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Full text: Neue Impulse für die Klimapolitik

WBGU

WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT DER BUNDESREGIERUNG
GLOBALE UMWELTVERÄNDERUNGEN

politikpapier

5

Neue Impulse für die
Klimapolitik: Chancen
der deutschen
Doppelpräsidentschaft
nutzen

2

Impulse für Klimapolitik

INHALT

3

Zusammenfassung für Entscheidungsträger

4

1 Klimaschutz: Schnelles Handeln ist notwendig
Wissenschaftliche Beweislage eindeutig
Einhaltung der 2 °C-Leitplanke lohnt sich

6

2 Die globale Energiewende als Herzstück des Klimaschutzes
Das Energieportfolio für die Zukunft
Eine neue Generation von Energietechnologien
Mobilisierung ungenutzter Effizienzpotenziale
Finanzierung des Umbaus der Energiesysteme
Eine neue klimapolitische Dynamik

11

3 Klimarahmenkonvention umsetzen und weiterentwickeln
2 °C-Leitplanke international festschreiben
Kioto-Protokoll an langfristiger Perspektive ausrichten
Ehrgeizige Reduktionsziele für Industrieländer vereinbaren
Schwellenländer differenziert einbinden
Anpassung muss hohen Stellenwert erhalten

14

4 G8-Gipfel nutzen: Innovationspakt mit Road Atlas beschließen
Eckwerte für klimaschonende Technologien vereinbaren
Gemeinsamen Road Atlas erarbeiten
Technologiekooperationen als Anreiz nutzen
Impulse für die Klimarahmenkonvention nutzen

16

5 Vorreiterrolle der EU stärken
Effizienzrevolution anstoßen
Erneuerbare Energien ausbauen
Internationale Zusammenarbeit im Bereich Energie stärken
Emissionshandelssystem effizient und effektiv gestalten
Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors stärken
Aktionsprogramm „Nachhaltiger Konsum“ umsetzen
Energiesubventionen umsteuern
Anpassung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit stärken

WBGU

politikpapier 5

ZUSAMMENFASSUNG FÜR ENTSCHEIDUNGSTRÄGER

Um einen gefährlichen Klimawandel noch zu verhindern, muss innerhalb der nächsten zehn Jahre
eine Trendumkehr und bis 2050 eine Halbierung der globalen Treibhausgasemissionen gegenüber
1990 erreicht werden. Zwischen dem hierzu dringend erforderlichen Handeln und der aktuellen
Klimapolitik klafft aber eine zunehmend größere Lücke. Der WBGU ist deshalb der Überzeugung,
dass weltweit eine neue klimapolitische Dynamik notwendig ist. Die Blicke sind derzeit auf Deutschland gerichtet: Die Präsidentschaft in der Europäischen Union und der Vorsitz der G8 bieten eine
doppelte Chance, den Klimaschutz voranzubringen. Die Kernbotschaften des WBGU lauten:
• Klimaschutz lohnt sich und ist machbar: Investitionen in den Klimaschutz sind volkswirtschaftlich
rentabel, da die Kosten für einen effektiven Klimaschutz erheblich geringer sind als die Kosten
des Nicht-Handelns. Dabei gilt: Je später mit dem Klimaschutz begonnen wird, desto teurer wird
er. Für einen erfolgreichen Klimaschutz ist vor allem eine globale Energiewende notwendig. Sie
ist technologisch machbar, führt weg von den fossilen, hin zu den erneuerbaren Energieträgern
und erfordert eine zügige Nutzung der hohen Effizienzpotenziale.
• Klimarahmenkonvention weiterentwickeln: In der Konvention muss ein Konsens über das Klimaschutzziel hergestellt werden. Der WBGU schlägt hierzu die Festschreibung einer globalen
Temperaturleitplanke von 2 °C über dem vorindustriellen Niveau vor, entsprechend einer Stabilisierung der Treibhausgaskonzentration unterhalb von 450 ppm CO2eq. Ein weiterentwickeltes
Kioto-Protokoll muss wirksame Anreize für die Energiewende setzen. Die Industrieländer sollten
sich zu ambitionierten Emissionsreduktionen verpflichten. Für die Schwellen- und Entwicklungsländer müssen Mechanismen einer differenzierten, schrittweisen Einbindung in Verpflichtungen
geschaffen werden. Das Thema Anpassung muss einen angemessenen Stellenwert erhalten.
Hierzu gehören verlässliche Zusagen der Industrieländer in den Bereichen Technologiekooperationen und Finanzierung.
• G8-Gipfel von Heiligendamm nutzen: Die schleppenden Klimaverhandlungen sollten durch
Impulse von der Ebene der Staats- und Regierungschefs eine neue Dynamik erhalten. Die G8Staaten und die fünf großen Schwellenländer als die politisch und wirtschaftlich führenden Staaten sollten jetzt Signale setzen und einen „Innovationspakt zur Dekarbonisierung“ vereinbaren.
Durch gemeinsame Eckwerte für Effizienz und CO2-Emissionsstandards, die Erarbeitung eines
Road Atlas zur Dekarbonisierung der Energiesysteme und die Förderung von Technologiekooperationen können die G8+5-Staaten zum Motor der internationalen Klimapolitik werden.
• Vorreiterrolle der EU bekräftigen: Die Europäische Union sollte ihre internationale Vorreiterrolle
im Klimaschutz ausbauen. Um glaubwürdig zu sein, muss sie dazu ihre vereinbarten Emissionsreduktionsziele erreichen. Die EU muss die Machbarkeit von Klimaschutz demonstrieren und
weltweit Impulse für Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzen. Das europäische Emissionshandelssystem sollte zügig weiterentwickelt und verbessert werden.

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Impulse für Klimapolitik

1

Klimaschutz: Schnelles Handeln
ist notwendig

Wissenschaftliche Beweislage eindeutig

Die Folgen des Klimawandels sind bereits jetzt in

Die wissenschaftliche Debatte um die Tatsache und

allen Teilen der Welt spürbar und sichtbar. Weltweit

die Ursachen der globalen Erwärmung ist been-

schwinden die Gebirgsgletscher. Die Ausdehnung des

det. Nach Jahrzehnten der Forschung gibt es eine

arktischen Meereises hat in den letzten Jahrzehnten

erdrückende wissenschaftliche Beweislage dafür, dass

um 20 % abgenommen – nach neuesten Studien

der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwär-

könnte der arktische Ozean bereits um das Jahr 2040

tigen Klimawandel ist. Unter Klimawissenschaftlern ist

im Sommer eisfrei sein. Der globale Meeresspiegel

unbestritten, dass sich die Kohlendioxidkonzentration

ist in den letzten 100 Jahren um knapp 20 cm ange-

in der Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten

stiegen, in den letzten 10 Jahren allein um 3 cm. Die

um mehr als ein Drittel erhöht hat, von 280 ppm

Intensität tropischer Wirbelstürme hat in den ver-

(parts per million) auf inzwischen 380 ppm. Damit

gangenen Jahrzehnten immer mehr zugenommen.

hat die CO2-Konzentration den höchsten Wert seit

Wetterextreme, wie die europäische Hitzewelle vom

mindestens 650.000 Jahren erreicht (soweit reichen

Sommer 2003, werden häufiger. Das Jahr 2005 war

die genauen CO2-Daten aus Eisbohrkernen zurück),

laut NASA das global wärmste Jahr seit Beginn der

wahrscheinlich aber sogar seit Millionen von Jahren.

Aufzeichnungen.

Die Lebenszeit von Kohlendioxid in der Atmosphäre

Ein

ungebremster

Klimawandel

würde

den

wird vielfach mit etwa 200 Jahren angegeben und

Lebensalltag vieler Menschen in Industrie- und

damit deutlich unterschätzt. Zwar wird emittiertes

Entwicklungsländern erheblich ändern, zur Desta-

CO2 auf einer Zeitskala von Jahrhunderten in den

bilisierung von Gesellschaften beitragen, interna-

Ozeanen aufgenommen, ein substanzieller Anteil

tionale Sicherheitsprobleme provozieren, weltweit

verbleibt jedoch für Zehntausende von Jahren in der

Migrationsbewegungen auslösen und die Welt-

Atmosphäre (Archer, 2005).

wirtschaft massiv beeinträchtigen. In der Klimarah-

Unbestritten ist auch, dass Kohlendioxid ein Treib-

menkonvention (UNFCCC) von 1992 hat sich die

hausgas ist, dessen Anreicherung in der Atmosphäre

Weltgemeinschaft verpflichtet, einen „gefährlichen

zu einer Erwärmung des Klimas führen muss. Der

Klimawandel“ zu vermeiden. Als oberste Grenze für

physikalische Mechanismus ist seit dem 19. Jahrhun-

eine gerade noch tolerierbare Klimaerwärmung hat

dert bekannt, verstanden und vielfach durch Mes-

der WBGU eine Leitplanke von global 2 ºC über dem

sungen bestätigt.

vorindustriellen Temperaturniveau empfohlen, die

Die global gemittelte Lufttemperatur hat sich in
den letzten hundert Jahren um 0,8 ºC erhöht. Dies ist

inzwischen offizielle Politik der EU ist und die auch
über die EU hinaus zunehmend anerkannt wird.

auch der Betrag, den man aufgrund der genannten

Bei einer Erwärmung über 2 °C hinaus würden

Erhöhung der Konzentration von Kohlendioxid und

wahrscheinlich Extremereignisse wie Überflutungen,

anderer Treibhausgase physikalisch erwartet. Dabei

Hitzewellen oder Tropenstürme ein tolerables Maß

ist berücksichtigt, dass Luftverschmutzung durch

überschreiten. Ökosysteme wie Korallenriffe und

Aerosolpartikel („Smog“) der Erwärmung durch

möglicherweise der Amazonasregenwald würden irre-

Treibhausgase teilweise entgegenwirkt, und dass

versibel geschädigt und der Verlust biologischer Viel-

die Wärmespeicherfähigkeit der Ozeane zu einer

falt würde stark beschleunigt. Zudem würde schon

verzögerten Reaktion des Klimasystems führt. Eine

bei 3 °C globaler Erwärmung wahrscheinlich ein irre-

alternative wissenschaftliche Erklärung für die beob-

versibles Abschmelzen des Grönlandeises ausgelöst,

achtete Erwärmung gibt es nicht. Dies wird auch von

der Meeresspiegelanstieg könnte innerhalb weniger

der gemeinsamen Erklärung der wissenschaftlichen

Jahrhunderte mehrere Meter erreichen und weltweit

Akademien der G8-Staaten bestätigt, die feststellt:

Küstenstädte in ihrer Existenz bedrohen.

