Path:
Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2016,5/6

22

Ausgabe Mai-Juni 2016

SPÄTLESE

Jahre

www.magazin-spätlese.net

DAS MAGAZIN FÜR AUFGEWECKTE SENIORINNEN
Inhalt der Ausgabe
30 Jahre Hellersdorf

2

Das 25-jährige Jubiläum

2

Der Liebesbaum

3

Konrad Zuses Z3 leitete digitales
Zeitalter ein

5

WAS

Die Bitten der Kinder (Bertolt
Brecht, 1951)

7

Ein erlebnisreicher Nachmittag

8

Traditionsbewusst in die Moderne:
Dresdner Kreuzchor

10

Die neue Ausgabe des SeniorenMagazins „Spätlese” ist online
unter:
www.magazin-spätlese.net
verfügbar.

„Frauen und Bachs Musik“

11

2015 war das wärmste Jahr seit
Beginn der Aufzeichnungen

12

Mit dem Kulturzug in die Kulturhauptstadt 2016

14

Berliner Buddy Bären reisen um die
Welt

15

Ein Besuch in Barcelona

16

Thüringen - ein Kernland der Reformation

17

Schloss Ribbeck im Havelland

19

Bei den Dichtern gestöbert…

20

Entrüstung im Kurpark

21

Kleine Frau

22

Nicht nach Norwegen

23

Erde statt Himmel

23

Die Schlankheitskur

25

Traktat über die Kruste

26

Schlagzeile

26

Die beiden kugelrunden Müller

27

ERWARTET

SIE

Die Leserinnen und Leser können sich auf interessante und
lesenswerte Themen freuen. Die
ehrenamtlichen Autoren haben
sich auch in dieser Ausgabe bemüht, für jeden Geschmack etwas anzubieten.

IN

DIESER

AUSGABE?

Waltraud Käß beschäftigt sich
mit dem Liebesbaum, den Bitten
der Kinder und mit den Frauen
und der Musik von Bach. Rudolf
Winterfeldt war beim Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V. und
recherchierte zur Geschichte von
Hellersdorf.
Verschiedene Autoren berichten
unter anderem über Kuren, über
Barcelona, über den Klimawandel, über Ribbeck im Havelland
und ein Erlebnis im Kurpark.

Christa-Dorit Pohle berichtet
über einen erlebnisreichen
Nachmittag. Ursula A. Kolbe berichtet über den Kulturzug, die
Buddy Bären, Konrad Zuse und
über Thüringen.

www.magazin-spätlese.net

Seite 2

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
30

JAHRE

HELLERSDORF

von Rudolf Winterfeldt

Bild: Rudolf Winterfeldt

Als mein Sohn mit seiner Familie im
Januar 1983 nach Hellersdorf zog, gab
es für mich die erste Begegnung mit
Hellersdorf. Bei meinen Besuchen in
den Jahren bis 1997 konnte ich die
Entwicklung des Baugeschehens in
Hellersdorf gut verfolgen. In den ersten
Jahren fuhr ich über Köpenick und
Mahlsdorf nach Hellersdorf, später
dann über Hönow. Der Bauabschnitt
„Kaulsdorf-Nord I“ war zu diesem Zeitpunkt schon fertig gebaut. Es war der
südliche Zipfel von Hellersdorf, der
fälschlicher Weise „Kaulsdorf-Nord“
genannt wurde. Aber bei diesem Namen
ist es dann auch geblieben. Heute ist
dieses Gebiet mit „Hellersdorf-Süd“
benannt. Interessant fand ich bei jedem Besuch, wie sich die Landschaft
verändert hatte. So z.B. den Bau der UBahnstrecke von Wuhletal nach Kaulsdorf-Nord. Den Tunnel habe ich noch
offen gesehen. Jedes Mal gab es neue
Wohnhäuser und auch öffentliche Gebäude. Das Rathaus von Hellersdorf
war noch in einem der Hochhäuser Hellersdorfer Ecke Alte Hellersdorfer Str.
untergebracht. Wenn wir über die Stendaler Str. anfuhren, konnten wir die

„Großbaustelle“ Helle Mitte
sehr gut beobachten. Eine Kuriosität sei mir gestattet. Mit meinem Trabi fuhr ich die Hellersdorfer Str. aus Richtung Helle
Mitte zu meinem Sohn. Vor mir
fuhr ein Betonfahrzeug. Vor der
Kreuzung Hellersdorfer – Neue
Grottkauer Str. verlor das Betonfahrzeug einige Kleckse Beton. Ich konnte dem noch ausweichen. Aber noch heute sind
diese Kleckse auf der Fahrbahn
vorhanden und das ist nun über
30 Jahre her.
Seit 1997 wohne ich nun selbst
in Hellersdorf-Süd und fühle
mich hier sehr wohl. Mein Sohn
wohnt mit seiner Familie noch
immer in der damals bezogenen
Wohnung. Nun habe ich mich
natürlich auch für den ehemaligen Bezirk Hellersdorf interessiert. Dabei fand ich sehr interessante Einzelheiten in der Geschichte meines Bezirkes heraus. Die Hellersdorfer Gemarkung reicht von der Landsberger
Chaussee im Norden entlang der
Wuhle, als westliche Grenze, bis
zur Gülzower Str. / Altentreptower Str. im Süden. Auch ein Teil
des Geländes des heutigen Griesinger Krankenhauses gehörte
mit dazu. Ursprünglich wurde
dort ein Krankenhaus für Epilepsie gebaut. Die erste Besiedlung
von Hellersdorf erfolgte bereits
vor 10.000 Jahren. Später war
Hellersdorf menschenleer.
Im 7. bis 8. Jahrhundert kamen
Slawen in dieses Gebiet. Die

Gründung von Hellersdorf ist im
13. Jahrhundert nachgewiesen.
100 Jahre später ist alles wieder
vorbei und Hellersdorf ist wieder
„wüst“ also menschenleer. Anfang des 19. Jahrhunderts kaufte die Familie von Arnim die
Landschaft und machte Hellersdorf zu einem Rittergut. Das Rittergut und die zugehörigen Ländereien kaufte die Stadt Berlin
Ende des 19. Jahrhunderts und
machte aus den Ländereien Rieselfelder zur Entsorgung der Abwässer aus Berlin. 1920 wurde
Hellersdorf nach Berlin eingemeindet und gehörte zum Stadtbezirk Lichtenberg. Mit dem Beschluss der DDR-Regierung zum
Wohnungsbauprogramm war
auch für Hellersdorf der Zeitpunkt der Veränderungen gekommen. 1979 wurde mit den
Bauarbeiten im ersten Bauabschnitt begonnen und, wie schon
gesagt, 1983 sieben Monate
vorfristig beendet. 1986 wurde
Hellersdorf ein eigener Stadtbezirk, was er bis zur Fusion mit
Marzahn 2001 geblieben ist. In
diesem Jahr nun ist es 30 Jahre
her, dass der Bezirk gegründet
wurde.
Quellenangabe:
1. Beiträge zur Regionalgeschichte Nr. 13 des Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V.
2. Festschrift „BerlinHellersdorf“ der MAZZVerlagsgesellschaft mbH, Berlin
1996

THEMA: AUS DEM BEZIRK
DAS

25-JÄHRIGE

von Rudolf Winterfeldt

JUBILÄUM

Unser Heimatverein MarzahnHellersdorf e.V. feiert „Silberhochzeit“.
Aus Anlass dieses Jubiläums wurden
vom Vorstand Journalisten zu einem
Pressegespräch eingeladen. Der Vorsit-

zende des Vereins, Wolfgang
Brauer, gab zu Beginn einen
Überblick über die Gründung
und Entwicklung des Heimatvereins. Ursprünglich gab es

seit dem 21. Januar 1991 in
Hellersdorf und sieben Jahre
später in Marzahn jeweils einen
Verein, der sich mit der Geschichte des Gebietes bzw. der

Seite 3
Ortsteile beschäftigte. Mit der Fusion
der Bezirke Marzahn und Hellersdorf
war auch eine Vereinigung der beiden
Vereine zweckmäßig und wurde im Jahre 2002 in die Tat umgesetzt. Bis zu
diesem Zeitpunkt wurden bereits zahlreiche Vorträge und Exkursionen organisiert, mehrere Broschüren und Presseartikel veröffentlicht sowie an Ausstellungen und dem Aufbau des Bezirksmuseums mitgewirkt. Verdienstvolle
Persönlichkeiten, wie Dieter Winkler,
Dr. Friedrich Wilhelm Bretschneider,
Dr. Günter Peters haben nachhaltig den
Charakter der damaligen Vereine geprägt. Unter Vorsitz von Dr. Günter Peters agierte nun der „Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V.“ in dem jetzigen
Bezirk Marzahn-Hellersdorf von Berlin.
Auch weiterhin steht die Heimatgeschichte im Mittelpunkt der Arbeit des
Vereins. Exkursionen zu geschichtlich
interessanten Orten und die Gestaltung
der „Tage der Regional- und Heimatgeschichte“ sind hier besonders hervorzuheben. Seit dem Jahre 2006 hat der
Studienrat Wolfgang Brauer den Vorsitz
des Vereins inne. Seine Stellvertreterin

ist Dr. Christa Hübner. Die
Aufgabenstellung des Vereins hat sich nicht geändert. Die Regional- und Heimatgeschichte im Bezirk
Marzahn-Hellersdorf steht
weiterhin im Vordergrund.
Im Jahresplan 2016 steht
u.a. am 05.05. bis 08.05.
das Biesdorfer Blütenfest,
am 11.06. Exkursion nach
Jüterbog/Wiepersdorf und
am 09.09. bis 11.09. das Altmarzahner Erntefest. Vorgestellt wurden bei dem Pressegespräch zwei neue Broschüren der Reihe „Beiträge zur
Regionalgeschichte“. Einmal
das Heft Nr. 12 „Zur Sportgeschichte von MarzahnHellersdorf“ und Heft Nr. 13
„Besiedlung – Bevölkerung –
Migration“. Die Hefte kosten
6,00 € bzw. 7,00 € und sind
u.a. in den Buchhandlungen:
Thiele in der Oberfeldstr. 2-3,
KIK in der Marzahner Promenade 37, Kaulsdorfer Buch-

Foto: Rudolf Winterfeldt

handlung in der Heinrich-GrüberStr. 9 und in der Buchhandlung
Petras in der Fritz-Reuter-Str. 12
erhältlich. Auch bei Frau Schuricht unter Telefon: 51700717
ist eine Bestellung möglich. Gegenwärtig zählt der Verein 140
Mitglieder. Nachwuchssorgen
plagen auch diesen Verein. Wer
also Interesse an der Arbeit des
Vereins hat, sollte sich dort melden und mitwirken. Weitere Informationen können Sie unter
www.heimatverein-marzahn.de
erhalten.

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
DER

LIEBESBAUM

von Waltraud Käß

Bild: Milka Abey / www.pixelio.de

Erinnern wir uns: 8. Mai 1945 – Die Kapitulation Hitlerdeutschlands wird nach
dem Ende des mörderischen 2. Weltkrieges vollzogen. Frieden sollte sein.
Doch nach über 70 Jahren toben noch
immer überall auf der Welt Kriege. Profit- und Machtstreben der Herrschenden
führen zu millionenfachem Elend von
unschuldigen Menschen, führen zu Tod,
Verzweiflung und traumatisierten Solda-

ten, die in diesen Kriegen
sinnlos verheizt , und wenn sie
unbrauchbar geworden sind,
alleine gelassen werden.
Die reichen Länder in Europa
haben sich abgeschottet gegen die durch sie hervorgerufenen Flüchtlingsströme. Die
so genannte Balkanroute, auf
der die Flüchtlinge nach Europa gelangen konnten, wurde
für die reiche EU durch arme
Länder wie Mazedonien, Kroatien, Serbien und Slowenien
geschlossen. Sie machen die
Drecksarbeit, auch für die
Wohlstandsgesellschaft in
Deutschland. Man überlässt
dem ärmsten Mitgliedsland
der EU, Griechenland, die
größte Belastung und Verantwortung. Obwohl man es finanziell vorher zu Boden ge-

zwungen hat und eigene Profite
daraus zieht. Zwei Beispiele:
„Dieses Land hat, mit dem Messer der EU auf der Brust, dem
bundesdeutschen Konzern Fraport 14 Regionalflughäfen für
ca. 1,2 Milld. € verkauft. Damit
befindet sich nahezu der gesamte Touristikbereich unter
bundesdeutscher Konzernkontrolle. – Einer der lukrativsten
Deals ist der Verkauf eines
zehnprozentigen Anteils an der
staatseigenen Telekommunikationsgesellschaft, die der Deutschen Telekom im Jahre 2011
die Summe von 585 Mill. € eingebracht hat“ (Aus „Raubzug in
Griechenland“, Heft Rotfuchs
Nr. 218 vom März 2016). Sind
das nicht echte Schnäppchen?
Seit dem 20. März 2016 hat die
EU den faulen Kompromiss zur

Seite 4
Abschottung vor den Flüchtlingen mit
der Türkei geschlossen, die ihre privilegierte Stellung erpresserisch zu nutzen
weiß. Da vergisst man schnell einmal,
über die Verletzung von Menschenrechten zu reden. Und man schnürt papierne Finanzpakete für Griechenland, die
vielleicht niemals oder nur Ich schäme
mich. Schäme mich für alle diese
Handlungen. Schäme mich und bin wütend, wenn ich die dummen und gefährlichen Sprüche von der AfD, der Pegida
und wie sie noch alle heißen, von CSUund anderen Politikern ertragen soll.
Bin entsetzt, wenn ich lese, höre und
sehe, wie im Namen Gottes oder Allahs
Menschen verdummt, missbraucht , zu
Gotteskriegern gemacht oder getötet
werden. Und mitunter denke ich, dass
passieren müsste, dass genau diese
Hassprediger und diese Politiker eine
Woche lang als Soldat den Krieg erleben oder dass sie sehen müssten, wie
der Kamerad an ihrer Seite getötet
wird. Oder sie müssten nur mal eine
Woche als Flüchtling, vielleicht sogar
als „Wirtschaftsflüchtling“ die Strapazen und das Leid ertragen. Glauben sie
nicht auch, dass die Welt vielleicht ein
wenig friedlicher werden würde? In
meiner Ohnmacht möchte ich mir wenigstens diese Illusion erhalten. Aber
müssen wir ohnmächtig bleiben? In der
Zeitung „Neues Deutschland“ vom
8.März 2016 gab es einen Leserbrief –
Ich bin einer der Stummen im Landvon Andreas Kloß, Dresden, aus dem
ich kurz zitieren möchte: „Wenn wir
vielen Stummen, bei denen Herz und
Hirn noch eine Einheit bilden, nicht
endlich anfangen, leise zu rufen, dass
nicht die Flüchtlinge das Problem dieser Welt sind, sondern diejenigen, die
sie durch ihre Politik der Gier nach
Macht, Rohstoffen und Geld zu Flüchtlingen gemacht haben, sind wir mitschuldig!“ Stimmt. Und ich denke: Jeder kann ein Zeichen setzen. Jeder
nach seinen Möglichkeiten. Neben allem Leid aber gibt es auch weiter Leben, Freude, Liebe, Fröhlichkeit in der
Welt. Kinder werden gezeugt und geboren. Ich möchte meine folgende Geschichte „Der Liebesbaum“ den Lebenden, den Toten und allen Flüchtlingen
dieser Welt widmen.
„ Der Liebesbaum“
Sie wollten sich wie immer an ihrer al-

ten Weide treffen. Die alte Weide am Ufer der Oder war schon
vor vielen Jahren der heimliche
Spielplatz ihrer Kindheit. Auf
den knorrigen Ästen, versteckt
im Laub der Blätter, träumten
sie damals davon, wie die Welt
wohl am anderen Ufer des Flusses aussehen würde. Jahre später hatte Gertrud von Max den
ersten, scheuen Kuss an der
Weide bekommen und sie hoffte,
dass er nicht immer so zurückhaltend bleiben würde wie bei
diesem ersten Mal. Als sie
schwanger wurde, hörte nur die
Weide zu, als Gertrud ihrem
Liebsten das Geheimnis anvertraute. Er würde sie heiraten,
dessen war sie sich gewiss. Und
an diesem Abend nahm Max sein
Taschenmesser in die Hand und
ritzte mit ihm in geheimnisvollen
Strichen und Punkten, er hatte
sich das Morsealphabet selbst
beigebracht, ihren gemeinsamen Schwur in den Stamm, immer füreinander da zu sein.
An ihrer Weide wollten sie nun
auch Abschied nehmen. Es würde bestimmt nur ein Abschied
auf Zeit sein. Der Krieg war sicher schnell vorbei, die Truppen
siegten auf der ganzen Linie,
wie man es in allen Wehrmachtsberichten hören konnte.
Ihrem Max würde sowieso nichts
passieren. Sie bekam schließlich sein Kind. Und das brauchte
seinen Vater. So beruhigten sie
sich gegenseitig. Gertrud wartete nun schon den dritten Monat
auf Post. Die Nachrichten klangen beunruhigend. Die eigenen
Truppen bewegten sich rückwärts. Manchmal, wenn wieder
eine Marschkolonne im Dorf eintraf, nahm Gertrud das Foto von
Max und fragte die Soldaten
„Kennen Sie meinen Mann? Haben Sie gehört, was mit dieser
Einheit geschehen ist?“ Kein
Lächeln blitzte in den müden
und leeren Augen der Soldaten
auf. Von den schmalen, eingerissenen Lippen kam keine Auskunft. Bis zu dem Tag, als sie
den Brief bekam. Er war schmut-

zig, zerknittert und auf dem eingerissenen Umschlag sah sie die
eingetrockneten Blutflecke. Zittern nahm sie ihn aus den Händen des Soldaten entgegen. „Er
konnte ihn noch aus der Jacke
ziehen, als ihn die Kugel traf“
sagte der Soldat in ihre Augen.
Mit dem Beil rannte Gertrud zu
der alten Weide. Es war eine Lüge. Alles war eine Lüge. Auch ihr
gemeinsamer Schwur. Max würde nie wieder für sie da sein. Ihr
kleiner Sohn war vaterlos. Sie
musste diesen Schwur zerstören.
Sie hackte und hackte, aber die
Borke des Baumes widerstand
und gab nur wenige Stückchen
frei. Gertrud stampfte sie mit
ihren Füßen in den Boden und
grub sie unter Tränen mit ihren
Fingern wieder aus. „Frau, verlasst endlich das Dorf, die Russen stehen schon an der Oder“,
riefen ihr die letzten Flüchtlinge
zu. In der Dunkelheit, sie hörte
den immer näher kommenden
Geschützdonner, besuchte sie
noch einmal ihre alte Weide.
„Eines Tages besuche ich dich
wieder. Du hast mir die Kraft
gegeben, durchzuhalten.“ Sie
schnitt einige Zweige ab und
achtete während der ganzen
Flucht darauf, sie immer feucht
zu halten. In jedem Frühjahr hatten die Zweige, inzwischen zu
kleinen Weiden heran gewachsen, frisches Grün getrieben und
Gertrud hoffte jeden Frühling,
dass Max noch am Leben sei. Sie
hatte ein neues Dorf gefunden
und sich mit ihrem Sohn eingerichtet. Drei Jahre waren ins
Land gegangen und ihre Hoffnung wurde blasser. Bis dieses
Wunder geschah. „Max“ schrie
sie auf, als der ausgemergelte,
beinamputierte Mann plötzlich
vor ihrer Tür stand. „Der Soldat,
der Brief mit den Blutflecken,
ich dachte, Du seiest tot“ stotterte sie fassungslos in sein Gesicht. „Ach Gertrud“, sagte Max,
„ich wurde schwer verwundet
und kam in Kriegsgefangenschaft. Ich musste doch am Leben bleiben. Wir haben uns ge-

