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Full text: Klimaneutrales Berlin 2050 / Hirschl, Bernd

Klimaschutz

Klimaneutrales Berlin 2050
Empfehlungen für ein Berliner Energieund Klimaschutzprogramm (BEK)

Inhalt
1.	 Ausgangslage und Herausforderungen		
Berliner Energiewendepolitik ........................................................................... 	
Städte sind entscheidend für Energie- und Klimapolitik  .............................. 	
Klimaneutralität ist eine Chance für Berlin  ................................................... 	

4
4
4
5

Quellen dieser Broschüre
Entwurf für ein Berliner Energie- und
Klimaschutzprogramm
Diese Broschüre gibt einen Überblick über den

2.	 Beteiligungsprozess und Vorgehen		 6
Schere zwischen CO2-Trends und -Zielen verdeutlicht Handlungsbedarf  .... 	 6
Das BEK erfordert Methodenvielfalt  ............................................................... 	 7

Entwurf für ein Berliner Energie- und Klimaschutz­
programm (BEK), der in den Jahren 2014 und 2015
im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Umwelt unter Einbindung der

3.	 Strategien und Maßnahmen für ein BEK		 8
Strategische Grundsätze für alle Handlungsfelder  ...................................... 	 8
Die öffentliche Hand als Vorbild  ..................................................................... 	 8
Energieversorgung  ........................................................................................... 	 10
Ausstieg aus Kohle und Öl, Stärkung der Kraft-Wärme-Kopplung  ........ 	 10
Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“  ...................................... 	 10
Berlins Energiezukunft: effizient, solar, flexibel  ....................................... 	 11
Gebäude und Stadtentwicklung   ..................................................................... 	 12
Sanierungsstau auflösen  ............................................................................ 	12
Maßnahmen für Gebäude und Quartiere  ................................................. 	12
Mehr und umfassender energetisch sanieren  .......................................... 	13
Wirkungen und Zielkonflikte  ...................................................................... 	 13
Wirtschaft  .......................................................................................................... 	14
Neue Chancen für etablierte Unternehmen  .............................................. 	14
Energie sparen, erneuerbare Energien ausbauen  .................................... 	14
Effekte und Wechselwirkungen  .................................................................. 	15
Wertschöpfung u. Beschäftigung durch Klimaschutz und Energiewende.... 	 15
Verkehr  .............................................................................................................. 	 16
Günstige Trends für klimaneutralen Verkehr  ........................................... 	16
Auf bestehenden Konzepten aufbauen  ..................................................... 	16
Drei Strategien für einen klimaschützenden Verkehr............................... 	 17
Private Haushalte und Konsum  ...................................................................... 	 18
Klimabewusstes Verhalten fördern  ........................................................... 	18
Effizienz und Suffizienz fördern  ................................................................. 	18
Bildung und Kommunikation für klimafreundliche Lebensstile  ............. 	 19
Direkte und indirekte Wirkungen schwer messbar  .................................. 	 19
4.	 Gesamteffekte: CO2-Reduktion, Kosten, Nutzen	
	 20
CO2-Reduktionsziele erreichbar........................................................................ 	20
Großstadt Berlin: Wichtig für die Energiewende............................................. 	20
Kosten und Nutzen des Klimaschutzes ........................................................... 	21
Berlin passt sich an den Klimawandel an........................................................ 	 21
5.	 Fazit und Ausblick	
	 22
Energieeinsparung leistet einen Beitrag für die Wirtschaft  ........................ 	22
Erfolgreiche Umsetzung des BEK ist international beispielgebend  ............ 	 22
Glossar		23

Öffentlichkeit erstellt wurde. Der Endbericht wurde
von einem Fachprojekt unter Leitung des Instituts für
ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Dezember
2015 veröffentlicht.
Hirschl, Bernd et al.: Entwurf für ein Berliner Energieund Klimaschutzprogramm (BEK), Endbericht,
November 2015, Berlin, 418 Seiten

Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“
Dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm
ging die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin
2050“ voraus. In dieser wurde untersucht, ob und
wie das Ziel, Berlin bis zum Jahr 2050 zu einer
klimaneutralen Stadt zu entwickeln, erreicht werden
kann und welche Voraussetzungen dafür geschaffen
werden müssen. Sie wurde unter Leitung des Potsdam
Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Auftrag
der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt erstellt.
Reusswig, Fritz et al.: Machbarkeitsstudie Klima­
neutrales Berlin 2050, Hauptbericht, März 2014,
Potsdam/Berlin, 224 Seiten

Download:
www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/
klimaschutz/bek_berlin 

Klimaneutrales Berlin 2050 | Grußworte

Berlin auf dem Weg zur Klimaneutralität
Ende 2015 hat sich die Weltgemeinschaft im Rahmen der Klimaverhandlungen der Vereinten
Nationen in Paris erstmals gemeinsam zum Klimaschutz verpflichtet und ein globales Abkommen beschlossen. Zugrunde
liegt die Erkenntnis aller Staaten
dieser Welt, dass die globale Erwärmung als spürbares Anzeichen des Klimawandels eine
ernstzunehmende Bedrohung für die Lebensqualität auf
der Erde darstellt und Bemühungen zum Schutze des Klimas dringend erforderlich sind. Städte, die einen Großteil
der für den globalen Treibhauseffekt verantwortlichen
Treibhausgase verursachen, sind in der Pflicht. Sie profi­
tieren aber auch von den vielfältigen Zusatznutzen erfolgreicher Klimapolitik, beispielsweise für die menschliche Gesundheit, die Luftqualität und als Impulse für die regionale
Wertschöpfung und Beschäftigung.
Ich bin stolz, dass sich Berlin frühzeitig seiner Verantwortung bewusst geworden ist und eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Wir haben nicht nur unsere CO2-Emissionen
im Vergleich zum Jahr 1990 bereits um rund ein Drittel gesenkt, sondern uns klar dazu bekannt, dass Berlin bis zur
Mitte des Jahrhunderts eine klimaneutrale Metropole sein
muss. Die Herausforderungen, die sich vor allem einer sozial wachsenden Stadt wie Berlin stellen sind groß, aber
machbar. Mit den Investitionen in Klimaschutz sind, nach
den Ergebnissen des Endberichts für ein Berliner Energieund Klimaschutzprogramm (BEK) und nach meiner Überzeugung, vielfältige positive Effekte für unsere Stadt verbunden. Ich freue mich sehr, dass sich die Stadtgesellschaft
in dem bisherigen Prozess bereits stark engagiert hat und
ich hoffe, dass wir Sie auch zukünftig für das Thema Klimaschutz und Energie begeistern können.

Als wir am 1. Dezember 2015 den
„Entwurf für ein Berliner Energieund Klimaschutzprogramm“ feierlich an den Regierenden Bürgermeister und den Senator für
Stadtentwicklung und Umwelt
übergeben haben, ging ein intensiver Erarbeitungsprozess – vorläufig – zu Ende. Über 15 Monate
sind wir der Frage nachgegangen, mit welchen kurz- und mittelfristigen Maßnahmen die größte deutsche Stadt nicht nur
mehr Energie einsparen und CO2 vermeiden, sondern sogar
das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreichen kann. In dieser Broschüre präsentieren wir unsere Kernergebnisse, die zeigen, dass und wie das geht.
Dabei wurden die hier vorgelegten Maßnahmen durch einen
intensiven Beteiligungsprozess angereichert, der in dieser
Form beispielhaft gewesen sein dürfte. So wurden zahlreiche
Fachleute und Betroffene aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik
und Zivilgesellschaft in verschiedenen Veranstaltungsformaten einbezogen. Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich in
Stadtdialogen sowie in einer Online-Beteiligung eingebracht.
Dies hat nicht nur die Qualität des Ergebnisses im Sinne von
„Schwarmintelligenz“ verbessert, sondern auch zu einer
breiten Akzeptanz des Ziels „Klimaneutrales Berlin 2050“
beigetragen. Mein Dank geht daher an alle Mitwirkenden der
„Stadtgesellschaft“, aber auch an das engagierte Projektteam und die unterstützende Verwaltung. Der Ball, der in
unsere Hände gegeben wurde, ist nun wieder zurück bei den
Verantwortlichen. Ich hoffe, dass sie die Empfehlungen weitreichend umsetzen – und dass diese viele Nachahmer in
anderen urbanen Räumen in Deutschland und in der Welt
finden, die alle ähnlichen Herausforderungen gegenüberstehen.

Andreas Geisel

Prof. Dr. Bernd Hirschl

Senator für Stadtentwicklung und Umwelt

Projektleiter, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung

3

1.	 Ausgangslage und Herausforderungen
Berlin soll klimaneutral werden. Auf dieses Ziel hat sich die
Berliner Regierungskoalition im Jahr 2011 geeinigt. Dass die
Bundeshauptstadt dies tatsächlich erreichen kann, hat die
Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“ im Jahr
2014 gezeigt. Nun geht es darum, die Theorie in die Praxis
zu überführen. Hierfür legt der Senat von Berlin ein Berliner
Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) vor.
Welche Maßnahmen müssen kurz- bis mittelfristig auf dem
Weg zur Klimaneutralität umgesetzt werden? Welche Sektoren müssen in welcher Höhe beitragen, welche Verbrauchergruppen müssen aktiv werden? Welche Zielkonflikte
zwischen Klimaschutz und anderen politischen Zielen wie
etwa der Sozialpolitik können entstehen? Um diese komplexen Fragen zu beantworten, hat die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt im Sommer 2014
das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
gemeinsam mit Forschungspartnern, Beratungs-, Planungs- und Ingenieurbüros beauftragt, Empfehlungen für
ein BEK zu erarbeiten. Am 1. Dezember 2015 hat das IÖW
der Berliner Politik den Endbericht „Entwurf für ein Berliner
Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK)“ übergeben, der
aufzeigt, wie Berlin bis 2050 klimaneutral werden kann.
Er dient als Grundlage für eine Beschlussvorlage. Diese Broschüre stellt die Inhalte des Endberichtes vor.

Berliner Energiewendepolitik
Im Land Berlin soll die Gesamtsumme der Kohlendioxid­
emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent,

bis 2030 um mindestens 60 Prozent und bis 2050 um mindestens 85 Prozent im Vergleich zu 1990 verringert werden.
So steht es im Berliner Energiewendegesetz (EWG Bln), das
am 17. März 2016 vom Berliner Abgeordnetenhaus
beschlossen wurde. Das Gesetz sieht vor, dass der Senat
von Berlin unter Einbindung der Öffentlichkeit ein Gesamtkonzept erstellt, um diese verbindlichen Klimaschutzziele
zu erreichen. Mit dem BEK wird diesem Anliegen Rechnung
getragen. Es beschreibt Strategien und Maßnahmen für alle
relevanten Handlungsfelder in der Stadt, die zum Klimaschutz, aber auch zur Anpassung an den Klimawandel beitragen können und müssen: Energieversorgung, Gebäude
und Stadtentwicklung, Wirtschaft, Verkehr sowie private
Haushalte. Angesichts der großen Bandbreite der Handlungsfelder und der Vielfalt der Betroffenen wurde die Vorlage für das BEK in einem umfangreichen Beteiligungsprozess entwickelt, in den alle relevanten Fachdisziplinen und
Akteure aus der Praxis sowie viele Teilnehmende aus der
Berliner Stadtgesellschaft einbezogen wurden.

