Path:
Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2018,11/12

Ausgabe November - Dezember 2018

Spätlese
Das Magazin für aufgeweckte Senioren und Seniorinnen
66. Ausgabe der Spätlese

Die neue Ausgabe des Senioren
Magazins „Spätlese” ist online unter:
www.magazin-spätlese.net verfügbar.
Die Leserinnen und Leser können sich
auf interessante und lesenswerte
Themen freuen.

Ursula A. Kolbe berichtet über das
Dichterland Brandenburg, über
Humor und Karpfen blau, über den
Kellerwald, Suppen und Winterfreuden. Waltraud Käß beschäftigt
sich mit einem Brunnen, mit dem
IGA-Gelände, Weihnachten und
berichtet über den Heimatverein
Marzahn-Hellersdorf.
Rudolf Winterfeldt berichtet über
eine Familienfeier, erinnert sich an
seine Jugendzeit und war einmal
sehr neugierig.
Verschiedene Autoren berichten
über die Weihnachtszeit, den 1.
Weltkrieg, von den Torajas und eine
Busreise.

Die ehrenamtlichen Autoren haben sich
auch in dieser Ausgabe bemüht, für
jeden Geschmack etwas anzubieten.

Bild: Rays E. Tannthe

Gleichzeitig möchten wir allen Leserinnen und Lesern
ein Frohes Weihnachtsfest und
einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen.
Für Ihre Treue bedanken sich die Redaktion und alle Autoren recht

Inhaltsverzeichnis

Ein Jahr später… .........................................................................3
Am Brunnen vor dem Tore… ...................................................... 4
Tag der Regional- und Heimatgeschichte ................................. 5
Der 22. Alt Kaulsdorfer Weihnachtsmarkt .................................7
Karpfen blau - immer wieder ein (Ess)Vergnügen ................... 8
Vor 100 Jahren: Ende des Ersten Weltkriegs ............................9
Fröhliche Weihnacht` überall …............................................... 10
Humor ist die demokratischste aller Gewohnheiten ................ 13
Suppen – Von der Sage bis zur Gegenwart ...............................15
Von Bali nach Bangkok (Teil 3: Torajas) ..................................17
Kellerwald… wo eine jahrhundertealte Tradition lebt ............18
Winterfreuden in märkischen Gefilden ....................................21
Warum ich im Reisebus lieber hinten sitze ..............................22
Feuerzangenbowle ....................................................................24
Peinliche Verwechslung ............................................................25
Die Neugierde ...........................................................................26
Weihnachtszeit ist Friedenszeit ................................................27
November..................................................................................28
Für Sie gelesen: „Der Rentner-Lehrling“ .................................28
Dichterland Brandenburg ......................................................... 29

www.magazin-spätlese.net

! von !30
2

Aus dem Bezirk

Ein Jahr später…
von Waltraud Käß
Die internationale Gartenausstellung im Bezirk
Marzahn-Hellersdorf in Berlin ist vorbei. Hoch lebe
die iga! Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn so
wunderschön wie diese Ausstellung die Besucher
über ein halbes Jahr lang erfreute, wird sich das
übrig gebliebene Geländer der Gärten der Welt
nicht mehr zeigen.
Als Volunteerin war ich während der gesamten
Ausstellung im Jahre 2017 nahe an den Besuchern.
Bild: Waltraud Käß
Wir Volunteers haben den Gästen nicht nur das
Gelände vorgestellt und auf die Highlights
aufmerksam gemacht. Wir haben auch den Bezirk ins
rechte Licht gerückt, der auch durch diese iga sehr an Ansehen gewonnen hat. Eine Jahreskarte
war daher Pflicht für dieses Jahr und meine Erwartungen unterlagen wohl noch dem Eindruck
dieser Fülle an Farben und Blumen im Außenbereich und in der Blumenhalle. Dass es so nicht
mehr sein wird, lag auf der Hand. Finanzielle Mittel und Personalbestand mussten wieder auf ein
Normalmaß zurückgeführt werden. Und mit dem Blick des vergangenen Jahres sah man diesen
Unterschied schon an den vielen fehlenden Blumenrabatten, die zu allen Jahreszeiten andere
Schönheiten zeigten.
Da denke ich an die herrliche Vergissmeinnicht-Rabatte auf der linken Seite am Aufgang zum
Wolkenhain. Das ist jetzt eine Rasenfläche. Auf der rechten Seite befindet sich ungepflegtes
Gestrüpp. Von den Blumenrabatten am Seilbahnstützpunkt Blumberger Damm ganz zu
schweigen. Auch hier alles nur Wiese, was einen langweiligen Eindruck hinterlässt. Das muss man
vielleicht alles hinnehmen in der Hoffnung, dass es möglicherweise im Jahre 2019
Verbesserungen in der finanziellen Situation und somit auch im Gesamteindruck der Anlagen gibt.
Hervorheben kann man unbedingt die Bewässerung. Das Gros der Wiesen war grün und nicht so
verbrannt wie der Rest in der Stadt in diesem Sommer..
Nicht hinnehmen sollten die Besucher aber die auffälligen Probleme. Da ich sehr oft auf dem
Gelände bin, habe ich insgesamt vier Mal erleben müssen, dass der Fahrstuhl auf dem Wolkenhain
außer Betrieb war. Drei Mal passierte es an einem Sonntag. Beim dritten Mal fragte ich die
Bedienung im Restaurant, ob sie Näheres wüssten und wer denn den Fahrstuhl in und außer
Betrieb nähme. Die Antwort, dass diese Mitarbeiter zuständig sind, verblüffte mich.
Doch sie hatte den Schlüssel in der Hand, den sie nach einem kurzen Gespräch mit einer Kollegin
wieder weglegte und erklärte, dass der Fahrstuhl eine Betriebsstörung habe. Lag die
Betriebsstörung daran, dass immer am Sonntag Brunch in diesem Cafe ist? Verständlich, dass die
Gäste nicht beim Essen gestört werden wollen. Doch das Büffet kann man auch an anderer Stelle
aufbauen. Der Zugang zum Fahrstuhl muss gesichert sein.
Das vierte Mal erlebte ich mit privaten Besuchern an einem Wochentag. Wir hatten die
Themengärten durchquert und wollten noch die Wassergärten erleben, bevor wir mit der Seilbahn
auf den Berg fuhren. Doch wie groß war mein Entsetzen, als in jedem der drei Wasservulkane eine
Mitteilung verkündete, dass es eine Betriebsstörung gäbe. Zwei Wochen vorher hatte ich das
gleiche schon einmal erlebt. Aber es gab ja noch die Wasserfälle und die Nebelwände. Von weitem
war kein Wasserplätschern zu hören. Der Eindruck sollte sich bestätigen. Weder Wasserfälle noch

www.magazin-spätlese.net

! von !30
3

Nebelwände funktionierten. Ehrlich gesagt war ich meinen Besuchern gegenüber peinlich berührt.
Ich hatte ihnen von dieser Attraktion zu viel vorgeschwärmt.
Nun also in die Seilbahn und hoch zum Wolkenhain. Ich schwärmte von der tollen Aussicht und
freute mich schon auf die Ah`s und Oh`s meiner Besucher. Ein Schild am Eingang des Cafes
verkündete: Der Fahrstuhl ist außer Betrieb. Es war nicht zu fassen – wir hatten doch gar keinen
Sonntag, sondern kamen mitten in der Woche.
Meine Frage an die Bedienung brachte die Antwort, dass der Fahrstuhl schon seit drei Tagen
defekt sei. Dass es solche Ausfälle während der iga gab – daran kann ich mich beim besten Willen
nicht erinnern. Enttäuschte Gesichter gab es nicht nur bei uns. Junge Paare mit Kinderwagen,
Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollatoren mussten unverrichteter Dinge wieder nach unten
traben.
Mit der Seilbahn wieder nach unten Richtung Blumberger Damm, denn nun wollten wir uns mit
einem Kaffee oder Tee im Cottage des Englischen Gartens nach diesem anstrengenden Tag
belohnen und danach noch den Orientalischen Garten aufsuchen. Noch immer gibt es von der
Seilbahn aus keinen direkten Zugang zurück in die Gärten. Nein, der Besucher muss auf den
Blumberger Damm raus und dann über den Haupteingang wieder rein. Auch das haben wir
gemeistert. Aber so ein direkter Zugang war doch versprochen?
In der Regel ist der Außenbereich des Cottage am Nachmittag gut besucht – doch von weitem
waren keine Gäste zu sehen. Das Haus machte so einen verschlossenen Eindruck. Das bestätigte
sich beim Näherkommen. Da war es 15.30 Uhr. Doch ein Ruhetag war auch nicht angezeigt.
Solche Erlebnisse, zumal wenn sie fremden Besuchern passieren, beschädigen das Ansehen der
Gärten der Welt und damit auch das des Bezirks. Eine Mail an die grün GmbH Berlin blieb leider
ohne Antwort. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht habe ich beim nächsten Besuch nur
positive Erlebnisse.

Aus dem Bezirk

Am Brunnen vor dem Tore…
von Waltraud Käß
…steht nicht immer ein Lindenbaum. Aber er würde an dem zu beschreibenden Ort, wie in dem
alten Volkslied, gut hinpassen. Es ist nicht die Dorfmitte, wo jetzt der auf dem Foto gezeigte
Brunnen steht, aber es ist ein belebter Ort, der täglich von vielen Menschen frequentiert wird.
Hier an diesem Platz vor dem Einkaufszentrum Eastgate am S-Bahnhof Marzahn entstand vor
mehreren Wochen eine geheimnisvolle Baugrube. Dann erhielt diese eine Umfriedung durch
einen rot-weißen Bauzaun und das Ganze dauerte eine Weile. Nirgendwo ein Hinweis, was es mit
diesen Bauarbeiten auf sich hat. Der Berliner ist Überraschungen gewöhnt und so hat es ihn
wahrscheinlich auch nicht sonderlich interessiert. Er würde es irgendwann erfahren.
Nach einigen Wochen Bauzeit steht nun seit Ende September an diesem Platz einsam eine blaue
Säule, vermutlich aus Porzellan oder Keramik. Klingt jedenfalls so, wenn man an ihr klopft. Ich
sah sie von weitem und wunderte mich über den nassen Fleck, der sie umrahmte. Es ist ein
Trinkbrunnen. Ein dünner Wasserstrahl steigt aus einer Kugel leicht nach oben und plätschert
dann in einen Ablauf. Darüber soll man wohl den Mund halten und trinken? Ist ein bisschen eng.
Oder das Wasser in die hohle Hand laufen lassen und dann trinken? Ist ein wenig unhygienisch.
An der Rückwand hängt ein Schild, was evtl. Besucher darauf hinweisen sollte, dass man das
Wasser noch nicht trinken solle, denn der Brunnen würde noch geprüft. Es hängt schon mehrere
Tage.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
4

Dieser Hinweis erübrigte sich eigentlich, denn ich war der
Bild: Waltraud Käß
einzige Mensch, der diesen Trinkbrunnen in der nächsten
halben Stunde umrundete, beäugte, beklopfte und
versuchte, sich eine Meinung zu bilden. Die Besucher des
Eastgate strömten rein und strömten raus, nur flüchtige
Blicke streiften den Brunnen im Vorübergehen, niemand
trat näher, um dieses Bauwerk, welches plötzlich aus dem
Nichts aufgetaucht war, näher zu beäugen.
Ich hatte ein ungutes Gefühl. Irgendwas fehlte hier, was
die Blicke auf sich ziehen würde. Ein Brunnenbecken
vielleicht., dann stünde da ein Ensemble. Oder vielleicht
etwas Grünes – eine Umrahmung, auch das würde neugierig machen. Oder eine Hinweistafel?
Nein. Die würde das Ganze noch langweiliger aussehen lassen.
Es ist eine gute Idee, solche Trinkbrunnen in der Stadt und an belebten Plätzen aufzustellen –
aber in diesem Falle finde ich die Ausführung nicht gut gelungen. Doch Nachbesserungen sind ja
immer noch möglich. Dennoch wünsche ich diesem Brunnen die Beachtung, die er verdient. Hat
ja sicher den Bezirk auch richtig Geld gekostet.
Damit meine ich die Gutmütigen, die Durstigen und nicht die, die gerne ihren Frust in wildem
Vandalismus an Bauwerken, Kunstwerken und dergleichen unschuldigen Gegenständen
auslassen. Der Brunnen, so wie er da steht, ist gefährdet und man sollte ihn gut im Auge behalten.

Aus dem Bezirk

Tag der Regional- und Heimatgeschichte
Marzahn-Hellersdorf 2018 – Wirtschaftsgeschichte von Marzahn-Hellersdorf
von Waltraud Käß
Diesen Tag könnte man getrost unter das Motto
„Schöne Wirtschaft?! – Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung des
Bezirks“ stellen. Es passte zu diesem wunderschönen
Oktobertag und dem Tagungsort Schloss Biesdorf.
Wer das kleine Schloss aus der Vergangenheit kennt,
kann nur staunen, welches Kleinod durch intensive
Bemühungen vieler Akteure während einer längeren
und umfangreichen Sanierungsphase hier
Bild: Waltraud Käß
entstanden ist.
Heute ist es eine kommunale Galerie für wechselnde
Ausstellungen und Veranstaltungen. Im historischen
Rückblick erfahren wir, dass Schloss Biesdorf in den Jahren 1868/1869 als Turmvilla erbaut
wurde und nach mehreren Eigentümerwechseln im Jahre 1887 in den Besitz der Familie Siemens
überging – die eng verbunden ist mit der industriellen Entwicklung Berlins.
Welche Bedeutung das gewählte Thema über den Heimatverein hinaus genießt, war an der
Teilnahme zweier hochrangiger Politikerinnen zu erkennen. Beide, die Vizepräsidentin des
Bundestages Petra Pau und die Bürgermeisterin des Bezirks Dagmar Pohle, sprachen ein
Grußwort. Die Bürgermeisterin erwähnte in diesem Zusammenhang die Festveranstaltung des

