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Full text: Naturschutz neu denken und gestalten

Naturschutz neu
denken und gestalten
EXPERTENFORUM DER DEUTSC

HEN WILDTIER STIFTUNG 2015

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Michael Miersch

Hilmar Freiherr von Münchhausen

Harry Neumann

Naturschutz
neu denken und
gestalten
Ralf Fücks

Josef H. Reichholf

Impressum:
Deutsche Wildtier Stiftung
Christoph-Probst-Weg 4
20251 Hamburg
Telefon 040 9707869-0
Fax: 040 9707869-99
Info@DeutscheWildtierStiftung.de
www.DeutscheWildtierStiftung.de

Fritz Vahrenholt

Carsten Wilke

Alleinvorstand: Prof. Dr. Fritz Vahrenholt
Vorsitzende des Präsidiums: Alice Rethwisch
Spendenkonto:
Bank für Sozialwirtschaft

Hansjörg Küster

Redaktion: Ivo Bozic, Michael Miersch
Konzept & Gestaltung: 2issue GmbH –
Eric Schütz (Art Direktion), Robert Grill
Illustrationen: Roland Brückner / bitteschön.tv
Tagungsfotos: Ludwig Nikulski

IBAN DE63251205100008464300
BIC BFSWDE33HAN

Alle Rechte vorbehalten, Nachdruck auch auszugsweise nur nach Zustimmung der Deutschen Wildtier Stiftung

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Inhalt
Zielkonflikt
Wald versus Wild

Zielkonflikt:
Energiewende und Naturschutz

4	Naturschutz neu denken und gestalten.
Editorial von Michael Miersch

46	Feinde im Wind. Jan-Philipp Hein berichtet,
wie der Streit um Windkraftanlagen die
Gesellschaft spaltet

6	Artenvielfalt zwischen Wildnis und Kulturlandschaft. Till Meyer wirft einen Blick auf und
hinter die Statistiken zur Lage der Wildtiere
und ihrer Lebensräume in Deutschland
12	Welche Natur wollen wir eigentlich schützen?
Hansjörg Küster über den Naturschutz als
Kulturaufgabe
18	Wald vor Wild. Carsten Wilke plädiert aus
Sicht der Bewirtschafter für mehr Rationalität
im Umgang mit Natur
22	Wildtiere gehören zum Wald.
Hilmar Freiherr von Münchhausen macht
sich für den Rothirsch stark und kritisiert die
„No-go-Areas“in Bayern
28	Ökologie, Ideologie, Naturschutz:
Wissenschaft im Konflikt mit Weltbildern.
Josef H. Reichholf stellt zentrale Grundsätze
des Naturschutzdiskurses in Frage
38	Zwischenrufe zum Zielkonflikt
„Wald versus Wild“: Statements und
Kom­mentare aus der Diskussion von
Teil­nehmern des Expertenforums
42	Der Naturschutz braucht die offene Debatte.
Bilder vom Expertenforum in Berlin

Druck: Umweltdruckerei, Langenhagen
Klimaneutral gedruckt auf zertifiziertem
Recyclingpapier
1. Auflage, 2016

50	Werden Mensch und Natur Opfer einer
falschen Energiepolitik? Harry Neumann
kritisiert die Verfahren zur Bewilligung
von Windkraftanlagen
56	Klimaschutz ist nachhaltiger Naturschutz.
Ralf Fücks hält einen Umstieg auf erneuerbare
Energien im Einklang mit Naturschutzinteressen
für möglich
60	Energiewende nicht auf Kosten der Natur.
Fritz Vahrenholt kritisiert Auswirkungen und
Grundlagen der derzeitigen Klimapolitik
66	Zwischenrufe zum Zielkonflikt
„Energiewende und Naturschutz“: Statements
und Kommentare aus der Diskussion von
Teilnehmern des Expertenforums

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Editorial
NATUR NOCH IM MENSCHENLEBEN,
» NICHTS IST EWIG, WEDER IN DER
VER ÄNDERUNG. «
EWIG IST NUR DER WECHSEL, DIE

D

er Satz stammt von August Bebel, einem Mann, der mithalf, die Welt zum
Besseren zu verändern. Der Bebel-Satz
kann als Motto dieses Magazins verstanden
werden, das zusammenfasst, was 50 engagierte und nachdenkliche Naturschützer am 30.
Oktober 2015 in Berlin diskutiert haben. Der
Titel der Veranstaltung lautete: „Naturschutz
neu denken und gestalten.“
Nicht nur die Natur selbst wandelt sich unentwegt, auch der Naturschutz. Seit es ihn gibt,
hat er sich immer wieder neu erfunden. Wie
andere Schutzbemühungen – zum Beispiel der
Tierschutz oder der Denkmalsschutz – ist auch
der Naturschutz vom Zeitgeist abhängig.
Manchmal sogar von Moden.
Heutiges Naturschutzverständnis hat mit
dem Naturschutz zu Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr viel gemein. Damals sprach
man zumeist von Heimatschutz. Und gemeint
waren besonders schöne Landschaften, die romantische Seelen inspirierten. Bezeichnend ist,
dass die Lüneburger Heide als eine der ersten
und bekanntesten „Naturlandschaften“ unter
Schutz gestellt wurde – ein Gebiet, das durch
und durch von der wirtschaftlichen Tätigkeit
des Menschen geprägt war. Mann könnte es
auch eine übernutzte, ausgebeutete Landschaft
nennen.
Heute hat eine ökologische Sichtweise Vorrang. Es geht um den Erhalt von Biodiversität,
um Prozessschutz und Ökosysteme. Alte Kulturlandschaften sollen ebenso geschützt werden wie neue Wildnisgebiete. Für beides liefert
uns die Wissenschaft gute Gründe. Aber auch
in wissenschaftlichen Abhandlungen klingen
Untertöne durch, denen man anmerkt, dass die
Beschäftigung mit Natur selten rein rational,
sondern immer auch emotional ist. Unter dem
Mantel der ökologischen Vernunft verbergen
sich oftmals Vorlieben und Passionen – und immer wieder die menschliche Sehnsucht nach
Schönheit.

MICHAEL MIERSCH,
Geschäf tsführer Naturbildung der Deutschen
Wildtier Stif tung

Der Naturschutz hat Irrwege genommen,
über die viel zu selten gesprochen wird. Dass
nicht nur während der NS-Zeit, sondern noch
Jahrzehnte danach ranghohe Nazis Naturschutzverbände leiteten, blieb bis heute ein
Nicht-Thema. Einer der wenigen, die die Aufklärung darüber förderten, war der grüne Umweltminister Jürgen Trittin. Es habe, schrieb
er, „erhebliche Schnittmengen“ und „zahlreiche
Berührungspunkte“ zwischen Naturschutzverbänden und Nationalsozialisten“ gegeben. Aber
man muss gar nicht so weit zurückgehen, um
Beispiele für einen auffälligen Mangel an
Selbstreflektion zu finden.
„Das Sterben der Wälder wird unsere Länder
stärker verändern als der Zweite Weltkrieg.“
Dieser Satz von Hubert Weinzierl gibt die Doktrin wieder, die gute zwei Jahrzehnte lang im
gesamten Naturschutz ohne Wenn und Aber
nachgebetet wurde. Ab 1981 war Waldsterben
das große Thema. „Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima“, wusste der Der Spiegel.
„Die Reihen der Bäume lichten sich wie Armeen
unterm Trommelfeuer“, schrieb der Stern. Und
der Naturschutz sonnte sich in der plötzlich
gewonnenen gesellschaftlichen und politischen
Hochachtung.
Die wissenschaftliche Basis war dünn. Zwei
Professoren dienten immer und immer wieder
als Kronzeugen. Forscher, die Zweifel an der
Theorie vom Waldsterben anmeldeten, wurden
ignoriert und ausgegrenzt. 1993 veröffentlichte das Bundesforschungsministerium eine Zwischenbilanz aus zehn Jahren Waldschadensforschung. Das Expertengremium kam zu einem
eindeutigen Ergebnis: „Das großflächige Absterben ganzer Waldregionen, wie es der Begriff
Waldsterben unterstellt, wird heute von der
Wissenschaft auch für die Zukunft nicht befürchtet.“
Ein Jahrzehnt nach dem großen Alarm war
den Fachleuten also klar, dass das Waldsterben
nicht existierte. Und wie wurde diese frohe

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Kunde aufgenommen? Man ignorierte sie. Bis
weit in die 2000er Jahre hinein wurde so getan,
als stünde der mitteleuropäische Wald unmittelbar vor dem Total-Kollaps. Die Forststatistik
dagegen belegt: Als alle den Wald für sterbenskrank hielten, nahm die Waldfläche jährlich um
100 Quadratkilometer zu. Zu Beginn des 21.
Jahrhunderts waren es sogar über 170 Quadratkilometer pro Jahr.
Was taten die Naturschutzverbände? Sie korrigierten ihre Semantik und reden seither nur
noch von „Waldschäden“. Selbstkritik? Fehlanzeige. Niemand hatte den Mut, öffentlich Bilanz
zu ziehen. Das Schweigen im Walde.
Kritische Selbstreflektion ist eine Tugend,
von der manche Naturschutzfunktionäre ein
wenig mehr vertragen könnten. Dabei ist sie
wichtiger denn je. Denn die Fragen „Was wollen
wir schützen?“ und „Wie wollen wir es schützen?“ waren selten so schwer zu beantworten
wie heute. Hier der Naturschutz und dort seine
Gegner – das war einmal. Zu immer mehr Themen gibt es auch Kontroversen innerhalb der
Naturschutz-Gemeinde.
Soll man natürliche Sukzessionen in jedem
Falle zulassen oder landschaftlich besonders
schöne Zustände durch ständiges Eingreifen
bewahren? Soll man – wie es die Anhänger des
Bio-Landbaus vertreten – für mehr biologische
Vielfalt auf den Agrarflächen sorgen? Oder besser eine hoch effiziente Landwirtschaft betreiben, die weniger Fläche benötigt? Um dann
Gebiete ganz aus der landwirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen zu können? Soll man
nichtheimische Tier- und Pflanzenarten tolerieren oder bekämpfen? Und wie radikal soll
man sie bekämpfen? Brauchen Arten wie zum
Beispiel Biber oder Graugänse, die einmal selten waren, auch dann noch Totalschutz, wenn
sich ihre Bestände in den vergangenen Jahrzehnten rasant vermehrt haben? Wie soll man
mit Wölfen umgehen, die in den menschlichen
Siedlungsbereich eindringen?
Und natürlich die beiden Streitfragen, die
wir für unser Expertenforum beispielhaft ausgewählt haben: Wie viel Wild gehört zum Wald?
Ein „klassischer“ Konflikt, um den schon mindestens ein halbes Jahrhundert erbittert gestritten wird. Hinzu kommt das zur Zeit wohl heißeste Streitthema: Ist der Klimaschutz, der
durch die deutsche Energiewende angestrebt
wird, wirklich so vorrangig, dass Natur- und
Artenschutz dafür geopfert werden dürfen?
Problemanalysen und Lösungsansätze klaffen
zu diesen und anderen Themen weit auseinander. Was haben der Windkraftinvestor und der
Vogelschützer noch gemein?
Wer die Energiewende kritisiert oder die absolute Priorität des Klimaschutzes anzweifelt,
kommt schnell unter Generalverdacht. Steht er
im Solde der Öl- und Kohle-Konzerne? Man belegt ihn mit denunziatorischen Etiketten wie

Kann
man ohne
wechselseitige
Unterstellungen und in dem
Bewusstsein
diskutieren,
dass auch die
andere Seite,
die Natur
schützen
möchte?

„Klima-Leugner“. Dabei besteht durchaus die
Gefahr, dass eine Umweltpolitik, die nach dem
Motto „Klima über alles“ agiert, selbst zur Bedrängnis für die Natur wird. Der Schriftsteller,
Ornithologe und engagierte Artenschützer Jonathan Franzen hat in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es eine buchstäblich
erdrückende Dominanz des Klima-Themas gibt.
Die Beschwörung der allumfassenden globalen
Erwärmung diene auch als Ausrede, schreibt er,
den konkreten Naturschutz im Hier und Jetzt zu
vernachlässigen. Mutlos und tatenlos sähen
manche der Klima-Apokalypse entgegen. Wen
juckt das Aussterben seltener Tiere, wenn demnächst die Welt untergeht? Franzen appelliert:
Wir könnten jetzt Arten retten, auch ganz unabhängig von einem internationalen Klimavertrag!
Oder nehmen wir die Wald-Wild-Debatte, ein
schon klassischer Zielkonflikt und Glaubensstreit. Den Jägern geht es nur um ihren Trophäen-Kult, heißt es da. Oder andersrum: Die Förster wollen Holzplantagen ohne Tiere. Aber was
wollen Naturschützer?
Wir in der Deutschen Wildtier Stiftung finden: Die unterschiedlichen Sichtweisen werden
viel zu selten in aller Offenheit diskutiert. Deshalb folgen wir einer Anregung unseres Stifters
Haymo G. Rethwisch (1938–2014), ein Forum
für solche Debatten ins Leben zu rufen. Wir sind
neugierig und wollen wissen: Kann man diese
Fragen überhaupt ohne wechselseitige Unterstellungen und in dem Bewusstsein diskutieren,
dass auch die andere Seite die Natur schützen
möchte – nur vielleicht eine ganz andere Natur?
Was ist das eigentlich, Natur? Es ist eines dieser
übergroßen Worte, bei denen sich jeder etwas
anderes vorstellt – wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ oder auch „Nachhaltigkeit“. Jeder findet
sie gut, aber keiner weiß so recht, was das ist.
Wir möchten herausfinden: Kann man solche
Zielkonflikte im gegenseitigen Respekt austragen, ohne dass man sich die ehrlichen Absichten
abspricht. Gibt es Wege aus dem Dilemma?
Vielleicht sogar Kompromisse? Oder klaffen die
Sichtweisen zu sehr auseinander? Schließlich
sind ja sowohl beim Wild-Wald-Konflikt als
auch beim Streit um die Energiewende erhebliche wirtschaftliche Interessen im Spiel.
Die Deutsche Wildtier Stiftung versucht Naturschutzfragen möglichst sachlich und wissensbasiert abzuwägen. Neues Denken heißt
für uns auch, genau hinzusehen, ob Wege, die
als „öko“ angepriesen werden, wirklich ökologisch sind oder nur grün dekoriert.
Ich wünsche Ihnen eine anregende und nachdenkliche Lektüre.
«

Ihr Michael Miersch

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Artenvielfalt
zwischen Wildnis und
Kulturlandschaft
VON TILL MEYER

Um herauszufinden, wie es in Deutschland um Wildtiere und ihre
Lebensräume steht, muss man hinter die Statistiken blicken.
Der Vernetzung von Lebensräumen kommt dabei im Naturschutz eine
immer größere Bedeutung zu.

Der Raufußkauz

Fotos: Till Meyer, Rainer Simonis © www.nationalpark-bayerischer-wald.de

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Totholz ist ein rares Gut.
Entgegen allen Beteuerungen haben Bäume in Wirtschaftswäldern kaum
Gelegenheit, alt zu werden. Damit sich ein Baum
zum Höhlenbaum für
Eulen eignet, müssen die
großen Schwarzspechte
die Vorarbeit leisten.
Außerdem sollten genug
Freiflächen in der Nähe
sein, um die Jagd auf Kleinsäuger zu ermöglichen.

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

A
Auf vogelkundlicher Exkursion im „Perlacher Forst“ im
Süden Münchens: Ein Tross Vogelfans folgt Manfred Siering durch eine Dickung zu einer kleinen Lichtung. Der
weißbärtige Siering ist Exkursionsleiter bei der Münchner
Volkshochschule und Vorsitzender der Ornithologischen
Gesellschaft in Bayern. An einer alten, abgestorbenen
Fichte hält er inne, greift nach einem Zweig am Boden und
kratzt damit am Stamm, um die Klettergeräusche eines
Baummarders zu simulieren. Nachdem er das ein paar Mal
wiederholt hat, guckt, mit gelben Augen und etwas indigniert dreinblickend, ein Raufußkauz aus einem Astloch.
Die Vogelfreunde sind entzückt. Immerhin steht der
Raufußkauz auf Anhang 1 der europäischen Vogelschutzrichtlinie. Nach Sierings eindringlichem Appell, bitte nie
ohne fachliche Begleitung an Biotopbäumen zu kratzen,
zieht sich die Gruppe rasch zurück.
Darum, dass Biotopbäume wie die alte Fichte im Perlacher Forst stehen bleiben dürfen, kümmert sich Renate
Kreuzer. Als Revierleiterin des 2000 Hektar großen staatlichen Forstrevieres ist sie unter anderem zuständig für
den Umbau von „Fichtenreinbeständen in gemischte und
strukturreiche Wälder“, wie es in einer Broschüre der
Bayerischen Staatsforsten heißt. Auf diese Weise werde
„nachhaltig Lebensraum für Vögel, Insekten und Amphibien geschaffen“. Mindestens zehn Biotopbäume pro
Hektar sieht das Naturschutzkonzept der Bayerischen
Staatsforsten vor, das 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt
wurde. In ganz Deutschland stehen der letzten Bundeswaldinventur (2014) zufolge 93 Millionen Bäume – neun
pro Hektar – mit „ökologisch bedeutsamen Baummerkmalen“, die für die Artenvielfalt wichtig sind und von Motorsäge und Harvester verschont werden sollten.
Solche Zahlen lassen Renate Kreuzer schmunzeln. Sie
hat schon während ihrer Ausbildung vor über 30 Jahren
die Bedeutung von alten und morschen Bäumen für die
Vogelwelt gelernt, lange bevor „Biotopbäume“ überhaupt
in der offiziellen Forstpolitik erwähnt wurden. Zehn Bäume pro Hektar seien da nur ein Richtwert: „Die Revierleiter haben Ermessensspielräume, die sie für den Erhalt der
Artenvielfalt nutzen können, die auch durch die unterschiedlichen Bestandsstrukturen bedingt werden.“
Sie muss ja auch einen Betrieb führen mit einem jährlichen Einschlag von 12 000 Festmetern, mit der Pflanzung
vielfältiger Baumarten und mit der Erschließung und Pflege von Jungbeständen. Im stadtnahen Perlacher Forst, wo

auch unter der Woche oft ein hohes Besucheraufkommen
herrscht, muss sie sich immer wieder Proteste aus der Bevölkerung anhören, die dem Motto „Baum ab, nein danke!“
folgen. „Ich frage solche Leute dann oft, ob der Dachstuhl
daheim aus Tropenholz ist.“
Auf der Website der Bayerischen Staatsforstverwaltung
heißt es vollmundig: „In den gemischten Wäldern, die wir
im Rahmen des Waldumbaus schaffen, finden seltene Arten einen wertvollen Lebensraum, den wir sichern und
vergrößern. Auf diese Weise erreichen wir eine viel größere Breitenwirkung beim Naturschutz, als dies durch
einzelne Großschutzgebiete wie zum Beispiel Nationalparks möglich wäre.“
Wird der Stellenwert der Wildnis für den Erhalt der
Artenvielfalt also überschätzt? Eine Hochrechnung der
Flächennutzung in Deutschland legt dies nahe: Gerade
0,6 Prozent der Fläche der Bundesrepublik entfallen auf
Wildnis, und die befindet sich meistens in den Kernzonen
der 16 Nationalparks in Deutschland. Der Rest teilt sich in
landwirtschaftlich genutzte Flächen (52,3 Prozent), Wald
beziehungsweise forstwirtschaftlich genutzte Flächen
(30,2 Prozent), Siedlungs- und Verkehrsflächen (13,4 Prozent), Wasserflächen (2,4 Prozent) und sonstige Abbauflächen wie Steinbrüche und Braunkohletagebau (1,7 Prozent). In den meisten Naturschutzgebieten Deutschlands
– 8 552 an der Zahl – ist „ordnungsgemäße Land- und
Forstwirtschaft“ erlaubt.
Hineingesprenkelt in diese Hauptlebensräume und
Schutzgebiete sind 5 346 Natura-2000-Gebiete, deren Erhaltungszustand regelmäßig zur EU nach Brüssel gemeldet werden muss. Von den in der Bundesrepublik etwa
72 000 heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten wurden
396 als EU-weit bedeutsam bewertet. Die Trends aus dem
letzten Bericht nach Brüssel sind nicht ermutigend: Nur
bei 25 Prozent dieser Arten kann der Erhaltungszustand
als „günstig“ eingeschätzt werden. Bei 59 Prozent gilt er
als „ungünstig“ bis „schlecht“ und bei 16 Prozent als „unbekannt“.
Doch das Glas ist immer halb voll oder halb leer. Bricht
man den Zustand der Artenvielfalt herunter auf die Hauptlebensräume, dann ergibt sich ein etwas anderes Bild. Im
„Indikatorenbericht 2014“ des Bundesumweltministeriums schneidet der Wald in Deutschland für den Indikator
„Artenvielfalt und Landschaftsqualität“ mit einem „Ziel­
erreichungsgrad“ von 78 Prozent halbwegs passabel ab.

Foto: Rainer Simonis © www.nationalpark-bayerischer-wald.de

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Um sich fortzupflanzen brauchen Raufußkäuze
ausreichend hohle Bäume mit einem Mindestdurchmesser
von 52 Zentimetern. Ausreichend heißt: Es sollten in der
Umgebung genug geeignete Bäume wachsen, damit der Nachwuchs Chancen bei der Wohnungssuche hat. Im Gegensatz zu
Waldkäuzen nimmt diese Art künstliche Nisthöhlen kaum an.

min.
52cm

Ø

» Wird Wildnis für den Erhalt
der Artenvielfalt überschätzt?
Eine Hochrechnung der Flächennutzung in Deutschland legt
dies nahe. «

Er liegt damit deutlich vor Siedlungen und Binnengewässern (jeweils 68 Prozent), Küsten und Meeren (61 Prozent)
und Agrarland (56 Prozent).
Der technokratische Begriff „Zielerreichungsgrad“ bezieht sich auf die „Nationale Strategie zur biologischen
Vielfalt“, die 2007 vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Darin heißt es optimistisch: „Bis 2010 ist der Rückgang
der heute vorhandenen Vielfalt wildlebender Arten aufgehalten. Danach setzt eine Trendwende hin zu einer höheren Vielfalt heimischer Arten in der Fläche ein.“
Mit dieser ambitionierten Festlegung hat die Bundesregierung der 1992 in Rio de Janeiro unterzeichneten „UNKonvention zur Biologischen Vielfalt“ entsprochen. Auch
wenn viele der 193 Unterzeichnerstaaten keine eigene
Biodiversitätsstrategie haben, ist die gerissene Ziellatte in
Sachen Artenvielfalt peinlich für Deutschland. Denn seit
2012 ist die Bundesrepublik Sitz des Sekretariats des Weltbiodiversitätsrats (IPBES). Das in Bonn eingerichtete Büro
soll „helfen, den Wert der Vielfalt von Arten und Lebensräumen dauerhaft in den Mittelpunkt der Politik und in
das öffentliche Bewusstsein zu rücken, um den fortschreitenden Verlust endlich zu stoppen“, so die Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Um mit Zwischenergebnissen aufwarten zu können, die
erreichbare Ziele suggerieren, musste auf Basis von Stichproben eine geeignete Statistik erstellt werden. Unterstützt vom Statistischen Bundesamt und den staatlichen
Vogelwarten hat das Bundesumweltministerium hierzu
Listen von repräsentativen Vogelarten zusammengestellt.
Als typische Vogelarten des Waldes wurden Grauspecht,
Kleiber, Kleinspecht, Mittelspecht, Schreiadler, Schwarzspecht, Schwarzstorch, Sumpfmeise, Tannenmeise, Weidenmeise und Waldlaubsänger auserkoren, für die Agrarlandschaft Braunkehlchen, Feldlerche, Goldammer,
Grauammer, Heidelerche, Kiebitz, Neuntöter, Rotmilan,
Steinkauz und Uferschnepfe.
Selbst ornithologischen Laien fällt auf, dass etliche für
die jeweiligen Lebensräume charakteristische Vögel fehlen. So fallen beim Wald alle Eulenarten durchs Raster
und auch Wildhühner wie Haselhuhn und Auerhuhn. Freilich muss man die Vernetzung unter den Arten berücksichtigen. Die meisten Käuze können nur brüten, wenn die
großen Schwarzspechte die Vorarbeit geleistet haben. In
der Agrarlandschaft fehlen die typischen Kulturfolger wie
Rebhuhn oder Wachtel. Dabei stehen Rebhuhn, Auer- »

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»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

huhn und Haselhuhn sogar auf der aktuellen Roten Liste
der bedrohten Brutvögel Deutschlands.
Seit ein paar Jahren wird über wirksamere Rezepte
zum Erhalt der Artenvielfalt in der Landschaft unter neuen Vorzeichen nachgedacht und auch gestritten. Beim
Deutschen Naturschutztag in Erfurt 2012 brachte Beate
Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, die
Diskussion auf einen Nenner: „Naturschutz zwischen Integration und Segregation – wohin führt der Weg?“ Segregation bezeichnet dabei den herkömmlichen Naturschutz
mittels kleiner und kleinster Schutzgebietsinseln, die über
die ganze Republik verteilt sind. Beim integrativen Naturschutz dagegen sollen die sogenannte Normallandschaft
und deren Nutzer in den Natur- und Artenschutz eingebunden werden.
Die Frage, wie sich Naturschutz und Naturnutzung vereinbaren lassen, stellt sich ganz besonders in der Agrarlandschaft. Hier scheint jedoch Besserung in Form der
runderneuerten „Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik“ (GAP) in Sicht. Angelegt für die Periode zwischen 2014
und 2020, sollen jährlich rund sechs Milliarden Euro von
der EU an deutsche Landwirte ausgezahlt werden. Mehr
als bisher sind die Leistungen an naturschützerisch sinnvolle Maßnahmen gebunden, etwa die Unterhaltung und
Verbesserung von Hecken, Feldrainen und Pufferstreifen
oder die Umwandlung von Äckern in Dauergrünland. Auch
Maßnahmen, die zur Vernetzung von Natura-2000-Gebieten führen, werden unterstützt. Allerdings fehlt es an
Möglichkeiten, die Ausgleichsmaßnahmen auf den Betrieben regelmäßig zu kontrollieren. Das wiederum führt
dazu, dass viele Landwirte nach einiger Zeit ihre ökologischen Vorrangflächen umwidmen, um darauf etwa Mais
für Biogasanlagen anzubauen, der finanziell attraktiver
und oft auch weniger arbeitsintensiv ist als die Maßnamen,
die mit EU Prämien belohnt werden.
Trotz solcher Systemfehler – es tut sich etwas. Wer die
Entwicklung im Naturschutz der vergangenen Jahre mitverfolgte, konnte bemerken, dass sich ein Perspektivwechsel anbahnte. An etlichen Universitäten wurde Land­
schafts­ökologie neues Studienfach, etwa in Münster,
Freiburg und Greifswald. Auch bei der EU wird landschaftsweiter Naturschutz großgeschrieben. Neue Worte
haben sich im Fachvokabular eingeschlichen, die zunächst
in Englisch Phänomene wie „Connectivity“ und „Permeability“ beschrieben, also etwa „Vernetzungsgrad“ und
„Durchlässigkeit“. Worum geht es da genau?
Ein Blick in die USA: Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als Naturschützer
bei uns erstmals darüber nachdachten, Nationalparks nach
dem Vorbild des Yellowstone Nationalparks zu schaffen,
hatte sich in den USA ein Kritiker der Nationalparkidee zu
Wort gemeldet. Aldo Leopold, Forstwissenschaftler, Wildbiologe und Wegbereiter des modernen Wildtiermanagements, schrieb: „Die Nationalparks reichen für den Fortbestand der großen Fleischfresser nicht aus; das zeigt sich
am bedenklichen Status des Grizzlybären sowie an der
Tatsache, dass es im Parksystem keine Wölfe mehr gibt.“
Richard Knight, Professor für Wildtierschutz an der
Universität Colorado, brachte dieses Problem zur Jahrtausendwende auf den Punkt: „Ökologisch gesehen sind Nationalparkgrenzen Unsinn, ein Nationalpark leckt nach

» National und international
herrscht eine große Begeisterung bei
Naturschützern für Vernetzung
auf überregionaler Ebene ›zum
großen Ganzen‹. «

außen und innen. Wandernde Tierarten drängen nach
außen, exotische Pflanzen nach innen.“
Der Umstand, dass selbst der riesige Yellowstone Park
für Arten wie Bisons, Wapitis (die amerikanischen Rothirsche) und auch die später dort ausgesetzten Wölfe zu klein
war, führte 1972 zur Gründung des Greater Yellowstone
Ecosystem, bei dem staatliche und private Landnutzer per
Gesetz zur Kooperation verpflichtet wurden. Obwohl das
Greater Yellowstone Ecosystem mit 76 890 Quadratkilometern fast neunmal so groß ist wie der ohnehin schon
riesige Yellowstone Nationalpark (8 987 Quadratkilometer), war das vielen Wissenschaftlern der Forschungszweige Naturschutzbiologie und Populationsgenetik noch immer viel zu klein. Denn auch die Weiten des vermeintlich
wilden Westens werden in großem Maßstab zersiedelt
und zerschnitten, und dabei werden die Wanderungen
vieler Tierarten unterbrochen; nicht nur Bären und große Huftiere, sondern auch Vögel und kleine Säugetiere,
selbst Insekten können durch genetische Isolation bedroht werden.
Auf maßgebliche Initiative des kanadischen Juristen
und Naturschützers Harvey Locke wurde 1993 die Initiative „Yukon to Yellowstone“ (Y2Y) ins Leben gerufen, die
zunächst für einen besseren genetischen Austausch wandernder Tierarten zwischen den USA und Kanada sorgen
sollte. Dazu gehörte ein grenzübergreifender Datenaustausch sowie die Koordinierung der Schutz-Anstrengung,
inklusive den strategischen Planungen von Querungshilfen wie Highway-Unterführungen und Grünbrücken.
Das Resultat kann sich sehen lassen: Im Gebiet des Y2Y
hat sich der Bestand der Grizzlybären versechsfacht,
gleichzeitig ist die Zahl der Wildunfälle um 80 Prozent
zurück gegangen. Angespornt von solchen Erfolgen wurde im Jahr 2000 vom US-Innenministerium das National

