Path:

Full text: Neue Massstäbe für die Alterspflege / Cosandey, Jérôme

Jérôme Cosandey unter Mitarbeit von Kevin Kienast

wichtigeren Aufgabe

Neue Massstäbe
für die Alterspflege

Kantonsmonitoring 7

Kantonsmonitoring 7

Neue Massstäbe
für die Alterspflege
Organisation und Finanzierung einer
gesellschaftlich immer wichtigeren Aufgabe
Jérôme Cosandey,
unter Mitarbeit von Kevin Kienast

Autor	

Jérôme Cosandey, http://www.avenir-suisse.ch/6600/jerome-cosandey/

Herausgeber	

Avenir Suisse, www.avenir-suisse.ch

Internes Lektorat	

Elena Gerbershagen, Gesine Schuchert, Urs Steiner, Verena Parzer-Epp

Korrektorat	

n c ag, www.ncag.ch

Gestaltung	

Pascal Müller, n c ag, www.ncag.ch

Abbildungen	

Severin Hürzeler, www.die-grafischen.ch

Druck	

Feldegg Medien AG, www.feldegg.ch

© Juni 2016 Avenir Suisse, Zürich
aktualisierte Auflage Juli 2016
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Da Avenir Suisse an der Verbreitung der hier präsentierten Ideen
interessiert ist, ist die Verwertung der Erkenntnisse, Daten und Grafiken dieses Werks durch Dritte ausdrücklich erwünscht, sofern die Quelle exakt und gut sichtbar angegeben wird und die gesetzlichen Urheberrechtsbestimmungen eingehalten werden.
Bestellen	

assistent@avenir-suisse.ch, Tel. 044 445 90 00

Download	

http://www.avenir-suisse.ch/57166/

Inhalt

	 01	_	 Einleitung

_  7

	

1.1	_	 Neue Herausforderungen für ein altes Problem

_  8

	

1.2	_	 Kantone in der Pflicht

_  10

	

1.3	_	 Ziele und Inhalt des Kantonsmonitoring

_  14

	 02	_	 Organisation der Alterspflege 

_  19

	

2.1	_	 Ein facettenreiches Angebot

_  20

	

2.2	_	 Unterschiede in der Durchlässigkeit zwischen den Leistungserbringern

_  24

	

2.3	_	 Optionen zur Optimierung der Versorgungskette

_  29

	

2.4	_	 Mangelhafte Voraussetzungen für Effizienz im Alterspflege-Markt

_  34

	

2.5	_	 Fazit und Subranking «Organisation»

_  40

	 03	_	 Kosten der Alterspflege 

_  43

	

3.1	_	 «Ambulant vor stationär» nicht entscheidend

_  44

	

3.2	_	 Drei Viertel der Kosten für das Personal

_  50

	

3.3	_	 Grosse Unterschiede beim Personalbestand

_  59

	

3.4	_	 Regionale Abweichungen bei der Inanspruchnahme

_  66

	

3.5	_	 Einsparungspotenzial von mindestens 1,9 Milliarden Franken pro Jahr

_  70

	

3.6	_	 Fazit und Subranking «Kosten»

_  70

4

Kantonsmonitoring 7  | 2016

	 04	_	 Finanzierung der Alterspflege

_  75

	

4.1	_	 Die Troika der Pflegefinanzierung

_  76

	

4.2	_	 Ergänzungsleistungen für jeden zweiten Pflegeheimpensionär

_  88

	

4.3	_	 Wer zahlt, befiehlt – wer befiehlt, zahlt

_  97

	

4.4	_	 Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

_  101

	

4.5	_	 Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

_  108

	

4.6	_	 Fazit und Subranking «Finanzierung»

_  116

	 05	_	 Gesamtranking und Ausblick

_  121

	

5.1	_	 Ein differenziertes Bild der Alterspflege

_  122

	

5.2	_	 Bisherige Herausforderungen nur ein Vorgeschmack

_  123

	

5.3	_	 Drei Erfolgsfaktoren für die Alterspflege der Zukunft

_  127

	

5.4	_	 Langfristige Finanzierung mit vererbbarem Pflegekapital

_  131

	

5.5	_	 Fazit

_  134

			
	

		 Abkürzungsverzeichnis

			
	

Anhang

_  138
_  155

Index_ 
157

		 Literatur

_  159


5

6

Kantonsmonitoring 7  | 2016

01

	
	 Einleitung

	

1.1	_	 Neue Herausforderungen für ein altes Problem

			 Immer älter – und trotzdem länger jung
	
		 Jede dritte Person über 85 Jahre ist pflegebedürftig
	
		 Wachsende Bedeutung der Alterspflege im Gesundheitssektor

	
	
	

	
	
	

1.2	_	 Kantone in der Pflicht
		 Die Rolle der Kantone seit der Neuordnung der Pflegefinanzierung 2011
		 26 unterschiedliche Ausgangslagen

1.3	_	 Ziele und Inhalt des Kantonsmonitoring
		 Liberaler Kompass für Entscheidungsträger und Verwaltung
		 Fokus auf Langzeitpflege im Alter

_  8
_  8
_  8
_  9

_  10
_  10
_  12

_  14
_  14
_  15

[Untertitel]
7

	 1.1	_	Neue Herausforderungen für ein altes Problem
Immer älter – und trotzdem länger jung
Zuerst die gute Nachricht: Die durchschnittliche Lebenserwartung bei
der Geburt steigt in der Schweiz täglich um drei bis vier Stunden. Betrug
sie 1948, als die AHV eingeführt wurde, lediglich 68,6 Jahre

(BFS 2016b),

kletterte dieser Wert dank erhöhtem Wohlstand, gesünderem Lebensstil
und medizinischem Fortschritt bis 2013 auf 82,9 Jahre – das ist nach
Japan und Spanien der dritthöchste Wert weltweit (OECD 2016). Experten
gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Obwohl das
genaue Ausmass ungewiss ist, bleibt das Potenzial signifikant. Die Vermeidung aller Herz-Kreislauf-Krankheiten könnte die Lebenserwartung
von Männern um 4,6 Lebensjahre und die Vermeidung aller Krebs­
erkrankungen um 3,7 Jahre erhöhen (Höpflinger et al. 2011).
Wir werden nicht nur immer älter, sondern bleiben auch länger jung.
So erhöhte sich für pensionierte Männer die Anzahl der Jahre bei guter
Gesundheit von 11,1 im Jahr 1992 auf 13,6 im Jahr 2012 bzw. für Frauen
von 11,9 auf 14,2

(BFS 2016c, EC 2014).

Die durch die steigende Lebenserwar-

tung gewonnenen Lebensjahre sind somit vor allem solche guter Gesundheit. Dadurch können Hochbetagte weiterhin aktiv am Familien- und
Gesellschaftsleben teilnehmen.

Jede dritte Person über 85 Jahre ist pflegebedürftig
Die weniger gute Nachricht: Selbst wenn Hochbetagte länger gesund
bleiben als ihre Vorfahren, altern sie dennoch. Mit steigendem Alter
nimmt die Pflegebedürftigkeit exponentiell zu. Während bei den UnterAbbildung 1

Die	Pfl	egebedürftigkeit	nimmt	ab	80	Jahren	exponentiell	zu
Die Häufigkeit von mittlerer und starker Pflegebedürftigkeit steigt stark für Frauen ab
0 Jahren und für Männer ab 5 Jahren. Jeder dritte 5-Jährige und Ältere ist pflegebedürftig.
Prävalenzrate	(2008)	in	%
40
35
30

Frauen

Total

25
20

Männer

15
10
5
0
65	–	69	Jahre

70	–	74	Jahre

75	–	79	Jahre

80	–	84	Jahre

85+ Jahre

Quelle: Höpflinger et al. 2011

8

Kantonsmonitoring 7  | 2016

der Pflegebedürftigkeit für Frauen ab 80 Jahren bzw. für Männer ab

Die Häufigkeit der Pflegebedürftigkeit steigt
Frau, ist mittel bis schwer pflegebedürftig. Die Tatsache, dass die Präva- für Frauen ab 80 Jahren
lenzrate für die Gesamtbevölkerung nicht dem Mittelwert der jeweiligen bzw. für Männer ab
Prävalenzrate für Männer und Frauen entspricht, ist auf die höhere 85 Jahren stark.

85 Jahren stark (vgl. Abbildung 1). Jede dritte Person über 85 Jahre, Mann oder

Lebenserwartung der Frauen und ihren somit höheren Anteil an der Be-

völkerung in diesen Altersgruppen zurückzuführen.
Zudem kann ein längeres Leben auch zu neuen Krankheitsformen im
hohen Alter führen. Dank dem medizinischen Fortschritt überleben
mehr Menschen Herzinfarkte und Krebserkrankungen. Dafür leiden immer mehr von ihnen unter chronischen Beschwerden, zum Beispiel Diabetes oder Alzheimer

(Bachmann et al. 2015).

Solche Krankheiten können

Jahre dauern. Der Zustand der Patienten bleibt im besten Fall stabil, oft
aber verschlechtert er sich und wird von weiteren Beschwerden begleitet
(Multimorbidität). Ehepartner und Verwandte sind bei der Pflege solcher
Fälle in emotionaler und zeitlicher Hinsicht besonders gefordert. 2013
betrug der freiwillige Aufwand für die Pflege von Erwachsenen im eigenen Haushalt gemäss Berechnungen des Bundesamtes für Statistik 42
Mio. Stunden

(BFS 2016d).

Das entspricht etwa dem Arbeitsangebot von

21 000 Vollzeitangestellten (Vollzeitäquivalenten: VZÄ).

Wachsende Bedeutung der Alterspflege im Gesundheitssektor
Können Ehepartner und Kinder ihren betagten Angehörigen nicht mehr
alleine helfen, müssen diese professionell gepflegt werden. 2014 waren
im Bereich der Langzeitpflege 43 500 Personen in Spitex-Organisationen
und 124 500 Personen in Alters- und Pflegeheimen (APH) beschäftigt (BFS
2015a, BFS 2015b).

Das entsprach 108 000 Vollzeitäquivalenten.

Wegen der Steigerung der Lebenserwartung und der daraus resultierenden Veränderung der Pflegebedürftigkeit hat die Bedeutung der Pflege im Alter überproportional zugenommen. Der Personalbestand in der
Alterspflege ist zum Beispiel zwischen 2000 und 2014 im Durchschnitt
um 3,7 % jährlich gewachsen – das ist eine beinahe doppelt so hohe
Wachstumsrate wie im Spitalbereich. Nicht nur im Vergleich mit dem
Gesundheitssektor, sondern auch gemessen an der gesamten Erwerbs­
bevölkerung ist die Bedeutung des Personals in der Alterspflege deutlich
gestiegen (vgl. Tabelle 1).
Auch sind die Ausgaben für die Alterspflege immer wichtiger geworden. Die Kosten für Leistungen in Alters- und Pflegeheimen und von
Spitex-Organisationen sind zwischen 2000 und 2014 im Durchschnitt
jährlich um 4,4 % gestiegen. Dies ist eine stolze Zahl, wenn man sie in
Relation zum Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von jährlich
2,4 % setzt

(vgl. Tabelle 1).

Und selbst der Anstieg der Kosten des gesamten

Gesundheitssektors von jährlich doch 3,7 % wird damit noch übertroffen.

01 _ Einleitung9

01 _  Einleitung

80-Jährigen weniger als 10 % pflegebedürftig sind, steigt die Häufigkeit

Tabelle 1

Die	Alterspfl	ege	gewinnt	rasch	an	Bedeutung
In der alternden Gesellschaft wird die Alterspflege einer der Bereiche des Gesundheitssektors
sein, die in personeller wie in finanzieller Hinsicht am schnellsten wachsen.

Personal in Vollzeitäquivalenten (VZÄ)

2000

Alterspfl	ege	(Spitex,	APH)
Spitäler

64	590

108	098

3,7

115	090

152	433

2,0

56

71

1,7

3	878	752

4	519	230

1,1

1,7

2,4

2,6

6,3

11,5

4,4

42,8

71,2

3,7

Alterspfl	ege	in	%	des	Spitalpersonals
Erwerbsbevölkerung	(Personen)

Durchschnittliche
Wachstumsrate
2000 – 2014
2014
in %

Alterspfl	ege	in	%	der	Erwerbsbevölkerung
Kosten (Mrd. Fr.)
Alterspfl	ege	(Spitex,	APH)
Gesamte	Gesundheitskosten
Alterspfl	ege	in	%	der	gesamten	Gesundheitskosten
BIP
Alterspfl	ege	in	%	vom	BIP

15

16

0,7

459

642

2,4

1,4

1,8

1,9

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BFS 2015m, BFS 2015n, BFS 2016e, eigene Berechnungen

Dieser Trend dürfte angesichts der Alterung der Gesellschaft, die nicht
nur aufgrund der steigenden Lebenserwartung, sondern auch durch die
Ankunft der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer im Rentenalter
beschleunigt wird, kaum zum Stillstand kommen. Daher ist ein gründliches Verständnis der Organisation, der Kostentreiber und der Finanzierung der Alterspflege dringend nötig. Das vorliegende siebte Kantonsmonitoring von Avenir Suisse soll dazu einen Beitrag leisten.

	 1.2	_	Kantone in der Pflicht
Die Rolle der Kantone seit der Neuordnung der Pflegefinanzierung 2011
Im Gesundheitswesen hat der Bund nur punktuelle, wenn auch zunehmende Kompetenzen, zum Beispiel bei der Fortpflanzungsmedizin und
Gentechnologie im Humanbereich oder in der Transplantationsmedizin
(Art. 119 BV).

Er muss zudem für den Schutz der Gesundheit sorgen, zum

Beispiel via Lebensmittelschutzvorgaben oder durch die Regelung des
Umgangs mit Betäubungsmitteln (Art. 118 BV) (Schoch 2014). Sonst liegt das
Gesundheitswesen primär in der Verantwortung der Kantone. Sie stellen
die Gesundheitsversorgung (Spitäler und Pflegeheime, Pflege zu Hause,
psychiatrische Dienste usw.) sicher und sind für die Zulassung und Aufsicht ambulanter Leistungserbringer zuständig. Auch obliegt ihnen der
Vollzug gewisser bundesrechtlicher Vorgaben in den Bereichen der Krankenversicherung, des Gesundheitsschutzes und der Berufsbildung (Rüefli
et al. 2015).

10

Kantonsmonitoring 7  | 2016

01 _  Einleitung

In der Alterspflege stehen vor allem die Kantone in der Verantwortung
(Art. 112c BV) – oder ihre Gemeinden, falls die Kantone diese Kompetenz
weiterdelegieren. Der Bund verlangt lediglich durch das Bundesgesetz über
die Krankenversicherung (KVG), dass die Kantone die Planung von Pflege­
heimen koordinieren. Bedingung für die Zulassung von Pflegeheimen zur
Abrechnung der Kosten nach KVG (aber nicht von Spitex-Organisationen)
ist eine bedarfsgerechte Planung und die Aufnahme des Heimes auf eine
kantonale Pflegeheimliste, analog zur Spitalliste (Art. 39 KVG).
Wie viele Pflegeheime bzw. Pflegebetten pro Einwohner nötig sind,
wie viel Personal in Pflegeheimen, in Tagesstrukturen oder bei Spitex-Or-

In der Alterspflege
stehen vor allem die
Kantone in der
Verantwortung –
oder ihre Gemeinden,
falls die Kantone
diese Kompetenz
weiter­delegieren.

ganisationen tätig sein sollte und welche Qualifikationen die Mitarbeiter
ausweisen müssen, bestimmen allein die Kantone. Dieses Kantonsmonitoring soll eine detaillierte Übersicht über diese Vielfalt liefern.
Einzig bei der Finanzierung der Pflegeleistungen wurden im Rahmen
des Bundesgesetzes über die Neuordnung der Pflegefinanzierung
schweizweit Mindestvorgaben definiert. Diese Neuordnung wurde angeregt, nachdem die Kosten für Pflegeleistungen innerhalb der Krankenversicherung deutlich schneller gestiegen waren, als man bei der Einführung des KVG 1994 erwartet hatte. Schon 1999 wurden die Projektionen
von der Realität eingeholt, und es war aufgrund der schon damals einsetzenden Alterung der Gesellschaft kein Ende dieser Tendenz in Sicht
(Bundesrat 2005). Die neue Pflegefinanzierung hatte primär zwei Ziele: «Zum

einen soll die sozialpolitisch schwierige Situation bestimmter Gruppen pflegebedürftiger Personen entschärft werden, zum anderen geht es darum, die Krankenversicherung, welche im geltenden System zunehmend altersbedingte Pflegeleistungen übernimmt, finanziell nicht zusätzlich zu belasten» (Bundesrat 2005).
Beim ersten Ziel war vor allem die prekäre Situation mancher Patienten
in Pflegeheimen gemeint, die aufgrund von plafonierten Beiträgen der
Ergänzungsleistungen (EL) auf Sozialhilfe angewiesen waren. Beim zweiten Ziel war eine Begrenzung der Pflegekosten der Krankenversicherung
auf das damalige Niveau von unter 2 Mrd. Fr. pro Jahr gemeint (Bundesrat
2005). Mit dem neuen Bundesgesetz über die Neuordnung der Pflegefinan-

zierung vom 13. Juni 2008 wurden drei wichtige Bundesgesetze revidiert,
die am 1. Januar 2011 in Kraft traten.
Erstens wurde das KVG angepasst. Demnach sollen die Krankenkassen einen Beitrag an die Pflegeaufwendungen leisten, unabhängig davon,
ob sie ambulant, in Tages- oder Nachtstrukturen oder in Pflegeheimen
erbracht werden. Die Beiträge sind vom Pflegebedarf abhängig und
werden vom Bundesrat in Franken festgelegt (Art. 25 KVG). Im gleichen
Artikel wird der Finanzierungsanteil der Patienten definiert und plafoniert – man spricht von der «Patientenbeteiligung»:
«Der versicherten Person dürfen von den nicht von Sozialversicherungen gedeckten Pflegekosten höchstens 20 % des höchsten vom Bundesrat festgesetzten
Pflegebeitrages überwälzt werden. Die Kantone regeln die Restfinanzierung.»
(Art. 25a KVG).

01 _ Einleitung11

Durch diese gesetzliche Anpassung erhielt der Bund die Kompetenz, die
Beiträge der Krankenkassen festzulegen. Die Kantone haben einen eng
gesteckten Spielraum, der definiert, inwiefern sie ihre Bürger an der Finanzierung der Pflegekosten beteiligen können (Tarifschutz der Patienten). Allerdings geniessen sie grosse Freiheit bei der Regelung der sogenannten «Restfinanzierung». Das umfasst Gestaltungselemente wie die
Definition von oberen Beiträgen je nach Pflegebedarf oder die Berechnungsmethode für die Ermittlung dieser Beiträge. Wie diese Studie zeigen wird, nutzen die Kantone diese Freiheiten in sehr unterschiedlichem
Umfang.
Zweitens wurde das Bundesgesetz über die Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) revidiert. Vor
allem für Wohneigentümer wurden höhere Vermögensfreibeträge eingeführt, die den Zugang zu den Ergänzungsleistungen erleichtern und den
Verzehr des privaten Vermögens reduzieren. Die bisherige Plafonierung der
EL-Beiträge wurde abgeschafft, damit ein Pflegeheimaufenthalt in der Regel nicht mehr zu Leistungen der Sozialhilfe führen kann. Die Tages­taxen
der Pflegeheime sind neu als Ausgaben für die Bestimmung der Ansprüche
auf Ergänzungsleistungen anerkannt (Art. 10 Abs. 2 ELG). Die Kantone
behalten jedoch eine gewisse Handlungsfreiheit für die Bestimmung des
EL-Anspruchs, indem sie «die Kosten begrenzen [können], die wegen des Aufenthaltes in einem Heim oder Spital berücksichtigt werden» (Art. 10 Abs. 2 ELG).
Drittens wurde das Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) angepasst und neu eine Hilflosenentschädigung
für Personen mit einer leichten Hilflosigkeit, die zu Hause leben, eingeführt. Diese neue Entschädigung soll – zusammen mit dem oben beschriebenen Beitrag der Krankenversicherung an die Grundpflege – für
die Dritthilfe bei den täglichen Lebensverrichtungen verwendet werden
(Bundesrat 2005, Bundesrat 2008).

Da diese Regelung schweizweit gilt, ist sie im

Rahmen dieses Kantonsmonitorings weniger relevant.
Die Konsequenzen dieser drei Revisionen beschränken sich nicht
nur auf Finanzierungsaspekte. Durch die neuen finanziellen Zuständigkeiten zwischen Patienten, Krankenkassen und öffentlicher Hand sowie
durch die stärker am Pflegebedarf orientierten Beiträge hat sich die
Organisation, und dadurch die Kostenstruktur, der Alterspflege in den
Kantonen tiefgreifend verändert. Fünf Jahre nach Inkrafttreten der Neu-

Fünf Jahre nach Inkrafttreten der Neuordnung
der Pflegefinanzierung
zielt das Kantons­
monitoring darauf ab,
Transparenz über die
Folgen dieser Gesetzes­
änderungen in den
Kantonen zu schaffen.

ordnung der Pflegefinanzierung zielt das Kantonsmonitoring darauf ab,
Transparenz über die Folgen dieser Gesetzesänderungen in den Kantonen
zu schaffen.

26 unterschiedliche Ausgangslagen
Wie dargestellt verfügen die Kantone über einen grossen Handlungsspielraum bei der Organisation und Finanzierung der Alterspflege. Ihre Wahl
der Lösungen hängt jedoch sehr von Merkmalen ab, die trotz der Kleinheit der Schweiz zwischen den Kantonen stark variieren.

12

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Altersstruktur der Bevölkerung eines Kantons hängt in hohem Mass von
seiner wirtschaftlichen Entwicklung und seiner Einbettung in Grossregionen ab. Zum Beispiel können wirtschaftsschwache Regionen Mühe
bekunden, junge Arbeitskräfte anzuziehen bzw. zu halten. Dadurch wird
die Personalrekrutierung in Pflegeberufen erschwert. Gleichzeitig steigt
die relative Nachfrage nach Pflegeleistungen pro Einwohner, weil betagte Menschen in solchen Regionen einen grösseren Anteil an der Bevölkerung ausmachen. Umgekehrt dürfte die Situation in Kantonen mit
grossen Ballungszentren oder mit guter Erschliessung sein, weil sie eher
von einer jüngeren, weniger pflegebedürftigen Bevölkerung profitieren.
Ferner beeinflusst die Topografie die Organisation der Pflege im Alter
massgeblich. In dünnbesiedelten Gebirgskantonen müssen die Einzugsgebiete viel grösser sein, um die gleiche Anzahl Bürger zu erreichen. Anders formuliert: Pflegeheime und Spitex-Organisationen sind dort deswegen oft kleiner, weil die Anreisewege die Inanspruchnahme der
Leistungen limitieren. Umgekehrt können Skaleneffekte in städtischen
Kantonen viel eher realisiert werden.
Ausserdem spielen kulturelle Unterschiede eine grosse Rolle. Das Rol-

Das Rollenverständnis
in Bezug auf die
schen den Regionen. Welche Aufgaben sollen eher innerhalb der Familie, Familie und den Staat
der Nachbarschaft übernommen werden, welche dürfen dem Staat dele- variiert stark zwischen
giert werden? In der Ostschweiz ist es zum Beispiel eher verbreitet und den Regionen.

lenverständnis in Bezug auf die Familie und den Staat variiert stark zwi-

akzeptiert, dass man den Lebensabend in einer Altersresidenz verbringt

(auch wenn keine Pflege nötig ist). Umgekehrt ist in der Romandie das
«établissement médico-social (EMS)» à tout prix zu vermeiden. Und apropos Staat: Ist eher die Gemeinde oder der Kanton gemeint? Die Ost- und
Zentralschweiz delegiert mehr Kompetenzen an ihre Gemeinden, die
lateinische Schweiz setzt eher auf zentrale, kantonale Strukturen. Dabei
verlaufen die Bruchlinien nicht nur entlang des Röstigrabens, sondern
auch zwischen städtischen und ländlichen oder zwischen industrie- und
dienstleistungsorientierten Regionen.
Schliesslich kann die heutige Struktur der Pflege im Alter nur unter
Berücksichtigung ihrer historischen Entwicklung verstanden werden.
Die Neuordnung der Pflegefinanzierung hat die Spielregeln und damit
die Kompetenzen der Gemeinden und des Kantons zum Teil neu gestaltet. Waren zum Beispiel in einem Kanton die Gemeinden für die Sozialhilfe und der Kanton für die Ergänzungsleistungen zuständig, wurde
2011 die Finanzierungszuständigkeit für die Alterspflege einkommensschwacher Personen umgekehrt. Zudem verlief die Einführung der neuen Pflegefinanzierung in vielen Kantonen parallel zur Umsetzung der
Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen
Bund und Kantonen (NFA), die oft eine neue Aufgaben- und Lastenverteilung zwischen einem Kanton und seinen Gemeinden auslöste. Die
Organisation und die Zuständigkeiten für die Alterspflege waren in die-

01 _ Einleitung13

01 _  Einleitung

Zunächst spielen soziodemografische Faktoren eine wichtige Rolle. Die

sem Kontext oft das Ergebnis politischer Kompromisse, die mehr einer
Pfadabhängigkeit als einer «Grüne-Wiesen-Logik» entspringen.

	 1.3	_	Ziele und Inhalt des Kantonsmonitoring
Liberaler Kompass für Entscheidungsträger und Verwaltung
Die Bedürfnisse in der Alterspflege und die möglichen Lösungen, um
diese Bedürfnisse zu befriedigen, variieren sehr zwischen den Kantonen.
Dieses Kantonsmonitoring will Transparenz über Angebot und Nachfrage nach Pflegeleistungen in den 26 Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein schaffen.
Dank einer solchen Auslegeordnung können sich Verwaltung, Fachspezialisten und Entscheidungsträger über die Organisation, die Kosten und
die zum Teil komplexe Finanzierung der Alterspflege in ihrem Kanton in
quantitativer und qualitativer Hinsicht bewusst werden (vgl. Abbildung 2).
Dafür liefert die Studie nicht nur Kennzahlen, sondern sie beschreibt
die Nachfrage (zum Beispiel die Alters- und Siedlungsstruktur der Bevölkerung) und das Angebot (zum Beispiel Kostentreiber, regulatorische
Hemmnisse und Wettbewerbsumfeld) detailliert. Zudem ermöglicht der
systematische Vergleich unter den Kantonen und über die Grossregionen
hinweg, unterschiedliche Herangehensweisen zu identifizieren und kritisch zu hinterfragen.

Der systematische
Vergleich unter den
Kantonen ermöglicht,
unterschiedliche
Herangehensweisen zu
identifizieren und
kritisch zu hinterfragen.

Ein besonderes Augenmerk wird auf jene Differenzen gelegt, die sich
weniger durch soziodemografische oder topografische Merkmale, sondern vielmehr durch politische Entscheide erklären lassen. Diese Unterschiede sind interessanter, weil sie den Handlungsspielraum der öffentlichen Hand und der Leistungserbringer besser reflektieren.
Gesundheit ist ein besonders hohes Gut. Die finanziellen Verhältnisse
eines Patienten dürfen den Zugang zu Gesundheitsleistungen nicht al-

Abbildung 2

Drei	Facetten	der	Alterspfl	ege	im	Fokus

Organisation

Spitex-	und	Pfl	egeheimangebot	(Personal,	Betten)
Marktzugang	für	(private)	Leistungserbringer
Qualität der angebotenen Leistungen

Kosten

Personal-	und	Sachkosten
Personaldotation,	Quote	der	Inanspruchnahme
Einsparungspotenzial

Finanzierung

Beiträge	der	Patienten	und	der	öffentlichen	Hand	(inkl.	EL)
Fiskalische	Äquivalenz	–	«wer	zahlt	befi	ehlt»	
Steuerung	des	Angebots	/	der	Nachfrage	mit	Finanzierungsregeln

Quelle: eigene Darstellung

14

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Alterspflege, besonders stark reguliert. Man kann deshalb kaum von
einem Pflegemarkt sprechen. Das heisst aber nicht, dass innerhalb klar
definierter Leitplanken die Organisation der Alterspflege keine wettbewerbs- und marktähnlichen Elemente enthalten darf. Ganz im Gegenteil:
Im Kontext einer alternden Gesellschaft und sich verändernder Präferenzen der Patienten und ihres Umfelds wird es besonders wichtig sein, neue
Angebote einerseits und höhere Effizienz anderseits durch Wettbewerb
zu fördern.
Die Studie zeigt differenziert auf, wo Einschränkungen im Wettbewerb berechtigt sind und wie sie (ökonomisch) sinnvoll implementiert
werden sollten. Sie zeigt aber auch, wo die Selbstbestimmung und die
Eigenverantwortung der Patienten und der Leistungserbringer unnötig
eingeschränkt werden. Die Studie soll somit Entscheidungsträgern in der
Politik, in Verbänden und der Zivilgesellschaft helfen, Gestaltungselemente und Rahmenbedingungen zu identifizieren, die eine effiziente
und effektive Erbringung von Pflegeleistungen ermöglichen.

