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Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2014,9/10

Ausgabe September—Oktober 2014

SPÄTLESE

20
www.magazin-spätlese.net

DAS MAGAZIN FÜR AUFGEWECKTE SENIORINNEN UND SENIOREN
Inhalt der Ausgabe
Ein- und Ausblicke im jungen
Marzahn-Hellersdorf

2

Frieden? Kriege!

3

Lola, ein liebreizender
Wirbelwind

4

Weingarten-Initiative Berlin
fasst Fuß

4

Katzenliebhaber unter sich

5

Per Pedes ein Blick hinter
die Kulissen

6

Tierparkbesuch

7

Im Fischleintal mit Filz und
Käsehappen munter los auf
Schusters Rappen

8

Der Harz – eine einzigartige
Erlebniswelt!

9

Keine Angst vor Operationen

11

Kältekammer

11

Mit den Urenkelkindern im
Wattenmeer

12

Oma Krüger

12

Sturmwarnung

13

Sommerfarben

14

Tal der Schlaube

15

Zuneigung per Telefon

15

Ein Anfang von etwas

16

Musenküsse

17

WAS ERWARTET SIE IN DIESER AUSGABE?
Die neue Ausgabe des Senioren-Magazins „Spätlese” ist
online unter:
www.magazin-spätlese.net
verfügbar.
Die Leserinnen und Leser können sich auf interessante und
lesenswerte Themen freuen.
Die ehrenamtlichen Autoren
haben sich auch in dieser Ausgabe bemüht, für jeden Geschmack etwas anzubieten.
Barbara Ludwig kritisiert die
Politik der Bundesregierung.
Christa-Dorit Pohle war im
Tierpark und im Kulturforum.
Ursula A. Kolbe war im Harz,

berichtet von der IGA, vom
Radfahren in Berlin und von
der Weinkönigin und war in
Tirol. Waltraud Käß schreibt
über eine Lesung des Frauenstammtisches und über Oma
Krüger. Rudolf Winterfeldt war
im Urlaub an der Nordsee.
Weitere Autoren berichten
über ein Katzencafe, über
Operationen und eine Kältekammer sowie über eine Zuneigung im Pflegeheim und
schrieben Gedichte.

www.magazin-spätlese.net

Seite 2

THEMA: AUS DEM BEZIRK
EIN- UND AUSBLICKE IM JUNGEN
H E L L E R S D O R F von Ursula A. Kolbe

Bild: IGA Berlin 2017 GmbH

Was hat sich doch alles in diesem jungen, aufstrebenden Stadtbezirk so getan, allen Unkenrufen zum Trotz. Viel,
konnte Bezirksbürgermeister Stefan
Komoß in Begleitung seiner Bezirksstadträte Dagmar Pohle, Christian
Gräff und Juliane Witte auf der jüngsten Journalistentour in Sachen grüne
und beste Aussichten konstatieren.
Dabei immer die sozialen Brennpunkte
und ihre Projekte im Blick. Geht es
doch darum, gerade für die junge Generation Chancen auf eine sinnerfüllte
Zukunft zu schaffen. Stopp in der Casper-David-Friedrich-Schule in der Alten
Hellersdorfer Straße. Nicht umsonst
wohl ist der große Maler der Romantik
und berühmtester Sohn Greifswalds –
man denke nur an sein Bild
„Kreidefelsen auf Rügen“ - Namensträger dieser Schule mit künstlerisch geprägtem Profil geworden. Hier wird Erfolgsgeschichte in puncto Berufswahlcoaching in enger Zusammenarbeit mit
der ABU geschrieben. Sprich Masterplan Arbeit und Ausbildung für alle Jugendlichen in Marzahn und Hellersdorf.
Im Mittelpunkt hierbei steht die
Betreuung von Jugendlichen an den
Sekundarschulen des Bezirkes, ist
auch das Bezirksamt ein Ansprechpartner. Bis 2016 soll dieses anspruchsvolle Ziel gegen Null tendieren, ist die erklärte Maxime des Bürgermeisters und
seines Teams. Die neuesten Zahlen
sprechen für sich: Lt. Statistik waren
im Juni 2014 genau 1.646 Jugendliche
zwischen 15 und 25 Jahre arbeitslos
gemeldet. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 9,9 Prozent ( im Ver-

MARZAHN-

gleich: Berlin hat 10,2 Prozent). In diesem Gespräch in
der Schule werden auch DDRErinnerungen wach, wenn von
damaliger „Fachproduktiver
Arbeit“ die Rede ist. So nehmen alle Schüler der achten
bis zehnten Klassen an einer
individuellen Berufsberatung
teil. Das Coaching sei ein
Weg, jetzt noch manch unklare Vorstellungen über die Berufsfindung auf den Weg in
reelle Chancen zu lenken. Die
angesprochenen 14jährigen
zeigten sich sehr aufgeschlossen.
Optimismus im Don-BoscoZentrum
Auch im Don-Bosco-Zentrum
am S-Bahnhof
RaoulWallenb erg -Straße spürt e
man diesen Optimismus. Sicher mit ein Verdienst der
„guten“ Seele des Hauses
Schwester Margareta, eine
resolute, viel Liebe ausstrahlende, fest im Alltag stehende
Ordensfrau des schon 1859
vom italienischen Priester
Giovanni Bosco gegründeten
katholischen Ordens der Salesianer Don Boscos und aller
ihrer Mitarbeiter. Dessen Wirken in 132 Ländern überall
auf der Welt: Die ganzheitliche Entwicklung von Straßenkindern und Kindersoldaten
egal welchen Glaubens zu fördern. Hier in Marzahn geht es
vor allem um Chancen und
Perspektiven der jungen Leute
für den Eintritt ins Berufsleben. Das Jobcenter sieht sich
der Aufgabe verpflichtet, erst
Arbeit, dann staatliche Hilfe
anzubieten. Stets offene Ohren dafür hat man im DonBosco-Haus. Es steht an jedem Tag im Jahr in jeder Situation rund um die Uhr offen.
Patrick z. B. hat mehrere Leh-

ren abgebrochen, wohl viele
persönliche Krisen durchlebt.
Bei einer ganz persönlichen
Führung für mich durchs Haus
erzählt der 23jährige, dass er
vom hiesigen Jobcenter ins
Don-Bosco-Zentrum vermittelt
wurde, um sich hier auf seine
Ausbildung im OSZ, einer beruflichen Schule, auf seine
Ausbildung zum Sport- und
Fitnesstrainer vorzubereiten.
Und schon ein wenig stolz
spricht er dann von seinen ersten eigenen ersten „vier Wänden“ in Hellersdorf. Sein neues Schuljahr im OSZ hat er
jetzt im August begonnen. Für
seinen weiteren Weg wünsche
ich ihm viel Erfolg.
Im „Haus Aufwind“ ist viel los
Der Bogen lässt sich dann
leicht zum „Haus Aufwind“ in
der Nossener Straße schlagen,
zum Jugendwerk Aufbau Ost.
Das Kinder- und Familienzentrum liegt in einem sozialen
Brennpunkt von Hellersdorf,
mit der Herausforderung der
Alleinerziehenden und jungen
Familien im Blick. Groß ist der
Anspruch seiner rund 40 Mitarbeiter, Hilfe anzubieten und
eine familiäre Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Es gibt
über 40 Angebote. Sie reichen
von der Hebammenbetreuung,
das Familienpaket, Elternfrühstück über Hausaufgabenhilfe
bis hin zu Kooperationsprojekten mit Schulen. Oft auch, bis
der Nachwuchs „flügge“ wird.
Und oft „steppt der Bär“, wie
viele selbst sagen, so jüngst im
diesjährigen Feriensommer,
der übrigens als einziger in
einem Bezirk der Stadt mit viel
Liebe und Engagement auf die
Beine gestellt wird. Hilfe und
Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer ist immer gern gesehen.

Seite 3
Im Englischen Garten geht’s voran
Um auf die „besten und grünen Aussichten“ zurückzukommen, darf natürlich ein letzter Stopp in den Gärten der Welt und mit Blick auf die
IGA 2017 nicht fehlen. Hier blüht
Marzahn rasant auf. Jüngste Etappe:
Der Englische Garten des Ensembles
nimmt Konturen an. Wurde im Mai
vergangenen Jahres der Grundstein
gelegt, ist nun inzwischen der Dachstuhl des reetgedeckten Landhauses, des Cottages, errichtet. In England dienen die eingeschossigen,
nicht unterkellerten Häuser traditionell als Wohnstätten, insbesondere
für Pächter landwirtschaftlicher Flächen. Hier in Marzahn wird Gastronomie ins Landhaus einziehen.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Einwurf von Dagmar Pohle, damalige Bürgermeisterin und heutige Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales und
Planungskoordination, dass die
Idee eines solchen Englischen
Garten anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung des Stadtbezirkes Marzahn vor fünf Jahren
von Vertretern der britischen
Partnerstadt Halton bei Liverpool
ins Gespräch gebracht worden ist
und ihnen auch die Entwürfe dafür geschenkt worden sind.
Jetzt sind die Arbeiten in vollem
Gange, wie uns Baustellenleiterin Bettina Bonnè bei der Führung
anschaulich verdeutlichte. Und

ihr Hinweis: Ab Herbst können
sich Interessierte bei Baustellenführungen selbst über das
aktuelle Geschehen vor Ort ein
Bild machen. Ich bin mir gewiss:
Zur IGA 2017 wird der Englische
Garten mit Cottage und gepflegtem Umfeld ein prägendes
Schmuckstück sein. Und auch
dann nach der großen Schau
wie die jetzigen schon neun existierenden Gärten der Welt als
beliebter Anziehungspunkt Groß
und Klein in die Anlagen an
Kienberg und Wuhletal locken.

THEMA: POLITIK, WIRTSCHAFT UND SOZIALES
FRIEDEN?

