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Full text: Kultur und Kulturpolitik in Berlin

KULTUR UND KULTURPOLITIK IN BERLIN
Stärken – Schwächen – Empfehlungen
EXECUTIVE SUMMARY ............................................................................................................... 3
MITWIRKENDE (A – Z) ................................................................................................................ 6
VORWORT ................................................................................................................................... 7
PRÄAMBEL ................................................................................................................................. 9
1.

ALLGEMEINE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN ................................................................. 10
1.1

Das Verhältnis von Land und Bund ........................................................................... 10

1.2

Die Stärkung der ressortübergreifenden Zusammenarbeit ..................................... 10

1.3

Kultur für die Stadt – Stadt für die Kultur ................................................................. 11

1.4

Die Neustrukturierung der Förderinstrumente ........................................................ 12

1.4.1 Die Förderung von Spitzenleistungen.................................................................... 12
1.4.2 Die Förderung von nicht dauerhaft institutionell geförderten Kultureinrichtungen,
Künstlerkollektiven und Akteuren .................................................................................... 13
1.4.3 Einrichtung einer unabhängigen Expertenrunde .................................................. 13
1.5
2.

Kultur und Kulturpolitik in Berlin .............................................................................. 14

DIE SPARTENSPEZIFISCHEN HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN & SWOT-ANALYSEN...... 15
2.1

Berliner Bühnen – Schauspiel, Oper, Tanz ............................................................... 15

2.2

Bildende Kunst .......................................................................................................... 17

2.2.1 Bildende Kunst: Produktion und Präsentation ...................................................... 17
2.2.2 Bildende Kunst: Kunstmarkt, Galerien, Messen ................................................... 19

3.

2.3

Literatur – Literarische Einrichtungen und ihre Veranstaltungen ........................... 21

2.4

Musikleben ................................................................................................................ 23

2.5

Tanz............................................................................................................................ 25

HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN FÜR BESONDERE TEILBEREICHE ................................ 27
3.1

Freie Szene ................................................................................................................ 27

3.2

Institutionen im Kulturbereich .................................................................................. 30

3.3

Internationaler Kulturaustausch ............................................................................... 33

3.4

Kultur in den Medien ................................................................................................. 35

IMPRESSUM ............................................................................................................................. 37

1

2

EXECUTIVE SUMMARY
Die Arbeitsgruppe „Forum Zukunft Kultur“ der Stiftung Zukunft Berlin hat in der Zeit
vom Herbst 2013 bis Winter 2015 zu acht Sparten des Berliner Kulturlebens SWOTAnalysen (Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken) von eigenen Experten*innen
erarbeiten lassen, diese eingehend im spartenübergreifenden Experten*innenkreis
diskutiert und daraus spezifische Handlungsempfehlungen für die jeweilige Sparte
und allgemeine Handlungsempfehlungen für die Berliner Kulturpolitik abgeleitet.

Bei den spartenbezogenen Handlungsempfehlungen, die in den jeweiligen Spartenkapiteln ausführlich dargestellt werden, heben wir einige Punkte besonders hervor:
•

•

Die Ergebnisse wenden sich vor allem an Kulturpolitiker*innen von Stadt, Land und
Bund, aber ebenso an Kulturschaffende und die kulturinteressierte Öffentlichkeit.
Die Aufgabe der Kulturpolitik wird so verstanden, dass sie auch jene Arbeitsweisen,
Produktionspraktiken und Präsentationsformen stärkt, deren Leistungen nicht primär auf einen finanziellen Marktgewinn zielen und deren Wert sich nicht allein monetär bestimmen lässt. In diesem Sinne hat Kulturpolitik eine (kreativ)wirtschaftliche Dimension, lässt sich aber zugleich nicht auf diese beschränken.
Die allgemeinen und damit spartenübergreifenden Handlungsempfehlungen sind wie
folgt:

•

3. Wir empfehlen die Weiterentwicklung des Raummanagements für Kunst-

schaffende. Das beinhaltet die Sicherung von bestehenden Räumlichkeiten
aus dem Eigentum des Landes Berlin und ihrer Tochtergesellschaften wie
auch der Bezirke für Kunstschaffende sowie im Fall des Auslaufens der bisherigen Mietverträge die Verlängerung dieser Mietverträge zu einem für die
Kunstszene bezahlbaren Mietzins. Es geht aber auch darum, im Rahmen der
neuen Liegenschaftspolitik des Senats Objekte einer dauerhaften Zukunftsnutzung für die Kultur zuzuführen. Deshalb muss der Kultursenator oder sein
Staatssekretär im Portfolioausschuss vertreten sein.

Bildende Kunst: Kunstmarkt, Galerien, Messen (siehe Seite 18)
Wir empfehlen zur Stärkung des Berliner Kunstmarktes die Wiedereinrichtung einer Kunstmesse für zeitgenössische Kunst und Klassische Moderne.

•

Literatur – Literarische Einrichtungen und ihre Veranstaltungen
(siehe Seite 20)
Wir empfehlen die Anpassung der Mittel an heutige Standards für Projekte,
Honorare (als indirekte Autorenförderung) und Reisekosten, da die fünf von
Berlin geförderten literarischen Institutionen seit ihrer jeweiligen, Jahrzehnte
zurückliegenden, Gründung keine Erhöhung der Mittel erfahren haben.

•

Musikleben (siehe Seite 22)
Wir empfehlen, in musikalische Bildung für alle Altersklassen, sowohl im Bereich Schule und Musikschule wie auch bei Orchestern und Veranstaltern zu
investieren, u.a. in Weiterbildung von Erziehenden und Lehrenden.

2. Die Senatsverwaltungen für Kultur, Stadtentwicklung, Finanzen, Jugend und

Wissenschaft sowie Arbeit, Integration und Frauen sollten zu bestimmten
Themen sehr viel intensiver als bisher miteinander kooperieren, um die kulturelle Bildung an Kindertagesstätten und Schulen auszubauen und die Teilnahme von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund am Kulturleben zu verstärken – sowohl als Kulturschaffende als auch als Publikum.

Bildende Kunst: Produktion und Präsentation (siehe Seite 16)
Wir empfehlen, zur Qualitätssicherung und zur Optimierung Kunstvereine als
wichtigen Ort der Entstehung von Kunst finanziell jahresübergreifend bzw.
mehrjährig zu fördern.

1. Wir empfehlen eine Neuordnung und Systematisierung der gegenwärtigen

Aufteilung der kulturellen Zuständigkeiten des Bundes und Berlins. Hierfür ist
es notwendig, zunächst Kriterien zu entwickeln, zu deren Gewinnung ein
transparenter Prozess, z. B. mit einem Experten*innengremium definiert
werden sollte. Bund und Land müssen in kulturellen Belangen einander intensiv und regelmäßig zuarbeiten. Hierfür wird die Einrichtung einer ständigen Kommission empfohlen.

Berliner Bühnen – Schauspiel, Oper, Tanz (siehe Seite 14)
Wir empfehlen die Übertragung der Tarifkompetenz an den Deutschen Bühnenverein für die Gesamtheit der Theater-Beschäftigten im Sinne einer einheitlichen Interessenvertretung der Arbeitgeber*innen.

•

Tanz (siehe Seite 24)
Wir empfehlen für den Tanz eine künstlerische Heimat in Form eines eigenen
Hauses mit institutioneller Förderung. Es kann auch die Aufgabe einer Intendanz sein, einen bestehenden Ort durch Tanz und Interdisziplinarität neu zu
profilieren. Das Schillertheater böte sich nach dem Auszug der Staatsoper als
ein solcher Ort an.

4. Wir empfehlen eine Neuordnung der Förderinstrumente. Empfohlen wird die

Konzentration auf zwei große Themenkomplexe: erstens die Förderung von
herausragenden Spitzenleistungen und zweitens die Verbesserung der Förderung von nicht institutionell geförderten Kultureinrichtungen. Die Kriterien
dafür sollte eine unabhängige Experten*innenrunde festlegen.
3

4

Schließlich haben sich Handlungsempfehlungen für einzelne Teilbereiche ergeben,
die mehrere Sparten des Kulturlebens betreffen:
•

Freie Szene (siehe Seite 26)
Wir empfehlen die Mittelerhöhung für die Freie Szene zu verstetigen, u. a. für
Stipendien für Künstler und die Verlängerung der Förderzeiträume.

•

Institutionen im Kulturbereich (siehe Seite 29)
Wir empfehlen die Klärung von Bundes- oder Landeszuständigkeiten, eine
spezifische Profilbeschreibung der Institutionen mit genauen Entwicklungsund Zielvorgaben, regelmäßige qualitative Evaluierungen, zeitlich beschränkte
Intendant*innenverträge und die Gewährleistung einer regelmäßigen Tarifsteigerung für Festangestellte.

•

Internationaler Kulturaustausch (siehe Seite 32)
Wir empfehlen die Wiedereinführung eines Referats für internationalen Kulturaustausch, das beim Kulturstaatssekretär angesiedelt sein und zugleich
eng mit den benachbarten Ressorts zusammenarbeiten sollte, um die Interessen der Kultur auch in anderen Zusammenhängen, wie zum Beispiel bei Europafragen oder Wirtschaftsbeziehungen, vertreten zu können.

•

Berichterstattung in den Medien – Fernsehen, Print (siehe Seite 34)
In den Medien sollten Beiträge über Kulturereignisse und Kulturpolitik in Berlin deutlich mehr Platz bekommen, in den Sendeanstalten auch zu einer publikumsfreundlichen Sendezeit. Der Stellenwert von Kultur muss den Verantwortlichen und den Machern stärker ins Bewusstsein gerückt werden.

