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Full text: Stadtforum Berlin - BerlinStrategie 2.0: Arbeiten und Wohnen in einer offenen Stadtgesellschaft

Stadtforum

Stadtforum Berlin
BerlinStrategie 2.0: Arbeiten und Wohnen
in einer offenen Stadtgesellschaft
Dokumentation: 20. Juni 2016, Tempodrom Berlin

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Stadtforum Berlin
BerlinStrategie 2.0: Arbeiten und Wohnen
in einer offenen Stadtgesellschaft
Dokumentation: 20. Juni 2016, Tempodrom Berlin

Berlinstrategie 2.0: Arbeiten und Wohnen in einer offenen
Stadtgesellschaft. Rund 300 Berlinerinnen und Berliner diskutierten
in der kleinen Arena des Tempodroms mit den geladenen Gästen.

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Einführung
Berlin – Stadt mit Dynamik
Andreas Geisel, Senator für
Stadtentwicklung und Umwelt

chen das „Klappern der Notebooks“ hört. Und genau das
macht lebendige Quartiere aus, dass Wohnen und Arbeiten in
einem Quartier vereint sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,
Berlin Strategie 2.0 – Arbeiten und Wohnen in der offenen
Stadtgesellschaft – Was genau bedeutet das? Die BerlinStrategie 2.0 ist ein Update, das aus der rasanten Entwicklung Berlins resultiert und sich den neuen Herausforderungen und
Fragen stellt: Wo besteht weiterer Handlungsbedarf? Was
kann optimiert werden? Was fehlt? Über diese wichtigen Aspekte des Updates und der BerlinStrategie wollen wir heute
gemeinsam diskutieren.

2.	 Industrie- und Gewerbe-Standorte aktivieren und stärken,
Standorte für Kreative und Künstler sichern. Bestandsunternehmen, Neuansiedlungen und Start-ups in Industrie und Gewerbe profitieren davon, dass sie bezahlbare Flächen nutzen
können. Es gilt daher, Bodenspekulation zu begrenzen. Diese
Begrenzung muss darin bestehen, einen konsequenten Schutz
vor konkurrierenden und ökonomisch stärkeren Nutzungen
vorzunehmen, aber auch vor Wohnbebauung, indem wir die
Flächen dauerhaft als Gewerbegebiete festlegen. Das ist für
Berlin von enormer Bedeutung, da wir mit unseren Flächen für
Gewerbe bei einer Inanspruchnahme von 20 bis 25 Hektar Gewerbefläche pro Jahr gerade bis 2025 auskommen werden.
Deswegen muss es unsere Strategie sein, neue Flächen zu erschließen, die Übersicht zu gewinnen, an welchen Stellen und
unter welchen Bedingungen wir Erweiterungen vornehmen
können. Gerade Künstlerinnen und Künstler machen die Attraktivität in unserer Stadt aus. Wir möchten daher vermehrt
Ansiedlungsmöglichkeiten und Ateliers für Künstlerinnen und
Künstler anbieten können. Wir möchten ihnen neue Perspektiven geben – beispielsweise auf Teilen l des ehemaligen Spreeparks. Den Spreepark möchten wir öffnen und sagen: Dort ist
Stadtentwicklung „von unten“ möglich. Wir wollen gemeinsam
darüber nachdenken, wie wir diese und weitere Flächen nutzen.

Berlin wächst – schneller als erwartet. Die dynamische Entwicklung unserer Stadt führt dazu,
dass die „BerlinStrategie | Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030“ angepasst werden muss.
Wir brauchen keine völlig neue Strategie, aber
wir müssen die vorhandenen Handlungsfelder
teilweise modifizieren und – wo nötig – ergänzen. Ich will Ihnen die Anpassungserfordernisse
gerne vorstellen.
1.	 Diversifizierte Wirtschaftsstruktur stärken, integrierte
Büro- und Dienstleistungsquartiere entwickeln. Für überregionale Dienstleistungen sind insbesondere Flächen in der inneren Stadt, hoch erschlossene Lagen entlang der Achse zum
neuen Flughafen BER sowie Flächen im Umfeld von Hochschulstandorten attraktiv. Lokal orientierte Dienstleistungen
sind räumlich in der Stadt verteilt. Wir werden es in den
nächsten Jahren mit einer Achsenverschiebung in Berlin zu
tun haben – beispielsweise nach der Schließung des Flughafens Tegel. Wir müssen daher mit unserer Stadtentwicklung
schon heute darauf reagieren und diese Verschiebung in die
Planung einbeziehen. Auch bei der Entwicklung neuer Stadtquartiere haben wir mit dem Wohnflächen-Informationssystem zwölf Standorte in Berlin ausgemacht, an denen größere
Wohnungsneubauvorhaben stattfinden können. Unser Ziel
ist dabei, gemischte und lebendige Quartiere entstehen zu
lassen. Hierbei hilft uns eine neue Planungskategorie – das
sogenannte urbane Mischgebiet. Unter der Annahme, dass
das Gewerbe, das wir dort ansiedeln, nicht mehr laut ist, stinkend oder stark emittierend, sondern dass man im Wesentli-

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3.	 Neue Produktions- und Arbeitsformen in der Stadt. Neue
Formen des Arbeitens und der Produktion werden zur erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung Berlins beitragen. Wir werden vor allem durch die Digitalisierung vor Herausforderungen
gestellt. 75.000 Arbeitsplätze sind auf dem Gebiet in Berlin in
den letzten Jahren schon entstanden. Wie fördern wir diese
wirtschaftliche Entwicklung? Welche Voraussetzungen brauchen die Unternehmen, die sich in Berlin ansiedeln oder hier
neu gründen? Wir werden bei der Entwicklung neuer Quartiere
auch darüber nachdenken müssen, wie wir gemischte Nutzungsstrukturen und Co-Working-Spaces anbieten können. Die
Zukunft solcher Quartiere liegt darin, dass man sich begegnet,
dass Voraussetzungen für Mischung und ein Miteinander geschaffen werden. Und dafür brauchen wir Begegnungszonen.
Die Fragen, wie wir eigentlich unseren Lebensabend gestalten
und welche Voraussetzungen es gibt, mit der älter werdenden

Gesellschaft in Berlin umzugehen und Menschen auch zukünftig produktiv einzubinden, sind Fragen der Stadtentwicklung,
die heute mitgedacht werden müssen. Unser Ziel ist ein soziales und solidarisches Berlin, in dem die Menschen, die in Berlin leben, gerne hier leben, sich nicht verdrängt fühlen, persönliche und wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten
bekommen. Teilhabe durch Arbeit, auch das ist das Ziel der
Stadtentwicklung.
4. Bezahlbaren Wohnraum in der Stadt erhalten und schaffen.
Wir haben die neue Wohnungsbaupolitik konzipiert und auf
den Weg gebracht. Wir haben die neue Liegenschaftspolitik
auf den Weg gebracht. Es geht nun darum, preiswerten Wohnraum in Berlin zu erhalten, neu zu schaffen und eine sozial
gemischte Stadt zu erhalten. Wir wollen, dass auch in der inneren Stadt mit geringerem Einkommen gewohnt werden
kann. Das ist nicht einfach, dazu gehört Sozialwohnungsbau
auch in der Mitte der Stadt, auch, wenn das vor Ort an einigen
Stellen immer wieder auf Widerstand stößt. Wir müssen heute
Wohnungsbauprojekte auf den Weg bringen, indem wir heute
auch für bezahlbaren Wohnungsbau Planungsrecht schaffen.
Dazu gehört der öffentlich geförderte Wohnungsbau. Auch die
Frage der altersgerechten Entwicklung dieser Stadt gewinnt
enorm an Bedeutung. Der soziale Zusammenhalt in der Stadt
muss organisiert werden. Arbeit, Wohnen und Freizeit sind zu-

sammen zu denken und deshalb gibt es mit der BerlinStrategie
einen integrierten Ansatz.
5. Mehr Stadt in der Stadt. Was meinen wir damit – mehr
Stadt in der Stadt? Berlin setzt darauf, die bestehende Stadt
zu verdichten: mit Aufstockungen, Dachgeschossausbauten, Lückenschließungen, Verdichtungen, Rückbau von
überdimensionierten Verkehrsflächen. All das müssen wir
tun, um flächenschonend bauen zu können. Das Wachstum
in der Stadt führt dazu, dass wir Grün- und Freiflächen sichern müssen. Der Wohnungsbau, die Schaffung von Infrastruktur sowie die Grünflächen- und Freiflächensicherung
gehören in Berlin zusammen. Mit dem sogenannten „Siedlungsstern“ als Entwicklungsachse entlang des „VorortVerkehrs“ haben wir länderübergreifend festgelegt, wo gebaut und wo nicht gebaut wird, um entsprechende
Grünflächen in der Stadt und am Rande der Stadt erhalten
zu können. Berlin wächst daneben auch in die Höhe. Wir
haben vor wenigen Wochen die neue Bauordnung von Berlin
verabschiedet, die intensiv im Hinblick auf Barrierefreiheit
diskutiert wurde. Aber der eigentliche Punkt für die neue
Bauordnung war die Frage, wie und wie viel Verdichtung wir
zulassen. Wie kann man dichter an und in der Stadt bauen?
Städtebauliche Dichte und Qualität schließen sich nicht aus.
Es liegt an uns, wie wir sie gestalten. Und wir müssen über

