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Volume Sitzung 8, 2. November 1933

Full text: Stenographische Berichte über die Sitzungen des Stadtgemeindeausschusses und der ständigen, endgültig beschließenden Ausschüsse der Stadt Berlin (Public Domain) Issue1.1933 (Public Domain)

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Sitzung am 2. November 1933. 
ziehen, sondern es liegt mir daran, im Interesse des 
Geldbeutels, im Interesse der Arbeitsbeschaffung hier 
meine Bedenken vorzubringen. Wenn aber die andern 
Mitglieder des Ausschusses meine Bedenken nicht teilen, 
dann will ich selbstverständlich meine Bedenken im 
Interesse der Gesamcheit zurückstellen. 
Direktor Langbein: Ich darf nur kurz erwähnen, 
daß es meiner Ansicht nach nicht im Interesse des Geld 
beutels der Stadt Berlin liegt, wenn man jetzt Riesel 
feldanlagen, wie Neuaptierungen und Dränierungen, 
ausführt und sonstige Arbeiten vornimmt, die später 
als überflüssig und unzweckmäßig erkannt werden. Es 
wäre wirtschaftlicher, sich heute zu entschließen, den 
Versuch in Waßmannsdorf zu machen und erst auf 
Grund dieses Versuches festzustellen, ob man nicht 
überhaupt zu einer Umstellung des heutigen Riesel 
betriebes kommt. Wenn ich die Absetzbecken auf den 
Rieselfeldern erweitern lasse, wie vorgesehen ist, d. h. 
wenn etwa 300 Absetzbecken erweitert werden, dann 
gibt dies sofort für eine ganze Anzahl von Leuten Be 
schäftigung. Und das ist keine überflüssige Arbeit, 
weil wir diese Absetzbecken später auch behalten können, 
wenn Kläranlagen gebaut werden. Wenn wir aber 
jetzt neue Aptierungen, neue Dränierungen oder ähn 
liche Arbeiten vornehmen, so tun wir etwas, was nach 
her unter Umständen überflüssig ist und darin kann 
ich dem Herrn Stadtverordneten Grevemeyer nicht 
folgen. 
(Stadtv. Grevemeyer: Arbeitsbeschaffung!) 
Ich halte es daher für besser, wenn die Stadt Berlin 
diese Arbeiten vorläufig zurückstellt und lieber den 
Versuch in Waßmannsdorf macht. Daß wir den Ver 
such in Stahnsdorf nicht machen können, habe ich vor 
her schon gesagt. Das Beregnen, das wir dort vor 
nehmen wollen, geschieht auf Naturland, nicht auf 
optiertem Land, und zwar auf Ländereien ganz in der 
Nähe. Wir können das Wasser und den Schlamm nicht 
auf das Rieselfeld Gütergotz bringen, weil wir dann 
dorthin eine große Druckrohrleitung bauen mühten. 
Das würde unverhältnismäßig viel Geld kosten. Der 
Ausbau von Waßmannsdorf ist auch aus dem Grunde 
richtig, weil die Faulbehälter in Waßmannsdorf schon 
lange überlastet sind. Wir würden also, wenn wir auch 
die Belebtschlammanlage nicht bauten, doch die Faul 
behälteranlage, die hier dargestellt ist, ausführen 
müssen und würden dafür ungefähr 1V> Millionen 
aufzuwenden haben. Auch das war ein Gesichtspunkt, 
der den Magistrat dazu bestimmte, sich gleich für den 
vollen Ausbau der Anlage zu entscheiden, um zu sehen, 
wie sich die Gesamtanlage nachher in der Praxis ver 
hält und wie sich die Umstellung des Rieselbetriebes 
gestaltet. 
Stadtv. Timm: Meine Herren: Die Aus 
führungen über diese Klärwerke und Rieselfelder sind 
außerordentlich interessant. Sie sind mir ja nicht neu. 
Wir haben ja auch schon im Laufe der Jahre, als die 
erste Kläranlage mit maschinellen Anlagen in 
Stahnsdorf gebaut wurde, damals schon eine ganz 
kleine biologische Kläranlage nebenbei gesehen. Diese 
Versuche, wenn ich richtig im Bilde bin, haben damals 
dazu geführt, mit den Erfahrungen, die man mit den 
Berieselungen im Auslande gesammelt hatte, nunmehr 
in Stahnsdorf eine biologische Kläranlage zu bauen. 
Wenn die Stahnsdorfer Kläranlage nicht so aus 
genutzt werden kann, daß das Wasser nach 
Gütergotz geführt werden kann, so liegt das, glaube 
ich, daran, daß man wahrscheinlich damals nicht sofort 
die Kosten für die Anlage des Druckrohres, welches 
