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Full text: "Geh sterben!" / Baldauf, Johannes

Worte können sein wie winzige Arsendosen.
Sie werden unbemerkt verschluckt,
sie scheinen keine Wirkung zu tun,
und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.
Victor Klemperer

Herausgeberin
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstraße 139
10115 Berlin
Telefon: + 49 (0)30. 240 886 10
Fax: + 49 (0)30. 240 886 22
info@amadeu-antonio-stiftung.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de
Autorinnen und Autoren
Johannes Baldauf, Yasmina Banaszczuk, Ansgar Koreng, Julia Schramm, Anatol Stefanowitsch
Redaktion
Julia Schramm, Alice Lanzke (Lektorat)
Bildnachweise
Kahane Design (Grafiken), Matthias Goedeking (Titelbild), Jasna Strick (privat), Dorothee Scholz
(privat), Orkan Özdemir (privat)
Gestaltung

Design

© Amadeu Antonio Stiftung
Alle Rechte bleiben bei den Autorinnen und Autoren.
Druck: Druckzone, Cottbus
Gedruckt auf Envirotop Recycling 100% Altpapier

2

Inhalt

Geleitwort	
Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz

6

»Der Kulturkampf der Gegenwart«	
Vorwort von Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung

7

»Lies bloß nicht die Kommentare!« – eine Einleitung	

9

Was ist überhaupt Hate Speech? 	
Anatol Stefanowitsch,
Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin

11

Wie erkenne ich Hate Speech?	
	
Strategien und Typologisierung von Hate Groups	
Yasmina Banaszczuk, Bloggerin	

14
18

Hate Speech als Strategie der extremen Rechten	

21

Gegenstrategien: Was tun gegen Hate Speech?	

22

Journalist_innen berichten: Hate Speech im Redaktionsalltag	
Torsten Beeck, Spiegel Online
Anna-Mareike Krause, tagesschau.de
	
»Die direkte Bedrohung durch Hate Speech darf nicht unterschätzt werden!«	
Interview mit Dorothee Scholz, Diplompsychologin	

23

Wie lebt es sich mit einem Shitstorm? Zwei Betroffene berichten	
Jasna Strick, Feministin, Bloggerin, Aktivistin	
Orkan Özdemir, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung 	
Tempelhof-Schöneberg (SPD)

30
30
32

Hate Speech im Internet – eine rechtliche Einordnung	
Rechtsanwalt Dr. Ansgar Koreng, Berlin

33

AGB: DOs and DON’Ts	

35

Literatur	

36

25

5

Geleitwort

»Die Würde des Menschen ist unantastbar« – dieser
Satz steht nicht nur an der Spitze des Grundgesetzes
und ist Richtmaß für den Staat, diese Maxime ist auch
die Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben
in einer Gesellschaft der Freiheit und der Vielfalt.
Angriffe auf die Würde eines Menschen beginnen
im Kopf, beginnen mit Worten. Wer in seinen Reden
oder Tweets, in Kommentaren oder Blogs andere
Menschen attackiert, wer ganze Bevölkerungsgruppen pauschal abwertet, etwa wegen ihrer Herkunft
oder Hautfarbe, ihres Glaubens oder ihrer sexueller
Identität, der greift ihre Würde und damit auch den
Grundkonsens unserer Gesellschaft an. Häufig bleibt
es nicht bei Hassreden, oft sind Worte die Vorstufe von Taten. Dass aus »geistiger Brandstiftung« viel zu oft Gewalt wird, zeigt der sprunghafte Anstieg von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte: Im Jahr 2014 hat sich die Zahl der Taten im Vergleich zum Vorjahr
verdreifacht.
Gewalt gegen Flüchtlinge werden wir nicht dulden. Solche Taten sind feige und abscheulich. Die Täter werden konsequent mit den Mitteln des Rechtsstaates verfolgt. Wer
bei uns Stimmung gegen Ausländer macht, dem werden wir entschlossen entgegentreten.
Deutschland darf kein Platz für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sein. Dazu
können alle etwas beitragen – Staat und Gesellschaft. Die Amadeu Antonio Stiftung hilft
mit dieser Broschüre, Hassredner und ihre Codes zu identifizieren, und sie gibt Anregungen zum Widerspruch, denn in einer freiheitlichen Gesellschaft ist Widerspruch die
wichtigste Reaktion auf Hassreden.
Wie stark die freiheitlichen Abwehrkräfte unserer Gesellschaft sind, hat sich zum Jahreswechsel 2014/15 gezeigt. Als PEGIDA und andere auf den Straßen versucht haben,
Stimmung gegen Flüchtlinge und Muslime zu machen, sind überall in Deutschland Menschen aufgestanden und haben widersprochen. Das war ein gutes Zeichen dafür, dass
die pauschale Abwertung von Bevölkerungsgruppen von der großen Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land nicht geduldet wird. Widerspruch brauchen wir auch, wenn
es um Hassrede im Internet, in Sozialen Netzwerken und auf Kommentarseiten geht.
Die Anonymität des Netzes verleitet viel zu häufig zu sprachlicher Verrohung und zum
Verzicht auf Respekt gegenüber Mitmenschen. Es ist gut, dass diese Broschüre deshalb
auch Gegenstrategien aufzeigt und Handlungsempfehlungen gibt, denn egal, ob analog
oder digital, ob es um Einzelne oder ganze Bevölkerungsgruppen geht: Wenn die Würde
von Mitmenschen angegriffen wird, darf es niemals Schweigen, sondern muss es stets
Widerspruch geben.
Heiko Maas
Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz
6

»Der Kulturkampf der Gegenwart«

Hass ist ein seltsames, sehr heftiges Gefühl und zutiefst menschlich, denn kein anderes Lebewesen ist
imstande zu hassen. Sie mögen aggressiv sein, sogar wütend oder voller Angst aber Hass kennen sie
nicht. Nur der Mensch vermag auf Erfahrungen mit
zum Teil tödlichem Hass auf andere Menschen zu
reagieren. Und manchen bringt der Hass auch Vergnügen – ganz ohne Anlass. Nur in den seltensten
Fällen trifft der Hass die Person, die ihn möglicherweise ausgelöst hat. Das ist eine weitere Spezialität
des Menschen, die ihn von Tieren unterscheidet:
Er hasst wirr um sich herum und weiß oft nicht,
weshalb und wen er aus welchen Gründen damit
treffen will. Dabei zieht er ganze Gruppen von Menschen in den Dreck, diffamiert, beschimpft und bedroht sie. Und weil Hass sich niemals verbraucht, nie aufhört oder von
allein verschwindet, macht er immer so weiter, genau wie ein Tier, das zwar keinen Hass
kennt, aber seinen Reflexen ausgeliefert ist. Menschen also, in denen ein tiefer Hass
brennt, dessen eigentliche Ursache sie aber nicht verstehen wollen, sind am Ende dieser
Kette eher animalisch als human. Das ist auch so, wenn sich dieser Hass politisch ausdrückt.
Seit der Erfindung der Sozialen Netzwerke, des interaktiven Internets, erfahren wir
mehr über den Hass unserer Mitmenschen, als uns lieb ist. Vorurteile zu haben oder
zu hassen ist schon ein Unterschied. Im Netz sehen wir beides. Doch da auch in diesem
Medium wie im richtigen Leben der Lauteste zuerst gehört wird, bemerken auch wir
zuerst den Hass. Er findet sich in Kommentarfunktionen der Zeitungen, in Auseinandersetzungen bei Facebook, Twitter oder anderen Netzwerken und er kommt auch als persönliche Mitteilung an Personen, deren Herkunft oder Ansicht den Hass von der Leine
lässt. Zudem wirkt Hass ansteckend, wenn er geduldet wird oder gar Beifall bekommt.
Die Hemmschwelle dafür sinkt in der Anonymität und vor dem Bildschirm, denn der
Hasser muss niemandem dabei ins Gesicht schauen. Ob grob oder subtil vorgetragen: In
der Masse von Einschlägen des Hasses in Foren oder Kommentaren ziehen sich die NichtHasser bald zurück. Was sollen sie auch tun? Wem Hass als Persönlichkeitsmerkmal oder
Frustreaktion nicht zur Verfügung steht, der kann sich in einer von Hass dominierten
Atmosphäre nicht lange aufhalten. Ist das Feld dann erst geräumt, siegt der Hass und
feiert sich selbst.
Doch es gibt Wege, dem Hass zu begegnen, wenngleich sie mühsam und anstrengend
sind. Warum sollte man ihn also auf sich nehmen? Weil es hier um die Kultur der Zukunft
geht. Die digitalisierte Welt darf nicht Hass und Vorurteil überlassen werden. Sich dagegen klug zu wehren, ist der Kulturkampf der Gegenwart. Außerdem bereitet Sprache das
Handeln vor. Wer zu Hass ermuntert, ihn verbreitet, ihn anstachelt, ebnet den Weg zu
Gewalt und Vernichtung, die stets das eigentliche Ziel dieses starken Gefühls sind. Victor
Klemperer hat während der NS-Zeit Tagebuch geschrieben und sich dabei ganz auf die
7

Sprache konzentriert. Er tat es, weil er als Jude etwas brauchte, an dem er sich festhalten
konnte und das auch ihn durch die Zeit zu tragen vermochte: die Sprache als Balancierstange gegen Zweifel, Furcht und Fassungslosigkeit. Er wollte »aus ihrer Sprache ihren
Geist« feststellen. Die Sprache des Nationalsozialismus müsse den »allgemeinsten, den
untrüglichsten, den umfassendsten Steckbrief« über seine Gesinnung und seine Absichten ergeben. Er wollte sich nicht sagen lassen, dass dies alles nur Worte wären, die man
missverstehen könnte. Er beobachtete die Sprache des Unmenschen vom ersten Wort bis
zur völligen Zerstörung, von den ersten sprachlichen Verunglimpfungen der Juden bis
zum Massenmord. Er meinte, Sprache wäre eine der Waffen zur Vernichtung. Ihre erste.
Hass auf Menschen, weil sie einer Gruppe angehören, ist also keine neue Erfindung.
Dass er aber gerade dabei ist, die Lufthoheit über das interaktive Netz zu gewinnen, kann
nicht hingenommen werden. In einer Zeit, in der Menschen immer näher zusammenrücken, die Vorgänge in der Welt von immer mehr Interdependenz geprägt sind und die Bewegungen von Gesellschaften immer globaler werden, wirkt dieser Anstieg von Hass wie
ein Abwehrkampf gegen unser kosmopolitisches Leben. Damit diese Abwehr nicht die
wachsende Freiheit bedroht, weder analog noch digital, müssen wir dringend handeln.
Dem Weshalb und Wie gehen wir im Folgenden nach. Schritt für Schritt.

Anetta Kahane
Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung

Wieso benutzen wir den Begriff Hate Speech?
Die Debatte ist vor allem durch die US-amerikanische Auseinandersetzung geprägt. Das deutsche
Gegenstück Hassrede ist dagegen kaum etabliert.
Der englische Begriff hat sich zudem auch im Deutschen etabliert und dient so als Oberbegriff für das
Phänomen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Volksverhetzung.

