Path:

Full text: Faktenpapier Windenergie in Hessen: Rentabilität und Teilhabe

Hessisches Ministerium für Wirtschaft,
Energie, Verkehr und Landesentwicklung

Faktenpapier
Windenergie in Hessen:
Rentabilität und Teilhabe
Bürgerforum Energieland Hessen

www.energieland.hessen.de

2

Inhalt

1	Einführung ......................................................................................................................................................... 3
2	 Die wichtigsten Erkenntnisse
des Faktenpapiers auf einen Blick ......................................................................... 4
3	Hintergrund ..................................................................................................................................................... 5
3.1	Ausgangssituation ............................................................................................................................................ 6
3.2	 Faktencheck Windenergie in Hessen – Rentabilität und Teilhabe .................................. 7

4	Ergebnisse ..................................................................................................................................................... 10
4.1	 Kosten und Erträge von Windenergieanlagen ......................................................................... 11
4.2	 Risiken der Ertragsprognose ................................................................................................................. 14
4.3	 Wie entwickelt sich der Markt? ............................................................................................................. 16
4.4	 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen ........................................................ 19

5	Fazit ............................................................................................................................................................................ 24
6	 Zum Weiterlesen ................................................................................................................................ 26

1 Einführung

1	Einführung
Das Landesprogramm Bürgerforum Energieland Hessen (BFEH) unterstützt die
Energiewende in Hessen durch zielgerichtete Informations- und Dialog-Angebote
für Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger zu Themen rund um Energieeffizienz und regenerative Energien.
Der größte Beratungsbedarf seitens der Kommunen besteht derzeit beim Thema
Windenergie. Dabei unterstützt das Bürgerforum bei fachlichen Fragestellungen
und beim Umgang mit gegebenenfalls vor Ort auftretenden Konflikten. Dabei
ist das BFEH flexibel bezüglich der nachgefragten fachlichen Schwerpunkte (z. B.
Artenschutz, Landschaftsbild oder Gesundheit) und bezüglich des Formats – von
großen Dialogveranstaltungen über Energie-Coaching bis hin zu Mediation und
Konfliktbearbeitung im kleineren Kreis.
Themen von landesweiter Bedeutung wie z. B. Infraschall oder Wirtschaftlichkeit
werden in zentralen Faktenklärungsprozessen mit renommierten Experten diskutiert und aufbereitet.
Das Ergebnis eines solchen Prozesses ist das vorliegende Faktenpapier zur Rentabilität von Windenergieanlagen in Hessen sowie zur möglichen finanziellen Teilhabe der Bevölkerung und der Kommunen in den Regionen. Inhaltliche Grundlagen
für das Papier sind Aussagen von führenden deutschen Experten im Rahmen eines
Expertengesprächs am 21. Juli 2015 in Gießen. Dieses fand unter Einbeziehung
von Kommunalvertretern und Vertretern von Verbänden statt.
Das Landesprogramm Bürgerforum Energieland Hessen wird im Auftrag des
Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung
(HMWEVL) von der HA Hessen Agentur GmbH umgesetzt, die sich dabei eng
mit den Regierungspräsidien und dem Regionalverband FrankfurtRheinMain abstimmt. Drei Projektpartner (team ewen mit Genius, IFOK und DIALOG-BASIS)
übernehmen Organisation, Moderation und Beratung vor Ort in den Kommunen
und bei den landesweiten Faktenklärungen.
Seit Mitte 2013 wurden etwa 30 Veranstaltungen in rund 25 hessischen Kommunen
vorbereitet, durchgeführt und dokumentiert. Dabei wurden bisher etwa 3.000 Bürgerinnen und Bürger unmittelbar erreicht. Das von den beteiligten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern als hilfreich bewertete Landesprogramm ist für neue
Kommunen weiterhin offen.

3

4

2 Die wichtigsten Erkenntnisse des Faktenpapiers auf einen Blick

2	Die wichtigsten Erkenntnisse des 		
Faktenpapiers auf einen Blick
•	 Windenergieanlagen an Land können rentabel betrieben werden. Die zugesicherte
Einspeisevergütung für erneuerbare Energien ist dabei als Absicherung der Investitionen nötig.
•	 Während Flächenverpächter, Projektierer und Banken an den Anlagen verdienen,
erhalten Anleger oft nicht die versprochenen Verzinsungen. Eine Übersicht von
1.620 Jahresabschlüssen zeigt: Nur jeder achte Windpark erreichte die prospektierten Erlöse. Der Grund dafür war ein zu großer Optimismus der Planer: Der Wind
wurde überschätzt, es wurden zu hohe Verzinsungen versprochen, Wartungs- und
Reparaturzeiten wurden unterschätzt.
•	 Das Problem, dass der Wind überschätzt wurde, hat man im Hinblick auf zukünftige
Anlagen voraussichtlich im Griff. So gibt es z. B. verbesserte Windmessverfahren und
keine Bank gibt mehr Kredite ohne Gutachten mit ausreichenden Messergebnissen.
Dennoch zeigen Zahlen aus den Jahren 2013 und 2014 auch für moderne Anlagen,
dass der tatsächliche Windertrag unterhalb der über 20 Jahre prognostizierten
Windmittelwerte lag. Man muss dabei aber auch wissen: Meteorologisch gibt es immer wieder stärkere und schwächere Windjahre. Das erste Halbjahr 2015 war deutlich windiger als die Vorjahre.
•	 Neue Windparks mit zuverlässigen Windprognosen, mit vorsichtigen Ertragsschätzungen und zurückhaltenden Verzinsungsversprechungen werden die erwarteten
Erlöse mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen.
•	 Die Umstellung des EEG auf Ausschreibungen stellt eine Herausforderung für Standorte im Binnenland dar. Durch die neuen Regelungen, die 2016 vom Bundestag
beschlossen werden sollen und ab 2017 für neue Windenergieanlagen gelten sollen,
werden zukünftig Vergütungen für Windstrom über ein bundesweites Ausschreibungssystem festgesetzt.
•	 Mit Modellen der Energiegenossenschaft oder der kommunalen Beteiligung lassen
sich nicht nur Bürgerinnen und Bürger finanziell einbeziehen, hier wird meist auch
vorsichtiger kalkuliert, als bei anderen Windenergieprojekten.
•	 Trotz im Grundsatz bestehender wirtschaftlicher Risiken stellen Windenergieanlagen
interessante Anlagemöglichkeiten für Bürger und Kommunen dar. Wer investieren
will, muss die Risiken und Chancen einer Beteiligung sorgsam abwägen. Letztlich ist
es aber wünschenswert, dass ein Teil der Wertschöpfung in den Kommunen vor Ort
verbleibt. Häufig können Kommunen dabei über Pachteinahmen oder Nutzungsrechte auch ohne finanzielles Risiko Einnahmen generieren.
•	 Über die direkte Beteiligung von Bürgern und Kommunen kann man – mit dem wirtschaftlichen Risiko eines Unternehmens – Wertschöpfung, Mitbestimmung und unter
Umständen auch eine breitere Zustimmung zu regionalen Windenergieanlagen
schaffen. Andere Modelle wie Windsparbriefe regionaler Banken bergen ein geringeres finanzielles Risiko und könnten, wie z. B. auch regionale Stromprodukte, von
beteiligten Stadtwerken breitere Bevölkerungskreise erreichen.

