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Periodical volume

Full text: Spätlese Issue 2014,3/4

DAS MAGAZIN FÜR AUFGEWECKTE
SENIORINNEN UND SENIOREN

SPÄTLESE
www.magazin-spätlese.net

Ausgabe März-April 2014

IN

DIESER

AUSGABE:
Kultur, Kunst und
Wissenschaft

Aus dem Bezirk
Internationaler Frauentag

2

Die Kirschblüte eröffnet
Reigen

2

Im Gespräch mit Gisela
Würzebesser

3

Politik, Wirtschaft
und Soziales
Verbraucherschutz
Kulinarisches rund um die
Welt

4
5

Kultur, Kunst und
Wissenschaft
In 108 Minuten um die
Erde
Wie in Glashütte die Uhren
ticken

WAS

ERWARTET

Kurzgeschichten und
Gedichte

38 touristische Leuchttürme in Deutschland

9

Natur und Tourismus

7

SIE

Die neue Ausgabe des
Senioren-Magazins
„Spätlese” ist unter:
www.magazin-spätlese.net
online verfügbar.
Die Leserinnen und Leser
können sich auf interessante und lesenswerte Themen
freuen. Die ehrenamtlichen
Autoren haben sich auch in
dieser Ausgabe bemüht, für
jeden Geschmack etwas
anzubieten.
Waltraud Käß erinnert an
den Schriftsteller Ludwig
Renn. Barbara Ludwig
beschreibt den Flug

15

Ostern auf dem Lande

16
16

Escort-Service der anderen Art

10

Eine ganz besondere
Freundschaft

11

Ein Unglück kommt selten
allein

17

Von der Marzahner
Bockwindmühle

Frühling

18

Ein "Stiefel" voller
Anziehungspunkte

13
Rund um Schutz

18

Der letzte Schnee

18

Kurzgeschichten und
Gedichte
7

Rosemarie F. zum
Gedenken - Obdachlose

Literatur und Buchtipps
Der Hundeprofi

13

Mein Freund - ein Hund

14

IN

DIESER

Ludwig Renn - Erinnerung
an einen Schriftsteller

AUSGABE?

Juri Gagarins ins Weltall und
schildert ihre Gedanken zum
Fall eines Obdachlosen.
Christa-Dorit Pohle ist in dieser Ausgabe „auf den Hund
gekommen“.
Ursula A. Kolbe berichtet
über die Kirschblüte, von der
Grünen Woche, war in
Glashütte und auf der Burg
Kreuzenstein.
Rudolf Winterfeldt sprach
mit Gilsela Würzebesser
vom Bürgerverein Mahlsdorf
Süd e.V., war zu Ostern auf
dem Lande und gratuliertzum Internationalen

Frauentag. Eine Reihe anderer
Autoren erfreuen uns mit Ihren
Geschichten und Gedichten.

Redaktion Spätlese

www.magazin-spätlese.net

19

www.magazin-spätlese.net
THEMA:

AUS

DEM

Seite 2

BEZIRK

INTERNATIONALER

FRAUENTAG

von Rudolf Winterfeldt

Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Die Redaktion unseres Magazins
grüßt auf diesem Wege alle Frauen
zum Internationalen Frauentag am
08. März 2014. Wenn dieser Tag
auch leider in unserem gesellschaftlichen Gedächtnis etwas verblasst ist,
so hat er doch an seiner Bedeutung
THEMA:

DIE

AUS

DEM

nichts verloren. Geht es
doch um Gleichberechtigung
der Frau in unserer Gesellschaft und um Frieden in der
Welt. Beides ist doch noch
weit von seiner Verwirklichung entfernnt, dass nicht
mehr darum gekämpft werden muss. Immerhin sind in
der Bundesregierung, neben
der Bundeskanzlerin, von 15
Ministerposten 5 mit Frauen
besetzt. Wenn auch Alice
Schwarzer gegenwärtig am
Pranger steht, so hat sie
doch für die Frauen manche
Schlacht geschlagen. Schade nur, dass sie durch ihr
verwerfliches Handeln ihrem

Ansehen so
geschadet
hat.
Moral
predigen und
unmoralis ch
h a n d e l n , Rudolf Winterfeldt
passt
nicht
zusammen. Aber die Männer
in der oberen Riege sind ja
auch nicht besser.
Liebe Frauen, lassen Sie sich
an diesem Tage (und nicht
nur an diesem Tage) von den
Männern verwöhnen und
kämpfen wir gemeinsam um
eine weitere Verbesserung
der Gleichberechtigung der
Frauen in unserer Gesellschaft.

BEZIRK

KIRSCHBLÜTE

ERÖFFNET

REIGEN

von Ursula A. Kolbe
Wir
MarzahnHellersdorfer haben es
gut: Direkt vor unserer
Haustür ist in den Gärten der Welt fernöstliche Gartenkunst zum
Ursula A. Kolbe Greifen nah.
Noch
mehr und intensiver
über das asiatische Land kann man
natürlich im Chinesischen Kulturzentrum in der Klingelhöfer Straße
(Tiergarten) erfahren. Beide Einrichtungen haben jüngst mit Blick auf 20
Jahre Vertragsunterzeichnung für den
Bau des Chinesischen Gartens - mit
rund drei Hektar der größte seiner Art
in Europa - das diesjährige vielseitige
internationale Veranstaltungsprogramm für die Gärten der Welt präsentiert. Dabei machte Senior Parkmanagerin Beate Reuber zugleich
darauf aufmerksam, dass in diesem
Jahr China, übrigens dortzulande
2014 das Jahr des Pferdes, auch
Partnerland des längst zum Besuchermagneten gewordenen grünen

Anziehungspunktes für
Groß und Klein aus Nah
und Fern ist. Den Veranstaltungsreigen eröffnet am 13. April das
nun schon legendäre
Kirschblütenfest, natürlich in der Hoffnung,
dass sich im Gegensatz Foto: gerina 19 / pixelio
ten“, verspricht am 10. Mai
zum Vorjahr, wo der Wetterdas koreanische Lotuslatergott noch lange Frost brachnenfest. Sie leuchten in den
te, die Kirschblüten dann in
Abendhimmel hinein, traditiovoller Pracht entfalten. Freunelle Musik und Tanz lassen
en können sich die Besucher
die Gedanken in eine ferne
an diesem Tag auch auf die
Welt schweifen. Premiere im
Künstler aus Shanghai, wie
Christlichen Garten hat am
Chinas Kulturzentrums22. Juni das „Klang-FarbenDirektor Chen Jianyang anFest“. Rund um die meterhokündigte. Diese sind ebenso
hen Buchenhecken und den
am 6. September beim
goldenen Wandelgang mit
Mondfest mit DrachentänTexten aus dem Alten und
zen, funkelnder LaternenpaNeuen Testament sowie
rade und einem glitzernden
Schriften aus Philosophie
Feuerregen im Chinesischen
und Kultur werden besonders
Garten dabei. Ein glanzvolinteressierte Kulturliebhaber
les Lichtermeer zu Ehren
ansprechen. Am 26./27. JuliBuddhas, dem Erleuchte-

www.magazin-spätlese.net
sancegarten-Kulisse. GrandiWochenende sind bei den Berliner
oses Feuerwerk inbegriffen.
HighlandGames die Schotten los.
Zen Harken - Das traditionelAlso: Highland-Kultur originalgetreu
le Harken und die Vermittmiterleben. Dudelsackspieler und
lung von Hintergrundwissen
kräftige Sportsmänner in ihren traditiüber den Japanischen Garonellen Kilts entführen in die raue und
ten findet mehrmals am Tag
mystische Seite Schottlands. Publiam 14. September statt. Am
kumsmagnet wird sicher das Baum12. Oktober laden zauberhafstammwerfen sein. Ein modernes
te Elfen im bunten BlätterreiMärchenfest verzaubert am 10. Augen im Karl-Foerstergust unter dem Motto
Staudengarten zum
„Sultan’s Fest“ die Sinne.
Feinste Küche, Musik, an- „Im Mittelpunkt Herbstfest ein. Mit
herzhaften Leckereimutige Tänze, Märchensteht der Bau
en und Getränken.
stunden entführen in die
des neuen
Ein Abend
voller
Welt des Orients. Und dann
BesucherMärchen verspricht
am 30.August das große
zentrums “
am 19. Dezember
Open-Air-Klassikereignis:
Sternstunden orienta„Viva la musica“ - die musilischer Erzählkunst.
kalische Sommernacht vom
Im märchenhaften Ambiente
Feinsten mit dem Dirigenten Roland
des imposanten „Saals der
Mell und dem Sinfonischen KonzertEmpfänge“ spielen MärchenOrchester Berlin auf den Spuren von
erzähler Schabernack mit der
Mozart vor einer traumhaften RenaisTHEMA:

IM

AUS

DEM

GESPRÄCH

Seite 3
Fantasie, verzaubern mit kleinen und großen Flunkereien,
erzählen von Liebe und Gefahren. Und wie geht es mit
dem Baugeschehen weiter?
Im Mittelpunkt steht der Bau
des neuen Besucherzentrums
am Blumberger Damm. Mit
Dauerausstellung, Veranstaltungsräumen, Gastronomie
und ebenso einem Shop. Des
weiteren gehen die Arbeiten
am Englischen Garten voran,
dessen Grundsteinlegung ja
im Mai vergangenen Jahres
feierlich stattgefunden hat.
Dieser zehnte Themengarten
wird ein Highlight auf dem
Weg zur IGA 2017 sein, wo
es dann ab 2015 richtig losgehen soll. Dabei immer mit den
Bürgern im Gespräch.

BEZIRK

MIT

GISELA

WÜRZEBESSER

von Rudolf Winterfeldt

Im Rahmen des Bürgerhaushaltes
2011 wurde von einer Bürgerinitiative der Vorschlag für ein Bürgerhaus in Mahlsdorf-Süd aufgestellt.
Beim Voting gab es zahlreiche Zustimmung durch die Bürger. Im Bezirksamt war die Resonanz allerdings nicht sehr groß. Aus dieser
Bürgerinitiative gründete sich am
13. Januar 2012 der "Bürgerverein
Mahlsdorf-Süd e.V.". Mit dessen
Vorsitzende, Frau Gisela Würzebesser, saß ich nun zusammen
und informierte mich über die Aktivitäten des Vereins. Als Schwerpunkt steht immer noch die Forderung nach einem "Bürgerhaus" in
Mahlsdorf-Süd. Die 39 Mitglieder
des Vereins, unter ihnen Rainer
Süß als Prominenter, bemängeln
die Möglichkeit, Veranstaltungen in
einem größeren Haus durchzuführen. Die in Mahlsdorf-Süd vorhandenen Räumlichkeiten sind einfach
nicht ausreichend, um den Bedarf

der Einwohner abzudecken.
Hier wartet man ungeduldig auf
positive Entscheidungen der
Politik. Gegenwärtig sieht der
Verein seine Aufgabe darin,
die Veranstaltungen der einzelnen, in Mahlsdorf-Süd ansässigen, Vereine, freien Trägern
und Institutionen zu bündeln
und zu propagieren. Ein Flyer
mit den Veranstaltungen eines
Quartals wird gefertigt und
über verschiedene Möglichkeiten, wie z.B. Aldi und Apotheke, verteilt. Der Verein organisiert aber auch selbst bestimmte Veranstaltungen. So z.B. am
25.04.2014 um 20.00 Uhr im
Theodor Fliedner Heim ein Dixieland Jazz Konzert mit den
"Jazz Optimisten Berlin" und
der Sängerin Uschi Brüning.
Meine Gesprächspartnerin
überzeugte mich, dass hier in
Mahlsdorf-Süd aktive Bürgerin-

Gisela würzebesser / Foto: Rudolf Winterfeldt

nen und Bürger für ein kulturvolles Leben in ihrem Kiez
sorgen. Das ist lobenswert
und sollte Beispiel für andere
Menschen sein. Wenn Sie
also Interesse an diesen Vorhaben zeigen, können Sie
weitere Informationen unter
der Telefon-Nr.: 03054779224 oder unter der EM a i l - A d r e s s e :
bvms@kdwelt.de einholen.