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Landscape Conservation System gegründet, in dem bis
dato 886 Schutzgebiete miteinander vernetzt sind. Ein
Argument für die Vernetzung der Lebensräume ist auch
die Klimaerwärmung. Bei den Grizzlies etwa konnten Wissenschaftler zeigen, dass deutliche Arealverschiebungen
dieser Tierarten von Süden nach Norden und von niederen
in die höheren Bergregionen stattfanden, die Art also deutlich mobiler wurde.
Großlandschaftliche Vernetzungen gibt es inzwischen
immer häufiger auch in Deutschland. Ein Beispiel hierfür
ist das Große Böhmische Waldökosystem, eine Konstruktion, die von bayerischen und tschechischen Wildbiologen
in den benachbarten Nationalparks Bayerischer Wald und
Šumava erdacht wurde, um bei Erforschung und Management von Rothirsch, Luchs und Elch grenzübergreifend
zusammenzuarbeiten. Auch die Jagdreviere der Peripherie sind in dem Waldökosystem berücksichtigt, ein Umstand, der eine Zeitlang dazu führte, das die Geweihe der
im Nationalpark geschossenen Hirsche bei den Hegeschauen der Umgebung präsentiert wurden. Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Vernetzung ist der Ökologische
Korridor Südbrandenburg im Süden Berlins, dem wir es
unter anderem zu verdanken haben, dass Wölfe aus Polen
leichter nach Brandenburg gelangen, ohne von einem
Auto überfahren zu werden. Derzeit leben 14 Rudel und
fünf territoriale Einzelwölfe in Brandenburg (Stand August 2015).
Durchaus ambitioniert ist auch der Bundeswildwegeplan, der 2010 vom Bundeskabinett verabschiedet wurde.
Das Vorhaben ermöglicht es, wertvolle Lebensräume zu
erfassen, die durch Zerschneiden besonders gefährdet sind
beziehungsweise die wieder miteinander vernetzt werden
sollten. Beim Neubau von Autobahnen und Bundesstraßen
werden Querungshilfen quasi automatisch mit eingeplant
und finanziert. Derzeit gibt es über 70 Grünbrücken in
Deutschland. Bis zum Jahr 2020 sollen weitere 20 dazukommen. Das Bundesnaturschutzgesetz (2002) fordert
sogar eine Vernetzung von zehn Prozent der Landesfläche.
Nach einer Schätzung der Grünen (Stand 2014) sind aktuell allerdings nur 3,5 Prozent der Biotopflächen in der
Bundesrepublik überregional vernetzt.
Immerhin: Finanziell erleichtert wird die Vernetzung
schon jetzt durch die EU, die seit einigen Jahren viele der
entsprechenden Maßnahmen als förderungswürdig anerkennt. Eines der Ziele der im Mai 2011 vorgelegten Biodiversitätsstrategie der EU ist „darauf ausgerichtet, bis 2020
Ökosysteme und ihre Dienstleistungen durch Grüne Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern und mindestens
15 Prozent der bereits geschädigten Ökosysteme wiederherzustellen”. Im Gegensatz zur „grauen“ Infrastruktur
– also beispielsweise Straßen, Wohnungsbau und Industrieanlagen – soll die Grüne Infrastruktur ausdrücklich
dazu beitragen, die „Zersplitterung von Ökosystemen
aufzuhalten, die Konnektivität von Schutzgebieten innerhalb des Natura-2000-Netzes zu verbessern“. Praktisch
bedeutet dies, dass Biobrücken von der EU ebenso gefördert werden wie Landwirte, die Trittsteinbiotope anlegen.
National und international herrscht also eine große
Begeisterung bei Naturschützern für Vernetzung auf
überregionaler Ebene „zum großen Ganzen“. Werden
jetzt die genau abgezirkelten Großschutzgebiete tatsäch-

lich überflüssig? Sind die völlig naturbelassenen Wildnisgebiete und Nationalparks weniger wichtig für die
Erhaltung der Arten?
Ganz im Gegenteil. Noch einmal der Blick in die USA.
Gary Oye, zuständig für Wildnisgebiete in der Nationalparkbehörde, bezeichnet Nationalparks und Wildnisgebiete als „Goldstandard“ innerhalb des National Landscape Conservation System. Der Begriff „Goldstandard“
stammt aus der Geldwirtschaft und bedeutet auf den Naturschutz übertragen, dass die ökologischen Verhältnisse
in Wildnisgebieten Richtwerte für Verhältnisse widerspiegeln, wie sie in vergleichbaren Kulturlandschaften herrschen könnten, wenn menschliche Einflüsse eingeschränkt
würden. Aldo Leopold schrieb dazu: „Man kann die Physiologie von Montana nicht am Amazonas untersuchen;
jedes Biotop braucht eine eigene Wildnis für vergleichende Studien an genutztem und ungenutztem Land.“
Was so ein Natur-Labor (Experten sprechen von „Referenzgebieten“) leisten kann, lässt sich besonders gut am
Nationalpark Bayerischer Wald demonstrieren, in dessen
Kernzone sich die Natur seit seiner Gründung im Jahr 1970
ganz ohne menschliche Einwirkung entwickeln kann.
Konkret heißt dies: Beschleunigt vom Borkenkäfer, der
nicht bekämpft wird, sterben viele Bäume ab, die dann im
Wald liegen oder stehen bleiben dürfen. In entstanden
Lichtungen wächst eine Kraut- und Strauchschicht heran
mit Pioniergehölzen wie Heidelbeere, Vogelbeere oder
Birke, deren Früchte und Samen für viele Vögel und Kleinsäuger die Nahrungsgrundlage bilden. Das Totholz wiederum bietet Besiedlungsflächen für Pilze und zahlreiche
Insekten. Diese – oder ihre Maden – dienen vielen Vögeln
als Nahrung, und etliche von ihnen legen im morschen
Holz auch ihre Bruthöhlen an. Auf einem Flyer der Bayerischen Staatsforsten zum Thema Totholz (2014) heißt es
enthusiastisch: „Damit Insekten, Vögel, Wirbeltiere, Pilze
ihre angestammten Lebensgrundlagen finden, brauchen
wir in unseren Wäldern mehr Totholz. Vor allem stärkeres
Totholz, also faulende Baumstümpfe und abgestorbene
Baumstämme. Mehr als ein Drittel der im Wald lebenden
13 000 Arten sind darauf angewiesen. Darunter vor allem
die bedrohten und seltenen Arten.“
Jörg Müller, stellvertretender Leiter und Sachgebietsleiter für Naturschutz und Forschung des Nationalparks
Bayerischer Wald sowie Dozent am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der Technischen Universität München, wurde im Jahr 2010 mit einem hoch dotierten Wissenschafts­
preis für seine Erkenntnisse zu den „Schlüsselstrukturen
und deren kritische Mengen in temperaten Wäldern Mitteleuropas“ ausgezeichnet. Müller konnte nachweisen,
dass zur Erhaltung der Artenvielfalt in naturnahen
Mischwäldern mindestens ein Vorrat von 40 Festmetern
Totholz pro Hektar benötigt wird. Das entspricht 20 Bäumen mit einer Stammhöhe von 20 Metern und einem
Durchmesser von 36 Zentimetern auf einem Hektar – also
mindestens die doppelte Menge an Totholz, wie die Bundeswaldinventur für den deutschen Wald ermittelt hatte.
Für Jörg Müller hat daher die naturnahe Waldwirtschaft
in den meisten Gebieten Deutschlands „im Naturschutz
versagt“. Übrigens auch für den Raufußkauz im Perlacher
Forst, wo der Ornithologe Manfred Siering diese Art jetzt
schon seit einiger Zeit nicht mehr feststellen konnte. «

14

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Welche Natur wollen
wir eigentlich schützen?
VO N PRO F. D R . H A N SJ Ö RG K Ü S T ER

Die Natur ist immer im Wandel, der Naturschutz muss es
also auch sein. Er sollte als Kulturaufgabe verstanden werden.
Es geht um den Schutz von Landschaft auf Grundlage eines
Kompromisses zwischen verschiedenen Interessenten.

15

Ein Widerspruch im
Bundesnaturschutzgesetz
Im §1, Absatz 1 des Bundesnaturschutzgesetzes
heißt es: „Natur und Landschaft sind auf Grund
ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben
und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten
und unbesiedelten Bereich nach Maßgabe der
nachfolgenden Absätze so zu schützen, dass
1. die biologische Vielfalt,
2. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts einschließlich der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit
der Naturgüter sowie
3. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der
Erholungswert von Natur und Landschaft auf
Dauer gesichert sind; der Schutz umfasst auch
die Pflege, die Entwicklung und, soweit erforderlich, die Wiederherstellung von Natur und
Landschaft.“
Aus naturwissenschaftlicher Sicht widersprechen
sich diese Ansichten. Denn man kann entweder die
Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts schützen oder die biologische Vielfalt sowie
Eigenart und Schönheit, aber nicht alles auf der
gleichen Fläche.

Der Naturhaushalt
Ökosysteme verändern sich ständig, und das gilt
auch für den Naturhaushalt. Das hat zwei Gründe.
Erstens wird in der Aufeinanderfolge der beiden
grundlegenden Stoffwechselprozesse Fotosynthese und Atmung Energie umgewandelt, und zwar
irreversibel. Licht- oder Sonnenenergie trifft auf
die Chloroplasten als Orte der Fotosynthese. Bei
der Atmung aber wird letztlich Wärmeenergie frei.
Diese Wärmeenergie lässt sich nicht wieder in Sonnenenergie zurückverwandeln. Zweitens werden
nicht alle Substanzen, die im Zuge der Fotosynthese aufgebaut werden, bei der anschließenden Atmung wieder abgebaut. Ein Teil von ihnen gelangt
in die Körper von Lebewesen und wird dort für eine
kürzere oder längere Zeit gespeichert, auch über
den Tod des Lebewesens hinaus, beispielsweise als
Humus, Torf oder Kohle.

Alle in den Lebewesen und im Boden gespeicherten
Stoffe werden dem Ökosystem beziehungsweise
dem Naturhaushalt für kürzere oder längere Zeit
entzogen, und der bei der Fotosynthese freigesetzte Sauerstoff reichert sich in der Atmosphäre an.
Durch alle diese Vorgänge verändern sich die
Ökosysteme. Vor allem wandeln sich die Eigenschaften des Bodens. In ihm wird organische Substanz abgelagert. Außerdem wird er saurer: An den
Wurzeln werden im Austausch gegen Mineralstoffe Protonen abgegeben und im Humus entstehen
Säuren, unter anderem Huminsäuren. Die Säuren
lassen das unter dem Boden liegende Gestein chemisch verwittern und Mineralstoffe werden freigesetzt, die anschließend den Pflanzen zur Verfügung stehen.

Tier- und Pflanzenarten treten
auf und verschwinden wieder.
Dabei wird deutlich, dass die
Natur nicht nachhaltig ist.«
Besonders augenfällig sind Veränderungen an
Seen. Dort entwickelt sich die Ufervegetation in
jedem Jahr von Neuem. Die abgestorbene Biomasse sammelt sich am Grund des Gewässers, so dass
es flacher wird, und auch an den Rändern des Sees
wird organische Masse abgelagert. Auf diese Weise verlandet jeder See früher oder später. Dabei
verlieren Pflanzenarten ihren Wuchsort, Tierarten
ihr Habitat. Andere Arten von Lebewesen breiten
sich aus, die an die neu entstehenden Standortbedingungen angepasst sind. Diese natürliche Dynamik ist intrinsisch für den Leistungs- und Funktionshaushalt der Natur. Schützt man also den
Leistungs- und Funktionshaushalt der Natur, muss
man Dynamik zulassen, auch wenn dabei bestimmte Pflanzen- und Tierarten Standorte oder Habitate verlieren.
»

16

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Zwei Formen von Natur
Zugleich mit den Böden unter ihnen verändern
sich die Wälder. Unter adäquaten Klimabedingungen entwickelt sich Offenland zu Wald, wenn der
menschliche Einfluss aufhört, der zur Ausbildung
des Offenlandes geführt hatte. Auch bei diesen natürlicherweise ablaufenden Prozessen im Leistungsund Funktionshaushalt von Ökosystemen ist es
möglich, dass Pflanzen- und Tierarten verschwinden, mithin also weder die Biodiversität noch die
Eigenart und Schönheit einer Landschaft so geschützt sind, dass ein Status quo erhalten bleibt.
Wer den Leistungs- und Funktionshaushalt von
Ökosystemen schützen will, muss Wildnis zulassen. In jeder Wildnis kommt es zu unvorhergesehenen Entwicklungen, auf jeden Fall zu einer Dynamik. Dabei können sehr faszinierende Bilder von
Natur entstehen und sehr interessante Tier- und
Pflanzenarten auftreten. Sie sind aber nicht auf
Dauer zu finden, sondern verschwinden nach kürzerer oder längerer Zeit wieder. Dabei wird deutlich, dass Natur allein nicht nachhaltig ist.
Wenn dagegen die biologische Vielfalt sowie die
Eigenart und Schönheit oder ein Bild von Natur
oder einer Landschaft geschützt werden soll, muss
immer wieder in den Leistungs- und Funktionshaushalt der Natur eingegriffen werden. Die Dynamik der Ökosysteme muss dann nämlich unterdrückt und Wildnis verhindert werden, um die
Existenz einzelner Tier- und Pflanzenarten oder
ein besonders schönes Bild von Natur zu bewahren.
Dynamik und Wildniskonzepte in einer Landschaft
sind dann nicht das Schutzziel. Es geht dann vielmehr um Bewahrung, Konservierung.

Zu jeder Landschaft lässt sich
ein Konsens festlegen, wie man
mit ihr verfahren möchte.«

Es gibt also zwei sehr verschiedene Formen von Natur,
deren Schutz in den Fokus genommen werden kann.
Einerseits kann man die dynamische, sich entwickelnde und sich verändernde Natur, die Wildnis
schützen. Sie ist die Natur der Naturwissenschaftler, und ihr Schutz kann naturwissenschaftlich
begründet werden. Dynamik ist kennzeichnend für
diese Natur. Ein Wildniskonzept, das die Dynamik
von Natur zulässt, ist preiswert, denn es erfordert
kaum Management. Die Dynamik entwickelt sich
schließlich auch ohne den menschlichen Einfluss.
Große Teile der Bevölkerung akzeptieren aber die
Dynamik von Natur nicht, weil durch sie vertraute
Strukturen (Biodiversität, Landschaftsbild) zerstört werden.
Andererseits kann man die schöne Natur schützen. Man kann Strukturen darin bewahren, vor
allem eine bestimmte, definierte Biodiversität.
Dieses Konzept schützt die Leistungsfähigkeit des
Naturhaushaltes und seine ihm eigene Dynamik
nicht, sondern geht gegen sie vor. Man braucht sehr
viel Expertenwissen, um natürliche Dynamik so zu
bekämpfen, dass bestimmte Pflanzen- und Tierarten, für deren Schutz man sich einsetzen will, dauerhaft an einem Standort bleiben. Die praktische
Umsetzung dieses Ziels ist sehr aufwändig, denn
man muss sich dabei gegen natürliche Entwicklungen stellen. Diese Form von Naturschutz genießt
zwar hohe Sympathie in der Bevölkerung; es ist
aber oft nicht klar, dass die Pflege von Schutzgebieten wegen des Aufwands bei der Entwicklung
und Umsetzung des Expertenwissens sehr teuer
ist. Diese Tatsache wird dadurch verschleiert, dass
man sie als Naturschutz bezeichnet und viele Menschen die Eingriffe für unnötig halten, weil die
Natur sich von selbst entwickelt. Daher wäre es
günstig, diese Form des Schutzes nicht Naturschutz
zu nennen, sondern Landschaftsschutz, der die
Bewahrung einer bestimmten Biodiversität und
ästhetischer Werte mit einschließt.
Beide Formen eines Schutzes sind möglich und
gut zu begründen. Es ist zu begrüßen, dass das
Naturschutzgesetz beide Möglichkeiten offenlässt.
Von naturwissenschaftlicher Seite ist es aber gerade die entscheidende Frage, ob man ein Stück Land
sich selbst überlässt oder ob man eingreift, um bestimmte Strukturen zu schützen. Die Ergebnisse

17

sind sehr verschieden; dies müsste durch das Naturschutzgesetz ebenfalls zum Ausdruck gebracht
werden. Man könnte sogar darauf hinweisen, dass
es unbedingt notwendig ist, zu entscheiden, ob
man in einem Gebiet ein Wildniskonzept oder ein
Schutzkonzept für ästhetische Werte und die Biodiversität verwirklichen will. Diese Entscheidung
kann nur auf der Grundlage eines wissenschaftlich
gestützten gesellschaftlichen Dialogs erfolgen.

Das Europäische Landschaftsübereinkommen
Diesen Weg bietet das Europäische Landschaftsübereinkommen an, das auch als Europäische
Landschaftskonvention bezeichnet wird. Die Konvention wurde vom Europarat entwickelt, trat 2004
in Kraft und wurde von den meisten europäischen
Ländern unterzeichnet. Nur wenige Länder lehnten
dies bisher ab, darunter Deutschland und Österreich. In § 5 dieser Konvention (Allgemeine Maßnahmen) heißt es: „Jede Vertragspartei verpflichtet
sich, Landschaften als wesentlichen Bestandteil
des Lebensraums der Menschen, als Ausdruck der
Vielfalt ihres gemeinsamen Kultur- und Naturerbes
und als Grundlage ihrer Identität rechtlich anzuerkennen.“ Zu den in § 6 genannten spezifischen
Maßnahmen gehört eine „Bewusstseinsbildung.
Jede Vertragspartei verpflichtet sich, das Bewusstsein für den Wert von Landschaften, für ihre Rolle
und für die Veränderungen, denen sie unterworfen
sind, in der Gesellschaft, bei privaten Organisationen und bei Behörden zu schärfen.“
Gemeint sind dabei nicht die Landschaft und der
Landschaftsschutz im Sinne des Naturschutzgesetzes. Es geht vielmehr um alle Gebiete, die sowohl
durch natürliche als auch menschliche Einflüsse
bestimmte Eigenschaften angenommen haben und
zu denen Menschen in Beziehung getreten sind. Zu
jeder Landschaft lässt sich als Konsens festlegen,
wie man mit ihr verfahren möchte. Will man in ihr
der Natur mehr Raum geben oder dem Einfluss des
Menschen? Was soll, was darf, was kann in jeder
Landschaft geschehen? Dies bringt gegenüber dem
konventionellen Naturschutz große Vorteile mit
sich. Denn viele Naturschutzgebiete haben ihren
schutzwürdigen Status nur unter dem Einfluss des

Menschen angenommen und können nicht bewahrt
werden, wenn man sie nun der Natur allein überlässt. Und wenn man im Naturschutzgebiet pflegend eingreift, handelt man gegen die Natur. Man
handelt dann nicht konsequent und fordert den
Einwand heraus, man müsse die Natur vor den Naturschützern bewahren.
Wenn man jedoch die Landschaft auf der
Grundlage eines allgemeinen Kompromisses
pflegt, hat man sich für ein kulturelles Konzept
entschieden, das auf viel mehr Akzeptanz stoßen
kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die Lüneburger
Heide. Die dortigen Zwergstrauchheiden entstanden unter dem Einfluss des Menschen und seiner
Weidetiere. Bauern trugen den Oberboden ab und
verwendeten ihn als Einstreu in den Ställen. Dabei entstand im Lauf eines Winters ein Gemisch
aus Oberboden und Fäkalien, mit dem man anschließend die Felder düngen konnte. Durch die
Abtragung des Oberbodens blieben die Heideflächen aber arm an Mineralstoffen, und deshalb
konnten immer nur die typischen Heidepflanzen
auf ihnen gedeihen.
Diese Eingriffe entfielen, nachdem man die Heideflächen unter Naturschutz gestellt hatte. Denn
die Abtragung des Oberbodens ist ein schwerwiegender Eingriff in den Naturhaushalt der Heidegebiete, der in einem Naturschutzgebiet keineswegs
erlaubt werden konnte. Nun aber sammelten sich
die Mineralstoffe im Oberboden an, so dass auch
andere, anspruchsvollere Gewächse auf den Heideflächen gedeihen konnten, unter anderem verschiedene Gräser und Baumarten. Hier kann man
keinen Naturschutz im herkömmlichen Sinn betreiben (und das geschieht auch nicht mehr), sondern man braucht einen Plan zur Landschaftspflege: Welche Eigenschaften soll die Landschaft auch
künftig aufweisen, welche Maßnahmen sind erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen?

Verschiedene Interessen
Im Landschaftsübereinkommen soll aber nicht nur
der Schutz von spektakulären Gebieten wie der
Lüneburger Heide geregelt werden, sondern es soll
auch das Interesse auf eher unauffällige Landschaften gelenkt werden. Zu jeder Landschaft kann »

18

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Fazit
man einen Kompromiss herbeiführen. Dazu
braucht man zunächst einmal die Landnutzer, vor
allem also Land- und Forstwirte. Ihre Handlungsweise ist es, die den Zustand einer Landschaft herbeiführte und herbeiführt. Dabei geht es – im Unterschied zu einem allein unter natürlichem
Einfluss stehenden Gebiet – tatsächlich um einen
Zustand, der sich im Sinne von Nachhaltigkeit bewahren lässt. Es muss aber berücksichtigt werden,
dass viele weitere Menschen, die Landschaft ebenfalls nutzen, etwa zu Erholung oder zur Naturbeobachtung, ebenfalls bestimmte Interessen an der
Zukunft der Landschaft haben. In der Forstwirtschaft wird dies schon lange berücksichtigt, indem
dort bei der Umsetzung nachhaltiger Konzepte auf
ökologische (natürliche), ökonomische und soziokulturelle Aspekte eingegangen wird. Unter dem
zuletzt genannten Punkt wird dabei vor allem an
die Erholungsfunktion des Waldes gedacht.
Ein entsprechendes Konzept brauchen wir für
jede Landschaft, ob sie nun spektakuläre Naturschönheiten besitzt oder nicht. Denn sie ist das, was
viele Menschen als Heimat empfinden. Über Landschaft und Heimat sollten mehr Dialoge geführt
werden, an denen Landnutzer, Wissenschaftler und
Liebhaber teilnehmen. In diesen Dialogen sollte
jede Seite ihre Ziele und Wünsche vortragen. Landnutzer sollten erklären, wie sie mit ihrer Landschaft
umgehen, um damit mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu erlangen. Und alle anderen, die auf die
Landschaft blicken und sich für sie interessieren,
können ihre Wünsche vorbringen, die das Handeln
der Landnutzer beeinflussen könnten. Notwendig
ist dieser Dialog unter anderem auch deshalb, weil
sonst in den ländlichen Räumen eine Entfremdung
zwischen Landnutzern und der übrigen Bevölkerung droht.

Die Natur, die viele Menschen schützen wollen, ist
nicht die sich selbst überlassene Wildnis, sondern
eine Landschaft in einem schützenswerten Zustand, die man in diesem Status erhalten möchte,
und zwar durch eine geeignete Pflege. Die Berechtigung, dies zu tun, gibt nicht der Naturschutz,
denn man muss beim Schutz auch gegen natürliche Prozesse vorgehen. Vielmehr geht es hier um
einen Schutz von Landschaften auf Grundlage
eines Kompromisses zwischen verschiedenen Interessenten oder „Stakeholdern“, wie dies heute
genannt wird.
Es kommt darauf an, in so vielen Gebieten wie
möglich den Dialog zwischen Landnutzern und
anderen Interessenten an der Landschaft zu initiieren. Man muss Landwirte, Förster, Jäger, Tourismusexperten, Wissenschaftler und an Natur Begeisterte an einen Tisch bringen. Sie müssen sich
selbst und ihre Argumente gegenseitig besser kennenlernen und auf dieser Grundlage gemeinsam
einen Plan für den Umgang mit einer Landschaft
und ihrer Lebenswelt entwerfen. Dieser Plan kann
so lange bestehen, wie er vernünftig ist. Anschließend kann man einen neuen Plan entwerfen. Denn
eine Landschaft kann immer wieder neu gedacht
werden. Über die Natur lässt sich dagegen nicht
debattieren. Sie besteht, und sie wird immer zu
Veränderungen führen.
«

P RO F. D R . H A N S J Ö RG K Ü S T E R
ist Professor für Pflanzenökologie am Institut
für Geobotanik an der Leibniz Universität Hannover, Autor zahlreicher Bücher und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Naturschutzgeschichte.

Die Natur, die viele Menschen schützen wollen,
ist nicht die sich selbst überlassene Wildnis, sondern
eine Landschaft in einem Zustand, die man in
diesem Status erhalten möchte.«

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»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Wald vor Wild
VON CARSTEN WILKE

Die Natur muss auch den Interessen ihrer Bewirtschafter
entsprechend geschützt werden. Für die dauerhafte und
nachhaltige Jagd ist es überlebenswichtig, dass Land- und
Forstwirte ihren Nutzungsanspruch durchsetzen können.

21

Kulturhistorische Einordnung

Rechtliche Einordnung

Wenn wir heute darüber sprechen, welche Bedeutung Rehe und Hirsche, Schafe und Schweine,
vielleicht auch Wölfe für die Eigentümer und Bewirtschafter von Wäldern haben, ist ein kleiner
historischer Rückblick sinnvoll.
Beginnen wir mit dem frühen Mittelalter, das
den Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer
Landschaft im zentraleuropäischen Raum markiert, die sich zwölf Jahrhunderte später weitgehend als Kulturlandschaft und nicht als Wildnis
präsentiert. Die Entwicklung kann meines Erachtens am Lehenssystem der fränkischen und sächsischen Kaiserdynastien gut erläutert werden. Die
Nutzbarmachung der ursprünglich überwiegend
von Laubwäldern bedeckten Gebiete erfolgte durch
die Lehensvergabe, die (etwas vereinfacht ausgedrückt) gestattete, dass die bäuerliche Bevölkerung
das eigentlich kaiserlich/königliche Recht („Regal“) zur „Landschaftsgestaltung“ erhielt. Verkürzt
gesagt: Den Bauern wurden das Recht verliehen,
auf einem bestimmten Gebiet Wälder zu vernichten, um dort Ackerbau und Viehhaltung zu betreiben. Diese Entwicklung beginnt im Frühmittelalter, aber schon zum Ende dieser Epoche,
beziehungsweise im darauf folgenden Hochmittelalter, verfügten die Regenten Beschränkungen
des Rechts zur Waldrodung. Durch Inforestation
entstanden Kaiserliche Bannwälder, zugleich endete das Recht der Bevölkerung auf freien Tierfang.
Im Spätmittelalter kommt es zur Trennung von
hoher und niederer Jagd. Erstere ist das Recht der
adeligen Regenten, bestimmte Tierarten zu jagen,
letztere das Recht der übrigen Bevölkerungsgruppen, die Jagd auf andere, „niedere“, Tierarten auszuüben.
Diese Einteilung blieb bis in die Neuzeit erhalten,
sie endete in Deutschland im Jahr 1848. Das adelige „Hochjagdrecht“ führte zu erheblichen Konflikten, die sich zum Teil in den Bauernkriegen im
16. Jahrhundert und in der bürgerlichen Revolution 1848 spektakulär Bahn brachen. Das Jahr 1848
stellt in Deutschland einen enormen Einschnitt für
das Jagdwesen dar. Das Recht der Jagd wird an das
Eigentumsrecht an Grund und Boden gekoppelt,
das Recht zur Ausübung der Jagd kann vom eigentlichen Recht der Jagd abgetrennt werden. Das Reviersystem wird etabliert,und Jagdgenossenschaften entstehen zu seiner Umsetzung.

Die Definition des Jagdrechts als untrennbarem
Teil des Rechts auf Eigentum an Grund und Boden
wurde 1848 festgelegt und besteht seither weiter.
Eine ihrer Wurzeln ist das Bedürfnis von Land- und
Forstwirten, Schaden durch herrenlose Tiere von
den Früchten und Erträgen ihrer Landbewirtschaftung abzuwehren. Ein solches Abwehrrecht stand
ihnen vorher nicht zu. Dieses Ergebnis des Jahres
1848, diese bürgerliche Errungenschaft findet sich
auch heute noch in den gesetzlichen Regelungen
wieder, etwa im § 21 Abs. 1 des Bundesjagdgesetzes: „Der Abschuss des Wildes ist so zu regeln, dass
die berechtigten Ansprüche der Land-, Forst- und
Fischereiwirtschaft auf Schutz gegen Wildschäden
voll gewahrt bleiben sowie die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege berücksichtigt werden.“ Und Art. 1, Abs. 1, Nr. 3 des Jagdgesetzes des
Freistaats Bayern: „Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung durch das Wild sind möglichst zu vermeiden, insbesondere soll das Bejagen

Da wo das Rotwild regelmäßig vorkommt, sind 34 Prozent der Fichten
und jeweils 14 Prozent der Kiefern
und Lärchen geschält.«
die natürliche Verjüngung der standortgemäßen
Baumarten im Wald ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen.“ Und zu guter Letzt Art. 1, Abs. 2, Nr.
2 des Waldgesetzes für Bayern: „Dieses Gesetz soll
dazu dienen (...) einen standortgemäßen und möglichst naturnahen Zustand des Waldes unter Berücksichtigung des Grundsatzes ‚Wald vor Wild’ zu
bewahren oder herzustellen.“ Und jetzt wissen Sie
auch, dass der Titel meines Vortrags gar kein deutscher, sondern ein bayerischer ist.
»

22

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Forstbetriebliche Einordnung
Das Thünen-Institut der Bundesregierung gibt als
ein Ergebnis der 3. Bundeswaldinventur bekannt,
dass auf 38 Prozent der Waldfläche Deutschlands
Rotwild regelmäßig vorkommt, Rehwild auf 99,5
Prozent. Dort wo das Rotwild regelmäßig vorkommt, sind 34 Prozent der Fichten und jeweils 14
Prozent der Kiefern und Lärchen geschält. Der Anteil von verbissenen Jungbäumen von 20 bis 130
Zentimetern Höhe beträgt bei Eichen 43 bei anderen Laubbäumen, mit Ausnahme der Buche, 41
Prozent, und die Buchen sind zu 17 Prozent verbissen. Die deutschen Forstbetriebe schützen 2,5 Prozent des Waldes, also 440 000 Hektar (Das entspricht der Hälfte der Waldfläche Hessens) durch
Zäune und Gatter.
In einer Prüfungsmitteilung aus dem Jahr 2012
kalkulierte der Hessische Rechnungshof den kumulierten Schaden, welcher das Schälen von Rotwild verursacht, auf 110 Millionen Euro, das entspricht 360 Euro pro Hektar Staatswaldfläche des
Landes Hessen. Für die Bewertung des wirtschaftlichen Schadens durch den Verbiss kommt der
Deutsche Forstwirtschaftsrat zu Geldbeträgen, die
je nach Baumart und Verbissintensität zwischen
einigen Hundert bis zu einigen Tausend Euro pro
Hektar liegen. Für jeden Hektar Zaunschutz sind
Kosten von etwa 1 000 Euro zu kalkulieren. Diese

Ich sorge mich, weil das
kritische Hinterfragen von
Dogmen verpönt ist.«
Fakten, die gesetzlichen Bestimmungen und die
wirtschaftlichen Bedingungen finden sich durchgängig in einschlägiger Rechtsprechung und herrschenden juristischen Meinungen wieder. Die unzureichende Festsetzung eines Abschussplans kann
Schadensersatzansprüche des durch überhöhte
Wildbestände in seinem Eigentum Geschädigten
gegen die Behörde auslösen. Wir sehen daran, dass
der Schadensabwehranspruch eines Eigentümers,
wie er 1848 ersonnen wurde, seine Anwendung
und Bestätigung bis heute erfährt.
Wenn wir fragen: „Welche Natur wollen wir eigentlich schützen?“, dann kommen wir als Resümee der geschichtlichen, rechtlichen und betrieblichen Analyse zum Schluss, dass eine Natur so
geschützt werden sollte, dass Eigentümer und

Bewirtschafter der Natur aus ihr einen Nutzen haben. Dies ist übrigens auch eines der Ziele, welche
die Konvention über die Biologische Vielfalt verfolgt.