„Das wissenschaftliche Verständnis des Klimawandels

Wenn die Konzentration der Treibhausgase in der

ist heute hinreichend klar, um schnelles Handeln der

Atmosphäre dauerhaft unterhalb von 450 ppm CO2eq

Staaten zu rechtfertigen“ (Joint Science Academies,

stabilisiert werden kann, besteht nach heutigem

2006).

Wissensstand eine realistische Chance, die 2 °C-Leitplanke einzuhalten (450 ppm CO2eq meint eine

WBGU

politikpapier 5

Konzentration aller Treibhausgase, die in ihrer Strah-

extreme Szenarien in seine Analyse einbezieht, liegen

lungswirkung einer Konzentration von 450 ppm CO2

seine Zahlen am oberen Ende der bisher veröffent-

äquivalent ist). Das gelegentlich diskutierte Ziel einer

lichten Schätzungen. Die durch Klimaveränderungen

Stabilisierung bei 550 ppm CO2eq (z. B. Stern, 2006)

verursachten Kosten könnten bei einer aktiven Klima-

würde wahrscheinlich zu einer globalen Erwärmung

politik zu einem großen Teil vermieden werden und

um etwa 3 °C führen und ist damit nach Überzeu-

bilden damit deren Nutzen ab.

gung des WBGU unvereinbar mit der Verpflichtung

Die Kosten einer aktiven Klimapolitik mit dem Ziel

zur Vermeidung eines „gefährlichen Klimawandels“

einer Stabilisierung der Treibhausgaskonzentration

im Sinne der UNFCCC.

bei 550 ppm CO2eq bis zum Jahr 2050 äußern sich

Zur Einhaltung der 2 °C-Leitplanke ist als Zwischen-

gemäß Stern darin, dass das jährliche globale BIP

ziel bis zum Jahr 2050 eine Senkung der globalen

über die nächsten 100 Jahre durchschnittlich um

Treibhausgasemissionen um etwa 50 % gegenüber

etwa 1 % geringer als im Referenzfall ausfällt. Um die

dem Niveau von 1990 erforderlich.

2 °C-Leitplanke einzuhalten, muss jedoch eine Stabilisierung bei 450 ppm CO2eq oder weniger angestrebt

Einhaltung der 2 °C-Leitplanke lohnt sich

werden (Meinshausen, 2006). Schätzungen zeigen,

Die globalen CO2-Emissionen sind seit 1990 um mehr

dass eine ambitionierte Stabilisierung im Bereich

als 20 % gestiegen und steigen weiter – dieser Trend

von 450 ppm CO2eq zu Kosten von unter 1,5 % des

muss möglichst innerhalb der nächsten zehn Jahre

globalen BIP erreichbar ist (WBGU, 2003b). Diese

umgekehrt werden. Da sich die Treibhausgase in der

Schätzungen setzen allerdings voraus, dass durch

Atmosphäre anreichern, führt jede Verzögerung dazu,

eine stringente und verlässliche Klimapolitik dyna-

dass in späteren Jahren umso höhere Reduktionsraten

mische technologische Entwicklungen angestoßen

erforderlich sind, um das angestrebte Stabilisations-

werden, und dass über die Energiewende hinaus

niveau noch zu erreichen. Eine Verschiebung der

auch eine deutliche Reduzierung der Emissionen aus

Trendwende um nur zehn Jahre kann bereits eine

Landnutzungsänderungen, insbesondere der Entwal-

Verdopplung der späteren Reduktionsrate erforderlich

dung, sowie aus anderen Quellen langlebiger Treib-

machen. Größere Verzögerungen führen schließlich

hausgase erreicht wird. Im Ergebnis bestätigen diese

dazu, dass das angestrebte Stabilisationsniveau über-

Schätzungen, dass die Einhaltung der 2 °C-Leitplanke

haupt nicht mehr erreicht werden kann.

auch volkswirtschaftlich lohnend ist.

Gegen spätes Handeln spricht auch das Risiko,

Über die Notwendigkeit energischen Gegensteuerns

Pfadabhängigkeiten zugunsten CO2-intensiver Tech-

beginnt sich ein internationaler Konsens abzuzeich-

nologiestrukturen zu erzeugen. Die langwierige Ent-

nen, aber die konkreten Maßnahmen hinken weit

wicklung emissionsarmer Systeme wird verschleppt,

hinterher. Die Lücke zwischen der Dringlichkeit des

so dass geeignete Technologien nicht rechtzeitig zur

Handelns und der schleppenden Dynamik der inter-

Verfügung stehen. Je früher die politischen Weichen

nationalen Klimapolitik wird immer deutlicher. Der

gestellt werden und je frühzeitiger technische Innova-

WBGU möchte mit dem vorliegenden Politikpapier

tionen und Lernprozesse angestoßen werden, desto

eindringlich auf diese Diskrepanz hinweisen und der

geringer sind die Kosten der Emissionsreduktion.

Bundesregierung Vorschläge unterbreiten, wie sie die

Wenn die notwendigen Emissionsreduktionen
unterlassen werden, verursacht ein ungebremster
Klimawandel nach Stern (2006) dauerhaft Kosten in
Höhe von mindestens 5 % des jährlichen globalen
Bruttoinlandprodukts (BIP). Diese Kosten könnten
sich sogar auf bis zu 20 % des jährlichen globalen
BIP erhöhen, wenn man Schäden durch extreme und
abrupte Naturereignisse, Schäden an marktmäßig
nicht bewerteten Gütern (z. B. Beeinträchtigungen
der menschlichen Gesundheit, Verlust biologischer
Vielfalt), und mögliche stärkere biophysikalische
Rückkopplungen berücksichtigt sowie die verhältnismäßig hohen Wohlstandsverluste ärmerer Weltregionen stärker gewichtet. Da Stern angesichts
der hohen Unsicherheiten bewusst plausible, aber

EU-Präsidentschaft und den G8-Vorsitz nutzen kann,
um eine neue klimapolitische Dynamik zu erzeugen.

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6

Impulse für Klimapolitik

2

Die globale Energiewende als
Herzstück des Klimaschutzes

Mehr als 60 % der globalen Treibhausgasemissi-

Energien und die Erhöhung der Energieeffizienz,

onen stammen gegenwärtig aus dem Energiesek-

sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Nutzung.

tor. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht in
ihrem Business-as-usual-Szenario davon aus, dass

Das Energieportfolio für die Zukunft

die globale Energienachfrage bis zum Jahr 2030

Vor dem Hintergrund der neuesten technologischen

im Vergleich zu 2004 um weitere 53 % zunehmen

Entwicklung wird immer deutlicher, dass erneuerbare

wird. Für den steigenden Energiebedarf gibt es vier

Energien langfristig das Potenzial haben, die gesamte

wesentliche Ursachen: den weiter steigenden Konsum

globale Energieversorgung zu gewährleisten. Es sind

in den Industrieländern, die schnelle nachholende

vor allem die Windenergie und die energetische

wirtschaftliche Entwicklung in bevölkerungsreichen

Biomassenutzung, die bereits kurz- und mittelfristig

Schwellenländern, die zögerliche Umsetzung von Effi-

erhebliche Beiträge leisten können. Gegenwärtig trägt

zienzmaßnahmen in Industrie und Gewerbe sowie die

die Windenergie 1 % zur globalen Stromversorgung

schwache Nachfrage nach ökoeffizienten Produkten

bei, und dieser Wert könnte bei einer Fortsetzung des

und Dienstleistungen.

in der vergangenen Dekade beobachteten Wachs-

Wesentliche Treiber beim Konsum in den Industrie-

tums in 20 Jahren auf einen Beitrag von 20 % steigen.

ländern, aber auch in China, sind sinkende Haus-

Die gegenüber der konventionellen Stromversor-

haltsgrößen und ein damit steigender Pro-Kopf-

gung schon heute teilweise vorhandene Konkurrenz-

Verbrauch, wachsende und veränderte Ansprüche

fähigkeit erlaubt die rasche Weiterentwicklung der

sowie der große Nachholbedarf beim Konsum in den

Windenergie bei vernachlässigbaren Zusatzkosten.

Schwellen- und Entwicklungsländern. Die bisherigen

Vergleichbare Energiebeiträge könnte auch die Bio-

Effizienzfortschritte bei Technologien und Produkten

massenutzung leisten, wenn diese in Zukunft mit

werden so überkompensiert. Zudem stehen in den

20 % pro Jahr wachsen würde. Zusammen mit der

kommenden 10–15 Jahren in vielen Industrielän-

bestehenden Wasserkraftnutzung könnten allein diese

dern und bevölkerungsreichen Schwellenländern wie

drei erneuerbaren Energieträger in 20 Jahren zwei

China, Indien oder Brasilien langfristig wirkende

Drittel der globalen Stromerzeugung übernehmen.

Investitionen in die Energieinfrastruktur an, vor allem

Langfristig (nach 2030) gewinnt die direkte Nutzung

für die Erweiterung des Kraftwerkparks. Weil dadurch

der Solarenergie mit ihrem praktisch unbegrenzten

im ungünstigen Fall klimaschädliche Strukturen für

Potenzial an Bedeutung, um den weiter wachsenden

Jahrzehnte und länger festlegt werden, ist ein grund-

Energiebedarf zu decken. In Tabelle 1 werden erneuer-

legender Strategiewechsel bei der Gestaltung der

bare Energieträger im Hinblick auf ihr nachhaltiges

Weltenergiesysteme schon heute erforderlich. Gleich-

Potenzial und ihre potenzielle Verfügbarkeit verglei-

zeitig muss in den Entwicklungsländern für 2,4 Mrd.

chend bewertet.

