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Full text: Parität vor Ort

Parität vor Ort
Kommunale Sozialpolitik mitgestalten
DEUTSCHER PARITÄTISCHER WOHLFAHRTSVERBAND GESAMTVERBAND e. V. | www.paritaet.org

Inhalt
Vorwort
von Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Gesamtverband  ....................................  1
Kommunale Sozialpolitik: Ein Überblick
von Mara Dehmer, Der Paritätische Gesamtverband  ...............................................  3
 ommunale Lobbyarbeit oder ein Kompass
K
zum politischen Überleben vor Ort
von Dr. Joachim Rock, Der Paritätische Gesamtverband   .....................................  11
Der kommunale Haushalt: Wie funktioniert es, was muss ich verstehen?
von Alexander Wapenhans, Der Paritätische Sachsen-Anhalt  ............................  22
Woher nehmen, wenn nicht stehlen?! Förder- und
Finanzierungsmöglichkeiten über Stiftungen und Soziallotterien
von Joachim Hagelskamp, Der Paritätische Gesamtverband  ..............................  31
EU-Förderung auf kommunaler Ebene – von (Vor-)Urteilen und Vorteilen
von Tilo Liewald, Der Paritätische Gesamtverband  .................................................  37
 ommunale Sozialplanung –
K
Warum ist das wichtig und wie können wir uns einbringen?
von Andreas Beck, Paritätischen Projekte gem. GmbH  ..........................................  46
Kommunalisierung und Sozialplanung:
Prozesse verstehen und aktiv mitgestalten
von Antje Ludwig, Der Paritätische Sachsen-Anhalt  ...............................................  54

2

Vorwort
Sehr geehrte Damen und Herren ,
liebe Kolleginnen und Kollegen ,
Deutschland ist politisch-administrativ in über 11.000 Städte und Gemeinden gegliedert. Das heißt: die
Vielfalt ist enorm. Unterschiedliche
Traditionen und Herangehensweisen treffen auf unterschiedliche Herausforderungen. Das wissen Paritätische Mitglieder selbst am besten.
Der demographische Wandel führt in
einer Kommune zur Abwanderung,
in der anderen zu Ballungsgebieten
mit Wohnraumengpässen; zur Verwirklichung von Inklusion wird hier

ein anderer Schwerpunkt gesetzt als
dort; Armut hat in einer Großstadt
ein anderes Gesicht als in einer kleinen Gemeinde. Gesellschaftliche
Herausforderungen stellen sich lokal
also immer etwas unterschiedlich dar
und fordern soziale Träger als Teil des
örtlichen sozial-politischen Gefüges
besonders heraus.
Sozialpolitik wird auf vielen unterschiedlichen Ebenen verhandelt
– durch Gesetze auf Bundes- und
1

Kommunale Sozialpolitik: Ein Überblick.
Die vorliegende Broschüre beleuchtet
grundlegende Aspekte kommunaler
Politikgestaltung und Einflussmöglichkeiten freier Träger. Sie vermittelt
– ohne Anspruch auf Vollständigkeit
– Hintergrundwissen, skizziert Zusammenhänge, schafft Verständnis
und gibt Anregungen und Tipps. Sie
will damit Mitgliedsorganisationen
des Paritätischen – und insbesondere
neue Kolleginnen und Kollegen – dabei unterstützen mit Fachwissen und
Beharrlichkeit ihre Rolle als Dienstleister, Interessenvertretung und Sozialanwalt im politischen Geschehen
vor Ort wahrzunehmen.

Landesebene, durch Rahmenverträge auf örtlicher und überörtlicher
Ebene, durch Debatten in Ausschüssen und „über Bande“ durch Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit.
Mitgestaltung politischer Entscheidungsprozesse erfordert auf all diesen Ebenen Fachwissen, Strategie,
Kompetenz, Voraussicht und eine
gute Portion Beharrlichkeit. Der Paritätische ist mit seiner Struktur als
Gesamtverband auf Bundesebene,
als Landesverband auf Landesebene
und mit Kreis- und Regionalgruppen auf kommunaler Ebene Impulsgeber, Mahner, Lösungsfinder und
Mitgestalter. Unter der Überschrift
„Parität vor Ort“ möchten wir Erfahrungen und Fachwissen zu Themen
kommunaler Politikgestaltung innerhalb des Paritätischen zirkulieren. Daher freuen wir uns, dass wir
Kollegen und Kolleginnen aus dem
Gesamtverband wie auch aus verschiedenen Landesverbänden als
Autor/-innen für diese Broschüre gewinnen konnten.

Wir freuen uns, gemeinsam mit Ihnen, sozialpolitisch aktiv zu bleiben.
Ihr
Dr. Ulrich Schneider,
Hauptgeschäftsführer des
Paritätischen Gesamtverbandes

2

von Mara Dehmer

Kommunale Sozialpolitik erlebt eine
Renaissance: Sozialpolitische Aufgaben wurden in den letzten Jahren
zunehmend auf die kommunale
Ebene verlagert und der Orts- und
Stadtteil ist als Integrationsinstanz
wiederentdeckt worden. Gab es
Zeiten, in denen Aufgabenbereiche
und ganze Arbeitsfelder „hochgezont“ (d. h. auf überörtliche Träger
übertragen wurden, z. B. Teile der
Eingliederungshilfe), ist in den letzten Jahren ein deutlicher Trend zu
Kommunalisierung und Aufgabenkreation erkennbar (z. B. der Ausbau der Kindertagesbetreuung).

Während die kommunale Ebene
in anderen Zeiten vornehmlich als
umsetzende Instanz staatlicher Politik wahrgenommen wurde, gilt sie
gegenwärtig als eine zentrale Gestaltungsinstanz, wenn es um die
Lösung sozialer Probleme geht. Vor
diesem Hintergrund gibt der nachfolgende Beitrag einen Überblick
über die Struktur und Handlungsfelder sowie die Gestaltungsspielräume kommunaler Sozialpolitik
und skizziert die Chancen und Risiken, die mit der „Renaissance“ für
freie Träger und die Nutzer/-innen
ihrer Angebote einhergehen.
3

Struktur und Handlungsfelder kommunaler Sozialpolitik
 
Im Bereich der übertragenen
Aufgaben geht der kommunale
Handlungsspielraum gen null –
hier hat die Kommune keine eigene Entscheidungskompetenz, das
„ob“ und „wie“ der Aufgabenerfüllung ist vorgegeben. Beispiele aus
diesem Bereich sind die Auszahlung des Wohngeldes, die Mitwirkung bei Wahlen oder die Bearbeitung von Pässen. Diese Aufgaben
und Leistungen der Kommune
werden aus Bundes- oder Landesmitteln finanziert. Die Kommune
tritt hier als unterste Verwaltungsebene des Staates auf.

Das örtliche Leben wird auf kommunaler Ebene gestaltet. Kommunen
haben im Sinne der grundgesetzlich
gesicherten kommunalen Selbstverwaltung (Art. 28 GG) entsprechend
eine Allzuständigkeit für die örtlichen
Belange und ein sog. Aufgabenfindungsrecht. Sie sind aber auch Implementationsträger staatlicher Politik, d. h. sie bekommen Aufgaben
und Finanzmittel vom Land, vormals
auch vom Bund, zugewiesen. Gerade das Politikfeld „Sozialpolitik“ ist
durch die föderale Verflechtung gekennzeichnet: Der Bund hat mit dem
Sozialgesetzbuch die Sozialleistungen kodifiziert, die Durchführung
der Leistungen obliegt aber, neben
den Sozialversicherungsträgern, in
großen Teilen den Kommunalverwaltungen.

 
B
ei pflichtigen Selbstverwaltungsaufgaben handelt es sich
um Aufgaben, bei denen die Kommunen nicht über das „ob“, aber
über das „wie“ entscheiden können. In diesen Bereich fallen die
Leistungen nach dem SGB XII und
dem SGB VIII, die auch aus kommunalen Mitteln finanziert werden.

Kommunale Sozialpolitik umfasst damit Aufgaben, die von den Kommunen entweder freiwillig, als pflichtige
Selbstverwaltungsaufgaben oder als
übertragene Aufgaben (Aufgaben
zur Erfüllung nach Weisung bzw. Auftragsangelegenheiten) wahrgenommen werden.

 
B
ei den sogenannten freiwilligen Selbstverwaltungsaufgaben
4

sind der Kommune keine Grenzen
gesetzt – sie entscheidet alleine
über das „ob“ und das „wie“ der
Leistungserbringung.
Beispiele
aus diesem Aufgabenbereich sind
Angebote der offenen Jugendund Seniorenarbeit, aber auch Integrations-, Stadtteil- und weitere
sozialkulturelle Angebote.

Leistungen – von der Kita-Betreuung
über die Familien- und Erziehungsberatung bis zur Heimunterbringung.
Obwohl sie im Zuge der Hartz-IV- Reformen eigentlich entlastet werden
sollten ist für die Kommunen mit der
Einführung des SGB II insbesondere
mit den Kosten der Unterkunft ein
großer Ausgabenposten entstanden.
Ihre aktiv gestaltende Rolle in der Arbeitsmarktpolitik wurde dabei aber
deutlich eingeschränkt.

Die Handlungsfelder kommunaler
Sozialpolitik sind vielfältig, mit je unterschiedlichen Gestaltungsspielräumen: Kommunen erbringen über die
Sozialhilfe (SGB XII) ein breites Spektrum an Fürsorgeleistungen, sie sind
mit den Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung (zumindest teilweise) zuständig,
ebenso wie mit der Hilfe zur Pflege
für ältere Menschen.1 Aber auch für
Kinder, Jugendliche und Familien erbringt die Kommune als Träger der
Kinder- und Jugendhilfe vielfältige

Im Rahmen ihrer Zuständigkeit für
Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sind die Kommunen
gegenwärtig besonders gefordert.
An die klassischen Felder kommunaler
Sozialpolitik angrenzend, ist die Kommune in den Handlungsfeldern Wohnungspolitik, Bildungspolitik, Gesundheitspolitik, Stadtentwicklung und
Integrationspolitik in unterschiedlichem Maße in der Verantwortung.

1  Mit der Einführung der Pflegeversicherung in
den 1990er Jahren wurde die Rolle der Kommunen
allerdings deutlich eingeschränkt. Wie ihre
Rolle zukünftig sein wird, wird im Rahmen des
aktuellen Pflegestärkungsgesetzes diskutiert.
Die Grundsicherung im Alter hat der Bund, zur
finanziellen Entlastung der Kommunen, seit 2014
vollständig übernommen. Die Leistungen der
Eingliederungshilfe unterliegen gegenwärtig
ebenfalls einem Reformprozess.

5

Der wunde Punkt kommunaler Sozialpolitik: Die Finanzen!
„Wachsende Herausforderungen bei
zunehmender Prognoseunsicherheit
und reduzierten finanziellen Handlungsspielräumen“ – so beschrieb der
Deutsche Städtetag 2011 die kommunale Situation.2 Tatsächlich hat die
Belastung der Kommunalhaushalte
durch Kosten im Bereich der (pflichtigen) Sozialleistungen die frei verfügbaren Mittel, und damit auch die
Handlungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten kommunaler Sozialpolitik, in den letzten Jahrzehnten
deutlich eingeschränkt. Angaben des
Städte- und Gemeindebunds zur Folge haben die Kommunen 2014 insgesamt 49,4 Milliarden Euro für soziale
Leistungen verausgabt3 – das Gros
der Ausgaben bezieht sich dabei auf
die bundeseinheitlich geregelten
Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, VIII und XII. Hier haben die
Kommunen keine Wahl, ob sie diese
Leistungen erbringen oder nicht, sie
müssen. Die Pflichtaufgaben domi-

nieren entsprechend die kommunale Sozialpolitik. Zumindest fast
überall. Denn tatsächlich entwickeln
sich kommunale Realitäten sehr unterschiedlich: Während auf der einen
Seite Kommunen mit Abwanderung
zu kämpfen haben, müssen die anderen die Bevölkerungsprognosen laufend nach oben korrigieren; während
bei den einen die Steuereinnahmen
sprudeln, hat die Haushaltssicherung
für die anderen schon Tradition; während die einen kostenfreie Zusatzangebote machen können, konzentrieren sich in anderen die Problemlagen.
Das Auseinanderdriften von Städten
und Regionen lässt sich oftmals mit
dem bloßen Auge erkennen, drückt
sich aber auch in höheren Armutsund SGB-II-Quoten aus.4 Damit entsteht für einige Kommunen ein Teufelskreis nach unten – abzulesen zum
Beispiel an den Kassenkrediten. Die
Kassenkredite, die eigentlich – ähnlich dem Dispo – der Deckung kurzfristiger Liquiditätsengpässe dienen,
auf die zahlreiche Kommunen aber

2  Deutscher Städtetag: Positionspapier Integrierte
Stadtentwicklungsplanung und Stadtentwicklungsmanagement Strategien und Instrumente nachhaltiger Stadtentwicklung,2011, S. 3.
3  www.dstgb.de/dstgb/Homepage/
Schwerpunkte/Finanzen (Stand: 8.2.2016)	

4  Mehr Informationen dazu bietet der aktuelle
Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands:
Zeit zu handeln. Bericht zur Armutsentwicklung in
Deutschland 2016.

6

zur Deckung ihrer regelmäßigen Ausgaben zurückgreifen, gelten als Anzeiger struktureller Finanzprobleme.
Zum ersten Quartal 2015 beliefen sich
die Kassenkredite insgesamt bereits

auf über 50 Milliarden Euro. Auf Trendfortschreibungen basierende Szenarien gehen davon aus, dass die Kassenkredite bis 2020 auf 77 Milliarden Euro
ansteigen könnten.5
5  www.kfw.de/PDF/Download-Center/
Konzernthemen/Research/PDF-DokumenteFokus-Volkswirtschaft/Fokus-Nr.-114-Januar-2016Kommunale-Kassenkredite.pdf (Stand: 8.2.2016)

Kommunale Spielräume und Handlungsmöglichkeiten zwischen
bundesgesetzlichen Vorgaben und lokalen Traditionen
Kommunale Sozialpolitik ist also zugleich stark durch finanzielle Engpässe (zumindest vielerorts), durch bundesgesetzliche Regelungen, wie auch
durch lokale Rahmenbedingungen
und Traditionen geprägt. So kann die
Kommune zwar entscheiden, wie sie
beispielsweise das Sozialamt organisiert, in welcher Höhe aber die Sozialhilfe ausgezahlt wird, legen weder
Kommunalpolitik noch Kommunalverwaltung fest. Auch können sie
nicht entscheiden, die Sozialhilfe gar
nicht mehr auszuzahlen. Sie können
allerdings die Förderung des Arbeitslosenzentrums einstellen. In welcher
Art Leistungen erbracht, Ermessenspielräume genutzt (oder nicht ge-

nutzt) oder freiwillige Angebote finanziert werden, hängt in starkem
Maße von den lokalen Rahmenbedingungen, Traditionen und ausgehandelten sozialstaatlichen Normen ab.
Diese stellen eine Art Hintergrundfolie dar, wenn es um die Auslotung von
Spielräumen und Handlungsmöglichkeiten geht.
Das lässt sich beispielweise am Bildungs- und Teilhabepaket (BuT)
aufzeigen. Das BuT wurde 2011, in
Reaktion auf das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum soziokulturellen
Existenzminimum, eingeführt. Es
soll Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche herstellen, die
7

tierung ist, erwarteten – mit Blick
auf die Steuerzahler/-innen – Anstrengungen von den Eltern zur
Beantragung der BuT-Leistungen.
Das allgemeine Hinwirkungsgebot wird hier traditionell weniger
als Auftrag an die eigene Verwaltungs- und Leistungsorganisation gesehen als anderswo.