Einordnung von Gemütslagen
Ist diese Sichtweise unmodern und aus der Zeit?
Ich glaube: ganz und gar nicht. Vielmehr beinhaltet sie meines Erachtens eine gehörige Portion Vernunft, Realitätssinn und Pragmatismus. Und das
sind Aspekte, die für ein gedeihliches Miteinander
nicht die schlechtesten Voraussetzungen schaffen.
Wichtig ist, dass in einer Marktwirtschaft die Eigentümer – im gesetzlich vorgegebenen Rahmen
– über die verfolgten Ziele, die einzuschlagenden
Wege und die einzusetzenden Mittel entscheiden.
Sie tragen die wirtschaftlichen Risiken, sie können
aber auch die Chancen nutzen – mithin die Früchte ernten. Das nennen die Ökonomen „Eigentümerautonomie“.
Ich möchte an dieser Stelle Michael Miersch zitieren. Er hat am 19. Juni 2015 bei der Jahrestagung
meines Vereins einen fulminanten Vortrag gehalten, den ich mir zunutze mache, um auch meinen
Standpunkt zu illustrieren. Er sagte: „Es wäre an
der Zeit für eine Neujustierung dessen, was Umwelt- und Naturschutz für unsere Gesellschaft eigentlich bedeuten. Es sollte darum gehen, intelligente ökologische Lösungen für die sich ständig
verändernde, urbanisierte und technikgetriebene
Welt des 21. Jahrhunderts zu finden. Diese Lösungen müssen nicht die sein, die die dogmatisch erstarrten Ökoaktivisten und grün gefärbte Industrien auf ihre Banner schreiben. Die Zeit der
Denkverbote sollte vorbei sein.“ Ich glaube, dass
dies eine sehr anregende Wortwahl ist. Die Natur
erfährt eine menschliche Vereinnahmung, die in
einigen Übertreibungen schon fast ohne Bodenhaftung ist. Ein weiteres Miersch-Zitat: „Wir sind
nach wie vor abhängig von der Natur. Doch unser
Überleben und Wohlstand basieren darauf, dass
wir die Natur verändern. Dass wir uns nicht in das
Schicksal fügen, das sie uns vorgibt.“
Auf das Mittelalter folgte die Neuzeit und mit ihr
so wichtige Epochen wie die Renaissance und die
Aufklärung. Und da ist es schon verwirrend, dass
unkritische Dogmen so machtvoll geblieben oder
wieder geworden sind. „Natur Natur sein lassen“
oder der der Natur einen „intrinsischen Selbst- und
Eigenwert“ zuzuordnen, das sind gängige machtvolle Schlagworte, bei denen die kritische und einfache Frage „warum?“ kaum noch zulässig er-

23

scheint, sondern mit dem Vorwurf der „political
incorrectness“ bestraft wird. Erinnert das nicht an
Ereignisse vor 500 Jahren, als diejenigen, die kirchliche Dogmen durch einfache Fragen herausforderten, als „ketzerisch“ galten? Ich sorge mich, weil
das kritische Hinterfragen von Dogmen, damals
„kirchlichen“, heute „natürlichen“, verpönt ist. Und
ich sorge mich, weil die, die von diesen Dogmen
profitieren, machtvoll und einflussreich sind, ohne
ihre Macht und ihren Einfluss den Mechanismen
zu unterwerfen, die wir sonst anwenden, um
Macht zu begrenzen. Ich sorge mich, dass dieser
Mechanismus eine Art Sogwirkung hat. Immer
mehr Gruppen verfolgen dieses vermeintliche Erfolgsrezept.

Ich bin überzeugt, dass es für
die Jagd überlebenswichtig ist,
dass Land- und Forstwirte ihren
Nutzungsanspruch durchsetzen
können.«
Ein Bundesvorsitzender eines großen Naturschutzverbandes soll gesagt haben: Wenn die
Waldeigentümer und Forstbetriebe nicht bald ihre
Haltung gegenüber dem Naturschutz änderten,
dann werde sie das Schicksal der großen Energiekonzerne ereilen. In anderen Veröffentlichungen
kann man lesen, in Teilen Deutschlands gebe es
gesetzliche Bestimmungen, die darauf abzielten,
Rotwild durch ein strenges Abschussgebot auszurotten. Zu verdanken sei dies der deutschen Forstwirtschaft und ihrem Gewinnmaximierungsstreben, welches sie seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges verfolge. Ich erfreue mich manchmal
gerne an saftiger Polemik – wenn ihr die Würze
von einem Kern Sachlichkeit beigemischt ist. Polemiken solcher Art aber sind saftlos und ungewürzt.
Daher noch einmal zurück zu den Fakten:
Die Bundeswaldinventur 2012 dokumentiert den
Zeitraum von 2002 bis 2012. In diesen zehn Jahren
stieg die Jahresstrecke von Rotwild in Deutschland
um 26 Prozent an, von 60 000 auf 76 000 Stück.
Natürlich weiß auch ich, dass Abschusszahlen keine widerspruchsfreie Umrechnung auf den Bestand
einer Wildart erlauben. Andererseits ist ihr Wert
aber auch nicht gering zu schätzen, gerade in der

Betrachtung von Zeitreihen. Lassen Sie mich noch
einmal Michael Miersch zitieren: „Unser Überleben
und Wohlstand beruhen darauf, dass wir die Natur
verändern. Dass wir uns nicht in das Schicksal fügen, das sie uns vorgibt.“ Und ich ergänze: dass wir
Nutzen aus ihr ziehen. Ich zweifele nicht daran,
dass die Grundlage für die Existenz von Rot- und
Rehwildpopulationen, die eine jagdliche Nutzung
gestattet, in der gestalteten belebten Umwelt (hier:
dem bewaldeten Teil) liegt. Eine umgekehrte oder
andere Kausalität sehe ich nicht. Entlang dieses
Gedankens lässt sich eine vernünftige und sachliche Streit- und Konfliktlösungskultur entwickeln.
Eine solche Rationalität ist ein hohes Gut. Es waren
die Neuzeit, die Moderne, die Aufklärung, die uns
dieses Instrument gegeben haben.
Ich bin überzeugt, dass es für die dauerhafte und
nachhaltige Jagd überlebenswichtig ist, dass Landund Forstwirte ihren Nutzungsanspruch geltend
machen und durchsetzen können. Was ist die Alternative? Glaubensbekenntnisse und das Ausüben
von Macht? Das kann keine Antwort sein. Ich glaube, es ist die Anstrengung wert, sich um konsensuale Lösungen zu bemühen. Dies setzt aber
die Bereitschaft voraus, die existierenden Ansprüche als legitime Rahmenbedingungen anzusehen. Und innerhalb dieses Rahmens sollte es
nicht zu Überforderungen der einzelnen Akteure
kommen. Ob dies bei der Tierart Wolf schon so
bedacht wird? Ich denke, es ist wichtig, in Zusammenhängen zu denken. In das Gesamtbild gehört
die Forderung „Wald vor Wild“ genauso wie „kein
Wald ohne Wild“. Solange wir nicht aus dem Rahmen dieses Bildes fallen, kann jede Diskussion
nur belebend sein.
«

CARSTEN WILKE
ist Präsident des Deutschen Forstvereins

24

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Wildtiere gehören
zum Wald
VON HILMAR FREIHERR VON MÜNCHHAUSEN

Der sogenannte Wald-Wild-Konflikt ist kein Konflikt zwischen dem Ökosystem Wald und dem Wildtier, sondern
einer zwischen dem Nutzungsinteresse des Menschen
und den Lebensbedürfnissen von Wildtieren.

25

Der Blick des Menschen auf den Wald
Würde man die Menschen draußen auf dem Pariser
Platz fragen, ob sie sich einen Wald ohne Wildtiere
vorstellen könnten, wäre wohl die klare Antwort
„nein“. Und wenn man sie fragte: „Welche Wildtiere gehören zum Wald?“, würden sie vielleicht
Specht oder Ameise erwähnen, mit Sicherheit aber
Reh, Hirsch und Wildschwein.
In der Wahrnehmung der Menschen ist der Wald
ein – vielleicht letztes – Refugium für unsere Wildtiere. Wälder werden als noch vergleichsweise naturnahe, ungestörte Landschaften empfunden –
was zwar ein Irrtum ist, aber ein weit verbreiteter.
Jeder weiß, dass im Wald auch Holz geschlagen
wird, trotzdem werden Wälder weniger als Produktionsräume, sondern als Lebensräume begriffen. Und es macht einen großen Teil des Reizes und
des Erholungswertes von Wäldern aus, wenn man
als Wanderer einen Schwarzspecht oder ein Reh
sieht oder zumindest die Fährte eines Rothirschen
oder eines Wildschweines.

Wald ohne Wild
Dass wir Wildtieren den Wald verbieten, ist für die
meisten Menschen undenkbar – und trotzdem ist
es Realität. Besonders brutal manifestiert sich
forstwirtschaftliches Gewinndenken in den Bundesländern, die dem „König der Wälder“ – dem
Rothirsch – sein Lebensrecht auf großer Fläche
absprechen. Noch immer haben sechs der 16 Bundesländer Rotwildbezirke ausgewiesen. Verlassen
die Tiere diese „Reservate“, müssen sie erlegt werden. „Reviere außerhalb der Rotwildbezirke sind
rotwildfrei zu machen und zu halten“, formuliert
es die Ausführungsverordnung zum Bayerischen
Jagdgesetz. Damit ist Bayern in weiten Teilen eine
No-go-Area für den Rothirsch – nur 14 Prozent der
Landesfläche sind als Rotwildlebensraum ausgewiesen. Solche No-go-Areas für den Rothirsch befinden sich vor allem im Süden und Westen
Deutschlands.
Einem Wildtier das Recht zu verweigern, sich
Lebensräume selbst zu suchen, ist eine Doktrin, die
für andere Wildtiere, die dem Nutzungsinteresse
des Menschen entgegenstehen, völlig undenkbar
wäre. No-go-Areas für Kormoran, Gans, Biber oder
Wolf würden sich politisch wohl kaum durchsetzen
lassen. Einige Tierarten sind da doch wohl gleicher
als andere…

Besonders ausgeprägt ist die wildfeindliche Haltung neben dem schwarz regierten Bayern auch im
grün regierten Baden-Württemberg: Dort fristet
das Rotwild auf nur vier Prozent der Landesfläche
sein Dasein. Die staatlich verordneten rotwildfreien Räume in Deutschland gehen im Westen auf
politische Entscheidungen aus den fünfzger Jahren
zurück und wurden mit der Angst der Forstwirtschaft vor den Fraßeinwirkungen des Wildes begründet. Und da es sich beim Rotwild um ein großes Säugetier mit entsprechendem Nahrungsbedarf
handelt, das zudem in Rudeln lebt, galt der Hauptangriff der Forstwirtschaft dieser Wildart. Im Zuge
der Wiedervereinigung wurden Rotwildbezirke
auch in den neuen Bundesländern bis auf Mecklenburg-Vorpommern eingeführt. Proteste dagegen
gab es von Seiten des behördlichen und verbandlichen Naturschutzes ebenso wenig wie von der
Jägerschaft. Mittlerweile ist es jedoch gelungen,
dass Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
im Westen das Saarland die Rotwildbezirke abgeschafft haben.

Das Wild ist mehr als ein Schädling
Die Fraßeinwirkungen und weiteren „Lebensäußerungen“ des Wildes wie das Suhlen, Plätzen oder
Fegen sind nur aus der Sicht des nutzenden Menschen ein „Schaden“. Aus Sicht von Natur und Ökologie können sie sogar dazu beitragen, dass ein
Wald strukturreicher und vielgestaltiger daherkommt als ein Wald ohne Wild. Und die auf Bon­
saigröße zurückgefressenen Bäumchen auf einer
Waldlichtung, die manch einem Waldbesitzer Beweis für viel zu viel Wild und Grund für verschärften Abschuss sind, sind für manche Vogel- und
Insektenarten im Wirtschaftswald ein wichtiges
Refugium.
Der sogenannte Wald-Wild-Konflikt ist kein Konflikt zwischen dem Ökosystem Wald und dem »

26

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Wildtier, sondern ein Konflikt zwischen dem Nutzungsinteresse des Menschen und den Lebens­
bedürfnissen von Wildtieren. Diese zu berücksichtigen, sie in die Bewirtschaftung unserer Wälder
zu integrieren, ist sicher im Einzelfall nicht einfach,
aber dennoch eine Verpflichtung für denjenigen,
der Wald sein Eigentum nennt. Besonders Waldbesitzer der öffentlichen Hand sollten hier mit Vorbild
vorangehen. Doch in vielen Regionen Deutschlands
ist genau das Gegenteil Realität.

ROTWILDVERBREITUNG
IN DEUTSCHLAND

Wald mit Wild ist machbar
Dabei ist ein Wald mit Wild möglich und machbar.
Die Forstwirte unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern machen es vor. Sind sie wirklich bessere
Forstwirte als ihre bayerischen Kollegen, oder sind
es nicht vielmehr Kultur und politischer Rahmen,
die dafür sorgen, dass im Nordosten etwas völlig
selbstverständlich ist, was andernorts unmöglich
erscheint?
Die Deutsche Wildtier Stiftung ist davon überzeugt, dass Wald mit Wild möglich ist, unabhängig
vom Standort und unabhängig von der Waldform.
Zugegeben: Es ist einfacher, mit dem Rotwild im
nordostdeutschen Buchenwald umzugehen als im
Fichtenwald der Mittelgebirge oder in den Kiefernwüsten Brandenburgs. In derartigen Waldbeständen sollte jedoch aus Sicht des Arten- und Naturschutzes ohnehin ein Umbau zu mehr Vielfalt
vorangetrieben werden. Davon würden nicht nur
der Rothirsch, sondern auch viele andere Arten
profitieren.

Rotwildhege ist mehr als Abschuss
Der Wildbestand und die Kapazität des jeweiligen
Lebensraumes müssen in eine Balance gebracht
werden. Deshalb sind die Bejagung des Wildes und
damit seine Reduktion zweifellos wichtig. Doch
auch dabei müssen die Lebensbedürfnisse des Wildes ernst genommen und so gut wie möglich be-

0

70

140 210 km

„legaler“ Rotwildlebensraum

hier darf sich Rotwild ausbreiten

Rotwildvorkommen
außerhalb Deutschlands

hier muss Rotwild per Gesetz
ausgerottet werden

In den südlichen Bundesländern ist die Verbreitung behördlich
vorgeschrieben. Gebiete außerhalb der vorgeschriebenen Grenzen sind ‚rotwildfrei zu machen und zu halten’
(§ 17 Abs. 2 AVBayJG).

Jeder weiß, dass im Wald auch Holz geschlagen wird, trotzdem
werden Wälder weniger als Produktionsräume, sondern als
Lebensräume begriffen.«

27

friedigt werden. Das „Totschießen“ ist nur ein
Werkzeug, um Verbiss und Schäle zu verhindern.
Ruhe- und Äsungsangebote sind weitere Werkzeuge, und sie sind die entscheidenden Schlüssel für
eine Rotwildhege, die am Ende waldverträglich ist.
Ruhezonen sollten beim Rotwild vor allem in offenen oder halboffenen Revierteilen eingerichtet
werden. Das entspricht den Ansprüchen dieser
Wildart. Auf ihrem stiftungseigenen Gutsbetrieb
in Klepelshagen hat die Deutsche Wildtier Stiftung
damit hervorragende Erfahrungen gemacht. Zusätzlich kann mancherorts eine Ruhezone für das
Wild auch mit Möglichkeiten der Wildbeobachtung
verbunden werden.
In Ruhezonen sollte dem Wild auch Äsung angeboten werden, und zwar nicht nur im Offenland,
sondern auch im Wald. Gerade hier ist Äsung oft
bitter nötig – insbesondere in den von Fichten dominierten Waldgebieten unserer Mittelgebirge und
vor allem im Winter. Das Maß der Dinge beim Abschuss darf dabei aber nicht die Überlebenschance
einer Handvoll Ebereschen in einem ansonsten
monotonen Fichtenwald sein. Hier gehören auch
Fairness und Augenmaß zu einem ausgewogenen
Umgang mit den Wildtieren.
Das alles – Äsungsangebote, Ruhezonen, rotwildgerechte Jagd – ist nicht zum Nulltarif zu ha-

ben, und es ist nicht von Einzelnen allein zu leisten,
sondern nur in Partnerschaft innerhalb der Hegegemeinschaften und in Zusammenarbeit zwischen
den Landnutzern. Das Schicksal des Rotwildes darf
nicht allein auf den Schultern der Waldbesitzer
abgeladen werden. Die Landwirte, die sich in der
Vergangenheit oft geschickt aus der Affäre gezogen
haben, sind hier ebenso in der Pflicht, ihren Beitrag
zu leisten. Die Freude am Rotwild und die Passion
für die Jagd dürfen nur nicht dazu führen, dass völlig überhöhte Bestände aufgebaut werden. Wer Rotwild züchtet und dabei den Wald nur als eine Kulisse für die Jagd ansieht, der tut dem Rotwild keinen
Gefallen.

Eine Zukunft für Wildtiere im Wald
Mit gutem Willen, wildbiologischem und waldbaulichem Wissen, Kommunikationsfähigkeit und
langfristigem Denken ist die Bewirtschaftung unserer Wälder zusammen mit Ameise, Schwarzspecht und Rothirsch machbar. Wir kennen die
Lebensraumansprüche dieser Arten und wissen,
dass sie sich grundsätzlich auch mit einer Bewirtschaftung des Waldes vertragen. Der Verantwortung, diese Aufgabe zu erfüllen, müssen sich Waldbesitzer stellen.
»

ROTWILDÄSUNG IM WINTERLEB

ENSRAUM

kg Trockensubstanz / ha

120
100
80
60
40
Mastjahre

20

Winteräsung

0
HorstgrasBuchenSchattwald

DrahtschmielenKiefernLichtwald

SchilfWeidengebüschKomplex

Pflanzenarmer
FichtenSchattwald

Waldwiese

Vorrat an Winteräsung in verschiedenen Habitaten
aus G. Hofmann, U. Pommer und M. Jenssen (2008): Wildökologische Lebensraumbewertung
für die Bewirtschaftung des wiederkäuenden Schalenwildes im nordostdeutschen Tiefland.

28

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Schwieriger wird es mit waldbezogenen Arten,
die sehr spezielle Ansprüche haben. Nicht umsonst
sind es genau diese Arten, deren Bestandsentwicklung Anlass zur Sorge bieten. Als Beispiele sind
Schreiadler, Mittelspecht, Schwarzstorch oder
Mopsfledermaus zu nennen. Diesen Arten zu helfen
ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabe – eine
Aufgabe, die sich sicher an der Grenze dessen
bewegt, wozu Waldbesitzer einfach verpflichtet
werden können und die daher eher als gesamtgesellschaftliche begriffen werden muss. Das
bedeutet, dass Waldbesitzer finanziell zu honorieren sind, wenn sie beispielsweise durch den bewussten Verzicht auf Holznutzung in Teilen ihres
Waldes zugunsten seltener Arten wirtschaftliche
Einbußen haben.

Es scheint, der Naturschutz hat
sich vom Rothirsch entfernt,
weil er sich vom Jäger und von
der Jagd entfernt hat.«
Naturschutz neu denken
„Naturschutz neu denken“ ist diese Veranstaltung
überschrieben. Das heißt, dass auch die Akteure
des Naturschutzes in Behörden und Verbänden ihr
Bild vom Zusammenspiel von Wald und Wild überdenken sollten. Denn während Luchs und Wildkatze, Schwarzstorch und Eremit schnell im Fokus der
Sorge des Naturschutzes stehen, ist die Situation
für Rothirsch und Co. eine ganz andere. Der überwiegende Teil der Naturschutzverbände Deutschlands und ein großer Teil des behördlichen Naturschutzes haben seit Jahren eine für das Wild
unheilige Allianz mit der Forstwirtschaft geschlossen. So gaben beispielsweise das Bundesamt für
Naturschutz und der Deutsche Forstwirtschaftsrat
– nach seinem Selbstverständnis das „forstpolitische Sprachrohr der Branche“ – 2008 eine gemeinsame Erklärung zum Wald ab, in der lapidar gefor-

dert wurde: „Wald vor Wild; Schalenwildbestände
anpassen, Abschüsse an Weiserzäunen und Verbißgutachten orientieren“. Kein Wort von mangelnder
Äsung im Wald oder von Ruhezonen, keine Kritik
an Nachtjagd oder langen Jagdzeiten. Mit von der
Partie bei derartigen Aktionen ist auch gern der
sich „ökologisch“ nennende Jagdverband (ÖJV),
dessen Fokus jedoch weniger die Ökologie, sondern
mehr die Forstwirtschaft ist. Seine Sicht auf das
wiederkäuende Schalenwild – wohlgemerkt wird
das Schwarzwild weitgehend ausgeklammert –
ähnelt eher einem Vernichtungsfeldzug. Für den
ÖJV und leider auch für Vertreter des Naturschutzes ist nur ein toter Hirsch ein guter Hirsch. Und
Hege oder „Management“ des Schalenwildes beschränkt sich für sie auf dessen Abschuss.
Woher kommt diese Entfremdung des Naturschutzes vom Rothirsch? Warum taucht der Rothirsch in der Naturschutzdebatte nur als „Megaherbivor“ auf oder als Leitart, um weitere
Grünbrücken über Autobahnen zu fordern, also
immer nur dann und dort, wo er gerade ins Konzept passt?

Naturschutz und Jagd
Es scheint, als habe sich der Naturschutz vom
Rothirsch entfernt, weil er sich vom Jäger und von
der Jagd entfernt hat. Die Jagd ist in weiten Kreisen
des Naturschutzes ein „Wildmanagement“ genanntes notwendiges Übel. Sie darf nichts mehr mit
Kultur zu tun haben oder gar mit Tradition. Vor
wenigen Jahrzehnten war die Kluft zwischen Jagd
und Naturschutz viel weniger ausgeprägt. Heinz
Sielmann und Hubert Weinzierl – beides Platzhirsche im deutschen Naturschutz – standen zur Jagd,
und man sieht sie auf Fotos mit Waffe und Jägerhut
im Gespräch mit Horst Popp und Gerhard Frank.
Horst Popp baute unter der weitsichtigen Führung
von Präsident Dr. Gerhard Frank in den siebziger
Jahren einen Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bayrischen Jagdverband auf. Franks
Verdienst ist auch die Gründung der Wildland Stiftung des Bayrischen Jagdverbandes und das damit
verbundene aktive Eintreten der bayerischen Jäger
für den Naturschutz.
Und auch Bernhard Grzimek sagte in den siebziger Jahren: „Ohne Jäger, welche heute den Landwirten oft schwindelerregende Beträge als Jagdpachten zahlen, wären vermutlich Hirsche, Hasen,
Rehe, Wildschweine und Rebhühner längst als

29

landwirtschaftliche Schädlinge ausgerottet, wie
das mit Maikäfern, Kornblumen oder Mohnblumen geschehen ist. Es ist das Verdienst der Jäger,
das verhindert zu haben.“ (Aus: Auf den Mensch
gekommen. Erfahrungen mit Leuten, München
1977, S. 363)
Irgendwann in den achtziger und neunziger Jahren kam es zum Bruch. Lag es am Zeitgeist? Einem
Zeitgeist, der, geprägt von Demonstrationen gegen
AKWs und das Waldsterben, zur Politisierung des
Naturschutzes führte? Oder lag es an den handelnden Personen? Zudem war es sicherlich bezeichnend, dass sich der Deutsche Jagdschutz-Verband
unter seiner damaligen Führung tief in die Arme
der Landwirtschaft begab und kritiklos den Modernisierungskurs der Landwirtschaft auf Kosten
von Wildtieren und -pflanzen hinnahm.
Akteure der Jagd und des Naturschutzes standen
sich jedenfalls zunehmend unversöhnlich gegenüber. Daran änderte auch die Erklärung von Gut
Sunder mit den „Gemeinsamen Empfehlungen des
Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV) und des
NABU (Naturschutzbund Deutschland) zum Schutz
der biologischen Vielfalt“ nicht viel. Aufgerieben
zwischen den Fronten wurde am Ende das Wild.
Die Freunde vor allem des Rotwildes sind jedenfalls rar geworden. Nur wenige Akteure streiten
gegen „Wald vor Wild“, für mehr Rotwildlebensraum und eine rotwildgerechte Jagd. Die Jagdverbände haben andere Sorgen. Sie stehen in den
Ländern heute mit dem Rücken zur Wand, da ihnen
ein durch eine neue Tierschutzszene aufgepeitschter gesellschaftspolitischer Wind entgegenweht.
Und der Schulterschluss wird nach wie vor eher mit
den Nutzerverbänden als den Schutzverbänden
gesucht – wobei dies zwischen den vielen Landesverbänden und dem Bundesverband unterschiedlich ist. Zunehmend wird jedoch auch erkannt, dass
gerade für die Jagd der Naturschutz strategisch ein
ganz wesentlicher Profilpunkt sein kann, durch
den die Jagdverbände auch ihre Anerkennung als
Naturschutzverbände unterstreichen würden.

Wild schützen, Wild nutzen
Wild schützen und Wild nutzen sind zwei Seiten
ein und derselben Medaille. Sie muss nur neu geprägt und in Umlauf gebracht werden. „Naturschutz neu denken“ heißt auch, Konflikte zwischen
Wildtier und Mensch neu zu denken. Es geht doch
nicht um Wald-Wild-Konflikte oder Feld-Wild-Konflikte oder Gewässer-Wild-Konflikte, sondern da­
rum, wie wir Rothirsch, Wildschwein und Kormoran in unsere Kulturlandschaft integrieren.
Wildtiere sind keine Schädlinge – das wäre eine
zutiefst anthropozentrische Herangehensweise,
die ausschließlich die ökonomische Nutzenmaxi-

mierung in den Vordergrund stellt. Nein, Wildtiere
sind Teil unseres Lebens und sie bereichern unser
Leben. Und sie bereichern mit ihren Einwirkungen
auf ihren Lebensraum, die wir vielleicht vorschnell
nur als Schaden wahrnehmen, unsere Umwelt.
Notwendig ist in der Zukunft eine doppelgleisige Strategie mit Blick auf den Arten- und Naturschutz im Wald: Wir brauchen in Deutschland
Räume, in denen die Natur und damit auch die
Wildtiere Vorrang haben. Dies wird nur auf wenigen Prozent unserer Waldfläche gelingen – politisch ist hier ein Fünf-Prozent-Ziel formuliert worden. Selbst wenn das jemals erreicht wird, brauchen
wir vor allem eine Strategie für die anderen 95
Prozent unserer Wälder. Und diese Strategie kann
nur heißen: Integration. Integration der Ansprüche
von Wildtieren in das wirtschaftliche Handeln im
Wald – sei es die Holznutzung oder die Nutzung
von Wäldern für Sport, Erholung und Freizeit.
Und wir brauchen für unsere Wildtiere politische
Aufmerksamkeit. Der Stifter der Deutschen Wildtier Stiftung, Haymo G. Rethwisch, hat unsere
Stiftung als die „Stimme der Wildtiere“ verortet.
Seine Vision ist uns heute Ansporn: Den Rothirsch
zu einem gesellschaftlichen Thema zu machen. Er
ist mehr als ein Waldschädling oder eine Jagdbeute. Er ist ein Natur- und Kulturgut, wir sollten dankbar dafür sein, dass wir uns seinen Lebensraum mit
ihm teilen dürfen.

Fazit
Lassen Sie mich zum Schluss drei Thesen zu
„Wildtiere gehören zum Wald“ formulieren:
1. Wald mit Wild! Rentable Waldbewirtschaftung
ist überall in Deutschland nicht nur mit Ameise,
Specht und Fuchs machbar, sondern auch mit
Rothirsch und Reh.
2. Was für Wolf und Biber recht ist, muss für Rot­
hirsch und Reh billig sein. Die Ungleichbehandlung der verschiedenen Wildtiere in Wald und
Feldflur muss überwunden werden.
3.Die Menschen in Deutschland lieben den Wald.
Das Erleben von Wildtieren ist wichtige Voraussetzung für ihren Schutz. „Die Menschen werden
nur das schützen, was sie schätzen“.	
«

HILMAR FREIHERR
VON MÜNCHHAUSEN
ist seit 2002 Geschäftsführer der Deutschen
Wildtier Stiftung.

30

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

Ökologie, Ideologie,
Naturschutz: Wissenschaft im
Konflikt mit Weltbildern
PRO F. D R . J OSEF H . R EI CH H O LF

Die Debatten um den Naturschutz basieren heutzutage auf
vielen falschen Grundannahmen. Es ist notwendig, sich von
ihnen zu lösen, um die wirklich großen Bedrohungen der Natur
zu erkennen und sinnvoll handlungsfähig zu werden.