Menschen der Zugang zu modernen Energieformen

Damit der Umstieg von fossilen auf erneuerbare

sichergestellt werden. Die Überwindung der Energie-

Energieträger gelingen kann, müssen die Forschungs-

armut ist ein grundlegender Beitrag zur Erreichung

anstrengungen für erneuerbare Energien massiv

der Millenniumsziele.

erhöht werden. Der WBGU hält eine Verzehnfachung

Der WBGU hat in seinem Jahresgutachten 2003

der direkten staatlichen Ausgaben für Forschung

einen exemplarischen Pfad für die Ausgestaltung einer

und Entwicklung im Energiebereich bis 2020 in den

globalen Energiewende zur Nachhaltigkeit entwickelt,

Industrieländern für gerechtfertigt. Die High-Tech-

der sich über den Klimaschutz hinaus an weiteren

Strategie der Bundesregierung (BMBF, 2006) geht

ökologischen und sozioökonomischen Leitplanken

in die richtige Richtung. Der endgültige Ausbau

orientiert (WBGU, 2003a). Die dort entwickelte Vision

der erneuerbaren Energien muss sich allerdings an

einer künftigen globalen Energieversorgung ist nach

Nachhaltigkeitskriterien orientieren, wie sie z. B. vom

wie vor aktuell und bildet den Bezugsrahmen für viele

WBGU vorgeschlagen wurden. So ist die Wasserkraft

Empfehlungen dieses Politikpapiers. Die wichtigsten

nur begrenzt und allmählich ausbaubar und bei der

Elemente sind dabei der starke Ausbau erneuerbarer

Bioenergie muss unter anderem die Flächenkon-

WBGU

politikpapier 5

Tabelle 1: Bewertung erneuerbarer Energieträger: Relevanz und zeitliche Dynamik.
EJ/a = Exajoule pro Jahr = 1018 Joule pro Jahr. Zum Vergleich: die heutige globale Stromproduktion beträgt rund 58 EJ/a.
* nachhaltiges Potenzial siehe WBGU, 2003a

Bioenergie

Windenergie

Wasserkraft

Anteil global
an der Stromerzeugung

heute: 1,5 %
bis 2025: 30 %

heute: 1 %
bis 2025: 20 %

heute: 17,5 %
bis 2025: 16 %

Relevanz u.
Dynamik der
Energiebeiträge

Verbrennung
und Vergärung
sofort großmaßstäblich
einsetzbar

sofort großmaßstäblich
einsetzbar

erste
Kraftwerke
stehen

derzeit noch
Nischenmärkte

offshore noch
Entwickungsbedarf

in einigen
Ländern große
Bedeutung im
Strombereich,
Technik ausgereift

ab ca. 2030
global
relevant

ab ca. 2030
global relevant

hoch

hoch

hoch

hoch

hoch

hoch

Vergasung
noch im Versuchsstadium

Klimafreundlichkeit

hoch

Solarthermische
Kraftwerke

Photovoltaik

heute: 0,05 %
bis 2025: 1 %

Geothermie

Meeresenergie

heute: 0,3 %
bis 2025: 0,6 %

heute: 0 %
bis 2025: 0,1 %

lokale Bedeutung für Strom

noch im Versuchsstadium

Nutzung für
Nah- und
Fernwärme
Technik
weitgehend
ausgereift

Treibhausgasemissionen
aus Stauseen
beachten

negative Emissionen möglich
mit CO2-Sequestrierung

Nachhaltiges
Potenzial*

ca. 100 EJ/a

ca. 140 EJ/a

15 EJ/a

praktisch
unbegrenzt

praktisch
unbegrenzt

30 EJ/a

20 EJ/a

Internationale
Wettbewerbsfähigkeit

bei Verbrennung und
Vergärung
schon heute
gegeben

für gute Standorte gegeben

gegeben

ab ca. 2020
für breite
Anwendungen

für Nischenanwendungen
bereits
gegeben

z. T. bereits
gegeben

ab ca. 2020

allgemein ab
2010

ab ca. 2030
für breite Anwendungen

Vergasung ab
ca. 2020

Ökologische
Gefährdungspotenziale

Flächenkonkurrenz mit
Naturschutz

Akzeptanz

begrenzt,
Flächenkonkurrenz mit Nahrungsanbau

ökologische
Probleme bei
intensivem Anbau (Bodendegradation, Wasserverbrauch,
Pestizide)

sehr gering
Wirkungen auf
Fauna (z. B.
Vogelzug,
-brut) werden
untersucht

begrenzt,
Probleme mit
Ästhetik und
Tourismus

komplexe,
z. T. große
ökosystemare
Wirkungen

sehr gering

sehr gering

Abwärme
und belastete
Abwässer
vermeiden

Wirkungen auf
marine Ökosysteme sind noch
zu untersuchen

gering, z. T.
erhebliche Konflikte um große
Staudämme

begrenzt,
(Landschaftsverbrauch)

hoch

hoch

hoch

kurrenz mit Ernährungssicherung und Naturschutz

gie erreichen. Damit wären aber der Einstieg in die

berücksichtigt werden.

Plutoniumwirtschaft und ein erhöhtes Risiko für mili-

Während einer Übergangszeit müssen weiterhin

tärischen oder terroristischen Missbrauch verbunden.

fossile Energieträger genutzt werden. Dabei ist es

Auch gibt es nach rund 50 Jahren Kernenergienut-

wahrscheinlich unumgänglich, diese Nutzung mit

zung weltweit immer noch kein anerkanntes Konzept

Techniken zur Abtrennung und sicheren Endlagerung

zur sicheren Endlagerung radioaktiver Abfälle. Weil

von CO2 in geeigneten Lagerstätten zu verbinden.

die Nutzung der Kernenergie mit nicht akzeptablen

Die Einlagerung sollte nur in geologischen Formati-

Risiken verbunden ist, empfiehlt der WBGU, diese

onen erfolgen, in denen eine Leckrate von weniger

auslaufen zu lassen.

als 0,01 % pro Jahr gewährleistet werden kann bzw.
die Verweildauer mindestens 10.000 Jahre beträgt
(WBGU, 2006).

Eine neue Generation von
Energietechnologien

Bereits heute leistet die Wasserkraft einen höheren

Ein weiterer wichtiger Baustein der globalen Ener-

Beitrag zur globalen Energieversorgung als die Kern-

giewende ist die Steigerung der Effizienz bei der

energie. Ein substanzieller Beitrag der Kernenergie

Energieerzeugung. Die höchste Effizienz von Versor-

ließe sich in Zukunft wegen der begrenzten Uranvor-

gungssystemen lässt sich dann erreichen, wenn eine

räte nur mit Hilfe der unausgereiften Brütertechnolo-

Vielzahl von Energieträgern mit hohem Wirkungsgrad

7

8

Impulse für Klimapolitik

Leuchtturm 1
Europäisches Supernetz
Als technischer Leuchtturm für Europa wird die Realisierung eines transeuropäischen Hochleistungsnetzes
für elektrische Energie vorgeschlagen. Dieses Netz mit
einer Übertragungskapazität im Bereich von 10 GW
ermöglicht den innereuropäischen Stromaustausch
und dient damit dem Ziel einer kostengünstigen
Versorgung im Sinne der Lissabon-Strategie. Dieses
leistungsfähige Netz ist aber auch notwendig, um
einerseits die stark schwankenden Einspeiseleistungen
z. B. der Windenergie auszugleichen, andererseits um

die großen Speicherkraftwerkskapazitäten Norwegens
für ganz Europa verfügbar zu machen. Das Netz ist
weiterhin in der Lage, Anschlusspunkte für die Verbindung mit anderen Netzen (z. B. in Nordafrika) zu
bilden und auch wesentlich zur europäischen Netzstabilität beizutragen. Der Anschluss großer OffshoreWindfarmen bzw. leistungsfähiger Systeme zur Nutzung von Meeresenergien im Norden Europas wäre so
kostengünstig zu erreichen, wie auch der Anschluss an
Onshore-Windparks in Gebieten Afrikas mit sehr hohen
Windgeschwindigkeiten oder von solarthermischen
Anlagen in Regionen mit hoher Solarstrahlung.

in ein breites Spektrum von Nutzenergieformen

technologien (IKT) in Verbindung mit der Realisierung

umgewandelt werden kann. Dabei werden in Zukunft

virtueller Kraftwerke oder mit Online-Energiemärkten

Vergasungstechnologien und Gasnetze eine Schlüs-

möglich werden. Selbst bei einem starken Ausbau

selrolle einnehmen. Mit Hilfe fortgeschrittener Ver-

der Windenergie sind so zusätzliche Energiespeicher

gasungsverfahren lassen sich Kohle, nahezu alle

oder so genannte Schattenkraftwerke zum Ausgleich

Formen der Biomasse und sogar Kunststoffabfälle

der fluktuierenden Windenergieeinspeisung unnötig.

der höchsteffizienten Stromerzeugung in Gas- und

Die gleiche IKT-Struktur ermöglicht auch ein Manage-

Dampf-Kraftwerke (GuD) zuführen. Sie erlauben die

ment der Energienachfrage. Durch eine Steuerung

Herstellung von synthetischem Erdgas (Methan),

zeitlich flexibler Verbraucher lassen sich Nachfrage-

das über Erdgasnetze zur universellen Verwendung,

spitzen soweit absenken, dass dadurch 20 % der

etwa für Blockheizkraftwerke oder den Verkehrssektor

Kraftwerkskapazität eingespart werden kann.

(Erdgasantrieb), zur Verfügung steht. Ein weiterer

Weiterhin ist für die Integrationsfähigkeit erneuer-

Vorteil dieser Technik ist die einfache Möglichkeit der

barer Energien der zügige Ausbau leistungsfähiger

CO2-Abtrennung. Perspektivisch kann auf Basis einer

Stromnetze mit dezentraler Einspeisung von hoher

solchen Infrastruktur durch Methanreformierung der

Bedeutung. Im Vergleich zu konventionellen Maß-

Übergang zu einer Wasserstoffwirtschaft erfolgen.

nahmen zur Bereitstellung von Ausgleichsenergie

Durch die dezentrale Einspeisung von synthetischem

ist der so genannte Horizontalausgleich, d. h. der

Erdgas wandelt sich der Charakter der Gasnetze weg

Ausgleich über große Entfernungen, die mit Abstand

von der Versorgungsfunktion hin zu einem interak-

preiswerteste Methode. Vor allem für die Windener-

tiven System. Leistungsfähige kontinentale Gasnetze

gie ergibt sich bei Belegung geeigneter Standorte

spielen deshalb bei der Einführung neuer Energie-

verteilt über große Entfernungen ein ausgeglichenes

technologien in Zukunft eine herausragende Rolle.

Leistungsangebot. Darüber hinaus ist die Integration

Der Kraftwerksausbau sollte sich daher schon heute

hoher Kapazitäten aus Wasserspeicher-Kraftwerken in

auf hocheffiziente GuD-Kraftwerke konzentrieren, die

Gebirgsregionen von überragender Bedeutung, weil

für die Sequestrierung von CO2 nachrüstbar sind und

damit auch große, zeitlich fluktuierende Stromquellen

die Möglichkeit integrierter Vergasung von Kohle

wie Offshore-Windfarmen ausgeglichen werden kön-

und Biomasse bieten. Neben Großkraftwerken sollten

nen. Der Ansatz kontinentweiter Übertragungsnetze

verstärkt dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen

ist für Europa unmittelbar geeignet (siehe Leucht-

eingesetzt werden, die bei gleichzeitiger Erzeugung

turm 1) und lässt sich auch auf andere Kontinente

von Strom und Wärme eine deutliche Steigerung

übertragen.

der Energieeffizienz ermöglichen. Mittelfristig kann

Innovationen der Energieinfrastruktur sind ein

der Einsatz von Mikroturbinen und langfristig von

unverzichtbarer Bestandteil der globalen Energie-

Brennstoffzellen erwartet werden. Beide Wandlungs-

wende zur Nachhaltigkeit. Deutschland sollte sich

prinzipien erlauben eine schnelle Reaktion auf den

daher sowohl im Rahmen der EU als auch der G8

Elektrizitätsbedarf und werden so für die Stabili-

dafür einsetzen, die Kooperation in diesem Bereich

sierung der Stromnetze und die Bereitstellung von

voranzutreiben.