5

MITWIRKENDE (A – Z)
Aus dem Forum Zukunft Kultur der Stiftung Zukunft Berlin:
Wibke Behrens (Sprecherin Kulturpolitische Gesellschaft Berlin / Brandenburg,
Sprecherkreis Koalition der Freien Szene, bei der nGbK veranwortlich für program
and publishing), Ulrich Eickhoff (Kulturjournalist), Manfred Eichel (Journalist,
Filmemacher, Hochschullehrer), Volker Hassemer (Stiftung Zukunft Berlin),
Sabine Hentzsch (Beauftragte des Vorstands im Hauptstadtbüro des GoetheInstituts), Christophe Knoch (Sprecher der Koalition der Freien Szene),
Christoph Lanz (ehem. Multimediadirektor GLOBAL Deutsche Welle),
Andreas Richter (Cultural Consultant; ehem. Direktor DSO Berlin und Intendant
Mahler Chamber Orchestra), Jochen Sandig (Geschäftsführung und Künstlerische
Leitung RADIALSYSTEM V), Dr. Sven Sappelt (Leiter C60/ Collaboratorium für kulturelle Praxis), Jürgen Schitthelm (Gesellschafter Schaubühne am Lehniner Platz),
Jürgen Schleicher (Kanzler der Universität der Künste a.D.), Bernhard Schneider
(Initiative „A Soul for Europe“), Alice Ströver (Geschäftsführerin Freie Volksbühne
Berlin e.V.), Anemone Vostell (Geschäftsleitung Landesverband Berliner Galerien
(lvbg), Jürgen Werner (Stiftung Zukunft Berlin), Herbert Wiesner (Literaturkritiker,
Leiter des Literaturhauses Berlin 1985-2003, Generalsekretär des PEN-Zentrums
Deutschland 2009-2013)

6

VORWORT
Seit der Wiedervereinigung hat Berlin eine rasante Entwicklung erlebt. Bis heute ist
diese Dynamik primär von Wachstum, städtebaulicher Verdichtung und Internationalisierung geprägt. In der Konsequenz sind die Rahmenbedingungen für Kunst und
Kultur heute nicht mehr dieselben wie etwa in den 1990er Jahren. Dabei bringt gerade der Erfolg vieler Entwicklungen neue Herausforderungen mit sich, die eine Aktualisierung und Neustrukturierung der Berliner Kulturpolitik erforderlich machen. Allen voran die Sicherung von Freiräumen für Kunst und Kreativität, für die Berlin noch
vor zehn Jahren weltweit berühmt wurde und die heute akut gefährdet sind.
Vor diesem Hintergrund hat das Forum Zukunft Kultur innerhalb der Stiftung Zukunft
Berlin 2014 die Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken von zeitgenössischer
Kunst und Kultur in Berlin analysiert. Auf der Grundlage von SWOT-Analysen wurden
Handlungsempfehlungen für die Berliner Kulturpolitik abgeleitet, die auf den folgenden Seiten systematisch vorgestellt werden. Dabei muss sicher nicht alles grundlegend verändert, aber so manches neu justiert werden. Eine enge Zusammenarbeit
von Regierendem Bürgermeister, Kultursenator und Staatssekretär für Kultur bietet
hierfür gute Voraussetzungen.

Umgekehrt haben Wirtschaft, Stadtentwicklung, Bildung, Außenbeziehungen und
andere Ressorts eine ausgeprägte kulturelle Dimension, die stadtpolitisch gerade in
Berlin systematisch größere Geltung erlangen sollte.
Die Ergebnisse wenden sich vor allem an Kulturpolitiker*innen von Stadt, Land und
Bund, aber ebenso an Kulturschaffende und die kulturinteressierte Öffentlichkeit.
Mit der vorliegenden Studie wird ausdrücklich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Wichtige Bereiche der Kulturszene wie Pop, Rock, Folk, Mode oder Architektur wie auch die Museumslandschaft sind bisher nicht bearbeitet. Die Arbeit stützt
sich auf die Expertise der im Forum Zukunft Kultur ehrenamtlich mitwirkenden Akteure. Es werden keinerlei parteipolitische oder einzelinstitutionelle Interessen vertreten.

Gerade in Berlin haben Kunst und Kultur einen ganz besonderen Wert, der strukturell mit den meisten Lebensbereichen eng verflochten ist. In unseren Augen wird es
Zeit, diesen besonderen Wert nicht als selbstverständlich gegeben zu betrachten,
sondern gemeinsam für die Zukunft zu sichern und aktiv politisch zu gestalten.
Wir gehen davon aus, dass sich die positiven Effekte von Kultur keineswegs nur auf
die Künste beziehen, sondern gesamtgesellschaftliche Fragen berühren. Dementsprechend wird der Kulturbetrieb hier als eine Infrastruktur verstanden, die einen
maßgeblichen Beitrag zur Selbstverständigung der Bürgerinnen und Bürger sowie
der Selbstregulierung ihres Zusammenlebens leistet – diese mitunter sogar erst
ermöglicht.
Diese Infrastruktur kann unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden.
Und es ist eine Aufgabe der Kulturpolitik, die Qualität dieser Infrastruktur finanziell
zu gewährleisten. Allerdings vermag die wirtschaftliche Betrachtungsweise den
„Wert“ von Kultur nur teilweise zu erfassen. Und Kulturpolitik sollte gerade auch die
Bereiche der Kultur im Blick haben, die weder öffentlich gefördert noch privatwirtschaftlich verantwortet sind. Damit sind Phänomene wie Alltagskultur, Jugendkultur
und der gesamte Bereich bürgerschaftlichen Engagements gemeint. Aber auch hier
hat Kulturpolitik die Aufgabe, für passende Rahmenbedingungen und notwendige
Aufmerksamkeit zu sorgen.
Dementsprechend wird die Aufgabe der Kulturpolitik hier so verstanden, dass sie
auch jene Arbeitsweisen, Produktionspraktiken und Präsentationsformen stärkt, deren Leistungen nicht primär auf einen finanziellen Marktgewinn zielen und deren
Wert sich nicht allein monetär bestimmen lässt. In diesem Sinne hat Kulturpolitik
eine (kreativ)wirtschaftliche Dimension, lässt sich aber zugleich nicht auf diese beschränken.

7

8

PRÄAMBEL

1. ALLGEMEINE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Die kulturelle Leistungsfähigkeit Berlins ist eine maßgebliche Grundlage der Lebensqualität der Stadt, ihrer Kreativität und Innovationskraft, ihrer internationalen
Ausstrahlung und Attraktivität, ihrer Handlungsfähigkeit als Hauptstadt, als europäische Metropole und nicht zuletzt als Standort der Wirtschaft.

1.1

Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit Berlins ist die politische Reichweite der Kultur nicht auf den Zuständigkeitsbereich des Senatsressorts Kultur und der bezirklichen Kulturämter begrenzt. Nicht nur berühren die
positiven Effekte, die kulturelle Leistungen hervorbringen, benachbarte Politikfelder
wie Bildung, Wissenschaft, Integration, Stadtentwicklung, Wirtschaft und Internationales. Diese Politikfelder sind auch eng mit den kulturellen Strukturen und Ressourcen der Stadt verflochten. Dementsprechend sind Kunst und Kultur als Querschnittsaufgaben zu verstehen, die ressortübergreifend mit berücksichtigt werden
müssen. Eine zeitgemäße Kulturpolitik muss spartenübergreifend agieren und entsprechend avancierte Förderinstrumente für künstlerische Positionen an den
Schnittstellen zwischen den Disziplinen entwickeln.
Als Hauptstadt steht Berlin für kulturelle Exzellenz, die nationale und internationale
Maßstäbe setzt. Die Berliner Kulturpolitik muss hierfür – in enger Kooperation mit
dem Bund – die erforderlichen, auch finanziellen, Rahmenbedingungen sicherstellen
und verbessern. In gleichem Maße steht Berlin für eine höchst lebendige und vielfältige Kulturproduktion, die von sehr vielen Akteuren, Initiativen und Einrichtungen
befeuert wird und die es ebenfalls weiter zu stärken und zu entwickeln gilt.

Das Verhältnis von Land und Bund

Nach Art. 22 des Grundgesetzes ist die „Repräsentation des Gesamtstaates“ in der
Hauptstadt Aufgabe des Bundes. Da die Hauptstadt Berlin die Bundesrepublik maßgeblich über kulturelle Leistungen repräsentiert, ergibt sich daraus eine genuine
kulturelle Zuständigkeit des Bundes in Berlin.
Die Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen Berlin und dem Bund sind überwiegend
Ergebnis historischer Entwicklungen, insbesondere der deutschen Teilung und Wiedervereinigung, und folgen weniger politisch-systematischen Erwägungen und Kriterien. Bei aller gebotenen Vorsicht empfehlen wir eine Neuordnung und Systematisierung der gegenwärtigen Aufteilung der kulturellen Zuständigkeiten des Bundes und
Berlins.
Hierfür ist es notwendig, zunächst Kriterien zu entwickeln, zu deren Gewinnung ein
transparenter Prozess, z. B. mit einem Expertengremium definiert werden sollte.
Der Zeitpunkt hierfür scheint günstig, da im Rahmen der Neuordnung des Länderfinanzausgleichs und der Diskussionen um ein Hauptstadtgesetz Freiräume und
Notwendigkeiten existieren.
In diesem Zusammenhang scheint eine Novellierung des Hauptstadtkulturfonds, die
ihn auf seinen ursprünglichen Zweck zurückführt, dringend erforderlich.
Bund und Land müssen in kulturellen Belangen einander intensiv und regelmäßig
zuarbeiten. Hierfür wird die Einrichtung einer ständigen Kommission empfohlen.

1.2

Die Stärkung der ressortübergreifenden Zusammenarbeit

Eine lebendige und vielseitige Kulturlandschaft ist mit vielen anderen Lebensbereichen verknüpft – und damit auch mit verschiedenen Ressorts wie z. B. Bildung
und Wissenschaft, Immobilien und Liegenschaften, Arbeit und Wirtschaft, Integration
und Soziales, Tourismus und Stadtmarketing, Europa und Internationales und vieles
mehr.
Am dringlichsten stellen sich diese Fragen im Hinblick auf die Stadtentwicklung:
Kultur ist nämlich der wichtigste Treiber einer gedeihlichen Stadtentwicklung. Gerade in Berlin ist das Kulturelle an zentralen Stellen der Stadt der stärkste Impulsgeber und in der Stadtlandschaft unverzichtbarer Garant von Urbanität. Kultur als Teil
der Stadtentwicklung beziehungsweise Stadtentwicklung als Teil der Kultur.
Aber auch bei der Sicherung von Räumen für Kunst und Kreativität müssen die Verwaltungen für kulturelle Angelegenheiten, Stadtentwicklung und Wirtschaft enger
zusammenarbeiten. Deshalb bedarf es eines eindeutig adressierbaren Ansprechpartners für kulturelle Fragen in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

9

10

Auch in Bezug auf die Neustrukturierung der Förderinstrumente sollte somit viel
stärker als bisher darüber nachgedacht werden, inwiefern Kunst und Kultur in anderen Ressorts mitberücksichtigt werden müssen / dürfen und welche Synergien zwischen den Ressorts dadurch freigesetzt und genutzt werden könnten.

