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Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2019,1/2

Ausgabe Januar - Februar 2019

Spätlese
Das Magazin für aufgeweckte Senioren und Seniorinnen
67. Ausgabe der Spätlese

Die neue Ausgabe des Senioren
Magazins „Spätlese” ist online unter:
www.magazin-spätlese.net verfügbar.
Die Leserinnen und Leser können sich
auf interessante und lesenswerte
Themen freuen.

Ursula A. Kolbe berichtet über die
Natur, die Deutsche Bahn, über 100
Jahre Bauhaus, über den
Wissenschaftler Humboldt, war bei
den Logistikern und in Wittstock.
Waltraud Käß schreibt über die
Jahrestage 2019,
die Wunderkammer und über den
verabschiedeten bisherigen Leiter
der Redaktion. Rudolf Winterfeldt
erinnert an die WM 66, resümiert
über die „Sandkastenspiele“ in der
DDR und sagt „Danke“ für die Jahre
bei der Spätlese. Verschiedene
Autoren berichten unter anderem
über eine Reise nach Bangkok, über
Rudolf Diesel und einen
ungewöhnlichen Stein.

Die ehrenamtlichen Autoren haben sich
auch in dieser Ausgabe bemüht, für
jeden Geschmack etwas anzubieten.

Bild: Waltraud Käß

Inhaltsverzeichnis

Spätlese unter neuer Leitung ......................................................3
Sag beim Abschied leise „Servus“… ............................................3
Jahrestage 2019 ..........................................................................4
Mit der DB „App Barrierefrei“ besser reisen .............................5
Logistiker-Motto: „Digitales trifft Reales“..................................6
Die Waschmaschine .................................................................... 9
Sandkastenspiele .......................................................................11
Die Wunderkammer .................................................................. 12
100 Jahre Bauhaus und der Weg in die Moderne ....................14
Ein Wissenschaftler, Weltbürger und Entdecker ..................... 17
3D-Pergamon-Panorama simuliert antikes Leben ..................20
Rudolf Diesel – ein großer Erfinder, der seinen Erfolg nicht
erlebte .......................................................................................22
Komfort beim Shoppen.............................................................24
Von Bali nach Bangkok (Teil 4: Nasenaffen )........................... 25
Ein ungewöhnlicher Stein auf Mönchgut .................................26
Wenn die Natur die „Flatter“ macht… ...................................... 27
Wittstock rüstet sich für märkische Gartenschau .................... 28
Innige Berührung......................................................................30
Book Club – Das Beste kommt noch .........................................31

www.magazin-spätlese.net

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Aus dem Bezirk

Spätlese unter neuer
Leitung
von Rudolf Winterfeldt

Bild: Waltraud Käß

Nun ist die Zeit gekommen, wo man Abschied
nehmen muss. Mit Wirkung vom 31.12.2018 gebe
ich meine Funktion als Leiter der SonderSozialkommission „Redaktion Spätlese“ ab und
beende meine Mitgliedschaft in der Redaktion.

Seit 20 Jahren schreibe ich für die Spätlese und
dabei wurden 321 Artikel von mir veröffentlicht. 19 Jahre leitete ich die Sonder-Sozialkommission
„Redaktion Spätlese“ und wirkte wesentlich an der Gestaltung und den notwendigen
Veränderungen mit. Voraussetzung dazu war auch die beispielhafte Zusammenarbeit mit Frau
Lilie und Frau Simdorn von der Pressestelle des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf von Berlin
sowie Frau Szameitpreiks vom SeniorenServiceBüro des Sozialamtes.
Mit den Mitgliedern der „Sonder-Soko“ bildeten wir eine fast familiäre Gemeinschaft und lösten
gemeinsam anstehende Probleme. Dafür möchte ich mich bei ehemaligen und jetzigen Mitgliedern
der „Sonder-Soko“ von ganzem Herzen bedanken. Dazu zähle ich aber auch die vielen
ehrenamtlichen Autoren, die über viele Jahre der Spätlese treu waren und mit ihren Beiträgen
zum lesenswerten Inhalt des Magazins beitrugen. Auch ihnen gilt mein besonderer Dank.
Nun wird ab Januar 2019 Herr Hans-Jürgen Kolbe die Leitung der Sonder-Soko und damit der
Redaktion Spätlese übernehmen.
Telefon: 0178 189 4006 und E-Mail: jueko.berlin@gmx.de
Ich wünsche der Redaktion und den Autoren für die Zukunft viele gute Ideen zu lesenswerten
Beiträgen im Magazin Spätlese und verabschiede mich mit herzlichen Grüßen von unseren
Leserinnen und Lesern.

Aus dem Bezirk

Sag beim Abschied
leise „Servus“…
von Waltraud Käß

Bild: Waltraud Käß

www.magazin-spätlese.net

Rudolf Winterfeldt, der langjährige Leiter der
Sonder-Sozialkommission Online-Magazin
„Spätlese“ hat am Jahresende 2018 die Redaktion
nach über 20 Jahren Mitarbeit und Leitung
verlassen.

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Ich kenne ihn erst seit dem Jahre 2012. Da gab es die Online-Ausgabe schon seit vier Jahren. Sie
hat das gedruckte Exemplar abgelöst und sich seitdem gut entwickelt. Einige Zeit war ich die
Vertreterin von Rudolf Winterfeldt und erlaube mir darum, eine persönliche Würdigung seiner
ehrenamtlichen Tätigkeit vorzunehmen, die natürlich jeder Vollständigkeit entbehrt.
Die „Spätlese“ hat sich unter seiner Leitung immer weiter entwickelt. Die Ausgabe hat eine neue
Struktur bekommen und ist für unsere Leserschaft somit übersichtlicher geworden. In gleicher
Zeit ist die Redaktion leider immer kleiner geworden. Auch bei uns herrscht Personalnot.
Mündlich und in der Presse hat Herr Winterfeldt um neue Mitglieder geworben, hat nach
Menschen gesucht, die Lust und Mut zum Schreiben haben und die in der Redaktion gerne
mitarbeiten würden. Dieses Angebot besteht nach wie vor. Wir suchen weiter nach Menschen, die
etwas zu erzählen haben. Die gute Nachricht: Einige Leserinnen und Leser sind inzwischen als
Gäste schon ins Lager der Stammschreiber gewechselt.
Als Leiter der „SoKo“ hatte Rudolf Winterfeldt alles im Griff. Er managte die organisatorischen
und inhaltlichen Aufgaben, wachte darüber, dass die Ausgabe immer pünktlich erscheint, hielt den
Kontakt mit unseren Gastschreibern und pflegte eine enge Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt.
In den Jahren der Zusammenarbeit habe ich seine offene und ehrliche Art sehr schätzen gelernt.
Er war kollegial und er vertrat seinen Standpunkt nicht nur zu den Fragen, die eine Redaktion
beschäftigen.
Die Entscheidung, die Redaktion zu verlassen, ist ihm nicht leicht gefallen. Es ist gut zu wissen,
dass er uns weiter als Berater und vielleicht auch als Gastschreiber begleiten wird.
Seinen Nachfolger heißen wir willkommen, der Staffelstab ist bereits übergeben. Das Projekt
„Spätlese“ ist also weiterhin gesichert.
„Für die Zeit danach“ wünsche ich Rudolf Winterfeldt beste Gesundheit und mehr Zeit, all das zu
tun, was bisher liegen geblieben ist.
Ich sage nicht „Adieu“ oder „Tschüs“, sondern nur „Servus und Auf Wiedersehen“ – man trifft sich
bestimmt mal öfter in Marzahn-Hellersdorf. Leserinnen und Lesern.

Aus dem Bezirk

Jahrestage 2019
von Waltraud Käß
Es ist eine gute Tradition, die der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V. schon seit Jahren pflegt.
Er stellt in jedem Jahr eine Übersicht bedeutsamer Jahres- und Gedenktage zusammen, die den
Bezirk betreffen. Denn Marzahn und „seine Dörfer“ sind ja schon viel, viel älter als der jetzige
Bezirk.
Bedeutsame Ereignisse, die Entstehung historischer Bauten, Geburts- und Todestage bekannter
Persönlichkeiten des Bezirks sind in dieser Zusammenstellung zu finden. Für den einen oder
anderen unserer Leser wird diese Übersicht sicher auch von Interesse sein und darum werden Sie
jetzt in jeder Ausgabe der „Spätlese“ einige ausgewählte Daten aus dieser Auflistung finden.
Beginnen wir mit den Monaten Januar/Februar 2019:

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100 Jahre
Am 1. Januar 1919 wurde auf dem kommunalen
Friedhof Kaulsdorf die erste Bestattung durchgeführt.
80 Jahre
Am 1. Januar 1939 wurde in Biesdorf-Süd die
katholische Herz-Jesu-Kuratie errichtet.
40 Jahre

Bild: Rike/www.pixelio.de

Am 5. Januar 1979 wurde der Stadtbezirk Marzahn
gegründet. Das Gründungsdatum wird in diesem Jahr
durch eine Festveranstaltung gewürdigt.
30 Jahre
Am 10. Januar 1989 wird das von Wolf R. Eisentraut und Karla Bock entwickelte Rathaus
Marzahn am Helene-Weigel-Platz übergeben. Es steht seit dem 14.9. 2008 unter Denkmalschutz.
25 Jahre
Am 14. Februar 1994 wird der Bürgerverein Nord-Ost e.V. mit dem Ziel gegründet, sich der
Verschönerung der Plattenbauten zu widmen. Er ist in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf und
Hohenschönhausen tätig.
Wie schnell die Zeit vergeht, merkt der Mensch schon allein an solchen Daten. In der nächsten
Ausgabe März/April wird diese Übersicht fortgesetzt.

Politik, Wirtschaft, Soziales

Mit der DB „App
Barrierefrei“ besser
reisen
von Ursula A. Kolbe
Die Deutsche Bahn (DB) hat gemeinsam mit der
Arbeitsgruppe des Deutschen Behindertenrats die
Bild: Deutsche Bahn
App „DB Barrierefrei“ entwickelt, die Menschen
mit Mobilitätseinschränkungen das Reisen
einfacher macht – und durchaus auch nicht mobilitätseingeschränkten Reisenden dient.
Bei ihrer Vorstellung hatte der DB-Vorstandsvorsitzende Dr. Richard Lutz die nunmehr schon
fünfzehnjährige erfolgreiche Arbeit der Programmbegleitenden Arbeitsgruppe gewürdigt, die
gezielt konkrete Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen in Zügen und auf Bahnhöfen
entwickelt.
Mit dieser App können Reisende mit kognitiven, körperlichen oder Sinnesbehinderungen
erstmals alle Informationen entlang der Reisekette in einer für sie geeigneten Form abrufen. Die

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Anzeigen werden akustisch und visuell wiedergegeben. Die aktuelle Funktionsfähigkeit von
Aufzügen und Rolltreppen kann geprüft werden. Wichtige Änderungen im Reiseplan werden per
Push-Nachrichten übermittelt. Die App ist auch für Reisende mit Kinderwagen oder schwerem
Gepäck hilfreich. Details unter www.bahn.de/app-barrierefrei.
Beim Kauf und der Modernisierung von Zügen und Bussen wird auf Barrierefreiheit geachtet. Der
ICE 4 setzt in dieser Hinsicht europaweit Maßstäbe. Auch Regionalzüge und Busse werden
entsprechend gestaltet.
Bei den Bahnhöfen gab es ebenfalls viele Verbesserungen. Von den rund 5.400 Bahnhöfen sind
bereits 77 Prozent stufenlos erreichbar. Pro Jahr kommen durchschnittlich 100 Stationen dazu.
4.900 der 9.200 Bahnsteige sind bereits mit einem taktilen Leitsystem aus Bodenindikatoren
ausgestattet.
Auch 65 Reise-Zentren sind mittlerweile barrierefrei. Wichtige Komponenten sind hierbei eine
taktile Wegeführung, ein barrierefreies Aufrufsystem, Sitzmodule und ein höher verstellbarer
Schalter für Rollstuhlfahrer oder kleinwüchsige Menschen inklusive einer induktiven Hörschleife.
Bei Ticketautomaten sorgen größere Schaltflächen und Schriftgrößen sowie eine kontrastreiche
Menüsteuerung für eine benutzerfreundliche Bedienung.
Damit Menschen mit Behinderungen bei der Reiseplanung einen Überblick über die speziellen
Services mit der DB bekommen, sind die wichtigsten Informationen zielgruppenspezifisch
zusammengefasst: Für Sehbehinderte und Blinde unter www.bahn.de/blind-sehbehindert ;
für Schwerhörige und Gehörlose unter www.bahn.de/hoerbehindert ; für Gehbehinderte
www.unter.bahn.de/gehbehindert sowie in leichter Sprache unter www.bahn.de/
leichte-sprache .
Übrigens waren und sind in einem agilen Prozess an der Entwicklung der App Kunden mit
körperlichen Behinderungen und Sinnesbehinderungen beteiligt. Betroffene wurden von der
ersten Idee an mit einbezogen und haben die App entscheidend mitgestaltet. Rund 1.000
Probanden mit Behinderungen haben den Prototypen der App über mehrere Monate hinweg
getestet und somit wertvolle Impulse für die weitere Optimierung gegeben.
Weitere Infos unter: www.bahn.de/app-barrierefrei
Apropos Maßstäbe: Im Zusammenhang mit dieser Thematik ist mir die Bemerkung von MOMAAnwalt Kay Rodegra kürzlich in einem Morgenmagazin (moma) von ARD/ZDF im Gedächtnis
geblieben, der die großen Aktivitäten der Deutschen Bahn in Sachen Barrierefreiheit auch mit
Blick auf den europäischen Raum vorbildlich nannte.

