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Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2016,9/10

22

Ausgabe September Oktober 2016

SPÄTLESE

Jahre

www.magazin-spätlese.net

DAS MAGAZIN FÜR AUFGEWECKTE SENIORINNEN
Inhalt der Ausgabe
Alltag eines Abenteuers

2

Bei „Huchen-Pepi“ gibt‘s
„Wein bei ´de Fische“

3

Frieden für alle Menschen

4

Spreewälder Aronia-Saison im Biohof Schöneiche

4

Schlaflos mit Humor

6

Hallig-Schüler „ferngesteuert“

6

Eine nicht ganz unwahrscheinliche
Begegnung

7

Die wechselvolle Geschichte der
Finckensteinallee 63- Teil I

8

Die Liebermann-Villa

10

Die Berliner Sternwarte

11

Lieber die Ruhe bewahren

12

Buchenwälder - groß, alt,
einzigartig … kostbare Schätze!

12

Sag niemals nie

14

Fahrtziel Natur: Umweltfreundlich
in schöne Gegenden

15

Großerlebnis Kreuzfahrt

17

BAGSO - Aktionswoche:
„Auf Rädern zum Essen“

18

Die Pendeluhr

18

Bei den Dichtern gestöbert…

19

Der Autokauf

19

Das Trümmerfeld und Die Mühle
am Bach

20

Sommerland

20

Frühsommer und Am Morgen

21

Verpasste Gelegenheit

21

WAS

ERWARTET

SIE

Die neue Ausgabe des SeniorenMagazins „Spätlese” ist online
unter:
www.magazin-spätlese.net
verfügbar.
Die Leserinnen und Leser können sich auf interessante und
lesenswerte Themen freuen. Die
ehrenamtlichen Autoren haben
sich auch in dieser Ausgabe bemüht, für jeden Geschmack etwas anzubieten.
Barbara Ludwig äußert ihre Meinung zum Thema Krieg und Frieden. Christa-Dorit Pohle war
beim Sommerfest im Haus
„Kompass“ und bei den Bienen.

IN

DIESER

AUSGABE?

Ursula A. Kolbe berichtet über
Buchenwälder, war auf einer Hallig und beim „Huchenpepi“. Waltraud Käß beschäftigt sich mit
der ehemaligen Kadettenanstalt
in Berlin. Rudolf Winterfeldt
schreibt über die „DrushbaTrasse“.
Verschiedene Autoren berichten
über einen Autokauf, die Liebermann-Villa, einen Ritt auf einem
Kamel, die alte Berliner Sternwarte und über eine verpasste
Gelegenheit sowie einer Kreuzfahrt.

www.magazin-spätlese.net

Seite 2

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
ALLTAG

EINES

von Rudolf Winterfeldt

ABENTEUERS

Bild: Herbert Großmann

Am 19.07.2016 fand die Fotoausstellung über die „Drushba-Trasse“ im
Stadtteilzentrum Hellersdorf-Süd ihren
Abschluss. Die Leiterin des Stadtteilzentrums, Frau Ottilie Vonbank, hatte
diese Ausstellung organisiert und zu
diesem Abschluss die Autoren, Dietmar
Schürtz und Hajo Obuchoff, eingeladen.
Den anwesenden Interessenten wurde
ein Film von Dietmar Schürtz über die
Drushba-Trasse gezeigt und im Anschluss wurden Fragen der Zuschauer
beantwortet. Mein Interesse führte
mich auch zu dieser Veranstaltung und
meine Begeisterung für dieses Thema
war groß. Um mehr zu erfahren, verabredete ich mich mit Dietmar Schürtz zu
einem Gespräch. Dessen Hobby an der
Trasse war die Fotografie. Daraus resultieren die vielen vorhandenen Fotos
von der Trasse.
Alles begann 1970 mit einem Vertrag
zwischen der Sowjetunion und der BRD
zur Lieferung von Pipeline-Rohren von
Mannesmann aus Deutschland gegen
Erdgas aus der Sowjetunion. Außerdem
lieferten gegen Erdgas: Die BRD, Italien und Finnland technische Ausrüstungen, Japan, Frankreich und USA
Bautechnik.
Die Bauausführung und umfangreiche
Baumaterialien übernahmen die damaligen RGW(Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe) -Mitgliedsländer DDR,
Polen, CSSR, Ungarn und Bulgarien auf
ihre Kosten, um dafür Erdgas zu erhalten. Jedes Land hatte ca. 500 km Leitung zu bauen.
Die DDR baute von 1975 bis 1978 ihren
Abschnitt der Trasse von Krementschuk
nach Bar. Die Arbeitskräfte wurden unter dem Begriff „Jugendobjekt Drushba-

Trasse“ geworben und ausgesucht. Betriebe oder die FDJOrganisation delegierten vor allem junge Facharbeiter. Es konnte sich aber auch jeder persönlich bewerben. Kriterien wie Arbeitsmoral, fachliches Können,
gesundheitliche Eignung und
auch moralische Eigenschaften
bestimmten die Auswahl. Rund
10.000 Arbeiter in den verschiedensten Gewerken waren in den
vier Jahren an der Trasse tätig.
Jeder Arbeiter musste sich für
eine Zeit von 2-3 Jahren verpflichten. Die Arbeitszeit betrug
von Montag bis Sonnabend täglich 10 Stunden und wenn notwendig auch länger. Drei Monate
wurde durch gearbeitet und dann
gab es drei bis vier Wochen Freizeit in der Heimat. Auch mit Vergünstigungen wurde geworben.
Schnellerer Erwerb von PKW und
Möbel lockte natürlich.
Wer bestätigt wurde, bekam von
„Jugendmode“ der DDR eine extra „Trassenbekleidung“ als Tageskleidung für besondere Anlässe. Die Arbeitskleidung gab es
auch dazu. Für die Schweißer
sogar Lederkleidung. Zur Vorbereitung auf den Auslandseinsatz,
der für die Mehrheit ein Abenteuer in den Weiten der Sowjetunion
war, gab es eine Schulung über
Land und Leute und bestimmte
Verhaltensweisen gegenüber der
hiesigen Bevölkerung. In der Praxis sah aber vieles anders aus.
Für die Unterkunft wurden Baracken aufgestellt. Es gab aber
auch mobile Wohnlager in denen
Wohnwagen genutzt wurden.
Die kulturelle Betreuung übernahmen in den ersten drei Monaten mein Gesprächspartner Dietmar Schürtz mit einem Kinowagen und Hajo Obuchoff mit einem
Disco-Mobil. Beide waren über
die Jahre an der gesamten Trasse
und auch in den anliegenden Ortschaften im Einsatz und zeigten
Filme und organisierten DiscoVeranstaltungen. Darüber hinaus

organisierten sie auch Zusammenkünfte mit Gruppen des sowjetischen Komsomol und mit Musik- und Kulturgruppen aus der
DDR. Sie waren die „Kulturniks“.
Insgesamt waren an der Drushba-Trasse 24 „Kulturniks“ tätig.
Das waren Bibliothekare in Büchereien, 2 Kinowagen mit jeweils 2 Personen, ebenso 2 Personen im Disco-Mobil und je
Standort 2 Kulturleiter. Alle arbeiteten im Wechsel.
Wie wurde nun aber an der Trasse gebaut? Auf einer Schweißbasis wurden drei Rohre, die 11 m
lang, mit einem Durchmesser von
1,42 m waren, zu einem 3erSegment (ca. 33 m ) zusammen
geschweißt. Diese Segmente
transportierten Fahrzeuge zum
Linearen Teil (dort wo die Erdgasleitung in die Erde versenkt
wurde) wo sie dann weiter zusammen geschweißt, geröntgt,
isoliert und ins Erdreich versenkt
wurden. In einer Schicht schafften die Schweißer so bis zu elf
Schweißnähte. Das absolvierten
sie bei jeder Witterung. Besonders schwer hatten es die Trassenbauer im Winter bei oft unter
minus 30 Grad Kälte, bei Schnee
und Eis und im Frühjahr in knietiefem Schlamm.
Neben der Erdgasleitung wurden
aber noch viele andere Objekte
von der Bauarbeitern errichtet.
So z.B. hunderte Wohnungen für
die späteren Betreiber der Leitung. Fünf Verdichterstationen,
die alleine ein kleines Werk darstellten und eine Dispatcherzentrale, die heute für die gesamte Ukraine den Gasfluss regelt. Ebenso gab es Bauleistungen für die Infrastruktur um die
Trasse.
Es war für mich sehr beeindruckend, was ich an jenem Abend
im Kompass und bei dem Gespräch mit Dietmar Schürtz über
die Drushba-Trasse erfahren habe. Wenn Sie, liebe User mehr
über dieses Projekt erfahren

Seite 3
möchten, dann finden Sie im Internet
unter „Drushba-Trasse“ oder
„Trassenbank.de“ weitere Informationen. Aber auch unter www.fivia.de kön-

nen Sie eventuell mit dem
Filmclub und mit Dietmar
Schürtz in Verbindung treten.
Als Quelle diente auch das

Buch „Die Trasse – ein Jahrhundertbau in Bildern und Geschichten“ aus dem Verlag Das
neue Berlin.

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
BEI

„HUCHEN-PEPI“

von Ursula A. Kolbe

GIBT‘S

Bild: Weingut Josef Fischer

Das Etikett auf den Flaschen des Weingutes Josef Fischer aus Rossatz in der
Wachau beiderseits der Donau kurz vor
den Toren Wiens ziert einen Fisch, den
Huchen. Das ist doch ungewöhnlich und
stellt die Frage in den Raum, ist Josef
Fischer nun Winzer oder ist er Fischer.
Nun, er ist Beides.
Auf dem Winzergut (1898 zum ersten
Mal urkundlich erwähnt) in vierter Generation groß geworden, lag es in der
Natur, auch Winzer zu werden und den
Hof weiter zu führen. Aber wie der Zufall es will, der Großvater war es, der
durch seine Erzählungen das Interesse
des kleinen Josef für Fische weckte,
für ganz spezielle – den heimischen
Huchen. Denn im Donauabschnitt bei
Rossatz soll es früher große Huchenfänge gegeben haben. Doch nach dem
Kriegsende schienen sie ausgestorben
zu sein.
Das hatte von klein auf seine Angelleidenschaft geweckt. Er war Winzer geworden und doch nebenbei immer seinem Hobby als Angler gefrönt. Später
fing er an, selbst Huchen zu züchten,
mit dem Blick, die Huchen in seiner
Region wieder mit sesshaft zu machen.
Obwohl er sie auch gut verkaufen könnte, wie er sagt. Aber ihm geht es in erster Linie darum, mit „seinen“ Huchen
die Vielfalt in Österreichs Flüssen zu
erhalten.
Damit hat er sich übrigens österreichweit unter den Fischfreunden einen Namen gemacht, wird von vielen auch

„WEIN

BEI

´DE

„Huchen-Pepi“ genannt. Und
wenn es heißt, ein Fischer
braucht Geduld, Gespür und
Hingabe und die passende
Ausrüstung natürlich, egal ob
er in den Weinreben steht
oder am Donauufer sitzt, er
hat’s.
Heute kann er sich „seinen“
Huchen uneingeschränkt zuwenden. Nein, nicht als Broterwerb. Den hat jetzt Sohn
Josef, der „Joe“ und ebenfalls
Winzer, auf dem Weingut
übernommen und „fischt“ auf
dem rund neun Hektar großen
elterlichen Gut in nunmehr
fünfter Generation die Trauben, stellt vor allem den Grünen Veltliner und Riesling her.
Was sind das nun für Fische?
Der Huchen, auch Donaulachs
oder Rotfisch, aber auch
‚Donausalm‘ genannt, besiedelt die Äschen- und Barbenregion von Flüssen, vor allem
der oberen und mittleren Donau und vielen ihrer rechtsseitigen Nebenflüsse wie Drau,
Drina, Melk, Mur, Pielach und
die untere Gail.
Der Huchen, zwischen 60 und
120, max. 150cm lang, lebt
im Unterschied zu vielen anderen Lachsfischen ständig
im Süßwasser, meist in tieferen Abschnitten von schnell
fließenden, sauerstoffreichen
Flüssen. Er ist ein standorttreuer, territorialer Einzelgänger.
Die jungen Huchen ernähren
sich von Wirbellosen aller Art,
erwachsene sind Raubfische
und jagen vor allem Fische,
aber auch andere kleine Wirbeltiere wie Amphibien, im
Wasser schwimmende Mäuse
oder Entenküken. Zur Laichzeit im März oder April wan-

FISCHE“
dern Huchen flussaufwärts zu
seichten und kiesigen Flussstellen und können sich bis über
100 km erstrecken. Doch Donauregulierung und Kraftwerkbau haben ihm vielfach die
schottrigen Laichgründe entzogen. Allein in der Isar sind 35
Wasserkraftwerke in Betrieb,
das erste wurde bereits 1896
errichtet. Neben den Verschlammungen von Staubereichen gefährden Wasserableitungen und
die zu geringen Restwassermengen, oft im Zusammenhang mit
dem Schwallbetrieb von Wasserkraftanlagen, di e Huchenbestände.
Stark vom Aussterben bedroht,
wurde der Huchen in Österreich
Fisch des Jahres 2012. In
Deutschland war er Fisch des
Jahres 2015. Da war er in der
Donau noch Anfang des 20.
Jahrhunderts weit bis oberhalb
Ulm und in den Zuflüssen wie
Isar, Lech und Regen anzutreffen.
Durch den mittlerweile starken
Verbau und die massive Regulierung der Donau und ihrer Nebenflüsse sind die Wander- und
Fortpflanzungsmöglichkeiten
des Huchen so stark eingeschränkt, dass eine erfolgreiche
Fortpflanzung und damit das
Überleben in vielen Flussabschnitten nicht mehr möglich ist
– stellvertretend für zahlreiche
Fischarten der Fließgewässer.
Ja, „Huchen-Pepi“ hat sich österreichweit unter den Fischern
einen Namen gemacht. Er hat
sich der Huchen-Zucht verschrieben, will seinen Beitrag
zur natürlichen Vermehrung für
den Arterhalt leisten. Er fängt
Elterntiere ein, hält sie auf dem
Grundstück in speziellen Becken und kleinen Teichen. Wenn

