
Nebenbei: Aus der Spielregelgruppe hat sich mittlerweile der Viertelsrat gebildet. Er ist das zentrale Gremium der Nachbarschaft Samtweberei, das in Zukunft
über die konkrete Vergabe des Stadtteilbudgets und der

81

Viertel-Stunden entscheidet. Schritt für Schritt und im
Einvernehmen der Mitglieder wird so aus einer anfangs
losen Arbeitsgruppe ein weitgehend selbst organisiertes,
offenes Gremium mit Entscheidungsgewalt.

SELBST VERANTWORTEN
Informieren, konsultieren, selbst organisieren – diese
Prozesse laufen parallel, mit unterschiedlicher Intensität
zu unterschiedlichen Zeiten oder Anlässen. Das Projekt in
die Selbstverantwortung bzw. in die Hände des Viertels
zu übergeben, wenn sich die Stiftung in einigen Jahren
zurückzieht, geht indes nur, wenn es Menschen mit unternehmerischer Energie gibt, die keine Angst davor haben,
ins Risiko zu gehen. Das ist ein hoher Anspruch, vielleicht zu hoch, wenn man nur den Zeithorizont des Stiftungsengagements vor Ort – fünf bis sieben Jahre – als
Anhaltspunkt nehmen würde. Legt man aber die Laufzeit
des Erbbaurechtsvertrags mit der Stadt Krefeld – insgesamt 60 Jahre – als zeitlichen Horizont an, ist dieses Ziel
um einiges realistischer.
Wir sollten daher regelmäßig Versuche starten, Selbstverantwortung zu fordern und zu fördern, auch um das
Projekt als Ganzes immer wieder zu beleben und aufzufrischen. Denn das Hauptziel bleibt ein funktionierendes
und lebendiges Gemeinwesen im Samtweberviertel, zu
dem die Nachbarschaft Samtweberei einen wesentlichen
Beitrag leisten soll – ohne verkrustete Strukturen und
ohne allzu bequeme Pfade!

FAZIT
Die bisherigen Erfahrungen in Krefeld zeigen uns, wie
wichtig die sozialräumlich orientierte Gemeinwesenarbeit ist. In einer immer heterogener werdenden Gesellschaft – Lebensstile, Familien- und Arbeitsmodelle,
Herkünfte usw. – geht es nicht ohne dieses wichtige
Bindeglied. Neben die bekannten Methoden und Akteure
der gemeinwesenbezogenen Arbeit treten neue Formen
und Agenten. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft wird
bunter – und die Gemeinwesenarbeit wird bunter. Das
bedeutet aber auch: Es führt kein Weg vorbei an einem
wirklich integrierten und vernetzenden Handeln in einem
gemeinsamen Sozialraum – mit so viel Selbstverantwortung wie möglich und nötig.
Autoren: Frauke Burgdorff, Robert Ambrée

82

»Bin ich schön?«

Auf dem Weg zur ersten Evaluierung

Die Nachbarschaft Samtweberei war von Anfang an ein
»geliebtes« Projekt: vor Ort, in den Fachmedien, nicht
zuletzt in der Stiftung selbst. Die Zugewandtheit und
Neugier, die das Vorhaben umgeben, haben eine im besten Sinne selbst verstärkende Wirkung: Sie verleihen ihm
Flügel und sorgen dafür, dass alle hoch motiviert bei der
Sache sind. Was könnte einer Stadt und einem Stadtteil
auch Besseres passieren als dass ein großzügiger, kompetenter Spender auftaucht, der einen Jahrzehnte alten
Investitionsstau beseitigt und die Menschen im Stadtteil
erfolgreich zur Mitgestaltung einlädt? Nichts, könnte man
meinen und damit das Kapitel Wirkungsforschung und
Evaluation so lange schließen, bis Ikarus zu nahe an die
Sonne geflogen ist und sich die Flügel verbrannt hat. Um
dem vorzubeugen und herauszufinden, wo sich ob des
vielen Lobes vielleicht blinde Flecken entwickelt haben,
hat die Montag Stiftung Urbane Räume beschlossen, die
UNS und das Umfeld der UNS zu evaluieren.
Die Evaluation soll eine begleitende Unterstützung
der Praxis vor Ort leisten und nicht die Beurteilung des
Handelns in den Vordergrund stellen. Dementsprechend
wurden folgende Ziele für die Evaluation festgelegt:
—— die zu Beginn des Vorhabens festgelegten Ziele
daraufhin überprüfen, ob sie mit den Bedürfnissen
des Stadtteils korrespondieren und ob sie konkret
mit Maßnahmen hinterlegt sind und damit erreicht 	
werden können;
—— die Wirkung der Maßnahmen auf die Umsetzung der 	
Ziele einschätzen helfen und Hinweise darauf geben, 	
wie diese Wirkung eventuell erhöht werden kann;
—— die Übertragbarkeit des Pilotvorhabens im Programm 	
Initialkapital untersuchen und die »Lessons Learned» 	
Dritten zugänglich machen.
Anhand dieser Anforderungen wurde ein Team mit Erfahrungen in der Evaluation, der Marktforschung, der Stadtteilarbeit und der Moderation ausgewählt. Es hat seit
Januar 2016 den Auftrag, die Arbeit der UNS zu begleiten,
zu reflektieren und mit Hinweisen und Anregungen zu
unterstützen.
Zunächst werden die Ziele der UNS noch einmal
überprüft: Lassen sich mit den 2013 festgelegten Zielen
die Bedürfnisse des Stadtteils beantworten und werden