Städte sind entscheidend für Energie- und
Klimapolitik
Die Einigung auf ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen zum Klimaschutz auf dem internationalen Klimagipfel
(COP 21) in Paris am 12. Dezember 2015 stärkt die Bemühungen, den Klimawandel zu bekämpfen. Die Verantwortung von Städten rückt dabei mehr und mehr in den Vordergrund: Über die Hälfte der Menschheit weltweit lebt in
Städten – mit stark steigender Tendenz. Bereits heute ver-

Abbildung 1: Die Schere muss geschlossen werden: CO2-Emissionen Berlins seit 1990, Trend und Handlungsbedarf bis 2050
(nach Verursacherbilanz)
	

Tsd. t CO2
30.000

	 Reale C02-Entwicklung 1990 bis 2012

	
	 Erforderliche C02-Reduktion, um bis 2050
		 klimaneutral zu werden

25.000

	
	 Trend basierend auf den realen CO2-Emissionen
		 der Jahre seit 2007

20.000

	

	 Politischer Zielwert 2020: -40 % gegenüber 1990

15.000
10.000
5.000
0
1990

4

1995

2000

2005

2010

2015

2020

2025

2030

2035

2040

2045

2050

Klimaneutrales Berlin 2050 | Einleitung

ursachen Städte mehr als 70 Prozent der anthropogenen,
also von Menschen ausgestoßenen, Treibhausgase. Eine
Stadt wie Berlin etwa stößt so viel CO2 aus wie Kroatien,
Tokio wie Österreich und selbst eine kleine Stadt wie Eberswalde noch so viel wie die Zentralafrikanische Republik.
Gleichzeitig wächst der Kampf um die verbleibenden Landflächen zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung.
Dadurch werden auch solche Flächen knapper, die Städte
mit erneuerbaren Energien aus dem Umland versorgen
könnten. Dies alles spricht dafür, dass Städte deutlich stärker zum Klimaschutz und zur Energiewende beitragen müssen, als dies bisher diskutiert wurde. Die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“ zeigt auf, dass und wie
dies auf verschiedene Weise funktionieren kann.

Klimaneutralität ist eine Chance für Berlin
Um klimaneutral zu werden, lautet die Faustformel: Erstens
insgesamt weniger Energie verbrauchen und zweitens die
Energie, die benötigt wird, mit erneuerbaren statt fossilen
Quellen erzeugen. Die Ausgangslage Berlins auf dem Weg
zur Klimaneutralität zeigt ein unterschiedliches Bild, wie
Abbildung 1 zeigt: Einerseits konnte die Stadt ihre CO2Emissionen seit 1990 im Vergleich zum Bundesdurchschnitt
erfolgreich reduzieren. Die drastische Veränderung der
Wirtschaft nach der Wiedervereinigung, aber auch Effizienzsteigerungen und Gebäudesanierungen haben dazu
geführt, dass Berlin signifikant Energie eingespart hat.
Andererseits zeigt der Emissionstrend der letzten Jahre wieder leicht nach oben – hier besteht dringender Handlungsbedarf, um wieder auf den Klimaneutralitätspfad zu gelangen.
Insbesondere in der Energieversorgung liegen erhebliche
Herausforderungen: Bei den erneuerbaren Energien weist
Berlin erst sehr geringe Anteile auf und hat großen Nachholbedarf (Abb. 2). Derzeit dominieren noch die fossilen
Energieträger: Erdgas für die Wärmeerzeugung, Mineralöl
für den Verkehr bzw. als Heizöl, im Stromsektor neben Erdgas vor allem Stein- und Braunkohle in Großkraftwerken
zur Strom- und Fernwärmeerzeugung. Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), also die gleichzeitige Erzeugung von Strom und
Wärme, wird für den verdichteten Bereich Berlins sehr
wahrscheinlich eine wichtige Option auch im zukünftigen
Energiesystem bleiben. Aber auch die Solarenergie oder
Wärmepumpen haben enorme Potenziale, die mit den Maßnahmen des BEK gezielt erschlossen werden sollen.
Insbesondere das gegenwärtig bedeutendste Handlungsfeld – die Gebäude – kann in den Bereichen Erzeugung und
Einsparung viel zum Klimaschutz beitragen. Aber auch die
anderen Handlungsfelder – Verkehr, Wirtschaft und private
Haushalte – können und müssen in signifikanter Höhe

Emissionen reduzieren (Abb. 3). Und die Bemühungen lohnen sich – nicht nur für das Klima: Alle Handlungsfelder und
viele der darin agierenden Akteure können auch am wirtschaftlichen Nutzen teilhaben, der bei angemessener Verteilung weit über die Kostenbelastung hinausgehen kann.
Zu den genannten Herausforderungen werden in Zukunft
weitere hinzukommen, die sich bereits heute abzeichnen:
Berlins Bevölkerung wächst und gegenwärtig wächst auch
die Wirtschaft. Um damit umzugehen, kann das BEK keine
Patentrezepte liefern, sondern muss dynamisch anpassbar
sein. Eine wesentliche Strategie muss daher sein, Wachstum und CO2-Ausstoß zu entkoppeln, was wiederum insbesondere bedeutet: erheblich mehr erneuerbare Energien
statt fossile Brennstoffe.

Abbildung 2: Primär- und Endenergieverbrauch in Berlin
im Jahr 2012 in Petajoule (1 Billiarde Joule)
Primärenergieverbrauch

	 98,1		Mineralöle
	 36,3		Steinkohle
	 13,1		Braunkohle
Gesamt: 298,9

	 123,6		Gase
	 10,7		Erneuerbare Energie
	 14,2		Strom
	

2,8		andere

Endenergieverbrauch

	 94,2 	Mineralöle
	
Gesamt: 262,3

0,5 	Braunkohle

	 81,4	Gase
	

4,4	 Erneuerbare Energie

	 40,8	Strom
	 41,0	Fernwärme

Abbildung 3: Anteile der Handlungsfelder am
Endenergieverbrauch 2012
	 59 % 	Gebäude
	 12 % 	Wirtschaft
	

5 % 	Haushalte und Konsum

	 25 % 	Verkehr
Abweichung von 100 Prozent
rundungsbedingt

5

2.	 Beteiligungsprozess und Vorgehen
Berlin wird nur dann klimaneutral werden, wenn alle Akteure und Sektoren signifikante Beiträge leisten und damit Verantwortung übernehmen. Die Maßnahmen müssen also
nicht nur wirkungsvoll, sondern vor allem umsetzbar und
weithin akzeptiert sein. Daher wurde der Entwurf für das
BEK in einem breiten Beteiligungsprozess erstellt.

gung von Maßnahmen für das BEK eingebracht. Sie konnten sich an mehreren Stadtdialogen, zwei Reihen mit je fünf
Workshops sowie online beteiligen (Abb. 4).

Im Zeitraum von etwa einem Jahr haben sich eine Vielzahl
von Stakeholdern aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik sowie zahlreiche interessierte Bürgerinnen
und Bürger in die Debatte sowie die Entwicklung und Festle-

Als Ausgangsdokument für die Beteiligung aktualisierte und
erweiterte das Projektteam zunächst die bereits aus der
Machbarkeitsstudie vorhandenen Maßnahmenvorschläge.
Dazu wurden für alle Schlüsselfaktoren, wie z. B. den Modal

Schere zwischen CO2-Trends und -Zielen
verdeutlicht Handlungsbedarf

Abbildung 4: Der Beteiligungsprozess
Über 1000 Personen nahmen an den verschiedenen Beteiligungsangeboten zum Berliner Energie- und
Klimaschutzprogramm im Zeitraum von gut einem Jahr teil. Der gesamte Prozess sowie alle Dokumente
sind online dokumentiert: www.klimaneutrales.berlin.de	

BEK-Version

1.0

Vorstellung
Machbarkeitsstudie
17.03.2014

Auftaktforum
03.11.2014
200 Teilnehmende

Das Projektteam brachte das BEK in weitere Gremien,
Prozesse und Netzwerke ein und führte daneben
eine Vielzahl bilateraler Gespräche mit Akteuren aus
Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung.

6

BEK-Version

2.0

1. Workshopreihe
08.–09.12.2014
5 Workshops
> 100 Fachexpert/innen

Enquete-Kommission
„Neue Energie für Berlin“
In mehreren Sitzungen und
Anhö­rungen diskutieren die
zuständige Senatsverwaltung
und Prof. Bernd Hirschl
das BEK mit der Kommission.

BEK-Version

3.0

1. Stadtdialog
26.02.2015
> 200 Teilnehmende

Landesdenkmalrat
20.02.2015
Das BEK wird auf einer Sitzung
vorgestellt. Die Beteiligten
sind sich einig, dass Klimaund Denkmalschutz miteinander
vereinbar sind.

Klimaneutrales Berlin 2050 | Beteiligungsprozess und Vorgehen

Split im Handlungsfeld Verkehr oder die Sanierungsrate im
Handlungsfeld Gebäude, der aktuelle Stand sowie die voraussichtlichen Trends ermittelt. Der kurz- bis mittelfristige
Handlungsbedarf ergibt sich aus der Differenz zwischen den
Trendwerten und den erforderlichen Reduktionen für die
Jahre 2020 und 2030 auf dem Pfad zur Klimaneutralität.
Abbildung 1 (S. 4) verdeutlicht dieses grundsätzliche methodische Vorgehen anhand des CO2-Gesamtwertes für Berlin.
Im Beteiligungsprozess wurden die Vorschläge mehrfach
kommentiert und ergänzt. Dabei konnten von etwa einem
Drittel der über hundert neu vorgeschlagenen Maßnahmen
maßgebliche Teile berücksichtigt werden. In Verbindung
mit der hohen Zustimmung zu den bereits vorhandenen
Vorschlägen kann dies als Erfolg des Beteiligungsverfahrens gewertet werden.