8

»Lies bloß nicht die Kommentare!«
Eine Einleitung
»Lies bloß nicht die Kommentare!« hat sich in den letzten Jahren zu einer universalen
Weisheit entwickelt. In den Kommentarspalten und Sozialen Netzwerken herrscht ein
rauer Ton. Beleidigungen sind schneller getippt als gesprochen. Die Debattenkultur im
Internet ist aggressiv, verletzend und nicht selten hasserfüllt und bedrohlich. Die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten, die einmal als Chance für die Gesellschaft begannen, eskalieren seit einigen Jahren zunehmend in einem verbalen Kulturkampf. Die
Sprache radikalisiert sich mehr und mehr und die Gräben werden tiefer. Die Feindbilder
sind altbekannt: Juden, Linke, (Queer-)Feministinnen, Schwarze, Muslime, Homosexuelle
und Flüchtlinge. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung zeigen sich im Netz auf unterschiedlichste Arten, sei es mit offenkundig menschenverachtenden Parolen oder als Satire verpackt. So genannte Hassrede wird in der
Debattenkultur des Netzes sichtbar und bricht über diejenigen ein, die täglich mit der
Moderation und Betreuung von Diskussionsplattformen beschäftigt sind. Hate Speech ist
in der Debattenkultur ein Problem, dem begegnet werden muss.
Hate Speech ist ein Problem
Dabei stehen die Zuständigen vor einem doppelten Problem: Sie werden nicht nur von
der schieren Zahl problematischer Beiträge überfordert, welche das Diskussionsklima
nachhaltig schädigen, sondern müssen Hate Speech in ihren Facetten und Dimensionen
überhaupt erst mal erkennen. Die Frage, was Hate Speech eigentlich ist, bleibt umstritten. Eine feste Definition oder gar ein Katalog an Wörtern kann es nicht geben, da Hate
Speech nicht aus dem jeweiligen Kontext gelöst werden kann. Dieser Kontext ist meist
von der nationalstaatlichen Ordnung geprägt: Hate Speech in Deutschland unterliegt anderen kulturellen Eckpunkten als etwa im Iran oder Guatemala. Diese Zusammenhänge
verblassen allerdings mit der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung der Welt. In
dieser Entwicklung entstehen neue Kontexte, während gleichzeitig alte reproduziert und
erweitert werden. Die nationalen Grenzen der Debatten verwischen und somit auch die
Herausforderungen im Umgang mit Hate Speech. Dabei steht die Sprache am Anfang:
Hate Speech ist das motivierende Hintergrundrauschen zum gelebten Gewaltexzess. Die
Aussage »Es sind doch nur Worte!« verharmlost so die Funktion von Hate Speech und
leugnet die Verbindung zu Pogromen, Übergriffen und Ermordungen an Menschen auf
Grund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Genders oder ihrer Sexualität. Dem Genozid
in Ruanda ging eine hasserfüllte Radiokampagne voraus. Der Blick in die Geschichte
des Antisemitismus zeigt, wie antisemitische Hate Speech immer auch die Grundlage
für die angestrebte Zerstörung der Juden bildete. Sprache knüpft an Begebenheiten an,
verarbeitet und deutet sie. Sprache bereitet Handeln vor, gibt die narrativen Leitplanken.
Deswegen ist Sprache auch selbst Handeln. In Zeiten von Sozialen Medien und einer
ausgeprägten Forenkultur dient das Netz nicht nur als Ort des Austausches, sondern
auch für Verabredung und Planung konkreter Aktionen und rechtsextremer Überfälle.
Neonazis haben das Netz schon früh als ideales Werkzeug für Vernetzung, Propaganda
und Rekrutierung entdeckt. Hate Speech ist ein Mittel organisierter Rechter, um die ideo9

logische Deutungshoheit für sich zu gewinnen und Solidarisierungseffekte zu provozieren, die nicht originär rechte Bürger_innen einfangen sollen. Besonders beliebt sind in
dem Zusammenhang Themen wie die Flüchtlingsdebatte, Gleichstellungsfragen oder der
Nahost-Konflikt – immer wieder versuchen extreme Rechte, entsprechende Netzdebatten
zu beeinflussen und zu radikalisieren.
Eine gute Debattenkultur muss aktiv geschaffen werden
Plattformen, die digitale Diskussionen ermöglichen, stehen somit vor dem Problem die
Debattenkultur regulieren zu wollen oder gar zu müssen. Gerade etablierte Zeitungen
und Zeitschriften, die immer auch mit einer besonderen Autorität Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind, müssen sich mit dem Problem Hate Speech auseinandersetzen und
sich mit der gezielten Agitation menschenfeindlicher Kräfte beschäftigen. Dies gilt umso
mehr, als es keine klare rechtliche Handhabe gibt: So gibt es zwar den Volksverhetzungsparagraphen (§ 130 StGB) und allgemeine Gesetze, die vor Beleidigungen schützen. Hate
Speech zeigt sich allerdings nicht selten in vermeintlich rationalen Aussagen, die ganz
klar außerhalb des justiziablen Bereichs liegen und dennoch problematisch sind, weil
sie etwa mit falschen Fakten rechter Propaganda in die Hände spielen. Der Umgang mit
dieser Problematik lässt viele ratlos werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern
diejenigen Debattenteilnehmer_innen unterstützt werden können, die sich gegen menschenfeindliche Aussagen stellen und dafür oft selbst zum Ziel hasserfüllter Kommentare werden. Generell ist die Herausforderung, eine konstruktivere Diskussionskultur zu
etablieren. Eine Kapitulation vor Hate Speech und unsäglichen Debatten ist keine Op­
tion. Nicht zuletzt gilt es, einen Blick auf die Betroffenen von Hate Speech zu werfen und
gemeinsam mit ihnen individuelle Abgrenzungsmechanismen zu entwickeln.
Die vorliegende Broschüre gibt einen Überblick über aktuelle Erscheinungsformen
von Hate Speech und der Debatte, die sich darum entsponnen hat. Zusätzlich werden
Lösungsansätze diskutiert und verglichen. Nicht zuletzt kommen Expert_innen und von
Hate Speech Betroffene zu Wort, deren Erfahrungen in Handlungsempfehlungen für den
Umgang mit Hate Speech eingeflossen sind.
Die Broschüre ist das Resultat eines vom Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten Projektes zu Hate Speech und Kommentarkultur im digitalen Raum im Rahmen des Modellprojektes no-nazi.net, ebenfalls gefördert
vom BMFSFJ. Dank gebührt auch dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche
Aufgaben (BAFzA) und den Kolleg_innen Alice Lanzke, Robert Lüdecke und Timo Reinfrank, die das Projekt auf den Weg gebracht haben. Danke außerdem an die Vertreter_innen von tagesschau.de, Spiegel Online, welt.de, ZEIT Online, tagesspiegel.de, NDR, stern.de
und dem Heise-Verlag, die uns in dem Prozess unterstützt und uns einen Einblick in ihren
Arbeitsalltag gegeben haben. Besonderer Dank gilt den Journalist_innen Anna-Mareike
Krause und Torsten Beeck, dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, der Bloggerin Yasmina Banaszczuk und dem Rechtsanwalt Ansgar Koreng, die mit ihren Beiträgen
die Broschüre bereichert haben. Ebenso wie Jasna Strick und Orkan Özdemir, die uns
von ihren erlebten Shitstürmen berichten. Danke auch an Dorothee Scholz, die mit ihrer
Expertise eine psychologische Perspektive auf das Phänomen Hate Speech beisteuert.

10

Was ist überhaupt Hate Speech?

Hassrede (Hate Speech) ist kein sprachwissenschaftlicher, sondern ein politischer Begriff
mit mehr oder weniger starken Bezügen zu juristischen Tatbeständen. In Deutschland
ist der juristische Bezugspunkt der Tatbestand der Volksverhetzung, der dann erfüllt
ist, wenn jemand »in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,­
1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder 2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift,
daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet«
(StGB, §130(1)). Die im europäischen Zusammenhang relevante politische Definition von
Hassrede liest sich inhaltlich sehr ähnlich: Sie fasst unter diesem Begriff »alle Ausdrucksformen, die Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen auf
Intoleranz beruhendem Hass verbreiten, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen;
einschließlich von Intoleranz, die sich in aggressivem Nationalismus und Ethnozentrismus, der Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Migrant/innen
und Menschen mit Migrationshintergrund äußert« (Ministerkomitee des Europarats,
Empfehlung R (97) 20, 30.10.1997, meine Übersetzung).
Hate Speech bedeutet Abwertung
Sprachwissenschaftliche Definitionen orientieren sich allgemein an dieser politischen
Definition. Ein typisches Beispiel findet sich bei Meibauer (2013, S. 1), der Hassrede als
den »sprachliche[n] Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen […], insbesondere
durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von
Bevölkerungsgruppen dienen« definiert. Hassrede unterscheidet sich vom alltagssprachlichen Begriff der Beleidigung dadurch, dass letztere dann gegeben ist, wenn jemand als
Individuum verunglimpft oder herabgewürdigt wird, also nicht als Mitglied einer Gruppe oder über seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive stellen sich zwei Fragen: erstens, was es bedeutet, sprachlich »Hass auszudrücken«, und zweitens, welche sprachlichen Ausdrucksmittel zu diesem Zweck zum Einsatz
kommen. Bezüglich der ersten Frage gehen einige Autor/innen davon aus, dass Hassrede
dann vorliegt, wenn der/die Sprechende Hass empfindet und/oder erreichen will, dass
Dritte Hass empfinden (Marker 2013, 59f.). Die Intention von Sprechenden spielt in der
tatsächlichen Kommunikation selbstverständlich eine Rolle – einen unabsichtlichen Ausdruck von Hass wird man eher verzeihen als einen absichtlichen –, sie hat aber keinen
direkten Bezug zu sprachlichen Äußerungen oder gar Ausdrucksformen. Anders gesagt:
Es ist durchaus möglich, sprachlich Hass gegen Personen oder Gruppen auszudrücken,
ohne diesen Hass tatsächlich zu empfinden oder auslösen zu wollen (z.B. aus Unkenntnis
der Bedeutung bestimmter Wörter oder im Rahmen einer misslungenen Satire).
In der öffentlichen Diskussion wird der intentionalen Definition häufig eine Definition
aus Betroffenenperspektive entgegengesetzt: Hassrede liegt dann vor, wenn es Menschen
gibt, die sich durch diese Rede herabgesetzt oder verunglimpft fühlen. Als Grundlage
einer Definition ist die Betroffenenperspektive sicher besser geeignet als die Intention
des Sprechenden. Sie darf allerdings nicht individualisiert verstanden werden - wodurch
11

sich jemand herabgesetzt oder verunglimpft fühlt, kann von Person zu Person und von
Situation zu Situation sehr unterschiedlich sein. Um aus sprachwissenschaftlicher Sicht
als Hassrede zu gelten, muss eine sprachliche Äußerung oder ein Ausdruck nicht nur
individuell und/oder situativ, sondern von einem wahrnehmbaren Teil der Sprachgemeinschaft als herabwürdigend und/oder verunglimpfend gegenüber einer Bevölkerungsgruppe verstanden werden (aber natürlich nicht unbedingt von der Mehrheit oder
gar der gesamten Sprachgemeinschaft).
Hate Speech kann indirekt sein
Das ist vor allem dort der Fall, wo die Herabwürdigung und/oder Verunglimpfung von
einem wahrnehmbaren Teil der Sprachgemeinschaft als Teil der konventionellen Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks betrachtet werden. Solche Ausdrücke finden sich
am sichtbarsten in jenem Bereich des Wortschatzes, in dem die deutsche Sprache uns
eine Vielzahl von Ausdrücken liefert, die entweder über die Zuschreibung von bzw. Einschränkung auf bestimmte stereotype Eigenschaften (Schlitzauge, Fotze, Arschficker,
Mongo) oder direkt über das Wissen um ihre Verwendungszusammenhänge (Kanake,
Tussi, Schwuchtel, Spast) eine pejorative, also abwertende Wirkung entfalten. Aber auch
in der Wortbildung und sogar Grammatik gibt es konventionell pejorative sprachliche
Zeichen, z.B. die Endsilbe -ler (Hartz-4-ler, Unterschichtler) oder das grammatische Muster
[SUBSTANTIV + RICHTUNGSANGABE] (Ausländer raus! Juden ins Gas!). Diese Ausdrücke
können auf zwei unterschiedliche Arten zur Hassrede verwendet werden: Sie können
direkt auf die bezeichnete Gruppe angewendet werden (wenn etwa ein homosexueller
Mann »Schwuchtel« genannt wird) oder indirekt auf jemanden, der eigentlich gar nicht
zur bezeichneten Gruppe gehört (z.B. wenn ein heterosexueller Mann »Schwuchtel« genannt wird). Die Hassrede richtet sich dabei in beiden Fällen auf die bezeichnete Gruppe
(in diesem Fall homosexuelle Männer), während der nicht zur bezeichneten Gruppe gehörende Adressat »nur« beleidigt wird.
Was Hate Speech ist, ist umstritten
Dass es innerhalb einer Sprachgemeinschaft unterschiedliche Meinungen darüber geben
kann, ob ein bestimmter Ausdruck als Hassrede gilt oder nicht, ist selbst dort nicht überraschend, wo alle Beteiligten aufrichtig Position beziehen: Mitglieder einer privilegierten
Gruppe empfinden einen sprachlichen Ausdruck häufig deshalb nicht als herabwürdigend/verunglimpfend, weil er sich nicht gegen sie, sondern eben gegen eine (möglicherweise sogar unbewusst) als von der angenommenen Norm abweichende Gruppe richtet.
Umgekehrt ist es durchaus möglich, dass Mitglieder einer gesellschaftlich diskriminierten Gruppe aufgrund einer andauernden sprachlichen Herabwürdigung eine gewisse
Überempfindlichkeit entwickeln und auch Ausdrücke als diskriminierend empfinden,
die von der Mehrheit der Sprachgemeinschaft (inklusive der Mehrheit der betreffenden Gruppe) tatsächlich neutral verstanden werden. Dass zwischen prinzipiell neutralen
und eindeutigen pejorativen Ausdrücken ein fließender Übergang besteht, bedeutet aber
nicht, dass die pejorative Bedeutung jedes einzelnen Ausdrucks infrage steht. Die oben
genannten Beispiele sind ohne Zweifel pejorativ, völlig unabhängig von der (tatsächlichen oder angeblichen) Intention derjenigen, die sie verwenden.