Transferleistungen beziehen. Es handelt sich um eine in Bundesgesetzen
(SGB II, SGB XII, BKGG, WoGG) geregelte Leistung – teils in einer Vielzahl von
unbestimmten Rechtsbegriffen formuliert. Die Umsetzungsverantwortung liegt jedoch bei den Kommunen.
Sie müssen entscheiden, wie sie diese
Leistungen an das Kind bzw. den Jugendlichen bringen. Der zweite Zwischenbericht zur Evaluierung des BuT
macht deutlich, dass die sozialpolitischen Handlungsorientierungen der
jeweiligen Kommune Einfluss darauf
haben, ob Ermessensspielräume eher
großzügig oder eher restriktiv ausgelegt werden.

 
Kommunen wiederum, die Chancengerechtigkeit als Handlungsorientierung zu Grunde legen,
nehmen die als gerecht erachtete Umverteilung zugunsten von
Kindern und Jugendlichen in
Haushalten mit unzureichendem
Einkommen als Ausgangspunkt
ihrer Verwaltungs- und Leistungsorganisation. Sie wollten Leistungen möglichst niedrigschwellig
organisieren, das Leistungsvolumen soll aber auf das Nötigste
beschränkt werden. Zur Verhinderung von zweckentfremdeter
Mittelverwendung wird das Sachleistungsprinzip hierbei positiv
bewertet.6

 
Kommunen, die die BuT-Leistungen als Teil des Existenzminimums ansehen, auf das im Sinne
von Bedarfsgerechtigkeit ein
Rechtsanspruch besteht, legen
großen Wert darauf, dass die Leistungsberechtigten ihre Bedarfe
geltend machen und stehen beispielweise dem Sachleistungsprinzip kritischer gegenüber.
 
Kommunen, bei denen das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit
sozialpolitische Handlungsorien-

6  Bundesministerium für Arbeit und Soziales:
Zweiter Zwischenbericht – Evaluation der bundesweiten Inanspruchnahme und Umsetzung der
Leistungen für Bildung und Teilhabe, 2015, S. 92ff.

8

– die kommunalen Schwerpunktsetzungen sind hier ganz unterschiedlich. Dass dabei nicht immer dort die
meisten sogenannten freiwilligen
Angebote sind, wo die Kommunen
über dicke finanzielle Polster verfügen, lenkt den Blick auf die Bedeutung lokalen Wissens und sozialpolitischer Lobbyarbeit in der Kommune
(siehe hierzu auch den Beitrag von Dr.
Joachim Rock, S. 11).

Aber auch die Struktur der Angebote,
die als sogenannte freiwillige Leistungen vorgehalten werden, lässt
sich meist nur vor dem Hintergrund
von Tradition und sozialpolitischen
Handlungsorientierungen verstehen.
Mittagstische oder Familienpässe,
ein kostenfreies Kita-Jahr, die für alle
offene Schuldnerberatung oder die
Unterstützung solidarischer Nachbarschaften durch Gemeinwesenarbeit

Renaissance der kommunalen Sozialpolitik: Chance und Risiko zugleich!
der politisch antizipierten Lösungskompetenz der kommunalen Ebene
verändert sich dieses Bild allerdings.
Die lokalen Lebensrealitäten und
kommunalen Gestaltungsspielräume
unterscheiden sich von Heidelberg bis
Stralsund deutlicher denn je. Gleichzeitig sind politisch die Erwartungen
an die lokale Ebene als Lösungsinstanz
gewachsen. Die Nähe zu den Bürger/innen einerseits und die Zielgenauigkeit und Effektivität in der Erbringung
von Leistungen andererseits gelten
als Vorteile der kommunalen Ebene,
gerade auch wenn es um soziale Herausforderungen geht. Zur Verwirklichung einer stärker wirkungsorien-

Die skizzenhafte Darstellung der
Handlungsfelder kommunaler Sozialpolitik verdeutlicht bereits die Bedeutung, die der Kommune als sozialpolitischem Akteur im föderalen Gefüge
zukommt. Nichtsdestotrotz schien die
Sozialpolitik – Ausnahmen bestätigen die Regel! – als konzeptionell und
strategisch zu gestaltendes Politikfeld innerhalb der Kommunalpolitik
vielerorts über Jahre eher ein Schattendasein zu fristen. Mit der zunehmenden Belastung der kommunalen
Haushalte durch die Sozialausgaben
bei gleichzeitigem Aufgabenzuwuchs
durch Kommunalisierung und Aufgabenkreation und vor dem Hintergrund
9

tierten, präventiven, vorbeugenden7
Sozialpolitik soll die Kommune als
Steuerungsinstanz Investitionen frühzeitig, bedarfsorientiert und planvoll
koordinieren ebenso wie eine bessere
Abstimmung und Verknüpfung der
bestehenden Angebote sicherstellen.
Tatsächlich ist die lokale Ebene die
richtige, um all dies zu gewährleisten.
Andererseits kann dabei nicht aus
dem Blick gelassen werden, dass sich
viele soziale Probleme – begründet
in Armut und Arbeitslosigkeit – nicht
lokal „in den Griff“ bekommen lassen. Viele Notsituationen lassen sich
durch kommunale Konzepte zweifelsohne lindern – aber nicht lösen.
Kommunale Sozialpolitik darf nicht
zur „kompensatorische(n) Ressource
wachsender Armutsprobleme und
sozialer Gegensätze“8 degradiert werden. Freie Träger als Teil des örtlichen
sozial-politischen Gefüges sind in
dieser Situation besonders gefordert,
sich in die kommunale Politikgestal-

tung einzumischen, damit für Sozialpolitik vor Ort Spielräume bestehen,
innovative Konzepte entwickelt und
soziale Herausforderungen in ihrer
lokalen Prägung strategisch gestaltet
werden können. Dabei geht es auch
darum, die Interessen der Nutzer/innen sozialer Dienste und Angebote
in den politischen Prozess einzuspeisen sowie die Weiterentwicklung der
eigenen Strukturen in den Blick zu
nehmen (siehe dazu auch die Artikel
von Andreas Beck und Antje Ludwig,
S. 54). Angesichts der Beschaffenheit
des Politikfeldes Sozialpolitik sind
über die kommunale Ebene hinaus
immer auch die anderen föderalen
Ebenen in den Blick zu nehmen, um
die kommunale Ebene nicht zu überfordern. Dies ist das Anliegen des
Paritätischen.

Mara Dehmer ist Referentin
für kommunale Sozialpolitik im
Paritätischen Gesamtverband

7  Nimmt man die aktuellen Veröffentlichungen
zum Thema Sozialpolitik in den Blick, sind dies
gegenwärtig die am häufigsten verwendeten
Adjektive.
8  Dahme, Heinz-Jürgen/ Wohlfahrt, Norbert
(Hrsg.): Handbuch Kommunale Sozialpolitik, VS
Verlag, 2011, S. 12.

E-Mail: kommunales@paritaet.org
10

Kommunale Lobbyarbeit oder ein Kompass
zum politischen Überleben vor Ort
von Dr. Joachim Rock
In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung
kommunaler Sozialpolitik
immens gewachsen: Ohne
die kommunale Ebene ist
heute kein Staat mehr zu
machen (siehe dazu auch
den Beitrag von Mara Dehmer, S. 3). Während andere
Akteure sich aus der politischen Gestaltung des Sozialen zurückziehen, wird
die kommunale Ebene zunehmend
gefordert. Ihr obliegt die Allzuständigkeit für alle Angelegenheiten der
örtlichen Gemeinschaft. Damit ist die
kommunale Ebene auch Ausfallbürge für Versäumnisse an anderer Stelle. Damit wächst die Bedeutung von
Kommunalpolitik. Sich dabei mit Engagement, Kreativität und vor allem
mit dem eigenen Wissen einzubringen, lohnt sich. Die Umsetzung des
Bildungs- und Teilhabepaketes bietet
dafür ein Beispiel: Trotz identischer
gesetzlicher Grundlage werden die
bereitstehenden Mittel regional ganz
unterschiedlich genutzt. Die Schwan11

kungen dabei sind erheblich: Während in einigen Kommunen gerade
einmal 40 Prozent der Mittel in die
Teilhabe von Kindern und Jugendlichen investiert werden, sind es an
anderer Stelle mehr als 100 Prozent.
Das zeigt: Lokales Engagement lohnt!
Lokales Engagement lohnt aber nicht
nur, es ist auch unerlässlich, wenn
man bei der Gestaltung des Sozialraums vor Ort „am Ball“ bleiben und
nicht selbst zum Objekt kommunaler
Sparpolitik werden will. Wer morgen
noch Gestaltungsspielraum haben
möchte, muss dafür bereits heute
Grundlagen legen.

Interessenvertretung vor Ort:
Wie nehme ich Einfluss und, wenn ja, wieviel?
Einer der Koryphäen der Politikwissenschaft in Deutschland, Klaus von
Beyme, fasste vor nicht langer Zeit
Mittel der Einflussnahme durch Interessengruppen in einem Lehrbuch
zusammen: „Korruption und Bestechung; Überzeugung, freundschaftliche Kontakte; Drohung, Nötigung,
Gewalt; gewaltloser Widerstand; alternative Strategien.“ Die Ausnutzung
der gesamten Breite der Vorschläge
ist aber ausdrücklich nicht zu empfehlen. Hier sollen zwei der Aspekte
hervorgehoben werden: Überzeugung als Fundament der Arbeit – und
„alternative Strategien“ als Mittel zur
Durchsetzung der eigenen Ziele.
Überzeugend wirkt man durch die
bekannten zwei „V“: durch Vertrauen
und Verlässlichkeit. Diese wiederum
beruhen auf einem Bündel von Eigenschaften, die es zu profilieren gilt:
 Überparteilichkeit: Es gilt, mit allen
relevanten Parteien buchstäblich
im Gespräch zu bleiben, nicht nur
mit denen, die einem das Wort
reden.

 Offenheit: Es gilt, den Kontakt zu
anderen Akteuren zu suchen, gerade aus der Wirtschaft, aber auch
aus Sport und Kultur.
 Seriosität: Vertrauen aufzubauen
ist schwer, Vertrauen zu verlieren
sehr einfach. Ehrlichkeit und Seriosität sind deshalb unerlässlich.
 
Klarheit: Nur wer ein klares Bild von
der eigenen Arbeit, den Problemen,
Zielen und Lösungsvorschlägen vermittelt, kann erwarten, dafür Unterstützung zu finden. Wer seine Anliegen nicht klar artikuliert, kann kaum
erwarten, dass andere das stattdessen übernehmen.
 
Gradlinigkeit: Partnerschaften sind
nur dann belastbar, wenn sie auf
Vertrauen und Verlässlichkeit beruhen, in guten wie in schlechten
Zeiten.
  F
 airness: Der kategorische Imperativ trägt seinen Namen, weil
er auch an dieser Stelle gilt. „Handle
nur nach derjenigen Maxime, durch
die Du zugleich wollen kannst, dass
12

sie allgemeines Gesetz werden
kann.“ Das bedeutet auch, dass die
Wahl der Ansprechpartner /-in immer von unten nach oben erfolgt.
Diese einfache Regel zu missachten
ist häufig eine Verlockung, aber immer ein Fehler. Wer den zuständigen
Sachbearbeiter/-in ignoriert und
direkt etwa an den Bürgermeister/in herantritt, kann vielleicht kurzfristig Unterstützung gewinnen,
provoziert gerade dadurch aber
anhaltende Widerstände. Es gilt
das Subsidiaritätsprinzip: Erst wenn
etwas auf einer „unteren“ Ebene
nicht geklärt werden kann, ist die
nächsthöhere Ebene zu befassen.
Die goldene Regel bei der Wahl der
Ansprechpartner/-in in der Verwaltung lautet deshalb: Gehen Sie erst
zum Schmidtchen. Und erst, wenn
es dann noch nötig ist, zum Schmidt. Regelmäßig lassen sich Anliegen so sehr viel einfacher und geräuschloser klären, als wenn sie erst
ins öffentliche Rampenlicht gezogen und dadurch zum Gegenstand
parteipolitischer Konflikte gemacht
werden.

Aber auch das reicht noch nicht. Es
bedarf darüber hinaus handwerklicher Fähigkeiten. Auch die lassen
sich erwerben. Zu ihnen zählen:
 Antizipieren von Entwicklungen
(Bedarfe, Restriktionen): Denken
Sie voraus. Nicht ein Jahr, nicht
zwei Jahre, auch länger. Ein Instrument und Beispiel dafür bietet der
„Wegweiser Kommune“ der Bertelsmann Stiftung, in dem für alle
Kommunen über 5.000 Einwohner
wesentliche Daten und Entwicklungsprognosen aufgeführt sind.
Er ist im Internet unter www.wegweiser-kommune.de zu finden.
Häufig bietet er greifbare Daten,
um frühzeitig Investitionswünsche
begründen zu helfen.
 Kompetenz: Kommunalpolitisch
wird nur der erfolgreich sein, der
Kompetenz vermittelt. Dazu gehört, die eigenen Anliegen nicht
nur zu durchdringen, sondern sie
auch verständlich anderen vermitteln zu können. Die eigene Sprache zu verstehen, ist keine Kunst.
Gehört wird aber nur, wer auch die
Sprache des anderen spricht.
13

 Strategie: Politik braucht Strategie,
gerade auf kommunaler Ebene.
Es gilt, potentielle „Gegenspieler“
zu integrieren oder zumindest zu
befrieden, um Widerstände abmildern. Es gilt aber auch, die eigenen
Themen auf die Agenda zu setzen
und gezielt die entscheidenden
Ansprechpartner/-innen zu beeinflussen.
 Persönliche Kontakte sind dabei
unerlässlich. Das erfordert eine
breite Netzwerk- und Bündnispolitik. Natürlich kann man sich vor
Ort mit anderen um den Zuschnitt
eines „Kuchenstücks“ des Haushaltes streiten. Viel wirksamer ist
es aber häufig, sich stattdessen
zusammenzuschließen und miteinander zu erreichen, dass der „Kuchen“ insgesamt größer wird.
 Anschlussfähigkeit der eigenen
Interessen zu suchen, ist deshalb
wichtig. Wer längere Öffnungszeiten für die eigene Kindertagesstätte will, kann etwa lokalen
Arbeitgebern die Vorteile deutlich machen, die durch die längeren Arbeitsmöglichkeiten der
Beschäftigten für die Unterneh-

men entstehen. Häufig finden sich
überraschende Bündnispartner –
vorausgesetzt man sucht!
Neben den Kompetenzen gilt es
auch, die Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen
 Betreiben Sie eine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Arbeit des
Paritätischen bietet deshalb viele
Anregungen und Beispiele. Greifen
Sie Pressemeldungen mit Bezug
auf Ihre kommunale Ebene auf.
 Agenda Setting: Solange etwa der
Straßenbau die lokalen Schlagzeilen beherrscht, finden soziale
Anliegen vergleichsweise wenig
Aufmerksamkeit. Arbeiten Sie daran, dass gerade sozial- und gesellschaftspolitische Anliegen Öffentlichkeit finden. Das verstärkt den
notwendigen Resonanzboden für
Ihre Anliegen.

berichte“, in denen die Leistungen
auch quantitativ illustriert werden,
sind dabei ein Beitrag. Auch eigene
Sozialberichte lassen sich auf der
Basis öffentlicher Statistiken erstellen. Je mehr Ihre Forderungen auf
diese Weise „objektiven“ Charakter
erhalten, desto leichter fällt es anderen, sie zu unterstützen.
 Hintergrundinformationen (individuell): Sie haben eine Vorstellung
von Ihrer Arbeit, aber hat sie auch
jedes Ratsmitglied, jeder kommunale Mandatsträger? Sorgen Sie
dafür und geben Sie leicht verständliche Zusatzinformationen
als Hintergrundwissen, etwa über
Bedarfe und Entwicklungen. Das
macht Ihre Anliegen für andere interessant.