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Veränderungen nachdenken. Warum brauchen Gewerbeflächen so einen großen Abstand vom Nachbarn? Kann der
Abstand reduziert werden? Eine Möglichkeit sehe ich darin,
dass bei einer stärkeren Verdichtung unterschiedliche Abstandsflächen zugelassen werden, um die Ansiedlung von Gewerbe und Wohnen an der gleichen Stelle möglich zu machen.
6.	 Infrastruktur als Anker der Quartiersentwicklung. Wenn
wir neue Stadtgebiete entwickeln, dann muss die Infrastruktur parallel zum Bewohnerbezug hergestellt werden.
Berlin wächst nicht mehr über das Auto. Das heißt, dass der
öffentliche Personennahverkehr jetzt mitgedacht werden
muss. Infrastruktur wie Schulen, Grünflächen, Kultureinrichtungen und Sportflächen müssen stärker in den Fokus
rücken, damit sie parallel zum Bewohnerbezug verfügbar
sind. Auch ein stärkerer Breitbandausbau in der Stadt ist

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Voraussetzung für eine größere Digitalisierung in Berlin.
Der Wirtschaftsverkehr spielt ebenso eine Rolle und ist für
die Arbeit in der Stadt von ausschlaggebender Bedeutung.
Man wird Transportgüter kaum mit der Straßenbahn transportieren können, Gewerbegebiete werden nicht mit der
Straßenbahn erschlossen. Auch die Frage, wie wir mit Brückeninfrastruktur umgehen, wie wir Schwerlasttransporte
in der Stadt weiterhin möglich machen, ist von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung in Berlin.
7.	 Berlin als Willkommensstadt stärken. Migrantisch geprägte Quartiere mit vielfältigen Einzelhandelsangeboten
oder gastronomischen Angeboten, sozialen und religiösen
Netzwerken sind wichtige Bausteine der Willkommensstadt.
Ich denke da beispielweise an den Soldiner Kiez im Wedding,
der wie ein Katalysator für Ankunft und Integration wirkt.

Aber für Integration in der Stadt sind letztendlich alle Quartiere in Berlin wichtig. Da geht es darum, Bildungs-, Sozial-,
Gesundheits- und Kultureinrichtungen zu schaffen und
Netzwerke von Gewerbetreibenden. Berlin ist eine Arrival
City, unterscheidet sich aber von anderen Ankunftsstädten.
Gerade weil wir nicht Slums am Rande der Stadt entstehen
lassen, sondern weil wir Integration mitdenken – überall in
der Stadt. Wir müssen die Steuerungsmöglichkeiten, die Zukunft sicher zu gestalten und Integration möglich zu machen, ausschöpfen und sinnvoll anwenden. Nachbarschaften von Flüchtlingsunterkünften müssen gestärkt werden.
Wir benötigen ein Integrationsmanagement, wir müssen
ein soziales Netz im Umfeld solcher Unterkünfte ausbauen.
Warum kommen so viele Menschen nach Berlin? Berlin ist
immer noch ein Freiheitsversprechen. Und in Berlin wird
man sehr schnell Teil der Stadt und kann sie aktiv gestalten.

Mit der Aktualisierung der BerlinStrategie zeigen wir Handlungsfelder auf, wie wir in Berlin
mit dem zusätzlichen Wachstum auch zusätzliche
Qualität gewinnen können. Dazu brauchen wir
Mut. Mut, uns auf Neues einzulassen und Mut, die
Veränderungen zu akzeptieren. Wir brauchen
aber auch Mut, Strukturen anzupassen.
Bei aller Dynamik, die wir im Moment erleben – das Wachstum Berlins ist kein Naturgesetz. Wir sind eine weltoffene
und tolerante Stadt. Deshalb kommen die Menschen zu uns.
Berlin bedeutet Freiheit. Und wir haben die Gestaltung unserer Stadt in der Hand, indem wir uns beteiligen. Berlin hat
die besten Zeiten noch vor sich. Vielen herzlichen Dank.

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Berlin 2030 – kreativ,
vernetzt, erfolgreich
Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der
Industrie- und Handelskammer zu Berlin
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieber Herr Senator Geisel,
Prognosen sind immer dann besonders schwierig, wenn sie
die Zukunft betreffen – das wusste schon Mark Twain. Und
trotzdem möchte ich heute mit Ihnen gemeinsam einen Blick
auf die Zukunft unserer Stadt wagen. Und die zentrale Frage
hierbei lautet für mich und uns: Was macht unsere Stadt in
der Zukunft aus? Was macht sie erfolgreich? Und vor allem,
was macht sie lebenswert? Für mich heißt die Zauberformel
„kreativ und vernetzt und damit erfolgreich“.
2030 werden wir auf der Erde über acht Milliarden Menschen
sein, fast eine Milliarde mehr als heute. Zwei von drei Menschen werden in Städten leben. Die Tendenz ist weiter steigend. Wir werden älter und leben dank der Möglichkeiten des
modernen Gesundheitssystems länger. Besonders in Weltmetropolen
wird es also eng. Auch wenn wir uns
in den Städten konzentrieren, wir
leben und arbeiten ohne räumliche
Beschränkungen in einer globalen
Welt. Wir tauschen Waren und Informationen über Ländergrenzen hinweg über den gesamten Erdball aus.
Das alles geht natürlich nicht ohne
Ressourcen zu verbrauchen. Ressourcen dafür, dass wir satt werden,
dass wir es warm haben, von A nach
B kommen und Unternehmen produzieren können, Dinge schaffen,
die wir zum täglichen Leben brauchen. Dabei verbrauchen wir Sauerstoff, Wasser, Rohstoffe und Land. Wir produzieren Energie,
blasen CO2 in die Luft – die Folgen werden wir im Klimawandel
und in knapper werdenden Ressourcen spüren. Klimawandel,
Globalisierung, demografischer Wandel, Gesundheit und Mobilität: Das sind die Megatrends und Themen, für die wir in
allen Ländern der Welt nach klugen und nachhaltigen Modellen suchen. Nach Lösungen für Wohnen, Arbeiten, Bildung

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und insbesondere nach Lösungen, wie wir und unsere wachsenden Städte dabei nicht unsere Erde erschöpfen und unnötig Ressourcen verbrauchen.
Wir brauchen also ökologische Nachhaltigkeit
und neue Formen der Organisation unserer Städte. Wir müssen unsere Wissensgesellschaft auf
ein solides Fundament setzen. Und dafür dient
die Digitalisierung und eine gute Partizipation
– zwei ebenfalls weltumspannende Megatrends.
Diese können uns helfen, Antworten für unser
zukünftiges Zusammenleben zu finden.
Was macht Berlin eigentlich aus? Und wie können wir mit den
Herausforderungen aus den globalen Megatrends umgehen?
Wie können wir unser Zusammenleben gut organisieren? Wie
profitiert die Wirtschaft davon? Und an dieser Stelle komme
ich zu meiner Formel zurück: kreativ + vernetzt = erfolgreich.
Fangen wir mit „kreativ“ an. Ich selbst bin seit Kurzem an der
Spitze des IHK Ehrenamts. Aber ich war schon zehn Jahre Vizepräsidentin und noch länger,
nämlich über 20 Jahre, bin ich Unternehmerin und in der Kreativwirtschaft tätig. Mein Unternehmen, die
Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft ist nicht nur in Berlin aktiv.
Ich glaube, ich kann behaupten,
dass wir einen sehr guten Überblick
haben, wo es sich lohnt, einen
Standort zu suchen. Stellt sich also
die Frage: Was machen wir hier in
Berlin? Und was vor allen Dingen
machen meine über 28.000 Unternehmerkolleginnen und -kollegen
aus der Kreativbranche hier in der
Stadt? Was hat sie veranlasst, diesen Standort zu wählen?
Da ist natürlich einmal Berlins einzigartige Geschichte. Die
Brüche in der Stadtbiografie, die Freiheit bietet und Kreativität ermöglicht. Da ist natürlich auch die Aufmerksamkeit, die
Berlin als Hauptstadt genießt. Da ist die Kompaktheit der
Stadt – die kurzen Wege und die lebendige Nutzungsmischung. Da sind viele Flächen und Räume, die offen sind für