BEK-Version

Um abzuschätzen, wie die Maßnahmen wirken, setzte das
Projektteam verschiedene Methoden und Modelle ein. So
wurde beispielsweise ein bereits in der Machbarkeitsstudie
entwickeltes Berliner Gebäudemodell verfeinert. Kosten der
Maßnahmen wurden insbesondere für die öffentliche Hand
abgeschätzt. Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte
durch die energetische Gebäudesanierung sowie durch den
Ausbau erneuerbarer Energien wurden mit spezifischen
Modellen des IÖW ermittelt. Und die Energie- und CO2Bilanzen, die zur Ermittlung der Klimaschutzwirkung erforderlich sind, wurden auf die Handlungsfelder des BEK angepasst. Weiterhin berücksichtigt wurden soziale,
baukulturelle und andere ökologische Aspekte wie die
Wechselwirkungen zur Anpassung an den Klimawandel.

BEK-Version

4.0

Online-Beteiligung
26.02.–16.04.2015
-	 503 Bewertungen
-	 323 Kommentare
-	 84 neue Maßnahmen	vorschläge

Das BEK erfordert Methodenvielfalt

5.0

2. Workshopreihe
07.–08.09.2015
5 Workshops
> 70 Fachexpert/innen

Berliner Energietage
28.04.2015
BEK-Tagung zu Beteiligungs­
prozess und Maßnahmen
der Handlungsfelder mit
150 Gästen.

2. Stadtdialog
28.09.2015
> 250 Teilnehmende

Stadtforum Berlin
05.11.2015
Senator Andreas Geisel und
Prof. Bernd Hirschl diskutieren
mit Peter Fox über ein klima­
neutrales Berlin.

Abschlussforum
Vorstellung des BEK
01.12.2015
300 Teilnehmende

Weitere ausgewählte Veranstaltungen:
„„ Runder Tisch Gebäudesanierung der Berli-

ner Informations­stelle Klimaschutz (BIK)

„„ Netzwerk Erdgas der Netzgesell­schaft

Berlin-Brandenburg
„„ Energieforum beim Tagesspiegel
„„ und andere

7

3.	 Strategien und Maßnahmen für ein BEK
Ob Energieerzeugung in Groß- oder Kleinkraftwerken, Energieverbräuche in Gebäuden, im Verkehr, in der Wirtschaft
oder in privaten Haushalten – Treibhausgasemissionen entstehen ständig und fast überall. Um klimaneutral zu werden, gilt es in all diesen Handlungsfeldern aktiv zu werden.
Der Endbericht für das BEK schlägt hierfür über einhundert
Maßnahmen vor.
Die Gesamtstrategie für das BEK mit den wesentlichen
Maßnahmenschwerpunkten zeigt Abbildung 6 im Überblick.
Auf den nächsten Seiten wird die jeweilige Herangehensweise für die einzelnen Handlungsfelder näher erläutert:
„„Energieversorgung
„„Gebäude und Stadtentwicklung
„„Wirtschaft
„„Verkehr
„„Private Haushalte und Konsum

Strategische Grundsätze für alle Handlungsfelder
Die Empfehlungen für das BEK zielen darauf ab, überwiegend freiwilliges Klimaschutzhandeln zu fördern. Übergreifende Klimaschutzinstrumente wie z.  B. CO2-Steuern oder
ordnungsrechtliche Vorgaben für erneuerbare Energien
oder Energieeffizienz sind derzeit nicht durchsetzbar und
wären primär auf nationaler oder internationaler Ebene
anzusiedeln. Vielmehr gilt es, Hemmnisse abzubauen,
Märkte zu entwickeln sowie gute Beispiele und strategisch
oder strukturell bedeutsame Aktivitäten für städtischen Klimaschutz auf den Weg zu bringen. Abbildung 5 zeigt die
wichtigsten Instrumententypen, die je Handlungsfeld in
spezifischer Weise miteinander kombiniert werden. Diese
orientieren sich an folgenden strategischen Grundprinzipien:
„„Verbreitung von bereits wirtschaftlichen Klimaschutzmaßnahmen fördern
„„Positive Klimaschutztrends von der Nische in den Massenmarkt ausweiten
„„Innovative Technologien, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle unterstützen
„„Zielkonflikte identifizieren und möglichst mindern

8

Die öffentliche Hand als Vorbild
Eine besondere Position nimmt die öffentliche Hand ein.
Das Land Berlin muss selbst eine Vorbildrolle als Klimaschützer übernehmen, etwa indem es die energetische
Sanierung öffentlicher Gebäude intensiviert oder die öffentliche Beschaffung nach Klimaschutzkriterien ausrichtet.
Beide Maßnahmen haben „Win-Win-Potenzial“: Das Land
als größter Nachfrager mit jährlich rund 5 Mrd. Euro Umsatz
kann Klimaschutzmärkte anschieben. Dies bringt nicht nur
positive regionalökonomische Wirkungen, sondern senkt
auch nachhaltig die eigenen Betriebskosten. Strategisch
wichtig ist es weiterhin, Klimaschutz als Querschnittsthema
in Verwaltungsvorschriften und Planwerken zu verankern.
Nicht zuletzt kann ein städtischer Energieversorger eine
Vielzahl von Aufgaben wahrnehmen, und auch beim
zukunftsgerichteten Umbau von Infrastrukturen ist die
öffentliche Hand gefragt.
Das Land muss zudem mit gezielten Programmen Wissensvermittlung und zielgruppenspezifische Beratung stärken
und andere Akteure bei eigenen Klimaschutzbemühungen
unterstützen. Bei der Entwicklung von Förderprogrammen
ist darauf zu achten, dass diese möglichst an bestehende
Förderungen etwa in den Bereichen Innovationen, Umwelt,
Wirtschaft oder Stadtentwicklung angekoppelt werden. Das

Abbildung 5: Instrumente zur Förderung des Klimaschutzes
Information,
Kommunikation,
Bildung und
Beratung

Förderprogamme und
Anreize für Techn­olo­
gien, Dienstleistungen
und Infrastrukturen

Bürgerbeteiligung,
Vernetzung und
Kooperationen

EWG Bln

Aktivitäten auf
Bundesebene

(Energiewendegesetz
Berlin)

+
BEK

Vorbildwirkung der
öffentlichen Hand

Verbesserte
Planungsintrumente und
Verwaltungsvorschriften,
Abbau von Hemmnissen

Abfederung
sozialer Härten,
Berücksichtigung
von Zielkonflikten

(Berliner Energie- und
Klimaschutzprogramm)

Pilot- und
Demonstrations­vorhaben,
Innovationsförderung

Klimaneutrales Berlin 2050 | Auf dem Weg zur Klimaneutralität: Strategien und Maßnahmen für ein BEK

Land Berlin muss zudem Impulse auf Bundesebene einbringen, um auf förderliche Rahmenbedingungen für die Energiewende in urbanen Räumen hinzuwirken. Dazu zählen
Instrumente wie die Förderung von Mieterstrommodellen,
Solarenergie oder umweltfreundlicher KWK, die nicht nur
für die Städte sondern für die gesamte Energiewende große
Bedeutung aufweisen.

Da es ein langer Weg bis zur Klimaneutralität 2050 ist, sind
dauerhafte institutionelle Strukturen besonders wichtig,
um sicherzustellen, dass das BEK nachhaltig implementiert
und fortgeschrieben wird. Die Verwaltung muss handlungsfähig sein und Beteiligung effektiv organisieren, und das
Programm braucht eine tragfähige Finanzierung und ein
umfassendes Monitoring.

Abbildung 6: Gesamtstrategie des BEK im Überblick
Handlungsfeld Energieversorgung
„„ Kohleausstieg und deutliche Absenkung des

Ölverbrauchs
„„ Gasbasierte flexible KWK ausbauen
„„ Fernwärmenetz verdichten und umbauen,
Wärmespeicher
„„ Solarenergie massiv ausbauen
„„ Ausbau Wärmepumpen und Geothermie

„„ Nutzung von Überschussstrom aus

erneuerbaren Energien (PtX),
virtuelle Kraftwerke, Flexibilität
„„ Urbane Energiewende-Innovationen und
Geschäftsmodelle fördern

Handlungsfeld Gebäude und Stadtentwicklung
„„ Energetische Sanierungsrate auf durch-

schnittlich 2 % pro Jahr bis 2050 steigern
„„ Höhere Neubaustandards
„„ Nachverdichtung 5 % bis 2050
„„ Wohnflächenverbrauch pro Kopf reduzieren
„„ Soziale und baukulturelle Aspekte
berücksichtigen

„„ Quartierskonzepte als integrierte Ansätze
„„ Vorbildwirkung der öffentlichen Hand
„„ Leicht zugängliche Informations- und

Beratungsangebote schaffen

„„ Strategisch wichtige Grün-und Freiflächen

erhalten und aufwerten

„„ Städtische CO2-Senken stärken

Handlungsfeld Wirtschaft
„„ Steigerung Energieeffizienz und Substitution

fossiler Energieträger
„„ Beratung und Vernetzung von KMU
ausweiten
„„ Klimaschutzvereinbarungen sowie öffentliche
Beschaffung auf Klimaneutralität ausrichten
„„ Neue Finanzierungsangebote schaffen

„„ Pilotprojekte/Kampagnen für Schlüssel­

technologien und Bereiche mit Multiplika­
tionsfunktion (z. B. Tourismus, Einzelhandel,
Gewerbegebiete)
„„ Ausbildung und Qualifizierung von Beratung
verbessern

Handlungsfeld Verkehr
„„ Weitere Veränderung der Verkehrsträger­

nutzung (Modal Split) zugunsten des
Umweltverbundes
„„ Fahrzeuge bis 2030 zu mehr als einem Drittel
nicht fossil betreiben
„„ Weitere Senkung der Kraftstoffverbräuche
„„ Sharing-Angebote weiter ausbauen

„„ Parkraummanagement ausweiten
„„ Güterverkehr von fossilen LKW weg verlagern
„„ Fuhrparks (insb. der öffentlichen Hand) als

Vorreiter für Berliner Flottenwandel nutzen

Handlungsfeld private Haushalte und Konsum
„„ Geräteeffizienz deutlich erhöhen durch

Anreize, Beratung und lnformation
„„ Klimafreundlichen Konsum durch
lnformationsangebote, Modellvorhaben
und Vorbilder stärken
„„ Klima-Bildung vernetzen, stärken und
dauerhaft etablieren

„„ Suffizienz deutlich steigern, u. a. durch

Ausweitung von Sharing-Angeboten,
Anreizen und guten Beispielen
„„ Klimaneutralität zur Dachmarke ausbauen
und vielfältig kommunizieren

Übergreifende Aspekte
„„ Institutionelle Strukturen schaffen
„„ Finanzierungsarchitektur aufbauen
„„ Klimaschutz als Querschnittsthema

etablieren

„„ Monitoring aufbauen
„„ Beteiligung dauerhaft verankern

9

 Energieversorgung
Über 90 Prozent fossile Energien: So sieht die Berliner Energieversorgung gegenwärtig noch aus. Um klimaneutral zu
werden, steht Berlin hiermit vor drei zentralen Herausforderungen: Die Stadt muss erstens aus den fossilen Energien
– allen voran Kohle und Öl – aussteigen, zweitens erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung ausbauen und
drittens den gesamten Energieverbrauch durch eine Einsparungs- und Effizienzoffensive deutlich verringern.

telfristig seine Bedeutung behalten. Die langfristige Zukunft
des Gasnetzes wird maßgeblich davon abhängen, ob es
gelingt, fossiles Erdgas zunehmend durch erneuerbar
erzeugte Gase zu ersetzen und wie sich die Bereiche der
Fernwärme und dezentralen Objektversorgung entwickeln.
Für den Bereich der Wärmeinfrastrukturen werden daher
zudem ein eigener Dialogprozess und weitere Forschung
empfohlen.