K R I E G E ! von Barbara Ludwig

Längst schon gibt es keine Friedenspolitik mehr. Über die Notwendigkeit, globale Militäreinsätze durchzuführen aber, sprich Kriege, wird
anhaltend und überzeugenwollend
diskutiert. Selbst der Bundespräsident Gauck, Christ und ehemaliger
Pfarrer, will auf Militäreinsätze keinesfalls verzichten und stellt diese
als ein Instrument der Außenpolitik
dar. „Im Kampf für das Überleben
unschuldiger Menschen und im
Kampf für Menschenrechte ist es
manchmal erforderlich, auch zu den
Waffen zu greifen“ und Deutschland
solle eine militärisch aktivere Rolle
einnehmen, sagt unser oberster Hüter des Freiheitsgedankens. Seine
Freiheit, die er sich nimmt, bezieht
doch ein, dass nicht nur schuldige
Menschen getötet werden. Denn wie
man weiß, sind sogenannte
„Kollateralschäden“ unabdingbar.
Das heißt, nicht nur Trümmer und
Elend werden unvermeidbare Nebenschäden sein, sondern ein Heer
schuldloser Menschen wird so ganz
nebenbei sein Leben verlieren oder
es bis ans Ende seiner Tage kriegsversehrt bewältigen müssen. Er argumentiert weiter, dass in Deutschland ein „Mentalitätswechsel nötig“
sei, um Verantwortung stärkeren

Maßes zu übernehmen. Und
meint damit ganz konkret: Lasst
Waffen sprechen. Der Mentalitätswechsel bezieht sich auf die
Bevölkerung, die sich nun endlich an Waffen gewöhnen und
einsehen müsse, dass diese
auch eingesetzt werden. Wir,
das Volk, möchten bitteschön Bild: moritz rothacker / pixelio.de
nicht so friedensselig sein.
sonders gefährdet, weil dort beDieses politisch friedensunwillige
kanntlich jedes Aufbegehren mit
Streben geht konform mit der ProWaffen lahmgelegt wird. Außerduktion und dem Export von Wafdem grundsätzlich: Jede Waffe,
fen jeder Art. Im Jahr 2013 stiegen
von wem gegen wen auch immer
die Einzelausfuhrgenehmigungen
eingesetzt, stellt eine Gefahr für
von Waffen um 24% gegenüber
die Menschen dar. Sind wir uns
2012, das sind 1,14 Mrd. Euro.
der Ausmaße von Krieg und TerInsgesamt, also mit Sammelausror bewusst? Noch bewusst?
fuhrgenehmigungen, beliefen sich
Oder haben wir uns schon gedie Waffenexporte auf 8,34 Mrd.
wöhnt an die vielen militäriEuro im Jahr 2013. In 2012 betruschen Einsätze auf unserer Ergen die Exporte 8,87 Mrd. Euro.
de? Schon seit Jahren konfronDieser geringe Rückgang besagt
tieren uns die Medien mit Nachnicht viel. Besonders verwerflich
richten, Gesprächsrunden, mit
sind dabei Waffenexporte außerBildern über Kriege, Kampfeinhalb der EU und der NATO und zwar
sätze und Gewalt, das sie alles
nach Katar, Saudi-Arabien, Indoimmer wieder gebetsmühlenartig
nesien, Algerien, denen erhebliche
herunterleiern, bis, so könnte
Menschenrechtsverletzungen vorman meinen, auch der Letzte
geworfen werden. Was heißt das?
kapiert hat, dass Krieg und TerDiktatorisch geführte Völker sind
ror etwas Normales sind. Mandurch Ungerechtigkeiten und
che Mediennehmer regen sich
Machtgelüste ihrer Regierung be-

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darüber längst nicht mehr auf, andere
fühlen sich gezwungen, nicht mehr hinzuhören und hinzusehen, weil sie es
nicht ertragen. Die einen nehmen es
hin, die anderen schalten ab. Ist das
gewollt? Ganz bestimmt gewollt ist,

und ließen sich zu jeder Zeit
beeinflussen. Dieses Wissen
wird schändlichst genutzt. Und
die hohe Arbeitslosigkeit spielt
der Bundeswehr in die Hände.

junge Menschen für militärische Berufe zu begeistern. An
Universitäten und sogar in
Schulen übt die Bundeswehr
entsprechende Werbung aus.
Kinder und Jugendliche lassen

THEMA: KULTUR, KUNST UND WISSENSCHAFT
LOLA,

EIN

LIEBREIZENDER

WIRBELWIND

von Christa-Dorit Pohle
Wieder einmal planten wir einen Besuch
im Kulturforum Hellersdorf. Da wir noch
niemals enttäuscht wurden von einer
Senioren-Veranstaltung, warteten wir
mit Vorfreude auf den 25. Juni. Es war
ein regnerischer Tag, meine Freundin
hatte vorher noch einen Arzttermin, und
so waren wir etwas zeitig im Kulturforum. Natürlich haben wir Verständnis
dafür, dass wir im Vorraum warten müssen, wenn die Künstler noch im Saal
proben. Aber bei Besuchern von 70+
kann es dann leicht geschehen, dass
längeres Stillstehen schwer fällt und da
wäre es dann sehr hilfreich, wenn im
Vorraum einige Sitzgelegenheiten zur
Verfügung stehen würden.
Endlich war es dann soweit und wir

konnten im Saal Platz nehmen.
Uns erwartete eine Vorstellung
des Chansontheaters PIANLOLA. Jorge Idelsohn begrüßte
uns am Piano. Er spielte uns
vor, etwas komponieren zu wollen, zerknüllte die Notenblätter, auf denen er Notizen gemacht hatte und spielte dann
nach anfänglichem Geklimper
meisterhaft einen Tango. Dann
erschien Lola, verkleidet als
Putzfrau, bewegte sich sehr
anmutig zu den Tangoklängen
und wollte Ordnung schaffen
vor der Bühne. Der Dialog zwischen dem Meister und Lola
war herzerfrischend. Immer

Bild: Katharina Wieland Müller/pixelio.de

wieder schlüpfte Lola in eine
andere Rolle, mal verführerisch, mal streng belehrend
und dann ganz Diva. Immer
wieder erfreute sie uns mit
ihrem Gesang. Lola und Jorge
interpretieren Chansons und
Tango von Claire Waldorff bis
Homero Manzi.

THEMA: BERLINER ORTE
WEINGARTEN-INITIATIVE

BERLIN

FASST

FUß

von Ursula A. Kolbe
Eine gute Idee hat kürzlich die amtierende deutsche Weinkönigin Nadine
Poss aus ihrer angestammten Heimat im
Nahe-Weinbaugebiet, Rheinland-Pfalz,
über ein Wochenende nach Berlin gezogen. Im Rahmen der DEHOGA Weingarten-Initiative Berlin hielt sie in neu entstandenen Weingärten Hof. Seit nun
schon zehn Jahren zu einem guten
Brauch geworden. Stilgerecht in einem
60 Jahre alten Bentley fuhr sie auch in
Myer's Hotel, Metzer Straße in Prenzlauer Berg, vor. Hier im Garten des romantischen Hotels habe sie gar nicht
das Gefühl, in einer quirligen Großstadt
zu sein, sondern gemütlich in Ruhe und
Abgeschiedenheit einen guten Tropfen
Wein genießen zu können. Und vom Projektmanager des Hauses und Vorstandsvorsitzenden des Berlin PRO Prenzlauer
Berg e. V., Sascha Hilliger, war zu erfahren, dass gerade in Bezug der neuen

Kulturreihen und Kooperationen wie mit dem Weinladen
Schmidt aus der Kollwitzstraße
auch in ihrem Haus wieder stärker das Thema Wein gelebt
werden soll. Er denke an Verkostungen im Garten, thematische Ausstellungen und Weinlesungen. Myer's Hotel unterstützte 2005 auch die Initiative, am Wasserturm einen kleinen Weinberg, Weinschaugarten einzurichten.
Die Weingarten-Idee fasst in
Berlin immer mehr Fuß, entwickelt sich zunehmend als Metropole gepflegter Gastlichkeit,
bringt der Projektleiter dieser
Berlin-Initiative der DEHOGA
Reiner Jäck zum Ausdruck.
Und sie soll durchaus keine
Konkurrenz zum Biergarten-

Foto: Gero Schreier

Pendant mit seiner legendären
Berliner „Molle“ unter schattigen Bäumen sein. Eher eine
Ergänzung kultivierter Sommergastronomie in gepflegter
Umgebung. Und diese Idee
fasst in immer mehr Orten Berlins Fuß. Von Berlinern wie
Touristen gleichermaßen angenommen. Der Gedanke Berlin
und Weinbau ist gar nicht so

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abwegig. Was ein Blick in die Geschichte belegt: Schon im 12. Jahrhundert legten Mönche die ersten Weingärten an.
Im Jahre 1656 existierten bereits 70
Weinberge und 26 Weingärten zwischen
dem heutigen Weinbergsweg und der
Weinstraße – zwischen Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Diese lieferten jährlich etwa 60.000 Liter Wein.
Getrunken haben ihn natürlich die Honoratoren - die Ratsherren, die Geistlichkeit, Professoren und Doktoren, was
für sich schon Bände spricht. Fast genau so unbemerkt entwickelt sich heute
wieder eine Weinbautradition. So begann 1968 am Kreuzberg die Neubelebung des Weinbaus innerhalb der Stadt.
Heute gibt es bereits zehn Weingärten
in sechs Berliner Stadtbezirken, einschließlich dem der Ständigen Vertretung Hessens. Sehr engagiert ist der
Förderverein „Weingarten Berlin“ e. V.,
der sich seit 2003 mit dem Anbau in
Prenzlauer Berg beschäftigt. Von hier
kommt auch die Idee für die Ausstellung
zur Berliner Weingeschichte, zur Broschüre „Reben, Ranken, Riesling – Ber-

liner Weine“, entstanden mit
Unterstützung des Bezirksamtes CharlottenburgWilmersdorf.
Und es fiel noch ein Stichwort:
Gartenarbeitsschule am Sachsendamm in TempelhofSchöneberg. Vom überzeugten
Berlin-Weingarten-Verfechter
und aus Rheinland-Pfalz stammende Jäck ins Gespräch gebracht, erfuhren wir, dass diese bereits seit 1922 existiert
und gerade das Verhältnis vieler Großstadtkinder zur Natur
geprägt hat. Freilandlabor,
Tier- und Spielhof sind weitere
Begriffe, die in folgenden Jahrzehnten bis heute in diesem
Sinne wirken. Auch ein Weinberg auf dem Gelände des Freilandlabors in TempelhofSchöneberg gehört dazu. Und
noch ein Detail aus dem Nähkästchen: Die Schöneberger
Weinlese hat inzwischen längst
Tradition. Am jeweils letzten

Montag im Oktober findet die
alljährliche Lese statt. Dabei
sind auch Schöneberger Grundschüler, die am Sachsendamm
ihren Schulgartenunterricht
erhalten. Nicht zu vergessen
bei all dem der „Berliner Riesling“, ein Produkt aus dem Bezirk Pankow, genauer aus
Prenzlauer Berg. Hier gedeihen
am Südosthang des Wasserturmplatzes die wertvollen Rebstöcke. Aktiv bei allem dabei
der Förderverein „Weingärten
Berlin“ e. V.
Und wir genießen nun den bestätigten Rebengenuss im Sinne
des Weingesetzes vom 7. April
1909 von Wilhelm, von Gottes
Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preussen etc. verkündet
und damit bestätigt: „Wein ist
das durch alkoholische Gärung
aus dem Saft der frischen
Weintraube hergestellte Getränk“. In diesem Sinne – Einen Schoppen Wein bitte!