1.3

Kultur für die Stadt – Stadt für die Kultur

Die Lehre der letzten 20 Jahre: Kultur und Wissenschaft sind die neuen, energiereichsten Treiber einer stadtentwicklungspolitischen Zukunft. Stadtentwicklungspolitik muss in ihrem eigenen Interesse die Kraft des Kulturellen nutzen und an ihrem
Ausbau mithelfen. Wie kaum eine andere Stadt definiert sich Berlin an seinen interessantesten Stellen durch kulturelle Einrichtungen und Initiativen. Dies gilt nicht
nur für herausgehobene Orte, wie die Berliner Mitte, das Kulturforum, das Schloss
Charlottenburg. Es gilt auch im erweiterten Sinne der Kultur für die Qualität der Kieze in der dezentralen Stadtlandschaft. Spätestens mit dem Humboldt-Forum ergibt
sich die Chance, Berlin in seiner Außendarstellung vom Kulturellen her zu definieren.
Kultur in Berlin muss sich deshalb nicht nur verlassen können auf das Interesse der
Stadtentwicklungspolitik an seiner städtischen Ausstrahlung. Umgekehrt muss vielmehr Stadtentwicklungspolitik auch in die Lage versetzt werden, die Rolle und die
Wirkungskraft des Kulturellen im Interesse der Stadtlandschaft herauszufordern.
Kulturpolitik muss gemeinsam mit der Stadtentwicklungspolitik, eine Strategie des
Zusammenwirkens von Stadt und Kultur zum beiderseitigen Nutzen entwickeln.
Stadtentwicklungspolitisch ist deshalb ein ständiger gemeinsamer Ausschuss zu
fordern, der von der Kultur und der Stadtentwicklung gemeinsam angeführt wird,
aber auch repräsentativ die Bezirke und die Wirtschaft einbezieht (Siehe runder
Tisch Tourismus).
Raum ist eine der Grundbedingungen für Kunst und Kultur jeder Art und ist sowohl
für Produktion wie Rezeption jeder Kunstform unabdingbar. Durch verschiedene
Entwicklungen im Land Berlin wie Bevölkerungszuwachs, Mietsteigerungen und
rechtliche Rahmenbedingungen sind gerade die Räume für Kultur in Gefahr. Ein
„Management der Gentrifizierungseffekte“ (Wegzug ärmerer Bevölkerungsschichten
und Zuzug wohlhabenderer Schichten) ist eine Aufgabe für alle Senatsressorts, Kultur eingeschlossen. Die besondere Situation nach der Wiedervereinigung hat zu vielen kreativen Freiräumen in der Stadt geführt, die sich so nicht mehr aufrechterhalten lassen. Umso mehr ist die Kulturpolitik – im Verbund mit anderen Ressorts –
gefragt, sich um Bestandsaufnahme und -sicherung sowie eine Stadtentwicklung
unter Einbeziehung von Räumen für Kultur zu kümmern. Konkret meint das u.a.:
•

Vor anderem: die Stadtentwicklungskraft des Kulturellen nutzen und ausbauen

•

Kultur und Wissenschaft sind der Motor für eine zukunftsweisende Stadtentwicklungspolitik.

11

•

Kultur als Energiequelle für die Stadt organisieren: kulturelle Orte, wie das
Humboldt-Forum und das Kulturforum treiben die Stadt an, werden von ihr
gefördert

•

Sicherung von bestehenden Räumlichkeiten für Kunstschaffende aus dem Eigentum des Landes Berlin und seiner Tochtergesellschaften wie auch der Bezirke

•

Im Fall des Auslaufens der bisherigen Mietverträge: Verlängerung dieser
Mietverträge auf mittelfristige Sicht und zu einem für die Kunstszene bezahlbaren Mietzins

•

Im Fall des vorgesehenen Abschlusses von neuen Mietverträgen: Sicherstellung, dass Künstler auf mittelfristige Sicht und zu vertretbaren Preisen
Mieträume vertraglich gebunden erhalten können

•

Schaffung neuer Räumlichkeiten für die Kulturschaffenden, wenn es darum
geht, Objekte, die bisher vom Liegenschaftsfonds mit dem Ziel der Veräußerung gemanagt wurden, einer dauerhaften Zukunftsnutzung für die Kultur zuzuführen

Der Kultursenator / -staatssekretär muss im Portfolioausschuss vertreten sein.

1.4

Die Neustrukturierung der Förderinstrumente

Die finanziellen Spielräume der Berliner Kulturpolitik sind eng begrenzt. Umso wichtiger ist es, Prioritäten zu setzen, die vorhandenen Mittel effektiv zu nutzen und existierende Verfahren zu vereinfachen. Die Stiftung Zukunft Berlin empfiehlt, sich hier
vor allem auf zwei große Themenkomplexe zu konzentrieren: erstens die Förderung
von herausragenden Spitzenleistungen und der dafür prädestinierten Einrichtungen
und zweitens die Verbesserung der Förderung von nicht institutionell geförderten
Kultureinrichtungen.
1.4.1 Die Förderung von Spitzenleistungen
Als Hauptstadt steht Berlin für künstlerische Exzellenz, die internationale Maßstäbe
setzt. Die Berliner Kulturpolitik muss hierfür – in Kooperation mit dem Land und
dem Bund – die erforderlichen Rahmenbedingungen sicherstellen und kontinuierlich
verbessern.
Konkret heißt dies, dass in jeder Sparte Einrichtungen in der Lage sein müssen, herausragende Leistungen auf internationalem Niveau zu produzieren und zu präsentieren. Bei den Berliner Philharmonikern und anderen Spitzenorchestern, im Bereich
der Opern und einiger Schauspielhäuser steht dies außer Frage. Bei anderen Institutionen wie für Zeitgenössische Künste, Neue Medien, Tanz und Musiktheater sowie
spartenübergreifenden Kunstformen besteht Entwicklungsbedarf.
Spitzenleistungen entstehen aber nicht allein in den öffentlich geförderten Institutionen. Gerade in Berlin schaffen frei arbeitende Künstler*innen und Künstlerkollektive
und -ensembles international herausragende Positionen.
12

1.4.2 Die Förderung von nicht dauerhaft institutionell geförderten Kultureinrichtungen, Künstlerkollektiven und Akteuren
Als Hauptstadt steht Berlin für eine höchst lebendige und vielfältige Kulturproduktion, die von sehr vielen Akteuren aus dem In- und Ausland befeuert wird und der die
Metropole zu einem großen Teil ihre weltweite Anziehungskraft verdankt. Dementsprechend sollte neben der Spitzenförderung ein weiterer Schwerpunkt darauf gelegt werden, diese Vielfalt der freien Kulturproduktion zu stärken. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kommen rund 95 % der Kulturförderung durch das Land Berlin dauerhaft institutionell geförderten Kultureinrichtungen zugute.
Rund 5 % werden für temporäre Förderungen von einzelnen Projekten, Spielstätten
und Konzeptentwicklungen aufgewendet (vgl. Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten). Dieses Verhältnis sollte überdacht und auf der Grundlage der Quantität
und Qualität der nicht dauerhaft institutionell geförderten Kulturproduktion neu geregelt werden. Dabei geht es vor allem darum, größere Freiräume zu schaffen sowie
finanzielle Stabilität, längerfristige Planungssicherheit und kontinuierliche Entwicklungsperspektiven zu ermöglichen. Dafür sollten die Verfahren entbürokratisiert, die
existierenden Förderinstrumente erweitert und mehr Alternativen zu temporären
Projektförderungen angeboten werden. (Weitere Details hierzu finden sich in Kapitel
3.1. Handlungsempfehlungen für die Freie Szene.) Die anvisierte Erhöhung der Mittel
für das kommende Jahr sollte in diesem Sinne verstetigt werden.

1.5

Stärken:
-

-

1.4.3 Einrichtung einer unabhängigen Expertenrunde
Die Neustrukturierung der Förderinstrumente ist eine ebenso komplexe wie politisch
umstrittene Aufgabe. Die Stiftung Zukunft Berlin empfiehlt deshalb, eine unabhängige Expertenrunde zu berufen und damit zu betrauen, die folgenden Teilaufgaben zu
bearbeiten:
•

Analyse der bisherigen Förderinstrumente im internationalen Vergleich

•

Diskussionsprozess zur Förderpolitik unter Einbeziehung bürgerschaftlicher
Einrichtungen und Akteure

•

Neukonzeption von innovativen Förderinstrumenten für Berlin

•

Vereinfachung der Vergabe- und Abrechnungsmodalitäten

Schwächen:

Berlin hat sich in den letzten 25 Jahren zu
einem internationalen Hotspot künstlerischer
Produktion entwickelt
Anziehungskraft und Ausstrahlung Berlins
als Hauptstadt und Metropole
Größte und vielfältigste freie internationale
zeitgenössische Tanzszene in Europa
Größtes Medienangebot Deutschlands
Gewachsenes Angebot an Ausstellungshäusern
Wichtiger internationaler Standort der aktuellen Produktion zeitgenössischer Kunst
Größter Galerienstandort Europas
3 Opernhäuser, das Staatsballett und
7 Schauspielbühnen mit festen Ensembles
Hervorragende Orchester und Opernhäuser
mit internationaler Ausstrahlung
Gut funktionierende Verwaltung
Wachsendes Gewicht der Kulturpolitik im
Rahmen von Politik überhaupt (Regierender
Bürgermeister = Kultursenator)