5

Hintergrund

6

3.1 Ausgangssituation

3.1		Ausgangssituation
Das Land Hessen hat sich für die Energiewende ehrgeizige Ziele gesetzt. Zwei Prozent der Landesfläche sollen als Vorranggebiete für den Ausbau der Windenergie
vorgesehen werden. Derzeit ist die Regionalplanung in den drei hessischen Regierungsbezirken dabei, Teilregionalpläne
für das Thema Energie aufzustellen, in denen konkrete Flächen als Vorranggebiete
ausgewiesen werden. Parallel bauen und
betreiben Unternehmen und Stadtwerke
Windparks in Hessen. Insgesamt waren in
Hessen Ende 2014 841  Windenergieanlagen im Betrieb (www.energieland.hessen.
de/windenergie).

und Solaranlagen kommt? Handelt man
sich damit nicht Probleme bei der Versorgungssicherheit ein? Viele Menschen sehen
die Energiewende als notwendig an und
sind bereit, die Windanlagen in ihrer heimatlichen Landschaft zu akzeptieren. Diese Bereitschaft schwindet aber, wenn kein
ganzheitlicher Plan für ein zukunftssicheres
Energiesystem ersichtlich ist (siehe hierzu
auch Faktenpapier Windenergie an Land:
Energiewirtschaft und Systemintegration:
www.energieland.hessen.de/buergerforum_energie).
In den Diskussionen vor Ort werden zu diesen Fragen oft subjektive und emotional
aufgeladene Positionen vertreten. Das Bürgerforum Energieland Hessen stellt die vor
Ort aufgeworfenen Fragen zusammen und
führt sie einer landesweiten wissenschaftlich fundierten Klärung zu.

Während Genehmigung, Bau und Betrieb
von Windanlagen in einigen Kommunen
einvernehmlich vor sich gehen, gibt es andernorts auch Proteste. Der Teilregionalplan
Nordhessen beispielsweise sieht sich in
seiner 2. Offenlegung mit einer Vielzahl an
Einwendungen konfrontiert (über 30.000,
davon viele inhaltsgleich).
Die Proteste beziehen sich häufig auf die
konkrete Situation vor Ort: Es gibt die Sorge, dass der Schall der Anlagen gesundheitliche Folgen haben könnte. Es besteht
Sorge um bedrohte Tierarten, insbesondere Vögel und Fledermäuse. Man befürchtet
eine Veränderung der Landschaft und damit eine schwindende Attraktivität für Bewohner und Touristen.
Neben diesen konkreten Sorgen geht es
aber immer wieder auch um grundsätzliche
Fragen: Funktioniert eine Energiewende,
bei der der Strom zunehmend aus Wind-

Regierungspräsident Dr. Lars Witteck spricht das Grußwort zum
Faktencheck am 21.7.2015 in Gießen.

3.2 Faktencheck: Windenergie in Hessen – Rentabilität und Teilhabe

3.2		 Faktencheck
Windenergie in
Hessen – Rentabilität
und Teilhabe
„Windenergieanlagen rechnen sich, sonst
würden sie nicht gebaut.“ So die Position
der Befürworter. „Die meisten Anlagen, darunter auch modernste Windparks, schreiben rote Zahlen“, sagen die anderen. Was
stimmt nun? Und was heißt das für den Ausbau der Windenergie in Hessen? Kann man
Kommunen und auch Bürgerinnen und Bürgern guten Gewissens empfehlen, ihr Geld
in Windenergieanlagen anzulegen?
Das Bürgerforum Energieland Hessen hat
zu diesen Fragen vier renommierte Experten gewinnen können. Rund 80 Vertreterinnen und Vertreter aus der hessischen Politik,
darunter der Gießener Regierungspräsident, Kommunalvertreter sowie Mitglieder
von Verbänden folgten am 21.  Juli  2015
der Einladung des Bürgerforums Energieland Hessen. Ziel der Veranstaltung war
es, durch den Austausch von Informationen
und Erfahrungen eine belastbare Diskussionsgrundlage für Politiker und Bürger vor
Ort zu schaffen. Das vorliegende Faktenpapier sowie ein kurzes Video fassen die
Ergebnisse zusammen und stellen sie der
interessierten Öffentlichkeit online zur Verfügung: www.energieland.hessen.de/buergerforum_energie.
Im Anschluss an die Vorträge diskutierten Bürgermeister Steinmetz (Felsberg),
Erster Kreisbeigeordneter Dr. Wallmann
(Werra-Meißner-Kreis) und Bürgermeister
Bachmann (Trendelburg) ihre kommunale

Situation im Hinblick auf den Ausbau der
Windenergie. Sie erklärten, dass die finanzielle Beteiligung der Kommune und der Bürgerschaft eine interessante Strategie sei, die
z. T. auch bei ihnen beschritten wird. Für die
Menschen vor Ort sei aber vor allem wichtig, dass ein Teil der Wertschöpfung auch
vor Ort verbleibt. Wenn die Gemeindekasse
Zuflüsse habe, sei es über Pachteinnahmen,
über Verzinsungen oder über Rückflüsse
aus Wiesbaden, komme dies allen Bürgerinnen und Bürgern zugute, nicht nur denen,
die sich eine Beteiligung leisten können.
Im Anschluss an die Expertenvorträge wurden die einzelnen Aspekte durch Fragen
aus dem Publikum vertieft. Im Mittelpunkt
stand dabei, ob die Übersicht über die Jahresbilanzen von 1.620 Windparks repräsentativ und auch auf die Zukunft übertragbar
sei. Am Ende ging es um Grundsätzliches
zu Themen wie die Verteilung der Lasten
und Nutzen von Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Energiewende: Ist es nicht
ein Luxusproblem, wenn man sich statt einer
Rendite mit 8 % mit einer Rendite von 4 %
zufrieden geben muss – während anderswo
auf der Erde, etwa auf den Philippinen, den
Menschen das Wasser buchstäblich bis zum
Hals steht.