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Während Ausdrücke mit einer klar pejorativen Bedeutung die deutlichste Erscheinungsform von Hassrede sind, kann eine Äußerung eine Bevölkerungsgruppe auch herabwürdigen und/oder verunglimpfen, ohne solche Ausdrücke zu enthalten. Auch dann fällt sie
unter die Definition von Hassrede. Im einfachsten Fall ist die Herabwürdigung/Verunglimpfung ein expliziter Teil der Aussage, z.B. in »(Alle) Griechen sind faul«. Sprachwissenschaftlich interessanter und im Alltag schwerer zu erkennen sind aber Fälle, in denen
die Aussage selbst zunächst harmlos oder sogar positiv wirkt, und die Hassrede Teil einer
zum Verständnis der Äußerung notwendigen stillschweigenden Grundannahme ist. Ein
Satz wie »Er ist Grieche, aber total fleißig« scheint ja einem speziellen Griechen eine
positive Eigenschaft zuzuschreiben. Durch die Verbindung der beiden Satzteile mit dem
Wort »aber« wird jedoch kommuniziert, dass der Fleiß der betroffenen Person unerwartet
ist; das kann sie aber nur vor dem Hintergrund der Annahme sein, dass Griech/innen
normalerweise faul seien. Politische Gruppen verwenden diese Strategie der impliziten
Hassrede häufig: Wenn eine Partei etwa ständig betont, dass Migrant/innen willkommen
seien, »solange sie sich an unsere Gesetze halten«, ist dies ja zunächst eine fast schon
trivial harmlose Aussage, denn selbstverständlich sollen sich alle Menschen an Gesetze
halten. Die Aussage wird aber dadurch zu einer Verunglimpfung von Migrant/innen, weil
sie nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir annehmen, dass Migrant/innen sich normalerweise nicht an Gesetze halten.
Hate Speech ist ein gesellschaftliches Problem
Schließlich fassen einige Autor/innen auch solche Fälle unter den Begriff der Hassrede,
in denen eine Bevölkerungsgruppe dadurch herabgewürdigt oder verunglimpft wird,
dass sie in Zusammenhängen unerwähnt bleibt, in denen sie eigentlich erwähnt werden
müsste; im konkreten Fall ist das nicht immer eindeutig festzustellen, aber als Tendenz
über verschiedene Situationen hinweg lässt es sich durchaus erkennen, etwa bei der
systematischen Nicht-Erwähnung schwarzer Menschen, durch die dieser Gruppe implizit
die Existenz abgesprochen wird (siehe Hornscheidt/Nduka-Agwu 2012). Zum Schluss sei
noch angemerkt, dass Hassrede auch aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kein vorrangig sprachliches, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt. Sprachliche Ausdrücke beschreiben und bewerten nicht (bzw. nicht nur). Sie erzeugen vielmehr ein Verständnis der (vorsprachlichen) physikalischen Realität und gesellschaftliche Realität(en),
die als allgemeingültig verstanden werden und deshalb nicht ohne Weiteres hinterfragt
werden können. Hassrede ist also nicht (nur) ein Problem des kommunikativen Umgangs
oder der »Verbreitung, Anstiftung, Förderung oder Rechtfertigung« von Hass, sie ist zentral an der Erzeugung des Hasses und der für den Hass notwendigen Denkmodelle beteiligt - einem Hass, der, wie Friesel (2013) eindringlich anmerkt, historisch immer wieder
die Grundlagen für die Zerstörung der betreffenden Gruppen gelegt hat.
Anatol Stefanowitsch
Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin

13

Wie erkenne ich Hate Speech?

Hate Speech konkret zu definieren oder zu katalogisieren, ist kaum möglich, denn was
Hate Speech ist, ist immer vom Kontext abhängig. Zwar gibt es eine Bandbreite klassischer Beschimpfungen, die meistens auch ein Diskriminierungsverhältnis anzeigen. Eine
Beschränkung auf einzelne Wörter, die gesellschaftlich geächtet sind, würde allerdings
zu kurz greifen. Sprache wird in erster Linie in dem Rahmen, in dem sie angewandt
wird zu Hate Speech. Sprache formt und sortiert die Gedanken und bereitet Handeln
vor. Emotionale Erregung ist dabei kein zwingendes Kriterium. Im Gegenteil kann Hate
Speech nüchtern und sachlich formuliert werden. Ein prominentes Beispiel ist SS-Führer
Heinrich Himmler, der in einer Rede vor SS-Männern betonte, dass er weder ein »blutrünstiger Mensch« sei noch »an irgendetwas Hartem«, was er tun müsse, »Freude oder
Spaß« habe. Stattdessen erläuterte er, dass er ein großes Pflichtbewusstsein habe, und
begründete die totale Vernichtung der Juden und Jüdinnen damit, die Deutschen vor
der Rache jüdischer Nachfahren schützen zu wollen – wohlweislich erwähnt er nicht,
wieso sie Grund zur Rache haben sollten. In dieser Rede Himmlers zeigt sich, dass Hate
Speech weder emotional noch aufgeregt sein muss. Vielmehr wird der Hass mehrheitlich
in rationaler Argumentation verschleiert. Letztlich ist diese Form der Hate Speech hoch
gefährlich, da sie logisch und rational daherkommt und antisemitischen, rassistischen
oder sexistischen Gewaltexzessen Legitimation verleiht.
Hate Speech zeigt sich in jedem Land anders
Hinzu kommt, dass bis heute die Nationalstaaten, basierend auf der eigenen Geschichte, definieren, was Hate Speech ist. Sie setzen in erster Linie den juristischen Rahmen.
Deswegen gibt es in Deutschland den Paragraphen 130 im Strafgesetzbuch, der Volksverhetzung unter Strafe stellt und ganz explizit auch die Leugnung der Shoa - ein Tribut
an die Lehren aus der deutschen Geschichte. Diese Umstände machen eine finale Katalogisierung von Hate Speech unmöglich. Eine Systematisierung und das Aufdecken
grundsätzlicher Strategien von Hate Speech ist dagegen durchaus möglich. Grundlage
für Hate Speech ist immer eine bestehende Diskriminierung von Gruppen aufgrund von
Hautfarbe, Gender, Sexualität, ethnischem Hintergrund oder Religion. Hate Speech funktioniert nur, wenn sie eine kollektiv verankerte Abwertung anspricht und in Einklang
mit gesellschaftlicher Diskriminierung steht. Rassismus gegen Weiße zum Beispiel kann
situativ stattfinden, hat jedoch keine gesellschaftliche Dimension. Entsprechend fallen
abwertende Aussagen über Weiße (z.B. »Kartoffel«) nicht unter Hate Speech, da ihnen
schlicht die gesellschaftlichen Konsequenzen fehlen. Denn wem wird die Wohnung nicht
gegeben, weil er oder sie weiß ist? Im Gegenteil wiederum kann das Anzeigen von diskriminierender Sprache sogar einen befreienden Moment erzeugen. Während sich Hate
Speech grundsätzlich nur im Kontext verstehen lässt, gibt es dennoch Vorgehensweisen, die immer wieder auftauchen und als grundsätzliche Strategien betrachtet werden
­können.
Grundsätzlich gilt zu fragen: Wie wird eine Bezeichnung benutzt? Wird das Wort
»schwarz« abwertend verwendet mit Bezug auf Schwarze Menschen? Wird »Mädchen«
14

als Beleidigung benutzt, weil ein Verständnis vorliegt, demzufolge »Mädchen« minderwertig seien? Für Formen der verbalen Diskriminierung gibt es hilfreiche Tests, die einen
Einblick geben:

ELEMENTE VON HATE SPEECH
Gleichsetzung: Juden = Israel Schwarze = Afrika 	
Verschwörungstheorien: Israel hat einen Anschlag auf die eigene Bevölkerung inszeniert, um von der Kritik an der Außenpolitik abzulenken.
De-realisierung (Eine verzerrte, realitätsabgehobene Konzeptualisierung
durch Ausblendung von Fakten oder in Form von Falschaussagen):
Alle Politiker hassen Deutschland.
Gegenüberstellung von Wir- und Ihr-Gruppe und das Konstruieren eines
Handlungszwangs: Wenn wir uns von denen weiter auf der Nase herumtanzen lassen, werden wir alle sterben.
Normalisierung von bestehenden Diskriminierungen
Ist doch kein Wunder, dass die Schwarzen so behandelt werden.
3D-Test für Antisemitismus:
Dämonisierung, Doppelstandards, Delegitimierung

D	ämonisierung: Juden sind das größte Übel der Welt.
D	oppelstandards: Wenn es Juden tun ist es schlimmer.
D	elegitimierung: Judentum und Israel gehören abgeschafft.
(Quelle: www.hagalil.com/antisemitismus/europa/Nathan Sharansky.htm)
Weiter auf Seite 19 ➜
15

Aneignung von Hate Speech als Kompensation.
Die Aneignung diskriminierender Sprache bzw. besonders harte
Wortwahl gegen die Diskriminierung kann als Kompensation
funktionieren. Eine Debatte ist hier allenfalls notwendig, um
betroffenen Gruppen zur Seite zu stehen.
Beispiel: »Denn wenn sich die Juden wieder zu Herren aufschwingen statt zu kuschen, bedarf es blonder Knaben, ihnen ihre
Grenzen aufzuzeigen.« (Leo Fischer in der Konkret 8/14)
Beispiel: Die Gruppe Kanak Attack eignete sich den Begriff
­Kanake an: www.kanak-attak.de

Strategien und Typologisierung von Hate Groups

Hass und Gewalt im Netz sind leider thematische Dauerbrenner. Für viele, die sich online
feministisch oder aktivistisch engagieren, werden Gewalterfahrungen im Netz zur ungewollten Routine bis hin zum anstrengenden Alltag. Spricht man mit Leidensgenoss_innen darüber, gibt es unterschiedliche Ansätze, wie man mit Hass und Gewalt umgehen
soll, der einem in Kommentarspalten, auf Twitter, in Blogs oder anderen Bereichen des
Netzes entgegenschlägt. Manchen hilft es, transparent zu machen, was ihnen passiert,
um sich Luft zu machen oder nach Hilfe zu fragen. Andere wiederum fahren gut damit,
sich von außen Unterstützung zu holen beim Abblocken von Angriffen und beim Aufbau einer Schutzblase. Wieder anderen fehlt es an Ressourcen dafür: Sie bleiben lieber
still, ziehen sich zurück oder ertragen stumm. Erfahrungsgemäß gibt es zwar Tendenzen
dafür, was ein hilfreicher oder konstruktiver Umgang mit Hass ist - letztendlich muss
jede_r Betroffene allerdings für sich selbst entscheiden, was ertragbar ist und wie die
persönliche »Self Care« aussieht. Dabei kann ein Verhalten, das der Bewegung insgesamt
nützt (etwa das Ignorieren aller Angriffe), für die Einzelperson schlimme Folgen haben.
Aktivist_innen sind somit nicht nur mit den Anfeindungen selbst belastet, sondern auch
mit den Erwartungen Dritter, sich als Vertreter_innen z.B. des Feminismus »richtig« verhalten zu müssen. Umso wichtiger scheint es, sich die Mechanismen von Hate Groups
genauer anzusehen.
Die Wissenschaftlerin Jennifer Allaway klassifizierte 2014 unter Zuhilfenahme des
Rahmenwerks von Linda Woolf und Michael Hulsizer »Hate Groups for Dummies: How
to Build a Successful Hate Group« die frauenfeindliche #Gamergate-Bewegung als HassGruppe. Das Ziel der Hetzkampagne von #Gamergate: Frauen, die sexistische Darstellungen in Videospielen angeprangert haben. Analog zum Untersuchungsdesign von Woolf
und Hulsizer lassen sich nun verschiedene Schritte identifizieren, wie Hass-Gruppierungen im Netz agieren:
1.	
Führung
2.	
Rekrutierung
3.	
sozio-Psychologische Techniken
4.	
Entmenschlichung
Auch in Deutschland lassen sich diese Schritte beobachten. Die Studie der Heinrich-BöllStiftung »Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und
Online-Mobilisierung« (2012) liefert wichtige Informationen zu den Funktionsweisen von
antifeministischem Hass im Netz.
1. Agitation und Führung
Der Hass-Gruppe geht es um langfristige Ziele: Die Führung hat einen guten Überblick
über die aktivistische Szene und versucht gezielt mit Behauptungen und Verleumdungen dem aktivistischen Ziel zu schaden. Persönliche Angriffe auf Aktivist_innen finden
von ihnen immer im Kontext der Bewegung statt. Von außen ist es erst einmal schwierig, eindeutige Anführer zu erkennen, da das Netz viel Anonymisierungspotenzial bietet.
Durch Studien wie die der Böll-Stiftung wissen wir aber, dass Männerrechtsbewegungen
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zumindest rechts offen sind. Zu den Zielen von strategisch denkenden Anführern antifeministischer Gruppen gehört immer auch, Aktivist_innen langfristig verstummen zu
Fortsetzung von Seite 19
lassen (»Silencing«).

