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Die wichtigsten Momente des christlichen Glaubens nach den Synoptikern. Von G. Steuer

Full text: Festschrift zu dem funfzigjährigen Jubiläum der Königstädtischen Realschule zu Berlin (Public Domain)

68 DIE WICHTIGSTEN MOMENTE DES CHRISTLICHEN GLAUBENS 
Glieder seiner Familie stehen, wie hoch er auch die Pflichten der 
kindlichen Liebe stellt, für wie heilig ihm auch die Ehe gilt, so er 
klärt er doch den Zusammenhang mit ihm in seinem Reiche für un 
abhängig von dem fleischlichen Zusammenhänge mit der Familie und 
nennt die seine Brüder, Schwestern und Mutter, die den Willen thun 
seines Vaters im Flimmel. Er sei gekommen, den Menschen zu erregen 
wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schnur 
wider ihre Schwieger; des Menschen Feinde würden seine eigenen 
Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebe als ihn, sei seiner 
nicht wert, und nicht geschickt zum Reiche Gottes der, welcher die Hand 
an den Pflug lege und zurückschaue. Er fordert vielmehr, dass man die 
Toten ihre Toten begraben lasse und die physische und soziale 
Existenz freudig hingebe für das Leben in seinem Reiche; denn ■wer 
sein Leben verliere um seinetwillen, der werde es gewinnen. Gewiss 
sind Christo in seinem patriotischen Gefühle seine Volksgenossen 
teuer, er erkennt seinen nächsten Beruf ihnen gegenüber an und 
fordert auch seine Apostel auf, ausschliesslich zu den verlorenen 
Schafen aus dem Hause Israel zu gehen; er weint Uber Jerusalem und 
klagt schmerzbewegt, dass es ihm nicht vergönnt war, ihre Kinder zu 
versammeln, wie die Henne ihre Küchlein sammle. Und doch sind 
ihm die Söhne des Reiches Ausgestossene, weil sie nach dem Fleisch 
sein wollen, was sie nach dem Geiste nicht sind; sie, die ersten, werden 
die letzten sein, ein steter Beweis, wie sich innerhalb nationaler 
Schranken das Gottesreich doch unabhängig davon entwickelt. Selbst 
der Grösseste der vom Weibe Geborenen, ein Johannes, steht ihm 
geringer als der Kleinste im Himmelreich; so unabhängig ist das 
Reich Gottes von den Vorzügen des nationalen Geistes. Wie fern 
ihm auch die Heidenwelt steht, wie ablehnend er sich zunächst gegen 
einzelne aus derselben verhält, so erkennt er doch in denen, die bisher 
ausserhalb der vorbereitenden Entwickelung des Gottesreiches standen, 
die künftigen Träger der Verheissung; „Das Reich Gottes wird Euch 
(den Juden) genommen und den Heiden gegeben werden, die seine 
Früchte bringen.“ Aber auch sie, die einzelnen Glieder des Volkes, 
das ihn und damit sich selbst verwarf, sie sind nicht ausgeschlossen 
wegen ihrer nationalen Abstammung — denn wie die Erwählung, so 
ist auch die Verwerfung von dieser Bedingung unabhängig —, sondern 
vermöge der Ansprüche, die sie gegenüber dem rein geistigen und 
deshalb universalen Zusammenhänge des Gottesreiches auf ihre ge 
schichtlichen Vorrechte gründen. Viele sind berufen, aber wenige 
auserwählet; in diesem Gesetze der göttlichen Erwählung zeigt sich 
so recht der universale Charakter des Christentums, weil nur so die
	        
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