www.magazin-spätlese.net

! von !30
5

Bezirks am 5. Januar 2019, denn Marzahn feiert im Jahre 2019 den 40. Geburtstag. Da gibt es von
vielen Höhepunkten und auch Niederlagen zu berichten.
Nach der Themenstellung des Hauptreferates, welches von Prof. Jörg Roesler gehalten wurde, und
mehreren nachfolgenden Vorträgen war also ein umfangreiches Programm mit vielen Details zur
Wirtschaftsgeschichte des Bezirks nach 1990 zu erwarten. Und diese Erwartung der Zuhörer, der
Saal war gut gefüllt, wurde befriedigt und übertroffen, wie der Beifall für jeden Vortragenden
zeigte. Intensiv wurde auch die Möglichkeit genutzt, in die Diskussion zum Thema zu kommen
und nachzufragen. Der Moderator stellte dafür ein großzügiges Zeitfenster zur Verfügung.
Eine Tages-Konferenz in einem solchen Beitrag zusammen zu fassen, ist nicht einfach und lässt
nur die Erwähnung einiger Schwerpunkte und Details zu. Aber wie immer in der Tradition des
Heimatvereins wird es auch zu diesem Tag der Regional- und Heimatgeschichte eine Broschüre
mit allen Vorträgen geben, die über den Heimatverein bezogen werden kann.
Wer die Gegenwart und zukünftige Entwicklung des Wirtschaftsstandortes beschreiben will, kann
die Vergangenheit nicht ausblenden, denn der Bezirk bestand doch schon vor dem Jahre 1990 und
hatte eine Menge in das „neue Deutschland“ einzubringen. Prof. Jörg Roesler erläuterte am
Beispiel des Standortes Berlin, dass allein 20 volkseigene Kombinate ihren Sitz in Berlin hatten.
Die Idee des Runden Tisches, im Jahre 1990, das Volksvermögen durch die Einrichtung einer
treuhänderischen Verwaltung zu retten, ging nach hinten los, wie alle wissen. So standen im Jahre
1991 in Berlin 903 Unternehmen zur Privatisierung an. Was blieb von den Arbeitsplätzen übrig?
Allein das Kombinat NARVA hatte 1990 über 5 000 Beschäftigte. Doch in den Großbetrieben der
Stadt, wie wahrscheinlich auch auf dem gesamten Gebiet der DDR, wurden 75 – 80% aller
Arbeitsplätze vernichtet. Nach Einschätzung von Prof. Roesler wurde die Stadt damit ihres
traditionellen, industriellen Charakters beraubt. Von diesem Raubbau hat sie sich bis heute nicht
erholt. Das betraf auch den Industriestandort Marzahn, denken wir nur an die
Werkzeugmaschinenfabrik/Knorr-Bremse am S-Bahnhof Marzahn, welche wahrscheinlich das
markanteste Beispiel darstellt.
Nach der Vernichtung der Produktion und all dieser Arbeitsplätze muss sich doch keiner wundern,
dass die Angleichung der Lebensverhältnisse Ost/West nur schleppend voran geht. Keines der
großen DAX-Unternehmen hat seinen Sitz in den neuen Bundesländern. Die Ansiedlung
mittelständischer Unternehmen scheitert oft an der Finanzkraft möglicher Unternehmer, und die
bestehenden Unternehmen haben alle Hände voll zu tun, sich am Markt zu behaupten. Da ist
Kreativität und hoher persönlicher Einsatz gefragt. Das wurde besonders während des launigen
Vortrags von Thomas Koch. „dem Autohändler“ deutlich. Drei tüchtige Männer haben mit einem
großen Zelt und wenig Geld angefangen Autos zu verkaufen, und bieten heute einigen hundert
Menschen an mehreren Standorten einen Arbeitsplatz.
Prof. Dr. Niemann blickte zurück auf die gesundheitliche Versorgung der Menschen in Marzahn
und Hellersdorf. Er sah es als Vorzug der Wohnungspolitik der DDR an, dass beim
Planungsansatz für die Errichtung der neuen Wohngebiete immer auch die Infrastruktur
mitgedacht wurde. Das betraf nicht nur Schulen, Kinderkrippen, die Waren des täglichen Bedarfs,
Spielplätze und Turnhallen, sondern auch die gesundheitliche Versorgung. Er verwies auf die
Krankenhäuser, die Polikliniken, des Bezirks, in denen es eine umfassende medizinische
Versorgung der Patienten gab – und die zunächst in der Vorstellung der privatwirtschaftlichen
Verhältnisse der Bundesrepublik keinen Bestand mehr hatten. Die angestellten Ärzte mussten
sich in die Selbständigkeit begeben und das bedeutete zunächst eine große Schuldenlast für viele
von ihnen. Doch der Gedanke, die medizinische Versorgung in Polikliniken zu bündeln, ist
anscheinend nicht tot zu kriegen. Er wird zunehmend in Form der entstehenden Ärztehäuser und
Gesundheitszentren, so nennt man sie heute, wieder neu belebt. Mit dem Unfallkrankenhaus, der

www.magazin-spätlese.net

! von !30
6

Augenklinik und anderen medizinischen Zentren ist der Bezirk inzwischen wieder gut aufgestellt.
Prof. Niemann meinte, dass die Wirtschaft des Bezirks zwar „noch nicht brummt, aber schon viel
lauter summt als noch vor zehn Jahren“. Zur weiteren Verbesserung werden auch viele angedachte
und geplante Vorhaben des Wirtschaftskreises und der Wirtschaftsförderung des Bezirks
beitragen.
Emotional wurde es noch einmal, als die ehemalige Generaldirektorin von Berlin-Kosmetik, Dr.
Christa Bertag, über den Versuch der Firmenrettung von damals, ab dem Jahre 1990, sprach. Kurz
vorher, im Jahre 1988, wurde der Grundstein für den Stammbetrieb Berlin-Kosmetik in der
Bitterfelder/Wolfener Straße gelegt. Dort sollte das modernste Werk Europas gebaut werden. Als
die Inbetriebnahme im Jahre 1991 erfolgte, gab es die DDR nicht mehr. Das Werk war kein VEB
mehr, sondern es war bereits ein Betrieb der Treuhand, die die noch notwendigen
Investitionsgelder während der Bauphase ab 1990 genehmigen musste. Was für ein Wahnsinn.
Dieses Werk nahm noch den Produktionsbetrieb auf. Doch die Zeichen der Zeit standen auf
Sturm. Um den 8500 Mitarbeitern des gesamten Kombinats auf dem Gebiet der DDR die
Arbeitsplätze zu retten, wurden die einzelnen Betriebsteile in GmbH`s umgewandelt, was letztlich
aber auch nur als Zwischenlösung gesehen werden kann. Denn alle Märkte im Inland waren
weggebrochen, das neue Bundesgebiet wurde von bekannten westdeutschen Kosmetik- und
anderen Artikeln überschwemmt, die vordem auch von Berlin-Kosmetik hergestellt und in die
BRD exportiert wurden. Mit der Währungsunion und der Einführung der D-Mark konnte man
auch mit den osteuropäischen Ländern keine Geschäfte mehr machen, denn im RGW wurde auf
der Basis der Rubel-Verrechnung der Export/Import finanziert. Letztlich kam es doch zur
Liquidation.
Deutlich wurde in allen Vorträgen, dass die Grundlüge der Wiedervereinigung, wie das Prof.
Roesler nannte – man habe nur Schulden und marode Produktionsstandorte der DDR
übernommen- so nicht stimmt. Westliche Politiker werden von dieser Begründung im Zuge der
Vernichtung von Arbeitsplätzen aber auch nicht abrücken, denn sonst müssten sie eigene Fehler
und Schuld eingestehen. Und das wird, wenn überhaupt, nur auf Nebenschauplätzen passieren.
Auch das ein Teil der Delegitimierung der DDR.
Fazit der Veranstaltung: Wir haben in den Vereinigungsprozess viel an Substanz, Kapital und
Erfahrung eingebracht. Und wir werden uns immer gegen Verunglimpfungen jeder Art wehren.
Der Schockzustand ist überwunden – die Wirtschaft im Bezirk „brummt zwar noch nicht, aber sie
summt schon sehr viel lauter“.
Wirtschaftsfunktionäre, die in der DDR Verantwortung getragen haben, waren bisher publizistisch
wenig tätig. Nun aber gibt es eine Publikation des Rohnstock-Verlages „Jetzt reden wir“ und „Jetzt
reden wir weiter“, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Ehemalige Direktoren der
DDR-Kombinate haben in umfangreichen Beiträgen über ihre Arbeit und ihre Betriebe berichtet
und damit der Wahrheit eine Plattform gegeben.

Aus dem Bezirk

Der 22. Alt Kaulsdorfer Weihnachtsmarkt
von Claas Reise
Der Heimatverein hat mit Beschluss des Vorstandes die Trägerschaft für den Alt Kaulsdorfer
Weihnachtsmarkt übernommen.

www.magazin-spätlese.net

7! von !30

Damit ist die Weiterführung des jährlichen Weihnachtsmarktes gesichert. Der Alt Kaulsdorfer
Weihnachtsmarkt findet seit über 20 Jahren mit stetig steigenden Besucherzahlen am 2. Samstag
im Dezember statt. Der 22. Alt Kaulsdorfer Weihnachtsmarkt wird von der zuständigen
Arbeitsgruppe am 8. Dezember 2018 in der Zeit von 13.00 – 19.00 Uhr wiederum auf dem
Gelände der Schilkin GmbH & Co.KG sowie im Dorfkern veranstaltet.

Politik, Wirtschaft, Soziales

Karpfen blau - immer wieder ein
(Ess)Vergnügen
von Ursula A. Kolbe

sabine schmidt/pixelio.de

Weihnachten und Silvester gehören zu den schönsten
Jahreszeiten im Jahr. Und zu den Mahlzeiten kommt
an diesen Tagen in vielen Familien auch ein spezielles
Fischgericht auf den Tisch: Karpfen blau.
Dieser Fisch ist grätenreich und auch nicht ganz billig.
Aber sehr schmackhaft, und es werden hierzulande
jährlich 5.400 Tonnen verspeist, immerhin sechs
Prozent des gesamten Fischkonsums. Insgesamt
werden in den 4.800 deutschen Fischbetrieben 11.000
Teichfische, darunter Forellen, Saiblinge und Zander,
produziert. Die Geschichte des Karpfens reicht weit zurück. Er gilt als die artenreichste
Fischfamilie, insgesamt 1.600 Arten. Allein 74 davon gibt es in Europa. Ursprünglich lebte der
Wildkarpfen in den Zuflüssen des Kaspischen und Schwarzen Meeres, wurde schon von den alten
Römern als Speisefisch geschätzt – und gezüchtet.
Später, im Mittelalter, kam der Karpfen auch in unsere Breiten. Überliefert ist, dass es Mönche
und Nonnen waren, die nach Wegen suchten, ihre christlichen Speisegebote einzuhalten. Diese
verboten nämlich an 150 Tagen im Jahr den Fleischverzehr. Also wurden in Teiche, die vor allem
der Wasserrückhaltung dienten, um Mühlen anzutreiben, Süßwasserfische ausgesetzt.
Karpfen sind ja anspruchslos. Sie gedeihen auch in flachen Gewässern mit wenig Sauerstoff. So
hatten die Klöster eine reichhaltige Alternative zum Fleisch. Einige Klöster und Adlige besaßen
weitläufige Teichwirtschaften, von denen viele bis heute erhalten sind. Das größte
Karpfenzuchtgebiet ist noch immer die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft auf 30.000
Hektar mit 335 Teichen; das größte übrigens in Europa.
Da fallen einem gleich der Peitzer Karpfen und das Teichgut Peitz ein. Der bis zu drei kg schwere,
fettarme Fisch ist besonders bei Brandenburger und Berliner Kunden beliebt. Schon die Auswahl
seinerzeit als königlich-preußischer Hoflieferant war Ausdruck und Anerkennung der hohen
Fischerei-Kunst der Vorväter. Ab 1959 entstand in Peitz einer der größten Karpfenzuchtbetriebe
der DDR. Auf 4.000 ha Teichfläche wurden bis zu 3.500 Tonnen je Hektar produziert.
Heute betreibt die Teichgut GmbH auf 1.000 ha die Aufzucht der Peitzer Karpfen, aber auch von
Nebenfischen wie Hecht, Wels, Zander und Barsch. Die Zuchtform Peitzer Karpfen haben in ihren
Teichen einen festen Untergrund und sind deshalb nicht schlammig. Zudem werden die Teiche
direkt mit frischem, nährstoffreichem Spreewasser bespannt. Dadurch zeichnet sich der Fisch
durch festes schmackhaftes Fleisch aus, das nicht modrig schmeckt. Desweiteren werden

www.magazin-spätlese.net

! von !30
8

Satzfische produziert, wobei Schwankungen in der Karpfenproduktion in den
Warmwasseranlagen des Kraftwerkes Jänschwalde ausgeglichen werden. Im Herbst ist immer
Abfischzeit. Während der Karpfenernte, vom 21. September bis zum 15. November, lädt die
Fischer- und Festungsstadt Peitz zu den Peitzer Karpfenwochen ein. Dann kann man in
Restaurants köstliche Karpfen- und andere Fischgerichte genießen, sich von der Vielfalt der
Zubereitungsmöglichkeiten überraschen lassen und viel Wissenswertes und Interessantes über die
Teichwirtschaft und die Fischzucht erfahren.
Neben Teichführungen und Ornithologischen Führungen gehören auch Vorträge und Filmabende
zum Programm. Die Peitzer Karpfentour lädt zum Radeln durch die idyllische Teichlandschaft ein.
Höhepunkt der Peitzer Karpfenwochen ist immer der Ende Oktober stattfindende „Große
Fischzug“, das Abfischen des Hälterteiches. Hier kann man den Fischern bei ihrer Arbeit über die
Schultern sehen, den leckeren Fisch genießen und sich gut unterhalten lassen. Ganzjährig ist der
Genuss von fangfrischem Fisch in der Fischerklause am Hüttenteich nach Anmeldung möglich.
In diesem Zusammenhang: Jeder 20. Karpfen, der in Deutschland verzehrt wird, kommt aus Peitz.
Jährlich werden hier über 500 t Karpfen gezüchtet und gefischt, die etwa eine Million köstliche
Karpfenportionen ergeben. Die Karpfen enthalten auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe, gesunde
Fettsäuren und Proteine.
Interessant vielleicht auch noch der Fakt, dass 17 deutsche Städte in ihrem Stadtwappen einen
Karpfen haben. Denn der Fisch soll Glück bringen. Und die Juwelen der Karpfenteiche sind die
farbenträchtigen Koi-Karpfen, die seit 1870 von japanischen Adligen als Statussymbole in Teichen
gehalten wurden. Ein solches Prachttier kann heute bis zu 500.000 Euro kosten.

Politik, Wirtschaft, Soziales

Vor 100 Jahren: Ende des Ersten Weltkriegs
von Tristan Micke
In einem Eisenbahnwagen in einem Wald in der
Nähe von Paris unterzeichnete am 11. November
1918 der Reichstagsabgeordnete Matthias
Erzberger die Waffenstillstandsbedingungen, die
der französische General und Oberbefehlshaber
der Alliierten, Ferdinand Foch, vorgelegt hatte.
Dieser Waffenstillstand beendete den über vier
Jahre andauernden Ersten Weltkrieg und kommt
einer bedingungslosen Kapitulation des
Deutschen Reichs gleich. Diesem
Waffenstillstand folgte 1919 der Versailler
Friedensvertrag.