THEMA: BERLINER ORTE
KATZENLIEBHABER

UNTER

SICH

von Edelgard Richter
In Deutschland gibt es viele Katzenliebhaber. Die Statistik sagt, dass über 8
Millionen in deutschen Haushalten
schnurren; dagegen sind Hunde mit etwa 6 Millionen unterrepräsentiert. Doch
nicht jeder Katzenliebhaber kann sich
eine Katze leisten, sei es wegen beruflicher Verpflichtungen oder es mangelt
an Geld. Wer ab und zu eine Katze streicheln oder mit ihr schmusen will, der
kann es in Berlins erstem Katzen-Café
tun. Hier sind die beiden Brüder Pelle
und Caruso zu Hause. Wie Andrea Kollmorgen, die 48jährige Inhaberin des
Cafés erklärte, erhielt Caruso seinen
Namen, „weil er so schön singen kann“.
Beide Kater wurden im Juni 2013 ausgesetzt und in einem Karton im Berliner
Stadtbezirk Neukölln gefunden, wo sich
nun das einzige Katzen-Café Berlins
befindet. Die etwa ein halbes Jahr alten, grau getigerten Kater wurden von
tierlieben Menschen gefunden und zur
Katzen-Notaufnahme gebracht; von dort
holte sie die Katzenmama Kollmorgen
und verwirklichte ihre Idee von einem

Katzen-Café. Inzwischen haben
sich die beiden Kater im Café
gut eingelebt und sind putzmunter. Kommt man durch die
zusätzliche hüfthohe Schwingtür und die Ladentür herein,
kommt sofort Pelle, beschnüffelt ohne Scheu den Neuankömmling und lässt sich zur
Begrüßung streicheln. Pelle ist
zwar geringfügig kleiner als
sein Bruder Caruso, aber wie
Andrea Kollmorgen sagt, der
frechere von beiden, die sich
manchmal auch spielerisch
balgen. Alle Gäste im Raum
dürfen die Katzen streicheln,
allerdings sind füttern und am
Schwanz ziehen verboten, so
die Hausordnung, die auf jedem
der Tische liegt. Zutraulich
lassen sich die Kater das Streicheln von verschiedenen Menschen auch ohne Angst gefallen, bis es ihnen zu viel wird
und sie sich auf eines der vie-

Foto: Ina Lilie

len im Raum verteilten Ruhekissen verziehen. Damit man sie
unterscheiden kann, hat jeder
der Kater nicht nur ein kleines
Glöckchen um den Hals, sondern Pelle trägt ein rotes Halstüchlein und Caruso ein blaues.
Das liebevoll eingerichtete Café
ist, mit Schlafplätzen und mehreren Kratzbäumen, mehr auf
die Bedürfnisse der Katzen ausgerichtet als auf die der Gäste.
Die Ausstattung des Cafés ist
ganz den Katzen gewidmet.

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Katzen auf den Kissen, Katzen auf
der Fußmatte und Katzen auf Tellern
und Tassen. Auch die Katzenbilder
an den Wänden tragen zu der angenehmen Atmosphäre in dem kleinen
Café bei. Bei einer Tasse Kaffee
oder Tee zusammen mit selbstgebackenem Käsekuchen nach Omas Rezept kann sich jeder montags bis
freitags von 11 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 22 Uhr in dem Café
aufhalten und die Katzen beobachten und streicheln. Kleine selbstgemachte Gerichte runden das Angebot ab. Um die amtliche Genehmigung für die Eröffnung eines KatzenCafés musste die Inhaberin einige

Auflagen erfüllen: Pelle und Caruso mussten sich einem Wesenstest durch den Amtstierarzt unterziehen, der sie mächtig ärgerte.
Aber beide ließen sich nicht aus
der Ruhe bringen und bestanden
den Test mit Bravour. Außerdem
wurde ein Rückzugsort für die
Katzen gefordert. Nun haben sie
einen etwa fünf Quadratmeter
großen separaten Raum mit mehreren Schlafplätzen, Futternäpfen
und zwei Katzentoiletten für sich.
Hierher können sie sich zurückziehen, wenn sie von den Streicheleinheiten der Gäste genug
haben. Allerdings bevorzugen sie

die Ruhekisten im Schaufenster, wo sie das Geschehen auf
der Strasse beobachten können.
Ursprünglich kommt der Gedanke, Katzenfreunden die kleinen
Stubentiger öffentlich zugänglich zu machen, aus Japan. Das
erste Katzen-Café wurde 2012
in Wien von einer Japanerin eröffnet. Davon hörte die aus Rostock stammende Berlinerin Andrea Kollmann und verwirklichte
mit dem Katzen-Café diese Idee
als erste in Berlin.

THEMA: NATUR UND TOURISMUS
PER

PEDES

EIN

BLICK

HINTER

DIE

KULISSEN

von Ursula A. Kolbe
Schon der Einladungsort zu diesem
TourismusDialogBerlin animiert zu
einigen Zeilen, waren wir doch hier
in den Späth'schen Baumschulen,
Berlins ältestem Gewerbetrieb seit
1720, zu Besuch. Den Anlass der
Runde, Gedanken über das Thema
„Radtourismus – Modell auch für
Berlin“ auszutauschen im Hinterkopf, führte uns Thomas Hoppe
durch das Gelände, und das mit einem kurzweiligen Diskurs
auch
durch die Historie. Im Schnelldurchlauf: 1720 von Christoph
Späth vor den Toren des Halleschen
Tores in Berlin als kleine Gemüseund Blumengärtnerei gegründet, ist
über alle Generationen die Firma
zielstrebig weitergeführt und ausgebaut worden, immer die Anzucht
von Zierpflanzen und Obstbau, Erweiterung der Baumschulflächen im
Blick. Nach 1945 firmierte der Betrieb erfolgreich als VEG SaatzuchtBaumschule Berlin und nach der
Wende wurde er 1997 an die
Späth'schen Erben übertragen und
trägt seitdem den Namen
„Späth'sche Baumschulen“ in
Baumschulenweg. Das Wohnhaus
ist heute Sitz des Instituts für Biologie, AG Botanik und Arboretum
der Humboldt-Universität zu Berlin.
Im Jahre 2010 würdigte der Regierende Oberbürgermeister
Klaus

Wowereit das 290. Jubiläum des
Bestehens der Firma mit den Worten “Berlin ein ganzes Stück grüner gemacht zu haben.“ Viele Berliner würden der Kompetenz in
Sachen Garten- und Balkonpflege
vertrauen, sich gern beraten lassen und auch gern hierher kommen, weil es hier auf historischem
Gelände viel zu sehen gäbe. - Ja,
Charme, mitten in einer Großstadt. Doch nun zum Thema Radfahren in Berlin im gemütlichen
Hof-Café Späth. Und der Ort war
gar nicht so abwegig. Erzählte
mir doch Inhaberin Kirsten Böttner, dass hier oft auch Radler eine Pause einlegen. So kehren regelmäßig jedes Jahr Teilnehmer
der Mauerrad-Tour zu einem Zwischenstopp, um sich zu stärken,
ein. In diesem Jahr im Mai waren
es rund 120 Radfahrer, die Rast
machten und es sich bei einem
Imbiss schmecken ließen. Apropos Mauerfall. In diesem Jahr ist
es der 25. Jahrestag. Und seit
2006 kann auf dem 160 km langen Rundweg, in 14 Etappen eingeteilt, um die West-Berliner
Halbstadt gefahren werden.
Überhaupt ist Radfahren in Berlin
immer mehr angesagt. Zunehmend auch Touristen dabei. Sie
bringen entweder ihre eigenen

Foto: visitBerlin / Thomas Kierok

Untersätze mit oder wünschen
eine Ausleihe. Neben FahrradVerleihern stellen sich zunehmend auch Hotels diesen Wünschen sagt u.a. Ulli Weida von
den Partnerhotels von visitBerlin.
Dienstleistungen ums Rad inbegriffen. Schwerpunkt bei allem
bleibt der Ausbau des Radwegesystems zwischen den Bezirken,
wie überhaupt das Miteinander
aller Verkehrsteilnehmer zum
gegenseitigen Verständnis weiter
ausgeprägt werden muss. Ein
anregender Gedanke, dass man
sich mit Kieztouren die Stadt gut
erschließen könne. Naheliegend
war natürlich ein Blick ins benachbarte Brandenburg. Beliebtes Ausflugs- und Naherholungsziel für die Berliner und Touristen
sowieso. Logisch, dass beide
Länder an einem steten Ausbau

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der Zusammenarbeit bauen. So wird
derzeit für die nächste ITB im März
2015 ein gemeinsames Auftreten vorbereitet. Brandenburg liegt derzeit
auf Platz 2 der beliebtesten Reiseregionen Deutschlands. Hier sind z. B.
über 5.000 km und damit fast drei
Viertel des insgesamt rund 7.000 km
umfassenden touristischen Radfernwegenetzes vom ADFC Brandenburg
anhand von Kriterien wie Routenführung, Sicherheit, Wegweisung und
touristische Infrastruktur geprüft und
zertifiziert worden. Sehr beliebt sind
der Elberadweg und der Oder-Neiße-

Radweg. Insgesamt gibt es 28
Radfernwege und mehr als 20
regionale Touren (s.a. Broschüre
„Die schönsten Radpartien in
Brandenburg“ unter www.radelnin-brandenburg.de) Und gut zu
wissen: Derzeit sind 440 Gastgeber als Bett & Bike-Betriebe im
Brandenburgischen registriert.
Wer sich deutschlandweit kundig machen will – der FahrradTourismus wird schließlich ein
zunehmender Wirtschaftsfaktor
und mit dem Nationalen Radverkehrsplan 2020 will die Bundes-

regierung den Radtourismus
weiter voranbringen – erhält
die Broschüre „Deutschland
per Rad entdecken“ kostenlos
in den ADFC-Geschäftsstellen
und bei Fahrradhändlern; Infos
unter www.adfc.de