Seite 5
schworen, immer füreinander da zu
sein.“ Als er sie im Arm hielt, sagte er
leise „Du weißt doch, Totgesagte leben
länger.“ Irgendwann, bevor sie zu alt
dafür wären, beschlossen Max und Gertrud, ihr Dorf an der Oder noch einmal
zu besuchen. Ob die alte Weide, ihr Liebesbaum, noch am Ufer stehen würde?
Die Spur der Säge war noch frisch. Es
sei einer aus dem Nachbardorf gewesen, sagten die Alten, die sie befragten,
und Max und Gertrud folgten dieser
Spur. „Wir suchen die alte Weide, die
Sie vor einigen Tagen abgesägt haben.“

Der Holzbildhauer zeigte auf
eine neue, noch unfertige
Skulptur in seinem Garten. Er
zeigte auf das Holz und meinte, dieser Baum müsse ein Geheimnis bergen, denn er habe
auf seinem Stamm seltsame
Einritzungen gefunden.
Zwei Händepaare strichen behutsam über das alte Holz und
währenddessen erzählten Max
und Gertrud dem Bildhauer
das Geheimnis der Weide. Endlich konnte Gertrud ihrem

Mann auch beichten, dass sie
den Baum fast mit einer Axt zerstört hätte. Der lachte nur und
strich ihr zärtlich über das Gesicht, „Du weißt doch, Totgesagte leben länger.“ Der Bildhauer
sah die Beiden und wusste, dass
die Weide in seiner Skulptur
ewig leben würde. Und er beschloss, ihr den Namen „Der Liebesbaum“ zu geben.

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
KONRAD

ZUSES

von Ursula A. Kolbe

Z3

LEITETE

Bild: AP / APN

Vor 75 Jahren begann das digitale Zeitalter in Berlin. Überraschend für viele
Menschen gelten doch oftmals die USA
als die Wiege der digitalen Revolution.
Das Computer-Zeitalter begann jedoch
in den 30er Jahren in Berlin-Kreuzberg,
als Konrad Zuse im heimischen Wohnzimmer der Eltern den Z3 erfand. Seitdem verändert dieser die Welt wie seinerzeit die Dampfmaschine oder das
Automobil. Ob im Alltag und noch mehr
im Arbeitsleben. Und die Erde, sie dreht
sich weiter. Es stellen sich jeden Tag
neue Fragen, wie die Digitalisierung die
Welt weiter verändern wird, was in den
TOP-Hochschulen und Industrielaboren
erdacht und entwickelt wird. Über all
das wollen sich das Zuse-Institut Berlin
und der „Tagesspiegel“ am 11. Mai
2016 in Berlin mit herausragenden digitalen Vordenkern austauschen. Unternehmen können sich präsentieren und
so relevante Forschungsthemen und
Wissenschaftler kennenlernen sowie
Kontakte zu Startups, Young Professionals und interessierten Nachwuchs

DIGITALES

ZEITALTER

knüpfen. Mit Blick auf diese
Tagung hat im Vorfeld eine unabhängige Jury des ZuseInstitutes 75 solcher Wegbereiter(innen) des digitalen
Zeitalters ermittelt, die „Der
Tagesspiegel“ täglich bis zur
Konferenz in einer Serie vorstellt. Sie alle an dieser Stelle
aufzuführen, würde den Rahmen des Beitrags sprengen.
Deshalb nur einige Namen,
Wegmarken, Blicke in die digitale Zukunft.
Pioniere auf dem Weg ins digitale Zeitalter
Konrad Zuse(1910 bis 1995)
war Ingenieur, Erfinder, Maler,
Visionär, wird heute fast einhellig auf der ganzen Welt als
Schöpfer des ersten frei programmierbaren Rechners Z3 in
binärer Schalttechnik und
Gleitpunktrechnung, der wirklich funktionierte, anerkannt heute Computer genannt.
Schon als Zehnjähriger baute
er eine Treppenlichtschaltung
aus Blech und Nägeln, konstruierte Baupläne. Mit 21
Jahren entwarf er ein elliptisches Kino. Insgesamt tragen
über 50 Patente seinen Namen. Er war es auch, der die
erste Computerfirma Europas
gründete. Mit dem Z4 konstruierte Zuse den ersten kommerziell vertriebenen Computer und erfand die erste höhe-

EIN

re Programmiersprache. Er
nannte sie „Plankalkül“. Die
Prototypen Z1 und Z3 wurden im
Zweiten Weltkrieg zerstört. Konrad Zuse selbst und sein Sohn
Horst Zuse haben Nachbauten
dieser Maschinen angefertigt,
die ein beeindruckendes Zeugnis von den Anfängen des Computers ablegen. Zu sehen sind
sie jetzt im Deutschen Technikmuseum Berlin. Der Nachbau
der Z3 von Zuses ältestem Sohn
Horst „tourt“ seit 2010 durch
zahlreiche Museen, Universitäten und Messen, macht jetzt bis
auf Weiteres Halt im Deutschen
Technikmuseum Berlin. Prof.
Zuse führt hier die Maschine
den Besuchern persönlich vor.
(Termine siehe Internet).
Der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee, 1955
in London geboren, hat mit dem
World Wibe Web ein weltumfassendes Medium erfunden. Er
verzichtete auf die Patentierung
und daraus resultierende Einnahmen, um die Entwicklung des
Webs nicht durch CopyrightAuseinandersetzungen und konkurrierende Techniken zu behindern. Ein wahres Geschenk an
die Menschheit. Heute ist er
Professor am Massachusetts
Institute of Technology (MIT)
und wacht als Direktor des
Worl d-Wibe-Web-Consortiums
(W3C) über das Netz. Auf dem

Seite 6
Weltwirtschaftsforum in Davos sprach
er sich dafür aus, das Recht auf Anonymität unter bestimmten Bedingungen
einzuschränken - um beispielsweise
Angriffe von Stalkern auf Frauen zu
verhindern. Als einer der wichtigsten
technischen Wegbereiter des digitalen
Zeitaltes kann der Physiker William
Shockley (1910 bis 1989) gelten. Gemeinsam mit seinen Kollegen John Bardeen und Walter Brattain entwickelte
er 1947 den Transistor in den BellTelephone Laboratories an der amerikanischen Ostküste in New Yersey. Dieser
ersetzte die Elektronenröhre als Schalter und Verstärker, ermöglichte integrierte Schaltkreise und Mikrochips.
1956 bekam das Trio den PhysikNobelpreis. Als Entwickler von Mac,
iPod und iPhone revolutionierte Steve
Paul Jobs (1955 bis 2011) nicht nur
die Computerindustrie, sondern auch
die Musik- und Kommunikationsbranche. Weggefährten beschreiben ihn als
getrieben, übermäßig ehrgeizig, als
einen, der in Extremen dachte. Neu war
1984 der Macintosh, kurz Mac: Der
erste Computer, der mit einer grafischen Benutzeroberfläche – Symbole
statt Befehlszeilen – zum Verkaufsschlager wurde. Bedient wurde er über
eine Maus, auch das war zum damaligen Zeitpunkt eine Neuheit. 1976
gründete Jobs mit seinen Kumpeln Steve Wozniak und Ronald Wayne in der
legendären Garage seines Elternhauses die Firma Apple. Bereits ein Jahr
später hatte sich der Apple II gut verkauft. Die amerikanischen Informatiker Ken Thompson (geboren 1943) und
Dennis Ritchie (1941 bis 2011) entwickelten 1969
das Betriebssystem
Unix, das zusammen mit abgeleiteten
Systemen in mehr Geräten eingesetzt
wird als Windows. Es steckt heute in
allen Apple-Rechnern. Jimmy Wales
(geboren 1966 in Huntsville, Alabama)
ist Hauptgründer der OnlineEnzyklopädie Wikipedia. Sie ist kostenfrei zugänglich. Seine Wikipedia umfasst mittlerweile mehr als 37 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen. Ein
„Opfer“: Den Brockhaus – von Wales
einst als Vorbild in puncto Qualität bezeichnet - hat es bereits „erwischt“.
Seit 2014 ist er nur noch antiquarisch
zu haben. Schultaschenrechner können
nicht nur rechnen, sondern spielend

mit mathematischen Formeln
umgehen. Die Grundlage dafür
schuf die Mathematikerin Jean
E. Sammet (geb. 1928 in New
York). Sie setzte nach ihrem
Studium als Programmiererin
beim Branchenprimus IBM einen
Leitgedanken Zuses um. Er hatte den Traum, dass Computer
dem Menschen das Rechnen
abnehmen. Dachte Zuse noch an
Zahlen, hatte Sammet auch die
Algebra im Blick. Sie entwickelte den „Formula Manipulation
Compiler“, kurz Formac. Damit
war es möglich, mathematische
Formeln per Computer zu verändern. Das fehlerträchtige Umformen von Gleichungen durch den
Menschen war nicht mehr nötig.
Computeralgebra ist heute weit
verbreitet. Mensch und Maschine müssen im Computer zusammenkommen, vertrat die Mathematikerin Grace Hopper (1906
bis 1992) ihren Standpunkt.
Das Verbindungsglied ist der
Compiler (Übersetzer); ein Programm, das die am Menschen
orientierte Programmiersprache
in die Maschinensprache des
Rechners übersetzt. Grace Hopper hat diesen ersten Compiler
erfunden, Frances E. Allen
(1932 geb.) entscheidende Beiträge für die Verbesserung dieser Programme geleistet. 2006
erhielt sie als erste Frau den
Turing-Preis, den Nobelpreis der
Computerwissenschaft. Die Forscher Charles Kao (geb. 1333 in
Schanghai) sowie die beiden
Amerikaner Robert Maurer (geb.
1924) und John MacChesney
(geb. 1929) schufen ein globales Netz aus Glasfasern. Ohne
Lichtwellenleiter wäre das Internet in seiner heutigen Form undenkbar. Erst Glasfaserkabel,
die mittels Lichtimpulsen in der
gleichen Zeit viel mehr Daten
übertragen können als Kupferkabel, haben den massiven Informationsaustausch ermöglicht. Die weltweit verlegten
Glasfaserkabel sind zusammen
mehr als eine Milliarde Kilometer lang – aneinandergeknüpft

würden sie mehr als 25.000mal
um die Erde reichen. Eine gute
Übersicht sowie detaillierte Informationen darüber bietet die
interaktive Karte unter
www.submarinecablemap.com.
Lediglich die Antarktis ist noch
nicht an das globale Netzwerk
angeschlossen. Brettspiele sind
einer der Prüfsteine für Computerentwickler. Der Kanadier Jonathan Schaeffer (geb. 1957) schuf
ein Dame-Programm, das die vollständige Lösung des Spiels erreicht und von keinem Menschen
zu schlagen ist. Er ist nationaler
Schachmeister und studierte Mathematik. Schaeffer setzte auf
parallele Berechnungen und nutzte 18 Jahre lang die überschüssige Rechenleistung in den Studentenpools der Universität von Alberta, wo er Professor ist. Mit
seiner Lösung ist klar, dass die
Dame bei beiderseitig optimalen
Zügen stets zu einem Unentschieden führt. Der Selfmademan
Heinz Nixdorf(1925 bis 1986)
schaffte aus dem Nichts ein deutsches Computerwunder: Er
schrumpfte die Riesenrechner
auf Schreibtischformat und
brachte den Computer in Banken,
Behörden, Unternehmen. Leider
verschlief Anfang der 80er Jahre
seine AG den Megatrend, wurde
1990 an Siemens verkauft. Ob
Gollum in „Herr der Ringe“, Carl
im Pixar-Film „Oben“ oder Charaktere in der virtuellen Welt eines Computerspiels – ohne Nadia
Magnenat –Thalmann, eine Pionierin der Computergrafik, würden die Figuren viel weniger lebensecht wirken. Heute hilft sie
mit ihren virtuellen Menschen der
Medizin. Ein autonomer Roboter
namens Nadine, den MagnenatThalmann entwickelte, ist rein
äußerlich fast ihr Zwilling. Nadine kann Menschen, ihre Mimik
und Emotionen erkennen und antworten. Wie gesagt, die Auflistung ließe sich fortsetzen. Mehr
über diese Persönlichkeiten und
die Tagung am 11. Mai selbst unter www.science-match.info

Seite 7

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT, SOZIALES
DIE

BITTEN

von Waltraud Käß

DER

KINDER

(BERTOLT

BRECHT,

1951)

Die Bitten der Kinder
„Die Häuser sollen nicht brennen.
Bomber sollt man nicht kennen.
Die Nacht soll für den Schlaf sein.
Leben soll keine Straf sein.
Die Mütter sollen nicht weinen.
Keiner sollt töten einen.
Alle sollen was bauen.
Da kann man allen trauen.
Die Jungen sollen`s erreichen.
Die Alten desgleichen.“

Foto: Tobias Sellmaier / pixelio.de

Bertolt Brecht (1951)
Und so sieht der tagtägliche Wahnsinn im Jahre 2016 aus:
Willkürlich ausgewählte Nachrichten aus den Monaten Februar/März des Jahres 2016 (Überschriften):
- Doppelt

so viele Tote in Syrien wie vermutet
Die Vereinten Nationen gehen von 250 000 Kriegsopfern in Syrien aus. Wissenschaftler
sagen nun in einer Studie: Es sind 470 000 Opfer, die durch den Krieg oder seine Folgen
zu Tode gekommen sind. (Süddeutsche Zeitung vom 11. Februar 2016)
-Die Weltbank schätzt in ihrem Vierteljahresbericht ein, dass bis 2014 ein wirtschaftlicher
Schaden von 3,6 – 4,5 Billionen US-$ (die Schätzung bezieht sich auf sechs größere Städte
in Syrien ohne Damaskus) entstanden ist. (Süddeutsche Zeitung vom 5.2. 2016)
Wer profitiert wohl vom Wiederaufbau????
-An der Balkanroute wird aufgerüstet (ND vom 2.3. 2016)
-Minenräumen im Donbass (ND vom 5./6.3. 2016)
-Orban: Europas Grenzen luftdicht versiegeln (ND vom 5./6.3. 2016)
-Irak: 47 Tote bei Selbstmordanschlag nahe Bagdad (N 24 am 6.3. 2016)
-18 Tote bei Untergang eines Flüchtlingsbootes im Mittelmeer (N 24 vom 6.3. 2016)
-Somalia: Bei Drohnenangriff über 150 „Kämpfer“ getötet (ZDF-heute am 7.3. 2016)
-Wer uns töten will, den töten wir zuerst – Syrische Christinnen schließen sich in Milizen
zusammen, um sich gegen den „Islamischen Staat“ zu verteidigen (ND vom 8. März 2016
-Nordkorea droht mit Atomschlag (ND vom 8. März 2016)
-Bombenanschlag im Nordwesten Pakistans (ND vom 8. März 2016)
-Kämpfe nahe Grenze Tunesien-Libyen (ND vom 8.März 2016)
-Das schlimmste Jahr des syrischen Bürgerkriegs
Seit März 2015 weitere 50 000 Menschen getötet und eine Million in die Flucht getrieben.
(ND vom 12./13.März. 2016)
-Luftangriff im Gaza-Streifen Zwei palästinensische Kinder starben/Zuvor Raketenbeschuss auf Israel
(ND vom 14. März 2016)
-Mindestens 16 Tote bei Explosion von Bus in Peshawar (ND vom 17. März 2016)
-Selbstmordanschlag in nigerianischer Moschee – mindestens 22 Tote (ND vom 17. März 2016)
-87 Millionen Kinder leben in Krisengebieten Unicef warnt vor Kriegsfolgen für Kleinkinder!
(ZDF-Mittagsmagazin am 24.März 2016)
-Selbstmordanschlag nahe eines Spielplatzes in einem Park von Lahore/Pakistan Mindestens 72 Tote, darunter 29 Kinder (N 24 – Ostern im März 2016)
Es ist grausam!
Es ist unmenschlich!
Es ist unerträglich!
Es reicht!

