Path:
Volume 9. Sitzung, 20. Oktober 1938

Full text: Stenographische Verhandlungsberichte über die Beratungen mit den Ratsherren der Reichshauptstadt Berlin (Public Domain) Issue5.1938 (Public Domain)

Sitzung am 20. Oktober 1938 
97 
aufbieten zu müssen, um in diesem Konkurrenzkampf 
zu bestehen. Heute sind 5 oder 6 Lehrbücher aus 
gesucht. Diese bleiben nun praktisch für Jahre hinaus 
bestehen. Es besteht keine Neigung mehr, irgendwie 
dafür zu sorgen, daß das Niveau dieser Bücher 
gehalten oder gar gesteigert wird und daß sie den 
neuen Zeitersordernissen angepaßt werden. Kurz und 
gut, es wird die Möglichkeit der Auslese des Guten 
und damit überhaupt die Möglichkeit der Anspannung 
von Kräften für diesen Zweck in ganz erheblichem 
Maße unterbunden. Deswegen bin ich der Meinung, 
daß dieser Erlaß in jeder Beziehung als unglücklich zu 
bezeichnen ist, da er einer Uniformierung im Geistigen 
Vorschub leistet, die wir uns im Dritten Reich unter 
gar keinen Umständen leisten können. 
Sodann eine weitere Frage, die jetzt zu Beginn 
des Schulhalbjahres gerade für den Schulbetrieb 
außerordentlich akut ist. Es ist die Inanspruchnahme 
der Turnhallen für die Lagerung von Getreide. Dabei 
ist ein sehr merkwürdiges Verfahren angewandt 
worden. Bei uns im Bezirk Reinickendorf hat sich 
folgendes abgespielt: 
Am 15. September fordert die Reichsgetreide 
stelle vom Bauamt Angaben darüber, welche Turn 
hallen für Getreidelagerung im Bezirk zur Verfügung 
gestellt werden können. 
Am 16. September übersendet die Hochbauver 
waltung — ohne die Schulverwaltung zu benach 
richtigen, — der Reichsgetreidestelle ein entsprechendes 
Verzeichnis. 
Am 27. September wird durch die Reichsgetreide 
stelle dem Hochbauamt bestätigt, daß die Turnhallen 
beschlagnahmt seien. 
Bis zu diesem Zeitpunkt hat die Schulverwaltung 
überhaupt nichts gewußt! 
(Heiterkeit) 
Jetzt hören wir allmählich gerüchtweise davon, daß 
wir voraussichtlich demnächst über die Turnhallen 
nicht mehr verfügen können. Rückfragen ergeben, 
daß die Turnhallen voraussichtlich vom 15. Oktober 
bis zum 30. Juni nächsten Jahres gebraucht werden, 
daß man also deswegen offensichtlich doch erhebliche 
Umstellungen in den Stundenplänen durchführen muß: 
denn es ist unmöglich, für die an sich schon doppelt 
und dreifach besetzten Turnhallen, die uns jetzt alle 
entzogen find, nun Raum irgendwo anders, sei es 
in Lokalen oder sonst irgendwo, sicherzustellen. Man 
wird sich vielmehr damit abfinden müssen, daß wir 
den Turnunterricht auf 2—3 Stunden heruntersetzen 
und die ausfallenden Turnstunden mit anderem 
Unterricht ausfüllen. 
Das alles hat sich also abgespielt zwischen allen 
möglichen anderen Stellen, nur nicht im Einvernehmen 
mit der Schulverwaltung. 
Dann kommt schließlich noch folgendes: Ein 
Rektor fragte bei der Reichsgetreidestelle an, wann 
er mit der Belegung seiner Turnhalle zu rechnen 
habe. Antwort: Das erledigt die dazu bestimmte 
Firma. — Folgt Anfrage an die Firma. Antwort: 
Ihre Turnhalle kommt überhaupt nicht in Frage, 
denn sie riecht nach Gummi, 
(Heiterkeit) 
das Getreide wird verdorben. Wir lehnen jede Ver 
antwortung ab. Wir lagern nur, wenn die Reichs 
stelle das befiehlt. — Eine Entscheidung trifft kein 
Mensch! 