Ausgleichsenergie eine wichtige Rolle spielen. Diese
bisher nicht genutzte Eigenschaft kleiner dezentraler
Erzeuger wird in Zukunft dank der schnellen Weiterentwicklung von Informations- und Kommunikations-

WBGU

Leuchtturm 2
Verbraucherinformationen über
CO2-Emissionen
Für Verbraucher sind die mit dem Konsum von Produkten oder Dienstleistungen verbundenen spezifischen Treibhausgasemissionen in der Regel nicht
transparent. Der WBGU schlägt daher ein Projekt zu
Verbraucherinformationen über CO2-Emissionen vor.
Als bewusstseinsbildende Vorstufe zu einem persönlichen CO2-Konto (personal carbon credits) sollte sich
die EU darauf einigen, dass für die Verbraucher beim
Erwerb bestimmter Produkte oder Dienstleistungen

politikpapier 5

die damit verbundenen CO2-Emissionen ausgewiesen
werden. Dafür bietet sich insbesondere der Transportsektor an – etwa die Ausweisung der absoluten
CO2-Emissionen auf dem Flugticket und auf der Rechnung an der Tankstelle, weil hier die (durchschnittlichen) Emissionen relativ einfach zu ermitteln sind, der
Sektor eine besonders große Bedeutung hat und der
einzelne Verbraucher hier durch sein Verhalten einen
großen Einfluss auf seine persönliche CO2-Bilanz hat.
Wichtig ist, diese Emissionsmenge für den Verbraucher
in einen verständlichen Kontext zu stellen, z. B. durch
einen Vergleich mit Tagesmengen „nachhaltiger“
Emissionen bei weltweiter Pro-Kopf-Gleichverteilung.

Mobilisierung ungenutzter
Effizienzpotenziale

früher die zu langsame Vermarktung von Produk-

Die skizzierte tiefgreifende Umstrukturierung der Welt-

ist es heute die zu langsame Diffusion im Markt

energiesysteme ist ein Prozess, der auch bei großer

(„time to consumer“). Es gibt seit langem einen

Anstrengung mehrere Jahrzehnte dauern wird. Um

massiven Effizienzstau, der von der Politik weltweit

früh genug zu einem Rückgang der globalen Emissi-

nicht ausreichend erkannt und adressiert wird. Ein

onen zu gelangen, ist daher eine schnelle Dämpfung

wesentlicher Grund hierfür ist die international immer

der steigenden Energienachfrage durch verstärkte

noch vorherrschende Fixierung auf reine Techno-

Nutzungseffizienz unumgänglich. Energieeinsparung

logieförderung bei gleichzeitiger Vernachlässigung

hat kurzfristig das höchste Potenzial zur Senkung von

systemischer Innovationen und gesellschaftlicher Ein-

Treibhausgasemissionen.

bettung (wie etwa ein bedarfsbezogener Energiepass

tentwicklungen das Problem („time to market“),

Im World Energy Outlook (IEA, 2006) werden erheb-

für Gebäude oder ein flächendeckendes Angebot

liche globale Effizienzgewinne für erzielbar gehalten.

öffentlicher Verkehrsmittel mit Mobilitätskarten für

Im „Alternative Policy Scenario“ würden rund 80 %

die integrierte Nutzung von Bahn, ÖPNV und Car-

der gegenüber dem Referenzszenario vermiedenen

sharing). Eine allein angebotsorientierte Strategie mit

Emissionen auf effizientere Energieerzeugung und

energieeffizienteren Produkten und Technologien

-nutzung zurückgehen. Die EU-Kommission beziffert

ist nicht ausreichend, um die hohen Reduktionsziele

das Einsparpotenzial beim Primärenergieverbrauch

bei den CO2-Emissionen zu erreichen. Gefordert sind

der EU über bereits beschlossene Maßnahmen hinaus

gesellschaftliches Umdenken und verändertes Ver-

bis 2020 auf 20 %. Dadurch könnten die Energie-

halten der Verbraucher und Unternehmen, ebenso

kosten in der EU um bis zu 100 Mrd. € pro Jahr verrin-

wie die Unterstützung durch preisverändernde Inter-

gert werden (berechnet mit einem angenommenen

nalisierung externer Kosten, vorbildliche staatliche

Erdölpreis von 48 US-$ pro Barrel).

Beschaffung (siehe Kapitel 5), adäquate Informati-

Sehr hohe Effizienzpotenziale liegen vor allem
in den Bereichen Gebäude, Verkehr, verarbeitende

onsmaßnahmen (siehe Leuchtturm 2) und ordnungsrechtliche Grenzwertsetzungen.

Industrie und Haushaltsgeräte. Gegenüber dem

Bisher wurden ordnungsrechtliche Vorgaben vor

Stand der 1980er Jahre konnten weltweit in vielen

allem bei toxikologisch problematischen Stoffen und

Produktgruppen bei den marktbesten Produkten

Emissionen eingesetzt, deutlich seltener bei Ener-

erhebliche Effizienzsteigerungen erreicht werden, z. B.

gieverbrauch und CO2-Emissionen. Angesichts der

bei Neubauten, Pkw, Wasch- und Spülmaschinen,

globalen Bedrohung durch den Klimawandel und der

Wäschetrocknern, Kühlschränken oder Energiespar-

hohen Kosten für die Allgemeinheit ist es nicht mehr

lampen. Hier sind bereits heute viele energieeffiziente

zu begründen, dass der Gesetzgeber hier weitgehend

Produkte und Dienstleistungen in guter Qualität

auf das Ordnungsrecht verzichtet. Dies gilt um so

verfügbar, mit denen Verbraucher Reduktionen der

mehr, als viele energieeffiziente Produkte und Maß-

CO2-Emissionen bis zu 40 % ohne Mehrkosten errei-

nahmen nicht mit Mehrkosten für die Verbraucher

chen können.

verbunden sind. Zur Nutzung der hohen Effizienzpo-

Allerdings haben die bereits existierenden ener-

tenziale sollten daher sowohl anspruchsvolle als auch

gieeffizienten Produkte bisher nur geringe Markt-

dynamische Grenzwerte festgelegt werden (siehe

anteile, und selbst kostenneutrale und -sparende

Kapitel 4 und 5).

Effizienzmaßnahmen werden oft nicht realisiert. War

9

10

Impulse für Klimapolitik

Finanzierung des Umbaus der
Energiesysteme

sich 2007 durch seine Präsidentschaft sowohl in der

Um die Finanzierung des Umbaus der Energiesysteme

Energiewende auf den Weg zu bringen. Der WBGU

im Sinne einer aktiven Klimapolitik sicherzustellen,

formuliert in den folgenden Kapiteln konkrete Hand-

sind Maßnahmen sowohl auf nationaler als auch auf

lungsempfehlungen für drei besonders relevante

internationaler Ebene erforderlich. Auf nationaler

Politikarenen:

Ebene wird ein Großteil der Finanzierungslast vom pri-

1. Die Klimarahmenkonvention: Langfristig kann nur

vaten Sektor zu tragen sein. Aufgabe des öffentlichen

ein international akzeptiertes Vertragswerk die

Sektors ist es hier, entsprechende Investitionsanreize

Einhaltung der Klimaschutzziele garantieren. Die

zu setzen. Im Zuge einer ökologischen Finanzreform

Klimarahmenkonvention und das Kioto-Protokoll

könnten Steuern auf fossile Energieträger erhoben

sollten daher mit Nachdruck weiterentwickelt

bzw. erhöht werden. Subventionen für nicht nachhal-

EU als auch in der G8 eine doppelte Chance, diese

werden.

tige Rohstoffnutzungen sollten abgebaut und geeig-

2. Die G8+5: Die schleppende Dynamik der inter-

nete Fördermaßnahmen im Bereich der erneuerbaren

nationalen klimapolitischen Verhandlungen lässt

Energien und der Energieeffizienz zur Verfügung

befürchten, dass ohne einen zusätzlichen Impuls

gestellt werden. Ergänzend könnte über steuerliche

die erforderliche Energiewende nicht rechtzeitig

Anreize privates Kapital für Stiftungen zur Förderung

gelingt. Die politisch und wirtschaftlich hand-

erneuerbarer Energien mobilisiert werden (WBGU,

lungsfähigsten Staaten dieser Welt stehen ange-

2003a).

sichts der Dringlichkeit dieses Problems besonders

In Entwicklungsländern stehen häufig keine aus-

in der Verantwortung, bei der Umsetzung der

reichenden finanziellen Mittel für den klimapolitisch

Energiewende mit gutem Beispiel voranzuschrei-

erforderlichen Umbau der nationalen Energiesysteme

ten. Sie sollten zum Motor einer neuen Dynamik

zur Verfügung. Daher sollten die Industriestaaten über

in der Klimarahmenkonvention werden.

bereits bestehende Fonds wie die GEF oder den in der

3. Die Europäische Union: Um ein glaubwürdiger

EU etablierten GEEREF sowie durch weitere Schulden-

Verhandlungspartner innerhalb der UNFCCC zu

erlasse finanzielle Hilfe leisten. Vorhandene Mittel der

sein, sollte die EU ihre Vorreiterrolle ausbauen. Sie

öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit könnten

muss ihre vereinbarten Emissionsreduktionsziele

dabei über eine Besteuerung klimaschädlichen Ver-

erreichen sowie die Machbarkeit einer Umstruktu-

haltens oder die Einführung emissionsabhängiger

rierung der Energiesysteme und einer Dämpfung

Nutzungsentgelte für Flugverkehr und Seeschifffahrt

der Energienachfrage durch Effizienzsteigerungen

erhöht werden (WBGU, 2002). Zusätzlich sollte

anhand eigener, messbarer Erfolge demonstrie-

die Privatwirtschaft über die Förderung von Public

ren.

Private Partnerships sowie durch eine Einbindung in
die Arbeit multilateraler Entwicklungsbanken beteiligt
werden. Mikrokredite könnten kleinere Investitionen
lokaler Akteure zur Verbesserung der Energieeffizienz
ermöglichen (WBGU, 2003a).