Seite 8

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
EIN

ERLEBNISREICHER

von Christa-Dorit Pohle

Bild: Michael Hirschka / www.pixelio.de

Leider habe ich die letzte Seniorenveranstaltung in der URANIA nicht besuchen können. Aber dieses Jahr war ich
wieder dabei und wie immer begeistert
von den Darbietungen. Eine Freundin
von mir war als junges Mädchen Artistin und hat mir oft von dieser erlebnisreichen Zeit erzählt. Sie war sofort dabei, als noch eine Eintrittskarte zur
Verfügung stand und sie mich begleiten konnte. Dadurch, dass sie fachmännische Kommentare zu den Leistungen der Künstler gab, habe ich dieses Mal aus einem anderen Blickwinkel
die artistischen Leistungen bewundert.
Die 267. Internationale Varietè-Serie
vom 29.2. – 11.3. 2016 in der URANIA
stand unter dem Motto „Was bleibt, ist
die Erinnerung“. Wir konnten die Veranstaltung am 11. März besuchen und
spürten von der ersten Minute an, dass
es eine ganz besondere Hochspannung
unter den Künstlern gab. Durch die gemeinsamen Anstrengungen an diesen
Tagen fühlten sie sich wie eine große
Familie, aber nun hieß es Abschied
nehmen.
Das Wetter am 11. März war grau in
grau, aber unsere Stimmung wurde sofort sonnig und heiter, als der Vorhang
aufging und die Reinhard StockmannBand mit mitreißenden Rhythmen und
Susanne Koch durch ihren Gesang uns
einstimmten auf diese so wunderschöne Veranstaltung, da waren die Alltagssorgen und Wehwehchen sofort vergessen, und wir fühlten uns auch wie eine
große, fröhliche Familie von Zuschauern. Als dann angesagt wurde, dass

NACHMITTAG
nun die Putzfrau Frau Schmidt
auf die Bühne kommt, um etwas vorzuführen, wurden die
Besucher neugierig und einige
hatten wohl geglaubt, dass nun
wirklich eine Putzfrau auf die
Bühne kommt. Dieses zarte
Persönchen im PutzfrauenLook zeigte eine beeindruckende, akrobatische Leistung und
durch ihre begleitenden Gesten und ihre Mimik eroberte sie
unsere Herzen im Sturm. Einfach toll ihr einarmiger Handstand. Früher hatte Frau
Schmidt ein kleines Problem.
Mit der Bühnenpräsenz tat sie
sich etwas schwer. Jahrelang
hat sie sich gequält, eine typische Artistin darzustellen mit
einem gewissen Sexappeal.
Aber das gelang ihr nicht so
recht. Dann kam plötzlich der
große Durchbruch. Im Varietè
„et cetera“ kam der damalige
Regisseur auf die Idee, sie in
der Rolle einer Putzfrau auftreten zu lassen. Wer wollte schon
als Putzfrau auftreten? Sie
hatte damals nicht die Wahl,
sie musste. Und was geschah?
Nach der Premiere wurde Frau
Schmidt, die Putzfrau, als Publikumsliebling gefeiert. Schon
oft wurde ihr nachgesagt, sie
sei die Anke Engelke des Varietès. Das empfand ich auch so.
Wir hielten den Atem an, als
sie später mit ihrem Partner
Toni Farello gemeinsam auftrat. Das Duo wurde schon vielfach international preisgekrönt. Auf dem Einrad bewegten sich die Beiden schnell,
witzig und voller Energie, erklommen sogar Treppenstufen,
sprangen auf dem Trampolin
und dann als Krönung, Frau
Schmidt auf seinen Schultern
sitzend, freihändig. Einfach
toll diese Leistung.
Nun zu der Darbietung von Nils

Duinke aus den Niederlanden
mit seiner Jonglierkunst. Er begann seine Karriere ganz bescheiden in einem Rotterdamer
Jugendzirkus. Er hat den Weg
ganz nach oben geschafft. Sein
Traum wurde Wirklichkeit und
nun steht er mit vier Rekorden
im Guiness-Buch der Rekorde.
Mit seinem jungenhaften Charme, voller Energie, einer dynamischen Fingerfertigkeit, die
ihresgleichen sucht, jonglierte
er sogar im Dunklen. Es gab
großen Applaus.
Die Vorführung von Oscar Kaufmann hat mich sehr beeindruckt. Er ist als Sohn einer
Künstlerfamilie aufgewachsen
und schon sehr früh mit allen
Formen der Kunst in Berührung
gekommen. Er ist im Jugendensemble des Friedrichstadtpalastes aufgetreten und hat die
Ausbildung an der Staatlichen
Schule für Artistik mit Bestnote
abgeschlossen. Sein Tanz mit
dem Cyr-Rad war einzigartig.
Wie ein überirdisches Wesen
bewegte er sich in dem Rad. Er
schöpfte diese völlig neuen
Möglichkeiten der artistischen
Kunst voll aus, indem er jeden
Ausdruck zu einem Roman und
jede Bewegung zu Musik werden ließ. Er wirbelte mit dem
Rad so blitzschnell über die
Bühne, dass meine Augen zu
tun hatten, seinen Bewegungen
folgen zu können, und ich noch
immer darüber grübele, wo seine Hände und Füße in diesem
glatten Rund Halt fanden.
Der Auftritt des Show-Balletts
Berlin mit „Shake it off“ von
Taylor Swift war wie immer eine
Augenweide.
Klaus Zeim, der Humorist und
Kabarettist sorgte mit seinem
selbst erdachten Programm dafür, dass unsere Lachmuskeln
kräftig bewegt wurden.

Seite 9
Als Bert Beel auftrat, wurde er mit
anhaltendem Beifall begrüßt. Wir kennen ihn ja schon gut von den vielen
Veranstaltungen in der URANIA. Ob im
Tonstudio, vor der Kamera, oder auf
der Bühne, immer strahlt er Ehrlichkeit und Offenheit aus, und dafür hat
sein Publikum eine Antenne. Mit seinen sagenhaften Parodien von Johannes Heesters bis Zarah Leander, vermag er immer wieder zu begeistern. Er
hat das Rezept gefunden, wie er
Schlager, Gassenhauer, edle Chansons, Swingmelodien und Tangorhythmen zu einem Stelldichein zusammen
führen kann. Da er mit dieser Vielfalt
den Nerv der Zeit trifft, reagiert das
Publikum mit Begeisterungsstürmen
darauf.
Als nach der Pause Herr Erich Richter
auf der Bühne erschien, ging ein Aufatmen durch den Saal. Er hat es sich
nicht nehmen lassen, uns Zuschauer
sehr herzlich zu begrüßen und den
Stargast Gaby Baginsky zu präsentieren. Und wir spürten es in all den Jahren immer wieder, dass er sich mit
ganzem Herzen dafür einsetzt, dass
diese Internationale Varietè-Serie für
uns Senioren erhalten bleibt. Und dafür sagen wir alle von Herzen Dankeschön.
Nun zurück zu den Künstlern. Der Auftritt von Gaby Baginsky war einfach
mitreißend. Die blonde Sängerin
konnte im September 2008 ihr 40jähriges Bühnenjubiläum feiern, und
das ist eine klare Aussage über ihr
Talent. Sie hat sich sofort in unsere
Herzen gesungen. Sie strahlt Lust am
Leben und Lust am Singen aus, und
das vermag sie auch mit leisen Tönen.
Wenn sie ihre Stimmungsschlager
singt, vergisst das Publikum für kurze
Zeit die Alltagssorgen.
Wenn ich auf Anhieb sagen sollte,
welche der Künstler mir am besten
gefallen haben, so könnte ich das
nicht. Denn jede der Darbietungen war
ein unvergesslicher Höhepunkt für
mich.
Wenn ich an Noah Chorny mit seiner
vertikalen Stangenakrobatik denke,
bekomme ich noch heute Herzklopfen.
Noah wurde 1968 in New York geboren
und hat diese 2000 Jahre alte chinesi-

sche Kunst vom ehemaligen
Direktor des chinesischen
Staatszirkus Nan Jing gelernt.
Noah lebt seit 15 Jahren in
Deutschland. Auf der Bühne
zeigte er uns eine akrobatische
Achterbahnfahrt mit Höhen und
Tiefen. Er spielte uns einen angetrunkenen, tolpatschigen
Mann vor, der einen Laternenmast erklimmen will. Wir sollten denken, dass der Alkohol
seinem Talent zu Missgeschick
und Unsinn erst richtig auf die
Sprünge geholfen hat. Und er
suchte dafür die einzige Laterne aus, die noch wackliger war
als er selbst. In 6 m Höhe sahen wir Noah torkeln, toben und
über eine so ungeheure Distanz
schwingen, dass der Zuschauer
einfach die Luft anhielt. Unsere
Fragen, warum die Stange nicht
bricht und warum Noah nicht
fällt, blieben unbeantwortet.
Das bleiben die Geheimnisse
des „Drunken Masters“. Er erklimmt einen hohen Mast auf
die verschiedensten und unmöglichsten Weisen und stellt
mit seinem Körper Fahnen dar.
Und wenn er sich dann, nur mit
beiden Beinen an der Stange
festhaltend, bemüht, die Laterne anzuzünden, dann scheinen
die Gesetze der Schwerkraft
nicht mehr zu gelten. Eigentlich
unbeschreiblich, was wir da zu
sehen bekamen.
Der Auftritt von Martin Mall,
einem Künstler, der seine Liebe
zur klassischen Musik mit seiner Jonglierpassion verbindet,
hat die Zuschauer auch sehr
begeistert. Als der Solist vertieft in sein Spiel auf der Bühne
stand, sahen wir plötzlich einen
Ball, der am Bogen herunter
rollte.
In dieser „Cellovariation“ jongliert Martin unterschiedlich
große Bälle. Diese werden von
ihm vielseitig manipuliert. Als
wir ihn dann bei seinem zweiten
Auftritt mit seiner Diabolo
Jpnglage bewundern konnten,

kamen wir aus dem Staunen
nicht heraus. Er gewann damit
die Bronzemedaille bei den
Weltmeisterschaften in den
USA. Und mit seiner Kreation,
„diabololights“ erhielt er eine
Silbermedaille in Paris. Diese
dynamisch aufgeladene Synthese traditionellen Jonglierens
mit Elementen modernster
Lichttechnik zeigte er uns. Die
begleitende Musik hat er selbst
komponiert. Einfach zauberhaft
schön diese Vorführung.
Auch das Team Súpreme erhielt
lang anhaltenden Applaus. Die
ehemaligen Profiturner und
erfahrenen Akrobaten überraschten uns durch ein Feuerwerk der Sprungakrobatik mit
tollen Kombinationen und Akrobatikchoreografien. Verkleidet
als kernige Waschweiber konnten wir sie in einer sprunggewaltigen Showdarbietung erleben. Spektakuläre Sprünge auf
dem Mini-Trampolin, einfache
und doppelte Salti auch mit
zusätzlichen Schraubendrehungen , das alles präsentierten
sie uns in einer witzigen Art und
Weise, dass wir viel zu lachen
hatten.
Und dann noch der Auftritt einer Künstlerin, die uns alle in
Erstaunen versetzte. Jane Kramer, direkt aus Las Vegas, war
sie nun zum ersten Mal in
Deutschland. Sie ist eine von
Amerikas beliebtesten, jungen
Magiern, und hat schon in vielen Ländern mit ihrer magischen Kunst Bewunderung ausgelöst. Sie erhielt auch bei uns
viel Beifall.
Viel zu schnell ist dieser erlebnisreiche Nachmittag wieder
vergangen. Alle Mitwirkenden
standen noch einmal auf der
Bühne und Gaby Baginsky sang
für uns die Melodie „Weil wir
uns bald wiedersehen“, der
Beifall wollte nicht enden. Froh
beschwingt verließen wir die
URANIA
mit wunderschönen
Erinnerungen im Gepäck.

Seite 10

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
TRADITIONSBEWUSST
von Ursula A. Kolbe

IN

Bild: Kreuzchor / Mattias Krüger

„In der Welt zu Gast – in Dresden zu
Hause“ –Credo des berühmten Dresdner Kreuzchores und Verpflichtung
ganz besonders jetzt, im Jahr seines
800jährigen Bestehens. Als prominenteste Vertreter der Stadt stellen sich
die rund 150 Kruzianer im Alter zwischen neun und 18 Jahren auch in diesem Festjahr mit über 300 Konzerten
vor, sorgen im In- wie im Ausland jedes
Mal für Begeisterung. Ob in Japan oder
Korea, Israel, Kanada, Lateinamerika,
die Vereinigten Staaten. Renommierte
Opernhäuser engagieren Kruzianer, die
in Inszenierungen wie „Tosca“ und
„Zauberflöte“ als Knabensolisten auftreten. Ihr Repertoire reicht von den
frühbarocken Werken Heinrich Schütz‘
über Johann Sebastian Bach und die
Chormusik des 19. Jahrhunderts bis zur
Moderne. Seit über 60 Jahren hat der
Kreuzchor über 800 Tonaufnahmen für
angesehene Schallplattenfirmen wie
Deutsche Grammophon, Teldec, Capriccio und Ben Classics aus nahezu
allen Epochen der Musikgeschichte
eingesungen. Zu Recht hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert beim
Festakt zu diesem Jubiläum in der Semperoper als Festredner mit Blick auf
die aktuelle Lage hervorgehoben, dass
es derzeit nicht nur Grund zum Feiern
gebe. Er warb zugleich dafür, jetzt
nicht abseits zu stehen: „Wenn die
Mehrheit zu leise ist, wird die Minderheit zu laut. Wenn die Mehrheit
schweigt, dröhnt die Minderheit.“ Sein
Respekt gelte gerade aus Anlass des
Jubiläums all denen, die ihre Stimme
erheben. Und Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich hatte wohl

DIE

MODERNE:

DRESDNER

Recht, wenn er auf die Bedeutung eines solchen Botschafters wie des Kreuzchores für
Weltoffenheit und seine internationale Ausstrahlung verwies. „Der Klang des Chores
begeistert und berührt Menschen in aller Welt.“ Seit 1997
wacht Roderich Kreile als 28.
Kreuzkantor nach der Reformation über die kirchenmusikalischen Aufführungen sowie die
Konzerte und Tourneen. Sein
Selbstverständnis: Unabhängig
von der Weltanschauung sind
wir für alle Dresdner da, auch
für die, die den Weg nicht in
die Kirche finden. Auftritte im
Fußballstadion beispielsweise
gehören ebenso dazu. Es geht
um Menschlichkeit und Weltoffenheit. 800 Jahre Kreuzchor
mit einer wechselvollen Geschichte seiner „Heimstätten“:
Das heutige evangelische
Kreuzgymnasium wurde einst
im 13. Jahrhundert als Lateinschule für die Sänger der
„capella sanctae crusis“ gegründet. Sie verdankt ihren
Namen dem in ihr aufbewahrten Splitter vom Kreuz Christi;
war namengebend auch für die
aus der Kapelle erwachsene
Kirche – die heutige Kreuzkirche. Der Tradition liturgischer
Knabengesänge folgen die Kruzianer bis heute. Sie gestalten
die Musica sacra bei den Gottesdiensten und Vespern in der
Kreuzkirche. Als älteste und
auch heute von der Stadt getragene künstlerische Institution ist der Chor ein unverzichtbarer Teil ihrer Identität.
Das Kreuzgymnasium übrigens
befindet sich im Gegensatz
zum Chor in freier Trägerschaft. Alle Kruzianer ab der 5.
K l a s s e s i n d S c h ül e r d e r
„schola crusis“, aber auch
Nichtkruzianer und Konfessionslose werden hier unterrichtet. Jetzt im Jubiläumsjahr

KREUZCHOR

steht das öffentliche Auftreten
der Kruzianer natürlich besonders im Fokus. Nach der Festwoche mit Kreuzkirche und
Kreuzgymnasium, die im April
stattgefunden hat, sind weitere
Höhepunkte im Sommer eine
Festivaltournee in Deutschland
und im September Auftritte
beim Internationalen Bachfest
in Dresden. Zu den Highlights
gehört zweifellos das alljährliche Weihnachtsoratorium, das
der Knabenchor am dritten Adventswochenende (9.-11. Dezember) in der Kreuzkirche mit
3.000 Sitzplätzen aufführt.
Dresden – weltoffen und tolerant
Kürzlich auf der ITB, ob Oberbürgermeiste Dirk Hilbert, die
Geschäftsführerin der Dresden
Marketing, Dr. Bettina Bunge,
und weitere Repräsentanten,
sie alle bekräftigten den Ruf
der Elbmetropole als bunte,
weltoffene Stadt mit einer toleranten, gastfreundlichen Bevölkerung, gegen Pegida und
Fremdenfeindlichkeit, stellten
die neuen touristischen Höhepunkte 2016 vor. Große Geschichte lässt sich nicht klein
reden. So feiert am 8. Juli die
älteste und größte Raddampferflotte der Welt ihren 180.
Geburtstag. Die
alljährliche
Flottenparade am 1. Mai mit
dem charakteristischen Tuten
der Dampfpfeifen hat die neue
Saison eingeläutet. In neu gestalteter barocker Inszenierung
können seit nunmehr zehn Jahren Schätze wie der „Kirschkern
mit den 185 Gesichtern“ im
Historischen Grünen Gewölbe
bestaunt werden. Der Name
entstand übrigens der erstmaligen Erwähnung des grün gestrichenen Tresorraums im Erdgeschoss des Residenzschlosses
aus dem Jahr 1572. Dafür Zeitticket nötig; das Neue Grüne