7

8

3.2 Faktencheck: Windenergie in Hessen – Rentabilität und Teilhabe

Die Experten

Werner Daldorf
ist Steuerberater in eigener Praxis in Kassel. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeographie und ist Diplom-Kaufmann. Als Vorstandsvorsitzender des Anlegerbeirats des Bundesverbands WindEnergie e. V. (BWE)
vertritt er die Interessen der Anleger. Er ist Mitgründer einer Bürgerwindparkgesellschaft im Raum Göttingen mit heute 360 Gesellschaftern, die acht
Windenergieanlagen mit 14,25 Megawatt betreibt. Beginnend 1998 wertete
er inzwischen 460 Kapitalanlageprospekte von deutschen onshore-Windparks
und 1.620  Windpark-Jahresabschlüsse der Geschäftsjahre 2000 – 2014 von
211 Windparkgesellschaften aus.

Volker Berkhout
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer Institut für Windenergie
und Energiesystemtechnik (IWES) in der Abteilung “Windparkplanung und
-betrieb”. Er ist Wirtschaftsingenieur (FH) und erwarb an der Universität Kassel einen Masterabschluss im Bereich Erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Berkhout arbeitet im Monitoring der Entwicklung der Windenergie
und ist Mitautor des Windenergie Report Deutschland, den das Fraunhofer
IWES jährlich herausgibt. Außerdem ist er Mitglied in der Arbeitsgruppe
„Task 26“ der Internationalen Energie Agentur (IEA), die sich mit den Kosten
der Windenergie beschäftigt. Zu seinen Forschungsfeldern zählt außerdem
die Optimierung von Wartungs- und Instandhaltungsprozessen in der Betriebsführung von Windparks.

3.2 Faktencheck: Windenergie in Hessen – Rentabilität und Teilhabe

Dr. Thorsten Boos
ist Rechtsanwalt, Steuerberater und Fachanwalt für Steuerrecht. Er ist Geschäftsführender Partner der Schüllermann und Partner AG, sowie Geschäftsführer der Schüllermann – Wirtschafts- und Steuerberatung – GmbH mit Sitz in
Dreieich. Er ist studierter Jurist, Fachanwalt für Steuerrecht und Steuerberater.
Der Schwerpunkt seiner Beratungstätigkeit liegt in der Realisierung kommunaler Windenergie- und Immobilienprojekte, in der Begleitung kommunaler Umstrukturierungs-, Privatisierungs- und Rekommunalisierungsvorhaben sowie
in der Unterstützung von Projekten der interkommunalen Zusammenarbeit.
Er ist Mitglied im Prüfungsausschuss des Hessischen Ministeriums für Finanzen für die Steuerberaterprüfung im Lande Hessen sowie im Bundesverband
WindEnergie e. V. (BWE).

Thomas Pfister
ist Referent für nachhaltige Geldanlagen bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Er ist studierter Sozialökonom. Zu seinen Themenschwerpunkten bei der Verbraucherzentrale zählen unter anderem Bürgerenergieanlagen, Finanzierung energetischer Modernisierungsmaßnahmen,
ethisch-ökologische Banken und Investmentfonds sowie Crowdinvesting.

9

10

Ergebnisse

11

4.1 Kosten und Erträge von Windenergieanlagen

4.1	Kosten und
Erträge von Windenergieanlagen

Hauptinvestitionskosten
(Turm, Gondel, Rotorblätter)
Fundament
Netzanbindung
Erschließung

78+4+26I
Planung

Sonstiges

Windenergieanlagen haben derzeit Investitionskosten von etwa 1.700 EUR je
Kilowatt installierte Leistung. Das bedeutet: Eine Anlage mit 3 Megawatt kostet
etwa 5 Mio. EUR. Mehr als drei Viertel dieser Kosten fallen für die eigentliche technische Anlage an (siehe Abbildung 1).
Dazu kommen jährliche Betriebskosten in
Höhe von ca. 2,5 Cent je produzierter Kilowattstunde. Besagte Anlage hätte dann
bei etwa 2.000 Volllaststunden im Jahr Betriebskosten in Höhe von 150.000 EUR im
Jahr. Diese Kosten sind anfangs geringer
als am Ende der Laufzeit. Den Löwenanteil machen hier Wartung und Reparatur
sowie die Pacht aus (siehe Abbildung 2).

6 %

6 %

2 %

4 %

4 %

78 %

Abbildung 1:	 Zusammensetzung der Investitionskosten
von Windenergieanlagen (nach Präsentation Berkhout, aus
Windenergie Report 2014, Fraunhofer IWES, Datenquelle:
Kostensituation der Windenergie an Land in Deutschland,
2013, Deutsche Windguard GmbH).

Sonstige Kosten
Rücklagen
Versicherung

Betriebskosten (ct/kWh)

Betriebsführungskosten

2,68

Pachtzahlungen
Wartung und Reparatur

2,41

2

1

0
1 – 11 Jahre

11 – 20 Jahre

Abbildung 2:	 Zusammensetzung der Betriebskosten von Windenergieanlagen für die ersten elf Jahre sowie für weitere neun
Jahre der Lebensdauer (nach Präsentation Berkhout, aus:, Windenergie Report 2014, Fraunhofer IWES, Datenquelle: Kostensituation der Windenergie an Land in Deutschland, 2013, Deutsche Windguard GmbH).

12

4.1 Kosten und Erträge von Windenergieanlagen

Stromgestehungskosten (Cent/kWh)

12

11,07
11

9,85
10

9,00
9

8,24
7,74

8

7,34

7,00

7

6,71

6,47

6,25

6

5

60 %

70 %

80 %

90 %

100 %

110 %

120 %

130 %

140 %

150 %
Standortqualität

Mittlere Stromgestehungskosten

Abbildung 3:	 Zusammenhang zwischen Standortqualität und Stromgestehungskosten (nach Präsentation Berkhout, Zahlen
nach: Kostensituation der Windenergie an Land in Deutschland, 2013, Deutsche Windguard GmbH)

Addiert man die Kosten für Abschreibungen
auf die Investitionen (inklusive der Finanzierungskosten und geplanten Ausschüttungen) sowie die Betriebskosten über den
Betriebszeitraum, berücksichtigt die Abzinsungseffekte und teilt die Summe durch die
produzierte Strommenge, so erhält man die
Stromgestehungskosten. Eine beispielhafte
Kalkulation für einen Windpark in Hessen
mit drei Anlagen von jeweils 2,5 MW führt
zu Stromgestehungskosten von 9,7 Cent je
Kilowattstunde.