BÜRGER-Test für Rassismus
arbarisierung: Die grundsätzlicher Annahme, nicht-weiße Kulturen seien barbarisch
Beispiel: »In Afrika haben sie halt nicht so eine zivilisierte Gesellschaft«.
berzeichnung: Die Comic-hafte Darstellung Schwarzer Menschen und der Schwarzen Menschen zugewiesenen Kultur
Beispiel: Bilder von Schwarzen Menschen im Baströckchen mit großen Lippen
assifizierung: Die Einteilung der Menschen in verschiedene Rassen und die Zuweisung von sozialen, kulturellen und
religiösen Eigenschaften auf der zugewiesenen Rasse basierend
Beispiel: »Schwarze haben alle so Naturreligionen und können gut tanzen!«
enetifizierung: Die Annahme, dass »Rassenunterschiede« genetisch seien
Beispiel: Unterschiedliche Hautfarben bedeuten unterschiedliche Gene
xotisierung: Menschen werden auf Grund ihrer Hautfarbe verniedlicht und exotisiert dargestellt
Beispiel: »Ach, diese Leute da aus Afrika, die sind ja so putzig und wild!«
ationalisierung: Der Versuch, rassistische Vorstellungen wissenschaftlich zu untermauern und zu legitimieren
Beispiel: »Schwarze und weiße Menschen sind anders, das ist wissenschaftlich nachweisbar!«

DON-Test für Sexismus:
Degradierung, Objektifizierung, Naturalisierung.
D	 egradierung: Männer sind besser als Frauen.

O	 bjektifizierung: Frauen werden wie Gegenstände behandelt oder darge-

stellt.
N	 aturalisierung: Männer und Frauen sind natürliche Kategorien, die sich
nicht verändern.
(Quelle: Julia Schramm)
2. Rekrutierung

Während die Agitatoren mit Verleumdungen und gezielten Desinformationen (»Der Feminismus will Männer unterdrücken« etc.) den misogynen Nährboden bereiten, werden
in der Rekrutierung nun Menschen an Bord geholt, die sich vom aktivistischen Engagement bedroht, überholt oder ignoriert fühlen. Die Hass-Gruppierung macht es für sie
sozial akzeptabel und sicher, sich antifeministisch, rassistisch oder schlicht persönlich
19

beleidigend zu äußern. Dadurch, dass die Agitation oft in vermeintlich sachlichem Tonfall stattfindet, erfahren Aufspringende eine Legitimation und Kanalisation ihres Frusts.
Je mehr rekrutiert werden, desto mehr Legitimation erfährt die Bewegung – so falsch
kann es ja nicht sein, wenn sich viele beteiligen. Ein Beispiel für dieses Denkmuster zeigt
nicht zuletzt der Zulauf, den die selbst ernannte »Pegida«-Bewegung Ende 2014 erfuhr.
Durch diese Rekrutierungsstrategien gewinnen Hass-Gruppen eine kritische Masse, die
im nächsten Schritt dazu führt, dass die Betroffenen von Hass überrollt werden.
3. Sozio-psychologische Techniken/ Propaganda
In der Phase der Propaganda wird die Gruppenidentität geprägt. Das Feindbild wird erschaffen: Aktivist_innen mit vermeintlich unehrbaren Absichten. Die Hass-Gruppe weiß
genau, warum sich manche feministisch engagieren (»Geld«, »Aufmerksamkeit«, »Hass
auf Männer/Deutsche/Weiße/…«), es geht nun darum, sie zu »entlarven«. Das ist auch
der Punkt, an dem Informationen zusammengetragen werden, die das Netz über die im
Visier stehenden Personen bietet. Insbesondere Frauen werden psycho-analysiert: Von
missglückten Karrieren über unglückliche Beziehungen bis hin zu einem angedichteten
schlechten Sexleben gibt es die absurdesten Theorien über die Hintergründe des Engagements. Das eigene Privatleben in derart ekelhafter und falscher Weise öffentlich diskutiert zu sehen, verletzt und zermürbt Aktivist_innen. Mit dieser Strategie geht es der
Hass-Gruppe zudem darum, sich selbst als im Vergleich »pure« Vereinigung mit ehrbaren
Absichten darzustellen.
4. Entmenschlichung
Nun bekommen all jene ihren Auftritt, die eine große Wut im Bauch verspüren: auf alle,
die sie und ihre Privilegien bedrohen, auf die Welt, auf Frauen, auf Schwarze – die Liste
ließe sich endlos fortsetzen. Wie in die Ecke getriebene Tiere beißt die derart angewachsene Hass-Gruppe um sich. Attacken werden vollkommen unberechenbar und reichen
von Beschimpfungen über Drohungen bis hin zu Stalking. Die Wut entlädt sich – und das
nach Empfinden der Hass-Gruppe auch vollkommen zu Recht. Schließlich sind es ja »nur
Feminist_innen und Aktivist_innen«, die hier verletzt werden. Erst, wenn die Betroffenen
aufhören, sich zu engagieren oder in ihrem Engagement aufhören zu existieren, ist das
Ziel erreicht. Dass dahinter Menschen stecken, wird verdrängt.
Die beschriebenen Phasen überlagern sich, finden parallel statt, wiederholen sich.
Auch wenn ich hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, liefert das beschriebene Rahmenwerk doch gute Anhaltspunkte, um die Gruppierungen hinter den Hasswellen im Netz zu verstehen. Es handelt sich eben nicht um randomisierte Vorkommnisse,
sondern vielmehr um organisierte und geplante Aktionen. Das zu verstehen ist gerade
für Dritte wichtig, die allzu häufig den »Devil’s Advocate« spielen wollen oder für die jene
Kräfte zehrenden Kämpfe im Netz lediglich amüsante bis interessante Ereignisse sind. Solidarität, Vertrauen und Unterstützung bieten hier wichtige Ressourcen für Aktivist_innen, für die das Hinterfragen der eigenen Handlungen vor der Kulisse immerwährender
Hasswellen traurige Realität ist.
Yasmina Banaszczuk
Bloggerin
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Hate Speech als Strategie der extremen Rechten

Seit den Anfängen des Internets nutzen rechtsextreme Akteur_innen das Netz als Propagandaplattform: Bei geringem Zeit- und Kostenaufwand war es damals schon möglich,
Menschen mit Material und Informationen zu versorgen – und das direkt zu ihnen nach
Hause. Aus den Anfangszeiten des Netzes stammt auch die Strategie der Subversion –
wie Wölfe im Schafspelz treten Neonazis zunächst als vermeintlich normale Nutzer_innen auf. Erst nach einer möglichen Kontaktaufnahme wird die Ideologie offenbart. So
sollen zum einen neue Mitglieder rekrutiert werden und zum anderen in Debatten länger
unerkannt mitdiskutiert werden. Doch neben der Rekrutierung neuer Mitglieder und
der Bereitstellung von Propaganda geht es auch um die Einschüchterung von Gegner_innen und all jener, die als anders wahrgenommen werden. Beleidigungen, Drohungen,
rassistische Begriffe, Diffamierungen, verbaler Antisemitismus, Dämonisierung, Degradierung, Entmenschlichung – die Bandbreite von Hate Speech ist groß.
Dabei werden hier nicht einfach Hass verbreitet und im vermeintlichen Schutz der
Anonymität gesellschaftliche Tabus gebrochen: Worte formen auch das Bewusstsein.
Ein Beispiel dafür ist der Begriff »Kinderschänder«: Er wird von Qualitätsmedien ebenso
regelmäßig verwendet wie in der Boulevardpresse. Dabei hat er einen biologistischen
Hintergrund und ist mit dem Konzept der »Rassenhygiene« aus dem Nationalsozialismus
verwoben. Es wundert daher nicht, dass der Begriff in extrem rechten Kreisen ein verbreitetes Schlagwort ist. Die dazugehörige Kampagne »Todesstrafe für Kinderschänder«
ist eine Art trauriger Dauerbrenner der Szene. Seriöse Beratungsstellen zum Thema des
sexuellen Missbrauchs von Kindern lehnen diesen Begriff ab, da er dem Kind verbal
eine Mitschuld, eben eine Schande, auferlegt. Dennoch findet sich im Netz auf jeder relevanten Plattform eine Seite, Gruppe oder ähnliches, welche härtere Strafen oder gar die
Todesstrafe für »Kinderschänder« fordert. In den meisten Fällen stehen Neonazis hinter
entsprechenden Aufrufen. Das Thema ist dabei online ebenso wie offline präsent: Auf
rechtsextremen Demonstrationen werden immer wieder Transparente gleichen Wortlauts gehalten.
Mittlerweile ist der Begriff erfolgreich von den Neonazis in den Mainstream getragen
worden. Denn auch das kann mit Hate Speech erreicht werden: Deutungshoheit und Dominanz in gesellschaftlichen Diskursen durch die Prägung von Debatten. Griffige Schlagwörter verschieben auch die Wahrnehmung eines Sachverhalts. Ein weiteres Beispiel
ist die Verwendung der in der NS-Zeit geläufigen Bezeichnung »Lügenpresse« auf den
so genannten Pegida-Demonstrationen. Entsprechende Begriffe emotionalisieren stark,
vergiften das Diskussionsklima und verhindern sachliche Debatten. (Öffentliche) Auseinandersetzungen, die für eine pluralistische Gesellschaft nötig sind, werden so massiv erschwert, während gleichzeitig die vereinfachenden Welterklärungsmuster der extremen
Rechten an Attraktivität gewinnen.

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GEGENSTRATEGIEN
Im Umgang mit Hate Speech gibt es verschiedene Möglichkeiten, die alle Vor- und Nachteile haben.

Ignorieren
Vorteil:	 Die Störer_innen bekommen keine Aufmerksamkeit, um die es meistens geht. Debatten laufen
sich tot.
Nachteil:	 Debatten werden von lauten, aggressiven Gruppen dominiert. Diskriminierung wird reproduziert,
so dass Debatten für Minderheiten und marginalisierte Gruppen abschreckend sind.

Moderieren
Vorteil:	 Moderieren eröffnet Räume für plurale Debatten und echten Austausch. Menschen, die Diskriminierung täglich ausgesetzt sind, ziehen sich langfristig zurück, so dass ihre Perspektive keine
Rolle mehr spielt. Eine klare Moderation verhindert diese Ausschlüsse.
Nachteil:	 Aufwändig und teuer. Debattenteilnehmer_innen werden verzerrt dargestellt, wenn die problematischen Beiträge kommentarlos gelöscht werden und andere Beiträge ebenso unkommentiert
gestattet sind. Und da stellt sich die Frage: Sollten die Nutzer_innen wissen, dass der freundliche Honigbienen-Experte auch gerne mal rassistisch argumentiert?
Beispiel:	 Beleidigungen, Kommentare abseits vom Thema (»Off-Topic«) und destruktives Debattenverhalten löschen oder verschieben.