Seite 11
Gewölbe mit Residenzschloss:
www.skd.museum. Weltoffene Stadt
der Kreative, wie das Urban-Festival
LackStreicheKleber vom 23. Juli bis 7.
August; 39. Dresdner Musikfestspiele
vom 5. Mai bis 5. Juni; das Internationale Salsa-Festival im Ball-und Brauhaus Watzke vom 27. -29. Mai; Internationales Dixieland-Festival vom 15.
– 22. Mai; 16. Jazz-Tage Dresden vom
4. – 13. November. Der 582. Striezelmarkt findet vom
24.11. –

24.12.2016 statt. Am 31. Dezember feiern dann traditionell
etwa 20.000 Besucher vor der
Kulisse der Semperoper und
dem Dresdner Zwinger auf dem
Theaterplatz ins neue Jahr. Ja,
Musik, Kultur verbindet – völkerumfassend und weltoffen!
Und wie sagte Dr. Bunge: „Die
großen Jubiläen des Jahres, die
historisch gewachsene Festkultur und nicht zuletzt die Positi-

onierung der Landeshauptstadt
für Weltoffenheit und Toleranz
sind Anlass für das Motto der
touristischen Jahreskampagne
‚Dresden. Gemeinsam feiern‘.
Sie zeigt mit ihren Geschichten, Personen und Reiseanlässen, dass nur mit den Bürgern
und Gästen gemeinsam unsere
schöne Stadt mit großer Geschichte für Menschen aus aller Welt attraktiv ist.“

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
„FRAUEN

UND

von Waltraud Käß

BACHS

MUSIK“

Eine Ausstellung im Berliner Dom unter diesem Motto weckte meine Aufmerksamkeit. Die Sonderausstellung
hatte, so muss ich sagen, das Eisenacher Bachhaus im Rahmen der Bachwochen konzipiert, denn sie war nur
bis zum 1. Mai 2016 zu besichtigen.
Schade! Acht Damen, Zeitgenossinnen
von Bach, habe ich in Bild und Text
kennengelernt und anhand ihrer Biografien einen Einblick in das sich wandelnde Frauenbild jener Zeit erhalten.
Durch ihre Salons und als Gastgeberinnen von Gesellschaften wurden sie
bekannt. Damals hatte man gerade
den Kaffee, dieses köstliche Heißgetränkt, entdeckt. In der Ausstellung
befindet sich ein Kupferstich, der eine
Kaffeehausgesellschaft zeigt, was
auch ein Beweis dafür sein dürfte.
Auch Johann Sebastian Bach war diesem Getränk nicht abgeneigt und hat
ihm sogar eine Kantate gewidmet.
(Johann Sebastian Bach, geb. 21.3.
1685 in Eisenach) Herausragende Dame der Ausstellung war für mich die
Philosophin und Übersetzerin Luise
Adelgunde Gottsched. Sie galt als gelehrteste Frau Deutschlands. Bezeichnend für die damalige Stellung der
Frau ist, dass sie z.B. Vorlesungen an
der Universität nur durch einen geöffneten Türspalt hören durfte. Frauen
war der Zutritt zu den Universitäten
damals verwehrt. Der Ehemann dieser
Dame steuerte für eine Liedersammlung Verse über studierende Frauen
bei, u.a. „Ihr Mädchen lernet einmal
klüger sein“, die als so anstößig empfunden wurden, dass sie aus fast allen

Exemplaren der Sammlung
entfernt wurden.
Beim Verlassen der Ausstellung war ich doch sehr
froh über meine eigene
Gleichberechtigung und
empfand Dankbarkeit für
deren Wegbereiterinnen.
Und ich fühlte mich ani- Bild: birgitH / www.pixelio.de
miert, eine Geschichte über
Wenn ein Solo besonders geBach und diese junge Frau aus
lang, dann musste er einfach
der „Kaffeekantate“ zu schreidiesem Knaben zärtlich übers
ben.
Haar streichen. Obwohl es
„Die Kaffeekantate“
nicht leicht war, allen die not„ Wir machen heute etwas eher
wendige Disziplin beizubrinSchluss. Ihr habt Euch angegen. Schließlich war der Jüngsstrengt und brav gesungen. So
te erst neun Jahre alt. Die
soll auch eine Belohnung sein.
diensthabenden Inspektoren
Morgen proben wir die achtkonnten ein Lied davon singen.
stimmigen, lateinischen MotetFür ihn aber war es eine Ehre,
ten aus dem Florilegium Portenals Kantor diesen Knabenchor,
se. Es ist nicht mehr lange hin
der gemeinsam mit Stadtpfeibis zur Ostermesse in der Thofern und Kunstgeigern musimaskirche.“ Johann Sebastian
zierte, zu leiten. Heute war er
Bach bemühte sich, die vor ihm
selbst ein wenig müde. Vielstehenden Knaben streng anzuleicht lag es an der milden
schauen, obwohl ein Lächeln in
Frühlingsluft, die den kalten,
seinen Augenwinkeln nistete. Er
schneereichen Winter mehr
war stolz auf diese Kinder. Stolz
und mehr verdrängte. Ein wenig
auf diesen Chor, den er vom
Abwechslung und Aufheiterung
Kantor Johann Kuhnen überkonnte er schon gebrauchen
nommen hatte. Seine fünfundund ein erfrischendes Getränk
fünfzig Kinder. Er nannte sie so,
wäre auch willkommen. Er warf
obwohl er selbst dreizehn eigesich den weiten Mantel mit der
ne besaß. Es war wunderbar zu
Pelerine über und verließ das
erleben, wie diese kleinen und
Schulgebäude neben der Thogroßen Knaben ihr Talent einmaskirche. Dann überquerte er
setzten, und wie sie ihm bei seiden großen Platz und schwenknen Bemühungen folgten, ihre
te in eine der von ihm weg fühStimmen zu vervollkommnen.

Seite 12
renden, kleinen Gassen ein. Zielsicher
lief er dem Duft entgegen, der seit einigen Jahren über dieser Gasse in Leipzig
lag. Er war Stammgast im „Arabischen
Coffee Baum“, wo es dieses dunkelbraune, starke Getränk gab, welches
die Geister wiederbelebte, bei dessen
Genuss man manch Gespräch führen
und ein Pfeifchen rauchen konnte. Man
erzählte sich, dass eine Herde Ziegen
im fernen Afrika beim Grasen die Wirtspflanze dieser köstlichen Bohnen entdeckt hatte. Da die Herde weder Tag
noch Nacht zur Ruhe kam, suchten die
Hirten nach der Ursache und entdeckten die kleinen Büsche mit den roten
Beeren. Handelsreisende hatten die
Frucht nun auch nach Leipzig gebracht.
Komische Geschichte war das. Doch
selbst die armen Leute hatten inzwischen der Biersuppe abgeschworen
und kochten neuerdings Kaffeesuppe.
Die vertrieb noch eher den Hunger.
Während er noch seinen Gedanken
nachhing, öffnete er die Tür zum
„Coffee Baum“ und wie immer schlug
ihm auch heute lautes Stimmengewirr
entgegen. Er war gespannt, wen von
den Honoratioren der Stadt er heute
wohl treffen würde. Sein Platz war für
ein kleines Entgelt gesichert- ein Namensschild auf dem Tisch verwies auf
den Eigentümer desselben. „Jungfer
Liesgen, bring sie mir ein Schälchen
Heeßen“, rief er der Tochter des Wirtes
zu, die alsbald in einer Kupferkanne
das dampfende Getränk vor ihn hin
stellte. Während er in kleinen Schlucken den heißen, aromatischen Kaffee
genussvoll über seine Zunge rollen
ließ, versuchte er mit seinen Blicken
die dicken Rauchschwaden auf der Suche nach einem bekannten Gesicht zu
durchdringen und entdeckte Picander,
den Dichter, der seinen Lebensunterhalt mit mehr oder weniger guten Versen für die Feiern der guten Gesell-

schaft verdiente. „Setz er sich
doch zu mir, lieber Picander“,
rief er und winkte ihm zu. Picander war ein unterhaltsamer
Zeitgenosse und vielleicht hatte er fürs Amüsement eine kleine Dichtung parat. „Sieh an,
sieh an, der Kantor Bach. Hat
er seine Knaben heute wieder
arg gequält?“ Ein gutmütiges
Lächeln lag auf seinem Gesicht
und nahm den Sätzen ihre
Strenge. „Meister Bach“, sagte
er, „hat er schon gehört? Liesgen wird heiraten. Wer das sein
wird, weiß sie noch nicht. Sie
sucht noch. Ihr Vater, der Wirt
Schlendrian, hat es aber schon
erlaubt. Weil sie ihm dafür versprochen hat, endlich mit dem
Kaffeetrinken aufzuhören. Was
er nicht weiß, ist, dass Liesgen
heimlich überall verbreiten
lässt, dass sie nur einen Freier
nimmt, der mit ihrer Kaffeeleidenschaft einverstanden ist.
Ich habe dazu einige Verse geschrieben. Will er sie hören?“
Schon nach dem ersten Vers
schlug Bach vergnügt mit seiner Hand auf den Tisch. Das
war das pralle Leben. Eine Auseinandersetzung zwischen einem wütenden Vater und einer
ungehorsamen Tochter. Er hörte Vater Schlendrian sagen:
„ Du böses Kind, Du loses Mädchen, Ach! Wenn erlang ich
meinen Zweck: Tu mir den Kaffee weg!“ Dann die Antwort von
Liesgen: „Ei, wie schmeckt der
Coffee süße, Lieblicher als
tausend Küsse, milder als
Muskatenwein. Coffee, Coffee
muss ich haben, und wenn jemand mich will laben, Ach, so
schenkt mir Coffee ein.“ Bach

tippte bereits mit seinem Finger
einige Noten auf den Tisch. Daraus ließ sich was machen, vielleicht eine Kantate, etwas
Weltliches. Es müsste einen
Erzähler geben, er würde diese
Stimme für einen Tenor schreiben. Der Vater müsste einen
drohenden Bass bekommen und
Liesgen in ihrer Leichtfertigkeit
natürlich eine Sopranstimme.
Er hatte die Melodie schon ein
wenig im Ohr. Kein großes Orchester sollte spielen. Nur eine
Traversflöte, zwei Violinen, die
Bratsche würde er arrangieren,
und als Basso continuo würde
er ein Cembalo einsetzen. Bach
räusperte sich vernehmlich.
„Hat er noch mehr davon, Picander? Ich wäre an seiner
Dichtung sehr interessiert.“
Das Brodeln und Gluckern meiner getimten Kaffeemaschine
weckte mich aus einem kurzen
Halbschlaf. Ach schade. Die
Ausstellung war doch anstrengend gewesen. Die CD im Recorder war fast abgelaufen. Gerade noch hörte ich den
Schlusschor aus der
„Kaffeekantate“
„Die Katze lässt das Mausen
nicht, die Jungfern bleiben Kaffeeschwestern. Die Mutter liebt
den Kaffeebrauch, die Großmama trank solchen auch, Wer will
nun auf die Töchter lästern?“
Die ganze Geschichte hatte ich
offensichtlich geträumt. Aber
wer weiß. Vielleicht hatte sie
sich damals genauso zugetragen. Und jetzt brauchte auch
ich endlich ein Schälchen
„Heeßen“.

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
2015 WAR DAS WÄRMSTE JAHR
A U F Z E I C H N U N G E N von Tristan Micke
Das Jahr 2015 war durchschnittlich
0,9° C wärmer als der Durchschnitt des
20. Jahrhunderts. Es war damit global
gesehen das wärmste Jahr seit 1880,

SEIT

BEGINN

als die Temperaturaufzeichnungen begannen und lag 0,14
bis 0,16° C über dem bisherigen Rekordjahr 2014. Die letz-

DER
ten 15 Jahre zählten zu den
wärmsten überhaupt. Die zehn
wärmsten Jahre sind alle seit
1998 aufgetreten, acht davon

Seite 13
seit 2005. Es gebe natürlich Klimaschwankungen, doch der Trend der
Durchschnittstemperaturen gehe eindeutig nach oben, sind sich die Klimaexperten einig. Die amerikanische
Behörde für Wetter- und Meeresforschung (NOAA) teilte mit, dass der
Dezember 2015 der wärmste seit
Messbeginn war und bei weiteren
neun Monaten des Jahres ebenfalls
Rekordtemperaturen erreicht wurden.
Als Gründe für die Rekordtemperaturen werden von der Weltorganisation
für Meteorologie (WMO) der ungebremste Ausstoß der von Menschen
erzeugten Treibhausgase (vor allem
Kohlendioxid und Methan) sowie das
Wetterphänomen El Nino, bei dem
warmes Pazifikwasser aufströmt, die
Luft erwärmt und so für Wetterturbulenzen sorgt, genannt. Der Pazifik gibt
dabei mehr Wärme ab, als er aufnimmt. Der pazifische Ozean hatte viel
Wärme aufgenommen und gespeichert, die er jetzt wieder an die Umgebung abgibt, so Prof. Levermann vom
Potsdam-Institut für Klimaforschung.
Die Weltmeere wirken wie gigantische
Wärmespeicher. Sie nehmen 90 % der
Wärme auf, der Rest der Wärme gelangt in die Atmosphäre
Besonders warm war es in Teilen von
Europa, in Australien und in Nordamerika. Außerdem wurden weltweit extreme Wetterphänomene beobachtet.
Dazu gehörten schwere Regenfälle in
Teilen Südamerikas, in Nordafrika und
in China. 75 Millionen Menschen waren davon betroffen. Anderswo kam es
zu Dürreperioden und zu Tropenstürmen. Die Forscher geben an, dass es
in der Vergangenheit ähnlich starke El
Ninos gab, ohne dass sich die Luft so
stark erwärmt habe wie im letzten
Jahr. Sie werten das als klares Zeichen für den zunehmenden Einfluss
der Menschen auf das Klima, wobei
eine weitere Erwärmung des Klimas
nicht mehr zu verhindern sei, da die
Menschheit bereits 2000 Milliarden
Tonnen Kohlendioxid (CO²) ausgestoßen hat, deren Einfluss auf das Klima
sich noch nicht voll entfaltet habe.
3200 Milliarden Tonnen CO² reichten
aus, um die Atmosphäre mit großer
Wahrscheinlichkeit um durchschnitt-

lich 2° C zu erwärmen. Diese
Zwei-Grad-Grenze halten
viele Wissenschaftler für die
maximal erträgliche Schwelle. Machen wir weiter wie
bisher, dürfte die Grenze in
30 Jahren erreicht sein. Mit
der Klimaerwärmung geht
auch das Abschmelzen der
Gletscher und der Polkappen
einher. Die Mehrzahl aller
Gletscher hat in den letzten
Jahrzehnten stark an Masse und
Fläche verloren. Die Alpengletscher schrumpften in den letzten 150 Jahren um ein Drittel
ihrer Fläche. Zu beobachten ist
auch das Abschmelzen des Eises
in polaren Gebieten, was in Verbindung mit der thermischen
Ausdehnung des Wassers zu einem globalen Anstieg des Meeresspiegels um mehr als 3 Millimeter pro Jahr führt. Seit 1901
ist der Meeresspiegel global um
20 Zentimeter gestiegen. Dadurch werden die Küstenbereiche der Weltmeere bedroht und
es verschwindet allmählich bewohnbares Land. Würde die
durchschnittliche Klimaerwärmung 4° C erreichen, könnten
weltweit 470 bis 760 Millionen
Menschen davon betroffen sein.
Bei 2° C durchschnittlicher Klimaerwärmung wären es immer
noch 130 Millionen Menschen,
so eine Studie. Laut NOAA hat
sich seit 1970 die bodennahe
Luft im globalen Durchschnitt
um 0,17° C pro Jahrzehnt erhöht. Auch Deutschland erlebte
2015 einen Temperaturrekord:
In Kitzingen bei Würzburg wurden am 5. Juli und am 7. August
40,3° C gemessen. Bislang lag
der deutsche Rekord bei 40,2°
C. In großen Teilen Deutschlands war es außerdem zu trocken gewesen, was die Ernte
beeinträchtigte. Das passt in
das Bild, wie künftig die Sommer in Deutschland aussehen
könnten, denn in den vergangenen 50 bis 60 Jahren haben die
Mittelwerte von Anzahl und Dau-

Bild: Wikipedia.de (gemeinfrei)

er der jährlichen Hitzeperioden
allmählich zugenommen. Auch in
Österreich und in der Schweiz
war es 2015 ungewöhnlich
warm.
Im Kampf gegen die Erderwärmung hatte sich die Weltgemeinschaft im Dezember 2015 auf
ein weitreichendes Klimaschutzabkommen geeinigt. Die Vereinbarung von Paris sieht vor, die
durchschnittliche Erderwärmung
auf 1,5 bis 2,0° C im Vergleich
zum vorindustriellen Zeitalter zu
begrenzen. Erstmals sagten alle
195 beteiligten Staaten zu, eigene Beiträge im Kampf gegen
den Klimawandel einzubringen.
Die Fortschritte bei der Umsetzung sollen alle fünf Jahre überprüft werden. "Deshalb war es
so wichtig, dass mit dem Klimavertrag von Paris die Warnungen
der Wissenschaft aufgegriffen
wurden. Nun kommt es aber darauf an, auch konsequent zu Handeln. Auch Deutschland sollte
als Klimapionier die Umsetzung
noch systematischer angehen
und das Ende der fossilen Ära
(Anm.: Verbrennung von Kohle,
Öl und Gas) herbeiführen." So
der Klima-Experte Wolfgang
Lucht vom Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung (PIK).
WMO-Generalsekretär Michel
Jarraud mahnte: "Ja, es ist noch
möglich, das Zwei-Grad-Ziel zu
halten, aber je länger wir warten, umso schwieriger wird es."

