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Volume No. 5, Mai 1911

Full text : Blätter für Architektur und Kunsthandwerk (Public Domain) Ausgabe 24.1911 (Public Domain)

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Blätter  für  Architektur  und  Kunsthandwerk.

Nr.  5.  1911.

erregt.  Späterhin  jedoch,  nachdem  die  Malereien  teils  vom
Kohlengehalt  der  Luft  geschwärzt,  teils  durch  die  Verwitterung
gemildert  wurden,  kam  man  zu  einem  verständnisvollerem  Urteil
für  die  Wirkung  dieses  Bauwerkes  im  Straßenbilde,  und  von
jenem  Widerspruch  ist  heute  nicht  mehr  viel  zu  bemerken.  Die
maltechnische  Frage  kann  leider  nicht  als  gelöst  betrachtet
werden.  Die  Voruntersuchungen  hatten  zwar  zu  der  Hoffnung
berechtigt,  dass  die  Odin-Malereien  verhältnismäßig  von  großer
Beständigkeit  sein  werden.  Die  praktische  Verwendung  aber
hat  auch  ihre  Unzulänglichkeit  erwiesen  und  dem  bauleitenden
Architekten  in  mancher  Art  Schwierigkeiten  und  Unannehmlichkeiten ­
  bereitet.  Die  verwendeten  Motive,  die  in  einfacher  Perspektive ­
  für  jede  einzelne  Achse  ausgebildet  sind,  lehnen  sich
an  einheimische  und  oberitalienische  Vorbilder  in  freier  Umgestaltung ­
  an,  und  sind  nur  mit  einfachen  Schattentönen  zu
plastischer  Wirkung  gebracht.  Das  Ganze  trägt  den  Stempel
derber  aber  farbenfreudiger  Flächenmalerei,  bei  der  auf  weissem
Grunde  die  schweren  Töne,  nach  oben  ausklingend,  von  immer
leichteren  abgelöst  werden.  Wesentlich  einfacher  als  die  Straßenfronten ­
  sind  die  Höfe  ausgestaltet.  Ihre  Flächen  sind  verputzt
und  mit  buntfarbigen,  in  der  Gliederung  der  Flächen  den  Hauptfronten ­
  ähnelnden  Freskomalerien  versehen  (s.  Anz.  S.  5 1 )-  Der
die  beiden  Lichthöfe  trennende,  in  Eisenfachwerk  konstruierte
und  mit  Eisenblech  verkleidete  Registraturbau  ist  mit  Betonung ­
  der  Konstruktion  und  der  Nietenreihen  bunt  bemalt.
Der  Innenausbau  ist  denkbar  einfach.  Nur  jene  Räume,
die  der  allgemeinen  Beurteilung  durch  die  Öffentlichkeit  ausgesetzt ­
  sind,  Gänge,  Treppenhäuser  und  das  Grundbuchamt  wurden
mit  rauhverputzten,  weiss  gehaltenen  Gewölben  überspannt
(s.  Anz.  S.  52  u.  53).  Alle  übrigen  Räume  sind  mit  glatten  Hohlsteindecken ­
  nach  dem  System  S  e  k  u  r  a  unter  Verwendung  von
22  cm  hohen  Differdinger  Trägem  versehen.  Alle  Schreinerarbeiten, ­
  selbst  die  Vertäfelungen  und  Decken  der  Sitzungsäle, ­
  mussten  aus  Mangel  an  Mitteln  aus  Weichholz  hergestellt
und  um  einigermaßen  Ansehen  zu  gewinnen,  farbig  behandelt