 
Schaffen Sie Nähe durch eigene
Veranstaltungen. Wenn der zuständige Sachbearbeiter/-in in der
Haushaltsabteilung einmal den
Tag der offenen Tür Ihrer Einrichtung besucht hat, verbindet er damit mehr als nur abstrakte Zahlen.
Bieten Sie herausgehobenen Personen Beiratsfunktionen oder eine
Schirmherrschaft an. So schaffen
Sie verlässliche Bindungen.
 Nicht alles machen: Wägen Sie
Aufwand und Ertrag ab. Gehen Sie
mit Ihren Ressourcen – auch und
gerade mit Ihrer Zeit – sorgsam um.
Das ist das klassische Instrumentarium. Nicht mehr, und nicht weniger. Daneben, aber mit Überschneidungen, gilt es, sich alternativer
Strategien zu vergewissern.

 Studien und Analysen: Entscheidungsträger stützen sich gerne auf
„Fakten, Fakten, Fakten“. Liefern sie
sie. Zeichnen Sie ein Bild von Ihrer
Arbeit und ergänzen Sie es gerne
durch Zahlen. „Sozialwirtschafts14

15

Alternative Strategien
Alternative Strategien bezeichnen
insbesondere solche Strategien, die
sich auf die öffentliche Verwaltung
als Kooperationspartner konzentrieren und deren spezifische Logik
miteinbeziehen. Was meint spezifische Logik? Ludwig Wittgenstein
hat formuliert: „Die Grenzen meiner
Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“
Und während klassische Instrumente
häufig darauf gerichtet sind, einem
Kooperationspartner die eigene
Sichtweise mehr oder weniger eindeutig zu vermitteln, sind alternative Strategien selbst auf Vermittlung
gerichtet, indem sie die Logik, die
Sprache, die Rationalität der öffentlichen Verwaltung – einschließlich der
politischen Gremien auf kommunaler
Ebene – berücksichtigen.
Dabei hilft es, sich der Interessen des
Gegenübers zu vergewissern. Und
ergänzend helfen einige Regeln,
auch kommunale Verwaltungen zu
verstehen. Einige dieser Regeln hat
der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson als Gesetze formuliert. Parkinson, das sei erwähnt,
formulierte seine Gesetze auf der

Grundlage der Beobachtung der
britischen Marineadministration. Er
stellte fest: Während die Zahl der zu
beaufsichtigenden Schiffe zu Beginn
des 20. Jahrhunderts sank, nahm die
Größe der Administration stetig zu.
Eines seiner Gesetze lautet deshalb:
Die Verwaltung wächst immer. Wer
meint, dass das satirisch gemeint war,
muss aber dennoch zugeben, dass es
trotzdem ganz gut geeignet ist, um
zu erklären, warum wir in Deutschland zwar nur 8.000 Binnenschiffer haben, diese aber durch 13.000
öffentliche Angestellte verwaltet
werden. Doch die Parkinsonschen
Gesetze lassen sich auf unsere Fragestellung anwenden. Ein anderes
Parkinsonsches Gesetz bezieht sich
etwa auf die Diskussion von unterschiedlichen Interessen. Es lautet: In
öffentlichen Debatten werden die
Themen diskutiert, von denen die
meisten
Diskussionsteilnehmer/innen Ahnung haben, nicht die, die
am wichtigsten sind. Wer einmal eine
Haushaltsdebatte in einem kommunalen Gremium verfolgt hat, dem
werden auf Anhieb Beispiele dafür
einfallen.
16

Daraus folgt eine einfache Einsicht,
die weniger einfach umzusetzen ist
und die in der Praxis überraschend
häufig vergessen wird. Wir wissen um
unsere Qualitäten, unsere Probleme,
aber auch um die häufig unter widrigen Umständen erbrachten Leis-

tungen. Aber wissen wir das auch zu
vermitteln? Es stimmt eben: Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen
unserer Welt. Tun wir nicht nur Gutes,
sondern reden wir auch davon? Und
zwar nicht nur in unserer Sprache,
sondern auch in anderen „Sprachen“?

Du sollst dir ein Bild machen: Wenn weniger Zurückhaltung mehr ist.
Wer vor Ort engagiert ist, ist sich
seiner Leistung häufig gar nicht bewusst. Wer sich aber seiner eigenen
Leistung nicht bewusst ist, dem wird
es auch schwer fallen, andere von
dessen Wert zu überzeugen. Bescheidenheit ist eine Tugend, aber in der
Sozialen Arbeit vor Ort ist weniger
Zurückhaltung mehr. Selbstbewusstsein ist deshalb eine wichtige, aber
nicht die einzige Erfolgsbedingung
für die kommunalpolitische Arbeit als
Verein oder Initiative.
Eine weitere Bedingung ist, eine „Erzählung“ oder ein „Bild“ von der eigenen Arbeit zu erzeugen und öffentlich zu verbreiten. Dazu gehört auch,
dass man erstmal deutlich macht,
wo das Problem liegt. Ein Beispiel:

Der Beamte, der in einer subventionierten Behördenkantine zu essen
gewohnt ist, wo er das warme Mittagessen für 2,30 Euro erhält, versteht
häufig nicht, warum sie pro Essen in
einer Kita 3,80 Euro benötigen und
entsprechende Zuschüsse beantragen. Es darf deshalb nicht vorausgesetzt werden, dass Ökonomie und
Organisationskultur der Wohlfahrtspflege jedem vertraut sind.
Wie schaffe ich ein „Bild“ von meiner
Arbeit? Dazu muss das „magische
Viereck“ mit den folgenden Eckpunkten beachtet werden:
 Problem formulieren und anschaulich machen: Sorgen Sie
dafür, dass Ihr Problem als allge17

meines Problem wahrgenommen
und sichtbar wird!
 Werden Sie persönlich: Sorgen Sie
dafür, dass Sie nicht als Einrichtung
abstrakt bleiben, sondern Ihre Organisation mit ganz bestimmten
Personen verbunden werden kann.
Abstrakte Institutionen schaffen
kein Vertrauen. Personen schaffen
Vertrauen.
 Seien Sie pragmatisch und konstruktiv: Sorgen Sie dafür, dass Ihr
Vorschlag, ein bestimmtes Problem
zu lösen, als geeignet und angemessen wahrgenommen wird. Beachten Sie dabei, dass auch die andere Seite „zu ihrem Recht“ kommt
und bauen Sie Ihrem Gesprächspartner gegebenenfalls Brücken zu
einem Kompromiss.
 Vergessen Sie nichts: Dokumentieren Sie im Erfolgsfall die erreichten
Ziele, um Vertrauen für die Zukunft
zu erwerben.
Zu den Parkinsonschen Gesetzen
zählt auch das Gesetz der Trivialität.
Es ist anwendbar auf Haushaltsdebatten auf allen Ebenen. Es lautet: Die auf

eine Haushaltsstelle verwendete Zeit
ist umgekehrt proportional zu deren
Höhe. Wenn im Haushalt eines Mittelzentrums ein Etatposten von 2 Millionen Euro – etwa für die Sanierung
einer Landstraße – im Haushaltsentwurf vorgesehen ist, gleichzeitig aber
auch ein Mietkostenzuschuss von
8.000  Euro für den Jugendraum der
Pfadfinder und weitere 8.000 Euro für
die Renovierung des Heimatmuseums veranschlagt sind, sind es regelmäßig die letzten beiden Posten, die
in den Haushaltsdebatten am ausgiebigsten diskutiert werden. Große
Ausgabenblöcke werden eben nicht
groß diskutiert, weil sie zu komplex
wirken. Der kleine Haushaltsansatz
dagegen ist die verwirklichte reduzierte Komplexität und lädt zu besonders intensiven Debatten ein. Daraus
folgt für die Praxis: Wenn man unter
das Dach einer großen Haushaltsstelle schlüpfen kann, steigert man die
Durchsetzungschancen. Und wenn
man das nicht kann, kann man dazu
beitragen, diese zu konstruieren –
etwa durch Kooperationsprojekte.

Prozess des – fachlich gesprochen –
muddling through. Man kann das getrost mit Durchwursteln übersetzen.
Entscheidungen fallen dabei regelmäßig nach dem Weg des geringsten
Widerstands. Große Bündnisse schaffen dagegen große Überzeugungskraft. Das klingt selbstverständlich.
Tatsächlich aber ist eher das Gegenteil
die Realität: Kommunale Interessenvertretung wird häufig als Verpflichtung, allein das eigene Interesse zu
vertreten, missverstanden. Dahinter
steht die Annahme, dass der zu verteilende Kuchen eine statische Größe
ist und man die Größe des einzelnen
Tortenstücks maximieren müsse. Im
öffentlichen Haushaltswesen ist der
Kuchen aber keine statische Größe.
Und das bedeutet: man fährt besser,
sich durch Kooperation gemeinsam
einen sehr viel größeren Kuchen zu
verschaffen. Dann kann man sich
auch mit einem relativ geringeren
Anteil daran zufrieden geben. Nur in
diesem Fall ist weniger mehr. Ansonsten ist – dem Sprichwort zum Trotz –
weniger leider immer weniger.

Die Analysen des öffentlichen Haushaltswesens haben immer wieder gezeigt: Die Haushaltsaufstellung ist ein

Ein verbreitetes Missverständnis ist
auch, dass die Haushaltsaufsicht,
unter der viele Kommunen stehen,

18

bestimmte freiwillige Leistungen
unmöglich macht. Dahinter steht das
TINA-Prinzip: „There ist no alternative“. Aber – das ist ein Kennzeichen
alternativer Ansätze – es gibt eben
meist doch eine Alternative. Und
auch die Haushaltsaufsicht in der
Kreisverwaltung, im Regierungspräsidium oder im Ministerium wird sich
der Genehmigung einer freiwilligen
Ausgabe nicht entziehen, wenn es
gute Argumente dafür gibt, dass der
Verzicht auf eine Ausgabe am Ende
des Tages sehr viel teurer kommen
kann. Das in den sozialen Organisationen geleistete ehrenamtliche Engagement ist dabei nur ein Beispiel,
mit dem gegenüber der öffentlichen
Seite argumentiert werden kann.
Denn ehrenamtliches Engagement
ist auf eine soziale Infrastruktur vor
Ort angewiesen. Wer dem Nachbarschaftstreff die Zuschüsse für die Miete streicht, der muss damit rechnen,
dass damit ehrenamtliches Engagement wegbricht, welches – ob kurz
oder lang – durch gewerbliche Leistungen kompensiert werden muss.
Auf die „Kollateralschäden“ von Kürzungen und unterlassenen Investitionen muss deshalb immer wieder hingewiesen werden. Auch im Verfahren
19

der Haushaltsaufsicht lassen sich
noch Wünsche durchsetzen, wenn
damit die Aussicht auf Einsparungen
in Zukunft oder an anderer Stelle verbunden ist. Die Haushaltsaufsicht hat
immer nur das Gesamtbild im Blick –
und keinerlei eigenes Interesse, ihren
Wunsch zu blockieren, wenn das „Gesamtbild“ ausgeglichen und stimmig
erscheint (siehe dazu den Beitrag von
Alexander Wappenhans, S. 22).
Hilfreich dabei ist, sich zusätzlich
auch auf gesetzliche Grundlagen zu
beziehen. Häufig bieten ihnen Gesetze einen breiten Auslegungsspielraum, um etwa eine „Soll“-Aufgabe
aus guten Gründen als Pflichtaufgabe
zu deklarieren. Denn ein gesetzliches
„Sollen“ ist eben keine unverbindliche Empfehlung, sondern eine sehr
klare, nur mit guten Gründen abweisbare Vorgabe. Und natürlich geht es
nicht nur um vertragliche Bindungen
der Kommune. Wer soziale Infrastruktur erhalten möchte, kann und muss
dabei auch die eigenen Sachzwänge
– Mietverträge und Versicherungen
etwa – in den Vordergrund stellen
und mit Recht darauf verweisen, dass
die Weiterführung vielfach günstiger ist, als später Infrastruktur ganz

neu und sehr viel teurer aufbauen zu
müssen.
Ein weiteres Beispiel, wie man sich die
Rationalität der öffentlichen Verwaltung zunutze machen kann, hat mit
dem goldenen Zügel zu tun. Der goldene Zügel ist ein höchst effizientes
Lenkungsinstrument, an dem wir an
manchen Tagen auch ganz persönlich
durch den Supermarkt geführt werden. Die Werbung „Nimm drei, zahle
zwei“ ist ein Beispiel. Man braucht
zwar eigentlich nur einen Apfel. Aber
wenn man beim Kauf von dreien einen einsparen kann, ist das doch ein
echtes Geschäft. Im öffentlichen Haushaltswesen ist die Logik nicht anders,
nur auf wesentlich höherem Niveau.
Wer könnte dem Bau einer neuen
Ortsumgehung widerstehen, wenn
sie zu 80 Prozent bezuschusst wird?
Wer dem Bau des neuen Schwimmbades, wenn es zu 60 Prozent quasi
geschenkt ist? Aber wie bemächtigt
man sich des goldenen Zügels, um
die öffentliche Hand zu Investitionen
im eigenen Sinn zu motivieren? Man
macht das, indem man das Einbringen
zusätzlicher privater Mittel anbietet.
Die zu akquirieren, ist häufig zu leisten
– etwa über private Stiftungen oder
20

durch das Einwerben bei lokalen Unternehmen oder dem Handel. Für die
sind solche Beteiligungen als soziale
Investitionen häufig attraktiv: Zum einen können sie mit ihrem sozialen Engagement werben, andererseits aber
auch mit ihrer Spende die Richtung
öffentlicher Investitionen mitgestalten. Da viele Unternehmen längst verstanden haben, dass eine gute soziale
Infrastruktur ein wichtiges Argument
ist, um eigene Beschäftigte im Unternehmen zu halten, neue Fachkräfte
zu gewinnen oder Fehlzeiten der eigenen Mitarbeiter zu reduzieren, finden soziale Organisationen dort nicht
selten hervorragende Kooperationspartner und Mitstreiter, um die Verwaltung mit guten Argumenten und
mit zusätzlichen Mitteln zu sozialen
Investitionen zu bewegen.
Übrigens: Der Ort in der Kommunalpolitik, in der sie am meisten für
sozial- und familienpolitische Anliegen erreichen können, ist häufig
nicht der gleichnamige Ausschuss,
etwa der Sozialausschuss oder
der Jugendhilfeausschuss. Weitreichende Entscheidungen fallen
in den Ausschüssen, in denen die
finanziellen Fragen in einer größeren

Perspektive entschieden werden
können, also in den Haushalts- und
Finanzausschüssen. Wer mit deren
Arbeit, den Instrumenten und
Möglichkeiten des Haushaltsrechts
und dem Zuschnitt des Budgets
anderer Fachbereiche vertraut ist,
vervielfacht seine Einfluss- und
Gestaltungsmöglichkeiten. Es wäre
deshalb fahrlässig, die kommunalen
Abgeordneten in den Haushalts- und
Finanzausschüssen zu übergehen,
denn sie entscheiden am Ende über
die Budgets. Sie verdienen damit
auch große Aufmerksamkeit!
Die Entscheidungsmechanismen vor
Ort sind komplex und dabei nicht selten verschlungen. Er bietet aber damit nicht nur einen Ansatzpunkt für
die Umsetzung eigener Interessen,
sondern eine Vielzahl von Hebeln
und Stellschrauben. Sie bedienen zu
lernen, lohnt sich!
Dr. Joachim Rock ist Leiter der
Abteilung Arbeit, Soziales und Europa
imParitätischen Gesamtverband
E-Mail: sozialpolitik@paritaet.org
21

Der kommunale Haushalt:
Wie funktioniert es, was muss ich verstehen?
von Alexander Wapenhans
aufstellen müssen. In den folgenden
drei Jahren wurde von den Befragten
erwartet, dass dieser Anteil auf 53
Prozent steigt.