sie auch in der täglichen Arbeit verfolgt? Dazu hat das
Evaluationsteam die alten und neuen Dokumente und
Aussagen der UNS nach Zielen und Maßnahmen durchforstet und die Beteiligten selbst bewerten lassen, welche
Ziele Priorität haben und welche Maßnahmen welche
Ziele stützen. So viel kann bereits aus der laufenden
Evaluierung berichtet werden: Nicht alle der einst formulierten Ziele stehen auch heute noch auf der Maßnahmen-Agenda. Das heißt, die Projektbeteiligten können
einen Teil der Ziele heute wahrscheinlich präziser formulieren und möglicherweise auch streichen.
Eine Veränderung der Ziele muss nach dem Abschluss
der Evaluation zunächst natürlich erst mit allen Beteiligten beraten werden, denn schließlich haben sie auf Basis
der Ziele im Handlungsprogramm ihre Unterstützung für
das Vorhaben zugesagt. Trotz der eventuell notwendigen
Nachsteuerung ist dies ganz zentral, damit die UNS nicht
in einigen Jahren an Zielen gemessen wird, die dem Stadtteil nicht dienen oder die sie mit ihren Ressourcen nicht
erfüllen kann.
Anschließend wird die Nachbarschaft in der Samtweberei in den Fokus genommen. Wie zahlen die entwickelten Verfahren und Instrumente, wie zum Beispiel die
Moderation der Wohngruppe oder die Viertel-Stunden
der Pioniere, auf die Ziele ein? Haben sie die erwarteten
Effekte auf die Qualität des jeweiligen Projektbausteins
und auf das Stadtviertel? Sind die Prozesse transparent
und ist das Verhältnis von eingesetzten Methoden zum
jeweiligen Zweck auch für die Mieter in der Nachbarschaft Samtweberei nachvollziehbar und effektiv? Aber
auch: Ist die Kultur des Miteinanders zwischen den Nutzern sowie zwischen der UNS und den Nutzern angemessen? Diese und weitere Fragen werden teilweise
anonymisiert und zum Teil in teilnehmender Beobachtung
behandelt. Schon heute zeigt sich, dass sich nach zwei
Jahren gemeinsamer Arbeit bei allem großen Lob auch
ein wenig Staub auf der schönen Sonne angelagert hat
und die UNS aufmerksam bleiben muss, um auch Anregungen und Kritik den notwendigen Raum zu geben.
Das Viertel selbst soll – nach der ersten Bewohnerbefragung in 2013 – ebenfalls wieder befragt werden. Wie
geht es den Menschen im Samtweberviertel auch unabhängig von der Arbeit der UNS? Hat sich im Vergleich
zu 2013 etwas verändert? Dazu werden Menschen im