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die Brut eine Größe von vier bis zehn
Zentimetern erreicht hat, setzt er sie in
den Donau-Nebenflüssen Mur in der
Steiermark und Enns in Oberösterreich
aus. Seit 2000 ist die Wachau als
UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt, ist
Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Deren Ziel ist die
Erhaltung der wertvollsten natürlichen
Lebensräume und Tier- und Pflanzenarten. „Seinen“ Huchen hat sich der

„Huchen-Pepi“ voll und ganz
verschrieben. Mit der Unterstützung von Ehefrau Ulrike, der
„Ulli“, die sich um die Finanzen
und Gäste kümmert, und WinzerSohn „Joe“ und dem Weingut im
Rücken. Und wenn sie alle im
gemütlichen Degustationsstüberl oder davor im Freien auf der
Sitzbank die schöne Aussicht
über die umliegende Weinland-

schaft und Marillengärten bis
hinüber nach Dürnstein am
anderen Donauufer genießen,
sehen wir einen glücklichen,
zufriedenen Josef Fischer sen.
vor uns.
Übrigens: Wein und Fisch ergänzen sich bestens. In diesem
Sinne: „Wein bei ´de Fische!“

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
FRIEDEN

FÜR

von Barbara Ludwig

ALLE

MENSCHEN

Berlin geht auf die Straße zur großen
Friedensdemonstration am 8. Oktober
2016. Kommen Sie mit! Jeder Einzelne
zählt! Demonstrieren Sie für ein friedliches Leben, insbesondere für das unserer Kinder und Enkel. Für diese ist jede
Mühe lohnenswert. Politiker sprechen
von Kriegsgefahr, aber leben wir nicht
bereits im Krieg? – Im Weltbürgerkrieg?
Die weltweiten Kriege und Attentate
beweisen es täglich. Die Mittel sind
zum Teil andere als im 1. und 2. Weltkrieg. Das Internet hat seine Hände im
Spiel – gefährlich, hinterhältig, absurd,
undurchsichtig. Die NATO ist vorgerückt
bis an die Grenzen Russlands. Sie stationiert Truppen in Polen und im Baltikum. Konfrontation ist oft eine Vorstufe
zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Achtung! Ein Atomkrieg wäre dann
nicht mehr ausgeschlossen und könnte
Europa zum tragischen Ende führen.
Deshalb sollte jedwede Friedensbewegung alle angehen. Deutsche Soldaten
befinden sich bereits im Dienst an den
Grenzen zu Russland. 75 Jahre nach
dem Überfall Deutschlands auf die
Sowjetunion. Deutschland hätte es verdammt nötig, Russland solidarisch zur
Seite zu stehen, denn ihm haben wir

das Kriegsende 1945 und
den Frieden zu verdanken.
Lasst uns Russland nicht
zum Feind werden! Die Russen sind stark, aber Krieg
wollen sie nicht! Eine Meldung dieser Tage gibt Hoffnung: Es begeben sich im
August (Redaktionsschluss
13.8.16) 250 Menschen auf
Motorrädern und mit Wohnwagen auf eine Friedensmission
nach Moskau. Sie erkennen die
Notwendigkeit, Russland jetzt
solidarisch zur Seite zu stehen.
Riesig ist das Problem der Rüstungsproduktion und der ausgaben! Das Ziel der Militärausgaben in Deutschland liegt
bei 3,4 % des Bruttosozialproduktes, das ist der gleiche hohe
Anteil wie in den USA. Seit Jahren wird Deutschland von den
USA bedrängt, eine stärkere
Rolle innerhalb der NATO zu
spielen, um die Führungsrolle
der USA zu entlasten. Deutschland aber hätte es nötig, sich
aus dem Kriegsgeschrei und gewirr heraus zu halten. Wohin

Foto: Bernd Wachtmeister / pixelio.de

kann das Kriegsgezeter führen?
Diese Frage kann sich jeder
selbst beantworten. Schwierig
ist die Antwort wahrhaftig
nicht. Für die Ältesten der Senioren beginnt sich jetzt womöglich der Kreis zu schließen. Für
sie begann das Leben im Krieg.
Es darf nicht im Krieg enden!
Frei und ohne Angst soll das
Leben für alle sein! Deshalb
müssen wir Senioren, so gut wir
in der Lage sind, die Friedensbewegung unterstützen! Die
Demonstration ist eines der
richtigsten und wichtigsten
Mittel.
Literatur.: Rotfuchs, Aug.2016,
Hintergrund II.Quart.2016

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
SPREEWÄLDER
von Ursula A. Kolbe

ARONIA-SAISON

Der Spreewald überrascht immer wieder mit neuen Facetten. Stichwort Aronia, auch als Apfelbeere bekannt. Seit
wenigen Jahren gedeiht sie nun auch
hier, im Brandenburgischen auf dem
Biohof Schöneiche, einem Ortsteil der

IM

BIOHOF

SCHÖNEICHE

Gemeinde Steinreich
(Oberspreewald-Lausitz). 2013
entstand auf rund 50 Hektar
Westeuropas größte BioAroniaplantage.
Gegründet hat sie Bio-Landwirt

Heinz Peter Frehn gemeinsam
mit dem Dresdner Unternehmen
Aronia Original Naturprodukte.
Inzwischen wird hier am Rand
des Spreewalds auf 130 ha BioAronia kultiviert. Deutschland-

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weit wächst diese Wildobstart auf 400
ha. Pro Hektar werden übrigens im
Schnitt fünf bis zehn Tonnen geerntet.
Seit Mitte August ist nun die 2016er
Ernte dieser immer beliebter werdenden
Frucht bis in den Oktober hinein im
Gange. Auch Inhaber Heinz-Peter Frehn
und Christoph Frehn hatten auf ihrem
Biohof am 19. August den offiziellen
Startschuss in ihre Ernte-Saison gegeben.
Die süß-säuerlich-herb schmeckenden
Beeren gehören zur Familie der Rosengewächse. Die gezüchteten Kulturbeeren sind größer als die Blaubeeren und
erinnern in ihrer Form an einen MiniApfel. Nach den Erfahrungen von Bauer
Frehn sind die Pflanzen genügsam. Aber
nötig seien ausreichend Wasser und
Luft zum Atmen. Gleich beim Setzen der
Pflanzen kommt ein Bewässerungsschlauch mit ins Pflanzloch, erklärt der
Landwirt. Dünger, Pflanzenschutzmittel, Wachstumsbeschleuniger sind tabu.
Ursprung im nordöstlichen Nordamerika
Ihren Ursprung hat die Pflanze im nordöstlichen Nordamerika. Dort wächst sie
auf den verschiedensten Böden. Bereits
Indianer haben die Aroniabeere geschätzt und als Winterproviant genutzt.
Für das, aus der Cree-Sprache abgeleitete, Pemmikan, eine nahrhafte und
haltbare Mischung aus zerstoßenem
Dörrfleisch und Fett, wurden, wenn vorhanden, Aroniabeeren untergemischt.
Ähnlich Rezepturen kannten auch andere Stämme.
Um 1900 kamen die ersten Pflanzen
nach Russland und Deutschland
Die obstbauliche Bearbeitung der Apfelbeere begann in Russland und wurde
in der ehemaligen Sowjetunion fortgesetzt. In Osteuropa ist das Wissen um
die heilende Wirkung der Aronia seit
Jahrzehnten Allgemeingut. Hierzulande
nimmt ihr Erfolg erst jetzt so richtig
Fahrt auf; die ersten Pflanzen hatten
um 1900 den Weg nach Deutschland
gefunden. Der russische Botaniker Iwan
Wladimir Mitschurin (1855 – 1935)
brachte Pflanzen um die Wende zum 20.
Jahrhundert für Zuchtzwecke nach
Russland. Um 1910 bis 1920 kreuzte er
die Apfelbeere mit den Gattungen Sorbus (hier: Eberesche) und Mespilus
(Mispel). 1935 legte dann sein Nach-

folger, der Ukrainer Michael Afanasjewitsch Lisawenko (1897 – 1967), eine Versuchsanlage in Gorno-Altaisk (Altaigebiet)
an. Weil damit gute Erfahrungen gemacht wurden,
ist die Apfelbeere 1946
erstmals in der Sowjetunion als Obstart anerkannt
und für den Anbau im Altai-Kreis empfohlen worden. In den folgenden Jahren vergrößerten sich die Anbauflächen; allein in der Gegend des heutigen Sankt Petersburg (damals Leningrad)
sind 20.000 Stück in verschiedenen Versuchsanlagen
gepflanzt worden. Fazit 1971:
Aronia-Anbau in Russland außerhalb der Schwarzerdeböden auf nunmehr insgesamt
5.400 Hektar. Um diese Zeit
sind die Pflanzen ebenfalls in
Moldawien, Weißrussland und
in der Ukraine kultiviert worden. 1975 dann die Aufnahme
in die Sortenliste der UdSSR.
In Russland gilt Aronia bis
heute als herausragendes
Volksheilmittel, das besonders den Zellschutz verbessert und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt.
In der DDR startete der Anbau
1976. Die erste Plantage wurde in der LPG Berglandobst in
Schirgiswalde bei Bautzen
bepflanzt. Sie gehört heute
zum Obsthof Stolle. Den Weg
nach Deutschland fanden übrigens die ersten Pflanzen so
um 1900.
Anfangs wurde ihr Saft zum
Färben von Lebensmitteln genutzt. Jetzt wird die Beere
meist wegen ihrer Inhaltsstoffe geschätzt – sie trägt deshalb den Beinamen Gesundheitsbeere. Die Früchte werden zu Säften; für einen Liter
sind etwa 1,2 bis 1,5 kg nötig
– sowie Marmeladen, Gelees
und Kosmetika verarbeitet.
Die von Aronia entwickelten
Flavonoide gelten als hoch-

Foto: kladu / pixelio.de

wirksame Radikalfänger. Freie
Radikale wiederum sollen Auslöser zahlreicher Krebserkrankungen sowie Arteriosklerose
und der Alzheimer Krankheit
sein.
Die Beeren enthalten weiterhin zahlreiche Vitamine wie
B1, B2 (Riboflavin), B3
(Niacin), B5, B6, B7, B9
(Folsäure) und B12. Der Anteil
der fettlöslichen Vitamine in
Aronia besteht aus den Vitaminen A, E und K sowie dem Provitamin A. An Mineralien sind
vor allem Eisen und Jod zu nennen. Das ebenfalls enthaltene
Phenol ist ein hoch wirksamer
Inhaltsstoff zur Entgiftung des
Körpers. Er hat die Eigenschaft, aggressive Sauerstoffund Stickstoffmoleküle an sich
zu binden, weshalb beispielsweise in der Fachliteratur bei
Belastungen durch Metalle (z.
B. Blei, Quecksilber, Amalgan)
Phenol-Zugaben empfohlen
werden.
Auf jeden Fall können wir
konstatieren: Von der steigenden Nachfrage nach regionalen Produkten, regionalen Geschmacksrichtungen und Rezepturen profitieren seit einigen Jahren auf jeden Fall die
Wildobstarten. Neben Sanddorn und Holunder ist Aronia,
die Apfelbeere, im Kommen.
Sehen wir dem mit Interesse
entgegen.