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THEMA:

POLITIK,

WIRTSCHAFT

UND

Seite 4
SOZIALES

VERBRAUCHERSCHUTZ
von Edelgard Richter

Foto: Klaus Steves / pixelio.de

Es gibt kein generelles Umtauschrecht für im Einzelhandel erworbene
Produkte. Nur weil Farbe oder Größe
nicht stimmen oder ein Geschenk
nicht gefällt, müssen Händler die Ware nicht zurücknehmen. Wer mangelfreie Ware umtauschen möchte, ist
auf die Kulanz der Händler angewiesen. Anders sieht es bei OnlineGeschäften aus: Da sich das Produkt
bei einer Online-Bestellung nicht wie
im Geschäft überprüfen lässt, können
Verbraucherinnen und Verbraucher
die Ware innerhalb der gesetzlichen
Widerrufsfrist zurückgeben – auch
wenn sie völlig in Ordnung ist.
Viele lokale Händler bieten ihren
Kunden über das Gesetz hinaus ein
freiwilliges Umtauschrecht. Der Anspruch besteht aber nur, wenn er vorher vereinbar wurde. Eine vom Händler unterschriebene Anmerkung auf
der Rechnung oder dem Kassenzettel oder ein Foto eines Aushangs
macht das vereinbarte Umtauschrecht beweisbar. Da diese Leistung
freiwillig ist, bestimmt der Händler die
Regeln. Auch, ob Verbraucherinnen
und Verbraucher ihr Geld zurück erhalten oder nur einen Gutschein oder
ob der Umtausch nur gegen Vorlage
des Kassenbons erfolgt, kann der
Händler festlegen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich
vorher informieren, damit es später
keinen Ärger gibt.
Beim Online-Kauf können Verbraucherinnen und Verbraucher innerhalb
einer 14tägigen Widerrufsfrist ohne

Angabe von Gründen vom
Vertrag zurücktreten. In
manchen Fällen ist das Widerrufsrecht jedoch ausgeschlossen: Wurden verderbliche Waren bestellt, Artikel
auf Kundenwunsch angefertigt oder eine Dienstleistung
in den Bereichen Unterbringung, Beförderung und Freizeitgestaltung bestellt, ist
das Widerrufsrecht ausgeschlossen. Generell gilt:
Kauf auf Rechnung ist besser als Vorauskasse. Denn
so manches angebliche
Schnäppchen kann sich im
Nachhinein als Betrug entpuppen. Niemals sollten
Zahlungsdaten oder Passwörter über ungesicherte
WLAN-Netze gesendet werden. Diese könnten leicht
abgefangen und von Kriminellen missbraucht werden.
Wenn es um das Bezahlen
geht, sollte auf eine verschlüsselte Verbindung geachtet werden. Diese ist
leicht an der Buchstabenfolge „https“ im Eingangsfeld
des Internet-Browsers sowie
an einem VorhängeschlossSymbol zu erkennen.
Verbraucherinnen und
Verbraucher sollten genau
prüfen, ob es sich um einen
seriösen Händler handelt.
Ein seriöser Online-Shop
muss ein Impressum mit
dem Namen des Inhabers
oder Geschäftsführers anbieten, Kontaktdaten und
eine vollständige Postadresse dürfen nicht fehlen. Anderenfalls haben Verbraucherinnen und Verbraucher später keinen Ansprechpartner
für Gewährleistung und Garantie. Denn, reißt der Riemen der neuen Tasche, gibt

die Spielekonsole nach kurzer Zeit den Geist auf oder
sind schon beim Auspacken
Kratzer auf dem Display des
neuen Tablets, haben Verbraucherinnen und Verbraucher, egal ob sie online oder
offline einkaufen, gesetzliche
Gewährleistungsrechte. Käuferinnen und Käufer können
verlangen, dass der Mangel
innerhalb einer angemessenen Frist beseitigt oder einwandfreie Ersatzware ausgehändigt wird. Ist dies nicht
möglich oder verweigern
Händler ihre Mitwirkung,
kann die Ware zurückgegeben oder das Geld zurückgefordert oder der Kaufpreis
gemindert werden. Der Kassenbon dient dabei zur Beweiserleichterung und hilft,
Ansprüche unproblematisch
einzufordern. Originalverpackungen müssen die Kunden
nicht zwingend aufbewahren,
da die gesetzlichen Gewährleistungsrechte unabhängig
davon sind, in welcher Verpackung ein Produkt zurück gebracht oder zurück geschickt
wird. Es kann aber nützlich
sein, die Verpackung so lange aufzubewahren, bis sich
herausgestellt hat, dass die
gekaufte Ware einwandfrei
ist.Über dies alles hinaus
kann der Händler oder Hersteller auch freiwillig eine Garantie bieten. Diese besteht
grundsätzlich neben den Gewährleistungsrechten. Ihr
Umfang ist individuell. Für
Gewährleistungsrechte ist
immer der Händler der erste
Ansprechpartner. Verbraucherinnen und Verbraucher
sollten sich nicht vom Händler an den Hersteller verweisen lassen.

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THEMA:

POLITIK,

KULINARISCHES

WIRTSCHAFT

RUND

UM

DIE

UND

Seite 5
SOZIALES

WELT

von Ursula A. Kolbe

Foto: Estonian Tourist Board / Graham Mitschell

Die Internationale Grüne Woche in
den Messehallen unter dem Berliner
Funkturm überraschte in ihrer jüngsten, der nunmehr 79. Auflage wiederum mit neuen, vielseitigsten Gaumenfreuden. Die Produkte von 1.650
Ausstellern aus diesmal 70 Ländern
standen hoch im Kurs. Was sich bei
den rund 410.000 Besuchern auch
am großzügigen Gebrauch ihrer
Geldbörse mit durchschnittlich je 114
Euro Verbrauch honorig widerspiegelte. Den Ausstellern bescherte das
Umsätze von rund 47 Millionen Euro,
und durch die Ausgaben der auswärtigen Besucher und Aussteller generierte diese Messe einen Kaufkraftzuwachs von mehr als 150 Millionen
Euro für die Hauptstadtregion. Agrarbusiness pur. Es lockten kulinarische
Köstlichkeiten aus aller Herren Länder. Ob nepalesischer Tee aus naturnahem Anbau, würziger Käse aus
österreichischer Bergsennerei, Safran, das wohl teuerste Gewürz aus
Afghanistan, chinesische Wolfsbeeren, köstliche Cocktails aus Peru und,
und, und…
Regionale Spezialitäten immer wieder begehrt
Insgesamt bestätigte sich aber wieder einmal mehr: Regionale Spezialitäten aus deutschen Landen stehen
besonders hoch im Kurs. Das Gedränge in diesen Hallen war ein Ausdruck dafür. Und ganz besonders, so
fand ich, das Getümmel an den 77
Ständen in der seit 21 Jahren traditionellen Brandenburg-Halle 21a. Rei-

ßenden Absatz fanden die
begehrten Spreewälder Gewürzgurken, das neue Havelländer Wirsingbrot aus
dem Bio-Backhaus in Falkensee, die wieder entdeckten Teltower Rübchen oder
aus Schwante von Bäcker
Plentz’ neueste Kreation
„Drei Haselnüsse für
Aschenbrödel“, den Haselnusskeks nach altem Familienrezept.
"Schwarzer Abt" zum Bibulibustag
Nein, an keinem Stand kam
man so einfach vorbei. Es
gab ja immer Neues zu entdecken. So erfuhr ich bei der
Neuzeller KlosterbrauereiStandchefin Rosemarie Borchert, dass diese altehrwürdige Brauerei in diesem Jahr
ein großes Jubiläum feiern
kann: Vor nunmehr 425 Jahren wurde hier der erste eigene Gerstensaft kredenzt.
Na, wenn das kein Grund
zum Feiern am 29. Mai, dem
diesjährigen 21. Neuzeller
Bibulibustag, das etwas andere Familienfest zu Himmelfahrt, ist. Extra dafür wurde schon mal zur Grünen
Woche der „Schwarze Abt“ –
das Schwarzbier mit dem
dunklen Geheimnis - mit Jubiläumsetikett in ansprechender Geschenkdose angeboten. Neu sind das
„Gourmet Pilsner“ und das
„Allgäuer Heubier“. Die Inspiration für das letztere gab
den Neuzellern der Heuextrakt von den Allgäuer Bergwiesen. Die feine Note und
der liebliche
Geschmack
dieses Bieres kamen beim
Publikum besonders gut an,
sagte Rosemarie Borchert
und meinte, es solle einfach

Lust auf Urlaub machen.
Und wer leicht verwundert
war, dass hier auch Ketchup
aus Werder angeboten wurde, erfuhr sogleich: Diesen
Ketchup geben seine besondere Note auch Zutaten aus
der Klosterbrauerei, und zwar
Gerstenmalz, Hopfen und
Schwarzbier. Im pro-agroKochstudio, der märkischen
Schauküche und stets umlagerten Fixpunkt der Halle,
gaben sich über die Woche
insgesamt 36 Köche und Küchenchefs die Kochlöffel für
ihre kulinarischen Visitenkarten in die Hand. Kostproben
inbegriffen.
Das innovative Berliner
Craftbeer
Beim Berliner Nachbarn empfahlen sich neben Traditionsbetrieben kleine, neue, innovative Manufakturen. So kam
ich mit Mareike Hirschfeld
von der Handwerksbrauerei
SCHOPPE BRÄU aus Kreuzberg ins Gespräch. Zum ersten Mal als Aussteller mit dabei, erfuhr ich, dass Braumeister Thorsten Schoppe u.
a. das Black Flag Stout entwickelte, ein heutzutage als
Craftbeer bezeichnetes Produkt. Viel Resonanz und Anklang dafür – und sicher Anerkennung für Innovationsfreude im Biergewerbe für
Genuss und Geschmacksentwicklung. Bierblogger Felix
vom Endt, der erstmal als
Internet-Fan, so bezeichne
ich ihn, Näheres über unser
online-Magazin „Spätlese“
wissen wollte, machte auf die
neue Berlin Beer Academy,
die Berliner Bierakademie,
und ebenfalls MesseAussteller, aufmerksam. Deren Anliegen ist es, die Ge-

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nussszene Berlin zu bereichern und
sie zu einer internationalen Plattform
für Bierkompetenz auszubauen. Für
die Experten wie an sich Interessierte
gleichermaßen.
Allein die deutsche Bierkultur habe
mehr als 40 Sorten hervorgebracht.
Weltweit sind es über 100 verschiedene Bierstile. Die Palette reicht von Pils
und India Pale Ale über Stout und
Gueuze bis hin zu experimentellen
Gewürzbieren und Fassgereiftem.
Auf zur Bier- und Burgenstraße
Für die Freunde des Gerstensaftes
empfahl sich ebenso die 500 km lange Bier- und Burgenstraße von Bad
Frankenhausen im Kyffhäuser Gebirge über beispielsweise Saalfeld,
Kulmbach, Bayreuth bis nach Passau
in den Bayerischen Wald. Eingebettet
in die reizvollen Naturparke entlang
romantischer Flüsse und Täler vermitteln trutzige Burgen, liebevoll restaurierte Schlösser und historisch bedeutsame Ruinen als Zeitzeugen vergangener Epochen Geschichte zum
Anfassen. Und weil zum Reisen auch
das Rasten gehört, laden Thüringer
und Bayerische traditionsreiche Gasthäuser wie auch Braumeister links
und rechts entlang an eben dieser B
85 zum Schmaus und bierseliger Gemütlichkeit ein.
Wissenschaft zum Anfassen
Die „nature.tec 2014“-Halle präsentierte das ganze Spektrum der energetischen und stofflichen Nutzung von
Agrar- und Forstrohstoffen. Und hochinteressant dazu die Erläuterungen
von Wissenschaftlern der FraunhoferGesellschaft an ihrem Gemeinschaftsstand. Anschaulich machten sie deutlich, wie sie gemeinsam mit ihren Industriepartnern im Spitzencluster BioEconomy Methoden und Prozesse
entwickeln, um aus Biomasse biogene Kunststoffe und Energieträger herzustellen. Verarbeitete Holzabfälle
ersetzen das klassische Styropor,
neue Weichmacher für flexible Kunststoffe – unsere Natur hat ein riesiges
Potential, um fossile Rohstoffe teilweise ersetzen zu können. In Mitteldeutschland hat sich das einzigartige
Cluster gebildet, das anwendungsorientierte Spitzenforschung und markt-

erfahrene Unternehmen unter einem Dach vereinigt. Gegründet wurde dafür das
Tochterunternehmen BCM
BioEconomy Cluster Management GmbH. Hier werden
Z. B. die Holzwirtschaft und
Chemieindustrie für eine
nachhaltige Wirtschaft zusammengeführt.
Abschied des Partnerlandes mit estnischer Buchpräsentation
Stichwort Partnerland Estland. An den Ständen oder
im Restaurant „Olde Hansa“
atmete man sprichwörtliche
Gastfreundschaft, lebte das
Motto NATURlich Estland,
unter dem sich das kleine
baltische Land überzeugend
präsentierte. Allein beim Anblick des Fotos dieses Beitrages, ein Schnappschuss von
den Frauen auf der Insel Kihnu, eine von 1.500 insgesamt, auf ihren schon geschichtsträchtigen Motorrädern vom Typ M 72 ahnt man
die Seele, die Ursprünglichkeit, die Naturverbundenheit
und Heimatliebe seiner Menschen. Wenn Estland als Paradies für Naturliebhaber
punkten kann, dann gilt das
für den innovativen Aufbruch
in Gegenwart und Zukunft
gleichermaßen. Stichwort
WLAN. Kostenloser InternetZugang ist im Land verfassungsmäßig garantiert. Sein
wohl bekanntester ITExportartikel das Kommunikationssystem Skype. Steuererklärungen hierzulande
sind per Internet in nur fünf
Minuten gemacht, heißt es,
ein neues Unternehmen in 18
Minuten gegründet. Im typischen Agrarland plant der
Bauer die Bewirtschaftung
seiner Felder mit „Vital
Fields“,
nutzt
GeoWetterdaten, analysiert
Pflanzenkrankheiten, überwacht Futtermittelbestände