Es wird weiterhin dabei gefragt: Wie können 
wir die Turnhalle denn in Anspruch nehmen, wenn 
die Schulverwaltung nichts zu sagen hat und uns 
keinen Preis für die Überlassung der Turnhalle 
bekanntgibt? 
Meine Herren! Ich glaube, das ist ein Verfahren, 
das sich allmählich in ganz Berlin unangenehm bemerk 
bar macht. Charlottenburg hat vor 4—5 Tagen von 
seinem Glück erfahren. Aber in dieser Form geht es 
nicht! Zum Teil werden diese Maßnahmen streng 
geheim mit der IV-Abteilung gemacht. Ich weiß nicht, 
was dabei geheim fein soll, wie überhaupt mit Geheim 
haltung, nebenbei gesagt, ein furchtbarer Unfug ge 
trieben wird. 
(Beifall) 
Jedenfalls geht es so nicht weiter. Wir müßen 
zum mindesten verlangen, daß die Schulverwaltung 
rechtzeitig über solche Maßnahmen unterrichtet ist, 
damit sie sich darauf einrichten kann und ihr nicht 
plötzlich derartige Dinge über den Hals kommen, die 
den gesamten Schulunterricht durcheinanderbringen. 
Schließlich als Letztes, da wir gerade im Zuge 
find, die Frage der Studienassessoren. Zu jedem Halb 
jahreswechsel kommen die Anfragen von Assessoren, 
die in Sorge sind, was im nächsten Halbjahr m't ihnen 
werden soll. Ich habe einen besonders krassen Fall im 
Auge, wo es sich um einen Studienassessor handelt, 
der Ehrenpatenschaftsinhaber der Stadt Berlin für 
sein drittes Kind ist. Auch dieser Mann, der seit 
Anfang 1929 Parteigenosse ist und der sich in Spandau 
sehr nachhaltig und intensiv für die Bewegung ein 
gesetzt hat, lebt jedes Halbjahr wieder unter der Un 
gewißheit, was mit ihm werden soll. Auf Hinweise 
auf die Ehrenpatenschaft der Stadt Berlin wird der 
Mann von den entsprechenden Stellen der Schulver 
waltung — ich glaube, es ist Steglitz, Parteigenosse 
Treff, — dahin belehrt, daß das für die Behörde 
keinerlei Bedeutung habe. Erst wenn alle sonstigen 
Bedingungen vorhanden seien, könne er unter gleich 
altrigen und gleichwertigen Assessoren, als Mann mit 
3 Kindern, einen Vorrang haben. Das klingt be 
sonders nett, wenn man aus der Aufstellung, die der 
Herr Stadtschulrat kürzlich hat machen lassen und die 
mir heute morgen zugegangen ist, ersehen muß, daß 
sich der Familienstand der gesamten Berliner Lehrer 
schaft etwa so stellt: 
Von ungefähr 7000 festangestellten männlichen 
Lehrern sind" 
ledig 
8,7 %, 
verheiratet ohne Kind 
21,1%, 
verheiratet mit einem Kind .... 
32,2%, 
„ „ zwei Kindern . . . 
26,9%, 
.. drei „ . . . 
8,3%, 
„ ., vier „ . . . 
2,2%, 
„ „ fünf „ ... 
0,5%, 
„ „ sechs u. mehr Kindern 
0,1% 
100,0 %. 
Wenn man bei diesem erschütternden Bild noch 
einem Assessor im vorgerückten Alter mit 3 Kindern 
Schwierigkeiten wegen der Bezahlung von einem 
Halbjahr zum anderen macht, so ist das ein Zustand, 
der alles andere als erfreulich ist. 
Ich habe die Bitte, daß die Dispositionen für die 
300 Assessoren, die wir ständig beschäftigen wollen, so 
rechtzeitig getroffen werden, daß mir derartige 
Schwierigkeiten nicht mehr bekommen. 
Oberbürgermeister und Skadtpräsidenk Dr. Lippert: 
Wenn ich zunächst kurz auf die Frage der Getreide 
einlagerung eingehen darf, so ist selbstverständlich 
zuzugeben, Parteigenosse Scheller, daß sich schwere 
Unzulänglichkeiten ergeben haben. Zur Illustrierung 
der Gesamtsituation in diesem Betriebszweige, nämlich 
der Beschlagnahme von Räumen zum Zwecke der
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.