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Die wichtigsten Momente des christlichen Glaubens nach den Synoptikern. Von G. Steuer

Full text: Festschrift zu dem funfzigjährigen Jubiläum der Königstädtischen Realschule zu Berlin (Public Domain)

56 DIR WICHTIGSTEN MOMENTE DES CHRISTLICHEN GLAUBENS 
hat. Auf dem Standpunkte des gelösten Zwiespaltes, des Einheitsbe 
wusstseins Christi wird die göttliche Bestimmtheit des Menschen zu 
seiner durch Leiden und Sünde hindurch sich verwirklichenden Ver 
herrlichung zur freien Selbstbestimmung für den Kampf mit den 
Leiden und der Sünde. Je mehr in dem Einheitsbewusstsein Leiden 
und Sünde im Prinzip überwunden sind, um so mehr wird das Ge 
fühl sowohl für die eigenen Leiden und Reizungen geschärft, die als 
Objekt des weltüberwindenden Glaubens nie im Leben ausbleiben, 
als auch entfaltet der Glaube Christi in uns die ihm ureigne Richtung 
auf die Teilnahme an den Leiden und Irrungen der menschlichen 
Gesellschaft. Die Weltflüchtigkeit liegt dem Glauben Christi in dem 
Gläubigen fern, vielmehr fühlt er eine heilige Sympathie mit der lei 
denden Menschheit und eine freudige Bereitwilligkeit, für die sündige 
Menschheit sich im Liebesdienst zu opfern, auf dass im fortschreitenden 
Siege des Welt und Tod übenvindenden Glaubens die Erwählung der 
Menschheit und die Verherrlichung der Gottheit sich erfülle. Wie 
Christus Leiden und Sünde der Welt getragen hat, so sind auch die 
Gläubigen Kreuzträger, nach dem Worte Christi: „Wer mir nach- 
folgen will, der nehme mein Kreuz auf sich!“ Das Bewusstsein, in 
Leiden frei zu sein von Leiden, mitten im Verkehr mit der sündigen 
W 7 elt ausgestattet zu sein mit der Macht über die Sünde, das Be 
wusstsein, im Besitze des wahren Lebens in Gott stets fähig zu sein, 
das irdische Leben für den Sieg der Wahrheit einzusetzen, das sind 
die Selbstbetätigungen des Glaubens Christi in uns, der da sagt: 
„Wer sein Leben findet, der wird es verlieren, und wer sein Leben 
verliert um meinetwillen, der wird es finden“ und dann: „Wer sein 
Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben 
verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ So bewährt sich der 
Glaube Christi in dem einzelnen Menschen in der sittlichen Kraft 
gegenüber den Gütern dieser W r elt, die ihn im Genuss derselben frei 
macht von der Herrschaft des Genusses, die ihm in der Fähigkeit der 
Entsagung die Herrschaft Uber die Welt giebt. Das Gebet aus diesem 
Glauben ist seiner Erhörung gewiss, da die Erfüllung desselben von 
demselben Faktor abhängig ist, aus dem der Glaube des Betenden 
hervorgeht, d. h. aus der Selbstoffenbarung des göttlichen Geistes im 
menschlichen und durch den menschlichen. Was der Mensch bittet 
im Glauben, d. h. aus dem in seinem Selbstbewusstsein sich bethäti- 
genden göttlichen Geiste, das muss sich notwendig durch dieselbe 
göttliche ßethätigung in seinem Handeln erfüllen. Wenn sich die 
Gebete des Menschen nicht durch entsprechende Handlungen desselben 
erfüllen, so ist das ein Beweis mangelnden Glaubens, ein Zeichen, 
dass das religiöse Bewusstsein sich seines Zieles nicht klar bewusst
	        
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