Seite 6
und plant Investitionen – das
alles per PC. Schmecken, probieren, kaufen konnte man
Molkerei-Erzeugnisse, Wildfleisch und Fisch, Beeren –
und die beliebten Roggenprodukte natürlich, die Nationalspeise Nr. 1 so wie die Roggenblume (wir sagen Kornblume dazu) die Nationalblume
ist. Oder der Strömling. Mit 81
Prozent macht der kleine Ostseehering den größten Anteil
am Fischfang aus. Interessante Informationen dazu gab es
u. a . vom MolkereiverbandsChef Jaanus Murakas und der
jungen, überaus engagierten
Bäuerin Mai Tooming von der
Bio-Genossenschaft WIRU WILI. Und verabschiedet hat sich
das Partnerland am letzten
Messetag mit der Präsentation
des Kinderbuches „Ville macht
sich auf den Weg“ in Anwesenheit der jungen Autorin Kairi
Look, die sich schon früh für’s
Schreiben interessierte, und
Übersetzerin Irja Grönholm.
Herausgegeben vom Schweizer Baltikumspezialisten BaltArt-Verlag hat Kairi Look, die
in Amsterdam und Tallinn lebt,
humorvoll und geistreich über
den jungen, neugierigen Lemur
Ville und seine tollen Abenteuer in Europa zu Papier gebracht. Als aufgeweckter und
interessierter Affe ist er eine
Ausnahme unter seinen ignoranten Artgenossen und findet
in seinem abgelegenen Heimatwald auch niemanden, der
mit ihm die Welt entdecken
will. Also schließt er sich Pierre, einem hochnäsigen, aber
weltgewandten Eichhörnchen
aus Paris an. Als blinde Passagiere gehen sie an Deck eines
Kreuzfahrtschiffs…
Neue Abenteuer von Ville sind
geplant.
Bestellung im Buchhandel oder
direkt bei: info@baltart.ch

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THEMA:

IN

108

KULTUR,

KUNST

MINUTEN

UM

UND

DIE

Seite 7

WISSENSCHAFT

ERDE

von Barbara Ludwig
nung und Gesundheit ausgesucht. Sein ruhiges, freundliches, dem Menschen zugewandtes Temperament überzeugte, ihn als ersten aller potentiellen Kosmonauten auszuwählen. Sigmund Jähn erinnert
sich (ND v. 9.4.11): „Am Abend
des 11. April 1961 schliefen
Gagarin und Titow in einem
kleinen Häuschen in der Nähe
des Startplatzes der Rakete.
Sie wurden am Folgetag 5.30
Uhr geweckt, frühstückten, unterzogen sich einer ärztlichen
Untersuchung und legten mit
Hilfe der entsprechenden Spezialisten die . . . Höhenschutzanzüge an. Dann nahm Gagarin im Raumschiff an der Spitze
der startbereiten Rakete Platz.“
Start 9.07 Uhr Moskauer Zeit.
Umrundung der Erde. Landung
10.55 Uhr Moskauer Zeit mit
einer Ortsverfehlung um 110
km. Gagarin unversehrt und
überglücklich! Nicht nur er
schwelgten im Glück, auch seine Familie, Kollegen, Verwandten, Freunde, ja alle Welt.
Die Erde sei einzigartig herrlich, überaus blau leuchtend,
die Schönheit mit keinem Wort
zu beschreiben, äußerte er
schwelgerisch. Politisch gesehen verschaffte Gagarin der
UdSSR im Kalten Krieg einen
ersten Stellenplatz im Wettrennen mit den USA. Gagarin wur-

Achtzig Jahre alt würde Juri Gagarin am 9. März 2014. Mit ihm begann das Zeitalter der bemannten
Raumfahrt. Vor 53 Jahren am 12.
April 1961 wagte er als erster
Mensch den Aufbruch ins Weltall
mit dem Raumschiff
Wostok
(Osten) 1. Diese Sensation überraschte die ganze Welt. Jubel und
Faszination ergriffen die Menschen
landesweit und länderübergreifend,
ja weltweit. Juri Gagarin wurde gefeiert, mit Ehrungen gewürdigt und
blieb doch der er war: Einfach, bescheiden, fleißig, ehrgeizig und vor
allem ein Mensch wie du und ich.
Juri Gagarin wurde am 9. März
1934 in dem Dorf Kluschino bei
Smolensk geboren. Sein Vater war
Zimmermann, seine Mutter Melkerin. Beide arbeiteten im Kolchos
von Kluschino. Er wuchs mit drei
Geschwistern auf: Walentin, Sonja
und Boris. Nach der Mittelschule
und der Facharbeiterprüfung als
Gießer erwarb er durch ein Studium
das Diplom als Gießereitechniker.
Seine bestandene erste Flugprüfung veranlasste ihn, in der Fliegerschule der sowjetischen Streitkräfte
seinen nun begonnenen Weg fortzusetzen. 1957 wurde er zum Leutnant befördert. Im gleichen Jahr
heiratete er die Ärztin Walentina.
Zwei und vier Jahre später kamen
die Töchter Jelena und Galina zur
Welt. 1960 wurde er gleichzeitig mit
German Titow als einer der möglichen Kosmonauten hinsichtlich EigTHEMA:

WIE

IN

KULTUR,

KUNST

GLASHÜTTE

UND

DIE

Die sächsische Glashütte und Uhren sind ein Synonym. Seit mehr
als 165 Jahren pulsiert hier ein bedeutendes Zentrum der Uhrmacherkunst, lebt das Vermächtnis des
„Glashütter Kleeblatts“ bis heute.
Also Ferdinand A. Lange, Adolf
Schneider, Moritz Grossmann und
Julius Assmann. Ferdinand A. Lan-

Foto: Barbara Ludwig

de gefeiert und geehrt. Noch
während des Raumfluges
wurde er zum Major befördert. Er erhielt den Leninorden, wurde als ‚Held der Sowjetunion‘ gefeiert, ein Krater
auf dem Mond nach ihm benannt, auf russischen Münzen
verewigt, Straßen und Plätze
und ein Forschungsschiff erhielten seinen Namen. Literatur und Filme wurden ihm zu
Ehren erarbeitet. Nun wollte
er als Flieger die Welt erobern. Er erhielt die entsprechende Ausbildung zum
Kampfpiloten. Bei einem
Übungsflug am 27.3.1968 mit
dem als sichersten geltenden
Kampfflugzeug, einer MiG-15
UTI, verunglückten er und
sein Flugausbilder und CoPilot Oberst Wladimir Serjogin
tödlich. Die Welt hielt den
Atem an. Millionenfach wurde
seiner gedacht. In der Sowjetunion wurde er mit einer
Staatstrauer geehrt. Seine
Urne erhielt einen Ehrenplatz
in der Kremlmauer am Roten
Platz in Moskau.

WISSENSCHAFT

UHREN

T I C K E N von Ursula A. Kolbe

ge, der sächsische Hofuhrmacher, war es, der anno 1845
nach dem Versiegen der Silberfunde im Erzgebirge das
Uhrmacherhandwerk in die damals verarmte Kleinstadt südlich von Dresden brachte. Mit
der Ansiedlung seiner drei Mitstreiter, ebenfalls bekannte

Uhrmacher wie er, entwickelte sich die Kleinstadt bald
zum Inbegriff des deutschen
Uhrenbaus mit weltweiter Anerkennung. Ein kurzes Wort
zu Ferdinand A. Lange, den
Uhrmacher, Erfinder, Unternehmer und Regionalpolitiker.
Nach seiner Uhrmacherlehre

www.magazin-spätlese.net

Foto: Hans-Jürgen Kolbe

bei Hofuhrmacher Friedrich Gutkaes
und Studium der Physik und Astronomie ging er drei Jahre auf Wanderschaft durch Europa. In seine
Heimatstadt Dresden zurückgekehrt, bewarb er sich um ein Förderprogramm für den „Bau von Ankeruhren nach Schweizer Vorbild“. Dort
hatte er das System
der
„abgestimmten Partnerschaft“ mit
zentralisierter Endmontage, das sogenannte Verlagswesen, kennen
gelernt. Kurz, F. A. Lange strebte
eine arbeitsfähige Produktion der
Einzelteile an, versuchte die theoretische Grundlage der Feinmechanik
zu vertiefen und für die Uhrenfertigung zu nutzen. Sein Ziel vor Augen, bildete er mit einem Zuschuss
der Sächsischen Landesregierung
und einem Darlehen die ersten 15
Lehrlinge aus, spezialisierte sie auf
die Fertigung von Einzelteilen und
machte sich dadurch von fremden
Zulieferern unabhängig. Damit erfüllte er auch seine der Regierung
gegenüber eingegangene Verpflichtung, Uhrmacher in Glashütte auszubilden, legte so den Grundstein
für die sich daraus entwickelnde Uhrenindustrie.
Die Deutsche Uhrmacherschule
Folglich ein Meilenstein war die am
1. Mai 1878 gegründete „Deutsche
Uhrmacherschule Glashütte“, die
mit ihrer Entwicklung in den Folgejahren mehrmals umbenannt wurde
und ab 1951 bis zur Schließung am
31.12.1992 unter dem Namen
„Ingenieurschule für Feinwerktechnik Glashütte (Sa.)“ handwerklich
spezialisierte Studenten ausgebildet
hat. Schnell verbreitete sich der Ruf
über Qualität, Präzision und Perfektion der Glashütter Taschen- und

später auch Armbanduhren in
aller Welt. Junge Leute von
weither kamen – trotz der damals noch beschwerlichen Reisewege – hierher, um das Uhrmacherhandwerk von den hiesigen Meistern zu erlernen. Mit
der Schule untrennbar verbunden ist auch der Name Ludwig
Strasser (1853 – 1917). 37
Jahre, davon 32 Jahre als Direktor, stellte er sein reiches
Können in den Dienst der weltweit hoch geachteten Bildungseinrichtung. Anlässlich seines
160. Geburtstages würdigte
jüngst die „Stiftung Deutsches
Uhrenmuseum Glashütte – Nicolas G. Hayek“ den begnadeten Pionier der Feinmechanik
und wissenschaftlichen Uhrenlehre in einer Sonderausstellung des Museums, die übrigens wegen großer Nachfrage
bis zum 31. März verlängert
wurde. Weltweit besitzt Strasser den Ruf eines schöpferisch
befähigten Feinmechanikers,
der durch sein außergewöhnliches Vorstellungsvermögen
und seine überdurchschnittliche Begabung für höhere Mathematik aufgefallen ist. Besonders bekannt ist er durch
die Fertigung von Präzisionspendeluhren, die er zusammen
mit Gustav Rohde in der gemeinsam gegründeten Fa.
Strasser & Rohde herstellt.
Das Deutsche Uhrenmuseum
Das Deutsche Uhrenmuseum
hat sich zu einem wahren Anziehungspunkt für Uhrenenthusiasten aus dem In- und
Ausland entwickelt. Hier lebt
Geschichte, kann man die Tradition und Perfektion dieser
Uhrmacherkunst hautnah erleben. Runde drei Stunden waren es am Ende, als ich die
über 400 Exponate (mal mehr,
mal weniger intensiv) mit großem Interesse und, ja, auch
Ehrfurcht vor der oft filigranen
Arbeit, betrachtet hatte. Ob
Taschen-, Armband- und Pendeluhren verschiedener Epo-

