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Die wichtigsten Momente des christlichen Glaubens nach den Synoptikern. Von G. Steuer

Full text: Festschrift zu dem funfzigjährigen Jubiläum der Königstädtischen Realschule zu Berlin (Public Domain)

NACH DEN SYNOPTIKERN, 
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Verwirklichung des Gottesreiches von äusseren Vorzügen der Geburt 
und Nationalität und von den Ansprüchen der durch die Geschichte 
privilegierten Stände unabhängig gemacht wird. Die universale Natur 
des Gottesreiches liegt ferner ausgedruckt in der Forderung, die 
Christus an diejenigen stellt, die in sein Reich kommen wollen, sich 
zu erniedrigen und zu sein wie die Kinder, weil für dieses Alter die 
Unterschiede nationaler und socialer Vorzüge nicht existieren. Wie 
unabhängig von der socialen Stellung der einzelnen Menschen in der 
Welt sich das Reich Gottes zu verwirklichen bestimmt ist, zeigt der 
Hinweis des Herrn auf den Gegensatz zwischen den durch die irdischen 
Machtverhältnisse begründeten Unterschieden in den Reichen dieser 
Welt und den Beziehungen der Reichsgenossen Christi unter einander: 
„Die weltlichen Fürsten herrschen, und die Oberherrn haben Gewalt. 
So soll es nicht sein unter Euch, sondern so jemand will unter Euch 
gewaltig sein, der sei Euer Diener, und wer da will der Vornehmste 
sein, der sei Euer Knecht.“ Er tadelt die auf Moses Stuhl sitzenden 
Pharisäer und Schriftgelehrten wegen ihrer irdischen Machtgelüste und 
ihrer Ansprüche auf äussere Unterordnung und Verehrung des Volkes. 
Nichts ist dem Kommen des Reiches Gottes gefährlicher als das Hinein 
tragen der irdischen Machtinteressen und Herrschaftsansprüche in das 
Reich Jesu Christi, wodurch notwendig das Himmelreich entchristlicht 
und verweltlicht wird, ohne dass die Weltreiche dadurch christlicher, 
d.h. demHimmelreich näher gerückt würden. Jene Pharisäer undSchrift- 
gelehrten sind es vielmehr, die grade dadurch das Himmelreich vor 
den Menschen zuschliessen; sie kommen selbst nicht hinein; die 
hineinwollen, lassen sie nicht eingehen; und grade dadurch führen 
sie auch den Untergang des irdischen Reiches herbei. Indem in der 
Anerkennung Christi als des einzigen Meisters und Führers alle Reichs 
genossen sich als Brüder und der Leitung und Führung bedürftig 
anzusehen haben, ist jeder andere Vorzug des einzelnen Gliedes des 
Reiches ausgeschlossen, der nicht aus dem grösseren christlichen 
Liebesdienst und der grösseren Selbstverleugnung und Hingabe an 
Christum folgt. An dieser Vermischung äusserer Machtverhältnisse 
mit den Interessen des Geistes muss, wie im Judentum, jederzeit die 
Verwirklichung der universalen Idee des Christentums scheitern. Es 
sind sonach nicht äussere Machtmittel, wodurch sich diese Idee ver 
wirklicht, und auch das gehört zu dem universalen Charakter derselben. 
W ie das Geld der Reichen, so ist auch der Witz der Weisen und Klugen 
e m Hemmschuh, der das Kommen des Reiches aufhält. An die 
Armen, Unmündigen, an die Sanftmütigen, Friedfertigen, um der Ge 
rechtigkeit willen Verfolgten ergeht in erster Linie die Botschaft vom 
Reich. Durch sie, für die äussere Machtmittel nicht existieren, soll
	        
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