Foto: Wikipedia / gemeinfrei

Hier ist die Bilanz des vierjährigen sinnlosen Mordens:
In den direkten Kampfhandlungen starben insgesamt 8,5 Millionen Soldaten, mehr als 21
Millionen wurden verwundet. In den Kriegsgefangenenlagern waren fast 65 Millionen Soldaten
interniert. Hinzu kamen die Opfer, die durch indirekte Auswirkungen, Hungerblockaden,
Krankheiten und Angriffe auf die Zivilbevölkerung ums Leben kamen. Die größten Verluste hatte
das Deutsche Reich mit etwa 1,8 Millionen Gefallenen zu beklagen, gefolgt von Rußland mit 1,7
Millionen. Infolge der Hungerblockaden durch die britischen Seestreitkräfte starben im
Deutschen Reich etwa 763 000 Zivilisten an Unterernährung und deren Folgen. 2 600 Zivilisten

www.magazin-spätlese.net

! von !30
9

kamen durch Luftangriffe ums Leben.
Erstmals hatte ein Krieg auf höchstem technischem Niveau stattgefunden, der ganze Landstriche
in Mitteleuropa verwüstete und in dem neuentwickelte Waffen eine entscheidende Rolle spielten.
Bei ihrem Einsatz ging es darum, die Truppen des Gegners ausbluten zu lassen. Besonders
bestialisch waren die neuentwickelten Giftgase, gegen die es kaum Schutzmaßnahmen gab.
Sinnbild der todbringenden Technik wurden die erstmals eingesetzten Panzer. Die Entwicklung
von Bombenflugzeugen ermöglichte die Ausweitung der Kampfhandlungen auf die Bevölkerungen
der Kriegsgegner.
Als Anfang August 1914 deutsche Soldaten in den Krieg zogen, waren die meisten von ihnen
überzeugt, nach erfolgtem Sieg Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Entsprechend gelöst war
die Stimmung auf den Bahnhöfen und in den Eisenbahnzügen, als sie an die Front fuhren. Es
herrschte eine Stimmung, als würde man in die Sommerfische fahren. Ende 1914, Anfang 1915
hatte sich Ernüchterung eingestellt, die Hoffnung auf ein schnelles und siegreiches Ende war
verflogen. Nach fünfmonatiger Kriegsdauer waren die Neujahrsappelle von Durchhalteparolen
geprägt. Man begann sich auf einen längeren Krieg einzustellen. Grund war das Scheitern der
Westoffensive. Die deutsche Führung hatte außerdem den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten an die
Ostfront verlegt. Auch hier war zu Beginn des Jahres 1915 der Bewegungskrieg in einen
Stellungskampf übergegangen.
An die Ostfront hatte es auch Alfons (geboren 1895 in Berlin), den jüngsten Bruder meiner
Großmutter verschlagen. Man erzählte in der Familie, dass er sich aus Liebeskummer freiwillig
zum Kriegsdienst gemeldet hatte. Ich bin im Besitz einer Feldpostkarte von ihm, die er am 30.
März 1915 in Königsberg geschrieben hatte. Es ist eine Fotografie, auf der 19 deutsche Soldaten
abgebildet sind, die sich für den Fotografen mit ihren Waffen in Position gebracht haben. Jung,
mit Pickelhaube und kleinem Schnurrbart, sehen sie sich alle ähnlich. Deshalb hat jemand aus der
Familie auf die Pickelhaube von Alfons ein kaum sichtbares Kreuz gemalt. Auf der Rückseite der
über hundert Jahre alten Karte steht ein mit Bleistift geschriebener Text, in dem Alfons der lieben
Schwester Ella und dem Schwager Fritz ein fröhliches Osterfest wünscht und herzlichst bis zu
einem frohen Wiedersehen grüßt. Zu diesem Wiedersehen ist es jedoch nicht mehr gekommen,
denn nachträglich ist folgende Zeitungsanzeige aufgeklebt worden: "Fern der Heimat starb am 24.
Mai den Heldentod fürs Vaterland unser lieber Bruder und Mitbegründer des Vereins Alfons
Wassermann im blühenden Alter von 23 Jahren. Dies zeigen wir zu seinem heutigen Geburtstag
an und werden sein Andenken stets in Ehren halten.
Die Mitglieder des Theater-Vereins Edelweiß 1912. I. A. Ella Micke, als Schwester, Fritz Micke, als
Schwager."
Alfons war knapp zwei Monate nach dem Schreiben der Karte in Russland gefallen.
Wie sinnlos war doch der Tod von Alfons und all der anderen Gefallenen des Ersten Weltkriegs.
Gelernt hat man nichts daraus; bald wurde in einen noch grausameren Krieg gezogen. Und heute
gibt es wieder besorgniserregend viele Kriegsherde auf der Welt.

Kultur, Kunst, Wissenschaft

Fröhliche Weihnacht` überall …
von Waltraud Käß
Dieser Wunsch wird uns spätestens nach dem Totensonntag vier Wochen lang in allen Variationen
begegnen. In den Supermärkten stapeln sich schon seit September Lebkuchen, Dominosteine,
Spekulatius in allen Geschmacksrichtungen, locken Marzipankartoffeln und gefüllte Pralinen. Aus
den Lautsprechern wird die immer gleiche Weihnachtsmusik dudeln. Das soll die weihnachtliche

www.magazin-spätlese.net

! von !30
10

Stimmung, aber vor allem die Kauflust anheizen.
Die Kaufhäuser preisen Geschenkartikel für Mann,
Frau und Kind in allen Preislagen an. Straßen und
Plätze sind weihnachtlich illuminiert und die
Weihnachtsmärkte bieten Kunst, aber vor allem
Krempel an, den keiner braucht und der trotzdem
gekauft wird. Alle psychologischen Möglichkeiten der
Einflussnahme werden ausgeschöpft, um die Menschen
zum Einkaufen zu animieren, was sie denn auch
reichlich tun. Die Tage vor dem Weihnachtsfest sind
damit für den Einzelhandel die größte Einnahmequelle
Bild: Waltraud Käß
des Jahres. Die Menschen hetzen bis zur letzten Minute
vor dem 24.12., um zwei Tage Weihnachten erschöpft
abzusichern.
Spendengalas werden gerade im Monat Dezember organisiert, um den armen Kindern in den
Entwicklungsländern zu helfen, aber vergessen sind die, die im Sommer im Mittelmeer ertrunken
sind. Und es wird gespendet, obwohl inzwischen wohl Jeder weiß, dass nur etwa die Hälfte der
Gelder bei den Bedürftigen ankommen. Für ausgewählte Obdachlose gibt es Gänsebraten im
Hotel. An anderer Stelle wird Feuer an ihre wenigen Habseligkeiten gelegt.
Die Internet-Händler und geplagte Postboten und Pakete-Austräger kommen mit der Beförderung
von Weihnachtspäckchen und Weihnachtskarten kaum noch hinterher. „Fröhliche Weihnachten
und ein gesundes Neues Jahr“, „Merry Christmas“ oder „Gute Wünsche zum Weihnachtsfest“
kann man auf den Karten lesen. Die Motive sind unterschiedlich – verschneite Häuschen in den
Bergen, ein Reh im Wald, Tannenzweige mit Kugeln, fröhliche Kinder auf Schlitten im Schnee
oder auch ein lustiger, rotbäckiger Weihnachtsmann, niedliche Engel oder ein Kirchlein auf einem
Berg, und auch der Stern von Bethlehem darf nicht fehlen – der Phantasie sind keine Grenzen
gesetzt.
Aber wenigstens dieser Stern erinnert noch an die Ursprünge dieses Festes. Wer sie sucht, muss
weit in die Geschichte der Menschheit, ihrer Sitten und Bräuche, ihrer Religionen zurückgehen.
Bei den Völkern vergangener Zeiten, den Römern, den Germanen, den Kelten, den Wikingern, den
Maja und anderen, spielte die Sonne im Laufe des Jahres eine große Rolle. Insbesondere im
Monat Dezember, wenn die Nächte kürzer, die Tage länger wurden, bedeutete das für die
Menschen das Auftauchen aus der Kälte und Finsternis des Winters. Licht und neues Leben
mussten gefeiert werden. Im vorderasiatischen Mithraskult wurde die Geburt des indischen
Lichtergottes gefeiert. Die alten Ägypter feierten nach dem Isiskult die Geburt des Horus. Bei den
Römern wurde an diesem Tag die Geburt des Gottes Saturn, des unbesiegbaren Sonnengottes,
gefeiert. Die Germanen feierten das Mittwinterfest oder die Wintersonnenwende, im
norddeutschen Raum entstand das Julfest.
Als der Julianische Kalender eingeführt wurde, lag der Zeitpunkt der Sonnenwende auf dem 25.
Dezember. In der Neuzeit ist daraus der 21.12./ 22.12. geworden. Erst zum Jahreswechsel
beschenkten sich die Menschen am 31.12., was auf einen altrömischen Brauch zurückgeht.
Bereits im Jahre 217 versuchte ein Papst, all diese kultischen Feste zu vereinen, indem er ganz
einfach die Geburt von Jesus Christus auf diesen Tag legte, der sich lt. Bibel, Johannes Kapitel
8,12, selbst als „das Licht der Welt“ bezeichnet haben soll. Endgültig gelang das aber erst im Jahre
354 nach Christus. Zum Dogma (Glaubenssatz) wurde dieses Ereignis vom 2. Konzil von
Konstantinopel im Jahre 381 unter Kaiser Theodosius erklärt. Das Geburtsdatum dieses
Menschen Jesus ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Außerdem erklärt die Bibel, dass Christen
keinen Geburtstag feiern sollen, Darüber ging man also großzügig hinweg. Die Feierlichkeiten
waren zu diesen Zeiten nicht unbedingt familiär oder liebevoll. Ihren Höhepunkt bzw. ihre
schlimmsten Momente erreichten sie im Mittelalter – „es war eine Zeit des auffälligen Konsums
und unbeschreiblicher Orgien“. Der Konsum blieb bis heute.
Im Laufe der Jahre unterlag dieses Fest im christlichen Raum einer steten Veränderung und der
Einführung feierlicher Höhepunkte. Im Mittelalter erfand man die Krippe mit Josef, Maria und
dem Kind und den heiligen drei Königen, darüber der Stern von Bethlehem, als Mittelpunkt des
Weihnachtsspiels. Die Idee des gegenseitigen Beschenkens wurde auf das Weihnachtsfest
umgelegt. Der Lichter- oder Weihnachtsbaum hielt erst im 19. Jahrhundert Einzug in die
Wohnstuben, vor allem die der gut betuchten Bürger.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
11

Vier Wochen vor dem eigentlichen Termin wird die erste Kerze auf einem Adventskranz
entzündet. Am 6. Dezember kommt der Nikolaus und beschenkt die Kinder. Und natürlich kommt
er auf einem Schlitten aus dem hohen Norden mit Rudolf, dem Rentier. Aber das wäre schon
wieder eine andere Geschichte. Das Küssen unter dem Mistelzweig wurde eingeführt und auch der
Julklapp, sehr beliebt dort, wo Menschen in Gruppen zusammenarbeiten. Unter Kaufleuten wurde
es üblich, dem Geschäftspartner in einem Billett zu wünschen, dass er dieses Fest fröhlich und
gesund begehen möge.
Es war wohl die Bequemlichkeit und eine tolle Geschäftsidee, die im Dezember des Jahres 1843,
also vor 175 Jahren, den Engländer Sir Henry Cole veranlasste, dem Illustrator John Callcott
Horsley den Auftrag zu erteilen, für ihn eine Grußkarte zum Weihnachtsfest zu entwerfen. Er hatte
keine Lust, seinen Geschäftsfreunden immer so ausführliche Grußbriefe schreiben zu müssen.
Also suchte er nach einer Möglichkeit, dem Gruß nur noch seinen Namen beizusteuern. Denn Cole
besaß eine eigene Litographieanstalt. Er bekam den Entwurf, das Motiv war einem Altarbild mit
Familie nachempfunden und die Textzeile lautete: „Merry Christmas and a Happy New Year to
You“. Cole druckte von diesem Entwurf 1000 handkolorierte Karten. Er verkaufte sie zu einem
damals horrenden Preis von 1 Shilling das Stück. Als im Jahre 1840 mit der ersten Briefmarke die
Penny Post in Großbritannien eingeführt wurde, wurde auch das Versenden von
Weihnachtskarten sehr populär.
Nicht nur nebenbei bemerkt – die Herstellung und der Druck der Karten, die später in die
Millionen gingen, brachte viele Menschen in Lohn und Brot. In Deutschland wurden
Weihnachtskarten in großen Mengen für den Export gedruckt. Sie setzten sich als Grußkarten aber
erst nach dem Ersten Weltkrieg durch.
Natürlich wurde auch diese Geschäftsidee weiter ausgebaut. In den USA war es der deutsche
Auswanderer Louis Prang, der in Boston im Jahre 1874 die ersten Weihnachtskarten druckte. Er
verbesserte die Qualität und Anzahl der Farben, führte andere Formate ein, suchte gefühlvolle
Texte aus. Sogar Wettbewerbe für die schönsten Entwürfe wurden organisiert. Im Jahre 1880
verkaufte er bereits 5 Millionen Karten. Die Weihnachtskarte trat ihren Siegeszug um die ganze
Welt an. In den großen Unternehmen der Gegenwart werden Weihnachtskarten – verbunden mit
einem Präsent- auch als Kundenbindung eingesetzt.
Die Royal Mail in Großbritannien vergibt jedes Jahr einen Preis für die schönste Weihnachtskarte.
Es ist ein Pokal und er trägt den Namen „Henry“ im Gedenken an den Erfinder der Karte. Von den
ersten Karten existieren heute noch ganz wenige Exemplare. Eine dieser Karten wurde im Jahre
2001 zu einem Rekordpreis von 22.500 Pfund = 28 700 € versteigert.
Stellt sich letztendlich die Frage:
Was ist eigentlich Weihnachten? Und welchen Veränderungen unterlag es?
Betrachtet man die gesamte geschichtliche Entwicklung, kann man zu folgenden Antworten
kommen:
Weihnachten ist eine Mischung von kultischen Festen mehrerer Völker und Zeitepochen.
Weihnachten ist ein durch Menschen willkürlich festgelegtes Datum des Christentums.
Weihnachten wurde durch das Christentum internationalisiert, also in alle Welt getragen.
Weihnachten ist eine Mischung alter und moderner Bräuche.
Weihnachten ist ein Fest des überbordenden Konsums.
Weihnachten ist ein Fest der Reisebüros.
Weihnachten ist wirklich eine tolle Geschäftsidee.
Übrigens: Der Begriff Weihnachten hat seinen Ursprung in der mittelhochdeutschen Wendung „ze
den wihen na ten“. Übersetzt ins Neuhochdeutsche bedeutet das so viel wie „Zu den heiligen
Nächten“.

www.magazin-spätlese.net

! von 30
12
!