Seite 14

THEMA: KULTUR, KUNST, WISSENSCHAFT
MIT

DEM

KULTURZUG

von Ursula A. Kolbe

IN

Bild: Kulturprojekte Berlin )

Breslau/Wroclaw ist Europas Kulturhauptstadt 2016, neben der spanischen
Hafenstadt San Sebastian. Seit Beginn
des Jahres präsentiert sich die niederschlesische Metropole mit ihren über
630.000 Einwohnern in diesem Sinne
ihren Besuchern, ist weltoffen, tolerant, gastfreundlich. Aus rund 400 Projekten wurden wunderbare Ereignisse
initiiert, in deren Rahmen das ganze
Jahr über nun die vielfältigsten Veranstaltungen stattfinden. So steht jetzt
das Frühjahr im Zeichen der UNESCOWelthauptstadt des Buches. Im Juni
lädt eine spektakuläre OpernAufführung im Stadtstadion ein – „Die
spanische Nacht mit Carmen–ZarzuelaShow. Der Herbst gehört zu Theaterfestspielen „Die Welt als ein Platz der
Wahrheit“, während der die Werke der
hervorragendsten Theaterschöpfer aus
der ganzen Welt präsentiert werden.
Im Dezember findet ein großes Kinofestival mit der Verleihung der renommierten Europäischen Filmpreise statt. Die
In Between Festivals verdeutlichen, wie
intensiv der künstlerische Austausch
der zeitgenössischen Tanzszene und der
Jazzmusik zwischen beiden Städten ist.
Es gibt viele Special Editions der in
Breslau organisierten Festivals, wie
Brave Festival, Avant Art Festival
(Japan), American Film Festival, Chanson-Festival oder die Breslauer Messe
für das Kinder- und Jugendbuch GUTE
SEITEN“. Mehr unter
www.wroclaw2016.pl
Auch Breslau und Berlin stehen als europäische Nachbarn im Mittelpunkt
einer Vielzahl von Veranstaltungen, zu
denen Partner aus Kultur, Politik, Wirt-

DIE

KULTURHAUPTSTADT

schaft, Wissenschaft und
Sport einladen. Gleichzeitig
steht das 25jährige Jubiläum
des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags und der
Städtepartnerschaft zwischen
Berlin und Breslau im Blick.
Die Stiftung Zukunft Berlin hat
dies zum Anlass genommen,
gemeinsam mit der Kulturhauptstadt Breslau sowie ihren Partnern auf die historischen und aktuellen Beziehungen zwischen beiden Städten
aufmerksam zu machen. Ihr
gemeinschaftliches bürgerschaftliches Engagement und
das gemeinsame Erleben der
Kulturhauptstadt eröffnen die
Chance zu einer noch engeren
Zusammenarbeit. Das machte
auch Rafael Dutkiewicz, Stadtpräsident von Wroclaw, deutlich, als er kürzlich auf der
Pressekonferenz in Berlin seine Freude über den großen
Besuchererfolg der Europäischen Kulturhauptstadt äußerte und den Stolz auf seine
Stadt und ihre Bewohner.
„Der Gedanke, dass sich auch
andere europäische Städte –
allen voran Berlin – dieser
Idee anschließen“, sagte er,
„ist eine Ehre und zeigt uns,
dass der Zusammenhalt als
Nachbarn für die deutschpolnischen Beziehungen zukunftsweisend ist“. Ja, die Beziehungen zwischen Breslau
und Berlin sind hochaktuell
und haben vielfach tiefe historische Wurzeln. Sie sprechen
von Nachbarschaft und Aufbruch, geschichtlichen Gemeinsamkeiten, überwundenen Feindschaften, von seltener Stärke, wie sie der Breslauer Kardinal Boleslaw Kominek bewies, von gegenseitigen
Einflüssen und Beziehungen.
Vor allem aber von Orten und
Menschen in beiden Städten,
gesellschaftlichem Leben und

2016

aktiver Kultur. Ein dichtes Netz
für den Autoverkehr, die Oder
als Wasserstraße und ein internationaler Flughafen machen
die viertgrößte Stadt Polens mit
12 Inseln und 112 Brücken nicht
nur einzigartig, sondern auch zu
einem wichtigen Knotenpunkt in
der Oderregion.
Zunehmend enge Kooperationen
zwischen Berliner und Breslauer
Unternehmen entstehen. Auch
in „klassischen“ Branchen wie
der Binnenschifffahrt gibt es
enge Verflechtungen. In Breslau
beheimatete Transportschiffe
von OT Logistics sind auf Berlins
Wasserstraßen allgegenwärtig.
Lesungen, Ausstellungen, Livemusik im Kulturzug
Kommt der grenzüberschreitende Bahnverkehr zwischen
Deutschland und Polen ins Rollen? Vor wenigen Wochen wurde
wieder eine Direktverbindung
von Grünberg, das heute in Polen liegt und Zielona Góra heißt,
nach Berlin-Lichtenberg aufgenommen . Ein Höhepunkt in diesem Jahr ist der Kulturzug Berlin
– Breslau. Am 30. April hat er
von Berlin seine erste Reise
über Cottbus, Forst, Zary und
Zagan in die europäische Kulturhauptstadt Breslau, die Europäische Kulturhauptstadt 2016,
aufgenommen und wird bis zum
25. September beide Städte an
den Wochenenden verbinden.
Schon auf der viereinhalbstündigen Fahrt können sich die Fahrgäste kulturell einstimmen lassen; neugierig sein auf Persönlichkeiten aus Kultur, Politik
und Sport ebenso auf Künstler
und Livemusik, Lesungen, Vorträge, in der mobilen Bibliothek
„schnuppern“, Ausstellungen
sehen. Abfahrt: Jeden Samstag
und Sonntag um 8.31 Uhr in Berlin-Lichtenberg und 8.36 Uhr in
Berlin Ostkreuz; Ankunft: Breslauer Hauptbahnhof um 13.03
Uhr. Zurück geht es samstags

Seite 15
um 19.21 Uhr mit Ankunft um 23.50
in Berlin Ostkreuz und sonntags um
16.29 mit Ankunft 21.28/21.35 Uhr.
Am 5. und 16. Mai (Christi Himmelfahrt/Pfingstmontag) fährt der Kulturzug wie sonntags. Mehr zum Kulturzug VBB.de; bahn.de. 19 Euro einfache Fahrt / 38 Euro Hin- und Rückfahrt. In diesen Zügen gelten der VBBund DB-Tarif nicht; keine Fahrradmitnahme möglich. Die Fahrzeuge sind
nicht barrierefrei.
Wie man Orte multimedial zusammenbringen kann
Die beiden Städte Breslau und Berlin
näher zusammenbringen - Aus dieser
Initiative der Stiftung Zukunft Berlin
entstand die Idee von Volkmar Umlauft, in jeder der beiden Orte einen
Raum zu schaffen, in dessen Inneren
man sich in der jeweils anderen Stadt
befindet. Das Ergebnis: LUNETA 2016
– eine begehbare, multimediale Installation, die in ihrer Funktion metaphorisch von einem Fernrohr, polnisch
„Luneta“, inspiriert ist. Gleichzeitig,
in Breslau und Berlin, können die Besucher in Echtzeit die parallele Wirklichkeit des Partnerortes erleben, etwas über Geschichte, Gegenwart und
Zukunft beider Städte erfahren und
sich miteinander austauschen. Die

Installation wird in beiden Städten gleichzeitig vom 9. Mai bis 3.
Juli 2016 präsentiert. Die auffällige Konstruktion der Außenhülle
(ein hellblaues Kuppelzelt von
sechs Meter Höhe und 12 Meter
Breite) ist bereits von weitem
sichtbar. Im Zentrum der Installation befindet sich die
„Membran“, eine Fläche, die den
Blick in das „Partnerfernrohr“
erlaubt. Von Breslau aus sieht
man in den Raum in Berlin und
umgekehrt. Sich zur gleichen
Zeit in der Installation befindliche Besucher werden an dieser
Stelle füreinander sicht- und
hörbar. Sie können miteinander,
über Gesten, Sprache, kurze
Textnachrichten kommunizieren.
Es gibt viele weitere Angebote.
So werden Schulklassen gemeinsam experimentieren und musizieren, und im Umfeld der
„Langen Nacht der Wissenschaft“ kann man bei LUNETA
hinter die Kulissen schauen.
Alles wird in die jeweils andere
Stadt erweitert und bereichert.
So soll ein gemeinsamer,
zugleich virtueller als auch konkreter, Raum bestehen, der zu

Unterhaltung, Nachdenken und
kritischem Austausch einlädt.
Standorte:
Berlin: Bahnhof
Friedrichstraße/DorotheaSchlegel-Platz
Breslau/Wroclaw: Vor dem
Hauptbahnhof, Öffnungszeiten:
täglich 10 bis 22 Uhr
„Berlin und Breslau – Eine Beziehungsgeschichte“
Kulturprojekte Berlin hat das
Kulturhauptstadtjahr zum Anlass genommen, in Kooperation
mit dem be.bra Verlag das Buch
„Berlin – Breslau. Eine Beziehungsgeschichte“ zu veröffentlichen. Dieses Werk will beide
Städte einander noch näher
bringen. Herausgegeben von einem deutsch-polnischen Team,
Mateusz Hartwich und Uwe Rada, beschreiben mehr als 20
deutsche und polnische Autorinnen und Autoren die verflochtene Geschichte beider Städte,
aber auch Gemeinsamkeiten,
Konflikte und Utopien. Das Ergebnis ist die doppelte Stadtgeschichte einer grenzüberschreitenden Region mitten in Europa.
Das Buch wird ab Mai im Handel
erhältlich sein.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
BERLINER

BUDDY

von Ursula A. Kolbe

BÄREN

Der Buddy Bär – seit 2001 ist er aus
dem Stadtbild von Berlin nicht mehr
wegzudenken. Das jahrhundertealte
Wappentier hat in unserem Heute seinen besonderen Sinn, ist Willkommensgruß und mehr denn je Botschafter für Toleranz und friedliches Miteinander in aller Welt. Bei der Zusammenkunft des TourismusDialog.Berlin
im Atelier seiner Erfinder Eva und Dr.
Klaus Herlitz in der Fabriketage ihres
Unternehmens in Berlin-Tempelhof
gab uns das Ehepaar interessante
Einblicke in die Historie des robusten
Unikats. Schon bald, nachdem die
ersten Figuren im Stadtbild auftauchten, wurden sie beliebtes Bildmotiv
für Touristen und Einheimische.
Von überall kommen heute Anfragen.
Und so bleibt es nicht aus: Die Berliner Buddy Bären gehen auf Reisen –

REISEN

UM

DIE

WELT

Shanghai lädt sie zum
„Kunstsalon“ ein, St. Gallen veranstaltet eine
„Bärlinale“, Botschaften
sowie deutsche Firmen im
In- und Ausland schätzen
ihren symbolischen Gehalt.
Aus all dem erwächst die
Idee zu einem neuen Projekt: Die „United Buddy
Bears“. Gemeinsam mit
dem Auswärtigen Amt wurden alle von den Vereinten
Nationen anerkannten Länder
über ihre Botschafter in Berlin
eingeladen, einen Bären zu gestalten. Künstler aus aller Welt
kamen in einem historischen Berliner Straßenbahndepot zusammen, um einen solchen Bären für
ihr Heimatland zu kreieren.

Bild: Buddy Bär GmbH

Und das alles über Sprachbarrieren hinweg, in kreativem Austausch, fröhlich, konzentriert,
miteinander, entspannt… Getreu dem Motto: „Wir müssen
uns besser kennenlernen…dann
können wir uns besser verstehen, mehr vertrauen und besser

Seite 16
zusammenleben.“ Genau auch deshalb
wurden die „United Buddy Bears“ im
Juni 2002 zum ersten Mal neben dem
Brandenburger Tor in Berlin ausgestellt.
Der große Kreis aus Bären sollte verdeutlichen, dass Menschen aus aller
Welt Hand in Hand zusammen stehen.
Als einmaliges Gesamtkunstwerk wirbt
die Ausstellung seitdem weltweit für
Toleranz, Völkerverständigung und ein
friedliches Miteinander. Über 35 Millionen Menschen haben sie bisher auf allen Kontinenten gesehen, für jeden frei
zugänglich. Seit Anfang vergangenen
Jahres steht auch ein interaktiver Buddy
Bär auf dem Washington-Platz hinter
dem Berliner Hauptbahnhof. Sobald

man ihn umarmt, leuchtet und
wechselt er die Farben. Welch‘
ein beeindruckendes Bild. Im
Atelier konnten wir auch auf
Tuchfühlung mit einzelnen Figuren gehen. Die Skulpturen,
von lebensgroß bis Miniatur
(zwischen sechs und 22 cm),
entstehen aus witterungsbeständigem glasfaserverstärktem Kunststoff und sind nicht
nur Werke zum Ansehen. Sie
sind auch ein Stück Berlin zum
Verschenken. Mit Symbolcharakter. Bei all dem haben die
Buddy Bär-Initiatoren ebenso
die Hilfe für Kinder in Not im

Blick. Bisher sind über zwei Millionen Euro für UNICEF und lokale Kinderhilfsorganisationen
durch Spenden und Versteigerungen zusammen gekommen.
Gemeinsam mit internationalen
Künstlerinnen gründete Eva Herlitz den Verein „Buddy Bear Help
e. V.“, um einzelnen Kindern gezielt helfen zu können. Ich sehe
die Buddy-Bären jetzt mit anderen Augen. Und nicht nur, weil
sie unvergleichlich, vielfältig,
eben ein Unikat sind.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
EIN

BESUCH

von Edelgard Richter

IN

BARCELONA

Bild: Uwe-Jens Kahl / pixelio.de

Barcelona hat viele interessante Sehenswürdigkeiten. Eine davon ist der
Sühnetempel der Heiligen Familie
(Sagrada Familia). Im Jahr 1883 übernahm der Architekt Antoni Gaudi die
Leitung der Bauarbeiten, die er bis zu
seinem Tod 1926 leitete. Noch immer
ist hier eine große Baustelle zu sehen.
An der Kirche wird nun schon seit vielen
Jahren gebaut; die Vollendung steht in
den Sternen. Wunderschöne Glasfenster in allen Farben lassen den Innenraum in einem zauberhaften Licht erstrahlen. Riesige Säulen wie Bäume,
wunderschöne Deckenornamente wie
Äste oder Baumkronen und Balkone
geben der Kirche ein besonderes Flair.
Der Sühnetempel von Gaudi ist ein unvollendetes Jahrhundertwerk und eine
immer währende Baustelle. Obwohl die
Bauarbeiten bereits 1883 begannen,
konnte nur ein geringer Teil bis zu Gaudis Tod im Jahr 1926 verwirklicht wer-

den. Der Bürgerkrieg in Spanien machte einen Weiterbau
unmöglich. Erst 1956 wurden
die Arbeiten wieder aufgenommen. Inzwischen wurde die
Westfassade mit der Passion
Christi fertiggestellt. Die
Weihnachtsfassade und die
Apsis sowie die Krypta nahm
die UNESCO 2005 in die Welterbe-Liste auf. Die Ostfassade, ein Meisterwerk des Modernismus, wurde noch von
Gaudi konzipiert. Die Bauarbeiten werden bis heute bewusst durch Spenden finanziert. Gaudi hatte für die Kirche der Heiligen Familie eine
Bauzeit von zwei Jahrhunderten veranschlagt, doch jetzt
wird die Fertigstellung bis
2026 angestrebt, zum hundertsten Todesjahr des Architekten, dessen sterbliche
Überreste sich in der Krypta
befinden. Von den achtzehn
Türmen, die die Heilige Familie symbolisieren, existieren
bereits über den beiden vollendeten Fassaden je vier
Aposteltürme (mit Lift und
Aussichtsgeschoß). Im Zentrum wird als höchster der
Christusturm (170 m) stehen,
umringt von vier EvangelistenTürmen und begleitet vom 125

Meter hohen Turm der Mutter
Gottes. Die fünfschiffige Basilika erinnert an einen fantastischen Märchenwald mit schlanken Säulen und bis zu 75 Meter
hoch aufragenden Gewölben, die
an das Ast- und Blattwerk von
Baumkronen erinnern. Tatsächlich war Gaudis größtes Vorbild
die Natur. Die Basilika wurde
2010 geweiht. In der Nähe befindet sich das imposante Eckhaus der Casa Mila, die von Gaudi in den Jahren 1906 bis 1910
für die Milá-Familie erbaut wurde und damals aufgrund der unregelmäßigen Fassade sehr umstritten war. Einige Räume werden heute von der Katalanischen Sparkasse für Ausstellungen genutzt. Die Dachterrasse
mit den skurrilen Belüftungsschächten kann ebenso besichtigt werden, wie eine Musterwohnung, die mit dem Inventar
von 1912 ausgestattet ist.
Im Norden von Barcelona befindet sich der Park Güell, der von
Gaudi im Auftrag des Unternehmers Eusebi Güell in den Jahren
von 1900 bis 1914 angelegt
wurde. Es sollte ein Gartenstadt
mit 60 Villen werden. Wegen Finanzierungsschwierigkeiten
wurden jedoch nur drei Häuser
gebaut. Im Musterhaus lebte der