THEMA: NATUR UND TOURISMUS
TIERPARKBESUCH
von Christa-Dorit Pohle
Seit meinem letzten Tierparkbesuch
hat sich ja einiges verändert. Es war
herrliches Wetter, als meine Freundin
und ich zu einem Rundgang durch den
Park starteten. Wir trafen nur wenige
Besucher, es war an einem Montag,
also konnten wir in aller Ruhe die Tiere beobachten und die Parkidylle auf
uns einwirken lassen. Die Eisbären
lagen völlig entspannt auf den Felsen
in der Sonne und die Braunbären hatten sich im Schatten versteckt. Eine
Gruppe von kleinen Kindern war mit
zwei Betreuerinnen unterwegs. Kinder lieben Bewegung und freuen sich
natürlich, wenn auch die Tiere in Bewegung sind. Die Kleinen waren sehr
diszipliniert und stellten viele Fragen. "Warum liegen die Eisbären bewegungslos in der Sonne, wo sie doch
die Kälte lieben und sich im Wasser
tummeln könnten?" Antwort der
Betreuerin: "Wenn die Eisbären hier
bei uns leben, verhalten sie sich
schon etwas anders." Weiter ging der
Spaziergang zum Brehm-Haus. Die
Tropenhalle erstrahlt in neuem Glanz.
Nach dem Umbau können die Besucher nun auch von oben anschauen,
was unter ihnen wächst und flattert.
Ein Fahrstuhl bringt sie nach oben,
von einem Wandelgang aus kann alles
beobachtet werden. Der Besucher
befindet sich dann in Augenhöhe mit
den Flughunden und hat Zugang zu
der Außenterrasse und einen schönen
Ausblick über die Außenanlagen. Es

wird noch einige Zeit dauern,
bis die Pflanzen in der Tropenhalle nachgewachsen sind. Dafür kann man jetzt die Krontauben (die größten Tauben, die es
gibt) gut beobachten. Wenn der
Pflanzenwuchs wieder dichter
ist, sieht man diese kaum. Für
alle Besucher, die nicht mehr so
gut zu Fuß sind, gibt es die
Möglichkeit, mit der Parkbahn
zu fahren, an den verschiedenen
Haltepunkten auszusteigen und
zu einem späteren Zeitpunkt mit
dem vorgezeigten Fahrschein
wieder einzusteigen. Dadurch
bekommt man dann ohne Anstrengung viel mehr vom Park zu
sehen. Natürlich ist es für den
Fahrer der Parkbahn nicht immer leicht, auf nicht so breiten
Wegen die Kurve zu kriegen.
Dabei wird der Fahrgast dann
etwas durchgerüttelt. Der Fahrer sagt während der Fahrt an,
welche Anlagen gerade zu sehen
sind. Auf der Höhe ist auch ein
Haltepunkt, dort stiegen wir aus
und konnten in aller Ruhe Gemsen, Blauschafe, Goldfakine,
Elche, Graureiher und Seeadler
beobachten. Unsere Kaffeepause hatten wir in der Cafeteria,
dort konnten wir dann wieder
ins Bähnle steigen und bis zum
Haltepunkt Schloss fahren.

Foto: Andreas Köckeritz / pixelio.de

Seite 8

THEMA: NATUR UND TOURISMUS
IM FISCHLEINTAL MIT FILZ UND
KÄSEHAPPEN MUNTER LOS AUF SCHUSTERS
RAPPEN
von Ursula A. Kolbe
Es ist immer wieder aufregend, neue
Gegenden kennenzulernen. Diesmal
ging es in die Dolomiten, das UNESCOWeltnaturerbe in Südtirol. Benannt
nach dem französischen Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden
Dèodat de Dolomien. Erwähnen möchte ich hier auch den unbestrittenen
Vordenker der zeitgenössischen Bergsteigerszene Reinhold Messner, der
bei den Dolomiten
von den
„schönsten Bergen der Welt“ spricht.
Er muss es wissen, ist er doch in der
Region zwischen den Drei Zinnen und
Geisterspitzen, zwischen Peitlerkofel
und Marmolada aufgewachsen und zu
dem geworden, was er heute ist.
Darüber und mehr liest sich übrigens
spannend in seinem Buch „Die
schönsten Berge der Welt“; mit exzellenten Luftaufnahmen des Südtiroler
Fotografen Jakob Tappeimer. Eine gelungene Symbiose. Wir haben im Sport
& Kurhotel in Bad Moos, gelegen in
Sexten, im Ort der Drei Zinnen, Quartier genommen. Wunderschön im Herzen des Naturparks Sextner Dolomiten
gelegen. Mindestens seit 1650 sind
die hiesigen Badequellen bekannt.
Anfang des 20. Jahrhunderts dann
wurden die ersten Bade-und Trinkkuren aus drei verschiedenen Quellen im
Ort angeboten. Davon ist heute nur
noch die als Mineralwasserquelle anerkannte Mineralquelle bekannt.
Dr. Erwin Lanziger, der Hotel-Besitzer,
auch Vorsitzender des Sexter Tourismusvereins, hatte die „sprudelnde“
Idee, mit der Schwefelwasserquelle
das traditionsreiche „Bauernbadl“
wieder aufleben zu lassen, indem er
die am Fuße der Rotwand entspringende Quelle in einer hölzernen Brunnenstube fasste. Die gewünschten
Effekte: Das fluorid-, sulfat-, calciumund magnesiumhaltige Wasser kurbelt
das Herz-Kreislaufsystem an, lindert
rheumatische sowie chronische Entzündungen, Allergien und Erschöpfungszustände. Wirkt sich ebenso positiv auf Haut, Haare, Stoffwechsel,
Immunsystem und Hormonhaushalt

aus. Und nicht zuletzt bietet das
2.000 qm große Wellness- und
Gesundheitszentrum SPA Bad
Moos viel Raum zum Relaxen.
Und dann dieser Blick: Rotwandspitze und Dreischusterspitze
schauen auf das Hotel am Eingang des wildromantischen
Fischleintales. Dahinter erheben
sich auch gleich die berühmten
Drei Zinnen. Und direkt neben
dem Hotel startet die Seilbahn
hinauf in Richtung Rotwandwiese. Überhaupt lädt die Region
das ganze Jahr über zum Erholen, zum Entspannen ein. So
lockt im Sommer das einmalige
Wander- und Klettergebiet. In
der kalten Jahreszeit warten
zwei Skigebiete auf der Rotwandwiese und dem Helm mit
Loipen, Rodelbahnen und geräumten Winterwanderwegen auf
bewegungshungrige Gäste. Und
natürlich ist jederzeit das Rentiergehege auf der Rotwandwiese beliebter Anziehungspunkt.
Zwischen hoch aufragenden Felsen wandern
Unser Blick aber richtete sich
zuerst auf das Fischleintal, auf
gemütliches, entspannendes
Wandern zur Talschlusshütte am
Ende des Tales, wie der Name
schon sagt. Ich bin begeistert.
Ganz klein komme ich mir zwischen dem massiven Gestein
und ihren steil aufragenden Felsen vor. Mir erschlossen sich
neue schöne Eindrücke, gerade
für solche Laien, für
„Flachlandtiroler“ wie mich besonders nachhaltig. Was erst
mögen Bergsteiger bei ihren Aufstiegen empfinden! Mir fallen
die Worte des italienischen
Bergsteigers und Emilio Comici
mit stolzen 100 Erstbegehungen
ein, der das so beschrieb:“…
Mag einer einwenden, dass es
keiner Kunst bedarf, um auf ei-

Foto: Hans-Jürgen Kolbe

nen Felsen zu steigen, nur etwas
Mutes. Nein! Zu wissen, wie man
den logischsten und elegantesten Weg entwirft, um einen Gipfel zu erreichen, das ist ein wirkliches und manchmal wunderbares Kunstwerk, Geist und Ästhetik, eingemeißelt in die Felsmauer, solange die Berge stehen.“ Die Chronisten vermerken
in der Alpinisten-Geschichte,
dass vor 200 Jahren die berühmtesten Bergsteiger Europas gerade hier zur Erschließung der
Dolomiten aufbrachen.
In solche Gedanken versunken,
fast nur beiläufig auf Flora und
Fauna achtend erreichten wir
wohl mehr gemächlich nach rund
einer Stunde die anvisierte
Talschlusshütte am Fuße des
Einserkofel. Drinnen wie draußen lässt’s sich gut sitzen, bei
den Südtiroler Gaumenfreuden
und Schmankerl muss man einfach zugreifen. Übernachtung in
gemütlichem Umfeld inbegriffen. Überrascht hat mich schon
der eigene kleine Kräutergarten
für die Küche. Ich habe mehr als
13 verschiedene Gewürze gezählt. Muss aber gestehen, ich
kannte sie nicht alle.
Auf zum „Sommermilchtraum“
Hinter diesem fast schon poetischen Namen verbirgt sich ein
kleines kulinarisches Dorffest
in Sexten. Von hiesigen, engagierten Bäuerinnen ins Leben
gerufen, entwickelt es sich langsam zu einer Tradition, die wachsenden Zuspruch von den Ansässigen wie Touristen erfährt, erzählt
uns Marika Tschurtschenthaler, die Chefin der Sextener Ortsgruppe der Südtiroler

Seite 9
Bäuerinnenorganisation. Sie und ihre
Familien, Jung und alt, organisierten
alles für Speis' und Trank. Ob Hofkäserei Unteroltl, die alteingesessene Hofkäserei Sexten, Pizzeria Erich oder die
„Sexter Plattlgietschn“ für die musikalische Umrahmung, alle waren mit Freude dabei. Und es schmeckte sichtlich.
Deftiges wie Süßes, von Käsehäppchen
bis zum typischen, traditionellen Milchmus mit Zucker, Zimt und brauner Butter, verlockend natürlich der selbstgebackene Kuchen. Mich faszinierte bei
Anna Fuchs und Luise Treyer besonders
der rund 80 Jahre alte Herd, noch heute
fast auf jedem Berghof zu finden. Auch
die riesige Pfanne, Durchmesser schätzungsweise 80 cm, zog die Blicke auf
sich. Die Beiden kamen beim Zubereiten
des Milchmus natürlich arg ins Schwitzen. Das beste Lob waren die anerkennenden Worte für den Schmaus. Über
die Käserei Sexten erfuhren wir, dass
diese Genossenschaft im Jahre 1926
gegründet wurde. Die gemeinsame Verarbeitung und Vermarktung der vorwiegend an den Hängen von Sexten produzierten Milch soll ein immer besseres
Einkommen der Bauern sichern, aber
auch heute noch ein Abwandern von den
Berghöfen verhindern. Einen kleinen

Einblick in solch einen kleinstrukturierten Hof gewannen
wir in der abgelegenen Hofkäserei Unteroltl. Andreas und
Sonja Villgrater haben im Ziegenkäse ihre Nische gefunden. Andreas ist für Stall und
Hof zuständig, Sonja verarbeitet die Milch der 33 Tiere der
Rasse Deutsche Bunte Edelziege in fünf, sechs Ziegenkäsen. Das Angebot im eigenen
Hofladen wird gut nachgefragt, auch Hotels und Gaststätten sind Abnehmer, auf
Märkten sowieso. Von der
Qualität zeugen viele Urkunden. Und auch jetzt beim
„Sommermilchtraum“ gingen
ihre Käseteller weg wie warme
Semmeln, wie der Berliner
salopp sagt.
Jahrhundertealte HutmacherTradition
In solch einem Südtiroler Original-Handwerk reinzuschnuppern, ließen wir uns nicht
zweimal sagen. Bei ZACHER in
Innichen wurden wir von Christina Haunold freundlich emp-

fangen. Von ihr erfahren wir die
Geschichte ihrer handgemachten Filzprodukte
einer alten
Südtiroler Handwerkskunst, die
seit 1560 in ihrem Familienbetrieb von Generation zu Generation weiter getragen wird. Nach
alter Tradition wird hier echte
Schurwolle mit Hilfe von Wasser,
Dampf und Druck zu echtem
Haunold-Walkfilz verfestigt. Wie
ein Hut werden auch die Pantoffeln von Hand auf einen Leisten
gezogen und geformt. Zu festem
Flies verdichtet man die Wollfliese in der historischen Hammerwalke, die schon seit 1901 unermüdlich im Dienst ist. Gelebtes
Handwerk im Pustertal. Gut
sichtbar im Geschäft das breite
Angebot. Damen-, Herren-, Kinderhüte für jeden Geschmack,
große und kleine Assessoires für
behagliches, gesundes Wohlgefühl.
All das konnten wir in Südtirol
verinnerlichen und haben uns
damit, die Berge vor uns und
dann im Rücken, auf den Heimweg gen Berlin begeben.