temporäre und langfristige Nutzung, die lebendige Kunst und
Kulturszene. Da sind die Berliner Schnauze und die Unkompliziertheit sich zu entfalten, eine Idee zu verwirklichen. Und im
europäischen Vergleich sind es die moderaten Lebenshaltungskosten. Und dann – und das ist noch wichtiger – die exzellente Hochschul- und Forschungslandschaft unserer Stadt.
Die hohe Attraktivität stellt uns auch vor neue Herausforderungen. Berlin wächst und all die zu uns kommenden Menschen brauchen Wohnraum, sie möchten arbeiten, sie benötigen Kindergärten und Schulen, Gesundheitseinrichtungen,
funktionsfähige Straßen, öffentlichen Personennahverkehr.
Dies alles benötigt eine gute Organisation, neue Gebäude und
natürlich Flächen. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf finden und dabei darauf achten, dass die Stadt bezahlbar bleibt. Aber wir dürfen auch
nicht vergessen, dass wir Flächen für Arbeit und Wirtschaftsentwicklung brauchen. Arbeit ist nicht nur wichtig, um sich zu
versorgen, sie bedeutet auch Teilhabe. Ohne Arbeitsplätze ist
keine Metropole von morgen lebensfähig. Das zu organisieren, erfordert kreative Lösungen.
Aber was ist das nun, die Kreativität, von der ich spreche?
Kreativität sind die schlauen Köpfe als wichtiger Standortfaktor, die aber auch mutig genug sind, neue Wege zu beschreiten. Da bleibe ich ganz im Sinne von Richard Florida mit seiner
Grundaussage, dass die kreativen Köpfe einer Gesellschaft
und die von ihnen ausgehenden Innovationen entscheidend
für das ökonomische Wachstum von Regionen sind. Kreativität bedeutet, die schöpferische Kraft, etwas Neues, bisher
nicht da Gewesenes zu denken. Oder anders, ein Zitat aus
dem Internet, was mir gut gefallen hat: „Kreativität fängt da
an, wo der Verstand aufhört, das Denken zu behindern“. Wir
brauchen also Kreativität – in allen Bereichen. Wir brauchen
Kreativität im Bereich Arbeiten und Wohnen und für alle wichtigen Funktionen der Stadt. Wir brauchen eine lebendige Nutzungsmischung, die wir geschickt organisieren müssen. Und
wir brauchen Freiräume. Berlin macht unter anderem aus,
dass wir unfertig sind, dass wir Brüche, Nischen und Räume
zum Experimentieren zulassen und auch erhalten – und das
auch in der Zukunft. Berlin als Stadt der Freiheit zieht viele
Menschen an. Wenn wir auch ein wenig Unfertiges zulassen
und nicht jede Fläche dem Druck der Wohninvestition zugesprochen wird, dann behält Berlin seine einzigartige Qualität
und Attraktivität.
Der zweite Aspekt dabei sind die Flächen an sich. Für einen
erfolgreich international konkurrenzfähigen Wirtschaftsstandort brauchen wir zusammenhängende Standorte für
Produktionen, von der Dienstleistungsgesellschaft bis zur In-

dustriegesellschaft. Wir brauchen Standorte, an denen es laut
sein darf, 24 Stunden lang, sieben Tage in der Woche. Wir
brauchen Standorte, wo 40-Tonner an- und abfahren können
und die hervorragend in die städtische Infrastruktur eingepasst werden. Und wir brauchen Standorte, an denen Wirtschaft und Wissenschaft in enger räumlicher Nähe voneinander profitieren. Diese Standorte wie der Clean Tech Business
Park Marzahn, Adlershof oder Berlin Südwest, um nur einige
zu nennen, müssen wir schützen und mit Herz, Verstand und
einem Plan weiterentwickeln. Dann kann sich auch hier Kreativität entfalten.
Ich komme nun zu einem ganz anderen Bereich für Kreativität – der Nutzungsmischung. Um dies gut zu bewältigen,
müssen wir uns auch an einigen Stellen über festgeschriebene Standards hinwegsetzen und neue Wege gehen. Wir müssen auch für die Zukunft eng gemischte Quartiere und ein
höheres, dichteres Bauen denken. Das gilt nicht nur für den
Bestand, sondern auch für neue Quartiere in der äußeren
Stadt. Machen wir es vielleicht wie Wien oder Hamburg: Mit
einem neuen dichten smarten Stadtteil wie der Wiener Seestadt Aspern, oder mit einer neuen technischen Lösung wie
dem so genannten „Hamburger Fenster“, das durch einen
kreativen Lärmschutz Nachbarschaften von Wohnen und Arbeiten besser vereinbart. Wir brauchen also Kreativität in jedem Bereich und in jeder Beziehung.
Dann braucht die Berlin-Formel noch eine zweite Konstante,
die ich Vernetzung genannt habe. Vernetzung hat für mich
ebenfalls mehrere Komponenten – ich nenne zwei. Die Herausforderungen der wachsenden Stadt müssen wir als Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Stadtgesellschaft vernetzt
angehen. Und vernetzt bedeutet für mich gemeinsam, partizipativ. Über die Entwicklung der Stadt müssen wir diskutieren. Das bedeutet, dass die Stadtgesellschaft frühzeitig einbezogen wird und auch Entscheidungen treffen kann.
Entscheidungen, die dann auch bindend sind und im weiteren
Prozess Investitionen nicht mehr in Frage stellen. Auch das ist
für die Wirtschaft wichtig.
Das Stichwort „vernetzt“ birgt für mich aber noch ein anderes
Potenzial, das aus den immer steigenden Möglichkeiten der
Digitalisierung, der Globalisierung und der wissensbasierten
Gesellschaft erwächst. Drei Aspekte, die ich auch im Gespräch
mit Mitgliedern des Senats als die wichtigen Zukunftsfelder
für Berlin verabredet habe. Das sind die wichtigen Zukunftsfelder unserer Stadt – Digitalisierung, weltweite Märkte und
gut ausgebildete Menschen, denn sie bieten unendliche Möglichkeiten, unsere Stadt smart voranzubringen. Mit smarten
Investitionen können wir hier in Berlin Lösungen entwickeln

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und ausprobieren, wie das Leben in den Städten besser organisiert werden kann. Und vieles dafür ist in Berlin schon auf
einem sehr guten Weg. Berliner Unternehmen haben Lösungen entwickelt, die weltweit eingesetzt werden. Beispielsweise hat das Berliner Start-up bettermarks eine sehr anspruchsvolle Lernsoftware entwickelt, die aktuell an allen Uruguayer
Schulen eingesetzt wird. Die App des Berliner Unternehmens
KLARA wird in den USA zur Fernbehandlung von Patienten
eingesetzt. Mit ihr kann man Hautveränderungen beobachten. Und auch im Schaufenster Elektromobilität wurden viele
neue Ideen getestet.
Doch könnten wir in Berlin weiter sein, das zeigt der Blick in
andere Städte deutlich. Warum testen wir hier nicht wie in
den Niederlanden eine Straße, deren Fahrbahnoberfläche
mit Solarmodulen Energie erzeugt? Wir könnten Müllfahrzeuge mit Sensoren ausstatten, die Wetterdaten sammeln
wie in San Francisco; Busse nicht nur elektrisch, sondern
auch autonom fahren lassen oder Gebäude so mit dem
Quartier vernetzen, dass ich über einen Bildschirm, nicht nur
meine Heizung und Küchengeräte steuern kann, sondern
gleich fehlende Dinge im Kühlschrank bestellen oder ein EBike reservieren kann.
Die Berliner landeseigenen Unternehmen und Gesellschaften generieren tagtäglich enorme Mengen an Daten. Wir
könnten diese über offene Schnittstellen - und mit einem
digitalen Kodex versehen - bereitstellen. Die Kreativen des
Berliner Mittelstandes und der vielen mutigen Start-ups
könnten sie dann nutzen. Warum sind wir in Berlin noch
nicht so weit? Weil unsere digitale und bauliche Infrastruktur noch nicht auf dem Stand von morgen ist. Weil Regularien uns hemmen, weil die Verwaltung selbst immer noch
nicht richtig digital aufgestellt ist. Alles in allem wünschen
wir uns ein wenig mehr Fahrt, Kreativität, ein bisschen mehr
Mut zu neuen Ideen. Wir wünschen uns vor allem, dass wir
in Berlin experimentieren dürfen, dass wir Modellquartiere,
Leuchttürme und Show Cases in der Stadt bekommen. Nur
so können wir erfolgreich smart werden. Mit einem Leuchtturm können wir international besonders Punkten: der TXL
Urban Tech Republic. Welche andere größere europäische
Stadt verfügt stadtnah über eine so große Fläche mit einem
im stadtweiten Konsens verabschiedeten Masterplan? Hier
haben wir die einmalige Chance im Quartier zu zeigen, wie
eine Smart City funktionieren kann, als Standort für alle
Bereiche: Industrie, Gewerbe, Wissenschaft und Wohnen.
Dazu gehört, dass man sich an die Verabredungen das Wohnen betreffend hält. Nur so kann das Projekt zum Erfolg
geführt werden.

