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Full text: Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? / Kruse, Wilfried

Berlin braucht dich! –
über den Öffentlichen Dienst
hinaus?
Eine Recherche zu Integration und Dualer Berufsausbildung

Wilfried Kruse
Expertise für
BQN Berlin
Dortmund
im April 2010

Inhalt

Inhalt

II Impressum
Herausgeber
BQN Berlin
Alte Jakobstr. 85–86
10179 Berlin
Telefon: 030 / 275 90 87-0
Fax: 030 / 275 90 87-22
E-Mail: info@bqn-berlin.de
Internet: www.bqn-berlin.de
Titelbild
Barbara Dietl
Gestaltung
kursiv, Katrin Schek

1

2

Das Projekt BQN Berlin und die
Kampagne Berlin braucht dich!
werden im Auftrag des Berliner
Integrationsbeauftragten durch­
geführt und aus Mitteln des ESF
gefördert.
Copyright 2010 BQN Berlin
Autor: Dr. Wilfried Kruse
Redaktion: Beata Lewandowska,
TU Dortmund
Sozialforschungsstelle Dortmund
Kontakt: TU Dortmund,
­Sozialforschungsstelle Dortmund
Evinger Platz 17
44339 Dortmund
Telefon: 0231 / 85 96-0
Fax: 0231 / 85 96-100
Internet:	www.sfs-dortmund.de

3

5

Einleitung

5
7

Zusammenfassung
Panorama

9

I 1 Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

9

1.1 Zur empirischen Recherche

9

1.2 Zwischenstand Sommer 2009

11
11
12

1.3 Zur Methode
1.3.1 Der Gesprächsleitfaden
1.3.2 Indikatoren für künftige Bestandsaufnahmen

13

1.4 Zur Anlage des Berichts

14

I 2 Rahmenbedingungen im Wandel

14

2.1 Tendenzen auf dem Ausbildungsmarkt

23
23
24
25

2.2 Entwicklungen im Bereich Wirtschaft und Beschäftigung
2.2.1 Innovations- und Clusterstrategie
2.2.2 Industriepolitik
2.2.3 Hinweise zu Branchenentwicklungen

27
27
28
29

2.3 Fachkräftebedarf: Arbeitspolitische Herausforderungen
2.3.1 Fachkräftemangel: Neue Prognose
2.3.2 Diversity
2.3.3 Integrative Antworten?

30

2.4 Stadtentwicklung

32

I 3 Anknüpfungspunkte 1: Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

32
32
33

3.1 Cluster, Wirtschaftssektoren
3.1.1 Gesundheitswirtschaft
3.1.2 Kreativwirtschaft

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 3

Inhalt

Einleitung

Einleitung

4

5
6

36
36
37
38
39

3.2 Berlinweite einflussreiche betriebsnahe Multiplikatoren/innen
3.2.1 Industrie- und Handelskammer
3.2.2 Handwerkskammer
3.2.3 Gewerkschaften
3.2.4 Weitere wichtige landesweite, gebündelte Aktivitäten

42

I 4 Die Ebene der Bezirke

42

4.1 Einleitende Bemerkungen

42

4.2 Neukölln

43

4.3 Lichtenberg

44

4.4 Tempelhof-Schöneberg

46

4.5 Mitte (Moabit)

49

I 5 Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

49

5.1 Zwischen verschiedenen Fachpolitiken und über mehrere Ebenen?

50

5.2 Neue Kombiansätze für Jugendliche, die den offiziellen Wegen fernstehen?

53

5.3 Bezüge zwischen Migrationsfokus und Fachpolitiken? – Eine Zusammenfassung

55

I 6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

55

6.1 Zwischenstand 2010

56

6.2 2008 – 2010: Veränderungen im Kampagnenumfeld

59

6.3 Modellbildung und Transfer

62

6.4 Berlin braucht dich! als Marke

64

6.5 Empfehlungen: Bestehendes Interesse nicht leer laufen lassen, neues wecken
und im integrationspolitischen Kontext lebendig halten

4 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Zusammenfassung
E xpertengespräche und Recherchen zeigen: Das betrieb­
liche Interesse außerhalb des Öffentlichen Dienstes an
einem Eintritt von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in betriebliche Berufsausbildung wächst rasch.
Die vorsichtige und jede besondere Ansprache vermeidende eher schleichende Öffnung der letzten Jahre wird
zunehmend durch eine deutliche Adressierung an
­Jugendliche mit Migrationshintergrund ergänzt. Berlin
erlebt in dieser Hinsicht eine Trendwende, die vermutlich
durch Berlin braucht dich! mit ausgelöst wurde.
 ründe für die breitere Eröffnung von Optionen für
G
ungeförderte Berufsausbildung für diese Zielgruppe sind
vor allem in einer Art „Zangenbewegung“ zu sehen, die
Auszubildendennachwuchs zu einem bedrohlichen
Engpassfaktor für Betriebe werden lässt: a Altersstruktur der Belegschaften und demografische Entwicklung
zwingen die Betriebe zu einer verstärkten Sorge um
Fachkräftenachwuchs. b Höhere Anforderungen in
Arbeitstätigkeit wie vor allem auch in Ausbildung und
die zurück gehenden Möglichkeiten der Betriebe,
allgemeine Bildungsaufgaben zu übernehmen (Kon­
kurrenz, Kostendruck, weniger Großbetriebe, mehr
Mittelstand …), konzentrieren das Interesse auf
Schülerinnen und Schüler mit guten Schulleistungen
und Sprachkenntnissen und einem guten Verhaltens­
repertoire. c Herkunftsdeutsche Schülerinnen und
Schüler mit diesen Voraussetzungen haben oftmals das
Abitur und die sich damit öffnenden weiteren Chancen
als alternative Optionen. Es gibt gute Gründe für
die ­Annahme, dass sie im erheblichen Umfange die
betriebliche Ausbildung als Option ‚abwählen‘, weil
sie ihnen nicht attraktiv genug erscheint.
 enn sich vor diesem Hintergrund das betriebliche InteW
resse nun auf Jugendliche mit Migrationshintergrund
richtet, dann geht es dort zunächst und vor allem – das
legen die Expertengespräche sowie die Dokumentenund Literaturrecherche nahe – um dieselbe Gruppe,
nämlich um Schülerinnen und Schüler mit guten Schulleistungen und Sprachkenntnissen und einem guten
Verhaltens­repertoire. Wenig spricht aber nun für die An-

nahme, dass sich diese wachsende Gruppe von gut vorgebildeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund
dann, wenn ihnen der Weg zum Abitur offen steht, anders entscheiden würde/werde als herkunftsdeutsche
Jugendliche.
E ine dauerhafte Öffnung von Berufsausbildung auf
Fachkräfteniveau wird also vermutlich nur dann möglich
sein, wenn die Attraktivität von betrieblicher Berufsausbildung als gleichwertige Option gegenüber Abitur (und
Studium) wächst und wenn dies innerhalb der mehr­
jährigen Berufsorientierungsphase auch erfahrbar wird.
Geschieht dies nicht, dann schöpfen Kampagnen vor
­allem diejenigen ab, die bereits auf dem Weg sind
(„Creaming-Effekt“), verfehlen aber eine breitere und
nachhaltige Öffnung. Integrationspolitisch käme es aber
vor allem auf dies an: Eine breite und nachhaltige
­Öffnung von betrieblicher Berufsausbildung für Jugend­
liche mit Migrationshintergrund.
 rundidee und die nicht-diskriminierende VorgehensG
weise von Berlin braucht dich! könnte – so das Ergebnis
der Recherche – gegenwärtig aussichtsreich auf Bereiche außerhalb des Öffentlichen Dienstes übertragen
werden. Als besonders sinnvoll würde sich hierbei eine
Verbindung a mit der Berliner Clusterpolitik und b das
­bewusste Anknüpfen an Aktivitäten von „Treiber/Träger­
organisationen“, wie z. B. Unternehmensnetzwerken,
Branchen- und Clusterorganisationen.
Integrationspolitisch müsste bei jedem Transfer des
­Berlin braucht dich!-Ansatzes sicher gestellt sein, dass
dessen Qualität gesichert ist, die – nach dem jetzigen
Kenntnisstand – erst die Grundlage für lang­fristige integrations- und fachkräftepolitische Erfolge legt. Also:
Wenn Transfer, dann nur vermittels einer integrationspolitisch geerdeten „Markenpolitik“. Der Abschnitt 6 der
Recherche und insbesondere dort die Punkte 6.4 und
6.5 enthalten Begründungen und Vorschläge zu einer
solchen Markenpolitik.
Integrationspolitik wird hier als Fokuspolitik verstanden:
Sie ersetzt nicht die Fachpolitiken und verdoppelt sie
auch nicht im Migrantenkontext, sondern sie beleuchtet
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 5

Einleitung

kooperativ und auf gleicher Augenhöhe die Fach­poli­
tiken unter dem Blickwinkel von Integration/Migration.
Um dies zu können, bildet sie selbst stabsmäßig und im
Rahmen eines von ihr betriebenen Netzwerks eine Art
Kompetenzzentrum Integration/Migration. Der Fokus,
d. h. die Beleuchtung, wird umso heller und klarer, je
besser das Kompetenzzentrum ist und je deutlicher es
mit diesem Profil auch öffentlich sichtbar ist und bleibt.
Integrationserfolge sind deswegen immer kooperative
Erfolge.
 erlin verortet im Rahmen der laufenden Schulstruktur­
B
reform auch die Berufsorientierung neu. Zentrales Stichwort hierfür ist „Duales Lernen“. Der Fokus Integration/
Migration wäre auch hierbei kooperativ zu setzen. ­Berlin
braucht dich! könnte dabei eine stimulierende und konkretisierende Rolle einnehmen. Denn: Berlin braucht
dich! kann als ein zentrales integrationspoli­tisches Leitprojekt für das fachliche Feld Übergang Schule – Arbeitswelt betrachtet werden.
 erlin braucht dich! ist mehr als eine Werbekampagne.
B
Als wichtiges integrationspolitisch initiiertes kooperatives Vorhaben im Feld Übergang Schule – Arbeitswelt
folgt es folgenden Annahmen: 1 Demografische Entwicklung und die Erfordernisse einer vorausschauenden
Fachkräftepolitik erzwingen, sich aktiv um guten Nachwuchs für Berufsausbildung und Fachtätigkeit zu kümmern. 2 Gute Schülerinnen und Schüler streben nach
größter Breite von Zukunftsoptionen (z. B. Abitur und
Studium); dies gilt auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund. 3 Betriebliche Berufsausbildung wird
nur dann von Jugendlichen als Option ernsthaft in Betracht gezogen, wenn sie sich als attraktiv erweist. 4
Betriebskontakte/Betriebsbegegnungen im Rahmen von
­Berufs­orientierung sind deshalb unter dem Aspekt von
Attraktivität zu gestalten. 5 Wird im Rahmen von Berufsorientierung die betriebliche Berufsausbildung und
die dahinter liegende Fachtätigkeit nicht zu einer realen
Option, die ernsthaft in Betracht gezogen wird, dann ist
zu befürchten, dass sich Berlin braucht dich! und vergleichbare Ansätze nach einem „Creaming-Effekt“ erschöpfen.

6 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Einleitung

 ei Berlin braucht dich! handelt es sich also mittler­weile
B
um ein Vorhaben, dass im Sinne von Attraktivität und
Optionsförderung auf die Verbesserung der Qualität von
Berufsorientierung unter besonderer Berücksichtigung
seiner Migrationssensibilität ausgerichtet ist. Die qualitätsorientierte Neugestaltung der Felder, in denen Schülerinnen und Schüler Betriebs-/Berufserfahrungen machen, bildet den Unterbau dafür, dass die Kampagne,
d. h. die gezielte Ansprache von Jugendlichen, überhaupt bei diesen über die üblichen Abschöpfungseffekte
hinaus Wirkungen zeigen kann.
 as Vorhaben Berlin braucht dich! als Konsortium
D
­zwischen Betrieben in öffentlicher Hand, Schulen, der
Agentur für Arbeit, den zuständigen Senatsverwaltungen, unter Federführung des Berliner Integrationssbeauftragten und mit umfassender Unterstützung vom
Berufs­qualifizierungs­netzwerk für Migrantinnen und
­Migranten (BQN Berlin), hat das Ziel: betriebliche Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund in relevanter Größenordnung dauerhaft zu öffnen
und nachhaltig zu stabilisieren.
 ls Gestaltungsfeld kommt damit das gesamte entspreA
chende Berufseinmündungssystem von der frühen Berufsorientierung bis zum erfolgreichen Abschluss einer
Berufsausbildung in den Blick.
 er hauptsächliche integrationspolitische Akzent verD
schiebt sich von sozialpolitischen Fragen und Fragen des
Zusammenhalts der städtischen Gesellschaft auf Fragen
der Fachkräfte – des Standorts – und der Bildungspolitik, ohne die anderen (genannten) Aspekte im Sinne
­einer integrierten Politik aus dem Blick zu verlieren.
 arkenpolitik: Die Bewerbung Jugendlicher mit Migra­
M
tionshintergrund durch Betriebe und Organisationen der
Wirtschaft liegt im Trend. Dabei wird auch mit Assoziationen an Berlin braucht dich! gearbeitet („Berliner Wirtschaft braucht Dich“); Kooperationswünsche werden
ange­meldet (z. B. Beispiele siehe Expertise). Marken­
politik bedeutet: wo immer man dazu in der Lage ist,
eine Nutzung der Nähe zu Berlin braucht dich! nur zuzulassen, wenn es eine Vereinbarung über die Einhaltung

der für Berlin braucht dich! zugrunde liegenden (Qualitäts-)Standards und über eine entsprechende Koopera­
tion gibt. Geschieht dies nicht, dann wird Berlin braucht
dich! bzw. die Integrationspolitik beschädigt, weil mit
dem Qualitätsdumping die Marke abgewertet wird (zu
den einzelnen Elementen der Markenpolitik siehe Expertise).
 ualität des Kernvorhabens sichern und politisch flanQ
kieren: Zur Markenpolitik! gehört auch, dass die Qualität des Kernvorhabens mit den Betrieben in Öffentlicher
Hand im Zentrum der politischen Flankierung stehen
muss. Das heißt insbesondere, Solidität, Nachhaltigkeit
und Belastbarkeit der Berliner Intregrationspolitik in den
Vordergrund zu stellen und abzusichern. Hierzu bedürfte
es u. a. eines politischen Kommunikationskonzepts in
Richtung auf Abgeordnetenhaus, Verbände und Organisationen und (Fach-)Öffentlichkeit, aber auch ins Innere
der Senatsverwaltungen hinein.
E s wird gezeigt, dass eine erfolgreiche Öffnung von Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund letztlich auch davon abhängig ist, dass Vorhaben
wie Berlin braucht dich! in einen breiteren strategischen
Rahmen platziert werden, der sowohl auf Landesebene
horizontal als auch auf den verschiedenen Ebenen
(Land, Bezirk, „Kiez“, Branchen, …) verbindlichere Formen von Kooperation und Arbeitsteilung stiftet und auf
diese Weise die zahlreichen und vielfältigen schon vorhandenen, aber gegeneinander oft abgeschotteten Aktivitäten produktiv aufgreift. Es wird also für eine Politik
über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg plädiert (Kapitel 5).
 ktuell richtet sich das Interesse der Betriebe sowohl in
A
öffentlicher Hand als auch außerhalb des Öffentlichen
Dienstes auf Jugendliche mit Migrationshintergrund, die
gute bis sehr gute schulische und allgemeine Voraussetzungen mitbringen. Jugendliche mit ungünstigen formalen und verhaltensbezogenen Voraussetzungen haben
deutlich geringere Chancen: Dies gilt für jene mit Migrationshintergrund ebenso wie für herkunftsdeutsche Jugendliche. Die Ethnisierung sozialer Probleme aber führt
dazu, dass im Bereich der ethnischen Milieus dies wo-

möglich stärker als Ausgrenzung erfahren wird und auch
so funktioniert wie unter anderen Verhältnissen. Hier
besteht ein erheblicher integrationspolitischer Handlungsbedarf, der immer stärker durch das Erfordernis
motiviert werden wird, auch Jugendliche aus solchen
Benachteiligungslagen für eine betriebliche Berufsausbildung zu gewinnen (Stichworte: Demographische Entwicklung, Abitur und Studium als Alternative bei gut gebildeten Migrantenjugendlichen, …) Dies ist nicht akut,
kann aber bald akut werden. Von daher wäre es sinnvoll, schon jetzt Brückenkonzepte aus diesen Milieus zu
Berlin braucht dich! aufzubauen und auszuprobieren.
Aus dem in der Expertise und durch die Konsortialgruppe erreichten Kenntnisstand bieten sich verschiedene
modellhafte Vorhaben an.

Panorama
Der Wirklichkeitsausschnitt, auf den sich diese Recherche
bezieht, zeigt für die Öffentlichkeit ein sehr widersprüch­
liches Bild. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der Fülle von
Zeitungsmeldungen, die sich direkt oder indirekt darauf
beziehen. Statt eines Mottos folgen hier deshalb aus einer
umfangreichen Sammlung Zitate einiger einschlägiger
Überschriften aus Berliner Tageszeitungen während der
Recherchezeit:
II Siemens sucht verzweifelt Azubis (Berliner Morgenpost
18.6.2006)
II Siemens bietet 25 Lehrstellen an, doch es gibt kaum
Bewerbungen (BZ 11.6.2007)
II Unterricht in den Ferien. Berlinweit einmaliges
Sprachcamp für Kreuzberger Siebtklässler mit Migrationshintergrund (Berliner Morgenpost 28.10.2009)
II Zahl der Arbeitslosen steigt wieder. Krise trifft Berlin
mit voller Wucht. Quote jetzt bei 14,2 Prozent –
­Senatorin plant mehr staatlich finanzierte Ausbildungsplätze (Berliner Morgenpost 30.6.2009)
II Flucht ins Mutterglück. Nirgendwo sonst in Berlin
bekommen Jugendliche so früh Kinder wie in MarzahnHellersdorf und nirgendwo sonst sind so viele alleinerziehend (Berliner Zeitung 10.6.2009)

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 7

Einleitung

Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

1

II Welcher Job passt zu mir? Berater unterstützen
Jugendliche bei der Berufsorientierung. Dafür Geld
auszugeben, kann sich lohnen (Tagesspiegel 22.2.2009)
II Internationale Ausbildung im Hotel. Tipps von Hans
Eilers, Vize-Präsident des Gaststättenverbandes Berlin
(Berliner Morgenpost 2.2.2009)
II Im Doppelpack. Nach der Realschule. Wie man
Fachabitur und Ausbildung verbindet (Tagesspiegel
1.2.2009)
II Welterfolg aus Wedding. Ein Spaziergang mit Modedesignerin und Lala-Berlin-Gründerin Leyla Piedayesh
(Berliner Morgenpost 1.2.2009)
II Zebralook und Wollvariationen. Die Absolventen der
Berliner Modehochschulen räumen bei den Nachwuchspreisen ab (Berliner Zeitung 31.1.2009)
II Hinter der Kamera. Viele Quereinsteiger zieht es in die
Filmbranche (Tagessspiegel 1.2.2009)
II Besser gutes Kurdisch als falsches Deutsch. Die
Neuköllner Stadtteilmütter sind selbst Migrantinnen.
Sie besuchen ausländische Familien und geben
­Erziehungstipps (Berliner Zeitung 1.3.2009)
II Bildung für künftige Fachkräfte. Unternehmer wünschen sich besseren Nachwuchs (Berliner Zeitung
1.3.2009)
II Lesen und lesen lassen. Einwandererkinder sollen Lust
auf Bücher bekommen. Deshalb trainieren ihre Mütter
in einem Kursus das Vortragen (Tagesspiegel 2.2.2010)
II Wir brauchen eine Roadmap. Modell Berlin? Kulturstaatssekretär Andre Schmitz über Integration und
kulturelle Bildung (Tagesspiegel 2.2.2010)
II Pharmabranche sucht Nachwuchs. (Berliner Zeitung
24.2.2010)
II Die Gesundheitswirtschaft boomt – gut ausgebildete
Fachkräfte werden benötigt. Sonderbeilage der Agentur
für Arbeit in der Berliner Zeitung 24.2.2009)
II Migranten lassen ihre Kinder seltener vom Arzt
untersuchen (Tagesspiegel 24.2.2009)

8 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

1

Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

1.1 Zur empirischen Recherche
Der nunmehr vorgelegte Bericht geht auf einen Auftrag
aus dem Spätherbst 2008 zurück. Die Ausschreibung zur
Expertise hatte noch den allgemeinen Titel „Ausbildungsbeteiligung und Ausbildungserfolg Jugendlicher mit
­Migrationshintergrund in Berlin“; ihr konkretes Ziel wurde
aber mit der Prüfung der Option einer Ausweitung der
Kampagne Berlin braucht dich! auf Betriebe außerhalb des
Öffentlichen Dienstes in eine enge Verbindung gestellt. Es
kam von daher weniger darauf an, allgemein zur Beteiligung von Jugend­lichen mit Migrationshintergrund in ungeförderter Ausbildung zu recherchieren und zu berichten,
sondern vermittels einer Exploration Chancen und Optionen einer Öffnung von Betrieben außerhalb des Öffent­
lichen Dienstes zu ermitteln. Hierauf konzentrierte sich
­Angebot und Anlage der Expertise und die vorgeschlagene
Stufenfolge einer aktivierenden Inventarisierung.
Als Durchführungszeitraum war zunächst November 2008
bis Februar 2009 vorgesehen, musste dann aber verlängert
werden. Es zeigte sich nämlich, dass das eingeschlagene
„Schneeballverfahren“ und die damit verbundene ver­
zögerte Kontaktaufnahme mit Gesprächspartnern zu Verzögerungen führte, die begleitenden Recherchen (Internet,
Zeitungen, Dokumente …) erwiesen sich als zeitaufwendig. Ein am 20. März 2009 vorgelegter knapper Zwischenbericht zeigte aber durchaus, dass bereits in erheblichem
Umfang in das zu explorierende Feld eingetreten werden
konnte. War schon im Verlaufe des Frühjahrs immer frag­
licher geworden, ob die Kampagne zügig über den Öffentlichen Dienst hinaus ausgeweitet werden sollte, so wurde
im Sommer definitiv entschieden, dies bis auf Weiteres
nicht zu tun.
Dies führte schließlich zu der Entscheidung, die Recherchegespräche zunächst auszusetzen und später, sie ganz einzustellen, ohne dass die ursprüngliche Liste der Gespräche
völlig abgearbeitet werden konnte. Denn die gewählte
­methodische Vorgehensweise lebte gewissermaßen von
der engen zeitlichen und sachlichen Verknüpfung zwischen
laufender Kampagne und einer möglichen Ausweitung außerhalb des Öffentlichen Dienstes: Die Kontaktaufnahme
erfolgte immer unter explizitem Bezug darauf; viele Fragen

konnten ihre motivierende Wirkung nur durch diesen Bezug erwartbar machen. Am Ende der Gespräche wurde immer auf eine Rückkopplung und eine Einladung zu einer
Feedbackgruppe zur Abklärung ausweitender Aktivitäten
im Rahmen von Berlin braucht dich! verwiesen. Diese Vorgehensweise war ausdrücklich mit BQN abgestimmt – und
konnte nun nicht mehr durchgehalten werden. Zu diesem
Zeitpunkt waren ca. 20 Expertengespräche durchgeführt
worden. Diese konzentrierten sich vor allem auf die „Funktionärsebene“, waren also an die Ebene der Betriebe noch
nicht näher herangerückt. Dennoch war bereits ein guter
Überblick gewonnen. Die begleitenden Sekundärrecherchen wurden fortgesetzt.

1.2 Zwischenstand Sommer 2009
Der im Sommer 2009 vorliegende Zwischenstand konnte so
zusammengefasst werden:
„Die geführten Gespräche und die seit einigen Monaten
parallel erfolgten Recherchen in Studien, im Internet und
in Tageszeitungen lassen erwarten:
II Im Bereich der nicht-geförderten Berufsausbildung
außerhalb des Öffentlichen Dienstes finden sich bereits
Aufmerksamkeit, Interesse und teilweise auch aktive
Bemühungen für die Öffnung von Ausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dies ist von
Branche zu Branche und auch auf verschiedene
Betriebstypen hin zu differenzieren. Dennoch kann auf
keinen Fall – wie dies in manchem Diskurs geschieht –
von durchgehender Blockierung oder „Unbeweglichkeit“ ausgegangen werden.
II Für manche Sektoren wird die Nachfrage nach Jugend­
lichen mit Migrationshintergrund für einen Eintritt in
die Ausbildung ganz explizit formuliert: so z. B. im
­Cluster „Gesundheitswirtschaft“ oder auch für viele
Betriebe des Berliner Handwerks.
II Öffnung und Bewegung scheinen vor allem dort entstanden zu sein oder zu entstehen, wo „Inter­medi­äre
Akteure/innen“ aktiv sind, das Thema bewerben und
vor ­allem die Betriebe bei Kontakt und Auswahl unterstützen.
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 9

1 Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

II Diese intermediären Akteure/innen kann man auch als
„Transporteure/innen“ der Öffnung von Ausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund verstehen.
Dort haben sich vielfältige Erfahrungen und ein erheb­
liches Know-how kumuliert, das genutzt werden könnte. Gerade unter dem Gesichtspunkt eines rationalen
Ressourceneinsatzes erscheint es als sinnvoll, bei Öffnungen von Sektoren oder Gruppen von Unternehmen
mit solchen „Transporteuren/innen“ zusammen zu arbeiten.
II Allerdings sind diese „Intermediären“ meist aus
Programmen gefördert und verschwinden oft dann,
wenn die Förderung ausläuft; Projektförderung kann
zumeist nicht in Nachhaltigkeit überführt werden.
II Bei manchen Schulen des Sekundarbereichs 1 sowie bei
manchen Oberstufenzentren existieren gediegene
Erfahrungen und ein erhebliches Know-how bei der
Öffnung von Betrieben für die Gruppe der Jugendlichen
mit Migrationshintergrund. Hier würde es sich lohnen,
als „Leuchttürme“ solche „Paarungen“, vor allem aber
auch jene Schulen und Betriebe aufzusuchen, die für
ihre Aktivitäten bereits ausgezeichnet wurden.
II Die Clusterförderung des Berliner Senats wirft zwar
neben den Beschäftigungsperspektiven auch die Frage
nach den Kompetenzen auf, reicht aber konkret nicht
an die Kombination von Clusterpolitik mit Ausbildungsförderung oder Integrationspolitik heran.
II Senatsseitig sind die Aktivitäten zur Ausbildungsförderung und zur Integration noch weitgehend voneinander
getrennt.
II Diese Trennung von Ausbildungs- und Integrationsförderung gilt auch für die bezirkliche Ebene.
II Es gibt Anzeichen dafür, dass – im Gegensatz zu den
vielfach formulierten Erwartungen – auch von der Seite
der Gewerkschaften aus Betriebe für nicht-geförderte
Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund
zu öffnen wären.
II Unternehmensnahe Stiftungen und engagierte
Einzelpersönlichkeiten zeigen Bereitschaft, ihren
Einfluss für Berufsintegrationsziele geltend zu machen.
II Neben oder alternativ zu einer Vorgehensweise, die
einen gesamten Sektor oder Teile eines Sektors (Cluster
etc.) oder eine Unternehmensgruppierung (z. B. auf

10 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

Bezirksebene) einbezieht, lässt sich nach wie vor auch
denken, eine Art Pool von Leuchtturmbeispielen zu
bilden, und zwar quer zu sektoralen und räumlichen
Zuordnungen. Der Unterschied zu einer „Award-Strategie“ bestünde bei Berlin braucht dich! darin, dass mit
diesen Leuchtturm-Unternehmen entsprechend
systematisch gearbeitet würde, wie dies bisher schon
in Berlin braucht dich! erprobt ist bzw. erprobt wird.
II Die Vielzahl von Berichten, die der lokalen Presse über
erfolgreiche berufliche Einstiege oder Förderaktivitäten
zu entnehmen sind, lässt erwarten, dass das Thema
nach wie vor Medienrelevanz hat.
Alles zusammen genommen, kann – immer noch entsprechend der Zwischenbilanz im Sommer 2009 – davon ausgegangen werden, dass eine Ausdehnung der Kampagne
Berlin braucht dich! über den Öffentlichen Dienst hinaus
erfolgreich möglich wäre. Hierfür spricht auch, dass
Philosophie und Konzept der Kampagne, die bei jedem
Gespräch vorgestellt wurden, eine erhebliche positive
Resonanz fanden. Dies hängt vor allem damit zusammen,
dass Betriebe die Möglichkeit erhalten, ihre Nachwuchs­
interessen positiv zu formulieren und Besonderheiten, die
Jugendlichen mit Migrationshintergrund zugeschrieben
werden, weder positiv noch negativ im Zentrum der
Aktivität stehen. Dies ist – unter den Gesprächspartnern/
innen – vor allen Dingen den Kammern wichtig.
Der damaligen Zwischenbilanz schlossen sich Überlegungen zu verschiedenen Varianten des Umgangs mit den
Rechercheergebnissen, vor allem aber mit den entstandenen Kontakten an. Diese Überlegungen sind in der
damaligen Form nicht mehr aktuell, gehen aber modifiziert
in die Empfehlungen des jetzigen Schlusskapitels ein.

1.3 Zur Methode
II 1.3.1 Der Gesprächsleitfaden
Der den Expertengesprächen zugrunde liegende Leitfaden
steuerte das Thema in mehreren Fragerunden an. Ein
erster Abschnitt sollte die Gesprächspartner/innen, ihre
Hintergründe und Motive wechselseitig bekannt machen,
um überhaupt eine Basis gemeinsamen Interesses an dem
Gespräch zu schaffen. Zunächst schilderte der Interviewer
den Hintergrund der Recherche und erläuterte auch die
geplante Verwendung der Befragungsergebnisse; der/die
Gesprächspartner/in wurde gebeten, den beruflichen und
vor allem institutionellen Hintergrund und den konkreten
eigenen Bezug zum Thema zu erläutern.
Ein zweiter Abschnitt eröffnet unter der Überschrift
„Aktuelle Situation und Vorgeschichte der beruflichen
Integration junger Migranten/innen“ zunächst in allge­
meiner Weise den Austausch über den Gegenstand
des ­Gesprächs, wobei wichtige Handlungsfelder, wie
­wirtschaftliche Sektoren, die Ebene einzelner Betriebe,
Bereiche des Bildungssystems oder des Übergangs
Schule – Arbeitswelt aufgerufen werden sollten, um die
vorhandenen Erfahrungs- und Einschätzungshintergründe
besser verstehen zu können. Von dieser Bestandsauf­
nahme ausgehend, wurde dann ein Perspektivwechsel auf
Integrationspotenziale und deren Gründe vorgeschlagen.
Damit sollte der Blick auf aktuelle, vor allem aber
zukünftige mögliche Entwicklungen gelenkt werden.
Die beiden folgenden Abschnitte nehmen die im Verlaufe
des bisherigen Gesprächs angesprochenen konkreten Fälle
versuchter, gelingender, scheiternder, schwieriger,
sinnvoller oder notwendiger Integration noch einmal in
einer anderen Perspektive auf, nämlich durch eine
Erörterung zunächst von Chancen und Hemmnissen
weiterer Integration in konkreten Fällen einschließlich
eines noch am Fall bleibenden, aber sich weit in die
Zukunft erstreckenden Horizonts: „Horizont 2015 – Wie
wird dann die Integrationssituation vermutlich aussehen?
Was spricht für diese Annahme?“ Und: „Wenn noch
einmal – die konkreten besprochenen Fälle zusammenfassend – gesagt werden soll, von welchen drei wichtigsten

1

Faktoren künftiger Integrations-Erfolg abhängt: Welche
sind dies?“
So vorbereitet, sollte sodann auf eine Erörterung von
Allgemeiner: Förderliche und hemmende Rahmenbedingungen für weitere Integration konzentriert sein. Die Stadt
wird als Raum und Akteurin für Integration angesprochen
und es wird nach den Ideen gefragt zu: „Wie sind die
förderlichen Faktoren zu stärken? Wie sind die hemmenden Bedingungen abzumildern? Zu beseitigen?“
Der Leitfaden präsentiert also sechs Frageabschnitte, von
denen jeweils zwei einen Block bilden. Nach jedem Block
war eine Art Zwischencheck vorgesehen, der bei der hier
für richtig gehaltenen Anlage der Gespräche wichtig ist:
Es geht nämlich nicht um die Nachzeichnung von Denkund Argumentationsmustern, die sich im sprachlichen
Material des Gesprächs finden und vom Wissenschaftler
im Nachherein rekonstruiert und analysiert werden.
Sondern es geht um handlungsrelevante Informationen.
Von daher ist es von großer Bedeutung, dass der Ge­
sprächs­führende den/die Gesprächspartner/in richtig
verstanden hat – und umgekehrt: dass auch der Ge­
sprächs­führende in seiner Aufnahme des Gesprächs­
verlaufs und mit eigenen Beiträgen richtig „ankam“. Die
Zwischenchecks dienen dieser Rückversicherung. Der
Hinweis für den Gesprächsführenden lautet demnach:
Zusammenfassung der wichtigen Aussagen: richtig
verstanden? Unklarheiten: Nachfragen! Gegebenenfalls
Zwischenresümee formulieren.
Erst in den folgenden Abschnitten werden eigene Bezugspunkte zu Beispielen guter Praxis und wird die unmittelbar
oder mittelbar eigene Praxis explizit zum Thema. Erhofft
wird durch die mehrfachen Schleifen, mit denen Integra­
tionspraxis umkreist wird, dass nun die möglichen
Anknüpfungspunkte zwischen den eigenen Praxisfeldern
und dem Ansatz von Berlin braucht dich! voraussetzungsvoll besprochen werden können. Es geht schließlich um
„Eigene Vorhaben im Bereich Integration / Zentrale
Kooperationspartner/innen / Ziele, Erwartungen und
Befürchtungen zur Zielerreichung.“

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 11

1 Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

Zum Auftrag und seiner Bearbeitung

1

Indikatoren der Bestandsaufnahme:
a Nachfrage in den letzten fünf Jahren
II In den letzten fünf Jahren hat sich die Beschäftigung
von Fachkräften erhöht
II In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der
(besetzten) Ausbildungsplätze erhöht (mit welchen
fachlichen Schwerpunkten)
II In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der
Ausbildungsplätze in bestimmten Ausbildungsberufen (welchen?) erhöht (zulasten anderer Ausbildungsberufe? Welcher?
II Zusammensetzung nach Migrationshintergrund und
Geschlecht

Am Ende des Gesprächs stehen Verabredungen, etwa zu
folgenden Punkten:
Protokoll: Rückkopplung, Anonymität: für welche Infor­
mationen?
Zuschicken von Material: Vom Interviewten, vom Inter­
viewer, Feedback-Treffen: Einladung, Bereitschaft/Interesse
an weiteren Kontakten/an Mitarbeit.
Selten wurden die Gespräche streng in der hier kurz
skizzierten Form durchgeführt, alle waren aber an dieses
Schema angelehnt und folgten vor allem dem Prinzip eines
offenen, fairen und interessierten Austauschs, der vor
allem in einem handlungsorientierten Erhebungskontext
einen Sinn macht.
II 1.3.2 Indikatoren für künftige Bestandsaufnahmen
Aus den Vorüberlegungen zur und den Erfahrungen mit der
Recherche ergibt sich das folgende Raster an Fragen, deren Antworten in der Zusammenschau die Wahrscheinlichkeit eines wachsenden Anteils von Personen mit Migrationshintergrund in der Ausbildung indizieren. Dieser
Fragenkatalog kam in der vorliegenden Expertise nur teilweise zur Anwendung, weil in den Expertengesprächen
eher mit einer qualitativen Form der Bedarfsabschätzung
gearbeitet wurde. Dieses Raster von Indikatoren könnte
aber für ein künftiges Instrument nützlich sein, denn an
ihm wird deutlich, dass vermutlich weder der – auf bis­
herige Weise nicht oder nicht befriedigend gelöste –
­Bedarf an Auszubildenden und/oder Nachwuchskräften
noch eine zur Integration positive Haltung auf der Seite
von Betrieben und Wirtschaft allein ausschlaggebend sind.
Vielmehr können auch bisherige personalpolitische Tradi­
tionen oder eine spezifische personalpolitische Kultur, in
die Betriebe eingebunden sind, eine erhebliche Rolle spielen. Letztlich wird ein Bündel von Faktoren zusammen
spielen (müssen), um den Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in ungeförderter Ausbildung erheblich
und kontinuierlich zu erhöhen und dauerhaft zu halten.