werden.  Der  Bodenbelag  der  Gänge  und  Lagerräume  wurde
aus  roten  oder  gelben  Mosaikplatten,  der  der  besseren  Räume
aus  Hartlinoleum  mit  Korkmentunterlage  ausgeführt.
Die  Erwärmung  des  Baues  erfolgt  durch  eine  von  der  Zentrale ­
  des  alten  Justizgebäudes  gespeiste  Dampf-Warmwasserheizung, ­
  mit  der  eine  Pulsionslüftungsanlage  verbunden  ist.
Als  an  der  künstlerischen  Ausstattung  des  Baues  beteiligt
seien  genannt:  der  Bildhauer  Prof.  J.  Flossmann,  der  die
Modelle  zu  dem  bildnerischen  Schmuck  des  Südeingangs  und
zu  den  beiden  Rolandfiguren  der  Turmgiebel  anfertigte;  Bildhauer ­
  Fr.  Ringer,  von  dem  die  Entwürfe  zu  den  Beleuchtungskörpern ­
  stammen;  die  Aussenbemalung  wurde  nach  Skizzen  des
Architekten  von  der  Firma  B.  Boecks  W  w  e.  und  Schmidt
u.  Cie.,  die  Türkartuschen  durch  Kunstmaler  Aug.  Brandes
ausgeführt.  Die  Kunstschmiedearbeiten  stammen  von  E.
Häusner,  J.  Söller  und  D.  Bussmann,  Sixt.
Schmid  und  Jac.  Moosreiner,  A.  Amesmeier,
Gpttfr.  Stumpf,  Rob.  Schmidt  u.  Cie.  und
K  ö  1  b  1  u.  Sohn
Hauptmitwirkende  bei  der  Ausführung  waren:  Das  Baugeschäft ­
  Karl  S  t  ö  h  r  ,  dem  die  Erd-,  Maurer-,  Zimtner-,
Pflaster-  und  ein  Teil  der  Tischlerarbeiten  übertragen  waren,
Steinmetzmeister'  Eder  u.  Grohmann  und  Z  w  i  s  1  e  r  u.
Baumeister.Ph.  Hol  z  m  a  n  n  u.  Cie.;  Schlossermeister
J  o  s.  B  1  a  b  ,  C.  Wildhagen  und  Mich.  K  i  e  f  e  r  u.  Cie.;
Dachdeckermeister  Ant.  Hummel  und  Tischlermeister
L.  K  i  e  f  e  r  ,  Carl  Wild  (Regensburg),  J.  Hartmann,
R.  N  a  r  s  .  1.  Köllmeyer  und  O.  Fritzsche.
Tafel  44—48.  Aus  Miltenberg  am  Main.  Besprochen  von
A.  v.  Behr.  1.  Häusergruppe  am  Schnatterloch.
—-2.  Haus  Wirth  am  Schnatterloch.  —  3.  Haus
Liebreich  zur  goldenen  Krone,  am  Wochenmarkt ­
  Nr.  347.  —  4.  Haus  Zöllen.  —  5.  Mittelbau
des  Postgebäudes.
Miltenberg,  die  Perle  des  Mains,  an  einer  Biegung  des
Stromes  so  gelegen,  dass  die  hohe  Burg,  die  „M  ildenbur  g“,  |
die  hier  einen  scharfen  Winkel  bildenden  Stromstrecken  beherrscht,
hat  eine  bewegte  und  ruhmvolle  Vergangenheit  und  sieht  nach
späterem  Niedergange  heut  wieder  einem  weiteren  Aufblühen
entgegen.  Leider  hat  die  Krone  des  Ortes,  die  alte  Burg  des  1
Erzbischofs  von  Mainz,  an  Bedeutung  für  den  Ort  sehr  viel,  fast  |
alles  verloren,  seit  sie  im  Privatbesitz  ist  und  ihre  reichen  Sammhingen
  römischer  und  mittelalterlicher  Kunstwerke  und  Fund-  |
stücke  verkauft  und  zerstreut  sind  und  der  Bau  selbst  für  die  Be-  ■