»Bin ich schön?«

Stadtteil auf Basis eines repräsentativen Samples im Rahmen von Leitfadeninterviews befragt. Dabei wird u. a. untersucht, ob die Nachbarschaft Samtweberei überhaupt bekannt ist, welche Erwartungen die Menschen im Viertel
an sie knüpfen und wo sie eventuell Unverständliches
oder Intransparentes in der Arbeit der UNS wahrnehmen.
Einen besonders intensiven Blick widmet die Evaluation
den Einzelhändlern und Gastronomen im Viertel, denn
sie sind traditionsgemäß wichtige Multiplikatoren für die
Themen, die den Stadtteil berühren.
Und schließlich werden die bereits Aktiven und die
sozialen Institutionen im Viertel darauf hin befragt, wie
sie die Arbeit der UNS bezogen auf die Kultur des Miteinanders und auf die Ergebnisse beurteilen, wo sie
eventuell – auch jenseits der UNS – Möglichkeiten zur
Verbesserung in der sozialraumbezogenen Gemeinwesenarbeit sehen und wie die Mitwirkungs- und Entscheidungsprozesse optimiert werden könnten.
Im Sommer 2016 wird die Evaluation abgeschlossen
sein. Die Ergebnisse werden allen Interessierten zugänglich gemacht und selbstverständlich in den weiteren
Vorhaben des Programms Initialkapital genutzt werden.
Die UNS und die Stadt Krefeld werden erfahren, ob sie die
Ziele erreichen können, die sie sich gesteckt haben, und
ob sie mit Blick auf die jeweiligen Zielgruppen die Wirkung erzeugen, die sie sich erhoffen. Sollte das nicht der
Fall sein, wird die Evaluation bereits erste Hinweise auf
mögliche Verbesserungen geben. Hinsichtlich der Indikatoren und Fragestellungen wird die Evaluation hoffentlich
eine gute Grundlage liefern, wenn sich die UNS in den
kommenden Jahren wieder einmal die Frage stellt, ob
sie noch »schön genug« ist für das Viertel oder ob es Zeit
wäre, sich zu verändern. Schließlich muss auch die UNS
lebendig bleiben, wenn sie zu einem lebendigen Gemeinwesen im Samtweberviertel beitragen will.
Autorin: Frauke Burgdorff

Die Evaluation wird durchgeführt von Doris Sibum (Futur A)
in Zusammenarbeit mit Martina Wegge (Institut für
Modernisierung von Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen) und Georg Fischer (DenkStelle).

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Ausblick
2015 war ein spannendes Jahr für das Programm »Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung«.
Beim Pilotprojekt in Krefeld wurden wichtige Meilensteine erreicht; der bundesweite Projektaufruf hat neben dem
neuen Initialkapital-Projekt in Halle-Freiimfelde viel zur Verbreitung und Weiterentwicklung des Programms beigetragen.
In der ehemaligen Samtweberei in Krefeld stehen für 2016 noch umfangreiche Baumaßnahmen an, die bis 2017
weitestgehend abgeschlossen sein sollten. Parallel werden die Gemeinwesenarbeit, die weitere Profilierung des Viertelsrates und die schrittweise Übertragung der Verantwortung an die Nachbarschaft und das Quartier wesentliche
Themen und Aufgaben sein.
In Halle-Freiimfelde ist mit der Sicherung der »Brache« ein erster, wichtiger Grundstein gelegt. Wie die mehr als
6.000 m² große Fläche im Interesse des Gemeinwohls zu entwickeln ist, werden Stiftung und Stadtteil in 2016 gemeinsam erarbeiten. Idealerweise entstehen auf dem Areal noch in diesem Jahr erste bürgerschaftlich getragene Projekte
und Zwischennutzungen. Im Herbst dieses Jahres wird sich zeigen, ob aus dem europäischen Förderprogramm »Urban
Innovative Actions« Fördermittel für die Quartiersentwicklung nach Freiimfelde fließen werden. Parallel dazu wird beraten und entschieden, mit welchem Immobilienansatz (Investitionen in den Bestand oder in Neubau) das Programm
umgesetzt werden soll. Für die Kooperation mit der Stadt Halle wird ein entsprechender Beschluss des Stadtrats vorbereitet. 2017 sollten bereits erste Maßnahmen des bürgerschaftlichen Quartierskonzeptes umgesetzt und Bürger erste
Teilflächen der »Brache« zur dauerhaften Nutzung und Bewirtschaftung übernommen haben.
Bei 64 Einreichungen zum bundesweiten Projektaufruf war die Qual der Wahl entsprechend groß. Das hat uns gezeigt, dass wir mit dem Programm einen Nerv getroffen haben und das Interesse an gemeinwohlorientierter Immobilienund Stadtteilentwicklung weit verbreitet ist. Dieses große Potenzial bestärkt uns in der Idee, das Programm »Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung« künftig noch intensiver weiter zu verfolgen. Wir gehen ab
2017 auf die Suche nach den nächsten Vorhaben und hoffen, bis zu zwei Projekte pro Jahr starten und gemeinsam
mit anderen Partnern umsetzen zu können.