Kultur, Kunst, Wissenschaft

Humor ist die demokratischste aller
Gewohnheiten
von Ursula A. Kolbe
An einem der schönsten Abschnitte des Donautales, am Ausgang der Wachau, einem UNESCOWeltkultur- und Weltnaturerbe, liegt Krems – eine Stadt, die zu jeder Jahreszeit einen Besuch
wert ist. Hier kann man eintauchen ins Land am Nibelungenstrom. Und mittendrin in der
kulturellen Vielfalt auch das Karikaturmuseum Krems. 2001 errichtet nach den Plänen des
Architekten und Karikaturisten Gustav Peichl/RONIMUS ist es einzigartig in seiner Art und gilt
als erstes und einziges Museum für Karikatur, Satire und kritische Graphik des Landes - als
originelle Bereicherung der österreichischen Kulturlandschaft. Als wir kürzlich wieder einmal die
Wachau besuchten, gehörte auch ein mehrtägiger Abstecher nach Krems und in das
Karikaturmuseum dazu. Sein Direktor Gottfried Gusenbauer fand die Zeit, uns in das Haus und
seine Ausstellungen einzuführen. Schon das Gebäude ist beeindruckend. Die architektonische
Gestaltung mit einer durchgehenden Glasfront im Erdgeschoss signalisiert Offenheit und
Transparenz. Hier sind wir in einem lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit Karikatur und
Satire. Und das sowohl für Zeichnerinnen und Zeichner als auch die ganze Publikumsbreite.
Das Karikaturmuseum versteht sich als europäisches Kompetenzzentrum für Zeichenkunst und
Bildliteratur und vernetzt sich mit internationalen Künstlern, Museen und Ausstellungshäusern.
Dabei erfahren wir vom „Schwesternmuseum“, nämlich das „Wilhelm Busch – Deutsches Museum
für Karikatur und Zeichenkunst“ in Hannover. Hier wird das Werk von Wilhelm Busch in seiner
Gesamtheit gehütet sowie die Karikatursammlung, welche die Geschichte dieser Kunstform von
1600 bis in die Gegenwart spiegelt.
Jährlich wechselnd: Immer wieder Deix…
Die Dauerpräsentation von Manfred Deix (1949 – 2016) zeigt hier im Haus – jährlich wechselnd –
Schätze aus den Landessammlungen Niederösterreich. In seinen Cartoons begegnen wir ätzendem
Spott, unzähligen Tabubrüchen und schrägen Figuren. Boshafter Witz, gepaart mit einer
hervorragenden Ausführung der Arbeiten ist das Markenzeichen des großen österreichischen
Satirikers. Und Deix einst selbst: „Wer wenn nicht Satiriker, soll die Dinge beim Namen nennen?“
Begleitet wird die Ausstellung mit einem aufwendig gestalteten Sammlungskatalog und dem Buch
„Dichterglück und Underground“. Hier werden erstmals alle Comics aus den 1970er Jahren,
entstanden für die Neue Freie Presse, gesammelt publiziert. Sie spiegeln unverkennbar Sprache
und Geist der Underground-Comics dieses Jahrzehnts. Die Gedichte und Faxnachrichten von Deix
sind als poetisch-subversive Ehrerbietungen an Wilhelm Busch zu verstehen, sie pflegen einen
besonderen Umgang mit Humor und Sprache.
Erich Sokol – Meister der Porträtkunst
Beeindruckend war die Highlightausstellung mit einer „Sokol-Auslese“, wo der Titel Name ist und
noch bis zum 25. November besucht werden kann. Hintergründiger Humor, vielseitige Interessen
und ein unbestechlicher Blick für das Wesentliche zeichnen die Werke von Erich Sokol (1933 –
2003) aus. Dank seiner akribischen Charakterstudien wirken seine Farbporträts echter als die
Fotos, die als Vorlage dienten. Die großflächigen Darstellungen von Persönlichkeiten aus Politik,
High Society und Kultur, national wie international, sind pointierte Bilderzählungen. Seine
Aquarell-Technik und die geografische aufwendig gestalteten Publikationen beeinflussten viele
Karikaturisten. Und Sokol selbst: „Sein G’sicht kann bald einer zeichnen – aber die Hauptarbeit
liegt vorher. Das Zeichnen selbst ist nur der Abschluss eines Arbeitsvorgangs“. Mit seiner
Königsdisziplin, eben der Porträt-Karikatur, gilt Sokol als Wegbereiter einer neuen
österreichischen Schule.
Unbedingt sehenswert sind Auftragsarbeiten, wie die „Genießerserie“ für das
Cateringunternehmen Do & Co., Arbeiten für das Gasthaus Plachutta und das Plakat für die

www.magazin-spätlese.net

! von !30
13

Wiener Festwochen (1986). Laienhaft gesagt,
einfach Klasse. Schon als junger angehender
Künstler hat ihn 1957 seine Ausbildung am
Institute of Design in Chicago geprägt. Dort traf er
Hugh Hefner, den Herausgeber des „Playboy“.
Daraus entstand eine langjährige
Zusammenarbeit. Seine persönlichen Eindrücke
vom American Way of Life hielt Sokol treffend in
satirischen Charakterstudien, den „American
Bild: Hans-Jürgen Kolbe
Natives“ fest. Nach seiner Rückkehr aus den USA
wurde er als editorial cartoonist von der ArbeiterZeitung/AZ engagiert, er galt auch bei
internationalen Medien als gefragter Zeichner. Auch das soll noch erwähnt werden: Der SOKOLPreis für digitale Karikatur, kritische Zeichenkunst und Satire wird vom Land Niederösterreich in
Zusammenarbeit mit der Erich Sokol Privatstiftung Mödling und dem Karikaturmuseum Krems
vergeben und soll international Zeichnerinnen und Zeichner in ihrer Karriere unterstützen. Das
Museum fungiert in Zusammenarbeit mit den Landessammlungen Niederösterreich als
Kompetenz- und Kommunikationszentrum, Netzwerkplattform, Drehscheibe und
Präsentationsort.
Ein humoristischer Blick über die Grenzen
Großes Vergnügen bereitete uns ebenso die Ausstellung „Ahoj Nachbar! Satire und Karikaturen
aus Tschechien“, kamen wir doch zuvor auf dem Weg in die Wachau geradewegs vom
tschechischen Nachbarn, wo bekanntlich Satire und Humor zu Hause sind. Diese Schau (noch bis
zum 20. Januar nächsten Jahres zu sehen) ist in Zusammenarbeit mit der Galerie der bildenden
Kunst Havlickuv entstanden und verweist auf die enge kulturelle Verbindung zwischen der
Region Vysocina und Niederösterreich. Zu keinem anderen Nachbarland Österreichs bestanden so
lange enge Beziehungen wie zu Böhmen und Mähren. In beiden Ländern lebte die tschechische
und deutschsprachige Bevölkerung nebeneinander. Es ist doch eine alte Weisheit: Gemeinsames
Lachen verbindet, und gute Nachbarschaft will durch Humor und wechselseitige Toleranz gepflegt
werden. Die Kuratorin Daniela Ruzickovà begründete ihre Auswahl der 47 Werke mit der Sicht der
Eigenartigkeit des tschechischen Humors aus der Vogelperspektive, Selbstreflexion und vor allem
Humor ohne Grenzen. Diese Künstler folgten in ihrer leicht philosophischen Art der tschechischhumoristischen Tradition des 20. Jahrhunderts. Wie der damalige tschechische Schriftsteller
Karel Capek sagte: „Humor ist die demokratischste aller menschlichen Gewohnheiten.“ Und auf
die Frage, wie man tschechischen Humor beschreibt, lassen wir am besten den Schriftsteller
Jaroslav Rudis antworten, der ganz einfach sagte: „Man lacht und zittert zugleich.“
Die Karikatur soll ja die Menschen möglichst direkt erreichen, Kommentare und Kritik, Ereignisse
und Meinungen deutlich gemacht und kritische Aussagen auf den Punkt gebracht werden. Dafür
stehen auch diese herausragenden Werke der sieben tschechischen Künstler(innen), mit dem Ziel,
einen öffentlichen Diskurs anzuregen. Ein zusätzlicher Anreiz für diese Ausstellung war, dass es
sich um wortlose Cartoons handelt – ein Verstehen ohne Sprachbarrieren.
Wie hatte Direktor Gusenbauer durchaus mit Stolz gesagt: „Wir haben eine schöne Wachau, den
Wein, aber auch die Kunst, die Karikatur. Das sind Erlebnisse, die auch den Urlaub bereichern.
Künstlerisch sind wir nur ein kleiner Außenbezirk von Wien.“ – Wie wahr, aber Krems liegt doch
nur runde 70 km westlich von Wien entfernt. Ein Besuch ist immer lohnenswert.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
14

Kultur, Kunst, Wissenschaft

Suppen – Von der Sage bis zur Gegenwart
von Ursula A. Kolbe
Suppen sind das ganze Jahr „in“ – ob am
heimatlichen Herd, im Lokal wie beim Sternekoch
im „Gourmet – Tempel“. Und die
Geschmacksvarianten, Rezepte und ihr Austauschen
sind so alt wie eine Suppe selbst. Im
Suppenmuseum, dem einzigen übrigens seiner Art
in Deutschland, wollte ich mehr über das Produkt
und was noch alles so dazu gehört erfahren. Also auf
nach Neudorf ins obere Erzgebirge, einem heutigen
Ortsteil der Gemeinde Sehmatal in der Nähe von
Bild: Hans-Jürgen Kolbe
Oberwiesenthal. Darauf angesprochen, würden die
Hiesigen sicher noch das Wort „Suppenländer“
hinzufügen. Und das rührt von einer alten Sage her,
erfuhren wir von Kerstin Jahn, der rührigen Vorsitzenden des Heimatvereins „Am Fichtelberg“
und Chefin des Suppenmuseums.
Dieser gemeinnützige Verein mit seinen mittlerweile 30 Mitgliedern will zur Förderung und Pflege
von Brauchtum, Tradition und Heimatverbundenheit sowie zur Erhaltung von Kulturwerten
seinen Beitrag leisten. So haben sie auch das Suppenmuseum aus der Wiege gehoben und
betreiben es mit großem Engagement aller Beteiligten, um es attraktiv für Alt und Jung zu halten.
Nach der Sage vom „Katzn Hans“ also ging es um 1532 um einen Einsiedler namens „Katzn Hans“.
Im Winter ging er nach Neudorf, um dort Nahrung zu erbetteln. Er hatte es nämlich satt, sich ewig
von Pilzen, Wurzeln und Beeren zu ernähren, und so dachte er sich, eine Scheibe Brot sei doch mal
was anderes. Aber die Dörfler waren selbst arm und Brot auch für sie schier unerschwinglich. Aber
sie wollten helfen - und boten ihm einen Teller Suppe an.
Die hat dem „Katzn Hans“ so gut geschmeckt, er aß sie auf, bedankte sich und zog weiter. Auch im
nächsten Haus gab es wieder eine Suppe, und das war überall so, wo er auch anklopfte. Es war
aber jedes Mal eine andere. Auf dem Rückweg zu seiner Behausung hatte er dann Mühe, sich den
Berg hoch zu schleppen. Am Waldrand angekommen, setzte er sich nieder und rief voller Wut ob
der vielen Süppchen: „Neudorf huh, huh, huh – is Suppndorf bis du!!!“
In seinem ganzen Leben soll der „Katzn Hans“ aber nur einmal in Neudorf gewesen sein, hatte er
doch die Mehl- und die Semmelsuppe , die Korn,- Nessel,- Pflaumen – oder Kräutersuppe satt.
Geblieben ist die Legende, und es werden heute immer noch Suppen in Neudorf gekocht - geliebt,
weitergetragen.
Es „suppt“ jetzt im ehemaligen Rathaus
Und was gibt es nun seit 1992 im Museum zu sehen, das seit 2013 in den Räumen des ehemaligen
Rathauses sein Domizil hat. Viel Wissenswertes haben die Neudorfer dort über Suppen und vor
allem Exponate zusammengetragen; Rezepte, Utensilien verschiedenster Art, eben Gegenstände
des alltäglichen Bedarfs, Bilder, Texte rund um die edle Löffelspeise. Das Motto heißt: „Von der
Sage bis zur Gegenwart“. Erstaunlich die Aussagekraft der zusammengetragenen vier Küchen im
Einrichtungsstil der Jahre 1910, 1939, 1969 und 1970. Sie widerspiegeln eindrucksvoll, wie zu
jenen Zeiten gelebt, gewohnt, gekocht und gearbeitet wurde. An manch einem Stück erkennen die
Besucher auch heute Vertrautes wieder, erinnern sich an Erzählungen ihrer Großeltern.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
15

Hier ist Kerstin Jahn, die Museumsleiterin und Besitzerin der hiesigen „Gaststub zr Bimmelbah“
in ihrem Element und mit dem vielen Interieur selbst bestens vertraut. In der „Schwarzküche“
konfrontierte sie uns gleich mit dem Suppen-Kochen schon vor über 500 Jahren, als der Ruß vom
Herd noch Wände und Decke schwärzte. Das alte Sprichwort z. B. „Ich muss jetzt `nen Zappen
zulegen“ bedeutete, in der über dem Herd hängenden Kaminsäge noch einen Zappen zuzulegen,
damit der Eintopf schneller warm wurde.
Überhaupt erzählen die rund 3.000 Exponate in den sieben Ausstellungsräumen gelebte
Geschichte und Geschichten. Ob Töpfe, Teller, Terrinen und Pfannen, sie alle belegen das Leben
der jeweiligen Zeiten in den erzgebirgischen Dörfern, geprägt vom rauen Klima in den Bergen und
die oft finanziellen Nöten ihrer Bewohner. Vielerorts erwuchs aus der Not eine schier
unerschöpfliche Kreativität für genussreiches Essen.
Die Erzgebirgler machten damals oft aus der Not eine Tugend. So ist man beispielsweise im ersten
Moment irritiert über die Geschichte mit alten Gasmasken aus dem Ersten Weltkrieg. Nun, da
diese einen Henkel hatten, wurden sie kurzerhand als Milchkannen umfunktioniert. Die
Suppenterrinen führen bis in die Zeit des Sonnenkönigs zurück, der sich zu jedem einzelnen Gang
eine andere Suppe servieren ließ. Erzählt wird die Geschichte des Schnellkochtopfes, der
Dampfgarer, auch der Topflappen von 1880, des Original Berliner Löffels des letzten sächsischen
Königs Friedrich August und und und… -man muss das einfach vor Ort selbst sehen und hören.
Interessant ist dabei zu sehen, wie die Küchenarbeit mit der Emanzipation der Frau auch leichter
wurde. Der Einzug moderner Küchentechnik oder die industriell hergestellten Suppen sprechen
für sich. Laut Statistik werden heute noch 40 Prozent der Suppen selbst gekocht, 60 Prozent sind
Fertigsuppen, z. B. die erste Fertigsuppe „Knorrs Erbswurst“ aus dem Jahre 1905.
Manch historisches Stück gab auch Anlass, Bücher darüber zu schreiben. So ist eine mit Heu
gefüllte Kochkiste auf Bauernhöfen ausgestellt, in der eine Suppe zu Ende gegart wurde. Dabei
wird auch auf das Büchlein „Kochkiste und Kochkistengerichte“ verwiesen. Wie überhaupt für
Liebhaber und Interessierte in der Vitrine auf mehrere Titel rund um die Suppe aufmerksam
gemacht werden. So das Buch „Die sehr bekannte deutsche Löffelspeise - Mus, Brei und Suppe
kulturgeschichtlich betrachtet“. Oder „Dampf stieg aus dem Topf hervor. Eine Kulturgeschichte
der Suppen aus aller Welt“.
Im Museumsshop selbst kann man auch das Buch „Arzgebirgscher Suppntopp – mit über 100
Kochrezepten aus dem Erzgebirge“ erwerben, herausgegeben vom Erzgebirgs-Verlag Häckel.
Diese Sammlung, von Einwohnern der Region zusammengetragen, wurde im Museum erweitert,
geordnet von A – Z, und kann hier angeschaut werden und gibt manche Anregung. Wie heißt es
doch: „Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß‘ alle willkommen.“
Suppentopfziehen und Kochwettbewerb
Eine feste Tradition in Neudorf ist die jährliche „Kirmes im Suppenland“. Höhepunkte sind dann
die Weltmeisterschaft im Suppentopfziehen und der Suppenkochtopfwettbewerb mit Teilnehmern
aus Nah und Fern. Dann sind die Bizeps gefordert, und die Kochlöffel werden geschwungen. Am
Ende wurden im Vorjahr die drei besten Suppen aus 30 eingereichten Suppen verkündet. Die
sechsköpfige Jury aus Einheimischen und Gästen hatte sie zuvor alle verkostet. Suppenkönigin
im Vorjahr war Christina Rauhe aus Neudorf mit einer Paprika-Hack-Suppe. Der jüngste
Teilnehmer war ein 11jähriger. Er kochte Michel’s herbstliche bunte Kressesuppe. Nach dem
Museumsbesuch ist sicher auch die Neugier geweckt, in der „Gaststub zr Bimmelbah‘“
einzukehren und sich Suppe und regionale Küche wie zu Omas Zeiten schmecken zu lassen.
Derzeit werden 13 preisgekrönte Sieger-Suppen angeboten, so z. B. die Neidarfer Kaassupp,
Wildkräuter-Waldpilzsuppe à la Katzenhans, Fischsuppe mit Einlage von Rotbarsch und
Forellenfilet oder auch die Apfel-Currysuppe. Aber kosten Sie in der „Bimmelbah“ selbst…und
guten Appetit!