Fokus auf Langzeitpflege im Alter
Die Studie untersucht die Langzeitpflege im Alter, im ambulanten (Spitex-

Die Studie deckt alle
26 Kantone der Schweiz
Bereich (Alters- und Pflegeheime sowie Tages- und Nachtstrukturen, so- und das Fürstentum
fern sie auf kantonalen Pflegeheimlisten aufgeführt sind). Die Studie Liechtenstein ab.
Organisationen, selbständige Pflegefachpersonen) wie im stationären

deckt alle 26 Kantone der Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein

(FL |1) ab. Letzteres wird zum ersten Mal in das Kantonsmonitoring einbezogen. Das FL ist für diese Studie interessant, weil die Alterspflege dort
zwar ähnlich, aber doch mit einigen deutlichen Unterschieden gegenüber
der Schweiz organisiert ist. Der Vergleich mit dem FL bietet also nicht
nur einen 27. Vergleichspunkt, sondern überall dort Anregungen, wo die
gesetzlichen Bestimmungen von denjenigen in der Schweiz abweichen.
Die Studie fokussiert nur auf die Pflege im Alter. Die Langzeitpflege
in jüngeren Jahren, zum Beispiel nach einem Unfall oder einer Krankheit, wird nicht untersucht. Dieser Verzicht ist einerseits nötig, um die
Komplexität der Studie nicht weiter zu erhöhen, und anderseits begründet, da dieser Bereich von der Alterung der Gesellschaft weniger tangiert
wird. Auch wurde die Alterspflege in Spitälern nur am Rande berücksichtigt, weil hier die Datengrundlage mangelhaft ist. Manche Spitäler
haben eigene Geriatrie-Abteilungen; jene, die nicht über solche verfügen,
behandeln zwar ebenfalls Geriatrie-Patienten, erfassen sie jedoch nicht
separat.

1	

In dieser Publikation werden die Kantone und das Fürstentum Liechtenstein mit
den von den Autokennzeichen her bekannten zweibuchstabigen Kürzeln beschrieben.
Damit wird der Text weniger schwerfällig (gerade bei Auflistungen) und die
Identifikation einzelner Kantone im Text wird optisch einfacher.

01 _ Einleitung15

01 _  Einleitung

lein bestimmen. Daher wird der Gesundheitssektor, und damit auch die

Das Kantonsmonitoring fokussiert nur auf Themen, für die aus allen 26
Kantonen Daten vorliegen. Dafür wird die Analyse vor allem auf der Basis von national erhältlichen Statistiken (Spitex-Statistik, SOMED-Statistik, BFS 2015a,
BFS 2015b)

und Primärdaten, die Avenir Suisse mittels standardisierter Fra-

gebögen erhoben und in Einzelgesprächen mit den zuständigen Amtsvorstehern aller Kantone im Sommer 2015 validiert hat, durchgeführt.
In jenen Kantonen, in denen die Alterspflege primär in der Verantwortung der Gemeinde liegt, wurde der standardisierte Fragebogen mit

Avenir Suisse hat
Primärdaten mittels
standardisierter
Fragebögen erhoben
und in Einzelgesprächen
mit den zuständigen
Amtsvorstehern aller
Kantone validiert.

den Verantwortlichen der für die Aufsicht zuständigen kantonalen
Stelle besprochen.
Es ist offensichtlich, dass die Fokussierung auf Vergleichbares ein unvollständiges Bild der Alterspflege in den Kantonen wiedergibt. Das Engagement von Angehörigen und Freiwilligen, die Rolle von gemeinnützigen Organisationen und neuartige intermediäre Angebote wie
betreutes Wohnen sind wichtige Pfeiler der Alterspflege und eindeutig
Bestandteil der Pflegeversorgung. Aufgrund uneinheitlicher Definitionen
oder fehlender flächendeckender Erfassung können sie in diesem Monitoring jedoch nicht abgebildet werden, weil sonst Äpfel mit Birnen verglichen würden. Zur Illustration ihrer Bedeutung und im Sinne eines
Aufzeigens von Best Practices werden allerdings punktuell kantonale
Beispiele in den Kapiteln aufgegriffen.
Die Studie ist in fünf Kapitel unterteilt. Nach den einleitenden Bemerkungen wird im Kapitel 2 die Organisation der Alterspflege in den Kantonen
analysiert. Dabei werden die unterschiedlichen Angebotsformen einzeln
vorgestellt und es wird ihre Verzahnung mit der gesamten Versorgungskette illustriert. Nebst dieser vor allem quantitativen Betrachtung wird
auch die Organisation entlang qualitativer Dimensionen, aus Sicht der
Leistungsbezieher wie der Leistungserbringer, beurteilt.
In Kapitel 3 werden die Kosten der Alterspflege pro Pflegebedürftigen untersucht. Sie werden entlang von drei Haupttreibern analysiert: die Kosten pro Pflegefachperson, die Personaldotation pro Patient und die
Quote der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen pro Einwohner. Die
Zerlegung in diese drei Grössen ermöglicht nicht nur eine differenzierte
Analyse der Kosten, sondern zeigt zugleich Ansatzpunkte für eine effizientere Leistungserbringung auf.
Kapitel 4 geht der Frage der Finanzierung nach. Es wird analysiert, wie
die in Kapitel 3 ermittelten Kosten auf die verschiedenen Akteure – Patienten, Krankenkasse und Staat – verteilt werden. Nebst der Verteilungsdimension wird zudem untersucht, inwiefern die kantonalen Finanzierungsregeln einen schonenden Umgang mit personellen und finanziellen
Ressourcen sowie den innovativen Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern fördern.
Die

Kapitel 2 bis 4

werden jeweils mit einem Subranking abgerundet;

diese Subrankings werden dann in

Kapitel 5

in einem Gesamtranking kon-

solidiert. Die Verdichtung auf drei Subrankings und ein Gesamtranking

16

Kantonsmonitoring 7  | 2016

se zusammenzufassen. Sie ermöglicht jedoch, die Komplexität der The-

Ein Gesamtranking
ermöglicht, die
zu reduzieren. In der Folge sind die Verwaltung, die Politik und die Zivil­ Komplexität der
gesellschaft gefordert, sich zu den Themen zu äussern, in denen sich die Alterspflege auf wenige
Kantone am meisten voneinander unterscheiden. Kapitel 5 endet mit Nenner zu reduzieren.
matik, die in dieser Studie detailliert aufgezeigt wird, auf wenige Nenner

einem Ausblick und zeigt Wege auf, wie die heutigen Strukturen und Re-

geln optimal angepasst werden können, um die Herausforderungen einer
zunehmend individualisierten und alternden Gesellschaft zu meistern.

01 _ Einleitung17

01 _  Einleitung

ist eine bewusste Vereinfachung und eine zugespitzte Art, die Ergebnis-

18

Kantonsmonitoring 7  | 2016

02

	 Organisation
	 der Alterspflege

	
	
	

	
	
	
	
	

	
	
	
	
	

	
	
	
	

	
	
	

2.1	_	 Ein facettenreiches Angebot
		 Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen zu Hause
		 Grosse Auswahl an Pflegestrukturen

2.2	_	 Unterschiede in der Durchlässigkeit zwischen den Leistungserbringern
		
		
		
		

Spitäler nur zum Teil ein Puffer für fehlende Heimbetten
Punktuelle Hinweise auf Überangebote im stationären Bereich
Jeder dritte Pflegeheimpensionär mit tiefem Pflegebedarf
Trend zur Einschränkung des stationären Angebots

2.3	_	 Optionen zur Optimierung der Versorgungskette
		
		
		
		

_  20
_  20
_  21

_  24
_  24
_  24
_  27
_  27

_  29

Der Zusammenhang zwischen Spitex- und Pflegeheimangeboten
Intermediäre Strukturen im Ausbau
Erste Schritte in Richtung integrierter Versorgung
Pflegeaufwand daheim – wie im Heim

_  29
_  30
_  32
_  33

2.4	_	 Mangelhafte Voraussetzungen für Effizienz im Alterspflege-Markt

_  34

		 Unterschiedlicher Marktzugang für Leistungserbringer
		 Freier Marktzugang für alle Leistungsbezieher
		 Unvollständige Transparenz über angebotene Leistungen

2.5	_	 Fazit und Subranking «Organisation»
		 Vier Beurteilungskriterien für kantonale Strukturen
		 Kanton ZH am besten organisiert, Kanton SG als Schlusslicht

_  35
_  37
_  37

_  40
_  40
_  41

[Untertitel]
19

	 2.1	_	Ein facettenreiches Angebot
Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen zu Hause
«Alle Menschen sind gleich, manche mehr als andere», pflegte der verstorbene französische Komiker Coluche in Anlehnung an den Roman «Animal
Farm» von George Orwell zu sagen. Dies trifft besonders für den Gesundheitszustand von Betagten gleichen Alters zu. Mit steigendem Alter führen unterschiedliche berufliche Werdegänge, Lebensstile und Schicksale
zu grossen Diskrepanzen bei den geistigen und physischen Fähigkeiten.
Dementsprechend unterschiedlich sind die Krankheits- und Pflegeverläufe von Hochbetagten. Während 10 % bis 15 % der Bevölkerung bis zu
ihrem Tod unabhängig bleiben (Lalive d’Epinay und Cavalli 2013), ist das Leben
der anderen 85 % durch eine zunehmende Fragilisierung geprägt. Man
schätzt, dass weniger als 5 % der jährlich ca. 60 000 Todesfälle in der
Schweiz plötzlich eintreten. 50 % bis 60 % der Todesfälle geht eine schwere, fortschreitende Krankheit (z.B. Krebs) mit einer Dauer von zwei bis
drei Jahren und 30 % bis 40 % der Todesfälle eine Demenz von acht bis
zehn Jahren voraus (Bundesrat 2014).
«Fragil» zu sein bedeutet allerdings nicht automatisch, medizinische
Pflegeleistungen zu benötigen. Schon die Schwierigkeiten, selber einkaufen zu gehen und zu kochen oder sich selbständig zu waschen, machen
ältere Personen hilfsbedürftig. Der Grad dieser Hilfs- und Pflegebedürftigkeit wird häufig anhand von ADL-Indikatoren («activities of daily
living» – Aktivitäten des täglichen Lebens) gemessen. |2 Wer bei keinem
dieser Indikatoren eingeschränkt ist, gilt als unabhängig, wer bei mehr

«Fragil» zu sein
bedeutet allerdings
nicht automatisch,
medizinische
Pflegeleistungen zu
benötigen.

als zwei Mühe bekundet, gilt als stark fragil. Erwartungsgemäss steigt
der Fragilisierungsgrad mit dem Alter. Während 2012 75 % der Personen
im Alter zwischen 65 und 74 Jahren noch unabhängig waren, waren es
nur 16 % der Personen über 85 Jahre (Eugster und Jeanneret 2015).
Dass so viele Personen im Alter fragil leben, heisst noch lange nicht,
dass das hohe Alter in einem Pflegeheim verbracht wird. Ganz im Gegenteil: 90 % der 65-Jährigen und Älteren bzw. 77 % der fragilen Personen in dieser Alterskategorie leben zu Hause und werden durch Angehörige, Nachbarn und Spitex-Mitarbeiter unterstützt
2015).

(Eugster und Jeanneret

Nimmt man nur die pflegebedürftigen statt alle fragilen Personen

im Alter von 65 Jahren oder mehr in den Fokus, lebten 2015 immer noch
50 % bis 52 % dieser Bevölkerung zu Hause, die restlichen in einer statio­
nären Pflegeeinrichtung (Höpflinger 2016). Allerdings sind Alters- und Pflege­

2	

20

Genauer formuliert unterscheidet man zwischen ADL (basalen Aktivitäten des täglichen
Lebens): selbständig essen, selbständig ins oder aus dem Bett steigen oder von einem
Sessel aufstehen, selbständig zur Toilette gehen, selbständig baden oder duschen, und
IADL (instrumentellen Alltagsaktivitäten): selbständig Essen zubereiten, selbständig
telefonieren, selbständig einkaufen, selbständig Wäsche waschen, selbständig leichte
Hausarbeit erledigen, selbständig gelegentlich schwere Hausarbeit erledigen, sich selbständig um Finanzen kümmern, selbständig die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen.

Kantonsmonitoring 7  | 2016

2.1 _  Ein facettenreiches Angebot

heime in der Schweiz im hohen Alter sehr oft der Sterbeort. 78 % der
90-Jährigen und Älteren sterben in einem Heim, 20 % in einem Spital
und nur 2 % zu Hause oder unterwegs (BAG 2013).

Grosse Auswahl an Pflegestrukturen
So oder so ist die Notwendigkeit offensichtlich, (künftige) Pflegebedürftige in verschiedenen Lebensphasen zu Hause oder in einer Pflegeinstitution zu betreuen. Sicher sind aber zunächst all jene Massnahmen hilfreich, die die Autonomie der künftigen Patienten möglichst lange stärken.
Neben Informations- und Präventionskampagnen für direkt Betroffene,
baulichen Massnahmen für eine barrierefreie Umgebung im privaten wie
im öffentlichen Umfeld, hauswirtschaftlichen Leistungen, Mahlzeit- und
Transportdiensten zählen auch alle Bemühungen, die die psychische und
physische Belastung der pflegenden Angehörigen mildern, dazu. Letztere spielen eine Schlüsselrolle in der Versorgungskette der Alterspflege.
Die durchschnittlich investierte Zeit für die Pflege eines Verwandten beträgt bei den Partnern 65 Stunden pro Woche, bei pflegenden Kindern
27 Stunden pro Woche (Perrig-Chiello et al. 2010).
Die Leistungen zugunsten der Hochbetagten und der pflegenden Angehörigen werden vielfach von nicht-gewinnorientierten Organisationen
wie Pro Senectute, Avivo, dem Schweizerischen Roten Kreuz, Kirchgemeinden und vielen anderen erbracht. Die Finanzierung dieser Organisationen erfolgt über Gebühren, Spenden und Beiträge der öffentlichen
Hand, sei es auf Stufe des Bundes, der Kantone oder der Gemeinden.
Daneben spezialisieren sich immer mehr kommerzielle private Anbieter auf «nicht-medizinische Betreuungsdienste», also Leistungen, die
keine Pflege umfassen. Diese Unternehmen bieten Einsätze während

Die Leistungen
zugunsten der
Hochbetagten und
der pflegenden
Angehörigen werden
vielfach von nichtgewinnorientierten
Organisationen
erbracht.

einzelner Stunden oder für die ganze Nacht oder sogar einen 24-Stunden-Service an. Diese letzteren, sogenannten Live-in-Modelle haben allerdings ihren Preis: Sie kosten zwischen 2000 Fr. und 7000 Fr. pro Monat

(GETcare 2016, Pflegehilfe 2016).

Meistens wohnt bei diesen Arrangements

eine Betreuungsperson bei der betagten Person und betreut sie während
zwei bzw. drei Wochen rund um die Uhr (Nittnaus 2013, Giger 2011). Aufgrund
der fehlenden Rückzugsmöglichkeiten und der Notwendigkeit, sich über
Wochen vom gewohnten sozialen Umfeld zu trennen, ist die Rekrutierung von solchen Mitarbeitern in der Schweiz schwierig. Deshalb erfolgt
seit einigen Jahren eine Art Pendlermigration von sogenannten CareMigrantinnen

(von Holten et al. 2013).

Diese Frauen kommen für einige Wo-

chen vor allem aus der Europäischen Union, nämlich aus dem Osten
Deutschlands (der ehemaligen DDR) und Österreich, aus Polen, der Slowakei und Ungarn, in die Schweiz und kehren anschliessend wieder in
ihre Heimat zurück. Während manche Anbieter aus der Schweiz ihre
Dienstleistungen unter Einhaltung eines Normalarbeitsvertrags öffentlich und transparent anbieten, gibt es auch viele Vermittler, die aus dem
Ausland operieren. Dadurch, dass sich diese Arrangements in einem recht-

02 _ Organisation der Alterspflege21

lichen Graubereich bewegen (SECO 2015) und vor allem mit Privathaus­halten
getroffen werden, ist eine Schätzung des Ausmasses der Care-Migration
schwierig. In einem Bericht des Gesundheitsobservatoriums Obsan wird
festgehalten: «Insgesamt dominiert die Einschätzung, dass transnationale Sor­
gearrangements in der Schweiz vorkommen, aber dass es sich (noch) nicht um
ein Massenphänomen handelt und dass sich das Phänomen auf der Nach­
frageseite vor allem in der Mittel- und Oberschicht manifestiert»

(von Holten

et al. 2013).

Nebst den oben skizzierten Betreuungsaktivitäten fallen auch Pflegetätigkeiten im engeren Sinn an. Diese medizinischen Leistungen sind in
der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) abschliessend definiert
(Art. 7) und dürfen nur durch diplomiertes Fachpersonal erbracht
werden. 2014 boten 1636 Spitex-Organisationen ambulante Pflegedienste
an und beschäftigten beinahe 19 000 Personen

(Vollzeitäquivalente, BFS 2015a).

Im Schweizer Durchschnitt sind das 2,0 Vollzeitstellen |3 pro 1000 Einwohner. |4 Die kantonalen und regionalen Unterschiede sind jedoch
gross. Die Romandie weist mit Werten von 3,4 (GE), 3,2 (JU) und
2,9 (VD) die grösste Personaldichte auf; die Zentral- und Ostschweiz
die niedrigsten Werte von 1,3 (AG) bzw. 1,2 (AI, SZ, GL) Vollzeitstellen
pro 1000 Einwohner.
84 % des Spitex-Personals waren 2014 bei gemeinnützigen oder öffentlich-rechtlichen Unternehmen und 13 % bei gewinnorientierten – in der
Spitex-Statistik «erwerbswirtschaftlich» genannten – Unternehmen angestellt. 3 % waren selbständig tätig (BFS 2015a). Auch wenn gemeinnützige
Organisationen nach wie vor deutlich in der Überzahl sind, haben sie in
den letzten Jahren merklich an Bedeutung verloren. Während die Anzahl Beschäftigter bei der erwerbswirtschaftlichen Spitex zwischen 2011
und 2014 um 42 % und jene der selbständigen Pflegefachpersonen
um 36 % gestiegen ist, nahm die Anzahl Beschäftigter bei der gemeinnützigen Spitex «nur» um 10 % zu. Die Bedeutung privater Anbieter
variiert je nach Kanton stark. Im Kanton VS sind keine erwerbswirtschaftlichen Spitex-Organisationen tätig, während diese in den Kantonen OW
(80 %), NW (75 %), TI (72 %), GE (65 %), BS (62 %) und VD (57 %) die
Mehrheit der Anbieter (gemessen an der Anzahl der Institutionen)
darstellen (Felder 2015).
Ist die Pflege in den eigenen vier Wänden zu aufwendig oder zu kosten-

Jede vierte Personalstelle
im Gesundheitssektor
heim (APH) ziehen. 2014 zählte man schweizweit 1570 solcher Institutio- befindet sich damit
nen, die insgesamt ca. 89 000 Personen (VZÄ) beschäftigten (BFS 2015b). Jede in einem Pflegeheim.
intensiv, müssen die pflegebedürftigen Personen in ein Alters- und Pflege-

vierte Personalstelle im Gesundheitssektor befindet sich damit in einem

3	
4	

22

Nur Personal in der Pflege, ohne Leitung und Administration.
Spitex-Organisationen bieten Personen aller Alterskategorien Pflegeleistungen an.
Die Spitex-Statistik ermöglicht keine Beschränkung der Auswertung auf die Alterspflege
(BFS 2015a).

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Schweiz 95 000 Pflegeplätze an (BFS 2015b). Im Schweizer Durchschnitt entspricht das einer Bettendichte von 233 Betten pro 1000 Personen, die
80 Jahre oder älter sind

(BFS 2015b, BFS 2015c).

Unterschiede ausgeprägt

(vgl. Tabelle 2, S. 26).

Auch hier sind die regionalen

Die höchsten Bettendichten ver-

zeichnen die Kantone AR (412), GL (331) und SH (314). Am anderen Ende
des Spektrums findet man vor allem Kantone aus der lateinischen und
westlichen Schweiz mit den Kantonen SO, TI, VS, VD, JU, BL und GE,
alle mit Werten unter 200 Betten pro 1000 80-Jährige und Ältere. Der Kanton GE weist mit 166 Betten die tiefste Bettendichte aus (BFS 2015b).
Die erwähnten Bettendichten sind Bruttowerte. Sie setzen die Anzahl
Betten der Pflegeheime eines Kantons ins Verhältnis zur Einwohnerzahl
des Standortkantons. Sie berücksichtigen nicht, ob diese Betten durch
Patienten aus dem eigenen oder aus anderen Kantonen belegt werden.
Auch wird die Behandlung von Bürgern des Standortkantons in anderen
Kantonen nicht beachtet. Bei kleinen Kantonen können diese interkantonalen Bewegungen zu grösseren Verzerrungen führen. Ein Teil der hohen Bettendichte im Kanton AR lässt sich somit durch den hohen Anteil
ausserkantonaler Pflegebedürftiger von netto 18 % (Immigration minus
Emigration) erklären, die primär aus dem Nachbarkanton SG kommen.
Umgekehrt beträgt die Netto-Migration im Kanton AI –15 %. In den Kantonen TG und SH beträgt sie 8 % bzw. 7 %. In den anderen Kantonen
liegen diese interkantonalen Bewegungen im unteren einstelligen Pro­
zentbereich und sind somit vernachlässigbar (BFS 2015b).
Bemerkenswert ist die filigrane geografische Verteilung der Alters- und
Pflegeheime. Gemessen an der Distanz ab Wohnortmitte leben 97 % der

97 % der Schweizer
Wohnbevölkerung
zum nächsten Pflegeheim, bei 81 % der Bevölkerung sind es sogar nur fünf leben in einer EntferFahrminuten (Credit Suisse 2015). Nur in drei Kantonen leben weniger als 90 % nung von zehn
der Bevölkerung im Umkreis von 10 Fahrminuten zum nächsten Pflege- Fahrminuten zum
nächsten Pflegeheim.
heim, nämlich in den Kantonen JU (80 %), GR (85 %) und VS (86 %).
Schweizer Wohnbevölkerung in einer Entfernung von zehn Fahrminuten

Die Pflege erfolgt zunehmend auch in intermediären Strukturen. Dazu
zählt eine Vielfalt von Angeboten. Diese reichen von eher losen Infrastrukturen wie Mehrgenerationenhäusern, Alterswohngemeinschaften
und Wohnen mit Dienstleistungen bis hin zu spezialisierten Institutionen
wie Tages- und Nachtstrukturen, Demenzwohngemeinschaften oder Pflegeheimen, die Kurzzeit- oder Ferienbetten anbieten. Eine eindeutige Definition dieser Strukturen existiert nicht. Zwar listet die Statistik sozio­
medizinischer Institutionen

(SOMED, BFS 2015b)

Betten für Kurzzeitaufent-

halte sowie Plätze in Tages- und Nachtstrukturen auf, die kantonale Definition dieser Begriffe ist jedoch nicht einheitlich. Auch erfasst die
Spitex-Statistik nicht, ob Pflegeleistungen zu Hause oder in solchen intermediären Strukturen erfolgen. Obsan hat deshalb eine Studie ausgeschrieben, um dieses Konzept zu präzisieren und die Erfassung zu systematisieren (Obsan 2015). Wegen des Fehlens einer einheitlichen Definition und der

02 _ Organisation der Alterspflege23

2.1 _  Ein facettenreiches Angebot

Pflegeheim (Christen et al. 2015). Dazu bieten die Alters- und Pflegeheime der

unterschiedlichen Datenlage sind keine quantitativen Vergleiche über
solche intermediären Angebote zwischen den Kantonen möglich.

	 2.2	_	Unterschiede in der Durchlässigkeit
	 zwischen den Leistungserbringern
Spitäler nur zum Teil ein Puffer für fehlende Heimbetten
Die schematische Darstellung eines stets steigenden Pflegebedarfs ist eine
Vereinfachung, die die Realität nur teilweise abbildet. Kranken- und Pflegeverläufe gestalten sich nicht immer kontinuierlich. Es gibt Brüche, die
zu einer schlagartigen Verschlechterung führen, zum Beispiel ein Sturz
oder eine Pneumonie mit Komplikationen. Ein an sich gesunder Betagter muss plötzlich ins Spital und danach vielleicht dauerhaft in eine Pflege­
institution eintreten. Umgekehrt können Patienten nach einer Operation
einige Wochen stark pflegebedürftig sein und später in ihre eigenen vier
Wände zurückkehren.
Gemäss SOMED-Statistik traten in der Schweiz 2014 43 % der Pflegeheimpensionäre direkt nach einem Spitalaufenthalt in ein Alters- und
Pflegeheim ein, weitere 42 % kamen von zu Hause. Die kantonalen
Werte weichen signifikant vom Schweizer Durchschnitt ab. Diese Unterschiede können Hinweise auf die Durchlässigkeit zwischen den Pflegeorganisationen wie auch auf mögliche Über- bzw. Unterangebote von
ambulanten und stationären Dienstleistungen liefern. In den Kantonen
JU und GE stammen über 60 % der Heimbewohner aus einem Spital.
Eine oft genannte Erklärung ist das Fehlen genügender Pflegebetten, um
Patienten in die Langzeitpflege aufzunehmen. Bis ein Bett frei wird, müssen die Patienten in (den teureren) Spitalinfrastrukturen warten. Doch
diese Erklärung greift zu kurz. Es besteht keine Korrelation zwischen
dem Anteil der Pflegeheimpatienten, die direkt aus dem Spital in ein
Pflegeheim eintreten, und der Pflegeheimbettendichte in einem Kanton
(vgl. Abbildung 3).

Es besteht keine
Korrelation zwischen
dem Anteil der Pflegeheimpatienten, die
direkt aus dem Spital
in ein Pflegeheim
eintreten, und der
Pflegeheimbettendichte
in einem Kanton.

Weitere Faktoren wie die (fehlende) Transparenz über freie Bettkapazitäten, ein «Belegungsstau» in Pflegeinstitutionen aufgrund der Aufnahme von Leichtpflegebedürftigen sowie falsche finanzielle Anreize – zum
Beispiel, wenn die Gemeinde für Kosten in Alters- und Pflegeheimen
aufkommen muss, der Kanton für Spitalaufenthalte – können die unterschiedlichen Pflegepfade erklären. Auch kulturelle Eigenheiten spielen
eine Rolle. In der Romandie gibt es zum Beispiel mehr Akutspitäler pro
Einwohner als in der übrigen Schweiz, und die Romands besuchen häufiger eine Notfallstation (Christen et al. 2013).

Punktuelle Hinweise auf Überangebote im stationären Bereich
Die Bettendichte pro 1000 80-Jährige und Ältere in Alters- und Pflegeheimen variiert erheblich zwischen den Kantonen (vgl. Abbildung 3 und Tabelle 2).
Auch die optimale Bettendichte ist stark umstritten. Wann herrscht Un-

24

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Kantone mit wenigen Pflegeheimplätzen haben nicht zwangsläufig mehr Langzeitpatienten im Spital. Dass Patienten zum Teil in
Spitälern auf einen Platz im Pflegeheim warten müssen, hat auch andere Ursachen.
Patientenanteil,	der	direkt	aus	dem	Spital	ins	Pfl	egeheim	eintrat	(2014),	in	%
70
GE

R2	=	0,26

JU

60
NE

BS

UR
OW

50
BL

AG

VS

CH
TI

40

SO

AI

VD

ZH

BE
FR

GR

LU
TG SG

GL
SZ

ZG

NW

AR

30

20

SH

10

0
0

150

200

250

300

350

400

450

Pfl	egeheimbetten	pro	1000	80-Jährige	und	Ältere	(2014)

Quelle: BFS 2015b, BFS 2015c, eigene Berechnungen

terversorgung? Wann können zu viele Heimplätze eine übergrosse Nachfrage induzieren?
Der Auslastungsgrad der Pflegeinstitutionen kann erste Indikationen
in Bezug auf Unter- bzw. Überversorgung liefern. Die tiefe Auslastung
einzelner Institutionen mag auf einen ungünstigen Standort oder die
schlechte Qualität der Dienstleistungen bzw. des Managements eines
Pflegeheims hindeuten. Doch in einem freien Wettbewerb müssten
diese Mängel durch attraktive Mitbewerber kompensiert werden, die
folglich eine höhere Auslastung geniessen müssten. Eine tiefe durchschnittliche Auslastung im ganzen Kanton kann deshalb einen Hinweis
auf eine Überversorgung im stationären Bereich liefern. In 12 Kantonen
lag 2014 die durchschnittliche Auslastung unter 95 %, dem nationalen
Durchschnitt (vgl. Tabelle 2). Sie ist in den Kantonen SO und SH (92 %), GL
(90 %) und AI (89 %) am tiefsten (BAG 2015b).
Umgekehrt können zu hohe Auslastungsgrade auf eine Unterversorgung hinweisen. Nebst Versorgungsproblemen quantitativer Natur – also
zum Beispiel kein Zugang zur stationären Pflege – bedeuten zu hohe
Auslastungsgrade eine potenzielle Verschlechterung der Pflegequalität.
Eine zu geringe Anzahl an Pflegeplätzen schränkt die Wahl der Pensionäre ein und untergräbt damit den Wettbewerb. Selbst schlecht geführ-

02 _ Organisation der Alterspflege25

2.2 _  Unterschiede in der Durchlässigkeit
z	 wischen den Leistungserbringern

Abbildung 3

Heimeintritte	nach	einem	Spitalaufenthalt	und	Bettendichte	in	den	Pfl	egeheimen

Tabelle 2

Fast	ein	Drittel	der	Pfl	egeheimpatienten	könnte	ambulant	behandelt	werden
Die Bettendichte pro Einwohner sagt wenig über die effektiv verfügbaren Plätze in Pflege­
heimen in einem Kanton aus. Engpässe können auch entstehen, wenn zu viele leicht­
pflegebedürftige Patienten, die sonst ambulant behandelt werden könnten, Plätze besetzen.
Minima und Maxima pro Spalte sind rot eingefärbt.

Anzahl Betten in
Alters­ und Pflege­
heimen pro 1000
80­Jährige und
Ältere (2014)

Auslastung
der Alters­ und
Pflegeheime
in % (2014)

Pflegeheim­
bewohner, die
direkt aus dem
Spital ins Pflege­
heim eintreten,
in % (2014)

Pflegeheim­
bewohner ohne
Pflege oder mit
Pflegestufe 1 bis 3
in % (2014)

GE

166

98

62

9

BL

180

96

42

33

VD

186

98

36

22

JU

180

98

63

12

SO

198

92

39

27

VS

188

99

44

15

TI

192

97

41

13

BS

225

93

52

31

AI

226

89

37

41

AG

223

96

46

35

NE

239

97

52

12

NW

242

98

36

36

GR

248

93

42

31

FR

245

99

41

18

BE

253

93

45

28

OW

249

95

48

31

ZH

260

92

46

39

LU

261

96

46

31

TG

262

93

38

37

ZG

263

94

32

40

SG

268

95

38

41

SZ

283

94

38

40

UR

297

98

51

36

SH

314

92

18

42

GL

331

90

41

49

AR

412

92

29

45

CH

233

95

43

30

FL

206

97

n.a.