31

Gewidmet dem Andenken von Haymo G. Rethwisch.
Naturschutz hatte ihm so viel bedeutet!
Vorbemerkung
Der Naturschutz ist in eine ernste Krise geraten;
eine Krise, die er selbst verursacht hat mit dem Anspruch, nicht mehr nur bedrohte Arten von Tieren
und Pflanzen oder gefährdete Lebensräume retten
zu wollen, sondern das Klima, die Menschheit und
die ganze Erde. Dabei kommen zwangsläufig unterschiedliche Zielsetzungen miteinander in Konflikt. Etwa dergestalt, dass zu entscheiden ist, ob
es wichtiger ist, den Rotmilan im Kerngebiet seines
globalen Vorkommens zu erhalten, oder dort global
zwar völlig bedeutungslose, aber von der Zielsetzung des Umsteigens auf erneuerbare Energien
getragene und damit gerechtfertigte Windräder
aufzustellen. Oder ob nicht überhaupt die Rettung
des Klimas Vorrang hat vor allem, auch vor dem
Naturschutz?

Zentrale These
Ökologie ist eine Naturwissenschaft, die ermittelt,
was „ist“ oder was sich verändert, und nicht vorgibt, „was sein oder was werden soll“. Die Ableitung
des Sollens vom Befund führt zum naturalistischen
Fehlschluss, der von Seiten der Geisteswissenschaften ganz zu Recht immer wieder massiv kritisiert
wird. Doch längst versteht die Öffentlichkeit die
Ökologie als eine Lebenseinstellung. Im Naturschutz wirkt sie als zentrale Ideologie, und auch
von der Politik wird sie als solche anerkannt. Dass
sie sich dabei den Anschein von Wissenschaftlichkeit gibt, macht sie attraktiv für breite Kreise der
Bevölkerung, aber auch gefährlich. Denn unter
dem Deckmantel der Ökologie werden nun letztgültige Wahrheiten verkündet. Die „grüne Ökologie“ ist eine Religion geworden, die mit Archetypen
wie „Mutter Erde“ argumentiert und Vorgänge in
der Natur personifiziert. Das wird nachfolgend zunächst am Begriff des Ökosystems dargelegt, dann
am Ökologischen Gleichgewicht weiter vertieft und
in ihren gefährlichen Folgen am Thema „Fremde
Arten“ speziell erläutert. Daraus sollen die Struktur
der Ideologie und ihre Folgen für das Denken und
Handeln im Naturschutz verdeutlicht werden. Er-

gebnis wird sein, dass wir einen neuen Naturschutz
brauchen, der sich nicht so sehr von seinen Anfängen unterscheidet, sich jedoch des ideologischen
Ballastes zu entledigen hat und seine Schutzziele
und Ergebnisse (wieder) an der Natur, an den Tieren, Pflanzen und Lebensräumen orientieren sollte. Tragen und stützen werden ihn die Befunde der
wissenschaftlichen Ökologie und das emotionale
Engagement der Naturschützer, die bereit sind zuzugeben, dass sie es sind, die diesen oder jenen
Schutz wollen, und nicht die Notwendigkeiten der
Weltrettung ihn erfordern.

Das Ökosystem
Der Begriff „Ökosystem“ entstand zu Beginn des
20. Jahrhunderts als Kennzeichnung der Wechselbeziehungen von (zunächst) Pflanzen mit ihrer
nicht lebendigen Umwelt. Damals steckte die von
Ernst Haeckel 1866 begründete Ökologie noch in
der rein beschreibenden Phase ihrer Entwicklung.
Bald wurden die Tiere und die Mikroorganismen
mit dazugenommen, so dass eine einfache Begriffsbestimmung zustande kam: Die Lebewesen bilden
mit ihrer Umwelt ein Ökosystem. Offen blieb jedoch
von Anfang an, wie „die Lebewesen“ und „die/ihre
Umwelt“ gegen andere abgegrenzt werden.
Dazu kam es erst nach dem Zweiten Weltkrieg,
als die Brüder Howard T. und Eugene P. Odum 1959
in einem grundlegenden Lehrbuch die Systembetrachtungsweise als Forschungsmethode in die
Ökologie einführten, bezeichnenderweise ausgelöst durch umfangreiche Experimente der Amerikaner zur atomaren Be-/Verstrahlung eines Stücks
tropischen Regenwalds auf Puerto Rico (H. T.
Odum & R. F. Pigeon eds. 1970). Was die Odums
dabei entwickelten, erwies sich als höchst er- »

32

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

giebige Forschungsmethode, bei der Einwirkungen
und Einflüsse (input) gegen die Abgänge/Leistungen (output) bilanziert werden, und zwar in ganz
nach Bedarf, das heißt von den Anforderungen des
Menschen her abgegrenzten Ausschnitten aus der
Natur, nicht nach natürlicherweise vorhandenen
Grenzen. Solche gibt es in aller Regel auch nicht,
selbst dann nicht, wenn uns das so vorkommt,
etwa weil ein Wald endet oder ein See in einem
Kessel liegt. Nicht nur viele Organismen wechseln
frei und vielfach über diese erkennbaren Grenzen,
sondern in noch viel größerem (und ökologisch
bedeutenderem) Umfang gilt dies für die nicht
organischen Vorgänge, wie den Austausch von
Wasser, Luft und Energie.

Es kann keinen ›richtigen‹
Zustand von Ökosystemen und
ihren Gleichgewichten geben.«
Anstelle von Grenzen gibt es im günstigen Fall
Übergangszonen, wenn die Gradienten der Umweltfaktoren nicht gleichmäßig verlaufen. Doch
wo ein See oder ein Wald als solcher klar erkennbar
sind, bedarf es keiner zusätzlichen Abgrenzung.
Auch ein Dorf oder eine Stadt werden häufig einigermaßen klar von ihrer Umgebung zu unterscheiden sein, außer bei großräumig dichter Besiedelung, wie etwa im deutschen Ruhrgebiet. Diese
Klarstellung ist wichtig, weil sich dieser Begriff
wenige Jahrzehnte nach seiner Einführung als Forschungsmethode gleichsam verselbständigte und
zu einer der „Funktionseinheiten der Natur“ gemacht wurde.
Genau das sind sie aber nicht, die Ökosysteme,
sondern sie sind Funktionsmodelle der Forschung.
Sie repräsentieren keine „Über-Organismen“ und
können daher weder „belastet“, „beschädigt“, noch
„gestört“ und „vernichtet“ werden, außer im Computermodell, mit dem gerechnet wird. Ihre Behandlung analog zu Organismen ist völlig ungerechtfertigt, denn im Gegensatz zu jedem
Lebewesen haben Ökosysteme keine Grenze zwischen innen und außen, keine zentrale Funktionssteuerung, und sie können sich auch nicht fortpflanzen. Es fehlen ihnen also die Grundeigenschaften
von Organismen.

Ökosystembelastungen sind daher nichts anderes als vom Menschen verursachte Veränderungen
in der Natur, die Nutzungsinteressen anderer Menschen beeinträchtigen. Aus dieser menschlichen
Nutzungssicht hochgradig belastete Ökosysteme
können sogar geradezu „Paradiese“ für Pflanzen
und Tiere sein, wenn die üblichen, längst für selbstverständlich gehaltenen Nutzungen nicht (mehr)
möglich sind. Ein eklatantes Beispiel hierfür ist die
von Menschen wegen viel zu hoher nuklearer Verstrahlung vollständig verlassene Region um den
havarierten Kernreaktor von Tschernobyl. Das riesige Gebiet, in dem seit 1986 die Natur sich selbst
überlassen blieb, gilt inzwischen als eines der bedeutendsten Naturreservate auf dem eurasiatischen
Kontinent. Es gibt dort alle Arten, denen sonst intensiv nachgestellt wird oder deren Vorkommen und
Ausbreitung unmöglich gemacht werden.
Nicht einmal die aus der Sicht des Menschen
katastrophale Verstrahlung stellt daher eine menschenunabhängige Belastung des „Ökosystems
Tschernobyl“ dar. Entsprechendes gilt in für Menschen zwar ungleich weniger gefährlicher Weise
für Tagebaugebiete mit Schwermetall-Verseuchung, Abraumhalden, Mülldeponien und dergleichen, auf denen es außerordentliche Bestände
seltener Arten gibt, die üblicherweise zu den besonders schützenswerten „Rote-Liste-Arten“ zählen. Hochgradig mit menschlichen Abwässern
belastete Gewässer, wie der Ismaninger Speichersee bei München, zählen – oder zählten, wenn
durch entsprechende Maßnahmen der Abwasserreinigung die früheren Verhältnisse nachhaltig
verbessert wurden – zu den Feuchtgebieten von
internationaler Bedeutung für Wasservögel. Deren
Häufigkeit nimmt jedoch mit der Verbesserung der
Wasserqualität ab. Die Entlastung des betreffenden
„Gewässer-Ökosystems“ ist für Wasservögel daher
ein großer Verlust.
Infolgedessen machen Einstufungen nur in Bezug auf Umweltschutzziele der Menschen oder ihre
Nutzungsansprüche Sinn, nicht aber für „die
Ökosysteme“ selbst. Allenfalls lässt sich bei Umweltbelastungen mit ökologischen Erfassungsmethoden bilanzieren, welche Arten in ihrem Vorkommen und ihrer Häufigkeit dadurch beeinträchtigt
werden, und welche profitieren. „Gewinner“ und
„Verlierer“ gibt es bei allen Veränderungen, auch
zum Guten (für die Menschen). Sauberes, als Trinkwasser nutzbares Wasser als eine „ÖkosystemDienstleistung“ zu bezeichnen, drückt dann im
Klartext aus, bis zu welchem Extrem die Kommerzialisierung der Natur gedanklich und zumeist
auch praktisch bereits getrieben worden ist. Die
Natur „hat“ uns nichts zu leisten. Derartige Ansprüche entspringen nur unserer Überheblichkeit (und

33

sie bewegen sich auf dem geistigen Parkett der biblischen Aufforderung „Macht Euch die Erde untertan!“). Mit Vorstellungen von Harmonie mit der
(„Mutter“) Natur, in der die Menschen leben sollen,
haben die Ökosystemdienstleistungen wahrlich
nichts mehr zu tun.

Das Gleichgewicht des Naturhaushaltes
Eine ähnliche, in ihren Folgen noch bedenklichere
Fiktion ist die Ableitung eines naturnotwendigen
Gleichgewichts, in dem sich die Ökosysteme und
überhaupt die Natur befinden sollen. Das Missverständnis – wenn es denn jemals ein solches war
und nicht von vornherein eine Ideologie – ist da
gleich doppelt angelegt: in der Vorstellung vom
Naturhaushalt und seiner Funktionsweise. Der Begriff geht zurück auf den Wortschöpfer von „Ökologie“ Ernst Haeckel, der die neue Wissenschaft
vom Naturhaushalt zwar als eine Ökonomie betrachtete, aber eben eine für das „Haus der Natur“,
das oikos (griechisch „Haus“), und nicht einbezogen in die Ökonomie der Menschen.
Mit den frühen Vorstellungen von Ökologie war
das Bild des Hauses entstanden, das in Etagen und
viele Räume gegliedert ist, in dem alles seinen Platz
(die ökologischen Nischen) und seine rechte Ordnung hat. War dem so, blieb die Bilanz ausgeglichen.
Keine nicht verwertbaren Überschüsse werden erwirtschaftet, Mangel tritt nicht auf und Abfälle gibt
es ohnehin nicht, denn, so die neuere Diktion, dafür
sorgt das gleichfalls bestens geordnete Recycling.

Wo sich nichts mehr ändert,
gibt es keine Evolution mehr.«
Folglich gibt es kein Wachstum (ausgedrückt wurde
dies im politischen Ziel des Nullwachstums), dafür
aber fortdauernde, weil bestens austarierte Stabilität. Allein die Wortwahl drückt augenfällig das
Wunschdenken aus. Dass so ein Haus zwangsläufig
den großen Regler voraussetzen würde, der alles im
Griff hat und immer weiß, wie gegenzusteuern ist,
sollte es doch Eindringlinge (= fremde Arten) oder
Belastungen (= das Tun von Menschen) geben, das
wurde nicht bedacht. Bezeichnend ist daher, dass
das Mobile, das seit den 1970er Jahren nach einer
Skizze von Michael Lohmann dieses (elastische)
Gleichgewicht zeigt, keinen Aufhänger, ja offensichtlich gar nichts hat, was es hält. Also könnte es
nicht einmal hängend funktionieren.
In der Natur verhält es sich genau umgekehrt.
Das „Haus der Natur“ ist überall offen. Es hat keine

geschlossenen Räume oder Nischen, kein Dach,
kein Fundament (außer die Erdoberfläche selbst).
Alles, was sich in der Natur vollzieht, geschieht aus
Ungleichgewichten heraus (Reichholf 2008). Erzeugt werden diese durch unterschiedlich starke
und stark wechselnde Energieflüsse, die alles Geschehen fern vom Gleichgewicht (Prigogine 1992)
halten, auch die Organismen selbst. Geraten sie in
den Zustand des Gleichgewichts, sind sie tot.
Mehr noch, je ausgeprägter die Ungleichgewichte in den Naturvorgängen sind, desto „produktiver“
werden die ihnen zugeteilten Ökosysteme (als Ausschnitte aus der Natur). Nutzbare Überschüsse
entstehen eben auch nur aus den Ungleichgewichten und nicht aus den in unserer Zeit so heilbringend angepriesenen Gleichgewichten. Das praktiziert die Landwirtschaft ohne tieferes ökologisches
Wissen seit Jahrtausenden. Immer wieder erzeugt
sie neue Ungleichgewichte und zieht daraus ihre
Ernten. In der modernen, extrem hochproduktiven
Form sind die Ungleichgewichte entsprechend vergrößert worden mit einem Überangebot an Pflanzennährstoffen und nötigenfalls künstlicher Bewässerung. Wo aber von Natur aus durch lang
anhaltende Verluste über Auswaschung der Böden
Mangel herrscht, stellt(e) sich die Vielfalt des Lebens tropischer Regenwälder und Korallenriffe ein.
Führen Naturvorgänge, wie Vulkanismus, oder
vom Menschen gewollte Vorgänge, wie Düngung,
zur Vergrößerung der Nährstoffverfügbarkeit,
nimmt die Produktivität zu, die Artenvielfalt jedoch ab. Magere Böden tragen artenreiche Pflanzengemeinschaften und eine entsprechend vielfältige Insektenwelt (Schmetterlinge, Käfer,
Wild­bienen und anderes Getier). Auf überdüngten
Böden wachsen nur wenige Pflanzenarten, aber
diese in Massen, ob gewollt (Nutzpflanzen) oder
unerwünscht (Unkräuter).
Somit zeigt sich „das Gleichgewicht“ am ehesten
dort, wo anhaltend Mangel an lebenswichtigen
Ressourcen herrscht, weil sich unter diesen einschränkenden Bedingungen eben auch wenig verändern kann. Das „Gleichgewicht des Naturhaushaltes“, das nicht gestört werden darf, zumindest
nicht so stark, dass es nicht wieder selbst zurückschwingen könnte, ist eine Fiktion. Als Wunschbild
drückt es eine zwar moralisch ehrenhafte, gleichwohl aber realitätsferne Haltung aus.
Das wird nirgendwo deutlicher als bei den vielfältigen und keineswegs nur jagdlichen Regulationsversuchen von Wild und anderen Tieren oder
von sich ausbreitenden Pflanzen. Denn auch die
Bestände, die Populationen, bleiben letztlich nur
unter zwei Bedingungen annähernd stabil, nämlich
wenn sie sehr niedrig (und vom Aussterben bedroht) oder sehr hoch an der Kapazitätsgrenze »

34

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ihrer Umwelt liegen. Dann halten die Regulierungsversuche fast immer die Bestände auf (zu) hohem
Niveau mit dem Risiko, dass aus der Sicht anderer
Naturnutzer Schäden entstehen. Der ideale beziehungsweise optimale „Mittelwert“ ist hingegen
der am schwierigsten und aufwändigsten zu haltende, wenn das überhaupt einmal gelingt. Er
würde bei der Hälfte der Umweltkapazität liegen.
In diesem halten sich aber von Natur aus so gut
wie keine Arten. Sie sind und bleiben entweder
selten oder häufig. Die mittleren Positionen im
Häufigkeitsspektrum sind kaum besetzt, und
wenn, dann von den betreffenden Arten nur für
kurze Zeit. Denn alle, ausnahmslos alle, tendieren
über die Vermehrung zu den maximal möglichen
Bestandsgrößen. Der Mensch ist keine Ausnahme,
auch wenn er kraft seiner Vernunft eine solche zu
seinen Gunsten und für ein für alle besseres Leben
machen könnte.

Mit ihrem Artenreichtum
machen Großstädte Naturschutzgebieten Konkurrenz.«
Aus alldem folgt ebenso zwangsläufig wie zwingend, dass es keinen „richtigen Zustand“ von
Ökosystemen und ihren Gleichgewichten geben
kann, sondern viele mögliche, die eben alle unter
den jeweiligen Bedingungen möglich und deswegen nicht besser oder schlechter als andere Zustände sind. Passen sie uns Menschen oder verschiedenen Gruppierungen von (Nutzungs-)Interessenten
nicht, hat das nichts mit der Natur zu tun, sondern
ausschließlich mit den Ansprüchen der Menschen
– und zwar mit durchaus berechtigten. So darf es
etwa in Wasser, das als Trinkwasser benutzt werden soll, es nicht vor Fischen, Krebstierchen oder
Wasservögeln wimmeln. Allein deren Vorkommen
und Häufigkeit würden signalisieren: Als Trinkwasser nicht geeignet. Denn in solchem müssten
Fischbestände ohne Zufütterung „rückwärts wachsen“. Produktive Fischbestände brauchen mindestens so große Nahrungsmengen, wie sie Bedarf
haben. Ist hohe Produktion – aus welchen Gründen
auch immer – vorhanden, werden sich Nutzer einfinden – die abgewehrt werden müssen, wenn es
sich um Produkte handelt, die Menschen brauchen.
Alles in allem ähnelt die Ökologie tatsächlich

viel stärker der offenen Ökonomie menschlicher
Gesellschaften, wo simple Regeln gelten, wie etwa
die, dass Angebot und Nachfrage miteinander in
Beziehung stehen, oder dass eine hohe Produktivität einen hohen Energieeinsatz nötig hat. Doch
gerade die Erfahrungen der Nationalökonomie
haben gezeigt, dass es unmöglich ist, ein Land, eine
Volkswirtschaft von den anderen abgegrenzt zu
halten. Wo dies massiv versucht wird, bricht die
isolierte Ökonomie entweder ziemlich rasch zusammen oder sie büßt, wenn es ihr gelingt,
Schlupflöcher offenzuhalten, zumindest stark an
Leistungsfähigkeit ein. Prognostizieren lassen sich
Volkswirtschaften in ihrer mittel- oder langfristigen Performance nicht. Auch dazu gab es wiederholt schmerzliche und viel Kapital vernichtende
Ereignisse, „Blasen“ oder „Hypes“ genannt. Komplexe offene Systeme können in ihrem zukünftigen
Verhalten nicht „vorhergesagt“ werden, auch nicht
von den besten Supercomputern.
In der noch ungleich komplexeren Natur soll das
jedoch gelingen, so die Meinung vieler, für die Ökologie gleichbedeutend mit Stabilität und Zukunftsfähigkeit ist. Sie meinen, mit ihren Eingriffen alles
in den Griff zu bekommen. Könnten sie das wirklich, käme genau jener Prozess zum Erliegen, dem
wir die phantastische Vielfalt des Lebens verdanken: die Evolution. Denn sie kommt aus Ungleichgewichten zustande. Wo sich nichts (mehr) ändert,
gibt es keine Evolution mehr, und das Aussterben
wird auch ohne Ausrottung mit der Zeit überwiegen und die Vielfalt dezimieren. Im Kleinen können
wir dies bei der Entwicklung von Wäldern mitverfolgen. Die Anfangsstadien, in denen sich vieles
rasch verändert, sind sehr vielfältig (= artenreich).
Die lange andauernden Reifestadien hingegen sind
artenarm, obwohl die Bäume noch wachsen. Erst
mit dem Beginn der Zerfallsphase nimmt der Artenreichtum wieder zu, so dass beide, Anfang und
Ende, reichhaltig sind, die lange Mitte aber wenig
divers ist. Gäbe es nur sie oder würden Wälder so
„gemanaged“, dass anhaltend schöner Hochwald
vorhanden ist, verlören sie ihren Artenreichtumweitgehend.

Stadtnatur, Ökologische Nischen und
die Frage, was Natur ist oder sein soll
Im Stadtgebiet von Berlin sind Exemplare von rund
zwei Drittel aller Vogelarten vorhanden, die es in
ganz Deutschland als Brutvögel gibt. 880 Quadrat-

35

kilometer repräsentieren also einen Großteil der
mitteleuropäischen Vogelwelt, und das in einem
Bestand von mehreren Millionen Vögeln. Dabei
handelt es sich aber keineswegs nur um Spatzen
(die allerdings in weiten Regionen selten geworden
sind und in manchen Großstädten fast fehlen!),
Amseln und Krähen, sondern es gibt auch Wanderfalken, Rotmilane, Nachtigallen (Berlin: Hauptstadt der Nachtigallen!) und viele andere, ansonsten eher rare Arten. Hinzu kommen fast alle wild
lebenden Säugetiere Deutschlands mit sehr großen
Beständen von Fledermäusen sowie viele weitere
Arten von Tieren und Pflanzen (Reichholf 2007).
Dabei ist die Stadt doch etwas Künstliches und das
Ende der Natur. So lautet zumindest das gängige
Vorurteil, an das sich aber weder Wildschweine
noch Nachtigallen und all die anderen halten, die
in die Stadt gezogen sind.
Mit ihrem Artenreichtum machen Großstädte
zumindest formal Naturschutzgebieten Konkurrenz, obgleich man sie nicht zu solchen ausweisen
möchte. Warum auch? Die Tiere und Pflanzen der
Großstädte leben offenbar aus freien Stücken und
ohne Zwang in der Menschenwelt. Vielfach tun sie
das nicht schlechter als draußen in der freien Natur,
in nicht wenigen Fällen offenbar sogar besser. Mag
das in die Philosophie von Naturschützern passen
oder nicht, die Tiere und Pflanzen haben selbst gewählt – und vielen Menschen gefällt diese Wahl.
Die Stadtbewohner haben gerne Tiere in der Stadt.
Sie nehmen tatsächliche oder vermeintliche Schäden viel bereitwilliger hin als die Landbevölkerung.
Da das in der Stadt vorhandene Freiland, auf dem
Pflanzen wachsen und Tiere leben, nicht zu Erwerbszwecken produzieren muss, kann man sich
bei den stadtüblichen Nutzungen für Freizeit und
Erholung damit arrangieren. Die vielen, insbesondere auch in Berlin erarbeiteten Befunde zeigen
sogar, dass die Artenvielfalt mit der Größe der Stadt
zu- und nicht abnimmt. Berlin hat so viele Arten,
weil es größer als München oder Köln ist.
Wie ist das möglich, wo doch sogar die Ökologielehrbücher von den „ökologischen Nischen“ der
Arten sagen, dass diese hier von Natur aus leben
(sollten)? Das „sollten“ ist aus guten Gründen eingeklammert, denn es wird meistens bereitwillig
hinzugedacht. Tatsächlich legt die wissenschaftliche Ökologie die „Nischen“ überhaupt nicht so fest,
dass sie Ecken und Teilen von Zimmern im Haus
der Natur entsprechen würden, mit festem Platz
und klarer Ordnung, sondern als komplexe Zusammenfassung all ihrer Lebensmöglichkeiten, von
denen die meisten oft gar nicht bekannt sind. Denn
aus dem gegenwärtigen (Natur-)Vorkommen kann
das Mögliche nicht abgeleitet werden.
Ein augenfälliges Beispiel bietet gegenwärtig das

Überwintern Hunderter bis Tausender Silberreiher
in Mitteleuropa, obwohl dieser große weiße Reiher
als eine „subtropisch-tropische Art“ galt und in
Lehrbüchern der Ökologie als Spezialist für Lagunen dargestellt worden ist (Stugren 1972, Tischler
1955). Seit die massive Verfolgung dieser Reiher,
deren Federn vor hundert Jahren in der Damenhutmode höchst begehrt waren, aufgehört hat und
sich die Bestände in schwer bis nicht zugänglichen
Brutkolonien in Grenzlage wieder erholten, überwintern die Silberreiher zunehmend in Mitteleuropa. Dabei stehen sie draußen auf den Fluren und
jagen Mäuse. Mitunter sind sie als weiße Reiher im
Schnee kaum zu erkennen. Die Silberreiher überlebten im bayerischen Alpenvorland im Februar
2012 auch die fast zwei Wochen großer Kälte mit
Nachttemperaturen unter minus 20 Grad Celsius.
Dass sie das können, war unter den Verhältnisse
des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts nicht
zu erkennen und hat mit dem viel strapazierten
Klimawandel nichts zu tun. Ihre frühere Einordnung in den Lehrbüchern der Ökologie passte für
die Zeit, aber nicht für die Art an sich.
Fachlich ausgedrückt: Die Realnische ist stets
nur ein Ausschnitt aus der Fundamentalnische einer Art, die in ihrer Gesamtheit aber nicht bekannt
ist. Die sogenannten Nischenerweiterungen gibt es
daher wahrscheinlich nicht. Es werden unter neuen Rahmenbedingungen einfach bisher nicht realisierte Möglichkeiten der Fundamentalnische
wahrgenommen. Daraus geht nun aber hervor, dass
für so gut wie alle Arten von Tieren und Pflanzen
schlicht und einfach gar nicht bekannt ist, wo sie
überall leben könnten, wenn man sie ließe. Was
wiederum bedeutet, dass aus den gegenwärtigen
Vorkommen nicht abgeleitet werden darf, dass die
Art „dorthin gehört“ und nirgendwohin sonst.

Fremde Arten
Die Unmöglichkeit einer definitiven Festlegung der
ökologischen Nische einer Art hat Konsequenzen
für die Einstufung von Arten nach heimisch und
fremd. Denn wenn das Vorkommen einer Art an
der Geographie (Verbreitung) und Geschichte liegt
und nicht an der Ökologie, geht aus ihrer aktuellen
Verbreitung auch nicht hervor, wo sie vorkommen
könnte. Es lässt sich am Befund einer bestimmten
Zeit weder ablesen, ob die Arealgrenzen natürlich
oder nur zeitbedingt sind, noch wie es um die mögliche Konkurrenz mit anderen Arten steht. Das
Eindringen einer Fülle von Pflanzen- und Tierarten
in den neuen Lebensraum der (Groß-)Städte hat
dies bereits klargestellt. Eine noch viel größere
Veränderung fand aber in früheren Jahrhunderten
und Jahrtausenden mit der Schaffung der Kul- »

36

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

turlandschaft durch Ackerbau und Viehzucht statt.
Das Artenspektrum, das die Fluren bewohnt oder
bis vor Beginn des gegenwärtig so starken Niedergangs dieser Arten dort vorkam, war und ist „neu“.
Stellvertretend für die Vielzahl seien hier nur ein
paar bekannte Vertreter genannt: Feldlerche und
Rebhuhn, Feldhase und Hamster, Weißstorch und
Wiesenstelze, Kornblume und Klatschmohn, Duftveilchen und die meisten „unserer“ Orchideen. Sie
alle sind als Neozoen und Neophyten über die Jahrhunderte aus östlichen, südöstlichen und südlichen
Vorkommen zugewandert. Einige, als Acker-Unkräuter bezeichnet, hatten durch ihre Konkurrenz
zu den Kulturpflanzen Ernteverluste verursacht
und waren mit Hacke und Egge, mit Händen und
Feuer bekämpft worden, bevor die „chemische Keule“ sie nieder- oder ganz erschlug. Neu waren einst
auch die Haussperlinge als Kulturfolger, wie die
Türkentaube, die vor gut einem halben Jahrhundert ankam. Und, und, und…
Doch nicht allein aufgrund des Wirkens der Menschen, die immer wieder fremden Pflanzen neue
und sehr ergiebige Nährböden bereitet und mit
ihrer landwirtschaftlichen Produktivität oder den
Zivilisationsabfällen (gebiets-)fremde Tierarten
angelockt hatten (Ratten, Mäuse & Co), änderte
sich die Zusammensetzung der lebendigen Natur
beständig. Eine Startzeit, wenngleich eine auch nur
aus größerem Zusammenhang herausgelöste, war
das Ende der letzten Eiszeit mit dem Abschmelzen
der Gletscher und der Wiederausbreitung der Wälder nach Mittel- und Nordeuropa. Diese Vorgänge
sind, obleich gebremst oder beeinträchtigt durch
das Wirken der Menschen, immer noch im Laufen.
Seit gut einem Jahrtausend haben wir die „Buchenzeit“, in die sich seit ein paar Jahrhunderten die
(menschengemachte) „Fichtenzeit“ hineingeschoben hat. Sieht man sich die Pollenanalysen für die
Nacheiszeit an, so zeigen sie eine Abfolge von Wald­
entwicklungen mit jeweils sehr unterschiedlicher
Zusammensetzung und Artendominanz. Nichts
gibt darin einen Anhaltspunkt dafür, dass irgendein Zustand der richtige gewesen sei. Auch die
„Buchenzeit“ ist nur vorläufig die „natürliche Waldvegetation“; vielleicht eine gar nicht so natürliche,
weil Bucheckern, wie auch Eicheln, als Mastnahrung für die Hausschweine geschätzt waren, die
sich im Wald selbst ihr Futter zu suchen hatten.
Buchen wurden daher gefördert, ähnlich wie die
Fichten in jüngerer Vergangenheit aus anderen
Gründen (Bauholz und Heizmaterial).