Nach einer von Ernst & Young vorgestellten Studie9, für die 2013 insgesamt 300 deutsche Städte befragt
wurden, befand sich mit 48 Prozent
fast die Hälfte der befragten Kommunen 2012 im Haushaltsdefizit. Für
das laufende Jahr 2013 erwarteten
59 Prozent einen unausgeglichenen
Haushalt. In den Jahren 2011 bis 2013
haben daher 40 Prozent der Kommunen Haushaltssicherungskonzepte
9  http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/
EY_Kommunenstudie_2013/$FILE/EY%20
Kommunenstudie%202013.pdf (Stand: 18.11.2015).

Bereits 15 Prozent der Kommunen
befanden sich unter einem „kommunalen Rettungsschirm“. Hierbei legt
man Konsolidierungsziele fest, um finanzielle Mittel vom jeweiligen Bundesland zu erhalten. Am häufigsten
wurde hier eine (weitere) Reduktion
von Ausgaben für freiwillige Leistungen aufgeführt. Zudem werden häufig Ausgaben für Pflichtaufgaben reduziert und es wird versucht, höhere
Einnahmen aus dem Beteiligungsbereich zu erzielen.
Wenn man annimmt, dass die Haushaltslage der Kommunen diesen
Trend wie es scheint weiter beibehält,
ist es hilfreich, seine politischen Handlungs- bzw. Mitgestaltungsoptionen
zu kennen und auf den Haushalt, von
dem man ggf. indirekt/direkt abhängig ist, einzuwirken.
22

Grundlegendes zum Kommunalrecht
Die Kommunen stellen aus vertikaler
Sicht das Fundament im Staatsaufbau dar.
Gesetzgebungs- bzw. Rechtssetzungsbefugnisse (Legislative) haben
hier die Kreistage, Gemeinde- und
Stadträte. Die vollziehende Gewalt
(Exekutive) nehmen die Landräte
und die (Ober-) Bürgermeister/-innen
wahr. Die Rechtsprechung (Judikative) wird von den jeweils zuständigen Gerichten, bspw. Amtsgerichten,
wahrgenommen.

Daher gilt für jedes Bundesland eine
ihm eigene Kommunalverfassung/
Gemeindeordnung bzw. Landkreis-,
Kreisordnung. Wesentliche Inhalte
wie Aufgaben, Wirkungskreise oder
Satzungsregelungen sind jedoch
größtenteils bundesweit deckungsgleich.
In den Kommunalverfassungen bzw.
Gemeindeordnungen ist auch die Art
der Buchführung (oder auch kommunale Haushaltsführung) geregelt (z. B.
in NRW § 92 Abs. 1 GO NRW).

Auf der kommunalen Ebene bilden
die Kommunalverfassungen bzw. Gemeindeordnungen das Grundgerüst
für das Handeln.
Aufgrund der in Art. 20 Abs. 1 Grundgesetz (GG) festgeschriebenen Bundesstaatlichkeit besitzen neben dem
Bund auch die Länder Gesetzgebungskompetenzen (auch Föderalismus genannt).10

10  http://www.bpb.de/wissen/UDGM1N (Stand
07.10.2015).

23

Die kommunale Haushaltsführung
Derzeit gibt es zwei Arten der kommunalen Haushaltsführung bzw. auch
Mischformen. Zum einen die Kameralistik, welche lediglich Ausgaben und
Einnahmen darstellt. (Werteverzehr in
Form von Abschreibungen wird nicht
berücksichtigt.) Und zum anderen die
doppelte Buchführung, ähnlich wie sie
im kaufmännischen Bereich Anwendung findet. In der Kommune spricht
man allerdings von Doppik, was für
doppelte Buchführung in Konten
steht. (Die Doppik berücksichtigt Abschreibungen.) Da Abschreibungen
für viele Kommunen neu bzw. bei Anwendung der Kameralistik irrelevant
sind, kann es hier zu Problemen bei
der Refinanzierung kommen.
Hier können auf der Sachbearbeiterebene zum Teil „didaktische“ Fertigkeiten sinnvoll sein. „Wenn Sie Abschreibungen nicht berücksichtigen,
warum bekommt man dann nicht
sein Geld in voller Höhe wieder, wenn
man nach einigen Jahren sein Auto
wieder verkaufen möchte?“
Ist auch dies nicht hilfreich, ist die Art
der Finanzierung zu prüfen. Handelt

Der ausgeglichene Haushalt als Ziel
es sich um eine vertraglich ausgehandelte Vergütung? Oder nehme ich
Zuwendungen in Anspruch?
Die Tatsache, ob es sich um eine
Pflicht- oder freiwillige Aufgabe der
Kommune handelt, ist unter Umständen entscheidend für den Fortbestand und die Höhe der Finanzierung.
So ist die Kommune bspw. als Träger
der öffentlichen Jugendhilfe nach § 3
Abs. 2 SGB VIII zur Leistung verpflichtet. Nach § 4 Abs. 2 SGB VIII kann die
Kommune die Leistung auch nicht
selbst erbringen, sofern eine geeignete Einrichtung eines freien Trägers
die Aufgabe wahrnehmen kann.
Im Gegensatz hierzu stehen bspw.
Projekte, welche nur eine zeitlich befristete Zuwendung erhalten. Nach
dem Ablauf des Förderzeitraumes
besteht hier keine direkte gesetzliche
Verpflichtung für die Kommune.
Selbst Kommunen haben hier manchmal Unterscheidungsschwierigkeiten.
Und so sieht ein Vertragsangebot wie
ein Bewilligungsbescheid nur ohne
Rechtsbehelfsbelehrung aus.

24

Wie steht es konkret in meiner Kommune um die Finanzen? Ein Großteil
der Kommunen befindet sich derzeit
in Haushaltskonsolidierung. Hierunter versteht man die Verringerung
oder Stabilisierung der öffentlichen
Schulden. Haushaltskonsolidierung
bedeutet demnach, Schuldentilgung
und Kreditaufnahmen so zu gestalten, dass die dauerhaft bestehenden
öffentlichen Schulden (strukturelles
Defizit) mittelfristig verringert werden
bis zum ausgeglichenen Haushalt.11
Also dafür zu sorgen, den Haushalt
wieder auf die „richtige Bahn“ zu lenken und den Haushalt auszugleichen.
Die Pflicht, einen ausgeglichenen
Haushalt vorzulegen, betrifft den gesamten öffentlichen Sektor und ist gesetzlich verankert. Auf kommunaler
Ebene bspw. in § 75 Abs. 2 GO NRW.

der Föderalismuskommission 2009
zurückzuführen ist, eingeführt.
Im Grundgesetz in Artikel 143 d Abs. 2
ist dazu folgendes geregelt (Auszug):
„Als Hilfe (…) können den Ländern Berlin, Bremen, Saarland, Sachsen-Anhalt
und Schleswig-Holstein für den Zeitraum 2011 bis 2019 Konsolidierungshilfen aus dem Haushalt des Bundes
in Höhe von insgesamt 800 Millionen
Euro jährlich gewährt werden. Davon
entfallen auf (…) Sachsen-Anhalt (…)
80 Millionen Euro. (…) Die Gewährung
der Hilfen setzt einen vollständigen Abbau der Finanzierungsdefizite bis zum
Jahresende 2020 voraus. (…)“
Für dieses grundgesetzlich verankerte
Element der Schuldenbremse existiert
in den Kommunen ein entsprechendes
Pendant, welches im jeweiligen jährlich zu erstellenden Haushaltsplan
zu finden ist. Um den Haushalt nun
zu konsolidieren, kann man Ausgaben verringern und/oder Einnahmen
erhöhen. In dem betreffenden Teil
im Haushaltsplan sind daher explizit
Maßnahmen der Kommune zur Haushaltskonsolidierung aufgeführt. Diese

Um das Ziel der Haushaltskonsolidierung zu erreichen, wurde die Schuldenbremse als verfassungsrechtliche,
verbindliche Regelung der Neuverschuldung, welche auf die Ergebnisse
11  http://www.bpb.de/nachschlagen/
lexika/lexikon-der-wirtschaft/19603/
haushaltskonsolidierung (Stand 07.10.2015).

25

wurden durch das entsprechende Legislativorgan (bspw. Stadtrat, Kreistag)
im Vorfeld beschlossen.

Wie kommt es nun zum kommunalen Haushalt?
Die Aufstellung erfolgt in folgenden
Schritten12:
 Die einzelnen Dienststellen und
Ämter der Stadtverwaltung melden ihren Bedarf über die jeweiligen Dezernate bei der Kämmerei an. Die Kämmerei kümmert
sich um die finanziellen Angelegenheiten einer Stadt und ist für
die Verteilung der Finanzmittel
zuständig. Die Kämmerei prüft
die Anmeldungen, dann werden die angemeldeten Bedarfe
innerhalb der Verwaltung diskutiert, angepasst und korrigiert.
 Wenn dann alle notwendigen Veränderungen berücksichtigt sind,
wird anhand der vorliegenden
Daten ein Entwurf für einen Haushaltsplan erstellt. Über diesen berät
12  http://www.stadt-koeln.de/politik-undverwaltung/finanzen/haushalt/wie-wird-derhaushaltsplan-aufgestellt (Stand 27.10.2015).

und entscheidet zunächst der
Stadtvorstand. Der Stadtvorstand
besteht aus Oberbürgermeister/in und Beigeordneten. Der/die
Stadtkämmerer/-kämmerin legt
diesen Entwurf dann dem/der
Oberbürgermeister/-in zur Feststellung vor. Der/die Oberbürgermeister/-in bringt den Entwurf
danach in öffentlicher Sitzung in
den Rat ein.
 Nach der öffentlichen Bekanntgabe des Haushaltsplanes können
Einwohner/-innen oder Abgabepflichtige in einem Zeitraum von
vierzehn Tagen Einwände gegen
den Entwurf erheben. Während
der Dauer der Beratungen im
Stadtrat bleibt der Haushaltsplanentwurf öffentlich ausgelegt.
Nach der Einbringung in den Rat
erfolgt die Beratungsphase des
Haushalts in den Ausschüssen
26

und Bezirksvertretungen. Die Politik kann sich nun mit den Vorschlägen der Verwaltung auseinandersetzen und gegebenenfalls
Veränderungen herbeiführen.
 
Wenn der Rat den Haushalt beschlossen hat, wird er der Bezirksregierung zur Prüfung vorgelegt.
Bis die Genehmigung vorliegt,
befindet sich die Kommune in der
so genannten „vorläufigen Haushaltsführung“. In dieser Zeit dürfen
nur Ausgaben getätigt werden, zu
der eine rechtliche Verpflichtung
besteht oder die notwendig sind,
um den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten.
Also in der Entwurfsphase des Haushalts, in welcher der Haushaltsplanentwurf öffentlich ausgelegt wird, ergibt sich die Möglichkeit für Hinweise
oder Änderungswünsche, welche in
der folgenden Beratungsphase in den
Ausschüssen thematisiert werden.
27

Erstellung des
Haushaltsplanentwurfs
(innerhalb der Verwaltung)

Bekanntmachung, öffentliches
Auslegen des Entwurfs
Möglichkeit der
Einflußnahme
Beratung in
den Ausschüssen

Bestätigung und Bekanntgabe
des Haushaltsplans

Produktbildung
Um den zum Teil mehrere hundert
Seiten starken Haushaltsplan für
Bürger/-innen und Mandatsträger/innen dennoch möglichst transparent zu gestalten, werden die Ausgaben verursachungsgerecht nach
Produkten zugeordnet. Die Produkte
sollen eine Verbindung zwischen den
Kosten einerseits und den angestrebten Zielen und Wirkungen andererseits darstellen.
Die mit der Reform des Gemeindehaushaltsrechts angestrebte Verbesserung der Steuerung der Kommunalverwaltungen13 wurde durch
eine neue Gliederung des Haushaltsplans umgesetzt. Das bedeutet unter anderem, dass der relativ neue
Produkthaushalt keine Sammelnachweise mehr kennt, da auch die
Aufwandsarten, die üblicherweise in
Sammelnachweisen oder zentralen
Haushaltsstellen bewirtschaftet wurden (Personal, Gebäude, Reinigung,
13  Vgl. Leitlinien für eine Reform des
kommunalen Haushaltsrechts vom 21.11.2003,
Quelle: http://www.mik.nrw.de/fileadmin/
user_upload/Redakteure/Dokumente/
Themen_und_Aufgaben/Kommunales/1_Leittext_
Innenministerkonferenz.pdf (Stand: 27.10.2015).

Energiekosten etc.) den Produkt- bzw.
Produktgruppenbudgets zugeordnet
werden. Wo das nicht unmittelbar
möglich ist, sollen interne Leistungsverrechnungen für eine verursachungsgerechte Zuordnung sorgen.
Die Teilhaushalte bilden ein Budget.
Die Budgetbildung, die mit der Doppik in der Regel flächendeckend vorgesehen ist, ergänzt das an der Leistung für die örtliche Gemeinschaft
orientierte Produktgliederungsprinzip des Haushalts und soll eine klar
erkennbare Verantwortlichkeit (nach
außen) und flexible Mittelbewirtschaftung (nach innen) ermöglichen.
Je nach landesrechtlicher Regelung
kann die Gliederung der Teilergebnishaushalte nach Produktbereichen,
Produktgruppen etc. oder nach Organisationseinheiten erfolgen. In beiden Gliederungsformen sollen Produktbereichs-, Produktgruppen- und
Produktinformationen
dargestellt
und die monetären Budgetansätze
durch Ziele und Kennzahlen für Produktgruppen oder Einzelprodukte ergänzt werden.
28

Auf öffentlichen Sitzungen und dem
öffentlichen Auslegen des Haushaltsplanentwurfs der Stadt- und Kreisräte
wird in der Regionalpresse, in jeweiligen Amtsblättern oder im Internetauftritt hingewiesen. Oftmals kann
man sich auch in einen E-Mail-Verteiler aufnehmen lassen. Nimmt man an
einer Sitzung teil, kann man sich ggf.
am Meinungsbildungsprozess der
Abgeordneten beteiligen, Perspektiven und/oder Alternativen aufzeigen,
wenn ihre Zuwendung im folgenden
Haushaltsjahr verringert oder eingespart werden soll.

Zwar besteht bei einer kommunalen
Pflichtaufgabe eine Ermessensreduzierung auf null, bspw. Leistungen
nach dem Sozialgesetzbuch, aber
auch hier kann unter Umständen
durch die prospektive Betrachtung
und einer geringeren Erwartung des
Umfangs der Leistung eine Verringerung im Budget eingeplant sein.

Sofern man eine freiwillige Leistung
im Auftrag der Kommune erbringt,
ist es daher (bei Haushaltskonsolidierung „dringend“) anzuraten, sich
in der Entwurfsphase mit dem Haushaltsplan zu beschäftigen, zu prüfen, welchem Produkt wird meine
Leistung zugeordnet und welches
Budget steht diesem Teilhaushalt zur
Verfügung.