Ausstieg aus Kohle und Öl, Stärkung der
Kraft-Wärme-Kopplung

Enquete-Kommission
„Neue Energie für Berlin“

Die Empfehlungen für das BEK beinhalten insgesamt 30
Maßnahmen, mit denen es möglich wird, den Primärenergieverbrauch und die CO2-Emissionen bis 2050 im Vergleich
zu 2012 zu halbieren (Abb. 7). Hierfür ist es nötig, bis 2020
aus der Braunkohle und bis 2030 aus der Steinkohle auszusteigen. Diese Ziele wurden im Beteiligungsprozess durch
eine Vielzahl von Experten und Akteuren aus der Energiewirtschaft bestätigt und ebenso von der Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“ gefordert. Als Ersatz für die
wegfallenden Kohlekraftwerke werden teilweise KWK-Anlagen auf Gasbasis gebaut, die gleichzeitig Strom und Fernbzw. Nahwärme erzeugen.
Weitere Maßnahmen sorgen dafür, die Infrastrukturen
zukunftsgerichtet anzupassen, indem beispielsweise Temperaturniveaus von Wärmenetzen gesenkt und verstärkt
Wärmespeicher integriert werden. Fernwärme bleibt eine
wichtige Säule, aber auch das Gasnetz wird zumindest mit-

Das Abgeordnetenhaus von Berlin hat 2014 die EnqueteKommission „Neue Energie für Berlin – Zukunft der energiewirtschaftlichen

Strukturen“

eingesetzt,

die

am

03.11.2015 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Der BEKProzess und die Enquete-Kommission waren eng miteinander verzahnt und die Ergebnisse und Empfehlungen zeigen
eine große Nähe auf. Die Enquete-Kommission hat fraktionsübergreifend den größten Teil der Empfehlungen übereinstimmend verabschiedet; lediglich bei der Frage der
Rekommunalisierung der Netze und der Energieversorgung gab es unterschiedliche Meinungen.
Abschlussbericht und Protokolle: www.parlament-berlin.de

Abbildung 7: CO2-Quellenbilanz des Handlungsfeldes Energieversorgung 2010–2050
Tsd. t CO2
8.000

6.000

	

	Ist-Daten

	

	Trend-Prognose

	

	Langfrist-Ziel

	

	 Trend- und Zielwert 2020

	

	Zielwert 2050

4.000

2.000

0
2010

10

2012

2020

2025

2030

2040

2050

Klimaneutrales Berlin 2050 | Energieversorgung

Montage des Solardachs auf dem Roten Rathaus

Berlins Energiezukunft: effizient, solar, flexibel
Neben der intensiveren Nutzung effizienter und emissionsarmer KWK und Fernwärme hat Berlin auch vielfältige Möglichkeiten, erneuerbare Energien zu nutzen: Um das urbane
Solarpotenzial zu erschließen, wird ein „Masterplan“ vorgeschlagen, der verschiedene Maßnahmen bündelt. Das städtische Stromnetz kann große zusätzliche Mengen Solarstrom aufnehmen, so dass sich Berlin mit ebenfalls
steigenden KWK-Strommengen perspektivisch bilanziell
selbst versorgen kann. Indem zusätzlich Wärmepumpen
und andere Anwendungen zur Nutzung von überschüssigem erneuerbarem Strom (Power-to-X, PtX) ausgebaut
werden, können eigene Solarstromüberschüsse und zudem
Windstromüberschüsse aus dem Umland verwertet werden.
Hierfür werden eine Reihe von „smarten“, also durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gesteuerten, Flexibilitätsmaßnahmen vorgeschlagen. Die PtXAnwendungen – also solche, die Strom in z. B einen anderen
speicherbaren Energieträger umwandeln – werden primär
in der Stadt verortet, weil sie gut in das Strom-, Wärme- und

Gasnetz integriert werden können und hierfür genügend
Abnehmer vorhanden sind. Weiterhin wird empfohlen,
Demand-Side-Management, Speicher und virtuelle Kraftwerke zu fördern. Denn solche Maßnahmen werden perspektivisch nicht nur in Berlin sondern im gesamten Energiesystem wichtig, um die erforderliche Flexibilität und
Stabilität sicherzustellen. Zudem eröffnen sie Berlin auch
eine Reihe ökonomischer Potenziale.
Um die Bürger bei der Transformation des Energiesystems
mitzunehmen, enthalten die Empfehlungen für das BEK
einige partizipative Maßnahmen, beispielsweise die Stärkung von Bürgersolaranlagen. Aber auch das Engagement
der Berliner Unternehmen – mit oder ohne Landesbeteiligung – soll durch entsprechende Klimaschutzvereinbarungen mit den Unternehmen quantitativ und qualitativ ausgeweitet werden. Nicht zuletzt ist auch die Bundespolitik
gefragt, die bereits kurzfristig einige Rahmenbedingungen
und Förderungen gezielter auf urbane Belange anpassen
muss. Dazu zählen beispielsweise solche für flexible, dezentrale, gasbasierte KWK, den solaren Eigenverbrauch, Mieterstrommodelle sowie für Speicher.

11

  Gebäude und Stadtentwicklung
Den größten Beitrag am urbanen Ausstoß von Treibhausgasen haben die Gebäude. In Berlin verursachen sie mehr als
die Hälfte aller Energieverbräuche und sind daher ein
Schlüssel für die Klimaneutralität. Um CO2-Emissionen von
Gebäuden zu senken, muss das BEK zwei Strategien parallel
verfolgen: erstens eine effizientere und umweltfreundlichere technische Wärmeversorgung, und zweitens eine deutliche, aber sozial und baukulturell ausgewogene, Reduktion
des Wärmeverlusts über Wände, Dächer und Fenster.

Die Gebäude sind deshalb so relevant für den Klimaschutz,
weil sie im Durchschnitt derzeit viel Energie zum Heizen
verbrauchen. Dies muss sich drastisch ändern: Um klima­
neutral zu werden, müssen die durchschnittlichen jährlichen Verbräuche von heute ca. 200 kWh pro Quadratmeter
Nettogeschossfläche auf unter 80 kWh bis 2050 reduziert
werden. Abbildung 8 zeigt, dass die CO2-Reduktionen im
Gebäudebereich deutlich mehr sinken müssen als der Energieverbrauch. Neben der Sanierung der Gebäudehülle ist
deshalb auch der Umstieg auf eine klimafreundliche Energieerzeugung mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien notwendig. Noch sind die Sanierungsraten und -standards allerdings zu niedrig und die Heizungsanlagen noch
in hohem Maße ineffizient und fossil betrieben.

Sanierungsstau auflösen
Da gängige Energie- und CO2-Bilanzen den Treibhausgasausstoß von Gebäuden nicht separat ausweisen, wurden sie
eigens für das BEK berechnet. Etwa 60 Prozent dieser Emissionen entfallen auf den Bereich Wohnen, auf Nichtwohngebäude rund 30 Prozent und nur etwa sechs Prozent auf
industrielle Bauten. Um Maßnahmen für das BEK zu ermitteln und zu justieren, wurde ein spezifisches Berliner Gebäudemodell entwickelt, da die gegenwärtige Datenlage über
den baulichen Zustand und die Wärmeverbräuche in Berlin
(sowie auch bundesweit) noch unzureichend ist. Berücksichtigt wurde dabei auch das baukulturelle Erbe Berlins mit
seinen zahlreichen wertvollen Bestandsbauten. So soll
sichergestellt werden, dass Klimaschutz und der Schutz von
Denkmalen und anderer besonders erhaltenswerter Bausubstanz wie den Berliner Gründerzeitgebäuden Hand in
Hand gehen.

Maßnahmen für Gebäude und Quartiere
Im Handlungsfeld wurden geeignete Maßnahmen und Strategien für ein klimaneutrales Berlin 2050 herausgearbeitet,
die sich neben den Gebäuden auch auf die Stadtentwicklung
beziehen. Schwerpunkte liegen darin, Quartiere weiterzuentwickeln, Gebäude zu sanieren und den Neubau zu optimieren. Diese Maßnahmen werden von sozial- und wirtschaftspolitischen Instrumenten flankiert.
Die Maßnahmen verfolgen verschiedene Ziele: Die Sanierungsraten und -tiefen sollen erhöht werden, also der Anteil
der modernisierten Gebäude pro Jahr sowie die Standards
der energetischen Sanierungen. Zudem gilt es, die Anlagen-

Abbildung 8: Angestrebte Entwicklung der spezifischen CO2-Emissionen und des Endenergieverbrauchs pro Quadratmeter
beheizter Nettogeschossfläche bis 2050
	

	CO2-Emissionen (2012: 49 kg CO2/m² | 2050: 7 kg CO2/m²)

	

	 Endenergieverbrauch (2012: 207 kWh/m² | 2050: 81 kWh/m²)

100 %

75 %

50 %

25 %

0 %
2012

12

2020

2025

2030

2050

Klimaneutrales Berlin 2050 | Gebäude und Stadtentwicklung

Sanierte Windfänge an Wohnhäusern am Burscheider Weg in der Siedlung Haselhorst sorgen für geringere Wärmeverluste

technik klimafreundlich zu verbessern sowie verstärkt
ambitioniertere Neubau- und Sanierungsstandards umzusetzen. In den Bestandsgebäuden soll die jährliche Sanierungsrate bis 2050 durchschnittlich zwei Prozent bezogen
auf den Bestand von 2010 erreichen. Auch eine angemessene Nachverdichtung von Quartieren sowie die Reduktion
der Wohnfläche pro Kopf tragen zum Klimaschutz bei.