-

-

-

-

-

Chancen:
-

-

-

-

-

-

13

Kultur und Kulturpolitik in Berlin

Schwache ökonomische Basis, niedriges Einkommensniveau, starke bildungsferne
Schichten, in den Schulen viel zu häufiger
Ausfall der musischen Fächer
Wenig Systematik von Fördersystemen und
Zuständigkeiten zwischen Bund und Land
Etatistische Mentalität in Politik, Behörden
und Gesellschaft
Arbeitsergebnisse zur Kultur als Zukunftsthema werden nicht verfolgt, z. B. EnqueteKommission Zukunftsfähiges Berlin 1999
Zu geringe Ausrichtung auf die kulturelle
Dimension Europas
Finanzielle Restriktionen mindern Wirkungsgrad von Institutionen und Freier Szene
Mangelhafte Verzahnung von Zuständigkeiten, z.B. Kreativwirtschaft-SenWTF / Kulturpolitik-SenKult
Mangelndes Bewusstsein für Kulturpolitik in
den Parteien (und ihren Programmen) und
Fraktionen
Mangel an kompetenten Kulturpolitiker*innen

Risiken:

Synergien zwischen kulturellen Leistungen
des Bundes und Berlins
Synergien zwischen Freier Szene und Institutionen, Kultur / Kunst und Wissenschaft /
Forschung / Wirtschaft
Geographische Lage in der Mitte Europas –
Nähe zu Polen u. Osteuropa
Europa: Berlin als Vorreiter einer Kulturpolitik der Städte Europas für ein Europa der
Bürger
Hauptstadt: Verflechtung der Kulturpolitik mit
dem Bund, den Ländern und Botschaften und
deren Kulturinstituten
Demographie: Zuzug von jungen Menschen,
von Kulturschaffenden und Leistungsträgern
mit kulturellen Ansprüchen
Erwartungen an Berlin als nationales und
internationales Kulturzentrum; Ausbau von
TTT (Technology-Talent-Tolerance)
Zunehmende Nachfrage und Aktivitäten durch
wachsende Zeitbudgets, mehr ältere Menschen mit Lebenserfahrung und Kulturbedürfnissen

14

-

-

-

Falsches Sicherheitsbewusstsein, Ausblenden von Gefährdungen
Abwanderung kultureller Leistungsträger
Gentrifizierung: Verlust des Standortvorteils
niedriger Mieten und reichhaltiger Flächenangebote
Gefährdungen des Landeshaushalts:
2017 Auslaufen des Hauptstadtvertrags;
2019 Auslaufen des derzeitigen Länderfinanzausgleichs; Anstieg der Pensionslasten
Berlins (2014 auf 2 Mrd. €, bis 2050 66 bis
69 Mrd. € insgesamt)
Kostensteigerungen
Überalterung des Publikums einzelner Sparten
Ungeklärtes Aufgabenverhältnis
Bezirke – Stadt – Bundesland – Hauptstadt

2. DIE SPARTENSPEZIFISCHEN HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN &
SWOT-ANALYSEN
2.1

Stärken:
-

Berliner Bühnen – Schauspiel, Oper, Tanz

Handlungsempfehlungen:

-

1. Hinreichende Finanzierung der bestehenden Bühnen.

-

2. Berlin sollte die in Europa einmalige Vielfalt ständig spielender Theater und

Opern, die Orchesterlandschaft und die kaum überschaubare Freie Szene
stärker für die Außendarstellung der Stadt nutzen.

-

3. Die Tarifverträge des nicht künstlerisch beschäftigten Personals sowie die

bestehenden Kollektivverträge der Opernorchester und Opernchöre in den
Theatern und Opernhäusern müssen im Hinblick auf die Flexibilisierung der
Arbeitszeiten an die für das künstlerische Solopersonal geltenden Tarifverträge angepasst werden. Eine einheitliche Arbeitszeitgestaltung für den Probenund Vorstellungsbetrieb sollte endlich eine Selbstverständlichkeit werden.

-

4. Übertragung der Tarifkompetenz an den Deutschen Bühnenverein für die Ge-

samtheit der Theater-Beschäftigten im Sinne einer einheitlichen Interessenvertretung der Arbeitgeber.

-

5. Bemühungen um das Publikum mit Migrationshintergrund sollten verstärkt

werden. Die speziellen Angebote von Theatern und Opern müssten durch Vorbereitungen in den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen intensiviert
werden.

15

Schwächen:

3 Opernhäuser, das Staatsballett und
7 Schauspielbühnen mit festen Ensembles und großem Repertoire, darunter
2 Kinder- und Jugendtheater
Nebenspielstätten für neue Theaterformen und Nachwuchsförderung
Ganzjähriger Spielbetrieb, mit Ausnahme
sechswöchiger Theaterferien
Spielpläne mit internationaler Dramatik
von der Antike bis zur Gegenwart
Positive Auswirkungen des permanenten
künstlerischen Wettbewerbs zwischen
den Schauspielbühnen auf die Vielfalt und
die Qualität des Angebots
Ständige internationale Gastspielpräsenz
der Berliner Bühnen
Weltweit nur in Berlin und Moskau vorhandenes Repertoire an Stücken sichert
hohen Anteil in- und ausländischer
Berlin-Besucher
Ergänzung des theatralischen Angebots
durch mehrere ständig spielende Privattheater, 3 Musicaltheater, ein Varieté
und den Friedrichstadt-Palast

-

-

-

-

Chancen:
-

Hohe Personalkosten der Repertoiretheater engen die disponiblen Mittel für
neue Produktionen mehr und mehr ein
Für die Arbeitsbedingungen des nicht
künstlerisch tätigen Personals gelten Tarifverträge des öffentlichen Dienstes, die
die speziellen Erfordernisse künstlerisch
arbeitender Betriebe nur unzureichend
berücksichtigen
Bislang unzureichende Bemühungen der
Schauspielbühnen um das Berliner Publikum mit Migrationshintergrund (ausgenommen die Kinder- und Jugendtheater
wie auch das neu strukturierte MaximGorki-Theater)
Wir sehen einen Mangel an großen deutschen und fremdsprachigen Theaterfestspielen

Risiken:

Als europäische Theatermetropole sollte Berlin mit den vom Bund getragenen
Festspielen als Ergänzung des deutschsprachigen Theatertreffens eine Reihe
„Theater der Europäischen Union“ etablieren, die jeweils im Herbst des Jahres 2
bis 3 Bühnen der Mitgliedsstaaten mit
von einer Jury auszuwählenden Gastspielen präsentiert

16

Die geradezu inflationäre Event-Kultur
mit scheinbar einmaligen „Ereignissen“,
die von Sponsoren unter Inanspruchnahme städtischer Ressourcen – zunehmend
aber auch finanzieller Mittel (!) – initiiert
werden, vermitteln einen mehr als fragwürdigen Kulturbegriff, der geeignet ist,
dem Publikum den Blick auf das eigentliche kulturelle Berliner Event zu verstellen: das ganzjährige vielfältige Angebot
der leistungsstarken Theater-, Opernund Orchesterlandschaft

2.2

Bildende Kunst

Stärken:

2.2.1 Bildende Kunst: Produktion und Präsentation
Handlungsempfehlungen:
1.

Der Berliner Atelierbestand muss gesichert werden. Darüber hinaus muss
es gelingen, neue Räume in das Atelierprogramm aufzunehmen. Dazu sind
vorrangig Ateliers und Werkstätten in landeseigenen Immobilien anzusiedeln.

2.

Zur Qualitätssicherung und zur Optimierung sind Kunstvereine als wichtige
Orte der Entstehung von Kunst finanziell überjährig bzw. mehrjährig zu
fördern.

3.

Honoraruntergrenzen für Ausstellungsvergütungen sind einzuhalten und
gegebenenfalls zu erhöhen.

4.

Mehr Arbeitsstipendien zur Förderung von Künstler*innen und ihren Produkten.

Gegenstand der SWOT-Analyse sind (a) die Kunstvereine, (b) Förderung der Bildenden Kunst und (c) Bezirkliche Kunst-Orte, Kunst- und Kulturförderung.

17

Schwächen:

Produktionsstrukturen
Produktionsstrukturen
Ateliers
- Kein politisches Gewicht
Werkstätten
- Keine Lobby
Orte für Diskurs
- Unzureichende Stipendien
(a) Kunstvereine
(a) Kunstvereine
- Karrieren beginnen oft in Kunstvereinen
- Es gibt keine gemeinsame Strategie, keinen
gemeinsamen Verbund, um größeres politi- lange Tradition der Unterstützung von
sches Gewicht zu bekommen
Künstlerinnen und Künstlern (Selbstver- Projektgelder fließen in Infrastruktur
ständnis bürgerliches Engagement / Ehrenamt)
(b) Projekträume
- Non-profit
- Initiativen, Projekträume etc. haben keine
- Ermöglichung der Produktion neuer Arbeiten
Kapazitäten und Ressourcen, Förderung zu
beantragen
- Verlag und Vertrieb
- Selten bis keine Ausstellungshonorare für
- Standardsetzung Kunstvermittlung
Künstler*innen
- fördern den kunstwissenschaftlichen Diskurs
- Betreiber haften mit Privatvermögen
- sind identitätsstiftend
(c) Bezirkliche Kunst-Orte, Kunst- und Kultur(b) Projekträume
förderung
- haben eigenen Professionalitätsanspruch
- Stellenressourcen sind sehr limitiert
und eigenes Profil
- sind flexibel in der Standortwahl
(c) Bezirkliche Kunst-Orte, Kunst- und
Kulturförderung
- Historisch gewachsene Dezentralität
- Diversität

-

Chancen:

Risiken:

Produktionsstrukturen
- Werkstätten: temporäre Produktionsphasen
- Konstante Arbeitsräume
- Sicherung von Räumen (Liegenschaften) für
Produktion
- Stipendien ermöglichen Produktion
(a) Kunstvereine
- Gewährleistung von Standards: Honoraruntergrenzen und Ausstellungshonorare
- Wegweisende Präsentationsformen
(b) Projekträume
- Besetzung von ungewöhnlichen Orten
(Zwischenmiete)
- Eigene Professionalisierungsstätte
(Praxiserfahrung, Verantwortung)
(c) Bezirkliche Kunst- und Kulturförderung
- Liegenschaftsfonds zugunsten von Kultur
und Stadt
- Landeseigene Immobilien, die für
unmittelbare Verwaltungszwecke dauerhaft
oder für einen längeren Zeitraum zur
Verfügung stehen

Produktionsstrukturen
- Förderung geht in die Mieten / private
Vermieter*innen
- Ateliers verschwinden aus der Stadt
- Werkstätten können nicht gehalten werden
- Ohne Stipendien, keine hochwertige
Produktion
(a) Kunstvereine
- Keine langfristige Planungssicherheit:
institutionelle, Projekt- und quasiinstitutionelle Förderung von Jahr zu Jahr
(b) Projekträume
- Drittmittelakquise ist nur möglich mit
Eigenmitteln
- Selbstbeauftragung führt zu Selbstüberforderung
- Prekäre und fragile Strukturen
(c) Bezirkliche Kunst- und Kulturförderung
- Kosten-Leistungsrechnung geht nicht auf

18

2.2.2 Bildende Kunst: Kunstmarkt, Galerien, Messen
Handlungsempfehlungen:

Stärken:
-

1. Die Dachmarke BERLIN ART WEEK steht für die Vielfalt der Kunst in Berlin.

Sie muss vor allem finanziell gestärkt werden.