•	 Es wird von einer Lebensdauer von
20 Jahren ausgegangen. Die Anlage
wird über 16 Jahre abgeschrieben und
der Kredit läuft ebenfalls über 16 Jahre. Das bedeutet: Ab dem 17. Jahr
können ohne Kreditbelastung höhere
Gewinne ausgeschüttet werden.
•	 Über eigenes Geld (des Unternehmens, der Genossenschafter, Einlagen
von Bürgern u. ä.) werden 22 % des
nötigen Kapitals aufgebracht (Eigenkapital). Für dieses Eigenkapital wird

13

4.1 Kosten und Erträge von Windenergieanlagen

eine Rendite (Verzinsung) von 9 % versprochen. Die Bank steuert den größeren Teil des Kapitals zu, sie nimmt
3,6 % Zinsen.
•	 Man bewegt sich im Mittelgebirge, die
Standortqualität wird – orientiert an
einem rechnerischen Gunststandort –
mit 70 % angenommen und es wird von
2.220 Volllaststunden im Jahr ausgegangen (Präsentation Berkhout, Zahlen
nach IEA Wind Task 26: Wind Technology, Cost, and Performance Trends in
Denmark, Germany, Ireland, Norway,
the European Union, and the United
States: 2007 – 2012).
Die Stromgestehungskosten hängen dabei stark von der Standortgunst ab (siehe
Abbildung 3): Anlagen an der Küste mit
besseren Standortqualitäten (v. a. stärkerer und regelmäßigerer Wind) kommen
auf deutlich geringere Gestehungskosten
(eher 7 Cent je Kilowattstunde).
Diesen Kosten stehen Erlöse gegenüber:
Für Windstrom aus neu zugebauten Anlagen wird nach aktuellem EEG eine Vergütung von 8,9 Cent je Kilowattstunde gezahlt.
Das bedeutet: Der Betreiber vermarktet seinen Windstrom – und zusätzlich zu den Einnahmen aus dem Stromverkauf bekommt er
Zuschüsse in Form der sogenannten Marktprämie. Die Zuschüsse sorgen dafür, dass er
insgesamt 8,9 Cent je Kilowattstunde einnimmt.
Nachdem alle Rechnungen bezahlt sind
(der Bau der Windenergieanlage, die Pacht
für die Fläche, Tilgung und Zinsen für die
Bank), bleibt nicht mehr genügend Geld
übrig, um die versprochenen 9 % Zinsen in
voller Höhe auszuschütten. Während Flä-

chenverpächter, Projektierer und Banken
(Fremdkapital) wie geplant an den Anlagen
verdienen werden, werden die versprochenen Verzinsungen im eigenen Unternehmen bzw. für die Genossenschafter oder
sich beteiligenden Bürgerinnen und Bürger
niedriger liegen. So würden sich im Beispiel
für 4 % Rendite Stromgestehungskosten
von etwa 8,4 Cent je Kilowattstunde ergeben. 8,9 Cent entsprächen in dem Beispiel
6,4 % Eigenkapitalrendite. Mit Blick auf die
sonstige Verzinsung am Kapitalmarkt kann
eine Windenergieanlage „unter Plan“ also
eine durchaus attraktive Anlage sein.

14

4.2 Risiken der Ertragsprognose

4.2		Risiken der
Ertragsprognose
Ein Risiko besteht darin, dass der erzeugte
Strom nicht abgeführt werden kann. Allerdings geht das nur bei selbst verschuldeten technischen Problemen zu Lasten des
Betreibers. Kann das Stromnetz den Strom
nicht aufnehmen, geht das zu Lasten des
Netzbetreibers. Ein weiteres Risiko: Der
Wind bläst, aber die Windenergieanlage
läuft nicht, etwa weil Wartung oder Reparatur länger dauern als geplant.
Das Hauptrisiko liegt jedoch in der Windprognose. Diese enthält die erwartete Häufigkeitsverteilung der Windgeschwindigkeiten am Standort. Aus diesen Angaben für
das Windangebot wird der zu erwartende
Energieertrag für eine konkrete Anlage abgeschätzt. Um die Angaben für verschiedene Standorte und verschiedene Anlagentypen vergleichbar zu machen, wird der
erwartete Energieertrag in Volllaststunden
umgerechnet. Bei Volllaststunden fasst man
die vielen Stunden, in denen die Anlagen in
Teillast fahren, so zusammen, als würden sie
in entsprechend kürzerer Zeit dauerhaft auf
voller Last fahren.
•	 Die Windstärke ist von großer Bedeutung. An der Küste ist der Wind stärker,
man baut weniger große Anlagen (eher
150 Meter Gesamthöhe), im Binnenland werden auf Schwachwind optimierte Anlagen gebaut (eher 200 Meter Gesamthöhe).

Das Fraunhofer-Institut für Energiesysteme
und Windenergie hat sich intensiv mit den
Unsicherheiten von Windenergieprognosen beschäftigt. Abgesehen von Rechenfehlern oder fehlerhaften Messgeräten gibt
es grundsätzliche Probleme bei Prognosen:
•	 Es wird vielleicht gar nicht an der Stelle
gemessen, wo die Windenergieanlage
gebaut werden soll. Statt in 140 Meter
Höhe wird nur in 100 Meter Höhe gemessen, oder man nimmt nur Messdaten von einer 10 Kilometer entfernten
Anlage und rechnet diese Zahlen hoch.
Mittlerweile wird zunehmend vor Ort
gemessen und dies mit Ergebnissen
von benachbarten Anlagen abgeglichen. Und statt der alten störanfälligeren akustischen Messungen von
Windgeschwindigkeit und Windrichtung, werden zunehmend Laser-basierte Messsysteme (LIDAR) gewählt.
•	 Man misst in einem einzelnen Jahr und
muss das Ergebnis auf die 20 oder
25 Jahre hochrechnen, in denen die
Anlage läuft. Dafür legt man sogenannte regionale Windindizes zugrunde, die
das aktuelle Jahr auf das langjährige
Mittel beziehen. Auch diese Windindizes waren in der Vergangenheit
aufgrund geringerer Erfahrungswerte
oft ungenau. Aufgrund zusätzlicher Informationen zu den Windverhältnissen
über einen längeren Zeitraum wurden
die Windindizes inzwischen deutlich
verbessert. Dennoch sind Aussagen zu
zukünftigen Winderträgen weiterhin
grundsätzlich unsicher.