Seite 8
chen, Marinechronometer, historische Urkunden, Werkzeuge, astronomische Modelle
oder Metronomen, teils multimedial und kunstvoll erlebbar
gemacht, sie alle widerspiegelten eindrucksvolle und nacherlebbare Uhrengeschichte.
Es war eine Reise durch Raum
und Zeit. Unter dem Motto
„Faszination Zeit – Zeit erleben“ erzählen die Historienräume die wechselvolle Geschichte der sächsischen Uhrenindustrie und ihre berühmten
Persönlichkeiten, die den Ort
zu einer Hochburg des feinen
deutschen Uhrenbaus und seiner Ausbildung gemacht haben. Auch einen Tag vor Silvester hatten sich viele Besucher im historienträchtigen
Haus eingefunden. Ob in einer
Führung oder individuell,
durchlebten wir die Epochen
von Gründerzeit, beiden Weltkriegen, dann nach Kriegsende
Demontage und Enteignung,
Wiederaufbau sowie nach
Jahrzehnten Wiedervereinigung und Neugründung der
Uhrenindustrie. Wobei gerade
die ersten Nachkriegsjahre und
der unbändige Wille der Uhrenmacher zum Wiederaufbau
nach Zerstörung und Demontage mich besonders emotional
berührt haben. Wieder einmal
konnte man das Improvisationstalent, die handwerklichen
Fähigkeiten, der Drang zum
gemeinsamen Vorankommen
überhaupt erahnen. Und dann
zum Schluss die Schauwerkstatt für die Reparatur antiker
Uhren. Mit welcher Präzision,
ruhiger Hand, Geschick und
Augenmerk in der mechanischen Werkstatt gearbeitet
wird, und dann noch mit der
Lupe, damit man die winzigen
Teile und Schrauben überhaupt richtig sieht – Respekt.
Die Kunstuhr von Hermann
Goertz (1892 – 1925) z. B., die
ich im Uhrenmuseum bestaunt
habe, ist aus 1.756 Einzelteilen

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zusammengesetzt. Ihre Besonderheit:
Eine Mondphasenanzeige und ein
Ewiger Kalender. Nur zum besseren
Verständnis: Die Dauer ihrer Wartungsarbeiten aller 20 Jahre, d. h.
auseinander bauen, reinigen und wieder zusammensetzen, beträgt drei
Monate. Ich denke, den Fachmann
faszinieren die multimedial gestalteten
Zeiträume, Laien wie ich versuchen
zu verstehen, wenn einer der Räume
in den Mikrokosmos einer mechanischen Uhr entführt und die Präzision
und das Zusammenspiel hunderter
Einzelteile selbst erleben lässt. Es
war, schlicht gesagt, beeindruckend.
Blickt man heute auf die Kleinstadt mit
ihren Ortsteilen von insgesamt rund
7.000 Einwohnern, kann konstatiert
werden, dass es 1.700 Arbeitsplätze
in der Uhrenindustrie gibt, viele partizipieren indirekt. Zehn Uhrenfirmen
bringen ihre Produkte auf den Markt,
von preiswert bis zur hohen Uhrmacherkunst par excellence. Da ist aktuell die an Exklusivität nicht zu überbietende „Grand Complication“ aus dem
Haus A. Lange & Söhne, deren erstes
Exemplar (auf ganze sechs Stück liTHEMA:

38

KULTUR,

KUNST

TOURISTISCHE

mitiert) zum Jahresende geliefert werden und knapp zwei
Millionen Euro kosten soll. Um
ihre 876 Einzelteile, die u. a.
in einem Gehäuse aus Rotgold und einem Gehäuseboden aus Saphirglas gefertigt
wird, zu montieren, braucht
ein einziger Uhrmacher ein
ganzes Jahr. Oder: Hinter der
Firma Wempe steht Präzision
unter dem sächsischen Himmelszelt. Denn als sich Wempe entschloss, im Ort eine eigene Produktionsstätte zu
betreiben, kam nur die historische Sternwarte hoch oben
auf dem Ochsenkopf über der
Stadt in Frage. Denn wo
sonst, wenn nicht hier, ließe
sich besser die Zeit messen,
exakte Zeitmesser fertigen
und prüfen?
Und seit 2006 bietet sie das
einmalige Erlebnis(nur nach
Anmeldung, weil nicht mehr
als fünf Personen gleichzeitig
die Kuppel betreten können),
die Faszination des SternenUND

himmels am Teleskop selbst
zu beobachten. Attraktiver Anziehungspunkt für Einheimische wie Besucher. Vom
Wempe kommen die zurzeit
einzigen nach deutschen DINNormen geprüften Armbandchronometer. Die Modelle der
Linien Wempe Chronometerwerke und Wempe Zeitmeister
bilden die exklusive Uhrmacherkunst „made in Glashütte i.
Sa.“ – und eine sekundengenaue Präzision.
Nach dem
Besuch im Museum wurde mir
klar, in Glashütte ticken die
Zeichen der Zeit nach wie vor.
Der Geist der Stifter, Traditionen und Kenntnisse des Uhrenbaus an neue Generationen
weiterzugeben, kulturelles Erbe zu bewahren und den
Standort Glashütte nachhaltig
zu fördern und zu stärken,
durchzog auch an diesem vorletzten Tag des Jahres alle
Räume und nahm die Besucher in ihren Bann.

WISSENSCHAFT

LEUCHTTÜRME

Eine Nachricht, die man wohl immer
wieder gern hört: Das Reiseland
Deutschland zählt zu den beliebtesten
touristischen Destinationen Europas,
belegte laut IPK International den ersten Platz vor Frankreich und Italien.
Im Gobelinsaal des Bode-Museums,
eine formidable Kulisse auf der Welterbestätte der Berliner Museumsinsel,
wie Dr. Roland Bernecker, Generalsekretär der deutschen UNESCOKommission, so treffend formulierte,
sprachen die Repräsentanten Petra
Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der
Deutschen Zentrale für Tourismus
(DZT), visitBerlin-Geschäftsführer
Burkhard Kieker und Horst Wadehn,
Vorstandsvorsitzender der UNESCOWelterbestätten Deutschland, zum
Motto „UNESCO-Welterbe – Nachhaltiger Kultur- und Naturtourismus“.
Im Fokus liegen die 38 deutschen Kultur- und Naturdenkmäler. Weltweit
sind es übrigens insgesamt 981, die

Seite 9

IN

D E U T S C H L A N D von Ursula A. Kolbe

dieses internationale touristische Gütesiegel tragen. In
Deutschland haben diese
Stätten eine lange Tradition.
Bereits 1978 wurde der Aachener Dom als erstes Kulturdenkmal in die Erbeliste aufgenommen. Die jüngste und
38., der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, kann seit dem
Juni 2013 diesen verpflichtenden Titel tragen. Für den
2014er
Rahmen
als
„ZeitReise – Vom Anfang der
Welt bis in die Zukunft“ stehen im deutschen Fokus acht
regionale Routen, auf denen
man Zeuge großartiger Kulturleistungen wird und einmalige Naturphänomene aus
tausenden Jahren Geschichte
erlebt. Die Veranstalter haben
es versprochen, die deutschen Welterbestätten wer-

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

den sich zwischen der Insel Rügen und dem Bodensee, vom
Aachener Dom bis zum Holstentor so spannend, kontrastreich und bunt wie nie präsentieren. Im Industriedenkmal
Völklinger Hütte lebt die Popkultur. Und genau 1.200 Jahre
nach dem Tod Karls des Großen in Aachen präsentiert die
Stadt eine hochkarätige Sonderausstellung zum Leben und

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Wirken des legendären Frankenkaisers. Unter dem Titel „Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze“ werden
im Rahmen des Karlsjahres vom 20.
Juni bis 21. September u. a. Meisterwerke der karolingischen Hofwerkstätten gezeigt. Die Musik Johann Sebastian Bachs erfüllt die
Klassikerstadt Weimar. 1714 wurde
er hier zum Konzertmeister der Hofkapelle ernannt, und 300 Jahre danach ist die Ilmstadt Austragungsort
des 89. Bachfestes. Während der
UNESCO-Welterbetag am Sonntag,
1.Juni, mit unzähligen Aktionen gefeiert wird und zeitgleich die Zentralveranstaltung in Bad Muskau stattfindet, wird in der alten Hansestadt
Wismar das neue Welterbezentrum
eingeweiht. Quedlinburg, die Fachwerkstadt mit ihren rund 1.300
denkmalgeschützten Häusern,
THEMA:

NATUR

UND

ESCORT-SERVICE

steht seit nunmehr 20 Jahren
auf der Denkmalliste. Das ist
den Quedlinburgern eine ganze Festwoche und vielen Touristen sicher eine Reise wert.
Ein Anziehungspunkt wird
auch die Open-Air-Ausstellung
„Paradiesapfel“ im Park Sanssouci werden, die von April bis
Oktober erstmals Aspekte wie
Gartenkunst, Landschaft und
Architektur neben Themen wie
Naturschutz, Klimawandel und
Nachhaltigkeit stellt. Der rund
300 Hektar große UNESCOWelterbepark wird damit zum
Ort einer lebendigen Auseinandersetzung um Wert und Nutzen einer historischen Gartenanlage in der Hauptstadtregion
Berlin-Brandenburg. Für ein
besonderes Fest rüsten sich

Seite 10
die Lübecker: Vom 22. bis 25.
Mai ist die Ostseemetropole
Gastgeberin des Internationalen Hansetages. Vier Tage
lang steht die Stadt im Zeichen
von Kunst, Kultur und internationaler Begegnung. Dann wird
die Flagge an den Bürgermeister der estländischen Stadt Viljandi übergeben – sie richtet
den Hansetag 2015 aus.
Schlussendlich widmen sich
besondere Ausstellungen prägenden Epochen. So heißt es
in Regensburg „Ludwig der
Bayer. Wir sind Kaiser“. Die
Stadt Trier dokumentiert „Ein
(en) Traum von Rom“.
M e h r
u n t e r
www.germany.travel;
www.unesco-welterbe.de.

TOURISMUS

DER

Foto: Wolfgang Prietsch

Im Südosten der Insel Rügen, auf
Mönchgut, erstreckt sich zwischen
den Seebereichen Hagensche Wiek
und Having die Landzunge/ Landspitze Reddevitzer Höft. Seit Jahren
verbringen wir im Vorfrühling auf
Mönchgut einen Wanderurlaub, der
uns schon das Umlaufen aller zugänglichen Abschnitte der Rügischen Küste ermöglicht hat. Jedes
Jahr gehört auch eine Wanderung
von Middelhagen über Mariendorf
und Alt Reddevitz bis zur Steilküste
am Reddevitzer Höft zum Programm. Mein liebes Ehegesponst
Christa hat nämlich schon als kleines
Mädchen in den Jahren um 1940

ANDEREN

A R T von Wolfgang Prietsch

hier in Alt Reddevitz mit ihrer
Oma einen „Buddelurlaub“
gemacht, an den sie sich
noch, wenn auch schwach,
zurückerinnert (Anreise damals mit dem Postbus). Vor
einigen Jahren kamen wir wie
immer auf so einer Wanderung zum Höft, schon ein
Stückchen hinter Alt Reddevitz, auf der mit Beton- Elementen aus DDR- Zeiten belegten, zunächst endlos erscheinenden Landstraße an
einem links der Straße gelegenen Grundstück vorbei. Ferienhaus und Garten sind von
einer etwas 1,50 m hohen
Feldsteinmauer zur Straße
hin abgetrennt. Schon kurz
vor dem passieren des
Grundstückes empfing uns
lautes, keineswegs freudiges
Bellen. Dem Ton nach kam
das von einem großen Hund.
Der Verursacher des Bellens
war zunächst nicht zu sehen.
Als wir schon fast am Grundstück vorbei waren, nahm unser noch weiträumig wirksa-

mes Gesichtsfeld mit großem
Erschrecken und sofort einsetzender Angst (AdrenalinAusstoss!) hinter uns einen großen Schäferhund wahr, der gerade mit einem mächtigen Satz
über die Feldsteinmauer sprang
und auf uns zu gelaufen kam.
Wer kann da nicht unsere Angst
verstehen! Wir gingen stark beschleunigt weiter (bloß nicht
rennen, wer weiß, was er dann
macht!). Aber der große graubraun gefärbte Schäferhund
trabte ganz ruhig, mit dem buschigen Schwanz wedelnd, neben uns her. Wenn er bloß endlich wieder zurück geht, war unser Gedanke. Nichts davon geschah, der Hund trabte weiter
neben uns her.
Langsam gewöhnten wir uns an
diese Begleitung. Manchmal
sah er uns von der Seite her an,
manchmal lief er ein Stück voraus und sah sich nach uns um.
So verging die Zeit. Wir kamen
weiter auf dem Weg, an einem
Vierseitenhof vorbei, eine kleine
Anhöhe hinauf, von der man