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: BAG 2015b, BFS 2015b, BFS 2015c, eigene Berechnungen

te Institutionen können bei Unterversorgung bestehen, weil Pensionäre
keine Alter­native haben. Auch verschlechtert ein zu knappes Pflegeplatzangebot kurz­fristig die Verhandlungsposition der öffentlichen Hand,
zum Beispiel die der Gemeinde, die Leistungsvereinbarungen mit Institutionen aushandeln muss, um die Pflege ihrer Bürger zu garantieren.

26

Kantonsmonitoring 7  | 2016

2.2 _  Unterschiede in der Durchlässigkeit
z	 wischen den Leistungserbringern

Jeder dritte Pflegeheimpensionär mit tiefem Pflegebedarf
Hohe Auslastungsgrade allein bedeuten nicht, dass die Pflegeinstitu­
tionen über zu wenig Betten verfügen. Es kommt auch vor, dass Heimpensionäre, die eigentlich ambulant behandelt werden könnten, in
Pflegeheimen betreut werden. Seit der Einführung der neuen Pflege­
finanzierung wird der Pflegebedarf von stationären Patienten schweizweit
in zwölf Stufen von je 20 Minuten pro Tag eingeteilt, wobei Stufe 1 die
tiefste und Stufe 12 die intensivste Pflegestufe darstellt. Im Schweizer
Durchschnitt benötigten 2014 5 % der Pensionäre in Schweizer Pflegeheimen keine Pflege |5 und weitere 25 % weniger als 60 Minuten Pflege
pro Tag (Pflegestufe 1 bis 3, BFS 2015b). Somit wäre für beinahe 30 % der Pensionäre eine ambulante Behandlung denkbar. |6
Die kantonalen Unterschiede sind auch hier ausgeprägt. In vielen Kantonen der Zentral- und Ostschweiz benötigen mehr als 40 % der Pensionäre weniger als eine Pflegestunde pro Tag. Die höchsten Werte verzeichnen die Kantone GL mit 49 % und AR und SH mit 45 % bzw. 42 %. In
der lateinischen Schweiz liegen die Werte hingegen oft deutlich unter
20 % (vgl. Tabelle 2).
Das Potenzial für die Pflege zu Hause, die dem Wunsch von 75 % der
Einwohner entspricht (BAG 2010), dürfte also in vielen Kantonen gross sein.
Dieser Verdacht wird durch eine Studie im Kanton SZ erhärtet. Diese
stellte fest, dass 70 % der Pflegeheimeintritte mit geringem Pflegebedarf
erfolgten, ohne dass die Pensionäre zuvor in Kontakt mit der lokalen
Spitex waren (Krummenacher und Wächter 2013). Doch ausgerechnet diese leichtpflegebedürftigen Pensionäre könnten eher ambulant behandelt werden.

Viele Pflegeheimeintritte
mit geringem Pflege­
bedarf erfolgen, ohne
dass die Pensionäre
zuvor in Kontakt mit der
lokalen Spitex waren.

Ähnliche Studien für andere Kantone liegen nicht vor. Die Kenntnis dieses Prozentsatzes könnte eine wichtige Grösse sein, um die Qualität der
Orientierung und der Begleitung der Pflegebedürftigen vor dem Heimeintritt zu messen.

Trend zur Einschränkung des stationären Angebots
Im Fokus der meisten Kantone steht der Anteil der Pensionäre mit tiefen
Pflegestufen. Bereits heute werden Massnahmen getroffen, um die Heimplätze vermehrt mit mittel- bis schwerpflegebedürftigen Patienten zu besetzen. Im Kanton BS findet vor jedem Heimeintritt eine obligatorische
Bedarfsabklärung statt, bei der die Möglichkeiten einer ambulanten Betreuung aufgezeigt werden. Der Kanton GE geht sogar weiter: Dort können nur Patienten mit einer Pflegestufe 4 oder höher in ein Pflegeheim
aufgenommen werden. In Sonderfällen (starke Demenz, Messie, Verein-

5	

6	

In einigen Regionen werden alte Menschen als Heimbewohner eingestuft, wenn sie
in einer dem Heim angegliederten Alterswohnung leben. Es sind jedoch keine «Heim­
bewohner» im engeren Sinne.
Dabei muss die persönliche Situation stets im Einzelfall geprüft werden. Es kann
nebst pflegerischen auch soziale Gründe (Vereinsamung, «Messie») geben, die einen
Heimeintritt rechtfertigen.

02 _ Organisation der Alterspflege27

samung) ist ein Heimeintritt möglich, das bedingt allerdings die Bewilligung der kantonalen Sozialdirektion.
In unseren Interviews zeigte sich, dass die meisten Kantone für tiefe
Pflegestufen eine Verlagerung von der stationären zur ambulanten Pflege erzielen wollen. In den Kantonen AI und AR hatten manche Heime
bisher nur eine Betriebsbewilligung für Pensionäre bis Pflegestufe 7. Neu
sollen alle Pensionäre bis zum Lebensende gepflegt werden können. Dadurch kann dem Patient ein Umzug erspart werden und alle Heime können sich neu pflegeintensiveren Pensionären widmen. Der Kanton UR
will laut seiner Pflegeheimplanung bis 2035 die Anzahl der Pensionäre
mit Pflegestufe 0 – 2 explizit halbieren. Andere Kantone stellen ähnliche
Überlegungen an. Sie formulieren jedoch keine expliziten Ziele für die
tiefen Pflegestufen, sondern passen die Richtwerte für die Anzahl Betten
für alle 80-Jährigen und Älteren – und implizit für die Patienten mit geringem Pflegebedarf – nach unten an. Es heisst, dieser Top-down-Ansatz
sei einfacher zu kommunizieren und lasse mehr Flexibilität bei der Umsetzung zu. Bei einer alternden Gesellschaft, sprich einer steigenden Zahl
von Pflegebedürftigen, reicht in den meisten Fällen ein Zulassungsstopp
für neue Betten bzw. eine Wachstumsrate der Bettenzahl unter derjenigen der älteren Bevölkerung, um die Bettendichte zu senken. In einzelnen Kantonen werden zudem durch den Umbau von Mehrbett- in Einzelbettzimmer gewisse Bettenkapazitäten abgebaut.
Der Kanton SG beschloss bereits 2011 eine signifikante Reduktion des
Richtwerts für die Anzahl Betten pro 80-Jährigen und Älteren von 29 %
2015 auf 25 % 2030

(Departement des Innern SG 2011).

TG beschloss eine noch

stärkere Reduktion von 28,1 % 2010 auf 22,7 % 2030 (Gesundheitsamt TG 2012).
Dieser Richtwert gilt zwar für den gesamten Kanton, doch sind lokale
Abweichungen möglich: «Um regionalen Unterschieden im Angebot und in
der Nachfrage nach Heimplätzen Rechnung tragen zu können, kann das Bet­
tenangebot gemäss Richtwert in einer Region um maximal 10 % erhöht wer­
den, wenn die Auslastung in der relevanten Region während mindestens zwei
Jahren über 95 % liegt»

(Gesundheitsamt TG 2012).

Der Kanton SZ plant eine

ähnliche Reduktion von 28 % im Jahr 2012 auf 19 % im 2030
sundheit und Soziales SZ 2014).

(Amt für Ge-

Der Kanton SO, der schweizweit bereits heute

eine der tiefsten Bettendichten pro 80-Jährigen und Älteren kennt, strebt
eine weitere Senkung auf 18,5 % bis 2020 an (Kanton Solothurn 2013). Die Annahme hinter diesem Ziel ist die künftige ambulante Behandlung von
800 Heimpensionären der Pflegestufen 1 bis 3. Schliesslich will der Kanton BE die Bettendichte bis 2030 auf 17,6 % reduzieren.
In diesem Kontext sind zudem drei kantonale Vorgänge erwähnenswert. Im Kanton ZH sind die Gemeinden für die Bettenplanung zustän-

Der Kanton ZH macht
bezüglich Bettenplanung
stellt er lediglich Bedarfsprognosen auf Stufe Bezirk unter Differenzie- keine Vorgabe.

dig, der Kanton macht diesbezüglich keine Vorgabe. Als Planungshilfe

rung von leichten (Pflegestufe 0 – 2) und mittelschweren Pflegebedürftigen (Pflegestufe 3 – 12) zur Verfügung. Das Fehlen kantonaler Vorgaben

28

Kantonsmonitoring 7  | 2016

wurde durch Krankenkassen rechtlich angefochten, doch wurde das Vor2010).

Auch der Kanton BL delegiert die Bettenplanungskompetenz an

seine Gemeinden. Der Kanton hat keine gesetzliche Möglichkeit, den
Gemeinden Maximalwerte vorzuschreiben. Der Kanton SH schreibt den
Gemeinden eine minimale Bettendichte von 70 Betten pro 1000 65-Jährige und Ältere vor (Art. 11 AbPV / SH). Diese Mindestvorgabe soll sicherstellen, dass alle Gemeinden ihre Verantwortung in der Alterspflege wahrnehmen und die Infrastrukturen anderer Gemeinden bzw. des Kantons
(Kantonspitals) nicht überdurchschnittlich beanspruchen.

	 2.3	_	Optionen zur Optimierung der Versorgungskette
Der Zusammenhang zwischen Spitex- und Pflegeheimangeboten
Die von vielen Kantonen angestrebte Reduktion der Anzahl Leichtpflegebedürftiger in stationären Institutionen kann nur erfolgen, wenn ein
passendes ambulantes Angebot den entsprechenden Pflegebedarf auffangen kann. Daher ist es nicht überraschend, dass der Personalbestand im
ambulanten Bereich von 2006 bis 2014 mit 6,3 % pro Jahr doppelt so stark
gewachsen ist wie im stationären Bereich (3 %) (BFS 2015a und 2015b). |7
Der Umkehrschluss ist allerdings nicht zulässig: Ein Ausbau des ambu-

Ein Ausbau des ambulanten Pflegeangebots
stationären Angebots. Kantone, die viele Spitex-Mitarbeiter pro Einwoh- führt nicht zwangsläufig
ner ausweisen, benötigen zum Teil gleich viel, mitunter sogar mehr Heim- zu einer Reduktion des
betten pro Einwohner als andere Kantone mit deutlich weniger Pflegeper- stationären Angebots.

lanten Pflegeangebots führt nicht zwangsläufig zu einer Reduktion des

sonal im ambulanten Bereich (vgl. Abbildung 4). So bieten etwa die Alters- und

Pflegeheime der Kantone SO und BL in der Deutschschweiz und der Kantone VD und JU in der Romandie alle etwa 200 Betten pro 1000 80-Jährige und Ältere an. Die beiden Deutschschweizer Kantone beschäftigen jedoch nur halb so viele Spitex-Angestellte wie die Westschweizer Kantone.
Warum? Im stationären wie im ambulanten Bereich erzeugt ein zusätzliches Angebot jeweils auch eine zusätzliche Nachfrage. Neue Stellen
im Spitex-Bereich führen nicht nur zu einer Substitution der Nachfrage
nach Leistungen in Alters- und Pflegeheimen, sondern können auch eine
neue Nachfrage im ambulanten Bereich wecken, die bisher durch Angehörige befriedigt wurde, nicht erfüllt wurde oder sich noch gar nicht geäussert hat.

7	

Bis 2009 enthält die Spitex-Statistik nur die gemeinnützigen und öffentlich-rechtlichen
Organisationen. Seit 2010 beteiligen sich auch die gewinnorientierten Unternehmen
und selbständigen Pflegefachpersonen an der Erhebung. 2011 machten sie etwa 13 % der
Stellen aus, 2014 16 % (BFS 2015a). Die effektive Wachstumsrate seit 2006 dürfte daher
etwas tiefer liegen, wenn auch nicht signifikant tiefer.

02 _ Organisation der Alterspflege29

2.3 _  Optionen zur Optimierung
der Versorgungskette

gehen des Kantons durch das Bundesgericht bestätigt (Bundesverwaltungs­gericht

Abbildung 4

Mehr	Spitex-Personal	bedeutet	noch	nicht	weniger	stationäre	Angebote	
Der Ausbau der ambulanten Pflege geht nicht zwangsläufig mit einer Reduktion des stationären Pflegebedarfs einher. Kantone,
die viele Spitex­Mitarbeiter pro Einwohner ausweisen, weisen zum Teil gleich viel oder sogar mehr Heimbetten pro 1000 0­Jährige
und Ältere auf als andere Kantone mit deutlich weniger Pflegepersonal im ambulanten Bereich.
Betten	in	Alters-	und	Pfl	egeheimen	pro	1000	80-Jährige	und	Ältere	(2014)
450
AR

R2	=	0,32

375
GL
SH
300

SZ
NW
OW

225

UR
SG TG ZG LU
ZH
FR
GR

BE
CH
NE

AI AG

BS
FL

VS

VD

SO

JU

TI

BL

GE

150

75

0
0

0,5

1

1,5

2

2,5

3

3,5

Spitex-Personal	in	Vollzeitäquivalenten	pro	1000	Einwohner	(2014)

Quelle: BFS 2015a, 2015b, 2015c, eigene Berechnungen

Intermediäre Strukturen im Ausbau
Die angestrebte Verlagerung weg von stationären Einrichtungen kann
zudem schneller erfolgen, wenn nebst Spitex auch weitere intermediäre
Pflegeangebote entstehen, wie zum Beispiel das betreute Wohnen.
In solchen Wohnungen, die häufig von einer Spitex-Organisation oder
einem Pflegeheim betrieben werden, können Pensionäre, die noch nicht
oder nur leicht pflegebedürftig sind, einziehen und mit der Zeit immer
mehr individuelle Hilfsleistungen in Anspruch nehmen. Dank der
Konzentration an einem Ort können Spitex-Leistungen effizient organisiert werden, weil Anreisewege wegfallen und Fachpersonen sich gegenseitig helfen können. Arbeiten die Pflegefachpersonen auch im nahe­
gelegenen Pflegeheim, man spricht dann eher von Spitin statt Spitex,
kann zudem die Kontinuität der Pflege im Fall eines Heimübertritts gewährleistet werden.
Der Markt für solche kombinierten Angebote wächst stark. Gemäss
Credit Suisse

(Christen et al. 2015)

beträgt der Anteil der bewilligten Pflege-

heime mit weiteren Nutzflächen seit 2011 etwa 40 %. Zwischen 2006 und
2010 wurde sogar fast die Hälfte der neu erstellten Pflegeheime in Kombination mit Alterswohnungen bewilligt. Zwischen 1995 und 2002 war

30

Kantonsmonitoring 7  | 2016

dieser Anteil noch erst um die 15 % gelegen. Der Ausbau solcher AngeTagesstrukturen sind ebenfalls wichtige intermediäre Angebote.
Indem sie Pflegebedürftige tageweise aufnehmen, bieten sie den Pflegeangehörigen eine Entlastung, um Kraft zu tanken und ihre Lebenspartner oder Eltern weiterhin zu Hause pflegen zu können. Zugespitzt formuliert: Geht man von der vereinfachten Annahme aus, dass der
Heimeintritt der pflegebedürftigen Person (aufgrund der Entlastung)
durch pflegende Angehörige vermieden werden kann, ersetzt jeder Platz
in einer Tagesstätte, die fünf Tage pro Woche offen ist, fünf Betten in

Tagesstrukturen bieten
den Pflegeangehörigen
eine Entlastung, um
Kraft zu tanken und
ihre Lebenspartner
oder Eltern weiterhin
zu Hause pflegen zu
können.

einer stationären Einrichtung. Die Altersleitbilder und Versorgungsplanungen der meisten Kantone sehen auch deshalb einen Ausbau von Tages­
strukturen vor.
Die effektive Nachfrage nach Tagesstätten ist schwierig zu ermitteln.
Während die Schweizerische Alzheimervereinigung (2007) von einer signifikanten Unterversorgung ausgeht – die vorhandenen Plätze deckten
2007 nach ihrer Schätzung nur 12 % des Bedarfs –, bekunden viele
Tagesstätten Mühe, ihre Plätze voll zu belegen. In einer Studie über 17
Tagesstätten in 9 Kantonen im Auftrag der Age-Stiftung (Köppel 2015) wiesen 2013 63 % der Tagesstrukturen eine Auslastung unter 80 % aus, zwei
Institutionen hatten sogar eine Auslastung unter 25 %. Experten berichten zudem über Tagesstrukturen in einzelnen Kantonen, die nach der
Eröffnung von stationären Pflegeeinrichtungen in ihrer Nähe geschlossen haben. Einerseits zeigen diese anekdotischen Evidenzen, dass intermediäre Infrastrukturen durchaus eine Alternative zu stationären Heimen sein können. Bis die Heime eröffneten, boten die Tagesstätten eine
wichtige Entlastung. Anderseits dürfte die Auslastung von Tagesstätten
durch die Eröffnung von neuen Heimen kaum tangiert werden, wenn
man davon ausgeht, dass Menschen lieber ambulant als stationär gepflegt
werden möchten. Dies setzt jedoch voraus, dass die Tagesstrukturen auch
den qualitativen Bedürfnissen der Pflegebedürftigen und der pflegenden
Angehörigen entsprechen. Nur so bieten sie eine echte Alternative und
reduzieren den Bedarf an stationären Plätzen.
Köppel (2015) zeigt in ihrer Studie, dass nebst der Tarifgestaltung
(vgl. Kapitel 4)

betriebliche Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Besonders

relevant ist weniger die Lage per se als vielmehr die Erreichbarkeit der
Tagesstätte, zum Beispiel mit einem Taxidienst. Auch dürfen die Anreisezeiten nicht zu lang sein, da sonst der Transportaufwand im Verhältnis
zur Entlastung der Angehörigen zu gross ist. Die Analyse der geografischen Herkunft der Patienten zeigt, dass eine Anfahrtsdistanz von 35
Minuten eine Obergrenze bildet und damit das Einzugsgebiet definiert.
Die Öffnungszeiten müssen ein gestaffeltes Kommen und Gehen ermöglichen, um die Pflege der Pensionäre durch die Spitex zu Hause zu ermöglichen und die beruflichen Verpflichtungen der pflegenden Angehörigen zu berücksichtigen. Dagegen scheint die Nachfrage nach

02 _ Organisation der Alterspflege31

2.3 _  Optionen zur Optimierung
der Versorgungskette

bote findet primär im Grossraum Zürich, Basel und Mittelland statt.

Wochenenddiensten gering zu sein. Auch muss das Betreuungsangebot
gut auf die Klientel ausgerichtet sein. Im Vergleich zu Pflegeheimen sind
Pensionäre in Tagesstätten tendenziell jünger, weniger pflegebedürftig
und primär männlich. Dies hat Konsequenzen für die Programmgestaltung und das Anforderungsprofil der Mitarbeiter.

Erste Schritte in Richtung integrierter Versorgung
Die steigende Bedeutung intermediärer Strukturen zeigt, wie wichtig
eine Gesamtsicht für die Organisation der Pflege im Alter ist. Es geht
nicht darum, die Spitex gegen Pflegeheime auszuspielen, sondern die
Versorgungskette der Alterspflege als Ganzes als Kontinuum zu betrachten. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern deshalb die kantonalen Sektionen von Curaviva (Heimverband), Spitex und Pro Senectute
des Kantons SG, dass die Politik eine Strategie namens «Ambulant mit
stationär» verfolgt (Pro Senectute SG et al. 2012). Schon allein die Tatsache, dass
die drei Organisationen gemeinsam auftreten, zeugt vom Sinneswandel
in der Alterspflege. |8
In der Praxis häufen sich zudem die Beispiele von Leistungserbringern,
die Alterspflege entlang der ganzen Versorgungskette anbieten. Die
Gemeinden Balzers (FL) und Rapperswil-Jona (SG) haben Organisationen
gegründet, die sowohl Spitex-Dienstleistungen, betreute Wohnungen und
Pflegeheimplätze unter einer Dachorganisation anbieten (Kupferschmid 2013).
Ähnliche Modelle gibt es auch gemeindeübergreifend. Die Thurvita AG,
eine gemeinnützige Aktiengesellschaft im Besitz der Gemeinden Wil, Niederhelfenschwil, Rickenbach und Wilen in den Kantonen SG und TG,
führt vier Institutionen zusammen, die bis Ende 2012 selbständig waren
(Thurvita 2015).

Im Kanton VD sind Organisationen entstanden, die neben

Die Gemeinden Balzers
(FL) und RapperswilJona (SG) haben Organisationen gegründet,
die sowohl SpitexDienst­leistungen,
betreute Wohnungen
und Pflegeheimplätze
unter einer Dach­
organisation anbieten.

Alterspflegeinstitutionen auch Spitäler, Tageskliniken und Arztpraxen
einbinden, wie das «Réseau Santé Balcon du Jura» (2015) in Sainte-Croix
und der «Pôle Santé du Pays-d’Enhaut» in Château-d’Œx (Hôpital du Pays-d’Enhaut 2014). Im Kanton GR vereint das Gesundheitszentrum «Center da sandà

Val Müstair», das kleinste Spital der Schweiz, unter einem Dach: eine integrierte Praxis mit Notfalldienst, Rettungsdienst, Pflegeheim, Spitex,
Zahnarzt, psychotherapeutische Sprechstunde, Physiotherapie, Mütterund Väterberatung, Podologie und Kinesiologie (Hänni und von Fellenberg 2012).
Solche Modelle haben nicht nur für die Patienten Vorteile, die von einem durchgängigen Angebot profitieren können, sondern auch für die
Leistungserbringer. Erstens können durch die Schaffung einer zentralen
Anlauf- und Beratungsstelle die Marketing-Aktivitäten aller Organisationen zusammengefasst werden (Curaviva 2012). Diese Stelle kann kompetent

8	

32

Im Kanton ZH wollten die kantonalen Verbände der Spitex und Curaviva 2014 sogar
fusionieren, um ihre Interessen gemeinsam stärker zu vertreten. Zwar unterstützte
die Mehrheit der Mitglieder beider Organisationen dieses Vorhaben, scheiterte jedoch
am qualifizierten Mehr von 75 % des Spitex-Verbands (Curaviva ZH 2015).

Kantonsmonitoring 7  | 2016

die Kundenbedürfnisse abklären und erhält dadurch konsolidierte Informationen über die wechselnden Bedürfnisse der Klientel. Zweitens kön2.3 _  Optionen zur Optimierung
der Versorgungskette

nen, sofern die Prozesse (Buchhaltung, IT, Beschaffungswesen) harmonisiert werden, Overhead-Kosten substanziell reduziert werden. Drittens
kann sich ein integrierter Versorger als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Dank der Grösse der Organisation und der Vielfalt ihrer Tätigkeiten ist die Ausbildung von Lehrlingen besser, kostengünstiger und für
Jugendliche attraktiver. Job-Rotationen zwischen den einzelnen Betrieben sind eher möglich. Das ist für die Bindung bestehender Mitarbeiter
sowie für die Rekrutierung von Quereinsteigern von Vorteil (Cosandey 2014).

Pflegeaufwand daheim – wie im Heim
Die Bedeutung der ambulanten bzw. der stationären Alterspflege ist regional sehr unterschiedlich. Wie dargestellt sind Spitex-Angebote in der
lateinischen Schweiz tendenziell mehr ausgebaut, während stationäre
Institutionen in der Zentral- und Ostschweiz stärker vertreten sind.
Diese Unterschiede spiegeln kulturelle und politische Präferenzen sowie
geografische Gegebenheiten. Rein aus Versorgungssicht (auf die finanziellen Konsequenzen werden wir im Kapitel 3 eingehen) ist es jedoch wenig
relevant, ob die Pflege daheim oder im Pflegeheim erbracht wird. Wich-

Ob daheim oder im
Heim: Wichtig ist, dass
genügend qualifiziertes
Personal dem Pflege­
bedarf der Bevölkerung
nachkommt.

tig ist, dass genügend qualifiziertes Personal dem Pflegebedarf der Bevölkerung nachkommt.
Der Pflegebedarf kann anhand von alters- und geschlechtsspezifischen
Prävalenzraten |9 geschätzt werden (Höpflinger et al. 2011). Berücksichtigt man
die jeweiligen Alterskohorten eines Kantons (nach Mann und Frau differenziert) und multipliziert diese Bevölkerungsgruppen mit der entsprechenden Prävalenzrate (vgl. Abbildung 1, S. 8), erhält man die potenziell pflegebedürftige Bevölkerung pro Kanton. Diese geschätzte Pflegenachfrage ist
mit dem vorhandenen Pflegeangebot – die Summe der Pflegefachpersonen (in Vollzeitstellen) im ambulanten wie im stationären Bereich – vergleichbar. |10 Das Resultat kann in der Abbildung 5 und in Tabelle 21 im Anhang
beobachtet werden.
Die Unterschiede sind beträchtlich. Die beiden Extremwerte wurden
2014 von den Kantonen AR (1,04 VZÄ pro Pflegebedürftigen) und AI
(0,56 VZÄ pro Pflegebedürftigen) belegt. Wie erwähnt, spielt bei diesen
beiden Kantonen die interkantonale Migration eine überdurchschnittliche Rolle. Das wirkt sich auf das «Über-» bzw. «Unterangebot» aus. Selbst
unter Ausklammerung dieser beiden Extreme beträgt der Unterschied

Als Prävalenz bezeichnet man die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in
einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt (DocCheck 2016).
10	 Im ambulanten Bereich (Spitex) arbeitet das Pflegepersonal sowohl für jüngere wie für
ältere Patienten. Die Spitex-Statistik (BFS 2015a) ermöglicht die Aufteilung nach
Altersgruppen nicht. Vereinfachend wird das Gesamtpersonal für die Bestimmung des
Angebots berücksichtigt. Da Spitex in allen Kantonen junge und ältere Patienten
bedient und das Spitex-Personal nur etwa 17 % des gesamten Pflegepersonals ausmacht,
ist die Verzerrung eher gering.
9	

02 _ Organisation der Alterspflege33

Abbildung 5

Kein	Röstigraben	in	der	Alterspfl	ege
Die lateinische Schweiz hat tendenziell mehr Spitex­Personal, die Deutschschweiz mehr Personal in Pflegeheimen. Wird jedoch
das gesamte Pflegepersonal, im ambulanten und stationären Bereich, pro pflegebedürftige Person zusammengezählt, verschwinden
die regionalen Unterschiede.
Pfl	egepersonal	(VZÄ)	pro	1000	pfl	egebedürftige	65-Jährige	und	Ältere	(2014)

SH
0,90 und mehr
0,80 bis 0,89
0,70 bis 0,79
0,70 und weniger

TG

BS
BL
JU

ZH

AG

AR

SO
ZG

SG

LU

SZ

NE

VD

GL

NW

BE

OW

AI

UR

GR

FR

TI
GE

VS

Quelle: BFS 2015a, 2015b, 2015c, eigene Berechnungen

zwischen dem zweithöchsten und dem zweittiefsten Wert 40 %. Interessanterweise verschwindet bei dieser konsolidierten Betrachtungsweise
der Röstigraben, der im Spitex- bzw. im Pflegeheimbereich zu beobachten ist. In Kantonen mit mehr als 0,9 VZÄ pro Pflegebedürftigen finden
sich Kantone aus der Westschweiz (NE, FR) und der Zentral- und Ostschweiz (AR, SH, OW, LU, UR). Am anderen Ende des Spektrums finden
sich ebenfalls sowohl Kantone aus der Romandie (JU, VS) wie aus der
Deutschschweiz (AI, BL, SO, AG).

	 2.4	_	Mangelhafte Voraussetzungen für Effizienz
	 im Alterspflege-Markt
Der Gesundheitssektor ist kein freier Markt. Leistungserbringer unterstehen strengen Regulierungsvorschriften, die neuen Anbietern den Zugang zum «Markt» erschweren. Die Leistungen werden nicht nur durch
die Konsumenten (die Patienten) bestellt, sondern zum Teil von den Leistungserbringern verordnet. Und der Patient zahlt nur einen geringen Teil
der Kosten der Leistungen, die er bezieht. Umso wichtiger ist es, unter

34

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Berücksichtigung dieser Einschränkungen Rahmenbedingungen zu
schaffen, die eine Belebung der Konkurrenz unter den Leistungserbringern ermöglichen und Angebote entstehen lassen, die den Bedürfnissen
2.4 _  Mangelhafte Voraussetzungen
für Effizienz im Alterspflege-Markt

der Pflegebedürftigen am besten und am kosteneffektivsten entsprechen.