THEMA: NATUR UND TOURISMUS
DER HARZ – EINE
ERLEBNISWELT!

EINZIGARTIGE

von Ursula A. Kolbe
Von Theodor Fontane heißt es, dass er
in den Harz kam, nach Thale, um als gestresster Großstädter seine Nerven zu
kurieren. Aber er hat der Nachwelt auch
Romane und Novellen hinterlassen, die
hier ihren Ursprung haben, die auch wir
heute gern lesen. Nicht umsonst wird
der Harz als Sagenharz bezeichnet.
Wohl kein deutsches Mittelgebirge ist
so mythenumwoben. So wird das Bodetal von Goethe als gewaltigstes Felsental der nördlichen Alpen beschrieben
und im Volksmund als der „Grand Canyon“ des Harzes bezeichnet. Heinrich
Heine hat in seiner „Harzreise“ der Region ein Denkmal gesetzt. Unvergesslich die Eindrücke in der Glaskabinenbahn, die übers Bodetal hinauf zum Hexentanzplatz schwebt. Der Blick auf die
wild schäumende Bode, über die Wipfel
des Waldes – einmalig schön. Solche

Eindrücke konnten uns die Klassiker natürlich noch nicht hinterlassen. Also hinauf zum Kultplatz Hexentanzplatz, natürlich
Teil der Seilbahnen Thale Erlebniswelt. Hexe „Gondolina“ begrüßte uns standesgemäß und
so überzeugend, dass man sich
wahrhaftig in eine Märchenwelt
versetzt fühlt. Goethe-Zitate
sprudeln nur so aus ihr heraus.
Kein Wunder, hat Goethe doch
den Höhepunkt seines weltbekannten Dramas „Faust“ auf
den sagenumwobenen Brocken
verlegt, auf den man bei klarem
Wetter direkt hinauf schauen
kann. Und da wir gerade in den
letzten April-Tagen diese HarzVisite machten, war natürlich
die jedes Jahr aufs Neue aktuel-

Foto: Touristeninformation Thale

le Walpurgisnacht allerorts in
aller Munde. Denn in der Nacht
zum 1. Mai wimmelt es in den
Wäldern um Thale nur so von
Hexen und Teufeln, sind die
Vorgärten damit ausstaffiert,
wird allerlei „Hexenwasser“ an
den Mann gebracht. Ein Blick
in die Geschichte der katholischen Inquisition allerdings
zeigt aber auch das grauenvolle
Kehrbild. Ungezählte Frauen –
zu Hexen erklärt - mussten damals in der Feuersbrunst einen
qualvollen Tod erleiden.

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In der Harzköhlerei mitten im Harzer
Wald
Ein Erlebnis ganz anderer Art hatten
wir in der Harzköhlerei Stemberghaus
mitten im Harzer Wald. In diesem ersten und einzigen Köhler-Museum
Deutschlands verbinden sich Tradition, Handwerk und Geselligkeit zu einem guten Dreiklang. Eindrucksvoll
wird hier das typische Leben und die
harte Arbeit, ihre mühevolle Handarbeit gezeigt. Immerhin werden 50 Tonnen Holz im Jahr verkohlt . Ein anschauliches Beispiel: 30 Raummeter
Holz erzeugen 2.500 kg Holzkohle.
Über die Jahrhunderte hinweg war das
aber auch gnadenloser Raubbau an
den Wäldern. Denn schon in der späteren Eisenzeit um etwa 800 v. Chr.
wurde mit Holzkohle Erz geschmolzen.
Zur Eisenverhüttung, Glasherstellung
und Verarbeitung von Edelmetallen
unabdingbar. Erst ab dem 18. Jahrhundert ging mit verstärkter Nutzung
der Steinkohle die Köhlerei zurück.
Verkürzt gesagt: Ohne die Holzkohle
hätte es weder eine Eisen-, noch die
Bronzezeit gegeben. Und eine Zivilisation, die sich damals mit Schwertern verteidigt, ein Münzsystem entwickelt oder mit Messer und Gabeln gegessen hätte, schon gar nicht.
Fazit: Ohne Kohle kein Fortschritt.
Jetzt macht das schwarze Gold Erdöl
dem Fortschritt die vorderen Ränge
streitig. Und Holzkohle ist heute nur
noch beim individuellen Grillen gefragt, wird in der Regel jedoch industriell hergestellt. Und wer die flüssige
Holzkohle nicht kennt, kann sie hier
im Stemberghaus genießen, den
50prozentigen Kräuterschnaps nämlich. In der gemütlichen Köhlerhütte
oder rustikalen Biergarten im Freien
und mit einem schmackhaften Köhlertopf (Erbseneintopf) z. B. oder zum
Mitnehmen aus dem Köhlerladen und
weiteren Souvenirs etwa. Freuen können Sie sich auf die Köhlerweihnacht
jeweils an den Advent-Wochenenden,
das Oldtimertreffen zum 1. Mai oder
das Köhlerfest jährlich am 1. AugustWochenende.
Lichtinstallation im „Großen Dom“
tief unter der Erde
Die Schauhöhle Heimkehle bei Uftringen, eine der größten von etwa 200
bekannten Höhlen der Südharzer

Karstlandschaft, ist eine Geschichte ganz anderer Art. Zu
einer Führung, und das just zum
60. Jahrestag der Wiedereröffnung, ging es naturgemäß unter
die Erde.
Über hunderttausende von Jahren haben die Wasser von Thyra,
Krebsbach und Krummschlacht
eine der eindrucksvollsten, bizarrsten Stätten geschaffen.
Beeindruckend der „Große Dom“
insbesondere mit einer Lichtinstallation, das große Portal des
Natureingangs und der unterirdische Thyra-See.
Bergbau, Geologie, die Höhlen
überhaupt werden gegenständlich. Ende der 90er wurde der
Kupfererzbergbau eingestellt.
Ist übrigens heute auch beliebtes Überwinterungsquartier für
Fledermäuse.
Die dunkelste Seite dieser Höhlengeschichte jedoch haben die
Nazis ab 1944 hier geschrieben.
Unterirdisch mussten 1.500
Häftlinge unter unmenschlichsten Bedingungen Fahrgestellteile für das Kriegsflugzeug JU 88
produzieren und im KZAußenlager am Ortsrand von
Rottleberode vegetieren. Am 4.
April 1945 wurden sie einfach
auf Todesmärsche geschickt.
Ein Denkmal im „Kleinen Dom“
und das Museum im Außenbereich dokumentieren diese Zeit
und erinnern die nachkommenden Generationen an die Opfer
der Gewaltherrschaft. Der 60.
Jahrestag der Wiedereröffnung
der Höhle brachte auch die vielen Helfer ins Gedächtnis zurück, die vor 60 Jahren am 25.
April 1954 die Eröffnung ermöglicht haben.
Unbeschwert mit dem HATIXTicket unterwegs
Und wie ich schon im ersten
Harz-Beitrag in der letzten
“Spätlese“-Ausgabe geschrieben habe, konnten wir mit dem
HATIX-Ticket im Landkreis Harz
und auf ausgewählten Linien im
Landkreis Mansfeld-Südharz zu
den einzelnen Sehenswürdigkeiten fahren. Das erhält jeder Ur-

lauber direkt vor Ort von seinem
Gastgeber und ist über die Zeit
seines Aufenthaltes kostenlos
gültig.
Seit 2009 gibt es dieses attraktive Angebot, und auch hier im
Harz motiviert es viele Autofahrer zum Umsteigen, sagen die
Insider. Die Buslinie 18 z. B. von
Thale nach Friedrichsbrunn mit
Haltestelle Hexentanzplatz erlebt seitdem einen ungeahnten
Zuspruch.
Auch das ein Ausdruck fruchtbringender Zusammenarbeit zwischen Nationalparkverwaltung,
Verkehrsbetrieben, Regionalverbänden, der DB mit seinem Angebot „Fahrtziel Natur“. Und
wie versichert wurde, wird an
einem Ausbau auf die gesamte
Harzregion zielstrebig gearbeitet.
(Mehr unter www.fahrtzielnatur.de/harz; www.hatix.info).
Sehr informativ außerdem die
vom Harzer Tourismusverband
herausgegebene Broschüre
„HarzCard 2014 / Ein Ticket –
über 100 Erlebnisse“.
Um noch mal auf Goethe und
seinen „Faust“ zurückzukommen
mit seinem schon legendären
Ausspruch: „Hier bin ich
Mensch, hier darf ich's sein!“
Mit den vielen Sehenswürdigkeiten,
herrlichen Wäldern und
nicht zuletzt auch auf der Grundlage eines der letzten DDRMinisterratsbeschlüsse zur Bildung von Nationalparks am 1.
Oktober 1990, also zwei Tage vor
der deutschen Wiedervereinigung, kann im Harz die Natur
auch Natur sein.
Und wie formulierte doch der
gebürtige, mit Leib und Seele in
der Region verwurzelte Dr.
Friedhart Knolle, zuständig für
Presse, Marketing, und Regionalentwicklung im Nationalpark
Harz, dass der ein Stück Natur
sei, in dem sich die Natur selbst
regele.
Beflügelt von seiner Vision eines
Urwaldes von morgen. Weil ihm
„sein“ Nationalpark Harz so am
Herzen liegt.