4.2 Risiken der Ertragsprognose

Weitere Risiken: Die Anlage steht häufiger
als geplant still, da die Wartung aufwändiger ist – dies kann etwa bei älteren Windenergieanlagen mit Getrieben der Fall sein.
Oder für die Pacht muss mehr Geld aufgewendet werden, da aufgrund der Konkurrenz mit anderen Unternehmen die Preise
steigen.
Um den Risiken im Hinblick auf die Energieproduktion zu begegnen und um den Wechsel von guten und schlechten Windjahren
auszugleichen, werden Wahrscheinlichkeiten herangezogen. Während „optimistische
Planer“ von einem Sicherheitsniveau von
50 % ausgehen (gleiche Wahrscheinlichkeit
der Unter- wie der Überschreitung der jährlich prognostizierten Energieproduktion),
gehen vorsichtige Planer nur noch von einem Sicherheitsniveau von 90 % aus. Das
bedeutet, dass nur mit einer 10 -prozentigen Wahrscheinlichkeit das eingetretene
Ergebnis schlechter als die Prognose ist.

15

16

4.3 Wie entwickelt sich der Markt?

4.3		 Wie entwickelt
sich der Markt?
Mit der Installation höherer und besser angepasster Windenergieanlagen bewegt
sich die entscheidende Zahl der Volllaststunden nach oben.
Abbildung 4 zeigt, dass die Generation
der 2010 gebauten Windenergieanlagen im bundesweiten Durchschnitt nahe
2.000  Volllaststunden im Jahr kommt. Es
zeigt sich aber auch, dass es unterschiedlich
windreiche Jahre gibt. Während 2012 ein
eher durchschnittliches Jahr war, zeigen die
Windindizes, dass 2013 und 2014 im Binnenland im 10-jährigen Mittel vergleichs-

weise windschwache Jahre waren (siehe
http://www.iwr.de/wind/wind/windindex/
index.html).
Dies zeigt auch die Zusammenstellung des
Vereins „Vernunftkraft“ in Abbildung 5, wonach in den Jahren 2013 und 2014 nur wenige Anlagen mehr als 2.000 Volllaststunden im Jahr erreichen konnten.
Für die neueste Generation an Windenergieanlagen mit Rotordurchmessern
ab  100  Metern und Turmhöhen von über
120 Metern, so Volker Berkhout, „konnten
wir für das Jahr 2014 82 Anlagen auswerten.
Es ergibt sich für das Jahr 2014 eine Volllaststundenzahl von im Mittel 2086 Stunden.“
Das größte Risiko für aktuell geplante Windenergieanlagen ist ohne Zweifel die Unklar-

Windjahr 2011
Windjahr 2012
Windjahr 2013

Volllaststunden (h)

2.000
1.800
1.600
1.400
1.200
1.000
800
600
400
200
0
Generation �95
40 – 44 m Rotor
61 m Turm

Generation �00
60 – 66 m Rotor
77 m Turm

Generation �05
70 – 77 m Rotor
92 m Turm

Generation �10
82 – 90 m Rotor
104 m Turm

Abbildung 4:	 Entwicklung der Volllaststunden über die Zeit –Mittelwerte (nach Präsentation Berkhout, Zahlen nach: Monatliche
Ertragsdaten der Betreiber-Datenbasis)

17

4.3 Wie entwickelt sich der Markt?

bis 1.700 h/a
bis 2.000 h/a
größer 2.000 h/a

80+10+I 83+10+7I

2013 für 558 Anlagen

2014 im Netz von TenneT für 562 Anlagen

6,9 %

10,4 %

9,4 %

10,6 %

79 %

83,6

Abbildung 5:	 Verteilung der Volllaststunden in Hessen (nach Input Ahlborn).

heit bezüglich der zukünftigen Vergütung.
§ 2 des Gesetzes für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG 2014) sagt in Absatz 5:
Die finanzielle Förderung und ihre Höhe sollen für Strom aus erneuerbaren Energien …
bis spätestens 2017 durch Ausschreibungen
ermittelt werden. Dies bedeutet: Es wird
nicht mehr per se die Einspeisung mit einem
vorher festgelegten Satz vergütet, sondern
die Betreiber müssen mit ihren Stromgestehungskosten in einen Wettbewerb eintreten. Würde dieser Wettbewerb bundesweit stattfinden, hätten hessische Standorte
gegenüber Küstenstandorten kaum eine
Chance. Würde regional ausgeschrieben,
würden sich im Binnenland die Anlagen
in windstärkeren Gebieten – in der Regel
in den Höhenlagen – gegenüber anderen
durchsetzen. Das vom Bundeswirtschaftsministerium vorgelegte Eckpunktepapier

schreibt hierzu: „Die Aufgabe des Referenzertragsmodells im Ausschreibungssystem
ist es, Standorten bundesweit die erfolgreiche Teilnahme an der Ausschreibung zu ermöglichen, ohne dabei den Anreiz zum Bau
an besseren Standorten vollständig zu nivellieren. Dazu bedarf es einer Angleichung
der möglichen Projektrenditen im Vergleich
zu den zum Teil erheblichen Spreizungen in
der bisherigen Systematik.“ Diese Regelung
wird den Ausbau in Hessen möglicherweise
bremsen.

18

4.3 Wie entwickelt sich der Markt?

1.620 Jahresabschlüsse von Windparks im Vergleich
Steuerberater Werner Daldorf aus Kassel ist nicht nur Miteigentümer eines seit 1993 betriebenen Windparks, er sammelt und analysiert seit 1994 Prospekte und Jahresabschlüsse
von Windparks. Im Zeitraum von 2000 bis 2013 hat er 1.620 Jahresabschlüsse von Windparks geprüft. Diese Jahresabschlüsse sind jedoch nicht repräsentativ. Einen Großteil davon übersenden ihm enttäuschte Anleger. Im Ergebnis zeigt sich, dass nur jeder achte
Windpark die prospektierten Erlöse vollständig erreichte. Die im Mittel erreichten Erlöse
betrugen für die 1.620 untersuchten Jahresabschlüsse 86,8 %. Das bedeutet: Der Investor,
der Projektierer, der Betreiber, die Bank und der Flächenverpächter erhielten ihr Geld. Die
das Fremdkapital beisteuernden Anleger erhielten ebenfalls Geld, allerdings weniger als
man ihnen versprochen hatte – und zwar statt 8 % im Mittel nur 3,2 % des eingesetzten Eigenkapitals. Ursachen für das Verfehlen der Ziele waren laut Daldorf:
•	 schlechte Windgutachten, etwa ohne einjährige Windmessungen am Standort,
•	 fehlerhafte Windindizes als Planungsgrundlagen,
•	 zu geringe Sicherheitsabschläge von den Windprognosen,
•	 Unterschätzung der Anlagenstillstände bei Getriebeanlagen durch Wartung und
Reparaturen (auch durch fehlende Kranverfügbarkeit),
•	 „planerischer Optimismus“ der Initiatoren als Verkaufs- und Gewinnmaximierungsstrategie.
Dabei zeigte sich, dass Energiegenossenschaften vorsichtiger hinsichtlich der versprochenen Ausschüttungen vorgehen. Hier werden häufig Renditen von 4 oder 4,5 Prozent versprochen – und diese Werte werden auch eingehalten. Das hängt Herrn Daldorf zufolge
auch mit der Rechtsform zusammen: Haben die Anleger wenig Mitsprachemöglichkeiten,
steigt das Risiko, dass die versprochenen Renditen nicht erreicht werden. Dagegen können
Mischformen zwischen Stadtwerken, Bürgerenergiegenossenschaften und Kommunen zu
Gesellschafterstrukturen führen, mit denen eine stärkere Kontrolle der Geschäftsführung
möglich ist.
Daldorfs Erwartungen für neue Windparks:
•	 qualitativ höherwertigere Umsatzprognosen (vor allem Windprognosen),
•	 Vollwartungsverträge, um längere Ausfallzeiten zu vermeiden,
•	 Zurückhaltung bei Landpachtverträgen (an 60 – 70 %-Standorten sind nicht mehr als
4 – 6 % vom Umsatz als Pacht möglich, ohne die Existenz des Windparks langfristig zu
gefährden).