Herr Direktor Langbein hier erwähnte, mit in diesen 
Bauabschnitt hineinnehmen wollte oder hineinnehmen 
konnte. 
(Stadtv. Grevemeyer: Warum nicht?) 
— Sie sagen: Warum nicht? — Herr Kollege Greve 
meyer, ich glaube, weil damals schon bei dem Versuch 
die angesetzten Mittel bei weitem überschritten wurden 
und nun nicht mehr die Gelder vorhanden waren. 
Davon abgesehen, möchte ich aber doch einmal 
eine grundsätzliche Frage anschneiden, die Herr Kollege 
Grevemeyer gestellt hat, und zwar die Unannehmlich 
keit der Geruchsbelästigung durch die Rieselfelder. Ich 
glaube, darüber besteht kein Zweifel in unseren 
Kreisen, und da stehe ich vollkommen auf dem Stand 
punkte des Herrn Staatskommissars Dr. Lippert, daß 
diese Barriere, dieser Kranz rings um Berlin, sich 
immerhin unangenehm ausgewirkt hat, und jeder, der 
Gelegenheit hat, in die Nähe von Rieselfeldern zu 
kommen, dort zu tun hat oder gar dort wohnt, muß 
feststellen, daß man sich darüber wundert, daß die 
Bevölkerung sich überhaupt an diesen Geruchszustand 
im Laufe der Jahre gewöhnt hat. Es ist ja so, daß, 
wenn man immer auf dem Misthaufen sitzt, man es 
gar nicht mehr riecht und denkt, es ist auch Parfüm. 
Aber, meine Herren, das kann doch nicht im all 
gemeinen betrachtet werden. Man muß sich doch 
darüber klar sein, daß es mit den Rieselfeldern ebenso 
ist wie mit den Markthallen. Ich glaube, ich darf das 
mal in diesem Zusammenhang sagen, die Herren 
Dr. Maretzky und Dr. Lippert sind ja auch anwesend: 
Was vor 50 Jahren im Markthallenwesen gut war, 
das genügt heute nicht mehr, und jo dürfte es auch bei 
den Rieselfeldern sein, daß sie vor 50 Jahren praktisch 
waren, heute aber nicht mehr. 
Es tut mir außerordentlich leid, daß der Herr 
Kämmerer weggegangen ist. Ich hätte gewünscht, daß 
er sich einmal dazu geäußert hätte, wie er für die 
Stadt die Belastung ansieht, die jetzt hier übernommen 
werden soll. Wenn aber im Magistrat dieser Be 
schluß einstimmig gefaßt worden ist, dann nehme ich 
an, daß auch der Herr Kämmerer dafür war. 
(Staatskommissar Fuchs: Jawohl!) 
(Staatskommissar Dr. Lippert: Hat nicht wider 
sprochen!) 
Nun, meine Herren, eine andere Frage: Wie 
wäre es, wenn man einmal der Frage näherträte, ob 
nicht aus Mitteln, welche die Stadtentwässerung als 
gemeinnützige Gesellschaft vereinnahmt, diese Versuche 
durchgeführt werden könnten im Rahmen irgendeiner 
Finanzierung, wie wir es bei anderen Bauvorhaben 
früher auch gehabt haben durch irgendwelche lang 
fristige Finanzierungsaktion, abwicht auf diesem Wege 
die Stadtentwässerung das selbst durchführen kann? 
So wie ich die Stimmung im Ausschuß betrachte, 
glaube ich, daß hier nicht dieselbe Stimmung vor 
handen ist wie im Magistrat, daß der Ausschuß vor 
sichtiger ist in der Aufnahme von geldlichen Be 
lastungen, als der Magistrat es gewesen ist. Meine 
Herren, ich bitte, das ist kein Vorwurf, sondern nur 
eine Darstellung der Stimmung, wie ich sie sehe. Wenn 
also der Ausschuß dieser Meinung ist, so glaube ich, 
daß er sich nicht dieser Neuerung entgegenstellt, son 
dern nur aus dem Bedenken heraus handelt, der 
Stadt nicht ziemlich hohe neue Belastungen zu 
bringen, und daß diese Bedenken ausschlaggebend sind. 
Wenn nun, meine Herren, die Arbeitsbeschaffung 
für eine Reihe von Menschen auch jetzt gegeben ist, 
so glaube ich doch, daß es dann nur möglich ist, die 
Kläranlage Waßmannsdorf lediglich mit den Mitteln 
der Stadtentwässerung durchzuführen. Dann wird 
auch dem Anspruch oder der Meinung des Ausschusses 
Rechnung getragen. 
Ich möchte aber doch noch einmal die Frage 
stellen, ob nicht die Stadtentwässerung selbst die Mög 
lichkeit hat, hier einen Ausweg zu schaffen und damit 
die Bedenken des Ausschusses oder des Herrn Kollegen 
Grevemeyer auszuschalten.
	        
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