Seite 6

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
SCHLAFLOS

MIT

von Christa-Dorit Pohle

HUMOR

Für den 4. Juli hatte ich eine Einladung
zum Sommerfest in der Begegnungsstätte „Kompass“. Um diese Jahreszeit
gibt es ja viel zu tun im Garten. Da habe
ich mich besonders gefreut, mal einen
Tag ausruhen zu können in angenehmer
Gesellschaft, und dazu kam die Vorfreude auf die Aufführung des
„Theaters der Erfahrungen“.
Zuerst saßen wir auf der Terrasse und
wurden vom Team des Hauses mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Die Mitarbeiter des „Kompass“ gaben sich wie immer große Mühe, allen Wünschen der
Gäste gerecht zu werden. Inzwischen
wurde im Saal für die Vorführung alles
vorbereitet. Dann war es soweit, dass
wir unsere Plätze einnehmen und die
Mitglieder der Theatergruppe
„Spätzünder“ kennenlernen konnten.
„Schlaflos in Berlin“ hatten sie ihr Programm genannt und wollten uns auf
sehr humorvolle Art hinter die Kulissen
schauen lassen, was sich so in deutschen Betten tut. Und das ist ihnen
auch sehr gut gelungen.
Sehr sympathische ältere Damen und
drei Herren gestalteten das Programm
rund um die Einschlaf-Probleme. Ein
Problem mitten aus dem Leben gegriffen (uns allen nicht fremd) und so humorvoll unter die Lupe genommen, dass
wir sehr viel zu lachen hatten. Schon
die Bühnengestaltung war einfallsreich
und raffiniert. Wir Zuschauer glaubten,
ein Bett vor uns zu sehen und darin liegend die Seniorin Ella, welche erfolglos

versucht, einschlafen zu
können. Aber Ella stand in
einem schmalen Gang zwischen dem angedeuteten
Bett und hielt ihren Kopf an
das Kopfkissen, welches an
der Wand befestigt war. Diese Dekoration wirkte sehr
echt. Die mitspielenden Damen waren auf die Idee gekommen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, und wenn
eins der Mitglieder nicht einschlafen konnte, dann durfte er
die anderen anrufen und die kamen dann zu Hilfe. Ella war in
Einschlaf-Not und hatte um Hilfe
gebeten. So sahen wir auf der
Bühne die Ladys alle im Pyjama,
ausgerüstet für eine nächtliche
Party mit Wein und Knabbereien,
falls es mit dem Einschlafen von
Ella nicht klappen sollte. Ella
drehte ihren Kopf am Kopfkissen
immer hin und her. Die Ladys
standen im Kreis und summten
die Melodie „Guten Abend, gute
Nacht…“. Kein Erfolg. Ella sollte
es doch mal mit Schäfchen zählen versuchen. Über dem Bett
erschienen kleine, weiße Schäfchen und auch ein schwarzes.
Kein Erfolg. Nun beschloss die
Gruppe, eine Pyjama-Party daraus zu machen. Es wurden viele
lustige Lieder gesungen, Geschichten rund um das Schlaf-

Foto: Rike/www.pixelio.de

zimmer erzählt. Ein Herr sorgte
für die Beleuchtung, der zweite
Herr begleitete musikalisch.
Ganz toll gemacht, wir hatten
sehr viel Spaß. Als der Morgen
schon dämmerte, wollten alle
Ladys noch gemeinsam frühstücken. Ella ging in die Küche um
Eier zu braten und sie kam
nicht wieder zum Vorschein.
Und dort fanden sie die anderen dann am Küchentisch, sie
war fest eingeschlafen, unsere
Problem-Kandidatin.
Es war ein wunderschönes
Nachmittagsprogramm, welches uns viel Freude bereitet
hat. Und wir sagen ein herzliches Dankeschön an alle, die
dieses Sommerfest ermöglicht
haben. Nachdem noch Bratwurst und Kartoffelsalat gereicht wurden, konnten wir den
Heimweg antreten mit dem Gedanken „So richtig nett ist`s
nur im Bett…“.

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
HALLIG-SCHÜLER
von Ursula A. Kolbe

„FERNGESTEUERT“

Als ich kürzlich im Mitteilungsblatt
„DEUTSCH aktuell“, herausgegeben
vom Bundespresseamt, blätterte, stieß
ich auf eine interessante Nachricht
über das virtuelle Klassenzimmer auf
der Halligschool Langeneß in Nordfriesland. Sicher, nichts Besonderes
mag man denken. Aber wie wird eigentlich auf so einer Hallig im Wattenmeer
der Schulunterricht organisiert?
Die Halligen sind ja bekanntlich flache,

meist nicht eingedeichte, bei
Flut teilweise überschwemmte
Marscheninseln; Reste ehemaliger Festlandmarschen, die durch
Sturmfluten seit dem 11. Jahrhundert zerstört wurden. Zum
Schutz gegen die Sturmfluten
stehen die Häuser auf vier bis
fünf Meter hohen künstlich aufgeschütteten Hügeln, den Warften oder Wurten, wie sie genannt

werden. Den Jahreszeiten und
Witterung angepasst, gibt es
verschiedene Festlandverbindungen: Hooge und Langeneß z.
B. haben vom Frühjahr bis zum
Spätherbst zweimal täglich eine Fährverbindung, im Winter
jedoch nur eingeschränkt. Langeneß ist zusätzlich genau wie
Oland und Nordstrandischmoor
über einen Lorendamm erreich-

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bar. Aber jede Hallig hat ihre eigene
kleine Schule mit PC-Arbeitsplätzen, in
der Schüler ihren Hauptabschluss machen können. Darüber hinaus geht’s
aufs Festland. Das neue Konzept bietet
den Schülern ab der fünften Klasse ergänzenden Englischunterricht via Internet. Damit sind sie für einen späteren
Wechsel auf eine Festlandschule besser gerüstet.
Wenn die Kieler Lehrerin Leena Brütt
also ihre Englisch-Stunden startet, ist
sie mit den zwölf Schülern auf drei Halligen via Internet verbunden; nach Langeneß in die Eugen-Träger-Halligschool
z. B. sind das 140 Kilometer.
Im Online-Klassenzimmer geschieht
alles digital: schreiben, zuhören und
sprechen. Dabei spielt es keine Rolle,
dass die Beteiligten an vier verschiedenen Orten sitzen. Manchmal sogar an
fünf, denn es besteht sogar eine OnlinePartnerschaft mit einer Schule in Tennessee / USA. Und sie alle sind nicht
im selben Alter, verteilen sich derzeit
auf die Klassenstufen fünf bis acht.
Aber das ist für sie normal, findet doch
auch der „normale“ Unterricht jahrgangsübergreifend statt. Jeder Schüler
hat für den Fernunterricht einen Lap-

top. Die geringe Schülerzahl an den Halligschulen
gestattet einen offenen
Unterricht mit relativ freier Stundeneinteilung. Es
gibt täglich feste Unterrichtszeiten. Themen der
einzelnen Fächer (auch
fächerübergreifend) können blockweise unterricht e t
w e r d e n .
„Abschweifungen“ zu anderen Fächern werden sofort bearbeitet. Die Kernfächer Deutsch / Mathematik /
Englisch dagegen haben ihre
wöchentlich feste Stundenzahl. Großer Wert wird ebenso
auf die Selbständigkeit der
Schüler beim Erarbeiten neuer Lernstoffe gelegt. Dabei
gilt das „Helferprinzip“:
„Große“ helfen „Kleinen“.
Die Bereitstellung unterschiedlicher Informationsquellen, u. a. der stets mögliche Zugang zum Internet, werden dabei vielfältig eingesetzt
– getreu dem Prinzip „gewusst
wo“. Und ein- bis zweimal im

Foto: Gemeindebüro Langeneß

Jahr ist für die Kinder ein besonderer Tag. Dann besucht
die Kieler Lehrerin Leena Brütt
ihre Schüler vor Ort. Jeweils
ein bis zwei Tage bleibt sie auf
jeder Hallig. „Darauf freuen
wir uns alle schon immer“,
sagt Brütt. Denn das Gegenüber auch mal in natura zu sehen, sei dann trotz aller Technik einfach wichtig.
Weitere Infos über die Hallig
und die Schule unter
www.langeness.de
und
www.eugen-traegerschule.lernnetz.de.

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
EINE

NICHT

von Wolfgang Prietsch

GANZ

UNWAHRSCHEINLICHE

Foto: Wikimedia-Commons

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ (Thomas Mann, Joseph und seine
Brüder-Präambel)
Am Rande der Leipziger Tieflandbucht
im Dreiländereck Sachsen / Thüringen
/ Sachsen-Anhalt, 25 km südlich von
Leipzig, 20 km nördlich von Zeitz liegt
in einer flachen Landschaft das Dorf
Löbnitz. Wer fährt dorthin? Zum Bei-

BEGEGNUNG

spiel Leute, die im Alter (wo
man nun Zeit hat) auf den
Spuren ihrer Vorfahren in die
Vergangenheit reisen. So auch
wir. In diesem Löbnitz lebte
und arbeitete nämlich ein AltUrgroßelternpaar (6. Generation, Ur-4x-Großeltern). Der
Alt-Urgroßvater Johann August Höhne, ein Zimmermann,
hatte – wie wir im Gatzener
Kirchenbuch fanden - am
26.10.1788 in Löbnitz
(zuständigen Kirche in Gatzen) geheiratet. Er starb auch
in Löbnitz am 3.2.1824. Bei
Recherchen zu diesen Vorfahren wurden wir bald auf den
Namen ULRIKE VON LEVETZOW
aufmerksam: Sie wurde am 4.
Februar 1804 gegen halb neun
Uhr in Löbnitz als Tochter des

Hochwürdigen und Hochwohlgeborenen Herrn Joachim Otto
Ulrich Freihern v. Levetzow und
seiner Ehefrau Amalie Theodore
Caroline, geb. v.Brösigke geboren und am 17. März getauft.
Bekannt wurde Ulrike von Levetzow als die letzte große Liebe Goethes. Als Goethe 1821 in
den böhmischen Kurort Marienbad reiste, die Gebrechen des
Alters und auch eine gewisse
Einsamkeit deutlich wurden,
lernte er die 17-jährige Ulrike
kennen, die mit der Mutter und
den beiden jüngeren Schwestern dort den Sommer verbrachten. Der fast 72-Jahre alte Goethe verliebte sich in großer Leidenschaft in das 54 Jahre jüngere Mädchen. Er war schon
vorher in Bad Lauchstädt

Seite 8
(einem nahe Halle gelegenen sächsischen Kurort mit viel Bezug zu Goethe)
mit Ulrikes Großvater, dem Freiherrn
Friedrich Leberecht von Bröesigke bekannt. Blind vor Liebe hielt er zwei Jahre später (1823) mit Hilfe seines
Freundes Großherzog Carl August von
Sachsen-Weimar-Eisenach schriftlich,
also ganz offiziell, um die Hand der jungen Frau an. Und seinen 74. Geburtstag
feierte Goethe im gleichen Jahr mit Ulrike im heutigen „Hotel Weißer Hirsch“,
tschechisch: Bily kun - ehemals
Schwarzenberg- Lusthaus. Ulrike lehnte
den Heiratsantrag höflichst ab: Sie hätte noch gar keine Lust zu heiraten.
Diese letzte bittere Enttäuschung in der
Liebe brachte Goethe dazu, endgültig
Abschied von der Liebe zu nehmen.
Immerhin führte diese Enttäuschung
zur berühmten „Marienbader Elegie“,
einem Klagegedicht, dass Goethe
schon in der Kutsche bei der Abreise
aus Marienbad am 5.9.1823 formulierte.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein!
- Solcher seligen Höhe
Fühl´ich mich teilhaft,
wenn ich vor ihr stehe.
(Auszug aus der Elegie)

Vielfältig ist das Gedicht kommentiert worden: Johann Peter
Eckermann sah es als ganz persönlichen Beleg für Goethes große Liebe, Stefan Zweig widmet
der Entstehung dieser Liebe ein
ganzes Kapitel in den
„Sternstunden der Menschheit“,
Martin Walser behandelt diese
Liebesgeschichte in seinem Roman “Ein liebender Mann“.
Seit 1822 lebte Ulrike dann mit
der Mutter und zwei Schwestern
im Schloß Trziblitz (damals Böhmen, heute tschechisch: Trebivlice), seit 1868 als Schlossherrin. Sie blieb lebenslang unverheiratet, und starb am
13.11.1899 dort. Zurück nach
Löbnitz. Hier, im Hause ihrer
Eltern, das zunächst noch ein
altes Jagdschloss war, verbrachte Ulrike die ersten zehn Lebensjahre. 1798 lies Ulrikes
Großvater, der schon genannte
Freiherr Friedrich Leberecht von
Brösigke das Schloss abreißen
und ein schlichtes einfaches
Herrenhaus errichten. Der aus
Mecklenburg stammende Freiherr Joachim Otto Ulrich von Levetzow, der Vater von Ulrike,
kaufte seinem Schwiegervater,
dem Freiherrn v. Brösigke, das
Gut ab. Da v. Levetzow aber
großspurig lebte, verschuldete
er sich und musste das Gut verkaufen. Noch heute wird das Gut
landwirtschaftlich genutzt, u.a.
zur Pferdehaltung. Es ist nicht
unwahrscheinlich, dass der in

dem kleinen Dorf Löbnitz ansässige Zimmermann Johann August Höhne am Bau des neuen
Herrenhauses beteiligt war. Er
hatte am 17.2.1764 die Löbnitzerin Johanna Christiana Sophia
Gerhard geheiratet. Auch später könnte er als dienstleistender Zimmermann durchaus den
einen oder anderen Auftrag derer von Levetzow erhalten und
Ulrike gesehen haben: Für ein
Kind ist ja jede Begegnung mit
einem arbeitenden Handwerker
sicher hochinteressant, zumal
für ein aufgewecktes Mädchen,
wie Ulrike eines gewesen sein
dürfte. Der Sohn aus der Ehe der
Höhnes, Christian Gotthelf Höhne, war 8 Jahre alt, als Ulrike
geboren wurde. Bestimmt hat er
im kleinen Dorf das adlige Kind
oft gesehen, wenn auch möglicherweise mit gebotenem Abstand. Das Gutshaus steht noch,
heute ist es ein Wohnhaus. Vor
dem Gutshaus wurde ein
schlichter Feldstein aufgestellt,
der auf die berühmte ortsansässige Ulrike Bezug nimmt. Sollten Sie, liebe Leserin und lieber
Leser, auf Spuren Goethes einmal in die Leipziger Tieflandbuch kommen, so ist ein Abstecher nach Löbnitz zwar unspektakulär, aber nicht nur aus historischer Sicht durchaus empfehlenswert. Wir jedenfalls haben durch diese „Ahnenreise“
unerwartete Anregungen und
Einblicke gewonnen.