Seite 17
Architekt Gaudi 20 Jahre lang. Heute
ist es ein Museum. Neben diesem
Haus stehen zwei Häuschen wie in einem Märchenwald mit einem zart
schimmernden Schuppengeflecht aus
Kacheln und wogenden Dächern. Ein
mit Keramik überzogener Treppenaufgang führt zu einer riesengroßen Terrasse mit einer schlangenförmigen
hundert Meter langen Mosaikbank.
Keramikabfall, bunte und gläsern
schimmernde Kachelstücke wurden
wie auf einem abstrakten Bild nach
Anweisung von Gaudi darauf angebracht. Die bekannteste Straße von
Barcelona ist die Rambla. Sie beginnt
am Hafen, wo die 60 Meter hohe Columbussäule steht, die zur Weltausstellung 1888 erbaut wurde und an
den Entdecker Amerikas und Seefahrer Christoph Columbus erinnern soll.
Die Bronzereliefs an ihrem Sockel
schildern die Entdeckung der Neuen
Welt, auf die Columbus mit seiner
rechten Hand zeigt, nämlich nach
Westen. Mit einem Aufzug gelangt
man zur Aussichtsplattform und hat
von dort eine wunderbare Aussicht auf
Barcelona. Sehenswert ist auch der
Montjuic-Park in 213 Meter Höhe. Das
Kastell auf dem Gipfel stammt aus
dem Jahr 1751, in dem sich eine militärhistorische Ausstellung befindet.
Eine Seilbahn fährt auf den Gipfel und
bietet schon während der Fahrt einen
grandiosen Blick auf die Stadt. Auf
dem Montjuic kann auch das Museum
des katalanischen Künstlers Joan Miró besucht werden. Im Gotischen Viertel von Barcelona steht die Kathedrale
Santa Eulalia, die in der Zeit von 1298
bis 1448 auf einem alten römischen
Tempel erbaut wurde. Im Inneren der
Kathedrale herrscht ein mystisches
Dunkel. Das geschnitzte Chorgestühl
stammt auf dem 14. Jahrhundert.
Kunstvolle Marmorreliefs schildern
das Martyrium der Santa Eulalia, deren Gebeine in einem prächtigen Ala-

bastersarg in der Krypta der Kathedrale ruhen. Am Platz Sant
Jaume befand sich einstmals das
Römische Forum. Heute sind hier
der Regierungssitz der katalanischen Regierung sowie das Rathaus von Barcelona. Das Gotische Viertel rund um die Kathedrale und den Königlichen Palast
gehört zu den am besten erhaltenen Altstadt-Ensembles in Europa. Die meisten Gebäude stammen aus dem 14. Und 15. Jahrhundert, als Barcelona eine Seemacht war. Im großen gotischen
Festsaal des Königlichen Palastes aus dem 14. Jahrhundert
wurde Columbus nach seiner
Rückkehr aus Amerika von dem
König empfangen. Im 15. Jahrhundert saß hier die Inquisition
zu Gericht. Das Gotische Viertel
hat einen mittelalterlichen Charme bewahrt und wurde in den
20er Jahren des vorigen Jahrhunderts umfassend saniert. In den
verwinkelten Gassen befinden
sich viele kleine Geschäfte. In
dem Wegelabyrinth kann man
sich leicht verirren, was aber den
Reiz dieses Viertels ausmacht.
Der Agbar-Turm, in dem sich die
Hauptverwaltung der Wasserwerke von Barcelona befindet, sollte
am besten bei Dunkelheit besichtigt werden. Der 142 Meter
hohe Turm stellt eine Wasserfontäne dar, die je nach Lichteinfall
ihre Farbe verändert. Wenn es
dunkel ist, wird der Turm angestrahlt und ist derzeit eine viel
besuchte Attraktion der Stadt.
Auch die Casa Batlló mit ihren
Säulen, Türmchen und Schornsteinen ist eine Sehenswürdigkeit. Sie wurde 1877 von Antoni
Gaudi für den Unternehmer Josep Batlló erbaut. Die Keramikschindeln des Daches erinnern

an die Schuppen eines Drachen,
gegen den der Heilige Georg, der
Schutzpatron von Katalanien,
gekämpft haben soll. Im Inneren
des Hauses bilden Holz, Keramik, Schmiedeeisen und Glas
eine bunte Märchenwelt phantasievoller Formen. Die Decken
ohne tragende Wände mit ihren
herrlichen Kronleuchtern sind
sehr beeindruckend. Das Haus
hat eine wellenförmige Fassade,
aus deren blaugrünen Mosaik
totenschädelgleiche, eiserne
Balkonbrüstungen vorspringen.
Seit 1962 steht das Haus unter
Denkmalschutz. Zusammen mit
anderen Werken von Antoni Gaudi wurde es 2005 in die Liste des
UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Im Stadtpark von Barcelona stehen zahlreiche Skulpturen. Hier fand 1888 die Weltausstellung statt, für die der
noch vorhandene Triumphbogen
aus Ziegelsteinen im maurischen Stil erbaut wurde. Es gibt
hier auch noch mehrere andere
Gebäude aus dieser Zeit. Im
Park befinden ein Zoo mit einem
großen Artenreichtum, ein See,
auf dem man rudern kann und
zahlreiche Museen, die zu einem
Besuch einladen. Die Fontana
Magica an der Plaza Espanya,
ein Verkehrsknotenpunkt mit
Kreisverkehr, gehört ebenfalls
zu den Sehenswürdigkeiten Barcelonas. Dabei handelt es sich
um ein Gesamtkunstwerk, bestehend aus Bewegung, Wasser und
Farbe. Die Fontänen sprühen
zum Klang von Musik und sind
nur abends in Betrieb. Ein wirklich magischer Anblick, den sehr
viele Menschen sehen wollen.

THEMA: NATUR, TOURISMUS
THÜRINGEN

von Ursula A. Kolbe

-

EIN

KERNLAND

Als Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zum Kamingespräch in
der Berliner Vertretung des Freistaates mit Teilnehmern des TourismusDi-

DER

REFORMATION

alog.Berlin zum Thema Reisen in
Geschichte, Kultur und Natur zusammentraf, legte er ihnen im
Verlauf des Gesprächs einige In-

fo-Materialien mit Blick auf das
500jährige Reformationsjubiläum 2017 in Thüringen besonders ans Herz.

Seite 18
reformatorischen Gedanken
und Ideen Luthers. Seine Oratorien, Kantaten und Choräle
haben neue Töne in die Musikwelt eingeführt. Und Cranach
d. Ä. verlieh mit seiner Malerei
der Bilderwelt eine neue Form.

Bild: Thüringer Tourismus GmbH / Thomas Babovic

Gibt es doch gerade hier, im Kernland
der Reformation, interessante Anknüpfungspunkte, Kulturtouristen aus Nah
und Fern anzuziehen. So schreibt der
Ministerpräsident im Vorwort der Broschüre „Erinnerungsraum der Reformation/Luthers Frühschriften: Weltdokumentenerbe in Thüringen“, dass die
Werke des Reformators Luther in so vielen Thüringer Orten Spuren hinterlassen
hat und nunmehr Bestandteil des Gedächtnisses der Menschheit seien.
„Gleichzeitig präsentiert sich der Freistaat Thüringen mit der Aufnahme von
Luthers Schriften ins Weltdokumentenerbe nicht nur als eines der Kernländer
der Reformation in Europa, sondern gerade auf dem Feld der schriftlichen
Überlieferung unseres Kulturerbes als
‚Erinnerungsraum der Reformation‘“.
Schon in seiner Regierungserklärung als
Ministerpräsident im Dezember 2014
hat Bodo Ramelow Thüringen als das
grüne Herz Deutschlands bezeichnet.
Jetzt solle es auch das „bunte Herz“
werden. Damals hätte er noch nicht wissen können, wie aktuell dies heute sei.
Thüringen in der Mitte Deutschlands, in
Europa könne nur prosperieren, wenn es
weltoffen sei, Rassismus und Hass nicht
wachsen lassen. „Wir brauchen mehr
Brücken, keine Mauern“, hätte er u. a.
auch bei seiner Papst-Audienz im Vatikan geäußert. Es war ein Vergnügen,
Bodo Ramelow zuzuhören, einem eloquenten Redner, der mit seiner Geschichtskenntnis, seinem Wissen über
das Land Thüringen „als Zugezogener“
imponierte. Drei Namen stellte er voran:
Martin Luther, Johann Sebastian Bach,
Lucas Cranach. Luther übersetzte als
Junker Jörg auf der Wartburg das Neue
Testament ins Deutsche. Damit legte er
das Fundament für eine einheitliche
deutsche Sprache. Bach vertonte die

„Am Anfang war das Wort.“
Dieses Zitat aus der Bibel
kennt wohl jeder. Worte aus
dem Johannes-Evangelium im
Neuen Testament, die weltweit
verstanden werden. Sie sind
das Leitwort der Reformationsdekade „Luther 2017“, die
2008 begann und nächstes
Jahr in die Feierlichkeiten
„500 Jahre Reformation“ münden. Den Beginn der Reformation, die ganz Europa erfasste,
markierten die 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablass,
die er am 31. Oktober 1517
mit seinem Anschlag an die
Wittenberger Schlosskirche in
die Öffentlichkeit brachte.
Einstimmig hatte der Bundestag im Juli 2011 festgehalten,
dass es sich bei diesem Jubiläum um ein kirchliches und
kulturgeschichtliches Ereignis
von Weltrang handele. Ja, ein
Ereignis von gesellschaftspolitischer wie wirtschaftlicher
Relevanz, mit Blick auf die
Erschließung neuer Ressourcen und Potentiale, von Forschungs- und Bildungsaufgaben wie auch kultur- und tourismuswirtschaftlichen Attraktionen. Die der Ministerpräsident während des Gesprächs
auf das Heute bezogen in den
Blickpunkt rückte. Schon das
Äußere der obengenannten
Tragetasche mit dem Aufdruck
„Freistaat Thüringen – Hier hat
Zukunft Tradition“ macht neugierig. So Schlagzeilen wie
„Die Brooklyn Bridge wurde
von dem Thüringer Architekten
Johann Röbling konzipiert“;
„Das Fraunhofer Institut Jena
entwickelte eine Kamera, die
dreidimensionale Bilder
macht“; „Die Triebwerke des A
380 werden in Europa exklusiv

bei N3 in Arnstadt gewartet“;
„Thüringen bietet Erholung in
intakter Natur – mitten in
Deutschland“.
Geheimtipps vor der Haustür
Interaktiv und multimedial präsentierte die Thüringer Tourismus GmbH auf der diesjährigen
Internationalen Tourismusbörse
Berlin Weg und Wirken Luthers,
stellte ihre aktuellen Schwerpunkte vor. So die Thüringer
Landesausstellung „Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa“
(noch bis 28. August).
Dabei wird die einst ruhmreiche
und faszinierende Herrscherdynastie in Weimar und Gotha in
den Mittelpunkt gerückt. Mit
hochkarätigen Exponaten aus
mehr als vier Jahrhunderten thüringischer und europäischer Kulturgeschichte. Motto des Themenjahres 2016 ist „Das ist
meine Natur“ mit der Vielfalt der
nationalen Naturlandschaften.
Immer attraktiver zeigt sich Thüringen als ein Land der Vielfalt,
der Kulturschätze und Naturschönheiten. Ob die Landeshauptstadt Erfurt, das mittelalterliche Eisenach, die barocke
Residenzstadt Gotha oder die
klassizistische wie auch moderne Architektur in Weimar – dicht
an dicht reihen sich diese geschichtsträchtigen Orte wie Perlen einer Kette aneinander.
Namen wie Wieland, Cranach,
Herder, Dix, Feininger und Gropius haben dem Land bis heute
seine unverwechselbare Identität gegeben. Goethes Faust,
Schillers berühmte Balladen und
Bachs Toccata d-moll machten
das Land berühmt. Und: Die Liebe zu Thüringen geht hier auch
durch den Magen – echte Thüringer Klöße, echte Bratwurst, idyllische Biergärten, Spitzenrestaurants. Die einst so zahlreichen Thüringer Fürstentümer
brachten Residenzen mit prunkvollen Schlössern und wehrhaften Burgen hervor. Damals wie
heute Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Ihre enor-

Seite 19
me Dichte ist europaweit fast unübertroffen. Heute schon längst aus dem
Bild nicht mehr wegzudenken, die aktive Erholung auf dem Drahtesel oder
auf Schusters Rappen. Über 19.000
km Wanderwege und mehr als 1.700
km Radfernwege warten auf ausgiebige Erkundungen. Ob entlang des 168
km langen berühmten Rennsteigs, auf
den Hochflächen des Schiefergebirges oder durch die zahlreichen romantisch-verwunschenen Flusstäler. Auf
dem Weg von der Werra bei Hörschel
bis zur Saale bei Blankenstein warten
historische, geologische und botanische Erlebnisse auf Erkundungen.
Nicht zu vergessen den über 1.000 km
langen Lutherweg durch Thüringen,
Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen und
Bayern. Welche Wanderung ist hier
die richtige für mich? Was erleben, wo
übernachten?“ Luther to go“ ist die
perfekte Plattform, zu planen und sich
vor Ort zu informieren. Mit Karten,

Touren, Sehenswertem, Unterkünften, Events, Wetter und
mehr. Auch als App! lutherlandthueringen.de
Die acht Nationalen Naturlandschaften nehmen rund ein Drittel
der Landesfläche ein. Eine besondere Besucherattraktion bietet der Nationalpark Hainich, der
„Urwald mitten in Deutschland“,
mit sei nem erlebnisreichen
Baumkronenpfad in 44 Metern
Höhe.
Viele Vergünstigungen mit der
ThüringenCard
Für Entdecker Thüringens lohnt
sich die ThüringenCard, mit der
Besucher freien Eintritt in über
200 Ausflugszielen und Sehenswürdigkeiten erhalten. Neu:
Freie Fahrt mit Bus und Bahn in
(fast) ganz Thüringen als 24StundenCard, 3- und 6-

TagesCard, thueringencard.info.
Die ThüringenCard ist die bisher
einzige elektronische Gästekarte für ein gesamtes Bundesland.
Erhältlich in der Tourist Information Thüringen unter Tel.: 0361
/ 37420 oder in der Geschäftsstelle am Willy-Brandt-Platz in
Erfurt, bei fast allen beteiligten
Leistungsträgern und in vielen
Tourist-Informationen in Thüringen.
E-Mail: service@thueringentourismus.de; www.thueringenentdecken.de; lutherlandthueringen-de; luther2017.de
Thüringen lädt ein, oder wie
fragte doch Goethe kurz und
knapp: „Wo noch in deutschen
Landen findet man so viel Gutes
auf so engem Fleck?“

THEMA: NATUR, TOURISMUS
SCHLOß

RIBBECK

von Edelgard Richter

IM

HAVELLAND

Bild: Ingo Weber / pixelio.de

Wer kennt sie nicht, die Ballade vom
Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, die Theodor Fontane (18191898) im Jahr 1889 schrieb? Den
Birnbaum, den Fontane beschrieb,
gibt es längst nicht mehr. Er fiel dem
Zahn der Zeit zum Opfer. Inzwischen
wurde er bereits zum vierten Mal ersetzt. Denn Ribbeck ohne den Birnbaum ist undenkbar. Aber nicht nur
wegen der Birnen besuchen die Menschen das Dorf Ribbeck. Aufgrund der
Beschreibungen Fontanes ist das Dorf
ein Anziehungspunkt für zahlreiche
Besucher. Das einstige Herrenhaus
der Familie derer von Ribbeck mit ei-

nem kleinen Gutspark und dem
Familienfriedhof wurde durch
Theodor Fontane weit über seine
Grenzen hinaus bekannt.
Bereits seit 1237 ist die Familie
von Ribbeck urkundlich bekannt.
Die Geschichte reicht also weit
zurück. Sie beginnt damit, daß
der deutsche Kaiser Lothar 1134
den Grafen Albrecht „der Bär“
mit der Nordmark belehnte.
Nachdem Albrecht der Bär das
Gebiet erobert hatte, nannte er
sich Markgraf von Brandenburg
und vergab Land an seine Ritter,
die er damit zu Kriegsdiensten zu
Pferde verpflichtete. Sie sollten
für die Kultivierung des Landes
sorgen und gleichzeitig die
Verbreitung des christlichen
Glaubens unter den Wenden und
Slawen unterstützen. Die Ritter
behielten einen Teil des Lehens
und verpachteten den Rest an
Bauern , die damit die Pflicht zu
Abgaben und Dienstleistungen
übernahmen, aber auch das
Recht auf Arbeit und Unterhalt
(Deputat) erhielten. Die Ritter

von Ribbeck und späteren Gutsherren hatten damals im Dorf
Ribbeck neben der Verwaltung
auch die Polizeigewalt und die
Gerichtsbarkeit inne. Erst die
preußische Verfassung von
1850 machte dem ein Ende. Bis
1944/45 blieben die Ribbecks
auch die Patronatsherren der
Kirche in Ribbeck. Sie hatten
für die bauliche Erhaltung der
Kirche und den Unterhalt der
Pfarrer zu sorgen. 1947 wurden
die von Ribbecks von den Russen vertrieben. Mitte der
1990er Jahre kehrten sie zurück. Der Anspruch auf Rückgabe ihres Eigentums endete mit
einem Vergleich. Das Schloß
Ribbeck gehört jetzt dem Landkreis Havelland, der es aufwendig sanierte. Friedrich Carl von
Ribbeck wohnt nunmehr mit
seiner Frau im ehemaligen
Kutschpferdehaus. Auch die
alte Schnapsbrennerei wurde
wieder hergerichtet. Hier stellen die Ribbecks verschiedene
Sorten Birnen-Essig, ebenso wie

Seite 20
ihren Birnenbrand her. Schloß Ribbeck
beherbergt nach seiner Restaurierung
ein kleines Museum, das der Geschichte
des Schlosses und Theodor Fontane gewidmet ist. Es gibt im Schloß ein Restaurant, einen Café-Garten und im ersten Obergeschoß einen Trausaal als Außenstelle des Standesamtes Nauen.
Hier können Brautpaare standesamtlich
heiraten. Wer das Dorf Ribbeck besucht, kann sich an dem gut erhaltenen
geschlossenen Ensemble erfreuen. Die
1841 vom damaligen Herrn von Ribbeck
erbaute „Alte Schule“ liegt direkt am
Gutsanger. Ein kleines Café lädt zum
Verweilen ein. Das historische Klassenzimmer, wo jeder Schüler seine Schiefertafel hatte, kann besichtigt werden.
Gegenüber steht die im 14. Jahrhundert
erbaute alte Dorfkirche, die bis 2002
saniert und umgebaut wurde. Im neo-

klassizistischen Innenraum
finden nicht nur Gottesdienste, sondern auch Konzerte und
Ausstellungen statt. Im Kirchenanbau befindet sich die
Gruft der Familie von Ribbeck.
Auf ihr steht auch der legendäre Birnbaum. Die Alte Brennerei wurde etwa um 1850 errichtet. Nach ihrer 2006 erfolgten Sanierung entstand
hier ein großzügiger Veranstaltungsbereich. Bis zur Vertreibung der Familie Ribbeck wurde hier Kartoffelschnaps gebrannt. Die DDR nutzte das
Gebäude als Getreidespeicher.
Nach dem 2001 erfolgten
Rückkauf durch die Familie
von Ribbeck war es in einem
äußerst desolaten Zustand,

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
BEI

DEN

DICHTERN

von Waltraud Käß

GESTÖBERT…
Lob des Frühlings
„Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!“
Ludwig Uhland

Bild: Ilona brigitta martin / www.pixelio.de

den Friedrich von Ribbeck und
sein Sohn Janko in jahrelanger
mühevoller Arbeit beseitigten.
Kein Besucher sollte es versäumen, das Alte Waschhaus zu besichtigen. Nicht nur, dass es
hier handgebrühten Kaffee und
die berühmte Original Ribbecker
Birnentorte gibt. Mit alten
Gebrauchsgegenständen aus
U r gr o ß m u t t e rs Z ei t e n , w i e
Waschbrett und kleinen Wannen, fühlt man sich in vergangene Tage versetzt, als die Wäsche
noch mit der Hand gewaschen
wurde. Natürlich hängen hier
auch die „Unaussprechlichen“
der Damen und die alten Nachthemden und Unterhosen der
Herren auf der Leine.