19

4.4 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen

4.4		 Finanzielle
Beteiligung von
Bürgern und Kommunen
Die Experten beim Faktencheck waren sich
einig: Es bestehen zwar Risiken, dennoch
sollten Kommunen sowie Bürgerinnen
und Bürger die Chance nutzen und sich an
Windenergieanlagen finanziell beteiligen.
Dabei geht es auch um die wirtschaftliche
Seite von Geldanlagen – aber nicht nur:
Windenergieanlagen sind nicht unbedingt

Geldanlagen mit überdurchschnittlich hoher Verzinsung. Und je höher die versprochene Rendite, desto höher das Risiko – wie
auch bei anderen Anlagen. Es geht aber
auch um gesellschaftliche Teilhabe an einem zentralen politischen Projekt.
Die Energiewende lebt davon, dass die
Menschen dahinter stehen. Die grundsätzliche politische Haltung ist dabei das Eine,
das Andere ist, die Energiewende selbst in
die Hand zu nehmen. Haben früher wenige
Großunternehmen mit zentralen Anlagen
den Löwenanteil des Stroms produziert, treten nun Kommunen sowie Bürgerinnen und
Bürger als Stromproduzenten auf. Fast die
Hälfte der 2012 in Deutschland installierten
Leistung im Bereich Erneuerbarer Energien
war in Bürgerhand (siehe Abbildung 6).

Energieversorger
Institutionelle und strategische Investoren
Bürgerenergie im weiteren Sinne

Bürgerbeteiligungen, überregional, Minderheitsbeteiligung
Bürgerenergiegesellschaften
Einzeleigentümer

46+13+41I

Eigentümergruppen

41 %

Gesamt 72.907 MW
(Deutschland 2012)

13 %

Aufspaltung „Bürgerenergie im weiteren Sinne“

35.000
30.000

8.483

25.000
20.000

6.687

46 %

15.000
10.000

18.362

5.000
0

Abbildung 6:	 Installierte Leistung aus erneuerbaren Energien nach Eigentümergruppen (nach Präsentation Pfister)

20

4.4 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen

Teilhabe heißt nicht unbedingt, dass einige wenige vermögende Bürgerinnen und Bürger
ihr Geld statt in Aktien nun in Windenergieprojekte investieren. Teilhabe bedeutet, dass die
breite Bevölkerung vor Ort partizipieren kann. Damit sie nicht nur die Lasten des Ausbaus
der Windenergie tragen muss (Landschaftsveränderung, Geräuschentwicklung), sondern
damit sie auch Vorteile daraus ziehen kann. Angesichts des großen Eigenkapitalbedarfs
neuer Windparks gibt es hierzu verschiedene Möglichkeiten:

Geringes Risiko

Der Betreiber der Windenergieanlagen kooperiert mit
einer regionalen Bank, bei der die Menschen Windsparbriefe kaufen können.
Oder er kooperiert mit einem Energieversorger und bietet den Menschen vor Ort günstigere Stromtarife an.

Unternehmerisches
Risiko, aber auch
Gestaltungsfreiheit

Die Kommune beteiligt sich an einem Windpark und führt
die Einnahmen der Gemeindekasse zu – die damit z. B. die
Kita oder das Schwimmbad aufwerten kann.
Die Menschen vor Ort schließen sich zu einer Energiegenossenschaft zusammen, die eigene Windenergieanlagen betreibt oder sich an einem Windpark beteiligt.

Um zu verhindern, dass zu optimistische Prognosen zulasten der sich beteiligenden Bürgerinnen und Bürger gehen, schlägt Rechtsanwalt Daldorf Mischformen der Gesellschafterstruktur vor. Damit kann eine stärkere Kontrolle der Geschäftsführung erreicht werden
und verhindert, dass diese eigennützige Zwecke verfolgen. Solche Mischformen gibt es
heute schon zwischen Stadtwerken, Bürgerenergiegenossenschaften und Kommunen.
Während man mit der Rechtsform der GmbH & Co. KG höhere Risiken eingehen kann und
sich solche Windparks laut Daldorf häufig in wirtschaftlichen Krisen befinden, werden die
Investitionen von Genossenschaften durch einen unabhängigen Prüfverband zusätzlich
überwacht. Die Anleger (Genossen) können die berechtigte Erwartung haben, dass mit
geringeren Risiken langfristig eine auskömmliche Dividende erwirtschaftet wird.

21

4.4 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen

Neugründungen von Energiegenossenschaften

1.000
800

600
400
200

9

23

2006

2007

58

132

160

194

183
104
29

0
2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014
Jahr

Neugründungen (kumuliert)

Abbildung 7:	 Neugründungen von Energiegenossenschaften (nach Präsentation Pfister)