Unterschiedlicher Marktzugang für Leistungserbringer
Es besteht für Monopolisten wenig Anreiz, ihre Leistungen und Kosten­
strukturen laufend zu überprüfen, weil ihre Kunden, sprich Pflegebedürftigen, keine Ausweichmöglichkeiten haben. Deshalb ist es wichtig,
Zugangsregeln zu definieren, die es neuen Anbietern ermöglichen, mit
einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis bisherige Leistungserbringer
zu verdrängen. |11
Die erste Hürde für die Niederlassung neuer Anbieter ist der Erhalt
einer Betriebsbewilligung. Diese legt zum Beispiel Personalvorgaben,
Rechnungslegungsvorschriften und Leistungskataloge fest. Im ambulanten Bereich geben 69 % (18) der Kantone an, dass die Anforderungen für
die Erteilung einer Betriebsbewilligung für alle Leistungserbringer identisch sind. In acht Kantonen hingegen werden unterschiedliche Anforderungen je nach Rechtsform und / oder Gewinnorientierung gestellt
(vgl. Tabelle 23 im Anhang). Im stationären Bereich sind solche Diskriminierungen

weniger verbreitet: 88 % (23) der Kantone stellen für alle Pflegeheime die
gleichen Anforderungen, nur in den Kantonen LU, SG und VD ist dies
nicht der Fall.
Die Betriebsbewilligung attestiert allerdings nur, dass ein Anbieter die
notwendigen fachlichen Bedingungen erfüllt, um seine Leistungen anbieten und verrechnen zu dürfen. Welche Pflegebedürftige gepflegt werden müssen oder dürfen, regelt sie nicht. Im ambulanten Bereich sind
vor allem bezüglich der Versorgungspflicht Einschränkungen für private
Leistungserbringer zu beobachten. Für eine Spitex-Organisation bedeutet eine Versorgungspflicht, alle Patienten unabhängig von ihrem Pflege-

Im ambulanten Bereich
sind vor allem bezüglich
der Versorgungspflicht
Einschränkungen für
private Leistungser­
bringer zu beobachten.

bedarf oder Wohnort innerhalb des Versorgungsgebiets behandeln zu
müssen. Als Gegenleistung werden besondere Tarife, Finanzierungspauschalen und / oder Defizitgarantien gewährt. 58 % der Kantone ermöglichen Leistungserbringern aller Rechtsformen grundsätzlich, sich für einen Leistungsauftrag mit Versorgungspflicht zu bewerben (vgl. Tabelle 23 im
Anhang).

Die restlichen Kantone schränken diese Möglichkeit ein, indem

sie solche Aufträge meistens gemeinnützigen Organisationen vorbehalten. In den Interviews wurde jedoch oft hervorgehoben, dass die allermeisten Leistungsaufträge mit Versorgungspflicht, unabhängig von den
lokalen Rechtsgrundlagen, an gemeinnützige Organisationen vergeben
werden. Auch deshalb, weil private Anbieter kaum Interesse an solchen

11	 In diesem Kapitel wird lediglich der Marktzugang, also die Möglichkeit für neue
Leistungserbringer, überhaupt Pflegeleistungen anzubieten, betrachtet. Finanzielle
Hürden durch tarifäre Vorgaben werden im Kapitel 4 beschrieben.

02 _ Organisation der Alterspflege35

Verträgen zeigten. Diese Verträge werden zwar immer wieder neu verhandelt, aber so gut wie nie ausgeschrieben. Lediglich im Kanton SO
wurde der Versorgungsauftrag in drei Gemeinden ausgeschrieben und
privaten Spitex-Organisationen zugeteilt, nämlich in Grindel ab 2014,
Ersch­wil ab 1. 1. 2016 und Himmelried ab 1. 7. 2016 (Acura 2016). Verhandlungen mit weiteren Gemeinden im Schwarzbubenland seien im Gange (Seifert 2015). Im Gegenzug forderte der Verband privater Spitex-Anbieter ASPS

im Oktober 2015 eine Pflicht für die Kantone und Gemeinden, künftig

Im Kanton SO wurde
der Versorgungs­
auftrag in drei
Gemeinden ausgeschrieben und privaten
Spitex-Organisationen
zugeteilt.

alle Leistungsaufträge mit Versorgungspflicht auszuschreiben (SRF 2015).
Im stationären Bereich regelt die kantonale Pflegeheimliste den Zugang zu den Patienten. Nur Pflegeinstitutionen, die anerkannte Pflegebetten haben, dürfen ihre Leistungen den Krankenkassen und dem Staat
für die Restfinanzierung verrechnen. Die Kantone koordinieren die Bettenplanung (Art. 39 KVG). Bei einem Ausbau des Bettenkontingents ist
es in fast allen Kantonen möglich, sich unabhängig von der Rechtsform
für eine Aufnahme auf die Pflegebettenliste zu bewerben. Die Kantone
wenden in solchen Fällen grundsätzlich eine «First-come-first-served»-Regelung für die Zuteilung der Bettenkapazitäten an. In den Kantonen GE
und VS können ausschliesslich gemeinnützige Institutionen in die Pflegeheimliste aufgenommen werden. Im Kanton SO werden seit Januar
2015 neue Betten anhand von Priorisierungskriterien zugeteilt (Departement
des Innern SO 2015).

Dabei werden unter anderem Gesuche bevorzugt, die

eine Heimgrösse zwischen 41 und 60 Betten ausweisen. Der Gedanke
hinter dieser Vorgabe ist, dass grössere Heime tendenziell wirtschaftlicher zu betreiben sind – gemäss Crivelli et al. (2001) wäre allerdings betriebswirtschaftlich eine Heimgrösse zwischen 60 und 80 Betten optimal –, verbunden mit der Absicht, nicht zu grosse und damit eher
überschaubare Heime zu bauen. Indirekt bevorzugt diese Regel jedoch
bestehende kleine und mittlere Heime, die ihre Bettenkapazitäten ausbauen wollen, ungeachtet ihrer Effizienz. Besser wäre eine Steuerung
über die Höhe der Entschädigung für Pflegeleistungen (vgl. Kapitel 4), die somit für alle Heime einen Anreiz zur Effizienz setzen würde.
In keinem Kanton werden die bereits zugeteilten Betten auf der Pflegeliste regelmässig ausgeschrieben. Wer einmal in die Liste aufgenommen ist und die quantitativen und qualitativen Vorgaben für die Betriebsbewilligung weiterhin erfüllt, muss um sein Kontingent nicht fürchten.
Eine solche Regelung bringt zwar Planungssicherheit für die Pflegeinstitutionen, sie zementiert jedoch die bestehenden Strukturen und behindert den Wettbewerb zwischen den Anbietern. Sind zudem die für die
Planung zuständigen Gemeinden / -verbünde auch in der Trägerschaft
bestehender Leistungserbringer eingebunden, besteht die Gefahr von Interessenkonflikten. Ausnahme ist hier der Kanton ZH, der keine Obergrenze für die Bettenzahl kennt. Dort können alle Pflegeinstitutionen,
alte und neue, die die Bedingungen für die Betriebsbewilligung erfüllen,
Pflegeleistungen anbieten.

36

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Freier Marktzugang für alle Leistungsbezieher
Ein freier Marktzugang für Leistungserbringer hilft nur, wenn die Leistungsbezieher ihre Spitex-Organisation oder ihr Pflegeheim auch frei
2.4 _  Mangelhafte Voraussetzungen
für Effizienz im Alterspflege-Markt

wählen können. Der freie Marktzugang für die Leistungsbezieher ist eine
zweite wichtige Voraussetzung für einen effizienten Pflegemarkt. Diese
Bedingung ist innerhalb des Wohnkantons in allen Kantonen erfüllt, sofern für die Pflege im engeren Sinne die Pflegeinstitution die nötige Kapazität hat. Auch sind die Pflegetarife in allen Kantonen vom Wohnort
des Pflegebedürftigen unabhängig. Einzig im Kanton AG dürfen die Gemeinden einen Heimaufenthalt ihrer Einwohner in der eigenen Gemeinde subventionieren. Sie dürfen jedoch keine Zuschläge für Auswärtige
verlangen (Art. 14 PflG / AG). Damit bleibt der Tarifschutz für die Pflege­
bedürftigen im Kanton gegeben, die Autonomie der Gemeinde wird
aber erweitert.
Die Wahl der Pflegeorganisation kann allerdings für Bezüger von
Ergänzungsleistungen indirekt eingeschränkt werden, weil der Staat
(Kanton oder Gemeinde) meistens Obergrenzen für Betreuungs- und
Hotellerieleistungen setzt. Verlangt ein Anbieter höhere Taxen, können
EL-Bezüger dessen Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen. Es han-

Die Wahl der Pflege­
organisation kann für
Bezüger von
Ergänzungs­leistungen
eingeschränkt werden,
weil der Staat meistens
Obergrenzen für
Betreuungs- und Hotellerieleistungen setzt.

delt sich hier also nicht um eine Einschränkung des «geografischen»
Marktzugangs, sondern vielmehr um eine preisliche Steuerung der
Nachfrage. |12

Unvollständige Transparenz über angebotene Leistungen
Eine dritte Voraussetzung für einen funktionierenden Pflegemarkt ist
die Transparenz über die angebotenen Leistungen. Dabei wird Transparenz entlang quantitativer und qualitativer Merkmale unterschieden: Wer
bietet was (Quantität) und wie gut (Qualität)? Anlaufstellen, Internetplattformen oder Broschüren bilden dafür wertvolle Entscheidungshilfen. Dabei ist es wichtig, dass sie eine Übersicht über alle Pflegedienstleistungen (ambulant wie stationär) geben und alle, sprich
gemeinnützige und gewinnorientierte Leistungserbringer, im ganzen
Kanton berücksichtigen.
Nur gerade fünf Kantone (AR, GR, JU, SH und UR) |13 bieten eine solche Gesamtsicht. Hingegen bieten 22 Kantone eine Übersicht aller stationären Angebote, auch wenn es sich zum Teil lediglich um eine Auflistung der Pflegeheime mit bewilligten Pflegeplätzen handelt. Im
ambulanten Bereich ist die Transparenz weniger gegeben. Nur zehn Kantone stellen eine Gesamtübersicht aller Leistungserbringer zur Verfügung.

12	 Auf die unterschiedlichen Finanzierungsformen der Pflegeinstitutionen wird im
Kapitel 4 näher eingegangen.
13	 AR: www.ar.ch/departemente/departement-gesundheit/amt-fuer-soziale-einrichtungen/;
GR: www.alter.gr.ch; JU: www.jura.ch/DSA/SSA/Etablissements-pour-personnes-agees.html.
UR: Anlaufstelle der Pro Senectute mit Leistungsauftrag des Kantons.

02 _ Organisation der Alterspflege37

In den restlichen Kantonen werden die erwerbswirtschaftlichen Spi-

Nur zehn Kantone
stellen eine Gesamt­
geführt. Neben einer Beschreibung der Angebote sind Preisinformatio- übersicht aller
nen ebenfalls wichtige Entscheidungskriterien. Dennoch ist diese Leistungserbringer
Information im ambulanten Bereich in nur sechs Kantonen, im statio- zur Verfügung.
tex-Organisationen oder selbständigen Pflegefachpersonen oft nicht auf-

nären Bereich in 14 Kantonen auf einen Blick verfüg- und vergleichbar

(eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015).

Zudem sind kommunale oder regionale Anlaufstellen zu erwähnen,
die neben einer Übersicht des lokalen Angebots ebenfalls individuali­
sierte Beratungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen ermöglichen. Ein Beispiel auf Gemeindeebene ist die KIG (Krienser Infostelle
Gesundheit) der Gemeinde Kriens (Kanton LU, 27 000 Einwohner), die
gemeinsam von den lokalen Spitex- und Pflegeheimorganisationen betrieben und durch die Gemeinde finanziert wird (von Bergen 2015). Auf regionaler Ebene sind die BRIO-Zentren (Bureaux Régionaux d’Information
et d’Orientation) im Kanton VD zu erwähnen. Diese vier regionalen
Zentren stellen die Information der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen sicher und koordinieren die soziomedizinischen Leistungen.
Zeichnet sich ein Heimeintritt ab, zeigen die BRIO Optionen unter Berücksichtigung der freien Platzkapazitäten auf (DSAS VD 2009). Die Institutionswahl unterliegt zwar dem Pensionär, eine Vorauswahl trifft jedoch
das BRIO.
Eine zentralisierte Übersicht freier Bettkapazitäten ist nur in den wenigsten Kantonen gegeben. Im Kanton VD sind die Heime verpflichtet,
diese Information den BRIO zu melden. Weil die BRIO auch die Einweisungen koordinieren, ist die Qualität der zentralisierten Informationen
gut. Im Kanton JU ist eine solche Meldepflicht gesetzlich vorgesehen
(Art. 39 Loi sur l’organisation gérontologique / JU), die Umsetzung jedoch
je nach Institution unterschiedlich. Interessant ist auch die Plattform der
Pro Senectute im Kanton BE (www.wohnen60plus.ch). Hier werden alle
Informationen über Wohnmöglichkeiten im Alter und freie Betten in
Alters- und Pflegeheimen zentral gesammelt, unabhängig von der Rechtsform der Institutionen. Der Kanton hat sich finanziell an der Erarbeitung
der Plattform beteiligt und für den Betrieb eine Leistungsvereinbarung
mit der Pro Senectute abgeschlossen.
Bei den beschriebenen Informationen handelt es sich um quantitative
Merkmale. Doch im Gesundheitssektor, wo die Preise stark reguliert sind,
kann das Buhlen um Patienten nur über den Faktor Qualität erfolgen.
Dies ist nicht nur eine Voraussetzung für einen effizienten Gesundheitsmarkt, sondern entspricht auch den Bedürfnissen der Patienten. Gemäss
dem GFS-Gesundheitsmonitor

(gfs.bern 2015)

wünschen sich 85 % der Be-

fragten mehr Informationen zur Qualität der Leistungen, bevor sie sich
für eine Behandlung entscheiden. Auch sind 75 % der Meinung, dass
mehr Transparenz die Qualität fördert. Im Spitalbereich werden erste
Qualitätsindikatoren sowohl vom Bundesamt für Gesundheit (BAG 2015a),

38

Kantonsmonitoring 7  | 2016

vom Dachverband der Spitäler H+ (www.spitalinformation.ch) wie auch
vom Verein Qualitätsmedizin Schweiz (www.qualitaetsmedizin.ch) veröffentlicht. Seit 2015 bietet auch das Vergleichsportal Comparis objektive
lern erbracht werden

(Comparis 2015a).

2.4 _  Mangelhafte Voraussetzungen
für Effizienz im Alterspflege-Markt

und subjektive Qualitätsmerkmale für selektive Eingriffe, die von SpitäIm Bereich der Alterspflege gibt es

dagegen noch kaum nationale Qualitätsvergleiche. |14 Seit 2016 bietet allerdings das Portal www.welches-pflegeheim.ch Informationen zur Personal- und Fachpersonaldichte, zur Distanz zum Wohnort, für manche
Kantone sogar zu den Pflegeleistungen an. Auch werden Einzelratings
von anderen Bewohnern und deren Angehörigen veröffentlicht.
Anders in Deutschland: Dort werden Leistungserbringer der Alters­
pflege mittels umfangreicher Kriterienkataloge (49 Kriterien im ambulanten, 77 im stationären Bereich) durch den Medizinischen Dienst der
Krankenversicherung bewertet. Die Prüfung erfolgt aufgrund dokumentierter Leistungen einer Institution, die durch eine Patientenbefragung
ergänzt wird

(GKV 2014, GKV 2015).

Daraus entsteht eine Gesamtnote. Die

Ergebnisse der Kundenbefragung werden separat ausgewiesen. Die Wer-

In Deutschland werden
Leistungserbringer der
Alterspflege mittels
umfangreicher Kriterienkataloge bewertet.
Die Resultate sind im
Internet veröffentlicht.

te der einzelnen Leistungserbringer sowie Durchschnittswerte pro Bundesland werden im Internet veröffentlicht. Zahlreiche Suchportale (z.B.
www.pflegelotse.de) stellen die Ergebnisse im Vergleich dar. |15
In der Schweiz sind selbst innerhalb der Kantone keine Vergleiche im
Bereich Alterspflege für die Öffentlichkeit erhältlich. Keiner der 26 Kantone veröffentlicht solche Informationen, weder für den ambulanten
noch für den stationären Bereich. Das heisst nicht, dass Qualitätsvorgaben für die Erteilung und den Erhalt einer Betriebsbewilligung keine
Rolle spielen. Im Gegenteil: Die meisten Kantone haben eigene Qualitätsstandards definiert und implementiert. Dies hat auch Auswirkungen
auf die Leistungserbringer. 42 % der Heime bewerten steigende gesetzliche Vorgaben und Qualitätsvorgaben als eine ihrer Hauptherausforderungen (Rang 4 von 10, Curaviva 2015b). Allerdings wird die Bewertung der Qualitätskriterien durch die Kantone nicht öffentlich kommuniziert. Doch
manche Kantone setzen solche Qualitätsbenchmarks vermehrt als fördernde Wettbewerbselemente ein. Im Kanton UR finden alle fünf Jahre
Visitationen in den Heimen mit externen Experten statt, was zu einer
Verbreitung von Best Practices beiträgt. Im Kanton SZ werden alle Heime mit derselben Qualitätsumfrage evaluiert. Jedes Heim erhält nebst
einer individuellen Rückmeldung seine Positionierung innerhalb des
Benchmarks. Ähnlich wird im Kanton VD alle 18 Monate eine Qualitäts-

14	 Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit Vertretern von BAG, BFS, GDK, santésuisse,
Curaviva Schweiz hat Vorschläge (Mangelernährung, bewegungseinschränkende
Massnahmen, Medikation, Schmerz) erarbeitet, die in einer Pilotphase getestet werden
(Curaviva 2015b, Curaviva 2016).
15	 Die Pflegenoten sind fachlich und politisch umstritten. Der Umfang und die Bewertung
der Kriterien, die geringe Streuung der Noten (im Durchschnitt 1,3 auf eine 5er-Skala)
und die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse werden immer wieder thematisiert (GKV
2015, Pflegenoten 2015).

02 _ Organisation der Alterspflege39

kontrolle (CIVESS) durchgeführt. Das individuelle Pflegeheim sieht
seine Positionierung innerhalb des Benchmarks, der Dachverband der
Pflegeheime erhält die Gesamtübersicht. Im Kanton TI wird alle drei Jahre eine Umfrage bei Patienten und Angehörigen durchgeführt. Zurzeit
wird erörtert, ob diese Informationen künftig auch öffentlich kommuniziert werden sollen.

	 2.5	_	Fazit und Subranking «Organisation»
Vier Beurteilungskriterien für kantonale Strukturen
Die Organisation der Alterspflege in den Kantonen wird zwecks Vergleichbarkeit in einem Ranking entlang zweier Dimensionen bewertet.
Die erste Dimension erfasst mittels zweier Kriterien, ob ein hinreichendes und zweckmässiges Angebot vorhanden ist: Erstens wird geprüft, ob
es genügend Pflegende pro pflegebedürftigen Einwohner gibt. Zweitens
wird die genügend schnelle Erreichbarkeit des nächsten Alters- und Pflegeheims in die Bewertung einbezogen. Die zweite Dimension bewertet
die Marktelemente in der kantonalen Alterspflege. Einerseits wird der
freie Marktzugang für alle Leistungserbringer untersucht. Anderseits
wird die Transparenz aller angebotenen Leistungen überprüft.
Alle Kriterien werden gleich gewichtet und können Werte zwischen
0 und 1 einnehmen, wobei 1 die bestmögliche und 0 die schlechteste
Punktzahl ist (vgl. Tabellen 21 bis 24 im Anhang):
__Pflegepersonal pro pflegebedürftigen Einwohner: Die Personaldotation in
Vollzeitstellen über die gesamte Versorgungskette, im ambulanten wie
im stationären Bereich, wird ins Verhältnis zur geschätzten Zahl der
pflegebedürftigen Einwohner gesetzt. In der Tendenz erhöht zwar mehr
Personal pro Pflegebedürftigen die zeitliche Verfügbarkeit für Pflegetätigkeiten, es kann aber auch zu Ineffizienz und Redundanzen führen.
Hinsichtlich einer zweckmässigen und effizienten Versorgung gilt es,
das «richtige Mass» zu ermitteln: Im internationalen Vergleich verfügt
die Schweiz ohnehin über eine hohe Personaldotation, selbst in Kantonen mit wenig Personal pro Pflegebedürftigen (Cosandey und Kienast 2016).
In diesem Ranking werden die Kantone lediglich untereinander verglichen. Zur Punktevergabe wurde daher die Spannbreite zwischen
dem Maximalwert von 1,04 VZÄ pro pflegebedürftigen Einwohner
(AR) und dem Minimalwert von 0,56 VZÄ pro pflegebedürftigen Einwohner (AI) in vier gleich grosse Abschnitte unterteilt. Kantone im
untersten Abschnitt erhalten keinen Punkt, jene im zweiten und im
obersten Abschnitt  0,5 Punkte. Einen ganzen Punkt gibt es für Kantone mit einer leicht überdurchschnittlichen Personaldotation (dritter
Abschnitt).
__Durchschnittliche zeitliche Erreichbarkeit des nächsten Alters- und Pflege­
heims: Die benötigte Zeit zur Erreichung des nächsten Alters- und Pflegeheims gibt Hinweise auf die geografische Dichte des stationären An-

40

Kantonsmonitoring 7  | 2016

gebots. Diese hängt einerseits von der Topografie und anderseits von
der durchschnittlichen Grösse der Heime in einem Kanton ab. Viele
jedoch eher höhere Kosten. Die Versorgungspolitik muss beide Güter
abwägen. Die Kostendimension wird im nächsten Kapitel berücksichtigt. Hier wird nur die Erreichbarkeit bewertet. Je höher der Anteil der
Bevölkerung ist, der rasch ein Alters- und Pflegeheim erreichen kann,
desto besser. Kantone, in denen 100 % der Bevölkerung innerhalb von
zehn Minuten das nächste Alters- und Pflegeheim erreichen (höchster
Wert), bekommen einen Punkt. Der Kanton, bei dem dies nur für 80 %
der Bevölkerung der Fall ist (JU, tiefster Wert), bekommt keinen Punkt.
Dazwischen erfolgt die Punktevergabe linear.
__Marktzugang für alle Leistungserbringer: Der Marktzugang zum Alters­
pflegemarkt sollte möglichst unabhängig von der Form oder vom
Standort des Leistungserbringers gewährt sein. Es wird geprüft, ob für
alle Leistungserbringer die gleichen Personalvorgaben, Rechnungs­
legungsvorschriften und Leistungskataloge für das Erhalten einer Betriebsbewilligung gelten, im stationären wie im ambulanten Bereich.
Für ein «Ja» gibt es je 0,33 Punkte, für ein «Nein» 0 Punkte. Dazu
werden 0,33 Punkte hinzugezählt, wenn alle Spitex-Organisationen in
einem Kanton einen Leistungsauftrag mit Versorgungspflicht abschlies­
sen dürfen.
__Transparenz über alle Angebote: Transparenz ist Voraussetzung dafür,
dass Patienten Angebote und Tarife vergleichen und ihre Leistung wählen können: Je einfacher die Angebote und Preise der Leistungserbringer verglichen werden können, desto besser. Konkret wird bewertet,
ob eine zentrale Plattform oder Anlaufstelle eine Übersicht über alle
Leistungserbringer, im stationären wie im ambulanten Bereich und
unabhängig von ihrer Rechtsform, anbietet. Ein «Ja» gibt je 0,25
Punkte, ein «Nein» keinen Punkt. Analog wurde die Übersicht über
die Tarife der Leistungserbringer bewertet und zur Punktzahl der
Angebotsübersicht addiert.

Kanton ZH am besten organisiert, Kanton SG als Schlusslicht
Das Ranking zur Organisation bringt einen klaren Sieger hervor, nämlich den Kanton ZH mit 0,87 Punkten (vgl. Tabelle 3). Er erreicht bei drei von
vier Kriterien (beinahe) die höchste Punktzahl. Lediglich beim Kriterium «Transparenz über alle Leistungsangebote» erhält er nur einen halben Punkt. Auf dem zweiten Platz steht der Kanton TG, der lediglich
bei der zeitlichen Erreichbarkeit des nächsten Alters- und Pflegeheims
etwas schlechter als ZH abschneidet. Der Kanton GR liegt nur auf dem
dritten Platz, weil er angesichts der Topografie beim Erreichbarkeitskriterium deutlich weniger Punkte erhält. Im Gegensatz zu den Kantonen
ZH und TG erhält er jedoch in der Transparenzdimension die volle Punktzahl. Am Ende der Rangliste liegen die Kantone AI, TI und als Schluss-

02 _ Organisation der Alterspflege41

2.5 _  Fazit und Subranking «Organisation»

kleine Heime ermöglichen eine bessere Erreichbarkeit, verursachen

licht der Kanton SG. Letzterer hat ausser beim Kriterium der zeitlichen
Erreichbarkeit des nächsten Alters- und Pflegeheims mittlere bis tiefe
Punktzahlen.

Tabelle 3

Die Reihung der Kantone gemäss dem Subranking «Organisation»
Die Detailbewertung der einzelnen Rankingkriterien findet sich im Anhang.
Punktzahl
Pflegepersonal
pro pflege­
bedürftigen
Einwohner

Durch­
schnittliche
zeitliche
Erreichbarkeit des
nächsten APH

Leistungs­
erbringer­
unabhängiger
Marktzugang

Transparenz
über alle
Leistungs­
angebote

Total
(Mittelwert)

ZH

1,00

0,99

1,00

0,50

0,87

TG

1,00

0,87

1,00

0,50

0,84

GR

1,00

0,25

1,00

1,00

0,81

BS

0,50

1,00

1,00

0,75

0,81

SZ

1,00

0,81

0,67

0,75

0,81

BE

1,00

0,89

0,67

0,50

0,76

AR

0,50

0,98

1,00

0,50

0,75

VD

1,00

0,77

0,67

0,50

0,73

AG

0,50

0,93

1,00

0,50

0,73

GE

0,50

1,00

0,67

0,75

0,73

SH

0,50

0,90

1,00

0,50

0,73

GL

1,00

0,86

1,00

0,00

0,72

BL

0,50

0,95

1,00

0,25

0,67

ZG

1,00

0,98

0,67

0,00

0,66

UR

1,00

0,45

0,67

0,50

0,65

SO

0,50

0,86

0,67

0,50

0,63

NE

1,00

0,94

0,33

0,25

0,63

FR

0,50

0,84

0,67

0,50

0,63

VS

0,50

0,29

0,67

1,00

0,62

LU

0,50

0,93

0,33

0,50

0,57

NW

0,50

0,66

0,33

0,75

0,56

OW

0,50

0,88

0,33

0,50

0,55

JU

0,50

0,00

0,67

1,00

0,54

AI

0,00

0,88

1,00

0,25

0,53

TI

0,50

0,75

0,67

0,00

0,48

SG

0,50

0,94

0,00

0,25

0,42

FL

1,00

1,00

n.a.

0,00

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: eigene Berechnungen

42

Kantonsmonitoring 7  | 2016

03

	 Kosten
	 der Alterspflege

	
	
	
	
	

	
	
	
	
	
	

	
	
	
	

	
	
	

3.1	_	 «Ambulant vor stationär» nicht entscheidend
		
		
		
		

Pflegeheim ab einer Stunde Tagespflege günstiger
Jährlich 7600 Franken Pflegekosten
Unvollständiges Bild der Spitex-Statistik
Drei Hauptkostentreiber

3.2	_	 Drei Viertel der Kosten für das Personal
		
		
		
		
		

Geringer Einfluss des lokalen Arbeitsmarkts
Grade-Mix als treibender Kostenfaktor
Hang der Romandie zum Gesamtarbeitsvertrag
Vorschriften als Kostentreiber für die Hotellerie
Ein Drittel der Betten in zu kleinen Heimen

3.3	_	 Grosse Unterschiede beim Personalbestand
		 Kein Königsweg zur vollständigen Effizienz
		 Starker Einfluss der Pflegeerfassungssysteme
		 Überflüssige Grade-Mix-Vorgaben im stationären Bereich

3.4	_	 Regionale Abweichungen bei der Inanspruchnahme
		 Vergleichbarkeit durch Standardisierung
		 Vom Angebot zur Nachfrage

_  44
_  44
_  44
_  45
_  47

_  50
_  51
_  53
_  55
_  56
_  57

_  59
_  59
_  61
_  63

_  66
_  66
_  69

	

3.5	_	 Einsparungspotenzial von mindestens 1,9 Milliarden Franken pro Jahr

_  70

	

3.6	_	 Fazit und Subranking «Kosten»

_  70

	
	

		 Vier Kriterien zur Beurteilung der kantonalen Kostenstruktur
		 Kanton AI klar an der Spitze, Kanton GE abgeschlagen

_  70
_  72

[Untertitel]
43

	 3.1	_	«Ambulant vor stationär» nicht entscheidend
Pflegeheim ab einer Stunde Tagespflege günstiger
In der alternden Gesellschaft wird der schonende Umgang mit knappen
Personal- und Finanzressourcen immer wichtiger. Im Bereich der Alters­
pflege heisst das, dass nicht nur die Effizienz von Spitex-Organisationen
und von Alters- und Pflegeheimen, sondern die Effektivität der ganzen
Altersversorgungskette optimiert werden sollte.
Diese Gesamtsicht ist besonders relevant, weil je nach Situation die
Kosten in einem ambulanten Setting bereits ab 60 bis 120 Minuten Tagespflege (inkl. Kost und Logis) die Kosten in einem Pflegeheim inkl.
Hotellerie übersteigen. Dies zeigen sowohl eine Studie im Auftrag der
Spitex Schweiz (Wächter und Künzi 2011) wie eine des Schweizer Gesundheitsobservatoriums Obsan (Jaccard Ruedin et al. 2010). Der Grund liegt darin, dass
Heime ihre Ressourcen effizienter einsetzen können. Unproduktive Anreisewege fallen weg und die Mitarbeiter können entsprechend ihren

Je nach Situation
übersteigen die Kosten
in einem ambulanten
Setting bereits ab
60 bis 120 Minuten
Tagespflege die Kosten
in einem Pflegeheim.

Kompetenzen – hochqualifiziertes Personal für die Pflege, weniger qualifiziertes für die Betreuung – eingesetzt werden.
Die in der Politik altgediente, vom Spital auf die Alterspflege übernommene Forderung «Ambulant vor stationär» greift deshalb zu kurz. Sie unterstellt, dass ambulante Behandlungen «billig und besser» und Heimleistungen «teuer und schlechter» sind

(Pro Senectute SG et al. 2012).