www.magazin-spätlese.net

! von !30
16

Natur, Tourismus

Von Bali nach Bangkok (Teil 3: Torajas)
von Rays E. Tannthe
Auf eine gute Vorbereitung kommt es an. Von wegen
ruhiger Seetag, beide Lektoren hatten allerhand zu
berichten. Der putzige Herr Hoffmann mit den
wilden Haaren ist wieder an Bord. Er wurde von der
Reederei für seinen Unterhaltungswert engagiert und
referierte über indonesische Geschichte, Land und
Leute. Er kannte sich bestens aus. Über 300 Jahre
herrschten die Holländer als Kolonialmacht über
Indonesien. Wie das funktionierte in diesem
Inselstaat verteilt auf rund 17.500 Inseln, blieb uns
Bild: Rays E. Tannthe
ein Rätsel. Erst 1945 wurde die indonesische
Unabhängigkeitserklärung unterschrieben.
Eine junge Berliner Veterinärmedizinerin hielt einen
begeisterten Vortrag über „die indonesische Tierwelt der Superlative“, denn nirgendwo gibt es
mehr Spezies. Wie sie dazu kam, klärte sie gleich zu Anfang: Sie hatte in Deutschland keine Lust
auf Kuhställe und machte ihre Reiseleidenschaft zum Beruf. Für angehende Tierärzte ergeben sich
an dieser Stelle neue Perspektiven. Es ist tatsächlich nicht der schlechteste Arbeitsplatz.
Sie stellte uns außergewöhnliche indonesische Tierchen vor, z. B. den Kleinkantschil, als kleinsten
Paarhufer, (soll es auch im Berliner Tierpark geben), Plumplori, Schlanklori (was es alles gibt…)
und Koboldmaki mit riesigen Augen. Diese niedlichen und nachtaktiven Primaten besitzen im
Verhältnis zum Körper die größten Augen aller Säugetiere und ihre Halswirbel sind extrem
rotationsfähig. Koboldmakis können ihren Kopf in beide Richtungen um 180 Grad drehen.
Interessant ist, dass es eine Flora und Fauna Grenze zwischen Indonesien und Australien gibt.
Beide Landesteile liegen quasi nebeneinander, trotzdem gibt es östlich dieser „Weber-Linie“ z.B.
in Australien keine Primaten und ganz andere Vögel als auf indonesischer Seite. Sei denn, sie
wurden von Menschen eingeschleppt. Genau: „Man kann alt werden wie eine Kuh und lernt
immer noch dazu.“
Aus der Tierärztin sprudelten bemerkenswerte Fachbegriffe, wie „Inselverzwergung“. Es bedeutet,
dass Säugetiere bspw. Elefanten oder Nashörner auf Inseln kleiner geraten als ihre Artgenossen
im großen Kontinent Afrika. „Inselgigantismus“ wiederum betrifft Echsen, z.B. Komodowarane,
die keine Fressfeinde haben. Zudem zeigte sie uns schräge Vögel.
Am nächsten Tag folgte der praktische Teil, eine 12-Stunden-Tour auf rd. 1300m Höhe ins Toraja
Hochland auf der Insel Sulawesi. Punkt 7 Uhr begrüßte uns freundlich der Bürgermeister der
Inselhauptstadt Pare-Pare. Viele Einheimische freuten sich wie verrückt und wollten zusammen
mit uns Fotos machen. Wir Langnasen sind die Sensation des Tages.
Selbst eine Polizeieskorte begleitete unseren Bus und wies alle Fahrzeuge mit Blaulicht zur Seite.
Was für ein Aufwand. In den engen Serpentinen des Hochgebirges war es jedoch ein Vorteil, um
sicher langsame Mopeds oder Lkws überholen zu können. Abends wedelte die Polizei mit einem
Star-Wars-Leuchtstab entgegen kommende Fahrzeuge zur Seite.
Boxenstopp gab es an den erotischen Bergen, Fotos davon sind selbsterklärend. Das Volk der
Toraja (ehemals Kopfjäger) pflegt eine sehr spezielle Kultur. Sie bauen ornamentverzierte Häuser
(Tongkonan) und Reisspeicher mit ungewöhnlicher Dachform, das an ein Schiff erinnert.
Ihr einzigartiger Ahnenkult ist nichts für schwache Nerven. Insofern war eine gründliche
Vorbereitung recht sinnvoll. Verstorbene werden einbalsamiert und lange Zeit (manchmal

www.magazin-spätlese.net

! von !30
17

mehrere Jahre, je nach Status) im Haus aufgebahrt. Er wird wie ein schlafendes Familienmitglied
behandelt bis die mehrtägige Begräbniszeremonie stattfindet.
Neben blutigen Hahnenkämpfen und Schweineschlachtung wird ausgewachsenen Wasserbüffeln
feierlich die Kehle durchgeschnitten. Torajas glauben, dass ihre Verstorbenen heilige Büffel
brauchen, um die Reise ins Jenseits anzutreten.
Auf Balkonen vor künstlich angelegten Felsengräbern standen geschnitzte lebensgroße
Holzfiguren, die den Verstorbenen ähnlich sahen.
Diese Tau Tau Figuren überblicken das Dorf und beschützen es. Gut, dass wir nicht im August da
waren, in dem das Ritual Ma’Nene praktiziert wird. Tote Verwandte werden aus den Gräbern
geholt (exhumiert), um gewaschen, gepflegt und neu eingekleidet zu werden. Die Mumien werden
durch das Dorf geführt und Familienfotos mit Mumie gemacht.
Das geht so lange gut, bis nur noch die Knochen übrig sind. Schädel und Knochen liegen
anschließend offen auf Familien-Sammelgrabstellen. Sehr speziell, jedoch in der Gesamtheit der
Kultur äußerst interessant.

Natur, Tourismus

Kellerwald… wo eine jahrhundertealte
Tradition lebt
von Ursula A. Kolbe
Ein Paradies für Naturliebhaber und
Abenteurer ist der fast 6.000 ha große
Nationalpark Kellerwald-Edersee mit seinen
über 50 bewaldeten Hügeln und romantischen
Wiesentälern, den 1.000 reinsten Quellen und
naturnahen Bächen, faszinierenden Felsfluren
und Blockhalden. Teilbereiche seiner
majestätischen Rotbuchenwälder, die nur in
Europa wachsen, wurden von der UNESCO als
Bild: Nationalpark Kellerwald-Edersee
Weltnaturerbe geadelt. 19 Radwanderwege
lassen sich hier hervorragend zu
Ganztagestouren oder mehrtägigen Etappen
kombinieren. Mit fjordartigen Mäandern begrenzt der 27 km lange Edersee den Nationalpark im
Norden Hessens. Da lockt die Natur natürlich besonders.
Solche naturbelassenen Regionen günstig und umweltfreundlich zu erreichen, hat sich Fahrtziel
Natur zur Aufgabe gestellt. Bekanntlich setzen sich seit 2001 BUND, NABU, VCD, die Deutsche
Bahn sowie Nationalparke, Naturparke und Biosphärenreservate aus Deutschland, Österreich und
der Schweiz gemeinsam dafür ein, den touristischen Verkehr in solch sensiblen Naturräumen vom
privaten Pkw auf öffentliche Verkehrsmitteln zu verlagern.
Seit Jahresbeginn ist nunmehr der Nationalpark Kellerwald-Edersee das 23. Mitglied von
Fahrtziel Natur. Für uns ein Anlass, dieses faszinierende UNESCO-Weltnaturerbe zu besuchen. So
lässt sich die Nationalpark-Region sehr gut mit dem ICE erreichen. Vom Bahnhof KasselWilhelmshöhe geht es mit dem Nahverkehr umsteigefrei nach Korbach und Bad Wildungen. Bis zu
zweistündlich fahren außerdem Intercity-Züge aus Hamburg und Hannover bzw. Karlsruhe und
Frankfurt(Main) nach Marburg. Ab Marburg und Korbach fährt die Kurhessenbahn mindestens
zweistündlich über Frankenberg (Eder) und Vöhl-Herzhausen direkt zum Nationalpark.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
18

(In dem Zusammenhang: Detaillierte Infos zur An- und Abreise mit der Bahn, Mobilität vor Ort
und attraktive Reiseangebote in alle 23 Fahrtziel Natur-Gebiete in der Jahresbroschüre 2018, die
in den Reisezentren der DB verfügbar sind. Naturverträgliche Reiseangebote, Ameropa-Reisen
inkl. Bahnreise mit 100 Prozent Ökostrom, Tipps und mehr auch unter www.fahrtziel-natur.de.)
Im Blick dabei immer die nachhaltige Mobilität. Mit der Gästekarte „MeineCard“, die auch wir
während unseres Aufenthaltes in der Region ausgiebig nutzten, ist die Fahrt mit Bussen, Bahnen
und Anruf-Sammel-Taxis (AST) kostenlos. Bei allen teilnehmenden Betrieben erhalten
Urlaubsgäste die „MeineCard“, die für die gesamte Aufenthaltsdauer inklusive An- und Abreisetag
gültig ist. Das heißt kostenlose Mobilität vor Ort und in ganz Nordhessen. Erreicht werden z. B. 14
Nationalpark-Eingänge, von denen die Rundwanderrouten starten. Mehr als 120 Freizeitangebote
sind kostenfrei, darunter die multimediale Erlebnisausstellung des NationalparkZentrums
Kellerwald, der WildtierPark Edersee und der Baumkronenweg Edersee.
Abendlicher Spaziergang zur Banfehütte mit „Lesestunde“
Einen ersten Eindruck über unsere Umgebung gewannen wir bei unserem Abend-Spaziergang
zur Banfehütte, etwa eine halbe Stunde von unserem Domizil, dem Hotel „Fünfseenblick“ in
Edertal-Bringhausen, entfernt. In einem Naturheilort mit einzigartiger Natur- und
Kulturlandschaft, die wir in den folgenden Tagen erkunden wollten. Das Hotel übrigens hat u. a.
ein schmackhaftes Bio-zertifiziertes Büfett-Restaurant mit ausschließlich frisch zubereiteten,
vollwertig-vegetarischen Speisen. Die Zutaten kommen hauptsächlich von einem regionalen
Naturkostgroßhändler und aus der eigenen Biogärtnerei. Es geht dort ausgesprochen ruhig zu.
Neugierig geworden auf die Banfehütte erfuhren wir, dass sie 1927 erbaut wurde und einst das
Wohnhaus des Fischzuchtmeisters der Banfeteiche für die Fischzucht des 1914 gebauten EderStausees war. Dann ist es über lange Zeit als Jagdhütte genutzt worden und dient heute dem
Nationalpark für seine Gruppenarbeit und eben manchmal auch als Einkehr zu einer deftigen
Brotzeit wie an diesem Abend, die wir natürlich mit gutem Appetit genossen haben. Begleitet
wurden wir vom Nationalpark-Leiter Manfred Bauer, der Projektleiterin Fahrtziel Natur im
Nationalparkamt Jutta Seuring und weiteren Mitstreitern sowie Vertretern hiesiger TourismusEinrichtungen, die uns auch hier mit den Tourismus-Angeboten und der Zusammenarbeit mit
dem Nationalpark vertraut machten.
Mit dabei Buchhändler Bernhard Schäfer und Mitinhaber vom „Buchland“ in Bad Wildungen – er
überraschte uns im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Zwischenstopp auf dem Hinweg,
nämlich einer kurzen Lesung an einer kleinen Lichtung und rezitierte – unsere Schmunzelfalten
anregend – „Am (EDER)Schneesee“ von Franz Fühmann, aber von ihm umgedichtet. Köstlich.
Sogar eine „Fortsetzung“ gab es später in der Hütte mit „Wandern“ von Frank Gebert aus der
Reihe „Kleine Philosophie der Passionen“, „Das kolumnistische Manifest“ von Axel Hacke sowie
„Komische Liebesgedichte“, aufgespürt von Christian Maintz. Unser Beifall war dem Vortragenden
gewiss. Bernhard Schäfer ist mit solchen Aktivitäten ebenso in seiner Umgebung als gefragter
Unterhalter nicht wegzudenken. - Auch das ist das Leben im Nationalpark Kellerwald-Edersee
und seinem Umfeld.
Im Reich der urigen Buchen
Auf dem Weg ins NationalparkZentrum kommen mir wieder die hier und übrigens nur in Europa
wachsenden Rotbuchenwälder in den Sinn. Von ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet sind
nur noch ca. acht Prozent übrig geblieben. Hessen hat als Buchonia, als das Land der Buchen,
daher eine besondere Verantwortung. So schützt der erste Nationalpark des Landes auf fast 6. 000
ha einen der größten unzerschnittenen Hainsimsen-Buchenwaldkomplexe Mitteleuropas. Hier
entsteht wahrlich eine „Wildnis von morgen“.
Vielleicht nur noch so viel: Die „Alten Buchenwälder Deutschlands“ mit den Teilgebieten
Jasmund, Grumsin, Serrahn, Hainich und Kellerwald ergänzen seit 2011 die „Buchenwälder der