THEMA: BERLINER ORTE
DIE WECHSELVOLLE
T E I L I von Waltraud Käß

GESCHICHTE

Nicht nur Menschen erleben und können Geschichten erzählen. Mitunter
erkennt der Mensch am Stil und Aussehen öffentlicher oder anderer Bauwerke
die jeweilige geschichtliche Epoche, in
der solche Bauten entstanden sind. Und
er möchte die Geschichten kennenlernen, die sie erzählen könnten. Warum
und wie sind sie entstanden, was hat
sich in ihnen ereignet? Wie kam es dazu, dass sie heute einem anderen Zweck

DER

FINCKENSTEINALLEE

dienen als zum Zeitpunkt ihrer
Entstehung? In der Berliner Geschichte finden sich viele solcher Attraktionen. Wer auf Wanderungen durch Berlin vom SBahnhof Lichterfelde-Süd den
Kadettenweg bis zum Ende hinauf läuft, erkennt schon vom
weitem rot geklinkerte Gebäude, eine trutzige Toreinfahrt, ein
sehr großes, mit einem Eisen-

63-

zaun umgebenes Freigelände.
Dieses Ensemble von Gebäuden
sieht aus, als ob es schon lange
an dieser Stelle steht. Was mag
sich dahinter verbergen? Machen wir uns also auf die Suche
nach seiner Geschichte und seinen Geschichten. Es war einmal…Alles begann mit dem Bauunternehmer und Bodenspekulanten Johann Anton Wilhelm

Seite 9
Carstenn, der im Jahre 1865 die Rittergüter Lichterfelde (erste urkundliche
Erwähnung im Jahre 1289) und Giesendorf mit einer Fläche von 5 500 Morgen
vom Grafen Karl von Königsdorf für 345
000 Taler erwarb. Das Land lag günstig
zwischen den Bahnlinien der BerlinAnhalter und der Berlin-PotsdamerEisenbahn. Carstenn parzellierte das
Land, investierte in die Anlage von Straßen und Alleen, so dass mit der Zeit
eine Wohngegend entstand, die begüterte Menschen anzog. Seine Pläne waren ehrgeizig, er war umtriebig und
auch an der städtebaulichen Entwicklung des nahe gelegenen Berlins sehr
interessiert. Es blieb nicht aus, dass er
durch seine Immobiliengeschäfte auch
mit Kreisen der Regierung, u.a. mit dem
Militärfiskus Kontakte knüpfen konnte.
Der amtierende Kriegsminister, Albrecht v. Roon, war ein ehemaliger Kadett und für die Geschäfte von Carstenn
von höchstem Interesse. V.Roon wollte
dem Kadettenkorps des Kaisers breite
Entwicklungsmöglichkeiten einräumen,
scheiterte jedoch an der räumlichen
Enge des Kadettenhauses in der Neuen
Friedrichstraße 13 in Berlin. Zwar bestanden Pläne für den Neubau einer
Central-Kadettenanstalt, sie stießen
jedoch an finanzielle Grenzen. Carstenn
erkannte seine Chance und unterbreitete dem Kriegsminister den Vorschlag,
dem Militärfiskus 93 Morgen Land in
Lichterfelde für den Bau einer Kadettenanstalt zu schenken (1 Morgen =
2500 qm oder ¼ ha). Er schätzte ein,
dass im Nachzug Offiziers- und Beamtenwohnungen und somit ein vornehmer
Villenvorort entstehen würde. Die
Schenkung würde sich als Gewinnquelle
erweisen. Was uns zeigt, dass Korruption kein Produkt der Neuzeit ist. Mit
dem Schenkungsvertrag verpflichtete
sich Carstenn zudem zur Erschließung
des Kasernengeländes als auch zur Herstellung eines Verkehrsanschlusses. Im
Zuge dessen wurde die erste elektrische Straßenbahn der Welt gebaut. Sie
fuhr vom heutigen Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Central-Kadettenanstalt.
Die Grundsteinlegung für das gesamte
Ensemble wurde für den 1.September
1873 festgelegt. Unter der Überschrift
„Grundsteinlegung zur Hauptkadettenanstalt“ gibt die Spenersche Zeitung
vom 2. September 1873 einen Einblick

in die Zeremonie: „…Von
dem Anhaltinischen Bahnhof bis Lichterfelde führt
ein Schienenstrang bis unmittelbar auf den Bauplatz,
der zu der gestrigen Feier
von dem Decorateur Bernau sinnig geschmückt
war. Ein Vorbau war hergerichtet, auf dem die kaiserlichen Majestäten Platz
nahmen. Unmittelbar davor
befand sich die Baugrube
zur Aufnahme des Grundsteins, der in Form eines Sarkophags aus dem Steinmetzatelier von Wimmel hervor gegangen ist. Über demselben
wird sich in Zukunft der Altar
der protestantischen Kirche
des Cadettenhauses erheben.
Die Kirche soll eine Simultankirche werden, die im Vordergrund die katholische Kirche
mit 200 Sitzplätzen, im Hintergrund die evangelische
Kirche mit 1000 Plätzen haben soll. Sie ist das Zentrum
der ganzen Anstalt…“
Die in den Grundstein eingelegte Kassette wurde im Jahre
1952 von den in Westberlin
stationierten amerikanischen
Streitkräften bei der Sprengung der Ruine der alten Anstaltskirche gefunden. Die
darin befindlichen Dokumente, Münzen, Orden und Tageszeitungen wurden dem Landesarchiv Berlin übergeben.
Während der Bautätigkeit zwischen den Jahren 1873 –
1878 entstand ein Ensemble
mit prachtvollen Bauten an
der damaligen Zehlendorfer
Straße.
G.-Michael Dürre
führt in seinem Buch „Die
steinerne Garnison – Die Geschichte der Berliner Militärbauten“ u.a. folgendes aus:
„Die Hauptgebäude der Anlage wurden im Stil der italienischen Renaissance mit Rundbogenfenstern und roten
Verblendern errichtet. Verzierte Gesimse, plastischer
Schmuck mit militärischen
Motiven und andere Gestal-

Foto: Waltraud Käß

tungselemente aus Terrakotta
lockerten die zweckmäßige
Architektur auf.“ Eines dieser
Gebäude ist bis auf eine Reparatur des im 2. Weltkrieg zerstörten nordöstlichen Kasernenflügels im Originalzustand
bis heute erhalten und steht
unter Denkmalschutz. Die feierliche Einweihung der Hauptkadettenanstalt fand im September 1878 statt. Sie entwickelte sich in den Jahren danach zur wichtigsten Ausbildungsstätte des militärischen
Nachwuchses. Während der
Jahre 1878 – 1920 waren ständig 800 – 1000 Zöglinge in der
Anstalt untergebracht.
Als Dank für die Schenkung
und die finanziellen Zuwendungen erhielt Carstenn vom
Kaiser Wilhelm I. den erblichen Adelsstand. Außerdem
wurde ihm die Erlaubnis erteilt, sich ab 1874 Johann Anton Wilhelm v.CarstennLichterfelde zu nennen.
Doch mit den finanziellen Aufwendungen für die Kadettenanstalt hatte er sich total
übernommen. Außerdem führte
er Gerichtsprozesse gegen den
preußischen Staat, die ihn zudem auch gesundheitlich zermürbten. V. CarstennLichterfelde stirbt im Dezember 1896 als verarmter Adliger. Sein Grab konnte ich auf
dem alten Dorffriedhof von
Lichterfelde finden.
Wie geht es weiter? Bleiben
sie gespannt. Die Fortsetzung
können sie in der Ausgabe November/Dezember 2016 lesen.

Seite 10

THEMA: BERLINER ORTE
DIE

LIEBERMANN-VILLA

von Edelgard Richter

Bild: Martin Goldmann / pixelio.de

Am 26. Juli 1910 bezog Max Liebermann
mit seiner Frau Martha sein Sommerhaus direkt m Wannsee in Berlin, das er
sein „Schloss am See“ nannte. Hier
wohnte er in den Sommermonaten bis zu
seinem Tode im Jahre 1935. Den Garten
ließ er von dem nachmaligen Stadtgartendirektor von Berlin Albert Brodersen
anlegen und sich dabei von Alfred Lichtwark, der damals Direktor der Hamburger Kunsthalle war, beraten. Mit dem
Bau der Villa am Wannsee erfüllte sich
Liefermann einen lang gehegten Traum.
Schon seit 1870 wurden in der Colonie
Alsen große Villen gebaut, denn viele
wohlhabende Einwohner von Berlin zog
es ins Grüne. Die 1863 von dem Berliner
Bankier Wilhelm Conrad gegründete
Landhauskolonie Alsen außerhalb der
Stadt Berlin, deren erstes Gebäude der
1870 erbaute Sommersitz, die „Villa
Alsen“ von Wilhelm Conrad war, wuchs
in den nachfolgenden Jahren äußerst
schnell. Liebermann wurde am 20. Juli
1847 in Berlin geboren und besuchte
später die Kunstakademie in Weimar.
1874 ging er nach Frankreich, wo er
Leben und Arbeit der einfachen Leute
auf die Leinwand bannte. Danach verbrachte er bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges jeden Sommer mehrere Monate in Holland. Seit 1878 lebte er
ständig in München. Auch hier waren
Arbeiter und Bauern seine bevorzugten
Motive. Nachdem er in Bad Kissingen
seine spätere Frau Martha kennen gelernt hatte, kam Liebermann 1884 nach
Berlin zurück und heiratete hier. Von
seinem Vater, einem jüdischen Textilfabrikanten, erbte er 1894 das Haus am

Pariser Platz 7, in dem er seit
1892 bereits wohnte. Jetzt malte er nicht mehr die einfachen
Leute, sondern die Porträts der
wohlhabenden Berliner Bürger.
Seine ersten Porträts waren die
des Dichters Gerhart Hauptmann und Wilhelm von Bode,
dem Direk tor des KaiserWilhelm-Museums (heute BodeMuseum). Zu der Zeit entstanden auch im Nordseebad Noordwijk die Strand- und Reiterbilder.
Mit einer Ausstellung seiner
Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Lithographien gelingt ihm 1897 der künstlerische Durchbruch. 1920 wurde
Max Liebermann zum Präsidenten der Preussischen Akademie
der Künste berufen. 1932 gab er
das Amt auf, wurde aber 1933
Ehrenpräsident der Akademie.
Neben vielen anderen Ehrungen
wurde Liebermann im Juni 1927
zum Ehrenbürger von Berlin ernannt. Als die Nationalsozialisten an die Macht gekommen
waren, mußte er jedoch das Ehrenpräsidium der Akademie der
Künste niederlegen. Von 1914
bis zu seinem Tode verbrachte
Max Liebermann die Sommermonate regelmäßíg in seinem Haus
am Wannsee, dessen Garten er
in über 200 Gemälden verewigt
hat. In diesen Jahren entstanden auch Porträts seiner Frau,
die er in unterschiedlichen Posen malte und zeichnete. Am 8.
Februar 1935 starb Liebermann
im Alter von 87 Jahren. Seine
Frau zog aus dem großen Haus
am Pariser Platz in eine Wohnung in der Graf-Speee-Straße
(heute Hiroshima Straße) in unmittelbarer Nähe des Tiergartens gelegen. Die Immobilie am
Brandenburger Tor wurde dann
von den Nationalsozialisten
übernommen und das Haus am
Wannsee musste Martha Lieber-

mann an die Deutsche Reichspost „verkaufen“, die 1940 darin ein Lazarett einrichtete. Den
Kaufpreis hat sie jedoch nie erhalten. Am 10. März 1943 starb
Martha Liebermann 86jährig im
Jüdischen Krankenhaus in Berlin, nachdem sie eine Überdosis
Veronal genommen hatte, weil
man sie in das KZ Theresienstadt deportieren wollte. Sie
und ihr Mann sind auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin begraben.
Nach dem Krieg erhielt die in
den USA lebende Tochter des
Ehepaars Liebermann die Sommervilla am Wannsee zurück.
1958 kaufte das Land Berlin das
Haus, das bis 1969 als Krankenhaus genutzt wurde. Ab 1972
verpachtete das Land Berlin
Haus und Garten an den Deutschen Unterwasser Club (DUC),
einem Tauchverein, dessen
Pachtvertrag eine Laufzeit bis
zum Jahr 2015 hatte. Schon seit
einigen Jahren war das Interesse an Leben und Wirken des bedeutenden Künstlers groß, so
dass in den Jahren 1979, 1992,
1997 und 1998 mehrere große
Ausstellungen der Werke Max
Liebermanns in Berlin, Hamburg, Frankfurt (Main) und Wien
stattfanden, die starken Zuspruch hatten. 1995 gründete
sich dann die Max-LiebermannGesellschaft Berlin e.V., die
sich in Zusammenarbeit mit der
Akademie der Künste BerlinBrandenburg für eine angemessene Nutzung des Hauses am
Wannsee einsetzte. Im Herbst
1997 beschloss das Abgeordnetenhaus von Berlin, die Liebermann-Villa in ein Museum umzuwandeln. Im August 2002 zog
dann der Tauchverein auf ein in
der Nähe befindliches Grundstück um, das ihm im Tausch
gegen das LiebermannGrundstück zur Verfügung ge-

Seite 11
stellt wurde. Die Restaurierungs- und
Wiederherstellungsarbeiten an der Liebermann-Villa, die rund drei Millionen
Euro gekostet haben, wurden von der
Max-Li ebermann-Gesellschaft und
durch private Spenden finanziert. Einen
Zuschuss zur Sanierung gab es von der
Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Der
bis an den Wannsee reichende Garten
konnte aufgrund der zahlreichen Gemälde Liebermanns so prächtig wieder
hergestellt werden wie zu seinen Leb-

zeiten. Reste von Tapeten und
ursprünglichen Anstrichen im
Haus selbst fanden für die
Rekonstruktion Verwendung;
allerdings sind keinerlei Original-Möbel mehr vorhanden.
Das Museum Liebermann-Villa
wird mit Unterstützung der
Max-Liebermann-Gesellschaft
betrieben und sie ist auch für
die Erhaltung von Haus und
Garten zuständig. Im ehemali-

gen Atelier Liebermanns sind
Gemälde und Pastellzeichnungen des Malers zu besichtigen;
im Erdgeschoß ist die Geschichte der Familie und des
Hauses dokumentiert.
Die Liebermann Villa ist täglich, außer dienstags, von 10
bis 18 Uhr geöffnet.