Mehr und umfassender energetisch sanieren
Dreh und Angelpunkt ist die energetische Gebäudesanierung.
Um diese voranzubringen, wurden unterschiedliche Maßnahmenbündel entwickelt je nach Gebäudetyp. Ob Einfamilienhaus, Mehrfamilienhaus oder Nichtwohngebäude – es zeigt
sich, dass sehr unterschiedliche Maßnahmen zur Erhöhung
der Sanierungsrate beitragen. Bei Einfamilienhäusern ist es
insbesondere wichtig, die Eigenheimbesitzer zu informieren
und zu beraten. Bei Mehrfamilienhäusern greifen gleichermaßen quartiersbezogene Maßnahmen, wirtschaftliche
Anreize, Information und Beratung sowie Maßnahmen auf
Ebene der Einzelgebäude – z. B. die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude. Bei den Nichtwohngebäuden hat die Vorbildwirkung der öffentlichen Hand einen zentralen Einfluss
darauf, die Sanierungsrate zu erhöhen. Zusätzlich sind hier
quartiersbezogene Maßnahmen relevant.
Insbesondere bei den Nichtwohngebäuden muss die öffentliche Hand vorangehen und die eigenen Bestandsbauten
vorbildhaft in deutlich höherer Anzahl und mit ambitionierten Effizienzstandards sanieren. Für den Berliner Mietwohnungsbau spielen insbesondere Quartierslösungen für den
Bestand sowie Modellquartiere für den Neubau eine wichtige Rolle.

Konkret wird für das BEK empfohlen:
„„Gebiete mit einkommensschwachen Haushalten sollten
bei energetischen Sanierungen gezielt unterstützt werden.
„„Baukulturell wertvolle sowie denkmalgeschützte Bestände sollen behutsam energetisch saniert werden.
„„Die Information und Beratung für private Gebäudeeigentümer sollte ausgeweitet werden – Von Angeboten
vor Ort in Einfamilienhausgebieten bis hin zu einem
Bauinfozentrum.
„„Schließlich muss das Thema Klimaschutz stärker in die
gesamte Stadtentwicklung und -planung integriert
werden.

Wirkungen und Zielkonflikte
Die vorgeschlagenen Maßnahmen können den von 2010 bis
2012 verzeichneten Anstieg der Emissionen im Gebäudebereich kurzfristig bis 2020 stoppen. Langfristig können sie
bis 2050 eine CO2-Reduktion nach Verursacherbilanz um
fast 85 Prozent gegenüber 2012 ermöglichen (Abb. 8). Doch
gibt es neben den Gebäuden noch andere Flächennutzungen, die für den Klimaschutz wichtige Funktionen haben,
aber gegenwärtig in der CO2-Bilanz noch nicht auftauchen:
Wälder und Moore dienen als CO2-Senken und daher werden Maßnahmen empfohlen, die diese Funktion stärken.
Darüber hinaus berücksichtigt der Endbericht für das BEK
auch Wechselwirkungen mit dem Thema Anpassung an den
Klimawandel, da sich hier stadtplanerische Konflikte mit
dem Klimaschutz ergeben können: z. B. hinsichtlich der Fragen Offenhalten versus Verdichten, oder ob Dächer für
Solarenergie und Begrünung genutzt werden können.

13

 Wirtschaft
Die Berliner Wirtschaft wird maßgeblich durch Gewerbe,
Handel und Dienstleistungen sowie durch kleine und mittlere
Unternehmen geprägt. In den letzten Jahren ist die Wirtschaft in Berlin kontinuierlich gewachsen und wird dies voraussichtlich auch in den nächsten Jahren weiter tun. Steigende Energieverbräuche und Emissionen der Wirtschaft
stellen eine strukturelle Herausforderung für das Ziel der
Klimaneutralität dar. Allerdings bieten Energiewende und
Klimaschutz in einer Stadt wie Berlin große ökonomische
Chancen, die die Kosten bei weitem übersteigen können.

Neue Chancen für etablierte Unternehmen
Die Umsetzung der Energiewende erfordert viele Dienstleistungen – von Einspar-Contracting und dezentraler Energieerzeugung bis hin zu neuen Geschäftsmodellen für smarte
Flexibilität. Hierin liegen enorme Potenziale für lokale Wertschöpfung und Beschäftigung, wie die Infobox auf Seite 15
zeigt. Im Unterschied zum bisher dominierenden und teuren Import fossiler Rohstoffe bleibt die Wertschöpfung der
Energiewende im Land. So entstehen neue Chancen für etablierte Unternehmen, zum Beispiel aus den Bereichen Energiewirtschaft, Handwerk, Architektur oder Planung. Darüber hinaus gibt es viele innovative Gründungen in der
Berliner Wirtschaft wie der Digitalbranche, der Herstellung
von Datenverarbeitungs- und Elektrogeräten oder aus der
Wissenschaft heraus.

Neue Geschäftsmodelle für die digitale Energiewelt schaffen Arbeitsplätze

14

Energie sparen, erneuerbare Energien ausbauen
Zentrales Ziel im Handlungsfeld Wirtschaft ist es, dass die
Unternehmen mehr Energie einsparen und dass mehr
umweltfreundliche Energieträger eingesetzt werden. Dafür
müssen die bisher erfolgreichen Instrumente auf das neue
Ziel der Klimaneutralität ausgeweitet und ergänzt werden.
Hierzu zählen Klimaschutzvereinbarungen zwischen Unternehmen und dem Land Berlin, EnergieEffizienz-Tische zur
Vernetzung innerhalb der Wirtschaft oder Energiesparpartnerschaften und mit ihnen das Instrument des Energie-Contracting. Mit ihrer Beschaffungsrichtlinie sollte die öffentliche Hand als Großverbraucher gezielt die Nachfrage nach
Klimaschutztechnologien und -dienstleistungen fördern.
Dafür werden zum Beispiel gezielte Programme im Bereich
der Beleuchtung empfohlen. Eine Koordinierungsstelle für
betrieblichen Klimaschutz sowie Kampagnen und Wettbewerbe sollen die Berliner Wirtschaft im Allgemeinen, ein
eigenes Förderprogramm speziell kleinere Unternehmen
unterstützen. Spezifische Maßnahmen werden für ausgewählte Branchen vorgeschlagen, etwa für den Tourismus,
den Einzelhandel und für Gewerbegebiete, da diese Multiplikations- bzw. Nachahmereffekte ermöglichen. Beratung
sowie Aus- und Weiterbildung sollten intensiviert werden,
wobei die Qualität über Standards und Zertifikate abgesichert werden muss. Für die Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen wird empfohlen, dass im Rahmen des BEK
ein übergreifender Energie- und Klimaschutzfonds etabliert
wird.

Klimaneutrales Berlin 2050 | Wirtschaft

Effekte und Wechselwirkungen
Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen kann der weitere
Energieverbrauch langfristig zumindest eingedämmt, wenn
auch angesichts des Wirtschaftswachstums nur begrenzt
reduziert werden. Deutlich stärker müssen daher fossile
durch erneuerbare Energien ersetzt werden, so dass die
CO2-Emissionen bis 2050 um fast 80 Prozent reduziert werden können. Hierfür brauchen die Unternehmen aber auch
entsprechende Spielräume und Vorgaben, etwa zum Eigenverbrauch von selbst erzeugtem erneuerbarem Strom. Die
Maßnahmen des Handlungsfeldes Wirtschaft sind eng mit
denen anderer Handlungsfelder verknüpft – wie im Grundsatz alle Handlungsfelder untereinander. Sie bauen zudem
auf bereits existierenden Strategien des Landes auf.
Neue Aufgaben für das Berliner Handwerk

Wertschöpfung und Beschäftigung durch Klimaschutz und Energiewende
Die vorgeschlagenen Klimaschutzmaßnahmen verursachen

Zahlen um Jahreswerte handelt und dass zu dem hier betrach-

Kosten, denen in vielen Fällen jedoch ein ökonomischer Nutzen

teten Einzelbereich der Gebäudesanierung noch viele weitere

für die Berliner Wirtschaft und die betroffenen Akteure gegen-

Klimaschutzinvestitionen mit ebenfalls hohen Wertschöp-

übersteht. Investitionskosten für Sanierungen und erneuer-

fungspotenzialen hinzukommen.

bare Energien, Ausgaben für Bildung und Beratung, auch
direkte Fördergelder fließen als Umsätze an privatwirtschaftliche bzw. staatliche Akteure. Berliner Wirtschaftsakteure können davon zu sehr hohen Anteilen profitieren und Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen.
Das IÖW hat diese Effekte am Beispiel der energetischen
Gebäudesanierung berechnet – ein Bereich, der besonders
kostenintensiv und gleichzeitig mit Konflikten behaftet ist.
Zusammen mit den Effekten der erneuerbaren Energien, die
vom IÖW bereits für die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales
Berlin 2050“ untersucht wurden, können im Jahr 2020 bereits
über 90 Mio. Euro an Wertschöpfung geschaffen werden – und
dies obwohl die Dynamik sowohl bei den erneuerbaren Energien als auch bei der Sanierung bis dahin erst verhalten an

Abbildung 9: Erzielbare Wertschöpfungseffekte durch
energetische Gebäudesanierung in Mio. Euro
90
80

12,1

70
60

	Steuereinnahmen

50

7,6

Fahrt aufnehmen wird. Im Jahr 2030 können dann allein im
Bereich der energetischen Gebäudesanierung fast 90 Mio.
Euro Wertschöpfung entstehen (Abb. 9). Davon entfallen etwa
12 Mio. Euro auf Steuern, knapp 22 Mio. Euro erhalten die
beteiligten Unternehmen als Gewinn. Der größte Teil der Wertschöpfung entfällt mit fast 52 Mio. Euro auf die Einkommen
der Beschäftigten, die wiederum konsumbedingte Wertschöpfung auslösen. Insgesamt kann in 2030 mit etwa 3.100 Vollzeitarbeitsplätzen in 720 Betrieben, vorrangig im Handwerk,
gerechnet werden. Zu beachten ist, dass es sich bei diesen

51,6

40
30
20

5,0

	 Einkommen der
	Beschäftigten
	Unternehmensgewinne

32,2

21,3
21,7

10
9,1

13,8

0
2015

2020

2030

Berechnungen bezogen
auf Euro 2015

15

  Verkehr
Mit einem Viertel des gesamten CO2-Ausstoßes ist der Verkehr nach den Gebäuden der zweitgrößte CO2-Verursacher in
Berlin. 70 Prozent dieser Emissionen gehen vom Straßenverkehr aus. Trotz einer Reihe verkehrlicher Maßnahmen konnte Berlin seinen CO2-Ausstoß seit 1990 kaum reduzieren.
Und die Herausforderungen werden größer: Bevölkerung
und Wirtschaft wachsen – umso wichtiger, bereits kurzfristig zu handeln und die Kostenbelastungen fair zu verteilen,
die für Umbau und Erhalt der Infrastrukturen anfallen.