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Und an dieser Stelle fällt mir das dritte Stichwort meiner
Formel ein: erfolgreich. Erfolg ist das Ergebnis aus Kreativität
und Vernetzung. Erfolg für Berlin wäre, wenn auch in Zukunft die kreativen Köpfe und auch viele andere Menschen
weiter in unsere Stadt strömen würden. Menschen aus aller
Welt, Junge und Alte, denn Menschen sind es, welche die
wichtigste Grundlage für den Erfolg einer Stadt darstellen.
Die zweite Dimension von Erfolg, die kommt dann von ganz
allein, und zwar der wirtschaftliche Erfolg. Berlin hat das
Potenzial, auf lange Sicht Top-Standort zu werden für internationale Investoren. Damit unsere Reise in die Zukunft fortgesetzt werden kann, brauchen wir weiter Unternehmen in
Berlin, die mit zukunftsweisenden und innovativen Ideen
wirtschaftlichen Erfolg sichern. Und um dies möglich zu machen, sehe ich drei wesentliche Faktoren. Wir brauchen Flächen für Arbeit und Wirtschaftsentwicklung. Ohne Arbeitsplätze ist die Metropole von morgen nicht zukunftsfähig. Wir
müssen außergewöhnlich bleiben. Wir wohnen alle in einer
Stadt, die das Außergewöhnliche vor sich her trägt und gerade damit attraktiv ist. Die Kreativen, die wir damit anlocken
wollen, sind diejenigen, die wir brauchen, um die besten Ideen zu haben. Wir müssen also die Stadt weiter attraktiv halten für diese Köpfe. Und wir brauchen eine Besatzung, die am
selben Strang zieht. Das heißt, wir müssen Herausforderungen gemeinsam und frühzeitig im offenen Diskurs angehen
und zusammen Entscheidungen treffen. In Berlin können
Antworten auf die globalen Megatrends gefunden werden,
wenn wir den mutigen, schlauen Köpfen unserer Stadt erlauben, mit neuen smarten Lösungen zu experimentieren. So
kann es uns gemeinsam gelingen, dass Berlin weiterhin eine
lebendige, kreative, vernetzte, wirtschaftsstarke und lebenswerte Metropole bleibt.
Es ist wichtig, ein klares Zukunftsbild zu entwickeln, das alle
Bereiche unseres Stadtlebens einbezieht und allen Kräften
unserer Stadtgesellschaft eine Orientierung für ihr Handeln
gibt. Wir brauchen einen politikfeldübergreifenden Strategieprozess und ein daraus resultierendes Leitbild. Eine
Wachstumsstrategie für diese Stadt. Sie hat die besten Chancen, wenn sie zur Chefsache gemacht wird. Eine zentrale
Koordinierung unter dem Regierenden Bürgermeister mit
voller Rückendeckung des gesamten Senats. Eine zentrale
Koordination ist wichtig, um Prioritäten zu setzen, knappe
Ressourcen zu verteilen und die Akteure zu koordinieren. So
können wir die hohe Kreativität und Aufbruchsstimmung in
unserer Stadt, um die uns viele Regionen beneiden, in ein
gemeinsames Handeln für die Zukunft Berlins ummünzen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Debatte: Was denkt die Stadtgesellschaft?
BerlinStrategie 2.0 im Fokus
Elke Frauns im Gespräch mit Michael Abraham, Baugenossenschaft Ideal, Berlin; Dr. Philipp Bouteiller, Tegel
Projekt GmbH; Prof. Raoul Bunschoten, TU Berlin,
C.H.O.R.A; Andreas Germershausen, Beauftragter des
Berliner Senats für Integration und Migration; Prof. Dr.
Martin Gornig, DIW, Berlin; Siegmund Kroll, Bezirksamt
Tempelhof-Schöneberg von Berlin; Klaus Risken, Stadtentwicklungsamt Pankow; Susanne Walz, L.I.S.T. GmbH,
Berlin sowie Fragen und Statements aus dem Publikum.

Moderatorin Elke Frauns (v.l.) führt durch die Debatte

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In drei Runden je 15 min Diskussionszeit wurden die
Themen Arbeiten, Wohnen und offene Stadtgesellschaft vertieft. Nach einem kurzen Input von Expertinnen und Experten, schaltete sich das Publikum in die
Debatte ein.

ARBEITEN
Prof. Dr. Martin Gornig
„Die Stadt Berlin ist in den vergangenen Jahren gewachsen,
auch weil es relativ preiswert war hier zu leben. Trotzdem ist
das Pro-Kopf-Einkommen immer noch sehr gering. Wir müssen also zu einem Mehr an qualitativem Wachstum gelangen. Und das heißt, dass man nicht nur an Flächensicherung
denken muss, sondern auch an neue Ideen. Da spielt die
neue Industrie eine zentrale Rolle. Zum Thema Nutzungsmischung: Es ist Kreativität verlangt worden – nicht nur von
den Kreativen, sondern auch von der Planung. Die bisherigen Ansätze sind noch zu starr. Entscheidend ist, dass wir
nicht nur neue Unternehmen bekommen, sondern bestehende Unternehmen auch wachsen müssen. Das bedeutet,
dass immer mehr unterschiedliche Größen von Flächen für
das Gewerbe bereitgestellt werden müssen. Vielleicht müsste man mehr über Anreize nachdenken, wie auch Bezirke
dazu angeregt werden können, Belohnungen für Schaffung
von Arbeitsplätzen zu bekommen.“

Prof. Dr. Martin Gornig

Prof. Raoul Bunschoten
„Wir müssen das derzeitige Wachstum ausnutzen. Mit der
Digitalisierung haben wir die Möglichkeit, eine Revolution in
der Bauindustrie zu erreichen, um mit modularen und seriellen Komponenten zu arbeiten. Wir schaffen es dadurch, nicht
nur Massenproduktion in der Bauindustrie zu erstellen, sondern auch Varianten und Typologien, die dann wiederum zu
neuen Arbeitsmöglichkeiten leiten, zu kostengünstigen
Wohnungen, zu Wohnungen für ältere Leute, zu Öko-Systemen. Wir müssen Stadt machen, das heißt, wir müssen die
Stadt mit neuen Produktionsmethoden „selber produzieren“. Die Digitalisierung führt zur Produktion von neuer Arbeit. Dazu gehört das Thema Smart City, welches auch Raum
für Experimente lässt. Wir müssen aber auch das Thema der
bewussten Stadt erörtern: Wer entscheidet über die Produktion und über die Intelligenz? Das ist die Herausforderung

der Demokratie. Bei all der Digitalisierung geht es um den
Dialog zwischen Mensch und Maschine. Der Mensch entscheidet selber, wo Intelligenz wachsen kann.“

Prof. Raoul Bunschoten

Dr. Philipp Bouteiller
„Die entscheidende Frage ist, wie man die vorhandenen Flächen in der Stadt nutzt. Dazu gehört, dass man sie kuratiert.
Dieses Kuratieren der wertvollen Flächen, um die uns alle
Metropolen der Welt beneiden, ist unsere Kernaufgabe. Also
nicht nur in Tegel, es geht gleichermaßen um Adlershof, um
den CleanTech Business Park Marzahn, um alle Zukunftsorte, die wir als solche identifiziert haben. Dort muss möglichst viel Wertschöpfung geschaffen werden. Früher war es
so, dass man die Menschen vor der Industrie schützen musste, weil sie dreckig war und Lärm machte. Inzwischen müssen wir die Industrie vor den Menschen schützen, denn immer da, wo Industrie und Wohnen aufeinander prallen,
gewinnt in der Regel das Wohnen. Das heißt, wir haben immer weniger Flächen, die wir nutzen können. Und in der
Zukunft wollen wir einen Zustand erreichen, in dem das Leben und das Arbeiten und auch die große Industrieproduktion nebeneinander stattfinden können.“