THEMA: BERLINER ORTE
DIE

BERLINER

von Tristan Micke

STERNWARTE

Foto: Wikipedia – Gemeinfrei

Die erste Berliner Sternwarte befand
sich in der jetzigen Dorotheenstraße im
Stadtbezirk Mitte und entstand durch
die Erweiterung des 1687/88 erbauten
Marstalls. Von 1696 bis 1700 baute der
Architekt Martin Grünberg den Gebäudekomplex für die im Jahre 1700 gegründete "Societät der Wissenschaften" aus. Zwischen 1700 und 1711 entstand im Nordflügel die Berliner Sternwarte mit ihrem fünfstöckigen, 27 Meter hohen Turm. Bereits 1706 war sie
teilweise nutzbar. Am 15. Januar 1711
hielt die "Königlich Preußische Societät der Wissenschaften" im Turm ihre
erste Sitzung ab. Am 19. Januar 1711
erfolgte die feierliche Einweihung der
Sternwarte. Später wurde hier auch ein
Naturalienkabinett und eine Bibliothek
eingerichtet. Der Turm wurde zu einem
repräsentativen Mittelpunkt der Societät. 100 Jahre lang, bis 1811, besaß die
Sternwarte das Monopol der Kalenderberechnung. Von 1832 bis 1849 befand
sich auf dem Turm die Station 1 von insgesamt 62 Stationen der optischen Telegraphenverbindung Berlin - Köln Koblenz. Ähnlich wie bei den Flügelsignalen der Eisenbahn wurden mit den als

Semaphoren (griechisch:
"Fahnenträger") bezeichneten, mit Flügel ausgestatteten
Signalmasten, durch verschiedene Flügelstellungen Nachrichten von einer Station zur
nächsten übermittelt. Der
Turm stand bis zu seinem Abriss am 3. Juli 1903 dort, wo
sich heute der rückwärtige
Eingang der Staatsbibliothek
befindet, die von 1903 bis
1914 auf dem Areal des ehemaligen Marstalls gebaut
wurde. Positiven Einfluss übte
Alexander von Humboldt auf
die Entwicklung der Berliner
Sternwarte aus. Seine Beziehungen zum Preußischen König ermöglichten die Anschaffung teurer Geräte. Ein neues
Teleskop aus der Münchener
Werkstatt von Joseph von
Fraunhofer hatte ein Objektivdurchmesser von 9 Zoll (24,4
Zentimeter) und eine Brennweite von 4,33 Metern. Es traf
am 3. März 1829 in Berlin ein
und diente als Hauptinstrument der Sternwarte.
Bereits 1835 zog die Sternwarte an den damaligen
Stadtrand, ins jetzige Kreuzberg. Für einen Preis von
15.000 Talern war ein etwa 1
Hektar großes Gebiet zwischen heutiger Besselstraße,
Enckestraße und Markgrafenstraße (Nähe U-Bahnhof
Kochstraße) gekauft worden,
wo von Karl Friedrich Schinkel
die Neue Berliner Sternwarte

errichtet wurde. Sie hatte eine
Kuppel mit einem Durchmesser
von 7,5 Metern und war die erste drehbare Sternwartenkuppel
Preußens in Form einer Halbkugel mit Spaltverschluss. Um
keine Schwingungen zu übertragen, war das Fundament
vom übrigen Gebäude getrennt.
In der Neuen Berliner Sternwarte arbeiteten Astronomen
wie Johann Franz Encke, Friedrich Wilhelm Bessel und Johann
Gottfried Galle. Mit den damals
modernsten Beobachtungsgeräten gelangen hier Entdeckungen, wie 1837 die, dass der
Ring des Planeten Saturn sich
in viele Einzelringe aufteilt. Es
wurden drei neue Kometen und
mehrere Asteroiden aufgefunden und deren Bahnen berechnet. Am 23. September 1846
entdeckten der Astronom Johann Gottfried Galle und der
Astronomie-Student Heinrich
Louis d´ Arrest den Planeten
Neptun. Durch diese Entdeckung wurde die Berliner
Sternwarte weltbekannt und
das Observatorium entwickelte
sich schließlich zur bedeutendsten astronomischen Forschungs- und Lehra nstalt
Deutschlands. Am Nordflügel
des Observatoriums war die
Markierung der Normalnull für
das Königreich Preußen festgelegt, die am 82. Geburtstag von
Kaiser Friedrich Wilhelm I. am
22. März 1879 offiziell übergeben wurde.

Seite 12
Da die sich ausbreitende Stadt Berlin
und ihre Industriealisierung die Voraussetzungen für astronomische Beobachtungen immer ungünstiger machten, zog
die Sternwarte im Jahre 1913 in den
Schlosspark von Babelsberg. Durch die
königliche Einrichtung konnte das

Grundstück dort kostenlos genutzt werden. Heute gehört die
Sternwarte zum Leibnitz-Institut
für Astrophysik Potsdam. Das
Gebäude in Kreuzberg ist nach
dem Wegzug der Sternwarte abgerissen worden. Auf dem Ge-

lände liegt heute ein Teil der
Enckestraße, an deren südlichen Ende, am Standort des
Normalhöhenpunktes von 1879,
eine Gedenkstele steht.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
LIEBER

DIE

RUHE

von Christa-Dorit Pohle

BEWAHREN

Bild: Stefanie Lauterwein/www.pixelio.de

Als mein großer Kirschbaum in voller
Blüte stand, freute ich mich sehr, dass
viele Bienen in Aktion waren. Das ist
leider nicht jedes Jahr so. Viele Menschen denken beim Anblick von Bienen
zuerst an den köstlichen Honig, den sie
produzieren. Aber die fleißigen Bienen
leisten noch sehr viel mehr. Wenn man
nur bedenkt, dass rund 85% der land-

wirtschaftlichen Erträge in unserem Pflanzen- und Obstanbau
von der Bestäubung durch die
Honigbienen abhängig sind. Für
2000- 3000 Wild- und Nutzpflanzenarten wird diese wichtige Tierart zum Bestäuben gebraucht. Also helfen die Bienen
uns Menschen, dass uns die Artenvielfalt in der Natur erhalten
bleibt. Aus diesem Grunde ist es
so wichtig, dass wir die fleißigen Bienen schützen. Die Natur
hat die Bienen mit einem Giftstachel plus kleinen Widerhaken
ausgestattet. Meistens verteidigen sie sich damit gegen andere
Insekten, wobei die Widerhaken
sich in deren Panzer nicht verfangen. Uns Menschen stechen
die Bienen nur, wenn sie sich
bedroht fühlen. Also sollten wir

versuchen, uns ruhig zu verhalten, wenn sich uns eine Biene
nähert, weil wir sonst ihr Leben
gefährden. Bei uns bleibt der
Stachel der Biene leider in der
Oberhaut stecken und die Biene
kann ihn nicht wieder heraus
ziehen. Und das ist dann tödlich, weil ihr kompletter Stechapparat mit Giftblase beim Wegfliegen aus dem Hinterleib gerissen wird. Das möchten wir ja
nach Möglichkeit vermeiden.
Übrigens sind nur die weiblichen
Bienen in dieser Lebensgefahr.
Die männlichen Bienen, auch
Drohnen genannt, sind auf der
sicheren Seite, da sie nicht mit
einem Stachel ausgerüstet sind.
Ich finde, das Wort „Drohne“
hört sich eigentlich gefährlicher
an.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
BUCHENWÄLDER - GROß, ALT, EINZIGARTIG
… K O S T B A R E S C H Ä T Z E ! von Ursula A. Kolbe
Weltnaturerbe Buchenwälder – zwei
Worte, ein tiefer Sinn. Sie sind Teil unserer Natur, unseres Lebens. Im Juni vor
fünf Jahren, genau am 25.6.2011, hat
das UNESCO-Welterbekomitee fünf Buchenwaldgebiete in Deutschland in die
Liste des Welterbes aufgenommen. Damit wird das in der Slowakischen Republik und der Ukraine gelegene grenzüberschreitende Weltnaturerbe
„Buchenurwälder der Karpaten“ um
einen deutschen Teil erweitert. Diese
ausgewählten Waldgebiete der Naturparke Hainich in Thüringen, KellerwaldEdersee in Hessen, Jasmund und Serrahn in Mecklenburg-Vorpommern sowie der Buchenwald Grumsin im Bio-

sphärenreservat SchorfheideChorin in Brandenburg repräsentieren unterschiedliche Buchenwaldtypen von der Küste bis in
die Mittelgebirge. Gemeinsam
mit sechs Buchenurwaldgebieten in der Ukraine und vier in der
Slowakei bilden sie nun die
Weltnaturerbestätte
„Buchenurwälder der Karpaten
und Alte Buchenwälder Deutschlands“. Deutschland liegt ja im
Kernareal des Europäischen Buchenwaldes. Und nur in Europa
kommen Rotbuchenwälder vor,
die die ursprüngliche natürliche
Vegetation Deutschlands bilden.

Foto: Dr. Tilo Geisel

Hierzulande sind heute nur noch
auf weniger als fünf Prozent der
Landesfläche Buchenwälder zu
finden. In diesen alten zusammenhängenden Buchenwaldgebieten kommen mehr als 10.000

Seite 13
Pflanzen-, Tier- und Pilzarten vor. Kostbare Schätze, die es heute und für kommende Generationen zu schützen gilt.
Auf einem Festakt jüngst in der Hessischen Landesvertretung in Berlin wurde
die Einschreibung der Alten Buchenwälder Deutschlands in die Welterbeliste
als ein großer Tag für den Naturschutz
und Meilenstein für den Erhalt der letzten ungenutzten Buchenurwälder in
ganz Europa gewürdigt. Diese Bestände
in grenzüberschreitender Zusammenarbeit zu schützen, um sie als Lebensressourcen auch für künftige Generationen
zu erhalten, stellte die Präsidentin der
Deutschen UNESCO-Kommission, Prof.
Dr. Verena Metze-Mangold, in ihrem
Festvortrag als wichtigen Schwerpunkt
heraus. „Die Buchenwälder sind ein
Ökosystem, welches einst das Erscheinungsbild des gesamten europäischen
Kontinents geprägt hat. Auch Deutschland würde ohne Einfluss des Menschen
heute zu zwei Dritteln von Buchenwäldern bedeckt sein“, betonte sie. Sie
wies darauf hin, dass durch die gemeinsame Arbeit am Welterbe der Gedanke
der Völkerverständigung eine ganz andere Dimension erhalte. Er eine Menschen gleich welcher Nation und unabhängig von politischen Verhältnissen.
Prof. Dr. Metze-Mangold wandte sich an
die Festgäste, weiterhin kraftvoll für
das gemeinsame Ziel der friedlichen
Koexistenz zu wirken, um den Taliban,
überhaupt allen Terroristen die Stirn zu
bieten. Auch die gemeinsamen Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels sollten ihrer Meinung nach verstärkt werden, ansonsten gingen viele
Welterbestätten aufgrund steigender
Meeresspiegel buchstäblich unter, wie
z. B. in Cartegua, Kolumbien.
So verwiesen auch Prof. Fedir Hamor
und Vsyl Pokynchereda aus dem Biosphärenreservat der Karpaten in der
Ukraine auf die sehr gute Zusammenarbeit mit der Ukraine und der Slowakischen Republik und den dortigen
„Buchenurwäldern der Karpaten“, Welterbe seit 2007. Dieses Zusammenwirken soll nun in erweitertem Sinne fortgesetzt werden. Als dann der Dokumentarfilm „UNESCO-Welterbe Alte Buchenwälder Deutschlands“ über die
Leinwand flimmerte, zog er die Anwesenden voll in seinen Bann. Musik, eindringliche Worte, während die Bilder

vorbeiziehen: „In Europa verwurzelt, groß, alt, stark, einzigartig… Ein Wunder der Natur, Lebensraum, Zufluchtsort...
Buchenwälder haben viele
Facetten. Sie sind Orte der
Stille, des Innehaltens, der
Inspiration. Sie sind Heimat,
Nahrungsquelle, Spielplatz….sind Orte voller Leben,
Orte des Kräftemessens, des
Schutzes, des Rückzuges. Sie
stecken voller Überraschungen…
Die Lebensgeschichte der Buchenwälder erstreckt sich
über drei Jahrhunderte. Ihre
Ä s t h e ti k i s t ei n z i g a r ti g.
Schützen bedeutet zulassen,
das Wachsen und Werden sich
selbst überlassen. Der Natur
ihren Frieden gewähren, ihren
eigenen Rhythmus respektieren.“
Dieses Werk des Teams junger
Filmemacher um Janis Klinkenberg von FairFilmProduktions GbR war in der Tat beeindruckend (Ich habe mir ihn
noch mehrmals angesehen
und war immer wieder faszin i e r t ) .
( s i e h e
www.weltnaturerbebuchenwaelder.de). In wochenlanger Arbeit haben diese jungen Kreativen – Holger
Weber (Mitgründer von FairFilm und Produzent), David
Lohmüller (Mitgründer und
Fotograf), Simon Straetker
(22 Jahre, Mitgründer) und
Janis Klinkenberg, dem 19jährigen Projektkoordinator für
diesen Film sowie Kirsten König (Texte) und Joshua Nichell
(Kameramann) – unglaubliche
Nahaufnahmen im Jasmund,
Serrahn, Grumsin, Hainich
und Kellerwald eingefangen.
Ihnen ist es gelungen, Emotionen zu wecken, Herz und
Seele, Neugier auf die Natur
und ihr Innenleben zu wecken.
Dieser Film „UNESCOWelterbe alte Buchenwälder
Deutschlands“ sowie weitere
I n f o s
u n t e r