Seite 21

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
ENTRÜSTUNG

IM

KURPARK

von Christa und Wolfgang Prietsch

Bild: Karl-Heinz Liebisch / pixelio.de

Es geschah im Jahre 1997 in einem
der bekanntesten Kurorte Deutschlands. An einem schönen Sommervormittag überquerten zwei schon in den
Jahren befindliche Damen, von ihrer
Kurpension an der elegante n
Schloßstraße direkt am Kurpark kommend, diese ruhige Straße und betraten an dem der Kurkarten-Kontrolle
dienenden Eingangspavillion den Kurpark. Dem warmen Sommerwetter entsprechend waren sie luftig, aber mit
gehöriger Eleganz mit schneeweißen
bzw. Altrosa-Kleidern gut angezogen.
Auf dem Kopf trug jeder der Damen
einen weiten durchlässigen Hut mit
aufgebrachten Assessoires.
Man ging gemächlichen Schrittes auf
die Konzertmuschel im Park zu, heute
sollte das Vormittags-Kurkonzert
nicht im Kurhaus, sondern hier im
Freien stattfinden. „Ist das nicht wieder ein ganz wunderbarer Tag, liebe
Frau Meyer- Schönberg?“ hörten wir.
„Aber ja, meine Liebe“, kam ohne Eile
die Antwort, „in Bad Zwischenahn, wo
wir uns alle wie in jedem Jahr wieder
im Frühling getroffen haben, hat es

doch so schrecklich geregnet!
Sie haben da nichts versäumt“.
Langsam füllten sich die Bänke
im Halbschatten uralter Bäume
vor dem Konzert-Pavillon, und
die ersten Musiker betraten
schon die erhöhte Bühne. Da erschienen von der Seite hinter der
Konzertmuschel kommend drei
junge Männer in „hochmodisch“,
verwahrlost-provozierenden Outfit. Jeder trug eine offene Bierflasche in der Hand, aus der mal
eben ein kräftiger Schluck genommen wurde.
Es ging ein Raunen durch die
Bankreihen („wie sind denn die
hier in u n s e r e n Kurpark reingekommen“?), als sich die jungen Leute dort in einer der mittleren Reihen bequem und raumgreifend niederließen. Das dort
sitzende Konzertpublikum rutsche so weit wie eben möglich
weg, so dass sich ein großer
Freiraum um die jungen Männer
bildete. Nun aber kam der Primas der ungarischen Kurkapelle,
ein feurig aussehender Mann
mittleren Alters, der besonders
von den Damen mit sichtlicher
Begeisterung durch Beifall begrüßt wurde. Und das Programm
begann, wie hier üblich, mit einem Kirchenchoral. Es ging locker durch die Operettenwelt
und erreichte den Höhepunkt mit
der unverwüstlichen „Vilja, oh
Vilja, mein Waldmägdelein“ aus
der Operette „Die lustige Witwe“
von Franz Lehar. Der Beifall war

überwältigend! Langsam erhob
man sich von den Plätzen, unsere beiden Damen wollten vor
dem Mittagsmal in der Kurpension noch einen Kurzspaziergang
durch den Palmengarten unternehmen, da erbleichten sie: Die
beiden jungen Leute kamen direkt über den ordentlich geharkten Kiesweg auf sie zu. „Hallo,
Mädels, wo geht’s denn hier zu
eurer Essenausgabe?“ Dabei
blickten sie fragend zum im Park
gelegenen Hotel Steigenberger.
Sprachloses Entsetzen! Die jungen Männer aber gingen lachend
von dannen. Wir wären gern dabei gewesen, wenn sie vermutlich ihren Kommilitonen an einer
in der Nähe gelegenen Hochschule oder Universität von ihrem „Unternehmen Kurgäste
aufmischen“ berichtet haben.
Noch am nächsten Tage war dieses schockierende Ereignis Gesprächsgegenstand, man hatte
an langen Kurtagen ja ohnehin
immer Mangel an Gesprächsthemen. Und eine aktive Kurgestaltung mit Bädern, Inhalationen
oder gar Sport, kam natürlich
nicht in Frage. Hatte man doch
neuerdings schon öfter mal Kurer im Trainingsanzug gesehen,
die offensichtlich durch die Anwendungen so beansprucht waren, dass sie vor dem Essen
nicht mal die Sportsachen wechseln konnten und in diesen
durch den Park liefen: Eine Zumutung!

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
KLEINE

FRAU

von Brigitte Sawal

Es sticht auf sie ein, wieder und wieder. Es boxt, würgt, bis ihr schwarz vor
Augen wird. Die kleine, blasse Frau
hockt vor der braunen Couch, schreit
bis ihr die Stimme versagt. Sie hat nur
noch einen Gedanken: Die Welt solle

endlich untergehen. Am dritten
Tag hat sie sich etwas beruhigt.
Die Welt ist nicht untergegangen.
Das schwarze Riesenmonster,
das ihr diese Riesenqualen bereitet hat, liegt zusammenge-

schr um pft ne be n i hr un d
scheint friedlich zu schlafen.
Vorsichtig, damit es nicht aufwacht, zieht sie sich am Couch-

tisch hoch, geht zum Fenster
und öffnet es weit. Gierig at-

Seite 22

Bild: Rieke / www.pixelio.de

met sie die frische Morgenluft. Später
setzt sie den Wasserkessel auf den
Gasherd, schaut in den Kühlschrank
mit seinen spärlichen Resten. Durch
die Wohnung breitet sich angenehmer
Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus.
Noch ganz benommen sitzt sie am Küchentisch und versucht das Ausmaß der
Veränderung zu begreifen. Ihr Mann hat
sie verlassen!!! Wie soll das weiter gehen? Sie trinkt den heißen, starken
Schwarzen aus ihrem blauen Lieblingspott und wundert sich, dass der ihr wie
immer schmeckt.
Irgendwann steht sie mit einem Ruck
auf und beginnt, die in der ganzen Wohnung verstreut liegenden, zerknüllten
Papiertaschentücher aufzusammeln,
um sie im Bad zu entsorgen. Im Vorbeigehen kommt sie am Spiegel vorbei.
Was sie da sieht, treibt ihr die Worte „O
Gott, wie sehe ich denn aus?“ auf die
Lippen. Das schwarze Monster hebt
leicht den Kopf und lauscht entzückt,
wie die kleine Frau plötzlich lautstark
auf ihren untreuen Mann zu schimpfen
beginnt, und für Uschi sind Schnepfe
und Mistbiene noch die salonfähigsten
Schimpfwörter. Das Monster tut ihr
nicht mehr weh, und jetzt treibt er sie
sogar höhnisch zur Weißglut. „Jaaaa,
ja, die Beiden haben ihren Spaß miteinander. Und du blöde Kuh schleichst seit
drei Tagen mit einem verquollenen Gesicht und einer völlig verbogenen Seele
herum. Vielleicht lachen sie ja gerade
über dich. Und du schämst dich, ihnen
zu begegnen“, hetzt es. „Die Beiden
müssen sich schämen, jawohl.“ Das
wütende Monster sagt ziemlich logische Sachen. Beispielsweise, dass es
keine Lösung sei, sich vom Hausarzt
krank schreiben zu lassen und Beruhigungstabletten in sich hinein zu stopfen. „Du musst dich der Situation stel-

len“, empört es sich, „ihr arbeitet nun mal alle drei in diesem Institut. Und überhaupt?
Wolltest du dich nicht schon
vor zwei Jahren von Johannes
trennen? Hast zu viel Rücksicht genommen. Das hast du
nun davon“, gibt das Monster
keine Ruhe.
Was dieser Unhold sagt, klingt
wirklich vernünftig. Sie nimmt
aus dem Küchenschrank das
Röhrchen mit den Beruhigungstabletten und wirft es
erbost in den Mülleimer. „Das
könnte den Beiden so passen“
grollt sie. „Weiter so, weiter
so“, treibt der kleine Wutteufel sie an und schreit ihr ins
Ohr „Du musst jetzt was unternehmen, was die Beiden nicht
von Dir erwarten. Warte mal“
überlegt er und sagt dann
„jetzt hab ich`s. Mach dich
wieder hübsch. Niemand soll
dich weinen sehen“. Ach, wenn
das so einfach wäre. Zwanzig
verheiratete Jahre kann man
nicht so einfach abtun. Der
kleinen Frau mit dem hübschen Gesicht, die in wenigen
Tagen 40 wird, stehen schon
wieder dicke Tropfen in den
Augen. „Hör endlich auf zu
flennen“ donnert der kleine
Unhold, und dann, leiser werdend „Na gut, wenn du unbedingt heulen musst, dann verschiebe das auf den Abend, da
sieht es keiner. Aber jetzt bringe dich erst einmal in Form.“
Gehorsam geht sie ins Bad,
lässt eisiges Wasser über ihr
Gesicht laufen, immer und
wieder, bis es zwickt. Mit einem flauschigen Tuch rubbelt
sie behutsam die Haut rosig.
Dann verwöhnt sie ihre Haut
aus einer großen Dose mit einer fingerdicken Schicht Fettcreme. Sie riskiert das erste
kleine Lachen, sie ist mit sich
zufrieden. Der kleine Wutteufel ist es auch. Er streckt ihr
den rechten Daumen entgegen
und sagt „Wetten, wenn DIE“,
und er meint Johannes und
Uschi, „dich morgen im Büro

so sehen, werden sie sich gewaltig wundern.“ Es klingt ein
bisschen schadenfroh. Wenn ihr
EX sie schon mit der gemeinsamen Arbeitskollegin betrügt,
dann soll er sich wenigstens
ärgern, dass es ihr offensichtlich nichts ausmacht. Und mit
weiblicher List überfliegt sie
schon mal gedanklich den Inhalt des Kleiderschrankes. Morgen nach Dienstschluss wird sie
in die nächste Boutique fahren
und sich eine schicke Bluse
kaufen. Sie ist sich sicher, dass
er sich darüber doppelt grämen
wird, denn er ist so ein Geizkragen.
„ Und nun ab ins Bett, schlafe
dich gründlich aus“ kommandiert der kleine Unhold, der inzwischen ihr Freund geworden
ist. „Auf dich kommt noch viel
Arbeit zu, Schwerstarbeit“ sagt
er leise. Sie legt sich ins Bett,
zieht mit beiden Zeigefingern
und Daumen die Mundwinkel
nach oben, schließt die Augen
und wandelt auf einer grünen,
saftigen Wiese mit weißen, roten, gelben und lila Blumen. Der
Himmel ist blau, die Sonne
scheint warm, Käfer schwirren
vorbei und die Kühe scheinen
ihr freundlich zuzunicken.
Am nächsten Morgen nickt sie
dankbar ihrem Spiegelbild zu. „
Na dann, auf geht`s“ sagt der
kleine, vertraute Kerl mit Beraterfunktion, schwingt sich in
ihre Umhängetasche und Beide
traben ins Büro.

Seite 23

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
NICHT

NACH

NORWEGEN

von Christa Barthel

Bild: Dieter Schütz / www.pixelio.de

Wie in jedem Jahr hatte der Frühling
Einzug gehalten. Und wie in jedem
Jahr stand darum ein kleiner Umzug,
der Aufbruch in den Garten, bevor. Die
Winterruhe war vorbei und wir waren
voller Tatendrang. Bepackt mit Taschen und Körben und in Eile trafen
wir vor dem Haus die Nachbarin aus
der 3. Etage, ebenfalls eine Gartenbesitzerin. Dass sie nicht sehr glücklich
scheint, können wir ihren Worten entnehmen:“ Eigentlich müssten wir auch
dringend in den Garten, es gibt so viel
Arbeit. Aber was macht mein Mann?
Fährt mit seinem Freund zum Angeln
nach Norwegen.“ Sie tut uns leid und
wir denken Beide, dass er sich einen
anderen Zeitpunkt hätte aussuchen
können. Aber wir starten jetzt in den
Frühling, haben einen sonnigen Tag
erwischt und sehen im Garten die ersten Frühlingsblüher. Staunen, was wir
da so alles im Herbst in die Erde gesteckt haben. Die Luft ist so seidig
warm, dass ich wenig Lust zum Früh-

jahrsputz habe. Aber der Staubsauger steht schon einige Zeit
mahnend am Eingang des Gartenhauses. Irgendwann sage ich
mir: Los geht`s!
Meinem Mann fällt plötzlich ein,
dass er noch Batterien für das
Thermometer braucht, „sonst
wissen wir morgen früh nicht,
wie kalt es ist“, meint er noch
während des Abgangs und ist
auch schon weg. Ich ahne
Schlimmes, denn Männer im
Baumarkt sind eine Spezies für
sich. So fange ich allein an, den
Staub des Winters zu bekämpfen. Spinnen und ihre Netze gibt
es in jeder Ecke, und diese sind
nicht immer leicht zu erreichen.
Denn nicht nur die unhandlichen
Klappbetten stehen überall im
Wege. Plötzlich sehe ich große
Tropfen Blut auf dem Fußboden.
Nasenbluten kann ich jetzt bei
der Arbeit schon gar nicht
gebrauchen. Was tun? Ein Wattebausch landet in jedem Nasenloch. Beide nehmen langsam
aber sicher eine rote Farbe an.
Sieht sehr sexy aus. Ein Glück,
dass mein Mann nicht da ist.
Neben den Spinnen haben den
Winter über auch Mäuse im Gartenhaus gelebt. Ihr Nest finde
ich unter dem Schrank und auch
die Reste meiner Samenvorräte,
die bunt vermischt darin lagern.
Der Staubsauger freut sich über

so viel Futter. „Mist“, denke ich,
„hätte ich eher finden sollen,
dann könnte mein Mann gleich
neue Samenvorräte mitbringen.“
Wozu hat er ein Handy? Aber der
Klingelton kommt ganz aus meiner Nähe. Na klar! Wie immer !
Husch, husch und weg!
Langsam werden die Räumlichkeiten wohnlicher. Die Betten
sind bezogen und es wird gemütlich warm. Zwei Stunden sind
bereits vorüber, im Baumarkt
scheint es interessante Angebote zu geben. Ich warte gespannt
auf meinen Mann und auf seine
Reaktion bei meinem Anblick.
Erschrocken schaut er mir ins
Gesicht, allerdings versucht er
auch krampfhaft, einen Lachanfall zu unterdrücken. Als er sich
wieder im Griff hat, meint er mit
einem breiten Grinsen: „Ich hatte ja unterwegs ein schlechtes
Gewissen, dass ich mich verzogen habe. Aber Du musst mir
schon zugute halten, dass ich
hier geblieben bin. Und da
darfst Du mir nicht böse sein.
Ich bin wenigstens nicht nach
Norwegen zum Angeln gefahren.“ Was soll man da sagen?
Ich kann doch wirklich glücklich
sein, einen so besorgten Mann
zu haben.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
ERDE

STATT

HIMMEL

von Peter Josef Dickers

Hungerjahre prägten das Leben in unserem Dorf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von einem Wirtschaftswunder, von heiler Welt in der
Nachkriegszeit war nichts zu spüren.
Leute aus der Stadt unternahmen
Hamsterfahrten zu uns ins Dorf, um
Bauern und Privatleuten Tauschgeschäfte anzubieten. Die Reichsmark
war wertlos. Kartoffeln gegen Kunst-

gegenstände, Milch und Butter
gegen Schmuck. Schwarzhandel
hatte Hochkonjunktur. Güter des
täglichen Bedarfs gegen handfestes Hab und Gut. Ob noch
Krieg oder schon Friede war, ließ
sich schwer unterscheiden. Eine
Zeit, in der im zwischenmenschlichen Bereich jeder jedem den
Krieg zu erklären schien, nach-

dem der Krieg mit Waffen ein
Ende gefunden hatte. Wenn ich
bei dem Bauern, mit dem unsere Familie in verwandtschaftlicher Beziehung stand, um eine
Kanne Milch, ein Stück Butter
oder ein paar Kartoffeln bettelte, hatte ich Aussicht auf Erfolg, wenn ich im Tausch dafür
Zigaretten anbot – eine Kost-