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einen phantastischen Blick auf die
beeindruckende Landschaft des Rügischen Boddens, auf Seedorf und
Moritzdorf, auf das ferne Jagdschloss Granitz, auf die Bucht von
Alt Reddevitz (wo meine Frau als
Kind am Strand mit Sandformen gespielt hat) und auch auf die Insel
Vilm hat.
Der Schäferhund lief mit uns, oft
auch uns voraus. Woher wusste er,
wohin wir wollten? Die Landschaft
wurde zunehmend interessanter, die
Betonstrasse war zu Ende, es ging
auf und ab durch kleine Wäldchen,
bis wir schließlich das Steilufer des
Reddevitzer Höfts erreichten. Hier
geht eine kleine Treppe hinab zum
schmalen Strand unter der jedes
Jahr weiter abbrechenden Steilküste. Unser – jetzt konnten wir schon
sagen- freundlicher Begleiter blieb
oben stehen, während wir die Treppe hinab zum Ufer gingen und dort
kurz blieben. Als wir wieder hochkamen, war er immer noch da. Auch
auf dem Rückweg verlief alles, wie
THEMA:

VON

NATUR

DER

UND

Seite 11

gehabt. Als uns auf einem relativ engen Wegteil entgegenkommende Wanderer ziemlich
nahe kamen, knurrte unser Begleiter und zwängte sich zwischen uns und die anderen
Leute. War das schon eine
„Beschützerpose“? Wer kennt
die Reaktion so eines Tieres?
Er begleitete uns den ganzen
Rückweg. Als wir an „seinem“
Heimatgrundstück ankamen,
sprang er wie zum Beginn der
gemeinsamen Wanderung wieder über die Mauer. Das wird
er wohl, wenn ihm langweilig
ist, immer so machen, dachten
wir, er ist ja zielsicher bis zur
Höftspitze mitgelaufen. Leider
kennen wir nicht den Namen
unseres freundlichen Begleiters. Aber wir werden diesen
Hund nicht vergessen. Auf
dem Rückweg haben wir in der
Ruhe der wunderbaren mittelalterlichen Middelhagener Kirche mit einem frohen Lächeln

an dieses Erlebnis zurückgedacht. Escort- Service? Sie
haben doch nicht etwa an eine
unserer Großstädte gedacht,
wo bestimmte dienstreisende
Herren - und auch Damen - für
den Abend bei stets dienstbereiten einschlägigen Vermittlungsagenturen einen passenden Partner für Sightseeing,
Barbesuch und intime Stunden
danach ordern können (gegen
ein nicht zu knappes Honorar,
versteht sich!). Nein, unsere
Escort- Service war kostenfrei
und von ganz anderer Natur.
Auch, wenn der Leser dieser
Zeilen dieses unser Erlebnis
nicht selbst haben wird, sei ihm
doch eine Wanderung im frühen Frühjahr, wo noch nicht
viel Trubel herrscht, über Rügensches Land, vielleicht auch
zum Reddevitzer Höft nachdrücklich empfohlen

TOURISMUS

MARZAHNER

BOCKWINDMÜHLE

Foto: Hans-Jürgen Kolbe

Was an der Marzahner Bockwindmühle, das markante Wahrzeichen in Berlins größtem Neubaugebiet, trotz liebevoller Pflege von Müller Jürgen Wolf
auf Dauer nicht gelang – die Bodenverhältnisse ließen ein gedeihliches
Wachsen der jungen Rebensprösslinge
einfach nicht zu – prägt um so mehr
den Alltag im bekannten niederösterreichischen Weinviertel.
Typisch für diese einladende Region

von Ursula A. Kolbe

vor den Toren Wiens sind die
Weingärten auf sanften Hügeln, die sich mit wogenden
Kornfeldern abwechseln. Kulturdenkmäler und verträumte
Kellergassen haben sich mir
eingeprägt.
Überhaupt sind hier Kultur,
Genuss und Lebensfreude
ein gutes Dreigespann.
Schon für den Lyriker Friedrich Hebbel war der Wein die
edelste Verkörperung des
Naturgeistes. Die Ursprünge
der heute rund 13.300 Hektar
Rebfläche, zugleich größtes
Anbaugebiet Österreichs,
reichen bis in die Spätbronzezeit im 10. oder 9. Jahrhundert v. Chr. zurück, also
weit vor den Römern, die ja
oft als die Väter des Weinbaus nördlich der Alpen bezeichnet werden.

Der weite Blick von der Burg
Kreuzenstein
Es war ein kluger Ratschlag,
den Weinviertel-Besuch auf
der Burg Kreuzenstein zu beginnen, wo das Auge über die
Rebberge und weit auf Donau
und vorgelagertes Korneuburger Becken schweift. Man wird
gefangen genommen vom Flair
der unverwechselbaren Landschaft mit seinem pannonischen Klima, in dem auf den
besten Lössböden der Wein
besonders gedeihen kann.
Die Burg Kreuzenstein präsentiert sich als ein Juwel für Mittelalterfans und Romantiker, ist
ebenso eine beliebte Filmkulisse, wie z. B. für Hollywoods
Disney-Film „Die drei Musketiere“. Über eine Zugbrücke
gelangten wir ganz majestätisch in diese perfekte Bilder-

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buch-Burg, deren Ursprünge ins 12.
Jahrhundert reichen. Mehrfach zerstört und originalgetreu mit Materialien aus ganz Europa wiederaufgebaut. War die Besichtigung der einzigartigen Sammlung aus der Welt
des Mittelalters mit unserem Burgführer Ralf Lehnert schon eindrucksvoll an sich, blieben die passenden
Redewendungen und deren Erklärungen dazu
nachhaltig haften.
Denn es sind Sätze, die uns allen im
Alltag so geläufig sind, ohne überhaupt ihren Ursprung zu kennen.
Einige Kostproben: In der Küche: Es
wird nie so heiß gegessen wie gekocht! (Auf den langen Wegen
durch die Burg kühlte das Essen
immer etwas aus, bevor es serviert
wurde.) In der Rüstkammer: Jemanden im Stich lassen! (Half dem Ritter in der Schlacht niemand auf,
konnte man ihn mit der Stichwaffe
töten, weil er nicht rasch genug
hoch kam, er war im Stich gelassen.) Im Rittersaal: Die Tafel aufheben! (Da man keine eigenen Tische
hatte, legte man bei Bedarf eine
Türtafel auf ein Gestell. Nach dem
Essen wurde die Tafel aufgehoben
und die Tür wieder eingehängt.) Im
Fürstenzimmer (Schlafzimmer): Auf
den Hund gekommen! Das Geld
wurde in einer Truhe aufbewahrt, in
der am Boden ein schwarzer Hund
aufgemalt war. War das Geld ausgegeben, sah man den Hund – man
war eben auf den Hund gekommen.
Waren die eisernen Reserven aus
dem Fach darunter ebenfalls weg,
dann war alles unter dem Hund.)
Dank an Rolf Lehnert für all diese
Sprüche aus der Welt des Mittelalters. So spannend kann Geschichte
vermittelbar sein. Mehr unter:
www.kreuzenstein.com .
Expedition in die Welt vor 17 Millionen Jahren
anze 17 Millionen Jahre zurück versetzte uns die „Fossilienwelt Weinviertel“ in Stetten. Es war eine Expedition in eine faszinierende tropische
Welt, in die Zeit der Entstehung des
Weinviertler Austernriffs. Und
zugleich ein Eintauchen in die Unterwasserwelt des verschwundenen
tropischen Meeres und sein arten-

reiches Leben. In der sehr
weiträumigen Halle bewunderten wir das einmalige Naturphänomen, nämlich das weltgrößte, zum Denkmal erklärte
fossile Austernriff. Rund um die
20.000 präparierten Riesenaustern präsentiert eine MultiaMedia-Show die besonderen
Ereignisse, die letztendlich zu
dieser Weltsensation geführt
haben. Über 600 fossile Arten
können bewundert werden.
Der „Star“ bei allem ist die
größte fossile Perle der Welt
und zugleich ältester Muschelschatz – übrigens eine Leihgabe des Wiener Naturhistorischen Museums. Neugierig
besichtigten wir den einer
Turmschnecke nachempfundenen Aussichtsturm, versuchten
uns in den Schürffeldern, wo
man Haifischzähne, Muscheln
und Perlen finden kann. Dazu:
www.fossilienwelt.at.
Mit dem Nostalgie-Express
auf Tour
Noch überwältigt von all diesen
Eindrücken brachte uns der
NostalgieExpress „Leiser Berge“ auf ihrem Weg von WienPraterstern nach Ernstbrunn,
ein Reisegefühl wie anno dazumal. Diese Fahrt im Zug,
bekannt auch als „Weinviertler
Semmering“, mit ihren beachtlichen Steigungen und romantischen Kurven, versetzte uns
im Heurigenwaggon in ungewöhnlich ausgelassene Stimmung. Was sicher nicht zuletzt
an unserenBegleitern Frau Magister Ulrike Hager vom Regionalen Weinkomitee Weinviertel, und Johann Narrenhofer,
Leiter der ÖBB-Erlebnisbahn,
lag. Sie erzählten uns viel Interessantes in Sachen Wein und
Bahn. Allen voran natürlich
der GrüneVeltliner, der Sortenstar der Region. Er gedeiht auf
über 8.500 ha. Und um ihn
geht es, wenn vom Weinviertel
DAC die Rede ist. DAC heißt
soviel wie „Districts Austriae
Controllatus“, das gesetzliche

Seite 12
Kürzel für gebietstypische
Qualitätsweine. Zu erkennen
an seiner hell-, bis grüngelben
Farbe und seinem pfeffrigwürzigen Geschmack – das
vielgerühmte „Pfefferl“ aus
dem „Land der Weine“ eben,
umringt im Norden von der
Thaya und im Süden von der
Donau, im Westen vom Manhartsberg und im Osten von
den Marchauen.
Auch andere Sorten machten
die Verkostungsrunde. So der
Weißburgunder, Riesling und
Traminer. Der Zweigelt und
Blaue Portugiese. Dem Laien
schwirren die Namen im Kopf.
Auf jeden Fall heißt es allerorten zum gebietstypischen Geschmacksprofil: „Ich habe Pfeffer. Mein Wein auch!“
Nun mit Abitur und Matura
Richtig aufregend war es in der
Michelstettner Schule, dem
heutigen Niederösterreichischen Schulmuseum“. Sofort
fühlte ich mich in meine eigene
Schulzeit versetzt. Manch
Überraschung wartet hier auf
Groß und Klein, beginnend mit
konsequenter Einhaltung der
Schulordnung. Schummelzettel
und Klosprüche, Eselsbänke
stahlen sich ins Gedächtnis
und eigene Erinnerungen z. B.
daran, wie es öfter auf meinem
Zeugnis hieß: „Ursula stört mit
ihrem Schwatzen den Unterricht.“ Damals durchaus ein
kleines Vergehen.
Am Ende des Rundgangs
quetschten wir uns jeder in eine uralte Schulbank, und dann
hieß es: Prüfung für die
„Michelstettner Matura“. Ergebnis: Nun habe ich das deutsche Abitur und zugleich auch
die österreichische Matura. Ist
doch toll, oder?
Selbstredend ließen wir anschließend den Abend mit der
gründlichen „Auswertung“ im
Poysdorfer über 200jährigen
Weingut Rieder Veltliner Hof
ausklingen.