Welche Form

der Alterspflege aus ökonomischer und persönlicher Sicht ideal ist, muss
aber stets im Einzelfall ermittelt werden. Je nach Gesundheitszustand und
persönlichen Ressourcen, personeller und finanzieller Natur, kann ein
Heimeintritt oder das Verbleiben zu Hause sinnvoller sein. Auf individueller Ebene ist demzufolge eine maximale Pflegedauer pro Tag ein unzureichendes Kriterium, um den Entscheid für den Heimeintritt zu fällen.
Auf kollektiver Ebene hingegen gibt der Richtwert von 60 – 120 Minuten Pflege pro Tag eine gute Orientierung für die Optimierung der gesamten Versorgungskette. Dabei wird ersichtlich, dass ambulante, intermediäre und stationäre Angebote komplementäre Dienstleistungen sind.
Es braucht also eine Strategie des «Ambulant mit stationär»: erstens eine
gezielte Fokussierung der Heime auf schwer pflegebedürftige, häufig demente Patienten, zweitens die Schaffung von intermediären Entlastungsangeboten, die Lösungen zwischen dem Verbleib zu Hause und dem
Heimeintritt anbieten, und drittens ein optimiertes Spitex-Angebot.

Jährlich 7600 Franken Pflegekosten
Aus finanzieller Sicht ist die Effizienz der Alterspflege in einem Kanton
dann hoch, wenn die kumulierten ambulanten und stationären Pflegekosten pro Einwohner im interkantonalen Vergleich tief sind. Dabei werden in dieser Studie alle Kosten zusammengefasst, die einheitlich für alle
Kantone verfügbar sind. Im stationären Bereich werden dafür die Kosten
aller Alters- und Pflegeheimorganisationen für Pflege, Betreuung und

44

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Hotellerie berücksichtigt

(SOMED-Statistik, BFS 2015b).

2014 betrugen die Kos-

ten der stationären Pflege schweizweit 9,49 Mrd. Fr. Im ambulanten Bereich werden die Kosten aller Spitex-Organisationen (inkl. selbständiger
Pflegefachpersonen) für Langzeit- und Übergangspflege, für Hauswirt3.1 _  «Ambulant vor stationär» nicht entscheidend

schaftsdienste und Sozialbetreuung sowie für Mahlzeitendienste berücksichtigt (Spitex-Statistik, BFS 2015a). Die Kosten der ambulanten Alterspflege |16
betrugen 2014 schweizweit 1,52 Mrd. Fr. Die Gesamtkosten der Alters­
pflege, ambulant und stationär zusammen, betragen somit 11,01 Mrd. Fr.
Im Kontext der Alterspflege werden diese Kosten sinnvollerweise nicht
auf den Einwohner, sondern den 65-Jährigen und Älteren bezogen. Im
Schweizer Durchschnitt resultierten 2014 Kosten von 7600 Fr. pro 65-Jährigen und Älteren. Allerdings variieren die regionalen Werte signifikant.
In den Kantonen VS und AI liegen die kantonalen Kosten beinahe 30 %
unter dem Schweizer Durchschnitt, während sie ihn in den Kantonen
GE und NE um 30 % übersteigen (vgl. Abbildung 6, S. 46 und Tabelle 4, S. 49).

Unvollständiges Bild der Spitex-Statistik
Die erwähnten Kosten von 11,01 Mrd. Fr. bzw. von 7600 Fr. pro 65-Jährigen und Älteren werden in offiziellen Statistiken oft als Gesamtkosten
der Alterspflege dargestellt. Allerdings bilden diese Beträge lediglich die
Leistungen ab, die gegen Entgelt erbracht werden. Die freiwillige Betreuungsarbeit, die zum Beispiel durch pflegende Angehörige erbracht wird,
fliesst in diese Rechnung nicht ein. Zudem werden im stationären Bereich die vollen Kosten für Hotellerie (Wohnen und Essen) berücksichtigt, im ambulanten Bereich jedoch lediglich die Kosten für Mahlzeitendienste hinzugezählt. Doch auch zu Hause braucht ein Pflegebedürftiger
ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen auf dem Tisch. Die Kosten für die eigene Wohnung oder für die selbst zubereiteten Mahlzeiten
sind in der Spitex-Statistik nicht enthalten. Ihre Berücksichtigung wäre
jedoch für einen exakten Vergleich mit den Kosten im stationären Bereich nötig. Damit entsteht eine Verzerrung: Je stärker Kantone auf eine
ambulante Versorgung setzen, desto weniger Kosten für die Alterspflege
weisen sie aus. Die effektiven Kosten sind höher.
Diese Verzerrung kann auf zwei Arten korrigiert werden. Einerseits
können fiktive Wohn- und Esskosten für ambulante Patienten hinzugezählt werden, die sich an den Mietzins- und Lebenshaltungskostenminima der Ergänzungsleistungen orientieren. Zudem kann die freiwillige
Betreuungsarbeit der pflegenden Angehörigen monetarisiert werden, in-

Die Kosten für die
eigene Wohnung oder
für die selbst zuberei­
teten Mahlzeiten sind
in der Spitex-Statistik
nicht enthalten. Ihre
Berücksichtigung wäre
jedoch für einen Vergleich mit den Kosten
im stationären Bereich
nötig.

dem die geschätzte Stundenanzahl mit einem branchenüblichen Pflege-

16	 Die in der Spitex-Statistik ausgewiesenen Kosten umfassen Klienten aller Alter. Eine
separate Aufstellung für 65-Jährige und Ältere ist nicht verfügbar. Die Kosten für die
Alterspflege wurden jedoch aufgrund der Anzahl Stunden, die Klienten älter als 65 Jahre
in der Langzeitpflege, in der Akut- und Übergangspflege und beim Hauswirtschaftsdienst verrechnet werden, geschätzt. 82 % der Stunden für Langzeitpflege und 82 % der
Stunden für Hauswirtschaftsdienste werden für Klienten über 65 Jahre erbracht.

03 _ Kosten der Alterspflege45

Abbildung 6

Die Pflegekosten pro 65-Jährigen und Älteren variieren unter den Kantonen um den Faktor zwei
Die konsolidierten ambulanten und stationären Kosten pro 65-Jährigen und Älteren variieren zwischen den Kantonen stark.
Dabei spielt die gewählte Definition der Pflegekosten (mit oder ohne Betreuungs- und Hotellerieleistungen) für die relative Positionierung im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt keine wesentliche Rolle.
Pfl	egekosten	(nach	KVG)	pro	65-Jährigen	und	Älteren	in	%	vom	Schweizer	Durchschnitt
140
NE

R2	=	0,81

GE

130
FR

SH

AR
BS
Mind. 10 % überdurchschnittlich
nach beiden Pflegedefinitionen

120
VD

110

LU
ZH

JU
100

CH
UR BE

OW
GR

TI

ZG

90
SO
VS

80

AI

NW

SZ

SG
TG

AG

GL

BL

70
Mind. 10 % unterdurchschnittlich
nach beiden Pflegedefinitionen
60
60

70

80

90

100

110

120

130

140

Pfl	egekosten	(inkl.	Betreuung	und	Hotellerie)	pro	65-Jährigen	und	Älteren	in	%	vom	Schweizer	Durchschnitt

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BFS 2015c, eigene Berechnungen

stundenansatz multipliziert wird. Dieser Methode folgen zum Beispiel
Spitex Schweiz und Obsan (Wächter und Künzi 2011, Jaccard Ruedin et al. 2010).
Dieser Ansatz hat allerdings seine Tücken. Die Mietzinsminima unterschätzen, fast per Definition, die effektiven durchschnittlichen Wohnkosten der Betagten. Auch die Monetarisierung der freiwilligen Arbeit
ist umstritten. Muss der pflegende Angehörige sein Erwerbspensum aufgrund einer Pflegetätigkeit reduzieren, entstehen für ihn (meistens für
sie) eindeutig Opportunitätskosten. Die Höhe dieser Kosten kann jedoch
je nach Beruf und Position des pflegenden Angehörigen über oder unter
den geschätzten Kosten einer professionellen Pflege liegen.
Um all den vielen methodischen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten aus dem Weg zu gehen, wird in dieser Publikation die Kosteneffizienz der Alterspflege zwischen den Kantonen ausschliesslich anhand der
Pflegekosten verglichen, die nach dem Krankenversicherungsgesetz verrechnet werden dürfen. Im stationären Bereich schliesst das die Hotellerie und die Betreuung, im ambulanten Bereich die Hauswirtschaft und
Mahlzeitendienste aus. Grosse Vorteile dieser Methode sind die einfache
Handhabung und der Verzicht auf Schätzwerte für Wohn- und Unterhaltskosten. Der Preis dafür ist die Reduktion des Alterspflegebegriffs

46

Kantonsmonitoring 7  | 2016

auf die abschliessende Liste der Aktivitäten, die im KVG aufgeführt sind.
Der Beitrag der Angehörigen und der professionellen Betreuer wird bei
dieser engeren Pflegedefinition ausgeblendet. Zudem erscheinen in dieser vereinfachten Rechnung die Kostenunterschiede, zum Beispiel infol3.1 _  «Ambulant vor stationär» nicht entscheidend

ge unterschiedlicher Ausbaustandards in den Pflegeheimen, nicht mehr,
weil diese in den Hotelleriekosten zusammengefasst werden.
Interessanterweise bleiben die relativen Kostenunterschiede zwischen
den Kantonen sowohl bei der breiten, umfassenden Definition (mit Hauswirtschafts- und Mahlzeitendiensten, mit Betreuung und Hotellerie) wie
bei der engeren Definition (nur Pflegeleistungen nach KVG) der Pflegekosten sehr robust (vgl. Abbildung 6). Die relative Positionierung der einzelnen Kantone im Vergleich mit dem Schweizer Durchschnitt bleibt bei beiden Betrachtungsweisen also erstaunlich konstant. Für die Hälfte der Kantone
verschiebt sie sich lediglich um 5 Prozentpunkte oder weniger. In der Romandie, wo die ambulante Behandlung eine stärkere Rolle spielt, macht
sich die Korrektur der skizzierten Kostenverzerrung besonders bemerkbar.
Zudem weisen einige Kantone mit der breiteren wie mit der engeren
Pflegedefinition deutlich tiefere Kosten pro 65-Jährigen und Älteren aus.
In acht Kantonen (AG, AI, BL, NW, SG, SO, TG und VS) liegen die Kosten mindestens 10 % tiefer als im Schweizer Durchschnitt. Umgekehrt
liegen die Kosten in fünf Kantonen 10 % höher, nämlich in AR, BS, GE,
NE und SH (vgl. Abbildung 6).
Zuletzt unterstreicht die konsolidierte Betrachtung der ambulanten
und stationären Kosten, und zwar nach beiden Methoden, dass die einfache Forderung «Ambulant vor stationär» zu kurz greift. Bei den Kan-

Egal nach welcher
Definition liegen die
Kosten der Pflege
in acht Kantonen
10 % tiefer, in fünf
Kantonen 10 % höher
als im Durchschnitt.

tonen mit den höchsten Kosten pro 65-Jährigen und Älteren befinden
sich auch Kantone mit überdurchschnittlichen Spitex-Angeboten, zum
Beispiel GE, NE

(vgl. Abbildung 4, S. 30).

Umgekehrt sind unter den Kantonen

mit den niedrigsten Kosten pro 65-Jährigen und Älteren auch solche, die
ein überdurchschnittliches stationäres Angebot haben, wie SG und TG.

Drei Hauptkostentreiber
Um die Kostenunterschiede zwischen den Kantonen besser zu verstehen,
wird der Quotient der Pflegekosten pro 65-Jährigen und Älteren in drei
Brüche zerlegt (vgl. Abbildung 7). Damit lassen sich die Kosten als Multiplikation von drei Treibern darstellen: Vollkosten pro Angestellten (Franken pro
Vollzeitstelle), Betreuungsverhältnis (Vollzeitstellen pro gepflegte Person)
und Quote der Inanspruchnahme (gepflegte Personen pro 65-Jährigen
und Älteren).
Die ersten zwei Treiber sind besonders interessant, weil sie sich weitgehend direkt steuern lassen. Die Vollkosten pro Stelle spiegeln zu einem
grossen Teil die Lohnpolitik und zu einem geringeren Teil den Ausbau­
standard der Pflegeinstitutionen. Das Betreuungsverhältnis wiederum
bildet Qualitäts-, aber auch Effizienzunterschiede in der Personalführung
ab. Der dritte Treiber, die Quote der Inanspruchnahme, lässt sich nur

03 _ Kosten der Alterspflege47

Abbildung 7

Haupttreiber der Pflegekosten
Die Pflegekosten pro 65-Jährigen und Älteren lassen sich in drei Treiber zerlegen. Die ersten zwei,
die Vollkosten pro Stelle sowie das Betreuungsverhältnis, lassen sich eher direkt steuern.
Die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen wird eher indirekt durch das vorhandene Angebot
beeinflusst, weil Letzteres eine Nachfrage induzieren kann.

Kosten
Vollkosten
Vollzeitstellen
Gepfl	egte	Personen
=
x
x
65+
Vollzeitstelle Gepfl	egte	Person
65+
Kosten Vollkosten	
BetreuungsQuote	der
=
x
x
65+
pro	Stelle
verhältnis
Inanspruchnahme
Quelle: eigene Darstellung

indirekt beeinflussen, weil der Gesundheitszustand der Bevölkerung stark
von soziodemografischen Merkmalen wie Bildung, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Branchenstrukturen und kulturellen Gewohnheiten abhängt.
Auf diese können die Politik oder die Leistungserbringer nur bedingt Einfluss nehmen. Allerdings ist die Quote der Inanspruchnahme keine rein
exogene Grösse. Im Gesundheitssektor im Allgemeinen wie in der Alters­
pflege im Besonderen beobachtet man eine angebotsinduzierte Nachfrage. Wie wir zeigen werden, haben die für die Alterspflege zur Verfügung
stehenden Infrastrukturen und das verfügbare Personal ebenfalls einen
Einfluss auf die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen.
Die Zerlegung in drei Treiber ist interessant, weil sie differenzierte
Aussagen zu den Kostenunterschieden zwischen den Kantonen ermöglicht (vgl. Tabelle 4). Dabei werden die Pflegekosten nach der breiteren Pflegedefinition untersucht.  |17 Allgemeinplätze wie «In urbanen Kantonen ist
es teurer, auf dem Land günstiger» müssen kritisch hinterfragt werden.
Zum Beispiel sind 2014 im Kanton BS im stationären Bereich die Vollkosten pro Stelle «erwartungsgemäss» überdurchschnittlich hoch. Doch
dies gilt im ambulanten Bereich nicht. Dort liegen die Vollkosten pro
Stelle 17 % unter dem Schweizer Durchschnitt. Im weniger urbanen Kanton NE hingegen liegen die Vollkosten pro Stelle sowohl im stationären
als auch im ambulanten Bereich über dem Benchmark (4 % bzw. 11 %).
Die Gesamtpflegekosten pro 65-Jährigen und Älteren im Kanton GE
sind zudem nicht nur aufgrund der höheren Lohn- und Gebäudekosten
besonders hoch, sondern auch deshalb, weil dort die Betreuungsverhältnisse im ambulanten wie im stationären Bereich grosszügiger sind als im
Rest der Schweiz (je 30 % höher).

17	 Mit dem Detaillierungsgrad der Daten der SOMED- und der Spitex-Statistik ist keine
Zerlegung nach der engeren Pflegedefinition möglich.

48

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 4

Die Unterschiede der Pflegegesamtkosten (inkl. Spitex-Hauswirtschafts- und -Mahlzeitendiensten und Betreuung und Hotellerie in Alters- und Pflegeheimen) lassen sich nicht nur durch unterschiedliche Lohnkosten, sondern auch durch die Effizienz des Personaleinsatzes erklären. Allgemeinplätze
wie «In urbanen Kantonen ist es halt teurer, auf dem Land günstiger» halten einer differenzierten Analyse oft nicht stand. Um die Kantone einfacher
zu vergleichen, wurden die Werte der einzelnen Treiber jeweils auf dem Schweizer Durchschnitt indexiert (CH = ).
Gesamte Versorgungskette
Kosten pro
65+
in Fr.

Stationär (APH)

Kosten
pro 65+
indexiert

Anteil
Kosten
stationär
in %

Anteil
Kosten
ambulant
in %

Kosten
pro VZÄ
indexiert

Ambulant (Spitex)
VZÄ pro
gepflegte
Person
indexiert

Gepflegte
Personen
pro 65+
indexiert

Kosten
pro VZÄ
indexiert

VZÄ pro
gepflegte
Person
indexiert

Gepflegte
Personen
pro 65+
indexiert

AI

	5	205	

69

86,2

13,8

100

81

86

104

90

77

VS

	5	463	

72

81,9

18,1

92

108

69

101

85

100

NW

	5	782	

76

86,8

13,2

90

109

79

98

111

56

AG

	6	065	

80

87,4

12,6

96

91

94

97

71

104

SO

	6	165	

81

85,5

14,5

92

112

79

98

66

126

TI

	6	265	

82

83,4

16,6

85

107

89

86

96

94

TG

	6	555	

86

87,6

12,4

93

95

100

90

89

96

BL

	6	562	

86

86,4

13,6

107

116

70

94

104

78

SG

	6	638	

87

88,8

11,2

98

95

97

90

77

88

JU

	6	733	

89

77,6

22,4

97

120

69

91

88

161

OW

	6	948	

91

90,6

9,4

84

121

96

89

108

59

GL

	7	007	

92

92,4

7,6

92

89

122

91

74

78

GR

	7	042	

93

87,7

12,3

93

105

97

99

106

73

SZ

	7	111	

94

90,5

9,5

97

103

100

92

108

60

ZG

	7	134	

94

87,8

12,2

103

104

91

96

82

107

VD

	7	528	

99

75,2

24,8

90

87

111

101

148

122

CH

7 597

100

85,2

14,8

100

100

100

100

100

100

FR

	7	835	

103

88,5

11,5

97

117

95

105

72

109

UR

	7	851	

103

91,5

8,5

94

88

134

85

122

55

LU

	7	975	

105

89,2

10,8

94

108

109

95

104

80

BE

	7	986	

105

85,8

14,2

96

93

119

98

110

84

SH

	8	868	

117

90,6

9,4

95

97

135

99

87

99

ZH

	8	901	

117

88,7

11,3

111

101

110

104

96

91

NE

	9	376	

123

84,8

15,2

104

106

112

111

70

156

BS

	9	421	

124

86,7

13,3

113

94

118

83

123

103

GE

	9	445	

124

73,1

26,9

134

130

61

123

130

150

AR

	9	583	

126

92,4

7,6

97

87

161

91

98

71

FL

	6	264	

82

83,8

16,2

104

97

81

84

106

107

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BFS 2015c, eigene Berechnungen

03 _ Kosten der Alterspflege49

3.1 _  «Ambulant vor stationär» nicht entscheidend

Den Kosten auf der Spur

Auch am «günstigeren» Ende des Kostenspektrums lässt sich nicht alles
durch tiefere Vollkosten pro Stelle erklären. In den Kantonen AI und VS,
wo die Alterspflege insgesamt ca. 30 % günstiger als im Schweizer Durchschnitt erbracht wird, sind die Vollkosten pro Stelle im ambulanten
Bereich leicht überdurchschnittlich. In diesen Kantonen sind jedoch andere Dimensionen, also die Betreuungsverhältnisse und die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen, unterdurchschnittlich.
Die Treiberanalyse liefert erste, anregende Erkenntnisse, doch sind die
Treiber keine vollkommen unabhängigen Variablen. Eine geringe Inanspruchnahme von Pflegeleistungen im stationären Bereich könnte zum
Beispiel Hinweise für eine Fokussierung auf schwerpflegebedürftige Pensionäre liefern. Dieser erhöhte Pflegebedarf der Pensionäre könnte eine
intensivere Betreuung, die auch durch besser qualifizierte Mitarbeiter
erbracht wird, bedingen. Dies zöge höhere Personalkosten nach sich.
Auch die Treiber für den ambulanten und stationären Bereich können
voneinander abhängig sein. Zum Beispiel kann eine gezielte Verfolgung
des Ansatzes «Ambulant vor stationär» zu einer überdurchschnittlichen
Inanspruchnahme von Spitex-Leistungen und einer unterdurchschnittlichen Inanspruchnahme von Alters- und Pflegeheimplätzen führen. Das
scheint in den Kantonen GE, JU und SO der Fall zu sein. Doch dieser
Zusammenhang ist nicht immer gegeben. Die Kantone NE und VD haben trotz hoher Quote der Inanspruchnahme im ambulanten Bereich
(156 % bzw. 122 % des Schweizer Durchschnitts) immer noch auch überdurchschnittlich hohe Quoten im stationären Bereich (112 % bzw. 111 %
des Durchschnitts). Umgekehrt haben die Kantone AI, BL und NW deutlich tiefere Quoten als der Schweizer Durchschnitt, und zwar sowohl im
ambulanten als auch im stationären Bereich. In den kommenden Kapiteln wollen wir diesen Zusammenhängen nachgehen und die einzelnen
Treiber im Detail analysieren.

	 3.2	_	Drei Viertel der Kosten für das Personal
Die Alterspflege ist eine sehr personalintensive Branche. 2014 verursach-

Die durchschnittlichen
Lohnkosten sind
die Betreuungs-, Hauswirtschafts-, Hotellerie- und Mahlzeitendienste. Im bei Pflegeheimen 16 %
Spitex-Bereich betrug der Anteil sogar 86 %, verglichen mit 75 % im sta- tiefer als bei Spitextionären Bereich (BFS 2015a, BFS 2015b, BAG 2015b). Im Schweizer Durchschnitt Organisationen.
ten Löhne 77 % aller Kosten für die Pflege im engeren Sinne sowie für

entspricht dies jährlichen Lohnkosten von 82 000 Fr. pro Vollzeitäquiva-

lent. Den Minimalwert weist der Kanton GL mit 72 000 Fr. auf, den Maximalwert der Kanton GE mit 113 600 Fr. Die Personalkosten sind im
Schweizer Durchschnitt bei Spitex-Organisationen 16 % höher als bei
Pflegeheimen, wobei auch hier die kantonalen Unterschiede gross sind
(vgl. Tabelle 34 im Anhang).

50

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Geringer Einfluss des lokalen Arbeitsmarkts
Löhne spiegeln nicht nur die effektiv geleistete Arbeit, sondern auch die
örtliche Arbeitsmarktsituation. In Regionen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel oder mit besonders hohen Lebenshaltungskosten dürfte die
Besoldung der Pflegemitarbeiter höher ausfallen als in anderen Regionen.
nalen durchschnittlichen Personalkosten um diese regionalen Lohnfaktoren zu korrigieren, denn so liessen sich strukturelle Elemente identifizieren, die stärker durch die Leistungserbringer oder allenfalls durch
Vorgaben der öffentlichen Hand steuerbar sind.
Leider weisen die offiziellen Bundesstatistiken die Durchschnittslöhne
pro Kanton nicht aus, sondern höchstens die Löhne auf Stufe der Wirtschaftsregion (BFS 2015f). Doch diese Wirtschaftsregionen sind sehr heterogen – die Kantone GE, VD und VS bilden zum Beispiel eine solche Region, die Kantone BS, BL und AG eine weitere. Die durchschnittlichen
Löhne pro Wirtschaftsregion eignen sich dadurch schlecht als möglicher

Die Löhne im Pflege­
sektor werden mit
gesektor mit drei weiteren Einflussfaktoren verglichen, die pro Kanton drei Einflussfaktoren
ermittelt werden können.
verglichen, die pro
Zunächst wird die Arbeitsproduktivität untersucht. Dafür wird das Kanton ermittelt werden
Bruttoinlandprodukt im Verhältnis zu den effektiv geleisteten Stunden können.

«Deflations-Faktor». In dieser Studie werden deshalb die Löhne im Pfle-

pro Kanton ermittelt

(BFS 2015g, BFS 2015h, BFS 2016a).

Länder (oder hier Kan-

tone) oder Branchen, die eine höhere Produktivität ausweisen, können
in der Regel auch höhere Löhne zahlen. Dieser Produktivitätsansatz ermöglicht, die allgemeine Wettbewerbssituation in einem Kanton abzubilden. In Kantonen mit einem hohen Anteil an sehr produktiven Branchen (zum Beispiel Finanzwirtschaft, Pharmaindustrie usw.) ist der
Kampf um qualifizierte Fachkräfte gross. In solchen Kantonen müssen
Leistungserbringer der Alterspflege die Arbeitsbedingungen besonders
attraktiv gestalten, um die eigenen Hochschul- und Lehrabgänger im
Betrieb zu halten und ihren Wechsel in andere Branchen zu verhindern.
Ferner sind die Löhne in der Alterspflege teilweise in Gesamtarbeitsverträgen geregelt. Diese werden zum Teil auch vom Kanton vorge­
schrieben

(vgl. Kapitel 4).

Die Lohngestaltung ist in solchen Fällen weniger

dynamisch und spiegelt die Verhandlungskräfte der einzelnen Sozial­
partner stärker als die örtliche Arbeitsmarktsituation. Als Vergleichswert
für diese Situation wurde der maximale Lohn eines Primarlehrers herangezogen (D-EDK 2014, RTS 2012, Movimento della Scuola 2012).
Schliesslich orientieren sich die Löhne auch an den ortsüblichen Lebens­
haltungskosten. Um diese Kosten zu schätzen, wurden die Kosten für
den Grundbedarf einer Einzelperson nach den SKOS-Richtlinien
2014), die durchschnittliche Miete 2013
2015i),

(SKOS

für eine 3,5-Zimmer-Wohnung (BFS

die durchschnittliche Krankenkassenprämie für eine Einzel­person

03 _ Kosten der Alterspflege51

3.2 _  Drei Viertel der Kosten für das Personal

Es wäre deshalb wünschenswert, die Unterschiede zwischen den kanto-

Abbildung 8

Lohnkostenunterschiede kaum durch allgemeines Lohn- und Lebenskostenniveau erklärbar
Der Vergleich der durchschnittlichen Lohnkosten in der Alterspflege mit dem Medianlohn pro Grossraumregion, der Produktivität, dem maximalen
Primarlehrerlohn und den Lebenshaltungskosten lässt keine Korrelation erkennen. Die Löhne sind vielmehr das Abbild der Verhandlungsstärke
der Sozialpartner.

Durchschnittliche	Jahreslohnkosten	(ambulant	und	stationär)	
pro	Vollzeitäquivalent	(2014)	in	Fr.

Durchschnittliche	Jahreslohnkosten	(ambulant	und	stationär)	
pro	Vollzeitäquivalent	(2014)	in	Fr.
120	000

R2	=	0,05

R2	=	0,11

GE

GE

110	000

100	000

90	000

NE

AI

80	000

FR

SH
TI

SG

OW

AG

TI

GR
NW

LU
UR
NW

OW

70	000
60	000

70	000

65	000

VD

BS

SZ
SO

AR,	GR,	TG
GL

JU

CH
BE

AI
VS FR

BL

ZG

VS
JU
VD

NE

ZH

75	000

90	000

100	000

ZH

BL

ZG

BS

CH

SZ SG

LU
BE
UR

SH
AG
SO

TG
AR

GL
110	000

120	000

130	000

140	000

Maximaler	jährlicher	Primarlehrerlohn	(2014)	in	Fr.

Durchschnittlicher	Bruttojahreslohn	
(nach	Wirtschaftsregionen,	LSE)	(2014)	in	Fr.

Durchschnittliche	Jahreslohnkosten	(ambulant	und	stationär)	
pro	Vollzeitäquivalent	(2014)	in	Fr.

Durchschnittliche	Jahreslohnkosten	(ambulant	und	stationär)	
pro	Vollzeitäquivalent	(2014)	in	Fr.
120	000

R2	=	0,13

R2	=	0,27

GE

GE

110	000

100	000

90	000

NE

AI
FR

VS
JU
80	000
GR
UR
OW
70	000
50

60

BL

VD
SZ

LU

AI

ZH
ZG

SH

TI

AG

AG

BS
SG

TG
LU
AR

BE
TI

UR

NW

GR

GL

GL

70

BL

SH
SZ

BS

BE
SO

AR
TG

ZH

FR
JU CH

CH
SG

NE
VS
ZG

80

90

Produktivität	(BIP	/	geleistete	Stunden)	(2012)	in	Fr.

30	000

35	000

40	000

SO
NW

VD

OW

45	000

50	000

Jährliche	Lebenshaltungskosten	
(Grundbedarf,	Miete,	Krankenkasse,	Steuern)	in	Fr.

Quelle: BAG 2015b, BFS 2015g, BFS 2015h, BFS 2015i, BFS 2016a, BSV 2015a, Comparis 2015b ,D-EDK 2014, Movimento della Scuola 2012, RTS 2012, SKOS 2014, eigene Berechnungen

52

Kantonsmonitoring 7  | 2016

(BSV 2015a)

sowie die Einkommenssteuern am Hauptort des Kantons

(Comparis 2015b)

berücksichtigt. |18

Die Ergebnisse sind überraschend (vgl. Abbildung 8). Keiner der vier Einflussfaktoren weist eine Korrelation mit den beobachteten durchschnittlichen
kantonalen Lohnkosten auf. Der Kanton GE sticht überall durch sehr
toren erklären lassen. Die fehlende Korrelation zwischen Einflussfaktoren und beobachteten Lohnkosten heisst allerdings nicht, dass diese Faktoren für die individuellen bzw. kollektiven Lohngestaltungen keine
Rolle spielen, sondern nur dass diese Effekte die grossen kantonalen Unterschiede nicht erklären können.

Grade-Mix als treibender Kostenfaktor
Pflegepersonal ist nicht gleich Pflegepersonal. Viele berufliche Ausbildungen ermöglichen die Ausübung eines Pflegeberufs. Dabei sind Abschlüsse auf primärer Stufe, wie zum Beispiel nach einem Lehrgang als
Pflegehelfer des Schweizerischen Roten Kreuzes, auf sekundärer Stufe
nach einer Berufslehre, wie zum Beispiel zum Fachangestellten Gesundheit (FaGe), oder auf tertiärer Stufe nach dem Studium an einer Fachhochschule oder einer Universität möglich. 2014 besassen schweizweit

2014 besassen schweiz­
weit 36 % des SpitexPersonals einen
Abschluss auf tertiärer
Stufe. In Pflegeheimen
lag dieser Anteil tiefer
bei 32%.