Politik, Wirtschaft, Soziales

Logistiker-Motto: „Digitales trifft Reales“
von Ursula A. Kolbe
„Zusammenkommen ist ein Beginn. Zusammenbleiben ein Fortschritt. Zusammenarbeit ein
Erfolg.“ Henry Ford, der Pionier der Automobilproduktion, wird mit diesem Ausspruch gern
zitiert. Auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesvereinigung Logistik (BVL), Robert Blackburn,
hatte mit diesen Worten den Blick auf den 35. Deutschen Logistik-Kongress gerichtet. Seit

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nunmehr 40 Jahren vernetzt die BVL Logistiker und leistet so
ihren Beitrag zur Umsetzung des Ford‘schen Erfolgsgesetzes.
Zugleich richtete er die Aufmerksamkeit auf das Jahresmotto
„Digitales trifft Reales“ und lenkte den Schwerpunkt auf die
derzeit realen Problemstellungen – nämlich die
Kapazitätsengpässe bei Transportangeboten und
Infrastruktur sowie Fachkräftemangel mit Ansage. Es
vollziehe sich ein Wandel. Die Anforderungen verändern sich.
„Dabei würden Mensch und Maschine nach und nach zu
Partnern in einer Social Networked Indystrie.

Bild: BVL/Kai Bublitz

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für diesen Wandel sind gut. Laut einer Umfrage am
Übergang zum vierten Quartal letzten Jahres wurde eine verhalten optimistische Stimmung
konstatiert. In Industrie und Handel wird die aktuelle Geschäftslage aber signifikant besser
eingeschätzt als die Erwartungen für die nächsten Monate. Bei den Logistik-Dienstleistern
dagegen sind die Erwartungen steigend. Das ist nach Blackburns Einschätzung kein Jubelszenario,
aber Ausdruck solider Zuversicht.
An die Politik gerichtet forderte Blackburn „Sacharbeit, Sacharbeit, Sacharbeit!“ Die
Herausforderungen nach wie vor: Auflösung des Investitionsstaus bei Straße und Schiene,
Stärkung der Intermodalität der Verkehrsträger, flächendeckende leistungsfähige IT-Netze. „Wir
brauchen Deregulierung, Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren,
Planungssicherheit durch Stabilität politischer Prozesse und Support für wirtschaftliche
Vorhaben.“
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte auf der Eröffnungsveranstaltung u. a.
eingestanden, dass sich die Bundesregierung mit ihrem Versprechen, das ganze Land bis 2018
flächendeckend mit 50 Mbit/s auszustatten, blamiert habe. Jetzt sei die nächste große Aufgabe der
Ausbau des Glasfasernetzes und des 5G-Mobilfunkstandards. „Hier müssen wir weitere Fehler
vermeiden.“ Die Digitalisierung sei eine industriepolitische Herausforderung. Bald würden alle
Maschinen mit künstlicher Intelligenz arbeiten und per Spracherkennung bedient. „Werden es
deutsche Unternehmen sein, die das bauen und Lizenzen erhalten?“, fragte Altmaier. Dazu sei eine
„Strategie Künstliche Intelligenz“ der Regierung notwendig.
Verhaltener Optimismus in der Branche
Auch auf diesem Kongress wiesen die Logistikweisen wieder die Richtung. Sie prognostizieren für
ihren Wirtschaftsbereich in diesem Jahr ein Wachstum von 1,7 Prozent. Damit liegt die Prognose
zwischen den Vorhersagen des IWF und führender deutscher Wirtschaftsforscher, die ein
Gesamtwachstum von 1,6 und 1,9 Prozent erwarten.
Aktuell ist die Stimmung gut, der Aufschwung hält an. Die Zufriedenheit bei den Verladern und
Dienstleistern ist entsprechend hoch. Doch Jubelstimmung will sich nicht einstellen. Die Lage und
Erwartungen klaffen weiter stark auseinander. Die Personalpolitik wird jedoch weniger expansiv.
Die Welthandelsorganisation (WTO) hat ihre Prognose für 2018 und 2019 in Sachen Wachstum
des Warenaustauschs gesenkt. Für 2019 erwartet sie ein Plus von 3,7 Prozent. Die Risiken hätten
zugenommen, schreiben die Experten und verweisen auf Handelsstreitigkeiten zwischen großen
Exportländern und Risiken an den Finanzmärkten.
Dabei würden die politischen Rahmenbedingungen für die Ausgestaltung weltweiter LieferNetzwerke eine erhebliche Rolle spielen, machte Sigmar Gabriel, Bundesaußenminister a. D,

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deutlich. Der bevorstehende Brexit, neu aufkeimender Protektionismus, die Entwicklung Chinas
zum Global Player oder die grundsätzliche Infragestellung von Multilateralismus würden die Welt
unbequemer erscheinen lassen.
Weiter sprach er darüber, wie sich die datengetriebene globale Wirtschaft in politisch instabilen
Zeiten entwickeln wird. Digitalisierung stelle die traditionellen Formen für Wertschöpfung
grundsätzlich in Frage. Laut Gabriel ist derjenige, der die Mobilitätsplattform beherrscht, auch
derjenige, der die Wertschöpfungskette beherrscht.
Bundesweite Imagekampagne „Logistikhelden“
Zum Kongressbeginn hatte Robert Blackburn die bundesweite Imagekampagne „Logistikhelden“
vorgestellt und zugleich um Unterstützung bei den über 3.500 Teilnehmern geworben. Auf
Plakaten, in Anzeigen, im Internet und auf den gängigen Social-Media-Kanälen sowie
Videoportalen präsentieren Menschen aus der Logistikpraxis – die „Logistikhelden“ – spannende
Fakten oder Geschichten aus ihrem Arbeitsplatz. - Die Wirtschaftsmacher, unmittelbar selbst
mittendrin.
Das alles soll auch helfen, den Engpässen am Arbeitsplatz zu begegnen. „Wir brauchen bunt, nicht
braun. Wir brauchen engagierte Arbeitskräfte – egal aus welchem Kulturkreis und welcher
Nation“, stellte Blackburn in den Raum und erhielt dafür auch viel Applaus. Der
Arbeitskräftebedarf sei sowohl in Industrie und Handel als auch bei den Dienstleistern sehr groß.
Exkurs in die Berliner Verkehrsinformationszentrale
Auch das gehört längst zu den jährlichen Logistik-Kongressen: Ein Auswärts-Besuch vor Ort. Ich
hatte mich den Logistikern angeschlossen, die die Berliner Verkehrsinformationszentrale im
historischen Gebäude des Flughafen Tempelhofs besuchten. Hier sind wir in einer der größten
und modernsten Verkehrsleit- und Informationszentrale Europas, macht deren Leiter Andreas
Müer deutlich. Und hier sitzen alle Akteure, die mit dem örtlichen Verkehr zu tun haben, in einem
Raum; haben also kurze Verständigungswege. So kann gezielt in das Verkehrsgeschehen
eingegriffen, Störungen minimiert oder sogar komplett verhindert werden.
Vergegenwärtigen wir uns ein paar nüchterne Fakten: Die Verkehrslage wird auf über 1.500 km
Straße beobachtet, werden die Ampeln an über 2.000 Kreuzungen, neun
Verkehrsbeeinflussungsanlagen (VBA), vor allem auf der Berliner Autobahn, überwacht und bei
Bedarf manuell geschaltet und Verkehrsmeldungen der Landesmeldestelle für den
Verkehrswarndienst (TMC-Verfahren) gesendet. Ca. 1.100 Messstellen im
Hauptverkehrsstraßennetz übermitteln Informationen, woraus eine aktuelle
Verkehrslagedarstellung erstellt wird. 250 Videokameras, vor allem an Autobahnen, ergänzen die
Informationen.
Übrigens kam ich hier auch kurz mit Sven Blümel ins Gespräch. Der Kollege von Radio Berlin 88.8
hat seinen Platz vor der großen Monitorwand, den aktuellen Verkehr ebenfalls ständig im Blick
und informiert die Hörer halbstündlich nach Nachrichten und Wetterlage über das
Straßengeschehen. Ein Service, den sicher nicht nur ich gerade morgens sehr schätze. Eben Infos
in Echtzeit, die neben allen Verkehrsarten auch Infrastrukturen einschließen, den Weg zur
netzübergreifenden Multimodalität und zeitgemäßer Mobilität ebnen.
KOMSA: Vom Bauernhof zum Multi-Channel-Distributor
Das sächsische Unternehmen KOMSA, ein Dienstleister in der Branche Informations- und
Kommunikationstechnik aus dem sächsischen Hartmannsdorf bei Chemnitz, ist für das Projekt
„Reload – Digitalisierung der Komsa-Intralogistik“ auf dem Gala-Abend mit dem Deutschen
Logistik-Preis der Bundesvereinigung Logistik 2018 geehrt worden.

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Höchste Flexibilität, Automatisierung und Digitalisierung – das sind Elemente dieses Projektes,
mit dem KOMSA mit einer Investition von 30 Millionen Euro ein dreigeschossiges „Haus der
Dienstleistungen“ und ein neues Logistikzentrum inklusive Hochregallager sowie einem
Automatiklager errichtet hat. Gemeinsam mit seinem Partner LogistikPlan aus Dresden wurde
damit der Logik gefolgt „kürzeste Wege, kleinste Fläche, größte Leistung“.
Durch dieses neue Logistikzentrum werden nun alle Lagerungs- und Versandprozesse gebündelt,
die zuvor auf fünf verschiedenen Orten in Hartmannsdorf verteilt waren. Das „Haus der
Dienstleistungen“ bietet Raum für bis zu 800 Arbeitsplätze in unmittelbarer Logistiknähe. Rund
14.500 Paletten finden seit 2017 im benachbarten Logistikzentrum im 21 Meter hohen Regallager
einen Stellplatz. Ein zentraler Verbindungsbau integriert alle Logistik-Funktionen – von der
Wareneingangs- und Servicelogistik über die Lager-, Repair- und Retourenbereiche bis zur
Versandlogistik.
Ein Wort noch zur Geschichte, die 1992 auf einem idyllischen Bauernhof in Hartmannsdorf
beginnt. Der gebürtige Schwede Dr. Gunnar Grosse gründet dort mit drei ambitionierten jungen
Männern ein Unternehmen, mit dem er den Aufbau des Mobilfunk-Händlernetzes in Deutschland
unterstützen will.
Heute nutzen über 20.000 Händler in Deutschland und Polen das aus über 30.000 Artikeln
bestehende KOMSA-Sortiment. Neben Smartphones zählen dazu Tablets, Navigationsgeräte,
smarte Uhren, Produkte für ein vernetztes Zuhause, Telefonanlagen und ein großes
Zubehörsortiment von über 250 Herstellern in der ganzen Welt.
Zusätzlich unterstützt das Unternehmen seine Handelspartner im Verkauf, veredelt, konfiguriert,
installiert, hilft bei technischen Problemen, nimmt Produkte zurück, repariert sie und bereitet sie
wieder auf. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2017/18: 1,2 Milliarden Euro. Für KOMSA arbeiten
mittlerweile rund 1.700 Menschen. www.komsa.com
Der Wissenschaftspreis Logistik 2018 ging an die Wirtschaftsingenieurin und Logistikberaterin
Dr.-Ing. Eva Klenk für ihre Dissertation „Ein analytisches Modell zur Bewertung der Leistung von
Routenzugsystemen bei schwankenden Transportbedarfen“. Damit stehen nun in der Praxis
anwendbare Empfehlungen zur Planung von Routenzugsystemen bei schwankenden
Transportbedarfen zur Verfügung.

Politik, Wirtschaft, Soziales

Die Waschmaschine
von Rudolf Winterfeldt
Seit Menschen Kleidung tragen, wird diese, mehr
oder weniger, gewaschen. Seit man sich damit
beschäftigt, war es Sache der Frauen, diese Arbeiten
durchzuführen. Sie haben es ja auch so betrachtet
und keiner Frau wäre es eingefallen, diese Arbeit
abzulehnen.