Diskutieren
Vorteil:	 Journalist_innen und die Häuser, unter deren Flagge die Debatten stattfinden, haben eine besondere Autorität, so dass Diskussionen stark beeinflusst werden können. Hinzu kommt, dass viele
Nutzer_innen an einer Debatte interessiert und für Informationen grundsätzlich offen sind.
Nachteil:	 Noch aufwändiger und teurer, da mehr Zeit investiert werden muss. Auch kostet es viele Nerven
und ist anstrengend.
Beispiel:	 Problematische Aussagen thematisieren. Zusätzliche Quellen anbieten.

Ironisieren
Vorteil:	 Die Journalist_innen können Haltung beweisen und gleichzeitig die Absurdität einiger Diskussionsbeiträge aufzeigen. Auch ist es ein Ventil für Frustrationen, die durch Debatten entstehen.
Außerdem lassen sich Diskussionen mit humoristischen Elementen erstaunlich gut lenken.
Nachteil:	 Die Diskussion wird dadurch kaum befördert, Dialog nicht ermöglicht - die Fronten verhärten
sich.
Beispiel:	 Kommentar: Da habt ihr doch keine Wahl ihr Lügner … ihr seid nur Instrumente!!
	
Antwort »Die Welt«: Ich bin eine Oboe. Und das lasse ich mir von dir auch nicht verbieten.

Journalist_innen berichten

Torsten Beeck, Head of Social Media Spiegel Online
Was bedeuten Kommentare für journalistische Arbeit?
Der Dialog mit unseren Nutzern muss Kern unserer Arbeit sein. Unsere Leser machen uns
besser, geben Hinweise und im Idealfall ergibt sich aus einem Kommentar oder einem
Tweet ein weiterer Baustein einer Geschichte. Wir werden immer besser beim Zuhören.
Was zeichnet eine gute Debatte online aus?
Letztlich gelten die gleichen Regeln, die jede Diskussion ausmachen, egal wo sie geführt
wird. Was aber in keinem Fall fehlen darf, ist der gegenseitige Respekt. Auch für Meinungen, die ich nicht teile. Man kann nicht jede Diskussion auf einer reinen Sachebene führen, darf aber nie vergessen, dass man es mit Menschen zu tun hat, die nicht alle das gleiche Verständnis von Polemik oder Humor haben. Am Ende einer Diskussion muss nicht
Konsens stehen, aber je mehr verbale »Abrüstung« betrieben wird, desto eher kommt
man wirklich zu einer Debatte, die beide Seiten als fruchtbar empfinden.
Wie sehen die besten Tricks aus, um Störer_innen in den Griff zu kriegen?
Einen »Trick« gibt es nicht. Wir versuchen, jeden Nutzer ernst zu nehmen und ihm
respektvoll entgegenzutreten. Beleidigungen, Aggressivität und verbale Ausfälle
muss man nicht dulden. Letztlich ist es dann ultima ratio, solche Störer auch zu sperren und auszuschließen. Oft wird uns dann Zensur vorgeworfen – es ist aber unsere
Pflicht andere Nutzer und auch unsere Mitarbeiter vor Drohungen und anderen Entgleisungen zu schützen. Den eher harmlosen »Trollen« kann man auch mit Humor begegnen, das führt oft zu einer starken Solidarisierung der Community. Man sollte sich
aber – gerade als große Marke – nicht verleiten lassen, Störenfriede bloßzustellen.
Ist die Auseinandersetzung mit Kommentaren belastend? Wenn ja: Wie kann mit der
Belastung umgegangen werden?
Hunderte, teilweise Tausende Kommentare am Tag zu lesen, ist eine starke Belastung und wenn man den immer gleichen Vorwürfen, absurden Verschwörungstheorien und Anfeindungen ausgesetzt ist, löst das zumindest Kopfschütteln aus. Tatsächlich ist die augenzwinkernde oder ironische Antwort auf einen merkwürdigen
Kommentar dann manchmal auch ein Ventil. Wenn man inhaltlich nicht argumentieren kann, weil die Störer eigentlich nicht an einer Diskussion interessiert sind, ist
das eine Form von Notwehr, die auch hilft, mit der eigenen Belastung umzugehen.
Anna-Mareike Krause, tagesschau.de
Was bedeuten Kommentare für journalistische Arbeit?
Journalistische Arbeit ohne Nutzer_innenkommentare ist nicht mehr denkbar. Sie sind
da und sie gehören dazu. Natürlich beeinflusst es die journalistische Arbeit, dass Feed23

back heute viel unmittelbarer ist. Welchen Wert Kommentare für unsere Arbeit haben,
hängt stark von der Qualität der Kommentare ab. Dass wir auf Fehler oder Ungenauigkeiten hingewiesen werden, ist wertvoll. Es ist eine Bereicherung, andere Sichtweisen
auf Themen zu lesen. Ebenso, dass wir auf Themen aufmerksam gemacht werden, die es
sonst vielleicht nicht auf unseren Radar geschafft hätten. Es gibt aber auch eine sehr laute Minderheit, die unsere Kommentarbereiche mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit füllt, mit Beleidigungen gegenüber anderen Nutzer_innen oder gegenüber uns. Je
lauter diese Minderheit auftritt, umso schwerer wird es, die wertvollen Kommentare herauszufiltern. Und »Lügenpresse«-Kommentare sind keine Kritik, die uns hilft, besser zu
werden. Sondern sie vergrößern die Distanz zwischen Journalist_innen und Leser_innen.
Was zeichnet eine gute Debatte online aus?
Eine gute Debatte ist im besten Falle kontrovers und sachlich. In einer guten Debatte
werden Gegenargumente angehört und Menschen, die eine andere Position vertreten,
nicht als dumm oder naiv abgestempelt. Die Diskussion verläuft im besten Fall ohne Beleidigungen oder Diskriminierungen. Fakten, die das Argument der Gegenseite stützen,
werden nicht als Beleg für Lügen und Verschwörungen gewertet.
Wie sehen die besten Tricks aus, um Störer_innen in den Griff zu kriegen?
Zwei Dinge sind wichtig, um eine Communitydiskussion zu lenken: Präsenz und Haltung.
Eine Communityredaktion, die sich aus der Diskussion wegduckt, wird keinen Erfolg haben. Es hilft auch nicht, immer wieder nur den Hinweis auf die Netiquette zu posten. Als
Communityredaktion muss ich auf Kritik reagieren und dafür offen sein, und ich muss
Nutzer_innen unterstützen, die beleidigt oder aus der Diskussion gedrängt werden. Und
ja – das erfordert Haltung. In unserer Community ist kein Platz für Menschenfeindlichkeit, für Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus. Das ist unsere Haltung. Und letztendlich hilft es auch, die Nutzer_innen daran zu erinnern, dass auch auf unserer Seite des
Internets Menschen sitzen.
Ist die Auseinandersetzung mit Kommentaren belastend? Wenn ja: Wie kann mit der
Belastung umgegangen werden?
Ja, die Auseinandersetzung mit Kommentaren ist belastend. Wie sehr, das hängt bei der
Community einer Nachrichtenredaktion immer von der aktuellen Nachrichtenlage ab.
Aber es gibt Tage, an denen wir mehrere hundert offen antisemitische Kommentare löschen müssen, oder Tage, an denen wir über ein Thema nicht oder in den Augen vieler
Nutzer_innen zu wenig berichtet haben und uns deshalb »Lügenpresse« oder »Systemmedien« schimpfen lassen müssen. An solchen Tagen gibt es Kommentarstränge, die wir
am liebsten nicht lesen würden und die es schwer machen, die journalistische Distanz
zu wahren. Dann kommen auch diejenigen Nutzer_innen nicht mehr richtig durch, die
sachlich und konstruktiv diskutieren. Was hilft, ist der unmittelbare Austausch mit Kolleg_innen, die gerade die gleiche Arbeit machen. Je heftiger die Diskussion, umso wichtiger sind kurze Bildschirmpausen. Außerdem hilft es, wenn die Redaktionen sensibel für
die Belastung der Communityredakteur_innen sind.

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»Die direkte Bedrohung durch Hate Speech darf
nicht unterschätzt werden!«
Interview mit Dorothee Scholz, Diplompsychologin
In unserer Gesellschaft wird Gewalt zwar nicht nur, aber
fast nur körperlich gedacht. Können Worte überhaupt
Gewalt sein?
Ja. Worte stellen kommunizierte Einstellungen der sozialen
Umwelt dar und berühren den Menschen, der ein soziales
Wesen ist, in seiner Identität. Ist das verbale Feedback auf
eine Person abwertend oder aggressiv, dann ist das nicht
nur ein Angriff auf ihre gesellschaftliche Stellung, sondern
auch auf ihren menschlichen Wert. Darüber hinaus können
über Sprache auch Machthierarchien hergestellt werden,
die zur Unterwerfung und Schädigung von Menschen und
damit letzten Endes also Gewaltausübung führen.
Das scheint manche Menschen stärker als andere zu betreffen - Angehörige diskriminierter Gruppen zum Beispiel, wie Jüdinnen und Juden oder People of Color.
Worte sind ein Mittel, um Menschen aus einer Gruppe auszugrenzen und psychischen
Abstand zu erzeugen. Das kann soweit gehen, dass ihnen emotional die Menschlichkeit
aberkannt wird. Diese Entwertung ist sogar auf neuronaler Ebene nachweisbar: Derart
reduzierte Menschen werden dann zum Teil in Regionen des Gehirns verarbeitet, die für
Gegenstände zuständig sind. Damit ist auch die Fähigkeit zur Empathie stark verringert,
da die betroffenen Personen gar nicht mehr emotional als Menschen wahrgenommen
werden. Gewalt auszuüben ist dann wesentlich leichter.
Menschengruppen, die gesellschaftlich abgewertet werden, erleben dann also auch
mehr körperliche Gewalt?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit ja. Über Sprache wird ein Klima geschaffen, in dem die
psychischen Hemmschwellen zur Gewaltausübung gegen bestimmte Personengruppen
gesenkt sind. Gewalt gegen Angehörige dieser Gruppen ist in Folge gesellschaftlich akzeptierter und ruft auch weniger Mitgefühl in der breiten Masse hervor.
Das heißt wir haben die indirekte Ebene, in der körperliche Gewalt legitimiert und
schneller ausgeübt wird. Aber gibt es auch direkte Konsequenzen von psychischer
Gewalt, die ohne die körperliche Komponente wirksam werden?
Die zerstörerischen Folgen von Mobbing, Diskriminierung und psychischer Gewalt im
Allgemeinen sind inzwischen gut erforscht. Verbalattacken spielen in diesen Prozessen
fast immer eine große Rolle, da die Aggression der Gruppe gegen Einzelne gerade in
Online-Räumen oft über Sprache erfolgt. Die emotionale Reaktion auf Hate Speech bei
Betroffenen ist in schweren Fällen nicht von Reaktionen auf »klassische« Krisen, wie
z.B. Vergewaltigungen oder Überfälle, zu unterscheiden. Nach einem anfänglichen Unglauben über das Geschehene folgt eine Phase der Verunsicherung und Infragestellung
des eigenen Weltbildes. Anschließend versucht sich die Psyche zu stabilisieren und das
25