Dr. Philipp Bouteiller

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Statements aus dem Publikum
„Wir wollen zwar unsere Grün- und Naturflächen erhalten, aber
tatsächlich ist alles eher im Rückwärtsgang. Wenn wir immer
weiter wachsen, wo wachsen wir dann hin? Wir reden von der
Smart City, aber wir ziehen immer noch die Grenze um Berlin. Ich
rede von der „Smart Region“ – Berlin und Brandenburg bilden
eine Einheit. Stadt und Land gehören zusammen. Wenn Berlin
nicht von Brandenburg versorgt wird, dann wird es verhungern.
Die „Smart Region“ muss ein Vorbild sein für uns. Wir müssen
uns vernetzen. Wir brauchen nicht große Städte, sondern wir
brauchen Siedlungen, verteilt in der Region. Wir müssen nachhaltig sein, und nicht nur bis 2030 denken.“
„Das Konzept des Stadtsoziologen Prof. Richard Florida ist sehr
treffend: „T T T“. Das erste T steht für „Tolerance“, das ist das
Freiheitsversprechen, von dem Sie gesprochen haben, Herr Geisel und der Grund, warum viele Leute nach Berlin kommen. Das
zweite T sind die „Talents“ – dies beschreibt die Universitäten,
die Forschungseinrichtungen. Das dritte und letzte T ist „Technics“. Wir schaffen aktuell die Infrastrukturen für den weiteren
Ausbau der Digitalisierung, auch für den weiteren Breitbandausbau. Ich denke, in diesem Dreiklang kommt gut zum Ausdruck,
wie wir in der wachsenden Stadt eben auch eine wachsende
Anzahl Arbeitsplätze, wachsende Investitionen und letztlich
wachsende Einkommen für die Berliner organisieren können.“
„Ich frage mich, warum es weder im Land Berlin noch in den
Bezirken ein Leerstandskataster gibt, sowohl für den Wohnungsmarkt als auch bezüglich Flächen für Unternehmen. Ich
könnte mir vorstellen, dass die Bezirke kommunale Bauhöfe
einrichten und so Wohnen und Arbeiten in der Eigenerbringung
ermöglichen.“
„Ich höre Stichworte wie: kreativ, technologieorientiert, innovativ und Smart City. Ich glaube, dass wir da zu einseitig denken,
weil das hauptsächlich Arbeitsplätze für Personen mit Hochschulabschluss sind. Wir müssen für alle MenschenAngebote
und Arbeitsplätze schaffen, in denen man „mit den eigenen
Hände Arbeit“ leistet und Geld verdient – auch im produzierenden Bereich. Ansonsten geht die Schere immer weiter auseinander.“

was für die ganze Stadt diskutiert wird: neue Arbeitsplätze in
Handel, in Dienstleistungsbereichen, in der Gastronomie, in der
Hotellerie, aber auch neue Grünflächen, die soziale Infrastruktur und letztendlich auch Wohnen. Und die Wohnungen, die wir
dort schaffen, die bauen wir mit ausreichenden Abstandsflächen, damit dort gesundes Wohnen und Arbeiten möglich ist.
Dies soll auch als eine fachliche Kritik an der Ankündigung des
Senats verstanden werden, die ohnehin geringen Abstandsflächen in Berlin in einer weiteren Novelle der Bauordnung Berlin
weiter zu reduzieren..“

Siegmund Kroll

Klaus Risken
„In Pankow entstehen bis zu 17.000 neue Wohneinheiten.
Dabei sind uns Qualitäten wichtig. Dementsprechend muss
man auch immer auf die individuellen Rahmenbedingungen
dieser Quartiere schauen. Bei dem neuen Wohngebiet Michelangelostraße geht es tatsächlich um urbane Qualitäten. Bei
der Elisabethaue und in Buch, wo wir schon Übergänge zur
Landschaft haben, geht es ganz stark darum, Quartiere zu
schaffen, in denen man eine Verzahnung zur Landschaft realisiert. Qualitäten schafft man über städtebauliche Wettbewerbe, die gut organisiert und vorbereitet werden müssen.
Infrastruktur muss in den neuen Quartieren schnell produziert werden. Generell bedarf es an Personal und es braucht
Geld und ein strukturiertes Vorgehen.“

WOHNEN
Siegmund Kroll
„Eine integrierte Stadtentwicklung ist wichtig, damit die Menschen sich in der Stadt wohlfühlen. Insofern gehört es dazu, dass
neben Wohnen und Arbeiten auch die Wohnfolgeeinrichtungen
zu finden sind. Wir brauchen dringend eine Veränderung der
Liegenschaftspolitik, damit wir die Daseinsvorsorge für die Menschen gewährleisten können. In meinem Transformationsraum
Südkreuz können wir in einer Art Mikrokosmos das umsetzen,

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Klaus Risken

schlag wäre, das auch auf die Quartiersentwicklung zu
übertragen.“
„Bei allen fantastischen Programmen der Stadtentwicklung
vermisse ich seit Längerem etwas ganz Entscheidendes,
nämlich wo aus Stadt Menschlichkeit wird. Mir fehlen ein
wenig die Details, die Farbe, die Kultur. Wir müssen aus
Stadt Heimat machen, dies in die Programme einarbeiten,
vielleicht auch eine gesetzliche Regelung erlassen, die auch
die Bauherren verpflichtet, etwas dafür zu tun.“
Michael Abraham

OFFENE STADTGESELLSCHAFT
Michael Abraham
„Wir wollen sicheren und bezahlbaren Wohnraum schaffen.
Und auch die Quartiere können einen Beitrag zur Quartiersentwicklung leisten. Genossenschaftliches Wohnen beinhaltet knapp 200.000 Wohnungen. Allein daraus ergibt
sich schon eine gewisse Gestaltungsmöglichkeit. Seit 130
Jahren werden Wohnungen gebaut und die Genossenschaften als grundsolide Gesellschaftsform investieren in Wohnungen und in das Wohnumfeld: Spielplätze, Infrastruktur,
Grünanlagen. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr,
kooperieren mit Kitas und Schulen. Wir sind an der Stelle als
Vermittler von Patenschaften unterwegs.“
Statements aus dem Publikum
„Ich freue mich sehr über das neue Zweckentfremdungsgesetz und finde es eigentlich eine sehr gute Sache, dass nicht
ein ganzes Haus gekauft und in Ferienwohnungen umgewandelt wird. Aber ein kurzfristiges Vermieten zweimal im
Jahr – in den Semesterferien – ist nach dem neuen Zweckentfremdungsgesetz nicht mehr möglich. Warum ist das
neue Zweckentfremdungsgesetz so strikt ausgefallen?“
„Ich mache mir Gedanken, wenn ich höre, dass man wieder
zu Dichten der Gründerzeit zurückkommen muss und dass
Wohnungen abgerissen und neu errichtet werden sollen. Da
hat ein Bezirk im Grunde nur die Möglichkeit, mit der Erhaltungsverordnung gegenzuarbeiten. Wenn Sie die Abstandsflächen reduzieren wollen, möchte ich Ihnen auch noch
empfehlen, dass Sie auch die Richtwerte der Grünversorgung als eine Wohnfolgeeinrichtung ebenfalls absenken.“
„Es gibt eine große Befürwortung für die aktuelle Tendenz,
dass das Land selber mehr entwickelt und versucht, auch
günstigen Wohnraum zu schaffen. Diese Tendenz birgt aber
gleichzeitig die Gefahr, dass in dieser Fürsorge für den Bürger, günstigen Wohnraum zu schaffen, gleichzeitig auch
eine gewisse Bevormundung liegt. Ich finde, Berlin kann
mehr Innovation und mehr Experiment wagen und sollte
den Konzeptverfahren deutlich mehr Raum bieten. Ein Vor-

Andreas Germershausen
„Momentan wird ein Willkommenszentrum errichtet – als Reaktion auf die wachsende Stadt, aber auch auf frühere Debatten
darüber, dass man so etwas wie eine Bleibepolitik machen müsste. Die wachsende Stadt ist ein relativ neues Phänomen. 2009
und 2010 hatten wir einen negativen Wanderungssaldo. Wir
wollen mit diesem zentralen Willkommenszentrum denen helfen, die neu in die Stadt kommen, aber wir wollen auch den anderen Ämtern dabei helfen, dass die zu uns kommenden Menschen schnell an die richtige Stelle gelangen. Wir brauchen eine
offene Stadtgesellschaft, die Teilhabe, Sicherung von Vielfalt
und die Sicherung von sozialem Zusammenhalt gewährleistet.
Das sind Begriffe, die in der Strategie auftauchen. Und das sind
auch Begriffe, welche die Integrationspolitik in Berlin ausmachen. Viele Menschen kommen zu uns wegen des hier auffindbaren Demokratieverständnisses, wegen der Sicherheit. Viele kommen aber auch, weil inzwischen eine Buntheit und Diversität
entstanden ist. Das müssen wir auch in Zukunft beibehalten.“

Andreas Germershausen

17

Wir brauchen also auch eine Vermittlung von Arbeit. Wir haben
das bereits in den Quartieren durch Management, durch Kommunikation und durch Beteiligung geübt. Es muss Begegnungsräume geben. Aber wenn wir es schaffen, in einer Stadt das friedliche
Nebeneinander der verschiedenen Kulturen zu leben, und zwar
dicht zu leben, dann haben wir relativ viel gewonnen.“

Susanne Walz

Susanne Walz
„Seit ungefähr 16 Jahren sind wir damit beschäftigt, Integration
in den verschiedenen Gebieten des Quartiersmanagements im
Wedding zu betreiben. Natürlich gibt es dort Willkommenskulturen. Die Leute, die kommen, docken natürlich gerne bei ihrer Gesellschaft oder auch bei dem, was sie kennen, an. Hier muss in den
Stadtteilen ganz klar eine Integrationsleistung betrieben werden.
Wie kann eine gerechte Verteilung in den Quartieren aussehen?
Das Zauberwort heißt Arbeit: Teilhabe an Arbeit – auch in diesen
Quartieren. Das sorgt natürlich auch für Stress in den Quartieren,
wenn noch mehr Menschen kommen, die ebenfalls Arbeit suchen.