29

Welche politischen Handlungsoptionen gibt es?
Während der Haushaltsplanentwurf
ggf. mit Haushaltskonsolidierungskonzept öffentlich ausliegt, bzw. in
den Ausschüssen beraten wird, sollte
man seine konstruktiven Argumente
vorbringen.
So sollte man auch bei dem „Runterfahren“ von sozialen Leistungen
an mögliche hierdurch verursachte
Remanenzkosten denken. Ebenfalls
stellen die kommunalen Mittel oft
nur Sockelfinanzierungen da, ohne
diese Teilfinanzierungen, kann mitunter ein größeres Projekt gefährdet
oder gar ausgeschlossen werden.
Auch auf einen nicht monetär messbaren sozialen Mehrwert (frei nach
JFK „Auf Dauer ist nur eines teurer als
Bildung, keine Bildung!“) sollte hingewiesen werden.

Des Weiteren kann man Konsolidierungen nicht nur durch Einsparungen erreichen, jedoch treffen Steuern
zumeist einen größeren Teil der Wählerschaft. Andere Möglichkeiten der
Mehreinnahmen kommunaler Haushalte sind z. B. sanierungsbedingte
Ausgleichsbeträge.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?!
Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten
über Stiftungen und Soziallotterien
von Joachim Hagelskamp

Selbstverständlich können Argumente und Hinweise (wie Synergieeffekte,
Kooperationen, individuelle Begebenheiten…) an dieser Stelle nicht
abschließend sein.
Es mag auch schon reichen, an einer
öffentlichen Sitzung teilzunehmen,
sein Anliegen zu äußern und hierdurch
„Gesicht zu zeigen“, schließlich geht es
nicht um schwarze Zahlen in einem
mehrere hundert Seiten starken Haushaltsplan, sondern um soziale Projekte.
Alexander Wapenhans ist Referent
im Team Betriebswirtschaft und
Finanzierung im Paritätischen
Sachsen-Anhalt.
E-Mail: awapenhans@paritaet-lsa.de
30

Stiftungen
Der Trend, eine Stiftung zu gründen,
ist in Deutschland in Mode gekommen. Im Juli 2014 waren es über
20.000 Stiftungen und jedes Jahr
kommen einige Hundert Neugründungen dazu. Deshalb liegt es nahe,
dass sich Fundraiser und Finanzverantwortliche sozialer Organisationen
z. B. auf der Homepage des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen einen Überblick über die Landschaft
verschaffen.

Bei der Recherche
stellt
man allerdings
schnell fest, dass
es trotz dieser
Vielfalt nicht unbedingt einfach
ist, den richtigen
Partner für seine
Projektidee zu
finden; viele Stiftungen vergeben kein Geld,
weil sie selbst
operativ tätig sind und eigene Einrichtungen und Dienste betreiben.
Viele andere sind nur regional tätig
und viele unterstützen keine oder nur
eingeschränkt soziale Projekte. Andere wenige helfen auch nur Menschen,
die sich in einer Notlage befinden.
Solange nicht die Haupttriebfeder
der Suche allein die Finanzierung
der eigenen laufenden Betriebskosten ist, lohnt sich die Recherche.
Man muss dabei immer im Kopf haben, dass jeder Geldgeber mit seiner
31

Förderung stets auch seinen eigenen Zweck verfolgt und dass sind
nicht die Zahlung von Miete, Telefon,
Geschäftsführung oder Mitgliederverwaltung, sondern die Förderung
von Projekten, die im Einklang mit
den eigenen Stiftungszielen stehen
müssen, wie es z. B. die DietmarHopp-Stiftung tut, wenn sie nur Projekte für benachteiligte oder behinderte Kinder und Jugendliche sowie
für Senior/-innen und Schwerkranke
unterstützt und dass auch nur im
Rhein-Neckar-Raum. Andere Stiftungen, wie z. B. die Hertie-Stiftung,
vergeben jährlich Preise für modellhafte Aktivitäten von Selbsthilfegruppen und besonders engagierte
Helfer/-innen. Die Auszeichnung
wird allerdings nur für Aktivitäten
im Bereich der Multiplen Sklerose
und der neurodegenerativen Erkrankungen, wie z. B. Parkinson und Alzheimer, verliehen. Überregional fördert z. B. die Software-Stiftung viele
kleine und mittelgroße, sogenannte
Regelprojekte im Förderrahmen von
5.000 bis 100.000 Euro in der Behinderten-, Alten- und auch Kinder- und
Jugendhilfe. Recht neu „am Markt“
ist die Walther-Blüchert-Stiftung, die
barrieregehemmten Menschen zur

Seite steht, denen es in ihrer derzeitigen Situation schwierig bis unmöglich erscheint, am gesellschaftlichen
Leben teilzuhaben. Deshalb schafft
sie eigene oder fördert Leuchtturmprojekte, die nachhaltig und effizient wirken und Modellcharakter als
best practice besitzen, vorrangig für
alte Menschen sowie Kinder und Jugendliche. Daneben unterstützt sie
aber auch unbürokratisch in akuten
individuellen Notlagen, wenn staatliche Hilfen nicht greifen und unterstützt Projekte für Menschen, die
unverschuldet in Notsituationen geraten sind. Ebensolche Ziele verfolgt
die Otto-und-Lonny-Bayer-Stiftung,
deren Zweck es ist, in Not geratene
Menschen aus NRW, Berlin und den
neuen Bundesländern zu unterstützen und ihnen Perspektiven zur Lösung ihrer Probleme zu bieten.
Dabei stoßen alle Stiftungen derzeit
an finanzielle Grenzen, denn in Zeiten
der niedrigen Zinsen fällt es schwer,
Kapital gut anzulegen, um so Fördermittel zu generieren. Da sie ihr Stiftungskapital nicht schmälern dürfen,
bleibt ihnen oft nur der Weg aus den
Zinserträgen geringer oder gezielter
zu unterstützen.
32

Umso mehr lohnt es sich gerade für
kleine Organisationen sich zunächst
vor Ort umzuschauen. Bürgerstiftungen, Kreissparkassen und Volksbanken engagieren sich nicht nur bei
der Unterstützung von Sport, Bildung
und Kultur, sondern fördern auch gezielt soziales Engagement. Das Internet hilft hier, weil jede Bank wie auch
jede Bürgerstiftung ihr Engagement
öffentlich machen und transparent
darlegen, an wen für was Unterstützung gegeben wird. Und sollte man
feststellen, dass man mit seiner Organisation nicht zur Zielgruppe zählt,
so ergibt es doch die vorteilhafte Erkenntnis, dass man anderen potentiellen Förderern aufzeigen kann, „wir
haben uns sachkundig gemacht und
bemühen uns“.

Soziallotterien
Bei der Suche nach Finanziers für ein
Projekt stößt man dann aber auch
auf andere bundesweit tätige Förderinstitutionen, die keine Stiftungen
sind. Es sind Glücksspielveranstalter, die sogenannte Soziallotterien
veranstalten, bekannt als Deutsche
Fernsehlotterie, Aktion Mensch und
33

GlücksSpirale. Ihnen ist gemein, dass
sie durch die Veranstaltung von Lotterien Geld für soziale Projekte akquirieren. Nach der Auszahlung von
Gewinnen (30 
%), Steuern (17 
%)
werden jährlich von allen dreien zusammen rd. 230 Mio. Euro für die
soziale Arbeit bereitgestellt. Dabei
entfallen rund 66 Prozent auf die Aktion Mensch, rund 25 Prozent auf die
Deutsche Fernsehlotterie und rund
9 Prozent auf die GlücksSpirale. Das
Feld der Unterstützung ist breit und
wie bei Stiftungen auch verfolgt jede
dieser Lotterien mit seiner Förderung
eigene Zwecke und Ziele. Wie bei
allen Förderern liegt auch bei ihnen
nicht der Fokus auf der Unterstützung von laufenden Betriebskosten,
sondern auf Projekten und Investitionen, die bestimmten Zielgruppen
zu Gute kommen. Das Geld, das sie
Monat für Monat einspielen, wird von
ihnen zeitnah ausgeschüttet, was sie
damit von Stiftungen unterscheiden,
die aus den Geldmarkterträgen ihres
Stiftungskapitals fördern.
Die Soziallotterien haben dabei
grundsätzlich unterschiedliche Zielgruppen im Fokus, die sich aber
auch überschneiden. Bei der Aktion

Mensch sind es behinderte Menschen, Menschen in besonderen
Lebenssituationen und Kinder- und
Jugendliche. Bei der Deutschen Fernsehlotterie, die ihre Mittel über die
Stiftung Deutsches Hilfswerk (DHW)
ausschüttet, sind es Menschen mit
gesundheitlichen und sozialen Problemen. Wobei hier zum einen die
Aspekte „Gesundheit“ und „Sozial“
zugleich zutreffen müssen und zum
anderen eine Einschränkung auf alte
Menschen und Kinder- und Jugendliche erfolgt. Die GlückSpirale hat den
umfassendsten Zielgruppenbegriff,
wobei ihr mit derzeit deutlich unter
20 Mio. Euro jährlich die geringsten
Ressourcen zur Verfügung stehen.
Aktuell fördern die Lotterien auch
intensiv örtliche Projekte für Flüchtlinge und Asylsuchende.
Gerade wenn es um überschaubare
Vorhaben geht und wenig eigenes
Geld zur Verfügung steht, bietet hier
die Aktion Mensch mit ihren Förderaktionen „Noch viel mehr vor“ und
„Barrierefreiheit“ eine gute Möglichkeit für die Realisierung an. Monatlich
werden bis zu 300 Projekte und bis zu
50 kleine (Um-)Baumaßnahmen unterstützt. Die Förderaktion „Noch viel

mehr vor“ stellt seit April 2014 das
Thema Inklusion in den Mittelpunkt.
Die Aktion will überall da Ideen und
Projekte unterstützen, wo die Teilhabe aller an der Gesellschaft vorangebracht wird. Gerade kleine lokale
Ansätze stehen hier im Mittelpunkt.
Wer Menschen mit Behinderung, mit
Migrationshintergrund, Flüchtlinge,
Asylsuchende oder Kindern und Jugendlichen kulturelle Erlebnisse ermöglichen und dafür Barrieren beiseite räumen möchte, wer Ideen für
ein inklusives Sportprogramm oder
eine Schulung im Umgang mit modernen Medien hat, oder wer eine
öffentlichkeitswirksame Kampagne
starten will, kann gefördert werden.
Jede gemeinnützige Einrichtung, die
nicht von der öffentlichen Hand oder
von Privatpersonen in ihrer Trägerstruktur dominiert wird, kann hier
einmal im Jahr ein kleines Projekt mit
bis zu 5.000 Euro gefördert bekommen, um daraus die erforderlichen
Sach- und Honorarkosten zu finanzieren. Das kann zum Beispiel ein Kinderkochkurs sein, ein Theaterprojekt
von Menschen mit und ohne Behinderung, ein inklusives Sportangebot
oder ein gemeinsames Sommerfest.
Die Laufzeit der Projekte kann dabei
34

zwischen einem Tag und einem Jahr
liegen. Die Antragstellung ist unbürokratisch und einfach auf der Internetseite der Aktion Mensch möglich.
Der Einsatz von Eigenmitteln ist nicht
erforderlich, wird aber gern gesehen.
Das neue Förderangebot richtet sich
vor allem an Initiativen und Vereine,
die bisher noch keine Berührung mit
dem Thema Inklusion hatten und hier
einen ersten Schritt gehen möchten.
Ziel ist es, dass die geförderten Projekte den Inklusionsgedanken unterstützen und weitertragen. Sie sollen
allen Interessierten mit und ohne
Behinderung offen stehen. Dies kann
auch die Förderung eines Gebärdensprachdolmetschers sein, der die Aufführung eines lokalen Laientheaters
übersetzt. Auf der Homepage der
Aktion Mensch findet man zahlreiche
erfolgreiche Beispiele, bei denen man
auch abschauen darf.
Mit der Förderaktion „Barrierefreiheit“
unterstützt die Aktion Mensch kleinere investive Vorhaben, die Menschen
mit Behinderung die Teilnahme am
gesellschaftlichen Leben ermöglichen, mit bis zu 5.000 Euro. Gefördert
werden kleine bauliche Bau- und Umbaumaßnahmen wie Rampen, Trep-

penlifte, Leitsysteme oder barrierefreie Toiletten oder die Anschaffung
technischer Gebrauchsgegenstände,
Induktionsschleifenanlage oder Lesegeräte für sehbehinderte Menschen.
Auch Systeme der Informationsverarbeitung oder akustische und visuelle
Informationsquellen gehören dazu.
Auch in diesem Förderprogramm
sind Eigenmittel nicht erforderlich.
Allerdings kann hier jede Einrichtung
nur einmal einen Antrag bewilligt
bekommen und die Gesamtkosten
für die Investition dürfen 15.000 Euro
nicht übersteigen. Die Immobilien
müssen nicht im Besitz des Antragstellers sein. Auch ist ein langfristiger
Mietvertrag nicht vorgeschrieben.
Es sollte aber aus dem Antrag deutlich werden, dass man auch nach
dem Umbau die Immobilie weiterhin
nutzt. So kann auch z. B. eine Schuldnerberatungsstelle oder die Beratungsstelle eines Betreuungsvereins
bei geringem Umfang einen Schritt
in Richtung Barrierefreiheit tun.
Wenn man an die Aktion Mensch aber
auch an das DHW denkt, dann denken
viele an große Fördersummen, die zugleich hohe Eigenmittelanteile nach
sich ziehen. Warum aber immer bis
35

an den Anschlag gehen, wenn diese
Förderer doch auch attraktive Fördermöglichkeiten für kleinere Projekte
(bei Einbindung von ehrenamtlichem
Engagement) mit Gesamtkosten bis
50.000 Euro anbieten. Gerade diese
wenig in Anspruch genommene Förderung von Projekten ist ausgesprochen lukrativ. Denn wenn die Gesamtkosten eines Projekts bei bis zu 50.000
Euro liegen und das Projekt ehrenamtliches Engagement mit einbindet,
wird eine Ehrenamtspauschale von 10
Prozent der Gesamtkosten als Eigenmittelanteil anerkannt. Die ehrenamtliche Arbeit muss dazu beim Verwendungsnachweis durch Angabe von
Namen und Einsatzzeiten nachgewiesen werden und darf nicht nur einfach
behauptet werden. Aber die Hürde ist
ja leicht zu nehmen. Und wenn man
Projekte nicht bis zur maximalen Förderdauer von 3 Jahren streckt, sondern z. B. auf 1 Jahr hin konzipiert,
dann ist das nicht wenig Geld.

von 35.000 Euro gewährt die Aktion
Mensch eine Verwaltungskostenpauschale von 20 Prozent gleich 7.000
Euro. Zusätzlich kann, wenn es auch
beantragt wird, die Ehrenamtspauschale von 10 Prozent der Gesamtkosten gleich 5.000 Euro gewährt
werden. Zusammen sind dies 47.000
Euro und es verbleiben lediglich
3.000 Euro beim Träger an Eigenmitteln. Beim DHW ist das ähnlich. Das ist
dann doch ein realer Eigenanteil, der
für viele Träger sehr viel realistischer
ist, als viele andere Finanzierungen.

Um es anschaulich zu machen, hierzu
ein Beispiel aus der Aktion Mensch.
Die Gesamtkosten des Projekts betragen 50.000 Euro. Der Eigenanteil beträgt 30 Prozent gleich 15.000 Euro.
Auf den so errechneten Zuschuss

Joachim Hagelskamp ist Bereichsleiter Gesundheit, Teilhabe und
Dienstleistungen im Paritätischen
Gesamtverband

Angesichts der vielfältigen Bedarfe,
die sich zurzeit z. B. im Hinblick auf
junge Flüchtlinge ergeben, aber auch
im Hinblick auf vieles andere, für das
es keine Regelfinanzierungen gibt. Es
bleibt zu hoffen, dass mehr – gerade
auch kleinere – Träger ihre Phantasie
in diese Richtung sprühen lassen.