12 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

b Trends in der aktuellen Nachfrage/Kriseneffekte?
II Aktuelle Nachfrage nach Fachkräften positiv (von
Krise nicht / noch nicht tangiert?)
II Nachfrage nach Fachkräften vor Krise positiv /
erwarteter Einfluss der Krise
II Zusammensetzung nach Migrationshintergrund und
Geschlecht
II Mittelfristiger Fachkräftemangel kündigt sich an:
Altersstruktur, Beschäftigungsumfang, Anforderungsniveau-Entwicklung
II Dynamische wirtschaftliche Entwicklung, Expansion:
Kündigt sich auch mittelfristiger Fachkräftemangel
an? Gibt es für die dortige Beschäftigung einschlä­
gige Ausbildungen auf Facharbeitsniveau?
II Vorhandene Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt
II Ausbildungsplätze werden vermehrt angeboten
II Eine verstärkte Aktivität zur Werbung von Aus­
zubildenden ist f­ estzustellen
c Bisherige Ausbildung und Beschäftigung von
Personen mit Migrations­hintergrund
II Anteil der Auszubildenden/Beschäftigten mit
Migrationshintergrund ist in den zurückliegenden
fünf Jahren angestiegen
II Beschäftigte Personen mit Migrationshintergrund
(einschließlich Auszubildende) haben einen Anteil von
mehr als 20 Prozent, stellen die Mehrheit der
Beschäftigten
II Erweiterung bei Ausbildung korrespondiert/korrespondiert nicht mit Erweiterung bei Beschäftigung
d Weitere Einflussfaktoren für erweiterte Ausbildung/
Beschäftigung von Personen mit Migrationshintergrund
II Märkte und Kundenstruktur machen Ausbildung/
Beschäftigung von Personen mit Migrationshintergrund sinnvoll/wünschenswert
II Vielfalt/Diversity ist ein wichtiges Kriterium der
Personalpolitik
II Andere innerbetriebliche Kalküle machen erweiterte
Ausbildung/Beschäftigung von Personen mit
Migrationshintergrund sinnvoll/wünschenswert
II Herausgehobene soziale Verantwortung signalisiert
nicht Erweiterungschancen
II Förderschwerpunkte/Förderstrategien lassen
erwarten, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund erweitert in Ausbildung eintreten
II Förderschwerpunkte/Förderstrategien lassen
erwarten, dass ausgebildete Personen mit Migrationshintergrund erweitert Beschäftigung finden

1.4 Zur Anlage des Berichts
Der vorliegende Bericht orientiert sich methodisch an den
bisher vorgestellten Überlegungen. Skizziert werden –
in Kapitel 2 – zunächst die sich im Wandel befindlichen
Rahmen­bedingungen, insbesondere jene, die sich (2.1)
auf den Ausbildungsmarkt und das Übergangssystem und
(2.2) auf Aspekte der Wirtschaftsstruktur und -entwicklung Berlins beziehen. In diesem Abschnitt werden in allgemeiner Form einige jener Fakten und Trends behandelt,
die im vorstehenden Abschnitt 1.3 als „Indikatoren“ Erwähnung gefunden haben. In den Kapiteln 3 bis 5 werden
Anknüpfungspunkte für Kampagnen zur Öffnung von
Berufs­ausbildungen außerhalb des Öffentlichen Dienstes
dargestellt, wie sie sich aus der Recherche ergeben haben.
In diesen Kapiteln finden sich also die unmittelbaren
­Bezüge auch zu den Expertengesprächen, die in den ersten
Monaten des Jahres 2009 durchgeführt wurden.
Das Kapitel 3 thematisiert stadtweite wirtschaftliche Be­
züge, insbesondere (3.1) nach Wirtschaftssektoren und
den Berliner wirtschaftspolitischen Clustern, und (3.2) in
Hinsicht auf wichtige Wirtschaftsbezogene Akteure/innen,
wie die Kammern und die Gewerkschaften. Das Kapitel 4
rückt die Ebene der Bezirke ins Zentrum der Betrachtung.
An Beispielen, die aus der Recherche resultieren, wird erörtert, inwieweit die Berliner Bezirke für das Ziel von Aktivitäten, die sich auf die Öffnung ungeförderter Berufsaus­
bildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund richten,
eine wichtige Handlungsebene sind bzw. sein könnten
oder müssten.

Das abschließende Kapitel 6 nimmt die Ausgangsfrage, die
dem Rechercheauftrag von Ende 2008 zugrunde lag, in
modifizierter Weise wieder auf: Erörtert wird, unter welchen Prämissen eine Kampagne analog zu Berlin braucht
dich! außerhalb des Öffentlichen Dienstes erfolgreich sein
könnte. Hierbei wird nun – Mitte 2010 – systematisch berücksichtigt, was Ende 2008 nur umrisshaft und prospektiv
zu greifen war: nämlich die Art und Weise der Kooperation
zwischen Betrieben, Schulen, Senatsverwaltungen, der
Agentur für Arbeit und BQN Berlin, von der erwartet wird,
wie Berlin braucht dich! als Kampagne über punktuelle
Mobilisierungseffekte hinaus langfristig und stabil Eintritt
und erfolgreichen Abschluss in der betrieblichen Berufsausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
sichern kann, der mehr oder weniger ihrem Anteil in der
Berliner Bevölkerung entspricht. In Hinblick auf dieses
hochgesteckte Ziel wurden im Verlauf des letzten Jahres
bei Berlin braucht dich! wichtige Schritte gemacht: Damit
hat sich aber auch Berlin braucht dich! als Bezugsgröße
für die Recherche, über die hier berichtet wird, qualitativ
verändert. Wenn man so will, ist Berlin braucht dich! zwischenzeitlich zu einer Marke für eine neue, kooperative
Weise der Öffnung von Berufsausbildung für Jugendliche
mit Migrationshintergrund in Berlin geworden.

Schließlich wird im Kapitel 5 diskutiert, ob es ggf. erfolgversprechend ist, Strategien zur Öffnung von Ausbildung
für diese Gruppe von Jugendlichen stärker als bisher als
(5.1) kooperative/integrierte Ansätze zwischen verschiedenen, bisher nebeneinander operierenden Aktionszentren,
bzw. (5.2) Mehr-Ebenen-Ansätze, vor allem zwischen der
Gesamtberliner- und der Bezirksebene anzulegen und
schließlich die Frage, ob (5.3) neue Kombinationsansätze
erforderlich werden, um Jugendliche zu erreichen, die den
offiziellen Wegen und Mechanismen der Berufsorientierung und Ausbildungseinmündung fern stehen.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 13

2 Rahmenbedingungen im Wandel

2

Rahmenbedingungen im Wandel

2

Rahmenbedingungen im Wandel

2.1 Tendenzen auf dem Ausbildungsmarkt
Für die Annäherung an Antworten auf die Frage, welche
Chancen der Öffnung ungeförderter Dualer Berufsausbildung es außerhalb des öffentlichen Sektors für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Berlin in der nächsten
Zeit geben wird, müssen auch die allgemeinen Tendenzen
bei Bildung, Ausbildung und auf dem Ausbildungsmarkt
Berücksichtigung finden.
Die generelle Annahme unterstellt, dass die bislang –
gemessen am Bevölkerungsanteil der entsprechenden
Jahrgänge – stark unterproportionale Teilhabe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an einer nicht-geförderten Dualen Ausbildung auf ein Potenzial an Kandidatinnen und Kandidaten verweist, das sich mobilisieren könnte,
wenn Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben und/oder, wenn
sie sich im Bewerbungsverfahren durchsetzen. Die allgemeine Stimmungslage bei den Gesprächspartnern/innen
aus wirtschaftsnahen Feldern ermuntert zu der weiteren
Annahme, dass die vorhandenen Ausbildungsplätze aus
dem bisher vor allem aktivierten Reservoir von Bewerberinnen und Bewerbern nicht mehr oder nicht mehr befriedigend besetzt werden können. Insofern würden
Jugendliche mit Migrationshintergrund, die bisher unterdurchschnittlich an Ausbildung partizipiert haben, verstärkt in den Blick kommen. Das Interesse an der (zusätzlichen) Erschließung neuer Bewerbergruppen kann mit der
Erweiterung des bisherigen Umfangs an Ausbildung und/
oder der (zunehmenden) „Nichtpassung“ zwischen Bewerbungen aus ebendiesem bisher genutzten Reservoir mit
den von den Betrieben gestellten Anforderungen zu tun
haben. Dies kann mit der faktischen und/oder erwarteten
Verringerung des Umfangs des bisher genutzten Reservoirs
zusammenhängen: eine solche Verringerung wiederum
kann sowohl durch demografische Entwicklungen als auch
durch Veränderungen im Bildungs- und Bewerbungsverhalten hervorgerufen werden.
Es geht also um ein kompliziertes Wechselverhältnis
zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Markt ungeförderter Ausbildung. Besonders großes Interesse an einer
Mobilisierung von neuen Bewerbergruppen kann dann

14 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Merkmal

erwartet werden, wenn verschiedene dieser Faktoren
zusammen kommen.
Diesen verschiedenen Aspekten soll hier in knapper Form
nachgegangen werden.

Der Ausbildungsstellenmarkt im
September 2009 in
Berlin

Ausbildungsplätze.
20081 sind insgesamt 29.765 Ausbildungsverhältnisse (hier
als Berufsbildung im Unterschied zu Allgemeinbildender
Schule und Studium zu verstehen) neu begründet worden.
Darin eingeschlossen sind betriebliche Ausbildung nach
BBiG und HWO (20.697), die Ausbildung in Medizinalfachberufen (2.282), die öffentlich-rechtlichen Laufbahnen im
unmittelbaren Landesdienst (932) und vollschulische
Ausbildung in Berufsfachschulen nach BBiG, HWO oder
Landesrecht (5.854). Der Anteil der Dualen Ausbildung
am Gesamt dieser neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse beträgt 65,1 Prozent, was unter dem Bundesdurchschnitt von 67,2 Prozent liegt.
Bewerber alle
27.836
Gemeldete
Bewerber für
Ausbildungsplätze

Quelle: Bertelsmann
Stiftung 2010,
Länderstudie Berlin
des Projekts
„Übergänge mit System“
a 1. Oktober bis Ende
September des folgenden
Jahres.
b Berufsausbildungsstellen in außerbetrieblichen
Einrichtungen gem. § 241
(2) SGB III. Außerbetriebliche Berufsausbildungsstellen für Rehabilitanden
nach § 102 SGB III sowie
(nur Ostdeutschland)
Berufsausbildungsstellen
nach dem „Ausbildungsprogramm Ost“. Die
nächste Aktualisierung
der Daten erfolgt Ende
März 2010.

Verbleib der Bewerber
14.800
Andere
ehemalige
Bewerber

8.982
In Ausbildung
vermittelt

Einmündung in
Ausbildung und
andere Alternativen
Quelle: Bundesagentur
für Arbeit

1.658a
2.396b 
a noch nicht vermittelt aber mit Alternative zum 30.09. des Berichtsjahres

b Unversorgte Bewerber
1 Die folgenden Angaben basieren auf: Wirtschafts- und Arbeitsmarktbericht Berlin
2008/2009

a noch nicht vermittelt
aber mit Alternative zum
30.09. des Berichtsjahres
b Unversorgte Bewerber

Gemeldete Bewerber für Berufsausbildungsstellen
(nur Agenturen für Arbeit und Arbeitsgemeinschaften, ohne zugelassene kommunale Träger)
Zugang seit Beginn des Berichtsjahresa

September

2008/2009

20.843

Veränderung
gegenüber Vorjahr
abs.

Prozent

– 6.993

– 25,1 Prozent

– 1.334

– 14,9 Prozent

Versorgte Bewerber

19.280

– 6.160

Andere ehemalige Bewerber

10.739

– 4.061

Einmündende Bewerber

Bewerber mit Alternative zum 30.9.

Bestand an unversorgten Bewerbern

Gemeldete Berufsausbildungsstellen

Zugang seit Beginn des Berichtsjahresa
Betriebliche Berufsausbildungsstellen

Außerbetriebliche Berufsausbildungsstellenb

Bestand an unbesetzten Berufsausbildungsstellen
im Monat

7.648
893

2007/2008

2006/2007

27.836

35.392

8.982

10.155

– 24,2 Prozent

25.440

– 27,4 Prozent

14.800

18.539

1.563

–   833

–   765

– 46,1 Prozent

– 34,8 Prozent

2.396

3.823

14.722

– 3.513

– 19,3 Prozent

18.235

18.731

– 2.800

– 37,3 Prozent

7.510

8.091

10.012

–   713

282

    18

4.710

Zwar hat sich der betriebliche Anteil an allen Dualen Ausbildungsverhältnissen über die Jahre erhöht, und zwar von
75,4 Prozent in 2001 auf 85,7 Prozent in 2008. Allerdings
ist die Zahl der neuabgeschlossenen betrieblichen Ausbildungsverhältnisse von 2007 auf 2008 von 21.954 auf die
angegebenen 20.697 gesunken. Dies wird darauf zurückgeführt, dass ein tatsächliches Anwachsen der Zahl der
betrieblichen Ausbildungsplätze den Rückgang geförderter
Ausbildungsplätze nach dem Ausbildungsprogramm Ost
nicht vollständig kompensieren konnte. Diese im Vergleich
zum Bundesgebiet schwächere Ausbildungsbeteiligung
von Betrieben könnte ein Hinweis auf die Grenzen der Expansion ungeförderter Ausbildung sein.
Dieses Bild, das der Länderstudie Berlin des Projekts
Übergänge mit System entnommen ist, zeigt rechnerisch
eine leichte Verbesserung auf dem Ausbildungsmarkt, aber
immer noch ein deutliches Ausbildungsplatzdefizit. Wenn

– 6,6 Prozent

1.658

31.569

10.725

6,8 Prozent    265

2.875

10.640

   399

man die neue Berechnung2 des Verhältnisses Ausbildungsplatzbewerber/innen – Ausbildungsstellenangebot (ANR)
zugrunde legt, wie dies die Autoren der Länderstudie tun,
kommt man auf eine Relation von 90:1. Welche Rolle das
außerbetriebliche, öffentlich geförderte Ausbildungsplatzangebot in Berlin spielt, wird in der Länderstudie so
umrissen:
„Betrachtet man das Verhältnis der Ausbildungsplatzbewerber in Bezug auf das betriebliche Ausbildungsstellenangebot, dann sieht der entsprechende ANR
noch deutlich schlechter aus, er liegt in 2009 bei 74,6
Prozent.“ (S. 20/21).

2 Das Angebot wird dabei definiert als Summe der neuen Lehrverträge (= realisiertes
Angebot) zuzüglich der am 30.9. bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldeten
noch offenen Plätze (= erfolgloses Angebot). Die Nachfrage wird als Summe der neuen
Lehrverträge (= realisierte Nachfrage) und der am 30.9. bei der BA gemeldeten, noch
nicht vermittelten Bewerber (erfolglose Nachfrage) berechnet.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 15

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Rahmenbedingungen im Wandel

2

27.000

22.500

18.000

ohne Hautpschulabschluss

12.540
2.751

5.354

13.077
2.864

5.909

12.528
2.906

5.474

11.511
2.866

6.015
3.247

6.205
3.028

6.609
3.557

7.207
3.559

7.600
3.400

8.662
3.392

0

3.450

4.500

8.011

9.000

5.625

12.038

11.783

11.064

12.042

12.382

12.817

13.500

10.890

Hauptschulabschluss

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

Wenn man den rechnerischen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage für den Maßstab der Versorgung hält –
was aber mehr als problematisch ist –, dann ist die betriebliche Anzahl angebotener Ausbildungsplätze in Berlin
um 25 Prozent niedriger als die Gesamtzahl der bei der
Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldeten aktuellen Ausbildungsnachfrager/innen. Allerdings ist hierbei die Bugwelle der Altnachfrage noch nicht korrekt berücksichtigt,
nämlich diejenigen, die in den Vorjahren zu den Nachfragern/innen für einen Ausbildungsplatz gehörten, und sich
nun in den Maßnahmen des Übergangssystems befinden.
In der Länderstudie wird für 2008/2009 von einer Zahl von
„fast 20.000 Teilnehmer/innen in berufsvorbereitenden
Lehrgängen“ ausgegangen, „die nicht unmittelbar auf die
Erreichung eines Ausbildungsabschlusses gerichtet sind“
(S. 26).
Rückläufigkeit des betrieblichen Ausbildungsplatzangebots
ist in Berlin von 1999 bis 2003 festzustellen, dann stabilisierte es sich zunächst auf diesem niedrigeren Niveau.
Gründe hierfür sind in strukturellen Verschiebungen und
Veränderungen zu suchen, wie z. B. dem weiteren Rückgang der gewerblichen Wirtschaft, Konzentrationsprozessen, Rationalisierungen und Veränderungen in Profil und
Struktur der beruflichen Anforderungen. Das Handwerk ist
an dieser Verringerung von Ausbildungsverhältnissen im
Übrigen wesentlich stärker beteiligt als Industrie und
Dienstleistungen, also der Organisationsbereich der IHK3.
Mit der einsetzenden Wirtschafts- und Finanzkrise
2008/2009 geht die Zahl der Ausbildungsplätze in Berlin
zurück, und zwar stärker als im Bundesdurchschnitt. Die
Regionalstudie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) Duale Berufsausbildung und Arbeitsmarkteinstieg in Berlin-Brandenburg4 lenkt den Blick allerdings
3 Vergl. hierzu IHK Berlin, Handwerkskammer Berlin August 2009: Wirtschaft und
Bildung in Berlin – Ausgabe 2009.
4 Seibert, Holger / Dieter Bogai, IAB Regional 4/2009, Nürnberg

16 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Realschule oder vgl.
Abschluss

Entwicklung der
Ausbildungszahlen in
Berlin (Neu
abgeschlossene
Ausbildungsverträge
in Berufen nach dem
BBiG und der HWO)
Quelle: IHK Berlin,
Handwerkskammer Berlin,
Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg
Freie Berufe,
Öffentlicher Dienst,
Sonstige
Handwerk
Industrie & Handel

auf einen für die Fragen dieser Recherche sehr wichtigen
Umstand:
„Der überdurchschnittliche Rückgang ist aber ausschließlich auf ein rückläufiges Angebot an außerbetrieblichen Ausbildungsstellen zurückzuführen. (In
diesem Zusammenhang wurde davon gesprochen, dass
aus dem Bund-Länder-Sonderprogramm in 2008 2.500
Ausbildungsplätze zur Verfügung standen und der Senat
sich dafür verwenden wollte, die geplante Kürzung auf
500 abzuwenden. Zugleich hat die Sonderkommission
„Ausbildungssituation und Fachkräftesicherung“ die
Betriebe aufgefordert, trotz der Krise ihr Ausbildungsplatzangebot zu halten.) Bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen wurden – entgegen den Befürchtungen –
bis September 2009 in Berlin nur 713 Stellen weniger
(– 6,6 Prozent) (…) angeboten.“ (S. 10)
Trotz dieses frühen Zeitpunkts der Beobachtung sehen die
Autoren Grund für die Feststellung:
„Das trotz der Krise relativ konstante Angebot an
Ausbildungsstellen in der Region spricht dafür, dass die
Arbeitgeber den zukünftigen Fachkräftebedarf erkannt
haben und mit entsprechenden Investitionen in Vorleistung gehen.“ (S. 10).
Eine Erklärung für die relative Schwäche des Segments der
betrieblichen Berufsausbildung könnte in der vergleichsweise niedrigen Zahl der ausbildenden Betriebe am
Gesamt der Betriebe in Berlin liegen: Mitte 20085 nämlich
nur 28 Prozent. Eine wichtige Zusatzinformation besteht
darin, dass lediglich 54 Prozent der Betriebe ausbildungsberechtigt sind, während es im westdeutschen Durchschnitt 61 Prozent sind.

5 Diese Angaben folgen dem: Bericht zur 13. Welle des Betriebspanels Berlin in einer
Auswertung des DGB Landesbezirks Berlin-Brandenburg

Hochschulreife

Schulisches Berufsgrundbildungsjahr
Berufsfachschule
Neu abgeschlossene
Ausbildungsverträge
in Berlin in Industrie
und Handel in 2008
Quelle: IHK Berlin

Anders gesagt: Von den überhaupt ausbildungsberechtigten Betrieben bilden 2008 52 Prozent aus. Immer im
Vergleich zu Westdeutschland bilden in Berlin die kleinen
Betriebe (unter 10 Beschäftigten) häufiger und die
mittelgroßen Betriebe deutlich weniger aus, während bei
den Großbetrieben kein Unterschied festzustellen ist. Dies
sind Hinweise darauf, dass auch die kleinteilige Wirtschaftsstruktur Berlins bei der Betrachtung der Ausbildungsverhältnisse mit Beachtung finden muss.
Im Zeitverlauf über sieben Jahre zeigt sich, dass gut vier
Fünftel aller Betriebe, die überhaupt ausbilden, kontinuierlich oder in diesem Zeitraum wieder ausgebildet haben.
Das spricht dafür, dass es ein stabiles und aktives
betriebliches Ausbildungsfeld gibt, welches allerdings
nicht expandiert.
Dieses „ausbildungstreue“ Feld bildet gewissermaßen das
Rückgrad des Dualen Systems in Berlin. Die – um die nicht
betrieblichen Ausbildungsverhältnisse bereinigte – betriebliche Ausbildungsquote beträgt in Berlin 3,9 Prozent,
im Vergleich hierzu in Westdeutschland 4,5 Prozent. Auch
dies deutet auf ein starkes Gewicht mittlerer und kleinerer
Betriebe im Ausbildungsfeld hin. 51 Prozent der Ausbildungsverhältnisse entfallen auf den Dienstleistungssektor,
fast die Hälfte davon auf übrige Dienstleistungen. Der
gewerbliche Bereich hat mit 7 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse einen gegenüber Ost- und Westdeutschland
sehr geringen Anteil (16 bzw. 23 Prozent).

Berufsvorbereitung
sonstige

ohne Angabe
insgesamt

insgesamt
209

2.415

4.328

in Prozent

  2 Prozent
 19 Prozent

 35 Prozent

4.116

 33 Prozent

581

  5 Prozent

244

  2 Prozent

19

229

399

12.540

  0 Prozent

  2 Prozent
  3 Prozent
100 Prozent

Vorbildung.
Auf den ersten Blick sieht das Bild nur allzu bekannt aus:
Jugendliche mit niedrigen Schulabschlüssen oder lediglich
mit einem Abgangszeugnis der Hauptschule haben auf
dem Ausbildungsmarkt die geringsten Chancen. Die
Berliner Zahlen für 2007 werden in beiden zitierten Studien
referiert: Zwar sank der Anteil der Schülerinnen und
Schüler, die in Berlin die Schule ohne Abschluss verlassen,
von 2005 bis 2008 um 0,3 Prozent, aber liegt mit 10,7 Prozent nach wie vor deutlich höher als der nationale
Durchschnitt (7,9 Prozent). Einen Hauptschulabschluss
machten 2007 22,2 Prozent der Schulabgänger/innen,
davon 14,5 Prozent einen erweiterten Abschluss. Von den
bei der Bundesagentur für Arbeit in Berlin im September
2009 gemeldeten 26.732 Arbeitslosen zwischen 15 bis
unter 25 Jahren hat über die Hälfte einen Hauptschulabschluss oder keinen Abschluss.
Als ein Hinweis auf die schulische Vorbildung als eine
der Schlüsselfragen für einen erfolgreichen Einstieg in Ausbildung kann angesehen werden, dass in Berlin lediglich
fünf Prozent aller Auszubildenden keinen Hauptschulabschluss haben. Die von den Kammern vorgelegten Zahlen für 2008 zeigen, dass im Bereich der Handwerkskammer wie der IHK der Anteil der Abiturienten/innen an der
Ausbildung seit 2002 kontinuierlich gestiegen ist, und
2008 z. B. im Handwerk bei den betrieblich abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 12,4 Prozent ausmacht. Auszubildende mit Hauptschulabschluss sind aber im Handel immer noch die größte Gruppe; im Bereich der IHK machen
sie 2008 19 Prozent aller Auszubildenden aus (gegenüber
33 Prozent mit Hochschulreife)6.

6 IHK Berlin/Handwerkskammer Berlin August 2009: Wirtschaft und Bildung in
Berlin – Ausgabe 2009

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 17

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Rahmenbedingungen im Wandel
25.000

Links: Anteil der
Abiturienten/innen an
neu abgeschlossenen
betrieblichen und
außerbetrieblichen
Ausbildungsplätzen
im Berliner Handwerk

12,3
10,0

Quelle: Handwerkskammer Berlin
Betriebliche Ausbildung
Außerbetriebliche
Ausbildung

15.000

10.000

6,3

5,8

6,2

7,1

8%

6%

20.000

8,5

9,5

10%

12,4

14%

12%

31.873

4%

30.580

29.020

27.190

34.920

27.620

28.800

31.020

28.710

5.000

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

Demografische Entwicklung7.
Zur Entwicklung der Schülerzahlen kommt die Länderstudie Übergang mit System zu folgendem Schluss:
„Vorausberechnungen zufolge wird sich die Zahl der
Schulabgänger folgendermaßen entwickeln: sie sinkt in
den nächsten zwei Jahren von 30.600 auf 27.200, steigt
im Jahr 2012 aber wegen des doppelten Abiturientenjahrgangs sprunghaft auf fast 35.000 an. Im Zeitraum
von 2013 bis 2015 steigt die jährliche Schulabgängerzahl
von 27.600 auf ca. 31.000 und pendelt sich in den Folgejahren bei ca. 28.000 ein. Das bedeutet, es werden weiterhin beträchtliche Anstrengungen nötig sein, um den
Jugendlichen eine Berufsausbildung zu ermöglichen.“8
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in dem folgenden
Bild, das allerdings noch einen anderen wichtigen Hinweis
gibt, nämlich die zu erwartende weitere Erhöhung des
Anteils an Schüler/innen, die die Schule mit der Allgemeinen Hochschulreife verlassen.
Erst auf längere Sicht ist durch den Rückgang an Schülerzahlen eine quantitative Verengung des Personenkreises
zu erwarten, der für eine betriebliche Ausbildung infrage
kommt (ohne Berücksichtigung der Einpendelungen aus
dem Berliner Umland). Allerdings hängt der künftige
betriebliche Ersatzbedarf an Fachkräften auch von der
Altersstruktur der vorhandenen Belegschaften ab.
Überalterung macht vielen Betrieben zu schaffen.

7 Vergl. hierzu allgemein: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2009: Das
Demographiekonzept für Berlin, Berlin
8 Länderstudie Berlin. S. 22

18 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Rechts: Prognose
zur Anzahl der
Schulabgänger und
Schulabgängerinnen
in Berlin
Quelle: Senatsverwaltung
für Bildung, Wissenschaft
und Forschung

1,9

0,8

1,0

1,5

1,9

1,7
1,1

1,5

2,4

2%

0%

2

0

2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014

2015

2016

Zwischenbetrachtung.
Diese kurze Skizze ausgewählter Aspekte zeigt ein Panorama, das für die weitere Ausgestaltung von Strategien zur
Öffnung ungeförderter Ausbildung für Jugendliche mit
Migrationshintergrund eine Reihe wichtiger Hinweise bereit hält. Zunächst kann festgehalten werden, dass für ein
umfangreiches Segment von Betrieben in Berlin nach wie
vor gilt, dass eine eigene Berufsausbildung zu den wichtigen oder sogar bevorzugten Wegen der Nachwuchsgewinnung zählt. Die Diskrepanz zwischen der – hohen –
Nachfrage nach (betrieblichen) Ausbildungsplätzen und
der Zahl der angebotenen Plätze ist chronisch, hat aber
kaum mit Ausbildungsverweigerung seitens der Betriebe,
sondern vor allem mit strukturellen Gegebenheiten innerhalb der Berliner Wirtschaft zu tun.
Neben den Verschiebungen zwischen den Branchen und
den Rationalisierungsprozessen innerhalb der Branchen
sind es die Betriebsgrößen, wirtschaftliche Unsicherheiten,
insbesondere im Bereich von Neugründungen, und die in
vielen Sektoren insbesondere der Dienstleistungsökonomie
und der Kreativwirtschaft anzutreffende Ungeübtheit mit
Ausbildung, die eine Erweiterung der Anzahl von Ausbildungsplätzen behindern. Schwer vorstellbar ist allerdings,
dass das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen in
absehbarer Zeit ausreichen könnte, um jedwede Nachfrage
zu decken.
Von daher macht es keinen Sinn, einen Einstieg in betriebliche Ausbildung so hoch zu bewerten, dass jegliche Alternative – vor allem bei Schüler/innen mit niedrigerem Schulabschluss als Abitur – als minderwertiger erscheint. Dies
ist auch deswegen unangebracht, weil die wachsenden
Anteile von Abiturienten/innen in der betrieblichen Ausbildung signalisieren, dass Betriebe – jedenfalls für einen
wichtigen Teil ihrer beruflichen Tätigkeiten – auf eine sehr
gute schulische Vorbildung großen Wert legen. Die demografische Entwicklung verknappt – so weit zu erkennen ist

mit Hochschulreife
ohne Hochschulreife

– in den nächsten Jahren noch nicht das quantitative Reservoir an potentiellen Auszubildenden.
Offenbar verschärft sich aber eine Art von qualitativer
Engpass: Es scheint so, dass Betriebe bei ihrer bis dato
angestammten Klientel für Ausbildung nicht mehr in ausreichender Zahl Jugendliche antreffen, die ihren Ansprüchen und Vorstellungen entsprechen. Insbesondere gilt
dies für Jugendliche aus deutschsprachigen Familien mit
mindestens einem Realschulabschluss. Diese Jugendlichen
können als Alternative direkt oder mit einem kalkulierbaren Umweg zu einem Hochschulstudium gelangen oder
auch in Bereiche von Selbständigkeit eintreten. Ob sich Betriebe nun anderen Gruppen von Schulabgängerinnen und
Schulabgängern zuwenden, hängt auch von betriebswirtschaftlichen Kalkülen ab, nämlich von einer Art Abschätzung der Opportunitätskosten, wenn man nicht oder nicht
mehr in demselben Unfang ausbildet, zu den erwarteten
Zusatzkosten, die ein anderes Ausbildungsklientel hervorrufen könnte.
Fachkräftemangel/Fachkräftebedarf.
Eine Berliner Besonderheit liegt auch darin, dass die
Übernahmequote nach Ausbildung 2008 mit 42 Prozent
deutlich niedriger ist als in Ostdeutschland (47 Prozent)
und in Westdeutschland (sogar 65 Prozent). Damit
korrespondierend, liegt die Arbeitslosenquote junger
Fachkräfte nach Ausbildung in Berlin vergleichsweise hoch,
nämlich bei 14,2 Prozent, in Ostdeutschland bei 11,4 Prozent und in Westdeutschland bei 5,1 Prozent. Dies müsste
so interpretiert werde, dass über den aktuellen Nachwuchsbedarf der Betriebe hinaus ausgebildet wird, was
ganz unterschiedliche Motive haben kann9

dem Arbeitsmarkt. Allerdings muss hierbei berücksichtigt
werden, dass die globale Betrachtungsweise irreführend
sein kann; außerdem ist zu berücksichtigen, dass die
Befragungsdaten 2008 die heraufziehende Krise noch nicht
angemessen widerspiegeln.
Aber – in den Worten der Zusammenfassung durch
den Landesbezirk des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB)11:
„Mitte 2008 wurden von 16 Prozent der Berliner Betriebe
insgesamt ca. 26 Tsd. Fachkräfte gesucht. In Berlin
entfallen auf 100 Beschäftigte mit qualifizierten
Tätigkeiten 2,5 gesuchte Fachkräfte. Diese Relation ist
gegenüber den Vorjahren deutlich angestiegen“ (S. 7).
Nach Angaben der Betriebe konnten im 1. Halbjahr 2008
in neun Prozent der Betriebe 19.000 Stellen nicht besetzt
werden (im Vergleich hierzu 2005 10.000 in vier Prozent
der Betriebe). Die Nichtbesetzungsquote für Fachkräfte
entwickelte sich dementsprechend von 18 Prozent 2005
auf 22 Prozent in 2008; d. h. jede 5. Stelle für qualifizierte
Fachkräfte konnte im 1. Halbjahr 2008 nicht besetzt werden. Dies gilt insbesondere für das Kredit-/Versicherungsgewerbe, aber auch noch für unternehmensnahe Dienstleistungen, für die gewerbliche Wirtschaft und das
Baugewerbe. Nach Betriebsgrößenklassen betrachtet, haben Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten am wenigsten
Probleme der Neubesetzung; oder umgekehrt, es sind vor
allem kleinere und mittlere Betriebe, die bei der Neubesetzung qualifizierter Arbeitsplätze Schwierigkeiten haben.

In einem gewissen Kontrast hierzu bewegen sich die
Ergebnisse der „Betriebspanel-Befragung“10 zum Fachkräftemangel bzw. zu den Personalgewinnungschancen auf
9 Auf jeden Fall muss auch unter Aspekten von Integrationspolitik der Übergangsproblematik an der 2. Schwelle verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet werden.