Diskussion mit dem Publikum

18

Statements aus dem Publikum
„Interkulturelle Gärten sind die Orte, an denen Begegnung
stattfindet und Migranten, Flüchtlinge, Deutsche und Nachbarn sich treffen. Die strukturelle Unterstützung ist nicht
gegeben, weil solche Orte in sehr unterschiedlichen Ressorts
angesiedelt sind. Wenn es jetzt darum geht, eine offene
Stadtgesellschaft zu gestalten, brauchen wir auch für diesen
Bereich eine zentrale Anlaufstelle. Wir machen das bisher
ehrenamtlich, aber das ist sehr schwierig, wenn es kein Gegenüber in der Verwaltung gibt.“
„Offene Stadtgesellschaft heißt für mich auch Öffnung über
den Zugang zur Natur. Es wird empfohlen, pro Quadratkilometer Siedlungsgebiet ein bis zwei Hektar Naturerfahrungsraum zu integrieren, damit Kinder überhaupt wissen, was
Natur ist, wie sie funktioniert und wie sie selber mit Natur
interagieren. Die Kinder brauchen aber auch Schulgärten,
und zwar an jeder Schule.“

Rege Debatte mit dem interessierten Publikum

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Online-Debatte:
BerlinStrategie 2.0 im Fokus
Die folgenden Kommentare stellen eine Auswahl der
zahlreich eingegangenen Einträge dar, die aus Platzgründen nicht vollständig abgebildet werden können.
Das sagten die Berlinerinnen und Berliner in der Online-Debatte „BerlinStrategie 2.0 im Fokus - kommentieren Sie die neuen Handlungsfelder“ über …

… WOHNEN:
„Entlastung des Wohnungsmarkts durch alle denkbaren Möglichkeiten nutzen!“
„Es gab interessante Ansätze (z.B. Urban-Living-Wettbewerb) die im Sande verlaufen sind, aber die richtigen
Ergebnisse gebracht haben. In einer konzertierten Aktion müssten in ganz Berlin geeignete Flächen in dieser
Weise bebaut werden.“
„Hochhäuser: Ein Hochhauskonzept für Berlin ist notwendig. Wenn in klar ausgewiesenen Bereichen konzentriert die Errichtung von Wohnhochhäusern ermöglicht wird, wäre auch durch diese Maßnahme eine
Entlastung möglich.“

… ARBEITEN:
„Berlin als integrierte Arbeitslandschaft: Von zentraler
Bedeutung ist es, ein breites, innovatives und interdisziplinär-vernetztes Verständnis von Arbeit bzw. Arbeitswelt zu entwickeln.“
„Es ist ein Schnittstellenmanagement von Zivilgesellschaft, Kultur/Wissenschaft, Diskurs/Teilhabe, Unternehmen nötig. Daraus können neue (stadt-)räumliche
und architektonische Typologien abgeleitet werden.
Berlin sollte im Ganzen zu einer „integrativen Arbeitslandschaft“ weiterentwickelt werden.“
„Gemischte Infrastruktur – kurze Wege: Die gemischte
Infrastruktur Arbeiten und Wohnen auf überschaubarem Raum entspricht dem Prinzip der Europäischen
Stadt. Stadt der kurzen Wege!“

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„Bau – und Planungsrecht: Die Möglichkeiten zur Schaffung neuen Wohnraums wäre durch die Aufhebung der
Festsetzungen zum Maß der Nutzung – zumindest innerhalb des S-Bahn Ringes – leicht möglich. Die gesunden Wohn- und Arbeitsverhältnisse werden durch die
Abstandsflächen nach Bauordnungsrecht gewährleistet.“
„Verlängerung von U-Bahnen: Durch die Verlängerung
der U2 und U3 ergeben sich neue Möglichkeiten zur
Schaffung von Wohnraum.“
„A100 - Autobahnring urbanisieren: Es wäre an der Zeit,
damit zu beginnen, über die „Rekultivierung“ der Stadtschneise A100 nachzudenken. Wie könnte der Fremdkörper Autobahntrasse zivilisiert und in das Stadtgebiet integriert werden? In welchen Bereichen wäre eine
Urbanisierung verbunden mit dem Rückbau zu einem
metropolitanen Boulevard nötig sowie möglich?“

... TRANSFORMATIONSRÄUME:

... OFFENE STADTGESELLSCHAFT:
„Gleichwertigkeit, Offenheit und Balance der Stadtgesellschaft: Die Vielfalt und Partizipation aller unterschiedlicher Gruppen, Communities und Lebenswelten
an der Stadtgesellschaft ist von zentraler Bedeutung
für die Funktionsfähigkeit.“
„Gesellschaftliche Ausgleichsräume: Eine offene Stadtgesellschaft bekommt man nur, wenn es Begegnungs-,
Frei- und Gestaltungsräume gibt, wo sich Legislative,
Exekutive, Bürger (Zivilgesellschaft) und geistige Eliten
in geregelten Prozessen intensiv austauschen können.“
„Neben einem Hauptzentrum vor dem Rathaus sollte
es in den Bezirken und in den Wohnquartieren weitere
Bürgerzentren und Begegnungsräume geben.“
„Spannung durch Mischung: Berlin muss nicht nur
Wohnungen bauen und Arbeitsplätze schaffen, sondern schauen, dass der Bevölkerungszuwachs und die
vielen ökonomisch orientierten Start-Ups die Spannungen in der Stadt nicht noch erhöhen.“
„Stadtweite Sozialraumorientierung: Für eine offene
Stadtgesellschaft ist die konsequente Umsetzung der
Sozialraumorientierung und des fach- und ämterübergreifenden Planens und Handelns erforderlich. Mit einer
klaren Analyse der Ortsteile und den Bedürfnissen der
Menschen lässt sich bürgernah und effizient handeln.“

@

„Transformationsraum Friedrichsfelde Ost: Der zentrentragende Stadtraum „Frankfurter Allee“ sollte über
„Alt-Friedrichsfelde“ weitergeführt werden. Durch den
Rückbau der völlig überdimensionierten Straßenschlucht könnte der Bereich ein neues Gesicht und städtische Qualität erhalten.“
„Impuls THF: Wenn man die ausgebreiteten Schwingen
des Tempelhofer Halbmonds doch bloß zu einem Tegeler Sechseck zusammenfalten könnte, wie ein gelandeter Vogel seine Flügel, dann wär die Sache wesentlich
einfacher. Aber so läuft es wohl auf Verdichtung hinaus.“
„Wo sind Impulse im Wedding nötig? Wozu braucht der
Wedding an der Müllerstraße und am Gesundbrunnen
noch neue Impulsgeber? Die Standorte sind doch schon
attraktiv. Bis 2030 wird sich der Bezirk auch ohne künstliches Zutun rasant entwickeln, wahrscheinlich sogar zu
sehr.“
„Autobahnring A100 urbanisieren: Wie könnte der
Fremdkörper Autobahntrasse zivilisiert und in das
Stadtgefüge integriert werden? In welchen Bereichen
wäre eine Urbanisierung verbunden mit dem Rückbau
zu einem metropolitanen Boulevard nötig sowie möglich?“
„Potenzialanalyse nötig: Für die Transformationsräume
wäre eine Potenzial- bzw. Risikoanalyse nötig - auf der
Grundlage der Ziele der Leitbilder - um daraus konkrete
Handlungsstrategien für die Transformationsräume abzuleiten. Wichtig wäre, keine oberflächliche oder schematische Herangehensweise zu wählen, sondern eine
innovative Analyse, die die latenten und verborgenen
Potenziale erkennen und zur Entwicklung bringen.“
„Die expansive Außenentwicklung im Norden sehe ich
kritisch. Das Ausbalancieren sollte man stattdessen
durch Bestandsverdichtung im Nordraum hinbekommen. Welche alternativen Möglichkeiten bietet die
stadtregionale Perspektive („Kartoffelplan“)?“

Diese und weitere Beiträge finden Sie auch unter
www.berlin.de/stadtforum

21

Das Berlin von
morgen gestalten
Elke Frauns im Gespräch mit Breschkai Ferhad, NDONeue Deutsche Organisationen, Berlin; Helge Jürgens,
Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, Potsdam; Prof.
Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär für
Bauen und Wohnen, Berlin; Andreas Schulten, bulwiengesa AG, Berlin.
Elke Frauns: Ich bitte nun unsere Gäste auf dem Podium um
eine erste spontane Einordnung. Welche Punkte aus der bisherigen Diskussion sehen Sie ähnlich? Wo würden Sie widersprechen? Was ist Ihnen wichtig?
Breschkai Ferhad: Ich persönlich fand den Teil zur offenen
Stadtgesellschaft sehr interessant, weil er mich natürlich
auch beruflich betrifft. Ich leite die Koordinationsstelle der
Neuen Deutschen Organisationen, die sich nach dem Sarrazin-Schock gegründet haben. Das sind Organisationen, die
immer dachten, dass sie ganz selbstverständlich in dieses
Land gehören. Plötzlich erfahren sie, dass dem doch nicht so
ist. Es sind nicht nur Organisationen, die sagen, sie sind neudeutsch, sondern sie besitzen auch schon alte Migranten-