www.magazin-spätlese.net

! von !30
19

Karpaten“ in einer gemeinsamen UNESCO-Welterbestätte. Die fünf deutschen Teilgebiete sind die
am besten erhaltenen Altbuchenwälder des Tieflandes und der Mittelgebirge.
Diese Wälder mit ihrer jahrhundertealten Waldtradition repräsentieren den andauernden
ökologischen Prozess der nacheiszeitlichen Waldentwicklung und die biologische Vielfalt der
europäischen Buchenwälder. Im Juli 2017 wurde die Familie der Weltnaturerbe-Buchenwälder
Europas erweitert: Mit rund 100.000 ha verteilt auf 78 Teilgebiete in 12 europäischen Nationen
entstand die größte transnationale serielle Welterbestätte der Welt.
Im NationalparkZentrum angekommen, tauchen wir dann in eine der innovativsten
Umweltausstellungen ein, in einen Raum für Wildnis & Natur. Ranger Markus Daume stimmt uns
mit den Urschätzen der Wildnis emotional ein. Die eigene Atmosphäre der verschiedenen
Lebensräume erleben wie den Feenhügel, die Felsen und Schluchten, Quellen und Bäche und
natürlich die Buchenurwälder. Die interaktiven Ausstellungsstücke im WaldWerk verraten die
kleinen Geheimnisse der Buchenwälder und ihrer Bewohner.
Im 4D-SinneKino hätte ich ewig sitzen bleiben können. Schon der einleitende kurze Film über die
Sage der Boggel (abgeleitet von Buche – gibt’s im Shop auch als Maskottchen) machte neugierig,
in die hiesige Wald-Natur einzutauchen und anschließend mit dem Film „Mit dem Ranger durch
den Nationalpark“ „abzutauchen“.
Sinnbildlich las ich an einer Wand die Aussage von Henry David Thoreau, ein amerikanischer
Schriftsteller und Philosoph (1817 – 1862), der genau zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage im
Wald lebte: „Es ist umsonst, wenn wir von einer Wildnis träumen, die in der Ferne liegt. So etwas
gibt es nicht. Der Sumpf in unserem Kopf und Bauch, die Urkraft der Natur in uns, das ist es, was
uns diesen Traum eingibt.“
Auf zur KellerwaldUhr und in die Quernstkapelle
Weitere beliebte Anziehungspunkte, den Nationalpark mit seinen Lebensräumen zu erkunden,
sind auch die KellerwaldUhr oder die Quernst-Kapelle. So spannt die kulturhistorische
Ausstellung der KellerwaldUhr einen Bogen von der Eiszeit bis in die Gegenwart und nimmt dabei
die wechselvolle, lebendige Beziehung zwischen Mensch und Wald in den Blick. Auch die
Quernstkapelle, deren ursprüngliches Fundament bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht, ist eine
Begegnungsstätte zwischen Mensch und Natur, man kann auch sagen, eine Einkehr in Gottes
Natur. Dazu drängte es die Menschen schon immer zu jeden Zeiten.
Über Jahrhunderte pilgerten die Gläubigen aus den umliegenden Gemeinden hoch zur QuernstKirche und tun es auch heute noch auf dem Hügel mitten im Wald, um mit sich allein zu sein,
innezuhalten und zu sich zu finden – in einer gehetzten und friedlosen Zeit wie gerade jetzt für
viele wichtiger denn je. Hierher kommen Spaziergänger und Wanderer, Montain-Biker, Reiter,
auch Skilangläufer. Die Ruhe des Waldes umfängt sie.
Schloss Friedrichstein – ein Bad Wildunger Blickfang
Ganz andere Eindrücke hatten wir in Bad Wildungen – einer Perle in der Erlebnisregion Edersee.
Die nordhessische Kurmetropole genießt mit seinen Heilbädern einen anerkannten Ruf als
wichtiger Gesundheitsstandort ebenso als eine grüne Wohlfühloase. Ihr Stadtbild ist geprägt vom
Fachwerk und prachtvollem Jugendstil sowie von Europas größtem Kurpark.
Unser Ziel aber war das Schloss Friedrichstein, das mit seiner leuchtend gelben Fassade weithin
sichtbar die Silhouette bestimmt. Und hier tauchten wir in ein anderes Stück Geschichte ein. Im
12. Jahrhundert ursprünglich als gotische Burg errichtet, wurde der mittelalterliche Bau von Graf
Josias II. von Waldeck (1636 – 1669) Mitte des 17. Jahrhunderts durch ein imposantes BarockSchloss ersetzt. Sein Neffe Friedrich Anton Ulrich vollendete nach dessen Tod die verbliebenen
Umbauarbeiten und gab dem Bau seinen heutigen Namen „Friedrichstein“.
In den folgenden Jahrzehnten durchlebte das Schloss historisch wechselvolle Zeiten. Seit den 80er
Jahren nun beherbergt es den Sammlungskomplex zur hessischen Jagd- und Militärgeschichte der

www.magazin-spätlese.net

! von !30
20

Museumslandschaft Kassel. Über Jahrhunderte galt die Jagd ausschließlich als Privileg des
Hochadels. Als exklusives Freizeitvergnügen repräsentierte sie die Macht- und
Herrschaftsansprüche der Fürsten – und als Statussymbole. Zu den Raritäten der landgräflichhessischen Sammlung zählen u. a. reich verzierte Armbrüste und Radschlossgewehre aus dem 17.
Jahrhundert. Ein Spiegelbild ebenso edle Uniformen und eindrucksvolle Gemälde und Büsten der
Sammlung.
Beeindruckend der sogenannte Turcica-Bestand, also Waffen und andere Kostbarkeiten
osmanischer Herkunft, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert als Kriegsbeute, Geschenke
oder durch gezielte Ankäufe in die Sammlungen der Landgrafen und Kurfürsten von HessenKassel gelangten.
Ein besonderer Hingucker auch für uns war das Audienzzelt der türkischen Armee auf der Zeit um
1700. Der mit außergewöhnlichen Applikationen verzierte Stoffriese zählt zu den sechs fast
vollständig erhaltenen osmanischen Zelten innerhalb Deutschlands und ist dank aufwendiger
Restaurierungen in seiner beeindruckenden Farbenpracht bis heute erhalten.
In einem weiteren Beitrag lesen Sie über unseren Nachtausflug in den WildtierPark Edersee mit
Ranger Erhard Bemmann; wir wandelten auf dem Baumkronenpfad; tauchten in die über
100jährige Geschichte der Edersee-Staumauer ein; „schipperten“ über den See und erfuhren über
die Tour Edersee-Atlantis mit Blick auf die versunkenen Ortschaften.
Fahrtziel Natur-Award 2018 verliehen
Anlässlich der TourNatur, Deutschlands einziger Messe rund um Wandern und Trekking, die
kürzlich in Düsseldorf stattfand, hat Fahrtziel Natur den Award 2018 zum nunmehr sechsten Mal
verliehen. Die Naturparke und das Biosphärenreservat Thüringer Wald erhielten den
Preis für die Umsetzung des Mobilitätskonzeptes in der Rennsteigregion und das „Rennsteig
Ticket“. In elf Orten erhalten Übernachtungsgäste dieses Ticket bei der Anmeldung im
Beherbergungsbetrieb mit kostenfreier Nutzung des RennsteigShuttles.
Der Müritz-Nationalpark wurde für seine Gästekarte „MÜRITZ rundum“ und das integrierte
Buskonzept geehrt. Das kostenfreie Ticket erhalten alle Urlaubsgäste in Waren, Röbel, Klink und
Rechlin. Es erschließt die Ferienregion rund um den größten Binnensee Deutschlands.
Kundenfreundlich aufbereitete Informationen sorgen dafür, dass sich Urlauber gut orientieren
können.
Der Nationalpark Eifel überzeugte mit der „GästeCard Erlebnisregion Nationalpark Eifel“ und
einer gelungenen Gästeinformation in der Nationalparkfaltkarte „Natur erfahren“. Gäste der
teilnehmenden Übernachtungsbetriebe können bei rechtzeitiger Buchung ihre Gästekarte zu
Hause ausdrucken und schon bei An- und Abreise kostenfrei Busse und Bahnen im
Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und im Aachener Verkehrsverbund (AVV) nutzen.
Weiter Informationen unter www.fahrtziel-natur.de

Natur, Tourismus

Winterfreuden in märkischen Gefilden
von Ursula A. Kolbe
Ausspannen, Neues kennenlernen, das kann man zu jeder Jahreszeit. Auch im Winter. Und viele
Regionen sind darauf eingestellt. Wie im Land Brandenburg, wo die Tourismus-Marketing
Brandenburg GmbH des Landes seit nunmehr über 20 Jahren mit ihrer Aktion „Winterliches
Brandenburg“ gute Ideen für winterliche Auszeiten rund um Berlin anbietet. Und in diesem Jahr
gibt es neben den Preisspecials ab 79 Euro mit dem „Sterne-Winter“ noch eine Aktion mehr: 14
Hotels der gehobenen Kategorie, von denen viele überhaupt erstmals mitmachen, sind mit einem

www.magazin-spätlese.net

! von 30
21
!

Exklusivangebot dabei.
In dieser Wintersaison stehen 90 Angebote mit
drei- und vier-Sterne Komfort zur Auswahl. Bei
den beliebten Preisspecials gibt es zwei
verschiedene Kategorien: 45 Hotels bieten für zwei
Personen ein Doppelzimmer für 79 Euro inkl.
Frühstück an; Anreise je nach Verfügbarkeit frei
wählbar. Bei 31 Gastgebern sind die WochenSparangebote, die drei Übernachtungen für zwei
Personen/Doppelzimmer mit Frühstück umfassen,
für 189 Euro buchbar. Anreise jeweils sonntags bis
Bild: TMB-Fotoarchiv Dieter Damschen
dienstags. Bei den oben genannten Angeboten sind
erstmals dabei: Im Barnimer Land das neu
eröffnete Fontane Hotel am Werbellinsee sowie Gut Sarnow in Groß-Schönebeck, im Fläming das
Hotel Alte Försterei in Kloster Zinna, im Havelland die Apartements im Schlosspark in Caputh, in
Potsdam das Landgut Nedlitz, im Ruppiner Seenland Theodors Seehotel in Wustrau sowie im
Spreewald Hotel Wilmersdorfer Hof in Cottbus.
Am neuen „Sterne-Winter“ beteiligen sich 14 Hotels der gehobenen Kategorie mit
Exklusivangeboten, wie beispielsweise das Panorama Hotel am Oberuckersee, das Hotel „Alte
Ölmühle in Wittenberge“, Hotel Schloss Reichenow, Gut Klostermühle in Alt Madlitz und das
Spreewaldresort „Seinerzeit“. Dabei sind auch Häuser mit Wellnessbereich und SPA-Angeboten
sowie Schlosshotels mit besonderem Ambiente, die besondere Zimmerkategorien wie eine JuniorSuite günstig anbieten. „Da wir auch viele Stammgäste haben, die schon seit Jahren das
„Winterliche Brandenburg“ buchen, ist es uns wichtig, immer mal wieder neue Akzente zu setzen.
Diesmal ist der „Sterne-Winter“ neu im Programm, aber wir freuen uns auch über eine ganze
Reihe neuer Hotelpartner in den beiden anderen Kategorien“, sagt Mathias Knospe,
Marketingleiter der TMB.
Die Angebote „Winterliches Brandenburg“ 2018/19 gelten ab 1. November bis 31. März 2019.
Überblick und direkte Buchungsmöglichkeit auf www.winterliches.brandenburg.de. Wer sich
telefonisch beraten lassen oder telefonisch buchen möchte, siehe Tel.Nr. 0331 – 200 47 47 der
TMB.

Natur, Tourismus

Warum ich im Reisebus lieber hinten sitze
von Tina Gonschorek
Ich habe schon sehr viele Fahrten mit den verschiedensten Reisebussen unternommen. Und ob es
sich dabei um kurze Tagesfahrten oder längere Urlaube handelte, das Sprichwort: „Wenn einer
eine Reise tut, so kann er was erleben“ traf dabei jedes Mal zu. Aber was ich letztlich bei einer
Wochenendfahrt nach Rügen erlebte, war dann doch ziemlich außergewöhnlich.
Es begann damit, dass der Bus pünktlich kam, der Fahrer aber sehr aufgeregt war, da er angeblich
soeben beim Abbiegen einer Dame im PKW den Außenspiegel abgefahren haben sollte. Er fragte
einige schon im Bus sitzende Reisende, ob sie etwas gesehen hätten, aber niemand konnte ihm
helfen. Während er sich mit der aufgebrachten Dame auseinandersetzte wurden wir von seiner
Beifahrerin eingecheckt. Die Sitzplätze waren vorgegeben und unsere befanden sich direkt in der
ersten Reihe rechts. Da hatte ich noch nie gesessen, da diese Plätze stets so beliebt sind, dass sich
sofort alle Einsteigenden darauf stürzen. Mir ist allerdings völlig unbegreiflich, wie man so scharf