Verfolgt man die Geschichte der Tier- und Pflanzenarten in der historischen Zeit (mit Wirken des
Menschen) zurück, lässt sich nirgendwo eine Grenze ziehen zwischen einem Naturzustand und einem
von der Kultur überformten. Es stellt daher nichts
weiter als eine beliebige Festlegung dar, Arten, die
vor der südeuropäischen Entdeckung Amerikas
durch Kolumbus vorhanden waren, als die „alten“
einzustufen und die seither angekommenen als die
„neuen“. Noch weniger tauglich ist die Grenze „Beginn des 20. Jahrhunderts“. Anbieten würde sich
das neue Jahrtausend als Grenze nur der Einfachheit halber.
All dies ist und bleibt aber beliebig und ohne
ökologische Relevanz. Die Ökologie stellt in enger
Verbindung mit der Biogeographie ein mehr oder
weniger kontinuierliches Kommen und Verschwinden von Arten fest, ohne dass sich ein natürlicher
oder gar ein „richtiger Zustand“ festlegen ließe.
Tatsächlich geht es vordergründig darum, welche
Art welchen Gruppen von Menschen passt oder
nicht, und nicht um „die Natur“ und die Ökologie.
Wirtschaftliche Einbußen oder sonstige Schäden,
die sich in Kosten für Gegenmaßnahmen ausdrücken, werden jedoch mit ökologischen Schäden
gleichgesetzt. In nachgerade lächerlicher Weise
macht sich der Naturschutz dabei zum Handlanger
wirtschaftlicher Interessen, anstatt die Ursachen
für das invasive, Schäden verursachende Auftreten
einiger weniger Arten aufzuzeigen und die Verursacher anzuprangern.
Beispiele hierfür gibt es zuhauf. Die Ausbreitung (und aufwändige Bekämpfung) des Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum), das
Wuchern der ostasiatischen Riesenknöteriche
(Fallopia sp.) und auch des Drüsigen Springkrautes (Impatiens glandulifera) machen
Schlagzeilen und werden von Naturschützern
als warnende Beispiele für die Gefährlichkeit
„der Fremden“ angeführt. Und das, obwohl diese Pflanzen bereits im 19. Jahrhundert aus damals guten Gründen, nämlich als Bienenweide
zur Hoch- und Spätsommerzeit sowie als Deckung und Futter für Wildtiere, eingeführt worden waren. Rund ein Jahrhundert verhielten sie
sich „ordentlich“, bis ihr Wuchern in den 1970er
Jahren einsetzte. Da ging ein anderes gerade zu
Ende, weil die Maßnahmen zur Reinigung der
Abwässer ihm die Grundlage entzogen hatten:
die Massenvermehrung der Wasserpest (Elodea
canadensis) (Reichholf 2009).

37

Ihr Fall hätte damals schon erkennen lassen können, worum es bei den Invasiven geht: Es wurde
und wird ihnen, vor allem von der Landwirtschaft,
aber auch vom Autoverkehr (Wuchern des Riesenbärenklau an den Autobahn- und Fernstraßenrändern), in unserer Zeit der Nährboden bereitet. Permanent findet im Zeitalter des Autos eine Düngung
aus der Luft statt, die in Verbindung mit hocheffizienten modernen Heizungsanlagen durch Mitverbrennung von Luftstickstoff Jahr für Jahr zwischen
30 und mehr als 60 Kilogramm Reinstickstoff pro
Hektar liefert; eine Menge, die vor dem Zweiten
Weltkrieg als Vollwertdüngung für die deutsche
Landwirtschaft angestrebt worden war. Diese arbeitet längst in anderen Größenordnungen, so dass
ganz Mitteleuropa heute in einer Weise überdüngt
ist, wie es noch niemals der Fall war. Überschuss­
bilanzen von mehr als 150 kg/ha/Jahr treten weithin auf – mit höchst kostspieligen Folgen für die
Bereitstellung von Trinkwasser in einer Großregion, in der es an Wasser wirklich nicht mangelt.

gen sind, die Neuen von heute die benötigten Arten
von morgen sein werden, um mit den Veränderungen in den Kulturlandschaften zurechtzukommen.
Bereits vor 30 Jahren hatte Crosby (1986) den
ökologischen Imperialismus des Westens anhand
der invasiven Arten dargelegt und gezeigt, dass es
nicht die bösartige Natur dieser Arten ist, die sich
im Gefolge der Menschen ausbreiten und breit machen, sondern das Wirken der Menschen selbst.
Aber bekanntlich ist, gerade bei uns in besonders
eklatanter Weise, die Landwirtschaft die „heilige
Kuh“, die nicht in Frage gestellt werden darf. „Böse“
haben die fremden Arten zu sein, die sich durch sie
ausbreiten. Dabei hat nichts unsere Natur so im
buchstäblichen Sinne fremdartig gemacht wie die
Landwirtschaft, denn alle großflächig und massenhaft genutzten Arten sind fremd, nicht heimisch, und zudem züchterisch stark verändert und
nicht natürlich. Peinlicherweise trifft dies im Rahmen des „heimisch/fremd“-Denkens auch für viele
Naturschutzgebiete zu, die frühere Kulturlandschaften schützen
und in einem Zustand
zu erhalten suEs bedarf keiner entschuldigenden Begründung,
chen, der zwar nicht
den Hirsch, eine Blume oder die Lerche als erhaltensnatürlich, aber schön
und artenreich ist,
wert zu empfinden.«
wie etwa die Lüneburger Heide, viele
Diese Entwicklung zum heutigen, schon seit
andere Heide-(=Weide-) Flächen, Streuobstwiesen,
mehr als einem Vierteljahrhundert andauernden
als Grünland genutzte Auen, Mittel- und NiederZustand bleibt merkwürdigerweise in Kreisen von
wälder. Was nicht gegen den Wert dieser KulturgeNaturschützern und häufig sogar bei Ökologen
biete spricht, die zweifellos erhaltenswert sind,
ausgeblendet, die sich mit den neuen und „invasisondern den argumentativen Hintergrund aufzeigen soll, der wenig mit Ökologie und Natur, aber
ven Arten“ befassen (Nentwig 2011, als Beispiel
für ein Werk für eine extrem einseitige Darstelsehr viel mit Kultur zu tun hat. Als „Biotope“ wären
lung). Stimmen, die sich intensiv mit den Befunden
sie „fremd“ und „naturfern“, was aber die Arten,
zur Gefährlichkeit „der Fremden“ auseinandersetdie darin leben, nicht bekümmert und auch Naturzen, werden hingegen marginalisiert und bleiben
freunde nicht zu bekümmern braucht, die sich daran erfreuen.
unbeachtet (Weiss 2015). Doch es bahnt sich ein
Umdenken an. Es kommt, wie das offenbar bei uns
sein muss, um Beachtung zu finden, von außen,
Ausblick auf den Klimawandel
aus dem englischsprachigen Raum. Dort werden
die Unkräuter, die „weeds“, inzwischen weniger
Die invasiven Arten werden häufig in direktem Zuverurteilt, es wird vielmehr nach den Gründen für
sammenhang mit dem Klimawandel (als in dieser
ihre Erfolge geforscht (Mabey 2010, Pearce 2015).
Kombination besonders bedrohlich) angeführt.
Viele der Horrorangaben, die in NaturschützerBeiden müsse mit allen Kräften begegnet werden,
kreisen kursieren, erwiesen sich bei den Nachforsonst würde die Erde bis zum Ende des 21. Jahrschungen nach den zugehörigen Grundlagen und
hunderts einen Großteil der Artenvielfalt verlieren.
Forschungsbefunden als maßlos übertrieben oder
Das ist unabhängig von der Problematik der Verals reine Befürchtungen. Thompson (2014) hat das
änderung des Globalklimas – mit Verlaub – grober
umfassend dargelegt und Pearce (l. c.) zog daraus
Unfug. Denn erstens ist längst bekannt und wissogar den Schluss, dass ähnlich wie bei den invasenschaftlich recht gründlich untersucht, dass die
siven Arten, aus denen sich Flora und Fauna unseArtenvielfalt mit zunehmender Wärme (sogar exrer Fluren über Jahrhunderte formiert hatten und
ponentiell) ansteigt und im äquatorialen Bereich,
die nun Gegenstand intensivster Schutzbemühunnicht in der Borealen Kälte das Maximum bei »

38

»ZI ELKO N FLI K T: WALD V ER SUS W I LD «

so gut wie allen Artengruppen von Pflanzen und
Tieren erreicht. Die Tropenwälder gelten zu Recht
als die Schatzkammern der Artenvielfalt und nicht
die Taiga, der Boreale Nadelwald – was wiederum
nicht gegen dieses flächengrößte Waldgebiet der
Erde spricht, sondern gegen die Argumentation im
Zusammenhang mit der Erwärmung des Klimas.
Dabei werden auch die Taiga-Wälder weiter nach
Norden vorrücken und, wenn überhaupt, kaum
Flächenverluste erleiden, es sei denn sie werden in
dem hohen Tempo niedergemacht, wie es in unserer Zeit geschieht. Nicht das Klima bedroht die
Wälder weltweit, sondern die Menschen mit nicht
nachhaltigen Nutzungen. Und dies betrifft nicht
allein die Wälder, sondern alle Naturräume der
Erde. Wie viel an Artenvielfalt am Ende des 21.
Jahrhunderts noch übrig sein wird, hängt ungleich
stärker von Ausbreitung und Intensivierung der
Landnutzung als vom Klima ab – bei uns in Mitteleuropa wie auch global.
Das zeigt sich bereits in den „Roten Listen der
gefährdeten Arten“, die bei uns sehr viele Spezies
enthalten, die doch eigentlich zu den Wärmebedürftigen zählen. Anstatt häufiger geworden zu
sein (wie nur einige wenige) nahmen ihre Bestände ausgerechnet in der (kurzen) Phase angestiegener Mitteltemperaturen seit den sechziger Jahren
ab. Doch in genau dieser Zeit stiegen der Einsatz
der Düngemittel und die Düngung aus der Luft
(s. o.) so stark an, dass die überdüngte Vegetation
seither immer schneller immer dichter aufwächst
– und damit im bodennahen Bereich feuchtkühle
Verhältnisse erzeugt.
Den ökologischen Befunden zufolge ist es daher
nur allzu verständlich, dass sich genau diese Arten,
die Zugang zu locker bewachsener Bodenoberfläche mit trockenen Verhältnissen brauchen würden,
zurückziehen oder ganz verschwinden; beispielhaft vertreten durch Feldhase, Rebhuhn und Feldlerche. Wo deren Bestände noch einigermaßen
„hoch“ geblieben sind, herrschen durchlässige Böden vor, die das Übermaß an Düngung nicht speichern oder lokal viel weniger davon abbekommen.
Es sind dies insbesondere Flächen in Ostdeutschland. Diese zeigen auch in Kartierungen des Artenreichtums beispielsweise in der Vogelwelt für ganz
Deutschland die größte Artendichte.
Die geringfügige Erwärmung des mitteleuropäischen Klimas seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
um etwa ein Grad Celsius bleibt zudem im jährlich

weit größeren Schwankungsbereich der Witterung
verborgen. Mit diesem Verlauf der Sommer- und
Winterwitterung müssen die Arten zurechtkommen, nicht mit einem statistischen Trend von Temperaturmessungen, wie sie die standardisierte
Meteorologie vornimmt (und vornehmen muss). In
Brusthöhe leben aber über den Wiesen und Feldern
überhaupt keine Pflanzen und Tiere, denn selbst
der Mais, der diese Höhe im Sommer erreicht und
übertrifft, keimt und wurzelt im Boden. Für Wälder
besagen die Werte von Wetterstationen gleichfalls
kaum etwas, weil die biologisch wichtigen Vorgänge im Kronen- und Wurzelbereich ablaufen und
weit mehr von den Niederschlägen und ihrer Verteilung über die Wachstumszeit abhängen als von
der Temperatur an sich. Daher stellen die Hinweise und Begründungen im Zusammenhang mit dem
Klimawandel für den Naturschutz eine Verschiebung der hier und jetzt notwendigen Maßnahmen
auf eine ferne Zukunft dar. Das ist für die Politik
ein probates Mittel, den ansonsten sich auftuenden
Konflikten auszuweichen, für das Anliegen des Naturschutzes aber gewiss die schlechteste Lösung.
Brauchen wir also einen neuen Naturschutz?

Ein neuer Naturschutz?
Ja, gewiss, ein neuer Naturschutz ist überfällig,
zumindest ein Neuanfang. Der bisherige, der in den
längst massiv wirtschaftlich gewordenen Interessen der „alternativen Energien“ zur Bekämpfung
des Klimawandels untergegangen ist, wird genau
das nicht mehr leisten können, wofür er einst angetreten war, nämlich die Natur in ihrer Vielfalt
und Schönheit zu schützen und zukünftigen Generationen zu erhalten. Mais- und Rapsfelder mit
Windrädern bis zum Horizont, von Stromleitungen
überzogene Wiesen und Weiden anstatt eines Netz­
werks von Ackerrainen haben mit Naturschutz
nicht nur nichts zu tun, sie sind das Ende von Natur!
Da lebt es sich für Pflanze, Tier und Mensch tatsächlich besser in der Großstadt. Nicht sie, nicht
die Ausweitung einer lebenswerten Lebenswelt der
Menschen ist die Bedrohung für die Artenvielfalt,
ja nicht einmal die Straßen und Industrieanlagen
sind es, sondern die voll industrialisierte Landwirtschaft als Energiewirtschaft. Was vordem konzentriert auf kleiner Fläche Energie lieferte, wird nun
ausgebreitet übers ganze Land. Stauseen, die zu
Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung und

39

zu Großrefugien für Wasservögel und am Wasser
lebende Säugetiere geworden sind, gelten in diesem Denken weiterhin als katastrophale Eingriffe
in den Naturhaushalt. Das Eigenurteil der Tiere und
Pflanzen, die dort in Form echter Urwälder wachsen, weil sie keinen forstlichen Eingriffen ausgesetzt sind (außer der Tätigkeit der Biber), zählt nach
wie vor nichts. Denn unsere Zukunft soll grün sein,
maisgrün, und silbern glänzen im Netzwerk von
Drähten, an denen Milan, Schwarzstorch und andere elektrokutiert werden, wenn sie vorher nicht
schon von Rotoren verhackstückt wurden.
Man ist gegen den Ausbau von Straßen, der Menschenleben retten würde, weil sich ein Grauspecht
davon gestört fühlen könnte, und sicherlich rar
gewordene Juchtenkäfer alias Eremiten werden
zur behördlichen Unterbrechung von Bahnhofsbaumaßnahmen missbraucht, obgleich sie in den
zweifellos nicht heimischen Platanen stecken. Diese Instrumentalisierung des Artenschutzes für ganz
andere Zielsetzungen, die mit Naturschutz nichts
zu tun haben, muss aufhören. Ersetzt werden sollte die Haltung von der Ehrlichkeit, dass wir Naturfreunde und Naturschützer es sind, die diese oder
jene Art, diesen Biotop erhalten wollen, weil wir
diese Lebewesen schätzen. Weil uns Natur sehr viel
bedeutet. Weil wir uns der Natur verbunden fühlen,
wie viele andere Menschen auch. Wir brauchen
keine Pseudo-Verwissenschaftlichung, sondern
nennen den Wald, den See, den mageren, artenreichen Hang, den wir erhalten sehen wollen, nicht
„Ökosystem Wald“… Weil es um uns und unsere
Kinder, nicht um die Rettung der Welt mit dem
schalen Ökosystembegriff geht. Aus Freude an der
Natur ist die Wertschätzung erwachsen. Sie hat
mindestens die gleiche Berechtigung wie Kultur,
Sport und andere Interessenslagen von Menschen.
Wir beanspruchen die gleiche Berücksichtigung,
denn die demokratische, durch das Grundgesetz
gestützte Grundordnung garantiert uns die Berücksichtigung unserer Interessen.
Es bedarf keiner entschuldigenden Begründung,
den Hirsch, eine Blume oder die Lerche als erhaltenswert zu empfinden. Die Natur in ihrer Vielfalt
und Schönheit erhalten zu wollen ist ein ehrenwertes Ziel, das sich moralisch nicht rechtfertigen
muss. Am Ergebnis seiner Bemühungen aber wird
sich der Naturschutz als behördliche Institution
und gesellschaftliche Kraft messen lassen müssen.
Das sollte insbesondere im Hinblick auf Verfügbar-

keit und Verwendung der Mittel geschehen, die
beiden zur Verfügung gestellt werden. Das Wichtigste besteht aber darin, die Menschen wieder
mehr an die Natur heranzuführen anstatt sie, wie
gegenwärtig, weitgehend auszusperren. Natur ist
genehmigungspflichtig gemacht worden. Das sollte so schnell wie möglich geändert und auf das
wirklich und nachweislich notwendige Maß zurückgenommen werden. Dann kann mit mehr Freude an der Natur diese auch wieder viel mehr Freunde gewinnen.
«

JOSEF H. REICHHOLF
war Leiter der Hauptabteilung Wirbeltiere an der
Zoologischen Staatssammlung in München und
lehrte als Professor für Naturschutz an der Technischen Universität München und an der LudwigMaximilians-Universität München. Er ist Botschafter der Deutschen Wildtier Stiftung.

LITERATUR
Crosby, A. W. (1986): Ecological Imperialism. The Biological
Expansion of Europe, 900 – 1900. – Cambridge Univ. Press,
Cambridge.
Mabey, R. (2010): Weeds. In Defense of Nature’s Most Unloved
Plants. – HarperCollins, London.
Nentwig, W. Hrsg. (2011): Unheimliche Eroberer. Invasive
Pflanzen und Tiere in Europa. – Haupt, Bern.
Odum, E.P. & H.T. Odum. (1959): Fundamentals of Ecology. W.B.
Saunders, Philadelphia.
Odum, H.T. & R.F. Pigeon eds. (1970): A Tropical Rainforest. –
Division of Technical Information, U.S. Atomic Energy
Commission.
Pearce, F. (2015): The New Wild. Why Invasive Species Will Be
Nature’s Salvation. – Icon, London.
Prigogine, I. (1992): Vom Sein zum Werden. – Piper, München.
Reichholf, J. H. (2007): Stadtnatur. – oekom, München.
Reichholf, J. H. (2008): Stabile Ungleichgewichte. – edition unseld,
Frankfurt.
Reichholf, J. H. (2005/2009): Die Zukunft der Arten. – C. H. Beck /
dtv, München.
Reichholf, J. H. (2010): Naturschutz. Krise und Zukunft – edition
unseld, Frankfurt.
Stugren, B. (1972): Grundlagen der allgemeinen Ökologie. –
Fischer, Jena.
Thompson, K. (2014): Where Do Camels Belong? The Story and
Science of Invasive Species. – Profile, London.
Tischler, W. (1955): Synökologie der Landtiere. – Fischer,
Stuttgart.
Weiss, V. (2015): Die rote Pest aus grüner Sicht. Springkräuter – von
Imkern geschätzt, von Naturschützern bekämpft. – Stocker, Graz.

»Z WISCHENRUFE«

40

N

aturschutz neu denken! Das tut
dringend Not in einer Welt, in der
wirtschaftliche Entwicklung auf
Kosten der Natur nicht nur allgegenwärtig
ist, sondern oft einfach hingenommen wird
und manchmal gar gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Exportzahlen, Autobahnen, Arbeitsplätze – alles ist immer
wichtiger als die Natur. Dabei können und
wollen wir ohne eine intakte Natur und die
Leistungen von Biodiversität und Ökosystemen nicht sein. Fernsehen, Autofahren, im
Internet surfen – auch das basiert alles letzten Endes auf Leistungen der und Rohstoffen aus der Natur.
Wir sind die erste Generation von Menschen, deren Eingriffe die Umwelt auf globaler Ebene verändern. Wir sind aber auch die
erste Generation, die die Bedeutung von
Natur verstanden hat und global handeln
kann. Wir brauchen einen neuen Diskurs, der
eine breite Zivilgesellschaft einbindet.
Naturschutz ist schon lange nicht m ehr nur
ein Thema für Tierfreunde. Naturschutz ist
die Basis allen wirtschaftlichen Handelns und
Garant für das friedliche Zusammenleben
von Menschen. Klima- und Ökokatastrophenflüchtlinge sind längst Realität, auch
wenn sie bisher selten so bezeichnet werden.
Bravo Deutsche Wildtier Stiftung, dass Sie
sich das Motto „Naturschutz neu denken“
auf die Fahne geschrieben haben. Schade
nur, dass die Rednerliste dieser Konferenz
nur ältere Herren aufzubieten hatte. Hatte
keine Frau, kein junger Mensch, kein Experte einer anderen Fachrichtung hier etwas zu
sagen gehabt? Ich glaube wohl – und freue
mich auf das nächste Treffen, wenn wir den
Blick über den Tellerrand schweifen lassen
und alle mit inspirierenden Ideen dazu nach
Hause gehen, wie wir ALLE Naturschutz neu
denken können.

Dr. Frauke Fischer
ist Biologin und lehrt an der Universität
Würzburg. Sie gründete 2003 die Agentur
„auf! – Die Nachhaltigkeitsexperten“.

Zielkonflikt:
Wald versus
Wild

B

ei der Debatte um Wald und Wild
geht es uns als Deutsche Wildtier
Stiftung nicht um das Wieviel. Solange die Populationsdichte natürliche
Verhaltensweisen wie zum Beispiel Rudelbildung zulässt, liegt die Höhe des Abschussplanes beziehungsweise der Population in der Entscheidung der Grundeigentümer. Uns geht es vielmehr um die Frage, wie
wir mit Rotwild umgehen und welches Leben wir ihm aufzwingen wollen. Wir fordern
Wildruhezonen und kurze Jagdzeiten, eben
weil sich Rotwild derzeit bei uns nicht natürlich verhalten kann. Und gemeinsam mit
einer scharfen Bejagung außerhalb der Wildruhezonen sind sie der Schlüssel, um Konflikte mit Rotwild zu entschärfen. Sie sind
jedoch auch das einzige Instrument, um die
Wildart auch für die Bevölkerung wieder
erlebbar machen.

Dr. Andreas Kinser ist Referent für Forst- und
Jagdpolitik bei der Deutschen Wildtier Stiftung.

41

Z

wei Themen möchte ich ansprechen. Erstens: Bürger
und Naturschutzgesetz. Es erscheint mir wichtig,
einen Dialog über die Zukunft des Naturschutzes
nicht nur mit der Bevölkerung zu initiieren, sondern auch
mit dem Gesetzgeber. Das betrifft nicht nur das Thema
„Erneuerbare Energien“, deren Ausbau nachweislich viel
Schaden an der heimischen Natur stiftet. Es betrifft auch
Gesetze, die den Umgang mit Natur im Kleinen betreffen.
Ein profundes Verständnis für die Natur rührt stets von eigenem, ganzheitlichem Erleben von Tieren und Pflanzen
und deren Lebensräumen. Während einst das Pressen von
Pflanzen, das Sammeln von Insekten oder das Beobachten
von gefangenen Wildtieren zur Standard-Beschäftigung vor
allem junger Menschen gehörte, sind diese Tätigkeiten heute gesetzlich weitgehend verboten. Dabei sind sich wohl die
meisten Fachleute einig, dass, abgesehen von wirklich seltenen Arten in Reliktpopulationen, die Entnahme von Individuen aus der Natur keinen signifikanten Einfluss auf die
Populationsgröße der Art hat.
Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass etwa im Rahmen
der ordnungsgemäßen Landwirtschaft oder des Gewässer­
unterhalts ganze Amphibienpopulationen beeinträchtigt
oder sogar beseitiget werden dürfen, während es Kindern
pauschal untersagt ist, Libellenlarven, Kaulquappen oder
Eidechsen zur Beobachtung auf der Fensterbank zu fangen.
Derartige das Naturverständnis fördernde Tätigkeiten folgen
Impulsen, die sich aus unvorhersehbaren Situationen ergeben. Etwa wenn man am Rande des Spazierweges auf eine
Pfütze voller austrocknender Kaulquappen stößt. Oder wenn
beim Pilzesuchen ein von jungen Waldeidechsen bevölkerter
Baumstumpf entdeckt wird. Die gesetzliche Möglichkeit der
Befreiung vom Entnahmeverbot schafft durch den damit
verbundenen Aufwand und das zeitraubende Genehmigungsverfahren große Hürden für Kinder und Erziehende.
Das zweite Thema, das ich ansprechen möchte, ist der Wert
von Wildnis. Häufig wird angenommen, dass vom Menschen
abwechslungsreich gestaltete, extensiv genutzte Landschaften eine große Biodiversität aufweisen. Da solche Landschaftsformen heute oft nicht der ökonomischsten Bewirtschaftungsweise entsprechen, kann man von
verhältnismäßig hohen Kosten ausgehen, die durch Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen entstehen.
Ihnen stehen oft Wildnisgebiete gegenüber, in denen natürlichen Prozessen freien Lauf gelassen wird. Als Beispiel
wird hier gern, so auch im Vortrag von Prof. Küster, der
Nationalpark Bayerischer Wald angeführt, in dem nach

Windwurf und Borkenkäferkalamitäten dem Wachstum
eines wilden Waldes Raum gegeben wird. Die dabei entstehende, vom Menschen unbeeinflusste Natur wird als
kostengünstig „zu haben“, aber auch als vergleichsweise
artenarm eingestuft.
Hierzu möchte ich anmerken, dass eine vom Menschen
unbeeinflusste Natur sich nur dann sinnvoll zu einer funktionalen Wildnis entwickeln kann, wenn alle Akteure des
jeweiligen Naturhaushaltes miteinander wechselwirken
können. Da die großen Pflanzenfresser in Europa flächendeckend ausgerottet und als ökologischer Faktor nicht
mehr vorhanden sind – oder, wie im Falle des Rothirschs,
in einer Art und Weise gemanagt werden (Bestandsregulierung, Gattern im Winter, Fütterung), die einen Einfluss
auf die neue Wildnis minimieren, fehlt der Faktor Pflanzenfresser im Wald. Erst durch ihr Fehlen werden Waldgebiete unter Prozessschutz zu dichten Strauch- und
Baumgesellschaften, die nur wenigen spezialisierten Tieren oder Blütenpflanzen einen Lebensraum bieten. Großtiere gestalten durch Schälen, Verbiss, Grasen, Offenhalten, Anlegen von Kotplätzen, Suhlen, Wechseln und
Trittsiegeln ihren Lebensraum in starkem Ausmaß. Solche
Gebiete beherbergen unter Umständen eine ähnlich große oder sogar eine noch größere Biodiversität als die extensiven Kulturlandschaften, weil sie sich in ihrem Mosaik aus Teillebensräumen und in ihrer Dynamik bis zu einem
gewissen Grad ähneln. Schon der Großtierkot hat das
Auftreten ungeheurerer Mengen von kotverarbeitenden
Käfern zur Folge, was wiederum in arten- und individuenreichen Vorkommen an Großfledermäusen, seltenen Vogelarten etc. resultiert.
Im Gegensatz zur Kulturlandschaft sind Wildnisgebiete mit
Großtieren als implementierten Landschaftspflegern nicht
nur günstig zu erhalten, sondern können gegebenenfalls
durch sanfte Jagd oder Safaritourismus auch Profit abwerfen.
In der Naturschutzplanung wird häufig der Begriff „Potentielle Natürliche Vegetation, PNV“ verwendet, wenn es um
die Abschätzung der Auswirkung von gestaltenden Maßnahmen in der Naturschutzplanung geht. Ich möchte anregen, zumindest bei der Planung und Einrichtung von Großschutzgebieten die „Potentielle Natürliche (Mega-)Fauna,
PNF“ zu berücksichtigen. Verschiedene Vertreter dieser
landschaftsgestaltenden Tiergruppe lebten einst wohl überall in Deutschland, so dass ihr Fehlen auch überall eine unnatürliche Landschaft beziehungsweise Vegetationsentwicklung zur Folge hat.

Jan Haft ist Tier- und Naturfilmer und Miteigentümer
der Produktionsfirma Nautilusfilm.

»Z WISCHENRUFE«

42

U

m eine Versachlichung der zukünftigen Naturschutzdebatte zu erreichen, muss der „Eigenwert der Natur“ als gesetzlicher Schutzzweck im Bundesnaturschutzgesetz gestrichen werden. Zunächst handelt es sich
um einen metaphysischen Fehler des Gesetzgebers. Die
Natur besteht aus einer Vielzahl belebter und unbelebter
Materie, die in ihrer Gesamtheit seit Beginn der Zeit einem
dauernden Wechsel unterworfen ist, lange bevor der
Mensch auftauchte. Aufgrund dieser Mannigfaltigkeit und
Veränderungstypik ist allein die Definition des Naturbegriffs
nahezu unmöglich. Diesen Begriff gleichsam zu einer Personenidentität („die Natur“) mit einem Individualwert zu machen, ist rechtsphilosophisch nicht haltbar. Werte außerhalb
des menschlichen Denkens gibt es in der Natur nicht. Im
Gegenteil liegt ihre Typik im dauernden Verfall bei gleichzeitiger Neuentstehung. Eine derartige Fehlwertung steht
außerdem im Widerspruch zum anthropozentrischen Verfassungsbild des Grundgesetzes, das zu Recht allen Wert

von Naturgütern aus den Interessen des Menschen als weltweit einzigem rechtsbeteiligten Wesen ableitet. Vor allem
aber hindert der Rechtsbegriff des Natureigenwertes die am
Naturschutz beteiligten Parteien an der Versachlichung ihrer
Debatte. Das Gefühl, für ein sprachloses, schützenswertes
Individuum zu streiten, weckt in der Naturschutzdebatte leicht
die Vorstellung, per se ethisch besser zu handeln, als Parteien
mit eigenen oder gemischten Interessen. Unter dem Gütesiegel altruistischer Interessenwahrnehmung wird leicht sachfremden Scheinargumenten und der Anmaßung eigener Deutungshoheit („Wir bestimmen, wie Natur aussehen soll“) ein
automatischer Vorrang gegenüber Drittinteressen eingeräumt.
Die Verbandsklage als Beteiligungsmodul der Naturschutzverbände bedarf einer solchen Zwecksetzung nicht, da sie
durchaus mit dem Selbstverständnis des Menschen und
seinen eigenen Interessen an einer von ihm als intakt empfundenen Umwelt und einer ästhetisch schönen Landschaft
begründet werden kann.

Dr. Florian Asche ist Autor, Rechtsanwalt, Kuratoriumsmitglied der Deutschen Wildtier Stiftung
und Vorstandsmitglied der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.

C

arsten Wilke formuliert aus Sicht der
Waldeigentümer den Anspruch, gegen Beschädigung des Waldes und
Minderung der Erträge durch Wildverbiss
geschützt zu werden. Ich meine, dass dem
mit einem ganz grundsätzlichen Hinweis auf
die im Grundgesetz postulierte Sozialbindung des Eigentums begegnet werden könnte und sollte: Wenn auch der Natur- und
Tierschutz in letzter Konsequenz dem Menschen zu dienen hat, dann müsste ein Ausgleich der hier kollidierenden Interessen
schon dadurch zu gewährleisten sein, dass
das Interesse (der Allgemeinheit) an einem
funktionierenden, maßvollen Natur- und
Tierschutz als ein öffentliches Interesse
definiert wird, das im Rahmen der Sozialbindung mit den Eigentümerinteressen
zum Ausgleich zu bringen ist.