Eine neue klimapolitische Dynamik
Wie die vorhergehenden Abschnitte zeigen, ist eine
globale Energiewende, deren Umfang und Geschwindigkeit ausreicht, um einen gefährlichen anthropogenen Klimawandel zu vermeiden, technologisch
machbar und ökonomisch lohnend. Wenn eine solche
Energiewende in den nächsten 10–20 Jahren gelingt
und von energischen Klimaschutzanstrengungen in
anderen Bereichen (z. B. Tropenwaldschutz) begleitet
wird, ist es noch möglich, eine globale Temperaturerhöhung von mehr als 2 °C über dem vorindustriellen
Niveau zu verhindern. Misslingt dies, kann der Klimawandel zukünftig zu einer Quelle weltwirtschaftlicher
und politischer Krisen werden. Deutschland bietet

WBGU

3

politikpapier 5

Klimarahmenkonvention
umsetzen und weiterentwickeln

Der anthropogene Klimawandel ist ein globales Pro-

ökonomische Anreize für die Entwicklung und Ver-

blem, das nur unter Beteiligung aller Staaten gelöst

breitung emissionsarmer Technologien schafft. Die

werden kann. Langfristig kann daher nur ein inter-

Verhandlungen über die zweite Verpflichtungsperiode

national als gerecht erachtetes, auf dem Prinzip der

sollten rechtzeitig abgeschlossen werden, um eine

gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwort-

Lücke zwischen den Verpflichtungszeiträumen zu

lichkeiten fußendes Vertragswerk die Einhaltung der

vermeiden. Nach Auffassung des WBGU darf es aber

Klimaschutzziele garantieren. Um das Ziel der Klima-

nicht bei einer bloßen Fortschreibung der bestehen-

rahmenkonvention nicht zu gefährden, sollten die

den Verpflichtungen mit neuen Zahlen bleiben: Die

gegenwärtig noch steigenden globalen Emissionen

Maßnahmen unter dem Kioto-Protokoll müssen mit

in den nächsten zehn Jahren zunächst stabilisiert und

dem quantifizierten Ziel der Klimarahmenkonvention

dann abgesenkt werden. Die derzeit schleppende

abgeglichen werden. Daher sollte die unter Art. 9

Dynamik der internationalen klimapolitischen Ver-

UNFCCC geregelte Überprüfung des Kioto-Protokolls

handlungen lässt jedoch befürchten, dass dies ohne

mit Nachdruck verfolgt werden. Ein gemeinsames

einen zusätzlichen Impuls nicht gelingen wird. Ziel

Verständnis aller Vertragsstaaten über den mittel- und

der nächsten Monate muss es daher sein, die dafür

langfristigen Handlungsbedarf zur Erreichung des

notwendige Handlungsbereitschaft auf weiteren poli-

Ziels der UNFCCC ist dabei anzustreben. Die Ergeb-

tischen Ebenen zu mobilisieren. Deutschland sollte

nisse dieser Überprüfung sollten die Grundlage für die

seine durch die Doppelpräsidentschaft herausgeho-

Weiterentwicklung des Kioto-Protokolls bilden.

bene Position für diese Zwecke nutzen.

Nach Ansicht des WBGU ist eine weltweite Zuordnung gleicher Emissionsrechte pro Kopf der Vertei-

2 °C-Leitplanke international festschreiben

lungsschlüssel, den es langfristig anzustreben gilt.

Nur eine einvernehmliche und langfristig ausgerich-

Diesen Schlüssel hält der WBGU für gerecht und

tete Klimapolitik wird weltweit den Technologie- und

in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auch für

Bewussteinswandel induzieren, der notwendig ist, um

umsetzbar, ohne die Leistungsfähigkeit der Länder

das Ziel der Klimarahmenkonvention zu erreichen.

zu überfordern oder ihre Entwicklungsmöglichkeiten

Auf internationaler Ebene muss daher ein Konsens

unangemessen einzuschränken (WBGU, 2003b). Auf

über die Quantifizierung des in Art. 2 UNFCCC

dem Weg dorthin sollten sich letztlich alle Länder

festgehaltenen Ziels hergestellt werden. Der WBGU

beteiligen. Dies wird umso eher gelingen, je stärker

schlägt hierzu eine globale Temperaturleitplanke von

dabei die Prinzipien der Gleichbehandlung und der

2 °C über dem vorindustriellen Niveau vor. Wenn

fairen Differenzierung – besonders nach aktuellem

die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre

und historischem Verursacheranteil sowie nach wirt-

bei 450 ppm CO2eq stabilisiert wird, besteht nach

schaftlicher und technologischer Leistungsfähigkeit

heutigem Wissensstand eine realistische Chance,

– Eingang in die internationale Aufteilung des insge-

dieses Ziel zu erreichen. Dazu ist eine Halbierung

samt zulässigen Emissionsbudgets finden.

der weltweiten Treibhausgasemissionen bis zum Jahr
eine völkerrechtlich bindende Festschreibung der

Ehrgeizige Reduktionsziele für
Industrieländer vereinbaren

2 °C-Leitplanke in der UNFCCC derzeit kaum durch-

Die Industrieländer müssen sich angesichts ihrer

zusetzen ist, sollte sich zumindest die G8 auf dieses

hohen Pro-Kopf-Emissionen, ihrer historischen Ver-

Ziel verständigen.

antwortung für den Klimawandel und ihrer großen

2050 verglichen mit dem Jahr 1990 notwendig. Da

wirtschaftlichen und technologischen Leistungsfähig-

Kioto-Protokoll an langfristiger
Perspektive ausrichten

keit zu erheblichen Emissionsreduktionen verpflich-

Der im Kioto-Protokoll verfolgte Ansatz verpflich-

mehr zu vermeiden ist. Sie sollten für die zweite

tender Reduktionsziele in Verbindung mit handel-

Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls ehrgei-

baren Emissionszertifikaten bildet das Fundament

zige Ziele in der Größenordnung von 30 % effektiver

der notwendigen globalen Energiewende, indem er

Treibhausgasemissionsreduktion bis 2020 gegenüber

ten, weil sonst ein gefährlicher Klimawandel nicht

11

12

Impulse für Klimapolitik

Leuchtturm 3
Konzipierung eines internationalen
Kompensations- und Anpassungsregimes
Auf der COP-7 der UNFCCC in Marrakesch wurden
bereits internationale politische Maßnahmen angestoßen, die insbesondere die Entwicklungsländer bei
der Anpassung an nicht mehr vermeidbare Klimawirkungen unterstützen. Dieser Ansatz wurde auf der
Vertragstaatenkonferenz in Nairobi weiterentwickelt,
allerdings in einer der Problemhöhe keineswegs angemessenen Weise. Angesichts der Geschwindigkeit,
mit der sich der Klimawandel bereits vollzieht und zu
zunehmenden Belastungen für Natur und Gesellschaft
führt, ist es dringend erforderlich, eine weltweit abgestimmte Anpassungsstrategie im Sinne eines Vorsorgekonzepts zu erarbeiten. Diese Strategie sollte sich an
den Auswirkungen des Klimawandels bei Einhaltung
der 2 °C-Leitplanke orientieren, da diese eine realistische und akzeptable Zielvereinbarung für die Vermeidungspolitik darstellt.

Teil der Strategie muss ein internationales Kompensations- und Anpassungsregime sein, dessen Aufgabe
es vor allem ist, dauerhaft ausreichend Mittel für die
Kompensation von Klimaschäden und die Finanzierung von Anpassungsstrategien zu generieren. Dies
ist eine völlig neuartige politisch-institutionelle Herausforderung, die mit innovativen Aufgaben für die
sozioökonomische Forschung verbunden ist. Der
WBGU regt daher an, dass die Bundesregierung die
Initiative für ein international konzertiertes Leuchtturmprojekt zur Konzipierung dieses Regimes ergreift.
Dabei muss die Frage nach der angemessenen Höhe
der bereitzustellenden Mittel beantwortet werden
– es wird vermutlich um kumulierte Zahlungen bis
Ende des Jahrhunderts in Höhe von Tausenden von
Milliarden Euro gehen. Darüber hinaus müssen durchsetzbare Regelungen für Einzahlungen in das Regime
vorgeschlagen werden, ebenso wie Regelungen für
Verteilungsschlüssel, die eine effektive, effiziente und
verteilungsgerechte Verwendung der Mittel garantieren. Auch die geeignete Anbindung an bestehende
Global-Governance-Strukturen ist zu klären.

1990 übernehmen. Die Ziele müssen umso höher

der Schwellen- und Entwicklungsländer, wenn sie

ausfallen, je mehr Möglichkeiten für die Anerkennung

die Option erhalten, sich anstelle von starren Emis-

flexibler Mechanismen und Ziele geschaffen werden.

sionsobergrenzen auf flexible Ziele zu verpflichten.

Deutschland sollte hierbei seiner Vorbildfunktion

Hierfür sind etwa sektorale Ziele oder No-lose-targets

gerecht werden – der WBGU hält ein Reduktionsziel

denkbar, die erst beim Überschreiten bestimmter

von 40 % für Deutschland für angemessen.

Indikatoren wie z. B. Pro-Kopf-Einkommen oder Pro-

Die globalen Klimaschutzziele können allerdings

Kopf-Emissionen in feste, verpflichtende und sektor-

nur erreicht werden, wenn auch die USA ihre Treib-

übergreifende Ziele überführt werden. In diesem

hausgasemissionen erheblich senken. Ein effektiver

Zusammenhang sollte geklärt werden, wie Länder mit

Klimaschutz erfordert zudem, dass Emissionen aus

flexiblen Zielen in den Emissionshandel eingebunden

dem Flug- und Schiffsverkehr, die außerhalb staatli-

und die damit verbundenen Probleme gelöst werden

cher Territorien erfolgen, im Rahmen der UNFCCC-

können.

Verhandlungen zügig in nationale Reduktionsver-

Zum anderen sollte innerhalb der Gruppe der

pflichtungen einbezogen werden, so wie es etwa im

Schwellen- und Entwicklungsländer deutlich differen-

EU-Emissionshandel für den Luftverkehr angestrebt

ziert werden. Angesichts der hohen bzw. schnell stei-

wird.

genden Gesamtemissionen einiger Schwellenländer
sollten diese vorrangig in ein System von Verpflich-

Schwellenländer differenziert einbinden

tungen integriert werden. Insbesondere China und

Um auch Schwellen- und Entwicklungsländer stärker

Indien haben in Weltwirtschaft und internationaler

in den Klimaschutz einzubinden, empfiehlt der Beirat

Politik erheblich an Gewicht gewonnen und globale

eine flexiblere Gestaltung der Verpflichtungen. Zum

Verantwortung übernommen, die auch im Klima-

einen erhöht es die Chancen auf eine Einbindung

schutz zum Tragen kommen sollte. Durch die sukzessive Übernahme angemessener Verpflichtungen
nähmen sie außerdem eine Vorreiterrolle für andere

EMPFEHLUNGEN
2 °C-Leitplanke international festschreiben

Entwicklungsländer ein und trügen im Sinne des
Prinzips der gemeinsamen, aber unterschiedlichen
Verantwortlichkeiten zu einem effektiven, globalen

Neue ehrgeizige Emissionsreduktionsziele für Industrie-

Klimaschutz bei. Mittelfristig sollten sich möglichst

länder vereinbaren

alle Schwellen- und Entwicklungsländer zu flexiblen

Differenzierte Verpflichtungen für Schwellenländer ver-

und langfristig auch zu festen Zielen verpflichten.

einbaren

Für die ärmsten Entwicklungsländer mit niedrigen

Finanzierung von Anpassung sichern

Gesamtemissionen sollte allerdings auch langfristig
ein Opting-out möglich sein.