29 % des Spitex-Personals einen Abschluss auf sekundärer und 36 % des
Pflegepersonals einen auf tertiärer Stufe

(BFS 2015e).

In Pflegeheimen lag

2014 der Anteil der tertiären Abschlüsse etwas tiefer als im ambulanten
Bereich und betrug 32 %. Der Anteil des Personals mit sekundärem Abschluss war dafür deutlich höher (39 %). Die Aufteilung des Personals auf
die verschiedenen Abschlussstufen wird als «Grade-Mix» bezeichnet.
Dieser bestimmt nicht nur die Organisations-, sondern auch die Kosten­
struktur eines Leistungserbringers.
Die kantonalen Unterschiede sind beträchtlich

(vgl. Tabelle 5).

Im ambu-

lanten Bereich hatten 2014 in den Kantonen UR und VD mehr als 50 %
des Personals nur einen Abschluss auf primärer Stufe. Stark auf die Berufslehre setzten die Kantone VS (54 %), JU und NE (je 44 %). Besonders
viele Mitarbeiter mit einem Hochschulabschluss sind in den Kantonen
AG, AI, FR, GE, NE, NW, SH und ZG zu finden, wo die Quote zwischen
40 % und 46 % liegt. Im Kanton OW beträgt dieser Anteil sogar 54 %.
In den Pflegeheimen sind Schwankungen in ähnlicher Grössenordnung
zu beobachten. Wie im ambulanten Bereich hatte im Kanton VD 2014
über die Hälfte des Pflegepersonals in Heimen nur einen Abschluss auf
primärer Stufe. Auf sekundärer Stufe weisen die Kantone GE (46 %), NE
(47 %), JU (66 %) und TI (67 %) besonders hohe Quoten aus. Auf tertiärer
Stufe betrug die Quote nur in den Kantonen ZG und ZH mehr als 40 %.

18	 Die Steuerbelastung berücksichtigt die Einkommenssteuer auf Stufe Bund, Kanton
und Gemeinde. Sie wurde für ein steuerbares Einkommen von 80 000 Fr. einer ledigen
Person ohne Kinder mit den Steuersätzen von 2015 ermittelt.

03 _ Kosten der Alterspflege53

3.2 _  Drei Viertel der Kosten für das Personal

hohe Lohnkosten heraus, die sich nicht durch die gewählten Einflussfak-

Der unterschiedliche Grade-Mix ist von hoher Bedeutung, weil die durchschnittlichen Löhne vom Bildungsniveau abhängig sind. Eine Vergleichsstudie für die Kantone BE, GR, SG, TG und ZH zeigte, dass 2009 der jährliche Einstiegslohn eines Pflegeassistenten I (untere sekundäre Stufe) in
einer Spitex-Organisation ca. 22 000 Fr. tiefer lag als der Einstiegslohn
eines Pflegefachmanns HF

(Medianwert aller fünf Kantone, Gehrig et al. 2010).

Aller-

dings steigen die durchschnittlichen Löhne mit zunehmenden Dienstjahren. Je nach Konstellation können Mitarbeiter mit einem tieferen BildungsTabelle 5

Kopf- vs. Bauchmenschen
Der Grade-Mix nach Bildungsstufe im ambulanten und im stationären Bereich variiert stark zwischen den Kantonen. Generell ist die
Bedeutung höherer Ausbildung (sekundär und tertiär) im stationären Bereich höher. Die Prozentwerte beziehen sich auf das Pflegepersonal per . .  und wurden auf einer Vollzeitäquivalenzbasis bestimmt. Minima und Maxima pro Spalte sind rot eingefärbt.
Grade-Mix ambulant (VZÄ, übers Jahr)

Grade-Mix stationär (VZÄ, übers Jahr)

Anteil
Primärbildung
(2014) in %

Anteil
Sekundärbildung
(2014) in %

Anteil
Tertiärbildung
(2014) in %

Anteil
Sekundärund Tertiärbildung
(2014) in %

Anteil
Primärbildung
(2014) in %

Anteil
Sekundärbildung
(2014) in %

Anteil
Tertiärbildung
(2014) in %

Anteil
Sekundärund Tertiärbildung
(2014) in %

AG

31

29

40

69

25

42

33

75

AI

24

30

46

76

47

20

33

53

AR

27

34

39

73

39

32

30

61

BE

29

35

37

71

29

42

29

71

BL

40

26

34

60

28

42

30

72

BS

45

30

25

55

26

44

30

74

FR

25

32

43

75

36

38

26

64

GE

34

25

40

66

17

46

36

83

GL

38

25

37

62

44

24

32

56

GR

37

28

34

63

33

35

33

67

JU

32

44

24

68

6

66

28

94

LU

32

28

40

68

25

38

37

75

NE

11

44

45

89

20

47

33

80

NW

34

23

44

66

32

35

32

68

OW

23

23

54

77

35

28

37

65

SG

39

25

36

61

39

32

30

61

SH

35

20

44

65

18

43

39

82

SO

36

31

33

64

33

41

27

67

SZ

35

30

35

65

44

31

25

56

TG

37

27

37

63

33

33

34

67

TI

26

37

37

74

6

67

27

94

UR

51

24

24

49

39

38

23

61

VD

52

17

31

48

52

24

24

48

VS

10

54

36

90

35

39

25

65

ZG

37

21

42

63

28

31

41

72

ZH

33

29

38

67

20

36

43

80

CH

34

29

36

66

28

39

32

72

Quelle: BFS 2015b, BFS 2015e

54

Kantonsmonitoring 7  | 2016

abschluss, aber vielen Dienstjahren Löhne verdienen, die höher liegen als
die Löhne von Einsteigern mit einem höheren Bildungsabschluss.
Nicht nur die Einstiegslöhne, sondern auch die Lohnzuwächse pro
Dienstjahr sowie die maximalen Spannweiten zwischen Einstiegslohn
und Maximallohn sind pro Kanton unterschiedlich. Auch hängen die
et al. 2010). Daraus resultieren kantonale Lohnunterschiede, die auch je nach

Stellenprofil variieren können. Zum Beispiel hatten in Heimen des Kantons GR die hochqualifizierten Pflegefachkräfte verglichen mit denjenigen der Kantone BE, SG, TG und ZH überdurchschnittliche Löhne, während die wenig qualifizierten Pflegeassistenten unterdurchschnittlich
entlohnt wurden (Gehrig et al. 2010).
Der Grade-Mix ist also ein wichtiger Kostentreiber. Will man allerdings die Unterschiede zwischen den Kantonen verstehen, ist neben dem
Vergleich des Grade-Mix eine differenziertere Analyse der Löhne nach
Jobprofil, Dienstjahren und Organisationstyp nötig. |19

Hang der Romandie zum Gesamtarbeitsvertrag
Gesamtarbeitsverträge (GAV) sind im Gesundheitssektor, vor allem bei
öffentlich-rechtlichen Körperschaften und in der Romandie, verbreitet.
Neben dem Lohngefüge regeln diese unter Sozialpartnern ausgehandelten Vereinbarungen Ferien, Weiterbildung, Mutterschaftsurlaub, Kündigungsfrist und vieles mehr. Manche GAV gelten nur innerhalb eines Betriebs und sind dadurch auf die Spezifika des Leistungserbringers und
auf die lokale Arbeitsmarktsituation ausgerichtet. Die meisten sind hingegen betriebs- und zum Teil auch kantonsübergreifend. Im Kanton SG
zum Beispiel halten sich viele öffentlich-rechtliche Alterspflegeorganisationen (Spitex und Pflegeheime) bei der Besoldung an die Besoldungsverordnung der Spitalangestellten im Kanton. Die Pflegeorganisationen
im Nachbarstaat FL wiederum orientieren sich bei der Besoldung an der
Lohnstruktur im Kanton SG, also de facto am GAV im Spitalbereich.
Während solche freiwilligen Übernahmen von Dritt-GAV zwar Transparenz und vergleichbare Anstellungsbedingungen in einer Region sichern,
erhöht sich dadurch die Gefahr, dass die Anstellungsbedingungen den
lokalen Gegebenheiten nicht mehr entsprechen. Zudem können in diesem ostschweizerischen Beispiel GAV-Anpassungen, die auf spezifische
Veränderungen im Spitalbereich reagieren, kaskadenmässig einen Einfluss auf die Pflegekosten einer ganzen Region entfalten.
Doch solange solche GAV freiwillig unter den Sozialpartnern abgeschlossen werden, können sie auch dynamisch entwickelt werden und
lokale Veränderungen berücksichtigen. In 85 % der Kantone besteht kei-

19	 Diese Feststellung wird im Vergleich der Lohnkosten pro Vollzeitäquivalent aller
26 Kantone untermauert. Die kantonalen durchschnittlichen Lohnkosten korrelieren
nicht mit dem durchschnittlichen kantonalen Grade-Mix.

03 _ Kosten der Alterspflege55

3.2 _  Drei Viertel der Kosten für das Personal

Löhne vom Typus der Pflegeorganisation (Spital, Spitex, Heim) ab (Gehrig

ne GAV-Pflicht, auch wenn sich viele Leistungserbringer freiwillig einem
GAV unterstellen. In diesen Kantonen haben es die Sozialpartner der
Leistungserbringer in der Hand, die Personalkosten pro Vollzeitäquivalent zu steuern.
In vielen Kantonen der Romandie hingegen (GE, JU, NE und VD) gilt
für die öffentlich-rechtlichen Organisationen sowohl im ambulanten wie
im stationären Bereich eine GAV-Pflicht. Im Kanton VD gilt diese Pflicht
auch für privatrechtliche Organisationen. Im Kanton NE besteht für private Organisationen keine GAV-Pflicht, die Höhe der Restfinanzierung
ist jedoch deutlich höher, falls ein solches Abkommen vorliegt (vgl. Kapitel 4).
Im Kanton TI bestehen formell auch keine GAV-Pflichten. Die Rest­
finanzierung orientiert sich jedoch an den Personalkosten gemäss GAV
der öffentlich-rechtlichen Organisationen. Demnach werden in den
Kantonen NE und TI vom Staat finanzielle Anreize gesetzt, um eine Ausweitung der GAV zu fördern.
Derartig starre Vorgaben schränken den Wettbewerb unter den
Leistungserbringern ein. Zudem haben GAV in öffentlich-rechtlichen
Organisationen oft eine politische Dimension. Adjustierungen solcher
Abkommen bedingen nicht nur das gegenseitige Einvernehmen
der Sozialpartner, sondern werden oft Spielball der Politik. Die finanziellen Konsequenzen solcher politischer Kompromisse sind selten
günstig.

Vorschriften als Kostentreiber für die Hotellerie
In den bisherigen Kapiteln wurde der Fokus auf die Personalkosten gelegt, die Sachkosten wurden nicht berücksichtigt. Zwar spielen diese in
einer personalintensiven Branche wie der Alterspflege eine unterge­
ordnete Rolle, sie sind jedoch nicht vernachlässigbar. Sie betrugen 2014
2,37 Mrd. Fr. im stationären und 0,27 Mrd. Fr. im ambulanten Bereich
(BAG 2015b, BFS 2015a). Aufgrund der unterschiedlichen Grössenordnung wer-

den nur die Sachkosten im stationären Bereich näher untersucht.
Der Anteil der Sachkosten an den gesamten stationären Pflegekosten
betrug 2014 im Schweizer Durchschnitt 25 %, wobei dieser Anteil in den
Kantonen AI (15 %) und TI (16 %) am tiefsten und in den Kantonen AR
(30 %) und BS (31 %) am höchsten war (vgl. Abbildung 9). Bezogen auf die Anzahl Pflegebetten entspricht dies im Schweizer Durchschnitt jährlichen
Kosten von ca. 25 000 Fr. pro Bett (vgl. Abbildung 9). Doch die kantonalen Un-

Die Sachkosten pro
Pflegeheimbett sind im
(33 145 Fr.) dreimal so hoch wie im Kanton AI (10 651 Fr.).
Kanton BS (33 145 Fr.)
Die hohen Kosten in städtischen Kantonen wie GE, BS und zum Teil dreimal so hoch wie im
im Kanton ZH können bis zu einem gewissen Grad mit den hohen Bo- Kanton AI (10 651 Fr.).
terschiede sind gewaltig: Die Sachkosten pro Bett sind im Kanton BS

denpreisen erklärt werden. Die Bodenpreise in ländlicheren Kantonen

variieren nicht so stark und können alleine kaum die Kostenunterschiede zum Beispiel zwischen den Kantonen VS (16 000 Fr.), JU (21 300 Fr.)
und AG (25 800 Fr.) erklären. Vielmehr sind die Differenzen einerseits

56

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Abbildung 9

Jährliche Sachkosten pro Bett von 25 000 Franken
Die Sachkosten pro Langzeitbett variieren zwischen den Kantonen bis zu einem Faktor drei, von ca.   Franken im
Kanton AI bis zu ca.   Franken im Kanton BS. Ihre relative Bedeutung in Bezug auf die Gesamtkosten ist je nach Kanton
ebenfalls sehr unterschiedlich.
Sachkosten	pro	Langzeitbett	pro	Jahr	(2014)	in	Fr.
35	000
GE

BL

3.2 _  Drei Viertel der Kosten für das Personal

BS
ZH

30	000

BE
FL NE

25	000
FR
20	000

JU

VD
OW

TI

ZG

CH

AG

LU
SZ SO

SG

SH

GR

UR

NW

AR

TG
GL

VS

15	000
AI
10	000

5	000

0
0

5

10

15

20

25

30

35

Anteil	Sachkosten	an	Gesamtkosten	(2014)	in	%

Quelle: BAG 2015b, eigene Berechnungen

auf unterschiedliche qualitative Ausbaustandards, die von den Heimen
freiwillig gewählt werden, und anderseits auf unterschiedliche kanto­nale
Bau- und Betriebsvorschriften, denen die Heime unterstellt sind, zurückzuführen. Darunter fallen Mindestvorgaben für Zimmergrösse, Anzahl
Betten pro Zimmer, Ausstattung der Nasszelle, Aufenthaltsraum sowie
Vorschriften im Bereich des Feuerschutzes, der Lebensmittelzubereitung,
der Hygiene und der Arbeitsplatzorganisation.

Ein Drittel der Betten in zu kleinen Heimen
Ein Faktor, der sich sowohl auf die Personal- wie auf die Sachkosten auswirkt, ist die Grösse des Pflegeheims. Skaleneffekte zahlen sich vor allem
durch eine bessere Auslastung von «Standby»-Ressourcen (zum Beispiel
nächtliche Pikettdienste), durch geringere Stückkosten für die Personalaus- und -weiterbildung, für Gruppenaktivitäten mit den Pensionären
und beim Materialeinkauf aus. Gemäss Crivelli et al. (2001) liegt die ökonomisch optimale Heimgrösse bei einer Bettenzahl zwischen 60 und 80.
Darüber hinaus können kaum weitere Skaleneffekte realisiert werden,
oder sie werden durch die Zunahme der Komplexität der Organisation
zunichtegemacht.

03 _ Kosten der Alterspflege57

Tabelle 6

32 Prozent der Betten in Heimen mit subkritischer Grösse
Die ökonomisch optimale Heimgrösse liegt bei einer Bettenzahl zwischen 6 und .
Diese Bedingung ist für 5 % der Heime nicht erfüllt, die insgesamt  % der Patienten in
der Schweiz beherbergen. Minima und Maxima pro Spalte sind rot eingefärbt.
Durchschnittliche
Anzahl Langzeitbetten pro
Pflegeheim

Anteil Pflegeheime mit
weniger als 30
Langzeitbetten in %

Anteil Betten
in Pflegeheimen mit
weniger als 30
Langzeitbetten in %

Anteil Pflegeheime mit
weniger als 60
Langzeitbetten in %

Anteil Betten
in Pflegeheimen mit
weniger als 60
Langzeitbetten in %

	AR

42

50

28

86

66

	NE

42

39

16

73

49

	BE

47	

35

11

73

46

	GR

48	

25

10

74

55

VD

51	

31

13

70

45

	SG

54	

25

8

57

35

	SO

57	

15

5

46

28

	UR

58	

20

8

60

38

	AI

58	

0

0

67

63

	TG

59	

30

10

62

37

	SZ

60	

16

6

45

30

	OW

61	

0

0

86

67

	AG

61	

27

7

57

30

	FR

63	

7

2

61

37

	NW

64	

14

5

57

35

	VS

66	

16

4

52

31

	TI

68	

5

2

42

26

JU

68	

0

0

55

34

ZG

73	

0

0

41

27

ZH

73	

27

7

50

21

	GE

78	

10

3

35

18

LU

79	

13

4

43

22

	SH

87

18

5

41

17

	BS

87

12

2

26

10

GL

89	

0

0

50

27

	BL

93

13

2

29

11

CH

61

25

7

58

32

Quelle: BAG 2015b, Crivelli et al. 2001, eigene Berechnungen

In zehn Kantonen liegt die Durchschnittsgrösse der Alters- und Pflegeheime unter 60 Betten. Doch der Durchschnittswert sagt wenig aus: In
einem hypothetischen Kanton mit nur einem Heim mit zwei Betten und
einem anderen mit 80 Betten würde der Mittelwert bei 41 liegen, obwohl
sich 98 % der Betten in ökonomisch effizienten Heimen befänden. Interessanter sind vielmehr der Anteil kleinerer Institutionen und der Anteil
Betten, die in einem Heim suboptimaler Grösse stehen.

58

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Schweizweit bieten fast 60 % der Heime weniger als 60 Langzeitplätze.
Zusammen bündeln sie etwa einen Drittel des Bettenangebots (vgl. Tabelle 6).
Dabei fallen Kantone mit zerklüfteter Topografie auf, die aufgrund der
grossen Anreisedistanzen auf viele kleine Heime angewiesen sind (z.B.
AR, GR, AI, OW). Aber es gibt auch Kantone mit «sanfteren» Topogra­
fien, die viele Heime mit weniger als 30 bzw. 60 Betten zählen (BE, NE
und VD). Dies kann eine Folge jener Zeit sein, in der jede Gemeinde ihr
die deutlich mehr kleinere Gemeinden |20 als der Schweizer Durchschnitt
zählen (Rühli 2012).
Die Bruttozahl an Langzeitbetten ist allerdings nicht die einzige
Grösse, die die Effizienz eines Heims bestimmt. Gerade Heime neuer
Generation, die zum Beispiel alle Zimmer auf einem Stockwerk haben
(und damit für das Personal zeit- und kostspielige Liftfahrten vermeiden),
über eine zentralgelegene Materialstation verfügen und ergonomische
Nasszellen haben, die die Autonomie der Pensionäre erhöhen, usw., können trotz geringer Bettenzahl effizienter betrieben werden als ältere

Heime neuer Generation,
die zum Beispiel
alle Zimmer auf einem
Stockwerk haben,
können trotz geringer
Bettenzahl effizient
betrieben werden.

Pflege­heime. Auch kann Kleinheit physische Nähe und damit die Identifi­
kation der lokalen Bevölkerung mit «ihrem» Pflegeheim bedeuten. Dies
ist nicht nur für das Wohlbefinden der Pensionäre wichtig, sondern kann
auch die Rekrutierung von Freiwilligen erleichtern.

	 3.3	_	Grosse Unterschiede beim Personalbestand
Die Kosten pro Vollzeitäquivalent sind zwar eine wichtige Inputgrösse für
die Ermittlung der Alterspflegekosten, sagen aber per se wenig über die
Wirkung dieser Investitionen aus. Ein ausbalancierter Grade-Mix beeinflusst
jedoch die Möglichkeiten einer Pflegeorganisation, ihre Ressourcen möglichst schonend und zielgerichtet einzusetzen und den Pflegebedürftigen
dadurch eine bedürfnisgerechte Versorgung zu sichern. Es wird deshalb
geprüft, ob die Mittel quantitativ und qualitativ effizient eingesetzt werden.

Kein Königsweg zur vollständigen Effizienz
Ein erster Effizienzindikator der Versorgungskette ist das Verhältnis des
Pflegepersonals (in Vollzeitäquivalenten) zur Anzahl gepflegter Personen.
Ceteris paribus gilt: Je tiefer das Verhältnis, desto günstiger sind die kumulierten Pflegekosten bzw. je mehr Personen können mit dem verfügbaren Personal behandelt werden. Diese Verhältnisse werden sowohl für
den ambulanten wie für den stationären Bereich pro Kanton ermittelt
(vgl. Tabelle 7).

Die Unterschiede zwischen den Kantonen machten 2014 bis

zu 30 % des Schweizer Durchschnitts aus, und zwar sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich.

20	 Gemessen am Median der Einwohnerzahl pro Gemeinde.

03 _ Kosten der Alterspflege59

3.3 _  Grosse Unterschiede beim Personalbestand

eigenes Heim baute. Dies könnte für die Kantone BE und VD zutreffen,

Allerdings, während der Zähler dieser Effizienzkennzahl Vollzeitäquivalente – und nicht die Anzahl Beschäftigter – betrachtet, werden im
Nenner alle Pflegebedürftigen, unabhängig von ihrem täglichen Pflegebedarf, berücksichtigt. Doch je nach Ausgestaltung der Versorgungs­kette
ist der durchschnittliche Pflegebedarf pro Patient in einer Spitex-Organisation bzw. in einem Alters- und Pflegeheim pro Kanton anders.
Tabelle 7

Grosse Effizienzunterschiede, auch nach Berücksichtigung des Pflegebedarfs
Patienten mit höheren Pflegestufen benötigen mehr Pflege und dadurch mehr Pflegepersonal. Doch die durchschnittliche Anzahl
Pflegestunden pro Patient erklärt nicht allein die unterschiedlichen Personaldotationen in Vollzeitstellen pro Pflegestunde.
Bemerkung: Personalbestand per . . , Anzahl gepflegter Personen im Jahr . Kantone mit dem Pflegebedarfsinstrument
PLAISIR sind rot vermerkt.
Stationär (Alters- und Pflegeheime)
VZÄ pro
gepflegte Person
indexiert

Ambulant (Spitex)

VZÄ pro
Verrechnete
verrechnete
Stunden pro
Stunde gepflegte Person
indexiert
indexiert

Durchschnittliche
Pflegestufe

VZÄ pro
gepflegte Person
indexiert

VZÄ pro
Verrechnete
verrechnete
Stunden pro
Stunde gepflegte Person
indexiert
indexiert

AI

81

96

84

4,2

90

85

AR

87

107

82

4,1

98

101

97

VD

87

76

115

7,6

148

114

130

UR

88

102

86

4,5

122

120

102

GL

89

107

83

3,8

74

95

78

AG

91

110

83

4,6

71

93

76

BE

93

105

88

4,9

110

99

111

BS

94

100

94

4,9

123

90

138

TG

95

109

87

4,3

89

91

98

SG

95

104

92

4,2

77

84

92

SH

97

124

78

3,8

87

95

92

CH

100

100

100

5,2

100

100

100

ZH

101

124

81

4,5

96

95

101

SZ

103

111

92

4,3

108

119

91

ZG

104

112

93

4,5

82

99

82

GR

105

108

97

4,8

106

90

118

NE

106

72

148

7,4

70

115

61

TI

107

89

121

6,3

96

87

110

LU

108

106

101

4,9

104

102

102

VS

108

76

141

6,4

85

130

65

NW

109

110

99

4,6

111

93

119

SO

112

113

99

4,7

66

91

72

BL

116

117

100

4,7

104

91

114

FR

117

106

110

5,7

72

98

73

JU

120

66

182

7,7

88

95

93

OW

121

124

97

4,5

108

108

101

GE

130

67

193

7,8

130

116

112

CH absolut

0,60

0,0016

375

5,2

0,07

0,0010

70

97

n.a.

n.a.

n.a.

106

n.a.

n.a.

FL

106

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b

60

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Fokussieren sich in einem Kanton die Alters- und Pflegeheime auf besonders schwer pflegebedürftige Patienten, sind höhere Personaldotationen
nicht zwangsläufig ein Zeichen fehlender Effizienz, sondern können einfach einen erhöhten Pflegebedarf abbilden. Um diese Unterschiede zu
differenzieren, wird die Personaldotation in zwei Brüche zerlegt.

Pflegestunden
Gepflegte Person
3.3 _  Grosse Unterschiede beim Personalbestand

Vollzeitstellen
Vollzeitstellen
=
x
Gepflegte Person
Pflegestunde

Der erste Bruch (Vollzeitstellen pro verrechnete Pflegestunde) ist ein Mass
für die Effizienz der Pflegeorganisationen. Der zweite Bruch zeigt den
durchschnittlichen Pflegebedarf eines Patienten. |21 In den Kantonen AR,
AG und SH ist die Personaldotation im stationären Bereich zwar unterdurchschnittlich, sie resultiert jedoch aus einem tieferen Pflegebedarf
pro Patient

(vgl. Tabelle 7).

Die Effizienz der Pflegeorganisationen in diesen

Kantonen ist hingegen schlechter, weil mehr Personal pro verrechnete
Pflegestunde nötig ist als im Schweizer Durchschnitt (SH 124 %, AG 110 %
und AR 107 % des Mittelwerts). Umgekehrt erscheint die Personaldotation in den Kantonen VS oder TI hoch, doch ist sie auf einen hohen Pflegebedarf der Heimpensionäre zurückzuführen. Die Betriebe sind hin­
gegen hinsichtlich Personal pro Pflegestunde effizienter als andere
Schweizer Pflegeheime (VS 76 % und TI 89 % des Mittelwerts).

Starker Einfluss der Pflegeerfassungssysteme
In Tabelle 7 fallen vier Kantone der Romandie (GE, JU, NE und VD) durch
besonders hohe Effizienzkennzahlen und durch den sehr hohen Pflegedarf pro Patient im Pflegeheim auf. Während ein Teil dieser Werte gut
eingespielte betriebliche Prozesse sowie eine gezielte Fokussierung auf
schwerpflegebedürftige Pensionäre abbildet, lässt sich ein anderer Teil
der Unterschiede gewiss auch auf das Pflegebedarfsinstrument PLAISIR,
das nur in diesen Kantonen angewendet wird, zurückführen.
Für die Abrechnung der Pflegeleistungen bei den Krankenkassen und
bei der öffentlichen Hand dürfen die Schweizer Pflegeheime drei Pflegebedarfsinstrumente verwenden: BESA, PLAISIR und RAI / RUG. |22 Alle
Instrumente ermöglichen eine Abklärung des täglichen Pflegebedarfs nach
Art. 12 KLV in 12 Pflegestufen à je 20 Minuten. Die Methoden, um diesen

Für die Abrechnung
der Pflegeleistungen bei
den Krankenkassen
und bei der öffentlichen
Hand dürfen die
Schweizer Pflegeheime
drei Pflegebedarfs­
instrumente verwenden.

Bedarf abzuschätzen, sind jedoch je nach Instrument unterschiedlich. Eine

21	 Im ambulanten Bereich werden alle Klienten berücksichtigt, und es wird dann die
Summe aller verrechneten Stunden (Langzeit-, Akut- und Übergangspflege, Haus­
wirtschaft und Sozialbetreuung, weitere Dienstleistungen) gebildet. Im stationären
Bereich werden alle Pensionäre, inkl. Kurzzeitaufenthalt, Tages- oder Nachtstrukturen
und Externer, berücksichtigt. Für den Pflegeaufwand wird die Zahl der verrechneten
Pflegeminuten nach KVG betrachtet.
22	 BESA (Bewohner / -innen-Einstufungs- und -Abrechnungssystem), PLAISIR
(PLAnification Informatisée des Soins Infirmiers Requis) und RAI / RUG (Resident
Assessment Instrument  / Resource Utilisation Groups).

03 _ Kosten der Alterspflege61

Abbildung 10

Je nach Pflegebedarfsinstrument wird die gleiche Leistung nicht gleich bemessen
Die vier Kantone GE, JU, NE und VD weisen eine höhere Produktivität in der Alterspflege auf. Während ein Teil davon gut
eingespielte betriebliche Prozesse abbildet, lässt sich ein anderer Teil der Unterschiede auf das Zeiterfassungsinstrument PLAISIR
zurückführen.
Pfl	egeminuten	pro	Pfl	egeperson	(Vollzeitäquivalent)	nach	Pfl	egebedarfsinstrument,	normiert:	Ø	CH	=	100
160

PLAISIR:	Ø	138

140
120

BESA:	Ø	101

RAI:	Ø	97

100

RAI	/	BESA:	Ø	90

100
80
60
40
20
0
JU

GE

NE

VD

TI

BS

FR

VS

AI

AR

UR

SZ

GR

SH

GL

SG

ZG

BE

LU

TG

NW OW AG

SO

BL

ZH

CH

Quelle: BFS 2015b, Cassis 2013, eigene Berechnungen

Minute Pflegebedarf nach BESA entspricht nicht zwingend einer Minute
Pflegebedarf nach RAI / RUG oder PLAISIR. Im Fall von RAI und BESA
konnte eine Kalibrierung der 12 Stufen erreicht werden (GDK 2013). Die Bemühungen zur Einbindung des PLAISIR-Instruments sind jedoch ins Stocken geraten und die Arbeitsgruppe wurde eingestellt (SGK SR 2015).
Diese Unterschiede sind nicht nur für den Effizienzvergleich relevant,
sondern auch gesetzwidrig. Die gleiche Leistung wird dadurch unterschiedlich finanziert. Damit verschiebt sich die Kostenteilung zwischen Krankenkassen und öffentlicher Hand. Die Krankenkassen müssen nämlich
9 Fr. pro Tag und Pflegestufe (Art. 7a KLV), der Pensionär maximal
Fr. 21.60 pro Tag und der Staat die restlichen Kosten tragen. Wird zum
Beispiel für komplexe Fälle mit PLAISIR tendenziell ein höherer Pflegebedarf in Minuten ermittelt, erhöht sich die Kostenbeteiligung der Krankenkasse beziehungsweise vermindert sich diejenige der öffentlichen Hand.
Die Kantone mit dem PLAISIR-Pflegebedarfsinstrument weisen aufgrund ihrer verrechneten Pflegestunden pro Vollzeitäquivalent im Durchschnitt eine um 38 % höhere Effizienz auf (vgl. Abbildung 10). Ist das Personal
in diesen Kantonen wirklich effizienter oder weist PLAISIR einen höheren Pflegebedarf pro Krankheitsbild aus? Angenommen, die Hälfte davon sei durch effektive Produktivitätsunterschiede und die andere Hälfte
durch «Erfassungseffekte» verursacht, resultiert 2014 in den Kantonen
GE, JU, NE und VD für die Krankenkassen eine Mehrbelastung von
69 Mio. Fr. (BFS 2015b). Verteilt auf die erwachsenen Versicherten der obligatorischen Krankenversicherung dieser Kantone

(BAG 2015c)

ergab sich

dadurch für 2014 eine Mehrbelastung von 60 Fr. pro Person. Folgerichtig

62

Kantonsmonitoring 7  | 2016

dürften sich die Steuern für diese Bürger im Durchschnitt um den entsprechenden Betrag reduzieren, weil die Restfinanzierung in diesen Kantonen kleiner ausfiel. Allerdings ist die Verteilung der Steuerentlastung
aufgrund der Steuerprogression nicht gleichmässig. |23
Pikantes Detail: Gerade die Kantone VD und GE hatten sich im Rahmen des Streits um die zu viel bzw. zu wenig bezahlten Krankenkassenprämien pro Kanton seit der Einführung des Krankenkassenobligato­
viel bezahlten Prämien für die Periode 1996 bis 2013, der Zankapfel,
betrugen allerdings im Durchschnitt pro Kopf «nur» 35 Fr. in GE und
53 Fr. im Kanton VD

(BAG 2014, BAG 2015c, eigene Berechnungen),

bewegten sich

also in einer ähnlichen Grössenordnung wie die potenzielle Verzerrung
aufgrund des PLAISIR-Erfassungsinstruments. Wenn es darum geht, die
Krankenkassenprämien über die Grenzen hinweg auszugleichen, werden
die Regierungen offensichtlich aktiver, als wenn der Ausgleich zulasten
der Kantonsrechnung stattfinden sollte.