www.magazin-spätlese.net

! von !30
22

darauf sein kann, dort zu sitzen! Die Beinfreiheit
bestand darin, dass ich meine Beine etwa sechs
Zentimeter vor und zurück bewegen konnte. Nun ja, die
Fahrt sollte ja zum Glück nicht all zu lang dauern.
Meine Begleiterin und ich richteten uns auf unseren
Plätzen ein. Ich saß am Fenster und versuchte meinen
Rucksack unter dem Sitz zu verstauen, was sich als fast
unmöglich erwies, da einfach kein Platz darunter war.
Meine Begleiterin behielt ihren Rucksack auf dem
Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Schoß, was sie lieber nicht hätte tun sollen!
Inzwischen hatte der Fahrer seinen Disput mit der
Autofahrerin beigelegt und stieg ein, um uns zu begrüßen.
Er stellte sich und seine Beifahrerin als Dieter und Susanne vor und begann dann sofort
ausführlich die vielen Regeln zu erklären, die wir als Reisende in seinem Bus einzuhalten hatten.
Zum Beispiel wurde es uns untersagt größere Flaschen oder Ähnliches in die Gepäcknetze des
Vordersitzes zu tun, da diese sonst ausleiern würden und das kostet viel Geld! Dieter wollte uns
davor bewahren, die Netze ersetzen zu müssen!
Ich ließ etwas gelangweilt meinen Blick schweifen und entdeckte im Cockpit ein etwa DIN A3
großes Plakat, auf welchem lauter durchgestrichene Piktogramme abgebildet waren. Interessiert
studierte ich sie und fand heraus, dass das Essen von Eis, Burgern und Pommes sowie das Trinken
von Cola strengstens verboten waren. Dieter laberte noch immer. Gerade begann er vom Essen im
Bus zu sprechen als ich, auf sein Plakat bezogen, vor mich hinmurmelte: „Das ist verboten!“. Zu
meinem Leidwesen hatte Dieter sehr gute Ohren! Ich hatte nun seine volle Aufmerksamkeit, die er
mit einem ziemlich unheilvollen Blick aus seinen engstehenden blauen Augen begleitete. Barsch
sagte er: „Nein, das ist natürlich nicht verboten, aber für zehn Cent können Sie sich eine große
Pappe kaufen, um dann das Essen zu genießen, dass Susanne Ihnen später anbieten wird!“.
Unglücklicherweise war Dieters nächstes Thema das Handgepäck! Er erläuterte gerade, dass es in
den Gepäckfächern über den Sitzen zu verstauen sei, als sein Blick auf den Rucksack meiner
Begleiterin fiel. Noch immer etwas verärgert über meine leise Bemerkung witterte er nun seine
Chance zur Revanche. Er sagte ihr, dass es verboten sei, das Gepäck während der Fahrt auf dem
Schoß zu behalten. Sogleich stand sie auf, um es oben zu verstauen, was aus Platzmangel
unmöglich war. Also versuchte sie den Rucksack unter ihren Sitz zu schieben, wobei Dieter sie im
Auge behielt. Wie erwartet war dort auch kein Platz, woraufhin er ihr hämisch grinsend erklärte,
dass es aus Sicherheitsgründen ebenfalls verboten sei, das Gepäck unter den Sitz zu schieben, da
der Reisende sich im Falle eines Unfalls beim schnellen Verlassen des Busses darin verheddern
könnte. Meine Begleiterin fragte ihn verzweifelt, wo sie ihren Rucksack denn nun deponieren
könnte und er sagte maliziös lächelnd, dass Susanne ihr helfen würde, ihn unten im Bus bei den
Reisetaschen zu verstauen. All dies ereignete sich so schnell, dass wir gar keine Zeit zu weiteren
Überlegungen oder Gegenwehr hatten. Mein Rucksack war von Dieter zwar nicht entdeckt
worden, was mir aber auch nicht wirklich etwas nutzte, da ich mich nun gar nicht mehr traute,
danach zu greifen, um etwas heraus zu holen. Die Liste der Verbote war nun abgearbeitet und es
ging los. Komischerweise hatte Dieter mit keinem Wort erwähnt, dass es die Pflicht der Passagiere
ist, sich anzuschnallen. Ein entsprechendes Piktogramm befand sich natürlich über der Tür.
Susanne erfreute uns mit einem Vorgeschmack auf die an Bord befindlichen Köstlichkeiten. Es
gab warme und kalte Getränke, Würstchen und 5 Minuten Terrinen, die sie in der Mittagspause
auf Wunsch zubereiten würde. Die Fahrt verlief entspannt, bis wir auf die Autobahn kamen.
Mühsam quälten wir uns von einem Stau zum Nächsten. Der Vorteil von unserem Sitzplatz war,
dass wir den Gesprächen von Dieter und Susanne folgen konnten. Momentan diskutierten sie die
Weiterfahrt, weil im Radio gerade ein Unfall mit Vollsperrung angesagt worden war. Dieter teilte

www.magazin-spätlese.net

! von !30
23

uns mit, dass er auf die Landstraße ausweichen würde. Inzwischen waren wir schon drei Stunden
unterwegs, weswegen eine Pipipause langsam dringlich wurde. Meine Begleiterin war nervös, weil
sie ihre Tablette, die zur Mittagszeit fällig war nicht einnehmen konnte, da ihr Rucksack ja
unerreichbar in den Tiefen des Busses lagerte. Susanne googelte nach Tankstellen und alsbald
standen gefühlte fünfzig Damen an der Toilette an. Danach gab es die Würstchen. Susanne bot uns
an, sie zu unseren Plätzen im Bus zu bringen, was wir aber dankend ablehnten, denn zum einen
hatten wir ja langen genug gesessen und zum anderen sah ich vor meinem geistigen Auge, wie
lauter Brotkrümel auf dem Boden lagen und Senfflecken die Sitze verunzierten. Ich wollte
unbedingt vermeiden zum Bus putzen abkommandiert zu werden und für die Komplettreinigung
der Sitze verantwortlich zu sein, denn wie Dieter zu sagen pflegte: „Das kostet alles viel Geld!“.
Im weiteren Verlauf der Reise machten meine Begleiterin und ich uns einen Spaß daraus, bei
jedem Einsteigen unsere Rucksäcke Susanne zur Einlagerung anzuvertrauen. Wohlgemerkt als
Einzige der 45 Passagiere an Bord! Zu Susannes Ehre sei gesagt, dass sie stets ihre Contenance
bewahrte, obwohl sie uns sicher jedes Mal dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst.
Nach der Pause ging es weiter auf diversen Landstraßen in Richtung Rügen, wo wir am Abend in
Ralswieck die Störtebeker Festspiele besuchen wollten.
Nun aber zu den Gründen, warum ich im Reisebus lieber hinten sitze.
Wenn man nämlich vorn sitzt, sieht man zum Beispiel jedes tote Tier am Straßenrand, was
besonders unangenehm war, weil Susanne bei jedem Kadaver laut überlegte, welcher Gattung er
einst angehört hatte.
Und obwohl Dieter sicher fuhr, sieht man einfach zu viel wenn man praktisch neben ihm sitzt.
Wir sahen, wie er mit Genuss während der Fahrt eine, von Susanne liebevoll auf einer großen
Pappe servierte, Knacker mit Senf und Toastbrot verspeiste, wie er virtuos mit seiner elektrischen
Fliegenklatsche versuchte die nervigen Insekten zu fangen und wie er hin und wieder
Telefongespräche auf sein Headset umleitete. Sehr aufregend für meine Begleiterin wurde es, als
Dieter während der Fahrt unter seinem Sitz nach der Landkarte tastete und sie dann aufblätterte,
um sich über den Verlauf der Straßen zu informieren. Sie schnappte nach Luft, trat ihr imaginäres
Gaspedal bis zum Bodenblech durch, und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, Dieter ihre
Meinung zur Multitasting-Fähigkeit von Busfahrern aufzudrängen. Seine Blicke pendelten von der
Landkarte zur Straße und wir waren sehr froh, dass kein hohes Verkehrsaufkommen herrschte.
Ich war wirklich versucht Dieter darauf aufmerksam zu machen, dass solche Gesetzesverstöße
auch viel Geld kosten, konnte mich aber gerade noch zurückhalten.
Solche Dinge sieht man natürlich auf den hinteren Plätzen nicht und lebt damit sehr viel ruhiger.
Ein letzter Grund, warum ich lieber hinten sitze ist, dass man auf den vordersten Plätzen nur nach
vorn fotografieren kann, wenn ich mich denn getraut hätte meinen Fotoapparat zu benutzen, von
wegen Gepäck auf dem Schoß und so.
Außerdem war ich mir nicht ganz sicher, ob ich auf dem großen Plakat mit den
Verbotspiktogrammen nicht doch einen durchgestrichenen Fotoapparat gesehen hatte!

Kurzgeschichten, Gedichte

Feuerzangenbowle
von Rudolf Winterfeldt
Man kann sich ja auf unterschiedlichste Weise wärmen. Der Mensch tat es seit frühesten Zeiten
mittels Feuer. Zu Beginn mit offenem Feuer, später mit Öfen und auch Heizungsanlagen. So
hatten schon die alten Griechen in ihren Wohnhäusern eine Fußbodenheizung. Aber es gibt auch
die Möglichkeit, sich mit dem Genuss von Alkohol von innen heraus zu wärmen. In der

www.magazin-spätlese.net

! von !30
24

Menschheitsgeschichte begannen die Ägypter und
Babylonier mit der Herstellung von Wein. Im Mittelalter
erfand man die Destillation von Alkohol und von nun an
war diese Flüssigkeit nicht mehr wegzudenken. Nach dem
2. Weltkrieg begann eine massive Produktion und
Vermarktung von Alkohol mit der besonderen Zielgruppe
Frauen und Jugendliche. Es verwundert deshalb nicht,
wenn auch ich und meine Altersgenossen dem Alkohol
Bild: Marco Barnebeck / pixelio.de
zusprachen. Es war in unserer Lebensauffassung nichts
Verwerfliches darin zu sehen.
Eine Feier mit Freunden stand ins Haus und meine Frau
und ich überlegten, was wir denn zum Trinken auf den Tisch stellen sollten. Da fiel uns unsere
Feuerzangenbowle ein. Die Zutaten waren zwar schwer zu bekommen, aber wir haben es geschafft.
Wein, Wodka, Gewürze, Zuckerhut und Weingeist lagen bereit. Die Feuerzangenbowle würde uns
richtig „einheizen“ und es würde ein richtig schöner und gemütlicher Abend werden. Der
Nachmittag war angetan mit den weiteren Vorbereitungen zur Feier. Der Wein kam in das
Bowlegefäß und der Wodka dazu. Nach dem Abendbrot wurde das Gefäß auf den Tisch gestellt
und nun sollte die feierliche Zeremonie beginnen. Der Zuckerhut wurde in die „Zange“ oben drauf
gelegt. Mit dem Weingeist wurde dieser richtig gut durchtränkt und dann angezündet. Der Alkohol
verbrannte mit leicht bläulicher Flamme und der flüssig gewordene Zucker tropfte in die Bowle.
Nach einer Weile wurde die erste Runde ausgeschenkt. Das warme Getränk schmeckte köstlich.
Schon nach zwei Gläsern spürten wir die wärmende Wirkung und verstanden nun auch den
Begriff „Einheizen“ viel besser. Die bläuliche Flamme allerdings wurde zusehends schwächer und
es musste mit einer Kelle etwas Weingeist nachgegossen werden. Das war eigentlich nicht weiter
schlimm und als Feuerwehrmann für mich keine Hürde. Langsam auf den Zucker geträufelt,
konnte dabei nichts passieren. Einer der Gäste wollte sich nun aber auch nützlich machen und
übernahm das Nachfüllen. Er goss wohl doch etwas zu schnell den Weingeist auf den Zucker und
es gab eine Stichflamme. Darüber hat er sich erschrocken und die noch halbvolle Kelle ruckartig
zurückgezogen. Das hatte zur Folge, dass sich der brennende Weingeist über den ganzen Tisch
verteilte und wir in der Stube das schönste Feuerwerk hatten. Unser Glück war nur, dass der
Alkohol relativ schnell verbrannte und sich so schnell die Tischdecke nicht entzünden konnte. Ich
deckte mit einem Handtuch die Flammen ab und erstickte somit das Feuer. Als der Schreck
verflogen war, kam das Lachen zurück und wir genehmigten uns darauf erst einmal einen Schluck
von der Bowle. Damit war auch geklärt, wer das Monopol für die Bowlekelle in Zukunft innehatte.
Am späten Abend war das Gefäß gelehrt und unsere Gesellschaft leicht angeschwipst. Fröhlich
und guter Laune beendeten wir die Feier und ermahnten uns gegenseitig, ja vorsichtig mit dem
Feuer umzugehen. Noch lange Zeit denken wir, bei gegenseitigen Besuchen, an diesen Abend und
an den mächtigen Schreck, der uns in den Gliedern steckte. So kann das „Einheizen“ gemütlich
aber auch gefährlich sein.
Epilog: Heute zählen die Schäden, die durch den Genuss von Alkohol entstehen, bereits zu den
Zivilisationskrankheiten.

Kurzgeschichten, Gedichte

Peinliche Verwechslung
von Rudolf Winterfeldt
Als mein Freund und ich in die Kaserne einzogen, ließen wir zu Hause unsere Freundinnen
zurück. Wir kannten uns schon sehr lange, waren wir doch Arbeitskollegen seit unserer

www.magazin-spätlese.net

! von !30
25

Schulentlassung. Nun lebten wir hinter einem
Schlagbaum und wurden rund um die Uhr bewacht,
damit uns niemand Schaden an Leib und Seele zufügen
konnte. Die ersten zwei Tage wurden mit Einweisungen
und Einrichten verbracht und dann begann die
Grundausbildung auf dem Exerzierplatz und im
Gelände. Fast waren darüber die Freundinnen
vergessen. Jedoch beim Ein- und Ausmarsch sangen wir
Lieder von schönen Mädchen und Liebesnächten. Da
kam doch schon die Sehnsucht nach der Liebsten auf.
Bild: birgitH / pixelio.de
Urlaub allerdings gab es die ersten 6 Wochen nicht und
so blieb nur die Möglichkeit einen Brief zu schreiben.
Wir besorgten uns in der Kantine Briefpapier und
Briefmarken und dann sollte am Abend das Schreiben
beginnen. Aber so ein Brief ist ja nicht einfach zu schreiben. Wie sollte man seine Freundin denn
darin anreden? Wir hatten vorher noch nie solche Briefe geschrieben. Man traf sich nach der
Arbeit, ging ins Kino oder zum Tanz und da fiel einem schon immer was ein, was man so sagen
konnte. Die meiste Zeit schwieg man sowieso und küsste sich oder hielt sich in den Armen. Was
sollte man nun schreiben und vor allem wie?
Aber letztendlich musste man ja ein Lebenszeichen von sich geben. Telefone an jeder Ecke oder
Handys wie heute, gab es zu dieser Zeit nicht. Da blieb nur ein Brief als Gedankenaustausch. Wir
saßen also im Klubraum an einem Tisch und zermarterten unser Hirn, aber es wollte uns kein
vernünftiger Gedanke einfallen. Bei mir löste sich dann doch der Knoten und mein
Füllfederhalter, Kugelschreiber gab es noch nicht, glitt übers Papier und ich teilte dem Brief meine
Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte mit. Über den Dienst und die völlig andere Lebensweise in
der Kaserne durften wir nur ansatzweise schreiben und niemals etwas konkretes. Neben bei
schaute ich zu meinem Freund und bemerkte, dass er noch nicht ein einziges Wort geschrieben
hatte. Auf meine Frage wollte er nicht antworten und murmelte sich nur etwas in seinen Bart, wie
man so sagt. Ich hatte meinen Brief fertig und da es der erste war, den ich an meine Freundin
geschrieben habe, war er relativ kurz und eigentlich gar kein schwulstiger Liebesbrief. Meine
Gefühle für sie waren schon in Worte gekleidet aber eben doch recht zögerlich. Trotzdem war ich
zufrieden und mit dem Beschriften des Kuverts wollte ich nun meine Abendbeschäftigung
beenden. Mein Freund allerdings saß immer noch vor einem leeren Blatt Papier. Nun bat er mich,
ob ich nicht für ihn seinen Brief schreiben würde. Ihm würden nicht die richtigen Worte einfallen
und außerdem könne ich das viel besser als er. Meine Bemerkung, dass seine Freundin den
Schwindel bestimmt bemerken würde, tat er mit der Bemerkung ab, sie hätte von ihm noch nie
einen Brief bekommen und kenne seine Handschrift nicht. Wir waren Freunde und so schrieb ich
für ihn den Brief und folgte dabei seinen Worten und Gedanken. Auch das Kuvert beschrieb ich
und dann wurden die Briefe in diese gesteckt und ab in den Briefkasten.
Meine Freundin hat sich sehr gewundert, dass sie einen Brief bekam mit der Anrede: Liebe
Brigitte und der Unterschrift Dein Willi. Brigitte wunderte sich über ihren Brief mit einer anderen
Anrede und anderen Unterschrift. Sie waren aber clever und haben die Briefe untereinander
getauscht und weiter kein Aufhebens darüber gemacht. Nur waren wir beide im nächsten Urlaub
in der Erklärungspflicht und für Willi war die Situation doch etwas peinlich, nachdem geklärt war,
wer die Briefe geschrieben hatte. Man muss eben aufpassen, welchen Brief man in welches Kuvert
steckt. Das kann immer einmal zu Komplikationen führen.
Heute kann einem so etwas nicht mehr passieren. Handy, PC und Internet machen eine
Kommunikation möglich, die selten eine Verwechslung passieren lässt. Eine gute Erfindung für
junge Leute und Verliebte.