10 Quelle: Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales
Gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, des IAB (BasisStichprobe) und aus Mitteln des Landes Berlin Erarbeitet in Kooperation mit dem Institut
für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA)
,Auswertung: SÖSTRA Sozialökonomische Strukturanalysen GmbH Berlin ,Datenerhebung: TNS Infratest Sozialforschung / TNS Infratest, Berlin, Mai 2009

11 Quelle: DGB Bezirk Berlin-Brandenburg: Entwicklung von Betrieben und
Beschäftigung in Berlin. Auszüge der Ergebnisse der dreizehnten Welle des
Betriebspanels Berlin, Berlin 2009 (Manuskript)

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 19

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Jugendliche mit Migrationshintergrund.
Jugendliche mit Migrationshintergrund gelten als besondere Risikogruppe beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt; oftmals wird pauschal unterstellt, sie gehörten
in Gänze zu den Bildungsfernen und zu jenen, die die
Schule mit niedrigem oder keinem Abschluss verlassen. Die
Wirklichkeit ist allerdings viel differenzierter. Auf der einen
Seite stellen Jugendliche mit Migrationshintergrund eine
große Gruppe bei denjenigen, die ohne Abschluss die
Schule verlassen. Der Berliner Integrationsmonitor12 konstatiert hierzu:

12 Der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration Juli 2009: Erster
Untersuchungsbericht zum Berliner Intregrationskonzept 2007–2009, Berlin

20 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Auch im Bereich der Berufsausbildung zeigt sich ein Trend
zu höherer Beteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Der schon erwähnte Bericht zum Integrationsmonitoring kommt hier zu zwei Feststellungen, deren
Beziehung zueinander u. a. aufgrund der Datenlage, was
den Migrationshintergrund betrifft, nicht genau bestimmt
werden kann. Zunächst wird festgestellt, dass der Anteil
von Ausländer/innen, also Personen mit einem nichtdeutschen Pass, an den Auszubildenden in Berlin über die
Jahre kontinuierlich gesunken ist, und zwar von 1997
13 Auf die hohe Bildungsmotivation z. B. unter jungen türkischen Migrantinnen und
Migranten hatte auch schon eine viel beachtete empirische Studie hingewiesen, über die
z. B. die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „‚Hoch talentiert und motiviert‘.
Junge Türken wollen nach oben – und investieren in Bildung“ berichtete (FR vom
29.1.2009); Studie: Ulrich Raiser 2007, Erfolgreiche Migranten im deutschen
Bildungssystem – es gibt sie doch, Lebensläufe von Bildungsaufsteigern türkischer und
griechischer Herkunft, Münster

178
157

143
110

104

98

109

98

73

88

75

201

172

149

133

611

558

537

490

464

453

600

2004

2005

2006

1999

2000

2001

2002

2003

6,1 Prozent auf 2006 4,1 Prozent. Dies wird so kommentiert:
„…, ist die Entwicklung dieses Indikators nicht zufriedenstellend. Sie weist darauf hin, dass es weiterer großer Anstrengungen bedarf, um eine chancengerechte
Beteiligung von Migrantenjugendlichen im Berliner Ausbildungssystem zu erreichen“ (S. 79).
Aber schon die obenstehende Tabelle demonstriert, dass
die genannten Zahlen die Ausbildungsrealität von
Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Berlin nicht
vollständig widerspiegeln und wohl auch nicht im Trend.
Der Mikrozensus lässt nämlich seit 2007 zu, auch Aussagen zu Jugendlichen zu machen, die einen Migrationshintergrund haben und die deutsche Staatsbürgerschaft
besitzen. Zahlen hierzu liegen allerdings nur für den
Berufsschulbesuch, nicht aber für die bei den Kammern
eingetragenen Ausbildungsverhältnisse vor. Ergebnis:

2004

2005

2006

1.107

2008

2007

81 1.198

2003

99

73 954

2002

1.029

82 1.116

2001

98

89

2000

569

1999

542

0

77 917

85 1.040

2007

200

73 947

583

102 1.145

1.093

589

400

590

sonstige Berufe
Dienstleistungsberufe
Fertigungs- und
technische Berufe

800

686

Quelle: Statistik
der Bundesagentur
für Arbeit; eigene
Berechnungen.

510

Entwicklung der
Ausbildungsstellen
in Berlin, die von
ausländischen
Jugendlichen besetzt
sind, 1999–2008

141

146
512

1.000

197

143

137

1.200

873

Die Daten zeigen, was die schulische Bildung betrifft, eine
viel stärkere Polarisierung13 bei der Gruppe derjenigen mit
nicht-deutscher Herkunftssprache: Sie weisen sowohl
höhere Anteile bei Hauptschule als auch bei Gymnasium
auf. während es bei Schüler/innen aus deutschsprachigen
Familien eine Massierung im Bereich Realschule/Gesamtschule gibt.

1.400

1.003

„Dies deutet, entgegen einer oft geäußerten Auffassung,
auf eine hohe Bildungsmotivation von Eltern und Kindern
mit Migrationshintergrund hin.“ (S. 84)

1.600

527

Derselbe Bericht des Berliner Integrationsbeauftragten
stellt an anderer Stelle fest, dass – bezogen auf die
8. Jahrgangsklasse im Schuljahr 2007/2008 – ein wesentlich höherer Anteil der Kinder aus Familien mit nichtdeutscher Herkunftssprache ein Gymnasium besucht als
aus jenen mit deutscher Herkunftssprache (knapp
30 Prozent zu knapp 21 Prozent). Der Bericht kommentiert:

1.800

1.107

Im Vergleich der Panelergebnisse aus den verschiedenen
Jahren kann eine deutliche Verringerung des Anteils
einfacher Tätigkeiten festgestellt werden, und zwar von
1996 26 Prozent auf 2008 18 Prozent. Diese Kurve ist aber
in den vergangenen Jahren flacher geworden, so dass von
einem stabilisierten Segment einfacher Tätigkeiten
ausgegangen werden kann. Diese verschwinden nicht,
sondern gewinnen sogar in manchen Branchen, wie den
unternehmensnahen Dienstleistungen oder im Gaststättengewerbe, an Gewicht.

„Der Anteil der Schulabbrecherinnen und – abbrecher
unter Kindern nicht-deutscher Herkunftssprache ist in
den vergangenen drei Jahren um mehr als 2 Prozentpunkte zurückgegangen (…) Dass jedoch nach wie vor
16,5 Prozent aller nicht-deutschen Schülerinnen und
Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, ist nicht
zufriedenstellend. Es bedarf hier weiterer nachhaltiger
bildungspolitischer Initiativen.“ (S. 85)

2

Frauen

532

Insgesamt signalisiert dies eine gestiegene Nachfrage
nach Fachkräften, wobei es sich offenkundig vor allem um
kurzfristige Bedarfe handelt. Denn interessanterweise sind
die betrieblichen Antworten auf Fragen zur Förderung
Älterer in der Beschäftigung – und damit auch zur
Bedeutung des Ersatzes älterer und wegen Verrentung
ausscheidender Mitarbeiter/innen – sehr zurückhaltend.
Hier werden insgesamt wenig Aktivitäten vermeldet, was
auf ein wenig entfaltetes Problembewusstsein oder
Optimismus, im Zweifel über den Arbeitsmarkt Ersatz zu
finden, oder auf beides hindeuten könnte.

Männer

2.000

1.280

2008 sollten 65 Prozent aller Neueinstellungen im Bereich
qualifizierter Beschäftigter stattfinden. 15 Prozent hiervon
konnten nur mit Kompromissen besetzt werden, d. h. mit
Abstrichen an den Wünschen und Erwartungen der Betriebe und 22 Prozent blieben unbesetzt.

Rahmenbedingungen im Wandel

2008

„Laut Mikrozensus aus dem Jahr 2007 besuchten (jedoch)
immerhin rd. 21 Prozent aller jungen Erwachsenen
mit Migrationshintergrund im Alter von 18 und unter
24 Jahren eine Berufsschule.“ (S. 80)
Die schon erwähnte IAB-Regionalstudie fügt der Beschreibung einen wichtigen Aspekt hinzu: Sie kommt zu dem
Ergebnis, dass sich zwischen 1999 und 2005 insbesondere
der Anteil der jungen ausländischen Männer an einer
Berufsausbildung drastisch verringert hat. Im Zuge der
Erholung auf dem Ausbildungsstellenmarkt 2008 waren
sogar mehr junge ausländische Frauen in Ausbildung
zu finden als 1999, während die jungen Männer den
Ausgangswert von 1999 nicht mehr erreicht haben. Die
Autoren führen dies darauf zurück, dass die von Männern besetzten Ausbildungsplätze stärker vom Strukturwandel, insbesondere vom Rückgang in den Fertigungsund technischen Berufen betroffen sind14.
14 Seibert, Holger / Dieter Bogau 2009, S. 15

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 21

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Resümee.
Gut zu erkennen ist, dass bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund derjenige Anteil rasch wächst, der mit einer
starken Bildungsmotivation gute Schulabschlüsse erzielt;
die Zahl derer mit Abitur steigt rasch. Alles spricht dafür,
dass es diese hoch motivierte und schulisch gut vorgebildete Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund
ist, auf die sich zunehmend das Interesse der Betriebe
richtet. Aber erst dann, wenn ein greifbares Interesse an
dieser Gruppe von jungen Leuten gegeben ist und sich erkennbar manifestiert, wird sich zeigen, wie stark aus dieser Gruppe tatsächlich in ungeförderte betriebliche Berufsausbildung gedrängt wird. Beachtet werden sollte dabei,
dass diesen Schulabgängern/innen – genauso wie ihren
herkunftsdeutschen Mitschülerinnen und Mitschülern – als
Alter­native Abitur und Studium zur Verfügung stehen und
dieses in den hier in Rede stehenden Milieus noch deut­
licher als in den herkunftsdeutschen Milieus der betrieb­
lichen Berufsausbildung vorgezogen werden könnte.
Es ist also durchaus vorstellbar, dass das Interesse von Betrieben an dieser Gruppe von Jugendlichen in Zukunft größer ist als – umgekehrt – das Interesse aus dieser Gruppe
heraus an einer betrieblichen Berufsausbildung; jedenfalls
wird man nicht erwarten können, dass jeglicher betrieb­
licher Ausbildungsplatz bei dieser Gruppe als eine reale
­Option begrüßt wird. Attraktivität betrieblicher Berufsausbildung im Sinne des unmittelbaren Ausbildungsgeschehens, aber auch die mit der jeweiligen Berufsausbildung
sich verbindende weitere Arbeits- und Bildungsperspektive
wird offenbar zu einer Schlüsselfrage, nicht nur für junge
Leute aus deutschen Familien, sondern auch für jene mit
Migrationshintergrund. Die Erwartung jedenfalls, man
brauche gewissermaßen nur Interesse an ihnen zu demonstrieren, um die Schleuse der Bewerbungswellen zu
öffnen, ist vor diesem Hintergrund sehr optimistisch.
Dahinter wird eine Herausforderung sichtbar, die eher mit
sozial ungleich verteilten Bildungschancen als – im
engeren Sinne – mit Migrationshintergrund zu tun hat:
Die schlechter vorgebildeten oder auch anderweitig bisher
für betriebliche Ausbildung eher ungeeignet erscheinenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund finden sich in

22 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Rahmenbedingungen im Wandel

derselben Gruppe der „Verlierer“ wieder wie ihre Alters­
genossen/innen aus herkunftsdeutschen Familien. Man
hat es also sowohl auf der Seite des (potenziellen und
faktischen) Angebots von Ausbildungsplätzen als auch
auf der Seite der (potenziellen und faktischen) Nachfrage
mit einem relativ komplexen sozialen Abschichtungsoder Hierarchieproblem zu tun.
Betriebe, die ihren Fachkräftenachwuchs (auch) über
eigene Berufausbildung heranziehen wollen, stehen
demnach vor einer Reihe von Herausforderungen: Das
anspruchsvollste Segment von Berufsbildung/Arbeits­
tätigkeiten müsste als Karriereweg im Vergleich aus­
reichend attraktiv sein, und die Berufsausbildung als eine
Art von multipler Optionsöffner fungieren können. Darüber
hinaus müssten sich die Betriebe verstärkt denjenigen
mit und ohne Migrationshintergrund zuwenden, die bisher
aufgrund der betrieblichen Eignungskriterien nicht in
Frage kamen. Beides wird vermutlich befriedigend nur
durch eine engere Verknüpfung mit dem öffentlichen
allgemeinbildenden und berufsbildenden System gelingen
können.

2.2 Entwicklungen im Bereich Wirtschaft
und Beschäftigung

II 2.2.1 Innovations- und Clusterstrategie
Im Rahmen der sogenannten Berliner Innovationsstrategie,
federführend von der Senatsverwaltung für Wirtschaft,
Technologie und Frauen betrieben, werden folgende
Cluster herausgestellt, von denen ein wichtiges und
dynamisches Zukunftspotenzial erwartet wird:
II Gesundheitswirtschaft
II Kommunikation, Medien und Kulturwirtschaft
II Verkehr und Mobilität
Die Enquête-Kommission Eine Zukunft für Berlin15 plädierte
in ihren 2005 vorgelegten Empfehlungen angesichts der
weltweiten Standortkonkurrenz für die Konzentration auf
die erstgenannten Cluster.
„Ausgangspunkt der Strategie ist die Idee, die Stärken
der Berliner Wirtschaft weiterzuentwickeln. Drei Cluster
bilden den Fokus dieses Ansatzes: „Gesundheitswirtschaft“, „Kommunikation, Medien und Kulturwirtschaft“
sowie „Verkehr und Mobilität“. Diese Cluster erhalten ihr
technisches und Wissenschafts-Know-how aus den sechs
Berliner Kompetenzfeldern Informations- und Kommunikationstechnologie/Medien, Biotechnologie, Medizintechnik, Verkehrssystemtechnik, Optische Technologien
und Energietechnik. Seit vier Jahren liegen für diese
Zukunftsfelder – außer für das neue Kompetenzfeld
Energietechnik – kompetenzfeldspezifische Masterpläne
vor, in denen konkrete Handlungsrahmen durch Aktivitätsfelder abgebildet und klare Umsetzungszeiträume
festgelegt wurden.“ (S. 9)
Als weitere Kompetenzfelder und Innovationsfelder
werden genannt: Biotechnologie, Medizintechnik, Informations- und Kommunikationstechnologie/Medien, Verkehrssystemtechnik, Optische Technologie. Jedem dieser
Kompetenzfelder wurde ein Kompetenzfeldmanagement
zugeordnet.

2

Zum Verständnis von Cluster, wie es in der Wirtschafts­
förderung üblich ist, wird hier der Einfachheit halber die
entsprechende Beschreibung aus Wikipedia übernommen:
„Man spricht erst dann von einem Cluster, wenn sich
eine kritische Anzahl von Unternehmen in räumlicher
Nähe zueinander befindet, deren Aktivitäten sich entlang
einer oder mehrerer Wertschöpfungsketten ergänzen
oder miteinander verwandt sind. Erst unter dieser Bedingung kann ein Wachstumspol entstehen, der auch Zulieferer und spezialisierte Dienstleister anzieht und Wettbewerbsvorteile für alle beteiligten Unternehmen schafft.
Der englische Begriff „Cluster“ ist in vielen Fachgebieten
gebräuchlich, von der Biologie bis zur Musik. In den Wirtschaftswissenschaften beschreibt er ein Phänomen, dass
fast jeder im Kleinen oder Großen kennt: die regionale
Ballung von Unternehmen und anderen Organisationen,
die ein gemeinsames Tätigkeitsfeld verbindet. In einem
Cluster p
­ rofitieren die Partner insgesamt von den
Synergie­effekten, die sich aus räumlicher und inhaltlicher
Nähe ergeben.
Diese Wettbewerbsvorteile basieren in der Regel auf Gemeinsamkeiten, verbesserter Arbeitsteilung und Externalitäten zwischen den beteiligten Unternehmen und Institutionen. Gemeinsamkeiten bestehen z. B. beim
gemeinsamen Interesse an lokal verfügbarem Personal
und seiner Qualifizierung. Eine verbesserte Arbeitsteilung wird durch Konzentration der einzelnen Unternehmen auf ihre Kernkompetenz bei Auslagerung von Sekundärfunktionen auf Zulieferer möglich. Entscheidend für
die gesteigerte Innovationskraft eines Clusters ist aber
das Ausmaß des impliziten, wettbewerbsrelevanten Wissens, das zwischen den Akteuren verteilt ist. Es wird über
informelle Kontakte (das soziales Kapital eines Clusters)
und Arbeitsplatzwechsel ausgetauscht und schafft so
neue, innovative Anwendungsmöglichkeiten.“ (http//:de.
wikipedia.org/wiki/cluster_(Wirtschaft), Aufruf vom
15. 03. 2010)

15  Schlussbericht der Enquête-Kommission „Eine Zukunft für Berlin“ vom 9. Mai 2005.
Abgeordnetenhaus von Berlin, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/4000

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 23

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Zur generellen Situation Berlins heißt es u. a. in dem
Bericht der schon erwähnten Enquête-Kommission:
„Zu beachten ist, dass Berlin nicht vorrangig Mängel in
der Forschungs- und Entwicklungslandschaft aufweist.
Vielmehr stellt die wirtschaftliche Umsetzung zweifelsohne vorhandener, herausragender Forschungsergebnisse
das zentrale Problem dar. Den FuE-Kapazitäten und –
kompetenzen folgen nicht automatisch Produktions
– und Wertschöpfungsprozesse. Auf die Ansiedlung von
industriellen Großunternehmen bzw. die Standortverlagerung nach Berlin zu hoffen, ist weitgehends vergeblich. Vielmehr ist das Augenmerk auf die vorhandenen
kleineren und mittleren Unternehmen zu lenken.
Wirtschaftsförderung muss darauf abzielen, entweder
die ortsan­sässigen Produktionsunternehmen zu veran­
lassen, FuE-Ergebnisse in Wertschöpfungsprozessen
umzu­setzen. Oder die Gründung von Produktionsunternehmen, die FuE Ergebnisse umsetzen, zu forcieren.“
Und weiter heißt es:
„Bei einer solchen Strategie spielen hoch qualifizierte
Arbeitskräfte eine herausragende Rolle“.
Dieser Initiative folgte in den vergangenen Jahren eine
breite Palette von Umsetzungen, zu der das Innovationsforum im Rahmen der 2. Berliner Wirtschaftskonferenz im
November 2008 eine Zwischenbilanz zog.
Alle Verlautbarungen im Zusammenhang mit der Clusterund Innovationsstrategie heben hervor, dass das Vorhandensein qualifizierter Fachkräfte eine der Schlüsselfragen
von Erfolg sei. Allerdings richtet sich der Blick zunächst
und primär auf hochqualifizierte, sprich akademisch
vorgebildete Fachkräfte. Eine systematische Verbindung zu
strategisch innovativen Ansätzen im Bereich der Fachkräfteentwicklung auf einer mittleren Qualifikationsebene ist
kaum zu erkennen. Das berührt im engeren Sinne auch das
Thema dieser Recherche.

Rahmenbedingungen im Wandel

II 2.2.2 Industriepolitik
Die Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) positionierte
sich 2006 zu diesem Berliner Zukunftsprogramm16, in dem
sie monierte, dass die Industriepolitik mit Konzentration
auf das Verarbeitende Gewerbe vernachlässigt werde. Als
Ausgangspunkt wird hervorgehoben: „In Berlin ist die Industriebasis nach der Vereinigung dramatisch geschrumpft. Das verarbeitende Gewerbe hat hier mittler­
weile nur noch einen Anteil von 11 Prozent an der
Bruttowert­schöpfung. Damit liegt Berlin sogar unter der
Bruttowertschöpfung der ostdeutschen Flächenländer und
deutlich hinter Stadtstaaten wie Hamburg und Bremen.“
Auch für Berlin empfiehlt die IG Metall als Linie „Besser
statt billiger“, sieht Innovation und Kooperation als
Schlüsselbegriffe und schlägt vor, von den vorhandenen
Potenzialen ausgehend Handlungsfelder für eine innovative und offensive Industriepolitik zu entwickeln. Koopera­
tion sei vor allem angesichts der Dominanz kleiner und
mittlerer Betriebsgrößen in Berlin besonders wichtig. Die
IG Metall reklamiert in diesem Zusammenh­ang eine systematische Qualifizierungspolitik auch für die mittlere Fachkräfteebene, die die Potenziale, die in Berlin vorhanden
sind, fördert; sie schlägt vor, k­ ünftig die Vergabe von Wirtschaftsförderungsmitteln ­davon abhängig zu machen, dass
die Betriebe ein belastbares Personalentwicklungs- und
Qualifizierungskonzept vor­legen.
Explizit heißt es hierzu:
„Die Zahl der Jugendlichen, die ohne einen qualifizierten
Abschluss die Schule verlassen, ist viel zu hoch. Vor
allem Jugendliche mit Migrationshintergrund bekommen
zu selten Ausbildungsplätze und verlieren so wichtige
Chancen für ihre Zukunft. Für die Berliner Industrie,
insbesondere moderne, innovative Unternehmen, sind sie
als qualifizierte Arbeitskräfte der Zukunft schon verloren,
bevor sie ihr berufliches Leben überhaupt begonnen
haben. Auch vor dem Hintergrund der demo­graphischen

16  Industriegewerkschaft Metall, Vorstand August 2006: Berlin-Wachstumskern im
Aufbau Ost. Zukunftsprogramm Berlin. Ein Diskussionspapier der IG Metall, Frankfurt
am Main

24 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Perspektiven in unserer Region und des künftigen Fachkräftebedarfs der Industrie ist ein Fortdauern dieser Situation unverantwortlich.“
Mittlerweile existiert auch im Bereich der Industriepolitik
ein ganzes Arsenal von konzeptionellen und koordinierenden Ansätzen, wie: Industriedialog, Wachstumsinitiative
Berlin 2004 – 2014, Netzwerk zur Stärkung des Industrie­
stand­ortes, Masterplan Industrie, in dem eine industriepolitische Strategie als Querschnittsaufgabe verstanden und
die Verknüpfung mit Innovationsstrategien gesucht wird,
ergänzt um ein Maßnahmenpaket für den Mittelstand.
Auch in diesem Kontext haben sich koordinierende Zentren
gebildet, die als Andockstellen für Fachkräftepolitik und
demzufolge für die Öffnung von Berufsausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund genutzt werden
könnten.
Hintergrund und eine der wichtigen Konsequenzen der in
Berlin schwierigen industriepolitischen Ausgangslage ist
nämlich das besondere Gewicht wenig anforderungsreicher, arbeitsintensiver Beschäftigung, erläutert Schuldt in
seiner Studie Ausmaß und Struktur prekärer Beschäftigung
in Berlin. Gründe für dieses große Gewicht: Es sind 1 die
Nachwirkungen einer wirtschaftshistorischen Spezifik, in
der der Westteil der Stadt „als verlängerte Werkbank“
fungierte und im Ostteil aufgrund der sozialistischen
Wirtschaftsweise arbeitsintensive Produktions- und
Dienstleistungen besonders ausgeprägt waren. Dies wurde
nach der Wende auch noch als Standortvorteil beworben,
und führte 2 tatsächlich zu einer entsprechenden
Ansiedlung, für die niedrige Löhne besonders wichtig
waren. 3 Die Überbetonung Berlins als Dienstleistungsund Wissensmetropole und die Vernachlässigung des
Verarbeitenden Gewerbes bzw. der Industrie führte zu
einer Exportschwäche im Sinne von Fernabsatz. 4 Zum
langjährigen Gewicht dieses Sektors trugen die geringe
Tarifbindung, vor allem durch die DDR-Vorgeschichte, und
der niedrige gewerkschaftliche Organisationsgrad bei.
Schließlich erzeugen diese Faktoren einschließlich der
vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit und der finanziellen Gesamtlage der öffentlichen Haushalte einen erheb­
lichen Druck auf Arbeitssuchende, prekäre Beschäftigung
zu akzeptieren.

2

Diese Hinweise sind für die vorliegende Expertise insofern
wichtig, als sie die vergleichsweise Enge derjenigen Sek­
toren akzentuieren, in denen üblicherweise eine Berufs­
ausbildung die Voraussetzung für qualifizierte Fachtätigkeit darstellt. Von der tradierten Wirtschaftsstruktur
Berlins gehen in die Bevölkerung durchaus Signale aus,
was insbesondere auch für die Migrationsbevölkerung gilt
(deren Mehrheit familienbiografisch aufgrund der Nach­
frage nach einfachen Arbeitskräften in Berlin angelandet
ist). Wenig qualifizierte, aber arbeitsintensive Tätigkeiten
sind in besonderer Weise technischen und arbeitsorgani­
satorischen Rationalisierungen zugänglich17.
II 2.2.3 Hinweise zu Branchenentwicklungen
Ganz generell soll noch einmal festgehalten werden:
Was die Beschäftigtenzahlen betrifft, wird die Berliner
Wirtschaft durch Dienstleistungen (52 Prozent) dominiert.
Dies sind vor allem unternehmensnahe Dienstleistungen
und das Gesundheits- und Sozialwesen. Handel und
Reparatur machen zehn Prozent der Beschäftigten aus,
und das Verarbeitende Gewerbe acht Prozent. Der Anteil
der Gewerblichen Wirtschaft liegt weit unter dem
Bundesdurchschnitt und ist durch kleinbetriebliche
Strukturen geprägt (durchschnittlich 21 Beschäftigte, in
Hamburg 90, in Bremen 40). Von 2006 bis zum Eintritt der
Finanz- und Wirtschaftskrise hatte der Dienstleistungsbereich deutliche Beschäftigungszuwächse, aber auch die
Gewerbliche Wirtschaft verzeichnete mit drei Prozent
einen Zuwachs und die Beschäftigungszahlen in der
Bauwirtschaft konnten nach Jahren schwieriger Wirtschaftslage konsolidiert werden.
Der Anteil einfacher Tätigkeiten ist mit 31 Prozent bei
den übrigen Dienstleistungen (u. a. Gaststätten, Abfall­
beseitigung, Wäscherei/Reinigung) besonders hoch, aber
insgesamt im Dienstleistungsbereich erheblich. Im Bereich
des Produzierenden Gewerbes und bei Handel/Reparatur
haben 70 Prozent der Beschäftigten einen Berufsabschluss.
Eine bemerkenswerte und in vieler Hinsicht problematische
Besonderheit der Berliner Beschäftigungsverhältnisse liegt
in dem, was das IAB „Flexibilisierungsgrad“ nennt,
17  Schuldt, Karsten 2008: Ausmaß und Struktur prekärer Beschäftigung in Berlin PIW,
Teltow, Februar 2008

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 25

2 Rahmenbedingungen im Wandel

nämlich im Anteil derjenigen Beschäftigungsverhältnisse,
die von den sogenannten Normalarbeitsverhältnissen
abweichen. Zu diesen Nicht-Standard-Beschäftigungsverhältnissen zählen Teilzeit- und befristet Beschäftigte,
Leiharbeit und Kurzarbeit. Diese zusammen machten 2008
39 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aus und
überstiegen damit alle anderen Bundesländer.18
Was Sektoren und Tätigkeitsfelder und ihre mögliche
Bedeutung für eine Kampagne zur Öffnung von ungeförderter Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund betrifft, ist es wichtig, den Blick sowohl über die in
Berlin besonders herausgehobenen Cluster als auch das
Verarbeitende Gewerbe hinaus auf weitere Sektoren zu
richten, die entweder Wachstumspotenziale haben oder
aus anderen Gründen explizite Nachwuchsbedarfe.
Zu einer Branche, die in Berlin boomt, gehört zweifellos
der Tourismus. Auch für diese Branche existiert eine
Wachstumsinitiative zwischen Kammern, Unternehmensverbänden und Politik, die als Anlaufstelle für eine solche
Kampagne genutzt werden könnte.
Die Beschäftigungssituation in der Tourismusbranche wird
dort so umrissen:
„… wird mit der Tourismusbranche ein hoher Beschäftigungseffekt erzielt, indem eine Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitsplätzen geschaffen oder gesichert wird.
Viele Tätigkeiten sind aber dadurch gekennzeichnet, dass
die Beschäftigten nicht ausschließlich vom Tourismus leben (z. B. werden von Taxifahrern und -fahrerinnen Berliner und auswärtige Fahrgäste gleichermaßen befördert).
Deshalb macht es Sinn, von 255.000 Personen (inklusive
nicht erwerbstätiger, aber mit zu versorgender Haushaltsmitglieder) als theoretischem Äquivalent auszugehen, die durch den Tourismus ihren Lebensunterhalt mit
einem durchschnittlichen Einkommen bestreiten können.
Schließlich leistet die Branche mit 6.300 Ausbildungsplätzen auch einen wichtigen Beitrag im Bereich der beruflichen Erstausbildung.
18  Vergl. hierzu: SÖSTRA/TNS Mai 2009: Betriebspanel Berlin. Ergebnisse der
dreizehnten Welle 2008, Berlin

26 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Rahmenbedingungen im Wandel

Der Tourismus ist somit eine der wichtigsten Jobmaschinen für Berlin. (…) Wie schon 2004 in der Tourismuskonzeption festgestellt wurde, können die einzelnen Handlungsfelder der Tourismuspolitik nur im Rahmen einer
intensiven Kooperation aller Beteiligten weiterentwickelt
werden. In den letzten Jahren wurden deshalb auch
­weitere, gezielte Anstrengungen zur Vernetzung von Akteuren unternommen, die zu entsprechenden Initiativen
und Kooperationen geführt haben. Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung erfolgreicher Aktionen und Ansätze ist der Runde Tisch Tourismus. Seit 2003 treffen
sich unter Mitwirkung des Regierenden Bürgermeisters
und moderiert durch den Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin e.V. (DEHOGA) mehrmals im
Jahr hochrangige Vertreter und Vertreterinnen der Politik
(i.d.R. Senatsmitglieder), der Kammern und Verbände
(z. B. Industrie- und Handelskammer (IHK), Handelsverband Berlin-Brandenburg e.V.) und anderer touristisch
wichtiger Akteure (z. B. die Berlin Tourismus Marketing
GmbH (BTM) oder die Messe Berlin GmbH), um über neue
Ansätze und Ideen zur Förderung des Berlin-Tourismus zu
diskutieren.“19
Die Ausführungen zur Tourismusbranche sollen hier nur
beispielhaft verstanden werden: Sie geben – auch im Sinne
des anfangs vorgestellten Indikatorenrasters – Hinweise
auf die Art und Weise, wie auf künftigen Bedarf an
Ausbildung, die sich auch Personen mit Migrationshintergrund öffnet, geschlossen werden könnte.

2.3 Fachkräftebedarf:
Arbeitspolitische Herausforderungen

In diesem Abschnitt wird auf eine ausführliche Wiedergabe
der verschiedenen Berechnungen zur demografischen
Entwicklung und zum erwartbaren Fachkräftebedarf und
auf die Erörterung der Unsicherheiten, mit denen solch
Aussagen immer behaftet sind, verzichtet. Auf diesbezügliche Quellen wird im Verlaufe dieses Berichts immer
wieder verwiesen. Aber im Rahmen des Rechercheauftrags
kann es sehr wohl interessant sein, Hinweise auf dadurch
veränderte Handlungsbedingungen zu geben, dass sich die
öffentliche Thematisierung von Zukunfts­fragen verändert
hat.
In diesem Sinne ist es bemerkenswert, wie sich nicht nur
die Frage des zukünftigen Fachkräftemangels zumindest in
der fachlichen und fachlich-politischen Öffentlichkeit nach
vorne schiebt, sondern sich der Blick neben dem abzuschätzenden quantitativen Umfang immer stärker auf
qualitative Aspekte des erwarteten Fachkräftemangels
richtet. Auf den Umstand, dass ein nur quantitativer Ersatz
der demografisch bedingt aus dem Erwerbsleben Aus­
scheidenden nicht ausreichen wird, um das erreichte
Niveau von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu
halten, weist das IAB (hier beispielhaft: Walwei 200920)
seit geraumer Zeit hin. Eine erweiterte Reproduktion der
Kompetenzen, also ein breiter und innovativer Input in
Bildung, so die These, wird erforderlich sein, und diese
müsste aufgrund der langen Erstellungszeit von Kompetenzen sofort einsetzen. Vieles spricht dafür, dass dem
nur mit einer integrierten bildungs-, arbeits- und beschäftigungspolitischen Strategie beizukommen ist.
Ein Ansatz zur Öffnung ungeförderter Berufsausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund müsste in diesem
Kontext seinen genauen Platz finden können.

19  Bericht über die Ergebnisse der Umsetzung des 2004 verabschiedeten Tourismuskonzeptes, auf www.ihk-berlin.de

20  Walwei, Ulrich, Vizedirektor des IAB: Demographischer Wandel und Fachkräftebedarf. Vortrag auf der Fachtagung der Wirtschaftsförderung Dortmund zu Risiken und
Chancen der Fachkräfteentwicklung, Mai 2009

2

II 2.3.1 Fachkräftemangel: Neue Prognose
Eine gemeinsam von den Ländern Brandenburg und Berlin
und in Berlin von der Senatorin für Integration, Arbeit und
Soziales bei der Prognos AG in Auftrag gegebene Studie21
und nun veröffentliche Prognose kann man als einen
Hinweis darauf lesen, dass auch in Berlin Fachkräftemangel künftig stärker in den Fokus gestellt wird, und – bezogen auf Jugendliche mit Berufseinmündungsschwierig­
keiten – den sozialpolitischen Erwägungen weitere,
nämlich wirtschaftliche und bildungspolitische Gründe
hinzufügt werden, und damit auch sozial grundierte
Unterstützungsmaßnahmen in einem anderen Lichte
erscheinen lässt.
Die Studie bezieht sich in ihren Schlussfolgerungen u. a.
ausdrücklich auf Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund
als einem wichtigen und unverzichtbaren Potenzial für die
Deckung der prognostizierten Fachkräftelücke. Hierzu
heißt es:
„Die Zahlen zeigen, dass die Erschließung der Potenziale
von Arbeitskräf­ten mit Migrationshintergrund ­einen
­langen Vorlauf erfordert. Angefangen bei der frühkind­
lichen Sprachförderung, über Initiativen für mehr Aus –
und Weiterbildung bis zur Förderung über ESF-Projekte
sind vernetzte Maßnahmen notwendig, um zu einer
nachhaltigen Verbesserung der Erwerbsbeteiligung zu
gelangen. Mit dem Berliner Integrationskonzept stellt
sich das Land Berlin dieser Aufgabe. Erfolge der umgesetzten Maß­nahmen können im ­Rahmen dieses Projektes
nicht bewertet werden. Im Rahmen der Studie wird jedoch ­deutlich, dass die Integration von Zuwan­derern und
Arbeitskräften mit Migrationshintergrund Voraussetzung
für die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist. Dies kann
nur gelingen, wenn sich alle Akteure der genannten
Heraus­for­de­rungen bewusst sind und gemeinsam aktiv
werden.“

21  Prognos AG 2010: Gemeinsame Fachkräftestudie Berlin-Brandenburg Prognosen –
Empfehlungen. Ein Überblick. Studie im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Soziales,
Frauen und Familie und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.
Autoren: Dr. Iris Pfeiffer / Kai Gramke / Susanne Heinzelmann / Dominik Fischer, Berlin

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 27

2 Rahmenbedingungen im Wandel

Die Fachkräftelücke wird zusammen fassend so abgeschätzt:
„Im Ergebnis zeigt die Gegenüberstellung von An­gebot
und Nachfrage, dass unter ceteris-paribus-­Bedingungen
bis zum Jahr 2030 voraussicht­lich rund 460.000 Arbeitsplätze in Berlin/Brandenburg nicht b
­ esetzt wer­den
können, weil Qualifikationen oder Arbeitskräfte fehlen,
wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden (2015:
273.000 Arbeitsplätze, 2020: 362.000 Arbeitsplätze).
(…) Ungedeckter Bedarf besteht zu einem Großteil in
Bezug auf Personen mit e­ inem Berufs- oder Hochschul­
abschluss. Im Bereich der Personen mit Hochschulabschluss trifft das nur leicht sinkende Arbeitskräfteangebot auf eine steigende Nachfrage, so dass im Saldo eine
Lücke entsteht. Szenarienrechnungen mit alternativen
Wirtschaftsentwicklungen zeigen, dass in jedem Fall mit
unabgedecktem Fachkräftebedarf zu rechnen ist. Selbst
bei deutlich geringerem Wirtschaftswachstum reduziert
sich der unabgedeckte Bedarf nur um knapp 25 Prozent.
Im Szenario mit einem überdurchschnittlichen Wachstum
liegt er um rund 300.000 Personen über der Basisrechnung.“
In ganz ähnlicher Weise wie das IAB (siehe oben) hält das
Autorenteam von Prognos als Antwort eine integrative
Strategie für erforderlich, die eine breite Palette von
Aktivitäten über und quer zu den eingespielten fachpolitischen Abgrenzungen vorsehen müsste. In Hinblick auf
Berufsausbildung wird im Übrigen auch für eine Überprüfung plädiert, ob ihre fachliche – und wie hinzufügt
werden müsste pädagogische – Qualität den zukünftigen
Anforderungen angemessen ist. Der Katalog von Empfehlungen, in dem auch dieses bedacht wird, wäre auch unter
der Blickrichtung der Öffnung von Ausbildung für Jugend­
liche mit Migrationshintergrund eine lohnende Lektüre,
weil dort Anschlüsse an andere, vor allem auch arbeits­
politische, u. a. auch in Zuständigkeit derselben Senatorin
liegende Handlungsfelder deutlich werden könnten, die
bisher wenig in Zusammenhang mit diesem integrationspolitisch akzentuierten Ansatz gesehen wurden. Einer
dieser denkbaren Anschlüsse betrifft Vielfalt oder
Diversity.