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THEMA:

EIN

NATUR

UND

"STIEFEL"

TOURISMUS

VOLLER

Foto: Stefanie Winter / pixelio.de

Goethes Hymne auf Bella Italia aus
dem Jahre 1782 ist vielen wohl auch
heute allgegenwärtig, geflügelte Worte längst seine Zeilen : „Kennst du
das Land, wo die Zitronen blühn, im
dunklen Laub die Goldorangen glühn,
…“ – und immer wieder neue Reisesehnsüchte nach einer „Grand Tour
Italia“ werden wach. Als S. E. Elio
Menzione, Botschafter der Italienischen Republik zum Kamingespräch
über „Italien – wie nah zu Deutschland?“ lud, füllten über 100 Gäste die
altehrwürdige Krypta in der im neoklassizistischen Stil erbauten Residenz in der Berliner Tiergartenstraße.
Zu Recht konnte der Hausherr auf die
jährlich über 10 Millionen deutschen
Touristen in seinem Land verweisen
und sie wie auch seine Landsleute
gern willkommen heißen. Dabei
machte er durchaus keinen Hehl daraus, dass Italien in den deutschen
Medien oft ein verzerrtes Bild von
Land und Leuten darstellen würden.
Der Fakt, dass Italien einer der Nettobeitragszahler in der EU und nach
Deutschland die zweitgrößte Industrienation sei, fände zu wenig BeachTHEMA:

DER

Seite 13

KURZGESCHICHTEN

A N Z I E H U N G S P U N K T E von Ursula A. Kolbe
tung. Dazu gehören ebenso die
100.000 Firmen in Deutschland
mit italienischem Kapital. S. E.
Elio Menzione verschwieg aber
auch die derzeit zu durchlebenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht. Und da Italien als
Tourismusmagnet auch weiterhin beliebtes Reiseziel der
Deutschen bleiben soll, will der
italienische Tourismusverband
ENIT in Deutschland seine Aktivitäten weiter ankurbeln und
auf der diesjährigen ITB mit
dem Motto „Urlaub made in Italy“ offensiv antreten. Dazu entwarfen Tourismus-Direktor
Marco Montini und seine Marketing-Mitarbeiterin Christine
Hübner - auch mit Blick auf die
EXPO 2015 in Mailand – ein
ganzes Spektrum der immer
beliebter werdenden Kultur-,
Wander- und Aktivreisen in das
bezaubernde Land im Süden
Europas. Klar, dass als Magnet
Regionen wie Trentino, Venetien , Lombardei, Toscana,
Emilia Romagna, Sardinien genannt werden. Die italienischen
Tourismusmacher würden sagen, hier sei ein Stiefel voller
Möglichkeiten auf der vom Mittelmeer umschlossenen Appeninenhalbinsel sowie der Poebene und dem südlichen Teil
der Alpen gelegen.
Ein paar Fakten: Mit Kunst- und
Kulturschätzen ist das Land
wahrlich gesegnet, und die
meisten Weltkulturstätten befinUND

den sich im Bel Paese. Nur am
Rande: Mit insgesamt 47 Einträgen in die UNESCOWelterbestätten-Liste steht Italien obenan. (Deutschland hat
38). Solche Zahlen sind einfach
beeindruckend: 95.000 monumentale Kirchen, 40.000 Festungen und Burgen, 30.000 historische Wohnsitze mit 4.000
Gärten, 36.000 Archive und Bibliotheken. Ebenso 20.000 historische Altstädte, 5.600 Museen
und Ausgrabungsstätten,
schließlich 1.500 Klöster. –
Auch Zahlen und Fakten sprechen Bände, sind Anziehungspunkt. Aber in Italien rufen auch
die Berge wie die imposanten
Alpen mit den Dolomiten. Viele
brauchen nur die Seealpen und
das Apennin hören, und dann
geht’s los. Vulkane wie der Vesuv bei Neapel, der Ätna in Sizilien (und höchster Europas) und
natürlich der stets aktive Stromboli. Bei allem nicht zu vergessen die 24 Nationalparks, so
Cinque terre oder der Toskanische Archipel, die Regionalparks und Reservate. Auch
Gardasee, Lago Maggiore, Comer See, Bolsenasee und insgesamt 30 Seengebiete warten
auf die Sommerhungrigen.
Und ganz sicher gehört überall
die viel gerühmte „La cucina italiana – die italienische Küche!“
dazu. Bella Italia!
Mehr unter www.italia.it.

GEDICHTE

H U N D E P R O F I von Christa-Dorit Pohle

Der sehr sympathische Hundeprofi
Martin Rütter hat viel zu erzählen über
seine Erlebnisse mit Hunden. Durch
seine Sendungen im Fernsehen weiß
ich nun, wie vielfältig die Probleme im
Zusammenleben von Mensch und
Hund sein können. Es fasziniert mich,
wie es ihm immer wieder gelingt, diese Probleme zu lösen, auch wenn die-

se dem Hundehalter fast unlösbar erscheinen. Als Kind durfte
er kein Tier haben, seine Eltern
erlaubten es nicht. Da wird
man natürlich neugierig, wie es
dazu kam, dass Hunde in seinem Leben eine Rolle spielen.
Er studierte an der Sporthochschule in Köln, Sportreporter

zu werden, war sein Ziel. Um
sein Taschengeld etwas aufzubessern, entschloss er sich,
Hunde auszuführen. Das gefiel
ihm besser als Zeitungen auszutragen oder als Kellner zu arbeiten. Und es wurde ein voller
Erfolg, die Hundehalter waren
erstaunt und begeistert, wie

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Foto: Moni Sertel / pixelio.de

ausgeglichen und entspannt die
Hunde nach diesen Spaziergängen
waren. Das sprach sich natürlich
sehr schnell herum, und so bekam
er Angebote, die Hunde auch zu
trainieren. Das war der Startschuss
für eine ganz andere Laufbahn. Ohne den Abschluss als Sportjournalist
zu absolvieren, eröffnete er 1995
eine Hundeschule namens „Zentrum
für Menschen mit Hund“. Hundevereine und Hundeplätze gab es ja
schon, aber eine Hundeschule war
zu dieser Zeit noch eine sehr ungewöhnliche Einrichtung. Durch das
Fernsehen wurde der Name Martin
Rütter immer mehr bekannt. Ein Höhepunkt war für ihn die Doku-Reihe
„Der Hundeprofi“, welche 2008 begann. Vor der Kamera gab er
Ratschläge für die Hundehalter, welche Probleme mit den Vierbeinern
haben. Er hat die Begabung, seine
Erkenntnisse lehrreich und zugleich
unterhaltsam an die Zuschauer zu
vermitteln. Die meisten Tierhalter
wissen wohl nicht, dass sehr oft
nicht nur der Hund ein Training benötigt, sondern auch die Hundehalter bereit sein müssen, in das Training einbezogen zu werden, um die
THEMA:

MEIN

KURZGESCHICHTEN

FREUND-EIN

Probleme in den Griff zu bekommen. „Der Hund hat eine
Eigenschaft, eine Fähigkeit, die
kein anderes Tier auf der Welt
leisten kann: Er kann ein artfremdes Wesen, was der
Mensch ja ist, als einen hundertprozentigen Sozialpartner
wahrnehmen“ (Zitat von Herrn
Rütter). So ist gut zu verstehen, dass „der beste Freund
des Menschen“ sehr oft zu einem festen Familienmitglied
wird. Aber auch zwischen den
besten Freunden kann es zu
Missverständnissen kommen.
Wenn Hunde sich für Menschen unverständlich verhalten, dann hat das oft mit dem
Menschen zu tun, weniger mit
dem Tier. Wenn der Profi dann
das Verhalten des Hundes in
die Menschensprache übersetzen kann, hilft es sehr, die Harmonie im Zusammenleben wieder herzustellen. Wenn die
Hunde nicht genügend beschäftigt werden, kommt Langeweile auf, und dann stellen
sie gerne Blödsinn an. Daher
ist es wichtig, dass der Mensch
konsequent ist im Umgang mit
dem Hund, und einmal aufgestellte Regeln eingehalten werden. Härte und Strenge sind
unbedingt zu vermeiden. Es
muss uns klar sein, dass kein
Hund verstehen kann, wenn er
an einem Tag auf die Couch
darf, am nächsten Tag aber
nicht. Herr Rütter hält es für
gut, dass man sich beraten
lässt, ehe man einen Hund zu
UND

Seite 14
sich nimmt. Auf keinen Fall sollte zu Weihnachten ein Hund
verschenkt werden. Er gibt zu
bedenken, dass dann in den
meisten Familien schon genug
Trubel und Unruhe ist und ein
Hund in dieser Situation völlig
überfordert wäre. Wenn Alltag
herrscht und alles ist wie sonst
auch, hat es der Hund leichter,
sich einzugewöhnen. Herr Rütter hat schon mehrere Fachbücher geschrieben, hat Vorträge
gehalten und erfreut mit seinen
Bühnenauftritten viele Menschen. In seinem Programm
„Der tut nix“ gelingt es ihm immer wieder, die amüsanten Erfahrungen aus seiner Trainertätigkeit mit Anekdoten verknüpft
auf humoristische Art zu präsentieren. Damit hat er Erfolg und
die Zuschauer sind begeistert.
Wenn man schon einige Filme
über die Trainingstätigkeit von
Herrn Rütter gesehen hat, spürt
man, dass er mit dem Herzen
dabei ist, wenn es gilt, das Zusammenleben von Mensch und
Hund so harmonisch wie möglich zu gestalten. Er ist der Meinung, wenn die Bereitschaft der
Hundehalter vorhanden ist, sich
auf ein Training einzulassen und
es wirklich konsequent durchzuführen, könnten die verrücktesten Probleme gelöst werden. Ich
freue mich schon auf den
nächsten Film vom Hundeprofi
und auf die DVD mit dem Programm „Der tut nix“. Möge das
Jahr 2014 ein erfolgreiches für
Herrn Rütter werden.

GEDICHTE

H U N D von Christa-Dorit Pohle

Für mich war es sehr interessant, die
Filme von Herrn Rütter anzusehen.
Ich hatte das Glück, mit Tieren aufwachsen zu können und es gab
schon einige Erlebnisse mit Vierbeinern, an welche ich mich noch sehr
gut erinnern kann. Der erste Kontakt
zu einem Hund war leider nicht positiver Art. In unserem Haushalt gab
es damals eine Mischlingshündin.

Und dann kam ich als Baby
hinzu und plötzlich gab es
Probleme. Die Hündin veränderte ihr Verhalten den Menschen gegenüber. Meine Großeltern hatten ein Geschäft und
Senta lag oft sehr friedlich unter dem Ladentisch und beobachtete alles. Nun knurrte sie
auf einmal die Kunden an und

gab zu verstehen, dass sie auch
zuschnappen würde. Keiner
verstand dieses veränderte Verhalten. Als meine Mutter dann
einige Tage später beobachtete,
dass Senta auf einen Stuhl in
der Nähe meines Babykörbchens gesprungen war und
knurrte, durfte Senta nicht mehr
in meine Nähe. Eine Tierärztin

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wurde konsultiert. Sie stellte fest,
dass Senta unter einer eingebildeten Schwangerschaft litt (die Zitzen
waren angeschwollen, um die Hundebabys versorgen zu können). Die
Tierärztin gab den Rat, die Hündin
aus dem Haushalt zu entfernen, da
es passieren könnte, dass sie mir
etwas antut. Meine Eltern befolgten
natürlich diesen Rat. Dann kamen
Kriegswirren, wir waren evakuiert,
lebten auf einem Bauernhof bei Onkel und Tante. Dort hatte ich zu vielen Tieren Kontakt, und ein Schäferhund wurde zu meinem treuen Begleiter. Vom Onkel lernte ich, was
im Umgang mit Tieren zu beachten
ist, damit diese sich wohlfühlen und
wir Menschen dann auch Freude an
der Tierhaltung haben. Der Krieg
war zu Ende, wir kehrten nach Berlin zurück und Terrier Peter wurde
angeschafft. Mit Peter gab es keine
Probleme. Er hatte sich schnell bei
uns eingelebt und fühlte sich wohl,
weil er außer langen Spaziergängen
mit mir ja auch im Garten ständig
freien Auslauf hatte. In der Nachkriegszeit war es ja wichtig, dass wir
im Garten Gemüse anbauen konnten. Also musste ich mir etwas einfallen lassen, um den Hund von den
Beeten fern zu halten. Wenn ich Samen in die Erde brachte, saß Peter
THEMA:

KURZGESCHICHTEN

ROSEMARIE

F.

ZUM

Seite 15

brav in der Nähe und schaute
zu. Ich steckte dann an allen
Ecken des Beetes Stöckchen
in die Erde und verband diese
mit Bindfaden. Dann nahm ich
Peter ganz zart am Halsband,
führte ihn zwischen den Beeten hin und her, erklärte ihm,
dass es nicht gut wäre, auf das
Beet zu laufen. Seine Aufmerksamkeit wurde mit einem Leckerli belohnt. In den ersten
Tagen tapste er schon mal aus
Versehen auf ein Beet. Aber
dann hatte er gelernt, dass es
belohnt wird, wenn er auf dem
Weg bleibt. Es wurden keine
Stöckchen mehr gebraucht und
das Gemüse konnte ungestört
wachsen. Ein Erlebnis gab es
noch mit Peter, welches mir
sehr deutlich in Erinnerung
blieb. Es war Winter, ich hatte
Geburtstag und mein Patenonkel aus Westberlin kam zu Besuch. Welche Freude, er hatte
Windbeutel mit gebracht, wir
waren begeistert. Meine Großmutter hatte die Windbeutel bis
zur Kaffeezeit in den Vorbau
gestellt. Peter muss das wohl
gerochen haben, hatte die
Türklinke runter drücken können und verputzte die fünf
UND

GEDENKEN

Die Wohnung der schwerbehinderten Seniorin war
am 9. April 2013 zwangsgeräumt worden.
Zwei Tage später starb sie.

Foto: Barbara Eckholdt / pixelio.de

Windbeutel. Als Großmutter
den Kaffee gebrüht hatte und
die Windbeutel herein holen
wollte, bekam sie einen
Schreck. Teller am Boden,
Windbeutel verschwunden. Sie
schimpfte wie ein Rohrspatz
mit Peter. Ich konnte die Situation retten. Der arme Peter
brauchte keine Strafe, er hat
noch zwei Tage gelitten, denn
er hatte sich zu viel zugemutet.
Als er so schuldbewusst mit
dem Schwanz wedelnd vor uns
stand, mussten wir alle lachen.
So gab es also zum Geburtstag nur selbst gebackene
Kekse. Unser Peter hat niemals wieder etwas angerührt,
was ihm nicht zugeteilt wurde.