Bild: Karl-Heinz Laube / pixelio.de

Aus den ersten Jahren in meiner Ehe kenne ich den
„Waschtag“ meiner Frau noch sehr genau. In einem großen Waschkessel, wenn nicht vorhanden,

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in einem kleineren Waschkessel auf dem Herd, wurde die Wäsche gekocht. Eine Waschwanne war
das nächste Behältnis, in den die Wäsche eingefüllt wurde. Das Waschbrett kam dazu und nun
stand meine Frau in gebückter Haltung davor und rubbelte die Wäsche sauber.
Eine anstrengende, kraftaufwendige Tätigkeit. Ich stand manchmal daneben und es ist mir
überhaupt nicht eingefallen, sie einmal abzulösen. Nur als meine Frau hochschwanger war, habe
ich diesen Part übernommen. Sie konnte es wirklich nicht mehr. Wäsche spülen war der nächste
Arbeitsgang. Hierbei habe ich doch hin und wieder geholfen. Aber der „Waschtag“ war noch
immer die Domäne meiner Frau und ist es eigentlich auch heute noch.
Ein Regensburger Theologe hat sich wohl intensiv mit diesem Arbeitsvorgang beschäftigt und im
Jahre 1767 eine „Rührflügelmaschine“ erfunden. Es war die erste Waschmaschine der Welt.
Hamilton Smirt erfand 1858 eine Trommelwaschmaschine und 1901 baute ein Amerikaner die
erste elektrische Waschmaschine. Aber diese Geräte waren zu teuer, als das sie von der breiten
Bevölkerung genutzt werden konnten. Es war nur etwas für reiche Leute. Man begann mit der
Einrichtung von Waschhäusern, um diese Maschinen besser auslasten zu können.
Die erste vollautomatische Waschmaschine kam in Amerika 1946 und in Deutschland 1951 auf den
Markt.
In der DDR wurde ebenfalls daran gearbeitet, eine maschinelle Erleichterung der schweren
Wascharbeit der Frau zu schaffen. Im VEB Kombinat „Monsator“ in Schwarzenberg/Erzgebirge
wurde 1966 die erste Waschmaschine vom Typ „WM 66“ gebaut. Wir wohnten ja inzwischen in
einem Neubau und hatten im Keller eine Waschküche für das ganze Haus.
In dieser Waschküche stand ein gasbeheizter großer Waschkessel. Dort hat meine Frau ihren
„Waschtag“ abgehalten. Eine Waschmaschinenbestellung ermöglichte es uns, 1967 eine WM 66 zu
erwerben. In dieser Waschmaschine konnte man die Wäsche auch kochen. Dazu gab es eine sog.
„Tischschleuder“ die das Auswringen der Wäsche überflüssig machte. Jetzt war der „Waschtag“
für meine Frau doch um einiges leichter.
Mit der neuen Technik konnte ich mich auch anfreunden. Da ich ja im Schichtdienst arbeitete,
habe ich mich hin und wieder auch an die Wäsche gewagt. Meine Frau hatte mir das alles
vorbereitet und wenn ich morgens nach Hause kam, machte ich mich an die Wäsche. Ich habe
mich dann sogar getraut, die Wäsche draußen aufzuhängen. Zu diesem Zeitpunkt stellte ich für
mich fest, dass sich mein Leben durch diese Erfindung grundlegend geändert hatte.
War es doch bis dahin eine Unmöglichkeit, dass ein Mann die Wäsche macht und sie draußen
aufhängt, so hatte sich diese Auffassung doch im Laufe der Zeit geändert, auch bei mir. Es ist zwar
auch heute noch so, dass sich die Frauen um die Wäsche kümmern und nicht der Mann, aber das
liegt wohl auch daran, dass der Waschvorgang heute vollkommen automatisch abläuft und die
körperliche Arbeit nur noch sehr gering ist. Aber auch wohl daran, dass über Jahrtausende
praktizierte Gewohnheiten nicht so ohne weiteres über Bord geworfen werden können.
Was die WM 66 betrifft, so wurde sie noch bis zum Jahr 2000 in verbesserter Form als WM 600 L
(Luxus), in Schwarzenberg/Erzgebirge gebaut und vornehmlich in die Länder Tschechien,
Ungarn, Israel, Malta, Jordanien und Afrika exportiert. Im Jahre 2000 ging der Betrieb in
Konkurs und die Produktion wurde eingestellt.

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Politik, Wirtschaft, Soziales

Sandkastenspiele

Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F 029235-0037

von Rudolf Winterfeldt
Nur mit einem Lendenschurz und einem
Kopfschmuck aus Federn bekleidete Männer
springen um ein Lagerfeuer herum und schwingen
ihre Streitäxte. Jeder Junge kennt diese Szene aus
Indianergeschichten. Was hat das zu bedeuten? So
können nur „Unwissende“ fragen. Es ist die
mentale Vorbereitung der Krieger auf einen
bevorstehenden Kampf, den der Häuptling befahl.
Klar zu erkennen, der Häuptling ist der „Spieler“ und die Krieger die „Kandidaten“. Das ganze
Leben ist ein Spiel?
Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen, wie Machthaber ihr „Spiel“ getrieben haben. In
ihrem Auftrag haben hohe Militärs Kriegsstrategien in „Sandkästen“ erarbeitet. Diese „Spiele“
wurden später in die Tat umgesetzt. Notwendige Soldaten stellte das Volk, das durch Propaganda
mental auf diese Kriege vorbereitet wurde. Ein Spiel? Ja, ein blutiges Spiel und die „Kandidaten“
wurden geopfert. Durch die Propaganda waren sie so beeinflusst, dass sie sogar damit
einverstanden waren.
In der Zeit des „Kalten Krieges“ war ich selbst in bestimmte „Sandkastenspiele“ einbezogen. Wir
nannten es „Landesverteidigung“ und ich war, durch entsprechende Propaganda, davon
überzeugt, dass es eine wichtige Aufgabe für mich war, um meinen Staat und sein Volk vor
Schäden zu schützen. Was ich allerdings dabei erkannte, war die Tatsache, dass die Weltmächte
das deutsche Territorium, sowohl die BRD als auch die DDR, als sogenannte Pufferzone
verwendeten. Die damalige Stationierung von Atomraketen in beiden deutschen Staaten (ab 1983
in der BRD und ab 1984 in der DDR) diente wohl dem Zweck, in einem Krieg der Mächtigen, die
ersten Schläge auf dieses Gebiet zu konzentrieren. Damit wären beide deutsche Staaten dem
Erdboden gleichgemacht und atomar verseucht. Ein Durchmarsch von Bodentruppen in beiden
Richtungen für einen größeren Zeitraum nicht möglich oder doch erschwert. Ich kann mich
erinnern, dass ich als Chef der Feuerwehr den Auftrag hatte, in einem solchen atomar verseuchten
Gebiet, Wassergassen zu schlagen, um Rettungswege bzw. Marschstraßen zu schaffen. Die
Wahrscheinlichkeit, dass meine Einsatzkräfte einen solchen Einsatz nicht ohne Schäden
überstehen, war sehr groß. Trotzdem habe ich so geplant und die „Verluste“ hingenommen. Ich
war in diesem Fall „Spieler“ und meine Feuerwehrmänner waren die „Kandidaten“. Das ganze
Leben ist ein Spiel?
Was „spielt“ heute die Politik? Die Legislative beschließt Gesetze, an die sich jeder Bürger des
Volkes zu halten hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob er damit einverstanden ist oder nicht. Ich
denke dabei an Kriege oder auch, z.B. bei uns, an Reformen. Die „Spieler“ sitzen an den Hebeln
der Macht und die „Kandidaten“ sind die „Kleinen Leute“, die letztendlich die Suppe auszulöffeln
haben. Hier wird ganz klar sichtbar: „Das ganze Leben ist ein Spiel“.
Nun sind aber die Menschen mit den Jahren auch klüger geworden und lassen nicht mehr alles
mit sich machen. Jetzt kommt, notwendigerweise, die „Moderne Propaganda“ ins Spiel.

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Von 1917 bis 1919 wurde in den USA die „Creel-Kommission“, benannt nach seinem Vorsitzenden
George Creel, ins Leben gerufen. Diese Kommission gilt als Vorgänger der heutigen „Modernen
Propaganda“ oder besser „Public-Relations-Industrie“ was so viel bedeutet wie
„Öffentlichkeitsarbeit-Industrie“. Sie hatte die Aufgabe, das amerikanische Volk psychologisch auf
den Krieg mit Deutschland vorzubereiten. 75.000 Propagandisten arbeiteten im Auftrag dieser
Kommission in den USA. Unterstützt wurde diese Aktion durch besondere Filme wie: „Die Klauen
der Hunnen“, „Der preußische Hundesohn“ und „Der Kaiser, die Bestie von Berlin“. Walter
Lippmann, Mitglied dieser Kommission, entwickelte eine „Demokratie-Theorie“, welche besagt,
dass das Volk im Wesentlichen aus zwei Klassen bestehe: Einerseits aus der Klasse der
Spezialisten, die aktiv mit den Angelegenheiten der Allgemeinheit betraut ist und die
Entscheidungen trifft, andererseits aus der großen Mehrheit, die, mangels eigenen Wissens, zur
Unterstützung der „vernünftigen“ Entscheidungen der Spezialisten gebracht werden müsse. Kann
man da möglicher Weise heute Parallelen erkennen? Das ganze Leben ist ein Spiel?
Ja, man muss es einfach begreifen, dass Menschen, die die Macht haben, andere manipulieren
und sie für ihr „Spiel“ vorbereiten. Kein Spieler kann ohne Kandidaten, oder anderen Geständen,
spielen. Das ist im Kleinen so wie im Großen und wir sind nun mal entweder „Spieler“ oder
„Kandidaten“. HaPe Kerkeling hat schon recht, wenn er singt: „Das ganze Leben ist ein Spiel und
wir sind nur die Kandidaten“.

Kultur, Kunst, Wissenschaft

Die Wunderkammer
von Waltraud Käß
Man fährt nicht mal eben so in die alte Mitte
Berlins, schon gar nicht in die Gegend um die
Gipsstraße, die Große und Kleine Hamburger
Straße, die Linienstraße oder die Auguststraße
mit ihrer teils morbiden Schönheit. Es sei denn,
man hat ein Ziel. Die Auguststraße beginnt an
Bild: Waltraud Käß
der Rosenthaler Straße und trifft auf die
Oranienburger Straße. Sehr schnell verliert man
in diesem Gewirr der Häuser den Überblick – aber wer sucht, der findet!
Mein Ziel war ein moderner Neubau, den man zwischen den mitunter sehr alten Gebäuden nicht
vermutet. Moderne Struktur, hoch, dunkel, mit großen Fenstern, macht er schon von weitem auf
sich aufmerksam. In diesem Haus, dem „me Collectors Room Berlin“ wollte ich die Ausstellung
des Kunstsammlers und-mäzen Prof. Dr. Dr. Thomas Olbricht besuchen.
Ein Naturwissenschaftler, ein Endokrinologe, einer der Erben der Wella-Aktiengesellschaft –
wofür setzt ein solcher Mensch sein Millionen-Vermögen ein? Wofür interessiert er sich, was sind
seine Sammelgebiete? Hat er besondere Vorlieben? In einem seiner Interviews war zu lesen, dass
seine ersten Sammlungsobjekte Briefmarken waren, und dass die daraus inzwischen entstandene
Briefmarkensammlung und ihre Erweiterung noch immer das wichtigste und persönlichste Objekt
seiner „Begierde“ ist.
Darüber hinaus gilt sein Interesse solchen Künstlern, die seinem Empfinden nach etwas
Besonderes oder auch Kurioses, etwas Außergewöhnliches, Irritierendes, auch Verstörendes

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geschaffen haben. Es sind Werke, die den Betrachter staunen lassen, ihn zum Wundern oder auch
zum Lächeln bringen. Und über manches dieser Stücke muss man lange nachdenken. Dass Prof.
Dr. Dr. Olbricht diese private Sammlung, darunter sind auch Kunstwerke von beachtlichem Wert,
der Öffentlichkeit im Rahmen seiner Stiftung präsentiert, ist beachtens- und anerkennenswert.
Wer in dieses Ausstellungshaus eintritt, wird durch ein gemütliches Cafè empfangen, in dem sich
an den Wänden bereits die ersten Ausstellungsexponate bestaunen lassen. Nach dem Rundgang
wird der Besucher das Angebot schätzen, gerne verweilen, um die Eindrücke Revue passieren zu
lassen.
Weiter geht es hinein in einen kleinen Shop, in dem man Dieses und Jenes käuflich erwerben
kann. Und dahinter tun sich große Räume auf – jetzt beginnt die eigentliche Ausstellung. Zur Zeit,
d.h. von September 2018 bis 1. April 2019, befindet sich hier die Ausstellung „The Moments is
Eternity“ („Der Augenblick ist Ewigkeit“), die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das
fotografische Sammlungsgebiet lenkt. Von 60 KünstlerInnen werden rund 300 Arbeiten gezeigt,
die sich im Dialog mit anderen Kunstwerken und Exponaten aus der Wunderkammer
präsentieren. Die Räume sind thematisch gegliedert.
Im ersten Raum geht es vor allem um den nackten (weiblichen) Körper, seine Schönheiten und
Besonderheiten. Sehr abstrakt wirkt da der weiße Pfau, der majestätisch auf einem Podest thront.
Wunderschön – aber völlig irreal.
Die Verbindung zu Raum zwei übernehmen zwei Spiegel, in denen die Besucher sich immer
wieder anders wahrnehmen. Die Objekte im dritten Raum beschäftigen sich mit dem
vergleichenden Sehen. Dazu dienen Fotos von Schriftstellern, Komponisten, Philosophen und
auch Politikern des 19. und 20. Jahrhunderts und weitere Werke. Dazwischen ausgewählte
Objekte der Wunderkammer wie beispielsweise die Miniatursammlung von Totenschädeln.
Vergangenheit und Erinnerung an Stationen des Lebens befinden sich im folgenden Raum, der
der Kindheit gewidmet ist. Betritt der Besucher den vorletzten Raum, dann tritt er ein ins Paradies
– so das Thema, welches sowohl positive als auch negative Assoziationen zu Sünde, Nacktheit, Sex
und Gewalt bei ihm hervorrufen kann. Der letzte Raum ist den Landschaften gewidmet, auch diese
Fotos und Gemälde sind von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Schönheit und ultimative
Zerstörung koexistiert und regt auf.
„Der Moment, der Augenblick und die Ewigkeit“ – sie verschmelzen, denn der Moment, wenn er
vergeht, ist bereits die Ewigkeit. Eine Erkenntnis der Ausstellung. Darüber kann man noch lange
reflektieren.
Die eigentliche „Wunderkammer“ befindet sich im Obergeschoss. Wunderkammern sind keine
neue Erfindung. Es gab sie schon zu sehr früher Zeit, sie sind die eigentlichen Vorläufer der
Museen. Meist waren es private Sammlungsräume. Hier wurden kostbare Kunstwerke, seltene
Naturalien, wissenschaftliche Instrumente oder auch „Souvenirs“ aus fremden Ländern
aufbewahrt und andere Menschen damit zum Staunen gebracht. An diese Tradition knüpft die
Sammlung Olbricht an. Tritt man ein in diese Kammer, fällt einem sofort ein 5m langes, an der
Decke hängendes Krokodil ins Auge. Kostbare Kuriositäten und kleine Kunstwerke der
Renaissance und des Barock befinden sich in Vitrinen. Ein Pokal, geschnitzt aus einer Kokosnuss,
einst Alexander von Humboldt gehörend, das Horn des sagenhaften Einhorns, welches sich
wissenschaftlich bewertet als Stoßzahn des Narwales entpuppte. Und der Albatros auf dem Podest
mit seinem kecken Hut hat den besten Überblick. Skurril das Ganze – und das soll es ja auch sein.
Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken – Sie sollten selbst sehen, staunen und sich wundern.