28 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Rahmenbedingungen im Wandel

II 2.3.2 Diversity
Unter der Überschrift Vielfalt als Kapital berichtete die
Wochenzeitung DIE ZEIT am 29. Mai 2008 über eine
Studie, die gerade in Berlin durchgeführte wurde. Der
Artikel fasst deren zentralen Befunde so zusammen:
„Diversity-Management – der bewusste und för­dernde
Umgang mit Heterogenität – hat Konjunktur. ­Firmen
­wollen mehr Migranten in ihren Reihen. 20 Prozent haben Mitarbeiter explizit wegen ihres Migrations­hinter­
grunds eingestellt, so das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie, in der 500 Ber­liner Unternehmen
befragt wurden. Knapp 10 Prozent werben gezielt Migranten an. »Offenbar kommt man weg von der Problemfall-Sichtweise und hin zu der Perspektive, dass Migra­
tionshintergrund ein Potenzial ist«, sagt Renate Ortlieb.
Die Ergebnisse der Untersuchung, die sie mit Barbara
Sieben an der F­ reien Univer­sität Berlin durchführte, zeigen diesen P
­ aradigmenwechsel. Es sind nicht nur Nächstenliebe oder Image, weswegen sich Unternehmen engagieren – sie tun es, weil sie davon profitieren“.22
Die Durchführung und Präsentation dieser Studie gehört zu
einem ersten Boom dieses Themas; zu ihm gehört auch die
Vielfalt als Chance-Kampagne der damaligen Beauftragten
der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration, deren Charta der Vielfalt von einer Vielzahl
von Unternehmen unterzeichnet wurde23. Hervorgehoben
wurden vor allem die (betriebs-)wirtschaftlichen Vorteile
einer vielfältigen Belegschaft, u. a. in Kostensenkung durch
ein verbessertes Betriebsklima, höhere Flexibilität,
Kreativität bei Problemlösungen, höhere Attraktivität bei
Personalsuche und Imagevorteile. Vielfältigkeit bezieht
sich dabei nicht nur, aber auch auf die ethnische Herkunft,
auf Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion, etc.
Der öffentlichkeitswirksame Kampagnencharakter stand
stark im Vordergrund; die dahinter liegenden Durch- und
22  Die abgeschlossene Studie: Anders, Violetta / Renate Ortlieb / Heike Pantelmann /
Daphne Reim / Barbara Sieben / Stephanie Stein (2008): Diversity und Diversity
Management in Berliner Unternehmen. Im Fokus: Personen mit Migrationshintergrund.
Ergebnisse einer quantitativen und qualitativen empirischen Studie, München/Mering:
Hampp.

23  zur Dokumentation: Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge
und Integration 2008: Vielfalt als Chance 2008. Überblick und Praxisbeispiele, Berlin

Umsetzungsprobleme wurden mit dem Etikett „Diversity
Management“ zwar benannt, aber waren nicht Gegenstand systematischer Förderung und Verabredung.
Angezeigt ist mit diesem Hype zu Vielfalt oder Diversity
aber – dennoch – ein sich abzeichnender unternehmenskultureller Wandel, der vor allem unter Leistungsaspekten
von der Unterstellung einer uniformen Normalität
Abschied nimmt, die immer mehr zu einer Fiktion und
einem Produktivitätshemmnis wurde. Was in der Vergangenheit oftmals als Problem oder als Defizit behandelt
wurde, verkehrt sich nun – zumindest in der Theorie von
Vielfalt/Diversity – in Stärken und Vorteile. Tatsächlich hat
man aber langwierige und ausreichend schwierige
Veränderungsprozesse vor sich. An dieser Stelle soll
ausdrücklich auf eine wichtige Leerstelle dieser Recherche
hingewiesen werden, nämlich auf die Nichtbehandlung der
Genderfrage bei der Öffnung von Berufausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund, sowohl unter
Diversity-Aspekten als auch unter dem Gesichtspunkt der
Gendergerechtigkeit24. Sie bedürfte einer eigenen
vertieften Berücksichtigung
Der Vielfaltansatz speist sich aus verschiedenen Traditionslinien zielgruppenbezogener Förderung, wie in Berlin z. B.
der auf Frauen und Männer bezogenen Landesinitiative für
Chancengleichheit in der Berliner Wirtschaft. Er ermöglicht
eine Einordnung von auf spezifische Gruppen bezogener
Aktivitäten, birgt aber auch das Risiko zunehmender
Unschärfe hinsichtlich der jeweiligen besonderen Integrationsbedingungen. So ist z. B. die jüngste Berliner Broschüre
zu Diversity aus dem Zusammenhang der erwähnten
Landesinitiative entstanden.
Unter der Überschrift Ein Gewinn für alle! – Kleine und
mittlere Unternehmen in Berlin machen es vor25 legte der
Berliner Senator für Wirtschaft kürzlich eine Sammlung von
elf Fallbeschreibungen aus Berliner Betrieben verschiede24  Vergl. hierzu u. a.: Sabine Hellmuth-Preß (Mobiles Team) 2005: Berufe zum
Ausprobieren für Mädchen und Jungen. Chancen der Berufsorientierung in
geschlechtshomogenen Gruppen (www.pfefferwerk.de); Bildungsnetz für geschlechtergerechte Bildung und Beschäftigung Berlin (www.bildungsnetz-berlin.de)
25  www.berlin.de/sen/wirtschaft

2

ner Branchen vor, die über die ganze Variantionsbreite von
Vielfalt spielen, einschließlich Aspekten familienfreund­
licher Arbeitszeit, usw. Wichtig ist allerdings die durch die
Diversity-Kampagnen und auch ihre Begrenztheiten
vermittelte Einsicht, dass die Öffnung von Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund – die man
auch als eine Diversity-bezogene Teilstrategie auffassen
kann – nur dann erfolgreich gelingen wird, wenn sie mit
veränderten oder sich verändernden Personaleinsatzkonzepten der Betriebe positiv korrespondiert.
II 2.3.3 Integrative Antworten?
In allgemeiner Weise werden die verschiedenen Aspekte
von Standort- und Beschäftigungssicherung als eine Art
Berlinweiter „Pakt“ in der Wachstumsinitiative Berlin
2004–2014 zusammengeführt, die vom Senator für Wirtschaft, der Investitionsbank Berlin, von Berlin Partner, den
Kammern, den Unternehmensverbänden und dem Landes­
bezirk des DGB unterzeichnet wurde. Unter den vier
­zentralen Handlungsfeldern, von denen die zukünftige
Inno­vationsfähigkeit abhängig ist, findet sich „Fachkräftebedarf sichern – Lebenslanges Lernen“26.
Im engeren Sinne aber lägen arbeits- und beschäftigungspolitische Verknüpfungen näher, so z. B. ein engerer Bezug
zwischen den auf Berufsausbildung bezogenen Initiativen
der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales
und integrationspolitisch motivierter Initiativen wie Berlin
braucht dich!. Besonders greifbar werden Kooperations­
erfordernisse z. B., wenn im Rahmen der Ausbildungsförderung ein Programm mit dem Titel Ausbildung in Sicht
aufgelegt wird, dass sich direkt an Jugendliche mit Migrationshintergrund richtet. Im Rahmen dieser Maßnahme
sollen bis zu 1000 Jugendliche an die Ausbildungsreife
­herangeführt werden. In den halbjährlichen Maßnahmen
wird Sprachförderung mit Berufsorientierung verzahnt.
Nach Bedarf kann auch sozialpädagogische Betreuung gewährleistet werden. Die entscheidende Brückenformulierung zu Aktionen à la Berlin braucht dich! ist nun die Aussage: „Bei erfolgreicher Teilnahme ist die Einmündung in

26  Broschüre: Berlin 2004–2014. Eine Wachstumsinitiative. Innovationsstandort Berlin,
Erscheinungstermin 10.November 2008

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 29

2 Rahmenbedingungen im Wandel

ein betriebliches oder ein gefördertes Ausbildungsverhältnis vorgesehen.“27
Die Homepage der Senatsverwaltung für Arbeit weist mit
Recht darauf hin, dass als einer der wichtigsten Akteure im
Bereich der Beschäftigungsförderung die Bundesagentur
für Arbeit zu gelten hat. Sie ist mit ihrer Berufsberatung,
vor allem aber auch mit der Vertieften Berufsorientierung
massiv im Felde der Öffnung von Berufsausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund vertreten. Wenn
man Arbeitspolitik verstehen würde als die Gesamtheit
aller Maßnahmen staatlicher Einrichtungen, die dazu
beitragen, die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten zu
verbessern, ihre Arbeitsplätze zu sichern und die Beschäftigungschancen für Arbeitssuchende zu erhöhen, dann
wäre dies ein Rahmen, in dem sich zur einen Seite hin die
Öffnung von Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund einordnen ließe. Zur anderen Seite hin wäre
der Bezug zur Wirtschaftspolitik im Sinne einer qualitätsorientierten Standortförderung zu sichern.

2.4 Stadtentwicklung
Schließlich soll dieses Kapitel abschließend noch auf den
eminenten Zusammenhang der Öffnung von Ausbildung
für Jugendliche mit Migrationshintergrund, in dem komplexen Einflussgefüge, wie es Schritt für Schritt skizziert worden ist, mit Fragen der Stadtentwicklung hinweisen. Hatte
die bei Stadtentwicklung bezogene Forschung schon seit
langem darauf hingewiesen, dass Entwicklungspotenziale
und ihre Hemmnisse mindestens auch einer kleinräumigeren Betrachtung bedürfen, also auch auf der Ebene der
Bezir­ke und – noch kleinräumiger der Quartiere ansetzen
müsste, so kommt gegenwärtig – wie es scheint – auch im
gesamtstädtischen Diskurs der Bezirk als Handlungsebene
erneut stärker in den Blick. Dies hat sicherlich mit Verwerfungen und Problemzuspitzungen zu tun, die sich in bestimmten Bezirken oder Teilen von ihnen brennglasartig
zeigen, aber auch mit der Konzentration neuer wirtschaftlicher Potenziale in bestimmten lokalen Milieus. Die Kon27  www.Ausbildung-in-Sicht.de

30 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Rahmenbedingungen im Wandel

zentration von sozialen Problemlagen wird oftmals als ein
Prozess beschrieben, der einer Vorform von Ghettobildung
zu ähneln scheint. Die Stadtsoziologie benutzt hierfür oftmals den Begriff Segregation:
„Segregation ist ein Effekt, der durch die Mechanismen
des Wohnungsmarktes hervorgerufen wird. Einkommensunterschiede und Diskriminierungen wirken dahin­
gehend, dass sich soziale Schichten und dis­kri­minierte
Gruppen in bestimmten Segmenten des Woh­nungs­
marktes sammeln, weil sie nur dort bezahl­baren Wohnraum bzw. überhaupt Zugang zu Woh­nungen finden.“28
Mit der Öffnung von nicht-geförderter Ausbildung für
Jugendliche mit Migrationshintergrund ist zwar nicht im
Vordergrund, aber als Thema im Hintergrund auch immer
angesprochen, wie die konkreten Lebenszusammenhänge
Perspektiven, Motivationen und Haltungen beeinflussen
(können). Insofern geht es auch immer um die Inblicknahme der Chancen und Risiken, die in einem segregierten
Wohn/Lebensumfeld liegen. Eine plausible Einschätzung
hierzu lautet:
„Die Effekte von Migrationsvierteln sind durchaus
ambivalent (…) Entscheidend ist, was die Kommunen
gegen die negativen Folgen der sozialen Konzentration
tun können. Während früher selbstverständlich ein
Gegensatz zwischen Segregation und Integration
gesehen wurde, hat sich durch die Empfehlungen der
Expertenkommission des Verbundprojekts ‚Zuwanderer
in der Stadt‘ die Einsicht verbreitet, dass dies eine
unhaltbare Vereinfachung ist, und dass „Integration
trotz Segregation“ möglich ist. (…) Konkret bedeutet
„Integration trotz Segregation“, dass auch unter den
Bedingungen räumlicher Konzentration in den Vierteln
erfolgreiche Integration stattfinden kann, (…) Die
Städte können dabei an die vorhandene Infrastruktur
des Programms ‚Soziale Stadt‘ anknüpfen.“ 29

28  Häußermann, Hartmut / Andreas Kapphan 2009: Migration und räumliche
Segregation, in: Mund, Petra / Bernhard Theobald (Hg) 2010: Kommunale Integration
von Menschen mit Migrationshintergrund – ein Handbuch, Berlin

Der Wechselwirkungen zwischen gesamtstädtischen und
bezirklichen Entwicklungen wird mit zwei Erhebungs- und
Dokumentationsansätzen nachgegangen, die, obwohl in
verschiedener Hinsicht parallel, von zwei unterschiedlichen
Senatsverwaltungen betrieben werden, nämlich dem
Sozialraumatlas und dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung. Der für die Senatsverwaltung für Integration,
Arbeit und Soziales erstellte Sozialraumatlas, der einen
wichtigen Schwerpunkt bei der gesundheitlichen Situation
setzt, und das in Verantwortung der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung von der Res Urbana GmbH durchgeführte Monitoring liegen in der Datenauswertung jeweils für
2006 bzw. 2008 vor. Die Empfehlungen des MonitoringBerichts gehen aufgrund der Beobachtung stadträumlicher
Konzentrationsprozesse in Gebieten mit dem niedrigsten
Entwicklungsindex – einer Messgröße, die für das
Monitoring konstruiert worden ist – von der Notwendigkeit
differenzierter Anstrengungen aus. Es werden integrierte
Strategien für „Vorranggebiete Zukunftssicherung“
vorgeschlagen, bei denen die Bildungszukunft der Kinder
und Jugendlichen im Mittelpunkt zu stehen hätte.
An dieser Empfehlung setzt nun – 2010 – die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit einem neuen Förderprogramm an. Der Tagesspiegel berichtet in seiner Ausgabe
vom 24.3.2010 von einem Programm „Aktionsräumeplus“:
Die fünf Aktionsräume sind Kreuzberg-Nordost, NeuköllnNord, Wedding/Moabit, Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf
und Spandau-Mitte.
Die Festlegung der Aktionsräume hat sich nach Darstellung
der zuständigen Senatorin aus den Untersuchungen der
Bevölkerungs- und der Infrastruktur ergeben, die unter
dem Titel Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2008 und
2009 gelaufen sind. Sie hätten ergeben, dass es in
den fünf genannten Gebieten besonders große soziale
Probleme gibt. Dort leben viele Arbeitslose. Kinder und
Jugend­liche haben vergleichsweise schlechte Bildungschancen. Deshalb soll es in den fünf Aktionsräumen vor
allem um bessere Bildungschancen für Kinder und
Jugendliche gehen.

2

Die Konzentration der Fördergelder aus den Bundesprogrammen sei für den Senat „so etwas wie ein Wertausgleich“ zwischen den verschiedenen Bezirken. Wie genau
dieser Wertausgleich vorgenommen werden soll, war aber
noch offen. Fest scheint aber zu stehen, dass Geld zum
Beispiel aus Programmen für die Wohnumfeldverbesserung
nicht nur für Grünanlagen, sondern auch für Vorhaben
ausgegeben werden dürfe, die vor allem mit Sozialarbeit
zu tun haben. Ein Beispiel ist das Projekt der Elternlotsen:
Mit dem in Spandau entwickelten Vorhaben sollten Eltern
mit Migrationshintergrund auf Bildungschancen für ihre
Kinder hingewiesen werden. Ein vergleichbares Projekt
solle nun auch im Aktionsraum Wedding/Moabit eingeführt werden.
In den Aktionsräumen soll es vor allem darum gehen, die
Zuständigen der verschiedensten Stadtentwicklungsvor­
haben zusammenzubringen. Sie sollten dazu gebracht
werden, bei ihrer Arbeit in den Grenzen des Aktionsraums
zu denken, weniger in den Grenzen ihrer Projekte.
Im Durchgang durch die verschiedenen Bezüge auf
Migranten/innen und Berufsbildung, die sich zum Teil als
stark gegeneinander abgeschottete fachpolitische
Zuständigkeiten geben, sollte deutlich geworden sein,
dass dieses Thema brisant geworden ist, sich aber jeder
weitere Handlungsansatz in einer komplizierten Gemengelage aus Ungleichzeitigkeiten, Ebenenverschiebungen,
Zuschreibungen von Schuld und Verantwortlichkeit,
unterschiedlichen Interessen, Zuständigkeitskonkurrenzen,
Abgrenzungen usw. zu verlieren droht.

29  Häußermann, Hartmut / Andreas Kapphan, S. 181

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 31

3 Anknüpfungspunkte 1: G
­ esamtstädtische Wirtschaftsbezüge

3

Anknüpfungspunkte 1: ­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

3

Anknüpfungspunkte 1:
­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

3.1 Cluster, Wirtschaftssektoren
Im Folgenden wird lediglich auf zwei Cluster eingegangen,
und auch dies nur sehr ausschnitthaft. Diese Auswahl folgt
den Expertengesprächen, die im Rahmen der Recherche
geführt wurden. Die Hinweise und Überlegungen sollen
vor allem dazu dienen, beispielhaft zu illustrieren, auf
welche Weise der Clusteransatz Chancen bietet, das
Vorhaben der Öffnung von Ausbildung für Migrantinnen
und Migranten erfolgreich anzuschließen.
II 3.1.1 Gesundheitswirtschaft
Die Gesundheitswirtschaft30 gehört zu jenen Clustern Berlins, die auch Gegenstand wirtschaftspolitischer Förderung
sind, in diesem Fall gemeinsam zwischen Berlin und Brandenburg, die 2007 einen Masterplan Gesundheitsregion
Berlin-Brandenburg vorlegten. Die Clusterorganisation versteht sich als Netzwerk Gesundheitswirtschaft und umfasst neben einer gemeinsamen Steuerungsgruppe unter
dem Namen HealthCapital auch eine gemeinsame Agentur
mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer. Die Definition
des Clusters Gesundheitswirtschaft geht dabei weit über
das übliche Verständnis von Gesundheitswesen im Sinne
von Krankenhäusern, Vorsorge und Reha hinaus. Diese bilden zwar den Kern des Clusters, der aber auch die Health
Care Industrie (Medizintechnik, Pharma und Biotechno­
logie), das auf Gesundheit bezogene Handwerk und den
­Bereich Wellness umfasst. In dem so gefassten Cluster
ist in Berlin und Brandenburg mittlerweile mehr als jeder
achte Beschäftigte tätig.
Seit dem Beginn der gemeinsamen Aktivitäten gehört der
Fachkräftebedarf zu den zentralen Themen, dem auch das
Jahrbuch 200831 von HealthCapital gewidmet ist.

30  „Den Prognosen zu Folge wird Berlin-Brandenburg in Zukunft, wie kaum eine andere
Metropolregion in Deutschland, von der Dominanz des Wirtschaftsbereichs Gesundheitsund Sozialwesen profitieren. Während alle anderen Wirtschaftsbereiche bis 2030
Beschäftigung abbauen, wird sich dieser Bereich sowohl durch hohe Wachstumsraten
der BWS (Bruttowertschöpfung) als auch durch hohe Zuwachsraten der Beschäftigten
auszeichnen.“ (TU Darmstadt / Fachgebiet Finanz- und Wirtschaftspolitik, Prof. Bert
Rürup: Clustermonitoring für die Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg)
31  HealthCapital 2008: Fachkräfte in der Gesundheitswirtschaft. Veränderte Strukturen,
neue Ausbildungswege und Studiengänge, herausgegeben von Raphael Krüger und Rolf
Dieter Müller, Berlin

32 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Dort wird die Fachkräftesituation auf der Basis einer Unternehmensbefragung beschrieben, die im Mai 2007 von
der IHK durchgeführt wurde. Die damaligen Ergebnisse32
signalisieren für die Zukunft einen erheblichen bis dramatischen, nicht gedeckten Fachkräftebedarf. Allerdings ist die
Basis dieser Aussagen nicht die tatsächliche Zahl unbesetzter Stellen, sondern die Einschätzung der Chancen der
Betriebe, ihren Fachkräftebedarf auf dem Arbeitsmarkt zu
realisieren. In diesem Sinne vertritt jedes siebte Unternehmen die Ansicht, dass der Arbeitsmarkt für die Gesundheitswirtschaft gegenwärtig nicht genügend und/oder
nicht ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte bereithält.
Dabei sind die Bedarfsschwerpunkte nach Teilbranchen unterschiedlich ausgeprägt: während z. B. bei Vorsorge und
Reha vor allem ein quantitativer Mangel festgestellt wird,
geht es im Bereich der Medizintechnik eher um die Vorqualifikation. Soziale Kompetenzen und branchenspezifische
Fremdsprachenkenntnisse werden im Übrigen für besonders wichtig gehalten. „Fast drei von fünf Unternehmen
der Gesundheitswirtschaft in der Region Berlin-Brandenburg erwarten künftig einen qualitativen Fachkräftemangel“, der – so die Befragungsergebnisse – teilweise auch
zur einer Bereitschaft zur Verstärkung von Ausbildungsaktivitäten führt. Es wird also nahegelegt, dass das Potenzial
an Ausbildungsplätzen in der Gesundheitswirtschaft noch
nicht ausgeschöpft ist. Die dynamische Entwicklung der
Anforderungen in der Gesundheitswirtschaft begründet
sich – so wird an anderer Stelle33 des Jahrbuchs ausgeführt – mit den Megatrends: zunehmende Internationa­
lisierung, zunehmende Integration in Wert­schöpfungs­
ketten, die Ausweitung ambulanter Versorgung, die
kontinuierliche Entstehung neuer Verfahren der Diagnostik
und Therapie und die demografische Entwicklung mit einer
Zunahme älterer Menschen mit Mehrfacherkrankungen.

32  Haß, Marion / Stefanie Richte 2008: Zur Fachkräftesituation in der Gesundheitswirtschaft in Berlin-Brandenburg, in: HealthCapital 2008
33  Padberg, Stefan / Thomas Windschuh 2008: Entwicklungstrends in der Berliner
Gesundheitswirtschaft und ihre Folgen für Organisations- und Personalentwicklung, in:
HealthCapital 2008

In einer Presseerklärung34 zur Karriere Messe 2009
erklären IHK und HealthCapital gemeinsam:
„Über 44 Prozent der befragten Unternehmen haben aktuell freie Stellen zu besetzen. Dabei sind über 40 Prozent so genannter Erweiterungsbedarf. Der Rest ist Ersatzbedarf. Rund 60 Prozent der befragten Berliner
Unternehmen und 40 Prozent der befragten Brandenburger Unternehmen der Gesundheitswirtschaft erwarten
für die nächsten zwei Jahre eine Beschäftigungszunahme. Lediglich 36 Prozent der Berliner Unternehmen und
55 Prozent der Brandenburger Unternehmen gehen von
einem gleich bleibendem Beschäftigtenbestand aus und
nur vier Prozent (Berlin) bzw. sieben Prozent (Brandenburg) der befragten Unternehmen befürchten einen
Rückgang in ihren Beschäftigtenzahlen. Der positive Beschäftigungstrend zieht sich über alle Bereiche der Gesundheitswirtschaft. Damit beweist sich die Gesundheitswirtschaft als krisenfeste Branche der Region
Berlin-Brandenburg.“
Der aktuelle und insbesondere zukünftig zu erwartende
Fachkräftemangel veranlasste HealthCapital zur Veran­
staltung einer Karriere Messe Gesundheit als Beruf, die
2010 nun schon zum dritten Mal in der Urania durchgeführt wurde. In dem im Rahmen der Expertise durchge­
führten ausführlichen Expertengespräch mit der Geschäfts­
führung von HealthCapital wurde nachdrücklich ein sehr
großes Interesse der Gesundheitswirtschaft an der Er­
schlie­ßung des Potenzials Jugendliche mit Migrations­
hintergrund zum Ausdruck gebracht, und zwar nahezu
auf der gesam­ten Breite der Teilbranchen. Gemeinsame
Werbe­aktivitäten, so z. B. im Zusammenhang mit der
­Karriere Messe wurden ausdrücklich gewünscht.
Mit der wiederholten Durchführung dieser Messe und der
Koordinierung der Netzwerkarbeit zeigt die Geschäftsführung HealthCapital – Steuergruppe und Geschäftsstelle
zugleich – ihre Kapazität zur Mobilisierung in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft für gemeinsam interessierende Aktivitäten.
34  Presseerklärung der IHK Berlin vom 27.2.2009

Einzelne Unternehmen bewegen sich im übrigen schon in
diesem Feld (wie z. B. Vivantes im Rahmen des XenosBridge-Projekts für junge Flüchtlinge); darüber hinaus läuft
als EU-gefördertes Projekt mit internationalem Kontext
Gesundheitsberufe erlebbar machen: Das Jobpatennetzwerk des Projekts Active Health35, um Antworten auf eine
Diskrepanz zu finden, die dort so skizziert wird: In Berlin
arbeitet etwa jede/r achte Erwerbstätige in einem Beruf im
Gesundheitsbereich. Bei einem Anteil von 13 Prozent
Migranten/innen an der Berliner Gesamtbevölkerung sind
in Ausbildungen zu Gesundheitsberufen im Schuljahr
2006/07 nur 3,5 Prozent Jugendliche mit Migrationshintergrund vertreten (nach Daten des Amtes für Statistik
Berlin-­Brandenburg auf Nachfrage am 03.04.2007). Auch
die Homepage: www.gesunde-perspektive.de für verschiedene Berufe in der Berliner Gesundheitswirtschaft ist
direkt an Migrantinnen und Migranten adressiert.
II 3.1.2 Kreativwirtschaft
Kreativwirtschaft36 gehört zu den hochbewerteten Clustern
im Konzept der Berliner Clusterpolitik, weil von einem
erheblichen Entwicklungspotenzial ausgegangen wird37.
Der Ausschuss für Kreativwirtschaft schlug 2008 eine weite Definition des Clusters vor. In einem Bericht hierzu heißt
es u. a.: „Creative Industries sind Motor der Stand­ort- und
Stadtentwicklung – und das nicht nur in den großen
Kreativ­metropolen New York, London, Wien und Berlin.“
Kreativwirtschaft ist so zu einem wichtigen Thema in der
aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion geworden.
Doch was versteht man unter Creative Industries genau?
Diese Frage bewegt Kreative und Verwaltung, Industrie
und Medien. „In einer Welt, in der sich immer mehr
Schnittmengen z­ wischen den unterschiedlichen Branchen
ergeben, können wir uns ein Denken in Teilbereichen nicht
mehr leisten“, betont der Ausschussvorsitzende Wolfgang
Hünnekens. „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen
wir uns auf unsere gemeinsame wirtschaftliche Basis fokussieren: die kreative Idee. Im nächsten Schritt müssen
35  www.bgz-berlin.de

36  Vergl. hierzu auch: Create Berlin e.V. 2008: Create Berlin 2006–2008
37  Report 2008

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 33

3 Anknüpfungspunkte 1: G
­ esamtstädtische Wirtschaftsbezüge

wir dann das gemeinsame branchenübergreifende Vermarkten kreativer Ideen angehen.“ Die bisherigen Definitionen beschränken sich inhaltlich lediglich auf die Zuordnung von Teilbranchen. Der Ausschuss Creative Industries
hat in dieser Sitzung eine Definition aus der Branche für
die Branche entwickelt. Sie lautet: „Creative Industries are
based on individuals with creative (art) skills, perform in
alliance with management, technology and production,
create economic value by developing marketable products
& services“. Ziel dieser Definition ist es, den gesamten
kreativen Leistungsprozess abzubilden.
Konventionell kann das Cluster so beschrieben werden:
Das Cluster Kreativwirtschaft umfasst die Teilbranchen
Kulturwirtschaft38, Informations- und Kommunikationstechnik und sonstige Branchen. Mit rund 26.000 Unternehmen, einem Umsatzvolumen von über 21 Mrd. Euro und ca.
114.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat
Berlin das Potential, künftige Nr. 1 in Europa im Bereich
der Kreativwirtschaft zu werden (IHK Berlin). Der Berliner
Senator für Wirtschaft fokussiert im Projekt Zukunft39 vor
allem die Kreativwirtschaft und in ihr noch einmal das
Design, unter dem Motto „Berlin – City of Design“40.
Es handelt sich also um ein Cluster, der äußerst vielfältig
ist und darüber hinaus unter dem Aspekt der Beschäftigungsverhältnisse sehr unterschiedlich. Eine neuere
Studie41 illustriert dies. Mit ca. 100.000 Personen war in
Berlin 2006 jede/r 10. Erwerbstätige in der Kreativwirtschaft tätig; ihr Gewicht ist im regionalen Vergleich in
Berlin besonders hoch. Besonders hoch ist aber auch der
Anteil der Selbständigen mit insgesamt 53 Prozent, bei
den Künstlern sogar bei 65 Prozent, während er im
Durchschnitt aller Erwerbstätigen in Berlin nur 17 Prozent
38  vergl. hierzu u. a. einen sehr aufschlussreichen Sammelband aus der „Szene“, der
die Besonderheiten der Kulturwirtschaft deutlich macht: Anschlaege.de (Hg) 2007: Plan
B. Kulturwirtschaft in Berlin, Berlin (REGIOVERLAG.Edition Stadtkultur)
39  www.berlin.de/projektzukunft

40  In November 2005 UNESCO appointed Berlin – as the first city in Europe – to the
“Creative Cities Network under the framework of UNESCO’s Global Alliance for Cultural
Diversity” and, on 18 January, UNESCO will award Berlin the title of “City of Design” in
a special ceremony followed by a networking meeting of UNESCO Creative Cities from
Europe, Latin America and Asia on the 19th January. 
41  Mundelius, Marco 2009: Kultur- und Kreativberufler und deren Erwerbsrealitäten –
Berlin im regionalen Vergleich. DIW Politikberatung kompakt 48, Berlin

34 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Anknüpfungspunkte 1: ­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

beträgt. Im Vergleich mit anderen Metropolregionen in
Deutschland stieg die Zahl der Kreativberufler/innen in
Berlin schneller, ihr Pro-Kopf-Einkommen aber geringer.
„Trotz Erwerbstätigkeit wird die soziale Absicherung –
und insbesondere bei Selbständigen die unzureichende
Alterssicherung – als zunehmende Problematik durch die
interviewten Künstler und Kreativberufler wahrgenommen“, heißt es in der Studie.
Im Rahmen der Expertise gab es vor allem Kontakte mit
dem Sektor Textildesign. Dort gibt es eine Reihe von Besonderheiten, u. a. jene, dass unter der für ein Cluster
wichtigen Voraussetzung von vollständigen Wertschöpfungsketten in Berlin der gesamte Bereich der Textilproduktion nahezu vollständig fehlt; Produktionsorte hierfür
sind vor allem asiatische Länder.
Der stark informelle und kleinbetriebliche Charakter der
Betriebe und ihre oftmals erst kürzlich zurück liegende
Gründung bedeuten auch, dass formalisierte betriebliche
Ausbildungsstrukturen (noch) fast überhaupt nicht vor­
handen sind. Einer erheblichen wirtschaftlichen Dynamik,
die Chancen bietet, steht eine wenig entwickelte betrieb­
liche oder betriebsbezogene infrastrukturelle Stabilität gegenüber. Hierfür müssten über Kooperationen, z. B. mit
Oberstufenzentren, tragfähige Lösungen gefunden werden. Ein anderes, für diesen Bereich der Kreativwirtschaft
besonders wichtiges Merkmal, ist sein „Szenen-Charakter“ und seine Einlagerung in bestimmte lokale Bereiche
(„Kiez“), die jeweils den besonderen Existenz- und Entfaltungsbedingungen entgegen kommen. Bestimmte Bereiche
von Neukölln sind hierbei zurzeit besonders im Blick. Für
eine Strategie der Erschließung dieses betrieblichen Feldes
im Zuge der Öffnung von Ausbildung für Jugendliche mit
Migrationshintergrund bedürfte es also Verknüpfungen
zwischen landesweiten und bezirklichen Ansätzen (wir
kommen unter 3.4 und 3.5. darauf zurück). Beide Ansätze,
zu denen im Rahmen der Expertise Kontakt bestand, laufen in Neukölln42.

CIMON: Clusterinitiative Mode & Nähen (Neukölln)
Dieses Vorhaben ist vom Planungsbüro INPOLIS43 initiiert
worden. INPOLIS hat starke internationale Bezüge und ist
auf produktive Bezüge zwischen innovativem Wirtschaften
und Sozialer Stadtentwicklung spezialisiert. Die laufenden
Recherchen hierzu werden im Rahmen des Programms
Partnerschaft-Entwicklung-Beschäftigung (PEP) im
­Rahmen des Bündnisses für Wirtschaft und Arbeit (BBWA)
Berlin gefördert. Ausgangspunkt waren zwei Beobachtungen: Zum einen hatte sich eine Modedesign-Szene ent­
wickelt, z. B. im Bereich von T-Shirts, die sich durchaus erfolgreich platzieren konnte. Zum anderen war bekannt,
dass es vor allem in der migrantischen Bevölkerung viele
Frauen gibt, die hohe Fertigkeiten in der Arbeit mit Nähmaschinen besitzen, die vor allen Dingen zu Hause und für
den familiären Gebrauch eingesetzt werden.
Daraus entstand die Idee, diese beiden Gruppen in einen
Produktionszusammenhang zu bringen und damit den
Frauen eine bezahlte Tätigkeit und den Designern/innen
eine unmittelbar benachbarte Produktion zu verschaffen.
Damit sind allerdings sehr viele Fragen nach Kompetenzen,
Logistik, Organisation, aber auch nach tragfähigen sozialen und integrationspolitischen Lösungen verbunden,
­denen jetzt nachgegangen wird. Unter dem Aspekt von
Ausbildung wären hier vor allem Anschlüsse an das regulierte Ausbildungssystem zu klären.

läuft eine Art von Unterstützungsvorhaben.45 Das dort
laufende Teilprojekt QUINN sieht vor,
„Modeschaffende, Designer und andere Akteure der
Neuköllner Kreativwirtschaft als gestaltende Mitarbeiter
in schulische Projekte (AGs, Schülerfirmen, Arbeitslehre,
Kunst …) zu bringen. Eine lokale „Textilszene“ entwickelt
sich, die reale Ausbildungs- und Arbeits­plätze bieten
kann. Ziel ist, durch kreativ-produktive Produktionstätigkeiten die Jugendlichen bei der Erforschung und Stärkung individueller Fähigkeiten und Kompetenzen zu unterstützen und zum anderen die Bandbreite möglicher
Tätigkeitsfelder der Modebranche als berufliche Perspektive näher zu bringen.“46
Da es sich um ein Berufsorientierungsvorhaben (besonderer Art) handelt, wären die Anschlüsse an Ausbildung zu
klären, für die angesichts der eher unsteten Branchenentwicklung stabile Kooperationen gesucht werden müssten.
Auf der anderen Seite könnte eine gesicherte Nachwuchsbasis auch die wirtschaftlichen Aktivitäten selbst (weiter)
stabilisieren. Dies wäre demnach ein wichtiger Standortsicherungsfaktor.