Dr. Jörg Soehring
ist Rechtsanwalt und Mitglied des Präsidiums
der Deutschen Wildtier Stiftung.

H

aben wir mit dem Begriff „Landschaft“
tatsächlich das Paradigma eines neuen
Naturschutzverständnisses gefunden,
das alle romantischen Mystifizierungen der „Natur“, des „Naturhaushaltes“, des „natürlichen
Gleichgewichts“ hinter sich lässt? Hansjörg Küsters Vorschlag klingt verlockend. Die Kulturlandschaft, mit der wir es als Naturraum in Mitteleuropa zu tun haben, ist nun einmal das Ergebnis
menschlichen Wirkens und Austragungsort
menschlicher Interessenskonflikte. Dem muss
man sich Küster zufolge stellen und den Landschaftsschutz zum Verhandlungsgegenstand
machen. Niemand ist dabei der Sachwalter der
„wahren“ oder „eigentlichen“ Natur.
Mir ist das ein bisschen zu viel Nüchternheit
und Ernüchterung. Es sind nicht alle Ansprüche
an die Natur gleich legitim. Naturschutz muss
auch klar Partei ergreifen gegen menschliche
Nutzungsinteressen und Raum für natürliche

43

I

ch sehe den Naturschutz als Kulturaufgabe an. Da mir
das als ein ganz wichtiger Punkt erscheint, bin ich sehr
dankbar für den Vortrag von Prof. Küster. Wir haben
im Laufe der Zeit Naturschutzinstrumente entwickelt, die
alles mögliche nach vorne stellen, aber Landschaft und
Landschaftsbild zunehmend in den Hintergrund rücken.
Ein Käfer, ein Eremit, der in Gefahr gerät, kann ganze Bauprojekte verzögern. Da gilt ein einzelnes Tier bereits als
hartes Kriterium. Das Schutzgut Landschaftsbild geht in
solchen Abwägungsprozessen hingegen regelmäßig unter,
weil es bisher nur ein sogenanntes weiches Kriterium ist.
Darum finde ich es in diesem Zusammenhang auch nicht
ehrlich, wenn hier Waldbesitzer/Forst auf der einen Seite
und Jagdinteresse auf der anderen Seite über Wald vor
Wild oder Wild vor Wald diskutieren, und man sich im
Ergebnis lediglich einig zu sein scheint, dass „der Naturschutz“ irgendwie versagt, weil er sich angeblich nicht klar
genug auf die eine oder andere Seite schlägt. Ich bin es

Axel Steffen
ist Abteilungsleiter für Naturschutz im Ministerium
für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft
in Brandenburg.

Entwicklungen schaffen. Es gibt zwar für die „Natürlichkeit“ von Naturverhältnissen kein objektives Maß. Aber wenn wir uns nicht darauf einigen,
dass Artenvielfalt ein Wert an sich ist, brauchen
wir von Naturschutz nicht mehr zu reden.
Das ist kein Plädoyer für möglichst viel „Wildnis“. Biologisch bewirtschaftete bäuerliche Familienbetriebe sind für die Artenvielfalt wichtiger als Naturschutzgebiete. Dasselbe gilt für
eine naturnahe Forstwirtschaft. Soviel „Agrarromantik“ muss sein. Naturschutz ohne einen
grundlegenden Vorbehalt gegen die technische
Zivilisation läuft zumindest Gefahr, sich von
einem neuen grünen Industrialismus blenden
zu lassen. Die Dekonstruktion überkommener
Leitbegriffe des Naturschutzes darf nicht so weit
führen, dass die Liebe zur Natur verloren geht.
Und die Liebe ist, wie man weiß, rational nicht
zu erklären. Man muss etwas Vernünftiges daraus machen.

Eckhard Fuhr
ist Journalist und als solcher Korrespondent für
Kultur und Gesellschaft der WeltN24-Gruppe.

leid, dass man Naturschutzargumente immer nur dann und
soweit verwendet, wenn es zur Durchsetzung eigener Partikularinteressen gerade passt und ein davon losgelöstes
eigenes Naturschutzinteresse dahinter häufig gar nicht
existiert. DEN Naturschutz, den kann es im Übrigen überhaupt nicht geben, weil dies eine gesellschaftliche Aufgabe ist, die immer wieder neu ausgehandelt werden muss,
die notwendigerweise viele Facetten und Ansätze hat und
vor allen Dingen flächen- beziehungsweise situationsbedingt zu jeweils anderen vorrangigen Zielsetzungen vor
Ort führen kann. DER Naturschutz eignet sich ebenso wenig als Steigbügelhalter gegen den weiteren Ausbau der
Windenergie, wenn man eigentlich nur gegen die Notwendigkeit einer Energiewende als solche argumentieren will.
Leider haben das umgekehrt eine ganze Reihe grüner Landesminister auch nicht begriffen, die meinen, Naturschutzzielsetzungen gegen das übergeordnete Politikziel der
Energiewende ausspielen zu müssen.

A

rten haben unterschiedliche Ansprüche an ihre
Habitate, doch ebenso unterschiedlich sind die
Strategien der Populationen, die den Erhalt der
Art sichern. Häufigkeit ist dabei nicht nur Anzeichen des
Erfolges einer Art, sondern immanenter Bestandteil der
Populationsbiologie. Zunehmend konzentrieren sich
Artenschutzbemühungen auf die verschiedenen Schutzgebiete, die insbesondere in den letzten Jahrzehnten
von Kleinstflächen bis hin zu Nationalparks ins juristische
Leben gerufen wurden. Dabei werden oftmals Waldhabitate und kleinere Sonderstandorte geschützt, in denen
seltene Arten im Fokus stehen. Diese Bemühungen sind
durchaus erfolgreich für manche Arten, während viele
der häufigen Arten zunehmend in Bedrängnis geraten.
Ehemals subdominante bis dominante Arten insbesondere des Offenlandes durchlaufen einen anhaltenden
Sinkflug und sind bereits regional verschwunden. Wenn
beispielsweise zehn Prozent der Landfläche vorwiegend
mit Wald und Sonderstandorten geschützt werden,
nutzt dies etwa Arten der Agrarlandschaft nicht im Geringsten. Ursprünglich für die Inselbiogeographie begründet, besagt die These stark vereinfacht, dass kleinere Flächen weniger Arten beherbergen. Für das
Festland sind im Vergleich zu Inseln sicher weitere Faktoren zu berücksichtigen, aber die massive Reduktion
von Lebensraum führt auch hier mindestens zu Verlusten der Artmächtigkeiten. An den Beispielen Rebhuhn,
Feldlerche, Kiebitz – um nur einige wenige zu nennen
– wird bereits sehr deutlich, wie hilf- und bedeutungslos
ein Artenschutz ist, der sich nur auf eine geringe und
zudem sehr spezielle Auswahl von Habitaten beschränkt.

Dr. Daniel Hoffmann
ist Wildbiologe, Inhaber des Instituts für Artenschutz und
Wildtierforschung und Geschäftsführender Direktor der
Game Conservancy Deutschland.

44

» N AT U R S C H U T Z N E U D E N K E N U N D G E S TA LT E N «

Der Naturschutz
braucht die offene Debatte
Die Deutsche Wildtier Stiftung lud am 30. Oktober 2015
an den Pariser Platz in Berlin, um in einem Kreis von
Experten kontrovers und konstruktiv über Zielkonflikte im
Naturschutz zu diskutieren.
FOTOS: LUDWIG NIKULSKI

1

2

3

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8

[1] 	Konferenz mit Weitblick am Pariser Platz,
Sitz der Berliner Dependance der
Deutschen Wildtier Stiftung
[2]	 Dr. C
 hristiane Schell
[3] 	Albrecht Fürst zu OettingenSpielberg, Dr. Daniel Hoffmann
[4]	 Harry Neumann
[5] 	 Ralf Fücks
[6] 	 Lichthof des Allianz-Forums
[7] 	Dr. Jörg Soehring, Alice Rethwisch,
Prof. Fritz Vahrenholt, Michael Miersch
[8] 	Carsten Wilke, Hilmar Freiherr von
Münchhausen
[9] 	 Axel Steffen, Dr. Jochen Bellebaum

9

[10] 	Eckhard Fuhr, Prof. Josef H. Reichholf

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46

» N AT U R S C H U T Z N E U D E N K E N U N D G E S TA LT E N «

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3

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7

8

[1]	Prof. Hansjörg Küster bekommt wie alle Referenten
ein Präsent aus dem Gut Klepelshagen überreicht.
[2]	
Jan Haft
[3] 	 Jörg Nitsch
[4]	 Tim Taeger, Gregor Beyer und Hans-Caspar Graf zu Rantzau
[5] 	 Gabriele Neumann und Sylke Müller Althauser
[6] 	 Dr. Florian Asche
[7] 	 Dr. Andreas Kinser
[8] 	 Ivo Bozic, Dr. Frauke Fischer
[9] 	 Prof. Fritz Vahrenholt
[10] 	Till Meyer

9

10

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

Feinde im Wind
VON JAN-PHILIPP HEIN

Die Energiewende führt nicht nur zu Konflikten
zwischen Klima- und Naturschützern,
sie spaltet ganze Dörfer und Gemeinden. Immer mehr
Bürger laufen Sturm gegen die Errichtung von
Windkraftanlagen. Auf beiden Seiten wird dabei
zuweilen mit harten Bandagen gekämpft.

Foto: Shutterstock / giSpate

48

49

S

So könnte ein guter Lebensabend aussehen: Die Kinder sind
aus dem abbezahlten Haus, die Nachbarn nette Leute, der
große Garten ist gepflegt und der Blick von der Terrasse
geht auf einen bewaldeten Hügel. Helga und Dieter Jurkat
hatten es geschafft und freuten sich auf den Ruhestand.
Jedenfalls bis vor wenigen Jahren. Dann kam die Energiewende übers Land. Jurkats mussten den Kampf aufnehmen. Für ihren Hilsberg, eine Erhebung am Ortsrand von
Holzhausen, westlich von Marburg. Vier Windräder, so
erfuhren sie eines Tages, sollten dort gebaut werden, jedes
135 Meter hoch. Um das zu verhindern, investierten die
beiden Jurkats ihre ganze Freizeit in den Aufbau einer
Bürgerinitiative.
Der Kampf ging verloren. Sogar fünf Windräder drehen
sich jetzt rund um ihr Haus in Holzhausen. Doch die Mühlen haben nicht nur das Panorama verändert, sondern auch
das Klima vergiftet. Die Gemeinden am Hilsberg sind zerstritten. Knapp zwei Drittel der Einwohner Holzhausens
haben sich in der Bürgerinitiative engagiert. Als Feind
machten sie den Ort auf der anderen Seite des Hügels aus.
Die Windkraftanlagen wurden auf dem Terrain der benachbarten Gemeinde Bad Endbach errichtet, die sich
Einnahmen vom Betreiber ausrechnen konnte.
»

»

50

WINDKRAFTRÄDER IN DEUTSCHLA

ND
Jahr 2014

Bad Endbacher Lokalpolitiker warfen den renitenten
Holzhausenern vor, mit Äußerungen unter der Gürtellinie
die lang andauernde Krankheit des eigenen Bürgermeisters verursacht zu haben. Es war sogar von Bedrohungen
die Rede. „Feste feiere ich mit denen nicht mehr“, sagt
Ursula Bösser von der Bürgerinitiative aus Holzhausen.
Im Jahr 2000 standen weniger als 10 000 Windräder in
den deutschen Landschaften, Ende 2014 waren es nach
Zahlen des Bundesverbands Windenergie bereits knapp
25 000. Die installierte Windenergieleistung stieg dabei
von 6 000 auf knapp 40 000 Megawatt. Derzeit kommen
jährlich ein paar hundert Mühlen hinzu, die von Generation zu Generation höher und damit leistungsfähiger werden.
Doch es knirscht an vielen Ecken und Enden des Großprojektes Energiewende. Im Energiemix erlebt ausgerechnet die Kohle eine Renaissance, und nun wird das Großvorhaben auch noch zum sozialen Spaltpilz. Überall im
Land brechen Dorfgemeinschaften, Vereine und sogar
Familien auseinander. Der Widerstand gegen die Energiewende wächst, Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen schließen sich mittlerweile überregional zusammen.
Sie alle beklagen, dass die Energiewende ungerecht sei.
Die einen hätten als Windparkbetreiber Profite, die anderen ernteten den Lärm der Räder und eine „industrialisierte Naturlandschaft“. In der Wissenschaft ist das Thema
bereits angekommen. Marlon Hattemer schrieb an der
Mainzer Universität eine Diplomarbeit über erneuerbare
Energien und die resultierenden Konflikte: „Es ist schon
krass, was da passiert. Bürgermeister erhalten Morddrohungen und Windradbetreiber engagieren Sicherheitsdienste aus Angst vor Vandalismus“, sagt er. Die Entwicklung spaltet nicht nur Dörfer und Freundeskreise. Auch
Naturschutzverbände kommen in die Bredouille. 2012
verließ der Dirigent Enoch zu Guttenberg den BUND, den
der Vater des gescheiterten CSU-Stars Karl-Theodor 37
Jahre zuvor selbst mitbegründet hatte. Jahrelang hatten
die Naturschützer juristischen Widerstand gegen einen
Windpark am Wattenmeer geleistet. Doch nachdem der
Betreiber 800 000 Euro an eine BUND-nahe Stiftung zahlte, gab die Naturschutzorganisation ihren Widerstand auf.
Der Verdacht der Käuflichkeit stand im Raum, Guttenberg
trat aus Protest aus.
Bevor der Windkraftentwickler Juwi aus Rheinland-­
Pfalz Millionenverluste einfuhr, warb das Unternehmen
als Branchenprimus auf seiner Internetseite mit „vielversprechenden Aussichten“. Für die Aktivisten der Initiative
Soonwald war das Bild eines entstehenden Windparks im
Hunsrück damals wie ein Stich ins Herz. Mittlerweile sind
viele deprimiert. Nach und nach nahm Juwi Mühle um
Mühle im Hunsrück in Betrieb. Der Rotordurchmesser der
Anlagen vom Typ Enercon E-126 beträgt 126 Meter, die
Nabe dreht sich in 135 Meter Höhe.

Windräder in
Deutschland
WindenergieLeistung in Megawatt
40 000
Megawatt

knapp 25 000

Jahr 2000
6 000
Megawatt

etwa 9 500

51

Jörg Rehmann von der Initiative Soonwald scheut sich
nicht vor historischen Vergleichen: „Wir sind immer nur
ausgebeutet worden. Erst waren wir von den Franzosen
besetzt, dann lagerten die Amerikaner hier ihre Atomwaffen und haben uns beim Abzug verseuchte Böden hinterlassen, und jetzt soll unser schöner Wald geopfert werden,
damit in den Städten Energie verballert werden kann.“
Seine Mitstreiterin Sylke Althauser hatte sich vor gut zehn
Jahren am Rande des Soonwald-Örtchens Ellern ein altes
Forsthaus gekauft: „Nachdem ich gegen die Zerstörung
des Waldes protestiert habe, bekam ich anonyme Anrufe, in denen man mir drohte, meine Bude abzufackeln.“
Ihre Einkäufe macht Frau Althauser seitdem nicht mehr
in der Region.
Aber auch die Windkraftbefürworter mussten in der
Planungsphase einiges einstecken. Der mittlerweile ausgeschiedene Bürgermeister des Ortes, Dietmar Tuldi
(SPD), erstattete mehrfach Anzeige bei der Polizei, nachdem er Morddrohungen erhalten hatte: „So etwas habe
ich in 35 Jahren Kommunalpolitik nicht erlebt“, erzählte
er. Den Protest sah er als Inszenierung „gut betuchter und
zugezogener Rentner“.
Kleinkriege, wohin man blickt. In der Vulkaneifel hatte
Krimiautor Jacques Berndorf, der mit bürgerlichem Namen
Michael Preute heißt, in einem offenen Brief beklagt, dass
Gegnern von Windkraftanlagen „kranke Hirne“ attestiert
würden. Ein Aspekt, so Preute, komme in der Debatte
deutlich zu kurz: „Wenn wir in einem Land leben, in dem
jeder Blick über die Landschaft auf Riesenräder trifft, dann
können wir ganz sicher sein, dass unsere Häuser enorm
an Wert verlieren.“ So sind, anders als die „Wutbürger“ bei
Stuttgart 21, viele Windkraftgegner direkt betroffen. Immer wieder hört man von der Angst, dass die eigenen vier
Wände bald nur noch für „einen Appel und ein Ei“ verkauft
werden können.
In Schleswig-Holstein, 50 Kilometer nördlich von Hamburg, leben Jutta Reichardt und Marco Bernardi auf einem
ehemaligen Bauernhof: „Wir sind hier vor über 20 Jahren
hergekommen, um unseren Traum zu verwirklichen“, sagt
Reichardt. Jetzt, da in der Gegend ein Windrad neben dem
anderen steht, sei das Anwesen nur noch einen Bruchteil
wert: „So können wir das nicht mal verkaufen und wegziehen.“ Auf ihrer Internetseite windwahn.de haben Bernardi und Reichardt mittlerweile gut 700 Bürgerinitiativen
verzeichnet, die sich gegen Windkraftanlagen engagieren.
„Die Liste ist nicht vollzählig“, sagt Reinhardt.
Ihr Idyll, das sie mit 60 Tieren, darunter ein Hängebauchschwein und Truthühner, bewohnen, haben sie mit
500 Metern Zaun und sechs Kameras geschützt, nachdem
ihnen Sperrmüll und eine tote Katze in die Einfahrt gelegt
wurden. Anonyme Anrufe zählt das Paar schon nicht mehr.
Immer wieder wurden juristische Kleinkriege mit Leuten

aus dem Ort Neuendorf-Sachsenbande geführt. „Das hat
nur was mit unserem Widerstand gegen die Windräder zu
tun“, ist sich Reichardt sicher. Warum ist man deshalb so
verhasst? „Den Betreibern würden tausende Euro pro Jahr
durch die Lappen gehen, wenn wir erfolgreich wären“,
sagt Reichardt.
Matthias Willenbacher ist für Windkraftgegner so etwas
wie das personifizierte Böse. Er war Gründer und Vorstand
von Juwi, das kometenhaft aufstieg, dann abschmierte
und gerettet werden musste. Den Vorstand der Krisenfirma verließ Willenbacher im Frühjahr 2015. Seit Jahren
liegt gegen ihn eine Anklage beim Meininger Landgericht.
Die Staatsanwaltschaft Erfurt wirft Willenbacher vor, den
ehemaligen Innenminister von Thüringen, Christian Köckert, geschmiert zu haben. Der CDU-Mann habe 80 000
Euro bekommen und dafür – nach seinem Ausscheiden
aus dem Amt – Hilfestellung bei der Genehmigung von
Windparks gegeben. Köckert wurde bereits verurteilt.
Schon vor der Anklage war es extrem schwierig, mit
Willenbacher über die Schattenseiten der Energiewende
zu sprechen: „Ich will nicht, dass in der Öffentlichkeit der
Eindruck entsteht, Windkraft sei generell nicht gewünscht.“ Gegner würden das als Rechtfertigung miss­
brauchen, die Energiewende zu torpedieren. Der Juwi-Chef bestreitet die Akzeptanzprobleme nicht. Die seien
aber normal: „95 Prozent der geplanten Windprojekte
laufen völlig friedlich ab. Aber das wird nicht erwähnt.“
Schmerzhafte Veränderungen müssten den Leuten erklärt
werden. Und natürlich auch, wie wichtig Windkraft an
Land sei. Denn es geht ums große Ganze: „Wir sind in
Deutschland Vorbild für die Welt. Wenn wir die Energiewende nicht packen, wird es niemand machen. Wir haben
nicht mehr viel Zeit, die Zerstörung der Erde zu stoppen.“
Dass seine Branche nicht zimperlich mit Windkraftgegnern verfährt, hatte das Magazin „Focus“ bereits 2012
berichtet. Bei einem Seminar des Bundesverbands Windenergie riet ein Referent zu „Dirty Tricks“ im Umgang
mit Bürgerinitiativen: „Das ist ein Krieg und da müssen
Sie auch keine Scheu davor haben, zu unlauteren Mitteln
zu greifen.“
Die Holzhäuser Bürgerinitiative um Helga und Dieter
Jurkat kämpfte mit allen legalen Mitteln. Die Windkraftgegner dichteten sogar einen Hilsberg-Rap: „Aus die Maus,
Natur kaputt, Vögel tot und Wald im Schutt, Rodung war
jetzt angesagt, wurde wieder mal verjagt“. Am Ende gewannen doch die anderen. Sogar Verbündete auf der Seite der verfeindeten Gemeinde halfen nichts. Thomas
Christ, Inhaber einer Autowerkstatt aus Bad Endbach ließ
sich den Protest unter seinesgleichen viel kosten. „Wer mit
einen Pro-Windkraft-Aufkleber zu mir kommt, kann gleich
wieder vom Hof fahren. Solche Leute will ich nicht als
Kunden.“ Genutzt hat es nichts.
«

52

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

Werden Mensch und Natur Opfer
einer falschen Energiepolitik?
VON HARRY NEUMANN

Der Ausbau der Windkraft wird auf Kosten der Natur
durchgesetzt. Das bestehende Gutachtersystem basiert ebenso
wie die derzeitige Form der Bürgerbeteiligung auf vielen
Täuschungen und wird seiner Kontrollaufgabe nicht gerecht.

53

Um meinen Ansatz zu verstehen, muss ich vielleicht ein paar Worte zu mir sagen. Ich war, so haben Sie mich vorgestellt, Landesvorsitzender des
BUND in Rheinland-Pfalz. Von diesem Amt bin ich
im Dezember 2014 zurückgetreten, weil sich dieser
Verein einseitig der sogenannten Energiewende
verschrieben hat und den Natur- und Artenschutz
viel zu wenig berücksichtigt. Im Landesvorstand
des BUND Rheinland-Pfalz sitzt die Windindustrie
direkt am Vorstandstisch. Der Landesschatzmeister
ist gleichzeitig auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverbands Windenergie. Für
mich ist dieser Verband daher nicht unabhängig.
Deshalb habe ich mein Amt aufgegeben. Ich war
Montagsspaziergänger und habe die Anti-Atomspaziergänge für eine Energiewende mit Tausenden von Menschen im nördlichen Rheinland-Pfalz
organisiert. Ich bin aber auch Landschafts- und
Naturfotograf, Bergsteiger, Höhenbergsteiger, auch
im Achttausender-Bereich. Und ich bin in Wildnisgebieten dieser Erde unterwegs, gemeinsam mit
meiner Frau.
In Wildnisgebieten unterwegs zu sein, bedeutet,
sich seiner eigenen Begrenztheit bewusst zu werden. Wenn Sie sich dort mit eigener Kraft bewegen
und sich eigenständig ernähren müssen, und das
über mehrere Wochen und Monate, wenn die elementarsten Ereignisse hautnah an Sie herankommen, „körperlich“ werden, dann bekommen Sie zur
Natur ein unmittelbares Verhältnis. Vielleicht liegt
es an diesen Erlebnissen, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die Natur einen Wert an sich hat.
Mein hauptsächliches Interesse ist es, die Schöpfung zu bewahren. Ich habe kein monetäres, sondern ein emotionales und vertrauensvolles Verhältnis zur Natur. Den Wert von Natur, von Biodiversität oder von Landschaft sollten wir zukünftig stärker in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen. Ich bin außerdem der Meinung, dass
wir nicht nur den konventionellen Natur- und Artenschutz, so wie er auch in der Gesetzgebung vorgesehen ist, zu betrachten haben, sondern ebenso
das Landschaftsbild als „ästhetische Ressource“,
als Wert an sich, als spirituelle Dimension, die wir
als Menschen auch zum Überleben brauchen.
Ich möchte ein paar Beispiele aufzählen, die für
mich zum Ausdruck bringen, wo es gerade beim planlosen Ausbau der Windindustrie völlig falsch läuft.

Die Untersuchungs- und
Genehmigungspolitik
BEISPIEL EINS:
Im Hunsrück, Rheinland-Pfalz, sollte im Frühjahr
2015 in Ebschied ein „Windpark“ im Wald gebaut
werden – wobei ich denke, man sollte den Begriff
„Windpark“ nicht verwenden, sondern von dem
sprechen, was es wirklich ist: ein Windindustriegebiet im Wald. Es wurden dabei keine wissenschaftlich fundierten Gutachten erstellt. Raumnutzungsanalysen fehlten, veraltete Daten wurden
in unzulässiger Weise „zusammengefasst“. Man
könnte auch sagen, die Genehmigung wurde zurechtgebogen. Ein Schwarzstorchhorst wurde
nicht gefunden, ein anderer Horst, der im Jahre
2012 vom NABU bereits gemeldet worden war,
wurde von der Genehmigungsbehörde ganz einfach nicht berücksichtigt. Der Genehmigungsbescheid wurde schließlich vom Kreisrechtsausschuss, der bei derselben Genehmigungsbehörde,
der Kreisverwaltung, angesiedelt ist, wegen
Rechtswidrigkeit aufgehoben.
BEISPIEL ZWEI:
In der Verbandsgemeinde Birkenfeld, Rheinland-­
Pfalz, in der Nähe zum Saarland, wurden von den
Gutachterbüros der Windindustriefirmen ganze
zehn Rotmilanhorste und ein Schwarzstorchhorst
nicht gemeldet. Dies mussten dann Naturschützer
vor Ort übernehmen. Hier wurden nach Aufhebung
des Planvorbehaltes durch die Verbandsgemeinde
so viele Windindustrieanlagen beantragt, dass einschließlich der schon bestehenden Anlagen sich
eine Dichte von fast 100 Anlagen auf etwa 160
Quadratkilometern ergäbe – dies ist in einem
Schwerpunktgebiet der Rotmilanverbreitung völlig
verantwortungslos. Durch über 40 schon bestehende beziehungsweise genehmigte Windindustrieanlagen ist die lokale Rotmilanpopulation schon
jetzt gefährdet, so wie in Brandenburg auch. Die
Anlagen, die hier geplant waren, sollten zudem bis
zu 680 Meter an die Wohnbebauung heranreichen.
Auch in vielen anderen Regionen Deutschlands ist
die lokale Population von Rotmilanen, für die wir
weltweit eine sehr hohe Verantwortung haben,
bereits gefährdet. Dort wird das Gebot, den »

54

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

Erhaltungszustand nicht nur nicht zu verschlechtern, sondern zu verbessern, einfach nicht beachtet.
Besonders in Rheinland-Pfalz wird diese Verpflichtung nicht eingehalten, aber auch anderswo. Hier
müssen wir als Naturschützer einschreiten, hier
müssen wir uns für den Naturschutz und für den
Artenschutz einsetzen. Dies müssten insbesondere
die sogenannten Naturschutzverbände leisten, sie
tun es aber weitestgehend nicht. Stattdessen treffen
sie sogenannte Vereinbarungen mit der Windindustrie: „Windenergie und Naturschutz sind vereinbar.“ Sie sind es aber nicht.

Ich habe kein monetäres,
sondern ein emotionales und
vertrauensvolles Verhältnis
zur Natur.«
BEISPIEL DREI:
Im Landkreis Haßberge, Bayern, sollten sechs Windkraftanlagen nur 80 Meter von einem bebrüteten
Schwarzstorchhorst entfernt ­gebaut werden. Ein
Urteil des Verwaltungsgerichts Würzburg vom
März 2015 hat hier exemplarisch die bayern- und
deutschlandweit sehr häufigen Verstrickungen und
Befangenheiten der Genehmigungsbehörden, der
Landratsämter (hier in der Person des Landrates),
in Form von Energie- und Bürgerwindgenossenschaften oder sonstigen Gesellschaftsformen des
bürgerlichen Rechts ans Licht der Öffentlichkeit
gebracht. Das Gericht attestierte der Genehmigungsbehörde „schlampiges“ Arbeiten. Es gab erhebliche Verfahrensfehler. Im Rahmen der sogenannten SAP, der speziellen artenschutzrechtlichen
Überprüfung, wurde ein Schwarzstorchhorst ganz
einfach „übersehen“. In dem Urteil ist von einer
„Befangenheit“ zwischen der Genehmigungsbehörde, dem Landratsamt und der Person des Landrates wegen eigener Beteiligungen an Windradplanungen die Rede. Dieses Urteil war eine schallende
Ohrfeige für die Genehmigungsbehörde. Solche
Verstrickungen sind leider kein Einzelfall. Mittlerweile ist das Urteil allerdings vom bayerischen
Verwaltungsgerichtshof kassiert worden. Das
Hauptverfahren steht noch aus.

EIN WEITERES BEISPIEL:
„Roter Kopf“ im Westerwald, im nördlichen Rheinland Pfalz, dort, wo ich herkomme. Der beauftragte Gutachter findet den Schwarzstorchhorst mit
drei Jungtieren nicht. Die Anlagen sollen 900 Meter vom Horst entfernt errichtet werden. Die Fachkonventionen empfehlen 3 000 Meter. Gegen diesen Genehmigungsbescheid haben mehrere
Verbände Widerspruch eingelegt, und erst daraufhin hat die Genehmigungsbehörde ein sogenanntes
Schwarzstorchmonitoring beauftragt. Und zwar
beim selben Gutachter, der den Schwarzstorchhorst
nicht gefunden hatte. Nun ist es unschwer zu erraten, welches Ergebnis die neue Schwarzstorchuntersuchung desselben Gutachters hatte, nämlich,
dass es für den Schwarzstorch keinerlei Beeinträchtigung gebe.
Zur hohen Störungssensibilität des Schwarzstorches wäre noch Folgendes zu sagen: Am Vogelsberg in Hessen ist die Anzahl der Brutpaare um 66
Prozent zurückgegangen, seitdem dort über 170
Wind­industrieanlagen stehen: von 14 bis 15 auf
jetzt fünf Brutpaare. Am Schwarzstorch-Brutplatz
Helpersheim, ebenfalls im hessischen Vogelsbergkreis, wurden 2011 sieben Windindustrieanlagen
errichtet. Hier wurden aufgrund der „Gutachten“
„beispielgebende“ Ausgleichsmaßnahmen festgelegt. Das Ergebnis sieht allerdings so aus: Nachdem
der Horst zwischen 2007 und 2011 jährlich vie­r
Jungvögel hervorgebracht hatte, ging der Bruterfolg ab 2012 auf ein bis zwei Jungvögel zurück.
Seit 2014 gibt es keinen Bruterfolg mehr und der
Horst ist verwaist.
In Niedersachsen wird ein sogenannter Windpark von drei Schwarzstorchpaaren mittlerweile
komplett gemieden. Der NABU in Schleswig-Holstein ist 2014 zu dem Ergebnis gekommen,
dass in 90 Prozent aller Fälle bei den Planungen
von Windkraftanlagen Konflikte verharmlost werden. Die klare Aussage lautet: Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel!