-

2. Zur Stärkung des Berliner Kunstmarktes wird die Wiedereinrichtung einer

Kunstmesse für zeitgenössische Kunst und Klassische Moderne empfohlen.
3. Als weiteres Instrument zur Belebung der Nachfrage nach zeitgenössischer

-

Kunst ist die Einrichtung eines Kunstkauf-Fonds zu prüfen. Eventuell kann
hier auf Public-Private-Partnership-Modelle zurückgegriffen werden.
4. Darüber hinaus ist dringend geboten, die Akteure des Kunstbetriebs in die Ge-

staltung kultureller Aktivitäten / Maßnahmen und Einrichtungen der Stadt /
Hauptstadt einzubeziehen. Ebenfalls muss eine verlässliche Vernetzung freier
Organisations- und Verbandsstrukturen der Kunst-Szene mit der Verwaltung
(Einrichtung eines beratenden Gremiums Bildende Kunst) aufgebaut werden.

-

-

5. Die Investition in attraktive Kreativ-Standorte muss auch die Architekturszene

einbeziehen, da so mit innovativer Architektur verbundene Atelierhäuser und
Galeriequartiere entstehen können, die eine zusätzliche Sogwirkung entfalten.

-

Schwächen:

Gewachsenes Angebot an Ausstellungshäusern (Museen, Institutionen, Galerien)
Standort der aktuellen Produktion der
zeitgenössischen Kunst (über 40 % der an
der Biennale von Venedig und der Documenta in Kassel beteiligten Künstler*innen leben und arbeiten in Berlin)
An die 400 kommerzielle Galerien vermitteln aktuelle Gegenwartskunst von ca.
6.000 Künstler*innen in jährlich mindestens 3.000 Ausstellungen (ohne Eintritt),
die ca. 1,1 Mio. Besucher*innen auf rund
60.000 qm Ausstellungsfläche anziehen
(= größte Ausstellungshalle Berlins)
Größter Galerienstandort Europas, nach
wie vor zahlreiche Neugründungen bzw.
internationale Dependancen
Traditionsreiche wie neu aufstrebende
Galeriequartiere mit unterschiedlichen
Charakteristika (Vielfalt)
Wachsende Zahl von Privatsammlungen

-

-

-

-

-

Chancen:
-

-

-

-

-

19

Kaum konzertierte Kommunikation des
Angebots der verschiedenen Einrichtungen
Eventlastigkeit der Ausstellungskultur
(based in Berlin)
Prekäre Umsatzzahlen von rund 40 % der
kommerziellen Galerien (unter 50 T. Euro
Umsatz im Jahr!) sowie prekäre Künstlerschaft
Fehlender breit aufgestellter Kunstmarktplatz (keine Messe für Klassische,
Moderne und Gegenwartskunst)
Fehlende Konzepte zur Belebung der
Nachfrage nach zeitgenössischer Kunst
(Kunstkauf-Fonds ähnlich MondrianStiftung / NL, OwnArt / UK)
Fehlende Einbindung eines paritätischen
Gremiums aller Akteure der BK (Produktion, Vermittlung, Präsentation) in die Gestaltung von Kulturpolitik

Risiken:

Stärkung der Ansiedlung Kulturschaffender durch geeignete Instrumente wie
konsequente Liegenschaftspolitik mit gezielter Förderung von Kreativ-Anteilen
(für Produktion / Vermittlung / Präsentation)
Wiedererstarken eines Berliner Kunstmarktplatzes durch gezielte Maßnahmen
zur Einrichtung einer internationalen
Kunstmesse
Anknüpfungspunkt an die Hochkultur des
klassischen Kunsthandels
Anziehung der internationalen Kunstklientel durch beherzte Investition
seitens des Landes Berlin in das Kulturmarketing zeitgenössische Kunst, z. B.
für die BERLIN ART WEEK
Rückgriff auf gewachsene wie transparente Organisationsstrukturen innerhalb
der verschiedenen Bereiche der Bildenden Kunst (Verbände und Initiativen)
Einrichtung von Plattformen für die gemeinschaftlichen Präsentationen der
kleinen Galerien, damit auch die international wahrgenommen werden

20

-

-

-

-

Verlust der breiten Infrastruktur der
Stadt durch Gentrifizierung insbesondere
vor dem Hintergrund des Quartiersmanagements
Schließung zahlreicher Galerien auf
Grund zu hoher wirtschaftlicher Belastung vor allem durch Verlust des ermäßigten Steuersatzes von 7 % im gewerblichen Kunstkauf (Galerien 19 %)
Gefährdung der Plattform BERLIN ART
WEEK als Kunstmarktplatz im Herbst und
damit weiterer Imageverlust als vielfältige Kunstmetropole (Diversity)
- Fokussierung auf Einzelinteressen und
Sonderformate mit zu geringer und wenig
nachhaltiger Standortausrichtung

2.3

Literatur – Literarische Einrichtungen und ihre Veranstaltungen

Handlungsempfehlungen:

Stärken:
-

1. Anpassung der Mittel an heutige Standards für Projekte, Honorare (als indi-

rekte Autoren*innenförderung) und Reisekosten. Die fünf von Berlin geförderten literarischen Institutionen haben seit ihrer jeweiligen (Jahrzehnte zurückliegenden) Gründung keine Erhöhung der Mittel erfahren. Sie sind häufig nicht
einmal in der Lage, den erforderlichen Eigenanteil an Drittmittel-Projekten zu
leisten, müssen also auf Fremdfinanzierungen verzichten.
2. Stärkung des Selbstbewusstseins Berlins als Literaturstadt Europas und als

deutsche „Hauptstadt“ der Lyriker*innen. Verdeutlichung dieses Bewusstseins auch in der Außendarstellung.

-

-

3. Weiterförderung des Internationalen Literaturfestivals (ilb) und des Poesie-

festivals (federführend: Literaturwerkstatt) unter Beteiligung aller literarischen Einrichtungen Berlins.

-

4. Förderung der Zusammenarbeit mit literarischen Einrichtungen anderer Län-

-

der, Bundesländer und Städte als Teil einer kulturellen und literarischen „Außenpolitik“ Berlins.
5. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD verfügt über Stipendiaten-

-

Wohnungen für ausländische Künstler*innen. Gemeinsam mit den deutschen
Landesvertretungen in Berlin könnte auch Wohnraum für writers in residence
aus den Bundesländern geschaffen werden.

-

Schwächen:

Regelmäßige Präsentation neuer deutscher und fremdsprachlicher Literatur
durch Autor*innen / Übersetzer*innen /
Moderator*innen bzw. Kommentator*innen / professionelle Sprecher*innen
Rückblicke auf frühere Bücher, literarische Epochen / Ereignisse / Gruppierungen auch in Gesprächsrunden mit Literaturhistoriker*innen / Zeitzeugen
Ausblicke auf andere Länder und ihre
gegenwärtige Literaturszene (Beispiel:
neue bulgarische Lyrik mit 4 oder 5 Autor*innen etc.). Mitveranstalter: Botschaften, Kulturvertretungen
Literaturpreise, vergeben im Haus oder
vom jeweiligen Haus als Mittel der
Autorenförderung
Ausstellungen zu Literaturthemen oder
Autor*innen (überwiegend im Literaturhaus, aber auch an anderen Orten:
Akademie der Künste, Liebermann-Haus)
Ausweitung des Literaturbegriffs durch
Einbeziehen von Zeitgeschichte, Politik,
Soziologie, Psychoanalyse
Sinnvolle Koproduktionen mit Wissenschaftsinstitutionen und Verlagen

Chancen:
-

-

-

21

Bekanntheitsgrad und Popularität von
Autor*innen und Fragestellungen wirkt
sich auf Besucher*innenzahlen aus. Das
heißt umgekehrt: Das Unbekanntere erreicht auch hier nur einen kleineren Kreis
Prosa schlägt Lyrik. Die Literaturwerkstatt setzt deshalb zunehmend auf Poesie
und mündliche Texte (siehe auch:
lyrikline.org)
Für die internationalen Stars der
Literatur sind die Veranstaltungsräume
zu klein

Risiken:

Förderung der Wahrnehmung von
Literatur als Kunst
Weckung des Bewusstseins für literarische Formen und Strukturen. Noch zu
selten: vergleichende Einbeziehung der
Naturwissenschaften
Anregung zu Gesprächen, Beiträge zum
literarischen Leben der Stadt
Bekanntheit fördernde kontinuierliche
Wiedereinladung von Autor*innen bei
wachsenden Besucher*innenzahlen
Weckung des Verständnisses für die Bedeutung des Urheberrechts

-

22

Stagnierende Zuwendungsbeträge seit
Gründung der Institutionen
Weggang von Autor*innen
Abhängigkeit von Verlagen in der Rolle
der Programmanbieter*innen
Mangelnde Lesesozialisation selbst bei
Literaturstudent*innen

2.4

Musikleben

Stärken:

Handlungsempfehlungen:

-

1. Investieren in musikalische Bildung für alle Altersklassen, sowohl im Bereich

-

Schule und Musikschule wie auch bei Orchestern und Veranstaltern, u. a.
•

Weiterbildung von Erziehenden und Lehrenden.

•

Mehr festangestellte Mitarbeiter*innen in Musikschulen.