Ruetli-Wear (Neukölln)
Ähnliches gilt für Ruetli-Wear, einem Berufsorientierungsprojekt produktiver Bildung, das an der Rütli-Schule in
Nord-Neukölln läuft. Eine Gruppe von Schülerinnen und
Schülern, die mit externen Partnern/innen (in einer Art
„Schüler-Firma“) zusammen arbeiten, fertigen T-Shirts mit
einem Design, das die Neuköllner Welt grell-positiv
aufnimmt und sie mit großem Erfolg44 vertreibt. Hierzu

43  INPOLIS.de/home (Ares Kalandides ist auch Mitinitiator des Arbeitskreises
„Governance of Creative Industry an der HU Berlin)
42  Vergl. hierzu auch: Bezirksamt Neukölln 2010: Kultur- und Kreativwirtschaft in
Neukölln. Bestandsaufnahme und Zukunft. Dokumentation des Workshops in der Alten
Post 23.September 2009

3

44  „Rütli-Wear“ – Provokation in XXL – Panorama – sueddeutsche.de, 21. Juni 2006,
„Rütli-Wear“ Provokation in XXL Die Berliner Rütli-Schule gilt als Hort für Hass und
Gewalt. Genau dort gründen Jugendliche jetzt ein, www.sueddeutsche.de/panorama/
950/372762/text/

45  Das Forschungsprojekt trägt den Titel: Die städtische Performanz Bürgerschaftlicher
Lebendigkeit. Das Projekt wurde initiiert von Professor Dr. Klaus M. Schmals und ist
durch die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis gefördert. Träger ist der
gemeinnützige Verein kulturbus.net im ZENTRUMdanziger50.
46  Aus dem Konzepttext.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 35

3 Anknüpfungspunkte 1: G
­ esamtstädtische Wirtschaftsbezüge

3.2 Berlinweite einflussreiche
betriebsnahe Multiplikatoren/innen

II 3.2.1 Industrie- und Handelskammer
Die Berliner Industrie- und Handelskammer spricht sich
immer wieder klar und deutlich für eine bessere Integra­
tion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die
Berufswelt aus, verfolgt aber hierzu keine explizite
Strategie im eigenen Organisationsbereich. Insofern
richten sich die Erwartungen vor allem an das vorgelagerte
Bildungssystem47. Die sich durchziehende Begründung
findet sich erneut in einer aktuellen Stellungnahme (vom
21.1.2010) zur Integrationspolitik: „Die IHK Berlin unterstützt alle Maßnahmen für eine erfolgreiche Integrationspolitik. Es werden aber Vorstöße abgelehnt, verpflichtende
Quoten für Menschen mit Migrationshintergrund einzuführen. (…)“ Man dürfe in der Integrationsdebatte nicht den
Fehler machen, alle Menschen mit Migrationshintergrund
automatisch einer hilfsbedürftigen Problemgruppe
zuzuordnen. „Die offizielle Definition für Migrationshintergrund ist viel zu unscharf und deshalb eigentlich unbrauchbar“, so von Knobelsdorff weiter. Viele Kinder, die
unter diese Definition fallen, hätten im Vergleich zu
deutschen Kindern sogar einen Vorteil, weil sie zweisprachig aufwachsen. Entscheidend sei, ob das Kind aus einem
bildungsfernen Haushalt komme oder nicht. (…). „Der
wichtigste Ansatzpunkt für eine bessere Integration ist
deshalb eine konsequente Bildungspolitik“, erklärte von
Knobelsdorff. Diese beginne schon bei der frühkindlichen
Bildung mit dem Ziel, dass alle Kinder – ob mit oder ohne
Migrationshintergrund – mit vergleichbaren Startchancen
in der Grundschule ankommen. Hier spiele vor allem die
Sprachförderung eine wichtige Rolle. Wichtig sei vor allem
auch Aufklärungsarbeit in den jeweiligen ethnischen
Communities. Aus diesem Grund werde die IHK auch ihre
Bemühungen verstärken und z. B. in der türkischen
Community aktiv bei Eltern und Jugendlichen für eine
Berufsausbildung im dualen System werben.
Der Linie dieser Stellungnahme folgte auch das Fachgespräch, das im Rahmen der Expertise mit Vertretern/innen
47  Vergl. hierzu u. a.; IHK Berlin: Bessere Bildung für Berlin (Broschüre),
auch: www.ihk-berlin24.de

36 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Anknüpfungspunkte 1: ­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

der IHK geführt wurde. Es wird betont, dass die Berliner
Wirtschaft in Zukunft als Nachwuchs auch auf Jugendliche
mit Migrationshintergrund nicht verzichten könne.
Betriebe dürften durch keine Form der „positiven Diskriminierung“ an ihren Personalentscheidungen eingeschränkt
werden; positive Diskriminierung schade im Übrigen auch
denjenigen Gruppen, die man fördern möchte. Schon ein
Nachhalten des Migrationshintergrunds scheint aus dieser
Sicht ein erster Schritt auf dem Weg zu Quotenbildung zu
sein. Im Gespräch sind vor diesem Hintergrund nur wenige
Hinweise auf betriebliche Beispiele mit guten Integrationserfolgen – über jene hinaus, die in der Öffentlichkeit
bekannt sind – zu erhalten. Es scheint so, als stehe dieser
Aspekt bei der Kammer wenig im Fokus, jedenfalls auf der
allgemeinen Ebene, während die konkreten Schwierigkeiten bei den IHK-Mitarbeitern/innen auf bezirklicher und/
oder operativer Ebene durchaus eine Rolle spielen.
Die IHK unterhält einen sehr umfangreichen und ausdifferenzierten Fächer von Maßnahmen zur Berufsorientierung
und zur Förderung von Kontakten zwischen Schüler/innen
und Betrieben, so z. B. beteiligt sich die IHK (wie die
Handwerkskammer) an dem Vorhaben Passgenaue
Vermittlung Auszubildender an ausbildungswillige
Unternehmen, das vom Bundesministerium für Wirtschaft
und Technologie und aus dem Europäischen Sozialfonds
(ESF) gefördert wird.
Als besonders wichtig wird das Projekt Partnerschaft
Schule-Betrieb hervorgehoben:
„Schule soll intensiv auf das Leben von morgen vorbereiten. Sie soll nicht nur eine umfassende theoretische Allgemeinbildung vermitteln, sondern – durch praktische
Elemente ergänzt – eine gezielte berufliche Orientierung
ermöglichen. Angelehnt an die Duale Ausbildung, die
Theorie und Praxis kombiniert, initiierte die IHK im Jahr
2000 das Projekt Partnerschaft Schule-Betrieb. Im Rahmen dieses Projektes gehen Unternehmen und Schulen in
räumlicher Nähe beidseitig vorteilhafte Kooperationen
ein.

Eine solche Form der Zusammenarbeit ermöglicht, dass
Wirtschaft und Schulen ihr Wissen übereinander verbessern, die Schülerinnen und Schüler eine vielfältigere Berufsorientierung erhalten und ferner ihren Bezirk als
Wirtschaftsstandort kennen lernen. Das Projekt Partnerschaft Schule-Betrieb der IHK Berlin leistet damit einen
wichtigen Beitrag zu einer Annäherung zwischen Wirtschaft und Schule.
Seit seiner Initiierung im Jahr 2000, sind aus dem Projekt
über 200 erfolgreiche Kooperationen mit der Berliner
Wirtschaft hervorgegangen. Auch die Zukunft des Projektes sieht vielversprechend aus: Wird die Schulstrukturreform – wie in Kürze geplant – durch das Abgeordnetenhaus beschlossen, werden die an die Politik gerichteten
Forderungen der Berliner Wirtschaft nach einer besseren
Berufsorientierung und Ausbildungsreife der Schülerinnen und Schüler endlich umgesetzt werden. Damit die
Schülerinnen und Schüler intensiv auf das Leben von
morgen vorbereitet werden, müssen sie sich so früh wie
möglich mit ihrer Berufswahl auseinander setzen. Für die
Motivation der Jugendlichen ist es von großer Bedeutung, dass sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst
sind. Auch für die Wirtschaft sind diese Voraussetzungen
wichtig, da sie – besonders im Anbetracht der zunehmend komplexeren und spezifischeren Anforderungen
der Arbeitswelt – immer stärker auf motivierte und qualifizierte Fachkräfte angewiesen ist.“48
Aber: In den offiziellen Verlautbarungen zu diesem ganzen
breiten Aktivitätsfeld findet sich kein Hinweis auf eine erhöhte Aufmerksamkeit, die man ggf. der Migrations-/Integrationsfrage entgegen bringen müsse. Weder die vielfältigen Kooperationen Schule-Wirtschaft noch die Beratungen,
die sich herauf richten, noch die Betriebe selbst kommen
48  Im Übrigen sieht sich die IHK durch die nun erfolgende Einführung des Dualen
Lernens in die neue Sekundarschule bestätigt: „Mit der Reform wird das Duale Lernen,
das inhaltlich über das bisher unterrichtete Fach der Arbeitslehre hinausgeht, fest in die
Curricula der weiterführenden Schulen aufgenommen. Das Duale Lernen hat den
Anspruch, durch eine gezielte Verknüpfung schulischen Lernens mit praktischen Inhalten
aus dem Wirtschafts- und Arbeitsleben am Praxisplatz, die Schülerinnen und Schüler
bestmöglich auf diese Erfordernisse vorzubereiten. Bei der konkreten Umsetzung des
Dualen Lernens entscheiden Schulen eigenverantwortlich, welche Art der Organisation
für ihre Schülerschaft erfolgversprechend ist. Sie können eine individuelle Kombination
verschiedener Formen des Dualen Lernens wählen, beispielsweise Betriebspraktika,
Gründung von Schülerfirmen, Teilnahme an Werkstatt-Tagen, Nutzen von Netzwerken für
Ausbildung und Berufspraxis oder die Kooperation der Schulen mit Betrieben, wofür das
Projekt Partnerschaft Schule-Betrieb bereits seit fast 10 Jahren steht.“

3

als gegenüber der Integration besonders wichtige Akteure,
die dies aufmerksam begleiten müssten, zur Sprache.
II 3.2.2 Handwerkskammer
Die Handwerkskammer Berlin49 agiert in einem breiten
Spektrum im Feld der Berufsausbildung ebenso wie der
­Berufsorientierung. Markennamen im Feld der Berufsorientierung sind die Projekte BOB und PASST; wobei bei PASST
besondere Aufmerksamkeit auf die Vermittlung von Handwerksbetrieben und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gerichtet wird. Während es im Rahmen von BOB –
Berufliche Orientierung in Berlin – um die Verbesserung
der beruflichen Eingliederung von Jugendlichen mit dem
Förderschwerpunkt „Lernen durch Intensivierung der Berufsorientierung“ geht, steht bei PASST die konkrete Unterstützung im Bewerbungseinstellungsprozess für Auszubildende im Zentrum.
Auf Anforderung von Mitgliedsbetrieben der Kammer
befasst sich ein professionelles Team der Kammer mit der
Vorauswahl von möglichen Kandidaten/innen für die vom
Betrieb avisierten Ausbildungsplätze. Diese Vorauswahl
erfolgt aus dem Kreis derjenigen Jugendlichen, die sich in
die Lehrstellenbörse der Kammer eingeschrieben haben.
Wenn sich ein Vertrauensverhältnis des Betriebs zum
Team entwickelt hat, sind die Chancen, vorausgewählte
Bewerber/innen auch tatsächlich auf einem Ausbildungsplatz unterzubringen, groß – zumal aufgrund der erheblichen Anzahl der Beteiligten, die „im Spiel“ sind, auch
Möglichkeiten zur Nachkorrektur bestehen.
Die Handwerkskammer möchte dieses Projekt vor dem Hintergrund des Nationalen Paktes für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs sehen, der seit dem Jahr 2004 zwischen
der Wirtschaft und der Bundesregierung besteht. Es wird
vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Ziel ist es,
allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen
Menschen ein Ausbildungsangebot zu unterbreiten. Die
Handwerkskammer Berlin möchte Handwerksbetriebe dabei unterstützen, vorhandene Ausbildungspotenziale zu
49  www.hwk-berlin.de/bildung/ausbildung.html

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 37

3 Anknüpfungspunkte 1: G
­ esamtstädtische Wirtschaftsbezüge

nutzen und ihre Ausbildungsplätze passgenau und effizient zu besetzen.
Das im Rahmen der Expertise geführte ausführliche
­Gespräch mit Vertretern/innen von PASST machte deutlich,
dass in diesem Verfahren Jugendliche mit Migrationshintergrund im erheblichen Umfang zum Zuge kommen, ohne
dass die Kammer eine auf diese Personengruppe speziell
ausgerichtete Kampagne durchführt. Dies scheint wohl
vor allem – vor dem Hintergrund eines z. T. sehr dringlichen
Bedarfs an Auszubildenden und Nachwuchskräften – ­daran
zu liegen, dass die sehr personenbezogene Art und Weise
der Unterstützung mögliche Zweifel und Bedenken aus­
räumen hilft – auf beiden Seiten. Insofern kann man davon
ausgehen, dass auf diskrete Weise auch die Haltung von
Betrieben gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund positiv beeinflusst wird.
Ein wichtiger Hintergrund für die aktive Nutzung der Kammer und ihrer Ausbildungsbörse als Adressat für ein Inte­
resse an Berufsausbildung ist die umfangreiche Arbeit mit
Schulen, die die Kammer im Rahmen von BOB unternimmt.
Insofern ist BOB auch eine der wichtigen Voraussetzungen
für das Funktionieren von PASST Unter dem Motto „Handwerk sucht coole Köpfe“ werden Koopera­tionsverträge
zwischen einzelnen Handwerksbetrieben und Schulen abgeschossen. Als Vorteile werden formuliert:
„Über den Ausbau von Schulpartnerschaften zwischen
Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen und Betrieben wird der Lernort der Schüler/innen erweitert und
((bitte
prüfen)) Kontakt zu möglichen Ausbildungsbetrieben hergestellt
und begleitet. Außerdem entwickeln wir didaktisches
Material für den Einsatz im berufsorientierenden Unterricht. Darüber hinaus beraten wir Lehrkräfte und Schüler/
innen zum Thema berufliche Orientierung und bieten
hierzu verschiedene Veranstaltungen und Seminare an.“
Die von der Handwerkskammer veröffentliche Liste umfasst
knapp 100 Kooperationsverträge; d. h. an 100 Berliner
Schulen existiert – zumindest formal – eine Partnerschaft
mit einem Handwerksbetrieb, abgestützt durch die
­Kammer.

38 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Anknüpfungspunkte 1: ­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

II 3.2.3 Gewerkschaften
Die Berliner Gewerkschaften sind im Bereich Migration/
Integration naturgemäß vor allem unter Gesichtspunkten
von Antidiskriminierung und Antirassimus und sozialem
Schutz engagiert. Hier bietet der DGB Landesbezirk Berlin
Brandenburg Aktivitäten in einer breiten Palette, einschließlich eines eigenen Beratungsbüros für Migrantinnen
und Migranten, das vor allem auf arbeitsrechtliche
Aspekte, aber auch Fragen von Aufenthalt, Mieterschutz
etc. spezialisiert ist. Zugleich vertritt der DGB die in ihm
zusammen geschlossenen Gewerkschaften und Industriegewerkschaften in diesen Fragen gegenüber dem Senat
und den Senatsverwaltungen und in den einschlägigen
Ausschüssen und Beiräten auf Landesebene.
In den mit Gewerkschaftsvertretern/innen im Rahmen der
Recherche geführten Expertengesprächen wurde nicht
verhehlt, dass sich die Mitgliedschaft mit Migrationshintergrund im hauptamtlichen und ehrenamtlichen Funktionärskreis anteilsmäßig nicht widerspiegelt. Hierin ist
sicherlich einer der Gründe zu suchen, weshalb sich die
Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
selbst eine interkulturelle Öffnung verordnet hat, ein
anderer Grund wird darin liegen, dass die Lehrerinnen und
Lehrer als Adressaten/innen und Mitgliederbasis der GEW
in den Schulen immer stärker mit ethnisch heterogenen
Klassen zu tun haben, während die Lehrerschaft selbst in
großer Mehrheit (noch) herkunftsdeutsch ist.
In den Gesprächen wurde ebenfalls immer wieder gefürchtet, dass auf der betrieblichen Ebene auch bei den Betriebs- und Personalräten selbst gegenüber einer Öffnung
der Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund
wenn nicht mit Widerstand, so doch mit geringem Engagement gerechnet werden müsse. Umso bemerkenswerter
war und ist deshalb die Bereitschaft der Berliner IG Metall,
das Thema „Öffnung ungeförderter Ausbildung für
­Jugendliche mit Migrationshintergrund“ aktiv aufzunehmen und zu betreiben.
Mit Vertretern/innen der IG Metall konnte deshalb auch
nach konkreten Anknüpfungspunkten Ausschau gehalten
werden, z. B. nach besonderen Entwicklungsdynamiken
in einzelnen Teilen der zum Organisationsbereich der

IG Metall gehörenden Branchen, nach Betrieben, die eine
Vorreiterrolle übernehmen könnten und in denen zunächst
auch mit den zuständigen Betriebsräten zu sprechen wäre,
und nach Betriebsratspersönlichkeiten, die aufgrund eigener Erfahrungen und/oder Einsicht auf diese Entwicklung
­positiv Einfluss nehmen wollen und bei ihren Kolleginnen
und ­Kollegen Gewicht haben. Schließlich nahmen sich
der 1. Bevollmächtigte und der Migrationsausschuss der
IG ­Metall des Themas an. Der Migrationsausschuss der
IG Metall, Verwaltungsstelle Berlin, besteht aus 15 ge­
wählten Kolleginnen und Kollegen. Der gegenwärtige
­Migrationsausschuss ist 2008 von Vertretern/innen der ca.
4.000 Mitglieder mit Migrationshintergrund in der IG Metall, Verwaltungsstelle Berlin, für die Wahlperiode 2008 bis
2011 gewählt worden.
In den Gesprächen wurde sehr deutlich, dass konkrete betriebliche Aktivitäten, die über eine Art von Aufklärungsund Werbekampagne hinaus gehen, einer Vereinbarung
mit dem/der jeweiligen Arbeitgeber/in und ggf. auch einer
Rahmenvereinbarung oder gemeinsamen Absichtserklärung zwischen der IG Metall und den Metallarbeitgeberverbänden bedürften.
II 3.2.4 Weitere wichtige landesweite, gebündelte
Aktivitäten
Eine in ihrer Eindeutigkeit bemerkenswerte aktuelle Initiative kommt von der Vereinigung der Unternehmerverbände
in Berlin und Brandenburg e.V. (UVB) im März 2010 unter
der Überschrift Integration und Zuwanderung als Bau­
steine der Fachkräftesicherung. Anlässlich ihrer Jahres­
pressekonferenz macht der UVB das Angebot, mit anderen
Akteuren/innen in einen gemeinsamen strukturierten Prozess einzutreten: Um die Potenziale von Integration und
Zuwanderung für die Fachkräftesicherung in Berlin und
Brandenburg effektiv zu entfalten, schlägt die UVB der Politik und gegebenenfalls weiteren Partnern/innen vor, einen Prozess zu starten, mit dem bestehende Ansätze in
den Handlungsfeldern entlang der Zielgruppen strukturiert
werden sowie Weiterentwicklungspotenziale und Möglichkeiten zum Schließen aussichtsreicher Handlungslücken
aufgezeigt werden. Dies sollte auch eine Überprüfung
bzw. Erschließung möglicher Finanzierungsquellen beinhalten. Grundsätzliches Leitbild soll dabei sein, Potenziale

3

aktiv möglichst früh zu entfalten und Aktivitäten nicht als
nachgelagerte „Reparaturwerkstatt“ durchzuführen.
Und zur Verstärkung der Ausbildungsaktivitäten der Betriebe heißt es in derselben Erklärung:
„Bei der betrieblichen Ausbildung sollte es ein gemeinsames Ziel sein, den Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die eine betriebliche Ausbildung aufnehmen können, zu erhöhen. ­Damit kann die Wirtschaft
kurzfristig einen Beitrag zur Verbesserung der sozial –
und gesellschaftspolitischen Integration dieser Zielgruppe leisten. Langfristig erschließen sich die Betriebe damit
aber auch neue Zielgruppen für die Ausbildung, wenn
der Bewerbermangel auf Grund der demographischen
Entwicklung ab ca. 2015 zunimmt. Das Netzwerk Ausbildung hat gezeigt, dass mit einem individuellen Berufswegecoaching und zusätzlichem berufsvorbereitenden
Sprachunterricht, kombiniert mit betrieblichen Praktika,
auch Hauptschüler mit Migra­tions­hinter­grund in anspruchsvolle duale b
­ etriebliche Ausbildungsberufe vermittelt werden können (z. B. KfZ-Mechatroniker)“.
In diesem Zusammenhang schlägt der UVB vor:
„Die UVB wird in Gesprächen mit dem Bundesamt für
­Migration und Flüchtlinge (BAMF) prüfen, ob Modellprojekte für Jugendliche mit Migrationshintergrund zur
­Integration in duale betriebliche Ausbildung entwickelt,
finanziert und umgesetzt werden können.“
In dieser ganz sicher unvollständigen Skizze sollen noch
drei weitere Aktivitätsknoten mit landesweiten Bezügen
und Implikationen Erwähnung finden: 1 die Regionalagentur für Arbeit mit ihren dezentralen Agenturen und den
JobCentern, 2 verschiedene Gremien oder Räte, die
landesweit agieren und 3 die sogenannten Migranten­
selbst­organisationen (MSOs). Die wenigen nun folgenden
Hinweise sollen lediglich eine Art Platzhalter für weitergehende Überlegungen zur Klärung von Schnittstellen und
zur künftigen (verbesserten) Kooperation im Feld der
Öffnung ungeförderter Ausbildung für Jugendliche mit
Migrationshintergrund sein.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 39

3 Anknüpfungspunkte 1: G
­ esamtstädtische Wirtschaftsbezüge

Zu 1  : Die Agentur für Arbeit gehört selbstverständlich zu
den schwergewichtigen Akteurinnen im Feld, u. a. auch,
weil sie für diverse Maßnahmen im Feld des Übergangs
von der Schule in die Arbeitswelt, aber auch zur Stabilisierung von Ausbildungserfolg, in einem breiten Spektrum
sehr viel Fördermittel einsetzt. Es bleibt dem Beobachter
von außen undeutlich, ob und inwieweit Migration/
Intregration zu einem Querschnittsthema oder Fokus in
Bezug auf alle Beratungen, Maßnahmen und Aktivitäten
geworden ist, die die Agenturen im Feld Übergang
unternehmen und inwieweit dabei die Öffnung nicht­
geförderter Ausbildung Priorität hat.

Anknüpfungspunkte 1: ­Gesamtstädtische Wirtschaftsbezüge

Zu 2  : Als ein wichtiges gesetzliches Organ, das in diesem
Feld Aufgaben hat, muss der Landesausschuss für Beruf­
liche Bildung nach dem Berufsbildungsgesetz genannt
werden; er akzentuiert die Perspektive der gesetzlich geordneten beruflichen Bildung, vor allem des sogenannten
Dualen Systems. Migration/Integration ist aus dieser
­Perspektive nur ein Aspekt. Die Migrations-/Integrationsperspektive ist die Sichtweise zweier landesweiter Gremien
mit unterschiedlicher Aufgabenstellung: Der Berliner Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen52 ist das
Beratungsgremium, was sich auf die verschiedenen Politikfelder bezieht. Hierin ist die Öffnung von Ausbildung nur
ein Teilfeld. Schließlich wurde anlässlich der neuen EUStrukturfondsperiode ein Unterausschuss Migration/Inte­
gration gebildet.

Es ist aber deutlich, dass sich die Agenturen erneut wieder
verstärkt der Berufsorientierung und Berufsberatung als
einem ihrer wichtigen Geschäftsfelder zuwenden. Dies
wird nicht nur durch das im September 2007 gestartete
Berliner Programm zur Vertieften Berufsorientierung
(VBO)50 dokumentiert, das als gemeinsame Initiative der
Agenturen und der Senatsverwaltungen für Bildung,
Wissenschaft und Forschung und für Integration, Arbeit
und Soziales verstanden wird, sondern durch ein mehr als
ein Jahr später nachfolgendes Grundsatzpapier der
Regionaldirektion Berlin-Brandenburg zur Strategischen
Neuorientierung der Berufsorientierung51. In diesem
Dokument wird als strategischer Ansatz die gewünschte
Rolle der Arbeitsagentur als zentrale Partnerin der Schule
im Feld der Berufsorientierung reformuliert: „Ziel der BA
muss es sein, sich jetzt neu als der Koordinator zu
profilieren, der alle Akteure kennt und in der Rolle eines
Netzwerkers für die Schule alle Netzwerkaktivitäten
bündelt. Der strategische Ansatz heißt: ‚Wir sind der
Berater der Schule in Sachen BO! Eine Schule-ein Gesicht!‘
und bietet Antwort auf die heutige Situation und kann
auch für die nächsten Jahre als Grundkonzeption genutzt
werden“. Während mit der VBO eine Vielzahl von Schulen
berührt wird, bleibt undeutlich, ob parallel hierzu und in
Verbindung damit die BA in Berlin ihre Arbeit mit den
Betrieben hinsichtlich der Schaffung und Besetzung von
Ausbildungsstellen intensiviert hat.

Zu 3  : Migrantenselbstorganisationen (MSOs) haben in
Berlin auch auf der Landesebene ein erhebliches Gewicht;
u. a. werden sie auch vom Integrationsbeauftragten in
verschiedenen praktischen Zusammenhängen gefördert.
So stehen z. B. schon vergleichsweise früh Kooperationsverträge zwischen MSOs und Schulen an, um MSOs als
kenntnisreiche Partner für Schulen zu sichern53. Auch im
Vorhaben der Netzwerkbildung für die Förderung beruflicher Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten (BQN
Berlin), das man als einen Vorläufer von Berlin braucht
dich! ansehen kann, spielten MSOs als Partner eine Rolle.

50  www.laender-activ.de; und über den Projektträger SPI Consult: www.spiconsult.de

52  Vergl. hierzu: Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Der Beauftragte
des Senats von Berlin für Integration und Migration 2009: Der Berliner Landesbeirat für
Intgrations- und Migrationsfragen. Berlin gemeinsam gestalten, Berlin

51  Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit: Strategische
Neuorientierung der Berufsorientierung, Dokument vom 2.Dezember 2008, Berlin

40 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

3

Zirkel verstanden: Jugendliche mit Migrationshintergrund
in Betriebe der „Ethnischen Ökonomie“. Dieser Zirkel ist
aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch, was
hier nicht vertieft erörtert werden kann. Zweifellos ist der
in der Vergangenheit erheblich expandierte Sektor von
­Betrieben54, die entweder von Personen mit Migrations­
hintergrund geführt werden und/oder mehrheitlich in der
Migrantencommunity ihre Kundschaft haben, eine wichtige
Gruppe tatsächlich oder potenziell ausbildender Betriebe.
Die Bezüge zwischen der Öffnung ungeförderter Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund, den
Chancen und Risiken, die Betriebe der ethnischen Ökonomie als Ausbilder bieten, und der Rolle der MSOs bedürften also einer erneuten Klärung.

Fachlich bestehen zwischen allen drei Gremien – wie auch
zu weiteren – mehr oder weniger enge Bezüge und
Überschneidungen; z.T. handelt es sich auch um dieselben
Personen.

Insgesamt aber werden die MSOs eher dafür in Anspruch
genommen, die sogenannte Ethnische Ökonomie, also jene
Betriebe, die von Personen mit Migrationshintergrund geführt werden, für Berufsausbildung zu öffnen oder Jugendliche aus Migrationsmilieus für Berufsausbildung zu inte­
ressieren. Oftmals wird dies dann als ein kurzschlüssiger

53  Pressemitteilung von IntMig vom 27.2.2007

54  z. B. Bezirk Mitte: „Dem hohen Anteil von Migranten/innen an der Wohnbevölkerung
entspricht auch ein hoher Anteil an Unternehmen mit Migrationshintergrund. Allein im
Jahr 2006 haben sich im Bezirk 3.260 Unternehmer nicht-deutscher Herkunft an- und
1.772 abgemeldet. Das macht ein Saldo von 1.488 zusätzlichen Unternehmen mit
Migrationshintergrund.“ (Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Institut IKO:
Ethnische Ökonomie als Chance der Standortentwicklung, Diskussionspapier (o. J.)

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 41

4 Die Ebene der Bezirke

4

Die Ebene der Bezirke

4

Die Ebene der Bezirke

4.1 Einleitende Bemerkungen

4.2 Neukölln

Die Bedeutung der lokalen Ebene für die Integration von
Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist
mittlerweile unbestritten55. Eine wichtige Frage ist aber, inwieweit dies auch für die berufliche Integrationsperspek­ti­
ve gilt. Was jedenfalls die geförderte Ausbildung und was
Förderinfrastrukturen betrifft, so setzte der Berliner Senat
schon frühzeitig auf die bezirkliche Ebene, nämlich bei den
sogenannten Ausbildungsverbünden. Der Netzwerkini­
tiative56 liegt der Gedanke zu Grunde, dass auf bezirk­licher
Ebene die wichtigen lokalen Akteurinnen und Akteure gemeinsam tragfähige Strukturen mit interessanten Angeboten für Betriebe und künftige Auszubildende entwickeln
sollen. Zu diesem Zweck wurden in den Stadtbezirken jeweils regionale Ausbildungsverbünde implementiert, in
­denen die lokalen Partner/innen zusammenkommen und
kooperieren. Durch vielfältige Aktivitäten werden u. a. folgende Ziele verfolgt:

Zur bezirklichen Ebene Neukölln wurde schon unter
Abschnitt 3.2.3 berichtet. Zusätzlich soll hier – beispielhaft
auch für andere Bezirke – auf den Territorialen Beschäftigungspakt Neukölln hingewiesen werden, dessen
Vorläufer bis 1996 zurückgehen, als der Verein Wirtschaft
und Arbeit in Neukölln e.V. gegründet wurde. 2004 wurde
die Arbeit im Rahmen der BBWA-Förderung des Senators
für Wirtschaft57 fortgeführt und eine entsprechende
Steuerungsrunde gebildet. Unter den Aktionsfeldern, auf
die sich die Steuerungsrunde geeinigt hat, findet sich als
Aktionsfeld 3 auch Jugend und Ausbildung58. Auch wenn
die konkrete Entwicklung nicht immer den Eindruck einer
kontinuierlichen Ausweitung und Vertiefung macht,
sondern offenbar stark von jeweiligen Förderprogrammen
und deren jeweiligen Koordinatoren/innen mit beeinflusst
wird, hat sich vermutlich doch eine gewisse stabilisierte
Kultur der Kooperation herausgestellt und ist jedenfalls
viel Erfahrungswissen kumuliert worden, so dass von
diesen operativen Plattformen kaum abgesehen werden
kann. Ein Blick in ein normales Protokoll einer „AG-78Sitzung“59 zeigt dies.

II kleineren Unternehmen den Weg zur eigenen Nachwuchssicherung zu ebnen
II zusätzliche Ausbildungskapazitäten zu schaffen
II die Übergänge an der Schnittstelle Schule-Berufs­­
ausbildung zu unterstützen
Die zwölf bezirklichen Ausbildungsverbünde arbeiten unter
dem Dach des Netzwerks Regionale Ausbildungsverbünde
Berlin zusammen. 1998 begann im Auftrag der zuständigen Berliner Senatsverwaltung und mit Förderung des
Europäischen Sozialfonds der Aufbau des Netzwerks
Regionale Ausbildungsverbünde Berlin (NRAV).

55  Für Berlin vergl. u. a. Stiftung SPI 2006: Fachforum der Regiestelle E&C „Integration
junger Menschen mit Migrationshintergrund – Sozialer Zusammenhalt durch
interkulturelle Strategien und integrierte Ansätze in benachteiligten Stadtteilen“.
Dokumentation zum Fachforum am 26. und 27. Juni 2006
56  www.nrav.de

42 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Im Bezirk Neukölln wurde die Koordination und Organi­
sation des Regionalen Ausbildungsverbundes seit 1998
vom Verein Wirtschaft und Arbeit in Neukölln e.V.
durchgeführt. Das Modell der Verbundausbildung basiert
auf dem Bund-Länder-Programm APP (Ausbildungsplatzprogramm), eines Programms zur Förderung zusätzlicher
Ausbildungsplätze für unvermittelbare Bewerber/innen.
Die Finanzierung erfolgt aus Fördermitteln des Bundes,
des Landes und des Europäischen Sozialfonds. Es bestehen
zwölf bezirkliche Ausbildungsverbünde, die heute unter
57  Mittlerweile sind solche Bündnisse in allen Bezirken errichtet worden, mit welchem
Grad an realer Beteiligung und welchen Wirkungen geht aus den uns vorliegenden
Unterlagen nicht hervor. Die Bezirklichen Bündnisse für Wirtschaft und Arbeit wurden in
allen Berliner Bezirken aufgebaut. Sie verallgemeinern die Erfahrungen, die die
Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung (gsub) beim Aufbau des Territorialen
Beschäftigungspaktes Neukölln seit 1997 gesammelt hat. Unter Mitwirkung der
verschiedenen lokalen Akteure werden Handlungsfelder definiert und Aktionspläne für
die Bezirke erarbeitet und umgesetzt, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, Ausbildungsplätze zu schaffen sowie die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur zu stärken. (gsub)
58  gsub mbh 2006: „Lokales Bündnis für Beschäftigung und Standortsicherung in
Neukölln“, Bericht per 31. Dezember 2005
59  AG 78: www.nnb-berlin.de

Federführung der SPI Consult GmbH arbeiten. Die
Ausbildung zeichnet sich dadurch aus, dass Unternehmen
mit Ausbildungsdienstleistern/innen aus der Region im
Verbund ausbilden. In Neukölln sind dies u. a.: InBit
gGmbH, PraxisNAH e.V., RAG Bildung GmbH.
Im Land Berlin wurden im Jahr 2009/10 2.000 Plätze
gefördert. Zusätzlich wurden im September zusätzlich 500
Plätze freigegeben. Bezogen auf Neukölln werden in
diesem Jahr 128 Ausbildungsplätze durch die Verbundausbildung bereitgestellt.
Zu den wichtigsten Aufgaben der Verbundkoordination
­gehören die Wahrnehmung der Schnittstellenfunktion zu
Unternehmen, Kammern usw., die Organisation und
Durchführung von Treffen der Kooperationspartner/innen
auf regio­naler Ebene (Kleine und Große Runde) und die
Mitverantwortung bei der Organisation von Berufsorientierungstagen. Mit dem Auslaufen des Ausbildungsprogramms geht es darum, Formen zu finden, das Gewachsene kontinuierlich fortzuführen.
Das Feld betrieblicher Akteure/innen, auch jener Akteure/
innen, die im Zusammenhang von beruflichen Übergangsund Ein­mündungsprozessen aktiv sind, ist schwer zu über­
blicken. Ein erheblicher Teil von Initiativen benötigt Betriebe als Kooperationspartner/innen, so, wie auch die Schulen diese für ihre Praktika brauchen. Betriebliche Kontakte
sind also zumeist ein begehrtes „knappes Gut“. Dies alles
spräche ­dafür, die auf Stärkung des Beschäftigungs­
segments im Bezirk angelegten Bündnisse als Plattform
gezielter Fokussierung zu nutzen.