Überflüssige Grade-Mix-Vorgaben im stationären Bereich
Die Personaldotation in Vollzeitäquivalenten pro Patient bzw. pro Pflegeminute ist eine rein quantitative Angabe. Sie sagt wenig über die Qualität des Betreuungsverhältnisses aus. Dieses kann unter anderem durch
den Grade-Mix des Personals beeinflusst werden.
Die meisten Kantone machen deshalb neben quantitativen Vorgaben
für die Personaldotation auch qualitative Grade-Mix-Vorgaben für das
Erhalten einer Betriebsbewilligung im stationären Bereich. |24 Die Gestaltung dieser Vorgaben war 2015 sehr vielfältig. Im Kanton NE wird nur
ein Mindestanteil an Personal mit Tertiärausbildung vorgeschrieben.
Viele Kantone ergänzen die Mindestvorgabe für die Tertiärausbildung
mit einer Gesamtvorgabe für das Personal mit Tertiär- oder Sekundärbildung (AR, GR, NW, TG, TI, UR, ZH) oder durch eine separate Vorgabe
für Mitarbeiter mit Sekundärbildung (AG, BE, FR, GE, GL, JU, SZ, VD,
VS). Flexiblere Lösungen haben Kantone gewählt, die keine Vorgabe für
Mitarbeiter mit Tertiärausbildung, sondern nur eine Gesamtvorgabe für
den Anteil des Personals mit Bildung auf sekundärer oder tertiärer

Fünf Kantone (AI,
BL , LU, OW, SH) und
BL, LU, OW, SH) und der Staat FL gar keine Grade-Mix-Vorgaben.
der Staat FL machen
Auch die Definitionen der Vorgaben für ein bestimmtes Bildungsni- gar keine Grade-Mixveau variieren stark. In manchen Kantonen schliessen die Zielwerte Füh- Vorgaben.
Stufe (BS, SO, SG, ZG) haben. Schliesslich machen fünf Kantone (AI,

rungs- und Supportfunktionen ein, in anderen nicht. Im Kanton FR rich-

ten sich die Vorgaben nicht nur auf das Pflege-, sondern auch auf das

23	 Umgekehrt könnte man argumentieren, dass die Kantone mit BESA oder RAI / RUG zu
viel an die Pflegekosten zahlen und die Krankenkassen zu wenig.
24	 Im ambulanten Bereich gelten nationale Vorgaben, die im Spitex-Administrativvertrag
geregelt sind.

03 _ Kosten der Alterspflege63

3.3 _  Grosse Unterschiede beim Personalbestand

riums für einen interkantonalen Ausgleich starkgemacht. Die jährlich zu

Betreuungspersonal. Die Vorgaben sind meistens rigid  –  ein Mindestmass,
das nicht unterschritten werden darf –, können aber auch flexibel sein.
Im Kanton BE werden Zielwerte definiert, die kurzfristig um 20 % unterschritten werden dürfen, Ähnliches gilt in den Kantonen BS und TG. Damit können kurzfristige Variationen im Personal- oder Pensionärbestand
unkompliziert aufgefangen werden. Ähnlich definieren die Kantone FR
und VS ihre Vorgaben als Bandbreite. Auch werden obere Grenzwerte
festgelegt, um die Pflegekosten pro Stelle zu beschränken, wie zum Beispiel im Kanton FR. Dort darf der Anteil des Personals mit Ausbildung
auf Tertiärstufe und desjenigen mit Ausbildung auf Sekundarstufe II nicht
mehr als 40 % der gesamten für die Pflege und die Betreuung vorgesehenen Personaldotation betragen (Art. 5 Pflg HR / FR). Schliesslich können
die Werte für die einzelnen Vorgaben zwischen den Kantonen extrem
variieren

(vgl. Abbildung 11).

Für das Personal mit Tertiärausbildung zum Bei-

spiel streuen die Werte zwischen 0 % (in 10 Kantonen) und 28 % (TI).
Alle diese Vorgaben werden mit der Sicherung der Qualität begründet.
Doch Qualität zeichnet sich nicht durch Input-Grössen wie Personaldotation oder Grade-Mix aus, sondern durch Output-Grössen wie die
Zweckmässigkeit der Behandlung oder das Wohlbefinden der Patienten
(vgl. auch Kapitel 2).

Schon nur die Myriade der oben skizzierten Vorgaben­

formen und Vorgabenwerte zeigt die Grenzen eines inputbasierten Qua-

Qualität zeichnet sich
nicht durch InputGrössen wie Personal­
dotation oder GradeMix aus, sondern durch
Output-Grössen.

litätsansatzes. Ist die Qualität der Pflege in Kantonen mit sehr res­triktiven
Grade-Mix-Vorgaben wirklich viel höher als in Kantonen ohne Vorgaben?
Üben Grade-Mix-Vorgaben überhaupt einen Einfluss auf den effektiven
Grade-Mix in den Betrieben aus?
Zur ersten Frage wurde die Qualität der Alterspflege in 163 Schweizer
Pflegeheimen aus allen Sprachregionen untersucht (SHURP-Studie,

2015).

Dabei erachten 93 % des Pflege- und Betreuungspersonals die Qualität der
Pflege als gut. Zum Vergleich: Dieser Wert liegt für das Personal von
Schweizer Spitälern bei 80 %. Auch wurden die Faktoren analysiert, die
zu vermehrten impliziten Rationierungen führen. Unter impliziter Rationierung versteht man das Weglassen, Hinauszögern oder nur teilweise
Ausführen von notwendigen pflegerischen Handlungen aufgrund von
Ressourcenmangel: zum Beispiel bei der täglichen Körperhygiene wie
Zähneputzen, beim Einlesen der Dokumente beim Schichtwechsel oder
bei der Gestaltung von Gruppenaktivitäten. Die Resultate überraschen.
Sie zeigen, dass weder die Personaldotation noch der Grade-Mix die implizite Rationierung signifikant beeinflusst. Andere Faktoren wie die Arbeitsumgebung, das Sicherheitsklima oder der Stress am Arbeitsplatz spielen eine wichtigere Rolle

(

et al. 2015).

Qualitative Vorgaben tragen

folglich wenig zur Reduktion impliziter Rationierungen bei.
Eine Antwort auf die zweite Frage liefert Abbildung 11, die den effektiven
durchschnittlichen kantonalen Grade-Mix in Abhängigkeit der GradeMix-Vorgaben darstellt. Erstens werden die Vorgaben, für das Personal
mit Tertiärausbildung wie für das gesamte diplomierte Fachpersonal, im

64

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Durchschnitt in allen Kantonen eingehalten. Eine Ausnahme ist der Kanton TI in Bezug auf das Personal mit Tertiärausbildung, wobei er auch
die höchste Vorgabe in diesem Bereich formuliert. Wird das gesamte diplomierte Personal betrachtet, weist der Kanton TI allerdings den zweithöchsten effektiven Grade-Mix aus. Zweitens werden die Vorgaben in
den meisten Kantonen deutlich übertroffen. Es ist nicht so, dass die Pflegeheime die Richtwerte immer ausreizen, um Personalkosten zu sparen.
Vielmehr scheinen sie sich am effektiven Pflegebedarf ihrer Pensionäre
3.3 _  Grosse Unterschiede beim Personalbestand

auszurichten und durch einen hohen Grade-Mix am Markt behaupten
zu wollen. Drittens spielt die Höhe der Vorgaben keine Rolle für die
Höhe des effektiven Grade-Mix. Gerade die Kantone OW, LU, SH und
ZG, die keine Vorgabe für das Personal mit Tertiärausbildung kennen,
weisen deutlich überdurchschnittliche Werte aus. Umgekehrt liegt der
Grade-Mix im Kanton GL, der eine der strengsten Gesamtvorgaben für
das diplomierte Fachpersonal kennt, im interkantonalen Vergleich im
unteren Bereich.
Die Beispiele zeigen: Grade-Mix-Vorgaben sind überflüssig. Kantone
ohne oder mit tiefen Vorgaben weisen einen ähnlichen Bildungsmix wie
die anderen Kantone auf. Hingegen bedingen solche Vorgaben mehr Bürokratie, weil ihre Einhaltung laufend gewährleistet, den Behörden mitgeteilt und von der Aufsicht überprüft werden muss. Zudem erschweren
sie die Personalrekrutierung, indem sie die Kandidatenauswahl einAbbildung 11

Grade-Mix-Vorgaben ohne Einfluss auf die effektive Personaldotation
Fünf Kantone machen gar keine Vorgaben in Bezug auf die Ausbildungsstufen des Pflegepersonals. Dennoch weisen sie nicht
weniger, ja oft sogar mehr qualifiziertes Personal als in anderen Kantonen mit Vorgaben aus.
Anteil	des	Personals	mit	Sekundär-	und	
Tertiärausbildung	in	%	(2014)

Anteil	des	Personals	mit	Tertiärausbildung	in	%	(2014)
100

50

JU

40

ZH

ZG
SH
LU,	OW

80
GE

AI
30

NW
AR
JU
FR
VS
VD
UR

BL,	BS,	SG
SO

SZ

TG
AG,	GR,	NE
GL
BE

SH
LU
BL
OW

60
TI

AI

ZH

NE

BS

VS NW
SG
AR

AG

ZG
BE
GR,	SO,	TG
FR
UR
SZ
GL

GE

VD
40

Vo
rg
ab
e
=
20

Ef
fe
kt
ive
rA
nt
eil

Ef
fe
kt
ive
rA
nt
eil

=

Vo
rg
ab
e

20

10

TI

0

0
0

10

20

30

40

50

Vorgabe	für	Personal	mit	Tertiärausbildung	in	%	(2015)

0

20

40

60

80

100

Vorgabe	für	Personal	mit	Sekundär-	und	
Tertiärausbildung	in	%	(2015)

Quelle: BFS 2015b, eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015, eigene Berechnungen

03 _ Kosten der Alterspflege65

schränken oder weil die Anerkennung und Einstufung erfahrener Fachkräfte mit ausländischen Diplomen oft komplex und zermürbend ist.
Auch deshalb betrachten 42 % der Pflegeheime steigende Gesetzes- und
Qualitätsvorgaben als eine ihrer Hauptherausforderungen (Rang 4 von
10). 75 % der Pflegeheime betrachten die Rekrutierung von Pflege- und
Betreuungspersonal sogar als ihre grösste Herausforderung (Curaviva 2015b).
Die Abschaffung von Grade-Mix-Vorgaben oder zumindest die Beschränkung auf konsolidierte Vorgaben für das gesamte diplomierte Fachpersonal würde hier gewiss eine Entlastung bringen.

	 3.4	_	Regionale Abweichungen
	 bei der Inanspruchnahme
Die Quote der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen ist der letzte Kostentreiber. Sie drückt die Zahl der Personen, die effektiv Pflegeleistungen
in Anspruch nehmen, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung aus. Sie ist
nicht mit der Prävalenzrate zu verwechseln. Diese beschreibt den Anteil
der Bevölkerung, der pflegebedürftig ist, unabhängig davon, ob Pflegeleistungen bezogen werden oder nicht. Die Quote der Inanspruchnahme
spiegelt also nicht nur die Pflegebedürftigkeit der Bevölkerung in einem
Kanton, sondern auch ihr «Konsumverhalten». Kulturelle Unterschiede,
Bildungs- und Informationsstand, geografische Nähe des nächsten Leistungserbringers, ein eventuelles Überangebot bzw. Unterangebot und
vieles mehr können die Häufigkeit und die Intensität der Inanspruchnah-

Die Quote der Inanspruchnahme spiegelt
nicht nur die Pflege­
bedürftigkeit der
Bevölkerung in einem
Kanton, sondern auch
ihr «Konsumverhalten».

me von medizinischen Pflegeleistungen beeinflussen.

Vergleichbarkeit durch Standardisierung
Die Quote der Inanspruchnahme in der Alterspflege wird oft im Verhältnis zur Bevölkerung der 65-Jährigen und Älteren abgebildet. Diese Einschränkung auf alle Personen im Pensionsalter ist gewiss sinnvoll, jedoch
nur eine erste Annäherung. Die Pflegebedürftigkeit nimmt mit steigendem Alter signifikant zu und ist auch geschlechtsspezifisch. Frauen älter
als 65 Jahre weisen meistens höhere Prävalenzraten aus als Männer im
gleichen Alter (vgl. Abbildung 1, S. 8).
Die Alters- und Geschlechtsstruktur der Einwohner älter als 65 Jahre
variiert zwischen den Kantonen erheblich. Am «ältesten» ist der Kanton
BS. Der Anteil der 85-Jährigen und Älteren unter den Pensionierten betrug 2014 dort 19 %, während er im Kanton AG bei 11 % lag

(BFS 2015c).

Auch variiert der Frauenanteil unter den 65-Jährigen und Älteren zwischen 52 % in den Kantonen AI und NW und 60 % im Kanton BS
2015c).

(BFS

In Kantonen mit überdurchschnittlich vielen Hochbetagten und

Frauen ist dementsprechend eine höhere Quote der Inanspruchnahme
pro 65-Jährigen und Älteren als in anderen Kantonen zu erwarten, weil
die Prävalenzrate für diese Bevölkerungsgruppen höher ist. Um diesen
verzerrenden Effekt zu beseitigen, wird eine standardisierte Quote defi-

66

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 8

Signifikanter Einfluss der Altersstruktur auf die Inanspruchnahme von
Pflegeleistungen

Quote der Inanspruchnahme
(Gepflegte pro 65-Jährigen und Älteren)
indexiert

Standardisierte Quote der Inanspruchnahme
(Gepflegte pro Pflegebedürftigen)
indexiert

75

72

AI
NW

65

72

BL

75

75

OW

75

78

SZ

75

84

LU

91

87

SG

97

87

VS

91

88

UR

84

89

GR

80

89

BS

111

89

GL

93

92

ZH

98

95

AG

100

97

TG

94

98

JU

130

98

GE

111

99

SH

104

99

ZG

101

100

SO

105

102

TI

98

103

AR

105

105

FR

106

110

VD

113

115

BE

102

118

NE

143

137

CH

100

100

CH absolut

0,29

2,46

FL

	110	

	101	

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BFS 2015c, Höpflinger et al. 2011, eigene Berechnungen

03 _ Kosten der Alterspflege67

3.4 _  Regionale Abweichungen
bei der Inanspruchnahme

Kantone mit höheren Anteilen von Hochbetagten und von Frauen dürfen mehr Pflegebedürftige als in anderen Kantonen erwarten. Eine standardisierte Quote der Inanspruchnahme trägt diesen strukturellen Unterschieden Rechnung. Die Verschiebungen sind
besonders gross für die Kantone JU und BS (Abnahme) und für die Kantone GR und BE
(Zunahme).

Abbildung 12

Indizien für eine angebotsinduzierte Nachfrage sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich
In Kantonen mit überdurchschnittlich viel Personal pro erwartete pflegebedürftige Person (x-Achse) werden auch überdurchschnittlich viel Pflegeleistungen pro Einwohner bezogen (y-Achse).
Nachfrage:	standardisierte	
Inanspruchnahmequote	indexiert	(2014)
175

150
UR
125

150

GE

SH

AG

100

VD

BS

SZ

ZH
SG

AI

NW
VS

75
JU

SO
BL

SO

125

GL BE
TG

50

75

100
SG
SH
SZ

GL
AI

R 	=	0,72

UR

50
125

VD

150

175

50

Angebot:	VZÄ	pro	Pfl	egebedürftigen	indexiert	(2014)

ZG

TG

AG

75

100

BE

FR

VS

TI

GE

JU

TI

LU NE
FR
OW
GR
ZG

2

50

NE

Ambulanter
Bereich

An
ge
bo
t=

AR

An
ge
bo
t=

Stationärer
Bereich

Na
ch
fra
ge

175

Na
ch
fra
ge

Nachfrage:	standardisierte	
Inanspruchnahmequote	indexiert	(2014)

GR

ZH
BL

BS

LU
AR OW

R2	=	0,46

NW
75

100

125

150

175

Angebot:	VZÄ	pro	Pfl	egebedürftigen	indexiert	(2014)

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BFS 2015c, Höpflinger et al. 2011, eigene Berechnungen

niert. Dabei wird die Anzahl gepflegter Personen |25 in ein Verhältnis zu
den aufgrund der Prävalenzrate zu erwartenden Pflegebedürftigen – und
nicht zur gesamten Bevölkerung – gesetzt (vgl. Tabelle 8).
Die resultierenden Korrekturen sind für manche Kantone beträchtlich.
Am stärksten sind sie im Kanton JU (–32 Prozentpunkte) und BS (–22 Prozentpunkte). Beide Kantone weisen deutlich überdurchschnittliche Quoten der Inanspruchnahme vor der Standardisierung (130 bzw. 111) aus.
Nach der Standardisierung liegt die Quote im Kanton JU jedoch nah am
Schweizer Durchschnitt (98) und im Kanton BS (89) deutlich darunter.
In den Kantonen GE (–13 Prozentpunkte) und SG (–10 Prozentpunkte)
sinken die Quoten ebenfalls deutlich. Umgekehrt führt die Standardisierung der Quote zu einer Erhöhung um 9 Prozentpunkte für den Kanton
GR (von 80 auf 89)  –  somit immer noch stark unterdurchschnittlich  –  und
sogar um 16 Prozentpunkte im Kanton BE (von 102 auf 118) und somit
neu deutlich überdurchschnittlich. Bei den übrigen Kantonen betragen
die Verschiebungen weniger als 10 Prozentpunkte. Somit bleiben die Quoten der Inanspruchnahme in den Kantonen AI, NW, BL und OW deutlich

25	 Für den Spitex-Bereich werden nur die Klienten der Langzeitpflege, die 65 Jahre alt oder
älter sind, berücksichtigt.

68

Kantonsmonitoring 7  | 2016

unterdurchschnittlich. Am anderen Ende des Spektrums sind die Quoten
in den Kantonen VD und NE nach wie vor überdurchschnittlich.

Vom Angebot zur Nachfrage
Im

Kapitel 2 (vgl. Abbildung 4, S. 30)

wurde festgestellt, dass ein ausgebautes am-

bulantes Angebot nicht zwangsweise mit einer tiefen Anzahl Betten
pro 80-Jährigen und Älteren einhergeht. Die zunehmende Bedeutung
chronischer Krankheiten im Alter wie Diabetes, Herz- und Kreislaufprobleme kann mehr regelmässige ambulante Pflege erfordern, ohne
dafür Entlastung in Pflegeheimen mit sich zu bringen. Familiendemografische Entwicklungen können auch zu einer stärkeren Inanspruchnahme von ambulanten Leistungen führen. Immer weniger Töchter
und Söhne wohnen am gleichen Ort wie ihre Eltern. Immer mehr sehr
3.4 _  Regionale Abweichungen
bei der Inanspruchnahme

alte (Ehe-)Partner können sich altersbedingt immer weniger gegenseitig
unterstützen. Diese allgemeinen Trends können je nach Kanton
stärker ausgeprägt sein. Eine weitere Erklärung ist, dass zusätzliche
Ressourcen (Personal, Betten) eine Nachfrage nach Leistungen induzieren könnten.
Um diese Hypothese näher zu prüfen, wurde das Angebot an Pflegepersonal (in VZÄ pro Pflegebedürftigen) gegenüber der Nachfrage
nach Pflegeleistungen – die standardisierte Quote der Inanspruch­
nahme – dargestellt. Beide Grössen hängen offensichtlich zusammen
(vgl. Abbildung 12).

Die Bestimmtheitsmasse sind sowohl im stationären (0,7)

wie im ambulanten Bereich (0,5) hoch. In Kantonen mit überdurchschnittlich viel gepflegten Personen pro Pflegebedürftigen sind auch
die Personalressourcen pro Pflegebedürftigen überdurchschnittlich
und umgekehrt.
Zwar erlauben die Daten keine Aussage über Ursache und Wirkung
der Korrelation, also ob mehr Patienten mehr Ressourcen hervorrufen
oder mehr Ressourcen mehr Pflegeleistungen zur Folge haben. Doch
wurde die sogenannte angebotsinduzierte Nachfrage im Gesundheitssektor in der Fachliteratur schon mehrfach belegt
2006, Sekimoto und Li 2015, Sugawara und Nakamura 2015).

(unter anderem Slembek

Infolgedessen dürfen Kan-

tone mit überdurchschnittlich vielen Personalressourcen auch eine zusätzliche Nachfrage, sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich,
erwarten. Eine Steuerung des Angebots durch die öffentliche Hand,
zum Beispiel durch Finanzierungsregeln, die die effiziente Erbringung
von Alterspflegeleistungen fördern

(vgl. Kapitel 4),

kann deshalb indirekt

Kantone mit überdurchschnittlich vielen
Personalressourcen
dürfen auch eine zusätzliche Nachfrage,
sowohl im ambulanten
wie im stationären
Bereich, erwarten.

die Inanspruchnahme beeinflussen. Solche kantonalen bzw. kom­
munalen Finanzierungsregeln helfen somit nicht nur die Kosten pro
Pflegestunde zu senken, sondern hindern einen unnötigen Ausbau von
Personalressourcen und reduzieren damit die Inanspruchnahme von
Pflegeleistungen.

03 _ Kosten der Alterspflege69

	 3.5	_	Einsparungspotenzial von mindestens
	 1,9 Milliarden Franken pro Jahr
Fasst man die Ergebnisse zusammen, resultieren gesamte Pflegekosten
(inklusiv Betreuung und Hotellerie) von 57 740 Fr. pro pflegebedürftigen
65-Jährigen und Älteren im Kanton AI und 104 790 Fr. im Kanton AR
(vgl. Tabelle 25 im Anhang).

Schränkt man die Pflegedefinition auf Pflegeleistun-

gen nach dem KVG ein, variieren die Werte zwischen 29 654 Fr. im Kanton AI und 51 237 Fr. im Kanton FR (vgl. Tabelle 26 im Anhang). Diese signifi­kanten
kantonalen Unterschiede weisen auf ein erhebliches Einsparungspotenzial hin, umso mehr als viele Kostentreiber, die zu diesen Unterschieden
führen, im Einflussbereich der Leistungserbringer bzw. der öffentlichen
Hand liegen. Um dieses Potenzial abzuschätzen, wurde angenommen,
dass alle Kantone jeden einzelnen Kostentreiber im ambulanten und stationären Bereich auf das Niveau eines gewählten Benchmarks reduzieren
würden. Zwei Benchmarks wurden für diese Abschätzungen gewählt:
der Durchschnitt aller 26 Kantone und der Durchschnitt der zehn effizientesten Kantone (Top 10). Dabei wurden jeweils die effizientesten Kantone pro Kostentreiber ermittelt. |26
Selbst beim am wenigsten ambitiösen Benchmark, dem Schweizer
Durchschnitt, zeichnet sich bereits ein Einsparungspotenzial für die
Schweiz von jährlich 1,9 Mrd. Fr. bzw. von 17 % der heutigen Kosten ab.
Je nach Kanton entspricht dies einer Einsparung von deutlich über
2000 Fr. pro 65-Jährigen und Älteren. Bei dem «sportlicheren» Benchmark
Top 10 sind die möglichen Einsparungen erwartungsgemäss deutlich
grös­ser. Sie betragen jährlich 4,8 Mrd. Fr. (43 % der heutigen Kosten). Gewiss ist das Top-10-Szenario schwierig zu realisieren. Wie erwähnt, sind
die einzelnen Kostentreiber nicht völlig voneinander unabhängige Variablen. Eine gleichzeitige Minimierung aller Kostentreiber auf einen am-

Selbst beim am
wenigsten ambitiösen
Benchmark, dem
Schweizer Durchschnitt,
zeichnet sich ein
Einsparungspotenzial
von jährlich
1,9 Mrd. Fr. ab.

bitionierten Benchmark kann kaum erfolgen. Doch diese Rechenbei­
spiele zeigen, dass eindeutig Spielraum für die Eindämmung der
Kosten­entwicklung in der Alterspflege vorhanden ist.

	 3.6	_	Fazit und Subranking «Kosten»
Vier Kriterien zur Beurteilung der kantonalen Kostenstruktur
Die Kosten der Alterspflege in den jeweiligen Kantonen werden zwecks
Vergleichbarkeit in einem Ranking entlang zweier Dimensionen zusammengefasst. Einerseits geht es um die Optimierung der gesamten Versorgungskette. Hierbei stehen die Kosten der Alterspflege pro pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren im Vordergrund. Anderseits wird die

26	 Die Methodik, die angewandt wird, um das Einsparungspotenzial abzuschätzen, ist im
Anhang genauer beschrieben.

70

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Optimierung einzelner Stufen der Versorgungskette untersucht. Dabei sollen
Vorschriften vermieden werden, die unnötigerweise oder im überdurchschnittlichen Mass die Freiheit der Leistungserbringer einschränken, wie
zum Beispiel Grade-Mix-Vorgaben oder GAV-Pflichten. Alle Kriterien
werden gleich gewichtet und können Werte zwischen 0 und 1 einnehmen, wobei 1 die bestmögliche und 0 die schlechteste Punktzahl ist (vgl.
Tabellen 25 bis 28 im Anhang):

__Kosten der Alterspflege pro pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren (breite Definition der Pflege): Für dieses Kriterium werden die Kosten des
ambulanten (Spitex) und des stationären Bereichs (APH) pro 65-Jährigen und Älteren aggregiert. Dabei werden nebst den Kosten für medizinische Leistungen auch die Kosten für Betreuung und Hotellerie,
erhält der Kanton mit den tiefsten, null Punkte derjenige mit den höchsten Kosten pro 65-Jährigen und Älteren. Dazwischen werden die Punkte linear in Abhängigkeit der Kostenhöhe verteilt.
__Kosten der Alterspflege pro pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren (enge
Definition der Pflege): Dieses Kriterium wird analog zum obigen Kriterium bestimmt. Es berücksichtigt allerdings nur die Kosten medizinischer Pflegeleistungen nach KLV Art. 7.
__Grade-Mix-Vorgaben: Im stationären Bereich bestehen je nach Kanton
unterschiedliche Vorgaben in Bezug auf das Ausbildungsniveau des
Pflegepersonals. Diese sogenannten Grade-Mix-Vorgaben verursachen
administrativen Aufwand, schränken die Rekrutierung des Personals
ein und beeinflussen die effektiven Grade-Mixe in den Alters- und Pflegeheimen kaum. Bestehen gar keine Vorgaben, gibt es für dieses Kriterium einen Punkt. Werden für eine bestimmte Bildungsstufe (zum
Beispiel Sekundärbildung, Tertiärbildung, Sekundär- und Tertiärbildung zusammen) Vorgaben formuliert, gibt es 0,67 Punkte, falls die
höchste Vorgabe unter 35 % liegt, und 0,33 Punkte, falls sie unter 40 %
liegt. Ist sie höher, gibt es keinen Punkt.
__GAV-Pflicht: Es sollte den Leistungserbringern und ihren Angestellten
freistehen, die Arbeitsbedingungen in einem Gesamtarbeitsvertrag
(GAV) festzulegen oder nicht. Eine Pflicht für alle Leistungserbringer,
einen identischen GAV abzuschliessen, schränkt hingegen den Wettbewerb ein und erschwert eine dynamische Lohngestaltung in Abhängigkeit der Nachfrage und des Angebots. Je nach Kanton bestehen jedoch
solche Pflichten für öffentlich-rechtliche, nicht-gewinnorientierte privatrechtliche und für private erwerbswirtschaftliche Leistungserbringer
im ambulanten oder im stationären Bereich. Besteht für keine dieser
sechs Kategorien eine GAV-Pflicht, wird die höchste Punktzahl von 1
erreicht. Besteht für eine Kategorie, im ambulanten oder im stationären
Bereich, eine GAV-Pflicht, so werden jeweils 0,17 Punkte abgezogen.