E-Mail: blf@paritaet.org
36

EU-Förderung auf kommunaler Ebene –
von (Vor-)Urteilen und Vorteilen
von Tilo Liewald
Die (Vor-)Urteile reichen gewöhnlich von: „Die EU finanziert im Prinzip alles.“ bis hin
zu: „Da geht gar nichts.“ Und
welche Aussage ist nun richtig?
Prämisse: Die EU kann, will
und darf nicht alles und jeden finanzieren und schon
gar nicht spezifische nationale Aufgaben der Mitgliedstaaten. Aber im Rahmen der
Zuständigkeiten der EU gibt
es ausgesprochen vielfältige
Möglichkeiten der finanziellen
Unterstützung.
Die Förderziele für die aktuelle Periode 2014 – 2020 sind am Ziel der
Strategie Europa 2020, Schaffung
von intelligentem, nachhaltigem und
integrativem Wachstum: intelligent
– durch wirksamere Investitionen in
Bildung, Forschung und Innovation;
nachhaltig – durch eine entschlossene Ausrichtung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft; integrativ –

durch die vorrangige Schaffung von
Arbeitsplätzen und die Bekämpfung
von Armut, ausgerichtet. Die daraus
abgeleiteten Förderinstrumente der
Europäischen Union sind an Voraussetzungen und Regeln gebunden,
die zwischen allen 28 Mitgliedstaaten, dem Europäischen Parlament
und der Europäischen Kommission
abgestimmt werden müssen.
37

Das Ziel der Strategie Europa 2020 soll
u. a. durch den Einsatz unterschiedlicher Fonds erreicht werden. Der wohl
bekannteste im Feld der Wohlfahrtspflege ist der Europäische Sozialfonds
(ESF). Für die nächsten sieben Jahre
stehen europaweit ca. 80 Milliarden
Euro zur Verfügung. Deutschland erhält zwischen Bund und Ländern aufgeteilt etwa 7,5 Milliarden Euro. Das
ist ungefähr ein Drittel weniger als in
der vorherigen Förderperiode 2007 –
2013. In der Konsequenz werden einige vertraute Programme im Rahmen
des ESF nicht mehr weitergeführt.
Teilweise wurden Programme zusammengelegt oder sie werden seit 2014
mit nationalen Mitteln fortgesetzt. So
hat sich die Zahl der ESF-Bundesprogramme von ehemals 62 auf jetzt 26
reduziert, die sich auf insgesamt fünf
Bundesministerien verteilen. Rund
4,8 Milliarden Euro können die Bundesländer in ihren jeweiligen ESFProgrammen ausgeben. Allerdings
werden einzelne Programme zu
einem nicht unerheblichen Teil durch
Bundes- oder Landesmittel aufgestockt.

Der ESF gehört zu den Europäischen
Struktur- und Investitionsfonds (ESIFonds). Diese umfassen außerdem
den Europäischen Fonds für regionale
Entwicklung (EFRE), den Kohäsionsfonds (KF), den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung
des ländlichen Raumes (ELER) und
den Europäischen Meeres- und Fischereifonds (EMFF).
Aus diesen Fonds speisen sich dann
u. a. weitere Fonds, wie z. B. der Europäische Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen in
Deutschland (EHAP), der Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF)
oder spezielle Förderprogramme
(ERASMUS+, Employment and Social
Innovation (EaSI) etc.).

38

Praktische Tipps zum Überleben im Fördermitteldschungel
von A wie Antragsformular bis Z wie Zuwendungsbescheid:
 
Nicht jedes Förderprogramm
auf Bundes-, Landes-, regionaler
oder kommunaler Ebene lässt
auf den ersten Blick erkennen, ob
Finanzmittel der Europäischen
Union enthalten sind. Spätestens im Verwendungsnachweis,
d. h., bei der Finanzabrechnung
fallen diese Mittel durch spezielle Abrechnungsanforderungen
auf. Das bedeutet umgekehrt
aber auch, dass in diesen Programmen nur Maßnahmen förderfähig sind, die den oben erwähnten Fondsanforderungen
und -zielstellungen gerecht
werden. Die Verknüpfung von
europäischen, nationalen bzw.
länderspezifischen Zielen erfolgt
in den sogenannten Operationellen Programmen (OP) des
Bundes und der Länder. Vergeuden Sie deshalb nicht Ihre Zeit
mit der Suche nach EU-Förderprogrammen, wenn Ihr Projektziel oder die Zielgruppe nichts
mit den Zielen und Zielgruppen
der Europäischen Union in der
jeweiligen Förderperiode zu tun
39

haben, konzentrieren Sie sich
dann auf Alternativen!
 
Die Entwicklung, Beantragung,
Durchführung und Abrechnung
eines mit EU-Mitteln geförderten
Projektes ist eine strategische
Entscheidung. Dazu gehört auch
eine solide Risikoabschätzung.
Der personelle und finanzielle
Aufwand sowohl in der Vorbereitungs- als auch in der Durchführungsphase ist nicht unerheblich. Der Träger muss über die
notwendigen personellen und
finanziellen Ressourcen, hier vor
allem für die Ko- und Vorfinanzierung, verfügen. Versuchen Sie
nie, mit EU-Projekten strukturelle
Haushaltslöcher bei Ihrem Träger
zu stopfen!

 Übersichten zu den EU-Förderprogrammen und die wichtigsten
Dokumente finden Sie auf der
europäischen Ebene unter:
http://ec.europa.eu/contracts_
grants/grants_de.htm,

lisierungen wenig sinnvoll. Selbst
eine sehr knapp gehaltene Übersicht des Bundesministeriums für
Arbeit und Soziales (BMAS) der 26
ESF-Bundesprogramme umfasst
sechs Seiten. Die aktuelle „ESFPROGRAMMBROSCHÜRE“
des
BMAS vom September 2015 kann
man sich unter: http://www.esf.
de/portal/DE/Infothek/Printmedien/inhalt.html14 herunterladen.

zusätzlich auf der Bundes- und
Länderebene unter:
http://www.foerderdatenbank.de,
für die Sozialwirtschaft unter:
https://www.eufis.eu
(einmalige kostenlose Registrierung erforderlich)
und für die ESF-Bundesprogramme unter:
http://www.esf.de
Die genannten Übersichtsseiten

bieten keine Gewähr für die Vollständigkeit und erfordern u. U.
weitere Recherchen auch mit Hilfe gängiger Suchmaschinen.
Eine Zusammenstellung aller
oder auch nur der wichtigsten
oder nach der Mittelausstattung
größten Förderprogramme ist
an dieser Stelle kaum zu leisten
und auf Grund ständiger Aktua-

 
Die den Programmausschreibungen
zugrundeliegenden
Richtlinien sind in jedem Falle
bindend. Prüfen Sie im Vorfeld
immer, ob Ihre Einrichtung/
Organisation überhaupt antragsberechtigt ist und ob Ihre
Projektidee den Zielen und
Zielgruppen des Programms
entspricht! Zur Klärung der Antragsberechtigung können gehören: die Unternehmensgröße
(kleine oder mittlere Unternehmen – KMU)15, die Branche, der
14  Um Sie an die richtige Stelle auf der Website
zu navigieren, geben wir die vollständige URL an
In der pdf-Version der Broschüre finden Sie eine
Direktverlinkung per Mausklick
15  zur groben Orientierung: kleines
Unternehmen bis zu 50 Mitarbeiter/-innen
(Jahresvollzeitäquivalente) oder mittleres
Unternehmen bis zu 250 Mitarbeiter/-innen

40

Einrichtungssitz (wichtig für die
Zuordnung in bestimmte Zielgebiete), der Status der Gemeinnützigkeit etc. Setzen Sie sich
im Zweifelsfall mit den angegebenen Ansprechpartnern in Verbindung. Für den Fall, dass Ihre
Einrichtung nicht antragsberechtigt ist, bedeutet das nicht
unbedingt das sofortige Aus
für eine ansonsten passgenaue
Projektidee. Unter Umständen
können Sie sich im Rahmen größerer Projektverbünde an Programmen beteiligen, in denen
Städte oder Kommunen oder Arbeitsagenturen oder Jobcenter
etc. antragsberechtigt sind. Das
setzt in der Regel eine intensive
Kommunikation und ein hohes
Maß an Fachlichkeit und Verlässlichkeit voraus. Eine Beteiligung
als (Teil-)Projektpartner kommt
ebenfalls infrage, wenn es Ihnen
noch an Erfahrungen oder Ressourcen für eine eigene Hauptantragstellung mangelt.

 
Wenn Sie antragsberechtigt sind,
dann müssen die folgenden Fragen geklärt werden:
  Ist eine laufende Antragstellung möglich oder gibt es Antragsfristen?
 
ibt es finanzielle Unter- und/
G
oder Obergrenzen für die Projektgesamtkosten bzw. die Förderhöhe? Oder gibt es aus vorherigen Aufrufen Erfahrungs- bzw.
Empfehlungsgrößen?
 
Wie hoch ist der Fördersatz (Interventionssatz)? Können Sie
die notwendige Kofinanzierung aufbringen?
 
Kann die Kofinanzierung zumindest anteilig durch private
Drittmittel (z. B. Teilnehmerfreistellung) erfolgen?
 
Sind verpflichtend direkte Eigenmittel in bar oder ersatzweise als Personalfreistellung
einzubringen?

41

 
Sind weitere (u. 
U. ausländische) Projektpartner notwendig?
 Weitere praktische Hinweise
erhalten Sie auch in der schon
erwähnten Förderdatenbank
der Bank für Sozialwirtschaft
EUFIS (www.eufis.de). Eine umfangreiche Handreichung hat
die Werkstatt PARITÄT gemeinnützige GmbH auf ihrer Webside „ESF-Projekte managen“
zusammengestellt. Bis wahrscheinlich 2017 sollen die Inhalte an die aktuelle Förderperiode angepasst werden (http://
www.esf-epm.de/archiv/foerderperiode-2007-2013/stichwortkatalog/).
Holen Sie sich Rat bei den jeweiligen
Programmansprechpartnern, bei den
zuständigen Agenturen oder bei Ihrem Spitzenverband! Pflegen Sie den
Austausch mit erfahrenen EU-Projektträgern! Besuchen Sie die meist
kostenlos angebotenen Informationsveranstaltungen!

 
Nicht selten erfolgen die Aufrufe
zu Interessenbekundungen bei
EU-Programmen in einem sogenannten zweistufigen Verfahren.
Der eigentlichen Interessenbekundung ist in der Regel eine
allgemeine Online-Registrierung
des Trägers vorgeschaltet. Bei
den ESF-Bundesprogrammen,
die durch das Bundesverwaltungsamt (BVA) abgewickelt
werden, ist eine Registrierung
unter www.zuwes.de notwendig.
ZUWES steht für „Zuwendungsmanagement des Europäischen
Sozialfonds“. Nach dieser einmaligen Anmeldung als Projektträger stehen dem Interessenten je
nach Bewerbungsfrist die Interessenbekundungsformulare der
jeweiligen
Förderprogramme
zur Verfügung. Ein ähnliches
Portal existiert für direkt durch
die EU verwaltete Programme,
wie z. B. ERASMUS+ (Authentifizierungsdienst der Europäischen
Kommission ECAS): https://
webgate.ec.europa.eu/cas/eim/
external/register.cgi. Nach einer
erfolgreichen Vorauswahl erhält
der Projektträger anschließend
den „Aufruf zum Hauptantrag“.
42

Dieser erfordert gewöhnlich
einen dann verbindlichen Kosten- und Finanzierungsplan,
auf dessen Grundlage der Zuwendungsbescheid des BVA
erstellt wird. Das BVA bietet für
die Hauptantragstellung spezielle
Informationsveranstaltungen an. Entsprechende Unterlagen und Handreichungen
findet man unter: http://www.
bva.bund.de/DE/Organisation/
Abteilungen/Abteilung_ZMV/
Zuwendung_Themen/Themenbereich_Europaeischer_Sozialfonds/2014-2020/Foerderperiode_2014-2020.html?nn=
5547826¬First=true&doc
Id=5548076.
Die „Fördergrundsätze für Zuwendungen aus dem Europäischen Sozialfonds im Bundesverwaltungsamt“ umfassen knapp
40 Seiten, deren Lektüre aber
viele Fehler vermeiden lassen
und Unklarheiten ausräumen.

 
In der Förderperiode 2014 –
2020 verfolgen einige Bundesländer neue Ansätze der Verzahnung der einzelnen Fonds
in den Regionen. Die Europäische Kommission steht in der
Regel diesen Ansätzen sehr
aufgeschlossen gegenüber. Es
geht u. a. darum, z.  B. alte Gegensätze zwischen „der Förderung von Beton“ (EFRE) und „der
Förderung von Köpfen“ (ESF)
aufzulösen und sinnvoll miteinander zu verbinden. Einen
vergleichsweise großen Schritt
ist man mit dem Multifonds aus
EFRE und ESF in Niedersachsen gegangen (http://www.stk.
niedersachsen.de/startseite/
themen/regionale_landesentwicklung_und_eufoerderung/
eufoerderung/efre_esf/foerderperiode_2014_2020/multifondsprogramm/multifondsprogramm-efreesf-137398.html).
Ein kleineres Modell wurde mit
dem Programm CLLD in Sachsen-Anhalt gestartet. CLLD steht
für Community Led Local Development und ist die Anwendung der LEADER-Methode in
43

den Fonds EFRE und ESF. Und
die LEADER-Methode wiederum
bedeutet: Liaisons Entre les Actions de Developpement de l‘
Economie Rurale und ist eine Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Kommission für einen
neuen Ansatz zur Entwicklung
ländlicher Räume. Sie sieht vor,
integrierte Ansätze zu fördern,
die von aktiven, auf lokaler Ebene tätigen Partnerschaften erarbeitet und umgesetzt werden.
Die Initiative soll dabei die lokalen Akteure unterstützen und
das Potenzial ihres Gebietes in
einer längerfristigen Perspektive herausarbeiten. (http://www.
leader.sachsen-anhalt.de/leaderclld/ )

fördertechnisches Spezialwissen
sowie
Verhandlungsgeschick.
Nach den ersten Erfahrungen
und bisherigen Einschätzungen
wird eine zunehmende Regionalisierung und Verknüpfung der
Fonds an Bedeutung gewinnen.
Zumindest weisen erste Verlautbarungen aus der Europäischen
Kommission in diese Richtung.
Das bedeutet aber auch, dass
eine aktive Mitarbeit in den lokalen Netzwerken und eine
frühzeitige Beteiligung an der
Programmentwicklung auf den
unterschiedlichen Ebenen (EU –
Rat, Parlament und Kommission;
Bundesministerien; Länderministerien; Fondsbegleitausschüsse
beim Bund bzw. in den Ländern)
notwendig sind.

Die besondere Herausforderung
und Chance beider Ansätze
(Multifonds und CLLD) besteht in
der Mitarbeit in den „… aktiven,
auf lokaler Ebene tätigen Partnerschaften …“. Dafür müssen freie
Träger allerdings personelle Ressourcen zur Verfügung stellen.
Diese benötigen nicht nur eine
hohe Professionalität und regionale Verankerung, sondern auch
44

Fazit
Weder liegt das EU-Geld auf der Straße noch wird es als Präsent verpackt
frei Haus zugestellt. Zukünftig müssen
freie Träger für eine erfolgreiche Finanzierung durch EU-Fördermittel nicht
nur über solide Kenntnisse und Erfahrungen im EU-Projektmanagement
verfügen, sondern auch sehr spezielles

Know-how (z. B. Förderlogik der EU,
europäisches Wettbewerbsrecht oder
Indikatorik), Netzwerkfertigkeiten und
viel Zeit für eine aktive Mitarbeit in den
sogenannten lokalen Aktionsgruppen
mitbringen. Dinge, die auch der besonderen Unterstützung durch den
Paritätischen bedürfen.