Kurzgeschichten, Gedichte

Die Neugierde
von Rudolf Winterfeldt
Im Frühjahr 1943 ging ich noch immer nicht zur Schule, obwohl ich schon 7 Jahre alt war. Zum
Einschulungstermin 1942 war ich an Keuchhusten erkrankt und wurde nicht eingeschult. Nun

www.magazin-spätlese.net

! von !30
26

sollte es in diesem Jahr erfolgen. Einschulungstermin war
damals die Zeit um Ostern, also März/April. Aber es sollte
dazu nicht kommen. Anfang März 1943 war ich mit meinen
Halbgeschwistern, der 4-jährigen Christel und dem 2jährigen Jürgen, allein zu Hause. Meine Mutter und mein
Stiefvater waren wohl zur Arbeit. Als ich zur Toilette
musste, war ich sehr neugierig, wie es denn wohl da oben
in dem Wasserkasten aussehen möge.
Es rauschte ja immer so geheimnisvoll und das Rauschen
Bild: Rainer Sturm / pixelio.de
hörte auch von alleine auf. Ich war wohl damals schon sehr
wissensdurstig und wollte in das Geheimnis dieser Technik
eindringen. Mutig schritt ich zur Tat. Die Klobrille wurde
hochgeklappt und ich bin darauf geklettert. Am Fallrohr habe ich mich festgehalten. Leider war
ich nicht groß genug, um in den Wasserkasten hineinschauen zu können.
Ich wusste mir zu helfen und machte am Kasten einen Klimmzug. Für diese Belastung waren aber
die Befestigungshaken nicht ausgelegt. Sie gaben nach, der Wasserkasten riss ab und ich fiel von
meinem „Hochstand“ direkt mit dem linken Bein in das Toilettenbecken. Da lag ich nun und war
doch, ob dieser Entwicklung meiner Entdeckungstat, sehr erschrocken. Das Poltern brachte
Christel auf den Plan. Sie kam angelaufen und sah die angerichtete Bescherung.
Durch die relative Schräglage des Wasserkastens, er hing nur noch am Fallrohr und an der
Wasserleitung, funktionierte das Verschlussventil nicht mehr und das Wasser lief, von oben aus
dem Kasten, auf den Fußboden. Das registrierte ich aber nur so nebenbei. Ich spürte nämlich am
linken Bein Schmerzen. Beim näheren Hinsehen erkannten wir beide, dass unter dem linken Knie
eine ca. 4 cm große Wunde klaffte. Sie blutete aber nicht, sah ganz weiß aus und war voller weißer
Splitter. Da wir nicht wussten wo das herkam, sahen wir in der Toilette noch einmal nach.
Im Toilettenbecken befand sich an der vorderen Seite ein handtellergroßes Loch. Ich war also mit
dem Knie auf das Keramikbecken gefallen und habe dabei dieses Loch verursacht. Inzwischen lief
das Wasser schon in die Wohnung. Wir wussten beide nicht, was wir nun machen sollten und ich
selbst hatte Angst vor den zu erwartenden Folgen. Ich wollte alles ein wenig vertuschen und erst
einmal die Splitter aus meiner Wunde entfernen. Der Versuch mit einer Handwaschbürste schlug
fehl. Die Schmerzen waren zu groß.
Das Wasser breitete sich immer weiter in der Wohnung aus. Da fasste Christel den Entschluss,
Hilfe zu holen. Sie öffnete das Fenster und rief laut. Kurze Zeit später kam eine Nachbarin und hat
erst einmal den Wasserhahn am Spülkasten zugedreht. Sie hat sich auch meine Wunde angesehen,
etwas darauf gelegt und mich ins Bett gebracht. Als meine Mutter kam, setzte sie mich in den
Kinderwagen von Jürgen und fuhr mit mir ins Krankenhaus bzw. zum Arzt.
Der reinigte die Wunde mit einer Pinzette und legte einen Verband an. Auf dem gleichem Wege
ging es mit dem Kinderwagen wieder nach Hause. Da lag ich nun in meinem Krankenbett mit
einem Loch im Bein und konnte wieder nicht eingeschult werden. Meine Mutter hat mich
regelmäßig zum Verbandswechsel gefahren und schließlich ist die Wunde auch verheilt. Eine
beachtliche Narbe ist von dieser Entdeckungshandlung zurückgeblieben.
Heute frage ich mich, warum die Wunde nicht genäht wurde. Aber eine Antwort werde ich wohl
nicht bekommen. Heute werden in den Toiletten keine Hochkästen mehr eingebaut und somit
bleibt neugierigen Kindern eine solche Erfahrung, wie ich sie gemacht habe, erspart.

Kurzgeschichten, Gedichte

Weihnachtszeit ist Friedenszeit
von Brigitte Foerster
Wenn ich an Weihnachten denke,
sehe ich ganz viele Geschenke.
Doch nicht jeder hat das Glück
und blickt auf Überraschungen zurück.

www.magazin-spätlese.net

! von !30
27

Da sind Kriege und Hass unter den Menschen,
während die anderen um Frieden kämpfen.
Gerechtigkeit und Ordnung kann es nur geben,
wenn alle Menschen in Frieden leben.
Frieden schaffen ohne Waffen,
das ist das Ziel.
Geh ich zu Weihnachten dann durch den Wald,
hör ich das Echo:
„Frieden, Frieden gibt es nun bald“.

Bild: Bredehorn Jens / pixelio.de

Kurzgeschichten, Gedichte

November
von Brunhild Hauschild
Bäume kahl
Himmel grau
regennasse Blätter
Welt aschfahl
Stimmung mau
s`halt Novemberwetter.

Bild: Angelika Koch-Schmid / pixelio.de

Wind pfeift laut
Amsel schweigt
Melodie der Klage
Licht geklaut
Tag sich neigt
s`sind Novembertage.
Nebel hängt
nasskaltschwer
typisch für November.
Warten lenkt
ringsumher
Hoffnung auf Dezember.

Literatur, Buchtipps

Für Sie gelesen: „Der Rentner-Lehrling“
von Waltraud Käß
Die letzte Geschichte „Der Rentner-Lehrling“ gibt gleichzeitig dem Buch seinen Titel. Matthias
Biskupek hat es geschrieben. Geboren 1950 in der DDR, in Mittweida, hat er eine vielen DDRBürgern ähnliche Biographie. Er macht im Jahre 1969 sein Abitur und gleichzeitig seinen
Facharbeitsabschluss als Maschinenbauer. Sein Studium absolviert er an der Technischen
Hochschule Magdeburg und arbeitet von 1973 - 1976 als Systemanalytiker im
Chemiefaserkombinat Schwarza in Thüringen. Der Besuch von Literaturzirkeln, die Teilnahme am
Schweriner Poetenseminar erwecken in ihm die Lust am Schreiben und Fabulieren. Er arbeitet am
Theater in Rudolstadt und von 1979 – 1983 am Geraer Kabarett „Fettnäppchen“. Seit 1990 ist er
viel unterwegs zu Lesungen, inszeniert Theater, eröffnet Ausstellungen. Vortragsreisen führen ihn
nach England, Japan, die Schweiz, Polen und Finnland. In seinem Werk „Der Rentner-Lehrling“
erzählt Matthias Biskupek Zeitgeschichte (n). Für jedes Lebensjahr, in insgesamt 69 Beiträgen,
erzählt Biskupek seine Lebensgeschichte(n), von denen man nicht genau weiß, ob sie wahr oder
erfunden sind. Das erhöht die Spannung beim Lesen. Da jedoch in jeder komischen, frechen oder

www.magazin-spätlese.net

! von !30
28

nachdenklichen Geschichte auch Episoden der jeweiligen
gesellschaftlichen Ereignisse zu finden sind, kann man
davon ausgehen, dass sie der Realität sehr nahekommen.
Leseproben:
1950
Mein Vater war „dor Gander“, was im alten, heute kaum
noch gesprochenen Dorfsächsisch nichts anderes als
Dorfschulmeisterlein bedeutete, ein „Neulehrer“.
Unausgebildete, aber zuversichtliche junge Leute waren das,
Bild: Waltraud Käß
nach dem Krieg im Osten Deutschlands nötig geworden,
weil man die alten, belasteten Nazilehrer nicht mehr haben
mochte.
1961
Im April war Juri Gagarin ins Weltall geflogen; ich schrieb „ Andere Sterne -Ein Zukunftsroman“
in ein liniiertes Pappbuch, bastelte dafür einen Schutzumschlag und zeichnete darauf eine Rakete.
Sie erinnerte an die von Bur Yam, dem Raumschiffkommandanten aus den Digedags.
1970
Es wurde die Personenkennziffer eingeführt und Legenden wucherten. Die Stasi hatte längst nicht
jenen Stellenwert, den heutige Geschichtserklärer ihr beimessen, aber die 12 Stellen jener Pekazett
beschäftigten mathematisch Interessierte, also Studenten der technischen Kybernetik.
Geburtsdatum, Geschlecht und Wohn-bzw. Meldeort steckten drin. Doch was war mit den
restlichen beiden Ziffern?
1982
Ihr wisst noch gar nichts von meinem Urlaub? Ich war in der Sowjetunion. Wirklich. Nicht nur
Moskau, auch Baku, Tblissi und Schemacha und Scheki. Sagt Euch nichts? Kosten tut so eine
Reise schon was, aber dafür waren wir fast so edel untergebracht wie die Westdeutschen.
Manchmal saßen wir mit denen sogar in einem Speiserestaurant; die bekamen auch nichts
anderes serviert als wir. Immer vom Feinsten gedeckt, immer Kristallgläser, jeden Abend Wein,
grusinischen.
1990
Es begab sich aber zu der Zeit, da Dr. Helmut Kohl Landpfleger im germanischen Orient wurde
und alles schöner und anders werden sollte. Davon hatte man auch im Land der aufgehenden
Morgensonne gehört und nun wollte man helfen und lehren und zeigen. So wurde aus jeder
Landschaft des deutschen Orients genau um ein menschliches Exemplar gebeten und aus jedem
Beruf ebenfalls ein gut qualifiziertes Wesen. Und siehe da, es waren zwölfe.
2000
Silvester in Berlin. Brandenburger Tor und Tierpark, wo mitternächtlicher Raketenrauch ein
Schlachtfeld imaginierte. Das große Lichtspektakel von
Gert Hof mit Mike Oldfield an der Siegessäule versank
Bild: Angelika Koch-Schmid / pixelio.de
im Nebel. Hof hatte ich in tiefer DDR in Leipzig
kennengelernt, als er mit Harald Pfeifer Brechts „Kleines
Mahagonny“ inszenieren wollte.
2010
Ich wurde im Oktober 60. Eitel genug, das zu feiern, lud ich ins Rudolstädter Schillerhaus bzw.
dessen Restaurant ein. Ich mochte, wie schon bei meinem Fünfzigsten, keine zwei, drei, vier
Begängnisse: Familie, Jugendfreunde, Kollegen und Nachbarn haben alle zu einer Feier zu
kommen. Die dann entsprechend ausuferte.
Viel Spaß bei der Lektüre.
Matthias Biskupek „ Der Rentner- Lehrling“, ISBN 9 783954 625383

Literatur, Buchtipps

Dichterland Brandenburg
von Ursula A. Kolbe
Hier ist der Titel Name. Das Land Brandenburg steht für die Mark, die Wälder, Seen, Kirchen und
Schlösser, die Weite seiner Natur. Und eine seine Besonderheiten sind die Dichter und ihre

www.magazin-spätlese.net

! von !30
29

Schicksale, die in Brandenburg in einer ungewöhnlichen
Fülle anzutreffen sind. Die aktuell vorliegende 2. Auflage
von „Dichterland Brandenburg“ des Schriftstellers und
Publizisten Werner Liersch (1932 – 2014) widmet sich
diesen literarischen Entdeckungen zwischen Havel und
Oder, den Großen der Literatur, wie Heinrich von Kleist,
Ludwig Tieck, Adelbert von Chamisso, Bettina von Arnim,
Heinrich Heine, Theodor Fontane, Theodor Storm, Gerhart
Bild: vbb verlag für
Hauptmann, Georg Kaiser, Kurt Tucholsky, Gottfried Benn,
berlin-brandenburg
Hans Fallada und Bertolt Brecht, aber auch die
Unangepassten und Verfolgten wie Erich Mühsam, Gertrud
Kolmar und Boris Djacenko.
Das Buch ist ein Streifzug voller Entdeckungen, aber auch
eine Reise in die brandenburgisch-preußische und deutsche Geschichte. Hier wird ein literarisches
Bild festgehalten, in dem sich die bewegte Vergangenheit und Gegenwart dieses märkischen
„Dichterlandes“ spiegeln.
Vielen wird das „Dichterland Brandenburg“ in den nächsten Wochen und Monaten noch näher
kommen, wenn mit Blick auf den 200. Geburtstag von Theodor Fontane – er wurde am 30.
Dezember 1819 in Neuruppin geboren und starb am 20. September 1898 in Berlin – im FontaneJahr dessen Leben und Werk gewürdigt wird, hat er doch als Autor die Identität Brandenburgs mit
geprägt und über dessen Grenzen hinaus vermittelt. Denken wir nur an seine mehrbändigen
„Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ oder Werke wie „Effi Briest“, „Der Stechlin“, das
Gedicht vom Birnbaum „ Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“.
Werner Liersch beschreibt in seinem Buch unter dem Titel „Fontis Wanderungen“ Fontanes
Leben und Schaffen, das auch heute den Lesern Einsichten und Wesen in die märkischen Lande
vermittelt. Und Wolfgang de Bryn hat in seinem Vorwort zum Buch festgehalten: „Werner
Lierschs märkische Literaturgeschichte wird zu Recht ein Standardwerk genannt, das zur
Reputation und zum Selbstverständnis dieses Landes und seiner Literaten mehr beigetragen hat
als jede noch so ehrgeizige Jubiläums-Kampagne. Jedem, der dies für sich annehmen möchte, sei
sein Fazit ins Stammbuch geschrieben: ‚Brandenburgs Dichter haben einige Poesien für unser
Gedächtnis erschaffen. ‘“
vbb verlag für berlin-brandenburg, ISBN 978-3-947215-17-1

Impressum
BEZIRKSAMT MARZAHN- HELLERSDORF VON BERLIN
RIESAER STRAßE 94
12627 BERLIN
REDAKTION SPÄTLESE
Telefon: (030) 90293-4371
Telefax: (030) 90293-4355
E-Mail: magazin-spaetlese@gmx.de
Internet: www.magazin-spätlese.net

www.magazin-spätlese.net

! von !30
30
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.