Wie Abbildung 7 zeigt, sind in Deutschland
in den vergangenen Jahren ca. 900  Energiegenossenschaften neu entstanden. Die
meisten davon betreiben Solaranlagen,
aber der Windbereich wächst. So sind im
Raum Kassel / Nordhessen in jüngster Zeit
mehrere Bürgerenergie-Genossenschaften
entstanden, darunter die Bürger-Energie
Kassel & Söhre eG mit z. Zt. ca. 600 Mitgliedern, ca. 2,6 Mio. Euro Eigenkapital, die zum
großen Teil in eine Beteiligung an einem
Windpark der Städtischen Werke Kassel AG
investiert wurden. Die Beteiligung soll noch
aufgestockt werden und die Genossenschaft will noch in weitere Windparks der
Städtischen Werke Kassel AG investieren.
Allerdings sollen die Risiken nicht verschwiegen werden. Grundsätzlich geht man
bei unternehmerischen Beteiligungen immer ein Risiko ein, das je nach Vertragsgestaltung bis zum Totalverlust reichen kann.
Wie gezeigt, ist die versprochene Rendite
nicht garantiert. Wind- oder Klimasparbriefe mit festem Zins und fester Laufzeit, die
von regionalen Volksbanken oder Sparkassen angeboten werden, sind dagegen we-

sentlich sicherer; Sparbriefe fallen unter die
Einlagensicherung. Dafür gibt es hier aber
keine Möglichkeit der Mitbestimmung.
Eine Untersuchung aus Dänemark weist darauf hin, dass die wirtschaftliche Teilhabe
nicht unbedingt zu mehr Akzeptanz vor Ort
führt. Auch die im Rahmen des Faktenchecks
befragten Bürgermeister wiesen darauf hin:
Es kommt darauf an, dass alle etwas davon
haben. Neben regionalen Stromprodukten
ist dies vor allem bei der kommunalen Beteiligung der Fall.
Kommunale Beteiligungen sind vor allem
(aber nicht nur) dann sinnvoll, wenn die
Kommune als Eigentümerin den Zugriff auf
die windhöffigen Flächen hat. Dann kann
sie die reine „vermögensverwaltende Betätigung“ mit einer wirtschaftlichen Betätigung nach Gemeindeordnung verknüpfen.

22

4.4 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen

Gemeinde als Verpächter
Gemeinde als Investor

Kreditaufnahme
Kapitalmarkt

Zins & Tilgung

Zins & Tilgung

Fremdkapital

Jährliche
Ausschüttung
Gewerbesteuer-Umlage
Minderung
Schlüsselzuweisung

Gemeinde

Gewerbesteuer

Jährliche
Ausschüttung
Windpark
GmbH

Know How

Vertragspartner

Pachten

Einlage Eigenkapital

Einlage Eigenkapital

Abbildung 8:	 Wirtschaftliche Parameter einer Beteiligung (nach Präsentation Boos)

Über die rein ökonomische Betrachtung
(möglicher Haushaltszufluss versus Finanzielle Belastung / Risiko für Kommunalhaushalt) kommt als weiteres Motiv hinzu, dass
die Kommune damit Entscheidungskompe-

tenzen gewinnt und einen größeren Anteil
der Wertschöpfung in der Region halten
kann. Auf dieses Motiv wies auch einer der
Bürgermeister im Rahmen des Faktenchecks hin:

Beispiel 1: Energiegenossenschaft Starkenburg
„Wer draufschaut, soll auch den Nutzen haben“, sagt Micha Jost, Vorstand der Energiegenossenschaft Starkenburg eG. Auf der „Neutscher Höhe“ waren seit längerer Zeit zwei
Windräder geplant. „Die öffentliche Meinung in der unmittelbaren Nachbarschaft war
überwiegend gegen das Vorhaben und auch die lokale Presse war sehr zurückhaltend“,
sagt Jost. „Wir sind am Anfang gewissermaßen mit Gegenwind gestartet.“ Doch als die
Bürgerinnen und Bürger der angrenzenden Gemeinden Seeheim-Jugenheim, Modautal
und Mühltal die Möglichkeit bekamen, sich über die Genossenschaft an der Windkraftanlage zu beteiligen, stieg die Akzeptanz für das Projekt WindSTARK 1. In der Region haben
280 Menschen in das Windrad investiert. Fast die Hälfte von ihnen sind Anwohner aus der
unmittelbaren Umgebung.

4.4 Finanzielle Beteiligung von Bürgern und Kommunen

Beispiel 2: Energiegenossenschaft Reinhardswald
Im Reinhardswald im äußersten Norden Hessens weist der Entwurf des Teilregionalplans
Energie (2. Offenlegung) mehrere große Vorranggebiete für Windenergieanlagen aus. Die
neun Bürgermeister der Region sehen das skeptisch: in der einzigartigen Naturlandschaft,
in der zudem noch wichtige Kulturzeugnisse (Bsp. Sababurg) den Wert für den Tourismus
noch steigern, sollten ihrer Meinung nach möglichst wenig Windenergieanlagen gebaut
werden, deren Standorte sich auf die windhöffigsten Teilfächen beschränken. Angesichts
der geplanten Vorranggebiete werden sie den Bau dieser Anlagen aber nicht verhindern
können. Daher haben sie die Energiegenossenschaft Reinhardswald gegründet und bemühen sich, gemeinsam mit regionalen Energieversorgern von HessenForst den Zuschlag
für die Flächenpacht zu erhalten. Nur so, sagen sie, können Sie im Interesse der Region
sicherstellen, dass eine Einflussnahme auf die Standortauswahl und Anzahl im Forstgutsbezirk erreicht werden kann. Gleichzeitig kann so eine nachhaltige Wirtschaftlichkeit des Betriebes der Anlagen sichergestellt werden, die auch zur regionalen Wertschöpfung und zu
Einnahmen in den kommunalen Haushalten führt. Über die Bürgerbeteiligung und transparente Informationspolitik soll auch der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern einen
wichtigen Stellenwert erhalten.

Beispiel 3: Stadtwerke Union Nordhessen
Sechs städtische Werke (Kassel und Umgebung) haben sich zusammengeschlossen, um die
Energiewende in Nordhessen voranzutreiben. Unterstützt von wissenschaftlichen Instituten
aus der Region (z. B. dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik)
versuchen sie, in den Bereichen Strom und Wärme möglichst viel der vor Ort nachgefragten
Energie auch in der Region zu produzieren. Gleichzeitig arbeiten die SUN-Partner gemeinsam an Modellen, wie der Strom aus fluktuierenden erneuerbaren Kraftwerken mit anderen
steuerbaren Erzeugungsquellen wie Biomasse und BHKWs ergänzt werden können. Der
Vorteil einer dezentralen Versorgung ist, dass dann auch weniger Höchstspannungs-Stromleitungen nötig sind. Neben Wasserkraft und Photovoltaik setzt man dabei insbesondere auf die Windenergie. Sieben Anlagen werden bereits im Söhrewald und in Niestetal
sowie vier weitere in Wolfhagen betrieben. Weitere 23 Anlagen sind im Kaufunger Wald
im Bau bzw. in Planung. Damit die Menschen in der Region teilhaben können, gehen die
Windenergieanlagen der SUN zu fast 75 Prozent in die Hände von Genossenschaften und
Gemeinden über. So beteiligen sich über die Bürgerenergie Werra-Meißner eG, die Bürger-Energiegenossenschaft Wolfhagen eG, die Bürgerenergie Kassel Söhre EG sowie die
Energiegenossenschaft Kaufunger Wald viele Menschen aus der Region an der Energiewende. Martin Rühl, Geschäftsführer der SUN, dazu: „Der Umbau unseres Energiesystems
zu einem regionalen, zuverlässigen, erneuerbaren und bezahlbaren Erzeugungssystem
kann nur mit breiter Akzeptanz der Menschen in der Region gelingen. Die Menschen in der
Region an diesen Entwicklungen inhaltlich und wirtschaftlich zu beteiligen ist unverzichtbar. Regionale Energiegenossenschaften sind dabei ein wichtiger Baustein.“