Die neuen Ausnahmen und Auswüchse
Und wo wir gerade bei Regeln und Ausnahmen
sind, will ich noch das Stichwort „CEF-Maßnahmen“ erwähnen. CEF-Maßnahmen sind eigentlich
Ausnahmeregelungen nach dem Bundesnaturschutzgesetz, aber diese Ausnahmen sind zur Regel
geworden. Die ganzen Erlasse, Verordnungen, sogenannte „Naturschutzfachliche Rahmen“, haben

55

sich zu Instrumenten zur Umgehung des Natur- und
Artenschutzes entwickelt. Sie haben nur ein Ziel:
Den Bau von Anlagen zu ermöglichen. Hier stimmt
etwas nicht im ganzen System. Wir haben es beim
Ausbau der Windenergie mit Auswüchsen in einem
neuen politisch-industriellen Komplex zu tun. Wir
haben zerstörte Rotmilan- und Schwarzstorchhorste. In Birkenfeld, von dem eben die Rede war, ist
einer dieser Rotmilane vor kurzem nachgewiesenermaßen vergiftet worden. Wir haben das Anlegen neuer Rückgassen unter Horstbäumen, eine
gezielte, langanhaltende Störung von Schwarzstörchen, Holzfällarbeiten in unmittelbarer Nähe von
Horstbäumen, Kulturarbeiten, und zwar ganzjährig, vor allem Freischneiden von Aufwuchsflächen,
und wir haben den Ausbau von Waldwegen für
Windindustrieanlagen, obwohl die Genehmigungsverfahren überhaupt noch nicht laufen. Menschen
werden unter Druck gesetzt und auch bedroht,
Förster bekommen Maulkörbe und Disziplinarverfahren, Verantwortliche Politiker äußern sich naturschutzfachlich und fachwissenschaftlich völlig
untragbar, die Mitarbeiter der Fachabteilungen in
den Behörden können nicht ohne massive politische Einflussnahme der Hausspitzen arbeiten und
entscheiden.

Interessenkonflikt. Denn Investoren und Projektierer sind es, die die Gutachten in Auftrag geben.
Selbstverständlich sind das dann zielorientierte
Gutachten. Meines Erachtens müsste es umgekehrt sein: Der Staat müsste die Gutachten in Auftrag geben, völlig objektiv und neutral, und die
Firmen müssten sie bezahlen. Allerdings bezweifle ich, dass es dadurch besser wird, denn der Staat
ist ja zum Teil dieses Systems geworden. Vielleicht
würde es sogar noch schlimmer.
Dazu kommt: Die Fachkonventionen, an allererster Stelle das „Helgoländer Papier“, werden nicht
eingehalten. Im Gegenteil, es wird alles versucht,
diese auszuhebeln. Eine neue Einrichtung hierzu
ist die „Fachagentur Windenergie an Land“, ein
„gemeinnütziger“ Verein, der versucht, dies „gutachterlich“ zu untermauern. Die Untersuchungen
sind auch viel zu kleinräumig. Wir sezieren, wir
analysieren nur im Kleinen, wir sehen Natur »

NEUER NATURSCHUTZVERBAN

D

Die Gutachtergesellschaft
Aber es ist eben keine Ausnahme: Wenn Gutachten
nicht passen, werden neue beauftragt. Oder Gutachten verschwinden in der Schublade, weil sie
nicht zu dem gewünschten Ergebnis führen. Sie
tauchen gar nicht auf, es werden einfach neue
beauftragt, und die kommen zu anderen Ergebnissen. Gutachterbüros bekommen Erfolgsprämien, wenn sie dafür sorgen, dass die Anlagen trotz
der hohen naturschutzfachlichen Restriktionen
ermöglicht werden.
Deswegen nenne ich diese Gesellschaft, in der
wir uns befinden, auch die „Gutachtergesellschaft“.
Gutachter werden nämlich zu Planern. Vielleicht
können sie gar nicht anders. Auch Gutachter haben
Familien zu ernähren und sind existenziell auf Folgeaufträge angewiesen. Sie werden zwangsläufig
zum Teil des Systems. Ich kenne Gutachter, die das
Spiel nicht mitmachen, die keine „Windenergiegutachten“ mehr erstellen und auch keine mehr
zur Biomasse oder zur Freiflächenfotovoltaik. Der
Fehler liegt nämlich im System: Gutachter stehen
unter Druck und befinden sich grundsätzlich im

Ende August 2015 hat Harry Neumann mit einigen engagierten Mitstreitern eine neue Organisation gegründet. „Naturschutzinitiative
e. V.“ versteht sich selbst als „Angebot für Menschen, die sich als engagierte Naturschützer
besonders für den Schutz von Wildtieren, Lebensräumen sowie für windkraftfreie Natur-/
Kulturlandschaften und Wälder einsetzen
möchten“. Die Initiative ist bisher in Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen
aktiv, möchte sich jedoch bundesweit organisieren.
Der gemeinnützige Verein sieht sich als Alternative zu anderen etablierten Umweltschutz­
organisationen und legt besonders viel Wert
darauf, politisch und wirtschaftlich unabhängig
zu sein. Er betont: „Der Erhalt unserer Landschaften und des Landschaftsbildes sowie deren Ästhetik sind für uns wichtige Natur- und
Kulturgüter.“
Mehr Informationen im Internet:
www.naturschutz-initiative.de
Kontakt: info@naturschutz-initiative.de

56

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

isoliert und nicht dynamisch, nicht in großen Zusammenhängen, in großen Räumen und schon gar
nicht in großen Zeiträumen. Es werden keine Summations- und Kumulationswirkungen auf die Biodiversität und auf große Landschaftsräume betrachtet. Erschwerend kommt noch hinzu: Es
werden Windanlagen in einzelnen Gebieten untersucht, aber nicht, wie es mit den Wechselbeziehungen zu anderen Windindustrieanlagen aussieht,
mit den Wechselwirkungen mit Biomasseanlagen,
mit Freiflächenfotovoltaik, mit der Vermaisung der
Landschaft etc. Alles das wird nicht in einem großen ökologischen Zusammenhang betrachtet.

Die Ermöglichungsgesellschaft
Und die Bürger? Sie sind im Grunde wehrlos. In der
Regel werden hinter verschlossenen Türen vollendete Tatsachen geschaffen. Hier findet keine demokratische Beteiligung der Bevölkerung statt. Es gibt
höchstens eine Art Scheinbeteiligung. Ich zitiere
aus einem Schriftwechsel zwischen einem Auftraggeber und einem Gutachter. Da bekommt der Gutachter den Auftrag, den Satz „Die bisher vorhandenen Konf likte können mit hoher
Wahrscheinlichkeit durch kleinräumige Verschiebungen der Anlage vermieden werden“ zu ersetzen
durch eine andere Formulierung, die vorteilhafter
ist: „Die bisher gutachterlich nicht auszuschließenden potentiellen Konflikte...“ Sie sehen, hier wird
die eigentliche Aussage durch semantische Tricks
in ihr Gegenteil verkehrt.
Wir haben eine planlose Flächenfreigabe. Ich bin
der festen Überzeugung, wenn wir mindestens eine
bundesweit gesteuerte und qualifizierte Planung
mit klaren Ausschlussgebieten als Vorrangflächen
für den Naturschutz und mit klaren Abständen zu
den Dörfern hätten, gäbe es nicht all diese Konflikte. In Deutschland existieren bereits über 1 000
Bürgerinitiativen gegen Windindustrieanlagen.
Wir haben Unfrieden in diesem Land. Hier werden
Menschen gegeneinander ausgespielt, Dörfer gegeneinander ausgespielt. Hier klagen Bürger gegen
Genehmigungsbehörden, gegen Betreiber. Hier
klagen sogar Verbandsgemeinden gegen die Landesregierung. Hier ist ein Fass aufgemacht worden,
ein Fass ohne Boden.

Es kommt zu einer Verlagerung auf die kommunale Bauleitplanung, das fördert Wildwuchs
und eine ungezügelte Goldgräberstimmung. Das
Naturschutzrecht wird ganz gezielt ausgehebelt.
Wir erleben Dammbrüche in fast allen Natura-2000-Schutzgebieten, in Landschaftsschutzgebieten und in Naturparks, die zumeist der „Erholung in der Stille“ gewidmet sind. Eigentlich sind
nur noch Nationalparks und Naturschutzgebiete
geschützt. Und auch da besteht die Gefahr, dass sie
plötzlich außerhalb ihrer Schutzgrenzen umgeben
sind von Anlagen, die dort nicht hingehören.
Frank Drieschner bringt das System in der Zeit
vom 4. Dezember 2014 auf den Punkt: „Rund um die
Branche der Erneuerbaren ist in den vergangenen
Jahren ein regelrechter politisch-industrieller Komplex herangewachsen. In seinem Einfluss ist er wahrscheinlich nur dem Geflecht zwischen Staat und
Atomwirtschaft im vergangenen Jahrhundert vergleichbar.“ Und deswegen sage ich auch, wir müssen
ehrlich miteinander umgehen, ehrlich unsere Interessen benennen. Dann sollen diejenigen, die Windindustrieanlagen bauen möchten, doch ganz einfach sagen, dass genau dies ihr Interesse ist. Sie
sollen aber nicht den Klimaschutz oder gar den Naturschutz vorschieben, denn darum geht es nicht. Es
geht nicht um Klima- oder Naturschutz, sondern
ganz alleine um das Abgreifen von Subventionen und
darum, auf Kosten der Konsumenten, der Steuerzahler und der Stromkunden Geld zu verdienen.
Ich habe anfangs von meiner eigenen Biografie
berichtet und Sie sehen nun, dass ich eine große
Desillusionierung erfahren habe. Ich habe einst an
die Energiewende geglaubt, als ich zwei Jahre lang
dafür auf die Straße gegangen bin. Ich war der Organisator und „Anführer“ dieser Demonstrationen.
Ich war überzeugt, das Richtige zu tun. Doch wir
müssen heute feststellen: Wir haben uns bei dieser
Art der Energiewende geirrt. Trotz des Baus von
25  000 Windindustrieanlagen haben wir noch
nicht ein einziges Gramm CO2 eingespart. Im Gegenteil, der CO2-Austoß steigt mit jeder weiteren
Windindustrieanlage. Und unser möglicher Beitrag
zur „Rettung des Weltklimas“ geht gegen Null. Dabei betreiben die Protagonisten dieser Art der Energiewende nichts anderes als sogenannten Klimaschutz durch Naturzerstörung. Und als besonders
schlimm empfinde ich die Entmündigung der Bürger unter dem Deckmantel der „Bürgerbeteiligung“. Peter Sloterdijk nennt das „die Bürgerausschaltung in Demokratien“.

57

Die Vereinbarkeitslüge
Die Vereinbarkeitslüge lautet: Es ist alles miteinander vereinbar, es kann alles kompensiert, es kann
alles ausgeglichen werden. Wir müssen nur diese
und jene Maßnahmen ergreifen, irgendwelche
Aufwertungen, Kompensationsmaßnahmen, ein
Fledermausmonitoring. Wir können die Natur „managen“. Dies entspringt unserer omnipotenten Respektlosigkeit der Schöpfung gegenüber. Die Erfahrungen zeigen uns aber ein anderes Bild:
Fledermausmonitorings sind unrealistisch und
wirkungslos, die Umsetzung anderer Auflagen in
den Genehmigungsbescheiden werden nicht kontrolliert oder haben keine Konsequenzen.
Wir müssen auch die Flächenvorgabe in den
Blick nehmen: Zwei Prozent der Fläche können 100
Prozent unserer Landschaften zerstören. Ich halte
das Flächenziel daher für falsch. Viele Bundesländer haben das Zwei-Prozent-Ziel, aber dieses Ziel
ist auch nicht abschließend definiert, es ist nämlich
nach oben offen. Es gibt bereits Gemeinden, in denen die ausgewiesenen Potenzialflächen bei über
acht Prozent liegen. Das ist eine Katastrophe für
die Landschaft, für die biologische Vielfalt und für
uns Menschen. Es überfordert uns ganz einfach.
Die großen Leistungen der Biodiversität selbst für
Natur-, Arten- und Klimaschutz werden im Übrigen
völlig ausgeblendet. Dass auch Naturschutz Klimaschutz ist, wird nicht mehr erwähnt. Es wird in
einer Art religiöser, ideologischer Überhöhung eine
perfide und die Menschen verdummende Analogie
entwickelt: Windenergie = Klimaschutz = Naturschutz. Das ist nicht nur unredlich, sondern auch
falsch. Es ist mein Interesse mitzuhelfen, dass auch
die Leistungen der Natur, der biologischen Vielfalt,
der Wälder, der Moore, der Landschaften und auch
der Landschaftsästhetik wieder erkannt und anerkannt werden. Auch Landschaftsästhetik und unverbaute weite Blicke sind für uns Menschen von
existentieller Bedeutung.
Das ist auch einer der Gründe, warum Sie in der
Touristik keine Prospekte, keine Flyer von Urlaubsgebieten mit Windrädern sehen, sondern nur schöne,
romantische, wunderbare, unverbaute Landschaften.

Das Biodiversitätsdesaster
Die Deutsche Wildtier Stiftung ist in der Studie
„Windenergie im Lebensraum Wald“ von Klaus
Richarz (2014) zu klaren Ergebnissen gekommen:
Der naturschutzfachlich unkontrollierte Ausbau
der Windenergie gefährdet die Ziele des Arten-

und Naturschutzes. Der Wachstumskritiker Niko
Paech spricht von einer „Naturwende“ und dass
die eigentlich wichtigen Punkte, nämlich das Einsparen von Energie und die Veränderung unserer
Lebensstile, völlig ausgeblendet würden. Ja, über
unsere ausufernden und unnötig ressourcenverbrauchenden Lebensstile müssen wir auch sprechen, das wird kaum noch thematisiert. Stattdessen wird uns nur noch das Märchen vom „grünen
Wachstum“ erzählt.
Nicht unerwähnt bleiben darf Martin Flade. Er
hat schon 2012 in der „Vogelwelt“ darauf hingewiesen, dass sich die Energiewende derzeit immer
mehr als eine der größten Gefahren für den Schutz
der biologischen Vielfalt entpuppe. Das ist sein abschließendes Urteil. Und deswegen sage ich: Was
wir brauchen, ist eine Naturwende: Eine Wende
dieser unsäglichen „Energiewende“ hin zu den
Leistungen der Natur, die diese uns schenkt. Auch
sie schickt uns keine Rechnung. Damit unsere natürlichen Lebensgrundlagen und Landschaften
nicht weiter zerstört werden, damit die Bedeutung
der Biodiversität auch für den Klimaschutz wieder
zur Geltung kommt. Und damit aus dieser Energiewende nicht ein noch größeres Desaster für die
Biodiversität wird. Lassen Sie mich abschließen mit
dem Bergsteiger Reinhold Messner, der das Desaster auf den Punkt bringt: „Die Energiewende ist
unsinnig, wenn sie genau das zerstört, was sie eigentlich schützen will, nämlich die Natur!“
«

HARRY NEUMANN
war bis Dezember 2014 Landesvorsitzender
des BUND Rheinland-Pfalz. Wegen Meinungsverschiedenheiten und Konflikten zum Thema Windkraft und Naturschutz innerhalb des Verbandes
trat er von seinem Amt zurück.

58

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

Klimaschutz ist
nach­haltiger Naturschutz
VON RALF FÜCKS

Der Klimawandel ist die größtmögliche Gefährdung
biologischer Vielfalt auf diesem Planeten, der Umstieg auf
Erneuerbare Energien daher unumgänglich. Ein Konsens
über Standortkriterien für Windkraftanlagen ist möglich.

59

Eine Botschaft, die ich aus dem Programm zu
dieser Veranstaltung herausgefiltert habe, scheint
mir zu lauten: Naturschutz contra Energiewende,
Landschaftsschutz und Artenschutz contra Windkraft. Das wäre aus meiner Sicht eine ziemlich abwegige Botschaft, was nicht heißt, dass es da keine
Zielkonflikte gibt. Damit ein bisschen klarer ist, vor
welchem biografischen Hintergrund ich rede, zunächst ein paar Worte zu mir: Ich war in Bremen
Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz
in einer Ampelkoalition, die ein halbes Jahr vor
Ablauf der Legislaturperiode in die Luft geflogen
ist, und zwar über einen Dauerkonflikt um die Flächenpolitik. Der Auslöser für das Scheitern der
Koalition war die sogenannte Piepmatzaffäre. Es
ging um Schutzgebiete nach der europäischen Vogelschutzrichtlinie, die in Gewerbeflächen umgewandelt werden sollten. Ich würde also reklamieren, dass ich eine Geschichte habe, wenn es um
Landschafts- und Artenschutz geht. Und gerade
deshalb rate ich dringend, aus dieser Entgegensetzung herauszufinden.

Pilotprojekt Deutschland
Fangen wir mit der Ratio der Energiewende an. Im
vorhergehenden Beitrag von Harry Neumann erschien es so, als wäre sie das Projekt einer geldgierigen Mafia. Nun kann es schon sein, dass es in
diesem Metier, wie überall in der Wirtschaft auch,
Leute gibt, denen es vor allem ums Geld geht. Aber
die Rationalität der Energiewende darauf zu reduzieren, dass sie zu einer Geldmaschine für Leute
im Solar- und Windbusiness geworden ist, das ist
hanebüchen. Womit hat das alles begonnen? Mit
dem Widerstand gegen die Atomkraft. Dieser war,
gesellschaftlich gesehen, die Triebkraft, die Hunderttausende für eine andere Energieversorgung,
eine andere Energiewirtschaft auf die Beine gebracht hat. Hinzu kam dann seit den achtziger Jahren ein neues, entscheidendes Motiv, nämlich der
Klimawandel. Auch dazu habe ich einen gewissen
biografischen Bezug. Ich gehörte bei den Grünen
zu denen, die 1990 einen Bundestags-Wahlkampf
aus der Taufe gehoben haben, der uns fast die Existenz gekostet hat. Unser Slogan war damals, im
Jahr der Wiedervereinigung: „Alle reden von Einheit, wir reden vom Wetter.“ Das war der erste Klimawahlkampf, der in Deutschland geführt wurde.
Dummerweise lagen wir damit neben dem, was die
Leute damals bewegt hat.

Folgt man den einschlägigen Studien, ist der
Klimawandel die größte Gefährdung biologischer
Vielfalt auf diesem Planeten. Die von der Erderwärmung ausgelösten Umweltveränderungen entziehen vielen Arten die Lebensgrundlagen, und das
Tempo dieser Veränderungen ist zu hoch für eine
evolutionäre Anpassung vieler Tiere und Pflanzen.
Allein für die Bundesrepublik droht der Verlust von
bis zu einem Drittel der angestammten biologischen Arten, wenn es nicht gelingt, den Klimawandel in grade noch beherrschbaren Grenzen zu halten, also unter zwei Grad Celsius. Dazu kommen
die Auswirkungen auf die Existenz von Milliarden
Menschen, deren Lebensgrundlagen durch den
Klimawandel bedroht sind: Anstieg des Meeresspiegels, schwere Unwetter, Ausbreitung von
Trockengebieten, Hitzewellen etc. Klimaschutz ist
vor allem Menschenschutz. Wenn man das ernst
nimmt, dann ist die entscheidende Antwort auf den
Klimawandel der Ausstieg aus fossilen Energien,
also die Dekarbonisierung unserer Ökonomie. Im
Kern heißt das, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts
zu einem weitgehend CO2-freien Energiesystem
kommen müssen. Das erfordert den Ausstieg aus
der Kohle, in weiten Bereichen auch aus Öl und
mittel- und langfristig sogar aus Erdgas. Positiv
gesprochen: Wir müssen die Energieversorgung
auf erneuerbare Energien umstellen. Dabei geht es
um mehr als Solar- und Windenergie, aber auf absehbare Zeit sind dies die beiden wichtigsten, übrigens auch die kosteneffizientesten Elemente.
Haben Sie eine andere Antwort auf den Klimawandel als den Umstieg auf erneuerbare Energien? Eine
andere Antwort für die künftige Energieversorgung einer wachsenden Weltbevölkerung?
Alternative Energien sind der Schlüssel, wenn
man es mit dem Klimawandel ernst meint. Das gilt
erst recht, wenn man die globale Entwicklung im
Auge hat. Ich war vor ein paar Wochen in Indien
und habe mit den exzellenten ökologischen Think­
tanks geredet, die es dort gibt. In Indien ist, wie in
anderen Schwellenländern auch, die entscheidende Frage, ob die weitere Industrialisierung dieser
Gesellschaften auf der Basis fossiler Energien »

60

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

stattfinden wird oder auf der Basis erneuerbarer
Energien. Ob sie weiter in die Kohleverbrennung
investieren oder der Umstieg auf Solarstrom, Wind­
energie und Biogas gelingt. Im Moment verfolgt
die indische Regierung noch den parallelen Ausbau
von regenerativen Energien, Kohlekraftwerken
und Atomenergie. Viele bezweifeln, ob das Land
seinen wachsenden Energiebedarf allein aus erneuerbaren Quellen decken kann. Dafür ist die
Energiewende in der Bundesrepublik ein Pilotprojekt. Die Welt beobachtet interessiert, ob wir damit
erfolgreich sind – auch im Hinblick darauf, ob sie
ein wirtschaftliches Erfolgsprojekt wird. Das ist für
mich der Rahmen für die heutige Diskussion.

Menschen machen Natur
Wovon reden wir, wenn wir über Natur- und Landschaftsschutz sprechen? In der Bundesrepublik
reden wir fast ausschließlich von Kulturlandschaften, also von Menschenhand überformten, gestalteten Landschaften. Es gibt kaum noch Ausnahmen, bei denen man von ursprünglicher Natur
sprechen kann. Wir befinden uns längst im Anthro­
pozän, also im Zeitalter, in dem der Mensch selbst
ein geologischer Faktor geworden ist, in dem Menschen Natur machen. Es gibt kein Zurück mehr in
eine Unschuld eines „Zurück zur Natur“. Wir müssen uns entscheiden, welche Bereiche der Erdoberfläche wir wieder zur Wildnis machen, also weitgehend sich selbst überlassen wollen. Sie müssen
groß genug sein, dass dort ein neuer evolutionärer
Kreislauf entstehen kann, mit allen Wechselwirkungen, die dafür nötig sind. Aber das werden relativ kleine Teile unseres Territoriums sein, das gilt
übrigens auch global. Die Menschheit wird von jetzt
sieben auf mindestens neun Milliarden wachsen.
Und das heißt, die Flächenansprüche werden weiter zunehmen. Da bleibt nicht viel Raum für neue
Biosphärenreservate.
Es geht nicht um ein konservatives Verständnis
von Naturschutz, das besagt, wir müssen alles möglichst so lassen wie es ist, sondern um ein neues
Verständnis der Koevolution zwischen menschli-

cher Zivilisation und Natur. Das kann auch ein ganz
bewusstes Design von Lebensräumen bedeuten, in
denen sich biologische Vielfalt entwickeln kann.
Und wenn man fragt, ob Windenergieanlagen in
der Dichte, in der sie zuweilen zu sehen sind, unserem ästhetischen Empfinden entsprechen oder
nicht, dann ist das erstens eine sehr subjektive Frage, und zweitens wird sich die Antwort darauf vermutlich im Laufe der Zeit verändern. Wir leben
längst in industrialisierten Landschaften. Wenn Sie
durch das Ruhrgebiet fahren, dann fahren Sie
durch Industrielandschaften. Das gilt selbst für den
Schwarzwald, wo in jedem Tal eine Fabrik steht.
Da sind ein paar Windkraftanlagen kein Sakrileg.
Oder nehmen Sie das ländliche Brandenburg: Sind
die ausgeräumten Agrarlandschaften dort das
Ideal, das wir bewahren wollen? Wohl kaum. Und
wenn es um die Gefährdung der Artenvielfalt geht,
würde ich raten, statt über Windkraft vor allem
über die Intensivlandwirtschaft zu reden und über
die Monokulturen, die da geschaffen wurden. Die
haben nämlich eine deutlich größere negative Wirkung für die Artenvielfalt als die Windenergie. Das
gilt auch für den Vogelschutz.
Ein anderes großes Thema für den Naturschutz
ist die Flächenzersiedelung, das Ausfransen der
Städte und Gewerbegebiete in die Landschaften.
Das bedeutet aber umgekehrt, dass wir Verdichtung
betreiben müssen innerhalb der Städte, innerhalb
unserer bebauten Räume, was auch nicht allen gefällt – ich denke da an die Initiative gegen die Bebauung des ehemaligen Flughafengeländes in Berlin-Tempelhof. Wenn es um das Thema Windkraft
im Wald geht – von welchem Wald sprechen wir
dann? Reden wir von den paar halbwegs ursprünglichen Wäldern, die es in Deutschland noch gibt?
Oder reden wir von den bewirtschafteten Wäldern?
Letztere sind voll erschlossen mit entsprechenden
Wirtschaftswegen. Das ist kultivierte Natur. Was
spricht dagegen, dort Windkrafträder zu errichten,
wenn sie nicht gerade in Brut- oder Rastgebieten
liegen oder in den Hauptrichtungen des Vogelflugs?
Wenn ich für den Ausbau von Windkraft plädiere,
plädiere ich doch nicht für Rücksichtslosigkeit oder

Wenn ich für den Ausbau von Windkraft plädiere, plädiere ich nicht für Windkraft um jeden Preis. Natürlich müssen wir uns über Kriterien verständigen.«

61

für Windkraft um jeden Preis. Natürlich müssen
wir uns über Kriterien verständigen und Kompromisse aushandeln.
Diese Debatte findet bereits seit Jahren auch mit
den Naturschutzverbänden statt. Und ich bin froh,
dass wir inzwischen einen weitgehenden Konsens
gefunden haben. Es ist doch einigermaßen lächerlich, wenn der NABU oder der BUND als von der
Windlobby unterwandert bezeichnet werden, weil
sie sich auf diese Debatte eingelassen haben. Es gibt
heute einen weitgehenden Konsens darüber, was
verantwortbare Kriterien für neue Standorte sind,
was Abstandsflächen und andere naturschutzfachliche Kriterien angeht. Man kann dazu unterschiedlicher Meinung sein, aber wir befinden uns nicht
in einem regellosen Zustand, der den Wald schutzlos dem Zugriff der Windlobby ausliefern würde.

Neue Alternativen
Was gibt es für Handlungsoptionen, um diesen
Zielkonflikt jenseits der Festlegung von Standortkriterien weiter zu entspannen? Eine Option ist,
mittels Repowering die vorhandenen Windkraftanlagen zu optimieren und damit ihr Leistungsvolumen zu vergrößern. Dabei kann man gerne auch
überprüfen, ob diese Standorte noch einer Naturschutzbetrachtung standhalten oder nicht. Es gibt
keine Ewigkeitsgarantie für bestehende Standorte.
Aber die meisten werden weiter in Betrieb bleiben,
und wenn es gelingt, dort die Kapazitäten deutlich
zu erhöhen, dann reduziert das den Bedarf an neuen Flächen. Eine zweite Strategie liegt in der Erweiterung der Palette alternativer Energien. Ich
gehöre nicht zu denen, die Fotovoltaik und Windenergie in ihrer heutigen Form schon für das letzte
Wort halten. Wenn wir es ernst meinen, dass wir
bis 2050 unser Energiesystem komplett dekarbonisieren wollen und nicht auf die Atomkraft zurückgehen, werden wir noch andere Formen von
erneuerbaren Energien brauchen. Dazu gehört zum
Beispiel die technische Fotosynthese, die Umwandlung von Sonnenlicht und Wasser in CO2 – der
Prozess, auf dem das ganze Leben auf dem Planeten
beruht. Daran wird gegenwärtig intensiv in Pilotprojekten gearbeitet. Wie es geht, wissen wir schon,
wir müssen den Prozess nur weniger energieaufwändig gestalten und damit auch Kosten reduzieren. Dazu kommen Bioenergien der zweiten und
dritten Generation, die nicht dem Konflikt zwischen „Tank und Teller“ unterliegen.

Wir haben inzwischen ja einen kritischen Blick
auf Biotreibstoffe der ersten Generation, deren Ausbau auch die Grünen zunächst gefordert haben.
Das Ergebnis ist die Vermaisung ganzer Landschaften. Das ist ganz offensichtlich nicht der Weisheit
letzter Schluss. Aber die Erzeugung von Biogas und
Treibstoffen aus organischen Abfällen, die Umwandlung von Zellulose – also der gesamten Pflanze und nicht nur der Frucht – in Energie, oder die
Erzeugung von Biotreibstoffen auf der Basis von
Mikroorganismen und Algen, das sind interessante Optionen, die wir Zukunft noch stärker erforschen und entwickeln müssen. Last but not least:
Energieeffizienz. Je effizienter der Energieverbrauch wird, desto weniger Anlagen zur Energieproduktion brauchen wir. Das ist bisher der missing
link in der Energiewende, jedenfalls das Feld, auf
dem wir am wenigsten Fortschritte erzielt haben.
Energieeffizienz ist der Schlüssel, um den Energieverbrauch insgesamt zu dämpfen.
Was ich allerdings nicht für eine Alternative halte, sind Positionen, wie sie etwa Niko Paech vertritt:
eine radikale Reduktion von Produktion und Konsum in Größenordnungen von 50 Prozent und mehr.
Dieser Ansatz ist mit demokratischen Standards
nicht vereinbar. Wer Ökologie in erster Linie in Kategorien von Verzicht und Begrenzung denkt, landet auf der schiefen Ebene eines grünen Autoritarismus. Für mich geht es nicht nur darum, Ökologie
und Ökonomie auf einen Nenner zu bringen – also
im wahrsten Sinne des Wortes eine nachhaltige
Ökonomie zu entwickeln, die sich im Einklang mit
der Natur entfalten kann – sondern auch um die
Vereinbarkeit von Ökologie und Demokratie. Das
heißt erstens: Primat für Erfindungsgeist und
schöpferische Innovation und zweitens: ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess zum Umgang
mit Zielkonflikten.
«

RALF FÜCKS
war von 1991 bis 1995 Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz in Bremen und leitet seit
1996 als Vorstand in Doppelspitze die HeinrichBöll-Stiftung.