WBGU

Anpassung muss hohen Stellenwert
erhalten
In einem schlagkräftigen, international als gerecht
erachteten und langfristig tragfähigen Klimaregime
muss die Anpassung an den Klimawandel einen angemessenen Stellenwert erhalten. Neben der Umsetzung spezifischer Anpassungsprojekte muss es vor
allem um Strategien und Maßnahmen zur Steigerung
der Anpassungsfähigkeit der besonders betroffenen,
meist ärmeren Länder gehen. Hierfür reichen weder
die Ausstattung der spezifischen Fonds, noch die derzeitigen Mittel der Entwicklungszusammenarbeit aus.
Zur Deckung der Finanzierungslücken sind vielmehr
gemäß des Verursacherprinzips erhebliche zusätzliche Mittelzusagen der Annex-I-Länder gefragt. Zu
den konzeptionellen Herausforderungen zählt die
Erarbeitung eines operationalisierbaren Regimes, das
ausreichende internationale Transfers zur Kompensation von Klimaschäden und zur Finanzierung von
Anpassungsstrategien generiert (siehe Leuchtturm 3).
Zugleich muss ein solches Regime sowohl eine faire
Mittelverteilung als auch eine effektive Mittelverwendung gewährleisten.

politikpapier 5

13

14

Impulse für Klimapolitik

4

G8-Gipfel nutzen: Innovationspakt
mit Road Atlas beschließen

„There remains a frightening lack of leadership“,

und eine Halbierung der Emissionen bis 2050 erreicht

erklärte der UN-Generalsekretär Kofi Annan im

werden. Bis 2100 muss eine weitgehende Dekarboni-

November 2006 in seiner Rede auf der Klima-

sierung der Energiesysteme vollzogen werden.

konferenz in Nairobi. Angesichts der Dringlichkeit

Im Gleneagles-Aktionsprogramm wurde bereits die

des Klimaproblems muss erheblich mehr politische

Bedeutung technologischer Innovationen und erheb-

Handlungsbereitschaft und Führungskraft mobili-

lich gesteigerter Investitionen für klimafreundliche

siert werden. Der Klimaschutz gehört direkt auf die

Energiesysteme herausgestellt. Der WBGU schlägt

Agenda der führenden Staats- und Regierungschefs.

vor, dies in Heiligendamm mit einem „Innovations-

Sie müssen jetzt die Verantwortung übernehmen und

pakt zur Dekarbonisierung“ weiter zu konkretisieren.

der internationalen Klimapolitik eine neue Dynamik

Der Pakt sollte als G8+5-Prozess verstanden werden,

verleihen.

aber allen interessierten Staaten zum Beitritt offen

Ein geeignetes Forum dafür ist die Gruppe der Acht

stehen. Eine Beteiligung der fünf wichtigen Schwel-

(Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada,

lenländer kann unter zwei Bedingungen gelingen:

USA, Vereinigtes Königreich, Russland sowie die EU-

(1) Der Pakt weist für diese Länder Eigenschaften

Kommission), zusammen mit den fünf wichtigen

eines Clubguts auf. Durch ihre Teilnahme gewinnen

Schwellenländern Brasilien, China, Indien, Mexiko

diese Länder Vorteile, wie etwa erleichterten Zugang

und Südafrika, kurz G8+5 genannt. Diese Gruppe

zu Informationen, Technologien und Technologie-

vereint weltpolitisches Gewicht und rund zwei Drittel

kooperationen oder auch finanzielle Unterstützung.

der globalen Treibhausgasemissionen. Alle beteiligten

(2) Die unterschiedlichen sozioökonomischen Ent-

Länder sind Vertragsstaaten der UNFCCC und – mit

wicklungsziele sowie die jeweilige wirtschaftliche und

Ausnahme der USA – auch des Kioto-Protokolls. Der

technologische Leistungsfähigkeit der Schwellenlän-

Energie- und Klimadialog, der 2005 auf dem Gipfel

der werden differenzierend berücksichtigt.

in Gleneagles begonnen wurden, bietet eine ausbaufähige inhaltliche Grundlage.

Der vom WBGU empfohlene Innovationspakt sollte
die drei folgenden Elemente beinhalten.

Diese Basis gilt es in Heiligendamm zu nutzen,
anzubringen. Die politischen Signale sind positiv:

1. Eckwerte für klimaschonende
Technologien vereinbaren

Deutschland hat sich zur Vorreiterrolle im Klimaschutz

Die Unterzeichnerstaaten einigen sich auf die Förde-

bekannt und erfährt starke Unterstützung in der EU.

rung klimaschonender Technologien und Produkte.

Zudem mehren sich in den USA die Anzeichen für ein

Sie vereinbaren hierzu Eckwerte für Energieeffizienz

um die internationale Klimapolitik entschieden vor-

Umdenken im Klimaschutz. Große Schwellenländer,

sowie sektor- oder produktspezifische CO2-Emissi-

allen voran China, erkennen, dass die Klimaschäden

onsstandards. Diese geben im Sinne von Innovati-

überproportional in ihren Regionen auftreten werden.

onszielen quantitative und zeitliche Orientierungen

Schließlich hat der Stern-Bericht klar die langfristigen

für die angestrebten Technologien. Der Innovati-

wirtschaftlichen Vorteile einer globalen Energiewende

onspakt sollte sich dabei auf folgende strategische

verdeutlicht.

Felder fokussieren: Kraftwerke mit integrierter Ver-

Deutschland ist mit der Rolle des G8-Vorsitzes gut

gasungstechnik, Technologien zur CO2-Abtrennung

positioniert, um in Heiligendamm konkrete Impulse

und Speicherung, Gebäude und Klimaanlagen, Kfz

für den Klimaschutz zu geben. In der Schlusserklärung

sowie leistungsfähige Strom- und Gasnetze zur Inte-

des Gipfels sollten folgende Botschaften übermit-

gration erneuerbarer Energien (siehe Leuchtturm 1).

telt werden: Der Klimaschutz ist eine der zentralen

Zunächst sollte der Schwerpunkt auf Effizienzsteige-

Menschheitsaufgaben. Um gefährliche Auswirkungen

rung gelegt werden, da hier mit geringem Aufwand

des Klimawandels noch zu vermeiden, muss die 2 °C-

bereits kurzfristig große Beiträge zur Emissionsmin-

Leitplanke eingehalten werden. Dazu müssen heute

derung geleistet und ökonomische Vorteile durch

die Weichen für eine globale Energiewende gestellt

Energieeinsparungen realisiert werden können.

werden. Die Trendwende bei den globalen Treibhausgasemissionen sollte innerhalb der nächsten 10 Jahre

WBGU

Leuchtturm 4
Dekarbonisierungspartnerschaft mit
Schwellenländern
Der WBGU schlägt vor, mit den Schwellenländern
strategische Dekarbonisierungspartnerschaften einzugehen, die im Energiebereich absehbar eine entscheidende globale Rolle spielen werden. Diese Partnerschaften sollten darauf abzielen, die Energiesysteme
und die Energieeffizienz der beteiligten Akteure in der

politikpapier 5

kommenden Dekade im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu beeinflussen, so dass daraus Innovations- und
Vorbildwirkungen mit globaler Reichweite entstehen.
Insbesondere China und Indien bieten sich als vorrangige Partner an. Mit der gemeinsamen Entwicklung
einer strategischen Road Map kann an bestehende
oder geplante Partnerschaften und Aktivitäten angeschlossen werden. Deutschland könnte im Rahmen
der EU eine Führungsrolle in diesem energiepolitischen
Dialog übernehmen.

2. Gemeinsamen Road Atlas erarbeiten

Instrumente kann Hindernisse im Zusammenhang

Zudem würden die Unterzeichnerstaaten zusagen,

mit dem Schutz geistiger Eigentumsrechte vermeiden

innerhalb einer ehrgeizigen Zeitspanne jeweils natio-

helfen: Dazu gehören z. B. öffentliche Subventionen

nale Road Maps mit Maßnahmen und Zeitangaben

und Kompensationen, aber auch Verpflichtungen zur

zur Erreichung von Zwischenzielen vorzulegen, die

Weitergabe von Technologien zu gesetzlich geregel-

den Umbau der eigenen Energiesysteme in Richtung

ten Bedingungen.

Klimaschutz skizzieren. Dazu sollten alle MöglichNachfrageseite genutzt werden. Aus den einzelnen

Impulse für die Klimarahmenkonvention
nutzen

nationalen Road Maps kann dann ein gemeinsamer

Der Innovationspakt kann zögernden Ländern ein

„Road Atlas zur Dekarbonisierung der Energiesys-

stärkeres Engagement bei den Verhandlungen der

teme“ erstellt werden. Anhand einer solchen Zusam-

UNFCCC und des Kioto-Protokolls erleichtern. Zudem

menschau ließe sich abschätzen, ob die Road Maps

können Lösungen zur Technologiekooperation vor-

einzeln und als Ganzes ambitioniert genug sind, um

gedacht und erprobt werden, die später im Rahmen

mit dem globalen Klimaschutzziel kompatibel zu

der UNFCCC konkretisiert und auf eine breitere Basis

sein, oder ob weiterführende Anstrengungen not-

gestellt werden. Die konkrete Aufstellung einer nati-

wendig sind. Eine hochrangige Kommission könnte

onalen Road Map ohne externe, verpflichtende Vor-

eine solche Abschätzung durchführen. Wenn sich die

gaben, verknüpft mit technologischer Unterstützung

führenden Staaten glaubwürdig auf Eckwerte und die

der G8- bzw. anderer Industrieländer, erleichtert es

Erstellung von Road Maps einigen, kann die inter-

insbesondere Schwellen- und Entwicklungsländern,

nationale Verbreitung emissionsarmer Produkte und

den Umbau der eigenen Energiesysteme einzuschät-

Technologien erheblich beschleunigt werden.

zen und neben den Kosten auch die Vorteile zu

keiten sowohl auf der Erzeugungs- als auch auf der

erkennen. Für innovative Unternehmen in Industrie-

3. Technologiekooperationen als Anreiz
nutzen

und Schwellenländern, die klimaschonende Techno-

Der erleichterte Zugang zu Technologien kann für

Rahmenbedingungen interessante Zukunftsmärkte.