Günstige Trends für klimaneutralen Verkehr
Um den Verkehr in Berlin deutlich emissionsärmer zu
gestalten, gibt es bereits eine Reihe günstiger Trends: So
hat der Anteil des motorisierten Individualverkehrs abgenommen – mit 342 Pkw pro 1000 Einwohnern liegt der
Motorisierungsgrad Berlins deutlich unter dem Bundesdurchschnitt sowie dem anderer Großstädte (Abb. 10). Dies
ist nicht nur auf Einkommensunterschiede, sondern auch
auf das Mobilitätsverhalten zurückzuführen. Die Nutzung

des sogenannten „Umweltverbunds“ – ÖPNV, Fuß- und
Radverkehr – hat entsprechend zugenommen, 70 Prozent
der Wege legen die Berlinerinnen und Berliner auf diese
Weise zurück. Auch neue Mobilitätsdienstleistungen wie
das Carsharing nehmen in Berlin stark zu und können die
Pkw-Rate weiter reduzieren. In Summe reichen diese Trends
jedoch voraussichtlich nicht aus, um das Ziel zu erreichen,
die Emissionen bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren.

Auf bestehenden Konzepten aufbauen
Der Endbericht für das BEK formuliert insgesamt 19 Maßnahmen für das Handlungsfeld Verkehr, von denen der
Großteil kurz- bis mittelfristig greifen soll. Mehrere dieser
Maßnahmen fußen dabei auf bereits bestehenden verkehrspolitischen Programmen und Planungen des Landes
und empfehlen, diese zu erweitern und zu intensivieren
(Stadtentwicklungsplan Verkehr, Luftreinhalteplan Berlin,
Radverkehrsstrategie, Nahverkehrsplan etc.). Schwerpunkt
bleibt aufgrund seiner Bedeutung der Stadtverkehr. Auf den
Fernverkehr auf Straße, Schiene, Wasserstraße und in der
Luft kann das Land nur begrenzt Einfluss nehmen. Doch
werden auch für diesen Bereich Maßnahmen empfohlen.

Abbildung 10: Derzeitiger Pkw-Bestand pro 1000 Einwohner
in ausgewählten Großstädten und im Bundesdurchschnitt
600
500
400
300

547

200

500

402

342

100
0
Bundesdurchschnitt

München

Hamburg

Berlin

Abbildung 11: Weniger Autos: Der Anteil des motorisierten
Individualverkehrs am Modal Split in Berlin soll sinken
40 %
30 %
20 %

33 %

30 %

10 %

22,5 %

17 %

0 %
2008

16

2013

2030

2050

Zukünftig präsenter im Stadtbild: Lademöglichkeiten für Elektroautos

Klimaneutrales Berlin 2050 | Verkehr

Mehr Wege mit dem Fahrrad: Der Endbericht für das BEK sieht vor, die Radverkehrsinfrastruktur in Berlin auszubauen

Drei Strategien für einen klimaschützenden
Verkehr
Für das BEK werden im Wesentlichen drei Maßnahmenbündel empfohlen, um die CO2-Emissionen des Verkehrs zu senken:
1.	 Durch eine Veränderung der Verkehrsmittelwahl (Modal Split) soll erreicht werden, dass der motorisierte Individualverkehr bis 2050 zugunsten des Umweltverbundes auf 17 Prozent reduziert wird (Abb. 11).
2.	 Statt fossile sollen verstärkt alternative, klimafreundliche Antriebsarten zum Einsatz kommen. Im Jahr 2030
sollen Benziner- und Dieselfahrzeuge nur noch jeweils
etwa ein Drittel der Flotte stellen, bis 2050 sollen sie
fast vollständig ersetzt werden.
3.	 Effizientere Antriebe und verbrauchsschonendere Fahrweisen sollen dazu beitragen, dass langfristig in Hochgeschwindigkeitsbereichen 20 Prozent und im Hauptverkehrsstraßennetz Berlins 10 Prozent der Kraftstoffe
eingespart werden.

Im Einzelnen geht es darum, Fußwegeverbindungen attraktiver zu machen, die Nahversorgung auszubauen sowie die
Radverkehrsinfrastruktur und das ÖPNV-Angebot durch
Mobilitätsmanagement zu verbessern. Auch sollen SharingAngebote gefördert und stärker im Mobilitätsverbund
integriert werden. Gezieltes Parkraummanagement kann
solche alternativen Angebote wie den gesamten Umweltverbund unterstützen. Zudem wird empfohlen, den Güterverkehr auf Schiff und Bahn sowie die Zustellung von Waren
innerhalb der Stadt auf alternative Verkehrsmittel zu verlagern. Die Verkehrsunternehmen, die öffentliche Hand, aber
auch Großunternehmen haben mit ihren Fuhrparks ein
besonderes Potenzial, bei alternativen Kraftstoffen und
Lademöglichkeiten für Elektroautos im öffentlichen Raum
voranzugehen. Die Emissionen des Luftverkehrs werden im
BEK gemäß dem jetzigen Fahrgastaufkommen der Berliner
CO2-Bilanz zugerechnet. Dies gilt auch bei Eröffnung des
neuen Flughafens BER vor den Toren Berlins. Der Endbericht für das BEK macht daher ebenfalls Vorschläge, um die
Emissionen des Luftverkehrs zu reduzieren und empfiehlt
eine gemeinsame Strategieentwicklung der beteiligten Länder und des Bundes.

17

  Private Haushalte und Konsum
Klimaschutz geht alle an. Jede Bürgerin und jeder Bürger ist
von steigenden Energiekosten ebenso betroffen wie von den
Folgen des Klimawandels – wenn auch in unterschiedlichem
Ausmaß. Durch ihren Konsum entscheiden alle direkt über
den Energieverbrauch. Einige Haushalte produzieren ihre
Wärme oder ihren Strom bereits selbst. Doch noch ist das
Thema Klimaschutz in der Bevölkerung zu wenig verankert.
Das muss sich ändern.

Klimabewusstes Verhalten fördern
Private Haushalte haben für den Klimaschutz eine besondere Rolle: Hier bringen Eltern ihren Kindern etwas bei – und
umgekehrt. Partner und Generationen beeinflussen sich
untereinander, hier findet Erziehung und Kommunikation,
Vorleben und Ausprobieren statt. Daher empfiehlt der Endbericht für das BEK, hier mit einem breiten Spektrum an
Maßnahmen anzusetzen: von Fördermitteln über Kommunikation bis hin zur Bildung. Die Maßnahmen müssen in
Summe dazu führen, mittelfristig den aktuellen Trend
ansteigender Energieverbräuche zu stoppen und eine
Trendwende einzuläuten, um langfristig ein energie- und
klimabewusstes Verhalten in der Bevölkerung zu erreichen.

Weitere Maßnahmen fördern klimaneutrale Ernährungsangebote sowie ein Pilotvorhaben für klimaneutrale Lebensstile. Hiermit wird eine ganzheitliche Betrachtung eingenommen, die über die bilanziellen Grenzen Berlins weit
hinaus reicht, jedoch eine große Bedeutung für den individuellen CO2-Fußabdruck hat. Einige Maßnahmen zielen
zudem darauf ab, Routinen, Alltagsgewohnheiten und Konsummuster zu verändern, die dem Klimaschutz gegenwärtig entgegenstehen. So könnten die Berliner/innen zum Beispiel mit einer grünen Bonuskarte Punkte für nachhaltigen
Konsum sammeln und diese dafür auch wieder einsetzen –
etwa indem sie defekte Produkte reparieren statt wegwerfen oder klimafreundliche Verkehrsmittel nutzen.

Effizienz und Suffizienz fördern
Konkretes Ziel des BEK für das Handlungsfeld private Haushalte und Konsum sollte es sein, effizientes und suffizientes
(also genügsames, sparsames) Verhalten stärker zu fördern. Hierzu sollen auch gezielte Kommunikationsstrategien und Bildungsangebote beitragen. Um die Effizienz
stromverbrauchender Geräte zu erhöhen, wird unter anderem eine „Abwrackprämie“ für (ineffiziente) weiße Ware
wie Kühlschränke oder Waschmaschinen vorgeschlagen.
Doch ist es wichtig, darauf hinzuwirken, dass Effizienzgewinne nicht durch sogenannte Rebound-Effekte zunichte
gemacht werden, indem z.  B. das sparsamere Auto mehr
gefahren oder das gedämmte Haus wärmer und öfter
geheizt wird. Hierzu und zu einem insgesamt suffizienteren
Verhalten soll ein „Klimasparbuch“ beitragen, das Hinweise
auf klimafreundliche Konsum- und Verhaltensmöglichkeiten gibt und Gutscheine für die Nutzung entsprechender
klimaschonender Angebote enthält. Auch die Förderung der
Sharing-Economy, wie z. B. Car-Sharing oder Tauschringe,
kann dazu beitragen, den privaten Konsum klimafreundlicher zu gestalten.

Zukünftig werden immer mehr Haushalte von herkömmlichen Stromzählern …

… auf „Smart Meter“ umgestellt, die den Stromverbrauch intelligent steuern.

18

Klimaneutrales Berlin 2050 | Private Haushalte und Konsum

Energieeffizienz spielt beim Einkauf eine immer größere Rolle

Bildung und Kommunikation für klimafreundliche
Lebensstile
Um zum Handeln zu motivieren, ist es wichtig, das Thema
Klimaschutz stärker in der Bildung zu etablieren und bei
verschiedenen Altersklassen und Schulformen anzusetzen.
Hierfür sollten Akteure in der Berliner Bildungslandschaft
wie Schulen, Kitas oder Hochschulen, aber auch Umweltverbände u. a., unterstützt und ein Kompetenznetzwerk etabliert werden. An den Hochschulen kann etwa ein Pilotvor­
haben „klimaneutraler Campus“ kommunikativ wie auch
praktisch wirken.
Um das Ziel der Klimaneutralität in der Breite bekannt zu
machen, wird zudem empfohlen, ein Kommunikationskonzept und eine eigene „Dachmarke“ zu entwickeln, die unter
der etablierten Marke BeBerlin angesiedelt wird. Unter diesem Dach können verschiedene Kommunikationsaktivitäten und Kampagnen gebündelt werden, die sich an verschiedene Zielgruppen richten. Hierzu zwei Beispiele: Aus
der bereits bestehenden jährlichen Aktionswoche „Berlin
spart Energie“ könnte eine dauerhafte „Energieeffizienzkampagne Berlin“ entwickelt werden, die auf die breite
Öffentlichkeit zielt. Ein Label „Berlin Green Club“ könnte die
über 100 Clubs in Deutschlands Partyhauptstadt dabei
unterstützen, klimafreundlicher zu arbeiten und darüber
auch die jungen Besucher erreichen.