Breschkai Ferhad

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Selbstorganisationen. Wir sind allerdings keine Berliner Institution. Wir beschränken uns nicht nur auf Berlin. Ich
persönlich störe mich ein wenig an dem Begriff „migrantisch
geprägte Stadtteile“. Hier müssen wir noch ein wenig an dem
Wording arbeiten. Was sind migrantisch geprägte Stadtteile?
Was heißt das? Wie definieren Sie das?
Helge Jürgens: Die Kreativbranche spielt eine große Rolle bei
der Entwicklung Berlins. Sie macht Milliardenumsätze, bietet
viele Arbeitsplätze. Ich finde, die positive Aufbruchstimmung
und den Pioniergeist muss man nutzen, damit diese Stadt
mit dem Image, was sie hat, auch diese Stadt bleibt. Es muss
etwas geben, was es möglich macht, auch in den Innenstadtbereichen Arbeiten und Wohnen zu verbinden. Und wir müssen auch für die jungen Kreativen und für die Start-ups in der
Branche Möglichkeiten schaffen, Wohnen und Arbeiten in
der Stadt zu erhalten.
Andreas Schulten: Drei Dinge finde ich bedenklich. Einmal
glaube ich, dass wir Berliner viel zu viel Nabelschau machen.
Damit meine ich diese Klein-Klein-Probleme. Der Blick von
außen auf Berlin ist durchaus positiv: Wir managen Toleranz
erfolgreich, nehmen Flüchtlinge auf, sind grün. Zweiter
Punkt: Wir hören in Berlin an den Stadtgrenzen auf zu denken. Wir machen eine BerlinStrategie, nicht eine Metropolregion-Berlin-Strategie. Und an der Stelle sage ich als Geograph: Vorsicht, das ist ein großer Fehler. Wir müssen Berlin
mit Königs Wusterhausen, mit Oranienburg und Nauen denken. Wir sind ja gerade in der Lage, mit unseren Naturräumen das zu schaffen, was wir geschaffen haben. Und das ist
nicht unwichtig für die Qualität der Stadt. Drittens befremdet mich dieser Spruch: Berlin ist so toll, weil es billig ist. Das
will ich eigentlich überhaupt nicht mehr hören. Berlin ist das
was es ist, weil es Bundeshauptstadt ist, weil es politisch
diese Bedeutung gewonnen hat in Europa. Berlin hat unheimlich gute Universitäten – schon immer.
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup: Ich bin überzeugt,
dass die drei Schwerpunkte „Arbeiten“, „Wohnen“ und „offene Stadtgesellschaft“ die wichtigsten Themen sind, welche
die Stadt vor neue Herausforderungen stellen. Wir haben
heute sehr viel über Wissen geredet. Wie entsteht eigentlich
neues Wissen? Das ist im Grunde ein ökonomischer Schlüssel, wenn man an Stadtentwicklung denkt. Berlin hat mit
seiner ganz besonderen urbanen Struktur hierfür einen guten Nährboden. Zweites Thema: Wie soll der neue Woh-

23

Helge Jürgens: Ich glaube, unsere Branche benutzt das Wort
Integration eigentlich relativ selten, weil wir sowieso immer
schon alles integriert haben. Wenn wir uns die Berlinale angucken und anschauen, welche Filme dort gezeigt werden,
wenn wir sehen, welche Preisträger es dort gab, wenn ich an
die Games-Branche in Berlin denke. Wir haben immer alle
Nationen integriert und deswegen ist das für uns nie ein Thema gewesen. Ich denke, der Film und die Medien, diese Kultur
leistet einen großen Beitrag für den gesellschaftlichen Diskurs auf diesem Gebiet.
Helge Jürgens

nungsbau aussehen? Hier können Baugruppen mit ihrem
besonderen persönlichen Engagement eine wichtige Funktion einnehmen. Wir wollen gemischte Quartiere. Hier steht
wieder das Thema der urbanen Qualitäten im Mittelpunkt.
Diese können nur gelingen, wenn wir es schaffen, neue Mischungen zu bauen. Wir leben auch von einer traditionellen
Mischung, die es in Berlin gibt. Aber das große Thema wird
sein, wie wir neue gemischte Quartiere auf die Beine stellen.
Es muss auch Bereiche geben, die frei von ökonomischem
Druck oder mit Ökonomiealternativen funktionieren.
Elke Frauns: Frau Ferhad, wie muss aus Ihrer Sicht Integrationspolitik in den nächsten Jahren in Berlin ausgestaltet werden, damit sie funktioniert?
Breschkai Ferhad: Das Wesentliche ist, dass wir dann das
Wort Integration streichen und sagen: Wir brauchen eine
vernünftige Gesellschaftspolitik für alle. Das wäre schon aus
meiner Sicht der erste Schritt. Wir brauchen auch keine speziellen Projekte für einzelne Gruppen, sondern für alle – beispielsweise in der Schule. Zurück zu den migrantisch geprägten Quartieren: Ich glaube, es ist eher eine Frage von sozialer
Herkunft und sozialer Schicht. Es ist keine Frage der ethnischen Herkunft, sondern von Bildung. Und eine vernünftige
Gesellschaftspolitik sollte dafür sorgen, dass sie Bildung für
alle Menschen bereitstellt. Es geht aber auch um Teilhabe.
Wir benutzen sehr gerne die Wörter Vielfalt, Diversity, Teilhabe, Partizipation. Aber leben wir sie auch wirklich? Wo ist
Teilhabe in Stadtentwicklung? Wo ist Teilhabe bei Gesundheit? Es geht nicht nur um Integration. Ich glaube, wir müssen das, was die Stadt tatsächlich ist, noch wesentlich mehr
auch in der Verwaltung, der Wohnungswirtschaft sowie in
den wirklich entscheidenden Strategien nach außen zeigen
und fördern.
Elke Frauns: Welchen Beitrag können Kultur und die kreative
Szene dafür leisten, dass wir eine funktionierende Integrations- und Gesellschaftspolitik haben?

24

Elke Frauns: Wir sagen alle, Teilhabe entsteht, wenn die Menschen Arbeit haben - ganz egal, woher sie kommen. Wie kann
das gelingen?
Andreas Schulten: An dieser Stelle müssen wir uns ein paar
Fragen stellen: Wie sind wir eine Chancengesellschaft für
jene, die in eine Arrival City kommen? Was und wo sind unsere Arbeitsplätze? Wir arbeiten zu 40 Prozent in Büros, zu 20
Prozent in Geschäften, dann kommt irgendwann Gastronomie. Dort gibt es die ersten Arbeitsplätze für Menschen, die
neu in der Stadt ankommen. Die Frage ist eher, wie kann es
zügig gelingen, dass die Menschen durchaus als Tellerwäscher, Kofferträger, Lagerarbeiter anfangen zu arbeiten,
dann aber auch die Chance haben, sich weiterzuentwickeln?
Wir haben eine gewisse soziale Verantwortung, der wir gerecht werden müssen.

Andreas Schulten

ber diskutieren müssen. Wir müssen zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche bauen und wir müssen mehr als 100.000
Wohnungen bauen in den nächsten Jahren. Anders wird Berlin diesen Schwung, den es jetzt hat, nicht erhalten können.

Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup

Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup: Wir dürfen die Integrationsaufgaben nicht auf einzelne Stadtteile konzentrieren.
Wir wollen diese Leistung, die eine offene Stadtgesellschaft
erbringen muss, in allen Stadtteilen vornehmen und verankern. Wenn neue Stadtquartiere entstehen, müssen wir uns
mit der Frage beschäftigen, wie auch in diesen neuen Stadtquartieren eine neue Gemeinschaft entsteht. Wie organisieren wir diese Gemeinschaftsbildung in den neuen Stadtquartieren? Dieser Prozess benötigt Unterstützung und
Begleitung. Hier haben wir durch die Stadterneuerungspolitik, Quartiersmanagement und andere Verfahren eine Menge Erfahrung aus den Altbaubeständen gesammelt, die wir
auch auf neue Stadtquartiere anwenden können.
Elke Frauns: Wie können wir es schaffen, dass wir dieses
schnelle Wachstum, die schnelle räumliche Entwicklung und
die notwendigen Gesellschaftsaufgaben meistern?
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup: Wir müssen ein Stück
weit schneller werden. Wachstum ist eine Herausforderung
und erfordert natürlich im öffentlichen Sektor eine Veränderung der Politik. Wir brauchen Menschen, welche die Aufgaben erledigen, die vor uns stehen – die Straßen planen, die
Wohnquartiere entwickeln, die neuen Grünflächen entwickeln, die Schulen bauen. Wir müssen auch an unseren Verfahren arbeiten und sie effizienter und zielorientierter machen. Es gibt eine ganze Menge Optimierungsbedarf. Wir
müssen offen sein, von anderen zu lernen.
Elke Frauns: Welche Verfahren, welche Instrumente, welche
Prozessbeschleuniger sind sinnvoll?
Andreas Schulten: Wir müssen große Siedlungen bauen. Wir
müssen große Bürogebäude bauen. Wir müssen große Infrastruktureinrichtungen bauen. Das ist das, was Berlin sehr
weh tut, weil wir das Jahrzehnte nicht mehr hatten. Aber
deswegen sage ich auch, keine Nabelschau, sondern gucken,
wie machen es denn andere Städte? Wir schaffen Schnelligkeit und Unkompliziertheit nur durch Größe. Man wird darü-