Schwellen- und Entwicklungsländer den entschei-

Durch diese positiven Ansätze für Innovation und

denden Anreiz für eine Teilnahme am Innovationspakt

Technologie kann der Gipfel von Heiligendamm die

darstellen. Ohne diesen Zugang werden dort voraus-

starke Botschaft senden, dass die großen Industrie-

sichtlich vor allem nicht nachhaltige Energiesysteme

und Schwellenländer gewillt sind, bei der Lösung des

ausgebaut und damit schwer zu ändernde Pfadabhän-

Klimaproblems die entscheidenden Fortschritte zu

gigkeiten geschaffen. Die G8-Staaten sollten daher

erzielen. Diese Impulse sollten dann bei den nächsten

die Erarbeitung nationaler Road Maps unterstützen,

Klimakonferenzen aufgenommen und zügig in kon-

etwa durch Dekarbonisierungspartnerschaften (siehe

krete Vereinbarungen umgesetzt werden.

logien und Güter anbieten, ergeben sich unter diesen

Leuchtturm 4). Zudem sind Unternehmens- sowie
Forschungskooperationen mit Schwellen- und Entwicklungsländern durch verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und staatliche Unterstützung zu

EMPFEHLUNGEN
In der G8+5 einen „Innovationspakt zur Dekarbonisierung“ vereinbaren, mit gemeinsamen Eckwerten, einem

fördern. Spezifische Technologien und Innovationen

Road Atlas und der Förderung von Technologiekoope-

zur Anpassung an den nicht vermeidbaren Klimawan-

rationen

del müssen ein wichtiger Bestandteil der Kooperationen sein. Eine geeignete Kombination verschiedener

Diese Impulse für die Klimarahmenkonvention nutzen

15

16

Impulse für Klimapolitik

5

Vorreiterrolle der EU stärken

Um ein glaubwürdiger Partner bei den Klimaver-

sowie deutlich konsequentere Vorschriften zur

handlungen zu sein, sollte die Europäische Union

beschleunigten Altbausanierung;

ihrer Vorreiterrolle gerecht werden. Dazu muss sie

–

zunächst ihre übernommenen Kioto-Verpflichtungen

für neue Pkw eine über die freiwillige Selbstverpflichtung der Automobilindustrie (Flottenemis-

erfüllen und sich darüber hinaus weitergehende,

sion bis 2008 auf 140 g CO2 pro km) hinausge-

ambitionierte Reduktionsziele setzen. Der WBGU hält

hende, verpflichtende europäische Regelung für

eine Reduktion der Treibhausgasemissionen gegen-

weitere Reduzierungen (120 g CO2 pro km bis

über 1990 bis 2020 um 30 % und bis 2050 um 80 %

2012, 100 g CO2 pro km bis 2015 und 80 g CO2

für angemessene Ziele. Gleichzeitig muss die EU die
Machbarkeit einer Umstrukturierung der Energiesys-

pro km bis 2020);
–

eine Festlegung dynamischer Produktstandards

teme und einer Dämpfung der Energienachfrage

über den Erlass der Durchführungsrichtlinien auf

durch messbare Erfolge demonstrieren. Nur so wer-

Grundlage der Ökodesign-Richtlinie (2005/32/

den sich andere Länder von der Durchführbarkeit und

EG), so dass die Bestwerte der Energieeffizienz-

Wirksamkeit einer solchen Politik überzeugen lassen.

klassifizierung (A bzw. A++) nach vier Jahren für

Der WBGU sieht die Vorschläge der EU-Kommission

alle energieintensiven Produkte gelten.

im Bereich Klima und Energie – das Grünbuch und
der Aktionsplan zur Energieeffizienz (EU-Kommission,

Erneuerbare Energien ausbauen

2005, 2006) – als eine gute Grundlage an. Mit dem

Um erneuerbare Energien zu fördern, sollten sich die

Überprüfungsprozess zur europäischen Energiepo-

Mitgliedsstaaten auf anspruchsvolle Innovationsziele

litik vom Januar 2007 sollten ambitionierte Maß-

und konkrete Aktivitäten zu ihrer Erreichung verpflich-

stäbe gesetzt werden, wie eine sichere, klimafreund-

ten. Dazu sollten die 2001 vereinbarten Ziele zum

liche und innovative Politik aussehen kann. Diese

Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung

Vorschläge müssen dann von den Mitgliedsstaaten

(21 % bis 2010) bzw. an der Primärenergie (12 % bis

beschlossen und konsequent umgesetzt werden.

2010) durch weitere Zielvereinbarungen fortgeschrie-

Wesentlich hierfür sind Konkretisierungen durch ver-

ben werden. Der WBGU schlägt dazu vor, bis 2020

bindliche Zielvorgaben, Grenzwerte und Zeitpläne.

den Anteil an der Stromerzeugung bei 40 % und den

Während der deutschen Präsidentschaft werden

Anteil an der Primärenergie bei 25 % verbindlich zu

wesentliche Elemente der EU-Energiepolitik für die

vereinbaren und um sektorale Ziele zu ergänzen. Aller-

folgenden Jahre festgelegt. Die Bundesregierung

dings darf der Ausbau nicht zu Lasten anderer Nach-

sollte ihre herausgehobene Stellung dazu nutzen,

haltigkeitsdimensionen gehen (z. B. bei Bioenergie

eine ambitionierte globale Energie- und Klimapolitik

oder Wasserkraft; WBGU, 2003a). Eine wichtige

voranzutreiben.

Voraussetzung für die Integration der erneuerbaren
Energien ist die Vollendung des EU-Binnenmarkts für

Effizienzrevolution anstoßen

Strom und Gas, verbunden mit leistungsfähigen trans-

Die Vorschläge des Aktionsplans für Energieeffizienz

europäischen Netzen (siehe Leuchtturm 1). Mit Hilfe

sowie bestehende Richtlinien und Verordnungen bie-

dieser Netze könnte die EU auch eine Energiepartner-

ten eine gute Basis für die notwendige Steigerung der

schaft mit Nordafrika eingehen.

Energieeffizienz. Das in diesem Aktionsplan genannte
dende europäische Regelungen, ambitionierte natio-

Internationale Zusammenarbeit im
Bereich Energie stärken

nale Zielformulierungen und die konsequente Durch-

Die EU sollte ihre internationale Position und ihr tech-

setzung bestehender Regelungen deutlich erhöht

nisches Know-how verstärkt dazu nutzen, die Entwick-

werden. Der WBGU empfiehlt, bei der Umsetzung des

lung und den Einsatz erneuerbarer Energien sowie die

Aktionsplans folgende Maßnahmen und Standards

Energieeffizienz weltweit zu fördern. Die EU sollte im

bindend festzuschreiben:

Rahmen der G8 die Ziele und Elemente des „Inno-

–

eine umgehende Revision der Gebäuderichtlinie

vationspakts“ (siehe Kapitel 4) vorantreiben. Auch

(2002/91/EG) mit dem Ziel einer Anlehnung an

in der UN-Kommission für Nachhaltige Entwicklung

den Passivhausstandard (15 kWh pro m2 und Jahr)

sowie in der bilateralen Zusammenarbeit mit Schwel-

Einsparpotenzial von 20 % bis 2020 sollte durch bin-

WBGU

politikpapier 5

sollten deutliche Zeichen zum Ausbau erneuerbarer

Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors
stärken

Energien und zur Steigerung der Energieeffizienz

Eine Wende zu nachhaltigem Konsum wird von der

gesetzt werden. Die Aufstockung des Europäischen

Gesellschaft leichter akzeptiert, wenn sie von den

Energiefonds (GEEREF) zur Förderung effizienter und

Initiatoren getragen und „gelebt“ wird. Um die Nach-

erneuerbarer Technologien in Entwicklungsländern ist

frage nach energiesparenden oder emissionsarmen

ein wichtiges Signal in diese Richtung.

Produkten und Verfahren zu erhöhen und somit

lenländern und internationalen Finanzinstitutionen

Innovationsanreize zu setzen, sollten die EU-Staaten

Emissionshandelssystem effizient und
effektiv gestalten

diese bei der öffentlichen Beschaffung, bei Bauaufträ-

Das europäische Emissionshandelssystem (ETS) ist ein

sichtigen. Die Richtlinie zu Endenergieeffizienz und

zentrales Element der europäischen Klimaschutzstra-

Energiedienstleistungen (2006/32/EG) bietet hierfür

tegie. Damit es zu einem effektiven Anreizinstrument

eine gute Grundlage. Das große Einsparpotenzial im

für wirtschaftlich effizienten Klimaschutz und für die

Bereich der öffentlichen Beschaffung kann allerdings

Förderung emissionsarmer Technologien wird, muss

nur realisiert werden, wenn die Mitgliedsstaaten bei

es weiterentwickelt und verbessert werden (SRU,

der Umsetzung über die Mindestanforderungen der

2006). Die Initiative der EU-Kommission, ambitio-

Richtlinie hinausgehen. Insbesondere empfiehlt der

niertere Minderungsziele für die zweite Handels-

WBGU, dass EU-Mitgliedsstaaten bei Beschaffung

periode einzufordern, ist ein erster Schritt, die für

und bei Förderprogrammen die Kriterien so set-

den wirksamen Handel notwendige Knappheit an

zen, dass bei den Ausschreibungen nur besonders

Emissionsrechten zu induzieren. Auch die geplante

energieeffiziente Produkte beschafft werden können,

Einbeziehung des Luftverkehrs in das ETS geht in die

beispielsweise nur noch Produkte mit der Energieef-

richtige Richtung. Die Einbeziehung weiterer Sektoren

fizienzklassifizierung A bzw. A++ oder Pkw mit einer

sollte folgen. Bei den nationalen Allokationsplänen

maximalen Emission von 100 g CO2 pro km. Als wirt-

sollten sich die Emissionsrechte allerdings deutlich

schaftlicher Entscheidungsmaßstab bei der Beschaf-

weniger als bisher an früheren Emissionen orientieren.

fung sollten nur noch die Gesamtkosten im Sinne von

Die EU sollte hierzu die Option zur Versteigerung der

„Lebenszykluskosten“ und nicht die Einkaufspreise

Emissionsrechte in wesentlich höherem Maße als bis-

berücksichtigt werden. Wenn es auf diesem Weg

her für die zweite Handelsperiode vorgesehen (bisher

nicht gelingt, deutliche Einsparungen zu erreichen,

max. 10 % der Emissionsberechtigungen) erlauben

sollten weitere verpflichtende Vorgaben seitens der

und mittelfristig sogar eine Untergrenze für die zu

EU erwogen werden.