sucher  vollständig  gesperrt  ist,  wie  ein  Anschlag  am  Aufstiege
vom  Schnatterloch  aus  kundgibt.  Um  so  wertvoller  sind  nun  die
Schätze  an  alten  Bauten  geworden,  welche  der  Ort  selbst  noch
besitzt.  Und  deren  sind  noch  sehr  viele,  und  das  Erfreuliche  ist
hierbei,  dass  der  Reichtum  auch  heute  noch  vergrößert  werden
kann;  nicht  durch  Neubauten,  sondern  durch  Freilegung  der
schönen  Fachwerkgiebel  der  zahlreichen  alten  Häuser,  die  vom
alten  Tore  der  Bahnhofstraße  an  bis  zum  Würzburger  Tore  am
nordöstlichen  Ausgange  des  Ortes  die  Hauptstraße  bilden  und
auch  in  den  Seitengassen  zu  finden  sind.  Die  versuchsweise
freigelegten  Stellen  im  Verputze  einzelner  Giebel  lassen  erkennen,
dass  diese  Verschönerungsarbeit  bereits  eingesetzt  hat.  Es  wäre
für  die  so  beliebten  „Verschönerungsvereine“  eine  sehr  dankenswerte ­
  und  sehr  dankbare  Aufgabe,  wenn  sie  in  dieser  Richtung
sich  mehr  betätigen  würden,  anstatt  sich  auf  die  Anlage  von
Sitzplätzen,  Aussichtspunkten  und  Spazierwegen  zu  beschränken,
so  notwendig  und  gut  auch  dies  ist,  und  statt  eine  Verschönerung  •
der  Natur  zu  erstreben,  die  in  ihrer  ungebundenen  und  unver-  '
besserten  Freiheit  doch  schliesslich  am  schönsten  ist.
Es  ist  auffallend,  dass  dieser  Ort,  der  durch  den  Besitz  •
vortrefflicher  Sandsteinbrüche  weithin  bekannt  ist  und  die  harten
schönen  roten  Sandsteinquadern  in  beliebigen  Bruchgrößen  durch
ganz  Deutschland  verschickt,  gerade  durch  seine  schönen  Fachwerkgebäude, ­
  deren  Hauptbaustoff  das  Holz  ist,  berühmt  geworden ­
  ist.
Auf  den  4  Tafeln  44—47  führen  wir  6  der  schönsten  dieser
Häuser,  die  die  heute  noch  redenden  Zeugen  und  Denkmäler
der  frühen  hohen  Blüte  des  Ortes  sind,  im  Bilde  vor,  lauter  hochgiebelige,
  stattliche  Gebäude,  von  denen  jedoch  nur  3  durch
inschriftliche  Jahrzahl  datiert  sind  und  zwar  zu  1597,  Üiu
und  1623.
Ihr  gutes  Aussehen  verdanken  sie  der  sorgfältigen  Instandsetzung, ­
  die  sie  in  den  letzten  Jahren  erfahren  haben.  Eine  besonders ­
  schöne  Gruppe  bilden  die  4  Giebelhäuser  am  „Schnatterloc
  h“,  dem  auf  steigenden,  nach  oben  hin  sich  verjüngenden,
sackartigen  Ausläufer  des  Marktplatzes,  der  zum  Aufstieg  auf
den  Schlossberg  führt  und  am  Fuße  den  schönen  Laufbrunnen
hat,  dem  vielleicht  dieser  Ort  seinen  eigenartigen  Namen  als  Zusammenkunftsort ­
  der  gern  plaudernden  Schönen  des  Städtchen?
verdankt.  Tafel  44  stellt  die  ganze  Gruppe  dar  mit  dem  Brunnen
im  Vordergründe  und  dem  „Schnatterlochsturm“  im  Hintergründe. ­
  Das  achteckige  Brunnenbecken,  mit  Masken  und  zierlichen ­
  Eckpfosten  geschmückt,  umgibt  die  schlanke  Mittelsäule,
deren  Schaft  ebenfalls  Masken  als  Wasserspender  und  ein  Reigen
tanzender  Kinder  zieren  und  der  auf  dem  korinthischen  Kapitell
früher  vermutlich  ein  Brunnenfigürchen  trug.  Nach  der  etwas
undeutlichen,  inschriftlichen  Jahreszahl  ist  der  Brunnen  1570
errichtet,  während  die  örtlichen  Führer  als  Jahr  der  Errichtung
1583  angeben.  Die  Häuserreihe  zur  Rechten  beginnt  von  oben
her  mit  einem  glatt  verputzten  Giebelhaus,  links  vom  Torbogen,
der  früher  zu  dem  Schlosse  führte.  Die  glatten  Putzflächen
dieser  |  Häuser  sind  mit  reichem  Rankenwerk  neu  bemalt.
Von  den  2  Giebelhäusern  rechts  vom  Bogen  trägt  das  größere
Nr.  360  mit  dem  von  Efeu  umwucherten  Erker  die  Jahreszahl  1597,
das  kleinere  keine  Jahreszahl,  ist  jedoch  so  gleichartig  in  der
Führung  der  geschwungenen  Streben,  dass  es  auch  um  1600  entstanden ­
  sein  muss.  Das  gegenüberliegende  große  Giebelhaus
zur  Linken  ist  als  das  „HausMiltenberg“  das  bekannteste,
und  durch  die  malerische  Anordnung  der  2  Erker  an  der  linken
Ecke  und  in  der  Mitte  der  Giebelfront  von  besonderem  Reize.
Es  trägt  die  Jahrzahl  1611,  und  wird  auf  Tafel  45  noch  besonders
für  sich  dargestellt,  da  es  von  allen  ähnlichen  Häusern  in  Miltenberg ­
  den  höchsten  künstlerischen  Wert  besitzt.  Gegenüber  den
etwas  älteren  Häusern  auf  der  rechten  Seite  fällt  an  diesem
„Haus  Miltenberg“  oder  nach  dem  Besitzer  „H  aus  Wirth“
genannt,  die  abweichende  Verzierung  der  Fensterbrüstungen  im
Hauptgeschosse  und  im  untersten  Geschoss  des  Erkers  auf.
An  Stelle  der  einfachen  oder  gekreuzten  Streben  mit  angearbeiteten
Nasen  sind  hier  die  quadratischen  und  rechteckigen  Brüstungsflächen ­
  mit  einer  Art  Maßwerk  vollständig  ausgefüllt,  dessen
zwischen  den  ausgeschnittenen  Hölzern  verbleibende  offene
Lücken  verschiedenartige  geometrische  Muster  bliden.  Einige
Überschneidungen  der  verschränkten  Hölzer  sind  durch  sichtbare
Holznägel  verbunden,  deren  stark  vortretende,  geschnitzte  Köpfe
zur  weiteren  Belebung  der  geometrisch  gemusterten  Fläche
beitragen.  Zur  Erhöhung  der  Zierwirkung  ist  das  Holzwerk
dieser  Füllungen  nicht  wie  das  übrige  Fachwerk  mit  dem  Putze
der  ausgemauerten  Gefache  bündig,  sondern  tritt  2—3  cm  darüber ­
  vor,  so  dass  eine  lebhafte  Schattenwirkung  entsteht.  Allerdings ­
  erhält  das  hölzerne  Zierwerk  dadurch  etwas  brettartiges
            
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