4.3 Lichtenberg
Berufsorientierung und Bewerbung (BOB)60 steht als Beispiel für ein bezirkliches unternehmerisches Projekt. Es
geht auf eine Initiative im Ostberliner Bezirk Lichtenberg
zurück, die schon 1998 startete und erhebliche Aufmerksamkeit hervorrief. Vertreter/innen aus der bezirklichen
Unternehmerschaft wollten Schülerinnen und Schülern helfen, eine realistische Sicht für Bewerbungen zu entwickeln.
Dies geschah dadurch, dass sie in Ein-Tages-Veranstaltungen in Schulen mit Schülerinnen und Schülern Bewerbungsgespräche simulierten und mit ihnen auswerteten.
In dem im Rahmen der Expertise durchgeführten Fachgespräch erläuterte der Initiator ausführlich, weshalb sich
Unternehmen, die im Bezirk Lichtenberg ansässig sind,
­zusammenschließen und gemeinsame Initiativen ergreifen.
Der Bezirk ist für viele von ihnen auch der Bezugspunkt
­ihrer ökonomischen Aktivitäten oder mindestens ein wichtiges „Hinterland“ im Sinne von Rahmenbedingungen.
Hieraus folgt ein Engagement zur Verbesserung der Attraktivität des Bezirks und zur Eindämmung sozialer Schwierigkeiten. Dies wurde in Lichtenberg und vor allem auch in
Hohenschönhausen – wegen der dortigen erheb­lichen
Nachwendeprobleme – für besonders dringlich gehal­ten.
Bei den Aktivitäten zur Berufsorientierung ­kommen diese
drei Motive zusammen: Die Sorge um die Zukunft der
Jugend­lichen, die Verbesserung der Lebens­bedingungen
im Bezirk und die Gewinnung von Fach­kräfte­nachwuchs.
Da die stadtweite Debatte um Migration sich vor allem auf
Jugendliche aus türkischstämmigen Familien oder ohne
deutsche Staatsbürgerschaft beziehe, werde verdeckt,
dass z. B. in Hohenschönhausen eine große Anzahl von
Jugend­lichen aus Spätaussiedlerfamilien zu Hause seien61.
In nahezu jeder Hinsicht handele es sich dabei um eine
große Gruppe junger Migrantinnen und Migranten in besonders schwieriger Lage. Diese könne aber durchaus eine
sinnvolle Zielgruppe für bezirkliches unternehmerisches
Engagement sein, weil z. B. sowohl bei den Wohnungs­
60  BOB – Berufsorientierung und Bewerbung. Unternehmen in Schulen. Bericht zur
Fachkonferenz am 26.Juni 2008

61  vergl. zur Situation von Spätaussiedler-Jugendlichen u. a. SPIEGELonline 3.6.2004,
Aussiedler-Schicksale. Die verlorenen Schafe von Marzahn

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 43

4 Die Ebene der Bezirke

baugesellschaften als auch bei den Einkaufszentren große
Gruppen von Mietern/innen bzw. Kunden/innen zu demselben Migrationskreis gehörten.
Organisiert sind die bezirklichen Unternehmer/innen im
Wirtschaftskreis62 Hohenschönhausen-Lichtenberg e.V., der
sein Selbstverständnis so formuliert:
„Der Verein zur Unterstützung der Stiftung Wirtschaftskreis Hohenschönhausen-Lichtenberg e.V. stellt sich mit
der Kraft seiner über 200 Mitgliedsunternehmen der Aufgabe, eine starke Interessensvertretung der regionalen
Wirtschaft gegenüber der Kommunal-, Senats- und
Bundes­politik zu sein. Nicht nur den M
­ itgliedern stehen
wir mit unseren Leistungen zur Seite. Wirtschafts- und
Standortpolitik im Interesse einer Standortsicherung und
Imageverbesserung für Lichtenberg verstehen wir übergreifender. Besonders wichtig ist uns das Wir-Gefühl
­zwischen Lichtenberger Unternehmern zu entwickeln.
Lichtenberg bietet ­große Potenziale, aber auch Herausforderungen, wie die Entwicklung von Gewerbestandorten, Existenz­sicherung und -gründung, der Erhalt von
Theatern, der Trabrennbahn, des Tierparks.“

Die Ebene der Bezirke

4.4 Tempelhof-Schöneberg
Am Beispiel des Bezirks Tempelhof-Schöneberg soll knapp
illustriert werden, wie sich das Verhältnis von Integrations-/Migrationspolitik und den verschiedenen einschlägigen Fachpolitiken bezirklich stellt. In jedem Bezirk gibt es
das Büro eines Integrationsbeauftragten; der Integrationsbeauftragte versteht sich als Querschnittstelle, die die
Interessen der Immigranten/innen im Bezirk vertritt und
sich für ihre gesellschaftliche Gleichstellung einsetzt. Ganz
generell gesagt, ist das Büro der Integrationsbeauftragten:
II Ansprechpartner für BürgerInnen aller Nationalitäten,
II Anlaufstelle für Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen,
die interkulturell arbeiten,
II Förderer von Integrationsprojekten und deren ­Vernetzung
im Bezirk
II Schnittstelle für die Belange der Immigranten/innen in
der Tempelhof-Schöneberger Verwaltung
II „Anwalt“ in bezirklichen Gremien, Ausschüssen und
Arbeitsgemeinschaften auf Stadtebene.
Als Querschnittstelle hat die Integrationsbeauftragte also
eine zielgruppenbezogene Mitzuständigkeit für eine Fülle
von Fragen, denn: Welche Angelegenheiten beträfen in
einem Bezirk, der eine stark Migrantenbevölkerung hat,
nicht auch diese? Diese theoretisch nahezu alles umfassende Mitzuständigkeit kann schnell zulasten der Wirksamkeit der Arbeit einer solchen Stelle gehen, wenn es
nicht gelingt, Prioritäten zu setzen und in sinnvoller Weise
Arbeitsteilung und Kooperation herbeizuführen. Dies
wurde in dem Expertengespräch im Rahmen dieser
Expertise deutlich formuliert.
Als eine Form der Entwicklung dieser Kooperation wurde in
Tempelhof-Schönberg z. B. die Tempelhof-Schöneberger
Arbeitsgemeinschaft der Immigranten- und Flüchtlings­
projekte (tsagif) gegründet. Im Vorwort der Vorstellungsbroschüre von 30 portraitierten Projekten formuliert der
Bezirksbürgermeister das Problem:

62  Außer diesem existieren noch 11 weitere bezirkliche Wirtschaftskreise in Berlin,
siehe: www.berlin.de: Dokument: Wirtschaftskreisebezirke.pdf

44 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

„Für das Bezirksamt ist Integrationspolitik eine
­ressortübergreifende Querschnittsaufgabe, deren
­Bewältigung nur mit externer Hilfe – durch die Migrantinnen und Migranten selbst und durch die vielen Vereine, Träger und Organisationen vor Ort – möglich ist. In
dieser Broschüre finden Sie diese Akteure, die mit langjähriger Erfahrung für unterschiedliche Ziel­gruppen zur
Weiterentwicklung des interkul­turellen Bezirks Tempelhof-Schöneberg beitragen. Durch den Zusammenschluss
der Projekte zur „Tempelhof-­Schöneberger Arbeitsgemeinschaft63 der Immigranten- und Flüchtlingsprojekte
(T-SAGIF)“ stärken wir diese Potenziale.“64
Der Tätigkeitsbericht der Migrations/Integrationsbeauftragten für das Jahr 2007 zeigt z. B. das breite Spektrum an
Gremien auf bezirklicher und überbezirklicher ­Ebene, in
denen das Amt vertreten ist. In diesem Rahmen werden
auch Gesichtspunkte der beruflichen Perspektivförderung
von jungen Migrantinnen und Migranten mit ­behandelt,
ohne dass dies bisher einen Schwerpunkt der bezirklichen
Integrationspolitik bilden würde. Auf der anderen Seite –
so jedenfalls stellt es sich für den/die Beobachter/in von
außen dar – findet die auf Migranten/innen bezogene Integrationsperspektive im fachpolitischen Kontext explizit
weniger Resonanz. So findet sich in dem umfangreichen,
immer­hin sechzig Seiten umfassenden Wegweiser Ausbildung für den Bezirk Tempelhof-Schöneberg 2009/2010 kein
deutlicher Hinweis auf Anlaufstellen etc. für Jugendliche
aus dem Migrationszusammenhang.

4

„Ausgehend von der spezifischen Situation TempelhofSchönebergs bestimmte sie Steuerungsrunde die
Handlungsfelder ‚Wirtschaft‘, ‚Jugend und Ausbildung‘
und ‚Soziales, Frauen und Integration‘ als erste, grobe
Handlungsfelder. Es wurde außerdem festgelegt, dass die
Strategie des Gender Mainstreaming, das interkulturelle
Zusammenleben und der Prozess der Gleichstellung von
Menschen mit Behinderung in allen Handlungsfeldern
berücksichtigt werden! Dies entspricht der Strategie des
Diversity Management und den Querschnittszielen der
beiden großen Europäischen Fonds“.
Soweit wird noch der überkommenden Zuständigkeitsaufteilung gefolgt, die sich insofern unglücklich in der
Definition der Handlungsfelder widerspiegelt, als Integra­
tion auf diese Weise statt zur Querschnittsfrage zu einem
Teilhandlungsfeld wird. Allerdings wird dann durch ein
neuentwickeltes Leitbild ein übergreifender Akzent
gesetzt: „Aus diesen Handlungsfeldern wurde folgendes
Leitbild für den Bezirk entwickelt: Tempelhof-Schöneberg,
der wirtschaftsfreundliche Bezirk, der ein neues Integra­
tionskonzept entwickelt und Chancen für die Jugend
bietet!“65 Entscheidend wird die Frage sein, welche
Handlungsrelevanz ein solches Leitbild erhält, weil es im
Grunde die Überprüfung der bisherigen Art und Weise von
Arbeitsteilung und Kooperation auf die Tagesordnung
setzt.

Deshalb wird es besonders interessant sein zu beobachten, wie sich das bezirkliche Bündnis für Wirtschaft und
Arbeit Tempelhof-Schöneberg weiterentwickelt, in dessen
Steuerungsgruppe auch die Integrationsbeauftragte sitzt.
Der Aktionsplan 2009 enthält nämlich u. a. folgende
Ankündigung:

63  JOBMOBIL in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg/
Jugendamt und der Facharbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit/Jugendberufshilfe.
Bezirk Tempelhof-Schöneberg von Berlin (Hg) 2009: Wegweiser Ausbildung für den
Bezirk Berlin-Tempelhof-Schöneberg 2009/2010. Ein Leitfaden für Berater/innen, Lehrer/
innen und Multiplikator/innen
64  Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin. Integrationsbeauftragte (Hg):
Tempelhof-Schöneberger Arbeitsgemeinschaft der Immigranten- und Flüchtlings­
projekte. Broschüre, Berlin (o.J.)

65  www.berlin.de/.../batempelhofschoeneberg/.../bbwa_aktionsplan__ts_2009.pdf

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 45

4 Die Ebene der Bezirke

4.5 Mitte (Moabit)
Beim Bezirk Mitte kommt hier das Quartier Moabit-West
besonders zur Sprache. Dies gibt Gelegenheit, auf die
Einrichtung des Quartiersmanagements hinzuweisen. Im
Rahmen eines Berlinweiten Förderprogramms „Soziale
Stadt“ nimmt das Quartiersmanagement66 eine besondere
Rolle ein; es hat prinzipiell auch eine wichtige Aufgabe im
Bereich der Förderung von Ausbildung und Beschäftigung.
So heißt es im Programm unter dem Stichwort „Rund um
Arbeit“:
„Ein wesentliches Ziel des Quartiersmanagements ist es,
den Bürgerinnen und Bürgern ohne Erwerbsarbeit den
Zugang zur Arbeitswelt zu erleichtern. Arbeitssuchenden
werden auf den nächsten Seiten Angebote unterbreitet,
die helfen sollen, den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu
finden.“
Das Quartiersmanagement Moabit-West67 entfaltet eine
breite Palette von Aktivitäten. In Gesprächen im Rahmen
der Expertise wurde aber immer wieder auf die besonders
schwierige soziale Situation im „Kiez“ hingewiesen.
Moabit-West liegt am Rande des neu geschaffenen Bezirks
Mitte und hat durch eine Einrahmung von Autobahn und
einer breiten Eisenbahntrasse eine Art Insellage.
Seit 1999 gibt es dort ein Quartiersmanagement. Dieses ist
für vier „Kieze“ mit einer Gesamtbevölkerung von etwas
mehr als 20.000 Einwohnern/innen zuständig. Der Ausländeranteil beträgt dort 35,5 Prozent Prozent. Das Quartiersmanagement selbst weist auf folgende Missstände oder
Probleme hin: Ungesunde Wohnverhältnisse aufgrund der
Baudichte und der Nähe zum Industriegebiet, Mängel an
guten Grün- und Spielplätzen und Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, Lärm- und Schadstoffbelastung
durch die stark frequentierten Verkehrswege, hohe Be­völ­
kerungs­fluktuation bei starker Abwanderung besser verdienender Bevölkerungsschichten, verstärkte Zuzüge von
66  www.quartiersmanagement-berlin.de
67  www.moabitwest.de

46 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Die Ebene der Bezirke

sozial benachteiligten Bewohnergruppen, Nachbarschaftsprobleme wie mangelnde Kommunikation zwischen den
verschiedenen ethnischen Gruppen, Gefühl von Fremdheit,
kaum vorhandenes Gemeinschaftsgefühl.
Dagegen setzen das Quartiersmanagement und viele
Einrichtungen und Gruppen, meist unter Nutzung einer
unübersehbaren Palette von Fördermöglichkeiten, eine
Vielzahl von Aktivitäten. Überhaupt zeigt sich, wenn man
das Stichwort „Moabit-West“ im Internet eingibt, ein
breites und buntes Bild verschiedener Initiativen, kultureller Events, von Existenzgründungen und ungewöhnlichen
Firmen und Dienstleistungen, gewissermaßen als die
Kehrseite des Problemprofils.
Bildung in ihren verschiedenen Varianten spielt im Q
­ uartier
eine wichtige Rolle. So berichtet z. B. das SOS-Kinderdorf
als eine der großen sozialorientierten Einrichtungen im
Quartier von Bemühungen, zwischen allen ­Akteuren/innen,
die im Bereich von Bildung bis zum Ende der Sekun­dar­
stufe 1 tätig sind, eine enge Zusammenarbeit und Koordinierung aufzubauen. Diese hat vom Grundsatz her zum
Ziel abzusichern, dass niemand in dieser grundlegen­den
Bildungsperiode völlig „auf der Strecke bleibt“. De facto
zeigt sich aber, dass es sehr schwierig ist, das Ziel auch
nur annähernd zu erreichen. Es gibt offenkundig eine hohe
Zahl von schulischen „drop-outs“, oftmals mit Migra­tions­
hintergrund. Von daher haben nicht-schulische und mit anderen als schulischen pädagogischen Strategien arbeitende Ansätze, wie z. B. Streetwork, Theaterarbeit oder Sport,
eine erhebliche Bedeutung für die Chancen auf Integration.
Nach den offiziellen Verlautbarungen der im Quartier oder
in den angrenzenden Bereichen liegenden Sekundar­
schulen sind auch diese im Bereich von Förderung, z. T.
mit innovativen Ansätzen und in Kooperation mit externen
Akteuren/innen, aktiv. Vermutlich gilt dies auch für den
ganzen Komplex der Berufsorientierung und der Hinführung zu Berufsausbildung und Arbeitsmarkt. So existieren
z. B. enge Kooperationen mit Fachverbänden der
­Wirtschaft („Wettbewerbe“), Arbeitserkundungen und
individuelles Übergangscoaching.

Zum Beispiel die Moses-Mendelsohn-Schule: Unter dem
Motto „Kein Kind beschämen, kein Kind zurücklassen, jedes Kind zählt und verdient Unterstützung“ präsentiert
sich die Moses-Mendelsohn-Oberschule in Alt-Moabit (Stefanstraße). Die Mendelsohn-Schule als Gesamtschule wird
zusammen mit der James-Krüss-Grundschule als 1. Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte gestartet. Weiter heißt es:
„Wir sind deshalb eine Schule, in der ein ganztägiges
Lern- und Betreuungsangebot besteht, gemeinsames
Lernen von der ersten Klasse bis zum Abitur möglich ist,
die Fähigkeiten jedes Einzelnen individuell gefördert
werden, unterschiedliche Lernwege möglich sind, alle
Schulabschlüsse erreicht werden können, eine enge
Zusammenarbeit mit außerschulischen Bildungseinrichtungen besteht, selbständiges Lernen gestärkt, Verschiedenheit respektiert und niemand ausgesondert wird, es
keine Probezeit und keine Wiederholung von Jahrgangsstufen gibt.
Damit gehen wir (und Andere) einen ersten Schritt auf
einem notwendigen Weg. Dieser Schritt will die Bildungslandschaft in Bewegung bringen: Eine Schule für Alle.
Längeres gemeinsames Lernen unter einem Dach
bedeutet für die Schule mehr Gestaltungsfreiheit auf der
einen, aber auch mehr Verantwortung auf der anderen
Seite. Vor allem der Umgang mit leistungsgemischten
Lerngruppen erfordert eine differenziertere Vermittlung
des Stoffs.“
Der Start als Gemeinschafts- und -Ganztagsschule
erfordert u. a. noch stärkere Kooperation mit externen
Partnern/innen als in der Vergangenheit, allerdings auch
ein Schulprogramm, das sicherstellt, dass diese Koopera­
tionen in das pädagogische Gesamtkonzept passen und
verantwortbar sind. In Hinblick auf Berufsorientierung
pflegte und pflegt die Mendelsohn-Schule Beziehungen zu
externen Kooperationspartnern/innen. Auch BQN Berlin
hat gute Kontakte zur Mendelssohn-Schule.
In Hinblick auf Berufsorientierung und auch auf wohnortnahe Berufsausbildung und Jobs ist das Quartier auch
deshalb besonders interessant, weil es – im Unterschied
zu den meisten Gebieten in Berlin – nicht nur einen

4

erheblichen Industriebetriebsbesatz aufweist, sondern
weil dieser bei aller seiner Vielfalt ein technologisch
modernes Profil hat. Im Jahr 2009 hat sich ein Unternehmensnetzwerk Moabit gegründet, das zum Ziel hat, diesen
Standort zu „promoten“ und Nachwuchs zu gewinnen.
Dieses Industriegebiet Martinickenfeld ist einer der
wichtigen noch verbliebenen Standorte von Industriebetrieben in Berlin.
Der Unternehmenskomplex68 befindet sich direkt an der
Spree, zentral gelegen in Berlins Mitte, und ist mit
92 Hektar Berlins größtes innerstädtisches Industriegebiet.
Traditionelle Großkonzerne, mittelständische Unternehmen
und innovative Kleinunternehmen prägen den Standort.
Für zukünftige Wirtschaftsentwicklungen und Unter­
nehmensansiedlungen bietet Moabit-West hervorragende
Potenziale: Einen hochmodernen industriellen Sektor,
starke und zukunftsorientierte gewerbliche Dienst­
leistungs­anbieter/innen, günstige Gewerbeflächen in
optimaler verkehrstechnischer Anbindung sowie heraus­
ragende Wissenschaftseinrichtungen im Umfeld.
Das 2009 gegründete Unternehmensnetzwerk Moabit
gehört zu den bislang wenigen Beispielen einer auf die
Aufwertung des bezirklichen Standorts orientierten
unternehmensbasierten Initiativen.
Sie knüpft auch an Bemühungen an, die im Zusammenhang mit der Quartiersarbeit schon seit geraumer Zeit
angestellt wurden:
„Im November 2002 startete im Quartiersmanagementgebiet Moabit West erstmalig in einem Berliner sozialen
Brennpunkt ein Pilotprojekt, um Einrichtungen aus den
Bereichen Soziales und Bildung mit der Wirtschaft in
langfristigen und gleichberechtigten Partnerschaften
zusammen zu bringen – in Unternehmenskooperationen
auf win-win Ebene. Zielsetzung dieses Pilotprojekts war
es, das bloße Nebeneinander von ansässigen Unternehmen und dem täglichen Leben vor Ort in einem Brenn68  www.netzwerk-moabit.de

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 47

4 Die Ebene der Bezirke

Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

5

punkt aufzubrechen, die Wirtschaft beim Aufbau und
der Stabilisierung eines funktionierenden Gemeinwesens
mit einzubeziehen und die Akteure so fruchtbar miteinander zu vernetzen, dass langfristig neue Ressourcen
für alle Beteiligten im Kiez aktiviert werden konnten. (…)
Das Pilotprojekt war erfolgreich und 2003 wurde die
erste Kooperation zwischen dem Siemens Gasturbinenwerk und dem Projekt Huttenkids der Diakonie­
gemeinschaft Bethania geschlossen. (…).
In Moabit West sind seitdem mehrere Partnerschaften
zwischen Unternehmen und Schulen, Kitas und sozialen
Einrichtungen nach diesem Ansatz initiiert worden –
­Unternehmenskooperationen, bei denen sich beide
Partner gegenseitig ihre Ressourcen wie Dienstleistungen, Know-how, Kompetenzen und Qualifikationen
sowie Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und sich so
fruchtbar ergänzen.“ (aus: Homepage von Quartiers­
management Berlin.)
Zu einer engeren Kooperation zwischen den im Unternehmenskomplex Moabit ansässigen Unternehmen und dem
Quartier in Hinblick auf den Eintritt von Jugendlichen, die
dort wohnen und zur Schule gehen, als Auszubildende in
die Betriebe, war es aber bis dato nicht gekommen. Vielmehr kamen die Auszubildenden dieser Betriebe offenbar
in ihrer großen Mehrheit aus Wohnbereichen außerhalb
von Moabit-West. Es existierte also so etwas wie eine unsichtbare „Demarkationslinie“ zwischen den Betrieben
und ihrem Standort, was die Besetzung qualifizierter Ausbildungsplätze betrifft.

Von daher ist es sehr bemerkenswert, das sich das Unternehmensnetzwerk Moabit nun mit einer Werbekampagne
für Ausbildung explizit dem Quartier zuwendet, u. z. mit
einer Ausbildungskampagne unter dem Motto Moabit
­Insight. In einer Erklärung (vom 22. März 201069) heißt es
hierzu:
„Das Unternehmensnetzwerk Moabit plant mit „Moabit
Insight“ eine Kampagne zur Förderung und Stärkung der
Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bildungseinrichtungen in Moabit. Ziel ist es, Unternehmen sowie Schüler
und Schülerinnen aus dem Gebiet zusammenzuführen.
Jugendliche aus Moabiter Schulen sollen Gelegenheit
bekommen, Betriebe aus erster Hand kennen zu lernen.
Dabei soll es um folgende Fragen gehen: In welchen
Berufen bildet das Unternehmen aus? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt werden (z. B. Noten, soft
skills, Praktika, etc.)? Wie sieht der Arbeitsalltag in dem
jeweiligen Beruf aus? Von großem Interesse sind
sicherlich Gespräche mit Auszubildenden und Ausbildungsleitern, aber auch Führungen, Präsentationen oder
auch Stationen, an denen selber etwas ausprobiert
werden kann. Die Kampagne findet vom 01. Juni – 11.
Juni 2010 statt.“

69  www.netzwerk-moabit.de

48 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

5

Kooperation über die bisherigen
„Demarkationslinien“ hinweg?

5.1 Zwischen verschiedenen Fachpolitiken
und über mehrere Ebenen?

Die im Rahmen der Expertise durchgeführten Experten­
gespräche und die begleitenden und ergänzenden Recherchen haben – wie in den vergangenen Abschnitten
­berichtet – gezeigt, dass Initiativen und Aktivitäten aus
verschiedenen fachpolitischen Feldern für den Gegenstandsbereich dieses Berichts, die Öffnung von Berufs­
ausbildung außerhalb des Öffentlichen Dienstes für
Migran­tinnen und Migranten wichtig sind. Dabei könnte
man unterschiedlich weite oder enge, indirekte oder
­direkte Bezüge unterscheiden. Aber auch, was die engste
Nachbarschaft betrifft, nämlich die direkte Unterstützung
des Ziels, Ausbildung verstärkt für Migrantenjugendliche
zu öffnen, finden sich eine ganze Anzahl von Aktivitäten,
die über verschiedene Akteure/innen verteilt sind, ohne
dass d
­ iese wirklich voneinander wissen, geschweige denn,
sich miteinander abstimmen. Dies führt nicht nur zur vielfach erwähnten Unübersichtlichkeit und zu unrationellem
Ressourceneinsatz.
Noch problematischer sind nicht beabsichtigte Effekte
gegenseitiger Blockierung, unproduktiver Reibungs­
verluste und demotivierender Zuständigkeitskämpfe, also
alle jene sogenannten nicht-intendierten Nebenfolgen
fehlender Koordinierung. Zu unterscheiden sind dabei ein
horizontaler Kontext, z. B. des Landes, der alle Akteure/
innen umfasst, die landesweite Zuständigkeiten oder
Organisationsbereiche haben oder landesweit agieren;
ebenso auf der bezirklichen Ebene, der Ebene der
Quartiere, usw., und ein vertikaler Kontext, also Bezüge
zwischen den Ebenen, z. B. zwischen Land oder Gesamtstadt, Bezirken, Quartieren, oder z. B. zwischen Kammern
und landesweiter Wirtschaftsförderung, bezirklicher
Wirtschaftsförderung und Betrieben, die eine ganz
konkrete Lokalisierung in einem Quartier/„Kiez“ haben.
In den Gesprächen wurde vielfach darauf hingewiesen,
dass die Art und Weise der Entwicklung von Aktivitäten
via Projektförderung mit ihren Zwängen zur Originalität,
ihrer zeitlichen Befristung und diverser weiterer Auflagen
zunehmend zur Atomisierung jede/s einzelnen Akteurs/in
in einer immer dichter besetzten Akteurslandschaft
führten.

Gerade jene, die noch über einzusetzende Fördermittel
verfügen, tragen deshalb eine besondere Verantwortung,
die gesamtstädtisch reich vorhandenen Problemlösungs­
potenziale miteinander produktiv zu kombinieren. Es sind
offenbar oftmals tradierte und eingeübte Schemata, die
zu einer Aufrechterhaltung von Abschottungen führen,
die angesichts der Problemlagen schon lange obsolet sein
müssten. Überwindung von Abschottung heißt in keinem
Fall, Entscheidung und Verantwortung zu zentralisieren
oder zu monopolisieren, oder einen beliebig zu bedienenden Verschiebebahnhof von Verantwortlichkeiten zu
erzeugen. Vielmehr geht es – im Gegenteil – um eine
Präzisierung der jeweiligen Verantwortlichkeiten und der
dahinter liegenden ethisch-politischen und professionellen
Standards und vor allem um eine erneuerte Balance von
Arbeitsteilung und Kooperation.
Um es noch einmal auf der Ebene des Landes zu verdeut­
lichen: Die Serie von Gesprächen im Zuge der Recherche
führte u. a. zu mehreren Vertreter/innen in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, z. B. zuständig für Arbeitskreise
Migration und Genderfragen, Betriebsgründungsförderung
von Migranten/innen, einschlägige europäische Förder­
programme wie InterReg, Cluster; ein zentrales Gespräch
in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und
­Soziales offenbarte Abstimmungsprobleme verschiedener
Art und Schwierigkeit. Gespräche mit Vertretern/innen
des DGB Landesbezirks führten, je nach dortigem Arbeits­
feld, in ganz unterschiedliche Bezüge ein, die für das
­Thema Öffnung relevant sind, aber noch nicht im Blick
­waren. Und alle Gesprächspartner/innen konnten weitere
benennen, die aus ihrer Sicht „einschlägig“ sind; die
­meisten Beziehungen aber waren punktueller (man sitzt
in demselben Gremium) oder zufälliger Art.
Im Bericht keine Beachtung gefunden hat die Bundes­
ebene, die aber natürlich vor allem vermittelt über
Programme und Kampagnen ein einflussreicher „Player“
ist, und dies besonders in Berlin.
Heißt das nun, dass z. B. eine Übertragung des Ansatzes
Berlin braucht dich! auf Bereiche außerhalb des Öffentlichen Dienstes erst dann beginnen kann, wenn das Feld von
Arbeitsteilung und Kooperation neu geordnet ist? Nein,
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 49

5 Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

denn das würde wohl bedeuten, eine solche fokussierte
Aktivität auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Denn das
alte, eingeübte und hoch routinisierte System von
Arbeitsteilung und Kooperation ändert sich nicht ohne Not
und ohne Anlass und ohne eine positive Aussicht. Ein
solches strategisches Vorhaben müsste aber auf jeden Fall
so angelegt sein, dass es das Potenzial hat, verändernd in
die Akteursgeflechte einzutreten und dort angenommen
und nicht an die Peripherie gedrängt oder in ihr gehalten
zu werden. Hierfür ist es sinnvoll, je nach Entfaltungsschritt des Vorhabens – in der Linie eines der Grundprinzipien der „BQN-Methode“ einer Reduzierung auf sachlich
gebotene Partnerschaften – vereinbarte Kooperationen
auszuweiten. Was aber sachlich gebotene Partnerschaften
sind, entscheidet sich nicht nur nach Kapazitätsgesichtspunkten und entlang der eingespielten Gewohnheiten,
sondern vor allem auf der Basis voranschreitender
konzeptioneller Klärungen und gediegener Kenntnisse
des akteursbezogenen Kontextes, in dem man sich
bewegt. Ein gewisser Ausschnitt hiervon hat in diesem
Bericht Erwähnung gefunden.
Dies gilt auch für die bezirkliche Ebene. Ihrer vergleichsweise ausführlichen Beleuchtung im Rahmen dieses Berichts schließt sich die Einschätzung an, dass eine Aus­
dehnung von Berlin braucht dich! schon in seiner auf den
Öffentlichen Dienst bezogenen Variante, vor allem aber
dann, wenn es um Erschließungen außerhalb des Öffent­
lichen Dienstes geht, auf die bezirkliche Ebene mehr als
angeraten ist. Dies hat vor allem mit drei Aspekten zu tun,
die bereits skizziert wurden: Erstens und zweitens mit der
Lokalisierung von Betrieben und den konkreten Lebenszusammenhängen, aus denen heraus Jugendliche mit Migrationshintergrund agieren. Die Bezirke sind in diesem Sinne
die kommunale Ebene im Land Berlin. Der dritte Aspekt,
sehr eng mit den ersten beiden zusammenhängend,
scheint noch gewichtiger: Es ist jener der Chancen für eine
Mobilisierung Jugendlicher für qualifizierte berufliche
Perspek­tiven, die diesen bisher ferngestanden haben.
­Hierbei geht es also um weit tragende Brückenkonstruk­
tionen, die ihren Aufgang so lebensweltnah wie möglich
zu setzen hätten.

50 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

Letztlich geht es um die Entwicklung einer die horizon­
talen und die vertikalen Kontexte sinnvoll ver­knüpfenden
Kooperationsstrategie, die fachlich fundiert und hin­
reichend pragmatisch sein muss.