Erlebte zu verarbeiten. Je bedrohlicher die Erfahrung ist – und je hilfloser man sich dabei
fühlt – desto höher ist die Gefahr, dass eine gesunde Bewältigung misslingt und sich eine
psychische Störung entwickelt.
Ein Shitstorm kann also eine traumatische Erfahrung sein?
Ja. Das toxische Gefühl der Ohnmacht ist eine häufige Begleiterscheinung von Hate
Speech, da die Täter_innen meist anonym bleiben, nicht auffindbar sind und in großer
Zahl auftreten – als gesichtslose Masse, die eine direkte zwischenmenschliche Klärung
des Konflikts unmöglich macht. Aber auch der Bedrohungsfaktor durch Hate Speech
darf nicht unterschätzt werden, da neben der öffentlichen Demütigung auch massive
Gewaltankündigungen enthalten sein können. Teilweise werden sogar private Daten, wie
z.B. Wohnadressen, Fotos oder Kontodaten, gehackt und mit Schädigungsaufrufen für alle
sichtbar ins Netz gestellt. Die Massivität solcher Anfeindungen kann selbst Betroffene
mit hoher Widerstandskraft überfordern.
Abgesehen von der Extremsituation Shitstorm - viele Menschen erleben im Netz
ständig Diskriminierung. Was passiert mit Menschen, die konstant Hate Speech
ausgesetzt sind?
Die möglichen Auswirkungen eines solchen Dauerbeschusses reichen von Gefühlen der
Hilflosigkeit, Angst, Scham, starken Verunsicherung und generell emotionalen Belastung
über sozialen Rückzug und körperliche Erkrankungen bis hin zu psychischen Störungen und sogar Selbsttötung. Anhaltende Bedrohungen dieser Art können außerdem die
Persönlichkeit verändern, lebenslange Verbitterung hervorrufen oder jemanden dazu
bringen, sich emotional über Suchtverhalten zu schützen. Die Verletzungen sind so gravierend, dass viele Menschen in Befragungen sogar angeben, bereitwilliger körperliche
als psychische Gewalt ertragen zu wollen.
Hat Hate Speech, die als Phänomen schon lange vor dem Internet existiert hat, mit
den sozialen Online-Netzwerken eine andere Qualität bekommen?
Ja, in mehrerer Hinsicht. Das liegt zum einen daran, dass unser soziales Leben viel mehr
im Internet stattfindet als früher. Jugendliche sind heute im Schnitt täglich drei Stunden
online, das Netz ist in jedem Bereich unseres Alltags präsent. Wenn also online Gewalt
stattfindet, dann ist das sehr übergriffig und schwieriger vermeidbar als lokal begrenzte
Gewalt, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Zum anderen herrscht im Netz eine stärkere –
zumindest gefühlte – Anonymität und Straffreiheit als in direkten Begegnungen. Diese
Phänomene führen zu einem sogenannten »online-disinhibition-effect«, also einer Enthemmung des Verhaltens. Studien konnten zeigen, dass psychische Gewalt unter solchen
Bedingungen extremere Formen annehmen kann. Hemmende Faktoren, wie das Leid
der Betroffenen direkt zu erfahren oder eine kritische Reaktion der Umwelt zu fürchten,
fehlen tendenziell.
Und manchmal scheint es auch gar nicht um den Menschen zu gehen, der da geshitstormt wird …
Menschen werden schnell zu Projektionsflächen. Es geht dann im Grunde nur noch oberflächlich darum, wer die Person eigentlich ist oder was sie getan haben soll. Wichtiger
wird, wofür sie in den Augen der Menge steht. Aufgrund der schon genannten psychischen Distanz, die über das Medium Internet verstärkt wird, sind solche symbolhaften
26

Zuschreibungen auch nur schwer korrigierbar, da Täter_innen und Betroffene fast nie in
direkten Kontakt miteinander kommen.
Dieser Prozess weist Ähnlichkeit mit der Idealisierung von Stars auf. Also bedeutet
der Ausspruch von Warhol, jede_r bekäme seine 15 Minuten Ruhm, vielleicht nur,
dass jede_r die negativen Seiten des Berühmtseins erleben kann?
Der Begriff Ruhm hat ja etwas Verklärendes. Ich würde eher sagen, dass aufgrund der
Geschwindigkeit und Reichweite von Online-Kommunikation Menschen willkürlich in
einen hohen Bekanntheitsgrad hinein gezwungen werden können. Ab einem gewissen
Grad verselbständigt sich die Dynamik und es entsteht eine virale Bewegung – im Netz
geht so etwas unheimlich schnell – die dann zur Austragungsfläche für persönliche Befindlichkeiten oder gesellschaftliche Ausgrenzungsmuster wird. Solche Konflikte entladen sich dann häufig in einer unangemessenen Stärke an einzelnen Menschen, ohne
wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben. Eine einzelne Person hat dann den Druck
eines gesamtgesellschaftlichen Problems auszuhalten.
Was kann in solch einer »überdynamisierten« Situation getan werden?
Die Öffentlichkeit, die über ihre Prangerfunktion eigentlich Teil der Verletzungsmechanik von Hate Speech ist, hat den Vorteil einer besseren Sichtbarkeit der Gewalt. So ist es
für Außenstehende leichter, einzuschreiten und sich zu solidarisieren. Wichtig ist dabei
aber, dass eine kritische Masse zustande kommt, die sich verantwortlich fühlt. Medienkompetenz kann also nicht ohne Zivilcourage und eine klare Positionierung gegen Hate
Speech gedacht werden. Letzten Endes müssen wir uns als Gesellschaft auch fragen, wie
wichtig uns Diversität ist, und dürfen es nicht bei Lippenbekenntnissen belassen. Aus
Untersuchungen weiß man, dass sich Angehörige diskriminierter Gruppen trotz hoher
anfänglicher Beteiligung nach und nach aus digitalen Kommunikationsräumen zurückziehen, wenn verbale Gewalt nicht sanktioniert wird. Onlineräume werden so massiv
homogenisiert. Um dem vorzubeugen, müssen sie nach klaren Regeln moderiert werden.
Und dafür müssen Ressourcen geschaffen werden. Wenn diese Ressourcen nicht da sind,
dann hat das Thema offensichtlich auch keine Priorität.
Auf der Metaebene sehen wir also einen gesellschaftlichen Handlungsanspruch.
Wie sieht es aber ganz konkret auf der individuellen Ebene aus?
Es ist wichtig, aus einer passiven Haltung herauszutreten und der Ohnmacht etwas entgegenzustellen. Ins Handeln zu kommen ist sehr bedeutsam. Wie das im Einzelfall aussehen kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Manche Menschen konzentrieren sich
auf andere Bereiche in ihrem Leben. Manche sammeln und veröffentlichen die erhaltenen Verbalattacken, um aktiv Unterstützung einzufordern und das Problem sichtbar zu
machen. Manche schreiben Artikel und Blogbeiträge. Es kann auch hilfreich sein, das
Erlebte nur für sich selbst festzuhalten oder mit jemandem darüber zu sprechen, um
eigene Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu ordnen, gegebenenfalls mit Hilfe einer
professionellen Psychotherapie. Man sollte sich verdeutlichen: Was macht das mit mir?
Was brauche ich jetzt? Welcher Teil von mir ist verletzt? Welche Situationen müsste ich
aufsuchen, um wieder ein gutes Gefühl zu bekommen? Und natürlich kann es manchmal
sinnvoll sein, sich durch knallhartes Filtern zu schützen. Sich außerdem in der öffentlichen und eigenen Wahrnehmung vom erzwungenen Objektstatus wieder in den Status
eines menschlichen, fühlenden Subjekts zu bringen ist ebenfalls ein wirksamer Schritt.
27

Wie?
Da gibt es viele Möglichkeiten: Es ist denkbar, eigene Gefühle öffentlich zu äußern, sich
mit anderen Betroffenen auszutauschen oder sich politisch und kulturell zu engagieren. Nicht zuletzt ist auch Humor ein sehr mächtiges Instrument zur Untergrabung von
Hasserfahrungen. Es gibt auch wunderbare, kreative Projekte, die gezielt eine positive
Gegenerfahrung herstellen, wie beispielsweise im Fall von Emma Holten. [Anm. d. Red:
Die Schwedin wurde Opfer der Verbreitung ihrer Nacktbilder. Sie reagierte, in dem sie
ganz bewusst und kontrolliert Nacktphotos machen ließ und veröffentlichte] Ein weiteres Potential bietet Selbstwertarbeit. In Situationen von Onlinebelästigung, Hate Speech
und Diskriminierung entsteht meist eine plötzliche und unrealistisch hohe Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, die zu starker Verunsicherung führt. Um das
auszugleichen, ist es notwendig, die direkte Sicht auf sich selbst zu trainieren. Je klarer
und wertschätzender ich mich selbst sehen kann, ohne dass ich die Rückmeldungen
meiner Umwelt dafür brauche, desto unabhängiger bin ich. Dadurch ist der Selbstwert
wesentlich stabiler.
Und was kann ich für mich persönlich – abgesehen von diesen Ermächtigungsmomenten – tun, um mit Erfahrungen durch Hate Speech im Netz umzugehen? Wie
kann ich es schaffen, mit mir selbst in den Dialog zu treten?
Durch Achtsamkeit und klassische Selbstfürsorge. Das ist notwendig, da eine reale Verletzung zugefügt wurde. Die Fähigkeiten zur Bewältigung solcher Krisen erlernen Menschen normalerweise während ihrer frühen Entwicklung: Wenn Kindern Gewalt angetan wird, stellen Bezugspersonen idealerweise erst Schutz her, dann gehen sie mit dem
Kind auf Augenhöhe und fragen es, wie es ihm geht, spiegeln seine Gefühle und trösten
es dann liebevoll. Anschließend intensivieren sie die Fürsorge, um das Erlebte wieder
auszugleichen. Schlussendlich geben sie dem Kind gegebenenfalls neue Strategien an
die Hand und ermutigen es, wieder in die Welt zu gehen. In genau gleicher Weise und
Reihenfolge kann später mit sich selbst umgegangen werden, wobei es natürlich keine
Pauschallösung gibt. Auch das soziale Umfeld – Freunde, Familie – kann aktiv einbezogen werden. In seiner Bedeutung ist Selbstfürsorge elementar, weil sie das Mitgefühl mit
sich selbst beinhaltet.
Es ist ein Schaden entstanden und der muss ernst genommen werden - und zwar
auch von sich selbst?
Ganz genau.
Ein Shitstorm oder konstante Hate Speech, zum Beispiel gegen Angehörige einer
diskriminierten Gruppe, spiegeln ja oft die gesellschaftliche Lage wider. Kann es in
solchen Fällen überhaupt eine individuelle Lösung geben?
Beide Lösungsebenen gehen Hand in Hand. Eine Gesellschaft steht in der Pflicht, die
Würde und Freiheit ihrer Mitglieder zu schützen. Individuen hingegen können ihre eigene Widerstandskraft gegen gewalthaltige Kommunikation stärken, um gesund zu bleiben
und sich besser für ihre Rechte einsetzen zu können. Sich vorübergehend aus bedrohlichen Umgebungen zurückzuziehen kann also sinnvoll sein, sollte im Idealfall aber in
einer Zurückeroberung dieser Räume münden. Solange der Hass in der Lebensumwelt
aber noch präsent ist, gilt es, funktionierende Strategien zum emotionalen Umgang damit
zu finden.
28

Ein Beispiel dafür wäre das therapeutische Konzept der »radikalen Akzeptanz«. Damit ist
eine energiesparende Haltung zu einer ungerechten Realität gemeint: Der Anspruch, dass
schlimme Dinge eigentlich nicht passieren dürften, wird im Leben ständig frustriert. Das
verursacht neben der tatsächlichen Verletzung immer wieder eine tiefe emotionale Qual,
da man sich an der Differenz aufreibt zwischen dem, wie es sein sollte und dem, wie es
ist. Radikale Akzeptanz bedeutet im Gegensatz dazu, diese Diskrepanz auszuhalten und
anschließend angemessen zu betrauern. Anstatt also innerlich zu toben: »Es darf einfach
nicht sein, dass so etwas passiert!« stellt man fest: »Solche Dinge sind Teil der Realität.
Und ich bin darüber unglaublich traurig.« Es ist wichtig, keine Angst vor diesen Gefühlen
zu haben.
Das ist natürlich schwer bei schreiender Ungerechtigkeit. Aber offenbar geht es
eher darum, zu sagen: »Wenn du akzeptierst, wie schlecht die Welt ist, dann kannst
du besser in ihr leben«?
Man kann sie vor allem besser verändern. Es geht keinesfalls um eine Resignation. Die
Akzeptanz hilft dabei, das Erlebte zu integrieren, es auszuhalten. So kann man viel ruhiger und kraftvoller auf den eigentlichen Handlungsbedarf schauen, ohne dass wertvolle
Energie im ständigen Hadern mit der Situation verbrennt. Radikale Akzeptanz bedeutet,
mit wachem Auge zu agieren. Dann kann man auch besser kämpfen.