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THEMA: GESUNDHEIT
KEINE

ANGST

VOR

OPERATIONEN

von Edelgard Richter
Operationen sind in jedem Alter möglich, auch in höherem Alter, wenn sie
denn erforderlich sind. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass Herz, Lunge und Nieren zufriedenstellend arbeiten. In vielen Fällen handelt es sich um
das Einsetzen einer Endoprothese, was
meist auf eine natürliche Abnutzung
des Hüft- oder Kniegelenks im Laufe
eines langen Lebens zurückzuführen
ist. Wenn der Patient sich nur noch
unter erheblichen Schmerzen fortbewegen kann, ist eine Operation unumgänglich. Oftmals erleiden ältere Menschen nach einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch, der in vielen Fällen ebenfalls eine Operation erforderlich macht. Inzwischen können auch
Hüft-Endoprothesen mittels einer
schonenden Operation eingesetzt werden, bei der die Muskeln nicht durchtrennt, sondern beiseitegeschoben
werden, so dass der Patient nach der
OP weniger Schmerzeh hat, deutlich

kürzer in der Klinik verbleiben muss und schneller wieder ohne Schmerzen laufen
kann. Auch nach dem Einsetzen einer Kniegelenksprothese können viele bereits nach einer Woche
schmerzfrei und ohne Armstützen gehen. Nach zirka
zwei bis drei Monaten ist
Sport wieder möglich. Empfohlen werden Spazierengehen,
Radfahren und Schwimmen, um
die Gelenke nicht zu belasten.
Ein künstliches Kniegelenk hält
meistens zehn bis fünfzehn Jahre; eine Hüftgelenksendoprothese bis zu 20 Jahren.
Zu erwähnen sind noch Gallenblasen- oder Blinddarmoperationen, die heutzutage mit einem
schonenden minimal-invasiven
Eingriff, der sogenannten
Schlüsselloch- oder Knopfloch-

Bild: Martin Büdenbender / pixelio.de

chirurgie, entfernt werden. Ein
längerer Verbleib im Krankenhaus ist nicht erforderlich und
durch die kleinen Öffnungen in
der Bauchdecke wird die Dauer
der Heilung deutlich verkürzt.
Auch Bypass-Operationen, durch
die verengte Herzkranzgefäße
entlastet werden und die Sauerstoffversorgung des Herzens wieder hergestellt wird, können minimal-invasiv behandelt werden.

THEMA: GESUNDHEIT
KÄLTEKAMMER
von Gabriele Lutzke
Ich mag lieber Wärme als Kälte. So geht
es wohl den meisten Menschen, besonders Frauen. Als ich 2008 in Blankenburg im Harz zur Kur war, sollte sich das
ändern. Bei der Aufnahme fragte mich
die Ärztin, was ich mir denn an Therapien vorstellen könne. Ich sagte ihr, ich
würde gern Wassergymnastik, Massagen und vielleicht Moorbäder erhalten.
Die Therapien waren noch viel umfangreicher. An manchen Tagen hatte ich 7
Termine. Ich musste aufpassen, wenn
ich zwischen den Anwendungen mal auf
dem Bett lag, dass ich nicht gleich einschlief. Aber die Moorbäder vertrug ich
gar nicht. Ich hatte Platzangst in dieser
sehr warmen Schlammwanne. Nach dem
Duschen war mir schwindlig. Daraufhin
sprach ich noch einmal bei der Ärztin
vor. Diesmal riet sie mir, es doch einmal
mit der Kältekammer zu probieren. Die
meisten Patienten fänden diese besonders angenehm. Das konnte ich mir zwar
nicht vorstellen, aber probieren wollte

ich es. Die Kältekammer
sah aus wie ein riesiger
Kühlschrank. Es gab einen
Vorraum, in dem herrschten
–60°. In der Kältekammer
waren es dann –120°. Im
Badeanzug, mit Turnschuhen, Stirnband, Mundschutz und Handschuhen
ging es zu zweit oder zu
dritt in die Kammer. Innen
sollten wir uns 2 Minuten bewegen. Während des Aufenthaltes in der Kammer beobachtete uns eine Schwester durch
ein Fenster und sagte uns alle
30 Sekunden die Zeit durch.
Im Gesicht und in den Oberschenkeln spürte ich die Kälte
besonders beißend. Als die
Schwester sagte: “Noch 30
Sekunden!“, merkte ich erst
wie lang 2 Minuten sein können. In den letzten Sekunden

Bild: icelab@zimmer.de / pixelio.de

habe ich nur noch gedacht:
„Gleich geschafft, nur raus hier,
ist das eisig...“ Nach dem Anziehen habe ich mich wie neu geboren gefühlt. Die Schmerzen waren für mehrere Stunden wie
weggeblasen. So freute ich mich
jeden Tag auf die Kältekammer
oder besser gesagt auf die wohligen Momente danach.

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THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
MIT DEN URENKELKINDERN
WATTENMEER

IM

von Rudolf Winterfeldt
Schrille, durchdringende Vogelschreie
weckten mich. Noch etwas verschlafen schaute ich auf die Uhr. Sie zeigte
05:45 an und die ersten Sonnenstrahlen machten sich bemerkbar. An ein
Weiterschlafen bei geöffnetem Fenster schien aussichtslos. Der Lärm war
durchdringend und schmerzte fast in
den Ohren. Es waren Küstenseeschwalben, die diesen Lärm verursachten. Also Fenster schließen und
dann war es wieder ruhig und ich
schlief wieder ein. So hatte ich mir
allerdings den Urlaub an der Nordsee
nicht vorgestellt. Aber ich wollte nicht
voreilig urteilen. Unsere beiden Söhne
mit ihren Frauen hatten mit ihren Enkelkindern (Stella 8 Jahre und Domenik 7 Jahre) in diesem Jahr die Ferien
an der Nordsee geplant. Die Einladung
unseres jüngsten Sohnes, an diesem
Urlaub teilzunehmen, machte uns
glücklich. Hatten wir doch so die Möglichkeit, ein paar Tage mit unseren
Urenkeln zu verbringen. Zwischen St.
Peter-Ording und Büsum belegten wir
ein Ferienhaus mit drei Schlafzimmern. Der Anreisetag endete mit einer
Erkundung der näheren Umgebung.
Das Ferienhaus lag unmittelbar am

Deich und so war unser erster Gang zur See. Leider war
gerade ebbe und so war nur
das weite Wattenmeer zu
sehen. Dafür aber ein herrlicher Sonnenuntergang zu
beobachten. Nach dem
Abendbrot in der nahe gelegenen „Deichkate“ bereiteten
wir uns auf das Weltmeisterschaftsfinale am nächsten Tag
vor. In der Deichkate konnte
man jeden Morgen frische Brötchen kaufen. Ich übernahm diese Aufgabe und so lagen jeden
Früh die frischen Brötchen auf
dem Tisch. Unser ältester Sohn
hatte eine Ferienwohnung in Büsum gemietet und besuchte uns
im Ferienhaus. Die Freude bei
den Enkelkindern war groß als
sie sich dort trafen. Sie haben
sich wirklich gern und spielen
wunderbar miteinander. Das
Schönste allerdings war eine
Wattwanderung mit intensiver
Schlammschlacht. Wie sahen die
Kinder bloß aus. Auch die Großväter hatten dabei allerhand abbekommen. Da musste der Gar-

Foto: Rudolf Winterfeldt

tenschlauch, her um sie wieder
zu Menschen zu machen.
Eine Dampferfahrt zu den Seehundbänken und die Besichtigung des Eidersperrwerks war ein
weiterer Höhepunkt. Danach gab
einen Fischimbiss, der allen geschmeckt hat. Der letzte Tag des
Urlaubs näherte sich, leider. Wir
besuchten den Naturerlebnispark
in St. Peter-Ording. Das Robbarium war der Magnet für uns. Die
Seehundvorführung war besonders für unsere Urenkel interessant. Wie die Tiere gehorchten
und wie sie sich bewegten, dass
hatten sie noch nicht gesehen.
Die vielen anderen Tiere, der
Streichelzoo und eine kleine
Cartbahn machten den Besuch zu
einem würdigen Abschluss der
Ferien am Wattenmeer.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
OMA

KRÜGER

von Waltraud Käß

Foto: med2help / pixelio.de

Wie eine Drohkulisse steht vor
der Niederlausitz die weitere
Erschließung eines Braunkohletagebaues - Welzow Süd
II. Die Dörfer Proschim und Lindenfeld sowie ein Wohngebiet
der Stadt Welzow sollen abgebaggert werden. Mehr als 800
Einwohner verlieren dadurch
ihre Heimat. Es sind nicht die
ersten Gemeinden, ich denke
nur an das Dorf Horno, um das
es vor Jahren einen langen
Kampf gab, der dennoch verloren wurde. Das Geschehen um
dieses Dorf bildete die Grundlage für meine Kurzgeschichte.

An Aktualität hat sie auch heute
nicht verloren. "Das wird ein
schöner Tag heute", denkt sie,
als sie aus dem Fenster schaut.
Die Sonne liegt warm auf dem
Hof. In der Ecke des Vorgartens
stehen die Malven in voller Blüte,
sie hat die Farben beim Einpflanzen gemischt. Das ist ihr ganzer
Stolz. Sie wird eine rote Malve
schneiden, die wird sie mit ins
Haus nehmen. Hinter den Zaun
geht sie nicht mehr. Es ist niemand mehr in diesem Dorf, mit
dem sie reden könnte. " Ich muss
die Hühner raus lassen", überlegt sie, als sie das Kikeriki des

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Hahnes aus dem Stall hört. Dann läuft
sie nach draußen, streut die Körner und
sorgt dafür, dass sie bis morgen genug
Futter und Wasser haben werden. Körperlich spürt sie die Stille des Geisterdorfes. "Miez, Miez", ruf sie, und erschrickt vor dem Klang ihrer Stimme.
Minka kommt angemaunzt und streicht
um ihre Beine. "Komm her", sagt sie.
"Wo warst du denn die ganze Nacht?
Hast du viele Mäuse gefangen? Hier ist
eine große Schüssel mit Milch. Lass es
dir schmecken." Plötzlich wird die morgendliche Ruhe von einem Rasseln und
Klirren zerrissen. Sie weiß, dass es die
Bagger sind. Die Gefahr kommt näher,
sie spürt es mit jedem neuen Tag.
"Lange habe ich gekämpft", denkt sie.
"Mit den Anderen. Wir haben Demonstrationen gemacht, wir haben Petitionen
geschrieben. Wir haben Anklage erhoben. Wir waren hartnäckig. Nun bin ich
die Letzte. Der Hof gehört mir nicht
mehr. Das Landesbergamt hat mich enteignet. Alles nur wegen der Kohle, die
unter unseren Häusern liegt. Unser gan-

zes Dorf verschwindet von der
Landkarte." Sie kann sich noch
gut an die Verlockungen erinnern. "Sie bekommen ein neues
Haus. Mit Fußbodenheizung.
Zentrales Kalt- und Warmwasser." "Aber es wäre nicht mein
Haus. Es hätte nicht meine Erinnerungen", denkt sie. Die Nachbarn haben aufgegeben. Sie
nicht. Sie hat ihre Entscheidung
getroffen. Langsam geht sie hinein. Hier in diesem Haus ist sie
geboren. Hier hat sie mit ihrem
Mann glückliche Jahre verbracht.
Dann besuchte sie ihn hin und
wieder auf dem Friedhof. Gestern
musste sie ihre Besuche beenden. Sie hat keinen Ort der Trauer mehr. Man hat ihn in das neue
Dorf umgebettet. "Hoffentlich
gießt jemand die Blumen auf seinem Grab", denkt sie, und dann
noch "unsere drei Kinder sind
hier geboren. Jetzt sind sie aus
dem Haus. Einer der Jungs lebt

sogar in England, hat dort endlich
eine Arbeit gefunden. Lisa wohnt
in Berlin, hat gestern wieder angerufen und gesagt: Mama sei
doch nicht so stur. Mach es Dir
doch nicht so schwer." Ja, die
Kinder. Sie verstehen nichts. Sie
weiß, sie meinen es gut, und
doch, sie müssen ihre Entscheidung akzeptieren. Sie hat es ihnen erklärt. Sie steckt ihre noch
vollen, schneeweißen Haare zu
einem Knoten zusammen und
denkt dabei "Mich kriegt ihr
nicht. Mich nicht." Sie schaut
sich um. Alles ist blitzblank. Der
Brief liegt auf dem Küchentisch.
Gestern hat sie nochmal die Betten bezogen. Alles soll frisch
sein. Sie öffnet den Kleiderschrank. "Das Schwarze mit dem
weißen Spitzenkragen, das könnte passen", denkt sie.
Dann legt sie die Malve auf ihr
Kopfkissen. Sie lächelt, als sie
nach den Tabletten greift.