www.weltnaturerbebuchenwaelder.de;
www.weltnaturerbebuchenwaelder.eu und in allen
App-Stores kostenlos.
Auch dieser Fakt sei noch erwähnt: Am 1. Februar des Jahres wurde unter der Koordinierung Österreichs eine zweite
Erweiterungsnominierung der
bestehenden Welterbestätte
bei der UNESCO eingereicht.
Diese bestehen aus 31 Teilgebieten, von denen ein Großteil
in zehn weiteren europäischen
Staaten liegt. Die Idee einer
UNESCO-Welterbestätte
„Europäische Buchenwälder“
nimmt Gestalt an.
Grumsin: Festakt in der Stülerkirche und Waldwanderung
Auch in der Region Grumsin
wurde an das Jubiläum eines
der bedeutendsten Naturschutzprojekte erinnert: Als
Brandenburger Teilgebiet
steht der Buchenwald Grumsin
im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin seit dem 25. Juni
2011 auf der UNESCO-Liste
des globalen Naturerbes.
Dieses Jubiläum begingen die
Bürger um den Grumsiner Buchenwald mit einem Festakt in
der Stülerkirche in Altkünkendorf und einer Waldwanderung. Dabei war Höhepunkt
die Einweihung des „Kunstorts
Buchenwald“ mit der von der
Künstlerin Gaby Schulze geschaffenen Feldsteinskulptur
„Quiz“ am westlichen Rand
des Gebietes.
Der Buchenwald Grumsin im
Bereich der Endmoränen des
Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin repräsentiert den
basenreichen TieflandBuchenwaldtyp der Region der
„Mitteleuropäischen Buchenwälder“. Es handelt sich um
den Idealtyp einer naturjungen
Endmoränenlandschaft mit
starkem Relief und großer
Vielfalt eingelagerter Erlenbrüche, Waldmoore und Seen.
In den letzten fünf Jahren hat
sich in den Gemeinden rings

Seite 14
um den Grumsin viel getan. Touristische
Begleit- und Leiteinrichtungen entstanden. Spezielle Wanderwege wurden entwickelt und ausgeschildert. Für viele
Einwohner ist der weitere Ausbau der
touristischen Infrastrukturwichtig, um
die derzeit rund 7.000 Besucher im Jahr

zu informieren, Service zu bieten und ebenso für einen wirkungsvollen Schutz des wertvollen Erbes zu sorgen. Rund um
die Zugänge zum Weltnaturerbe
gibt es drei Infostellen bzw. –
zentren: Die Blumberger Mühle

bei Angermünde, den Infopunkt
mit Ausstellung in Altkünkendorf und im Süden die Dampfmühle mit Ausstellung in Groß
Ziethen. Alle drei vermitteln Natur- und Landschaftsführer, bieten auch selbst Führungen an.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
SAG

NIEMALS

von Tina Gonschorek

NIE

Bild: Tina Gonschorek

Ich auf einem Kamel? Niemals!!!
Aber: Man sollte niemals nie sagen…
Mein Urlaub führte mich in diesem Jahr
ins ferne Marokko. Er war schon lang
gebucht, aber die Vorfreude hielt sich,
aufgrund der allgemeinen Lage, etwas
in Grenzen. Allerdings kann ich nur sagen, dass das Land sehr schön und die
Menschen sehr nett sind. Die Fahrt
durch das Atlasgebirge war faszinierend. Die Berge weisen Gesteinsschichten in unglaublicher Farbvielfalt von
braun, grau, rot und auch grün auf. Die
schmalen Straßen bestehen nur aus
Kurven und wenn man dann ganz hinten
im Bus sitzt, so schwankt und schaukelt
es schon recht heftig! Der Höhepunkt
meiner Reise war allerdings eine Fahrt
mit dem Jeep durch die Steinwüste zu
den Ausläufern der Sahara. Dort hatte
man dann die Möglichkeit eines Ausrittes auf einem Kamel. Natürlich kam das
für mich nicht in Frage. Niemals!!!
Unser Reiseführer Hassan hatte ein sicheres Gespür dafür, wie man Menschen umstimmt. Dies gelang ihm auch
bei mir. Ich dachte dann doch, wenn ich
nun schon einmal in meinem Leben in
der Sahara bin, dann sollte ich auch so
mutig sein, sie auf einem Wüstenschiff
zu bezwingen. Und so buchte ich, entschlossen und zu Abenteuerlust ver-

führt, den Kamelritt. Mein Abenteuer begann damit, dass sich
immer fünf Reisende für einen
Jeep zusammen fanden. Ich hatte das große Glück vorn sitzen
zu dürfen. Die Fahrt durch die
Steinwüste war dann doch nicht
so spektakulär wie ich es mir
vorgestellt hatte. Die Jeeps fuhren in breiter Front, um nicht in
der Staubwolke des Anderen die
Sicht zu verlieren. Der Fahrer
ließ uns wissen, dass in dieser
Gegend früher die Rallye ParisDakar gefahren wurde. Die
Steinwüste ist von unglaublicher
Öde. Nur Steine und Staub. Wir
fuhren ziemlich schnell, was ich
mir mit einem Blick auf den Tacho bestätigen wollte. Leider
war das unmöglich, da er nicht
funktionierte. Also holperten wir
über Querrillen durch die staubige steinige Ödnis. In der Ferne
entdeckte ich schon die Dünen
der Sahara. Sie leuchteten im
Licht der nachmittäglichen Sonne. Schnell kamen wir näher und
damit auch der Moment, an dem
ich auf das Kamel steigen musste. Davor fürchtete ich mich am
meisten! Und dann ging es ganz
schnell. Kaum bei den Tieren
angekommen, saßen die ersten
Mitreisenden, in mehr oder weniger entspannter Haltung, auch
schon darauf. Ich stand noch
etwas unschlüssig herum, als
ein Kamelführer zu mir kam und
sagte, dass er ein sehr ruhiges
Kamel für mich hätte. Ohne mir
Zeit zum Nachdenken zu lassen,
führte er mich hin und wies mich
an, auf zu steigen. Dies war einfacher als gedacht, da es ja

noch ganz lieb und ruhig auf
dem Boden lag. Also schwang
ich mühelos mein Bein über den
aus Decken bestehenden Sattel
und hielt mich an einem Metallgriff fest. Der Führer, ein sehr
freundlicher Berber, machte
leise schnalzende Geräusche
und das Kamel erhob sich auf
die Hinterbeine, was mich mit
Schwung nach vor rutschen
ließ. Dann wurde ich wieder zurück geworfen, als es sich auf
die Vorderbeine stellte. Nun
hatte ich das Schlimmste überstanden. Das Kamel stand und
ich saß oben drauf. Meinen
Griff fest umklammernd ging es
im Gänsemarsch los. In einer
Karawane folgte ein Tier dem
anderen hinein in die Wüste.
Schon waren wir mitten in den
gewaltigen Dünen. Ich war total
überrascht von der unerwarteten Schönheit der Sahara. Die
Farbe des Sandes leuchtete in
wunderbar warmem Orange und
Terrakotta. Die Dünen sahen
aus wie Seide, so fein und
strahlend war der Sand. Mich
erfasste ein so starkes Gefühl
der Ergriffenheit und Demut,
dass mir die Tränen in die Augen
stiegen. Ich konnte gar nicht
fassen, dass ich auf einem Kamel durch die Sahara ritt. Es
war zwar nicht still, denn die
Kamelführer unterhielten sich
auf Arabisch, die Reiter
schwatzten miteinander und die
Tiere ließen auch hin und wieder ihre Stimmen erklingen.
Aber trotzdem gelang es mir,
mich der Einsamkeit und atemberaubenden Schönheit der

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Wüste hinzugeben. Ich bedauerte es,
nicht fotografieren zu können, da ich es
nicht wagte, den Griff loszulassen. Als
wenn mein Kamelführer meine Gedanken gelesen hätte, fragte er, ob ich fotografiert werden möchte. Wir hielten
neben der Karawane an und ich nutzte
die Gelegenheit gleich für einige rasche
Fotos. Dann ging es weiter hinein in die
Wüste. Mein sehr fürsorglicher Kamelführer schaute immer wieder zu mir, um
sich zu vergewissern dass ich noch sicher und lächelnd auf meinem Kamel
saß. Nach etwa zwanzig Minuten des
Reitens begann die Prozedur des Absteigens. Da ich nun wusste worauf es
ankam, war dies kein Problem. Ich bedankte mich bei meinem Kamel mit einigen Streicheleinheiten und einem
tiefen Blick in die großen, von unverschämt langen Wimpern umgebenen,
freundlich blickenden braunen Augen.
Mich umschauend entdeckte ich eine
hohe Düne, die vor mir aufragte. Auf
deren Kamm saßen ein paar Menschen.
Ich dachte noch, die müssen ja eine
tolle Aussicht dort oben haben, als
mein gut deutsch sprechender Führer
Amin eine Decke vom Kamel nahm, mich
unterhakte und sagte:“ Da geht’s jetzt
hoch!“. Also stapften wir durch den
tiefen weichen Sand eine ca. 45° hohe
Steigung etwa 60 m bergan. Nach der
Hälfte des Weges dachte ich, dass ich
gleich tot umfalle. Ich kriegte keine
Luft mehr und musste erst mal eine
Pause machen. Plötzlich stand ein zweiter schmunzelnder Berber neben mir,

der meinen anderen Arm ergriff und mehr gezogen als
gestiegen erreichte ich den
Kamm der Düne. Zu meiner
Ehre sei gesagt, dass es den
Anderen auch nicht viel besser erging. Oben legte Amin
die Decke hin und dann saßen
wir alle nebeneinander, ließen die Beine über dem Abhang der Düne baumeln und
sahen der Sonne beim Untergehen zu. Es war unbeschreiblich schön. Die Dünen vor uns
waren völlig unberührt und
strahlten eine gewisse Einsamkeit und Unendlichkeit
aus. Dann flitzten die Berber
flink über die Dünen und deren Fußspuren hinterließen
im Sand wiederum einen anderen interessanten Anblick.
Die Sonne versank langsam
im Sandmeer und zeigte viele
zauberhafte grandiose Augenblicke zum Träumen. Als sie
verschwunden war, begann
eine hektische Betriebsamkeit. Amin nahm meine Hand
und führte mich die Düne hinunter, als wolle er eine Dame
zum Tanze bitten. Währenddessen erlebten andere Reisende eine SaharaSchlittenfahrt und wurden von
ihren Berbern mit fröhlichem
Jauchzen auf den Decken die
Düne hinunter gezogen. Rasch

bestiegen wir unsere Kamele
und dann ging es eilig wieder
hinunter. Amin erzählte, dass
mein Kamel noch keinen Namen hätte und ich einen aussuchen dürfte. So schnell fiel
mir gar nichts ein. Allerdings
konnte ich meine freundliche
Kameldame nicht mit seinem
Vorschlag namens „Bubi“
durch die Wüste laufen lassen.
So taufte ich sie dann auf den
Namen „Fatima“, den ich weitaus passender fand. Sie selbst
schien damit zufrieden zu sein,
denn es kamen keine Klagen.
Unten angekommen war es
schon richtig dunkel. Amin
ließ mich absteigen, setzte
sich auf seine Decke und breitete schön polierte Fossilien
und aus Stein geschnitzte Kamele vor mir aus. Eines davon
erwarb ich und verabschiedete
mich von dem fürsorglichen,
netten Berber Amin und der
liebenswerten hübschen Fatima. Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die nun in
der Dunkelheit ruhenden ewigen Dünen der Sahara machte
ich mich auf den Weg zum Jeep
und war voller Freude und
Dankbarkeit dafür, dass ich
etwas so Wunderschönes und
Einmaliges erleben durfte.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
FAHRTZIEL

von Ursula A. Kolbe

NATUR:

UMWELTFREUNDLICH

15 Jahre Fahrtziel Natur sind 15 Jahre
gelebte Nachhaltigkeit, gelebtes Engagement für Klima- und Naturschutz der
Umweltverbände BUND, NABU; VCD und
Deutsche Bahn. Diese Kooperation engagiert sich gemeinsam mit Nationalparken, Naturparken und Biosphärenreservaten in Deutschland, der Schweiz
und Österreich dafür, durch die Verlagerung touristischer Verkehre auf umweltfreundliche Verkehrsmittel einen Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt
der Biologischen Vielfalt zu leisten.
Im April 2001 startete Fahrtziel Natur
mit sechs deutschen Schutzgebieten.