5.2 Neue Kombiansätze für Jugendliche,
die den offiziellen Wegen fernstehen?

Lediglich als eines von vielen Beispielen soll hier das
XENOS-Projekt der Theatergruppe Grenzen-los aus Moabit
vorgestellt werden. Dieses Vorhaben ist interessant, wenn
man – wie in einem Nebenstrang der Recherche, aber auch
im weiteren Umfeld der Aktivitäten zu Berlin braucht
dich! – nach Ansätzen sucht, die in neuer bzw. anderer
als konventioneller Weise berufsorientierende Arbeit mit
Jugendlichen in schwierigen Stadtteilen machen, also
Zugang zu jenen Jugendlichen haben, die gemeinsam den
offiziellen Wegen und Mechanismen von Berufs­orien­
tierung und Ausbildungsplatzmarkt fernstehen. Dahinter
verbirgt sich u. a. die Frage, ob es gelingen kann, so
zwischen alternativen Projekten und den Fachleuten
für Berufe und Berufsorientierung, Lehrerinnen und
Lehrern – also den Vertretern/innen des institutionellen
Systems zu kooperieren, dass Jugendlichen Wege in das
Ausbildungsgeschehen eröffnet werden. Dabei müsste
die Kooperation so gestaltet sein, dass das alternative
Projekt nicht seinen lebensweltnahen Charakter verliert,
der die Bedingung für den Kontakt mit den Jugendlichen
ist.
Grenzen-los ist eine im Stadtteil aktive Autonome
Theatergruppe, die schon vielfach „auf der Straße“ und
auf der Bühne mit Jugendlichen gearbeitet hat, und durch
ihre Art und ihre Themen offenbar besonders Jugendliche
mit arabischem Migrationshintergrund anspricht. Eine
zentrale Fragestellung ist demnach: Wie kann es in einem
sozial schwierigen Stadtteil gelingen, Jugendliche mit
erheblicher Distanz zu Schule, schulischer Berufsorientierung und den konventionellen Formen von Berufsberatung
für eine Berufsausbildung zu interessieren und sie bei der
Suche nach einer Berufsausbildung und ihrer stabilen
Aufnahme zu unterstützen? Die Erwartung hierbei ist, dass
die bisherige Art und Weise, in der diese Jugendlichen mit

Berufsausbildung und Arbeitswelt und insgesamt mit
längerfristigen Arbeits- und Lebensperspektiven konfrontiert worden sind, stark bis radikal verändert werden muss,
um ihnen überhaupt die Chance zu einer ernsthaften
Erprobung aussichtsreicher beruf­licher Perspektiven zu
eröffnen. Hierbei müssten alle jene Orte (insbesondere
die Nahräume des Stadtteils) mitgenutzt werden, die bei
diesen Jugendlichen positives Interesse, Neugier und
Engagement auslösen können oder Prestige besitzen.
Grenzen-los arbeitet nun im Rahmen eines aus dem
XENOS-Programm geförderten Vorhabens an der Vor­
bereitung eines Internationalen Friedenstheaterfestivals
alternativer Jugendtheater, das 2012 stattfinden soll.
Die Ausgangssituation in Moabit ist bereits in Abschnitt
4.5. skizziert worden.
Für die hier zu führende Diskussion ist wichtig, dass dieses
Festivalvorhaben im Rahmen von XENOS Basis und „Folie“
für Berufsorientierung abgeben soll; Berufsorientierung
wird also zu einer weiteren Aufgabe des Betriebs „Friedenstheaterfestival“. Das Theaterfestival mit den hierzu
gehörenden Bausteinen, einschließlich eines eigenen
Theaterstücks, ist das Produkt. Der Herstellungsprozess
des Produkts stellt die betriebliche Basis für die geplanten
Angebote der Berufsorientierung dar. Es handelt sich also
nicht um ein Vorhaben, das mit dem Ziel betrieben wird,
Berufsorientierung durchführen zu können, sondern es
wird sich de facto um einen realen alternativen Theater­
betrieb handeln, dessen wirkliches Geschäftsziel die
erfolgreiche Durchführung des Festivals und womöglich
mit diesem oder einem ähnlichen Produkt eine dauerhaf­
tere Etablierung im alternativen Theatersektor ist. Der
alternative Charakter des Theaterbetriebs besteht vor
allem darin, dass er von einer Kernbelegschaft betrieben
wird, die aus zwei Teilen besteht: einer Gruppe von jungen
Professionals oder Semi-Professionals, die das verlässliche
Rückgrat des Betriebs bilden und für seine Performance
die Verantwortung tragen, und einer Gruppe von Jugend­
lichen, die sich für längere Zeit und mit hohem Einsatz in
und für diesen Betrieb engagieren. Die soziale Organisa­
tionsform des Betriebs muss garantieren, dass Kontinuität,
Regelhaftigkeit, Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit
gesichert werden. Der Theaterbetrieb erbringt zugleich

5

für die Gruppe der jungen Professionals ein Einkommen;
dies ist die Voraussetzung für ihre kontinuierliche und in
einem für die Verlässlichkeit ausreichenden Stundenumfang gesicherte Präsenz und Arbeitstätigkeit.
Für die Angebote der Berufsorientierung bietet der
Produktionsprozess des Theaterbetriebs verschiedene
Aufgaben- oder Kompetenzfelder, die es – auf den
Zeitraum von drei Jahren und den Fortgang der Vorbereitung des Festivals bezogen – erlauben, eine Art beruflichbetriebliche Kompetenz- oder Aufgabenmatrix aufzustellen. Da keine Aufgaben für die Berufsausbildung simuliert
werden sollen, sondern es um reale Aufgaben aus dem
Fortgang des Produktionsprozesses geht, variieren diese
auch von Jahr zu Jahr. Die Jugendlichen erhalten somit
einen Einblick in einen bestimmten zeitlich-sachlichen
Ausschnitt des Produktionsprozesses, lernen seine
Voraussetzungen und seine Folgeschritte verstehen und
können sich an der Bewältigung der jeweiligen fachlichen
Aufgaben beteiligen. Ihre eigene praktische Beteiligung
am Produktionsprozess muss allerdings didaktisch so
aufbereitet und ggf. zeitlich so versetzt werden, dass die
Aufgabenstellung als Herausforderung der jeweiligen
Leistungsfähigkeit der Jugendlichen angemessen ist.
Damit die Angebote der Berufsorientierung nach den
üblichen Standards durchgeführt werden, wird der Bereich
Berufsorientierung als eigenes Aufgaben-/Kompetenzfeld
organisiert und in einem gewissen Umfange verselbständigt. Es folgt eigenen Regeln, die aus den Erforder­nissen
der Berufsorientierung resultieren und wird in enger
Kooperation mit einschlägig erfahrenen Experten/innen
betrieben.
Darüber hinaus verfügt Grenzen-los über ein sich ausdehnendes Netzwerk von kooperierenden Einrichtungen vor
allem aus der Theater- und Kulturszene aus dem Ouartier,
aus Berlin und auch weit darüber hinaus. Mit vielen dieser
Kooperationspartner/innen haben Gespräche im Vorfeld
des Vorhabens Theaterfestival stattgefunden. Diese
Gespräche zeigten, dass es möglich sein wird, im Verlaufe
des Vorhabens auch ergänzende Kooperationen im Feld
der Berufsorientierungen und möglicherweise sogar im
Feld der regulären oder modularen Berufsausbildung
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 51

5 Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

aufzubauen und praktisch werden zu lassen. Diese Option
ist von Anfang an sehr wichtig, weil durch Kooperation
auch fachliche Lücken, die aus sachlichen oder sonstigen
Gründen beim Festivalbetrieb bleiben, gefüllt werden
können, mit dem zusätzlichen positiven Effekt, dass sich
für die Jugendlichen das Erfahrungsfeld, das sich ihnen –
teilweise – öffnet, über den Festival-Betrieb hinaus auf
andere Betriebe der Theater- und Kulturproduktion
erweitern kann.
Die Besonderheiten der Zielgruppe(n), nämlich mehrheitlich Jugendliche mit Migrationshintergrund – oftmals
arabisch und/oder muslimisch – aus einem problematischen Stadtviertel mit oftmals gestörten Bildungswegen,
liefern die Begründung für das Vorhaben, sind aber
zugleich eine ihrer zentralen Herausforderungen. Die
Erwartung geht dahin, dass die üblichen und eingespielten
Formen der Berufsorientierung in verschiedener Hinsicht
für viele dieser Jugendlichen nicht passen. Das bleibt auch
im Rahmen des geplanten alternativen Festivalbetriebs
richtig, obwohl die Träger dieses Vorhabens bereits
vielfältige gute Voraussetzungen einer höheren Anschlussfähigkeit an die Lebenswelten dieser Jugendlichen
mitbringen. Ein wichtiger Unterschied, den diese (Ziel-)
Gruppe von Jugendlichen gegenüber anderen aufweist,
wird ihr erhöhter Bedarf an Zeit und an spezifischen
Zuwendungsweisen sein, um sie in ihrem Selbstvertrauen
stabilisieren zu können. Das Vorhaben Theaterfestival
kommt diesem Erfordernis entgegen. Es ist als ein
mehrjähriger Produktionsprozess angelegt und es ist im
Quartier, also direkt in der Lebenswelt der Jugendlichen
angesiedelt. Es besteht ohne Weiteres die Möglichkeit,
die begonnene oder abgebrochene Berufsorientierung
fortzusetzen oder zu wiederholen – formell oder informell –, einen Schwerpunkt auf andere Tätigkeitsfelder
zu legen, sich längerfristig zu engagieren, stundenweise
durch Mitarbeit Berufsorientierung zu vertiefen, etc.
Diese Kombinierbarkeit aus formeller Teilnahme an
Angeboten von Berufsorientierung und freiwilliger, eher
durch Bedürfnisse und Interessen gesteuerter Erweiterung,
Vertiefung oder Fortführung ist normalerweise nicht
gegeben, hier aber gehört sie gewissermaßen zum
Konzept. Gerade für einen Ansatz, wie ihn das Festival­
52 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

vorhaben von Grenzen-los vertritt, ist unter verschiedenen
Gesichtspunkten die Verankerung im Quartier besonders
wichtig. Dabei geht es nicht nur um die Nähe zur Lebenswelt der Jugendlichen aus den (Ziel-)Gruppen, die hier
eine besondere Rolle spielen sollen. Zum Zweiten geht es
um die Mobilisierung der Potenziale von Zusammenhalt
und Integration, die das Quartier bietet.
Und drittens, und dies ist hier besonders wichtig, geht es
darum, dass solide Brücken zwischen den Akteuren/innen
vor Ort, den Jugendlichen, die in der Gefahr sozialer Desintegration sind, und die auch das Feld Berufsorientierung
aufnehmen, wie in diesem Fall dar Festivalbetrieb, und den
anderen wichtigen Akteuren im Quartier, den Betrieben
und vor allem mit dem „offiziellen System von Berufsorientierung, Berufsvorbereitung, Berufsberatung und Vermittlung“ gebaut werden. Sinnvoll erscheint es, dass Berufs­
orientierung und der Übergang Schule-Arbeitswelt zu
einem wichtigen gemeinsamen Handlungsfeld auf
Quartiersebene wird. Das Quartiersmanagement MoabitWest will bei sich einen Arbeitskreis Übergang Schule – 
Arbeitswelt einrichten und die genannten Akteure/innen
hierzu einladen. Dies wird ein wichtiger Ort sein, über den
sich der Festivalbetrieb hinsichtlich der berufsorientierenden Aufgaben, die er übernimmt, in die lokale Community
und in eine enge Kooperation mit den offiziellen Systemen
einbringt.
Eine solchermaßen verstandene doppelte Erweiterung der
Orientierung: Nämlich auf schwieriger erreichbare
Gruppen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und
auf Stadtteile, in dem diese stark vertreten sind, könnte in
einer nächsten Phase von Kampagnen à la Berlin braucht
dich! wichtig sein, weil sie sich auf Potenziale richtet, die
bisher nicht erschlossen werden konnten.

5.3 Bezüge zwischen Migrationsfokus und
Fachpolitiken? – Eine Zusammenfassung

Die Durchsicht der verschiedenen Handlungsansätze zur
verstärkten Öffnung von Ausbildung und qualifizierten
­Berufsperspektiven für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Berlin verweist immer wieder auf die komplizierte
Problematik, wie einer bestimmte Zielgruppe, also
Jugend­liche mit Migrationshintergrund, die bislang unter
vielen Gesichtspunkten in ihrer beruflichen Perspektiventwicklung benachteiligt waren, erweiterte Optionen
er­öffnet werden können, ohne sie damit als Sondergruppe
zu stigmatisieren, mit den erwartbaren negativen
Folge­effekten (Ambivalanz oder auch Falle der positiven
Diskriminierung).
Die Herkunft der aktuellen Integrationspolitik, die sich auf
Jugendliche mit Migrationshintergrund richtet, aus der
(beruflichen) Benachteiligtenförderung ist immer noch in
vielen Fällen auch dann noch – oder gerade dann? – zu
erkennen, wenn der Fachkräftebedarf zu einem allge­
meinen Thema wird. Denn trotz generalisierter Herausforderungen trifft man nach wie vor voneinander abgeschottete, parallele Aktivitäten an, deren Demarkationslinien
oftmals entlang der konventionell eingespielten Zuständigkeitsgrenzen verschiedener öffentlicher Ver­waltun­gen und
anderer wichtiger Feldakteure/innen und Förderer
verlaufen. Nur ein Beispiel – aber für den Gegenstand
dieser Recherche ein besonders nahe liegendes – ist die
in Berlin anzutreffende Szene. Das mittlerweile breit
akzeptierte Erfordernis einer verantwortlichen Koordinierung der diversen Aktivitäten am Übergang Schule­Arbeits­welt wurde in Berlin zuerst – jedenfalls in bemerkenswert wirkungsvollen Ansätzen – durch das beim
Integrationsbeauftragten angesiedelte Projekt BQN
Berlin70, umgesetzt. Der Zugang zum heute so genannten
„Übergangsmanagement“ erfolgte zunächst aus der
Perspektive einer Zielgruppenförderung im Kontext einer
allgemein akzeptierten Benachteiligungslage.

70  Zur Nachhaltigkeitsperspektive des damaligen Berliner BQN Projekts, vergl. Kruse,
Wilfried 2007: Nachhaltigkeitsreport: Lokale Netzwerke zur Berufsintegration von jungen
Migrantinnen und Migranten am Ende der Projektförderung, Dortmund

5

An diesem Koordinierungsansatz waren folgerichtig bereits
viele derjenigen Akteure/innen aktiv beteiligt, die als
Partner/innen für ein Allgemeines Übergangsmanagement,
also einer Koordinierung, die sich insgesamt auf die
Optimierung der Zugänge zu Berufsausbildung und
Arbeitswelt richtet, unverzichtbar sind. Es hätte nahegelegen, dieses Allgemeine Berliner Übergangsmanagement
gemeinsam aus dem BQN-Vorlauf heraus zu entwickeln,
um den Migrationsansatz dabei nicht zu verlieren und ihn
richtig platzieren zu können. Tatsächlich aber wurde im
Rahmen einer erneuten Bundesförderung durch eine
andere Senatsverwaltung ein Regionales Über­gangs­
manage­ment (RÜM) neu angesetzt, ohne es sorgfältig an
den Vorläufer BQN Berlin anzuschließen. RÜM71, bei der
Schulsenatsverwaltung angesiedelt, hat nun seinerseits
die Schwierigkeit, ressortübergreifende Kooperation zu
entwickeln, die aber für ein allgemeines Übergangsmanagement die „conditio sine qua non“ ist.
Vor diesem Hintergrund wird nun eine Kooperation gebaut,
die sich in der entsprechenden Verlautbarung des Berliner
RÜM-Trägers SPI Consult GmbH so liest:
„Mit der Initiative Masterplan Qualifizierung hat die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales einen Diskussionsprozess mit den Akteuren der beruflichen
Bildung angestoßen, in dem die unterschied­lichen Kontexte der Berufsbildungspolitik ressortübergreifend gemeinsam überdacht und bewegt werden sollen. Der Masterplan sieht ver­schiedene Handlungsfelder vor. Eines
dieser Handlungs­felder widmet sich dem Übergang Schule-Beruf. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und durch die SPI Consult GmbH umgesetzten Projektvorhabens Regionales
Übergangsmanagement Berlin (RÜM Berlin) wurde dieser
Diskussionsprozess bereits begonnen. Um Doppelstrukturen zu vermeiden und eine vernetzte Form der Kooperation zu ermöglichen, sollen die vom Projektvorhaben
RÜM erzielten Zwischenergebnisse für das Handlungsfeld
Übergang Schule-Beruf des Masterplans Qualifizierung
genutzt werden. Daher überträgt die Senatsverwaltung
71  www.ruem-berlin.de

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 53

5 Kooperation über die bisherigen „Demarkationslinien“ hinweg?

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

6

für Integration, Arbeit und Soziales der SPI Consult
GmbH mit ihrem Projektvorhaben RÜM die Funktion der
Handlungsfeldbeauftragten in diesem Bereich“.
Aus der Perspektive eines bei Schule, also einer genera­
lisierten Veranstaltung für alle Kinder und Jugend­lichen
angesiedelten Koordinierungsvorhaben, liegt nun die
Annäherung an generelle Politikansätze im Bereich von
Ausbildung und Beschäftigung offenbar näher als an
vermeintlich oder tatsächlich zielgruppenbezogene. Es
entwickelt sich vor diesem Hintergrund im ersten
Schritt eine Kooperation zwischen RÜM und der Initiative
Masterplan Qualifizierung72, deren Federführung in
derselben Senatsverwaltung liegt wie die von Berlin
braucht dich!, nur in unterschiedlichen Abteilungen.
Der Migrationsfokus, der mittlerweile wesentlich weiter
entwickelt wurde, wird bisher nicht systematisch in die
Kooperation eingeführt; Berlin braucht dich! vielmehr
als ein Projekt unter vielen anderen betrachtet, mit denen
zu kooperieren sinnvoll und ggf. auch nützlich erscheint73.
An diesem naheliegenden Beispiel wird die generelle Frage
noch einmal aktualisiert, wie in diesem Feld die Beziehung
zwischen Migrations-/Integrationspolitik und allgemeiner
Übergangs-/Berufsbildungs- und Fachkräftepolitik sinnvoll
zu gestalten sei.
Es wird vorgeschlagen74, Integrations-/Migrationspolitik im
Sinne eines Fokus zu verstehen, der sich auf die verschiedenen Fachpolitiken richtet und diese unter dem Aspekt
Integration/Migration beleuchtet. Demzufolge wäre z. B.
der Integrationsbeauftragte als eine Art „Fokus-Anwalt“
zu verstehen und die in seiner Verantwortung durchgeführten Vorhaben, wie etwa Berlin braucht dich! als professionelle Umsetzung dieser Anwaltschaft. Bezogen auf die
Multiakteursszenen und die Mehr-Ebenen-Problematik
(Land-Bezirke-Quartiere/Betriebe) müsste man davon
72  Die „Initiative Masterplan Qualifizierung“ ist – wie aus einer Verlautbarung der
Senatsverwaltung für Integration. Arbeit und Soziales hervorgeht, erstmals am 16.Juni
2009 auf einer Internationalen Fachtagung in Berlin vorgestellt worden.
73  In diesem Punkt sind im Verlaufe des Sommers 2010 wichtige Schritte zu einer
engeren Kooperation gemacht worden.

74  Vergl. hierzu ausführlicher: Wilfried Kruse und Expertengruppe 2010: Jugend: Von der
Schule in die Arbeitswelt, Bildungsmanagement als kommunale Aufgabe, Stuttgart

54 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

ausgehen, dass das Land im Feld der Integrationspolitik
eine Art Leitaufgabe übernimmt, weil es flächen­deckend
gleichwertige Integrationsverhältnisse sichern muss, also
integrationspolitisch gezielt und differenziert Ungleichheit
der Integrationsbedingungen bekämpfen muss. Dies
müsste z. B. auch in Bezug auf die Instrumen­tarien
(Monitoring) kooperativ sichergestellt werden, also auch
durch Anschlüsse an die in anderen Senatsverwaltungen
laufenden Berichtssysteme.
Eine solche Neujustierung als Fokus böte vermutlich
verbesserte Voraussetzungen für nachhaltige Kooperation,
die allerdings voraussetzen, dass Benachteiligung
gemeinsam 1 als ein sozialer Prozess des (relativen)
Benachteiligtwerdens aufzufassen ist, und demzufolge
erfolgreiche Integration als ein sozialer Prozess des
Austritts aus Benachteiligung, und 2 die fortbestehende,
aber differenziert zu betrachtende Benachteiligung von
Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Übergang in
Berufsausbildung nicht primär Folge ihrer Defizite, sondern
von Zuschreibung (Ethnisierung und verschiedene
Varianten von Diskriminierung) ist, die sich wirksam auch
in Denken, Fühlen, Motivation und Handeln der Migrantenjugendlichen selbst übersetzen (können).

6

2010: Kontext, Reorientierung
und Empfehlungen

6.1 Zwischenstand 2010
Die geführten Gespräche und die Monate parallel erfolgten
Recherchen in Studien, im Internet und in Tageszeitungen
zeigen:
Im Bereich der nicht-geförderten Berufsausbildung außerhalb des Öffentlichen Dienstes finden sich bereits im
­erheblichen Umfang Aufmerksamkeit, Interesse und teilweise auch aktive Bemühungen für die Öffnung von Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dies
ist zwar von Branche zu Branche, nach verschiedenen
Betriebs­typen, nach Berufsgruppen und -niveaus hin zu
differenzieren. Dennoch kann auf keinen Fall von einer
Blockie­rung oder fortbestehenden Unbeweglichkeit aus­
gegangen werden. Die Vorstellung, man müsse die aus­
bilden­den Betriebe außerhalb des Öffentlichen Dienstes
überhaupt erst ­davon überzeugen, dass die Jugendlichen
mit Migrationshintergrund ein mögliches Potenzial für
Ausbildung und Beschäftigung seien, ist falsch. Das heißt
nicht, dass es nicht nach wie vor an Informiertheit mangelt, dass sich nicht weiterhin Vorurteile zu diskriminierenden Haltungen verdich­ten, dass nicht vielfach noch ganz
praktisch Überzeugungsarbeit geleistet und praktische Hilfe gegeben werden müsste.
Für manche Sektoren wird die mehr oder weniger drängende Nachfrage nach Jugendlichen mit Migrationshintergrund für einen Eintritt in die Ausbildung ganz explizit zum
Ausdruck gebracht, so z. B. im Cluster „Gesundheitswirtschaft“. Nach Aussagen von Experten/innen gilt dies auch
für viele Betriebe im Bereich des Berliner Handwerks.
Öffnung und Bewegung werden anscheinend vor allem
dort befördert, wo intermediäre Akteure/innen – oder, wie
sie an anderer Stelle dieses Berichts genannt werden:
Transporteure/innen – aktiv sind, das Thema bewerben
und vor allem die Betriebe bei Kontakt und Auswahl
unterstützen. Bei diesen Agenturen haben sich vielfältige
Erfahrungen und ein erhebliches Know-how kumuliert,
das genutzt werden könnte. Allerdings sind diese „Intermediären“ oft aus Programmen gefördert und verschwinden dann, wenn die Förderung ausläuft.

Bei manchen Schulen des Sekundarbereichs 1 sowie bei
manchen Oberstufenzentren existieren gediegene
Erfahrungen und ein erhebliches Know-how bei der
Öffnung von Betrieben für die Gruppe der Jugendlichen
mit Migrationshintergrund. Eine Reihe von Schulen sind
bereits als Leuchttürme für ihre enge Kooperation mit
Betrieben ausgezeichnet worden. Ein migrationssensibles
schulisches Übergangsmanagement kann durchaus auch
als „intermediärer Akteur“ angesehen werden.
Die Clusterförderung des Berliner Senats wirft zwar neben
den Beschäftigungsperspektiven auch die Frage nach der
Kompetenz auf, reicht aber konkret nicht an die Kombina­
tion von Clusterpolitik mit Ausbildungsförderung oder
Integrationspolitik heran. Dennoch bieten sich die Berliner
Cluster auch deswegen zur Übertragung von Berlin
braucht dich! an, weil sie einen strategischen Platz in der
Berliner Zukunftsgestaltung einnehmen und weil sie in
der Regel über eine eigene Infrastruktur (Geschäftsstelle,
Beratungskapazitäten, eigene Ver­öffent­lichun­gen,
regel­mäßige Berichterstattung) verfügen, die sich als
„intermediäre Akteure“ oder als Basis für diese anbieten.
Senatsseitig sind die Aktivitäten zur allgemeinen Ausbildungsförderung und zur Integration noch weitgehend
voneinander getrennt. Besonders manifest wird dies in der
Distanz, aus der heraus das Regionale Übergangs­manage­
ment im Rahmen einer Bundesförderung und Berlin
braucht dich! parallel entstanden sind und sich erst
allmählich anzunähern beginnen. Diese Trennung von
Ausbildungs- und Integrationsförderung gilt auch für die
bezirkliche Ebene und führt nicht selten zu einem unkoordinierten Nebeneinander von Wirtschaftsförderung,
Bildung und Jugend und Integrationspolitik. Eine Ineins­
setzung von allgemeiner Übergangsförderung und
Integrationsförderung wäre allerdings ebenfalls proble­
matisch; von daher bietet es sich an, beide Felder in einer
Weise aufeinander zu beziehen, dass Integration als Fokus
verstanden wird, der auf die jeweiligen Fachpolitiken
gerichtet wird.
Es gibt viele Anzeichen dafür, dass – im Gegensatz zu der
vielfach anzutreffenden Meinung, dort säßen die strukturkonservativen Bewahrer – auch Gewerkschaften und
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 55

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

Betriebsräte bereit sind, bei der Öffnung von nicht-geförderter Ausbildung für Jugendliche mit Migrations­hinter­
grund eine aktive Rolle zu spielen. Dies wäre auch
deswegen sehr hilfreich, weil sie milieunah agieren und
damit durchaus Vertrauen genießen.
Unternehmensnahe Stiftungen und engagierte Einzel­
persönlichkeiten zeigen Bereitschaft, ihren Einfluss
für Berufs­integrationsziele geltend zu machen. Die Vielzahl
von Berichten, die der lokalen Presse über erfolgreiche
beruf­liche Einstiege oder Förderaktivitäten zu entnehmen
sind, lässt erwarten, dass das Thema nach wie vor Medienrelevanz hat.
Alles zusammen genommen, kann davon ausgegangen
werden, dass eine Ausdehnung der Kampagne Berlin
braucht dich! über den Öffentlichen Dienst erfolgreich
möglich wäre. Hierfür spricht auch, dass Philosophie und
Konzept der Kampagne, wie die Gespräche im Rahmen der
Expertise zeigten, eine deutlich positive Resonanz fanden.
Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Betriebe die
Möglichkeit erhalten, ihre Nachwuchsinteressen positiv
zu formulieren; Eigenschaften, Verhaltensweisen und
Fähigkeiten, die Jugendlichen mit Migrationshintergrund
oftmals positiv wie negativ zugeschrieben werden, stehen
nicht im Zentrum der Aktivitäten.

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

6.2 2008–2010: Veränderungen
im ­Kampagnenumfeld

Die in den vorherigen Kapiteln referierten Recherche­
ergebnisse weisen auf eine gewachsene Aufmerksamkeit
in vielen wirtschaftlichen Sektoren auch außerhalb des
Öffentlichen Dienstes gegenüber dem Arbeitskräfte­
potenzial hin, das im Bereich der migrantischen Bevölkerung vermutet wird. Man könnte dies gewissermaßen
„öko­nomistisch“ als Öffnung aus einer sich abzeichnenden
Zwangslage des Mangels an ursprungsdeutschem
Berufsnachwuchs interpretieren; ein Umstand, der in
manchen Teilsektoren der Wirtschaft schon gravierend
geworden ist.
Migration wird neu definiert: die Folgen des
Zuwanderungs­gesetzes.
Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Interpretation,
die man weiter in der Weise ausziehen könnte, dass angesichts des demografischen Wandels und der Abneigung der
Deutschen gegenüber ganzen Tätigkeitsspektren die Stunde der Migranten/innen also schon komme, wenn sie nicht
schon da sei, als in mehrerlei Hinsicht verkürzt. Vielmehr
ist diese Öffnung auch stark durch eine veränderte gesellschaftliche Thematisierung der Migrationsfrage mit beeinflusst. Was damit gesagt werden soll: Obwohl die Sphären
des öffentlichen Diskurses und der Praxis der betrieblichen
Ausbildungs- und Personalpolitik scharf voneinander
­getrennt erscheinen, wirkt der öffentliche Diskurs auf die
betriebliche Konzeptbildung und Praxis ebenso ein wie –
umgekehrt – diese, insofern sie zur Artikulation gebracht
wird, dem öffentlichen Diskurs Legitimität durch Rationa­
lität und Bodenhaftung vermittelt. Vermittlungsinstru­
mente sind dabei Vielfalt-Kampagnen und d
­ iverse Förderprogramme. Dieser arbeitskraftpolitisch akzen­tuierte
Mainstreaming-Prozess hat – soweit das erkenn­bar ist –
an Einfluss gewonnen. Er schließt an die durch die Ver­
abschiedung des Zuwanderungsgesetzes 2005 veränderte
Ausgangslage an.
Der öffentlich-politische Diskurs hat sich seit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005
allmählich verändert, bleibt aber nach wie vor durch die

56 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

facettenreiche Auseinandersetzung um die islamische
Zuwanderergruppe akzentuiert. Im Schatten der durch die
arbeitskraftpolitische Ratio des Gesetzes nun erleichterte
Sicht auf Deutschland als Einwanderungsland und der
Kampagnen zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft
haben sich unterdes sowohl Zuwanderungskriterien als
auch Abweisungs- und Abschiebepraxis verschärft und es
gibt ein stetes zähes Ringen innerhalb der Praxis der
Aufenthaltsduldung.
Prüfkriterium der Integrationsbereitschaft: Erwerb und
Beherrschung der deutschen Sprache.
Erwerb und Beherrschung der deutschen Sprache – unbestritten als alltägliche Verkehrssprache unabdingbar für
alle, die in Deutschland leben und arbeiten – werden zu
einem dominierenden Prüfstein insbesondere der kulturellen Anpassungsbereitschaft; von daher ist auch die
Debatte um die weiter bestehenden Integrationshemm­
nisse sehr stark durch den Sprachdiskurs bestimmt. Im
Zentrum der Aufmerksamkeit steht nach wie vor der
Zugewanderte oder der Mensch mit Migrationshintergrund
selbst, mit seiner Bereitschaft und Fähigkeit zur aktiven
Einpassung in die Gesellschaft, die demzufolge immer
noch vor allem als soziokulturell deutsch unterstellt wird.
Über einen Defizitansatz hinaus?
Die primär auf das Subjekt mit Zuwanderungshintergrund
orientierte, eher Defizite und aktive Anpassung betonende
Sichtweise färbt nach wie vor den Mainstream der
öffentlichen Debatte und eine Fülle an Aktivitäten und
Maßnahmen ein, die in diesem Feld gefördert werden. Dies
vereinseitigt das Verständnis von Integration und macht
den Begriff deshalb selbst problematisch. Die Integra­tions­
gipfel des Bundes geben einen guten Einblick in den Stand
der offiziellen Bearbeitung der Herausforderung Zuwanderung; insbesondere in der Art und Weise, wie den Migrantenselbstorganisationen eine Rolle der mitverantwort­
lichen Integrationsstützer zugeschrieben wird. Dass hier
viel in Bewegung gekommen ist, ist unstrittig.
Dieser Diskurs befördert, dass zwei aus der Perspektive
widersprüchliche empirische Tatbestände zur Kenntnis
genommen werden: Nämlich, dass der Anteil von Jugend­

6

lichen mit Migrationshintergrund in der Beruflichen
Bildung – und insbesondere im Feld der Dualen Berufsausbildung – nicht ansteigt, obwohl viele Migranten­jugend­
liche. und vor allem viele jungen Frauen mit Migrations­
hintergrund – in ihren schulischen Leistungen (und auch in
ihrer Beherrschung der deutschen Sprache) durchaus mit
ursprungsdeutschen Jugendlichen messen können.
Angebotsorientierung: Was haben die Jugendlichen mit
Migrationshintergrund zu bieten?
Die nächste Falle einer vor allem angebotsorientierten,
also nahezu exklusiv bei den Subjekten ansetzenden
Integrationsförderung lauert bereits: In dem Maße, in dem
es sich nicht um eine quantitative Erweiterung des
Ausbildungsplatzangebots, sondern um die Besetzung
vorhandener Ausbildungsplätze geht – Was rechtfertigt
die Annahme, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund
in jene Ausbildungsgänge nachströmen, für die es nicht
mehr genügend andere geeignete Kandidatinnen und
Kandidaten gibt? Mit anderen Worten: In (Aus-) Bildungsgänge, die ursprungsdeutsche Jugendliche mit guten
schulischen Leistungen und hohen Aspirationen zugunsten
anderer Optionen „geräumt“ haben?
Unter Ausklammerung dieser – grundsätzlichen, nämlich
auf Gleichheit/Ungleichheit von Bildungsoptionen
hinauslaufenden – Frage, wird der nach Zeiten des
Überangebots von leistungsfähigen Jugendlichen auf dem
Ausbildungsmarkt allmählich spürbar werdende Mangel
an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern zu einem
bevorzugten Feld integrationspolitischer Aktivitäten.
Denn: Da es sich bei Ausbildungsbetrieben und Migrantenjugendlichen, obwohl sie nun zusammenkommen könnten,
offensichtlich so verhält wie bei den „beiden Königs­
kindern“, muss der tiefe Graben überbrückt werden, der
bislang vor allem aus wechselseitiger Unwissenheit über
die jeweiligen Potenziale, also als ein Informationsund Kommunikationsproblem verstanden wird. Als solches
wäre dies einer migrationsbezogenen Variante von
Übergangsmanagement zugänglich.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 57

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

Übergangsmanagement
Und als Managementaufgabe wird dies gegenwärtig auch
aufgegriffen, und zwar nach drei Seiten hin:
1 Zur betrieblichen Seite hin wird versucht, die Arbeit­
geber/innen davon zu überzeugen, dass die Jugendlichen
mit Migrationshintergrund nicht nur genauso leistungs­
fähig wie die Ursprungsdeutschen sind, sondern Fähig­
keiten und Verhaltensweisen mitbringen, die für den
Betrieb einen Zunutznutzen abwerfen. In der Regel werden
Bikultura­lität und erhöhte Leistungsbereitschaft als
besondere Tugenden heraus gestellt und beworben.
2 Gegenüber den Jugendlichen wird verstärkt zu ver­
mitteln versucht, was die Betriebe vor allem auf der
Verhaltensebene erwarten und was dies vom Schulalltag
unterscheidet.
3 Gegenüber den Jugendlichen, vor allem aber auch gegenüber ihren Eltern, die für besonders einflussreich hinsichtlich der einzuschlagenden Bildungswege ihrer Kinder
gehalten werden, wird die Berufsausbildung als optionsreiche Alternative zu weiterführender Schule propagiert
(und zwar meist ganz generell und jenseits aller Einwände,
die in Hinblick auf weiterführende Optionen und Qualität
gegen manche Ausbildungsgänge und konkrete Ausbildungsrealitäten vorgebracht werden könnten). Die dominante auf den Einzelnen bezogene Angebotsorientierung,
also auch die oft erfolgende Zuschreibung eines Scheiterns
auf dem Ausbildungsmarkt als Versäumnis an den Einzelnen (und an das Milieu, aus dem er oder sie kommt), zeigt
die Verwandtschaft zu Politiken, in denen Forderung gegenüber Förderung dominiert. In diesem Sinne besteht bei
Elternarbeit die Gefahr, den Defizitansatz gewissermaßen
zurück ins Milieu zu verlagern; was früher als Benachtei­
ligung angesehen wurde, verwandelt sich in eine Art von
Verweigerung, die nun endlich offen stehenden Optionen
anzunehmen.