Dorothee Scholz ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2008 in den Bereichen Gewaltprävention und Gesundheitspsychologie. Aktuell befindet sie sich in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Bei Fragen stellen
wir gerne Kontakt mit ihr her: info@amadeu-antonio-stiftung.de
Das Interview führte Julia Schramm

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Wie lebt es sich mit einem Shitstorm?
Zwei Betroffene berichten
Jasna Strick,
Feministin, Bloggerin, Aktivistin, bekannt als eine der Initiatorinnen des mit dem
Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei
Wie bist du in einen Shitstorm geraten?
Ich habe im August 2013 einen Vortrag bei der
Konferenz »Open Mind« in Kassel gehalten. Das
Thema war Hate Speech gegen die Beteiligten
und besonders die Initiatorinnen des Hashtags
#aufschrei. Ich habe vor allem Screenshots mit
Texten und Kommentaren gezeigt, die Drohungen gegen uns richteten. Daraufhin brach ein
Shitstorm aus, weil es als Pranger gilt, ohnehin öffentliche Beiträge öffentlich zu zeigen.
Seitdem gerate ich immer wieder in Shistorms,
auch wenn ich nichts mache, aber mir Beteiligung unterstellt wird.
Was steckte in Deinen Augen eigentlich dahinter?
Ich bin Feministin und ich äußere mich öffentlich feministisch und erreiche dabei etwas
- der Hashtag #aufschrei bekam zum Beispiel den Grimme Online Award verliehen. Ich
zeige auf, dass es Ungerechtigkeiten gibt, die auf Gender beruhen, und diejenigen, die
das nicht wahrhaben wollen, starten dann einen Shitstorm. Sie schieben Gründe vor (ich
würde Menschen anprangern, zur Gewalt aufrufen, sei des Teufels u.ä.), aber im Grunde
geht es um einen Machtverlust. Wenn Feministinnen ihre politischen Forderungen umsetzen könnten, gäbe es eine Machtverschiebung und weiße heterosexuelle cis-Männer
[Anm. d. Red: cis bedeutet die Einheit von biologischem und sozialem Geschlecht und ist
der begriffliche Gegensatz zu trans] müssten von ihren bisherigen Machtpositionen zur
Seite rutschen. Das ist nicht gewünscht. Shitstorms gegen Feministinnen sind der Versuch, diese zum Schweigen zu bringen und damit zu verhindern, dass sie Politik machen
können und gehört werden.
Wie bist du damit umgegangen?
Den großen Shitstorm nach der »Open Mind 2013« habe ich öffentlich einfach gar nicht
kommentiert. Ich habe alle geblockt, die sich daran beteiligt haben, und von allem
Screenshots gemacht. Das habe ich alleine getan und mir keine Hilfe dafür geholt - was
vermutlich sinnvoll gewesen wäre. Ich habe fast alles gelesen, was geschrieben wurde.
Ich habe öffentlich nicht Stellung bezogen und die Füße still gehalten. Über ein Jahr
später habe ich meinen Fall etwas verkürzt und »anonymisiert« in meine Vorträge zum
Thema aufgenommen. Überhaupt halte ich verstärkt Vorträge zu Hate Speech und analysiere so gut es geht, was ich oder andere erleben.

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Wer hat dich unterstützt?
Meine Twitter-Timeline hat solidarische Tweets an mich geschickt und Diskussionen mit
Hatern geführt, damit ich sie nicht führen muss. Eine Person hat bei einem der Hauptverantwortlichen angerufen und den zur Sau gemacht.
Ein paar Leute haben zuvor diesen Hauptverantwortlichen »ermittelt« und mir somit
geholfen, sich aber nie mit mir in Verbindung gesetzt und die »Ermittlungen« vermutlich
eher aus persönlicher Neugier und Freude an der Arbeit gemacht, als um mir zu helfen.
Ansonsten haben enge Freund*innen und vor allem andere Feminist*innen mir ihr Ohr
und ihre offenen Arme geboten.
Was ist seitdem anders?
Ich twittere weniger persönlich. Ich litt und leide immer noch unter Albträumen. Fremde
Männer, die zu meinen Vorträgen kommen, bereiten mir Angst. Ich gehe nicht mehr an
unterdrückte Nummern, weil auch meine Handynummer im Netz veröffentlicht wurde.
Ich habe kein Blog-Impressum mehr, damit meine Adresse nicht mehr auffindbar ist.
Mein Instagram-Account ist privat geschaltet, damit wenigstens nur Fotos von Twitter
verschandelt werden können. Ich vermeide größere Familienfeste, weil ich allgemein
keine Menschen mehr vertrage, die meine Arbeit in Frage stellen. Ich lüge meine Mutter
an, wenn sie mich fragt, wie es mir geht, damit sie sich keine Sorgen macht. Ich vermeide,
dass auf Twitter ersichtlich wird, mit wem ich eine Partnerschaft führe, damit die Hater
sich nicht auf die Person stürzen. Als ich noch Mitglied bei den Piraten war, vermied ich
auf Parteitagen zu viel alleine rumzustehen oder alleine von Fremden angesprochen zu
werden, weil ich mich nicht sicher fühlte.
Nicht zuletzt konnte ich meine Masterarbeit nicht so schnell beenden, wie ich wollte,
und musste ein Semester dranhängen, was auch noch finanzielle Folgen hatte.
Das Interview führte Julia Schramm

31

Orkan Özdemir,
Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, Berlin
Wie bist du in einen Shitstorm geraten?
Ich bin mehrmals in solch einen »Sturm« geraten. Am
übelsten war es jedoch, als ich ein gemeinsames Statement mit dem American Jewish Committee (AJC) zur Hisbollah und deren Vertretungsanspruch in Palästina gemacht habe. Ich wurde regelrecht zugespamt. Das ging so
weit, dass ich Morddrohungen erhalten habe. Ein weiterer Fall war eine meiner kritischen Reden zu Buschkowskys Buch. Er strafte mich mit einer Unterlassungsklage
und machte dies öffentlich. Das weiße Bürgertum strafte
mich mit unendlich vielen Mails und Beschimpfungen.
Was steckte in Deinen Augen eigentlich dahinter?
Ich denke, wenn Menschen sich die Mühe machen und sich hinsetzen, um mir eine »unnette« Mail zu schreiben, dann steckt dahinter sehr viel Wut und Unverständnis ... ja, vielleicht sogar Angst. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass hinter einem Shitstorm
ein System von Menschen steckt, welche ganz gezielt verunsichern wollen.
Wie bist du damit umgegangen?
Bei den Morddrohungen, zerbombten Briefkästen und dem Schweineblut an meiner Klingel habe ich unter anderem den Staatsschutz eingeschaltet. Bringt alles jedoch nicht
wirklich viel. Ich bin aufmerksamer und poste in den Sozialen Netzwerken nichts mehr
zu meiner Familie. Ich achte auf meine Umgebung und meide bestimmte soziale Räume.
Wer hat dich unterstützt?
Ich habe mir Rat von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus und vom Mobilen
Beratungsteam »Ostkreuz« geholt. Ansonsten ist man ziemlich allein.
Was ist seitdem anders?
Früher war mein politisches Engagement unbeschwert, fröhlich naiv, fast schon »romantisch«. Durch diese ernüchternden Erfahrungen bin ich »ernster« geworden. Ich rede
mittlerweile in der Öffentlichkeit mehr als bedacht und positioniere mich nicht mehr so
stark, als dass ich Hass und Wut provozieren würde (wobei mir das nicht immer gelingt).
Sowas geht natürlich irgendwo einher mit einer Art »Verwässerung« der eigenen klar
formulierten Position. Ich denke, ich bin immer noch dabei zu lernen, damit umzugehen.
Das Interview führte Julia Schramm

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Hate Speech im Internet –
eine rechtliche Einordnung
Sich dem Problem Hate Speech juristisch adäquat zu widmen, ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden, die sich im Wesentlichen daraus ergeben, dass »Hate Speech« kein
juristischer Begriff ist. Das deutsche Recht kennt im Grundsatz lediglich zulässige und
unzulässige Meinungsäußerungen.
Dabei geht unsere Verfassung im Ausgangspunkt von der Zulässigkeit der freien Rede
aus, der das Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung schon immer eine hervorgehobene Stellung zugesprochen hat. Die freie Meinungsäußerung sei, so das Bundesverfassungsgericht bereits 1958 in seiner »Lüth«-Entscheidung, »in gewissem Sinn die
Grundlage jeder Freiheit überhaupt« (BVerfGE 7, 198, 208). Demgemäß stellt das Grundgesetz in seinem Artikel 5 Abs. 1 Satz 1 fest, dass jeder das Recht hat, »seine Meinung
in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern«. Wie alle Grundrechte besteht allerdings auch
die Meinungsfreiheit nicht schrankenlos. In seinem zweiten Absatz ordnet Artikel 5 des
Grundgesetzes an, dass die Meinungsfreiheit »ihre Schranken in den Vorschriften der
allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in
dem Recht der persönlichen Ehre« findet. Diese Schrankenbestimmung zeigt uns bereits
die zwei unterschiedlichen Blickwinkel, die wir einnehmen müssen, wenn wir uns aus
rechtlicher Sicht über das Problem Hate Speech unterhalten wollen. Hate Speech kann
den Einzelnen in seiner persönlichen Ehre oder aber Belange der Allgemeinheit verletzen. Der Staat kann sie untersagen, sofern er sich hierzu »allgemeiner« Gesetze bedient.
Allgemein sind in diesem Sinn solche Gesetze, die sich nicht gegen eine bestimmte
Meinung richten, die also meinungsneutral sind. Wenn ein Gesetz beispielsweise allgemein den Aufruf zu Straftaten untersagt, so betrifft dies gleichermaßen rechts-, wie
linksextrem motivierte und auch gänzlich unpolitische Straftaten. Solch ein Gesetz ist
daher »allgemein«. Verböte ein Gesetz hingegen (hypothetisch) einseitig die Verbreitung
linksextremer politischer Ansichten, so wäre dieses Gesetz nicht allgemein und damit
verfassungswidrig. Eine Ausnahme hat das Bundesverfassungsgericht in seiner nicht unumstrittenen Wunsiedel-Entscheidung (BVerfG, Beschl. v. 4. November 2009, Az. 1 BvR
2150/08) einzig für einen Teil des Tatbestands der Volksverhetzung (§ 130 Abs. 4 StGB)
gemacht. Der Tatbestand sei, soweit er die Billigung der nationalsozialistischen Gewaltund Willkürherrschaft bestrafe, zwar nicht allgemein. Jedoch sei dies ausnahmsweise
gerechtfertigt, weil eine solche Ausnahme dem Grundgesetz, das einen Gegenentwurf zu
dem Totalitarismus des nationalsozialistischen Regimes darstelle, immanent sei. Der Tatbestand der Volksverhetzung wird wohl dem, was wir außerjuristisch als »Hate Speech«
verstehen, am nächsten kommen, bildet aber nur einen vergleichsweise kleinen Teilbereich der gesetzlichen Beschränkungen der freien Meinungsäußerung ab.
Die praktisch bedeutsamste Schranke der Meinungsfreiheit ist hingegen das Recht
der persönlichen Ehre. Denn dass Meinungsäußerungen häufig das Persönlichkeitsrecht
anderer verletzten können, liegt auf der Hand. Die Rechtsprechung hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr ausdifferenzierte Leitlinien dazu entwickelt, wann in der erforderlichen Abwägung das Persönlichkeitsrecht gegenüber der Meinungsfreiheit überwiegt
und die Äußerung daher untersagt werden kann. Dass beispielsweise die Äußerung unwahrer Tatsachenbehauptungen über einen anderen in aller Regel nicht gestattet ist,
33