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Dank
Das Programm »Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung« hat viele Ideengeber, Förderer und
Unterstützer, denen unser Dank gebührt. Allen voran gilt er unserem Stifter Carl Richard Montag und der gleichnamigen
Förderstiftung mit Helmut Krayer, Wolfgang Mohr, Manfred Schuch, dem Kuratorium und den Teams aus unserer Verwaltung und Denkwerkstatt. Wir danken außerdem den vielen Menschen, die uns bei der Programmentwicklung und
Projektumsetzung mit konstruktiver Kritik, Inspirationen und Tatkraft zur Seite standen und stehen:
Joachim Barloschky, Joachim Boll, Ulrich Borsdorf, Barbara Buser, Egbert Dransfeld, Matthias Drilling, Bernhard Faller,
Stefan Gärtner, Rolf Heyer, Wolfgang Kiehle, Rolf Meyer, Rolf Novy-Huy, Klaus Overmeyer, Guido Spars, Mustafa Tazeoglu,
Hermann Ulrich, Michael von der Mühlen und dem Team KALKschmiede* für viele Inspirationen und die konstruktive
Kritik während der Programmentwicklung.
Allen, die sich 2015 am Projektaufruf »Initialkapital II« beteiligt haben, für ihre Konzepte, Ideen und ihr Herzblut.
Klaus Habermann-Nieße, Kirsten Klehn und Simone Müller für ihre kompetente Unterstützung beim Suchprozess
und der verantwortungsvollen Aufgabe, aus 64 Einreichungen ein einziges Projekt auszuwählen.
Die finale Entscheidung zwischen Bremerhaven-Goethequartier und Halle-Freiimfelde ist uns nicht leicht gefallen. Wir
möchten daher noch einmal allen Beteiligten aus diesen beiden Stadtteilen ausdrücklich dafür danken, dass sie gemeinsam mit uns ihre Ideen und Konzepte in Workshops, Begehungen und Gesprächen beständig weiterentwickelt haben.
Bremerhaven Hauke Blumhoff, Birgit Börresen, Norbert Friedrich, Helene Halaris, Brigitte Hawelka, Jochen Hertrampf,
Ivanka Ivanova, Carolin Kountchev, Sandra Levknecht, Hartmut Ringleff, Beate Porombka, Renate Prasse, Moritz
Schmeckies, dem Team der Stadt Bremerhaven und den zahlreichen Initiativen aus dem Goethequartier für ihren
Einsatz für ihren Stadtteil und einen bereichernden Workshop. Sieghard Lückehe für seine Offenheit und sein immobilienwirtschaftliches Know-how.
Halle Drago Bock, Stephen Fliegner, Lars Loebner, Uwe Stäglin, Bernd Wiegand und dem Team der Stadt Halle für
die kompetente Zusammenarbeit. Hendryk von Busse, Danilo Halle, Ilka Müller, Ina Treihse, dem Team der Freiraumgalerie Christiane Lütgert und René Müller für ihre Kontakte, Motivation und unermüdliche Tatkraft vor Ort. Martina
Gapp und Marie Neumüllers für die Unterstützung bei der EU-Antrags-Stellung. Gernot Lindemann für sein Know-how bei
der Immobilienbewertung. Tore Dobberstein, Andreas Haase und ihrem Team, Christian Hampe, Dorothea Tiedke,
Jan-Willem Wesselink für ihre Kreativität und die Unterstützung bei der Konzeptentwicklung. Klaus Althoff, Anna
Böhnke, Verena-Isabell Lehr, dem FreiImFelde e. V., Ines Falk, Thomas Makrinus, Pfarrer Martin Müller und Esther
Offergeld für ihre Netzwerke in dem Stadtteil und der Stadt. Hamit Gökser für den Bagger, Matthias Dargies und seinem
Sohn für das Baggerfahren. Miguel Alfinete, seinem Team, dem Eigenbaukombinat, vor allem aber dem gesamten
Stadtteil für unglaubliche Leistungen beim Frühjahrsputz und das herzliche Willkommen in Freiimfelde.
Mit der laufenden Umsetzung des Pilotprojekts in Krefeld wächst auch dort beständig die Zahl derer, denen wir
gerne unseren Dank aussprechen möchten: Robert Ambrée, Baupiloten, Henry Beierlorzer, Nicolas Beucker, Dieter
Blase, Birgit Causin, Peter Davids, Ingrid Dreißigacker, Katja Fischer, Wasiliki Kragiopoulou, Norbert Hudde, Martin
Linne, Johannes Lomer, Katrin Mevißen, Sabine Nakelski, Kay Noell, Tordis Oberg, Michael Otto, Achim Pfeiffer, Birgit
Pohlmann, Frank Stärke, Stefan Strauß, Rita Tölle, Ursula Werner, Monika Zurnatzis sowie allen anderen Menschen,
Initiativen, Vereinen, Verbänden und Institutionen vor Ort, die sich mit sehr viel Engagement, Know-how und Offenherzigkeit für ein lebendiges und lebenswertes Samtweberviertel einsetzen.