62

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

Energiewende nicht
auf Kosten der Natur
VO N P R O F. D R . F R I T Z VA H R E N H O LT

Die Bereitschaft, für eine Energiewende in Deutschland
auch die Zerstörung von Natur hinzunehmen, hängt auch
mit einer falschen Bewertung der Ursachen des Klimawandels zusammen.

63

Nach den beiden engagierten Vorträgen von Harry Neumann und Ralf Fücks muss ich jetzt versuchen, einen schönen Mittelweg aufzuzeigen. Ich
weiß nicht, ob mir das gelingt. Die Aussage „Die
Energiewende nicht auf Kosten der Natur betreiben“, kann hier wohl jeder unterschreiben. Die
Frage ist nur: Was verstehen wir unter Energiewende? Ralf Fücks hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass unser Weg nicht der von Niko Paech sein
kann, nämlich eine Deindustrialisierung in
Deutsch­land anzustreben. Allerdings ist genau das
in dem Konzept der Bundesregierung zur Energiewende zumindest ein Stück weit mit angelegt, denn
es beinhaltet, dass wir bis zum Jahr 2050 auf die
Hälfte der deutschen Stromerzeugung verzichten
sollen. 50 Prozent der heute erzeugten Strommenge? Wie soll das gehen? Das wird natürlich vor allem durch ein paar Tricks erreicht, nämlich indem
man zum Beispiel mehr importiert. Ob das so klug
ist? Dann bestimmen andere die Standards und die
Technologien und nicht wir, Energie gespart wird
dadurch aber nicht. Tatsächlich ist bis jetzt noch
nie Strom gespart worden, denn Strom ist eine Modernisierungsenergie. Wir brauchen in der Zukunft
eher mehr Strom als weniger. 75 Prozent des deutschen Strombedarfs verbrauchen wir in Industrie,
Gewerbe und Verkehr, nur 25 Prozent in den privaten Haushalten. Wenn man den Stromverbrauch
halbieren will, dann ist das also auch schon ein Teil
eines Deindustriealisierungsprogramms, denn bei

Um das Kraftwerk Moorburg, das
ist das modernste Kohlekraftwerk
in Hamburg, durch Windkraft zu
ersetzen, brauchen Sie die Fläche
von ganz Hamburg.«
der Elektrostahlerzeugung oder einem chemischen
Prozess relevante Mengen an Strom einzusparen,
ist naturwissenschaftlich ausgeschlossen.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien kollidiert
zudem – und das ist mein eigentliches Thema – mit
dem Natur- und Umweltschutz. Das liegt daran,
dass wir eine sehr extensive Energieform gewählt
haben. Ein Beispiel: Um das Kraftwerk Moorburg,

das modernste Kohlekraftwerk in Hamburg, durch
Windkraft zu ersetzen, bräuchte man die Fläche
von ganz Hamburg, 800 Quadratkilometer. Bei der
Fotovoltaik ist der Flächenverbrauch sogar noch
ein bisschen dramatischer. Damit das klar ist: Ich
halte die Fotovoltaik und die Windenergie für zukunftsweisende Technologien. Windenergie finde
ich hochintelligent – dort, wo Wind ist. Wir machen
ja auch nicht in Alaska Biomasse. In Bayern Windenergie zu schöpfen ist eine anstrengende und
sündhaft teure Aufgabe. Der Ertrag einer Windenergieanlage geht mit der Windgeschwindigkeit
in der 3. Potenz. An der Nordsee sind es acht Meter
pro Sekunde und in Bayern eher fünf Meter pro
Sekunde. Jeder kann mal in der 3. Potenz nachrechnen, wie effizient das in Bayern ist. Aber das
EEG gleicht das aus, d. h. in Bayern wird mehr gezahlt. Und bezahlen müssen alle, auch die sozial
Schwachen, nämlich 500 Euro im Jahr für solche
Fehlsteuerungen. Die Windenergie muss sich aber
auch mit anderen politischen Zielen vertragen,
nämlich mit dem Naturschutz. Und da gibt es zunehmend Probleme.

Tod am Rotorblatt
Mir geht es insbesondere um den Einsatz von Wind­
energieanlagen in naturnahen Bereichen. In den
ausgeräumten Landschaften der Kohlfelder Schleswig-Holsteins sehe ich zum Beispiel keine Probleme. Aber in vielen Gegenden entstehen durch
Windkraftanlagen massive Probleme für die Vogelwelt: Es gibt den Tod am Rotorblatt, es gibt die
Barriere-Effekte, Vergrämungs-Effekte. Und wir
haben ein Problem insbesondere mit den Fledermäusen. Wenn wir Schneisen in den Wald schlagen
– und das tun wir ja, wenn wir einen Wald mit
Windkraftanlagen besetzen – müssen wir alle 600
Meter eine Straße in den Wald bauen. Die Fledermäuse fliegen in diesen Freiraum, schnappen sich
die Insekten und fliegen geradewegs auf die
Windräder zu. Sie sind sehr intelligente Tierchen,
sie können wegen ihrer Radarsysteme auch durch
sehr schnell drehende Rotorblätter hindurch- »

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

64

REIADLERSCHUTZZONEN

Quellen: Regionale Planungsverbände, Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie MecklenburgVorpommern, Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg

WINDKRAFTANLAGEN UND SCH

Windkraftanlage
in Betrieb

0

70

140 210 km

Eignungsgebiet
für Windenergie

Entfernung zu
Schreiadlerbrutwäldern

Entwurf

3 000 m

bestehend, noch nicht bebaut

6 000 m

65

fliegen, aber sie fallen hinter dem Windrad tot vom
Himmel. Das nennt man Barotrauma. Ihre Lungen
platzen, weil sie eben nicht wissen – dafür hat sie
die Evolution noch nicht ausgestattet –, dass hinter
dem Windrad ein für sie tödlicher Druckabfall
herrscht. Nicht alle toten Fledermäuse finden wir
direkt unter den Windkraftanlagen. Wir haben
geschätzt mindestens 240 000 tote Fledermäuse
pro Jahr, die den Windkraftanlagen zum Opfer
fallen. Die meisten fliegen noch ein bisschen weiter
und verenden dann irgendwo im Wald. Viele werden auch vom Fuchs geholt, es kann also gut sein,
dass die Dunkelziffer der von Windrädern getöteten
Fledermäuse um ein Vielfaches höher ist. Wir haben in Deutschland inzwischen etwa 25 000 Windkraftanlagen. Auf jedes Windrad kommen jährlich
zehn getötete Fledermäuse.
Es ist also notwendig, Standorte mit hoher Fledermausaktivität – und dazu gehört natürlich der
Wald – vollständig auszunehmen. Mit Abschaltzeiten alleine ist es nicht getan. Bei den Vögeln sieht
das nicht weniger kritisch aus. Beim Rotmilan haben wir geschätzt über 1 000 Schlagopfer pro Jahr.
Bei einem Bestand von 13  000 Exemplaren in
Deutschland ist diese Zahl schon bestandsgefährdend, da das Hauptvorkommen der Rotmilane
weltweit in Deutschland ist. Der Mäusebussard
kommt häufiger vor, aber die Zahl der Schlagopfer
ist auch entsprechend höher: rund 12 000 im Jahr.

Es ist notwendig, Standorte mit
hoher Fledermausaktivität vollständig auszunehmen. Und dazu
gehört der Wald.«
Damit müssen wir irgendwie umgehen. Nur wie?
Das „Helgoländer Papier“ wurde jahrelang einfach
unter den Tisch fallen gelassen. Die bayerische
Umweltverwaltung hat es den Vogelschutzwarten
sogar untersagt, dieses Papier in die Öffentlichkeit
zu bringen. Es gibt darin für jede Art eine spezielle Abstandsempfehlung zur Windkraftanlage. Für
den Schreiadler zum Beispiel 6 000 Meter. Wenn
Sie das hochrechnen, können Sie Mecklenburg-Vorpommern für Windenergie vergessen. Das macht
aber natürlich niemand. Für den Rotmilan werden
1 500 Meter Abstand zum Horst empfohlen, Prüfbereich 3 000 Meter. Wenn man von den drei Kilo-

metern ausgeht, dann dürften auf 27 Quadratkilometern rund um einen Horst eigentlich keine
Windanlagen stehen. Natürlich sind alle Ländererlasse unterhalb dieser Empfehlung.
Ich will das am Schreiadler deutlich machen.
Der Rückgang bei dieser Vogelart ist dramatisch,
wir haben insgesamt nur noch etwa 100 Brutpaare
in Deutschland. Natürlich geht es dabei nicht nur
um die Windenergie. Die Windenergie kommt zur
Habitatzerstörung durch den Grünlandumbruch
und durch die Forstwirtschaft hinzu. Wenn man
die Standorte der Schreiadlerhorste mit den Planungen für Windkraftanlagen in Mecklenburg-Vorpommern vergleicht, dann sieht man, dass die
beiden weder mit drei Kilometern Abstand – die
wir fordern – noch mit 1,5 Kilometern miteinander
in Einklang zu bringen sind. Insofern wird das noch
eine interessante Auseinandersetzung werden.

Politische Fehlentscheidungen
Mein Vorredner hat davon gesprochen, dass man
Naturschutz und Demokratie vereinbaren müsse.
Das ist richtig, aber vielleicht in einem anderen
Sinne, als er gemeint hat. Wir erleben als Deutsche Wildtier Stiftung mit, was sich an Graswurzel-Bürgerinitiativen in Deutschland gebildet
hat. Wir bekommen jede Woche zig Anfragen. Es
gibt mittlerweile knapp 1 000 Bürgerinitiativen,
die sich natürlich hauptsächlich wegen der Beeinträchtigung ihrer Wohnverhältnisse – die
mich hier an dieser Stelle nicht zu interessieren
haben – aber darüber hinaus eben auch für den
Schutz der Natur engagieren. Bei Umfragen befürworten 80 Prozent der Bundesbürger die Aussage: „Für den Ausbau der Windenergie sollten
generell keine Waldgebiete verschwinden oder
zerschnitten werden.“
Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass es
ein schwerer Fehler der grünen Politik war, als Renate Künast 2002 gesagt hat: „Jeder Landwirt wird
ein Energiewirt“. Damals dachten alle, dass wir
jetzt sozusagen aus jedem Maiskorn und aus jedem
Weizenkorn in Deutschland Sprit machen sollten.
Das war aus meiner Sicht für den Naturschutz eine
der fatalsten Fehlentscheidungen der letzten 20
Jahre. Der Maisanbau vor allem für Biogasanlagen
hat dramatisch zugenommen, Maisflächen und
Biogasanlagen prägen heute die Landkarte. Das
lässt sich nicht einfach wieder zurückdrehen, hier
sind rechtmäßige Investitionen getätigt worden.
Vor allem in Ostdeutschland, in Brandenburg, ist
das besonders dramatisch.
»

66

»Z I E L KO N F L I K T: E N E RG I E W E N D E U N D N AT U R SCH U T Z«

SCHLAGOPFER
Gesamt 13 000
Hochgerechnet etwa
1 000 Rotmilane verenden
jährlich an Windkraftanlagen. Bei einem Bestand
von 13 000 Exemplaren in
Deutschland ist das
bestandsgefährdend.

Gesamt 140 000

Opfer ca. 1000*

8,5%

13 %

Opfer ca. 12 000 *
Rotmilan
Mäusebussard

*Hochgerechnet und gerundet

Es geht dabei auch um das Verhältnis zwischen
Grünland und Mais. Der Index mit dem schönen
Namen „BraGrüMa-Index“, der das Verhältnis von
Brache und Grünland zu Mais darstellt, zeigt: In
den neunziger Jahren gab es noch 80 Prozent Brache und Grünland. In den vergangenen 20 Jahren
ist der Grünlandanteil dann immer mehr zurückgegangen, während der Maisanteil rapide zunahm. Die
Konsequenzen sehen wir in den Bestands­trends der
deutschen Brutvogelarten: Es gibt einen drastischen
Abwärtstrend. Das ist ein Alarmsignal, und es müsste eigentlich für jede grüne Partei ein Alarmsignal
sein, man müsste aufstehen und sagen: „Stopp, sofort, Ende!“ Das höre ich aber nicht.
Stattdessen geht es immer weiter. Gerade wieder
haben wir die dramatischen Meldungen aus Borneo
gelesen, wo wegen des Palmöls die Wälder abbrennen, mitsamt der Orang-Utans, die dort vielleicht
noch zu Hause sind. Wo bleibt der Aufschrei der
Naturschutzverbände in Deutschland, die sagen:
„Haltet ein, wir verbrennen dort im Augenblick den
Naturschatz Borneos!“? Da müsste es einen Ruck
geben, aber der WWF macht etwas anderes: Er
zertifiziert Palmölverarbeiter. Er vergibt Siegel.
Und dann kann Unilever sagen: „Super, diese Öl-

saat setzen wir bei uns als nachhaltige Ölsaat ein.“
Ich finde, von so etwas sollte man sich als Naturschutzverband fernhalten.

Die Angst vorm Klimawandel
Warum machen wir Menschen so etwas? Warum
nehmen wir die Zerstörung der Natur in Deutschland durch erneuerbare Energien in Kauf? Weil wir
glauben, dass ausschließlich CO2 für die Erwärmung der Erdatmosphäre verantwortlich ist. Und
weil wir eine angstgetriebene Energiepolitik haben,
die die CO2-Verminderung als einzige Zielkoordinate sieht. Es hat in der Erdgeschichte natürliche
Erwärmungen gegeben, genauso wie es auch natürliche Abkühlungen gegeben hat. Etwa in der
kleinen Eiszeit vor 300 bis 400 Jahren, als es den
Menschen sehr schlecht ging, weil es ein Grad Celsius kälter war als zuvor. Im Jahre 1000, das steht
sogar im Weltklimabericht, war die Erde genauso
warm wie heute. Wie hat das die Erde damals geschafft, ganz ohne menschengemachtes CO2?
Richtig ist: Die Temperatur ist gestiegen, allerdings in Zyklen. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre ist auch gestiegen, von 0,028 auf 0,038 Volumen-

Maisflächen und Biogasanlagen prägen
heute die Landkarte. Das lässt sich auch nicht
einfach wieder zurückdrehen.«

67

prozent. In der gleichen Zeit hat aber auch die
Aktivität der Sonne zugenommen wie schon seit
tausend Jahren nicht mehr. Jetzt ist die Frage, was
davon verantwortet der Mensch und was die Sonne? Dem IPPC zufolge verantwortet der Mensch 95
Prozent, die Sonne fünf Prozent. Das kann man
zwar auch anders sehen. Aber so sind die Modelle.
Die Modelle sagen, dass die Temperatur immer
weiter steigt. Aber was hat die Temperatur in den
letzten 17 Jahren gemacht? Sie tut den Modellen
keinen Gefallen, sie folgt ihnen nicht.
Spätestens an dieser Stelle müsste man einhalten
und fragen: „Könnte es sein, dass die Modelle nicht
ganz korrekt sind?“ Seit 1960 ist die atmosphärische CO2-Konzentration kontinuierlich gestiegen.
Zwischen 1960 und 1980 ist die Temperatur allerdings nach unten gegangen. Der Spiegel, eigentlich
alle Medien, sahen damals schon eine Kleine Eiszeit
kommen. Es gibt nur einen Zeitraum, zwischen
1970 und 2000, in dem CO2-und Temperaturanstieg parallel verlaufen sind. Davor nicht und danach auch nicht mehr.
Es muss also eine Kraft geben, die dem CO2, das
ohne Zweifel ein Klimagas ist, entgegenwirkt, eine
natürliche Kraft. Und die gibt es auch. Es ist die
Sonne und es sind die ozeanischen Zyklen. Wer
weiß schon, dass der Atlantik sich seit etwa fünf
Jahren abkühlt? Wie kann das sein, wo doch das
CO2 immer weiter ansteigt und das Klima angeblich immer wärmer macht? Es geht um ozeanische
Zyklen, die alle 60 Jahre zwischen Warm- und
Kaltphase wechseln. Der Zyklus geht von plus 0,8
Grad bis minus 0,6 Grad Veränderung der Meeresoberflächentemperatur, viel mehr als das, was wir
jetzt auf dem Schirm haben. Das zeigt sich auch in
der Temperaturentwicklung: Immer dann, wenn
die Ozeane in einer negativen Phase sind, steigt sie
nicht so stark. In den letzten 20 Jahre befanden sie
sich in einer sehr starken Warmphase und haben
also das Geschehen dominiert. Dass wir bis 2030
eine Abkühlung, zumindest eine Stagnation sehen
werden, ist relativ sicher.

BRACHE-GRÜNLAND-MAIS-IND
85%

EX

Fläche Grünland im Vergleich
zur Mais-Anbau in Deutschland
47%

13%

1994

2004

2008

Grünlandanteil
In den neunziger Jahren hatten Brache und
Grünland noch einen Anteil von 80 Prozent.
In den vergangenen 20 Jahren ist der
Grünlandanteil immer mehr zurückgegangen.

was Deutschland insgesamt emittiert. Indien liegt
im Augenblick bei 29 Prozent des weltweiten
CO2-Ausstoßes. Und wir in Deutschland glauben,
dass wir die zwei, drei Prozent Anteil, die wir am
weltweiten Gesamtausstoß des CO2 haben, durch
eine Vorreiterrolle verändern müssen, koste es, was
es wolle. Angesichts einer solchen Bestandsaufnahme müssen wir uns fragen, ob es wirklich möglich
ist, sozusagen im Alleingang die Welt zu retten.
Und wenn es nicht möglich ist, wie rechtfertigen
wir dann, dass wir für diese nicht zu schaffenden
Ziele die Natur zerstören? In zehn Jahren werden
wir uns womöglich fragen, wer uns in solch eine
angstgetriebene Energiepolitik hineingetrieben
hat. Wieso haben wir für unseren hektischen und
unbedachten Aktivismus so viel an Natur geopfert?
Jetzt ist noch Zeit innezuhalten.
«

Wer rettet die Welt?
Welchen Beitrag leisten wir in Deutschland? Es ist
unser ambitioniertes Ziel, den CO2-Ausstoß zu vermindern. Leider muss man feststellen, dass das,
was wir hier mit riesigem Aufwand tun – die Zerstörung von Waldgebieten mit Inkaufnahme von
erheblichen negativen Nebeneffekten – , durch den
erhöhten CO2-Ausstoß in China in drei Monaten
wettgemacht wird. Es ist nämlich nicht so, dass die
uns folgen. Es folgt uns kaum jemand. Der CO2-Ausstoß in China wird bis 2035 um 40 Prozent weiter
ansteigen. Sie werden die Energieeffizienz zwar
verbessern, aber noch fünfmal das drauf packen,

P R O F. D R . F R I T Z VA H R E N H O LT
war bis 1997 Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg und ist seit dem 1. August 2012
Alleinvorstand der Deutschen Wildtier Stiftung.
Außerdem ist er Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie.

»Z WISCHENRUFE«

68

P

rof. Vahrenholts Ansatz, aus der aus seiner Sicht
gebotenen Relativierung des Einflusses der
CO2-Emissionen auf die globale Klimaentwicklung ein Plädoyer für etwas weniger Tempo und Dringlichkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien und
damit das Abwägungsgebot abzuleiten, dort, wo es aus
Gründen des Artenschutzes geraten ist, also insbesondere im Wald, auf den weiteren Ausbau von Windenergie
zu verzichten, empfinde ich als überzeugend und auch
für diejenigen, die seine Prämisse nicht teilen, jedenfalls
argumentativ konsequent.

Zielkonflikt:
Energiewende
und Naturschutz

Dr. Jörg Soehring ist Rechtsanwalt und Mitglied des
Präsidiums der Deutschen Wildtier Stiftung.

D

ass sich unsere Stromnachfrage an die zufälligen
Wind- und Sonnenlichtdargebote anpassen ließe, ist
eine Wunschvorstellung. Wir müssen eine jahresund tageszeitenunabhängige Stromgrundlast bereitstellen.
Ausweislich der Einspeiseganglinien geht in Deutschland
die Leistung aller Solar- und Windanlagen zusammengenommen über manchmal bis zu dreißig Tage lang auf weniger
als vier Gigawatt zurück. Wir brauchen aber mehr als 40 Gigawatt zur Darstellung unserer Grundlast. Wenn Kern- und
fossile Energie wegfällt, müsste also etwa die im Vergleich zu
heute zehnfache Windverstromungskapazität bereitgestellt
werden, es sei denn nachts scheint in Zukunft die Sonne. Bei
durchschnittlichen Winddargeboten wäre dann der größte
Teil der Windanlagen außer Betrieb zu nehmen, um die Netze nicht zu überlasten. Der nicht eingespeiste Strom wäre
aber dennoch nach EEG an die Windradbetreiber zu vergüten
– auch deshalb, weil auf dem staatlich garantierten Einspeisevorrang die Refinanzierung der Investition aufgebaut ist.
Nun könnte man Strom in Windüberschusszeiten speichern,
um ihn in windarmen Zeiten abzurufen. Allerdings ist nach
wie vor das wirkungsgradgünstigste Speichermedium mit
70 bis 85 Prozent das Pumpspeicherwerk. Alle Pumpspeicherwerke in Deutschland zusammengenommen bieten bei
gefüllten oberen Becken eine Blackoutüberbrückung von
etwa 20 Minuten. Sie dienen deshalb auch nur noch als
Schwarzstartfähigkeit und sind somit für die Energieversorger ein fünftes Rad am Wagen. Für zehn Tage Windflaute
brauchte man also die 720-fache der gegenwärtigen
Pumpspeicherkapazität. Das ist jenseits jeder Realität. Alle
weiteren Speichermöglichkeiten – Batterien, adiabate
Druckluftspeicher, power-to-gas usw. – weisen entweder
nicht darstellbare Kosten oder so enorme Wirkungsgradverluste auf, dass es ökonomischer ist, den Überschussstrom

gar nicht erst zu erzeugen. Speicher in der benötigten Dimension sind also reine Utopie.
Dies heißt: Für die Grundlast brauchen wir auch weiterhin
regelbare Kraftwerke, die bei Windflaute hoch- und bei
Wind wieder herunterfahren. Da allerdings hemmungslos
weitere Windräder gebaut werden und sich jedes neue
Windrad genau dann dreht, wenn sich die anderen auch
drehen, und genau dann stillsteht, wenn die anderen auch
stillstehen, liegen die Täler der Volatilitätskurve zwar zwischen immer steileren Hängen, ihre quasi-Nullstellen verschwinden jedoch nicht. Daher muss eine regelbare – fossil oder nuklear betriebene – Kapazitätsreserve so
bemessen sein, dass sie jederzeit Deutschland allein, das
heißt ohne Wind und ohne Sonne, mit Strom versorgen
kann. Mit anderen Worten: Wir können kein einziges Kraftwerk stilllegen, das nicht auch ohne Wind- und Solarstrom
bereits Reserve wäre.
Da die Reservekraftwerke keinen Strom einspeisen dürfen,
wenn das Netz bereits durch Strom aus alternativen Quellen
besetzt ist, müssen sie für den sporadisch gelieferten Strom
insgesamt etwa genauso viel Geld vom Kunden verlangen,
wie sie sonst für 8.760 Stunden pro Jahr konstante Leistungsabgabe erhalten hätten. Da dies nicht darstellbar sein wird,
steuern alle durch den Einspeisevorrang der alternativen
Verstromer benachteiligten Kraftwerksunternehmen auf
die Pleite zu, und der Staat wird sie schließlich übernehmen
und die Defizite aus Steuergeldern abdecken müssen.
Bis jetzt hat sich eine Verbindlichkeit von etwa 450 Milliarden Euro nur infolge des EEG bis zum Jahr 2035 angehäuft
– dazu kämen dann noch die Mehrausgaben für die Kapazitätsreserve, die in zwei Jahren eine Gesamteinnahme der
herkömmlichen Kraftwerke ausmachen, wenn diese ihre
Produktion um 50 Prozent drosseln müssen.

Arnold Vaatz war von 1992 bis 1998 Sächsischer Staatsminister für Umwelt und Landesentwicklung
und ist seit 2002 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

67
69

D

er Konflikt um die Windkraftanlagen existiert
schon aus der Problemlage heraus auch beim
BUND. Unsere Leute kommen hauptsächlich aus
dem eigentlichen Naturschutz, aus dem Artenschutz. Dort
wird oft emotional diskutiert, aber trotzdem arbeiten wir
dazu sehr sachlich und ergebnisorientiert.
Zu den Beispielen, die Harry Neumann genannt hat:
Wenn die Zahlen alle wirklich stimmen, dann sind das Windkraftprojekte, die wir als BUND, aus Bundessicht und auch
ich aus meiner hessischen Sicht, ablehnen würden. Wir
sagen eben nicht vorbehaltlos: „Windkraft ist uns so wichtig
im Rahmen der Energiewende, dass wir den Naturschutz
beiseite schieben.“ Auch der BUND Hessen hat schon eine
Klage gegen Windkraft eingereicht. Der BUND – das kann
ich für den Bundesverband und für Hessen ganz konkret
sagen – ist dafür, dass die Windkraft ausgebaut wird, wir
sagen aber ganz deutlich: Das muss planerisch unter größtmöglicher Berücksichtigung des Naturschutzes vorbereitet
sein. Es darf nicht so sein wie in Rheinland-Pfalz, wo alles
offen ist für Windkraftanlagen, weil es keine landesplanerischen Grundlagen für Vorrang- beziehungsweise Ausschluss­
gebiete für die Windkraft gibt.
Wir wollen flächenmäßig eine massive Beschränkung. Und
die ausgewählten Windvorrangflächen sollen natürlich auf

die Naturschutz- und Artenschutzaspekte Rücksicht nehmen
und immer alle noch einmal im Einzelfall geprüft werden.
Was mir am Vortrag von Herrn Vahrenholt ehrlichgesagt gar nicht gefallen hat, war die Frage, warum wir Deutschen so blöde und besessen sind, in die Energiewende
und die Windkraft hineinzurennen, und die Behauptung,
wir würden global sowieso kaum eine Rolle spielen und
unterm Strich würde das gar nichts nützen. Als BUND sind
wir der Meinung, man sollte immer für Verbesserungen
antreten, auch wenn es vielleicht erst einmal nicht viel
nützt. Wir verzeichten doch auch nicht in Deutschland
auf den Vogelschutz, weil wir wissen, dass die Zugvögel
im Balkan alle abgeschossen werden. Natürlich machen
wir trotzdem Vogelschutz in Deutschland und beteiligen
uns gleichzeitig an den Aktionen, um den Vogelmord dort,
wo die Zugvögel abgeschossen werden, zu verhindern.
Das gehört doch zusammen, und genauso gehören für
mich auch Naturschutz und Energiewende zusammen.
Und selbst wenn die ganzen Bemühungen in Deutschland
weltweit betrachtet noch zu keinem Milligramm CO2
weniger geführt haben, heißt das doch nicht, dass wir hier
nichts mehr machen, um CO2-Emissionen einzusparen.
Sondern das heißt, wir müssen uns auch darum kümmern,
dass sich weltweit etwas ändert.

Jörg Nitsch ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND).

M

D

ie Tatsache, dass Windkraft­
anlagen in deutschen Wäldern für die globale CO2-Bilanz bestenfalls irrelevant sind und
ein „Klimaschutzbeitrag“ allein
schon wegen der Deckelung der
Emissionen auf europäischer Ebene
sowie aufgrund der quantitativen
Dimensionen zwingend auszuschließen ist, hat er Herr Fücks verleugnet.
So erübrigt sich die Suche nach Konsenskorridoren.

Dr. Nikolai Ziegler
ist Vorsitzender der
Initiative „Vernunftkraft“.

ichael Mierschs Auftakt-Haken gegen das sogenannte Wald­
sterben beziehungsweise die damals vorherrschende Hysterie
hat auch bei mir gesessen. Herrje, wie waren wir damals betroffen!
Und wir waren nicht nur betroffen, wir waren besessen von einer vermeintlich drohenden Apokalypse.
Aber hatte diese Hysterie nicht auch positive Seiten? Ich denke an seither
veranlasste Maßnahmen zur Reinhaltung der Luft, welche die Emissionen
der Industrie und des Kraftverkehrs in der Republik deutlich reduziert haben;
auch der Umbau der Fichtenmonokulturen in naturnahe Mischwälder ist
letztlich dem gesellschaftlichen Druck zu verdanken und einer, wenn auch
überzogenen, allgemeinen Betroffenheit. Ich frage mich, ob ähnliches gerade in der Energiewende passiert. Vielleicht heiligte der Zweck tatsächlich
die Mittel. Dass manche der Mittel – etwa Windkraftanlagen am falschen
Platz oder der Handel mit Emissionsrechten – gründlich überdacht werden
müssen, hat Fritz Vahrenholt eindrucksvoll deutlich gemacht.
Dass die weltweite Klimaerwärmung vor allem den erhöhten Sonnenaktivitäten geschuldet sein soll und weniger den menschlichen Aktivitäten, ist
jedoch schwer nachzuvollziehen. Die Klimaerwärmung, die Prof. Vahrenholt
ja nicht bestreitet, ist ein komplexes Phänomen mit vielen Wechselwirkungen. Zu diesen Wechselwirkungen gehört es auch, dass sich die Stra­tosphäre,
also die Schicht über der erdnahen Troposphäre, offenbar schon seit Jahren
abkühlt, was wiederum ein Indiz dafür ist, dass die Ursachen für die Klimaerwärmung unterhalb der Stratosphäre zu suchen sind.

Till Meyer ist Journalist, Filmemacher und Buchautor.

Gibt es ein besseres
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Klass
Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich nicht nur für
den Erhalt und den Schutz von Lebensräumen für heimische Wildtiere ein. Zusammen mit Partnern führt
sie mit Kindern und Jugendlichen Projekte zur Naturbildung durch. Denn nur was man kennt, schützt man.

Spendengelder an die Deutsche Wildtier Stiftung werden zu 100 %
ohne Abzug von Verwaltungskosten und Kosten für die Öffentlichkeitsarbeit für Wildtier- und Naturschutzprojekte verwendet.

Foto: fotolia / Eric Issele

Mehr Informationen erhalten Sie unter
www.DeutscheWildtierStiftung.de
Spenden Sie unter:
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IBAN: DE63 2512 0510 0008 4643 00
BIC: BFSWDE33HAN
        
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