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Um auch Kinder und Jugendliche an solche Kunstsammlungen heranzuführen, wurde ein
Programm für diese Gruppe aufgelegt. Nach einer Führung setzen sie sich im Rahmen eines
Workshops mit außergewöhnlichen Techniken, wissenschaftlichen Gerätschaften und feinstem
Kunsthandwerk auseinander.
Der Montag ist der „Tag der Senioren“. Zu einem Sonderbonus von 9.-€ kann die Ausstellung und
die Wunderkammer besucht werden. Im Preis enthalten ist ein Stück Kuchen sowie eine Tasse
Kaffee oder Tee. Sehr zu empfehlen ist der Ingwer-Minze-Tee mit frischen Zutaten und Honig. Gut
zu wissen, dass das Haus auch über einen Fahrstuhl und ein Behinderten-WC verfügt.
Die Ausstellung befindet sich in der Auguststraße 68, 10117 Berlin. Sie ist geöffnet: Mittwoch bis
Montag von 12.00 – 18.00 Uhr. Anmeldungen für Führungen können unter Tel.-Nr. 030/30 86
00 85 114 erfolgen. Einen Audioguide für die Wunderkammer kann man an der Kasse erhalten.

Kultur, Kunst, Wissenschaft

100 Jahre Bauhaus und
der Weg in die Moderne
von Ursula A. Kolbe
Das Bauhaus – 1919 in Weimar gegründet, 1925 nach
Dessau umgezogen und 1933 in Berlin unter Druck
der Nationalsozialisten geschlossen - bestand als
Bild: bauhaus-museum
Einrichtung nur 14 Jahre. Jetzt, im 100.
Gründungsjahr, stehen landesweit viele Initiativen
und Aktivitäten im Blick, die Zeugnis vom Heute
geben. So vermittelt einen vielschichtigen Eindruck das Themenjahr der Deutschen Zentrale für
Tourismus unter dem Motto „Grand Tour der Moderne – 100 Orte“, eine konzipierte Route durch
die Kulturgeschichte der letzten 100 Jahre in Deutschland.
Heute leben wir in einer Welt voller Kreativität, Inspiration und Gestaltungswillen, sehen
Architektur und ihre Geschichte als Impulsgeber für Städte- und Kulturreisen, in denen BauhausMeister um dessen Gründer Walter Gropius (1883 -1969) wirkten. Der offizielle bundesweite
Startschuss des Bauhausverbundes zum 100. Gründungstag des Bauhauses fällt mit dem
Eröffnungsfestival am 16. Januar in Berlin.
Doch werfen wir zuerst einen Blick in das Ursprungsland Thüringen, wo 1919 mit dem Staatlichen
Bauhaus zu Weimar die später weltberühmte Architektur- und Kunstschule begründet wurde.
Hier begann vor 100 Jahren ein Experiment, das die Art, wie wir über Architektur, Handwerk und
Kunst denken, radikal verändert hat. Sie war Ausdruck und Vorreiter einer international
ausstrahlenden Bewegung der Moderne und gilt heute als der wirkungsvollste deutsche
Kulturexport des 20. Jahrhunderts.
Ministerpräsident Bodo Ramelow und Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee werten dieses
Jubiläum als politisch, kulturell und touristisch herausragendes Ereignis für den Freistaat
Thüringen. Es biete darüber hinaus die einmalige Chance, die vielfältige Wirkungsgeschichte des
Bauhauses einer breiten Öffentlichkeit erlebbar zu machen.

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Staatliches Bauhaus in Weimar wurde Zentrum der europäischen Avantgarde
Walter Gropius, Gründungsdirektor der Kunstschule, stellte höchste Ansprüche an die Lehrkräfte
am Staatlichen Bauhaus in Weimar. Er holte zahlreiche renommierte internationale Künstler,
Architekten und Handwerker in das beschauliche Thüringer Städtchen, das sich fortan zum
Zentrum der europäischen Avantgarde entwickelte. Zu den Bekanntesten gehörten Oskar
Schlemmer, Paul Klee und Lyonel Feininger. Ebenfalls ungewöhnlich: Hier am Bauhaus lernten
und lehrten viele Frauen. Marianne Brandt z. B., die in der Metallwerkstatt wichtige Impulse
setzte, oder die Textilkünstlerin Anni Albers, die auch heute noch internationale Designer und
Modemacher inspiriert.
Dazu gehöre, so erinnerte Ramelow, auch die Erinnerung an die erzwungene Emigration wichtiger
Protagonisten, wie Gropius, Kandinsky und Klee, ins Ausland und damit verbundenen
intellektuellen und kulturellen Verlust für unser Land in den zwanziger und dreißiger Jahren. „Nie
wieder dürfen nationale Engstirnigkeit und dumpfe Intellektuellenfeindlichkeit die Oberhand über
künstlerische Freiheit und kulturellen Fortschritt erlangen.
Jetzt steht eine inspirierende Entdeckungsreise –mit Höhepunkten wie der Eröffnung des neuen
bauhaus museum weimar sowie der Grand Tour der Moderne im Blick. Das neue Museum der
Klassik Stiftung Weimar öffnet am 6. April 2019 - im Gründungsmonat des Bauhauses – im
Rahmen gemeinsamer Festwochen von Stiftung, Staat und der Thüringer Staatskanzlei erstmals
seine Türen.
Auch in den umgebenden Städten Jena, Erfurt, Gera sowie dem Weimarer Umland erzählen eine
Vielzahl von architektonischen Zeugnissen, historischen Schauplätzen, Ausstellungen und
Veranstaltungen von der wechselvollen Geschichte des Bauhauses und der Moderne.
Ebenso wird das von Georg Muche entworfene „Haus Am Horn“ nach Sanierungsarbeiten ab Mai
wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Als einzige in Weimar realisierte BauhausArchitektur gehört es zum UNESCO-Welterbe „Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und
Bernau“. Wesentliches kulturtouristisches Projekt ist die Grand Tour der Moderne Thüringen, die
von der Staatskanzlei und der Thüringer Tourismus GmbH (TTG) entworfen wurde und
Kulturinteressierte rund 30 Architekturobjekte der Moderne in Thüringen entdecken lässt. (Dazu
ab Frühjahr ein Informationsflyer und App „Thuringia. MyCulture“).
Die Publikation „1919-2019 – Die Moderne in Thüringen“ stellt Menschen vor, die vor 100 Jahren
in Thüringen Geschichte geschrieben haben. Auf 128 Seiten werden spannende Geschichten und
Begebenheiten erzählt sowie Orte, Personen und Designikonen vorgestellt, die alle Anfang des 20.
Jahrhunderts relevant waren. Das Buch ist auf Messen oder Ausstellungen erhältlich und kann auf
der Seite des Landesmarketings bestellt werden (www.das-ist-thueringen.de/Bauhaus).
In Kooperation mit SPIEGEL TV sind zudem sechs Kurzfilme entstanden, die verschiedene
Aspekte des Thüringer Bauhauses beleuchten – von Henry van de Velde über Frauen am Bauhaus
bis hin zum globalen Vermächtnis der Architektenschule.
Im Jubiläumsjahr bietet Thüringen eine Entdeckungsreise zu Originalschauplätzen, neuen
Museen und mehr als 50 Ausstellungen, Festen und Veranstaltungen. Passend dazu die „Bauhaus
Card“, eine von der TTG und Klassik Stiftung Weimar initiierte Gästekarte, rund um das BauhausJubiläum, mit der rund 70 Einrichtungen besucht werden können. - Wer in Thüringen auf Reisen
geht, trifft nicht nur auf die Überlieferungen der internationalen Kunstavantgarde von damals,
sondern auch auf inspirierende Gestalter von heute und morgen. (s.a. www.bauhaus100.de;
www.klassik-stiftung.de/einrichtungen/museen/bauhaus-museum-weimar.de;
www.thueringen-entdecken.de)

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Berlin – in bester Bauhaus-Tradition
Auch das ganzjährige Berliner Programm 100 Jahre bauhaus in Berlin sowie das stadtweite
Festival bauhauswoche berlin 2019 vom 31. August bis zum 8. September feiern das Jubiläum
in bester Bauhaus-Tradition: experimentell, vielseitig, transnational und radikal zeitgemäß. Das
biete allen die Möglichkeit, weit mehr als nur diese eminent bedeutende Kunstschule zu feiern,
betonte Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa und Kuratoriumsvorsitzender des
Bauhaus Verbundes 2019, lebe es doch nicht nur in vielen Produkten fort, sondern vor allem
durch seine demokratischen Ziele: eine demokratische Gesellschaft, die offen, vielfältig und
international ist.
Die Jubiläumsausstellung „original bauhaus“ vom Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung zeigt
in der Berlinischen Galerie ausgehend von 14 Objekten deren jeweiligen Fallgeschichten. Das
multi- und interdisziplinäre Programm des Eröffnungsfestivals in der Akademie der Künste geht
auf Spurensuche nach den performativen Werken und Theorien des Bauhauses.
Die globalen Verflechtungen des Bauhauses erkundet die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe
bauhaus imaginista mit vier unterschiedlichen Ausstellungen aus China, Japan, Russland und
Brasilien, die das Haus der Kulturen in einer großen Gesamtschau zusammenführt und um ein
Vermittlungsprogramm ergänzt.
Das Mies van der Rohe Haus in Berlin-Lichtenberg bietet nicht nur regelmäßig Führungen durch
Haus und Garten an, sondern es lädt zeitgenössische Künstler(innen) ein, die Konzepte des
Bauhauses weiterzuentwickeln, um dessen heutige Relevanz zu zeigen. Die Ausstellung tracking
talents über Modedesign im Kunstgewerbemuseum führt die Utopie von „neuer“ Bildung und
„neuen“ Produktionsprozessen weiter. Junge Mode-Designer(innen) der Hochschulen in BerlinWeißensee, Trier, Helsinki und Paris präsentieren ihre Entwürfe, die von Textilunternehmen in
Thüringen gefertigt werden.
Das stadtweite Festival bauhauswoche berlin 2019, konzipiert von der landeseigenen Gesellschaft
Kulturprojekte Berlin, lädt u. a. mit einer Schaufensterausstellung von Einzelhandelsgeschäften
zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst-, Design- und Architekturschule im
öffentlichen Raum ein.
Gerahmt von der Langen Nacht der Museen am 31. August und dem Tag des offenen Denkmals
am 8. September werden neun Tage lang die Gestaltungs- und sozialen Ideen des Bauhauses mit
der bauhauswoche berlin 2019 in die Stadt getragen – von Ausstellungen über künstlerische
Performances bis zum Gymnastikunterricht.
Im gläsernen Festivalzentrum auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes z. B. kann im Herzen
der autogerechten Stadt das Ideal des modernen Städtebaus mit der umgebenden Wirklichkeit
abgeglichen werden. Der Pavillon mitten im Stadtverkehr ist zugleich Veranstaltungsort.
In der ganzen Stadt befassen sich Satelliten der bauhauswoche 2019 mit der Schule und ihrem
Wirken. In Architektur- und Designbüros, Druckwerkstätten, Museen und bei Typographen
ermöglicht die Reihe Bauhaus –Praxis – Gegenwart den Gästen mit Vorträgen und Workshops
Einblicke in die Arbeitsweisen von Menschen, die sich heute mit dem Bauhaus auseinandersetzen.
Weitere Infos: bauhaus100.berlin; bauhaus100.de/programm; bauhaus.de/de/jubilaeum.
„Auch Brandenburg ist Bauhaus-Land“
Mit diesen Worten hat Kulturministerin Martina Münch das Programm im Land für das Jubiläum
vorgestellt. Zu den Bauhausstätten gehören etwa der Einsteinturm in Potsdam, die Luckenwalder
Hutfabrik von Erich Mendelsohn und die ehemalige Bundesschule in Bernau. In der seit

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2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden ehemaligen Schule des Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbundes soll am 10. Mai der offizielle Auftakt des Brandenburger Programms zum
100. Jubiläum der Kunst- und Designschule gefeiert werden.
Das schlicht gestaltete Gebäude mit seiner lichtdurchfluteten Mensa und dem durch die BauhausArchitektur geprägten Glasgang wird auch eine Station der bundesweiten „Grand Tour der
Moderne“ sein, die die Besucher an 100 ikonische Orte der Architekturgeschichte führt.
Darauf, wie sich die Kulturpolitik der DDR zur Experimentierschule Bauhaus verhielt, geht das
Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt (Landkreis Oder-Spree) in
Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Weißensee in einer Sonderausstellung ein. Unter dem
Titel „Alltag formen! Bauhaus-Moderne in der DDR“ soll vom 7. April bis zum 5. Januar 2020 der
Bauhaus-Einfluss in der DDR thematisiert werden. Auch wolle das Haus dabei „eine Brücke ins
heute“ schlagen, so die Leiterin Florentine Nadolni.
Eines sei noch angemerkt: Der weltbekannte Reiseführer „Lonely Planet“ kürte kürzlich
Deutschland zu den zehn Top-Urlaubszielen 2019. Der Hauptgrund für Platz zwei auf der Hitliste
war für viele sicher überraschend. Denn als Gründe, warum man Deutschland in diesem Jahr
besuchen sollte, werden u. a. das 30. Jubiläum des Mauerfalls und vor allem der 100. Jahrestag
der Bauhaus-Gründung genannt.
„Ein Jahr lang wird das Jubiläum dieser Geburtshelferin der Moderne – gegründet in Weimar
1919 und nach einer Blütezeit in Dessau von den Nazis 1933 in Berlin faktisch verboten – gefeiert“,
heißt es über die Architektur- und Designschule Bauhaus, die eine ästhetische Bewegung
losgetreten habe, deren Erschütterung noch heute weltweit spürbar seien. „Glanzvolle neue
Museen öffnen in den drei Städten, dazu gibt es jede Menge begleitende Events und Ausstellungen
im ganzen Land.“
„Lonely Planet“ kürt jedes Jahr zehn „beste“ Länder, Regionen und Städte. „Jeder Ort, jede
Region, jedes Land steht für sich selbst, feiert etwas Einmaliges oder wurde einfach zu lange
übersehen“, stellt Uta Niederstraßer von „Lonely Planet Deutschland“ beim Verlag Mair Dumont
fest. Unter den Top 10 der Städte weltweit ist Deutschland allerdings nicht vertreten. TopEmpfehlung ist die dänische Hauptstadt Kopenhagen, gefolgt vom „Silicon Valley Chinas,
Shenzhen, und Serbiens zweitgrößter Stadt Novi Sad.