THEMA: KURZGESCHICHTEN, GEDICHTE
STURMWARNUNG
von Hannelore Dehl

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Er bekommt immer Kopfschmerzen,
wenn sich Hoch und Tief aneinander
reiben. Dann wird es ein schlechter Tag.
Dann würde er sich am liebsten verkriechen. Doch jetzt ist er für drei Tage verreist, lässt es sich gut gehen, muss sich
um nichts kümmern. Das hat er schon
lange nicht gemacht. Heute Morgen
beim Frühstück hat er im Radio die
Sturmwarnung gehört. Na ja, wer weiß,
wo es wirklich brenzlig wird, dachte er
beim Kauen. So eine richtige Katastrophe hatte er noch nie erlebt. Gott sei
Dank! Und wird das Gefühl nicht los,
dass diese Nachrichten nur eine Absi-

cherung der Versicherungen sind.
Damit die nicht zahlen müssen.
Diese Betrüger! Die immer nur
Geld wollen. Und wenn etwas
passiert, erfinden die tausend
Ausreden, um mit Paragraphen
und Rechtsanwälten kein Geld
rüber rücken zu müssen. Halsabschneider! Vor vier Wochen war
einer von denen bei ihm. Er wollte
den Lackaffen erst gar nicht rein
lassen. Aber na ja, anhören ist ja
noch nicht unterschrieben. Hat
der ihn belegt. Schlimmer als das
Geschwafel der Politiker. Nur
Blasen, bla, bla, bla- blass ist
der geworden, als er ihn rausgeschmissen hat. Zum Schluss wurde der sogar noch frech. Na, da
war der bei ihm ja richtig. Die Tür
hat er zugeknallt, so sauer war
er. Musste sich erst einmal zur
Beruhigung ein Entspannungsbad
einlassen. Anders kommt er nicht
runter. Dieses leise Plätschern in
der Wanne bringt seinen Puls
wieder auf Normal. Und wenn der
warme Dampf wie kleine Nebel-

schwaden vor seinen Augen aufsteigt, er verzückt mit den
Schaumbläschen spielt, die sich
so gar nicht fassen lassen, fühlt er
sich geborgen wie ein Kind. Ärger
und Sorgen hat er in diesem Augenblick vergessen. Dieses wohlige Gefühl macht sich breit, als er,
die Badewanne vor Augen, seinen
Sessel im Hotelzimmer zurechtrückt. Er will kurz Nachrichten hören, um anschließend essen zu
gehen. Beim Wandern heute Vormittag ist er mit einem ins Gespräch gekommen, was sie abends
bei einem Glas Bier weiterführen
wollen. Ja, heute war wirklich ein
schöner Tag. Er räkelt sich in seinem Sessel, der Kopf liegt bereits
in Schlafposition, beide Beine in
einem Dreieck weit von sich gestreckt, auf keinen muss er Rücksicht nehmen. Die Bilder auf dem
Fernsehschirm flimmern an ihm
vorbei. Politik interessiert ihn
nicht, schon gar nicht im Urlaub.
Er will hören wie das Wetter wird,
um sich für morgen einen Plan zu

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machen. Ein Bericht vom Sturm da
und dort, ein Mast zerschlug ein Auto, es ist sogar eine Frau umgekommen, ein Baum stürzte auf ein Haus,
sein Besitzer ist im Urlaub - Moment

mal, das kennt er doch!
Beim hastigen Packen seiner
Sachen überlegt er - was wollte
der Lackaffe von Versicherung
ihm noch mal verkaufen?

THEMA: KURZGESCHICHTEN UND GEDICHTE
SOMMERFARBEN
von Wolfgang Prietsch
Unter Regenwolken, grau,
fällt Licht durch. Nur wenig hellblau
am Himmel zu seh´n.
Langsam geh´n
Haufenwolken hin
über die Stille in grün.
Weicher Wasserdampfwatte Formenvielfalt
über dem Tal. Der Bäume und Sträucher Gestalt
unverwechselbar individuell ebenso.
Kein Unisono
um uns her. Spielt der Wind
auf zum Sommertanz.
Anmutig und weich sind
die Spiele der Bäume,
ergreifen erreichbare Lufträume,
geben sich ganz
hin dem Reigen.
Die Zweige neigen
sich und singen mit des Windes Gesang.
Singen einen Windsommertag lang,
und hören den Habichtschrei hoch in der Luft.
Zieht ein süßer Honigduft
mit dem Wind über das Wiesenland.
Am Rand
eines Wassers blüh´n
Dost und Sumpf – Ziest. Im Grundton Grün
Tupfen in Rosa und Violett.
Der Wiese wogendes Grasbett
geöffnet und zur Umarmung bereit
wie eine liebende Frau. Bleib´ steh´ n , Zeit!
Soll´ n ein –
gehen in mich wie heller Wein
Farben und Formen und Töne und ein wunderbarer Sommergeruch.
Such´
mehr nicht,
nur dieses einfache Gedicht,
doch weniger auch nicht.

Foto: Karl-Heinz Liebisch / pixelio.de

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THEMA: KURZGESCHICHTEN UND GEDICHTE
TAL

DER

SCHLAUBE

von Wolfgang Prietsch
Über uns ein Blätterdach goldgelber Buchen.
Klar des Himmels Blau. Suchen
herbstliches Bunt und Stille nur.
Sind in wunderbarer Natur
an diesem Tag ganz allein,
vereint zu zwei´n.
Wärme auf der Haut zur Mittagszeit.
Weit öffnet sich vor uns ein helles Tal.
Heuschrecken ohne Zahl
zirpen die Herbstmelodie.
Noch ist Leben im Gras ringsumher.
Vogelstimmen loben sehr
Zeit der Reife, hohe Zeit,
denn noch ist es nicht so weit,
dass des Winters kalte Hand
alles verdirbt im weiten Land,
Buchen und Birken entlaubt,
den Wald der bunten Farben beraubt.
Noch ist die Luft warm und mild.
Ein unvergessliches Bild,

Foto: Manfred Walker / pixelio.de

Die ersten Blätter fallen leis´.
In Frieden bin ich, und ich weiß
Dich mit mir vereint.
Es meint
das Leben es gut mit uns zwei´n.
Können wirklich glücklich sein.
Der Wind bewegt das Laub.
Bewegt auch mich. Ich glaub´
an Zukunft für uns zwei,
an das nächste Jahr,
an den kommenden Mai.
Und ich küsse Dich dabei.

THEMA: KURZGESCHICHTEN UND GEDICHTE
ZUNEIGUNG

PER

TELEFON

von Wolfgang Prietsch
Den Hörer abnehmen und die Nummer wählen.
Ungeduldig die Sekunden zählen,
dann, am anderen Ende meldet man sich:
„Ja, hier bin ich!“
(Einleitungsgruß erübrigt sich).
„Du musst noch dies und das holen gehen!“
Freitagnachmittag, sicher anstehen.
Einen Moment still,
der andere fragt etwas, will
noch etwas wissen.
„Hättest du dir früher überlegen müssen!
Komm, ist deine Sache.
Wenn ich das auch noch mache,
kann ich gleich alles selber tun!“
Sekunden Pause, doch nun
ist die Geduld vollends am Ende.
Schnell vollzogene Abwende.
Unwirsch, keinen Widerspruch duldend der Ton,
eiskalt, voller Aggression
das fern gesprochene Wort.
Unfreiwillig zuhörend (peinlich) die Frage: „Wer ist dort
auf der anderen Seite?“
(diese Kälte spürend noch über die Weite).
Verachtung im Blick noch sieht sie mich an,
und flüchtig die Antwort: „Nur mein Mann“.

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

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THEMA: KURZGESCHICHTEN UND GEDICHTE
EIN

ANFANG

VON

ETWAS

von Wolfgang Prietsch
Es lag noch Schnee, als sie ihn zum
ersten Mal sah. Sie kam aus dem
Fahrstuhl, um beim Empfang im Erdgeschoss einen Brief abzugeben.
Da betrat er mit einer jungen Frau die
Eingangshalle. Draußen sah sie noch
das Taxi, mit dem die beiden gekommen waren. Die junge Frau zog einen
großen Koffer hinter sich her, die beiden hielten sich an der Hand. Sie gingen direkt auf den Empfangsbereich
zu, das Gespräch mit der dortigen Mitarbeiterin konnte sie nicht verstehen.
Ein Neuankömmling, dachte sie.
Als sie vor etwa einem halben Jahr
dieses schöne Haus zum zweiten Mal
betrat (das erste Mal diente der Vorbesichtigung), war sie selbst der Neuankömmling im gerade erst eröffneten
Senioren-Pflegeheim. Sie hatte sich
schnell eingelebt, fand gleich Kontakt
zu den Pflegerinnen und Therapeuten.
Und besser und schöner kann man es
sich unter den gegebenen Lebensumständen in den liebevoll eingerichteten Räumen wirklich nicht vorstellen,
das war ihre Überzeugung. Der Neuankömmling war ein älterer Herr, weißhaarig, sehr schlank, er dürfte etwa
um die achtzig Jahre alt sein. Sie beobachtete die beiden von der Lese-Ecke
links vom Eingang her, die junge Frau
war sichtlich besorgt um den älteren
Herren. Bald gingen beide sichtlich
vorsichtig und langsam gemeinsam
mit einer Mitarbeiterin des Hauses
zum Fahrstuhl und verschwanden darin. Unsere Beobachterin, ihr Vorname
ist Beate, dachte über die beiden
nach. Das war wohl die Tochter, dachte sie. Ob er wohl bleibt? Beate war
stark gehbehindert, aber mit einem
Rollator konnte sie sich doch zunehmend mehr und mehr ihre neue Lebensumwelt im Seniorenheim erobern.
Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei
Jahren ging es ihr hinsichtlich Beweglichkeit schlechter und schlechter,
von einem eigenständigen Leben in
der bisherigen Weise in der alten Wohnung konnte keine Rede mehr sein. Ihr
Sohn lebte seit seinem Studium weit
entfernt in München. So hatte sie sich
für eine grundlegende Änderung ihrer