gen und bei der Gebäudenutzung vorrangig berück-

versteigernden Emissionsrechte festlegen.
tikabilität oder zu hoher Kosten nicht in den Emis-

Aktionsprogramm „Nachhaltiger Konsum“
umsetzen

sionshandel eingebunden werden können und bis-

Bei den bisher von der EU beschlossenen Klima-

lang nicht effektiv reguliert sind, bedarf es verstärkt

schutzmaßnahmen werden der private Konsum und

EU-weiter Mindestsätze für Emissionsabgaben oder

der Verkehr nicht angemessen einbezogen. Das im

gegebenenfalls ehrgeiziger Mindeststandards. Das

Rahmen der Vereinten Nationen in Johannesburg

Potenzial des ETS für einen effizienten Klimaschutz

beschlossene und 2003 in Marrakesch präzisierte

lässt sich durch die Integration von Drittländern

zehnjährige Aktionsprogramm „Nachhaltiger Kon-

steigern, soweit die institutionellen Voraussetzungen

sum“ fordert dazu auf, global nachhaltige Produkte

in diesen Ländern gegeben sind und hierdurch keine

und Konsummuster zu etablieren. Im Sinne des

„heiße Luft“ in das ETS Eingang findet. Ein effizientes

Prinzips der gemeinsamen, aber unterschiedlichen

ETS setzt letztlich über Europa hinaus Maßstäbe

Verantwortlichkeiten werden die Industrieländer auf-

für den Aufbau von Systemen des Emissionsrechte-

gefordert, bei der Etablierung nachhaltiger Kon-

handels. Der WBGU empfiehlt zu prüfen, welche

summuster die Führung zu übernehmen. Der EU-

Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit

Aktionsplan für Energieeffizienz sollte deshalb auch

sich langfristig ein regionenübergreifendes Regime

im Hinblick auf die Ziele des UN-Aktionsprogramms

kompatibler Handelssysteme herausbildet, und wel-

von den Mitgliedsstaaten beschlossen, zügig umge-

che Rolle dabei dem ETS – möglicherweise sogar als

setzt und effektiv durchgesetzt werden. Dabei sollte

Nukleus – zukommen könnte.

eine Harmonisierung der zahlreichen Produktlabel

Für Sektoren und Bereiche, die z. B. mangels Prak-

und Kennzeichnungen in der EU angestrebt und eine

17

18

Impulse für Klimapolitik

große Kampagne für ökoeffiziente Produkte durchge-

die Verknüpfung von Armutsbekämpfungsstrategien

führt werden.

und Anpassung auch in den wichtigen multilateralen
Organisationen wie der Weltbank, den regionalen

Energiesubventionen umsteuern

Entwicklungsbanken und den UN-Organisationen auf

Nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur

die Tagesordnung zu setzen.

werden nach wie vor zwei Drittel der Energiesubventionen in der EU-15 (ca. 22 Mrd. €) für Produktion
und Nutzung fossiler Brennstoffe gewährt. Lediglich
ein Sechstel der EU-Energiesubventionen dient der
Unterstützung erneuerbarer Energien (EEA, 2004).
Diese Ausrichtung ist mit einer an Nachhaltigkeit
orientierten Energiepolitik nicht vereinbar (WBGU,
2003a). Gleiches gilt für eine Subventionierung der
Kernenergie. Daher sollten Subventionen für fossile Energieträger und die Kernenergie stufenweise
zurückgeführt werden. Bestehende Initiativen etwa
der EU-Kommission oder der EU-Umweltminister,
aber auch im Rahmen der OECD, bilden hierfür einen
Ansatzpunkt. Sie müssen allerdings deutlich entschiedener, z. B. durch verbindliche Ausstiegspläne, vorangebracht werden.

Anpassung im Rahmen der
Entwicklungszusammenarbeit stärken
Die Finanzierung spezifischer Projekte und Strategien
zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels sollte
durch verbindliche Zusagen der Industrieländer gesichert werden (siehe Kapitel 3 und Leuchtturm 3).
Darüber hinaus sollte die Anpassung als integraler
Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt gefördert werden. Im Kern geht es darum, die
Poverty Reduction Strategy Papers, die zur Erreichung
der Millenniumsziele in nahezu allen Entwicklungsländern erarbeitet und umgesetzt werden, rasch mit den
Anpassungsmaßnahmen zu verbinden, die notwendig sind, um die Folgen des Klimawandels zu beherrschen. Die EU-Entwicklungspolitik könnte in diesem
Feld Vorreiter werden und ihren Einfluss nutzen, um

EMPFEHLUNGEN
Festlegung anspruchsvoller dynamischer Produktstandards für Pkw und energieintensive Endgeräte
EU-Emissionshandelssystem hinsichtlich der Minderungsziele und Versteigerung der Emissionsberechtigungen
effizient und effektiv weiterentwickeln
Öffentliche Beschaffungspolitik als Initiator für Verbreitung emissionsarmer und energieeffizienter Produkte
und Dienstleistungen verankern
Energiesubventionen in der EU umsteuern

WBGU

politikpapier 5

LITERATUR
Archer, D. (2005):
The fate of fossil fuel CO2 in geologic time. Journal of Geophysical Research, doi:10.1029/
2004JC002625.

BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung (2006):
Die Hightech-Strategie für Deutschland. Berlin: BMBF.

EEA – European Environment Agency (2004):
Energy Subsidies in the European Union: A Brief Overview. EEA Technical Report 1. Kopenhagen: EEA.

EU-Kommission (2005):
Weniger kann mehr sein. Grünbuch über Energieeffizienz. EU-Dokument KOM (2005) 265 endgültig.
Brüssel: EU-Kommission.

EU-Kommission (2006):
Aktionsplan für Energieeffizienz: Das Potential ausschöpfen. Mitteilung der Kommission. EU-Dokument
KOM (2006) 545 endgültig. Brüssel: EU-Kommission.

IEA – International Energy Agency (2006):
World Energy Outlook 2006. Paris: IEA.

Joint Science Academies (2006):
Statement: Global Response to Climate Change. Washington, DC: Joint Science Academies.

Meinshausen, M. (2006):
What does a 2 °C target mean for greenhouse gas concentrations? A brief analysis based on multi-gas
emission pathways and several climate sensitivity uncertainty estimates. In: Schellnhuber, H. J., Cramer,
W., Nakicenovic, N., Wigley, T. und Yohe, G. (Hrsg.): Avoiding Dangerous Climate Change.
Cambridge, NY: Cambridge University Press, 265–279.

SRU – Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (2006):
Die nationale Umsetzung des europäischen Emissionshandels: Marktwirtschaftlicher Klimaschutz oder
Fortsetzung der energiepolitischen Subventionspolitik mit anderen Mitteln? Stellungnahme. Berlin: SRU.

Stern, N. (2006):
The Economics of Climate Change. The Stern Review. London: HM Treasury.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2002):
Entgelte für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter. Sondergutachten. Berlin: WBGU.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2003a):
Welt im Wandel: Energiewende zur Nachhaltigkeit. Berlin: Springer.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2003b):
Über Kioto hinaus denken – Klimaschutzstrategien für das 21. Jahrhundert. Sondergutachten. Berlin:
WBGU.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2006):
Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer. Sondergutachten. Berlin: WBGU.

WISSENSCHAFTLICHER STAB

Die Erstellung dieses Politikpapiers wäre ohne die engagierte Arbeit des wissenschaftlichen Stabs des Beirats nicht
möglich gewesen:
Prof. Dr. Meinhard Schulz-Baldes (Generalsekretär), Dr. Carsten Loose (stellvertretender Generalsekretär), Dipl.-Phys.
Jochen Bard (ISET Kassel), Steffen Bauer, MA (DIE Bonn), Dipl.-Volksw. Julia E. Blasch (ETH Zürich, ab 16.10.2006), Dr.
Karin Boschert (Geschäftsstelle Berlin), Dr. Oliver Deke (Geschäftsstelle Berlin), Dr. Georg Feulner (Potsdam-Institut
für Klimafolgenforschung), Dipl.-Umweltwiss. Tim Hasler (Geschäftsstelle Berlin), Dipl.-Volksw. Kristin Hoffmann (ETH
Zürich), Dr. Sabina Keller (ETH Zürich), Dipl.-Geogr. Andreas Manhart (Öko-Institut e.V., Freiburg), Dipl.-Volksw.
Markus Ohndorf (ETH Zürich), Dr. Benno Pilardeaux (Geschäftsstelle Berlin), Dr. Martin Scheyli (Universität Fribourg,
Schweiz), Dr. Astrid Schulz (Geschäftsstelle Berlin), Dipl.-Pol. Joachim Schwerd (Fachhochschule Mainz).

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Impulse für Klimapolitik

MITGLIEDER
DES

WISSENSCHAFTLICHEN BEIRATS

DER

BUNDESREGIERUNG GLOBALE UMWELTVERÄNDERUNGEN

Prof. Dr. Renate Schubert (Vorsitzende), Ökonomin
Direktorin des Instituts für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich, Schweiz

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber (stellv. Vorsitzender), Physiker
Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Visiting Professor der Oxford University
(Fachbereich Physik und Christ Church College)

Prof. Dr. Nina Buchmann, Ökologin
Professorin für Graslandwissenschaften an der ETH Zürich, Schweiz

Prof. Dr. Astrid Epiney, Juristin
Direktorin am Institut für Europarecht der Universität Fribourg, Schweiz

Dr. Rainer Grießhammer, Chemiker
Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts e.V., Freiburg

Prof. Dr. Margareta E. Kulessa, Ökonomin
Professorin für Allgemeine Volkswirtschaftslehre und Internationale
Wirtschaftsbeziehungen an der Fachhochschule Mainz

Prof. Dr. Dirk Messner, Politikwissenschaftler
Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, Bonn

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, Physiker
Leiter der Abteilung Klimasystem am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam

Prof. Dr. Jürgen Schmid, Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik
Vorstandsvorsitzender und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik, Kassel
und Professor für Elektrotechnik/Informatik an der Universität Kassel

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
Geschäftsstelle
Reichpietschufer 60–62, 8. OG.
10785 Berlin
Telefon
Fax
E-Mail
Internet

(030) 263948 0
(030) 263948 50
wbgu@wbgu.de
http://www.wbgu.de

Redaktionsschluss
21.12.2006
Dieses Politikpapier ist im Internet in deutscher und englischer Sprache abrufbar.

© 2007, WBGU
Der WBGU verwendet für seine Publikationen umweltfreundliches, zertifiziertes Papier.

ISBN 978-3-936191-15-8
        
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