Kultur, Kunst, Wissenschaft

Ein Wissenschaftler, Weltbürger und
Entdecker
von Ursula A. Kolbe
„Ein ganzes Jahr mit Alexander von Humboldt“ – unter diesem Motto haben sich 13 Institutionen
Berlins und Brandenburgs zusammengeschlossen, um 2019 den 250. Geburtstag Humboldts zu
ehren. Er war an vielen Orten zu Hause. Doch Berlin spielte in seinem Leben immer eine wichtige
Rolle, hatte Enno Aufderheide, Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, bei der
Vorstellung des Programms erklärt.

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Alexander wurde in Berlin am 14. September 1769 als
Sohn eines preußischen Offiziers und Kammerherrn
geboren. Seine Mutter stammte aus einer wohlhabenden
Familie zum Teil hugenottischer Herkunft. Sein zwei
Jahre älterer Bruder Wilhelm von Humboldt ist heute
bekannt als herausragender preußischer
Bildungsreformer, der 1810 die Gründung der Berliner
Universität vorantrieb.
Bild: Rolf Handke/pixelio.de

Auch Alexander sollte eigentlich eine Karriere im
Staatsdienst machen. Aber schon früh interessierte er
sich für Pflanzen, Tiere, Steine und ferne Länder. Als
seine Mutter im November 1796 starb, eröffnete ihm deren beträchtliches Erbe die Chance, sich
als Forscher unabhängig zu machen.
Auf seinen Reisen trug er ein reichhaltiges Wissen zusammen. Er beeinflusste nahezu alle Gebiete
– von den Altertumswissenschaften bis zur Zoologie. „Wohin man rührt, er ist überall zu Hause“,
schwärmte der 20 Jahre ältere Goethe. Bereits vor seiner großen amerikanischen Forschungsreise
von 1799 bis 1804 hatte sich Humboldt das Ziel gesetzt, eine „physique du monde“ zu schaffen, das
physisch-geografische Wissen der Welt zusammenzufassen. Diese Forschungen mündeten später
in das große Alterswerk „Kosmos“.
Als Wissenschaftler, Weltbürger und Entdecker war Alexander von Humboldt von der Aufklärung
geprägt und pflegte einen weltumspannenden Austausch wie auch ein breites Netz von
Freundschaften. Der jüngere Bruder von Wilhelm von Humboldt gilt als Mitbegründer der
Geographie und als zweiter Entdecker Südamerikas.
Seine mehrjährigen Forschungsreisen führten Alexander nach Lateinamerika, in die USA sowie
nach Zentralasien. Wissenschaftliche Feldstudien betrieb er u. a. in den Bereichen Physik, Chemie,
Geologie, Mineralogie, Vulkanologie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie,
Ozeanographie und Astronomie, aber auch zu Fragen der Wirtschaftsgeographie, der Ethnologie
und der Demographie. Zudem korrespondierte er bei seinem publizistischen Werk mit zahlreichen
international bedeutenden Spezialisten der verschiedenen Fachrichtungen und schuf so ein
wissenschaftliches Netzwerk eigener Prägung.
Hierzulande erlangte er vor allem mit den Ansichten der Natur und dem Kosmos außerordentliche
Popularität. Sein bereits zu Lebzeiten hohes Ansehen spiegelt sich in Bezeichnungen wie der
„zweite Kolumbus“ oder der „wissenschaftliche Wiederentdecker Amerikas“.
Humboldts Leben war geprägt vom steten Drang, neuen Ufern zuzustreben, sein Wissensdrang
schier unerschöpflich. Ihm eilte der Ruf voraus, ein Mann zu sein, der alles wisse. Diese
Umtriebigkeit wird u. a. deutlich im Buch „Alexander von Humboldt / Ein Lebensbild in
Anekdoten“ von Dorothea Nolte aus dem Eulenspiegel Verlag. Folgende Worte auf dem Einband
machen darauf neugierig: „Auf gewagten Expeditionen legte er zehntausende Kilometer auf
Schiffen, Pferden und zu Fuß zurück, durchkämmte den Dschungel des Amazonas, bestieg Berge,
untersuchte Pflanzen, Tiere, Gesteine.
Ein Abenteurer mit dem Messinstrument in der Tasche. Und ein Wissenschaftler von ungeheurem
Horizont. Kein Gelehrter seiner Zeit wurde mehr bewundert, keiner häufiger abgebildet. Im Alter
bezeichnete sich Humboldt als ‚an den Höfen zahm gewordener Waldmensch vom Orinoco‘. Nur:
So ‚zahm‘ war er nicht. Nicht vor Königsthronen, und auch nicht in den Salons von Berlin und
Paris, wo er als geistreicher Redner geschätzt und als Lästermaul gefürchtet war.“

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Lassen Sie mich in dem Zusammenhang auf eine weitere Schrift verweisen, auf „Alexander von
Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten“. Darin widmet sich der Autor Rüdiger Schaper
neben dem Reisen und seinen Ergebnissen auch dem weithin verborgenen Privatleben – und dem
preußischen Erbe, das Humboldt zeitlebens geprägt hat. Hier zieht Alexander Bilanz, schafft mit
einem weitverzweigten Netz von Mitarbeitern die Grundlagen für ein Verständnis der
globalisierten Welt, das jetzt im 21. Jahrhundert überraschend aktuell ist.
Alexander von Humboldts Vermächtnis aktueller denn je
Um noch einmal auf die eingangs erwähnten 13 Institutionen zurückzukommen, die gemeinsam
das Humboldt-Jahr ausgerufen haben und jedes von ihnen Bezug zu ihm hat. Über die
Veranstaltungen und Partner informiert die Plattform www.avhumboldt250.de.
So gehört zu den herausragenden Ereignissen „12xHumboldt – eine wachsende Ausstellung“ im
Botanischen Garten. Dieser beherbergt mehr als 3.000 „Herbarbelege“ - Humboldts, also meist
getrocknete und gepresste Pflanzen oder Pflanzenteile, die der Naturforscher von Reisen
mitbrachte. Erst 2014 erschien das reich bebilderte grafische Gesamtwerk Humboldts, in dem
Pflanzen einen großen Platz einnehmen.
Die virtuelle Ausstellung „12x Humboldt“ wird im Juni 2019 eröffnet und nähert sich Humboldts
Wirken „über zwölf ungewöhnliche Pflanzengeschichten“. Dabei soll es etwa auch um die Frage
gehen, ob Humboldt wirklich der Erfinder der Infografik gewesen ist. Das Naturkundemuseum
besitzt rund 1.000 Steine und Mineralien, die Alexander von seinen Reisen mitbrachte; die
Leopoldina, deren Mitglied er bereits mit 23 Jahren wurde oder das Stadtmuseum, das im
Knoblauchhaus sein Totenbett zeigt.
Zu den beteiligten Institutionen gehören auch die Berlin-Brandenburgische Akademie der
Wissenschaften, das Humboldt-Forum im Berliner Schloss, die Humboldt-Universität, die
Staatsbibliothek, das Stadtmuseum Berlin und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten
Berlin-Brandenburg.
Das Humboldt - Forum will zum Tag des Geburtstags am 14. September bereits einige Räume
öffnen und zu einem offiziellen Fest einladen. Am gleichen Tag findet die Festveranstaltung der
Akademie der Künste und der russischen Botschaft unter dem Motto „Die Macht der Wissenschaft
in einer Zeit im Wandel. Brauchen wir einen Humboldt’schen Esprit, um die Welt richtig zu
verstehen?“ statt. Sie erinnert an die Reisen Humboldts 1829 durch Russland.
Das Museum Knoblauchhaus zeigt, wie der Gelehrte wohnte. Der Titel „Tropisch warm: Zu Hause
bei Alexander von Humboldt“ deutet bereits darauf hin, dass es in seinem Arbeitszimmer in der
Oranienburger Straße 67 immer überheizt war, auch im Sommer. Vielleicht sehnte er sich ja nach
dem Klima zurück, das er auf seinen Reisen in die Tropen kennengelernt hatte. Diese „heißen“
Landstriche waren schon ein Traum seiner Jugend.
Exzellenzwettbewerb und Alexander
„Nicht, dass ich jemals auch nur die Spur eines Zweifels in meinem Herzen hatte: Aber das
Abschneiden der Humboldt-Universität im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern hat
einmal mehr bewiesen, dass unsere Universität zu den besten in Deutschland gehört. An vier der
sieben für Berlin bewilligten Exzellenzcluster ist sie als Antragstellerin beteiligt. In allen sieben
engagieren sich HU-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Den Cluster „Matters of Activity,
in dem u. a. auch wichtige wissenschaftliche Grundlagen für die Gestaltung des Humboldt-Forums
erarbeitet werden, verantworten wir in alleiniger Sprecherschaft.“ – So Sabine Kunst, die
Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Auf Alexander von Humboldt direkt eingehend stellt sie heraus, dass man ihn zu Recht als den
Erfinder der Interdisziplinarität würdige und der Universalgelehrte immer versuchte
herauszufinden, wie die Dinge zusammenhängen. Diesem ganzheitlichen Ansatz fühlten sie sich in
Forschung und Lehre mehr denn je verpflichtet. Und so passe es wunderbar, dass zu Beginn des
Jubiläumsjahres die neuen Exzellenzcluster mit der Arbeit begonnen haben. Denn das sei die
Verbindung zwischen Humboldt und Ihnen heute: die Frage nach dem Wirken der Menschen in
der Welt und den Auswirkungen auf die Welt.

Kultur, Kunst, Wissenschaft

3D-Pergamon-Panorama
simuliert antikes Leben
von Ursula A. Kolbe
Das Pergamonmuseum ist d e r Besuchermagnet auf
der Berliner Museumsinsel. Gebaut für den
Bild: asisi
Pergamonaltar. Der Steinkoloss mit dem legendären
Fries ist 30 mal 30 Meter groß und mehr als 2.000
Jahre alt. Ende des 19. Jahrhunderts war er bei
Ausgrabungen an der Westküste der heutigen Türkei entdeckt worden. Vielen Forschern gilt er als
das achte Weltwunder der Antike.
Jetzt kann er wieder bewundert werden, zumindest virtuell. Denn da das Museum ja bekanntlich
seit 2014 restauriert wird, wartet das Berliner Heiligtum – gut verpackt und bewacht – bis nach
erfolgreicher Restauration im Jahre 2024, so hoffen alle, wieder darauf, bestaunt werden zu
können.
Bis dahin können die Berliner und Besucher aus aller Welt im temporären Ausstellungsgebäude
gegenüber dem Bode-Museum das Projekt „PERGAMON. Meisterwerke der antiken Metropole
und 360°-Panorama von Yadegar Asisi“ besichtigen. In das begehbare Panorama, das bereits
2011/12 im Ehrenhof des Pergamonmuseums zu sehen war, haben Asisi und sein Team unter
Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Neuinszenierung geschaffen, die
auch 80 Spitzenstücke der Antikensammlung enthalten.
Das Panorama führt zurück in das Jahr 129 n. Chr. Es zeigt die antike Stadt Pergamon an der
kleinasiatischen Westküste. Rekonstruiert wurde der Zustand der Stadt in der hohen römischen
Kaiserzeit unter der Regierung des Kaisers Hadrian (117 – 138 n. Chr.). Eingebettet in die
Terrassen der Akropolis auf dem 300 Meter hohen Burgberg fügen sich monumentale Bauwerke,
darunter mehrere Tempel und ein riesiges Theater in die bergige Landschaft ein. Darin
eingebunden ist das Ziel, das Leben verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in der antiken Stadt
eindrücklich darzustellen.
Eindrucksvoll ist auch die Darstellung der Dionysien, den Festspielen zu Ehren des Gottes
Dionysos, die auch im antiken Pergamon stattfanden. Zudem wurden verschiedene Opferszenen
auf dem Vorplatz des Großen Altars inszeniert. So stellt das überarbeitete Panorama einen noch
stärkeren Bezug zum Alltagsleben im antiken Pergamon her. Zudem wurden Korrekturen an
einzelnen Bauten und der Topographie des Burgberges nach dem neuesten Forschungsstand der
Grabung des Deutschen Archäologischen Instituts und der Antikensammlung vorgenommen.