•

Gezielte Gewinnung von Erwachsenen (z.B. 50 + Generation) für die
Musikschulen-

2. Nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten für Orte und Ensembles. Schaffung

eines mehrjährigen Förderinstruments für freie Ensembles und Orchester.
3. Förderung wichtiger Musikgattungen und -richtungen wie Neue Musik, Alte

-

Musik, Jazz, Rock und Pop im Bereich freier Gruppen.
4. Unterstützung von Musik-Clubs, die den Künstler*innen meist nur sehr spär-

liche Honorare zahlen können – wenn überhaupt.

-

Schwächen:

Hervorragende Orchester und Opernhäuser mit internationaler Ausstrahlung
International anerkannte Dirigent*innen
Barenboim, Rattle, Runnicles, Sokhiev,
Ticciati, Jurowski, Fischer usw.
Hervorragende Konzertsäle
Gute Ausbildungsmöglichkeiten für alle
Sparten der Musik, auch für Jazz
Starke Szene der Laienmusik
Große Tradition der Chöre, Vokalmusik
Reiche Szene an freien Ensembles, auch
für Neue Musik
Lebendige Jazzszene
Gut besuchte Musikfestivals wie
Jazztage, Ultraschall, young euro classic
Attraktiv als Wohnort für internationale
Musiker*innen
Viele Komponisten leben in Berlin
Präsenz von GEMA, Verlage, major labels,
Studios
Bedeutende Clubszene
Kreativer Ort zur Grenzüberschreitung
zwischen E und U
Moderate Eintrittspreise
Starke Besucher*innenorganisationen

-

-

-

Chancen:
-

23

Überalterung des Publikums
Musikalische Bildung unterentwickelt,
Situation des Musikunterrichts an
Schulen problematisch
Zeitgenössische Musik nicht genug im
Fokus
Musikfest unterfinanziert (Bund)
Alte Musik unterfinanziert
Potenzial der Migrant*innen nicht
genügend genutzt
Schlechte Verdienstmöglichkeiten für
freie Musiker*innen
Konzentration auf die Berliner Mitte,
Musik in den Bezirken eher auf lokalem
Niveau
Raumprobleme
Zu wenig Raum für interdisziplinäre
Experimente
Zu wenig Übungsräume für
Musiker*innen
wenig Gastspiele internationaler
Orchester

Risiken:

Weiterbildung in Kindergärten und
Schulen
Erhöhung des Anteils der Festangestellten in Musikschulen
Ausrichtung auf die Zielgruppe der
Erwachsenen in den Musikschulen
Gezielte Förderung von zeitgenössischer
und Alter Musik
Mehr Werbung von jungen Zielgruppen
als Konzertbesucher*innen
Musikalische Bildung kann helfen bei
Problemen der Integration
Musikleben auch attraktiv für Touristen
und als Kulturbotschafter Berlins

24

-

Publikum könnte weiter überaltern
Musiker*innen könnten abwandern
wegen Verteuerung der Lebenshaltungskosten

2.5

Tanz

Stärken:

Handlungsempfehlungen:

-

1. Der Tanz in Berlin braucht dringend einen Zukunftsplan, der eine Perspektive

für alle Akteure aufzeigt und die Vernetzung mit anderen Künsten sowie Institutionen, d. h. Konzerthäusern, Schauspielbühnen und Opernhäusern vorantreibt. Bund und Land müssen hier strategisch besser zusammenarbeiten,
denn es gibt aktuell viele offene Türen, weil der Bund einen Handlungsbedarf
für den Tanz sieht und auf nationaler Ebene neue Wege gehen möchte – Hand
in Hand mit den Ländern. Dieser Zukunftsplan kann nur von den Akteuren des
Tanzes selbst kooperativ mit der Verwaltung und der Politik, verstärkt durch
die Unterstützung fachlicher internationaler Kompetenz entwickelt werden.
2. Der Tanz braucht eine künstlerische Heimat und daher mindestens ein Haus

mit institutioneller Förderung. Es kann auch die Aufgabe einer Intendanz sein,
einen bestehenden Ort durch Tanz und Interdisziplinarität neu zu profilieren.
Darüber hinaus müssen freie Spielstätten mittlerer Größe finanziell besser
ausgestattet werden, um Tanzvorstellungen dem Publikum kontinuierlich zugänglich zu machen. Erschließung weiterer Spielräume durch neue Kooperationsmodelle mit allen für Tanz geeigneten Bühnen. Das Schillertheater könnte ein solches Haus sein, wenn die Staatsoper wieder in ihre eigenen Räume
zurückkehrt.

-

-

-

3. Tanz in Berlin wird – vom institutionell geförderten Staatsballett abgesehen –

weitgehend in Projekten realisiert und durch unterschiedliche Töpfe zeitlich
befristet finanziert. Nur durch Ensemblearbeit und Repertoirepflege können
Werke jedoch dauerhaft am Leben erhalten werden (d. h. mittelfristige Förderung). Ein Paradigmenwechsel der Förderung ist hier vonnöten, um eine Analogie zum Schauspiel herzustellen, für das Ensemblearbeit und Repertoirepflege eine Selbstverständlichkeit darstellen.

Größte und vielfältigste Tanzszene
Europas
Große Vielfalt dezentraler Strukturen und
Spielstätten wie Staatliche Ballettschule,
AdK, adaStudio, Halle, HAU, HdBF, HKW,
Dock11, LaborGras, Tanzfabrik, Radialsystem, Sophiensæle, Uferstudios
Das Staatsballett ist größte deutsche institutionelle Struktur des Tanzes und bespielt alle drei Opernhäuser
Sasha Waltz & Guests ist in Berlins wichtigster Kulturbotschafter des Tanzes
Internationales Festival „Tanz im August“
ist das größte deutsche Festival
Wachsende Publikumsresonanz für Tanz
TanzRaumBerlin als Kooperationsstruktur
„Tanz an den Schulen“ ist Vorreiter und
Modell in der Kulturellen Bildung
Mehrstufiges Berliner Fördersystem
Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz
Tanz ist eine universelle Sprache: Multikulturalität ist die Regel, nicht die Ausnahme

-

-

-

-

-

Chancen:
-

-

-

-

-

25

Schwächen:
Fördertöpfe für den Tanz sind trotz Erfolg
und Bedarf zu gering ausgestattet. Finanzierung erfolgt v. a. über temporäre Projektmittel, kaum über institutionelle Mittel
Staatsballett, Opern und Schauspielbühnen arbeiten mit Tanz-Szene kaum zusammen (Ausnahme: Schaubühne und
Sasha Waltz an den Opern)
Staatsballett hat das moderne Repertoire
des 20. Jahrhunderts und den zeitgenössischen Tanz zu wenig im Programm
Mangel an Häusern und Koproduzenten
In freien Ensembles ist Festanstellung
von Tänzer*innen und Repertoirepflege
kaum möglich
Großformatige Stücke für große Bühnen
entwickeln nur das Staatsballett, Sasha
Waltz & Guests und zuweilen die Staatliche Ballettschule. Viele Tanzprojekte
der Szene beschränken sich auf die
kleine Form: Soli, Duette, Trios

Risiken:

Internationalität:
„Tanz-Made in Berlin“ ist eine Marke.
Dieses Potential sollte positiv zum weltoffenen Image Berlins genutzt werden.
Berlin könnte weltweit die Hauptstadt des
Tanzes werden
Innovation:
Institutionen benötigen stetige Erneuerung. Tanz als wichtiger Innovationsfaktor
Integration:
Sprache des Tanzes ist universal. Tanz in
der Bildung wirkt als Katalysator für Integration
Investition:
Der Bund sollte sich gemäß Matching Finanzierung auf der Grundlage einer
Bund-Land-Initiative zur Stärkung des
Tanzes als Kunstform einbringen
Institution:
Durch ein bestehendes Haus, das vom
Tanz neu profiliert wird, könnte ein dringend notwendiger institutioneller Status
entwickelt werden

26

Die Blütezeit des Tanzes in Berlin könnte
schnell wieder vergehen, wenn die in den
letzten beiden Jahrzehnten neu entstandenen Strukturen nicht erhalten und gestärkt werden
Choreograph*innen, die keine Perspektive für eine langfristige Entwicklung mehr
sehen, könnten in andere Städte und
Länder abwandern (Bsp.: Xavier Le Roy)
Berlin hat gerade im Tanz einen guten
Ruf zu verlieren

3. HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN FÜR BESONDERE TEILBEREICHE
3.1

2. Verbesserung der Antragssituation, im Einzelnen:
•

Freie Szene

Definition „Freie Szene“: Die Gesamtheit aller in Berlin frei produzierenden Künstler*innen, Ensembles, Einrichtungen und Strukturen in freier Trägerschaft aus den
Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Tanz, Schauspiel, Performance, Neue
Medien, Musik von Barock, Elektro, Jazz, Klassik bis zur Neuen Musik, Musiktheater,
Kinder- und Jugendtheater, Literatur sowie alle spartenübergreifenden und transdisziplinären Arbeiten.
In künstlerischer Hinsicht ist Berlin ein weltweit Maßstäbe setzendes Zentrum
künstlerischer Produktion geworden. Die Freie Szene hat sich in den letzten Jahren
deutlich professionalisiert und organisiert. Dementsprechend hat sie gegenüber Öffentlichkeit und Politik in kulturpolitischer Hinsicht eine Ansprechbarkeit hergestellt,
die auch in politischer Lobbyarbeit operationalisierbar wurde. Dies hat sich in den
Haushaltsentscheidungen 2016/2017 niedergeschlagen. Obgleich das eklatante
Förderungleichgewicht zwischen institutioneller Förderung und Freier Szene nach
wie vor bestehen bleibt, wird der Haushaltsanteil für die Freie Szene pro Jahr um ca.
€ 10 Mio. ansteigen. Etliche Forderungen der Freien Szene bleiben nach wie vor unrealisiert, jedoch sind grundsätzliche Anerkenntnis von Honoraruntergrenzen in der
Förderung, Ausstellungshonoraren in öffentlich geförderten Kunstvereinen und ein
erster Ansatz an strukturell wirkenden Stipendienanzahlen in der bildenden Kunst
erfreuliche Entwicklungen.
Die Sicherung von Räumen zur Produktion und Präsentation tritt neben ausreichender Förderung zunehmend in den Fokus politischer Handlungsnotwendigkeit. Auch
darauf wurde jedoch auf Empfehlungen des Arbeitskreis Räume der Koalition der
Freien Szene folgend mit der ordentlichen Einrichtung einer Taskforce von Raumfachleuten in einem ersten Schritt reagiert.

