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Die wichtigsten Momente des christlichen Glaubens nach den Synoptikern. Von G. Steuer

Full text: Festschrift zu dem funfzigjährigen Jubiläum der Königstädtischen Realschule zu Berlin (Public Domain)

72 DIE WICHTIGSTEN MOMENTE DES CHRISTLICHEN GLAUBENS 
Gottes zu verkündigen, in dem Masse, als ein jeder es in seiner Person 
sich verwirklichen fühlt, zu verkündigen die Tugenden des, der ihn 
berufen hat, zugleich mit der Darstellung derselben in seinem Leben. 
Es ist demgemäss ein Reich, dessen Glieder durch die Kraft des gött 
lichen Wortes zu einer Gerechtigkeit befähigt sind, welche besser ist 
als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, in denen sich das sittliche 
Leben konform dem Vorbilde Christi darstellt. Jedem einzelnen 
Gliede ist eine hohe sittliche Aufgabe gestellt, in deren Erfüllung es 
sich als solches dokumentiert; denn an den Früchten wird der Baum 
erkannt, und jedes Gewächs, das der himmlische Vater nicht gepflanzt 
hat, wird aUsgerissen werden. Es ist ein in sich begründeter Vorgang, 
dass der sittliche Geist, der von Christo durch die Gemeinschaft auf 
die Einzelnen wirkt, eine sichtende Kraft bewährt, die das Gleiche 
bindet, alles Widerstrebende aber ausscheidet. Das Recht zu binden 
und zu lösen, ist das natürliche Recht des sich sittlich bewährenden 
christlichen Geistes, die Welt zu richten, sich gegen alles Unreine 
abzuschliessen, alles Konforme dagegen sich zu assimilieren. Je mehr 
sich die Gerechtigkeit Gottes in der Welt verwirklicht, desto klarer 
offenbart sich das Reich Gottes. Wer die sittlichen Wirkungen des 
christlichen Geistes nicht an sich erfährt, darf sich nicht als ein Zu 
gehöriger des Reiches Gottes fühlen. Die Gerechtigkeit, der gegen 
über die Menschheit steht oder fällt, ist die Gerechtigkeit Christi und 
derer, die ihn durch Wort und That bekennen. 
Wenn auch die Berufung zum Reiche Gottes unabhängig von den 
Gemeinschaftsformen des sittlichen Lebens in der Menschheit sich voll 
zieht, so kann sich doch das Gottesreich nur verwirklichen in der 
Rückwirkung seines Geistes auf die Belebung aller dieser Formen. Das 
Reich Gottes ist nicht eine neue Ordnung der menschlichen Gemein 
schaftsverhältnisse, wohl aber ist es fähig, in die mannigfachsten Ord 
nungen derselben einzugehen und sie mit neuem Geiste zu erfüllen. Die 
durch die Natur und Geschichte bestimmten Unterschiede des nationalen 
und socialen Lebens werden durch das Christentum nicht aufgehoben. 
Das Gesetz der Erwählung vollzieht sich innerhalb derselben in der 
Weise, dass das Gottesbewusstsein stetig angeregt wird von der ver 
schiedenen Entwickelung des Weltbewusstseins, dass die menschlichen 
Entwickelungsformen sich andererseits unter dem Einfluss des ersteren 
stetig so verwirklichen, dass der Geist des Gottesreiches fähig ist, 
dieselben zu durchdringen und lebendig zu erhalten. Die Ordnungen 
des menschlichen Lebens, die nicht vom Geiste Christi durchdrungen 
werden können, sind nicht lebensfähig, und der Geist, der die leben 
digen Organismen der menschlichen Gesellschaft auflöst, ist nicht der 
Geist Christi und seines Reiches. „Wer nun auflöst,“ sagt der Herr, 
„eines von diesen kleinsten Geboten und lehret die Leute also, der
	        
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