Direkte und indirekte Wirkungen schwer messbar
Wirken die vorgeschlagenen Maßnahmen in der vorgesehenen Weise, dann kann damit langfristig der Energieverbrauch der Haushalte in etwa halbiert werden. Dieses Ziel
ist ambitioniert – auch vor dem Hintergrund der wachsenden Bevölkerung. Viele der Maßnahmen in diesem Handlungsfeld sind strategisch und langfristig bedeutsam, doch
sind die konkreten CO2-Effekte im herkömmlichen Monitoring schwer messbar. Deshalb sind hierfür erweiterte Monitoringansätze erforderlich, die den Umsetzungsgrad der
Maßnahmen erfassen und ein Nachjustieren ermöglichen.
Damit die Maßnahmen breit akzeptiert werden und alle
gesellschaftlichen Gruppen teilhaben können, enthält der
Endbericht für das BEK auch Vorschläge, wie einkommensschwache Haushalte einbezogen und soziale Härten entlastet werden können.
Letztlich beziehen sich auch Empfehlungen aus den Handlungsfeldern Gebäude, Energieversorgung und Verkehr auf
die privaten Haushalte – etwa Maßnahmen zur energetischen Gebäudesanierung, zu privaten Energieanlagen und
zur umweltfreundlichen Mobilität. Und auch einzelne Empfehlungen für das Handlungsfeld Wirtschaft erreichen die
Privatpersonen in ihrer Rolle als Beschäftigte oder Selbstständige. Umgekehrt weisen viele Maßnahmen im Handlungsfeld Haushalte und Konsum einen integrativen, handlungsfeldübergreifenden Charakter auf.

19

4.	 Gesamteffekte:
	CO2-Reduktion, Kosten, Nutzen
Das BEK kann dazu beitragen, die Treibhausgasemissionen
Berlins konsequent zu reduzieren und Berlin bis 2050 zu einer klimaneutralen Stadt zu machen. Hierfür fallen in den
nächsten Jahren jährlich rund 100 bis 170 Millionen Euro an
Kosten an, gleichzeitig bringen die Investitionen dem Land
Berlin aber auch ökonomischen Nutzen. Manche Klimaschutzmaßnahmen haben ökologische oder soziale Auswirkungen, andere können zu baukulturellen Konflikten führen
– die daher ebenfalls im BEK darzustellen sind.
Die Wirkungen aller Maßnahmen wurden wissenschaftlich
fundiert abgeschätzt – mit einem Fokus auf Energieverbrauch und Emissionen sowie Kosten und Nutzen. Doch
damit das Programm in der Praxis umsetzbar ist, ist es

Abbildung 12: Anteile der Handlungsfelder an Primär­
energieverbrauch und CO2-Versursacherbilanz 2012-2050
Primärenergie bezogen auf 2012 in Prozent (Summe 2012 = 100%)
60 %

	2012

50 %

	2020

40 %

	2030
	2050

30 %
20 %
10 %
0 %

Energie

Gebäude

Wirtschaft

Konsum

Verkehr

CO2-Verursacherbilanz bezogen auf 2012 in Prozent (Summe 2012 = 100%)
60 %

	2012

50 %

	2020

40 %

	2030

30 %

	2050

20 %

20

CO2-Reduktionsziele erreichbar
In einer Wirkungsanalyse wurde untersucht, wie viel CO2 eingespart werden kann. Zentrales Ergebnis ist, dass die politischen Ziele erreicht werden können: Werden die Maßnahmen
zeitnah und in der Breite umgesetzt, können die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent, bis 2030 um 60 Prozent und
bis 2050 um 85 Prozent gesenkt werden. Welche Handlungsfelder hierzu wie viel beitragen, zeigt Abbildung 12.
Absolut betrachtet werden die Gebäude den größten Beitrag leisten müssen, indem der Primärenergieverbrauch
dort kontinuierlich gesenkt wird und die Gebäude zukünftig
durch umweltfreundlichere Energieträger beheizt werden.
In den Handlungsfeldern Wirtschaft und private Haushalte
ist es möglich, den Trend bei Energieverbrauch und Energieträgereinsatz bis 2030 umzukehren und den Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2050 einzuschlagen.
Auch im Verkehrsbereich können Verbräuche und CO2Emissionen kontinuierlich sinken. Anders als im Gebäudesektor, in dem Heizöl bis 2050 nicht mehr genutzt wird, wird
das Öl voraussichtlich im Last- und Flugverkehr allerdings
noch eine Rolle spielen.

Großstadt Berlin: Wichtig für die Energiewende

10 %
0 %

wichtig, auch darüber hinausgehende Wirkungen zu kennen und mögliche Konflikte von Beginn an mitzudenken.
Daher haben alle am Prozess Beteiligten interdisziplinär
daran mitgewirkt, die Maßnahmenvorschläge möglichst
umfassend zu analysieren.
So wurden beispielsweise nicht nur Aspekte wie Kosteneffizienz oder Emissionsminderung betrachtet, sondern auch
die soziale oder ökologische Wirkung einzelner Maßnahmen. Dadurch konnte zum Beispiel erkannt werden, wenn
Klimaschutzaktivitäten mit anderen Maßnahmen flankiert
werden müssen, um umgesetzt werden zu können. Soziale
und baukulturelle Zielkonflikte wurden insbesondere im
Handlungsfeld Gebäude und Stadtentwicklung intensiv diskutiert. Im Ergebnis wurden Maßnahmen aufgenommen,
die einkommensschwache Haushalte direkt unterstützen
oder Sanierungsgebiete mit hohen Anteilen solcher Haushalte zusätzlich fördern.

Gebäude

Wirtschaft

Konsum

Verkehr

Welche Ziele der BEK-Endbericht für die Entwicklung des
Energieverbrauchs vorgibt, damit Berlin klimaneutral wird,

Klimaneutrales Berlin 2050 | Gesamteffekte: CO2-Reduktion, Kosten, Nutzen

zeigt Abbildung 13. Zentral ist es, dass Berlin bis 2030 aus
der kohlebasierten Stromerzeugung aussteigt. Die Stromund Fernwärmeversorgung wird dabei teilweise durch gasbasierte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen ersetzt. Aus diesem Grund wird der Gasverbrauch bis 2030 zunächst
ansteigen. Die KWK-Anlagen in Berlin spielen zudem eine
wichtige Rolle für die Stabilität des bundesdeutschen Energiesystems. Denn trotz des zukünftig sehr hohen Anteils
des schwankenden Wind- und Solarstroms bleiben zuverlässige Kraftwerke mit gesicherter Leistung erforderlich.
Diese sollten nur in effizienter und emissionsarmer KraftWärme-Kopplung betrieben werden, wofür sich der Berliner
Standort hervorragend eignet. Nach den Berechnungen
kann Berlin bis 2050 seinen CO2-Ausstoß um 77 Prozent
reduzieren (Quellenbilanz) und erreicht damit das Reduktionsziel der Bundesregierung von 80 Prozent fast vollständig. Ähnlich nahe kann Berlin mit einem Anteil von 55 Prozent erneuerbaren Energien am Energieverbrauch bis 2050
an den bundespolitischen Zielwert von 60 Prozent kommen.

Kosten und Nutzen des Klimaschutzes
Die Kosten für das Land Berlin, die für die empfohlenen
Maßnahmen aller Handlungsfelder ermittelt wurden, summieren sich bis 2030 durchschnittlich auf rund 100 bis 170
Mio. Euro pro Jahr. Die genauen Kosten sind dabei von verschiedenen Rahmenbedingungen abhängig, die das Land
Berlin betreffen, aber auch die bundespolitische und europäische Ebene. Ein Großteil der Kosten für Infrastrukturund Gebäudeinvestitionen fallen aufgrund längerer Planungshorizonte erst in der zweiten Dekade bis 2030 an.
Bezogen auf den Berliner Haushalt beträgt die ermittelte
Kostenspanne zwischen 0,4 und 0,7 Prozent des heutigen
Haushaltsvolumens. Der untere Kostenwert kann noch
niedriger ausfallen, wenn etwa zur Finanzierung einzelner
Maßnahmen, die primär andere Ziele verfolgen (z. B. Soziales, Baukulturelles, Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung etc.), auf laufende Förderprogramme zugegriffen
wird.
Doch neben den Kosten gibt es auch ein großes Einsparpotenzial: Bisher werden in Berlin fossile Rohstoffe im Umfang
von 3,3 Mrd. Euro von außen eingekauft (2012). Indem
diese zukünftig weniger genutzt werden, können im Jahr
2030 hierfür rund 1,9 Mrd. Euro eingespart werden. Dieser
Betrag steht den erforderlichen Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen durch die öffentliche Hand und durch
Dritte als ökonomischer Nutzen gegenüber. Zudem weist
Berlin eine Vielzahl hoher Wertschöpfungs- und Beschäftigungspotenziale in einer Reihe von Zukunftstechnologien
und -dienstleistungen aus den Bereichen Energiewende und
Klimaschutz auf. Für Berlin als Wissenschafts-, Gründer-,

IT- und Kreativstandort bieten sich zudem in weiteren Feldern Potenziale für Innovationen, Geschäftsmodelle und
Wertschöpfung – etwa im Bereich smarte Energiekomponenten oder dem „Internet der Energie“, durch das u.  a.
neue Dienstleistungen für die Netzstabilität entstehen.

Berlin passt sich an den Klimawandel an
Berlin will nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz leisten,
sondern muss sich auch auf Veränderungen der klimatischen Bedingungen in der Stadt einstellen. Insbesondere bei
der Nutzung von Gebäude- und Freiflächen in der Stadt,
aber auch bei der Wasserver- und -entsorgung kann es zu
Konflikten zwischen Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen kommen, aber auch zu möglichen Synergien. Derartige Wechselwirkungen zwischen Klimaschutz und
-anpassung konnten durch die Zusammenarbeit mit dem
parallel laufenden Vorhaben „Anpassungskonzept an die
Folgen des Klimawandels“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt berücksichtigt werden.