Akteure von Verwaltungsaufgaben entlasten

•

Antragsverfahren vereinfachen

•

Vergabekriterien offen legen

3. Sicherung von bestehenden Räumlichkeiten aus dem Eigentum des Landes

Berlin und ihrer Tochtergesellschaften wie auch der Bezirke für Kunstschaffende der freien Szene.
•

Im Fall des Auslaufens der bisherigen Mietverträge: Verlängerung
dieser Mietverträge auf mittelfristige Sicht und zu einem für die
Kunstszene bezahlbaren Mietzins.

•

Im Fall des vorgesehenen Abschlusses von neuen Mietverträgen:
Sicherstellung, dass Künstler auf mittelfristige Sicht und zu vertretbaren Preisen Mieträume vertraglich gebunden erhalten können.

Schaffung neuer Räumlichkeiten für die Kulturschaffenden, wenn es darum
geht, Objekte, die bisher vom Liegenschaftsfonds mit dem Ziel der Veräußerung gemanagt wurden, einer dauerhaften Zukunftsnutzung für die
Kultur zuzuführen.
4. Schaffung einer Struktur der Freien Szene vergleichbar dem Music Board mit

Mitteln zur Projektförderung, zur Nachwuchsförderung, zur Förderung von
Räumen, mit Ressourcen für Standortmarketing und internationalen Austausch.

Handlungsempfehlungen:
1. Mittelerhöhung für die Freie Szene, im Einzelnen mit folgenden Maßnahmen:
•

Stipendien für Künstler *innen

•

Projektförderung mit angemessener Bezahlung

•

Künstlerische Produktionsetats bei Ankerinstitutionen und für freie
Häuser

•

Reduktion der Eigenanteile

•

Verlängerung der Förderzeiträume

•

Ermöglichung von Wiederaufnahmen, Repertoirebildung

27

28

Stärken:

Schwächen:

Berlin hat sich in den letzten 25 Jahren zu dem internationalen Hotspot künstlerischer
Produktion entwickelt, der die Stadt in eine
Linie mit Paris (1940-‘50), London (1960-’70),
New York (1980-’90) stellt.
- Durch Vorhandensein von Produktionsraum und günstigen Lebensbedingungen
ist Berlin internationaler Anziehungspunkt hochausgebildeter Innovationsträger geworden
- Berlin gilt als Vorbild partizipativer politischer Strukturen (Forum StadtSpree,
Tempelhofer Feld)
- Es besteht großes Kreativ- und Innovationspotential und große Diversität
- Nach wie vor ungebrochener Zustrom
internationaler Künstler*innen
- Die Quantität der in Berlin arbeitenden
Künstler*innen aller Sparten erzeugt ein hohes Potential transdisziplinären
Arbeitens
- Die in Berlin produzierte Kunst hat internationale hohe Anerkennung und
Anziehungskraft
- In Berlin produzierte Kunst besitzt internationale hohe Bedeutungsrelevanz
- Berlin steht am Zenit seiner künstlerischen Attraktivität. Das künstlerische
Potential ist gewaltig
- Kunst ist Teil des Markenimages der
Stadt Berlin

Chancen:
-

-

-

Den tatsächlichen Gegebenheiten nicht
angepasste Fördermöglichkeiten bzw.
Förderbudgets durch den Senat trotz
Aufstockungen in 2016/2017
Keine wirtschaftliche Förderung beim
nationalen wie internationalen Touring,
Messebesuchen, Festivalbesuchen
Dadurch zu geringe Repräsentanz auf
internationalen Märkten
Projektbasierte Antragsstellung ist im
Verhältnis zu den Erfolgs- und Verdienstchancen zu aufwändig
Schlechte Planbarkeit konstanter künstlerischer Arbeit
Eklatanter Mangel an Strukturen, die alle
Phasen künstlerischer Arbeit abdecken.
„Gläsernes Dach“ bei „drohendem“ internationalem Erfolg
Der Output liegt deutlich unter dem
Potential
Sich ständig verschlechternde Arbeitsbedingungen
Bisher bestehende Freiräume künstlerischer Produktion gehen verloren

Risiken:

Verständnis von künstlerischer Produktion als Querschnittsaufgabe der Stadt
Nutzung der in der künstlerischen Produktion liegenden Expertise für die Herausforderungen der wachsenden Stadt
Bei Anpassung der Förderung an die
tatsächlichen Gegebenheiten könnte der
Berliner Erfolg der künstlerischen
Produktion verstetigt werden
Künstlerische Produktionen können als
Beispiel für Partizipation einer aktiven
Bürgerschaft dienen, Beispiel: City Tax

29

-

-

-

-

Nach einer langen Phase der Zuwanderung von Künstler*innen hat die Abwanderung bereits eingesetzt
Ständig wachsende Produktions- und
Lebenshaltungskosten werden durch
Steigerungen im Kulturhaushalt kaum
aufgefangen
Die Preissteigerungen u. a. im Immobilienbereich verdrängen die künstlerisch
Tätigen
Neuzuwanderungen nutzen die Stadt als
Kulisse anstatt als selbst ergriffenen
Wirkungsraum: die künstlerische
Produktion verliert an Relevanz, die Stadt
an Attraktivität

3.2

Institutionen im Kulturbereich

Als Institutionen bezeichnet man im Kulturbereich alle Kultureinrichtungen, die im
Haushalt des Landes Berlin einen eigenen festen Haushaltstitel haben. Im Berliner
Landeshaushalt sind knapp 90 % der Mittel institutionell gebunden.
Waren früher die öffentlich geförderten Institutionen unmittelbare Einrichtungen des
Landes Berlin, ist es heute so, dass es ganz unterschiedliche Rechtsformen gibt.
Seit Mitte der 90er Jahre wurden – bis auf ganz wenige Ausnahmen – viele Einrichtungen (Deutsches Theater, Volksbühne, Maxim-Gorki-Theater, Theater an der
Parkaue) in eine haushälterisch selbstständige Trägerschaft gem. § 95 der Landeshaushaltsordnung des Landes Berlin überführt. Damit wurde die klassische
Kameralistik unselbstständiger Einrichtungen beendet und die Institutionen bekamen neben dem eigenen Haushaltstitel im Landeshaushalt auch die dezentrale
Haushaltsverantwortung, blieben aber Landeseinrichtungen.
In den 1990er und 2000er Jahren wurden zunehmend mehr Einrichtungen in eine
selbständige Rechtsform überführt. Das waren vor allem die neuen („unechten“)
Stiftungen des Landes Berlin, wie z.B. die Stiftung Stadtmuseum, die Stiftung Berlinische Galerie, Berliner Philharmoniker oder die Stiftung Oper in Berlin. Diese Stiftungen sind auf der Grundlage von Stiftungsgesetzen auf Dauer angelegt und haben
in der Regel kein eigenes Vermögen, sondern sind durch langfristige Verpflichtungen
(„Verpflichtungsermächtigung“) im Landeshaushalt überjährig abgesichert.
Die dritte Form der Institutionen sind die in einer gänzlich selbstständigen Rechtsform, in der Regel sind dies GmbHs im Landesbesitz (Friedrichstadt-Palast) bzw.
Gesellschaften mit einer Beteiligung des Landes Berlin wie die Rundfunkorchester
und Chöre GmbH. Zusätzlich existieren rein private GmbHs bzw. gGmbHs (Berliner
Ensemble, Renaissance-Theater, Schaubühne, Grips-Theater), die vom Landesgesetzgeber auf Dauer gefördert werden und ebenfalls eigene Haushaltstitel haben.
Einige dauerhaft geförderte Institutionen sind auch noch als Vereine organisiert, was
sich aus der Tradition erklärt (z.B. Literatureinrichtungen).
Die rechtliche Trägerschaft ist nicht systematisch, d.h. bis heute gibt es keine nachvollziehbare Strukturierung, nach welchen Kriterien welche Einrichtung in welcher
Rechtsform existiert.
Neben der Frage der Rechtsform ist die Frage der Zuständigkeit für die Institutionen
sehr willkürlich. Die Kulturzuständigkeit liegt verfassungsrechtlich bei den Bundesländern, aber zunehmend hat der Bund – insbesondere für Berlin – in Zeiten knapper
Kassen die Trägerschaft übernommen. Nicht immer lassen sich dafür nachvollziehbare Kriterien wie die „gesamtstaatliche Bedeutung“ (z.B. bei der Akademie der
Künste) oder die „Singularität“ (Filmmuseum etc.) für die Zuständigkeit durch den
Bund anführen.

30

Handlungsempfehlungen:

SWOT Analyse „Institutionen“

1. Dauerhafte und nachvollziehbare Klärung einer Bundes- oder Landeszuständigkeit, die verfassungsfest ist (Prinzip: „Gesamtstattliche Bedeutung“,
„Singularität“).
2. Intendant*innen-Verträge sollten in der Regel zwei Mal fünf Jahre gelten
(Ausnahmen: Museen, Gedenkstätten) und Zielvorgaben enthalten.
3. Es sollte regelmäßig eine qualitative Evaluierung über die erfolgten Entwicklungen der Institution stattfinden.
4. Sicherung der Handlungsspielräume durch regelmäßige, „automatische“
Tarifsteigerung zumindest für das festangestellte Personal.
5. Kriterien der Vergleichbarkeit der notwendigen Budgets jenseits der reinen
Kosten- und Leistungsrechnung entwickeln und anwenden.

Stärken:
-

-

-

Schwächen:

In der Regel ausreichend finanziert und
langfristig abgesichert
Die künstlerische Freiheit ist gegeben.
Nur geringer Druck bezüglich der Auslastungszahlen
Bezahlung des Personals in der Regel
angelehnt an den TV ÖD
Planungssicherheit
Feste Ansprechpartner*innen und meist
lange Amts- oder Dienstzeiten bei den
Leitungspositionen
Gute Vernetzung in Politik und Gesellschaft
Mittel für Öffentlichkeitsarbeit vorhanden
Leichter Zugang zu zusätzlichen Fördergeldern (Lotto, HKF etc.)