Das „Königskinder“-Problem kann manche Übergangs­
akteure/innen in die Verzweiflung treiben. Denn: Ein
Jahrzehnt lang war beklagt worden, dass sich der Zugang
zum Betrieb als zentrale Barriere erweise. Nun öffnet er
sich, zögerlich aber deutlich, und es gibt durchaus
58 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

Betriebe, die beklagen, dass sich keine ausreichende
Anzahl an Bewerber/innen mit Migrationshintergrund
finde, die nach Leistungsprofil und persönlichem Eindruck
entsprechend der bestehenden Kriterien der Betriebe für
eine dortige Ausbildung infrage kämen. Die mangelnde
Anzahl guter Bewerberinnen und Bewerber kann durch den
oftmals praktizierten Einsatz nicht interkulturell sensibler
Kompetenzerfassungsinstrumente jedenfalls nicht erklärt
werden, denn dieser erfolgt erst dann, wenn vorhandene
Bewerbungen ernsthaft geprüft werden.
Reaktivierung der Berufsberatungsaktivitäten der Agentur
für Arbeit, Neustrukturierung der Sekundarstufe 1:
das schulische Übergangsfeld ist in Bewegung.
Welchen Stellenwert Berufsarbeit jenseits von Tätigkeiten,
die eine akademische (Aus-)Bildung voraus setzen, für
welche Teile der heranwachsenden Generation haben
sollte oder könnte, wird gegenwärtig in Berlin massiv
thematisiert. Dies geschieht zum einen dadurch, dass
Übergangsmanagement zwischen Schule und Arbeitswelt
sowohl stadtweit, als auch in vielen partikularen Facetten
Konjunktur hat, vor allem aber durch das innerhalb der
beschlossenen Schulreform an wichtige Stelle gesetzte
Duale Lernen.
Das Land Berlin befindet sich im Prozess der Umsetzung
einer weitgehenden Schulreform75, die auch neue Rahmenbedingungen für den Übergang von der Schule in die
Arbeitswelt setzt. Insbesondere sind drei Merkmale dieses
künftigen neuen Schulsystems zu nennen, die neue
Kontexte schaffen: 1 die Überwindung der bisherigen
Dreigliedrigkeit des Schulsystems mit der Einführung der
Sekundarschule, neben der das Gymnasium erhalten
bleibt, 2 die Einführung des Ganztags, die mit der Idee
verbunden ist, die Schule stärker „zum Leben“ hin zu
öffnen, wofür Kooperationspartner erforderlich sind, und
3 die Etablierung des Dualen Lernens als Unterrichts­
prinzip insbesondere für die Sekundarschule. Vom
Dualen Lernen wird eine Remotivierung von Schülerinnen
und Schülern und eine verbesserte Berufsorientierung
erwartet.
75  Vergl. u.a: Bildungsfahrplan. Bessere Bildung. Gleiche Chancen.
www.berlin.de/sen/bwf

Die Kammern stehen dem Reformelement sehr auf­
geschlossen gegenüber. So erklärt die IHK: „Die Verbindung von schulischem Lernen mit praktischen Inhalten aus
dem Berufsleben (‚Duales Lernen‘) betrachten wir als
wegweisend. Es wird die Berufsorientierung sowie die
Ausbildungsreife der Schulabgänger spürbar verbessern
und den Jugendlichen bessere Zukunftsperspektiven
bieten. Der Wirtschaft wird durch das ‚Duale Lernen‘ die
Möglichkeit eröffnet, innerhalb des Schulsystems eine
wichtige Rolle zu spielen und einen eigenen Beitrag zur
Verbesserung der Ausbildungsreife der Schüler zu leisten.
Diese Chance werden wir gerne nutzen.“ (IHK Dokument
Nr. 60576). Die IHK unterhält zusammen mit der Senats­
verwaltung für Bildung ein Internetportal zum Dualen
Lernen.76
Im Zusammenhang mit dem Thema der Recherche, nämlich
der Öffnung von Berufsausbildung für Jugendliche mit
Migrationshintergrund bedürfte die Schulreform offenkundig einer gründlicheren Betrachtung, als dies hier geleistet
werden kann. Auch, oder vielleicht gerade weil beide
Ansätze keine explizite integrationspolitische Akzentuierung aufweisen, wären doch die integrationspolitischen
Folgen (Beitrag zur Verstärkung oder Auflösung der
integrationspolitischen Fallen) gründlich zu bedenken.
Veränderte Bedingungen für Arbeitsweltintegration.
Die heutige Ausgangslage ist keineswegs als bloße
Fortschreibung der immer gleichen Geschichte zu interpretieren. Sie fußt auf den Verwerfungen, die aufgrund einer
verspäteten integrationspolitischen Wende einge­treten
sind, aber sie ist auch in vielerlei Hinsicht neu. Das
bedeutet, dass die bisherigen Verständnisse davon, was
benachteiligungsorientiert und migrationssensibel oder
interkulturell bewusst bedeuten, überprüft werden und an
den alten wie neuen integrationspolitischen Fallen
geschärft werden müssen. Im gewissen Sinne befindet sich
die praktische Integrationsförderung in einer Situation, in
der viele vermeintliche bisherige konzeptionelle Sicherheiten infrage stehen. Die integra­tionspolitische Praxis
müsste in weiten Strecken neu bedacht werden.
76  www.duales-lernen.de

6

6.3 Modellbildung und Transfer
Berlin braucht dich! versucht, den kurz benannten Fallen
dieser neuen Phase von Integrationspolitik zu entgehen;
insbesondere auch dadurch, dass dieses Vorhaben nicht
als Projekt, sondern als eine Art experimenteller Erprobung
einer veränderten Strategie der Integration in berufliche
Bildung verstanden wurde und wird, also als eine Schrittfolge, deren konkrete Auslegung einer gemeinsamen
begleitenden Reflexion in die die Kampagne tragende
„Praxisgemeinschaft“ folgt. Erst die Sicherung dieses
begleitenden „Reflexionskorridors“ ermöglicht das, was
hier Modellbildung genannt wird.
Es spricht aus systematischen Gesichtspunkten vieles
dafür, eine sukzessive auf Berlin braucht dich! im Öffent­
lichen Dienst aufbauende und auf diese rückbezügliche
Modellbildung der Übertragung des Ansatzes auf Sektoren
außerhalb des Öffentlichen Dienstes vorzuschalten Dies ist
im Grunde durch den Senatsbeauftragten für Integration
und Migration (IntMig) im Zuge der Fortführung der
Kampagne im Bereich der Unternehmen mit Landesbetei­
ligung auch so entschieden worden.
Die Kampagne im Öffentlichen Dienst soll – so die
Position – einen Vorlauf vor möglichen Übertragungen
haben, und dies aus verschiedenen Gründen:
1 wegen der symbolischen Bedeutung, die der Öffentliche
Dienst integrationspolitisch hat,
2 um nicht nur „Creamingeffekte“, sondern langfristige
Wirkungen zu erzeugen, muss diese Kampagne sorgfältig
und strukturbildend durchgeführt werden,
3 weil sich das Modell einer auf einem Konsortium
aufbauenden neuen gemeinschaftlichen Ausgestaltung
des Übergangsfeldes zwischen Schule und Unternehmen
erst als funktionsfähig erweisen muss, also aus dem
Konzept in die Alltagsrealität tritt und
4 weil die hier gemachten Erfahrungen einer gemeinsamen Überprüfung und einer modellhaften Ausformulierung
bedürfen, um im wirklichen Sinne übertragungsfähig zu
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 59

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

sein. Bei einer insgesamt bescheidenen zur Verfügung
stehenden Fördersumme muss vor diesem Hintergrund
eine Konzentration auf jene Schritte erfolgen, die positive
Ergebnisse im konkreten Fall versprechen und zugleich im
Sinne eines übertragungsfähigen Modells weitergreifende
nachhaltige Veränderungen vorbereiten.
Ohne hier in eine weitergreifende Diskussion über die
Transferproblematik einzusteigen, kann mindestens so viel
festgestellt werden: Auch bei gleich­förmig erscheinender
Ausgangslage und Problemdefinition hat man es von
Betrieb zu Betrieb und von Branche zu Branche mit
unterschiedlichen Organisationskulturen, Vorgeschichten,
oftmals auch mit unterschiedlichen institutionellen
Traditionen zu tun, die nicht zuletzt durch die Produkte,
die erzeugt werden, die Art und Weise der Organisation
der Arbeitsprozesse und die sozialen Bilder der beteiligen
Berufsgruppen mitgeprägt und wiederum wechselseitig
beeinflusst werden.

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

wechsel und die damit erzeugte Spannung zwischen
Realität und Modell, der für den Transfer einen realistischen Korridor aufmacht. Der realistische Korridor
vermeidet die beiden typischen Fallen bei dem Versuch
von Organisationen, voneinander zu lernen: Nämlich die
Falle „das Modell hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun“
und die Falle „jede Organisation ist eine komplette Welt
für sich“.
Modellbildung und der bewusste Umgang mit dem
spannungsreichen Verhältnis von Modell und Realität sind
zwei wichtige Aufgaben von Agenturen, die solche
Transfers unterstützen, und zwar deshalb, weil es hierbei
um eine ausgewiesene und an Erfahrung reiche Methodenkompetenz bei komplexen Organisationsentwicklungen
geht. Institute oder Teams, die anwendungsorientiert
arbeiten, also Beratung und Forschung produktiv miteinander zu verbinden wissen, wie etwa BQN Berlin, sind
sinnvolle Partner/innen in einem solchen Transferprozess.

Der Umstand schließt eine rezeptförmige Übertragung von
Lösungsansätzen als Erfolgsstrategie aus. Transfer muss
immer als ein aktiver und neugieriger Lernvorgang der
aufnehmenden Organisation verstanden werden, in dem es
vor allem um zu der „Sender­orga­ni­sa­tion“ analoge, auf
die eigenen Bedingungen abgestellte Nachbildungen der
vorgefundenen Lösungen geht. Die abgebende Organisation muss allerdings auch bereit sein, „sich in die Karten
gucken zu lassen“. Transfer ist eine anspruchsvolle soziale
Interaktion, bei deren Zustandekommen und Abstützung
vorherige Modellbildung am abgebenden Fall (und in der
Folge auch ggf. an mehreren ähnlich gelagerten Fällen)
sehr hilfsreich sein kann.

Aber: Wird hier nicht ein völlig überzogene Diskussion
geführt? Auf die Idee mag man kommen, denn vorder­
gründig scheint es bei der Kampagne Berlin braucht dich!
nur um die Bereitschaft von Unternehmen zu gehen, ihr
Interesse an guten Kandidatinnen und Kandidaten für
Ausbildungsplätze ganz explizit auf Jugendliche mit
Migrations­hinter­grund auszudehnen, oder – noch präziser
gesagt –, um den Effekt positiver Diskriminierung zu
vermeiden: Bei der Darstellung und Bewerbung ihres
Interesses an jungen Menschen, die gute Auszubildende
abgeben, alles zu unterlassen, dass Jugendlichen mit
Migrationshintergrund signalisieren könnte, sie seien nicht
oder weniger als ihre deutschen Altersgenossen gemeint.

Die besondere Leistung der Modellbildung ist es, die
Grundelemente, -mechanismen und Rahmenbedingungen
einer organisatorisch vorgetragenen sozialen Lösungs­
strategie von ihren ganz konkreten fallspezifischen
Ausprägungen abgelöst beschrieben zu haben, ohne die
konkreten Umstände zu vergessen, zu verdrängen oder
unerwähnt zu lassen. Vielmehr erhalten diese aus der
Modellperspektive heraus einen exemplarischen Stellenwert, z. B. als typische Ausgangssituationen, als Hemmnisund Chancenbedingungen etc. Es ist dieser Perspektiv-

In diesem Sinne ginge es also um nicht mehr – aber auch
um nicht weniger – als um eine aktive nicht-diskriminierende Kampagne der Werbung von Betrieben um jugend­
liche Kandidaten/innen für zu besetzende Ausbildungs­
plätze. Und tatsächlich hatte die 1. Runde der Kampagne
Berlin braucht dich! über weite Strecken genau diesen
Charakter einer etwas anderen Werbekampagne.

60 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

Der entscheidende Umschlagpunkt von einer Kampagne zu
einem Organisationsentwicklungsansatz, der gegenwärtig
pädagogisch-konzeptionell unterlegt wird, folgt aus einer
doppelten Befragung dieser ersten Kampagne, nämlich:
1 Und aus der Sicht der beteiligten Unternehmen: Wenn
sich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund bewerben, die nach denselben Maßstäben, die für alle gelten,
geeignet sind, dass sie als Auszubildende eingestellt
werden, werden sich dann aus ihrem Migrantsein besondere Herausforderungen für Betriebe ergeben?
2 Und: aus der Sicht der Integrationspolitik: Wird mit
einer solchen Werbekampagne im Grunde nicht nur ein
„Creaming-Effekt“ erzielt?
3 Wenn man darüber hinauskommen will: Was müsste
in der schulischen Berufsorientierung anders laufen, und
was muss in der Begegnung zwischen Jugendlichen und
Berufen und Betrieben vor der Bewerbung (Erkundungen,
Praktika, Berufskunde etc.) geschehen, um Bewerbungen
wenigstens als persönlich wünschenswert und als aus­
sichtsreich erscheinen zu lassen? Und schließlich – und das
korrespondiert mit der Frage, die Unternehmen sich gestellt haben: Wie können Ausbildungsabbrüche vermieden
werden? Wie können längerfristige berufliche Perspektiven
stabilisiert werden?

Von diesen Punkten aus öffnete sich der Blick auf das
Erfordernis einer gemeinschaftlichen Reorganisation der
Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen im
Übergangsfeld, also von den ersten berufsorientierenden
Aktivitäten bis zu Bewerbungen, Vorstellungsgesprächen
und einer unterstützenden Begleitung während der
Ausbildung. Was sich somit tatsächlich zwischen einer
Gruppe von Schulen und Unternehmen des Öffentlichen
Dienstes bzw. mit Landesbeteiligung anbahnt, ist eine
gemeinsame Neugestaltung des Übergangsgeschehens.
In der Konsequenz bedeutet das für die beteiligten
Unternehmen – und damit nahezu für den gesamten
Bereich der Betriebe des Öffentlichen Dienstes bzw. der
Unternehmen mit Landesbeteiligung –, die Einleitung von
Veränderungen der ausbildungsorganisatorischen und

6

personalpolitischen Abläufe, insofern sie die Aktivitäten
zur Besetzung von Ausbildungsplätzen wie auch die
soziale und pädagogische Organisation des Ausbildungsgeschehens selbst betreffen. Analoges gilt für die
beteiligten Schulen; auch die Berlin braucht dich!-Schulen
formen eine ziemlich große Schulgruppe im Rahmen des
Berliner Sekundar­stufe 1 Sektors.
Wenn also – und dies war der Ausgangspunkt – andere
Wirtschaftssektoren in die „Kampagnenfamilie“ eintreten
wollen, dann stünden ihnen dieselben, von der Frage nach
der Langfristwirkung der Werbekampagne ausgehenden
Veränderungen bevor. Deswegen wird hier argumentiert,
dass es sich bei der Übertragung des Berlin braucht
dich!-Ansatzes auf andere Sektoren um einen Transfer von
spezifischen, integrationspolitisch und pädagogisch
grundierten Organisations­entwicklungs­prozessen handelt.
Die Erweiterung ist weder zufällig noch rand­ständig,
sondern ist Bestandteil dessen, was als Berlin braucht
dich! gegenwärtig erprobt wird. Es handelt sich um einen
gemeinsamen Gestaltungsansatz des Übergangsfelds, das
selbst in einer längeren übergangs­biografischen Perspek­
tive verstanden wird. Aber eben nicht nur das, die
integrationspolitische Einbettung der Kampagne führt
auch zu einer Reorientierung der Gestaltungsprinzipien
des Übergangsfelds, die darauf hinauslaufen, Jugendlichen
mit Migrationshintergrund de facto dieselben Zugangsmöglichkeiten zu dem angebotenen Spektrum der
Ausbildungsberufe einzuräumen – auch im Interesse der
Nachwuchspolitik der Unternehmen.77
Jede Überlegung, Berlin braucht dich! auf weitere
Sektoren auszudehnen, müsste die genannte Erweiterung
und ihre Implikationen mit berücksichtigen und mit den
Interessenten aus anderen Sektoren aushandeln.

77  Über diese Perspektive auf eine bewusst neue Gestaltung des Übergangsfelds
entstehen insbesondere im betrieblichen Kreis des Übergangsfeldes zudem auch
Berührungspunkte zu Ansätzen einer Qualifizierungsoffensive, oder zu arbeitspolitischen Ansätzen wie dem Diversity-Management oder zu wirtschaftspolitischen Ansätzen
wie dem Standortfaktor Ausbildung oder vorbeugenden Strategien gegen Fachkräftemangel.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 61

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

Nun kann es aber sein, dass aus unterschiedlichen
Gründen das Interesse an einer Nutzung von Berlin
braucht dich! in anderen Sektoren schon zu einem
früheren Zeitpunkt unabweisbar wird oder die Abweisung
mit erheblichen Nachteilen verbunden erscheint, bevor
das Modell in enger Verknüpfung mit der Ausreifung von
Berlin braucht dich! im Öffentlichen Dienst fertig ist.
Wenn ein solcher Transfer aus dem laufenden und noch
nicht abgeschlossenen Modellbildungsprozess heraus in
Angriff genommen werden soll, dann liegt die Messlatte
für die Voraussetzungen und Bedingungen im Grunde
noch höher – weil das Scheiternsrisiko größer ist. Eine
Konsequenz wird sein, dass man die bei einem „Step-bystep“-Vorgehen erwartete Ressourcenersparnis nicht
wird realisieren können. Der Aufwand für eine fachliche
Begleitung wird größer, insbesondere auch, weil die
Transfers im Sinne von „Tandem-Entwicklungen“ organisiert werden müssten.
In jedem Falle aber handelt es sich bei Berlin braucht dich!
um einen innovativen und Erfolg versprechenden Ansatz
der Art, dass man ihn nicht durch eine zu forsche Art der
Nutzanwendung entwerten sollte. Eine genaue und solide
Klärung der für eine Übertragung zu schaffenden Voraussetzungen und begleitenden Arrangements sollte stets der
erste Schritt sein.

62 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

6.4 Berlin braucht dich! als Marke
Der Integrationsbeauftragte hat Berlin braucht dich!
als Marke urheberrechtlich schützen lassen. Damit ist
allerdings im engsten Sinne nur die Nutzung dieser
Wortfolge im Sinne eines Slogans gemeint. Im faktischen
Sinne ist damit der „gute Name der Kampagne“ noch
nicht vor missbräuchlicher oder – weniger krass – fachlich
und integrationspolitisch unangemessener und proble­
matischer Folgenutzung geschützt.
Gemeint sind damit Sachverhalte wie die gut gemeinte
Etikettierung anderer, die berufliche Integration von
Migrantinnen und Migranten befördernder Aktivitäten
mit Berlin braucht dich!, ohne dies mit einem Vorgehen zu
unterlegen, das an Qualität, Kooperationsdichte und verbindlichen Standards derjenigen der laufenden Kampagne
entspricht. Oder: Den Slogan integrations­politisch
inflationär zu gebrauchen, ohne die spezifischen Erfolgsvoraussetzungen (z. B. hinsichtlich des Ressourcen- und
Know-how-Einsatzes) mit zu bedenken. Oder: Sich
tatsächlich missbräuchlich an das Prestige der Kampagne
anzuhängen, ohne ihre Standards erfüllen zu können.
Warum ist das überhaupt problematisch? Es geht um eine
Art „integrationspolitischen Schaden“. Aufrufe, Förderansätze und Aktivitäten im Feld einer verstärkten beruflichen
Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
liegen mittlerweile voll im Trend, ohne, dass es hierfür
Standards oder auch nur eine einigermaßen gesicherte
vergleichende Evaluierung gäbe. In diesem Gesamtfeld
zeichnet sich das Berlin braucht dich!-Vor­haben des
Senatsbeauftragten für Integration und Migration (IntMig)
erstens durch ihre wichtige integra­tionspolitische Wende
vom weit verbreiteten Defizit/Angebots-Ansatz zu einem
integrationspolitisch wie personalpolitisch gleichermaßen
motivierten, individua­lisierenden Nachfrageansatz aus.
Sein zweites Charak­teristikum ist der spezifische Kampagnencharakter; Kampagne ist hier weniger ein Werbefeldzug als eine über die zeitweilig hohe Konzentration von
Aufmerksamkeit (Kampagne) laufende Verdichtung von
Kooperationsbezügen zu Absprachen über die gemeinsame
Gestaltung von Berufsorientierung, Berufswahlförderung
und Einmündungen aus Schule in Berufsausbildung

(Konsortialkonzept). Drittens ist es das erreichte Niveau
von Fachlichkeit bei der konzeptionellen und operativen
Unterstützung für den Integrationsbeauftragen, für das
BQN Berlin steht. Mindestens diese drei Merkmale
unterscheiden Berlin braucht dich! von den meisten
anderen gegenwärtig üblichen Aktivitäten in diesem Feld.
Sie machen Berlin braucht dich! aber auch zu einer
vergleichsweise aufwendigen Übung: Dieser Aufwand ist
notwendig, weil er vor allem in den Aufbau der Konsortionalstrukturen und deren Qualifizierung und Stabilisierung
fließt, und damit auf im Wesentlichen selbsttragende
Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Der Aufwand rechtfertigt
sich zum zweiten dann, wenn mit ihm zugleich Modell­
bildung als Voraussetzung für Transfers verbunden ist
(siehe oben). Modellbildung umfasst Rationalisierungs­
vorgänge, die zu einer Kostendegression bei künftigen
Kampagnen führen werden. Aber auch die künftigen
Kampagnen nach dem Modell Berlin braucht Dich! werden
nicht zum „Nulltarif“ zu haben sein.
Berlin braucht dich! hat in der jetzigen konzeptionellen
Fassung vor allem drei besondere Merkmale: Integrationsund personalpolitisch motivierte Nachfrageorientierung,
Konsortialprinzip zwischen Betrieben und Schulen und
­solide Fachlichkeit der konzeptionellen und operationellen
Unterstützung durch eine ausgewiesene Agentur. Insbesondere diese drei Merkmale sind von der Kampagne oder
anders gesagt vom Produkt Berlin braucht dich! nur um
den Preis ihrer Entwertung und Diskreditierung zu trennen.
Sie sind im Grunde Produktmerkmale. Demzufolge gilt dies
auch für alle Transfers, die die Bezeichnung „Transfer des
Berlin braucht Dich!-Konzepts“ verdienen. Man muss für
die Übertragung auf andere Sektoren nicht unbedingt
­warten, bis das Vorhaben im Öffentlichen Dienst abgeschlossen ist. Eine Übertragung des Ansatzes auf weitere
Sektoren, bevor die Modell­bildung eine gewisse Reife
­erlangt hat, würde aber einen erheblichen Aufwand bedeuten, weil nur Teiltransfers aus dem laufenden Vorhaben
möglich sind und die parallele Aufnahme vergleichbarer
Entwicklungsaufgaben unvermeidlich wäre.
Die Marke Berlin braucht dich! zu schützen, würde vor
allem den ernsthaften Versuch bedeuten, sicher zu stellen,

6

dass die drei genannten Merkmale ausreichend Berücksichtigung finden.
Aus der Perspektive der politischen „Eigentümer“ der
Marke sieht das ggf. anders aus als aus der Sicht ihres
„fachlichen Eigentümers“. Beim „politischen Eigentümer“
IntMig/Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und
Soziales sind folgende denkbaren Konstellationen zu
unterscheiden: a es wird eine Übertragung auf andere
Wirtschaftssektoren unter Beteiligung von IntMig/
Senatsverwaltung gewünscht, b die Marke wird integra­
tionspolitisch inflationär gebraucht, ohne dass dies mit
konkreten Kampagnenplänen verbunden ist, c das
gesamte Produkt oder Elemente von ihm einschließlich
der Marke werden ohne Beteiligung von IntMig/Senats­ver­
wal­tung in anderen Sektoren eingesetzt.
Der Fall a ist vergleichsweise einfach zu behandeln, weil
IntMig/Senatsverwaltung dort selbst als Initiator/in oder
gewünschte/r Partner/in Bedingungen mit setzen kann.
Dies ist in den beiden anderen Fällen schwieriger. Für alle
drei Fälle aber gilt gleichermaßen, dass der „Beipack­
zettel“ zum Produkt Aufmerksamkeit finden muss, oder
weniger lyrisch ausgedrückt: Das Produkt einschließlich
seiner Merkmale braucht eine knappe und nachvollzieh­
bare Produktbeschreibung, die Informationen über den
erforderlichen Aufwand („Produkterstellungskosten“)
nicht unterdrückt.
Normalerweise wird in den verschiedenen Öffent­lich­keiten
ein Bild erzeugt, dass sich Erfolge z. B. einer solchen
Kampagne einfach herstellen. Dies geschieht in der Regel
mit dem Motiv, keine Schwellenängste zu schüren,
Probleme nicht herbeizureden und die einfache Wirksamkeit richtiger und zupackender Politik zu demonstrieren. So
verständlich dies ist: Eine solche „Verkaufsstrategie“ ist
nicht sehr dienlich, weil sie die strukturellen Hemmnisse
und mentalen Hemmnisse und die Mühen ihrer Beseitigung
oder Verringerung überblendet. Mindestens aber muss im
Geschäftsverkehr, also überall dort, wo über Transfers
geredet wird, der Beipackzettel auf den Tisch.

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 63

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

Um an dieser Stelle weiter zu kommen, müsste das Produkt
vor allen in seinen hintergründigen Erstellungsprinzipien
und -prozessen noch näher charakterisiert werden. Es
ginge u. a. darum:
a den Ablauf einer Kampagne in seiner zyklischen Struktur
zu beschreiben, b die „Inputs“, also die Vorrecherchen,
Vorbereitungsarbeiten und Vereinbarungen, die für den
Start getroffen werden müssen, zu benennen, c die
­Beiträge, die jeder der erforderlichen Partner zu leisten
hat, zu skizzieren, d Muster – aus der laufenden Kam­
pagne – für Kommunikationsmaterial vorzuzeigen und eine
e Abschätzung der erforderlichen Ressourcen – unter
Berück­sichtigung der bisherigen Erfahrungen – vorzunehmen. All dies sollte in einer Handreichung vor allem für die
politischen Leitungen unter der Überschrift „Gebrauchsanweisung für den Transfer der Kampagne Berlin braucht
dich!“ zusammen gefasst werden.

2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

6.5 Empfehlungen: Bestehendes Interesse
nicht leer laufen lassen, neues wecken und
im integrationspolitischen Kontext lebendig
halten
Als generelle Schlussfolgerung aus Recherche und Einschätzung der (veränderten) integrationspolitischen
­Bedingungen in Berlin kann formuliert werden: Es wäre
inte­grations­politisch schwer nachvollziehbar, die zur Zeit
vergleichsweise günstigen Voraussetzungen für einen
­erheblichen, messbaren, aber auch strukturbildenden Erfolg bei der Einmündung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in qualifizierte (ungeförderte) Berufsaus­
bildung nicht zu nutzen78. Denn mit Konsolidierung und
intersektorialer Verbreiterung von Berlin braucht dich!
könnte sich der mit diesem Vorhaben andeutende doppelte
Paradigmenwechsel verstärken und damit eine wirkliche
Chance bekommen.
Mit doppeltem Paradigmenwechsel ist hier die integra­
tionspolitische Verschiebung von einer reinen Angebots­
orien­tierung zu einer Nachfrageorientierung (Stichwort:
„Willkommenskultur“) gemeint, die von der Angebotsseite
her gestützt wird, und deren Folgen und Voraussetzungen
bei der veränderten Gestaltung von schulischer Berufs­
orientierung wie betrieblicher Nachwuchsgewinnungsund Ausbildungspraxis.
Hierzu bietet sich ein Fächer von Aktivitäten an, die sich in
dem Sinne ergänzen, dass sie der Wirtschaft Berlins
bestehende Interessen nicht leer laufen lassen, neue
wecken und im integrationspolitischen Kontext lebendig
halten.
Denn aus der Recherche folgt, dass das Interesse der
Wirtschaft an einer Öffnung ihrer Ausbildung gegenüber
Jugendlichen mit Migrationshintergrund größer und weiter
verbreitet ist, als bisher angenommen wurde. Wie in den
78  Als wichtige Veränderung innerhalb der „integrationspolitischen Kultur“ Berlins
müssen auch die aktuellen Erklärungen des Regierenden Bürgermeisters zum Thema
„Solidarische Stadt“ gewertet werden, die er in eine enge Verbindung zu wirtschaft­
lichen Standortvorteilen Berlins bringt. (vergl. u. a. Klaus Wowereit/Michael Müller:
Arbeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit Berlin nach vorn bringen. Eisenach Januar 2010)

64 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

entsprechenden Kapiteln dargestellt – ohne in diesem
abschließenden Teil noch einmal zu resümieren – ist das
Interesse keineswegs nur verbal oder deklaratorisch,
sondern schon seit einigen Jahren und zunehmend mit
verschiedenen Aktivitäten verbunden, wie gezielte
Werbungen, Vorstellungen in Schulen, Veranstaltungen
etc. Die diesbezügliche Szene, auch in Zusammenarbeit
mit diversen Maßnahmeträgern und z. T. durch verschiedene Förderprogramme unterstützt, ist in Berlin schier
unübersehbar. Manche der Aktivitäten sind eher isoliert,
andere finden im Rahmen größerer Netzwerke, Verbände
oder Organisationen statt, manche haben schon längere
Tradition, bei anderen wird erst begonnen. Integrations­
politisch betrachtet, ist diese Situation der „Tausend
Blumen“ über weite Phasen vorteilhaft, weil sie von dem
Druck entlastet, gewissermaßen stadtweit überall etwas
anschieben und zur Reife bringen zu müssen. Die Frage ist,
ob es aus integrationspolitischer Sicht einen Sinn macht,
sich mit diesen diversen Aktivitäten in Kontakt zu setzen.
Sinnvoll ist es, wenn daraus Schritt für Schritt gewisser­
maßen eine Berlin braucht dich!-Kultur entstehen könnte.
Deren fundamentale Bestandteile sind oben unter dem
Stichwort Marke noch einmal zusammen gefasst worden.
Der folgende Fächer von Aktivitäten, die stets in der
Verantwortung von IntMig lägen und in ihrer Aufwändigkeit nicht unterschätzt werden sollten, könnte ermög­
lichen, was eine Aktivitätslinie allein nicht bewerkstelligen
würde, nämlich: Die Akzeptanz und Unterstützung einer
Berlin braucht Dich! Markenpolitik, in der die Marke nicht
mit ausgrenzenden Exklusivitätsrechten versehen
ist, sondern als gemeinsamer Schutz der gewünschten
Produktqualitäten verteidigt wird.
Berlin braucht dich!-Fokus/Wirtschaftsprojektgruppe
Aus der Recherche trat weit verbreitet als Interesse der
befragten Wirtschaftsakteure/innen ein enger Kontakt mit
Berlin braucht dich! hervor; teilweise war damit die
Hoffnung auf eine rasche und unmittelbare Starthilfe im
eigenen Sektor oder Cluster verbunden. Die Ankündigung
jedenfalls, sie würden zu einem Informationsworkshop
eingeladen, auf dem auch die Frage der weiteren Kooperation zu klären sei, wurde durch die Bank positiv aufgenommen. Als ein einfaches erstes Feedback auf die mittlerweile

6

diversen Kontakte, die sich in der Wirtschaft, nicht nur
durch die Expertise, sondern auch über andere Veranstaltungen oder auch aus anderen Aktivitätsfeldern von
IntMig ergeben haben und ergeben, wäre eine Veranstaltung denkbar, in der Stand und weitere Perspektiven von
Berlin braucht dich! dargestellt werden und sich hieran
eine Art Erfahrungsaustausch anschließt. Dieser könnte zu
einer Themenliste führen, die Grundlage für eine Berlin
braucht dich!-Fokus Wirtschaftsprojektgruppe sein
könnten. Es ginge hier also nicht primär um den Arbeits­
zusammenhang zwischen Betrieben und Schulen, sondern
darum, die wirtschaftliche und betriebliche Perspektive
ins Zentrum zu setzen.
Das müsste allerdings die Seite der Arbeitnehmerinteressenvertretungen/Gewerkschaften einschließen. Dieses
Netzwerk wäre so etwas wie eine Plattform für die
gemeinsame Prüfung der Übertragung aus dem Öffent­
lichen Dienst auf andere Sektoren und würde alle Beteiligten aktiv mit den Transferbedingungen (s. o.) vertraut
machen. Die „Fokus Wirtschaftsprojektgruppe“ wäre auf
diese Weise zum einen nach innen gerichtet, also zur Frage
hin, ob man sich eine abgestimmte Vorgehensweise à la
Berlin braucht dich! vorstellen kann. Zum anderen würden
die dortigen Erörterungen auch als Beratung der zustän­
digen Senatsstellen zur Weiterführung von Berlin braucht
dich! verstanden werden können.
In diesem Sinne könnten solche Startveranstaltungen der
Auftakt für eine Art kontinuierlicher Berufsintegrationswerkstatt Berlin braucht dich! sein, also einer Veranstaltungsreihe für dieses lockere Netzwerk, das fachliche
Informationen und konzeptionelle Erörterungen bietet.
Transferprioritäten
Aus der gesamten, unter den Aspekten von Modell und
Marke vorgetragenen Argumentation ergibt sich: Es wäre
fachlich sehr wünschenswert, wenn sich die Übertragungen auf andere Sektoren, Cluster, Subsektoren etc.
schrittweise auf der Zeitachse ergeben könnten und erst
ab 2012 moderat einsetzten. Integrationspolitisch können
sich, wie oben skizziert, Opportunitäten und Zwänge
ergeben, die zu einer rascheren Übertragung führen. Diese
sollte aber auf keinen Fall flächendeckend erfolgen,
BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 65

6 2010: Kontext, Reorientierung und Empfehlungen

sondern in einer Prioritätenfolge und Schritt für Schritt, so,
dass die Markenqualität – mindestens in ihrer nicht zu
unterschreitenden Mindestvariante – ­gesichert ist. Welcher
Kriterienkatalog dabei zugrunde zu legen wäre, muss
weiteren Arbeitsschritten überlassen bleiben.
Ein zentrales Kriterium aber ergibt sich aus der Zusammenschau der Kampagnenphilosophie von Berlin braucht Dich!
mit den bisherigen Erfahrungen zur Konsortiumsbildung
und den Recherchen: Vorrang sollten solche Sektoren
erhalten, die für eine Berlin braucht dich!-Kampagne
mindestens über den Kern einer im Sektor akzeptierten
Treiber/Träger­organisation („intermediäre Akteure/innen“/
„Transporteure/innen“) verfügen. Denn der Transfer kann
nur dann zu vertretbaren Übertragungskosten und mit
kalkulierbaren fachlichen Risiken in Angriff genommen
werden, wenn die primäre Eigenverantwortlichkeit des
Sektors, zu dem transferiert werden soll, für die Qualität
des (sozialen) Transferprozesses gesichert ist. Diese Rolle
muss für einen längeren Zeitraum durch eine erfahrene
und kompetente Beratung79 abgestützt werden.

ermöglicht. In einer Papierversion wäre dies als Ordner mit
Ergänzungs- und Austauschlieferungen denkbar, parallel
hierzu sollte es das Handbuch auch als Teil der Berlin
braucht dich!-Homepage geben; hierbei könnte auch ein
Dialograum vorgesehen werden.

Zum Autor:
Dr. Wilfried Kruse ist Arbeitssoziologe und als Seniorwissen­schaftler an der Sozialforschungsstelle Dortmund
(TU Dortmund) in Forschung und Beratung tätig. Schwerpunkte sind u. a.: Betriebliche Berufsbildung und Berufs­
bildungssysteme, Arbeit und Bildung in der Region,
euro­päische Arbeits- und Bildungspolitik. Als Experte für
Fragen der Gestaltung von Übergängen von der Schule in
die Arbeitswelt vor allem auf lokaler Ebene berät er u. a.
diverse Städte und Landkreise und ist Koordinator der
Weinheimer Initiative, eines Zusammenschlusses von
­Städten, Landkreisen, Stiftungen und Experten/innen zur
Förderung kommunaler Koordinierung beim Übergang
Schule-Arbeitswelt und lokaler Bildung.

Berlin braucht dich!-Handbuch
Schließlich sollten Modellbildung und Markenentwicklung
in einem Medium veröffentlicht werden, das hier vorläufig
Berlin braucht dich!-Handbuch genannt wird. Als Referenz
ist es für das gesamte Übertragungsfeld unverzichtbar,
weil es hierfür das fachliche Bezugsmaterial liefert, und
zwar unter Berücksichtigung eines der wichtigen BQNPrinzipien, nämlich nicht hinter dem Stand des vorhandenen Wissens zum Gegenstand zurück zu fallen. BQN Berlin
sollte erkennbar Redakteur dieses Handbuch sein, und
­damit die eigene fachlich-wissenschaftliche (Mit-)Autorenschaft der Marke zeigen. Allerdings sollte die Herausgabe
dieses Handbuchs nicht lange aufgeschoben werden;
es wird im Grunde schon jetzt gebraucht, nämlich als
Doku­mentation der Aufgaben, Verfahren und Regeln,
nach denen die Konsortialarbeit im laufenden Vorhaben
vonstatten geht. Es müsste also eine Editionsform gefunden werden, die so etwas wie ein „Lernendes Handbuch“
79  Von daher bietet sich für BQN als Entwicklungsperspektive an, zu einer oder „der“
fachlich-wissenschaftlichen Beratungs- und Unterstützungsagentur für Berlin braucht
dich! zu werden, bzw. sich auf diese Rolle hin weiter zu spezialisieren.

66 I BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus?

BQN Berlin I Berlin braucht dich! – über den Öffentlichen Dienst hinaus? I 67

Das betriebliche Interesse außerhalb des Öffentlichen
Dienstes an einem Eintritt von Jugendlichen mit Migra­
tionshintergrund in betriebliche Berufsausbildung wächst
rasch. Dr. Wilfried Kruse beleuchtet in seiner Expertise die
Chancen dieser Trendwende zur Lösung der aktuellen
­integrationspolitischen Herausforderungen. Als wesent­
lichen Ansatzpunkt sieht er die Steigerung der Attraktivität
der Dualen Berufsausbildung, die innerhalb der mehr­
jährigen Berufsorientierungsphase für Jugendliche mit
Migrations­hintergrund auch erfahrbar werden muss.
In der Expertise wird das Berufseinmündungssystem in den
Blick genommen, das durch die Berliner Schulstrukturreform und das Duale Lernen eine neue Dynamik erfährt.
­Gelingt es nicht, diese Impulse integrationspolitisch zu
nutzen, wird sich die betriebliche Nachwuchssicherung zukünftig weiter auf die leistungsstärksten Jugendlichen
konzentrieren, die bereits auf dem Weg sind. Integrationspolitisch komme es aber vor allem auf eine breite und
nachhaltige Öffnung von betrieblicher Berufsausbildung
für Jugendliche mit Migrationshintergrund an.

BQN Berlin
Der Beauftragte des
Senats für Integration
und Migration

Berufliches
Qualifizierungsnetzwerk
für Migrantinnen und
Migranten in Berlin
        
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