bisherigen Lebensweise
entschieden, und war in die
nahe ihrer bisherigen
Wohnumwelt gelegene Seniorenresidenz gezogen.
Und sie hat es nicht bereut.
Alles, was ihr bisher wegen
ihrer Behinderung Probleme
bereitete, war nun geregelt.
Sie fühlte sich nicht abgeschoben, fand liebevolle Menschen um sich, die ihr über ihre
körperlichen Einbußen hinweghelfen. Eigentlich kann ich doch
zufrieden sein, dachte sie.
Am nächsten Morgen sah sie den
Neuankömmling im Frühstücksraum sitzen, er war schon vor ihr
da. Ein Frühaufsteher wie ich,
dachte sie. Auch an den nächsten Tagen sah sie ihn an den verschiedenen Orten im Heim immer wieder. Seltsam, dachte sie,
jetzt suche ich ihn schon mit
meinen Blicken, wenn ich einen
Raum betrete. An einem Nachmittag saß er ihr bei einer Gedichtlesung gegenüber. Ist gar
nicht selbstverständlich, dass
sich ein Mann für Lyrik interessiert, fand sie. Vielleicht hat er
einen literarischen Beruf?
Nach der Lesung wollte sie mit
dem Rollator einen kurzen Spaziergang in den Garten unternehmen, es gab eine Rampe, über
die man mit Hilfe gut ins Grüne
fahren konnte. An der Tür zum
Garten stand er, wollte wohl
selbst ins Freie. Er hielt ihr die
Tür auf, obwohl das durch die
vorhandene Automatik eigentlich nicht notwendig war. Er lächelte sie an und wies ihr mit
einer Handbewegung symbolisch
den Weg in den Garten. Sehr
langsam und vorsichtig folgte er
ihr. Da sprach sie ihn an. An seiner freundlichen Reaktion war
deutlich erkennbar, dass er auch
schon auf sie aufmerksam geworden war. Nach einem ersten
Gespräch an diesem Nachmittag
trafen sie sich regelmäßig, nach

Foto: Thommy Weiss / pixelio.de

dem Frühstück, nach Gruppentherapeutischen Zusammenkünften mit der ErgoTherapeutin, besonders aber an
den Nachmittagen. Sie saßen
auf einer Bank im Garten oder –
bei schlechtem Wetter – im Lesesaal. Er konnte im Gegensatz
zu ihr noch gut laufen, brauchte
keine mechanischen Hilfen.
Über sich selbst erzählte er wenig, nur, dass auch er Witwer
ist. Die junge Frau, mit der er
gekommen war, ist seine Tochter, sie arbeitet als Bibliothekarin in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. An einem
Nachmittag begann er zu erzählen. Er berichtete von einer
auch ihr gut bekannten Landschaft im Norden der Mark
Brandenburg am sagenumwobenen Stechlinsee. Und wie er die
Landschaft beschrieb! Jedes
Detail wurde in leuchtenden
oder auch dunklen Farben ausgemalt. Sie hörte fasziniert zu.
Die Bäume am Ufer, die Kiesel
im Wasser, die Spiegelung des
Lichtes auf dem See, die gekräuselten Wellen: Alles wurde
wieder gegenwärtig, was sie mit
ihrem Mann und ihrem Sohn vor
Jahren selbst erlebt hatte, an
den Wochenenden, die sie nach
ihrer anstrengenden Arbeit als
Krankenschwester so sehr zur
Entspannung brauchte.
An einem der nächsten Tage –
sie saßen am Frühnachmittag
allein im Lesezimmer, draußen
goss es wie aus Kannen – erzählte er von einer Flusslandschaft, sie konnte den Fluss

Seite 17
Mulde in seinem breiten Bett direkt sehen an so einem Frühlingstag, es war
eine Hochwasser-Situation. Die Zeit
floss immer schnell dahin bei seinen
Erzählungen, und sie war glücklich und
in Erwartung der nächsten Zusammenkunft. Sie reisten in Gedanken durch
seine bildhaften Schilderungen an die
Müritz, nach Rügen an die Ostseeküste,
besuchten die alte Klassikerstadt Weimar, wanderten im Südharz und erlebten in Gedanken noch einmal Sommerabende an Spree und Havel. Eines Nachmittags – es war schon im Spätherbst,
und er hatte über das Erlebnis eines
ganz besonderen Sonnenunterganges
berichtet – gab er ihr ein A 4 -Kuvert
und bat sie, dieses erst am nächsten
Morgen nach dem Frühstück zu öffnen.
Am nächsten Morgen erschien er nicht
zum Frühstück. Sie wunderte sich und
war sehr besorgt. Bevor ich meine Pflegerin nach ihm frage, will ich doch erst
das Kuvert öffnen, beschloss sie. In dem

Kuvert befand sich eine wunderbar grazile Federzeichnung, die das im englischen
Tudor-Stil erbaute Schloss
Babelsberg zeigte. Bei näherer Betrachtung fand sie unten auf der Zeichnung die sehr
kleine Signatur des Bildes:
Hermann.... Jetzt wurde alles
klar: Er war Maler. Und in allen seinen Erzählungen hatte
er ihr seine eigenen Bilder
beschrieben.
Von der Therapeutin erfuhr sie
(er hatte diese vorahnend dazu ermächtigt), was sie im
Stillen manchmal schon geahnt hatte, er bewegte sich
doch immer sehr langsam und
vorsichtig, geradezu tastend,
wenn er das auch sorglich zu
verheimlichen suchte: Er war
sehr stark sehbehindert. Nie
hatte er aber mit ihr darüber

gesprochen, wollte wohl kein
Mitleid. Weiter erfuhr sie, dass
er heute früh zu einer LaserOperation in eine Klinik gebracht worden war, er hatte
sich kurzfristig dazu entschlossen, obwohl er eigentlich keinen weiteren Eingriff
an sich wünschte, er keinen
Sinn darin mehr sah, und auch,
weil er die Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatte. Nun,
da er sie kennen gelernt hatte,
war neue Lebenszuversicht und
neue Hoffnung gewachsen.
Sie dachte intensiv an ihn: Wie
schön wäre es, wenn er nach
der OP mit verbessertem Sehvermögen zurück käme. Aber
auch dann, wenn sich nichts
verbessern würde: Hauptsache, er kommt zurück! Er fehlt
mir schon, stellte sie lächelnd
fest, und ich warte auf ihn.

THEMA: LITERATUR UND BUCHTIPPS
MUSENKÜSSE
von Waltraud Käß

Foto: Barbara Sawal

„Musenküsse" - das waren die Beiträge
im besten Sinne des Wortes, die von den
Damen des Literarischen Frauenstammtisches Berlin-Marzahn während der
Lesung am 9. Juli zu Gehör gebracht
wurden. Kurzgeschichten und Gedichte
wechselten in ca. 1,5 Stunden in bunter
Folge einander ab, nur unterbrochen
von den musikalischen Darbietungen
eines Duos - Vater Boris Hirschmüller
und seine Tochter waren mit Gitarre,
Saxophon, Klarinette und Klavier zur
Umrahmung des Programms eingeladen,
und sie beherrschten diese Instrumente
virtuos. Geschichten, die das Leben
schreibt - dieses Motto könnte auch

über der Lesung stehen. Überschriften wie "Die Hängematte", "Die Schnecken" oder
"Schreiben mit dem inneren
Kritiker" weckten die Neugier
auf den Inhalt der Beiträge.
Die Geschichte "Der Einkaufszettel" von Annette Deutzer
werden wir Ihnen in der Nov em b e r/ D e z em b e r- A u s g a be
unter der Kategorie
"Kurzgeschichten" präsentieren. Die Lesung des Frauenstammtisches war Bestandteil
einer ganzen Reihe von Veranstaltungen der SelbsthilfeKontaktstelle. Jede der
Selbsthilfe-Gruppen konnte
einen Beitrag zur Geburtstagswoche leisten. Und
da kam einiges zusammen,
denn die Kontaktstelle gibt es
schon seit zwanzig Jahren. Sie
ist ein wichtiger Anlaufpunkt
im Bezirk für Hilfesuchende.
Der Frauenstammtisch betrachtet sich selbst aber nicht
als Selbsthilfegruppe. Auch
ihn gibt es schon sehr lange,

seit 16 Jahren, mit unterschiedlicher Besetzung. Zielsetzung seiner Arbeit ist,
schreibfreudige Menschen zueinander zu bringen, nach Themenauswahl Kurzgeschichten
und Gedichte zu schreiben und
sie einem interessierten Publikum nahe zu bringen. Neue
Bücher, die auf dem Markt
sind, werden vorgestellt, aber
auch alte Bücher werden wieder aus den Schubladen geholt
und noch einmal gelesen. Zwei
Bücher wurden vom Frauenstammtisch inzwischen im
Selbstverlag herausgegeben
"Ansichtssachen" und "30
Marzahner Geschichten". Um
sich ständig auf den neuesten
Stand zu bringen, immer etwas
dazu zu lernen, besuchen die
Teilnehmerinnen Lehrgänge
und Workshops. Und mittlerweile haben sich feste Freundschaftsbande geknüpft, Wandertage und Weihnachtsfeiern
tragen auch das Ihrige dazu
bei.
An
weiteren

Seite 18
"Mitmachern" ist der Stammtisch
immer interessiert. Die SelbsthilfeKontaktstelle bietet den Rahmen für
die Arbeit mit Papier und Stift, in ihren Räumlichkeiten kann der Stammtisch seinem interessanten Hobby

nachgehen. Ein wenig mehr Werbung hätte es gebraucht, um
diese niveauvolle Veranstaltung
publik zu machen. Inzwischen
gibt es neue Überlegungen. Vielleicht wird es im nächsten Jahr

BEZIRKSAMT MARZAHN-HELLERSDORF VON BERLIN
RIESAER STRAßE 94
12627 BERLIN
REDAKTION SPÄTLESE
Telefon: (030) 90293-4371
Telefax: (030) 90293-4355
E-Mail: magazin-spaetlese@gmx.de
Internet: www.magazin-spätlese.net
BISHERIGE ONLINE-AUSGABEN
AB JAHR 2008 FINDEN SIE IN UNSEREM ARCHIV UNTER:
WWW.MAGAZIN-SPAETLESE.NET

eine Veranstaltung in der Wuhlgarten-Kirche geben. Die Weichen dafür wurden jedenfalls
gestellt.
        
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