GEDICHTE

-

O B D A C H L O S E von Barbara Ludwig
Da - fasst mich eine warme, feste Hand.
Ein Menschenfreund, ein Helfer gar?
Ein Engel oder - doch Gefahr?

Obdachlos
Das Elend schlägt mich obdachlos,
Die Angst in mir ist, ach, so groß!
Hab keinen Funken Hoffnung mehr
Und keinen Mut zum Leben.
Hab keine Kraft zum Sterben.
Was soll aus mir bloß werden?
An einer Hauswand sink ich nieder,
Spür mein Herze nicht, nicht meine Glieder.
Die bittre Not, sie raubt mir den Verstand!

Die Hand führt mich ins klare Licht,
Heraus aus tiefster Schwärze Pein.
Ich fühle mich so schwerelos und frei.
Vorbei die Not!
E s i s t v o r b e i.

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THEMA:

OSTERN

KURZGESCHICHTEN

AUF

DEM

Gemeinde hatte sich etwas
einfallen lassen. Ein Stück
Park mit einer Wiese war abgesperrt und konnte nur mit
einem "Eintrittsgeld" betreten
werden. Auf einer angrenzenden Freifläche waren Verkaufsstände aufgebaut und Bauern
stellten ihre Kleintraktoren zur
Schau. Auf der Wiese blühten
Osterglocken und Narzissen
und auch selbst das Gras war
recht gut gewachsen. Das
Wetter war auch frühlingshaft
schön und so konnte das Eiersuchen für die Kleinen beginnen. Ehrenamtlich tätige Bürger hatten auf der Wiese bunte
Ostereier und Schokoladenosterhasen versteckt, die von den
Kindern gefunden werden sollten. Endlich war es soweit und
die "Tore" wurden geöffnet. die
etwas größeren Kinder stürmten los und die kleineren wurden von Vater oder Mutter begleitet. Das war eine Freude
bei den Kindern wenn sie endlich ein Versteck entdeckt hatten und den Fund stolz präsen-

Besuche bei den Kindern finden
wohl bei vielen Menschen zu bestimmten Feiertagen statt. So ist
auch bei uns. Ostern, Pfingsten und
Weihnachten sind da besonders beliebt. So hatten wir uns mit unserem
Sohn und seiner Familie geeinigt,
dass wir, meine Frau und ich, zu
Ostern alle besuchen werden. Da
wir auch einen Urenkel in seiner Familie hatten, war dieser Besuch ein
besonderer. Neben dem Familienessen und dem Informationsaustausch über Leben und Ereignissen
in der vergangenen Zeit, war ein
"Ostereiersuchen" für unseren Urenkel eingeplant. die Enkelkinder waren dafür alle schon zu groß. Die

EINE

KURZGESCHICHTEN

GANZ

GEDICHTE

L A N D E von Rudolf Winterfeldt

Foto: Rudolf Winterfeldt

THEMA:

UND

Seite 16

BESONDERE

Die kleine braune Maus rekelte sich
in ihrem gemütlichen Nest tief unter
der Erde. Plötzlich stieg ihr ein ganz
besonderer Duft in die Nase. Rasch
huschte sie zum Eingang ihres Baues und schaute hinaus. Tatsächlich!
Der Frühling war da. Die Sonne
schien vom blauen Himmel und die
ersten Blumen reckten ihre Köpfe
zum lang vermissten hellen Licht
empor. Es duftete nach Erde, nach
sprießendem Gras, einfach unbeschreiblich gut – eben nach Frühling.
Die Maus schnupperte genießerisch
und blickte sich um. Ihr Bau lag gut
versteckt zwischen den Wurzeln einer uralten Buche. Dieser Baum hatte sie schon oft beschützt, wenn ihr
größere Tiere ans Leben wollten.
Unweit daneben stand eine hölzerne

UND

tierten. Doch auch hier gab es
wieder gierige Mitmenschen, die
ihren Kindern die Verstecke
zeigten und so ihren Kindern
das Suchen abnahmen. Dadurch war ihr Ergebnis auch wesentlich größer. So manch
schüchternes Kind fand dann
keinen "Osterhasen" und war
traurig. Aber da gab es ja noch
den "Großen Osterhasen" auf
der Wiese. Der Veranstalter
kannte
wohl
seine
"Pappenheimer" und so überreichte der "Osterhase" diesen
Kleinen ihren Schokoladenosterhasen aus seinem Körbchen.
Da war der Schmerz schnell
vergessen und die Tränchen
getrocknet. Unser Urenkel hatte
auch zufriedenstellend gefunden und war glücklich und zufrieden. Zum Abschluss wurden
noch die Traktoren bewundert
und am Stand etwas für den
Magen eingekauft. Es war ein
schöner und erlebnisreicher Ostersonntag und unser Urenkel
hat lange davon geschwärmt.

GEDICHTE

F R E U N D S C H A F T von Tina Gonschorek
Bank, auf der sich sehr gern
Menschen niederließen. Noch
allerdings saß niemand dort,
da es noch früh am Morgen
war und so begab sich das
Mäuschen erst einmal auf Nahrungssuche. Viel später an diesem Tag lugte sie erneut aus
ihrem Eingang hervor, und siehe da, jetzt saßen zwei Menschen auf der Bank, die sich
angeregt unterhielten. Die kleine Maus saß ganz still, denn
sie wusste genau, was passieren würde, wenn die Menschenfrau sie erblickte. Es war
immer das gleiche! Die Frauen
sprangen hektisch herum und
stießen schrille Schreie aus.
Die Maus konnte das gar nicht

verstehen. Schließlich war sie
doch so winzig klein im Gegensatz zu den Riesen und hätte
viel mehr Grund Angst zu haben! Die hatte sie aber nicht, da
sie wusste, dass die Menschen
zwar sehr laut, aber auch sehr
langsam waren. Das Seltsamste
was sie in diesem Zusammenhang einmal gesehen hatte, war
eine große dünne Frau gewesen, die mit einem einzigen Satz
kreischend auf die Bank gehüpft
war und erst wieder herunterkam, nachdem die Maus, entsetzt durch das Geschrei, in ihren Bau geflüchtet war.
Aber diesmal war alles ganz anders. Die Menschenfrau entdeckte sie zuerst und sprach

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dann leise mit dem Mann, woraufhin
sich beide ganz vorsichtig herunterbeugten, um das Mäuslein besser
sehen zu können. Die Maus starrte
sie ganz ungläubig an. Sie wusste
gar nicht, dass Menschenfrauen so
leise und melodisch sprechen konnten. Wenn sie die Menschensprache
verstanden hätte, so wäre sie sicher
beglückt gewesen zu hören, dass
sie als „so was von niedlich“ und
„süßes Mäuschen“ bezeichnet wurde. Nachdenklich betrachtete sie
diese seltenen Exemplare der Gattung Mensch und schlüpfte dann in
ihren Bau. Der Frühling schritt voran. Ihre wunderschöne Buche bekam neue Blätter und die kleine
Maus liebte es, zwischen den schützenden Wurzeln in der Sonne zu
sitzen und dem Raunen und Rauschen des alten Baumes zu lauschen. Sie spürte förmlich das Aufsteigen des Saftes bis hoch in die
Spitzen. Im Herbst würde es wieder
die leckeren Bucheckern geben, die
THEMA:

EIN

KURZGESCHICHTEN

UNGLÜCK

KOMMT

sie so gern in ihren Speiseplan
aufnahm. An vielen Tagen bekam sie bekannten menschlichen Besuch. Während die
Maus, die begriffen hatte, dass
ihr von diesen Menschen keine
Gefahr drohte, immer mutiger
wurde, waren die Menschen
dazu übergegangen mit ihr zu
sprechen und eines Tages legten sie ihr vorsichtig einige
wohlschmeckende Krümel in
die Nähe ihres Mauselochs.
Und das war dann der Beginn
einer wunderbaren Freundschaft. Die kleine Maus machte
die Menschen mit ihrer großen
Familie bekannt. Die Mäusekinder tobten schließlich ganz
mutig um die riesigen Füße der
Menschen herum. Die Frau
und der Mann hingegen brachten bei jedem Besuch einige
Leckereien für die Großfamilie
mit und hatten unglaublichen
Spaß daran, die lustig hin und
UND

SELTEN

Foto: roberta M. / pixelio.de

Zwei in einem Boot
Vor über 25 Jahren arbeitete ich ein
paar Jahre an einer Schule in Demmin..
Mein Bus fuhr jeden Morgen um 6.00
Uhr und hielt gegen 6.30 Uhr in
Demmin am Markt. Von dort hatte
ich noch einen Fußweg von 20 Minuten. Da die Schule um 8.00 Uhr anfing, hatte ich Zeit. Bei schönem
Wetter ging ich gern langsam. Wenn
Elke, eine Bekannte, die im Kindergarten in der Nähe arbeitete, Früh-

Seite 17

Foto: GabiB / pixelio.de

her wuselnden Mäuse zu betrachten. Sie waren sich dieser
einmaligen und ganz besonderen Freundschaft zwischen zwei
völlig unterschiedlichen Spezies
bewusst, die zwar nicht miteinander kommunizieren konnten,
sich aber trotzdem wunderbar
verstanden und gemeinsam
friedvolle Stunden verbrachten.

GEDICHTE

A L L E I N von Gabriele Lutzke

schicht hatte, gingen wir gern
zusammen und unterhielten
uns.
So war es auch an einem
Frühlingsmorgen im April. Auf
unserem Weg überquerten wir
eine kleine Brücke, die über
die Tollensee führt.. An diesem
Morgen mussten wir warten,
denn die Brücke sollte gerade
für den Bootsverkehr geöffnet
werden. An der Mauer vor der
Brücke lagen 3 oder 4 kleinere
Boote, die auf die Durchfahrt
warteten. Weiter entfernt kam
noch ein größeres Segelboot,
dass langsam auf die Brücke
zutrieb. Zwei Männer an Deck
liefen nervös hin und her und
versuchten, das Boot anzuhalten, denn es trieb langsam,
aber unaufhörlich weiter. Die
beiden Männer beschimpften
sich. „Mach doch was! Das
Boot treibt auf die Brücke zu!
Halt doch endlich das Boot an!“
Plötzlich hatte einer der Män-

ner eine Idee. An der Ufermauer
befand sich eine alte, rostige
Treppe. An einer Stufe hielt sich
der Mann fest und wollte so das
Boot aufhalten. Schnell merkte
er, dass es anscheinend zu
schwer war, denn nun beschimpfte er den anderen
Mann.: „Mach doch was, du Idiot! Ich kann nicht mehr.“ Doch
der andere konnte ihm nicht helfen. Das Boot trieb weiter, während der Mann an der Treppe
hängen blieb. Er schrie dem anderen hinterher; Komm zurück,
du Idiot! Ich kann mich nicht
mehr halten.“ So ging es eine
Weile, dann fiel er in das noch
ziemlich kalte Wasser. Die
„Zuschauer“ lachten, denn inzwischen hatten sich dort einige
Passanten eingefunden. Im
nächsten Moment krachte es
und alle sahen sprachlos zu wie
der Mast des Segelbootes
brach.

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THEMA:

KURZGESCHICHTEN

UND

Seite 18

GEDICHTE

F R Ü H L I N G von Brigitte Foerster
Oh Frühling – du bist angekommen,
hast viel Power und Energie aufgenommen,
um dich zu entfalten für Mensch und Tier,
wir freuen uns riesig, denn du bist hier.
Ich gehe in den Garten und sehe dich,
grünes Gras und blühende Zweige hast du für mich.
Wie schön, dass die Amsel ihr Lied wieder singt,
eine Gabe, die mich noch fröhlicher stimmt.

Foto: Petra Dirscherl / pixelio.de

Ein Garten voller Blütenpracht,
der auch den Zauber bei mir entfacht.
Mehr Geduld, Hoffnung und auch mehr Liebe
und der Wunsch, dass alles Schöne für immer so bliebe.
Mein Herz ist froh, es fällt mir leicht,
danke Natur, du hast es erreicht,
ich freu mich: der Frühling, er ist erwacht,
die Natur, sie hat das Wunder vollbracht.

THEMA:

RUND

KURZGESCHICHTEN

UM

UND

GEDICHTE

S C H U T Z von Hanna Scotti
versicherungen versichern
versicherte nicht gegen
versicherungen der versicherer
sichern aber versicherte
vor versicherten

Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

THEMA:

DER

KURZGESCHICHTEN

LETZTE

damit der sicherheitsring rund
um die versicherungen sicher
bleibt bleibt der ring der
versicherten sicher rund
um schutz
los!
UND

GEDICHTE

S C H N E E von Rela Ferenz
Noch mal das Zauberbild.
In weißen Charme gehüllt
ist jeder Zweig.
Es weht von weit wie Mai.
Wie Spielzeug geht
das dünne Kleid entzwei.
Die Tränen trinkt der Wind.
Bald kommt ein Blumenkind
und macht sich frei.