IN

Heute engagieren sich 28 Nationalparke, Naturparke und
Biosphärenreservate in 22
Fahrtziel Natur-Gebieten in
Deutschland, der Schweiz und
Österreich. Alle fördern die
nachhaltige Entwicklung ihrer
ländlich geprägten Regionen.
Rund 200 Gäste waren der Einladung zur Jubiläumsfeier in
den wunderschön restaurierten Kaiserbahnhof am Neuen
Palais in Potsdam gefolgt,
stellvertretend als Dank an all
jene, die sich für den Schutz

SCHÖNE

GEGENDEN

der nationalen Landschaften
und nachhaltigen Tourismus
einsetzen. Diese Leistungen
würdigten der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Dr.
Rüdiger Grube, die Parlamentarische Staatssekretärin im
Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Rita SchwarzelührSutter, der Parlamentarische
Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Rainer Bomba, und weitere Persönlichkei-

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Bild: Deutsche Bahn

ten. Auch Gäste aus dem Netzwerk
Schweizer Pärke waren in den Kaiserbahnhof gekommen. Dr. Grube konkretisierte die Ziele, die mit Fahrtziel Natur
verfolgt werden. So soll der sanfte Tourismus gefördert und mit umweltfreundlichen, klimaschonenden öffentlichen
Nahverkehrsangeboten die Mobilität vor
Ort sichergestellt werden. Die Urlauber
sollten das Auto gar nicht erst vermissen, sondern im Gegenteil die Freiheit
ohne Auto zu schätzen wissen. Zweitens
gelte es, die einzigartigen Großschutzgebiete bekannter zu machen und die
regionale Wertschöpfung im ländlichen
Raum zu fördern. Und drittens solle das
Bewusstsein für den Reichtum geschaffen werden, den unsere Naturräume bieten. Nachhaltiges Reisen trage dazu
bei, diesen zu erhalten. Im Blick lag die
Verlagerung touristischer Verkehre auf
öffentliche Verkehrsmittel und Förderung spezieller Angebote für Touristen.
Das kommt natürlich auch den Einheimischen zugute. Die verschiedenen Mobilitätsangebote werden vielerorts besser vernetzt, ganz im Sinne der Ökonomie und des Klima- und Naturschutzes.
In zehn Fahrtziel Natur-Gebieten sind
für Urlauber Angebote zur kostenlosen
Mobilität auf Gästekarte entwickelt,
Bahnstrecken etwa im Thüringer Wald
oder in der Sächsischen Schweiz reaktiviert und die Busverbindungen verbessert worden. Überall hat sich die Kommunikation der Reisemöglichkeiten mit
umweltfreundlichen Verkehrsmitteln an
den Gast stark verbessert.
Bayerischer Wald gewann Fahrtziel Natur-Award 2016
Seit 2009 wird mit dem Fahrtziel NaturAward das Engagement zur Vernetzung
von nachhaltigem Tourismus und umweltfreundlicher Mobilität in Fahrtziel
Natur-Gebieten gewürdigt. Ausgezeichnet werden ausschließlich bereits um-

gesetzte Projekte mit Vorbildcharakter. Den Fahrtziel NaturAward 2016 hat die Nationalpark- und Naturpark-Region
Bayerischer Wald mit dem
„Gästeservice Umwelt-Ticket“
(GUTi) gewonnen. Diesen GUTi
erhalten Übernachtungsgäste in
21 Gemeinden in ihrem Beherbergungsbetrieb. Er ist eine
Weiterentwicklung des bereits
2009 mit dem Fahrtziel NaturAward prämierten BayerwaldTickets. Mit öffentlichen Angeboten wie Waldbahn und Igelbussen sind die wichtigsten
Ausflugsziele und Sehenswürdigkeiten gut erreichbar. Und
die Fahrgastzahlen sind deutlich gestiegen. Auch das Naturschutzgebiet Ammergauer Alpen
mit der „elektronischen Gästekarte“ und der „KönigsCard“
sowie das Biosphärenreservat
Südost-Rügen mit der Kurkarte
„Bus frei“ überzeugten die Jury
und wurden ausgezeichnet. In
den Ammergauer Alpen können
die Gäste beispielslweise mit
der „elektronischen Gästekarte“ die öffentlichen Buslinien
der Region während ihres Aufenthaltes jederzeit kostenlos
nutzen. Mehr als 70 Gastgeber
bieten darüber hinaus die
„KönigsCard“ an, die zusätzlich
zur Nutzung der Busse mehr als
250 Leistungen kostenfrei erlebbar macht. Das sichert ebenso den Einheimischen ein für
eine ländliche Region überdurchschnittlich gutes öffentliches Verkehrsangebot. „Bus
frei“ heißt das Leuchtturmprojekt für umweltfreundliche Mobilität auf der Insel Rügen. Urlauber im Biosphärenreservat
Südost-Rügen, die in den Ostseebädern Göhren, Sellin und
Baabe übernachten, können mit
ihrer Kurkarte die Bäderbahnen
und Ortsbusse innerhalb der
drei Ostseebäder sowie die Busse der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen (VVR) in der
Region kostenlos nutzen.
Ab Sommer dann auch der Fahrradtransport mit den RADzfatzBussen. „Bus frei“ hat nach-

weislich dazu beigetragen, den
Pkw-Verkehr zu verringern. Davon profitieren Anwohner und
Umwelt gleichermaßen.
Broschüre: „Fahrtziel Natur“ –
Der Reiseführer zu 22 Naturschätzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz“
Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Auszeichnung des neuen Reiseführers
„Fahrtziel Natur zu 22 Naturschätzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ des J. P.
Bachem-Verlages. Autor ist
Bernd Pieper. Staatssekretärin
Rita Schwarzelühr-Sutter würdigte das Werk als wertvollen
Beitrag zu UN-Dekade Biologische Vielfalt. Das Buch zeigt,
wie einzigartige Biodiversität in
nationalen Naturlandschaften
umweltfreundlich erlebbar ist.
Ob ein Abstecher in das Reich
des Steinadlers im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen, eine
Tour entlang der Narzissenwiesen in den Bachtälern des Nationalparks Eifel, auf Deutschlands bekanntestem Höhenwanderweg, dem Rennsteig im Thüringer Wald entlang, oder im
Nationalpark Niedersächsisches
Wattenmeer zu Meeresgebieten,
Salzwiesen, Sandbänken, Dünen
und Stränden zwischen Dollart
und der Elbmündung bei Cuxhaven: Auf 240 Seiten findet der
Leser ausgewählte Touren in
den 22 Fahrtziel NaturGebieten. Es gibt Tipps für eine
umweltfreundliche Anreise,
Fortbewegung vor Ort und Übernachtung sowie Hinweise auf
Naturschätze und kulturelle Sehenswürdigkeiten
für einen
nachhaltigen Urlaub, bei dem
das Auto zu Hause gelassen werden kann. Die Exemplare enthalten des weiteren einen Faltplan
mit einem Überblick barrierefreier Angebote sowie einen 10
Euro-Online-Gutschein für die
Deutsche Bahn.
Fahrtziel Natur in Graubünden
Stolz waren die Träger der Kooperation darauf, dass ihr Modell im Jubiläumsjahr auch in
die Schweiz übertragen wurde.

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Tina Müller, Bereichsleiterin Tourismus
im Netzwerk Schweizer Pärke, hob u.a.
hervor, dass sich seit dem Frühjahr
2016 das Netzwerk Schweizer Pärke,
der Verkehrsclub der Schweiz, der
Bündner Vogelschutz, die Rhätische
Bahn und PostAuto Graubünden in der
Kooperation Fahrtziel Natur engagieren. Die ÖV-Erreichbarkeit ist ein Markenzeichen des Natur- und Kulturtourismus der Schweizer Pärke. Gemeinsam
verfolgen sie hier das Ziel, den Besucherverkehr zunehmend auf die öffentlichen Mobilitätsangebote zu verlagern.
Lebendig schilderte Tina Müller die
Schönheiten ihrer hiesigen Natur, wie
über den Bartgeier im Alpenland, der
eine Spannbreite von 2,80 Meter hat.
In der Schweiz gibt Graubünden den
Takt vor und mobilisiert – für einen
sanften Pärke-Tourismus. Die fünf

Bündner Pärke und ein UNESCO-Weltnaturerbe sind die
ersten Fahrtziel Destinationen der Schweiz. Im aktuellen
Pilotprojekt machen der
Schweizerische Nationalpark,
der Parc Adula, der Parc Ela,
der Naturpark Beverin, die
Biosfera Val Müstair und das
UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona mit. In Zukunft sollen alle Schweizer
Pärke Fahrtziel Natur Destinationen werden. Im Rahmen
von Fahrtziel Natur werden
Reiseangebote in die Pärke
mit attraktiven Preisen für
den öffentlichen Verkehr entwickelt und kommuniziert. Vor
Ort sorgen innovative Mobilitätslösungen für eine flexible

und nachhaltige Mobilität.
Dank dem RailAway-KombiAngebot „Naturerlebnis in den
Bündner Pärken“ reisen Gäste
bequem mit den Öffentlichen
in die Parkregionen und profitieren von 20 Prozent Rabatt
auf der Reise vom Wohnort
nach Graubünden in den Park
seiner Wahl. Hinzu kommt
freie Fahrt dank dem graubündenPASS zu einem Spezialpreis. Bus alpin und das AlpenTaxi sorgen dafür, auch die
letzte Meile zu erreichen. Noch
buchbar bis 31. Oktober 2016
unter www.sbb.ch/fahrtzielnatur. Weitere Infos zu Fahrtziel Natur unter www.fahrtzielnatur.de und www.fahrtzielnatur.ch

THEMA: NATUR, TOURISMUS
GROßERLEBNIS
von Annemarie Schäfer

KREUZFAHRT

Foto: Herbert Großmann

Mein Traum wird wahr, eine Kreuzfahrt
mit der AIDAMAR auf der Ostsee. Ich
bin Annemarie Schäfer, wohne im Pflegewohnzentrum Wuhlepark in der achten Etage im Haus 1. Das Haus kenne
ich schon lange. Mein erster Einzug war
im Dezember 2006. Dann zog ich für
dreieinhalb Jahre in eine behindertengerechte Wohnung, da es mir sehr gut
ging. Meine Kinder unterstützten mich,
wo sie nur konnten. Und seit September
2015 bin ich wieder hier zu Hause, da
mein Gesundheitszustand mir das Alleinleben sehr schwer machte. Kurzum,
ich brauche wieder Hilfe. Im PWZ Wuhlepark habe ich mich wohl gefühlt, also
fiel mir die Entscheidung zum Wiedereinzug nicht schwer. Schon lange
träumte ich von einer Kreuzfahrt, nur

ließ meine Gesundheit dies
nicht zu. Aber am 28. Mai sollte mein Traum wahr werden.
Mein Sohn begleitete mich.
Wir fuhren mit dem Auto nach
Warnemünde. Es sollte die
Ostseekreuzfahrt sein mit Tallin, Sankt Petersburg, Helsinki
und Stockholm. Als ich dann
das große Schiff vor mir sah,
bekam ich doch etwas Angst
und fühlte mich sehr klein.
Aber: „Augen zu und durch!“,
sagte ich mir. Es war ein
Prachtschiff und wir bewohnten eine wunderbare, sehr geräumige behindertengerechte
Innenkabine. Ich hatte einige
Tage zu tun, um zu begreifen,
was ich gerade erlebte. Wir
waren mehrere Stunden unterwegs, nur um unser schwimmendes Urlaubsdomizil zu erkunden. Auf dem Schiff befanden sich zwölf Aufzüge, acht
Restaurants und mehrere
Cocktailbars. Jeden Abend
gab es Veranstaltungen, die
von mehreren Etagen aus zu
sehen waren. Außerdem gab
es drei Pools an Deck, dazu
Sauna, Fitnessräume, Well-

nesscenter und so weiter. Auch
ein Arzt war an Bord. Ich gönnte mir zwei Massagen. Überhaupt genoss ich die Reise in
vollen Zügen. Auch eine Einkaufspassage gab‘s auf
„meinem Schiff“. Das Schiff
kann 2.900 Urlauber beherbergen – unglaublich! Zwei Landgänge machte ich zusammen
mit meinem Sohn. Wenn er ohne mich unterwegs war, genoss
ich die Ruhe auf dem Schiff,
schrieb Urlaubskarten und
gönnte mir Eis und andere
Köstlichkeiten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich andere
Passagiere kennen und wir
hatten unterhaltsame Gespräche. Durch den dicken Teppich
auf den Fluren war es für mich
sehr anstrengend, allein mit
meinem Rollstuhl zu fahren.
Aber überall traf ich auf
freundliche und hilfsbereite
Leute. Alles in allem eine unvergessliche Reise. Von dem
Erlebten werde ich noch ewig
zehren. In meiner Abwesenheit
war man auch hier im Heim
nicht untätig. Mein Bad bekam
einen neu gefliesten Fußbo-

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den. Dies war nötig geworden. Auf diesem Wege möchte ich mich bei den vielen „Heinzelmännern“ bedanken, die

alles wieder in Ordnung gebracht haben.