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Impressum
Herausgeber
Montag Stiftung Urbane Räume gAG
Oliver Brügge, Frauke Burgdorff
Adenauerallee 127
53113 Bonn
Tel.: 0228 26 716 470
urbaneraeume@montag-stiftungen.de
www.montag-stiftungen.de/mur
Externe Textbeiträge
Klaus Habermann-Nieße, Kirsten Klehn und
Simone Müller (plan zwei)
Jörg Jung
Sebastian Kurtenbach
Texterstellung und Redaktion
Dirk E. Haas (REFLEX architects_urbanists)
Yasemin Utku (sds_utku)
Korrektorat
Tanja Jentsch (7 Silben)
Layout und Grafik
Sandra Scholten (Montag Stiftung Urbane Räume gAG)
Druck
Buersche Druck und Medien GmbH, Bottrop

Bildnachweis
Architekturbüro Heinrich Böll: Abb. 48
Nicolas Beucker: Abb. 43
Richard Grüll: Abb. 47, 49
Danilo Halle: Titel, Abb. 33
Siti Jubaedah-Gräfe: Abb. 38
Jörg Jung / Verena Maas: Abb. 2-16
Janine Lück: Abb. 40
HauptwegNebenwege: Abb. 36
Sebastian Maaß: Abb. 46, 51-53
Montag Stiftung Urbane Räume: Abb. 26-30, 32, 34-35, 57
Navigo (Olaf Müller-Hanssen): Abb. 31
Thomas Puschmann: Abb. 1
Marcel Rotzinger: Abb. 17-25, 39, 41-42
Urbane Nachbarschaft Samtweberei: Abb. 37, 44-45, 50, 54-56
Hinweis
Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit wird auf
geschlechtsspezifische Formulierungen verzichtet.
Selbstverständlich beziehen sich alle gewählten
personenbezogenen Bezeichnungen auf alle Geschlechter.

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Bonn, Juli 2016
Diese Lizenz erlaubt Ihnen, dieses Werk zu verbreiten, zu bearbeiten, zu verbessern und darauf
aufzubauen, auch kommerziell, solange die Urheber des Originals, also die Herausgeber, genannt
werden und die auf deren Werk / Inhalt basierenden neuen Werke unter denselben Bedingungen
veröffentlicht werden (Creative Commons Lizenzmodell ATTRIBUTION SHARE ALIKE). Ausdrücklich
nicht unter dieses Lizenzmodell fallen alle unter »Bildnachweis« angegebenen Abbildungen.
www.montag-stiftungen.de

Impressum
Herausgeber:

Lenkungskreis Ökoprofit
Bergisches Städtedreieck
Geschäftsführung:

2015 war ein spannendes Jahr für das Programm »Initialkapital für eine chancengerechte
Stadtteilentwicklung«. Im Krefelder Pilotprojekt Urbane Nachbarschaft Samtweberei wurden
wichtige Meilensteine erreicht. Aus dem bundesweiten Projektaufruf ist ein neues Projekt
in Halle-Freiimfelde hervorgegangen und das Programm selbst wurde weiterentwickelt:
Ab 2017 werden wir auf die Suche nach den nächsten Vorhaben gehen, um jährlich bis zu
zwei weitere Projekte starten zu können.
Unsere Erfahrungen und Fragestellungen aus dem Programm »Initialkapital« sind in der
vorliegenden Publikation aufbereitet. Sie soll vor allem jenen Kommunen, Unternehmen,
Verbänden und zivilgesellschaftlichen Initiativen, die mehr Verantwortung für eine stärker
am Gemeinwohl orientierte Stadtteilentwicklung übernehmen wollen, als Hilfestellung,
Inspiration und Ermutigung dienen.

Montag Stiftung Urbane Räume
Gemeinnützige Aktiengesellschaft
Adenauerallee 127
53113 Bonn
Telefon: +49 (0) 228 2 67 16-470
urbaneraeume@montag-stiftungen.de
www.montag-stiftungen.de/mur
        
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