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Vom Studio asisi sind die Originale der rund 80 der wichtigsten Werke der Antikensammlung aus
Pergamon – darunter der größte Teil des Telephos-Frieses vom Pergamonaltar – aufwändig
restauriert worden. Das sind vor allem die großen Frauenstatuen aus dem Hof und die Skulpturen
vom Dach des Großen Altares. Mit Ausnahme der an das Metropolitan Museum of Art entliehenen
Statue der Athena Parthenos aus der Bibliothek von Pergamon sind alle berühmten Bildwerke der
Stadt wie der sog. „Schöne Kopf“, das kolossale Haupt des Herakles, die Porträts der Könige, die
Tänzerin aus dem Palast, die Prometheus-Gruppe oder die Kreuzband-Athena zu sehen.
Verschiedene Installationen bieten künstlerische Interpretationen zum besseren Verständnis des
Gezeigten. Wichtige Elemente sind dabei neue Zeichnungen von Yadegar Asisi, die sich mit den
Skulpturen, der Architektur und der Stadtanlage Pergamons auseinandersetzen. Hinzu kommen
virtuelle Visualisierungen wie etwa die 13x7m große Videoprojektion des Pergamonaltars und eine
12x9m große Lichtinstallation, die den Telephos-Fries des Altares eindrucksvoll in Szene setzt.
Das Besondere dabei: Der Einsatz der modernen Technik regt die Sinne besonders an. Die
Installation simuliert den Tag und die Nacht, wie z. B. die sich im Laufe des Tages ständig
verändernde natürliche Beleuchtung der Skulpturen auf der Akropolis von Pergamon. Die schon
in der Antike für ihre besondere Qualität berühmten pergamenischen Skulpturen, die neu
gestalteten Animationen des Pergamonaltars sowie die immersive Bildwirkung des Panoramas
fügen sich zu einem großartigen Gesamtkonzept.
Das alles ist eindrucksvoll nacherlebbar auf fast 2.000qm Gesamtfläche. An die Stelle des für ein
ganzes Jahrzehnt unzugänglichen Pergamonaltars ist das neue „Pergamonmuseum. Das
Panorama“ getreten, in dem bedeutende Originale vom Skulpturenschmuck des Pergamonaltars
sowie aus den Heiligtümern und Königspalästen der antiken Stadt nachempfunden werden
können.
Das monumentale Rundbild von Asisi und die fesselnde Ausstellung vermitteln einen überaus
lebendigen Eindruck dieser hellenistischen Metropole mit neuesten Visualisierungen. Sie lebt
durch die Musik, den Lichtwechsel, die Farbinstallationen. „Ich finde es faszinierend, ist wie
Geschichte zum Anfassen, alles so lebendig“ – spontane Eindrücke von Besuchern.
Erwähnenswert unbedingt: Das Haus und die Ausstellung sind barrierefrei. Zwei
Aussichtsplattformen zur Betrachtung des Panoramas werden mit einem Aufzug erschlossen.
Rollstühle und Klapphocker können ausgeliehen werden.
Der Adioguide wird auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Japanisch,
Griechisch, Türkisch, Polnisch, Russisch, Chinesisch angeboten sowie einen Autoguide für Kinder
(dt), ein Guide in leichter Sprache und eine Audiodeskription.
Eintritt: Kombiticket Pergamonmuseum + Panorama. 18 Euro, erm. 9,50 Euro, Zusatzticket für
Museumsinsel-Ticket, Museumspass Berlin, Welcome Card Museumsinsel, Jahreskarten Basic
und Classic: 6 Euro, erm. 3 Euro, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten
18. Lebensjahr.
Buchbar unter www.smb.museum/pmp.

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Kultur, Kunst, Wissenschaft

Rudolf Diesel – ein großer Erfinder, der
seinen Erfolg nicht erlebte
von Tristan Micke
Rudolf Diesel wurde am 18. März 1858 als
zweites Kind des Buchbinders und
Lederhändlers Theodor Diesel in Paris
geboren, wo er auch aufwuchs. Der Vater hatte
seine Heimatstadt Augsburg 1848 verlassen
und war nach Paris gezogen. Hier lernte er
seine spätere Ehefrau kennen. Die Familie
Diesel lebte bis 1870 in Paris. Nach Ausbruch
Bild: Wikipedia / gemeinfrei
des Deutsch-Französischen Kriegs wurden alle
Nichtfranzosen aus Frankreich ausgewiesen.
Die Familie verließ daraufhin Paris Richtung
London. Rudolf Diesel zog später allein von London nach Augsburg, in die Geburtsstadt seines
Vaters, und lebte hier bei seinem Onkel.
1872 sah Diesel bei einem Besuch des physikalischen Kabinetts der Industrieschule zu Augsburg
ein "pneumatisches Feuerzeug", in dem in einem Glaszylinder ein Stück Zunder zu glimmen
begann, wenn der darin befindliche Kolben kräftig niedergerückt und die Luft durch das
Komprimieren stark erhitzt wurde. Dieses Experiment beeindruckte den damals vierzehnjährigen
Jungen derart, dass es seinen künftigen Lebensweg bestimmen sollte. Ab 1875 studierte Diesel
Maschinenbau an der Technischen Hochschule München und war danach für die Berliner Firma
Linde als Kälteingenieur tätig. 1883 heiratete Rudolf Diesel Martha Flasche. 1884 wurden Sohn
Rudolf, 1885 Tochter Hedy und 1889 Sohn Eugen geboren.
Am 28. Februar 1892 meldete Rudolf Diesel das erste deutsche Hauptpatent auf "Arbeitsverfahren
und Ausführungsart für Verbrennungskraftmaschinen" an. Zusammen mit der Maschinenfabrik
Augsburg-Nürnberg (M.A.N.) und der Firma Friedrich Krupp in Essen entwickelte Diesel die
später nach ihm benannte Verbrennungskraftmaschine, den Dieselmotor. Schon beim ersten
offiziellen Abnahmetest am 17. Februar 1887 in Augsburg hatte sich der EinzylinderVersuchsmotor mit einer Leistung von 20 PS und 172 Umdrehungen pro Minute als
wirtschaftlichste Verbrennungskraftmaschine der Welt erwiesen. Professor Moritz Schröter von
der Technischen Hochschule München ermittelte an diesem einfachen Versuchsmodell einen
Gesamtwirkungsgrad von 26,2 %. Die Wirkungsweise des Dieselmotors beruht darauf, dass im
Zylinder durch den Kolben Luft hoch komprimiert und dadurch auf 700 bis 900 Grad erhitzt wird.
Der dann eingespritzte Kraftstoff entzündet sich bei diesen Temperaturen von selbst
explosionsartig und treibt den Kolben zurück. Die so entstandene Energie wird über Pleuelstange
und Schwungrad in eine Drehbewegung umgewandelt. Anders als der Ottomotor kommt der
Dieselmotor ohne elektrische Zündung aus. Der Dieselmotor arbeitet nach dem gleichen Prinzip
wie das "pneumatische Feuerzeug" aus dem Augsburger physikalischen Kabinett. Nach
Experimenten mit Petroleum und Gas betrieb Diesel seinen Motor nun mit Schweröl, einem
Nebenprodukt bei der Destillation von Erdöl, welches für andere Zwecke wenig verwendbar und
daher wesentlich billiger als Benzin war. Dadurch machte sich der Vorteil gegenüber den anderen
Verbrennungsmotoren, vor allem in späteren Kriegs- und Krisenzeiten, erst richtig bemerkbar.

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Zunächst wollte Diesel seinen Motor nur stationär in der Industrie einsetzen. Erst später dachte
er an seine Anwendung im Verkehrswesen. Noch behinderte der bei den ersten Dieselmotoren
zum Einblasen des Kraftstoffs notwendige schwere und störanfällige Kompressor (bezeichnet als
Einblasmaschine) die rasche Verbreitung des Motors im Verkehrswesen. Da schon lange vor dem
Dieselmotor andere Verbrennungsmotoren zur Verfügung standen (Nikolaus Otto hatte 1877 ein
Patent für seinen Motor erhalten) waren die ersten Automobile und die wenigen
Motorlokomotiven der damaligen Zeit mit Ottomotoren ausgestattet und wurden mit Benzin,
Benzol, Petroleum oder Gas betrieben. Verbrennungsmotoren gestatten einen schnellen Start und
ermöglichen bei längeren Fahrpausen ihr kurzfristiges Abstellen. Dagegen haben sie aber ein für
den Fahrzeugbetrieb ungünstiges Betriebsverhalten, welches durch die Ausführung der
Kraftübertragungseinrichtungen und durch zusätzliche technische Maßnahmen ausgeglichen
werden muss.
Rudolf Diesel war kein Geschäftsmann, er war ein Techniker. Nach einem 1898 erlittenen
Nervenzusammenbruch, verursacht durch geschäftliche und patentrechtliche Probleme (in
England arbeitete fast zur gleichen Zeit wie Diesel auch Ackroyd Stuart an der
Verdichtungszündung) verbrachte Diesel den Herbst des Jahres wegen chronischer Erschöpfung
in der Heilanstalt Neuwittelsbach bei München. Erst 1908, nach Ablauf der Patentfristen, konnte
Diesel wieder an der Weiterentwicklung seines Motors arbeiten. Jetzt entstanden Kleinmotoren
und die ersten Dieselmotoren für Lastkraftwagen und Lokomotiven. 1912 stellte die dänische
Rederei "Ostasiatische Schifffahrtsgesellschaft" in Kopenhagen das erste Dieselschiff namens
"Selandia", einen 7 400 t großen Zweischrauber mit zwei Dieselmotoren in Dienst. Danach setzten
andere Länder ebenfalls Dieselschiffe ein. 1913 befuhren schon mehr als 300 mit Diesels Motor
betriebene Schiffe die Weltmeere, und es erschien das Buch "Die Entstehung des Dieselmotors".
Den umfassenden Einsatz seines Motors bei Straßen- und Schienenfahrzeugen sollte Diesel jedoch
nicht mehr erleben. Bei einer ab 1909 bei der Firma Borsig gebauten Großdiesellokomotive, die
1912 fertiggestellt worden war, gab es noch zahlreiche Probleme zu lösen
In der Nacht vom 29. zum 30. September 1913 ertrank der 55jährige Rudolf Diesel auf einer
Schiffsreise mit dem Dampfer "Dresden" auf rätselhafte Weise. Er war unterwegs zu einer Reihe
von Vorträgen in Großbritannien. Seine Leiche wurde erst am 18. Oktober 1913 in der Nähe des
belgischen Ortes Roompat an der Mündung der Westerschelde gefunden. Die schon stark verweste
Leiche konnte nur durch die Kleidung und einige persönliche Gegenstände identifiziert werden.
Letztmalig wurde Diesel auf dem Schiff, welches ihn von Antwerpen nach Harwich bringen sollte,
am 29. September 1913 gegen 22 Uhr beim Betreten seiner Schiffskabine gesehen. Am nächsten
Morgen fand der Steward die Kabine leer vor und das Bett war unbenutzt. Man ging von
Selbstmord aus, da Diesel erhebliche finanzielle Sorgen hatte und unter gesundheitlichen
Problemen litt. In einem Brief an seine Frau schrieb er von einem beklemmenden Gefühl und
depressiver Stimmung, ohne den Grund dafür zu nennen. Noch am Tag vor seinem Tod hieß es in
einem Brief an seinen Sohn: "Mir geht es seit einiger Zeit nicht nach Wunsch. Mein Herz macht
mir viel zu schaffen. Manchmal meine ich, es bliebe ganz stehen.
Betrügerische Manager aus der Autoindustrie haben heute den Dieselmotor in Verruf gebracht.
Die Erfindung des Motors durch Rudolf Diesel schuf jedoch eine effiziente
Verbrennungskraftmaschine, die besonders die Entwicklung von Fahrzeugen geprägt hat. Alles
hat seine Zeit: Mit den hohen Ansprüchen an den Umweltschutz ist nun ein Umdenken bei der
Antriebstechnik von Fahrzeugen erforderlich, was aber den Verdienst Rudolf Diesels nicht
mindert.