dürfte nicht verwundern. Verboten werden kann darüber hinaus auch die Äußerung von
Schmähkritik. Darunter fallen solche Äußerungen, die keinen Bezug mehr zur Sache aufweisen, sondern die nur noch den Sinn haben, einen anderen als Person anzugreifen und
zu verletzen. Hier besteht allerdings im Interesse der Meinungsfreiheit ein weiter Freiraum, in dem es für die Zulässigkeit einer Äußerung stets auf ihren Kontext ankommt.
So hat das Bundesverfassungsgericht einerseits die Bezeichnung eines Staatsanwalts als
»durchgeknallt« als von der Meinungsfreiheit gedeckt angesehen (BVerfG, Beschl. v. 12.
Mai 2009, Az. 1 BvR 2272/04), während es andererseits die gleiche Bezeichnung hinsichtlich einer Politikerin untersagt hat (BVerfG, Beschl. v. 11. Dezember 2013, Az. 1 BvR
194/13). Maßgeblich ist stets, ob es sachliche Anknüpfungspunkte dafür gab, gerade in
diesem Fall diese Worte zu wählen. Das bleibt stets eine im Einzelfall zu prüfende Frage.
Jenseits der materiellen Rechtslage sieht sich das Äußerungsrecht im Internet erheblichen praktischen Herausforderungen ausgesetzt. Die Probleme folgen hier vor allem daraus, dass oft der eigentliche Urheber einer Äußerung nicht zur Verantwortung gezogen
werden kann, weil in Blogs, Foren und Bewertungsportalen häufig die wahre Identität
eines Diskussionsteilnehmers nicht ermittelt werden kann. In diesen Fällen stellt sich
dann in aller Regel die Frage, ob der Intermediär – etwa der Betreiber des Forums – in
Anspruch genommen werden kann, um die rechtsverletzende Äußerung zu beseitigen.
Hier gilt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH, Urt. v. 25. Oktober
2011, Az. VI  ZR  93/10), dass der Forenbetreiber für eine Fremdäußerung erst dann
haftet, wenn er Prüfungspflichten verletzt hat. Solche Pflichten werden ausgelöst, sobald
er von einer rechtsverletzenden Äußerung Kenntnis erlangt. Diese Kenntnis erlangt er
in der Regel durch einen Hinweis des Betroffenen. Weist ihn dieser auf einen potentiell
rechtsverletzenden Inhalt hin, so muss der Forenbetreiber Kontakt mit dem eigentlichen
Urheber aufnehmen und ihn um eine Stellungnahme bitten. Ergibt sich aus diesem Dialogprozess nicht, dass die Äußerung rechtskonform ist, so muss der Forenbetreiber sie
am Ende löschen.
Alles in allem kann man also sagen, dass es bei allen Fragen, die sich im Einzelfall
noch stellen mögen, in Deutschland doch im Großen und Ganzen relativ klaren Regeln
unterliegt, was man im Internet publizieren darf und wie man rechtsverletzende Inhalte
angreifen kann. Besondere Probleme stellen sich aber, wenn eine Äußerung im Internet
abrufbar ist, aber weder der Urheber der Äußerung noch der Intermediär in Anspruch
genommen werden können, etwa weil beide im Ausland sitzen oder ihre Identität verschleiern. In solchen Fällen kann einem Betroffenen nur noch das sogenannte »Recht
auf Vergessenwerden« zur Hilfe kommen, das der Europäische Gerichtshof in seiner
»Google«-Entscheidung (EuGH, Urt. v. 13. Mai 2014, Az. C-131/12) kürzlich entwickelt hat.
Hierdurch kann man zumindest erreichen, dass solche Inhalte nicht mehr über Suchmaschinen auffindbar sind – was häufig den gleichen Effekt hat, wie eine Löschung der
Inhalte selbst. Das Problem allerdings, dass Menschen im Internet Hass verbreiten, ist
freilich durch das Recht alleine nicht lösbar.
Dr. Ansgar Koreng, Rechtsanwalt

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AGB: DOs and DON’Ts
Rechtlich ist Hate Speech kaum beizukommen. Daher steht nicht nur die Zivilgesellschaft
in der Pflicht, sich auch online zu engagieren, sondern ebenso die Plattform-Betreiber: Sie
müssen virtuelle Räume schaffen, in denen eine respektvolle Debattenkultur entstehen
kann, die zivilisatorische Mindeststandards erfüllt. Entsprechend sind die Allgemeinen
Geschäftsbedingungen (AGB) eine wichtige Handhabe und natürlich Pflicht: Sie sind der
Vertrag, den die Plattform mit den Nutzer_innen eingeht. Neben der rechtlichen Absicherung schaffen die AGB eine Grundlage für das Regulieren von Debatten:

DO
Nachvollziehbare Regeln formulieren
Übersichtlich, kurz und knapp
Nutzungsprofil (Beschreibung, Profilbild)
als Teil der Nutzungsbedingungen definieren
Auch indirekte Diskriminierung
für unerwünscht erklären
Nutzer_innen motivieren, die AGB als
Argumentationshilfe zu benutzen und
die Selbstregulierung der Community zu
stärken
Konstruktive Debatte als Ziel der Community formulieren
AGB-Änderungen mit der Community
diskutieren

50 Seiten Nutzungsbedingungen
Detaillierte Ausformulierung
Keine Konsequenzen
aus den AGB ziehen
Veränderungen der AGB
nicht anzeigen
AGB nur nach juristischer Lage
gestalten

DON’T

35

Literatur

Online:
Meibauer, Jörg, Hassrede/Hate Speech, Gießen 2013.
http://goo.gl/x7bHt4
Council of Europe, No Hate Speech Movement:
http://nohate.ext.coe.int/Campaign-Tools-and-Materials
Laineste, Liisi , Funny or aggressive? Failed humour in Internet Comments:
http://www.folklore.ee/folklore/vol53/laineste.pdf
Weber, Anne, Manual on hate speech:
http://www.coe.int/t/dghl/standardsetting/hrpolicy/publications/hate_speech_en.pdf
Hate Speech in den USA: Eine Betrachtung des Juristischen Diskurses und Darüber
­Hinaus:
http://goo.gl/tBeyIw
Hong, Mathias, Hassrede und extremistische Meinungsäußerungen in der Rechtsprechung des EGMR und nach dem Wunsiedel-Beschluss des BVerfG:
http://www.zaoerv.de/70_2010/70_2010_1_a_73_126.pdf
Portal der Universität Stanford zu Internet und Gesellschaft:
http://cyberlaw.stanford.edu/
Portal der Harvard Universität »Dangerous Speech«:
http://www.dangerousspeech.org/
Print:
Berkman, Robert I./Shumway, Christopher A., Digital Dilemmas: Ethical Issues for Online
Media Professionals, Hoboken 2003.
Butler, Judith, Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt 2006.
Citron, Danielle Keats, Hate Crimes in Cyberspace, Harvard 2014.
Delgado, Richard/Stefancic, Jean, Must We Defend Nazis?: Hate Speech, Pornography and
the New First Amendment, New York 1999.
Foxman, Abraham H./ Wolf, Christopher, Viral Hate: Containing Its Spread on the Internet, Hampshire 2013.
36

Herrmann, Steffen K./ Krämer, Sybille/ Kuch, Hannes (Hrsgb.), Verletzende Worte: Die
Grammatik sprachlicher Missachtung, Bielefeld 2007.
Herz, Michael / Molnar, Peter, The Content and Context of Hate Speech, Rethinking Regulation and Responses, Cambridge 2012.
Hornscheidt, Lann/Nduka-Agwu, Adibeli: Der Zusammenhang zwischen Rassismus und
Sprache. In: Adibeli Nduka-Agwu, Lann Hornscheidt (eds.): Rassismus auf gut Deutsch:
Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, Frankfurt am Main,
S. 11-49.
Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. Gießen: Gießener Elektronische
Bibliothek Ministerkomittee des Europarats (1997) Recommendation No. R (97) 20 of the
Committee of Ministers to the Member States on «Hate Speech«. Straßburg: Council of
Europe.
Jane, Emma, Beyond antifandom: Cheerleading, textual hate and new media ethics, in:
International Journal of Cultural Studies  March 2014  vol. 17  no. 2  175-190, Sydney 2014.
Marker, Karl, Know Your Enemy. Zur Funktionalität der Hassrede für wehrhafte Demokratien. In Meibauer 2013 (Hrsg.), pp. 59–94.
Meibauer, Jörg (Hrsg.), Hassrede/Hate Speech, Gießen 2013.
Schwarz-Friesel, Monika/Reinharz, Jehuda, Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin/New York 2013.
Uhlig, Stephan, Was ist Hass? : Phänomenologische, philosophische und sozialwissenschaftliche Studien, Berlin 2008.

37

no-nazi.net zum Nachlesen:
Die Broschüren
Sie tarnen
sich als beso
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rgte Bür
ger,
schaftlichen werfen mit pseu gerinnen
dowissenArgumenten
offen rass
um sich,
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setzen.

Viraler Hass: Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0
Sie tarnen sich als besorgte Bürgerinnen und Bürger, werfen mit pseudowissenschaftlichen Argumenten um sich, posten offen rassistische Parolen
oder verstecken ihre Hetze unter dem Deckmantel des Humors: Neonazis
versuchen mithilfe ganz bestimmter Kommunikationsstrategien im Internet zu mobilisieren, zu rekrutieren und ihren Hass zu verbreiten. Die Broschüre »Viraler Hass: Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web
2.0« klärt auf und gibt Tipps für Gegenstrategien.

Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken
Schon lange haben Neonazis die Sozialen Netzwerke als ideale Plattformen
zur Verbreitung ihrer menschenverachtenden Propaganda für sich entdeckt. Mal mehr, mal minder subtil versuchen sie, nicht-rechte Userinnen
und User anzusprechen und das mittels immer professionellerer Strategien. Die Broschüre »Liken. Teilen. Hetzen« von no-nazi.net, die sich direkt an
Jugendliche wendet, klärt auf und gibt Gegenstrategien an die Hand.

Zwischen Propaganda und Mimikry. Neonazi-Strategien in Sozialen
Netzwerken
Wenn jemand auf seinem Facebook-Profil ein Bild des Cartoon-Held Bart
Simpson postet, kann der bestimmt kein Nazi sein. Oder? Was Nazis so alles
in den Sozialen Netzwerken treiben – und warum – analysiert die Broschüre von »Netz gegen Nazis« und no-nazi.net: »Zwischen Propaganda und Mimikry – Neonazi-Strategien in Sozialen Netzwerken«.

Neonazis im Web 2.0: Erscheinungsformen und Gegenstrategien

Die Broschüre fußt auf den Erfahrungen aus den Netz-gegen-NazisForen, dem Projekt »Generation 50plus aktiv im Netz gegen Nazis«
und der Kampagne »Soziale Netzwerke gegen Nazis«.

38

VI RA LE R

HA SS

Rechtsext
Kommunikreme
im Web 2.0 ationsstrategien

UNTERSTÜTZEN SIE INITIATIVEN GEGEN
RECHTE GEWALT
Die Amadeu Antonio Stiftung tritt für eine Gesellschaft ein, in der Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben. Wir glauben, dass man gegen Menschenfeindlichkeit
am wirksamsten mit Initiativen und Projekten vorgehen kann, die Aufklärung und
couragierte Gegenrede betreiben. In den letzten Jahren hat die Stiftung das Glossar
der Neuen Deutschen Medienmacher unterstützt, das über diskriminierende Sprache aufklärt. Sie hat die Broschüre »Liken.Teilen.Hetzen« des Projektes no-nazi.net
herausgegeben, die über rechtsextreme Strategien in Sozialen Netzwerken aufklärt.
Auch das Tool gegen Antisemitismus im Web 2.0, nichts-gegen-juden.de, hat die Stiftung auf den Weg gebracht. Der Namensgeber der Stiftung, Amadeu Antonio Kiowa,
wurde 1990 von rechtsextremen Jugendlichen im brandenburgischen Eberswalde
zu Tode geprügelt, weil er eine schwarze Hautfarbe hatte. Er war eines der ersten
von heute fast 200 Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit dem Fall der Mauer.
Die Amadeu Antonio Stiftung wird unter anderem von der Freudenberg Stiftung
unterstützt und arbeitet eng mit ihr zusammen. Die Stiftung ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Stiftungen und hat die Selbstverpflichtung der Initiative Transparente Zivilgesellschaft unterzeichnet.
Kontakt
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstraße 139
10115 Berlin
Telefon: 030. 240 886 10
Fax: 030. 240 886 22
info@amadeu-antonio-stiftung.de
amadeu-antonio-stiftung.de
facebook/AmadeuAntonioStiftung
twitter.com/AmadeuAntonio
Spendenkonto
GLS Gemeinschaftsbank eG
BLZ 430 609 67
Konto-Nr. 600 500 0000
BIC GENODEM1GLS
IBAN DE32 4306 0967 6005 0000 00
Bitte geben Sie bei der Überweisung eine Adresse an, damit eine Spendenbescheinigung zugeschickt werden kann.

Die Debattenkultur im Internet ist aggressiv, verletzend und nicht selten hasserfüllt
und bedrohlich. Da ist ein »Geh sterben« schneller getippt als es jemals gesprochen
würde. Doch was tun? Wie kann Hate Speech begegnet und eine bessere Debattenkultur
etabliert werden? Wer trägt welche Verantwortung? Und was ist eigentlich genau Hate
Speech? Expert_innen und Betroffene kommen in dieser Broschüre zu Wort, um das
Thema Hate Speech und Kommentarkultur genauer zu erfassen und Lösungsansätze zu
diskutieren.­­
        
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