Foto: Joujou / pixelio.de

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THEMA:

LUDWIG

LITERATUR

RENN

-

UND

Seite 19

BUCHTIPPS

ERINNERUNG

AN

EINEN

SCHRIFTSTELLER

von Waltraud Käß
„Es ist schon lange
her, da wurde fern in
einem afrikanischen
Urwalddorf ein Negerjunge geboren, der den
Namen Nobi erhielt.“
So lautet der erste
Waltraud Käß
Satz des Kinderbuches „Der Neger Nobi“
von Ludwig Renn, und führte damit
die Leser in die Erlebniswelt des kleinen Jungen auf dem afrikanischen
Kontinent ein. Nobi hatte viele Freunde, z.B. Gingu die schwarze Otter,
oder den kleinen Gorilla Mafuka und
auch das Flusspferd Pongu. Er
kämpfte gegen die Sklavenhalter und
gewann dadurch die Bewunderung
der Dorfbewohner. Bis zum Jahre
1962, also bis zur 7. Auflage, lasen
mehrere Generationen der Kinder der
DDR dieses Buch mit Spannung und
großem Vergnügen. In jenen Jahren
war das Wort „Neger“ noch nicht
durchgängig negativ belegt, schon gar
nicht in der DDR, in der es eine breite
Solidaritätsbewegung mit den jungen
afrikanischen Staaten gab, die sich
gerade vom Kolonialismus befreiten.
Ihnen galt die Sympathie der DDRBürger. In den Schulen und in der Pionierorganisation wurde diese Solidaritätsbewegung durch vielfältige Aktionen auch von den Kindern getragen.
Die Kinder der DDR waren sowieso
auf der Seite des Jungen Nobi, dem
Guten, dem Tapferen, dem kleinen
Neger zu finden, der gegen das Böse,
die Sklavenhalter, kämpfte. Allerdings
wurde der Begriff „Neger“ in anderen
Regionen der Erde sozusagen als
Kampfbegriff gegen die dunkelhäutige
Bevölkerung verwandt und wurde damit zum entwürdigenden Schimpfwort.
Die Bezeichnung „Nigger“ ist mir eigentlich erst mit dem Erscheinen des
Buches „Onkel Toms Hütte“ ins Bewusstsein gedrungen. Ab der 8. Auflage trug das Buch nur noch den Titel
„Nobi“. Ludwig Renn war der Künstlername des Arnold Friedrich Vieth
von Golßenau, der am 22. April 1889
in Dresden geboren wurde. Er war der
Spross einer sächsischen Adelsfami-

lie, deren Stammsitz sich in
Golßen in der Niederlausitz
befand. Durch den Vater, Carl
Johann Vieth von Golßenau,
der als Mathematikprofessor
und Erzieher am Dresdner Königshof arbeitete, kam es zu
einer freundschaftlichen Bindung mit dem Kronprinzen. Sie
setzte sich fort im 1.KöniglichSächsischen Leib-GrenadierRegiment, wo beide ihre Offizierslaufbahn begannen. Der
1. Weltkrieg sah Arnold Friedrich Vieth von Golßenau in den
Jahren 1914 -1918 an vorderster Front, als Kompanieführer,
als Batallionsführer an der
Westfront. Als das deutsche
Kaiserreich zerschlagen war,
wurde er Hauptmann der
Dresdner Sicherheitspolizei. Im
Jahre 1920 quittierte er jedoch
den Dienst. Zum Nachdenken
angeregt hatten ihn kurz vorher
die Geschehnisse während
des Kapp-Putsches. In dessen
Verlauf weigerte er sich, auf
revolutionäre Arbeiter zu schießen. Im Jahre 1928 erschien
sein erster Roman „Krieg“. Es
ist ein autobiografischer Roman, in dem von Golßenau
seine Erlebnisse als Offizier im
1. Weltkrieg verarbeitete und
muss in die Reihe der Bücher
eingeordnet werden, in denen
auch andere Schriftsteller unter
verschiedenen Sichtweisen
ihre Erlebnisse verarbeiteten,
wie z.B. Ernst Jüngers „In
Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarque „Im Westen
nichts Neues“. In „Krieg“ lässt
der Schriftsteller den Soldaten
Ludwig Renn die Monotonie
des Frontsoldaten erleben, jagt
ihn durch das Inferno von Stellungskrieg und Gaskrieg, lässt
ihn Verwundungen davon tragen und Auszeichnungen und
Beförderungen erhalten. Sachlich und ohne Emotionen lesen
sich seine Schilderungen mit-

Foto: Renate Kalloch / pixelio.de

unter so: Bevor der Soldat Ludwig Renn, den schweren Tornister auf dem Rücken, auf dem
Kasernenhof antreten muss,
gönnt er sich einen letzten Besuch in der Kantine. Dort standen Soldaten vor dem Schanktisch. „Du Ludwig!“ Ziesche
schob mir grinsend ein
Schnapsglas hin. „Auf den ersten Russen!“ Ich stieß mit Ziesche an. Im Hintergrund hielt ein
bärtiger, dicker Gefreiter eine
Rede:“Die sollen sehn, was
deutsche Hiebe sind, die Hunde!“ Es stieß ihm auf. „Ich kenne
das Gelichter!- Ich war nicht umsonst drei Jahre in Paris!- Wenn
nur ein deutscher Landstürmer
kommt, laufen sie schon davon!“
Diese Euphorie sollte allerdings
sehr schnell in den Schützengräben des tief gestaffelten Grabensystems verfliegen. Handgranaten, Flammenwerfer, Maschinengewehre und schließlich
Gas wurden im Kampf Mann
gegen Mann eingesetzt. Von
den Soldaten wurde täglich der
Einsatz ihres Lebens verlangt.
Entsprechend wuchs die Zahl
der Toten. Spannungen zwischen Offizieren und Soldaten
und wachsender Ungehorsam
der Untergebenen prägen gegen Ende des Krieges die Situation. In diesem Jahr 2014, am 1.
August, ist es hundert Jahre
her, dass vor dem Berliner
Schloss die Mobilmachung für
den 1. Weltkrieg verkündet wurde. Am 6. August 1914 sprach
Wilhelm II. in seinem Aufruf an

DAS MAGAZIN FÜR AUFGEWECKTE
SENIORINNEN UND SENIOREN
sich, zu Fuß eine Reise durch Südeuropa und den Orient zu unternehmen. In seinem Bericht „Zu Fuß zum
Orient“ schreibt er über seine Begeisterung in Florenz, wo er Michelangelos David gegenüber steht,
„dessen Hände von schwerer Arbeit
geformt seien.“ In Griechenland war
er entsetzt vom Leben auf dem Lande, über die Armut, die er antraf.
Doch bewegte ihn sehr, dass gerade die Ärmsten sehr gastfreundlich
waren. Überall stellte er fest, dass
für die Aufrüstung des Militärs unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung standen, während dessen die
Menschen hungerten. Seine Erkenntnis: „Man müsste die Welt verändern, das Elend beseitigen. Aber
wie?“ Dafür hatte er zu diesem Zeitpunkt kein Rezept. Eine seiner Konsequenzen bestand darin, den
Adelstitel abzulegen und den Namen seines Romanhelden aus
„Krieg“ anzunehmen. Es folgte der
Eintritt in die KPD und den RotfrontKämpferbund. Er wurde Herausgeber der kommunistischen Literaturzeitschriften „Linkskurve“ und
„Aufbruch“. Im März 1933 wird Ludwig Renn verhaftet und 1934 zu 30
Monaten Zuchthaus verurteilt. In
Spanien tobt der Bürgerkrieg und
Ludwig Renn folgt dem Ruf der Partei in die Thälmann-Kolonne und
den Generalstab der XI. Internationalen Brigade. Wie viele seiner
Kampfgenossen flieht er nach der
Niederlage, begibt sich ins Exil nach
Mexiko. Hier erscheint im Jahre
1944 sein Roman „Adel im Untergang“. Er kehrt im Jahre 1947 nach
Deutschland zurück. KPD und SPD
waren inzwischen zur SED verschmolzen und folgerichtig wird
Renn deren Mitglied.
Ab 1952 arbeitet Ludwig Renn als
freier Schriftsteller. Er ist ein ungemein fleißiger Arbeiter
und hat ein Herz für
BEZIRKSAMT MARZAHNKinder, denn auch für
HELLERSDORF VON BERLIN
RIESAER STRAßE 94
diese schreibt er seine
12627 BERLIN
Bücher. Es erscheiREDAKTION SPÄTLESE
nen „Trini“- die GeTelefon: (030) 90293-4371 Telefax: (030) 90293-4355
schichte eines Indiadas deutsche Volk u.a. folgende
Worte: “Auf zu den Waffen! Jedes
Schwanken, jedes Zögern wäre
Verrat am Vaterlande.“ Die Begründung der Regierungen, einen
Krieg zu beginnen oder ihn zu führen, klingen oft ähnlich. Ob Verrat
am Vaterlande, oder die Verteidigung der Freiheit am Hindukusch –
immer wird damit moralischer
Druck auf den Einzelnen ausgeübt,
dem Vaterland zu dienen. Das
deutsche Kaiserreich war eine
Großmacht geworden, aber es
wollte eine Weltmacht werden. Das
wurde den Soldaten verschwiegen.
Deutschland begann einen 2. Weltkrieg mit einer fadenscheinigen
Begründung – und es wurde besiegt. Doch noch heute, viele Jahre
später, ist es wieder in Kriegshandlungen verstrickt, aktiv und passiv.
Nichts gelernt? Nichts gelernt! Bücher gegen den Krieg haben also
an Aktualität nicht verloren und
sind notwendiger denn je. Bei Ludwig Renn wird im Verlaufe der
Kriegshandlungen aus dem eher
unpolitischen Soldaten ein zunächst noch unsicher Suchender in
den politischen Wirren der Zeit.
Das wachsende politische Bewusstsein in den Auseinandersetzungen der revolutionären Bewegungen zwischen 1918 und 1921
beschrieb Renn in Fortsetzung seines ersten Romans in „Nachkrieg“.
Das Buch erschien im Jahre 1930
und beschreibt anschaulich die
Kämpfe zwischen der revolutionären Arbeiterschaft und den reaktionären Kräften des Militärs.
Nachdem von Golßenau im Jahre
1920 den Militärdienst verlassen
hatte, widmete er sich dem Studium der Juristerei, der Nationalökonomie und der Kunstgeschichte. In
den Jahren 1925/26 entschloss er

E-Mail: magazin-spaetlese@gmx.de,
Internet: www.magazin-spätlese.net

nerjungen im Jahre 1954,
„Der Neger Nobi“ im Jahre
1955, „Herniu und der blinde
Asni“ im Jahre 1956, „Herniu
und Armin“ im Jahre 1958,
diese Germanensaga, in der
er beschreibt, wie es zur
Schlacht im Teutoburger
Wald kam. Daneben noch
viele andere populäre Werke. Für seine umfangreiche
Arbeit erhielt er zweimal den
Nationalpreis der DDR. Anlässlich seines 70. Geburtstages im Jahre 1959
wurde er mit einem Buch
„Ludwig Renn zum 70. Geburtstag“ geehrt. In diesem
Buch aus dem AufbauVerlag findet sich folgender
humoristischer Beitrag:
„Der Kampf um das eierlegende Wollschwein
Einst fiel einem Züchter ein,
wie die Tierwelt würde sein,
wenn man durch geschicktes Paaren, Fische schüf mit
krausen Haaren. Die könnt‘
man wie Pudel scheren.
Und die Arten sonst vermehren. Was wir brauchen, ist
ein Schwein, das Merinowolle trägt und dazu noch Eier
legt. Das soll Ihre Züchtung
sein“. Ein Hinweis auf einen
Menschen, der vieles oder
alles kann, der allen Ansprüchen genügt. Von 1952 bis
zu seinem Tode im Jahre
1979 wohnte Ludwig Renn
mit seinem Partner und einem Freund in BerlinKaulsdorf, heute dem Bezirk
Marzahn-Hellersdorf von
Berlin zugehörig. Gemeinsam mit diesen wurde er auf
dem Zentralfriedhof BerlinFriedrichsfelde beigesetzt.
Zu Ehren seines 125. Geburtstages am 22. April soll
an ihn erinnert werden. In
Marzahn-Hellersdorf von
Berlin trägt noch heute eine
Straße seinen Namen, in
Potsdam ist es eine Schule.
        
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