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Berliner Orte

Komfort beim Shoppen
von Edelgard Richter
Eine neue Idee greift um sich: Bereits Anfang dieses
Jahres entwickelte die Arbeitsgemeinschaft City (AG
City) gemeinsam mit dem Berliner
Logistikunternehmen PIN Mail AG ein
Lieferdienstkonzept, dass das Shoppen rund um den
Bild: Rainer Sturm / pixelio.de
Kurfürstendamm für Bürger und Touristen
komfortabler macht. Der klimafreundliche
Zustelldienst „citybringer“ liefert den Kunden den Einkauf noch am gleichen Tag und zum
vereinbarten Zeitpunkt nach Hause, ins Büro oder ins Hotel. Wer also nach der Shoppingtour
lieber ohne Gepäck weiterziehen möchte, in ein anderes Geschäft, ins Café oder zur
Abendveranstaltung, muss die Einkauftaschen nicht mehr mitnehmen oder irgendwo deponieren,
sondern empfängt sie später ganz bequem an der gewünschten Lieferadresse.
Der Service „citybringer“ ist ein Ergebnis aus den Überlegungen, die Aufenthaltsqualität am
Standort City West zu verbessern. „Das Lieferwarenchaos auf den Busspuren und Radwegen, aber
auch Emissionen lassen sich dadurch reduzieren. Die Kunden am Kurfürstendamm profitieren
von mehr Komfort und Service beim Shoppen und die ansässigen Händler von einem
Standortvorteil gegenüber anderen Einkaufsstraßen, aber auch im Wettbewerb mit dem
Onlinehandel“, erklärte Carsten Gießler, Projektleiter „citybringer“ bei der PIN Mail AG.
Geschäfte wie „Bogner“ oder „Boutique Chateau Calissanne“ nutzen den Service bereits. Auch
René Grevsmühl, Geschäftsführer von „Florale Welten“ bucht den Lieferdienst regelmäßig und ist
zufrieden: „Wir wollten unseren Kunden eine umweltschonende Zustellung von frischen
Blumensträußen bieten – auch bei spontanen Aufträgen, wenn es mal schnell gehen muss. „Die
Fahrer von „citybringer“ sind im Vergleich zu anderen Diensten echt kompetent und zuverlässig –
ein gutes Aushängeschild für unser Geschäft“, beschreibt er seine bisherigen Erfahrungen.
Doch was kostet der Service und wer bezahlt ihn? Gerade Onlineshops liefern häufig gratis und
daran sind die Kunden gewöhnt. Erwarten sie das dann nicht auch beim Einkaufsbummel in der
Stadt? - „Die Kunden sind durchaus bereit, für einen solchen Service zu zahlen. Denn die SameDay-Lieferung, ohne Sorge darum, den Paketboten zu verpassen, wissen die Käufer zu schätzen“,
so Klaus-Jürgen Meier, Vorstandsvorsitzender der AG City. Zum anderen ist es den Händlern
selbst überlassen, wie sie das in ihren Geschäften handhaben. Je nach Ladenkonzept und
Zielgruppe bieten die Händler den Service komplett gratis an, knüpfen das Angebot an einen
bestimmten Warenwert oder beteiligen ihre Kunden am Lieferpreis. Das bisherige Liefergebiet für
den „citybringer“ erstreckt sich von der Bismarckstraße bis in das südlichste Berlin und schließt
den Hotellerie-Bereich rund um den Alexanderplatz ein. Wer als Hellersdorfer oder Köpenicker in
der City West shoppen gehen und den Service nutzen möchte, muss sich noch etwas gedulden.
Nach Angaben des Anbieters erweitert sich das Liefergebiet wöchentlich.
Was gleich auffällt – die „Citybringer“ heben sich optisch von anderen Lieferdiensten ab: Modisch
gekleidete Zusteller, mit Chinohose und Schiebermütze, manövrieren moderne Lastenräder durch
die Stadt und sind ein echter Hingucker.

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Natur, Tourismus

Von Bali nach Bangkok
(Teil 4: Nasenaffen )
Rays E. Tannthe
Sollten wir einen kräftigen Ruck bemerken,
überqueren wir just in diesem Augenblick die
Äquatorlinie. Jaja, der Käpt’n erzählt uns heute
Bild: Rays E. Tannthe
Seemannsgarn, „eine Äquatorlinie über die man
stolpert“.
Die Lektoren bereiteten uns auf die Insel Borneo in
Malaysia vor. Wie immer sind Geschichte und Politik kompliziert. Als größte Insel Asiens ist
Borneo zwischen drei Ländern aufgeteilt. Der Süden gehört zu Indonesien und der Norden teils
zum Sultanat Brunei und teils zu Malaysia.
Unsere junge Tierärztin hielt einen unterhaltsamen Vortrag über ihre Erlebnisse als Volontärin in
einer Orang-Utan-Auswilderungsstation. Sie liebte ihre frechen Affen, die zu 98% unsere
genetischen Verwandten sind. Normalerweise kommen Orang-Utans ganz gut ohne uns im
Regenwald zurecht. Wenn nur dieser 130 Mio. Jahre alte Regenwald nicht seit den letzten 30
Jahren in Größenordnungen abgeholzt werden würde. Doch Tropenholz wird weltweit gut
verkauft. Abnehmer sind bspw. Japaner, die ihre eigenen Wälder unter Schutz stellten. Bringt
ihnen auch nichts, wenn es u.a. dadurch klimatische Veränderungen gibt.
An Stelle des Regenwaldes gibt es heute in Monokultur schnurgerade Ölpalmen-Wälder. Der
weltweite Bedarf an Palmöl ist enorm und bringt viel mehr Geld ein, als ein paar zottelige
orangefarbene Affen. In ihrer jugendlichen Mission appellierte die Tierärztin eindringlich,
Produkte mit Palmöl zu meiden. Was nicht so einfach ist, eine eindeutige Deklaration fehlt oft
oder wird verschleiert (z.B. in Margarine heißt es „Pflanzliche Fette“).
Ab sofort waschen wir nicht mehr mit Ariel, meiden Nivea und andere Palmöl-Produkte (siehe
Listen im Web). Bin skeptisch, ob noch was zu retten ist. Auch die große Menge an
herumliegendem Plastikmüll, die allgemeine Bevölkerungsexplosion und andere Fakten sind
bedenklich. Wir in Europa sind nicht viel besser. Nirgendwo hat die Politik wirksame Konzepte.
Das weltweite Ausmaß der Verschmutzung ist bedrohlich, z.B. ist einer der fünf größten
Müllstrudel im Pazifik viermal so groß wie Deutschland, er zersetzt sich in kleinere Teilchen, die
irgendwann in unsere Nahrungskette gelangen. Der kürzlich verstorbene Herr Hawking hatte
vermutlich Recht, dass sich die künftige Generation nach einem anderen Planeten umschauen
muss und die Notwendigkeit besteht, den Weltraum zu besiedeln. Schade um unsere schöne Erde.
Am nächsten Morgen bei Sandakan folgte der praktische Teil: im „Sepilok Orangutan
Rehabilitation Centre“ kümmert man sich um gerettete Orang-Utan-Jungtiere, die als Folge der
Waldrodung, der illegalen Jagd oder als Haustiere aufgefunden wurden.
Die verwaisten Orang-Utans lernen dort, in freier Wildbahn zu überleben. Sie werden nach ihrem
Wald-Abitur auf unbewohnte Inseln in die Freiheit entlassen. Trotz allem sind sie vom Aussterben
bedroht. Als Nächstes besuchten wir eine Gruppe Nasenaffen. Was für Nasen! Mike Krüger (den
Nippel durch die Lasche zieh'n) wäre neidisch. Im „Labuk Bay Sanctuary“ bekam ein ÖlpalmenPlantagenbesitzer im Jahr 1996 zu Hause plötzlich Besuch von einer Gruppe Nasenaffen.

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Durch die Abholzung der Mangroven verloren die Tiere ihren Lebensraum und das Futter wurde
knapp. Der Plantagenbesitzer fütterte sie und entwickelte eine Faszination für die mit markanten
Nasen ausgestatteten Tiere. Somit entstand ein Schutzgebiet der Primaten. Sie waren nicht
besonders scheu und ließen sich gern fotografieren.

Natur, Tourismus

Ein ungewöhnlicher
Stein auf Mönchgut
von Wolfgang Prietsch
Bei unserem jährlichen Wanderurlaub auf der
Rügischen Halbinsel Mönchgut fanden wir in
diesem Jahr am Strand zum Kaming gegenüber der
Halbinsel Klein Zicker einen großen
ungewöhnlichen Stein.

Bild: Wolfgang Prietsch

Er liegt direkt am Ufer unterhalb der Uferhöhe
Gansch. Wenn man diesen Stein betrachtet, könnte man annehmen, dass es sich um einen
versteinerten Baumstupf mit am Stamm befestigten Ästen handelt. Der Stein dürfte wohl aus
Skandinavien stammen und erst in der Jetzt-Zeit zur Uferbefestigung nach Rügen gekommen sein.
Uns ließ dieser Stein aber keine Ruhe. So wendeten wir uns an das Landesamt für Umwelt,
Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern in Güstrow.
Sehr freundlicherweise fertigte Herr Dr. Andreas Börner eine, nur auf der Basis des eingereichten
Fotos erstellte, Expertise über diesen Stein an, die folgendermaßen lautet:
„Sofern man anhand des Fotos beurteilen kann, handelt es sich bei diesem Stein (nach Erachten
von Dr. Börner) um ein magmatisches Kristallingeschiebe skandinavischer Herkunft, welches
unter hoher Hitze und Druck metamorph überprägt wurde.
Der hellere Bereich stellt eine sekundäre Kluftfüllung mit anderen, helleren Mineralien
(vermutlich Quarz mit Feldspäte) dar. Bei den rippenartigen Erhöhungen handelt es sich um
härtere Gesteinspartien (vermutlich auch kleinere sekundäre Kluftfüllungen), die durch die
Verwitterung weicherer Partien heraus geprägt wurden.“
Wenn Sie, liebe Urlauber, bei einem Rügenurlaub mal als Ausflug eine unbedingt
empfehlenswerte Wanderung über die Zickerschen Berge unternehmen, so können Sie auf dem
von der Kurverwaltung Gager vorgeschlagenen Weg von Groß Zicker auf der Höhe bis zur
Südwest-Spitze der Berge (Gansch) laufen, dann am Steilufer langsam abwärts zum Kaming,
weiter auf dem Deich: Hier finden Sie nach etwa 100 m vom Deichbeginn den genannten Stein.
Dass auf dem Hinweg kurz vor dem Ort Groß-Zicker auf der linken Straßenseite noch ein weiterer
bedeutender Stein liegt, der Krassenurtstein, über den in „Spätlese, 9/10 -2017“ schon berichtet
wurde, sei nur erwähnt. Vor Beendigung der Wanderung sollten Sie unbedingt die kleine,
wunderschöne alte Kirche in Groß Zicker mit noch heute aktiver Sonnenuhr an der Außenwand
besuchen.

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Natur, Tourismus

Wenn die Natur die
„Flatter“ macht…

Bild: LFB/Frank Becker

von Hans Rudolf/PI
…dann blüht die Flatter-Ulme. Im Frühjahr – von März
bis Mai – noch vor dem Blattaustrieb blüht diese
Ulmenart. Wer die buschigen Blüten der Flatter-Ulme
(Ulmus laevis) einmal im Wind hat tanzen sehen, weiß,
woher die Baumart ihren Namen hat. Mit ihr wurde
gewissermaßen eine „starke Brandenburgerin“ von der Dr. Silvius Wodarz Stiftung zum 31.
„Baum des Jahres 2019“ gekürt. Seit 1989 wird in Deutschland jedes Jahr der Baum des Jahres
gekürt. So soll auf den Wert der Bäume für uns Menschen aufmerksam gemacht werden.
Der Landesbetrieb Forst Brandenburg nutzt den inzwischen 31. Baum des Jahres, um auf die
vielen Baumarten hinzuweisen, die es im Kiefernland Brandenburg gibt. Bereits vor zehn Jahren
hat das Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) ein bundesweites Projekt zur
Erfassung seltener Baumarten geleitet und dabei 58.158 der oft im Wald versteckten FlatterUlmen erfasst. Mecklenburg-Vorpommern folgt mit 24.576 und Sachsen-Anhalt mit 16.353
Bäumen.
Alle anderen Bundesländer haben deutlich geringere Bestände von unter 10.000 Bäumen. Hier
findet man die Flatter-Ulme am ehesten noch in größeren Flußtälern – in der Rhein-Main-Ebene,
im Oberrheingraben und entlang der Donau. Die Flatter-Ulme kommt nach der elektronischen
Wald-Datenbank auf nur rund 300 Hektar in den Wäldern Brandenburgs vor, der jedoch eine
Größe von 1,1 Millionen Hektar hat. Übrigens verfügt das Land Brandenburg damit über einen
Waldanteil von 37,3 Prozent und ist somit waldreichstes ostdeutsches Bundesland.
Ein außergewöhnlicher Baum
Ulmen sind Bäume, die schon seit der Steinzeit eine große Bedeutung im Leben der Menschen in
Mitteleuropa hatten. Es gibt bei uns drei der weltweit 45 Arten dieses sommergrünen
Laubbaumes: die Bergulme, die Feldulme und die Flatter-Ulme. Letztere ist heutzutage – wenn
auch immer seltener werdend – in ganz Mitteleuropa heimisch. Sie kommt bis zu einer Höhe von
600 Meter NN vor und kann 250 Jahre alt werden.
Damit ist die Flatter-Ulme eher eine kontinentale Art, die ihre Verbreitungsschwerpunkte von
Ostdeutschland über Polen und die baltischen Staaten bis in die Region zwischen Moskau und
Kasan hat.
Dennoch ist die Flatter-Ulme eine eher seltene Baumart in Deutschland. Das hat vor allem auch
mit dem Verlust ihres Lebensraumes zu tun, an dem wir Menschen nicht unschuldig sind. Aber
unter den Forstfachleuten gilt Ulmus laevis sozusagen als „Leitbaumart“ für die Revitalisierung
von Bach- und Flussauen. Zusammen mit Stiel-Eiche, Esche, Bergahorn und Feldulme prägt sie
dort die sogenannten Hartholz-Auenwälder. Nicht zuletzt leistet die Baumart einen wichtigen
Beitrag zum Artenschutz von Tierarten, die auf Ulmen angewiesen sind.
Die Flatter-Ulme begleitet die Menschheit seit der letzten Eiszeit und hat so auch ihren festen
Platz im urbanen Bereich. Früher standen traditionell alte Ulmen als Dorf- oder Gerichtsulmen im
Mittelpunkt zahlreicher Dörfer und Siedlungen. Und so wird auch heute unter Forstleuten und
Städteplanern darüber nachgedacht, dem „Baum des Jahres 2019“ als widerstandsfähigen und
attraktiven Stadtbaum neue Lebensräume zu schaffen.