Tilo Liewald ist Referent für Europa
und Bildung im Paritätischen
Gesamtverband
E-Mail: bildung@paritaet.org

45

Kommunale Sozialplanung – Warum ist das
wichtig und wie können wir uns einbringen?
von Andreas Beck

„If you fail to plan, you‘re planning to fail.” (Benjamin Franklin)
Ziel dieses Beitrags ist, den Begriff
der Sozialplanung verständlich, nutzbar und – für den Paritätischen als
Verband und für einzelne Mitgliedsorganisationen – attraktiv zu machen. Es empfiehlt sich, den anschließenden Beitrag von Antje Ludwig
mit dem vorliegenden als verbundene Texte zu lesen, um die Bandbreite
des Themas sowie die Verbindungen
von Theorie und Praxis nutzen zu
können.

Am Ausgangspunkt steht die Feststellung, dass das soziale Gefüge
– „die Gesellschaft“ – in ständiger
Bewegung ist. Stichworte wie demografischer Wandel, Inklusion, Migration, Gentrifizierung, Armut usw. lösen
ganze Kaskaden von Assoziationen
sozialer Ursachen, Zusammenhänge
und Wirkungen aus.
Es entspricht unserem Selbstverständnis im Paritätischen und seinen
46

Mitgliedsorganisationen, auf solche
Entwicklungen nicht lediglich zu
reagieren, sondern im Rahmen der
jeweiligen Möglichkeiten sozialpolitisch und fachlich als Mitgestalter zu
agieren. „Der Paritätische wirkt auf
eine Sozial- und Gesellschaftspolitik
hin, die die Ursachen von Benachteiligung beseitigen, ein selbstbestimmendes Leben ermöglichen und
sachgerechte Rahmenbedingungen
für eine zeitgemäße soziale Arbeit
schaffen.16“ Der Paritätische unterstreicht mit dieser Haltung das Leitbild der Subsidiarität und verknüpft
dies mit seiner sozialanwaltschaftlichen Rolle.
Vereinfacht gesagt: Während „sozialer Wandel“ als Synonym für all die
komplexen Prozesse genutzt wird,
verwende ich den Begriff „Sozialplanung“ für eine Methodik der Mitgestaltung. Die soziale Lage im Jahr
2015 unterscheidet sich von jener im
Jahr 1990 und sie wird im Jahr 2030
andere Herausforderungen haben
als heute. Gleiches gilt für die Entwicklung Sozialer Arbeit und ihrer
16  Der Paritätische Gesamtverband: Grundsätze
der Verbandspolitik. (http://www.der-paritaetische.
de/verband/wir-ueber-uns/grundsaetze/, Stand:
11.8.2015).

Rahmenbedingungen. Das Planerische dabei macht aus, dass es um die
Weiterentwicklung guter Sozialarbeit
für die Zukunft geht und nicht um ein
Festhalten am Status quo.
Im Allgemeinen wird Sozialplanung
primär als kommunale Aufgabe
wahrgenommen. Kreise und Städte
analysieren die soziale Lage und beobachten Entwicklungen in den Sozialräumen anhand von statistischen
Daten. Sie ermitteln Bedarfe und
planen damit soziale Angebote und
Dienstleistungen in ihrem Verantwortungsgebiet17. Dies geschieht im Kontext von neuen Steuerungsmodellen
öffentlicher Verwaltung und immer
knapper werdender Finanzmittel in
den Haushalten.
Im Idealfall handelt es sich um einen
fortwährenden Kreislauf der Sozialplanung (vgl. Abb. 1, VSOP, 2008): Ausgestattet mit einem sozialpolitischen
Auftrag werden spezifische Bedarfe
ermittelt und Ziele definiert. Darauf
folgt eine Maßnahmenplanung, die
die notwendigen Ressourcen zur
17  LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in
Thüringen e.V., Kompetenzzentrum Strategische
Sozialplanung, http://www.liga-thueringen.de/
index.php/was-ist-sozialplanung (Stand: 11.8.2015).

47

Zielerreichung plant und bereitstellt.
Die so untermauerte Leistungserbringung wird hinsichtlich ihrer Wirkung und Wirtschaftlichkeit evaluiert
und daraus folgt eine sozialpolitische
(Nach-)Steuerung durch Änderung
oder Differenzierung der Aufträge.
Wichtig ist: Sozialplanung handelt

nicht eigenmächtig, sondern dient
wie ein Lotse bei der Zielerreichung.
Dessen Dienste werden umso bedeutsamer, je enger das Fahrwasser (der
kommunale Finanzspielraum) wird,
trotzdem bleibt die letztliche Entscheidung beim Kapitän bzw. bei den sozialpolitischen Verantwortungsträgern.

Managementkreislauf

6.
Überprüfung und Bewertung
von Wirkung und Wirtschaftlichkeit der Leistungen und der
Leistungserbringung

5.
Leistungserbringung

1.
Definition sozialpolitischer
Leitlinien und
politische Auftragserteilung

Po
li
Verwaltung

Grunddaten für sozialpolitische
Leitlinien durch
Sozialberichterstattung

tik

Bürger/innen

r

äge
e Tr
i
e
r
F

2.
Zieldefinition auf der
Basis von
Bedarfsermittlungsprozessen

3.
Produkt- oder
Maßnahmenplanung mit
Ressourcenplanung

4.
Bereitstellung von Ressourcen
und Leistungen (interne, externe Leistungserbringer)

Abb. 1: Der sozialplanerische Management-Kreislauf (VSOP, 2008).
48

Eine so ablaufende kommunale Sozialplanung ist gut und richtig – aber aus
folgenden Gründen eine Engführung.

Einrichtungen, tausende von
Betroffenen und Beschäftigten
gegenüberstehen.

 Soziale Dienstleistungen werden  
Es ist sinnvoll, soziale Entwickin hohem Maße von freien Trälungen anhand von statistischen
gern wie den Paritätischen MitDaten und Trends zu beschreigliedsorganisationen erbracht.
ben, wie dies die Kommunen
Diese verfügen über fachliche
mit der sogenannten SozialbeExpertise, sie haben persönliche
richterstattung tun. Für gestalZugänge zu Menschen in schwietende Sozialpolitik ist es aber zu
rigen Lebenssituationen, sie mowenig, Fallzahlen und Fallkosten
tivieren und organisieren freiwiltabellarisch zu listen und in einen
liges Engagement, sie sind vitaler
Abgleich mit kommunalen HausTeil der Zivilgesellschaft und in
haltspositionen zu bringen. Zum
vielen Fällen mittelständische
einen, weil Statistiken nur einen
Arbeitgeber. Sozialer Wandel vor
Teil der Realität abbilden. So wird
Ort ist darum nicht nur ein (kombeispielsweise „gesellschaftliche
munal-)politisches Thema, sonTeilhabe“ in vielen Kommunen
dern immer zugleich auch Chananhand der Wahlbeteiligung in
ce und Risiko gelingender oder
einem Wahlbezirk und vielleicht
scheiternder Organisationsentnoch anhand der Mitgliederzahwicklung bei den freien Trägern.
len in Vereinen „gemessen“ – in
Wer von uns will, dass die zuErmangelung weiterer, leicht verständige Kommune über unsere
fügbarer Datenquellen. Wir haben
Köpfe hinweg soziale Angebote
ein weit darüber hinaus gehendes
plant, die wir dann umzusetzen
Verständnis von Teilhabe. Zudem
haben? Dies umso weniger als in
können Statistiken mit etwa 2-jähden meisten Kommunen bestenriger Aktualisierungsrate keine
falls einer Handvoll Sozialplaner/kurzfristigen, sehr dynamischen
innen dutzende Sozialräume,
Entwicklungen abbilden, wie den
zig Themengebiete, hunderte
Zustrom von Flüchtlingen oder
49

auch eine plötzliche Insolvenz
eines größeren Arbeitgebers vor
Ort mit den damit verbundenen
sozialen Herausforderungen. Ferner tun sich die Statistiken schwer
mit Schnittmengen von bestimmten sozialen Themen (chronisch
kranke Langzeiterwerbslose mit
Migrationshintergrund im Stadtteil XY). Und Tabellen geben
keinen Anhaltspunkt für soziale
Innovationen oder Präventionsansätze. Die Daten müssen daher
dringend „mit Leben gefüllt werden“ – wer könnte das besser als
jene, die jeden Tag mit den Menschen arbeiten?
 
Soziale Entwicklungen und
Rahmenbedingungen werden
in vielen Fällen in größeren Zusammenhängen bestimmt und
geprägt – sie wirken sich zwar
vor Ort aus, aber dies oft flächendeckend. So werden der
starke Bevölkerungsrückgang in
vielen ländlichen Gebieten und
die damit verbundenen sozialen Probleme von Faktoren geprägt, die überregional gelten
und sich in vielen Fällen kaum
vor Ort ursächlich beeinflussen

lassen. Vielmehr scheint eine
gemeinsame Vorgehensweise
aller betroffenen Regionen zielführend. Andere Beispiele sind
bundes- und landesgesetzliche
Vorgaben, überörtliche Zuständigkeiten der Sozialhilfeträger
oder die de facto stark strukturprägenden Vorgaben der Sozialversicherungsträger. Kommunale Sozialplanung kann also nur
einen Teil sozialer Infrastruktur
betreffen – sie muss aber mit den
anderen Ebenen zusammen gedacht und verbunden werden.

Nach Abschluss der Studie wurde
2014 ein „Kompetenzzentrum Strategische Sozialplanung“ eingerichtet,
das im Zusammenspiel mit öffent-

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege
in Thüringen befasst sich seit einigen
Jahren intensiv mit dem Thema Sozialplanung. Der Paritätische in Thüringen war und ist hierbei die treibende
Kraft. Nach mehrjähriger Vorbereitung wurde 2010 bis 2012 eine Machbarkeitsstudie18 durchgeführt, die im
Kern der Frage nachging: Wie können
freie Träger und Wohlfahrtsverbände
einen strategischen und konstruktiven Beitrag zur Sozialplanung im
oben beschriebenen Sinne leisten?

 Wohlfahrtsverbände
können
ihre Strukturen auf Landesebene
nutzen, um die auf dieser Ebene
stattfindenden Gestaltungsprozesse der Sozialpolitik in planvolle
Bahnen zu lenken oder zumindest dafür zu werben. Dies gilt vor
allem für die Leistungen, die auf
überregionalen Ebenen normiert
und fachlich weiterentwickelt
werden, wie bspw. Leistungen
der Kranken- und Pflegeversicherungen im Zusammenwirken mit
örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeleistungen. Die verschiedenen Akteure auf den Entschei-

18  Die Studie ist zu finden unter:
http://www.liga-thueringen.de/index.php/ligamachbarkeitsstudie, (Stand: 11.8.2015).

50

licher Sozialplanung als Unterstützungs-, Beratungs- und Vernetzungsstelle innerhalb der LIGA und für die
freien Träger dient.

Wie können sich Wohlfahrtsverbände und freie Träger an sozialplanerischen Prozessen beteiligen oder diese gar initiieren?
Die folgenden Vorschläge betreffen
schwerpunktmäßig die Strukturen
der Wohlfahrtsverbände, während
der anschließende Beitrag von Antje Ludwig (S. 54) die Ebene der Mitgliedsorganisationen beleuchtet.

dungsebenen anzusprechen und
– durchaus öffentlichkeitswirksam – zur gemeinsamen Erarbeitung von Lösungen einzuladen,
auf gute Beispiele zu verweisen
usw. kann Konfliktpotentiale vor
Ort reduzieren.
 Wohlfahrtsverbände können soziale Innovationen anstoßen und
neue Ansätze erproben, die für
einzelne Träger ungleich schwerer umzusetzen sind. Dazu können sie Forschung, Lehre und
Praxis zu einem fruchtbaren Miteinander anregen. Und sie können ihre sozialanwaltschaftliche
Funktion dadurch ausbauen, dass
sie eine wirksame Beteiligung von
Expert/-innen in eigener Sache
(Selbsthilfe, Selbstvertretung) bei
solchen Entwicklungsprozessen
unterstützen.
51

 Das setzt die Erarbeitung eines
gemeinsamen
Verständnisses
und die Vereinbarung zum gemeinsamen Vorgehen der Wohlfahrtsverbände zwingend voraus.
Unbestreitbar stehen diese und
ihre Untergliederungen in einem
Wettbewerbsverhältnis. Das nicht
zu verharmlosen und sich dennoch gemeinsam für gute Rahmenbedingungen einzusetzen,
gelingt bei vielen Themen und
sollte daher auch für das Thema
Sozialplanung machbar sein.
 Der einzelne freie Träger vor Ort
wäre überfordert, wenn er nicht
nur inhaltlich, sondern zugleich
auch strukturell Sozialplanungsprozesse anstoßen und mitgestalten sollte. Zudem würde er
als befangener Streiter für seine
Eigeninteressen wohl schnell zurückgewiesen. Damit eine Mitwirkung vor Ort möglich wird,
könnten
Wohlfahrtsverbände
und öffentliche Verwaltung landesweite Grundregeln für partizipative Sozialplanungsprozesse
erarbeiten und als Leitfaden an
die örtlichen Strukturen herantragen. Dies sollte durch eine vernet-

zende, moderierende Prozessbegleitung vor Ort ergänzt werden.
 
Da Sozialplaner/-innen meist
Einzelkämpfer/-innen in den
Kommunen sind, besteht oftmals Interesse, Lösungen mit anderen Akteuren gemeinsam zu
erarbeiten – unter der Voraussetzung, dass eine effektive, verlässliche, konstruktive Zusammenarbeit entsteht. Wenn die Freie
Wohlfahrtspflege nach mehr
Beteiligung ruft und die Chance
dann mit einem ungeordneten,
einander widersprechenden –
Pardon!- „Flohzirkus von Partikularinteressen“ wieder verspielt,
ist mehr verloren als gewonnen.
 Ganz ähnlich sieht es aus, wenn
es um den Ausbau von Bürgerbeteiligungen vor Ort geht. Der
Ruf danach verhallt oder kann
zu einem alle Seiten entmutigenden Bumerang werden,
wenn keine Ressourcen bestehen, um beteiligungswillige
Bürger/-innen in moderierte,
produktive
Mitwirkungsprozesse einzubeziehen.
52

 
In beiden Perspektiven – Bürger-/innen- und Trägerbeteiligung – ist ein langer Atem gefragt, weil Sozialplanung ein
kleinschrittiger Kreislauf- und
Lernprozess ist. Produktive Mitwirkung muss durch praktisches
Tun geübt werden.
 
Eine solche Unterstützung sozialplanerischer Prozesse setzt
Kompetenzen, Kontakte und Unterstützungsressourcen voraus,
die im Bedarfsfall durch die freien Träger abrufbar sind. Das Empowerment von Bürger/-innen
und ehrenamtlichen Strukturen
zur Mitgestaltung des Sozialen
ist so gesehen eine Frage der
(inklusiven)
Erwachsenenbildung in freier Trägerschaft. Das
LIGA-Kompetenzzentrum Strategische Sozialplanung in Thüringen ist hierzu ein spannendes
Lernmodell.
 