Abbildung 13: Zielwerte für den absoluten Primär- und
Endenergieverbrauch nach Energieträgern 2012–2050
Primärenergieverbrauch in Petajoule pro Jahr
150

	2012

140

	2020

120

	2030

100

	2050

80
60
40
20
0

Kohle

Öl

Gas*

Strom*

EE**

* inkl. Anteil erneuerbarer Energien (negative Werte = bilanzieller Überschuss)
** restliche erneuerbare Energien inkl. Müll

Endenergieverbrauch in Petajoule pro Jahr

	2012

100

	2020

80

	2030

60

	2050

40
20
0

Kohle

Öl

Gas*

Strom*

Fernwärme*

EE**

* inklusive Anteil erneuerbarer Energien  ** restliche erneuerbare Energien

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5.	 Fazit und Ausblick
Mit dem Endbericht für ein Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm wurde ein Maßnahmenset vorgelegt, mit
dem Berlin seine CO2-Zielwerte der nächsten Dekaden erreichen und den Pfad zur Klimaneutralität einschlagen kann.
Ein interdisziplinäres Projektteam hat über einhundert
Maßnahmen zum Schutz des Klimas erarbeitet und daran
eine Vielzahl von Berlinerinnen und Berlinern aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung beteiligt.
Der BEK-Endbericht dient der Berliner Politik als Grundlage
für eine Beschlussvorlage.
Der Endbericht für das BEK enthält für alle Handlungsfelder
– Energieversorgung, Gebäude und Stadtentwicklung, Verkehr, Wirtschaft sowie private Haushalte und Konsum –
Maßnahmenvorschläge, wie CO2 eingespart werden kann.
Die Maßnahmen sind auf die jeweiligen Ausgangsbedingungen der Handlungsfelder zugeschnitten. Insbesondere der
Berliner Gebäudebestand, der gegenwärtig für mehr als die
Hälfte der Emissionen verantwortlich ist, muss signifikante
Reduktionsbeiträge leisten. Die öffentliche Hand muss hierbei mit gutem Beispiel vorangehen.
Klimaschutz kann mit anderen Belangen in Konflikt geraten
– auch der Beteiligungsprozess hat dies deutlich gemacht.
Energetische Sanierungen können etwa Kostenbelastungen
für Mieterinnen und Mieter verursachen, und sie haben
Auswirkungen auf die baukulturelle Entwicklung. Daher
wurden für solche potenziellen Konfliktfelder Lösungsvorschläge erarbeitet, damit auch in diesen Bereichen CO2-

Emissionen reduziert werden können. Um die große Herausforderung Klimaneutralität in der Stadt Berlin erfolgreich
zu bewältigen, wird auch in Zukunft eine breite Beteiligung
wichtig sein. Nur dann kann es gelingen, den gegenwär­
tigen Trend eines leichten Anstiegs der CO2-Emissionen wieder in Richtung Klimaneutralität zurückzuführen.

Energiewende bietet ökonomische Chancen
für die Berliner Wirtschaft
Die Umsetzung der Maßnahmen birgt eine Reihe von ökonomischen Chancen für Berlin. So kann Berlin durch den
Einsatz umweltfreundlicher KWK-Anlagen, eine hohe Solarenergienutzung und verschiedene Flexibilitätsoptionen zu
einem wichtigen Baustein für das gesamte Energiesystem
werden. Bis 2030 lässt sich der Energieverbrauch um etwa
ein Drittel senken, bis 2050 rund um die Hälfte. Dies verursacht Kosten, aber auch Einsparungen in Milliardenhöhe.
In den für die Energiewende benötigten Technologien und
Dienstleistungen steckt zudem ein hohes lokales Wertschöpfungs- und Beschäftigungspotenzial, das durch weitere Innovationen und Geschäftsmodelle noch ausgeweitet
werden kann.

Erfolgreiche Umsetzung des BEK ist international
beispielgebend
Als nächstes ist es am Berliner Senat, ein BEK zu beschließen. Eine entsprechende Verpflichtung ergibt sich aus dem
Berliner Energiewendegesetz, das seit dem 6. April 2016 in
Kraft ist. Das Gesetz sieht vor, dass ein solches Programm
drei Monate nach seinem Inkrafttreten beschlossen werden
muss. Die Empfehlungen des BEK-Endberichtes dienen als
Grundlage für eine Beschlussvorlage an den Senat und das
Abgeordnetenhaus. Im Anschluss an den Beschluss sind die
effektive Umsetzung des BEK und der Aufbau der dafür
erforderlichen Strukturen, einschließlich eines Monitorings
und einer regelmäßigen Fortschreibung entscheidend.
Begibt sich Berlin, so wie in dieser Broschüre und ausführlicher im Endbericht „Entwurf für ein Berliner Energie- und
Klimaschutzprogramm“ vorgezeichnet, auf den Weg zur
Klimaneutralität, ist dies auch ein wichtiges Signal für die
Energiewende in Deutschland. Berlin wird damit zu einem
wichtigen und kritischen Erfolgsfaktor für die deutsche
Energiewende, auf die die ganze Welt aufmerksam schaut.
Setzt Berlin das BEK konsequent um, antwortet es damit
auf eine der größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts: den Klimawandel. Dies steht dann auch für eine verantwortungsvolle, vorausschauende Politik – damit zukünftiges Krisenmanagement vermieden werden kann.

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Klimaneutrales Berlin 2050 | Fazit und Ausblick | Glossar

Glossar
CO2, Kohlen(stoff)dioxid – Natürlicher und lebenswichtiger
Bestandteil der Luft, aber auch weltweit das wichtigste Treibhausgas, das zur globalen Erwärmung beiträgt.
Contracting – Kooperationsform, bei der die Erbringung einer
Dienstleistung vertraglich geregelt wird – im Energiebereich
etwa die Bereitstellung von Wärme, Kälte oder Strom. Dies
beinhaltet oft auch den Betrieb der entsprechenden Anlagen.
Demand Side Management – Die Steuerung der Nachfrage
nach netzgebundenen Dienstleistungen, z. B. Strom, auf
Seite der Abnehmer in Industrie, Gewerbe oder Privathaushalten.
Endenergie – Derjenige Teil der Primärenergie, der nach Verlusten aus Energiewandlung und -übertragung übrig bleibt
und die Bezugsgrenze (z. B. Hausanschluss) eines Verbrauchers (private Haushalte, Wirtschaft, Verkehr) passiert hat.
Nach weiteren Umwandlungsverlusten steht Endenergie als
Nutzenergie für diverse Anwendungen (Heizen, Kühlen,
Transportieren etc.) zur Verfügung.
Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) – Die gleichzeitige Erzeugung
von Wärme und Strom , z. B. durch größere Heizkraftwerke
oder kleinere Blockheizkraftwerke (BHKW). Dadurch können
höhere Nutzungsgrade als bei der getrennten Erzeugung
erreicht werden.
Multimodalität (Multimodale Mobilität, Modal Split) – Kombination verschiedener, jeweils geeigneter Verkehrsmittel für
einen Weg, anstelle sich auf ein gerade vorhandenes Verkehrsmittel zu fixieren.
Rebound-Effekt – Werden Produkte oder Dienstleistungen in
der Herstellung oder im Energieverbrauch effizienter, senkt
dies oft die Kosten. Wenn dies dazu führt, dass anschließend
mehr verbraucht wird als vorher, wird dies als ReboundEffekt bezeichnet.
Power-to-gas (P2G) – Nutzungsform von (zeitweise) überschüssigem Strom aus erneuerbaren Quellen. Mittels Elektrolyse wird Wasserstoff (H2) gewonnen, der direkt genutzt
oder dem Gasnetz beigemischt werden kann. Auch kann er
unter Zugabe von CO2 in Methan (CH4) umgewandelt werden
– ebenfalls zum Verbrauch oder zur (umfänglicheren) Einspeisung in die Erdgas-Infrastruktur. P2G ermöglicht dadurch
eine längerfristige, auch saisonale Speicherung erneuerbarer
Energien.

Power-to-heat (P2H) – Nutzungsform von (zeitweise) überschüssigem Strom aus erneuerbaren Quellen, aus dem direkt
über Elektroheizer oder Wärmepumpen Heizwärme und
Warmwasser erzeugt wird. P2H-Technologien werden immer
in Kombination mit Wärmespeichern betrieben.
Power-to-X (P2X) – Nutzungsform von (zeitweise) überschüssigem Strom aus erneuerbaren Quellen für verschiedene (X)
Einsatzbereiche (auch Fuels, Products), der ansonsten abgeregelt werden müsste.
Primärenergie – Diejenige Energie, die mit den ursprünglich
vorkommenden Energieformen oder Energiequellen zur Verfügung steht, etwa als Brennstoff (z. B. Kohle oder Erdgas),
aber auch durch Energieträger wie Sonne, Wind oder Kernbrennstoffe.
Quellenbilanz – siehe „Verursacherbilanz“
Suffizienz – „Das richtige Maß“ bzw. „Genügsamkeit“. Weist
auf notwendige Änderungen der vorherrschenden Konsummuster hin – weg von der Quantität („viel Haben“) hin zur
Qualität („gut Leben“). Wird auch als „nachhaltiger Konsum“
bezeichnet.
Terajoule (TJ) – Grundeinheit der Energie im internationalen
Einheitensystem ist 1 Joule (auch Wattsekunde), was in etwa
der Arbeit des menschlichen Herzens pro Schlag entspricht.
Ein TJ sind 10 hoch 12 Joule, oder 278 Megawattstunden
(MWh).
Verursacherbilanz – Eine Darstellung der Treibhausgasemissionen, die sich auf den Endenergieverbrauch eines Landes
bezieht. Anders als die Quellenbilanz weist die Verursacherbilanz die Emissionen aus der Umwandlung von Primärenergie
etwa in Wärme oder Strom nicht gesondert aus, sondern ordnet diese nach dem Verursacherprinzip den Endverbrauchersektoren zu. Die Quellenbilanz enthält demgegenüber jegliche Primärenergieverbräuche eines Landes, auch jene, die
z. B. für exportierten Strom aufgewendet wurden.
Virtuelles Kraftwerk – Zusammenschaltung von dezentralen
Anlagen der Stromerzeugung, aber auch von Speichern oder
flexiblen Lasten zu einem durch IKT gekoppelten Verbundkraftwerk. Bestandteile können Photovoltaik, Wasserkraft,
Biogas, Windenergie, KWK-Anlagen, Wärmepumpen, Batterien und steuerbare Industrieanlagen sein.

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Herausgeber
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Württembergische Straße 6
10707 Berlin
Fachabteilung
Sonderreferat Klimaschutz und Energie (SR KE)
Der Entwurf für ein Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) wurde erstellt von
Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), Projektleitung
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
BLS Energieplan
Planergemeinschaft Kohlbrenner
UmbauStadt
LUP – Luftbild Umwelt Planung
VMZ Berlin Betreibergesellschaft
Gaßner, Groth, Siederer & Coll
Beteiligungsprozess
Der Beteilitungsprozess wurde von durchgeführt von der Kommunikations- und
Strategieberatung IFOK GmbH
Autoren
Bernd Hirschl, IÖW
Richard Harnisch, IÖW
Gestaltung
Volker Haese, Dipl. Grafik-Designer, Bremen
Bildquellen
Cover: polidia GmbH;
S. 3 links: © Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt;
S. 3 rechts: © Institut für ökologische Wirtschaftsforschung;
S. 6/7: © André Wagenzik (7), Stephan Roehl (3);
S 9: polidia GmbH; S. 11: © Dietmar Gust; S. 13: © Gewobag;
S. 14: © Matthias Lüdecke; S. 15: © Claudia Hechtenberg – Caro;
S. 16: © CC BY-SA – Avda; S. 17: © Marco Richter – 123rf.com;
S. 18 oben: © Bartolomiej Pietrzyk – 123rf.com; S. 18 unten: © Rainer Weisflog;
S 19: Kadmy – Fotolia.com; S. 22: © seewhatmitchsee – Panthermedia.net
Stand
Mai 2016
www.klimaneutrales.berlin.de
        
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