23

24

Fazit

25

5 Fazit

5	Fazit
Mit einer finanziellen Beteiligung an Windenergieanlagen können Kommunen sowie
Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende teilhaben. Windenergieanlagen
schaffen Einnahmen, aber an Windenergieanlagen sollte sich nicht beteiligen, wer
auf der Suche nach schnellen und hohen
Gewinnen ist. Damit man mit der Beteiligung keine unangenehmen Überraschungen erlebt, sollte man sich im Vorfeld die
Geldanlagen genau anschauen. „In Anlageentscheidungen sollte man mindestens
so viel Zeit investieren wie in die Anschaffung eines Smartphones“, so Rechtsanwalt Daldorf. Genossenschaftsmodelle mit
moderaten Rendite-Versprechungen, die
Beteiligung von Kommunen und / oder regionalen Banken und Sparkassen sowie
sorgfältige und vorsichtige Ertragsprognosen auf Basis solider Windmessungen erhöhen die Sicherheit.

Windenergieanlagen im Binnenland, etwa
in Hessen, produzieren Strom zu höheren
Kosten, als Anlagen an der Küste. Mit neuen Generationen von höheren und auf
Schwachwindlagen hin optimierten Anlagen steuern die Betreiber dagegen und
können auch im Binnenland rentablen
Windstrom produzieren. Wie die Situation
ab 2017 für neue Windparks aussieht, wenn
die Änderung des EEG greift und die Konkurrenz zwischen den Windparks stärker
wird (Stichwort Ausschreibungsmodell),
bleibt abzuwarten. Es ist jedoch in der politischen Diskussion, dass ein Ausgleich zugunsten der schlechteren Windstandorte
geschaffen wird.

26

6 Zum Weiterlesen

6	Zum Weiterlesen
•	 Bovet, J.; Lienhoop, N.: Trägt die wirtschaftliche Teilhabe an Flächen für die Windkraftnutzung zur Akzeptanz bei? Zum Gesetzesentwurf eines Bürger- und Gemeindebeteiligungsgesetzes in Mecklenburg-Vorpommern unter Berücksichtigung von
empirischen Befragungen; ZNER 2015, Heft 3, S. 227 – 233.
•	 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): Ausschreibungen für die
Förderung von Erneuerbare-Energien-Anlagen, Eckpunktepapier, 2015; (siehe
http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/Publikationen/ausschreibungen-foerderung-erneuerbare-energien-anlage,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf)
•	 Daldorf, W.: Praxiserfahrungen mit der Wirtschaftlichkeit von Bürgerwindparks in
Deutschland; Februar 2013; (http://www.swr.de/-/id=14144924/property=download/
nid=7446566/1nw0rxe/index.pdf)
•	 Falkenberg, D. et al.: Marktanalyse–Windenergie an Land, Untersuchung im Rahmen
des Vorhaben IIE zur Stromerzeugung aus Windenergie, Leipziger Institut für Energie; (http://www.erneuerbare-energien.de/EE/Redaktion/DE/Downloads/bmwi_de/
marktanalysen-studie-winenergie-an-land.pdf?__blob=publicationFile&v=3)
•	 Fraunhofer IWES; (www.windmonitor.de)
•	 Judick, L.; Beier, L.: Beteiligungsmöglichkeiten von Gemeinden an einem nachhaltigen Ausbau der Windenergienutzung in Brandenburg – Ein Leitfaden für Gemeinden; (siehe http://www.eti-brandenburg.de/fileadmin/user_upload/downloads2012/
leitfaden_windenergie_Kommunen.pdf)
•	 Pietrowicz, Dr. M., Quentin, J.: Dauer und Kosten des Planungs- und Genehmigungsprozesses von Windenergieanlagen an Land, Fachagentur Windenergie, 2015;
(http://www.fachagentur-windenergie.de/fileadmin/files/Veroeffentlichungen/FAWind_Analyse_Dauer_und_Kosten_Windenergieprojektierung_01-2015.pdf)
•	 Rohrig, K. (Hrsg.): Windenergie Report Deutschland 2014, Fraunhofer IWES, 2015;
(http://publica.fraunhofer.de/dokumente/N-339666.html)
•	 Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: Klimafreundliche Geldanlagen – Ein Renditevergleich, Verbraucherzentrale NRW; (http://www.vz-nrw.de/renditevergleich)
•	 Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: Marktübersicht zu klimafreundlichen
Zins- und Sparanlagen, Verbraucherzentrale NRW; (http://www.vz-nrw.de/klimafreundliche-sparanlagen)
•	 Wallasch, A.-K. et al.: Kostensituation der Windenergie an Land in Deutschland,
2013, Deutsche Windguard GmbH; (http://www.windguard.de/_Resources/Persistent/99107c7dce966148bcd3dec3943578db3e43905e/Kostensituation-der-Windenergie-an-Land-in-Deutschland---Endbericht.pdf)

27

Herausgeber
HA Hessen Agentur GmbH im Auftrag des Hessischen Ministeriums
für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung
Stand: September 2015
Redaktion: team Nord- und Osthessen des Bürgerforums Energieland Hessen
(team ewen und Genius GmbH)
Gestaltung: www.3fdesign.de
Druck: BPR Bosspress Full Service

Bildnachweise
Seite 2/3: © Gordon Gross | pixelio.de, Seite 6: Bürgerforum Energieland Hessen – Faktencheck in Gießen 2015 © team
ewen, Seite 6/7: © Andreas Hermsdorf | pixelio.de, Seite 8/9, 15: Bürgerforum Energieland Hessen – Faktencheck in Gießen
2015 © team ewen, Seite 12/13:  ©  uschi dreiucker | pixelio.de, Seite 14, 15: Bürgerforum Energieland Hessen – Faktencheck
in Gießen 2015 © team ewen, Seite 16/17: © Lupo | pixelio.de, Seite 25: Bürgerforum Energieland Hessen – Faktencheck in
Gießen 2015 © team ewen

Ihr Ansprechpartner
Dr. Rainer Kaps
HA Hessen Agentur GmbH
Konradinerallee 9
65189 Wiesbaden
Telefon: +49 611 / 95017-8471
E-Mail: Rainer.Kaps@hessen-agentur.de

www.energieland.hessen.de
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.