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Die wichtigsten Momente des christlichen Glaubens nach den Synoptikern. Von G. Steuer

Full text: Festschrift zu dem funfzigjährigen Jubiläum der Königstädtischen Realschule zu Berlin (Public Domain)

48 OIE WICHTIGSTEN MOMENTE DES CHRISTLICHEN GLAUBENS 
oder weniger bedeutungslos würde. Aus der besonderen Offenbarung 
stammend, ist der Glaube seinem wesentlichen Inhalt nach unfehlbar, 
nicht alternd, und ergreift durch sich selbst auch die allgemeine Offen 
barung mit einer solchen Gewissheit, dass die erhöhte Erkenntnis ein 
Beweis mehr für seine Wahrheit wird. In die allgemeine Offenbarung 
Gottes iSt der Mensch als höheres Naturwesen einbegriffen. Nur 
durch die Fähigkeit zur besonderen Offenbarung wird er ein Wesen 
göttlicher Art. Im Gebiete der allgemeinen Offenbarung unterscheiden 
sich die Menschen nach dem Masse der natürlichen Fähigkeiten des 
Geistes und Körpers; auf Grund der besonderen Offenbarung, nach 
der Kraft und Stärke der religiösen Fähigkeit. Der Glaube entsteht 
nun aus der religiösen Fähigkeit, welche durch die Eindrücke aus der 
Natur und Geschichte angeregt wird, und entwickelt sich inhaltlich 
nach dem Mass der Kraft, diese Eindrücke religiös zu verarbeiten, 
seiner Form nach dem Standpunkte der natürlichen Entwicklung des 
menschlichen Geistes entsprechend. Je mehr sich diese Eindrücke als 
leidende Zustände äusserer und innerer Art fühlbar machen, um 
somehr hat die religiöse Fähigkeit Anlass, sich zu bethätigen und in 
der Ueberwindung des Gefühles der Furcht den Glauben zu pro 
duzieren. 
Es liegt nun in dem Wesen der besonderen Offenbarung, dass 
die religiöse Fähigkeit, wenn auch ein Attribut der Würde des mensch 
lichen Geschlechtes, doch nur in einzelnen Menschen die Kraft besitzt, 
sich produktiv zu entfalten, während sie in der Masse zunächst latent 
bleibt und nur rezeptiv erregt wird. Die Entwickelung des religiösen 
Bewusstseins und damit die Verwirklichung der besonderen Offen 
barung Gottes geht demnach nur durch die göttliche Auswahl ein 
zelner heiliger Männer vor sich, in denen eben deshalb, weil sie er 
wählt sind, die religiöse Fähigkeit die Kraft besitzt, sich produktiv 
für das religiöse Bewusstsein der Menschheit zu bethätigen. Aber 
auch diese Einzelnen bilden eine Mehrheit, die als solche den Stempel 
des Unvollkommenen an sich trägt, daher sich die besondere Offen 
barung Gottes doch vollkommen nur in einem Menschen verwirklichen 
kann, der durch die reinste Aktivität seiner religiösen Fähigkeit die 
leidenden Zustände des menschlichen Geschlechtes an sich überwindet, 
das religiöse Bewusstsein der Menschheit als Bewusstsein der Einheit des 
menschlichen und göttlichen Geistes erfüllt und dadurch der Reprä 
sentant der Menschheit in ihrem Verhältnis zu Gott wird. Die Idee 
der Erwählung kann sich nur in Einem erfüllen, zu dem alle übrigen 
Erwählten in einem Verhältnisse der Unterordnung, der Abhängigkeit 
stehen müssen. „Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn, und 
wem es der Sohn will offenbaren." Wie das Abhängigkeitsverhältnis
	        
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