Seite 24

Bild: Verlag Books on Demand, Norderstedt

barkeit, die wir von amerikanischen
Soldaten ergatterten, die sich im Dorf
einquartiert hatten. Vergesst Gott nicht
in eurer Not, hatte der Pfarrer die Gläubigen in der Kirche ermahnt. Meine
Mutter war gläubig, aber sie musste
eher nach irdischen Dingen als nach
dem Himmel Ausschau halten. Irdische
Realitäten standen näher als der Himmel. Himmel war weit weg. Es ging ums
Überleben, um konkret Erreichbares.
Sie benötigte Lebensmittelkarten für
Brot und Fleisch, Kleiderkarten für Unterwäsche und Strümpfe, Bezugsscheine für Mäntel und Schuhe. Für ein Bündel alter Zeitungen bot der Altpapierhändler ein paar Pfennige an. Neue
Schuhe, die ich zur Feier meiner Erstkommunion erhalten sollte, waren nicht
erschwinglich. Ein Schuster stellte sie
in Heimarbeit her. Den Kommunionanzug erbettelte Mutter. Anzug und Schuhe befanden sich als Erinnerungsstücke noch in meinem Kleiderschrank, als
ich fünfzehn Jahre später umzog an
meinen Studienort. Sie waren nicht in
der Kostümtruhe gelandet. Ich hatte
sie nicht als Ladenhüter, sondern als
Erinnerung an Geschehnisse aufbewahrt, die entrückt waren, mich aber,
zumindest unbewusst, begleitet hatten.
Das Dorf war unser Leben. Das Dorf war
unser Himmel. Die Welt hinter dem Gartenzaun war überschaubar. Bauernhöfe, grüne Wiesen. Kartoffeläcker. Keine
Postkarten-Motive. Kleinbürger-Idyll
rund um die alte, romanische Pfarrkirche. Hier fühlten wir uns sicher und
geborgen. Hier erhofften und fanden
wir Schutz. Der Dorfpfarrer wusste, was
gut und richtig war. Unser Wahrsager.
Unsere moralische Instanz. Er hatte in
gottesfürchtigen Landen Macht über
Leben und Tod. Von der Kanzel herab

verkündete er Wahrheiten, die
als unverrückbar galten. Alltagsleben und Leben mit der
Kirche waren miteinander verknüpft. Die Institution Kirche
gewährte und garantierte Halt
und Sicherheit. Die Kirche war
den Menschen nah und diese
der Kirche. „Bleibe, wie du
heute bist. Der Himmel dir
dann sicher ist.“ Ein Plakat
mit dieser Inschrift prangte
über den Haustüren, wenn ein
Kind zur Erstkommunion in die
Kirche geleitet wurde. Auch
über unserer Tür. Wer immer
solche und ähnliche Sprüche
ersonnen hatte – sie beschrieben eine Welt, von der jeder
wusste, dass es sie so nicht
gab, die aber dennoch insgeheim ersehnt wurde. Das Aufschauen zum Himmel glich einem Balance-Akt zwischen
Himmel und Erde. Kriegszeiten
seien Zeiten großmütiger
Nächstenliebe und gesteigerten Opferwillens; das stehe in
den „Katechetischen Blättern“, hatte der Pfarrer gesagt. Jeder müsse mithelfen
im Geist christlicher Bruderliebe. Hilfsbereitschaft und
Mut zur Bescheidenheit seien
das Gebot der Stunde. Gut,
dass die Leute die Katechetischen Blätter nicht kannten.
Verzichten mussten sie. Satt
werden war wichtig. An Überfluss litt niemand. Die Zeitung
kündigte eine Kürzung der Lebensmittelrationen an. Eine
Frau wurde beim Milchdiebstahl erwischt, als sie Milch
von einer an der Straße abgestellten Kanne abzapfte. Obwohl sie aus Not handelte,
wurde sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ein Verwandter meiner Mutter bot ihr an,
heimlich das gemästete Hausschwein zu schlachten, um die
Fleischrationen für die nächsten Monate zu sichern. Viel
falsch machen konnte sie
nicht. Wie viel Fleisch er für
sich selbst reservierte und

welche sonstigen Dienste meiner Mutter er einforderte, blieb
unausgesprochen. Interessengegensätze. Sie klagte nicht –
weder über ihr Leben, noch über
das Leben anderer. Sie hätte
Gründe gehabt. Aber wer hätte
ihr zugehört? Sie nahm ihr Leben hin. Ihr blieb das Beten.
Niemand weiß, ob es geholfen
hat. Friedvolle Idylle, Hort der
Harmonie und Beglückung, der
Ruhe und Stabilität war unser
Heim nicht. Keine heile Welt.
Keine heile Familie. Kein „dolce
vita“. Keine Zeit für Müßiggang.
Mutters Leben ließ ihr wenig
Zeit für Träume. Die Familie, der
sie vorstand, war nicht in süße
Zuckerwatte gepackt. Von besseren Zeiten zu träumen, war
zwecklos. Dennoch hätte sie
nicht woanders leben wollen.
Kein Wunder, dass sie nicht
sehr alt geworden ist. Im Alter
von gut sechzig Jahren waren
ihre Kräfte aufgezehrt. Ihr Lebensfaden war durch viele Zerreißproben brüchig geworden.
Die „gute, alte Zeit“, ihre Zeit,
in der angeblich alles besser
war, konnte so besonders gut
nicht gewesen sein. Es herrschten keine paradiesischen Zustände. Und doch habe ich Mutter nie verbittert, nie griesgrämig erlebt. Sie sang gern – vielleicht, um die Schatten der Vergangenheit und Gegenwart für
eine Weile beiseite zu schieben.
Ein Lied zu singen, mochte befreiend wirken. Das Bild, das
sich mir von ihr eingeprägt hat,
begleitet mich bewusst oder
unbewusst immer noch. Es gehört zu meinen nicht erloschenen Kindheitserinnerungen. Beendet wurden die bedrängenden
Zeitumstände vorerst durch die
Währungsreform. Die Deutsche
Mark wurde zum alleinigen Bezugsschein für Waren. Im einzigen Geschäft des Dorfes tauchte über Nacht das zu hohen
Preisen in den Regalen auf, was
anscheinend tags zuvor noch
nicht existiert hatte. Rosige

Seite 25
Märchenbilder sind nicht die Bilder
jener Jahre, die in mir haften geblieben sind. Wenn ich eintauche in den
Horizont meiner Kindheit, kommen
verklärte Erinnerungen an Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe kaum zum
Vorschein. Meine Gedanken wandern
hinüber ins Pfarrarchiv meiner Heimatgemeinde. Es sollen dort Niederschriften fehlen über die Jahre zwischen 1931 und 1949, vornehmlich
über die Jahre des Nationalsozialismus. Manche Eintragungen wurden,
so wird unterstellt, nachträglich gelöscht, als habe es sie nie gegeben.
Es müssen Erinnerungen gewesen
sein, die man verdrängte oder tilgen
wollte. Eine Selbsttäuschung. Die so
handelten, bekleideten möglicherweise verantwortliche Positionen in der

Schule, in der Pfarrei, in der Gemeinde. „Maikäfer flieg, dein
Vater ist im Krieg.“ Das Volkslied
aus der Liedersammlung „Des
Knaben Wunderhorn“ haben wir
nicht gesungen, sondern erlebt.
Ich halte es für unwahrscheinlich, dass mein Vater irgendwo
im Schützengraben voll Sehnsucht an die Liebste daheim „Auf
der Heide blüht ein kleines Blümelein“ vor sich hin trällerte,
das von den Nationalsozialisten
zu Propaganda-Zwecken missbrauchte Lied. Falsche romantische Gefühle, die eine heile Welt
vorgaukelten, waren ihm und
meiner Mutter zuwider. 1942 fiel
mein Vater in Russland. Ein Aufruf des Führers zum

„Kriegswinterhilfswerk des
Deutschen Volkes“ forderte das
Volk in der Heimat zu höchster
Opferbereitschaft auf. Opfer, die
wir leisten könnten, seien nur
ein Bruchteil dessen, was die
deutsche Wehrmacht verbringe,
tönte er. Er erwarte, dass die
Heimat ihre Pflicht erfülle. Der
Appell muss wie Hohn in den Ohren meiner Mutter geklungen
haben.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
DIE

SCHLANKHEITSKUR

von Brigitte Foerster

Ich bin zu dick! Mein Bikini passt nicht mehr!
Ich habe gesündigt, ein neuer muss her.
Zu fett, zu süß und auch zu viel habe ich gegessen,
hatte zu wenig Bewegung, zu viel gesessen.
Viel Bewegung ist jetzt angesagt,
das Training im Fitnesscenter ist nun gefragt.
Viel Obst und Gemüse werde ich regelmäßig essen,
die fetten Pommes kann ich vergessen.

Bild: birgittH / pixelio.de

Da wären noch die Essenszeiten,
alle 4 – 5 Stunden werde ich mir etwas zubereiten.
Verboten sind jetzt Chips und auch die Cola,
dann sind die Schlankheitshormone bald wieder da.
Das volle Korn ist jetzt ganz wichtig,
die vielen Ballaststoffe einfach richtig.
Viel trinken! Ich fühl' mich gut, nicht schwer beladen,
mein Traum wird wahr, ich bin gut beraten.
Entscheidend ist: was, wie viel und wann man isst,
dann kann man sagen, man bleibt wie man ist.
Der Bikini wird passen für alle Zeit,
ist man für diese Bedingungen bereit.

Seite 26

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
TRAKTAT

von Rela Ferenz

ÜBER

DIE

KRUSTE

Bild: knipseline / pixelio.de

Kruste sieht gut aus.
Über der Masse, obendrauf ist Kruste.
Durch die Kruste sieht man die Masse nicht.
Kruste ist aus demselben Teig wie Masse,
sieht aber besser aus.
Auch um eine große Masse
braucht es nur wenig Kruste,
wenn die Oberschicht nur dünn genug ist.
Kruste ist schön glatt,
glänzend, auch kantig.
Kruste gibt nicht so leicht nach.
Die Kruste hängt zusammen,
damit nicht Masse hervorkommt.
Kruste bewahrt die Masse.
Ohne Kruste geht es nicht.
Wo immer Masse ist,
bildet sich bald eine Kruste.
Was dann nicht Kruste ist,
bleibt Masse.
Die Masse ist das Große.
Nur Kruste - gibt es nicht.
Die Kruste ist für die Masse da,
macht das Ganze
und ist das Beste die Kruste.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
SCHLAGZEILE

von Susanne Danowski
„ Unsere Hauptstadt soll blühen und gedeihen“ titelte die BZ am Abend in einer
Sonderausgabe. Anne war gespannt und
nahm eine Zeitung mit. Die Berichte von
Parteiveranstaltungen liest sie in der
Regel nur oberflächlich, damit sie informiert war. Als sie heut in der Zeitung
blättert ist sie neugierig. Den ganzen
Politikkram überfliegt sie gekonnt, langes Training macht sich da bezahlt.
Aber auf der Mittelseite wird es interessant. Fotografien von Modellen für die
Stadtplanung machen das neue Wohnungsbauprogramm nachvollziehbar.
Mit einer großen komplexen Aktion soll
über viele Jahre das Wohnungsproblem
in der Hauptstadt gelöst werden. Durch
den Bezug der entstehenden Neubaugebiete am Stadtrand werden die alten
Wohnungen in der Stadt frei gezogen
und können dann systematisch rekonstruiert und attraktiv gemacht werden.

Annes kleine Tochter
quengelt. Sie will die wenige Zeit mit ihrer Mama
auch für sich. Anne hat
schon den Badeofen angeheizt und freut sich,
wie jeden Tag, über das
kleine Badezimmer, dass
sie sich gebaut haben.
Jetzt kann sie Kirsten in
die Wanne setzen und
sich um das Abendbrot
kümmern. Viel Zeit bleibt
ihnen nicht. Der lange Arbeitstag, dann 20 Minuten
Fußweg bis zur Kinderkrippe
und eine Stunde Heimfahrt mit
Straßenbahn und Bus. Seit sie
keinen Kinderwagen mehr
braucht, kommt sie zwar auch
bei vollen Bussen mit, aber
der letzte Weg bis nach Hause

Bild: Kurt Michel / pixelio.de

sind für Kirstens kleine müden
Beine meist zu viel und sie reitet auf Mamas Schultern nach
Hause. Zeit zum Spielen bleibt
dann nicht mehr, denn auch für
das kleine Mädchen ist um 5
Uhr morgens die Nacht vorbei,
damit Anne sie pünktlich um 6
in die Krippe bringen kann. Da-

Seite 27
nach geht es im Dauerlauf bis zur Arbeitsstelle, die sie oft nicht pünktlich
erreicht, weil immer irgendwas auf
dem langen Weg nicht klappt. An die
Blicke ihrer Kolleginnen hat sie sich
gewöhnt. Versäumte Arbeitszeit arbeitet sie in der Mittagspause nach. Sie
hatte die ewigen Rechtfertigungen
satt. Gemeinsam singt sie mit Kirsten,
die in der Wanne planscht und dabei
richtet sie das Abendbrot her und
macht die Stullen für den nächsten
Tag für sich und Fred, der auch bald
nach Hause kommt. Als Kirsten endlich schläft, studiert sie nun gründlich
die Berichte in der Zeitung. Sie wohnen jetzt schon 4 Jahre in der Laube

und das Leben ist auch mit den
zahlreichen Verbesserungen
nicht viel einfacher geworden.
Das Plumsklo wurde durch das
kleine Bad mit Wanne ersetzt
und im späten Herbst hatten sie
sich einen neuen Brunnen gebohrt. Nun muss sie das Wasser
nicht mehr von der Handpumpe
holen, sondern eine elektrische
Pumpe im Keller unter dem
Schuppen bringt das Wasser
durch Leitungen ins Haus. Aber
die sind noch nicht frostsicher,
was bis zum Sommer auch ständig zusätzliche Arbeit erfordert.
Anne beginnt zu träumen. Eine

Wohnung mit Fernheizung, warmen Wasser aus der Wand, kurze
Wege zur Arbeit und zum Einkaufen und dann vielleicht ein zweites Kind. Als Fred endlich nach
Hause kommt, sprudelt sie förmlich über. Das zweite Kind wurde
im Jahr darauf geboren. Sie waren nun auf eine Wohnung angemeldet und fast jeden Sonnabend schuftet sie auf Baustellen für die Eigenleistungen der
Wohnungsbaugenossenschaft.
Aber noch drei Jahre schaute sie
auf dem langen Wegen voller
Neid durch Fenster auf das bequeme Leben der anderer Leute.

THEMA: LITERATUR, BUCHTIPPS
DIE

BEIDEN

von Ursula A. Kolbe

KUGELRUNDEN

Bild: amicus-Verlag

Vor uns liegt ein unterhaltsames Buch
mit ernster Botschaft über ein wahr
gewordenes Märchen: „Die beiden
kugelrunden Müller“. Der in Südthüringen in Föritz bei Sonneberg an der
Grenze zu Franken, einst Sperrgebiet
im Zonenrandgebiet, wie es im Volksmund hieß, gelegene amicus-Verlag
hat das kleine Werk in gediegener Aufmachung zur Leipziger Buchmesse
2015 herausgebracht – als seinen Beitrag zu 25 Jahren deutscher Einheit.
Es erzählt, warum eine alte Geschichte immer noch so verblüffend heutig
ist, diese sagenhafte Erzählung nach
einem Märchen von Ludwig Bechstein
(1845) über zwei ziemlich beleibte
Müller – dicke Freunde und gute Nachbarn. Warum sie jedoch fast zu Feinden werden und wie es dazu kommt,
dass man friedlich vereint ein großes

MÜLLER

dreifaches Freudenfest feiern
kann, beschreibt mit Witz und
Augenzwinkern dieses neu bebilderte Lesebuch für Familien.
Es war einmal zwischen irgendwo
und nirgendwo – ist leider hie
und da immer noch und wieder
so… Die beiden kugelrunden
Müller lebten einst friedlich und
befreundet in guter Nachbarschaft. Jeder arbeitete fleißig in
seiner Mühle. Doch dann will jeder fortan nicht nur der beliebteste und schönste, sondern
auch der stärkste und reichste,
ja einzige Müller vor Ort sein!
Rumpel und Pumpel – so heißen
die Dicken – raufen und kämpfen
gegeneinander, lassen sich Rüstungen schmieden, greifen zu
Waffen! Ihre Mühlen stehen still,
Hungersnot droht! Die Familien
der Müller, wie deren Nachbarn
und Kunden sind erzürnt und fordern Einhalt, zumal plötzlich Ärger und Gefahr für alle durch eine böse Zwergenhorde aufziehen! Klaus Fischer, aus Jena
stammender und in Berlin lebender Fernsehjournalist, Filmemacher und Autor, hat diese sagenhafte Geschichte nach Ludwig
Bechstein unterhaltsam mit
Blick auf Vergangenheit und Ge-

genwart neu für Leute von heute aufgeschrieben.
Übrigens: Schon Mitte der 80er
Jahre hatte der Autor diesen
Stoff mit zeitgemäßen Hintergedanken zu einem Amateurtheaterstück mit Liedern, auch eine Prosafassung geschrieben,
doch es fand sich kein Verlag,
Theater… Heute wird sich dieses Buch aktuell in die Erinnerungszeit an unsere
„Wahnsinnswende“-Jahre ab
1989/90 einreihen.
Die Bilder in diesem Märchenbuch schuf der aus Meuselwitz
in Ostthüringen stammende
Grafiker und Unterhaltungskünstler Wolfgang Wündsch. In
Berlin kann man ihn auch mit
Zeichenstift und Papier als Berliner Original „Eckensteher
Nante“ erleben.
amicus-Verlag; ISBN 978-3944 03 9-60 -2 ; www.ami cusverlag.de

BEZIRKSAMT MARZAHNHELLERSDORF VON BERLIN
RIESAER STRAßE 94
12627 BERLIN
REDAKTION SPÄTLESE
Telefon: (030) 90293-4371
Telefax: (030) 90293-4355
E-Mail: magazin-spaetlese@gmx.de
Internet: www.magazin-spätlese.net
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.