Die örtlich-regional gestaffelte
Struktur der Wohlfahrtsverbände
stellt eine nutzbare Stärke dar,
wenn es darum geht, Zusammenhänge der verschiedenen Ebenen
(Quartier, Sozialraum, Kommune,

Region, Land, Bund) herzustellen und arbeitsteilig auf diesen
„Hochzeiten mitzutanzen“.

Fazit
Die Frage ist nicht, ob die Freie Wohlfahrtspflege eine Verantwortung für
die zukünftige Entwicklung der sozialen Infrastruktur hat, sondern ob und
wie sie diese wahrnimmt. Wo Wohlfahrtsverbände sich nicht an Planungen beteiligen, vollzieht sich der
Wandel trotzdem – vielleicht „nur“
planlos, vielleicht aber auch zu Lasten
der Schwächeren in der Gesellschaft.
Zweifellos ist eine wirkungsvolle Mitgestaltung auf verschiedenen Wegen
sinnvoll – Sozialplanung ist hier ein
Instrument unter anderen und alle
sind mit Mühen und viel Arbeit verbunden. In Anlehnung an eine chinesische Weisheit: Wenn der Wind des
sozialen Wandels weht, bauen die einen Mauern um sich herum und die
anderen Windmühlen.
Andreas Beck ist Geschäftsführer der
Paritätischen Projekte gem. GmbH in
Frankfurt/Main
E-Mail: Andreas.Beck@paritaet-projekte.org
53

Kommunalisierung und Sozialplanung:
Prozesse verstehen und aktiv mitgestalten
am Beispiel der Neuordnung der Beratungslandschaft
in Sachsen- Anhalt
von Antje Ludwig

Zum Hintergrund: Psychosoziale Beratungsangebote, wie z. B. Erziehungsberatung, Suchtberatung, Schuldner- und Insolvenzberatung und
Schwangerenberatung, sind fester Bestandteil der sozialen Infrastruktur auf
der regionalen Ebene und zeichnen
sich durch besondere Niederschwelligkeit, Kostenfreiheit, Vertraulichkeit – auf Wunsch auch Anonymität
– sowie hohe Akzeptanz von Seiten
der Beratungsfachkräfte aus. Grund-

sätzlich basiert die Inanspruchnahme auf dem
Prinzip der Freiwilligkeit
und Selbstbestimmung.
Diese
Grundprinzipien
der Beratungsarbeit werden nur durch das SGB  II
im Bereich der Suchtund Schuldnerberatung
teilweise eingeschränkt.
Arbeitsuchende können
verpflichtet werden, diese Beratungsleistungen in
Anspruch zu nehmen – eine teilweise
große Hürde für das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Berater/in und Klient/-in.
Die rechtlichen Grundlagen der Beratungsangebote reichen vom einklagbaren individuellen Rechtsanspruch
für die Erziehungsberatung im
SGB VIII, über bundesgesetzliche Regelungen zur Beratung von Schwangeren, bis zu rechtlichen Verweisen
54

auf das SGB II bzw. landesspezifische
Gesetzgebungen. Demzufolge ergibt
sich ein breiter Finanzierungs-Mix für
die regionale Beratungslandschaft,
der für die freien Träger, die im Auftrag der Kommunen oder des Landes
diese Angebote vorhalten, eine besondere Herausforderung darstellt.
Jährliche
zuwendungsrechtliche
Aushandlungsprozesse ermöglichten
keine Planungssicherheit für freie Träger und haben über die Jahre dazu
geführt, dass sich der Eigenanteil für
die Träger in Sachsen-Anhalt unverhältnismäßig hoch entwickelt hat.
Das Land Sachsen-Anhalt hat bis
zum Jahr 2009 im Rahmen dieses
Finanzierungsmixes erhebliche Landesmittel für unterschiedliche Beratungsbereiche bereitgestellt und
auf verschiedenen Wegen, z. B. direkt
an Träger oder über den Finanzausgleich an Kommunen, ausgezahlt. Die
Finanzierung der kommunalen Beratungslandschaft war aus Sicht des
Landtages zu diesem Zeitpunkt sehr
unübersichtlich und intransparent. Es
fehlte an Wirkungsorientierung und
einer Prüfung von effektivem und effizientem Mitteleinsatz. Daher beauftragte der Landtag das Land „…für die

unterschiedlichen Beratungsangebote
unter Einbeziehung von Kommunalen
Spitzenverbänden und der LIGA der
Freien Wohlfahrtspflege Grundlagen
für die jeweilige strukturelle und inhaltliche Entwicklung zu erarbeiten.“ Dabei
sollten die veränderten Beratungsbedarfe, demografische Entwicklungen
und Synergien berücksichtigt werden
und ein Vorschlag zur Neuordnung
der Beratungslandschaft erarbeitet
werden.
Ergebnis war eine umfassende Bestandsaufnahme zu vorhandenen
und geförderten Beratungsangeboten, die über hohe fachliche Spezialisierungen und vielfältige methodische Ansätze verfügten. Es gelang
jedoch nicht, einen gemeinsamen
Vorschlag zur Neugestaltung zu erarbeiten: Das Land wollte sich im Sinne
einer Kommunalisierung aus der Planungs- und Steuerungsverantwortung zurückziehen und seinen Anteil
für die Finanzierung der Suchtberatung, Insolvenz- und Erziehungsberatung im Rahmen des Finanzausgleiches mit Zweckbindung an die
Landkreise und kreisfreien Städte
auszahlen. Die Kommunalen Spitzenverbände beharrten auf dem Kon55

nexitätsprinzip und der hoheitlichen
Ausgestaltung vor Ort, während die
LIGA der Freien Wohlfahrtspflege
einen Abbau der Beratungsstandards befürchtete. Es entstand ein
hoher Handlungsdruck bei der LIGA
gegenüber den Erwartungen des
Landtages, einen eigenen Vorschlag
zur Neugestaltung der Beratungslandschaft einzubringen und damit
Veränderungsbereitschaft und Innovationsfähigkeit zu beweisen – vom
Reagieren zum Agieren.
Im Rahmen eines umfassenden Diskussionsprozesses, unter Leitung der
LIGA, analysierten die Beratungsstellen gemeinsam die Entwicklung der
Zielgruppen, die Inanspruchnahme
der Angebote und Tendenzen hinsichtlich der Lebenssituation der Ratsuchenden. Dabei wurde deutlich,
dass bei fast allen Beratungsangeboten eine Zunahme sogenannter
„Multiproblemlagen“ zu verzeichnen
war. Die Lebenswirklichkeit der Menschen ist von komplexen, sich überlagernden Problemen gekennzeichnet,
z. B. Armut, Überschuldung, Suchtverhalten, psychischen Erkrankungen,
Überforderung bei der Erziehung der
Kinder usw.

Die Alltagsbewältigung ist stark beeinträchtigt. Häufig ist ein Mangel
an Ressourcen zur positiven Lebensbewältigung und Eigenmotivation,
auch Resignation, zu beobachten.
Die Ratsuchenden bewegten sich
zwischen den Beratungsstellen im
Drehtür-Effekt. Teilweise sind ganze
Familiensysteme über Generationen
in Beratungskontexten.
Seitens der Beratungsstellen wurde
immer auf die vorhandene Netzwerkarbeit verwiesen. Auf konkrete
Nachfrage erwies sich diese häufig
als unverbindlich und unstrukturiert, wenig zielgerichtet und kaum
belegbar. Netzwerkarbeit hatte eher
den Charakter von Weiterleitung und
Verweis auf andere Angebote. Es gab
relativ wenig gegenseitige Kenntnis
über das Leistungsspektrum und die
Kompetenz der Angebote im Sinne
einer professionellen und zielgerichteten Verknüpfung.
Vor diesem Hintergrund entwickelte
die LIGA das Konzept der „Integrierten psychosozialen Beratung“, um
den veränderten Beratungsbedarfen
besser gerecht zu werden. Hierbei
handelt es sich nicht um „Beratung
56

aus einer Hand“, sondern um einen
ganzheitlichen und individuellen Beratungsansatz für Menschen in sogenannten „Multiproblemlagen“.
Die Beratungskompetenz wird durch
ein multiprofessionelles, trägerübergreifendes Zusammenwirken der
Beratungsstellen gebündelt und die
Beratungsangebote individuell aufeinander abgestimmt. Dieser qualitative
Anspruch wird durch eine gemeinsame Präsenz der Beratungsstellen im
Rahmen von Beratungszentren oder
trägerübergreifenden, verbindlichen
Netzwerken sichergestellt.
Das Konzept stellt lediglich ein „Gerüst“ für die konzeptionelle Ausgestaltung vor Ort dar und ist, entsprechend der sozialräumlichen
Anforderungen, flexibel erweiterbar.
In einem durch die LIGA gesteuerten
Prozess von 2011 bis 2014 wurden
gemeinsame regionale Konzepte
mit den Beratungsstellen erarbeitet,
Grundlagen der Zusammenarbeit
definiert, qualifizierte Ablaufverfahren für die „Integrierte psychosoziale
Beratung“ entwickelt sowie erste Verständigungen zu einer einheitlichen

Erfassung der sogenannten „Multiproblemlagen“ vorgenommen.
Es entstand die Erkenntnis, dass die
Beratungsstellen durch das verbindliche und trägerübergreifende Zusammenwirken noch besser als „Seismographen für die psychosozialen
Beratungsbedarfe“ vor Ort wirken
können und gezielten Einfluss auf die
regionalen Sozial- und Jugendhilfeplanungen nehmen könnten.
Spürbar war der deutliche „Qualitätssprung“ in der Zusammenarbeit und
in der Außenwirkung der Beratungsstellen; auch in ihrem Selbstverständnis gemeinsam als „multiprofessionelle Teams“ zu wirken, ohne in ihrer
Trägerspezifik eingeschränkt zu werden. Hierzu wurden entsprechende
Kooperationsvereinbarungen auf der
Trägerebene geschlossen.
Während des gesamten Prozesses der
Konzipierung und Implementierung
des Modells der „Integrierten psychosozialen Beratung“ sind die Verbände
der LIGA gemeinsam mit dem Ziel
aufgetreten, die Beratungslandschaft
weiterzuentwickeln. Sie haben das
Konzept auch gegenüber den Land57

kreisen und kreisfreien Städten bzw.
der Politik und Landesverwaltung offensiv beworben.
Dieses Engagement hat sich ausgezahlt: Im August 2014 wurde das
neue Gesetz „… zur Neuordnung der
Förderung sozialer Beratungsangebote“ verabschiedet:
„Die Zuweisungen sind…an die freien
Träger von Beratungsstellen unter der
Voraussetzung weiterzugeben, dass die
Beratungsstellen nachweisen, dass sie
im Sinne der integrierten psychosozialen Beratung …fachübergreifend unter Nutzung gemeinsamer Ressourcen
zusammenwirken…und ein gemeinsames Beratungszentrum oder ein mit
den Landkreisen/kreisfreien Städten
abgestimmtes Netzwerk betreiben.“

Weitere Bedingungen sind die Sicherung des Vorrangs der Angebote
freier Träger und der Nachweis einer
Vereinbarung der Landkreise und
kreisfreien Städte mit den freien Trägern, dem ein gemeinsames regionales Konzept zugrunde liegt.

Die zweite Umsetzungsphase

Das neue Gesetz stellt somit gleichzeitig hohe Anforderungen an freie
und kommunale Träger. Es erfordert
eine neue Kommunikationsebene
auf Augenhöhe mit gemeinsamen
Zielen hinsichtlich der Sozialplanung,
ohne die Hoheit der kommunalen
Träger für die Planungsprozesse einzuschränken.

Hierzu hat der Paritätische SachsenAnhalt seinen Trägern von Beratungsstellen folgende Empfehlungen
gegeben:

In der zweiten Umsetzungsphase seit
2014 geht es nunmehr darum, freie
Träger zu befähigen, sich in kommunale Planungsprozesse gezielt einzubringen: vom Wollen zum Handeln.

 
Kenntnisse erwerben über die
Grundlagen von Sozial- und Jugendhilfeplanung,
Methoden
und Instrumente, einzelne Prozess-Schritte,
 
Perspektivwechsel vornehmen:
Welche Aufgaben und Ziele haben Kommunen (Sicherung der
Daseinsvorsorge)? Welche Handlungsspielräume haben sie vor
dem Hintergrund von Kommunalverfassungsrecht (Konnexität
und Selbstverwaltungsprinzip),
Haushaltskonsolidierung
und
Schuldenbremse?

Gleichzeitig bestimmt das Gesetz:
„Die Zuweisungen des Landes an die
Landkreise und kreisfreien Städte…
sind davon abhängig, dass diese eine
mit den freien Trägern von Beratungsstellen abgestimmte und von den jeweiligen Kreistagen und Stadträten
beschlossene Sozialplanung…durchgeführt haben.“
58

 
Rolle im Prozess der Sozialplanung mit Kommunen klären:„Was
können wir als Beratungsstellen
dazu beitragen, ihre Aufgaben
und Probleme zu lösen?“ und
gemeinsame Ziele und Leitbilder
bestimmen: z. B. soziale Gerechtigkeit als Perspektive, Sicherung
der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, gleichberechtigter
Zugang zu Beratung usw.
 
Klärungsprozess zu Fragen wie:
Welche Daten sind notwendig,
um Entwicklungen und Bedarfe festzustellen? Transparenz
und Vergleichbarkeit sichern,
d. h. umfangreiche statistische
Erfassung der Zielgruppen (auch
im eigenen Interesse) und Tendenzen der Inanspruchnahme
 
zunächst interne Bewertung,

Analyse und Schlussfolgerungen; Fallzahlen und Daten
für Kommunen zur Verfügung
stellen,

59

  Dialogprozess (Sozialplanungskonferenz) einfordern – Interpretation und gemeinsame
Auswertung mit Kommunalen
Trägern: Ableiten von Entwicklungstendenzen und Indikatoren für Bedarfe und die sozialräumliche Entwicklung,
  Vereinbarungen zur Beteiligung
an Planungsprozessen und Entwicklung regionaler Konzepte
schließen und regelmäßig fortschreiben,
 
kritische Überprüfung der eigenen Angebotsstrukturen hinsichtlich Bedarfsentwicklung

 Die Weiterentwicklung, Umbau
und Neustrukturierung von Beratungsangeboten erfordern ein
hohes Maß an Organisationsund Personalentwicklung beim
Träger.
Der Paritätische Sachsen-Anhalt unterstützt seine Mitglieder in diesem
Bereich durch Prozessbegleitung,
Workshops und Angebote zur gezielten Beteiligung an Planungsprozessen. In diesem Sinne wirken
die paritätischen Träger und Beratungsstellen als Multiplikatoren vor
Ort: von der Standortsicherung zum
Change-Management.

Impressum
Herausgeber:
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V.
Oranienburger Str. 13-14
D-10178 Berlin
Telefon 	 030 - 24636-0
Telefax 	 030 - 24636-110
E-Mail: info@paritaet.org
Internet: www.paritaet.org

 Veränderungsmöglichkeit, Veränderungsbereitschaft und Innovationsfähigkeit innerhalb
der Trägerstrukturen,

Antje Ludwig ist Referentin der
Landesgeschäftsführung und des
Vorstands im Paritätischen SachsenAnhalt

 Möglichkeit von Kooperationsverbünden oder Fusionen prüfen,

E-Mail: aludwig@paritaet-lsa.de

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß Presserecht: Dr. Ulrich Schneider
Redaktion:
Mara Dehmer, Der Paritätische Gesamtverband
Gestaltung:
Christine Maier, Der Paritätische Gesamtverband
Grafiken:
© Trüffelpix – Fotolia
1. Auflage, Juli 2016

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