Breschkai Ferhad: Was wir hier in Berlin brauchen, das ist
keine Sache des Bundes. Wir dürfen die Integrations- und
Gesellschaftspolitik nicht als Nische, sondern schon eher als
Querschnitt verstehen, der in allen Bereichen vorhanden ist.
Wir brauchen außerdem ein kommunales Wahlrecht. Es
kommen viele Menschen aus dem Ausland zu uns, welche die
Möglichkeit der Wahl auf kommunaler Ebene bekommen
sollten.
Helge Jürgens: Es gab diesen Spruch „Berlin ist arm, aber
sexy“. Ich glaube, das „arm“ müssen wir streichen. Ich finde
es aber wichtig, dass wir sexy bleiben. Und dazu gehört, dass
wir in der Infrastruktur Datenleitungen anbieten, die modernes Leben, aber auch modernes Arbeiten ermöglichen. Wir
müssen also erst einmal dafür sorgen, dass wir eine technische Infrastruktur haben, um wachsen zu können. Das Disruptive, das Erneuernde, davor dürfen wir keine Angst haben, das müssen wir zulassen, bevor jemand anderes von
außen kommt und uns erneuert.
Elke Frauns: Wo steht Berlin 2030, wenn diese Strategie umgesetzt ist?
Breschkai Ferhad: Wenn all das, was ich eben gesagt habe,
ebenfalls umgesetzt und bedacht wird, dann sind wir 2030
auf einem guten Weg.
Helge Jürgens: Im Moment gibt es einen richtigen Pioniergeist, den man nutzen muss – auch was die Zeiträume betrifft. Ich glaube, dass wir unheimliche Chancen haben, wenn
wir all das, was heute hier auch diskutiert worden ist, umsetzen können.
Andreas Schulten: Wir sind eine tolle Region. Wir müssen uns
dies vor Augen halten und auch die Natur in unsere Planungen einbeziehen. Dann sind wir auf dem richtigen Weg.
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup: Wir haben eine Chance, mit der BerlinStrategie nicht nur das Ressort Stadtentwicklung und Umwelt zu adressieren, sondern dies zu einem
Projekt des gesamten Senats zu machen. Das ist der Anspruch. Die Menschen kommen nach Berlin und sie wollen in
Berlin leben. Daher sind wir aufgefordert, für Berlin Antworten zu finden. Und deshalb beschreibt die BerlinStrategie die
Aufgaben, die in Berlin zu erledigen sind. Sie behält dabei
aber die regionale Perspektive im Blick.

25

Ausblick –
Mehr Berlin wagen!
Andreas Geisel, Senator für
Stadtentwicklung und Umwelt
Meine Damen und Herren,
ich glaube, aus der Diskussion ist deutlich geworden, dass wir
eine Strategie brauchen, und gleichzeitig, dass Zukunft nur
bedingt planbar ist. Es wird Zielkonflikte und Überraschungen
geben. Wichtig ist, dass wir an einem Strang ziehen und in eine
gemeinsame Richtung gehen. Wir brauchen einen roten Faden
für die Stadtentwicklung Berlins.
Es sind einige Punkte noch angesprochen worden, zu denen
ich Stellung beziehen will.
Es wurde beispielsweise das Thema der Zweckentfremdung
angesprochen. Hier stehen wir noch vor dem Problem der
Trennung zwischen kommerzieller Zweckentfremdung von
Wohnen und dem sympathischen „Couch Surfing“ oder dem
kurzen Untervermieten. Wohnungen sind zum Wohnen da,
das wollen wir sicherstellen.
Auch das Thema Neubau wurde angesprochen: Neubau sei
keine Antwort. Das halte ich für falsch. Ich glaube, dass Neubau die Antwort ist, wenn auch nicht die einzige. Es geht bei
der Neubaustrategie in Berlin nicht nur darum, geflüchtete
Menschen aus aller Welt unterzubringen, sondern es ist auch

ein Thema für die Berlinerinnen und Berliner. Irgendwann wollen die Kinder aus dem Haus und brauchen Wohnraum. Nur
über Heruntersubventionierung von Mieten werden wir die
Nachfrage nach Wohnungen nicht befriedigen können.
Wir haben die Dichte in der Stadt diskutiert, die auch zur Attraktivität von Berlin beiträgt. Wir müssen unsere Quartiere
urban gestalten. Und natürlich müssen wir dabei auch Kompromisse eingehen. Denn wenn wir keine Dichte zulassen,
dann werden wir der Flächennachfrage in unserer Stadt nicht
gerecht. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird es nicht gelingen, den großen Anteil an Grün- und Freiflächen zu sichern.
Wenn wir nicht genügend Neubau produzieren, können wir die
soziale Mischung in der Stadt nicht erhalten.
Insgesamt führt diese Entwicklung in der Stadt dazu, dass alle
Menschen – Berlinerinnen und Berliner, Gäste, Verwaltung –
lernen müssen, dass das Tempo in Berlin zunimmt und sich
immer mehr dem Tempo anderer großer Metropolen angleicht. Berlin wird sich weiter verändern. Trotzdem ist es die
Qualität unserer Stadt, dass wir auf der einen Seite Metropole
sind, auf der anderen Seite aber immer noch die Kiezebene
haben. Es gibt auch in Berlin ein sehr entspanntes, qualitativ
hochwertiges Kleinstadtleben. Beides ist möglich, das macht
den Reiz in Berlin aus. Doch das Tempo nimmt zu. Wir müssen
Mechanismen finden, die zunehmenden Konflikte, die aus Flächenkonkurrenzen oder die aus Einwanderung resultieren,
miteinander bewältigen zu können. Zur demokratischen und
toleranten Gesellschaft gehört auch, sich auf ein gemeinsames Leben in der Großstadt zu verständigen und einen Rahmen für das gemeinsame Miteinander zu finden. Und dieser
Rahmen nennt sich Toleranz, die auch zur Stadtentwicklung
gehört.
Wir werden Prozesse in der Stadt verändern müssen, um Aufgaben schneller bewältigen zu können. Und wir müssen den
Mut zu Fehlern haben, statt zu wenig zu tun oder nichts zu tun.
Lassen Sie uns gemeinsam mehr Berlin wagen. Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Engagement.

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Impressum
Herausgeber
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Kommunikation
Am Köllnischen Park 3, 10179 Berlin
www.stadtentwicklung.berlin.de
Inhalte und Bearbeitung
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Abteilung Stadt- und Freiraumplanung
Referat Stadtentwicklungsplanung
Thorsten Tonndorf, Referatsleiter Stadtentwicklungsplanung
Elke Plate, Projektleitung
Dr. Paul Hebes, Projektteam
Durchführung und Moderation
IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH
büro frauns kommunikation | planung | marketing
IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH
Helmholtzstraße 42, 10587 Berlin
E-Mail: stadtforum@imorde.de
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Schorlemerstraße 4, 48143 Münster
Elke Frauns
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Dokumentation und Gestaltung
IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH
Ulrich Pappenberger, Romina Weber, Martin Weghofer
Bildnachweis
Till Budde, Berlin (alle); mit Ausnahme von Tom Unverzagt, Leipzig (Titelbild);
© Urban Catalyst studio (Visuslisierung der Vision)

Berlin, Juli 2016

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Berlin erlebt gegenwärtig eine neue Gründerzeit. Die Stadt wächst mit großer Dynamik. Im
Herbst 2014 wurde die BerlinStrategie | Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 vom Senat
als Leitbild für die wachsende Stadt verabschiedet. Die Stadt wüächst hochdynamisch und
steht vor besonderen Herausforderung, die auch aus dem Zuzug von Geflüchteten resultieren. Daher erweist es sich als notwendig, zentrale Leitbilder, Prinzipien und Steuerungsansätze der Stadtentwicklung weiterzuentwickeln. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umwelt erarbeitet daher ein Update der BerlinStrategie. Die BerlinStrategie 2.0 setzt
mit ihrer Aktualisierung auf die Schwerpunkte „Arbeiten“, „Wohnen“ und „offene Stadtgesellschaft“. Die zentralen Inhalte und Handlungsfelder wurden mit den Berlinerinnen und
Berlinern sowie Fachleuten aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung im Stadtforum diskutiert.
        
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