-

-

-

-

-

Chancen:
-

-

-

-

-

-

-

31

Auch bei langfristig künstlerischer Erfolglosigkeit kaum Änderungsmöglichkeit
Keine Evaluierung
Keine Vergleichbarkeit des Finanzbedarfs
zwischen Institutionen mit ähnlichen Aufgaben
Häufig starre und hierarchische Binnenstrukturen, dadurch geringere Flexibilität, die sich durch die haushälterische
Eigenverantwortung deutlich verbessert
hat
Lange Amtszeiten der Intendanten führen
zu verkrusteten Strukturen. Innovationen
fehlen
Starre „Dienstzeiten“, vor allem beim
nichtkünstlerischen Personal, aber auch
bei Orchestern
Bei Bundesinstitutionen fehlt oft die Anbindung an das Publikum vor Ort (Deutsches Historisches Museum, Akademie
der Künste, Haus der Kulturen der Welt )

Risiken:

Auf langjährige Existenz ausgelegte Insti- tutionen bieten langfristigen Konzepten
Raum
Rahmen für den Bestand des kulturellen
Schaffens einer Gesellschaft
Für den Aufbau eines adäquaten Samm- lungsbestand gemäß des Sammlungsauftrags benötigen Museen die Chance einer
längerfristigen Perspektive
Absicherung von Orchestern mittels institutioneller Förderung fördert Qualität
(Ausbau des Klangkörpers auch an
unterschiedlichen Spielorten möglich)
Chancen der Darstellenden Kunst durch
Ortsgebundenheit und identifizierbare
Profilgebung eines Hauses
Für häufig wechselnden und permanenten Spielbetrieb langfristige Bindung des
technisches Apparates sinnvoll
Aufbau und Pflege eines DarstellerEnsembles einer langfristig bezuschussten Institution vergleichsweise einfacher
als bei einer projektbezogenen schauspielerischen Arbeit
Ebenso gilt das für Aufbau und Pflege
eines inhaltlichen Repertoires
32

Verhärtung der Binnenstrukturen und
Stehenbleiben der künstlerischen Entwicklung (gilt vor allem für Häuser ohne
jegliche Befristung der Leistungsstrukturen)
Ausreichende Förderung, um Personal
und Betriebskosten zu tragen, jedoch
nicht für künstlerische Produktion (führt
zu Einschränkung der künstlerischen
Freiheit, weil das Hauptaugenmerk auf
Ertrag ausgerichtet bleiben muss);
Forderung an Politik, diesen künstlerischen Prozess durch ausreichende Subventionen weiter zu ermöglichen
Schaffung neuer Institutionen im Gemeinwesen führt zu geringer finanzieller
Flexibilität im Haushalt für neue, außerhalb der Institutionen entstehende Projekte

3.3

Internationaler Kulturaustausch

Die Stiftung Zukunft Berlin empfiehlt die Wiedereinführung eines Referats für internationalen Kulturaustausch, das idealerweise beim Kulturstaatssekretär angesiedelt
ist und zugleich eng mit den benachbarten Ressorts zusammenarbeitet, um die Interessen der Kultur auch in anderen Zusammenhängen wie zum Beispiel bei Europafragen oder Wirtschaftsbeziehungen vertreten zu können.
Inhaltlich geht es hierbei in erster Linie darum, in Berlin einen für alle kompetenten
Ansprechpartner für internationale Kooperationsbeziehungen im Kulturbereich zu
benennen. Zu den wichtigsten Aufgaben zählen:
•

Eine erste allgemeine Kontaktstelle für alle Interessenten*innen an internationalen Kooperationsbeziehungen im Kulturbereich zu bilden und Orientierungshilfe zu bieten.

•

Eine zentrale Anlaufstelle für internationale Anträge / Projekte / Anfragen zu
schaffen, welche die einzelnen Vorhaben wahlweise selber betreut oder an die
zuständigen Einrichtungen weitervermittelt.

•

Die Zusammenarbeit der Stadt mit relevanten Einrichtungen wie dem Auswärtigen Amt, den Mittlerorganisationen wie z.B. Goethe-Institut, DAAD, IfA
und den ausländischen Kulturvertretungen sowie EUNIC in Berlin zu pflegen,
zu vertiefen und – wo nötig – zu koordinieren.

•

Die Rolle der Kultur in anderen Bereichen der internationalen Kooperationsbeziehungen zu stärken, insbesondere bei den Städtepartnerschaften.

•

Fachspezifische Kompetenzen und Kooperationsnetzwerke aufzubauen, die
eine langfristige Weiterentwicklung des internationalen Kulturaustauschs in
Berlin gewährleisten (Stichwort „Kompetenzzentrum“).

33

Stärken:
-

-

-

-

Schwächen:

Weltoffenheit und Internationalität Berlins haben die Wahrnehmung der Stadt
und der Republik positiv verändert;
Attraktivität Berlins strahlt auf den Rest
der Republik aus und trägt damit zu einer
Verbesserung des Deutschlandbilds im
Ausland bei
Hauptgrund für die Attraktivität liegt im
künstlerisch-kreativen Potential (nicht in
Party-Massen-Events am Brandenburger
Tor)
Berlin als kreatives Labor für künstlerische Innovationen und Disziplinen übergreifende Experimente ist tonangebend
und trendbestimmend. Berlin ist derzeit
die kulturell wichtigste Metropole Europas
Berlin spiegelt Geschichte, Gegenwart
und Zukunft wieder und ist thematischer
Nährboden für vielfältige Programme

-

-

-

-

Chancen:
-

Berlins Sonderrolle als Bundesland und
Hauptstadt schürt Verteilungskämpfe
zwischen den Bundesländern, daraus resultierende Stolpersteine verhindern
Planungssicherheit der kulturellen Szenen Berlins
Wenig interdisziplinärer Gestaltungswillen der städtischen Kulturpolitik (keine
Nutzung von Querverbindungen zu anderen Ressorts, z.B. Stadtentwicklungskonzept, welches Stärken von Kunst und Kultur zu wenig einbezieht). Damit wird der
Zugang zu freien Räumen weiter versperrt
Die Stadtpolitik nutzt die genannten Stärken zu wenig und setzt diese damit aufs
Spiel
Schließung von „radio multikulti“

Risiken:
-

Positive Ausstrahlung Berlins weiter auf
die gesamte Bundesrepublik ausweiten
Priorisierung freier Räume für kreatives
Experimentieren
Wiedereinführung eines Referats für
internationalen Kulturaustausch

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Keine ausreichenden Chancen der
kreativen Nutzung freier Flächen und eine Verdrängung der Künstler*innen
durch Verteuerung der Räume
Brachliegendes Potential für interdisziplinäre Kreativität
Bund-Land-Konkurrenz kann zu konzeptionellen Schwächen und Widersprüchen
führen (Beispiel Berlin-Beitrag im Humboldt-Forum), Berlin sollte im Leitungsgremium angemessen vertreten sein

3.4

Kultur in den Medien

Stärken:

Handlungsempfehlungen:
1. Print: Es wäre wünschenswert, wenn der Umfang des lokalen Kulturteils der

Berliner Tageszeitungen wieder ausgeweitet werden würde.
2. Fernsehen: Umfang der Kulturangebote im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen

ist zu verbessern. Frühere Sendezeiten und deutlich mehr Kultur-Features
sollen der Kultur mehr Gewicht geben. Dass das Dritte Programm des rbb das
mit Abstand schlechteste, eingeschaltete aller Dritten Programme nicht nur
bundesweit sondern sogar regional ist, darf nicht so bleiben.
3. Bündelung der bereits existierenden Internetplattformen und Kunstkanäle für

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eine Digitalisierung von Kulturangeboten der vom Senat geförderten Kultur.

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4. Schließung von „radio multikulti“ hat große Lücke gerissen, die dringend ge-

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schlossen werden muss.

Schwächen:

Vielfältige Print-Angebote
Gute Berichterstattung in Zeitungen und
Zeitschriften
Größtes Radioangebot Deutschlands
Aktive digitale Community
Öffentlich-rechtlicher regionaler Sender
vor Ort (rbb)
Bundesweiter Rundfunk-Kultursender
vor Ort (Deutschlandradio Kultur)
Auslandsrundfunk vor Ort
(Deutsche Welle)
Präsenz internationaler Journalist*innen
(Print / Audio / Video)
Hervorragende kulturelle Themenvielfalt
aller Genres (Musik / Theater / Tanz /
Freie Szene)

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Chancen:
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ÖR-Kulturangebote personell und finanziell schlecht ausgestattet
(Bsp. Kulturradio rbb)
Geringe TV-Präsenz der Hochkultur bzw.
Freien Kulturszene, die auch in der PrintBerichterstattung viel zu wenig vokommt
Kaum internationale Berichterstattung
Digitale Community beschäftigt sich vorwiegend mit Alltagskultur
Öffentlichkeitsarbeit / Themenmanagement kultureller Institutionen muss optimiert und institutionenübergreifend
werden
Medien bieten keinen Raum für kulturelle
Reflexion und Betrachtung

Risiken:

Die Angst vor TV-Quoteneinbrüchen
durch Kulturthemen kann erfahrungsgemäß durch gut gemachte und positiv
rezensierte Kulturberichte besänftigt
werden
Berlins kultureller „Hip-Faktor“ nimmt
weiter zu
D-Radio Kultur und Deutsche Welle als
Plattform erkennen und nutzen
Mehr Übertragungen von Kulturereignissen in Berlin (Schauspiel, Oper, Konzerte)
Mehr Angebote des rbb innerhalb eines
ARD-Verbundes, um Kulturereignisse aus
Berlin bundesweit (vor allem in kleineren
Städten ohne entsprechendes Kulturangebot) verfügbar zu machen
Digitale Angebote der Institutionen und
der Medienwirtschaft erhöhen die Verbreitung von Kultur in und außerhalb
Berlins

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Printsterben nimmt zu
Kommerzieller Druck auf elektronische
Medien nimmt zu
Budgetärer Druck auf öffentlichrechtlichen Rundfunk nimmt zu
Digitalisierung und Kulturverwertung
erhöht den wirtschaftlichen Druck auf
Kultur

IMPRESSUM
Herausgeber:
Stiftung Zukunft Berlin
Klingelhöferstraße 7
10785 Berlin
Vorstandsvorsitzender:
Dr. Volker Hassemer
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Redaktion:
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