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Natur, Tourismus

Wittstock rüstet sich für
märkische Gartenschau
von Ursula A. Kolbe
Dem 18. April 2019 schauen die Wittstocker in diesem
Jahr besonders erwartungsvoll entgegen. An diesem Tag
fällt in der Prignitzstadt der Startschuss zur sechsten
Bild: Landesgartenschau Wittstock/Dosse
Landesgartenschau Brandenburgs. Das Gartenfestival
verbindet sich dann für sechs Monate bis zum 6. Oktober
mit dem Erlebnis der historischen Wittstocker Altstadt.
Bildlich ausgedrückt schmiegt sich das 13 Hektar große Gartenschaugelände regelrecht an den
Rand der Altstadt und folgt dem Verlauf der 2,5 km langen Stadtmauer mit Wall- und
Grabenzone, die als die einzig komplett erhaltene Backsteinmauer Deutschlands gilt. Als
einzigartige Kulisse für das märkische Gartenfestival bietet eben der historische Ringwall, die die
Altstadt vollständig umschließt – und rundum schöne Aussichten.
Gemütlich zu Fuß ist die Altstadt von allen Punkten des Geländes innerhalb weniger Minuten zu
erreichen. Überhaupt hat sich die über 750 Jahre alte Stadt über all die Jahrhunderte ihre
mittelalterlich geprägten Strukturen mit wertvoller Bausubstanz und vielen Einzeldenkmalen
bewahrt. Im Mittelpunkt des Großereignisses wird die Blüten- und Pflanzenpracht einer
Gartenschau stehen, die die Leistungskraft, den Einfallsreichtum und die Breite der
Brandenburger Gartenbaubetriebe widerspiegelt. Im Friedrich-Ebert-Park, der von einem uralten
Baumbestand geprägt ist, gibt es Wechselflorpflanzungen, Themengärten, Stauden- und
Gehölzpflanzungen sowie ein attraktives Spielgelände für die jüngsten Besucher.
Auf einem Holzdeck an der Glinze können die Besucher die Nähe am Wasser genießen. Hier
werden auch die Friedhofsgärtner die neuesten Trends der Grabgestaltung präsentieren. Eine
gastronomische Einrichtung sowie Gartenkabinette an der Stadtmauer runden das Angebot im
Friedrich-Ebert-Park ab. Der Park am Bleichwall, zu Füßen der ehemaligen Wittstocker
Bischofsburg gelegen, bietet Rosen, Stauden und Gräser. Ein Regionalmarkt sorgt garantiert für
buntes Markttreiben.
Fontanegarten an der Stadtmauer
Dieser Fontanegarten macht auf ein weiteres Jubiläum in diesem Jahr aufmerksam: Unter dem
Titel „fontane 200“ würdigt Brandenburg vom 30. März bis 30. Dezember den 200. Geburtstag
des märkischen Schriftstellers und Publizisten Theodor Fontane. In der Gestaltung dieses Gartens
haben sich die Gärtner von Fontanes Beschreibungen seines elterlichen Gartens in der
Fontanestadt Neuruppin leiten lassen.
Auch das Wittstocker Museum des Dreißigjährigen Krieges wird Bestandteil des LaGa-Geländes,
denn sein Besuch ist im Ticket enthalten. Erstmals wird es auf einer brandenburgischen
Gartenschau einen sogenannten wachsenden Garten geben – ein Gartengelände, das erst während
der ganzen Dauer der LaGa entsteht und auf dem die verschiedensten Gärtnereien und Gartensowie Landschaftsbaubetriebe ihre handwerkliche Kunst präsentieren können. Eine faszinierende
Pracht des Floralen werden die zwölf Hallenschauen entfalten, die dem historischen Güterboden
auf dem LaGa-Gelände ihren Glanz verleihen werden. Der Güterboden war im Vorfeld der Schau
aufwändig saniert worden, damit er sich in eine Gartenschau-Blumenhalle verwandeln kann. Den
Reigen eröffnet am 18. April die große Eröffnungsschau, die den Farbenhunger der Besucher nach

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der langen Winterzeit stillen wird. In der Vorfreude auf den Frühling erwartet die Besucher durch
gärtnerisches und floristisches Geschick ein Meer von Blumen, phantasie- und liebevoll inszeniert.
Die nachfolgenden Schauen folgen dem Rhythmus der Jahreszeiten, Frühblüher und Sommerflor
lassen die Blumenhalle zu einem beliebten Treffpunkt der Gartenfreunde werden.
Die Erdbeer- und Spargelzeit findet hier ebenso ihren Widerhall wie die Rosenblüte oder
Dahlienzeit. In einem der Hallenschauen finden sich auch wieder Anknüpfungspunkte zum
Fontanejahr in Form einer blumig gestalteten Wanderkulisse mit Heide, Gemüse, Obst, Fisch,
Wein, Gurken, Erdbeeren, Meerrettich und vielem anderen mehr, das die Gärten und
Landschaften der Mark bestimmt.
Die finale Blumenschau ab 20. September wird mit reifen Früchten, Kürbissen, floralen Texturen
von Chrysanthemen und prachtvollen Gestecken die leuchtenden Farben des Herbstes in die Halle
holen. Insgesamt werden in diesem Jahr über eine Million Blumenzwiebeln, die während der
Bauzeit in die Erde gebracht wurden, ihre leuchtende Blütenpracht entfalten. Nur so viel:
Insgesamt wurden fünf Millionen Euro investiert und u. a. die Wege über das Gartenschaugelände
komplett neu gestaltet, umfangreiche Beetflächen angelegt.
Das Veranstaltungsprogramm bietet Künstlern, Chören, Vereinen, Tanzgruppen und
Volkskunstschaffenden aus der Region eine Bühne, um sich dem Publikum präsentieren zu
können. Auch auf bekannte Künstler können sich die Besucher freuen, unter ihnen Dirk Michaelis
und Band, Cora, Culcha Candela oder Truck Stop. Für die Kinder gibt es ein
Taschenlampenkonzert mit Rumpelstil.
Das Grüne Klassenzimmer der jungen Forscher, Entdecker und Künstler
Gemeinsam mit der GRÜNEN LIGA Berlin lädt die Wittstocker Landesgartenschau Schulklassen,
Kitas sowie Kinder- und Jugendgruppen ein, im Grünen Klassenzimmer die Natur zu entdecken,
mit allen Sinnen zu erleben und selber zu gestalten. Mit fachlicher Unterstützung, so Mareike
Homann von der GRÜNEN LIGA Berlin, werden hier die Kinder und Jugendlichen zu jungen
Forschern, Entdeckern und Künstlern. Mehr als 50 verschiedene Themenangebote bietet der
abenteuerliche Lernort im Grünen. So stehen Gewässeruntersuchungen, Ernährung,
Naturbeobachtungen, interaktives Theater u. a. auf dem Lehrplan.
Schauplatz für den Lernort im Grünen wird der kleine Burghof der Museen alte Bischofsburg sein,
der vom Gelände der Gartenschau umschlossen ist. Dafür findet die Museumsbühne einen neuen
Platz, das Kräuterbeet wird erweitert, neue Pflanzenbeete für Projektangebote und
Naturerfahrung werden angelegt. So finden historische Bildung und Umweltbildung einen
gemeinsamen Platz in der malerischen Kulisse der alten Bischofsburg.
Das Programmheft wurde an Bildungseinrichtungen in ganz Brandenburg, Berlin und in Teilen
Mecklenburg-Vorpommern versendet. Es ist auch online verfügbar, das regelmäßig durch neue
Angebote wie Erste-Hilfe-Kurse mit der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. und Workshops zum Thema
„Allgemeingut Wasser“ mit erfahrenen Pädagoginnen ergänzt wird. Information unter
www.laga.wittstock.de/klassenzimmer oder Buchung über das Anmeldeformular per E-Mail oder
Post. E-Mail: grueneliga-berlin.de, Ansprechpartnerinnen: Mareike Homann und Anke Küttner.
Die frühere Bischofsstadt am Zusammenfluss von Dosse und Glinze im Nordwesten
Brandenburgs liegt direkt am Autobahndreieck Wittstock/Dosse, das die A19 mit der A24
miteinander verbindet. Also eine sehr gute Anbindung aus den Richtungen Berlin, Hamburg und
Rostock.

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Kurzgeschichten, Gedichte

Innige Berührung
von Wolfgang Prietsch
Da ging man also wieder mal zu Freunden zu Besuch.
Zwei schon etwas ältere Ehepaare, die sich von Zeit zu
Zeit zu Gesprächen, einem guten gemeinsamen Essen
und natürlich zu einem guten Tropfen, rot oder weiß,
trafen.

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Eigentlich sollte auf der Terrasse gegrillt werden. Aber
das Wetter war nicht danach: Grau in Grau der Himmel. Nur der Himmel?
Im Wohnzimmer war ein festlicher Tisch zum Essen vorbereitet, man nahm nach einleitenden
Begrüßungsworten Platz.
Das Besucherehepaar, er Mitte der 70er Jahre, sie Anfang 60, saß traditionell auf der Couch
nebeneinander, die Gastgeber an der Stirnseite des rechtwinkligen großen Tisches.
Die Urlaube beider Paare waren grade zu Ende gegangen, es gab viel zu erzählen.
Die Gastgeber hatten eine Dia- Serie vom letzten Urlaub vorbereitet, da gab es natürlich viele
Einfügungen und Nachfragen der Besucher. Es war ein sehr frohes und gelöstes Klima, warum
auch nicht, alles war in schöner Harmonie.
Nun ging es zum Essen, alles war tischfertig.Während des geruhsamen Essens mit langen Pausen
zwischen Vorspeise, Hauptgang und dem Nachtisch hatte man sich viel zu erzählen:
Immerwährende Themen waren selbstredend der jeweilige Gesundheitszustand und die
absolvierten Arztbesuche sowie deren Ergebnisse.
Plötzlich, mitten beim Nachtisch, platzte völlig unerwartet ein lauter, an den Couchnachbar
gerichteter, deutlich unwillig bis geradezu aggressiv wirkender, Ruf des zweiten Besuchers in die
geschäftige Ruhe hinein. Wir schreckten auf. Die Blicke richteten sich spontan auf das Paar auf der
Couch, und wir fingen einen fast hasserfüllten Blick, auf den Nebenpartner gerichtet, auf.
Betretene Stille! Das hatten wir bei allen Vorbesuchen noch nie erlebt. Was war geschehen?
Offensichtlich war beim Essen einer der beiden dem anderen auf der Couch zu nahe gekommen,
hatte diesen (nur?) berührt oder (gar!) beengt?
Nach einer endlos erscheinenden Pause ob des Ungewohnten, Peinlichen gingen Essen und
Gespräch weiter. Aber etwas war nun anders. Da der Abend inzwischen schon fortgeschritten war,
kam man, erkennbar gewollt, langsam zum Ende. Aufstehen, die beim Essen abgelegten Jacken
anziehen, Verabschiedung in bekannter Herzlichkeit, Aufbruch.
Die Gäste gingen zum Auto, wie immer begleiteten wir sie, die Partnerin (sie hatte vorsorglich kein
Alkohol getrunken) setzte sich ans Lenkrad, ließ schon den Motor an.Der eine der Freunde wollte
uns noch etwas sagen, fühlte sich aber durch den schon laufenden Motor doch gemahnt und stieg
ein. Er war grade erst im Auto, hatte die Tür noch nicht ganz geschlossen, da fuhr der Wagen
schon an. War das Klima einfach nicht mehr auszuhalten, war alle Reserve an das SichZurückhalten endgültig verbraucht, ein weiterer Aufschub, weiteres Zurückhalten unmöglich? Wir
winken unseren Freunden nach.

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Literatur, Buchtipps

Book Club – Das Beste
kommt noch
von Rudolf Winterfeldt
Frau Anika Müller vom Entertainment Kombinat
informierte mich, das EuroVideo Medien GmbH den
Film „Book Club – Das Beste kommt noch“ (USA
2018) als DVD und Blu-ray herausgibt und diese ab
Bild: EuroVideo Medien GmbH
dem 31.01.2019 erhältlich sind.
Der Film wurde bereits in den Kinos gezeigt und
begeisterte über 350.000 Zuschauer. Das
Frühstücksfernsehen von SAT.1 beurteilte den Film als „Beste Komödie des Jahres“.
Inhaltlich geht es um vier Damen, die über die 60 sind und sich schon seit vielen Jahren kennen
und durch Dick und Dünn gegangen sind. Sie sind beste Freundinnen und besuchen regelmäßig
einen Buchclub. Dort reden sie über allerlei Themen, außer über Männer und trinken dabei
genüsslich ihren Wein.
Das ändert sich aber in dem Moment, als eine der Frauen den anderen ein Buch vorstellt und zum
Lesen animiert.
Dabei handelt es sich um das Buch: „Fifty Shades of Grey“ von E. L. James.
Von diesem Zeitpunkt an besinnen sich die Frauen wieder auf ein Liebesleben und haben diverse
Erlebnisse mit Männern.
Wer ein wenig Erotik liebt, wird mit diesem Film gut bedient. Zumal bekannte und berühmte
Schauspielerinnen wie Diane Keaton, Jane Fonda, Mary Steenburgen und Candice Bergen in den
Hauptrollen zu sehen sind.

Impressum
BEZIRKSAMT MARZAHN- HELLERSDORF VON BERLIN
RIESAER STRAßE 94
12627 BERLIN
REDAKTION SPÄTLESE
Telefon: (030) 90293-4371
Telefax: (030) 90293-4355
E-Mail: jueko.berlin@gmx.de
Internet: www.magazin-spätlese.net

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