THEMA: GESUNDHEIT
BAGSO

-

AKTIONSWOCHE:

von Ursula A. Kolbe

Gesundheit und Leistungsfähigkeit
auch im Alter, wer will das nicht. Dazu
gehören auch leckeres, frisch Gekochtes. So bieten Mahlzeitendienste ihr
Angebot mit Lieferservice an, angefangen von einer einfachen warmen Mahlzeit bis heute schon zu häufig mehreren
Auswahlmenüs und flexiblem Service.
Es ist vielen Hilfe und Erleichterung.
Natürlich schmeckt eine leckere Mittagsmahlzeit in angenehmer Umgebung
besser, werden besonders Alleinstehende in das soziale Leben eingebunden.
Und „gemeinsame Mahlzeiten tragen
wesentlich zum Wohlbefinden älterer
Menschen bei“, sagt die Gerontologin
und stellv. Vorsitzende der BAGSO, Prof.
Dr. Ursula Lehr. „Es sollten daher mehr
Mittagstisch-Angebote für sie geschaffen werden.“ Eine neue Initiative dazu
startet die Bundesarbeitsgemeinschaft
der Senioren-Organisationen (BAGSO)
unter dem Dach von „IN FORM Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung
und ausreichend Bewegung“ vom 10.
bis 15. Oktober diesen Jahres die IN
FORM-Mittagstisch-Startwoche „Auf
Rädern zum Essen“. Der Weg zum Mittagstisch, sei es zu Fuß, mit oder ohne
Rollator, mit dem Fahrrad oder dem
Rollstuhl, ggf. auch mit Hilfe eines Abholdienstes, fördert auf jeden Fall die
körperliche Fitness. Es bestätigt sich
doch im Alltag immer wieder, dass das

„AUF

RÄDERN

ZUM

gesellige Miteinander und die
Unterhaltung bei einer gemeinsamen Mahlzeit die Gedanken
anregen, Erinnerungen wachrufen. In ganz Deutschland sollen,
organisiert von Einrichtungen
oder Vereinen, Mittagstische
für ältere Menschen angeboten
werden. Insbesondere in Regionen mit einem unzureichenden
Angebot ist das Ziel, neue regelmäßige Mittagstische für Ältere
anzubieten. In Achern (BadenWürttemberg) z. B. sorgt das
Kochteam des „Iss Gemeinsam
Treffs“ vierzehntägig für eine
leckere frisch gekochte Mahlzeit. Begleitet wird der Mittagstisch von einem Netzwerk aus
Verwaltung, Kirche, dem Sozialverband VdK und Acherner Einzelhändlern. Im Landkreis Neunkirchen (Saarland) treffen sich
einmal monatlich vorwiegend
alleinlebende Ältere, die von
einem lokalen Caterer beliefert
werden. Besonders die Gespräche in angenehmer Atmosphäre
und das Gefühl von Gemeinschaft machen die Treffen bei
den Senioren so beliebt. Oft organisieren die Senioren selbst
Fahrgemeinschaften oder verabreden sich, um gemeinsam zum

ESSEN“

Bild: BAGSO e.V.

Treff zu gehen. Insbesondere in
Regionen mit einem unzureichenden Angebot sollen neue,
regelmäßige MittagstischAngebote entstehen. Das Bundesministerium für Ernährung
und Landwirtschaft unterstützt
im Rahmen von Deutschlands
Initiative IN FORM für gesunde
Ernährung und mehr Bewegung
in der Startwoche 200 neue Mittagstische finanziell. Umfangreiche Informationen zur Planung und Gestaltung eines Mittagstisch-Angebotes sowie zu
den Fördermöglichkeiten im
Rahmen der Startwoche unter
www.projekte.bagso.de/mittags
tisch-startwoche. Weitere Informationen finden Sie auch in dem
vierteljährlich erscheinenden
Magazin „BAGSO Nachrichten“.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
DIE

PENDELUHR

von Peter Josef Dickers

Eines Tages besuchte ich jemanden,
über dessen Schreibtisch eine Pendeluhr hing. Ich wusste nicht, nach welchem System sie funktionierte. Ihr Besitzer war stolz, mir Pendel-Nachhilfe
erteilen zu können. Die Uhr faszinierte
ihn und mich. Das schwingende Pendel
gab an einem bestimmten Punkt einen
Impuls an das Uhrwerk ab. Das schob
die Zeitanzeige weiter. Das Uhrwerk
gab einen Impuls zurück, der das Pendel schwingen ließ. Seine Erläuterun-

gen bezogen sich auf die Uhr.
Für mich hatten sie GleichnisCharakter. Sie sagten etwas aus
über den Rhythmus des Lebens.
Die Bewegung des Pendels müsse gleichbleibend sein, wurde
ich belehrt, damit die Uhr die
richtige Zeit anzeigen könne.
Das Pendel reagiere empfindsam auf Luftfeuchtigkeit, Wärme und Kälte. Es müsse daher
geschützt werden vor schädigen-

den Einflüssen. Die Pendeluhr
reagiere wie ein Mensch: Negative Einflüsse von außen würden
das Pendel nicht richtig schwingen lassen. Gleichmäßige Impulsübertragungen seien notwendig. Oft habe ich den Mann
mit der Pendeluhr besucht. Wir
sprachen über schwingende
Pendel und diskutierten darüber, wodurch Impulse blockiert
wurden. Die Pendeluhr hörte uns

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zu. Merkte sie, dass sie nicht nur die
Stunden anzeigte, sondern dass ihre
Pendel-Bewegungen mich beschäftigten und Schwingungen auslösten? Meine innere Pendeluhr schlug nicht immer
gleichmäßig ihren Takt. Es gab Tage, an
denen sie aus dem Gleichgewicht zu
geraten drohte. Dennoch hat sich einiges bewegt in meinem Leben. Ich habe

einiges bewegt. Meine Uhr
pendelt immer noch. Ich will
sie nicht anhalten.
Aus: Peter Josef Dickers, Die
Pendeluhr – Stationen erinnerungswürdiger Jahre.

Foto: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
BEI

DEN

DICHTERN

G E S T Ö B E R T … von Waltraud Käß

Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Foto: birgitH/www.pixelio.de

(Rainer Maria Rilke) – Original-Schreibweise
Rainer Maria Rilke, eigentlich Renè Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke (1875 – 1926), wurde in Prag geboren. Er gilt als Lyriker deutscher Sprache und als bedeutender Dichter der literarischen Moderne.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
DER

A U T O K A U F von Brigitte Foerster

Über zehn Jahre ist unser Auto jetzt alt,
da machten wir vor einem Autohaus halt.
Altersgerecht sollte das Neue schon sein,
gute Ausstattung und Komfort schlossen wir ein.
Ich hatte mich sofort in ein Auto verliebt!
Ein weißes mit schwarzem Dach, dass es das gibt.
Ich nahm Platz, sah mir die Innenausstattung an,
dann war für uns die Probefahrt dran.
Bremsassistent ist vorhanden, das Navi integriert,
ein eingebautes Kühlfach hat mich fasziniert.
Scheibenwischer setzen sich selbst in Betrieb,
es gab keinen Wunsch, der offen blieb.
Ich war begeistert, in fröhlicher Stimmung
und dachte, jetzt fehlt nur noch die Zulassung.
Das persönliche Kennzeichen war schnell gefunden,
so fühlte ich mich dem Auto bereits stark verbunden.

Foto: Werner Foerster

Der Kauf war beendet, wir liefen zum Ausgang hin,
magisch angezogen kam mir folgendes in den Sinn,
dass das Auto so etwas wie eine Seele hat,
unser „Schneewittchen“, der Family FIAT.

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THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
DAS

TRÜMMERFELD

von Rela Ferenz

UND

DIE

MÜHLE

AM

BACH

Birken auf Ruinen.
Roter Riesenmohn am Weg.
Darüber nur eilig der Wind,
als wenn er die eisernen Scherben fegt.
Still auf den alten Wunden liegt
das weite Gewebe der Zeit.
Hin und wieder bluten sie noch.
Und wieder versorg ich sie neu.
Birken. Roter Riesenmohn.
Ein tönendes, wildes Grün.
Ich weiß. Die Erde ist nicht tot.
Es war so viel Liebe dabei.

Bild: Christina Günther (Malerin)

Die Mühle am Bach
Spielt die Mühle am Bach
noch ein Stück von dem Lied,
''bei Tag und bei Nacht''.
Ich summe es mit.
Das Wasser rennt
wie hellrotes Blut
um das große Rad.
So ist es nicht tot.
In meiner Brust
geht der Mühlstein noch
und klappert lustig
und pocht und schlägt.
Du hältst ihn nicht fest,
keinen Augenblick,
wo doch nur das Liedchen
dahinter steckt.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
SOMMERLAND

von Wolfgang Prietsch
Wenn Grillen zirpen, wenn Gräser blüh´n,
wenn Kornfelder im Sonnenlicht glüh´n,
wenn die Luft flimmert zur Mittagszeit,
wenn offen die Welt und der Blick geht weit,
wenn ich barfuss gehe durch heißen Sand,
wenn ich Rehspuren finde am Feldesrand,
wenn Harzruch im Wald und ein Lied in der Luft,
wenn rundum die Welt voller Sommerduft –
Da geh´ ich mit Dir Hand in Hand
in dieser Zeit über das Land.

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

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THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
FRÜHSOMMER

von Susanne Danowski

UND

AM

MORGEN

Golden glänzt der Sonnenball,
kühl noch tanzt ein Wind.
Frisches Grün wächst überall,
ich fühl mich wie ein Kind.
Barfuß tasten sich die Füße
ungewohnt in neue Freiheit.
Pusteblumen senden Grüße.
Die Welt ist wieder bunt und weit.
Foto: Oliver Mohr / pixelio.de

Und ein Sehnen wächst in mir
nach weichem sommerwarmen Sand,
mit Sonnenuntergang am Meer
und einer Hand in meiner Hand.
Am Morgen
Kraniche haben den Morgen geweckt
die Vögel singen sich ein für den Tag
und blassblau ein hoher Himmel sich streckt
ein Start mit Kaffee, wie ich es so mag
Die Gewitter von gestern sind weiter gezogen
der große Donnerschlag verhallt
die Sonne ist der feuchten Erde gewogen
der Tag ist gerade sechs Stunden alt
die Gedanken ziehen in ruhigeren Bahnen
sie kennen den Weg und wandern zu Dir
so fremd und vertraut, nicht wissen nur ahnen
ich finde dein scheues Lächeln in mir
Neugier erobert sich weitere Räume
die Vorfreude sich schon die Hände reibt
will Gewissheit tauschen gegen die Träume
erkennen was gehen wird, erleben was bleibt

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
VERPASSTE

G E L E G E N H E I T von Susanne Danowski

Es ist später Nachmittag, eigentlich
schon Abend. Ich steige, auf meinem
Weg nach Hause, in die U2, der Berufsverkehr ist vorbei, der Zug angenehm
leer. In meinem Wagen sind nur wenige
Mitfahrer. Die Türen schließen sich.
Ich schaue mich um. Mir gegenüber
sitzt ein junger Mann im Sweetshirt und
verschlissenen Jeans. Konzentriert
schaut er auf sein Smartphon in seiner
Hand. Ab und an schiebt er mit dem Finger über das leuchtende Glasfenster.
Drei Plätze daneben lümmelt ein Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, sehr geschminkt, dass die frische Jugendlich-

keit
in ihrem Gesicht im
wahrsten Sinn vertuscht wird.
Sie schaut mich kurz an, dann
schallt eine laute Musik aus
ihrer Jackentasche und sie
zieht ein Telefon heraus und
befreit es aus einen kleinem
Strumpf. Lautstark zwingt sie
mich nun, ihre Meinung zu mir
fremder Jungen und Mädchen
mit anzuhören. Alles ist „ja
krass, Alter“ und „Alter, das
geht ja überhaupt nicht“.
Um mich abzulenken sehe zu
der Nachbarin auf meiner Sitz-

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

bank. Sie hat die Augen geschlossen, aber jeder Muskel
ihres zarten Körpers zuckt in
einem lautlosen Tanz. Die Musik fließt ihr durch Ohrhörer
aus einem MP3 Player zu. Ein
dumpfes Bum, klackklack bum

Seite 22
ist auch für mich zu hören. Weiter weg
von mir steht eine junge Frau an der
Tür. Ich sehe sie nur von hinten. Sie
hält ein Telefon ans Ohr und spricht
sehr leise. Ich kann nichts verstehen,
aber sie wirkt müde und traurig. Vielleicht weint sie auch. An der nächsten
Station steigt sie aus und eine Gruppe
von drei jungen Menschen drängt sich
durch die Tür. Sie scheinen zusammen
zu gehören, setzen sich nebeneinander.
Doch alle drei tippen und wischen über
Displays, offensichtlich jeder versunken in ein Spiel das alle Aufmerksamkeit beansprucht. Am Ende meiner

Bank sitzt eine junge Frau. Ein
mit kleinen Zetteln gespicktes
Lehrbuch ist ihr auf den Schoß
gesunken. Verträumt sieht sie
zu meinem Gegenüber, sucht
seinen Blick. Ob er jemals wissen wird, wie ihre graugrünen
Augen strahlen, wie rosig ihre
Wangen glühen könnten? Die
Meldungen aus dem immer gegenwärtigen Netz sind ihm derzeit wichtiger. Oh, ich muss ja
aussteigen. Hastig greife ich
nach meiner Tasche. Im Vorbeigehen streift mich ein Blick.

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VON BERLIN
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Als ich mich, an der Tür angekommen, noch mal umsehe,
lächelt mich ein Mann, in den
besten Jahren, bübischen an.
Er hatte sich von mir unbemerkt neben mich gesetzt und
mich sicher bei meinen Studien
beobachtet. Habe ich da was
verpasst? Die Bahn setzt sich
langsam in Bewegung und ich
bemerke noch ein resignierendes Schulterzucken und ein
kleines Winken.
        
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