03 _ Kosten der Alterspflege71

3.6 _  Fazit und Subranking «Kosten»

Hauswirtschafts- und Mahlzeitendienste berücksichtigt. Einen Punkt

Kanton AI klar an der Spitze, Kanton GE abgeschlagen
Im Kostenranking schneidet der Kanton AI mit der Maximalpunktzahl
von 1,00 am besten ab

(vgl. Tabelle 9).

Er weist folglich in jedem Kriterium

den höchstmöglichen Wert auf. Mit einem Rückstand von 0,11 Punkten
liegt der Kanton BL auf Platz zwei. Er weist in allen Kriterien gute Werte auf. Abgeschlagen am Ende der Rangliste mit 0,15 Punkten liegt der
Kanton GE: Er hat nach dem Kanton AR die höchsten Pflegekosten pro
pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren gemäss der breiteren Pflege-

Tabelle 9

Die Reihung der Kantone gemäss dem Subranking «Kosten»
Die Detailbewertung der einzelnen Rankingkriterien findet sich im Anhang.
Punktzahl
Kosten nach
breiter Pflegedefinition

Kosten nach
enger Pflegedefinition

Grade-MixVorgaben

GAV-Pflicht

Total
(Mittelwert)

AI

1,00

1,00

1,00

1,00

1,00

BL

0,61

0,96

1,00

1,00

0,89

VS

0,81

0,80

0,67

1,00

0,82

NW

0,67

0,77

0,67

1,00

0,78

SG

0,59

0,83

0,67

1,00

0,77

OW

0,50

0,56

1,00

1,00

0,76

SO

0,76

0,86

0,33

1,00

0,74

AG

0,66

0,95

0,33

1,00

0,74

TI

0,77

0,69

0,33

1,00

0,70

TG

0,59

0,80

0,33

1,00

0,68

LU

0,31

0,38

1,00

1,00

0,67

JU

0,67

0,57

0,67

0,67

0,64

GL

0,58

0,89

0,00

1,00

0,62

SH

0,19

0,26

1,00

1,00

0,61

GR

0,48

0,63

0,33

1,00

0,61

SZ

0,37

0,63

0,33

1,00

0,58

UR

0,36

0,56

0,33

1,00

0,56

BS

0,37

0,54

0,33

1,00

0,56

BE

0,36

0,57

0,00

1,00

0,48

ZG

0,33

0,54

0,00

1,00

0,47

AR

0,00

0,19

0,67

1,00

0,46

VD

0,47

0,43

0,67

0,00

0,39

NE

0,13

0,09

0,67

0,67

0,39

FR

0,21

0,00

0,33

1,00

0,39

ZH

0,09

0,45

0,00

1,00

0,38

GE

0,06

0,04

0,00

0,50

0,15

FL

0,44

n.a.

1,00

1,00

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: eigene Berechnungen

72

Kantonsmonitoring 7  | 2016

definition und nach dem Kanton FR die höchsten Pflegekosten gemäss
der engeren Pflegedefinition. Er gehört auch zu den Kantonen mit den
höchsten Grade-Mix-Anforderungen und setzt die Einhaltung eines GAV
für die Auszahlung von Restfinanzierungsbeiträgen bei öffentlich-recht-

3.6 _  Fazit und Subranking «Kosten»

lichen Institutionen voraus.

03 _ Kosten der Alterspflege73

74

Kantonsmonitoring 7  | 2016

04

	 Finanzierung
	 der Alterspflege

	

4.1	_	 Die Troika der Pflegefinanzierung

			
			
			
			
	
		

	

4.2	_	 Ergänzungsleistungen für jeden zweiten Pflegeheimpensionär

	
		
			
			
	
		
			

	

Komplexer Finanzierungsmix zwischen Patient, Krankenkasse und Staat
Höchstens Fr. 21.60 pro Tag für die Patienten
Schweizweit einheitliche Beiträge der Krankenkassen
Variation um den Faktor fünf für die öffentliche Hand
Defizit an Pflegeeinnahmen von 390 Millionen Franken

«Heimbedingte Mehrkosten» von 1,75 Milliarden Franken
De-facto-Verdoppelung des Staatsbeitrags
Sehr unterschiedlicher Zugang zu den Ergänzungsleistungen
Begrenzte Taxen für EL-Bezüger in Heimen
Chancen im betreuten Wohnen

4.3	_	 Wer zahlt, befiehlt – wer befiehlt, zahlt

_  76
_  76
_  77
_  78
_  79
_  87

_  88
_  88
_  90
_  91
_  93
_  95

_  97

			 Optimierte Subsysteme, aber kein Gesamtoptimum
	
		 Mangelnde fiskalische Äquivalenz
			 Ungewollte Verzerrungen durch Ergänzungsleistungen

_  97
_  99
_  100

	

_  101

4.4	_	 Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

	
		
	
		
	
		
			

	

Förderung ambulanter Pflegeleistungen über Patientenbeteiligung
Zweischneidige Folgen der Subventionierung von Tagesstrukturen
Geldleistungen für pflegende Angehörige in der Schweiz
Grosszügiges Entgelt für Betreuungsarbeit in Liechtenstein

4.5	_	 Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

_  101
_  102
_  104
_  106

_  108

	
		 Intransparente Abgeltung der Versorgungspflicht im ambulanten Bereich
			 Eingeschränkter Wettbewerb durch Finanzierungsregeln
	
		 Gedeckeltes Angebot im nicht-pflegerischen Bereich

_  108
_  111
_  114

	

_  116

4.6	_	 Fazit und Subranking «Finanzierung»

			
			

Fünf Beurteilungskriterien der kantonalen Finanzierungsstruktur
Kanton NW an der Spitze, Kanton TI als Schlusslicht

_  116
_  118

[Untertitel]
75

	 4.1	_	Die Troika der Pflegefinanzierung
Komplexer Finanzierungsmix zwischen Patient,
Krankenkasse und Staat
Im vorigen Kapitel wurden die Kosten der Alterspflege und ihre Ursachen
detailliert untersucht. In diesem Kapitel geht es darum, wie diese Kosten
auf die Patienten, die Krankenkassen und die öffentliche Hand aufgeteilt
werden, also um die Frage der Finanzierung.
Die geteilte Fakturierung der gesamten Alterspflegekosten in der
Schweiz ist besonders komplex. Hauswirtschafts- und Mahlzeitendienste
im ambulanten Bereich sowie Betreuungs- und Hotellerieleistungen im
stationären Bereich werden grundsätzlich durch den Patienten finanziert.
Die Höhe der Taxen variiert je nach Kanton. Die Kosten der Alterspflege
im engeren Sinne werden sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich auf drei Träger verteilt: die Patienten, die Krankenkassen und die
öffentliche Hand. Die Kostenverteilung zwischen den drei Trägern ist vom
Kanton abhängig. Sollte ein Patient seinen Finanzierungsanteil ganz oder

Die Kosten der
Alterspflege werden
auf drei Träger verteilt:
die Patienten, die
Krankenkassen und
die öffentliche Hand.

teilweise nicht selber übernehmen können, springt der Staat mit Ergänzungsleistungen ein (vgl. Abbildung 13). Der Zugang zu den Ergänzungsleistungen sowie die Höhe der EL-Entschädigungen sind kantonal geregelt.
Die Finanzierung der Alterspflege im Fürstentum Liechtenstein ist
ähnlich wie in der Schweiz organisiert, somit lässt sich unser Nachbarstaat weitgehend mit den Kantonen vergleichen. Allerdings wird im FL
im stationären Bereich nicht zwischen Betreuung und Pflege im engeren Sinn unterschieden. Die Kosten für beides werden von den KranAbbildung 1

Komplexe	Finanzierung	der	Alterspfl	ege
Die Finanzierung der medizinischen Pflegekosten im engeren Sinne wird durch den Patienten,
die Krankenkassen und die öffentliche Hand sichergestellt. Kosten für Betreuung und Hauswirtschaftsdienste sowie Hotellerieleistungen werden hingegen allein durch die Patienten getragen.
Patienten mit bescheidenen Ressourcen werden zudem von den Ergänzungsleistungen unterstützt.
EL-Finanzierung ist rot markiert.

Patient
Ohne EL
Pfl	ege
- ambulant
- stationär

Krankenkasse

Öffentliche	Hand

Mit	EL

Max	Fr.	15.95	/	Tag
Max	Fr.	21.60	/	Tag

Betreuung	/
Hauswirtschaft
Hotellerie	/
Mahlzeiten
Quelle: eigene Darstellung

76

Kantonsmonitoring 7  | 2016

kenkassen bzw. vom Staat über einen Defizitbeitrag übernommen. Zudem besteht im ambulanten Bereich die Möglichkeit, Betreu­ungsdienste
zu Hause über eine besondere Form der Ergänzungsleistungen – das
Betreuungs- und Pflegegeld – zu finanzieren, das wir auf Seite 106ff, näher
vorstellen.

Höchstens Fr. 21.60 pro Tag für die Patienten
Die Kostenbeteiligung der Patienten für die Pflegeleistungen – man
spricht von der «Patientenbeteiligung» – wurde im Rahmen der neuen
kenversicherungen plafoniert. Somit ergeben sich maximale Patientenbeteiligungen von Fr. 15.95 pro Tag im ambulanten bzw. Fr. 21.60 pro
Tag im stationären Bereich. Zudem gehen noch die Jahresfranchise und
der Selbstbehalt der Krankenversicherung zulasten der Patienten. Diese
Beträge sind Maximalwerte. Bei geringer Pflegebedürftigkeit kommen
sie nicht voll zum Tragen. Auch nützen viele Kantone ihren Spielraum

Die maximalen
Patientenbeteiligungen
betragen Fr. 15.95
pro Tag im ambulanten
bzw. Fr. 21.60 pro Tag
im stationären Bereich.

nicht vollständig aus und definieren tiefere Maxima für ihre Bürger, besonders im ambulanten Bereich (vgl. Tabelle 32 im Anhang).
Betrachtet man die Gesamtpflegeeinnahmen in Pflegeheimen |27, betrug der Anteil der Patientenbeteiligungen 2014 im Schweizer Durchschnitt 16 % (BFS 2015b). Das sind ca. 16 Fr. Einnahmen pro Tag verglichen
mit den durchschnittlichen täglichen Kosten für Pflegeleistungen in
Höhe von 121 Fr. Allerdings berücksichtigen diese Werte allfällige Ergänzungsleistungen nicht. Der effektive Anteil der Einnahmen, der
durch Patienten erbracht wird, würde dadurch deutlich tiefer liegen.
Bei der Einführung der neuen Pflegefinanzierung war die Plafonierung
der Pflegekosten für die Patienten ein explizites Ziel. In Anbetracht
der erheblichen Kosten der Alterspflege wäre jedoch zu hinterfragen, ob
ein Beitrag von 16 Fr. pro Tag angemessen ist oder ob die Eigenverantwortung durch höhere Patientenbeteiligungen viel stärker gefordert werden müsste.
Am höchsten ist die Bedeutung der Patientenanteile, ohne Berücksichtigung allfälliger Ergänzungsleistungen, in den Kantonen BS mit 24 %
und SH mit 23 %

(vgl. Tabelle 10),

am tiefsten in den Kantonen GE (10 %),

TI (3 %) und VS (0 %). Im Kanton VS wurde bis 2014 keine Patienten­
beteiligung erhoben, die entsprechenden Kosten trug der Staat. Ab 2015
wurde eine vom Vermögen abhängige Patientenbeteiligung eingeführt.
Wer weniger als 100 000 Fr. Vermögen hat, bleibt allerdings nach wie vor
davon befreit (Art. 19 LSLD / VS). Die tiefen Werte für den Kanton TI
hingegen sind auf ein Artefakt der kantonalen Buchungssysteme zurückzuführen, denn die Beträge der Patientenbeteiligungen wurden als Teil

27	 Eine Aufteilung der Einnahmen für den ambulanten Bereich ist mit den Daten der
Spitex-Statistik nicht möglich.

04 _ Finanzierung der Alterspflege77

4.1 _  Die Troika der Pflegefinanzierung

Pflegefinanzierung geregelt und auf höchstens 20 % des Beitrags der Kran-

der Hotellerieeinnahmen verbucht. Eine Korrektur ist erst für die Statistik 2015 zu erwarten.

Schweizweit einheitliche Beiträge der Krankenkassen
Die Beiträge der Krankenversicherungen werden vom Bundesrat in der
Verordnung über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Art. 7a KLV) festgelegt und wurden zuletzt 2011 definiert. Im
ambulanten Bereich sind sie je nach Leistungsart festgelegt. Für MassTabelle 1

Patienten	tragen	nur	16	Prozent	der	Einnahmen	für	KVG-Pfl	egeleistungen	bei	
Je nach Gestaltung der Patientenbeteiligung tragen die Patienten zwischen 10 % und 24 % der Pflegeeinnahmen bei (ohne
Berücksichtigung allfälliger EL-Zahlungen). Die Beiträge der Patienten, der Krankenkasse und der öffentlichen Hand decken
allerdings nur 90 % der Pflegekosten.
Bemerkung: Die Daten für GE und TI sind aufgrund unterschiedlicher Erfassung in der SOMED-Statistik nicht vergleichbar.
Pflegeeinnahmen
Anteil
Patienten in %

Pflegekosten
Anteil Krankenkassen in %

Anteil
öffentliche
Hand in %

Total in
Mio. Fr.

Total in
Mio. Fr.

Deckungsbeitrag
der Einnahmen
in %

VS

0

50

50

130,9

126,1

104

TI

3

94

3

98,0

186,2

53

GE

10

90

0

113,1

239,5

47

FR

10

47

43

110,5

156,4

71

VD

11

61

28

285,2

307,3

93

SO

11

46

43

96,9

109,8

88

NE

16

53

31

109,7

119,8

92

ZG

16

41

43

46,0

48,8

94

LU

17

41

42

206,1

207,8

99

JU

17

62

21

31,8

34,7

92

ZH

17

40

43

627,2

723,6

87

BE

17

52

31

510,5

524,6

97

NW

18

42

40

16,4

17,0

97

UR

18

42

39

21,7

20,5

106

OW

19

39

42

16,5

17,6

94

AG

20

54

27

186,9

213,7

87

GR

20

51

30

84,6

98,9

86

SG

20

48

32

182,3

206,7

88

AI

20

48

32

5,0

5,7

88

SZ

20

43

37

60,5

64,5

94

AR

21

52

28

29,8

38,2

78

BL

21

49

31

96,0

119,0

81

TG

21

46

32

92,1

98,2

94

GL

22

50

28

17,6

18,6

95

SH

23

48

29

41,2

58,3

71

BS

24

44

32

111,9

127,7

88

CH

16

51

33

	3	328,4

	3	889,2

86

CH	 ohne	 GE,	 TI	 	 	 	 	 	 	 16

48

35

	3	117,2

	3	463,5	

90

Quelle: BFS 2015b, eigene Rechnungen

78

Kantonsmonitoring 7  | 2016

nahmen der «Abklärung, Beratung und Koordination» betragen sie
Fr. 79.80, für Massnahmen der «Untersuchung und der Behandlung»
Fr. 65.40 und für Massnahmen der «Grundpflege» Fr. 54.60 pro Stunde
(Art. 7a KLV). Dabei werden nur die effektiven Pflegestunden am Patienten verrechnet, die Reisewege sind implizit in diesen Pauschalen enthalten. Im stationären Bereich sind die Vergütungen in Abhängigkeit der
Pflegestufe (zwölf Stufen à 20 Pflegeminuten pro Tag) jedoch unabhängig von der Pflegeleistung definiert. Pro Pflegestufe wird ein täglicher
Satz von 9 Fr. vergütet. Infolgedessen beträgt die maximale Vergütung
der Krankenversicherer in Pflegeheimen 108 Fr. pro Tag.
Interessanterweise sind die Pauschalsätze der Krankenkassen für die

ganze Schweiz einheitlich definiert. Dies, obwohl die Krankenkassenprä- Die Pauschalsätze der

2014 lag die tiefste Durchschnittsprämie (Kanton AI) 26 % unter dem
Schweizer Durchschnitt, während die höchsten Prämien (Kanton GE)
33 % über diesem Wert lagen (BAG 2015c). In der Alterspflege wird der Beitrag der Krankenversicherung dementsprechend in Kantonen mit geringen bzw. hohen Pflegekosten über- bzw. unterproportional ausfallen. Die
Differenzen müssen entweder durch die Patienten oder durch die öffentliche Hand aufgefangen werden.

für die ganze Schweiz
einheitlich definiert.
Dies, obwohl die
Krankenkassenprämien
sehr wohl nach Kanton
und Prämienregionen
differenziert sind.

Zudem sind keine Mechanismen für die kontinuierlichen Anpassungen der Krankenkassenbeiträge nach Art. 7a KLV vorgesehen, im Gegensatz zur Festlegung der Krankenkassenprämien. Die Höhe der Beiträge
und ihre Anpassung liegen in der Kompetenz des Bundesrats. Seit 2011
sind die Werte konstant geblieben, während die Pflegekosten in diesem
Zeitraum kontinuierlich gestiegen sind. Mit anderen Worten, der Finanzierungsanteil der Krankenversicherungen nimmt laufend ab. Da die
Höhe der Patientenbeteiligung plafoniert ist, nimmt ceteris paribus die
finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand stets zu.
Betrachtet man die Gesamtpflegeeinnahmen in Pflegeheimen, betrug
der Anteil der Krankenkassen 2014 im Schweizer Durchschnitt 51 %
(BFS 2015b).

Das sind ca. 53 Franken pro Tag. Der tiefste Anteil wird in

den Kantonen OW (39 %) und ZH (40 %) erreicht, die höchsten Werte
weisen die Kantone VD (61 %) und JU (62 %) aus. Die Kantone VS,
GE und TI werden hier wegen fehlender Vergleichbarkeit bewusst
ausgeklammert.

Variation um den Faktor fünf für die öffentliche Hand
Gemäss Art. 25a KVG muss die öffentliche Hand die Kosten der
Alterspflege nach Abzug der Patientenbeteiligung und der Beiträge
der Krankenkassen tragen. Man nennt den Staatsbeitrag die «Restfinanzierung». Die Regelung der Restfinanzierung liegt in der Kompetenz
der Kantone.
Im ambulanten Bereich ist die Vielfalt der Regelungen am grössten.
Es gibt nicht nur 26, sondern 50 kantonale Regelungen (vgl. Tabelle 17, S. 112).

04 _ Finanzierung der Alterspflege79

4.1 _  Die Troika der Pflegefinanzierung

mien sehr wohl nach Kanton und Prämienregionen differenziert sind. Krankenkassen sind

Dabei werden die Regelungen, die von Gemeinden definiert werden  –  dort,
wo diese Kompetenz von den Kantonen delegiert wird –, als nur eine Regel gezählt. In vielen Kantonen bestehen unterschiedliche Restfinanzierungsformen, die von Merkmalen der Leistungserbringer abhängig sind.
Auf diese intrakantonalen Unterschiede kommen wir auf Seite 111ff zurück.
Die allermeisten Kantone definieren Restfinanzierungsbeiträge pro
Stunde Pflege und in Abhängigkeit der Pflegeleistungsarten. Dabei
gelten die gleichen Leistungsarten wie für die Beiträge der Krankenkassen. In den Kantonen GR und OW wird die Restfinanzierung für
selbständige Pflegefachpersonen allerdings lediglich auf Basis der geleisteten Pflegestunden geregelt, unabhängig von der Pflegeleistungsart. Im
Kanton BE steigen die Restfinanzierungsbeiträge ab der zweiten
Pflegestunde. Die Entschädigung der Leistungserbringer bleibt somit
konstant, auch nachdem die maximale Patientenbeteiligung nach einer
Pflegestunde erreicht ist. Im Kanton BS, und ab 2016 im Kanton BL, sinken die Beiträge ab der zweiten Pflegestunde. Die höheren Beiträge für
die erste Stunde sollen die überproportionale Bedeutung der Anreisekosten bei kurzen Einsätzen, die nicht separat verrechnet werden dürfen,
besser abgelten. |28
Die Restfinanzierungsbeiträge variieren zwischen den Kantonen beträchtlich und betrugen 2015 zwischen Fr. 0.00 und Fr. 56.75 pro Stunde
(vgl. Tabelle 11 sowie Tabelle 17 auf S. 112).

Die tiefsten Werte – also keine Entschädi-

gung – gelten meistens für selbständige Fachpersonen. In den Kantonen
BE und SO gelten sie aber für alle Leistungserbringer (allerdings ohne
Abgeltung allfälliger Versorgungspflicht). Erwartungsgemäss werden tendenziell höhere Beiträge in Kantonen gewährt, die eine tiefe oder keine
Patientenbeteiligung kennen (zum Beispiel in den Kantonen TI, VD und
VS). Ist der Beitrag der Krankenkassen fix und derjenige der Patienten
tiefer, steigt der Restfinanzierungsbedarf. Die höchsten Beiträge werden
im Kanton TI für gemeinnützige Spitex-Organisationen ausbezahlt. Die
zweithöchsten Beiträge gelten im Kanton ZH für Leistungserbringer mit
kommunalem Auftrag. Allerdings ist in diesem Kanton zu beachten, dass
die Gemeinden für den Abschluss von Leistungsaufträgen verantwortlich sind. Die kantonalen Restfinanzierungsbeiträge kommen nur zur
Anwendung, falls die Gemeinden mit den Leistungserbringern keine
anderweitige Vereinbarung treffen (können). Im Kanton AI ist die Restfinanzierung von Fr. 50.20 für die Leistungsart «Untersuchung und
Behandlung» im interkantonalen Vergleich hoch.
Im stationären Bereich sind die kantonalen Restfinanzierungsregeln
ebenfalls unterschiedlich (vgl. Tabelle 12). Grundsätzlich sehen alle Kantone

Grundsätzlich sehen
alle Kantone Rest­
finanzierungsbeiträge
für Pflegeheime
in Abhängigkeit von
den zwölf Pflegestufen
à 20 Minuten vor.

Restfinanzierungsbeiträge in Abhängigkeit von den zwölf Pflegestufen
à 20 Minuten gemäss Art. 7a KLV vor. Drei Kantone, AG, NE und SZ,

28	 Im Kanton SO dürfen die Spitex-Organisationen Wegkosten verrechnen (ASO 2015)

80

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Kurz und bündig:

Neue Massstäbe für die Alterspflege

Kantonsmonitoring 7

schweizerisches Einsparungspotenzial von mindestens 1,9 Mrd. Fr. pro Jahr.

07 _  Die Pflegekostenunterschiede pro Einwohner unter den Kantonen ergeben ein gesamt­

in Tagesstrukturen oder in betreuten Wohnungen gepflegt werden, schwerpflegebedürftige,
häufig demente Patienten im Heim.

06 _  Es braucht eine Strategie des «Ambulant mit stationär». Leichtpflegebedürftige sollten daheim,

nach Leistungen in Pflegeheimen, sondern können auch eine neue Nachfrage im ambulanten
Bereich wecken.

05 _  Neue Stellen im Spitex-Bereich führen nicht nur zu einer Substitution der Nachfrage

ambulanten Setting bereits ab 60 Minuten Tagespflege (inkl. Kost und Logis) die Kosten in einem
Pflegeheim (inkl. Hotellerie).

04 _  «Ambulant vor stationär» greift zu kurz: Je nach Situation übersteigen die Kosten in einem

03 _  Die Organisation der Alterspflege muss über die ganze Versorgungskette optimiert werden.

Schweiz bis 2035 um 70 % zunehmen, je nach Kanton bis 169 %. Die Ausgaben für die Alters­
pflege werden sich 2045 gegenüber 2013 mehr als verdoppelt haben und 3,4 % vom BIP betragen.

02 _  Im Verhältnis zur aktiven Bevölkerung wird der Anteil der 80-Jährigen und Älteren in der

finanzieller Hinsicht vor grosse Herausforderungen.

01 _  Die demografische Entwicklung stellt die Sicherstellung der Alterspflege in personeller und

Finanzierung der Alterspflege vor. Die angesparten Mittel wären für Pflege oder Betreuung –
zu Hause oder im Heim – einsetzbar. Nicht verwendete Ersparnisse werden im Todesfall vererbt.

14_   In der langen Frist schlägt Avenir Suisse ein obligatorisches individuelles Pflegekapital für die

für solche Wohnungen nicht mit EL finanziert wird. Flexiblere Finanzierungsregeln würden inter­mediäre Strukturen fördern und staatliche Ausgaben reduzieren.

13_   Betreutes Wohnen bleibt Bezügern von Ergänzungsleistungen (EL) verwehrt, weil die Miete

unabhängig von wirtschaftlichen Überlegungen zu behandeln – separat und transparent abgegolten
werden. Am besten werden dafür Leistungsaufträge ausgeschrieben.

12_   Im ambulanten Bereich sollte die Versorgungspflicht – die Pflicht, jeden Pflegebedürftigen

Leistungen orientieren und sich nicht nach der Kostenstruktur der Leistungserbringer richten.
Kostenbasierte Regelungen eliminieren Sparanreize und festigen ineffiziente Strukturen.

11_   Die Finanzierungsbeiträge der öffentlichen Hand sollen sich allein an den erbrachten

stationär» rufen nach neuen, flexiblen Finanzierungsregeln.

10_   Die Realisierung des Sparpotenzials und die Umsetzung der Strategie «Ambulant mit

die Rekrutierung. In der Praxis orientieren sich die Leistungserbringer an den Bedürfnissen
des Betriebs.

09 _  Vorgaben zum Bildungsniveau des Pflegepersonals sind überflüssig und erschweren

von den lokalen Marktverhältnissen ab, sondern von der Verhandlungsstärke der Sozialpartner.

08 _  Drei Viertel der Pflegekosten sind Personalausgaben. Das Lohnniveau hängt jedoch kaum

Dies verpflichtet zu klaren – auch unbequemen – Positionsbezügen.

­deren Bekanntmachung bei. ­Avenir Suisse ist nicht neutral. Die Werthaltung ist konsequent liberal und marktwirtschaftlich.

­Besonders hohe Bedeutung misst er der ­möglichst verständlichen und praxisnahen Aufbereitung der Studienergebnisse sowie

Fachleuten aus dem In- und Ausland längere und kürzere Analysen, er organisiert aber auch Tagungen und Foren aller Art.

von Problemen beitragen. Zu diesem Zweck erarbeitet der Think-Tank selbst oder in Zusammenarbeit mit wissen­schaftlichen

Avenir Suisse will frühzeitig reformpolitischen Handlungsbedarf erkennen und mit Denkanstössen und Vorschlägen zur ­Lösung

unterstützt. Er befasst sich mit der Z
­ ukunft des Standorts Schweiz und entscheidet völlig ­unabhängig über Themen und Pro­jekte.

allen Regionen der Schweiz, und zwar von Firmen unterschiedlichster Grössen aus allen Branchen, aber auch von Privatpersonen

Der 1999 von 14 internationalen Firmen ins Leben gerufene Think-Tank Avenir Suisse wird heute von über 130 Förderern aus

Tabelle 11

Hartes	Brot	für	selbständige	Pfl	egefachpersonen
Die Restfinanzierung durch die öffentliche Hand für die ambulante Pflege verdient ihren
Namen nicht in manchen Kantonen. Sie kann nämlich null Franken betragen. Dieser Nulltarif gilt vor allem für selbständige Pflegefachpersonen. Die hier nach Leistungsart dargestellten Beiträge gelten für die erste Stunde Pflege, nach Abzug der Patientenbeteiligung.
Restfinanzierung im ambulanten Bereich in Fr. (2015)
Abklärung, Beratung,
Koordination

Untersuchung,
Behandlung

Grundpflege

Min.

0.00

0.00

0.00

Max.

53.50

56.75

54.75

Mittelwert

14.16

16.51

15.30

Quelle: eigene Recherchen

sehen zudem erhöhte Beiträge vor für Patienten, die mehr als 220 Minu4.1 _  Die Troika der Pflegefinanzierung

ten Pflege pro Tag (Pflegestufe 12 «plus») beanspruchen. Diese Kantone
erachten die Restfinanzierung als Abgeltung für ungedeckte Kosten pro
Pflegeminute: Die Abgeltung durch die öffentliche Hand soll somit proportional zum Pflegeaufwand steigen. Eine Plafonierung ist aus Sicht
dieser Kantone nicht sinnvoll. Im Kanton JU trat 2016 eine ähnliche Regelung in Kraft. Analog hat der Kanton NW mit einem Heim eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen, die den Pflegebedarf über 240 Minuten pro Tag nach dem effektiven Zeitaufwand entschädigt (69 Fr. pro
Stunde 2015). Im Kanton FR wurde ab 2015 die Patientenbeteiligung in
Abhängigkeit des steuerbaren Vermögens des Patienten in vier Katego­
rien abgestuft. Daraus resultieren auch vier unterschiedliche Beiträge
der öffentlichen Hand, die allfällige Ausfälle der Patientenbeteiligung
berücksichtigen.
Neben diesen prinzipiellen Differenzen sind auch die unterschiedlichen Frankenbeträge pro Pflegestufe interessant, weil sie sowohl eine
Analyse der Kostenstrukturen sowie der politischen Entscheide ermöglichen. In Kantonen mit niedrigeren Kosten pro Pflegeminute reichen
bei tiefen Pflegestufen die Patientenbeteiligung und die Beiträge der
Krankenkassen aus. Die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand
erübrigt sich und beträgt null. In den Kantonen AR, SO und SZ ist es
zum Beispiel bis auf Pflegestufe 3, im Kanton JU sogar bis auf Pflegestufe 4 der Fall. In den Kantonen, die im stationären Bereich nicht die volle
Patientenbeteiligung nach Art. 25 KVG ausschöpfen, muss sich der Staat
hingegen früher an den Pflegekosten beteiligen, weil der Beitrag der Pa-

In Kantonen mit
niedrigeren Kosten
pro Pflegeminute
reichen bei tiefen
Pflegestufen die
Patientenbeteiligung
und die Beiträge der
Krankenkassen aus.

tienten geringer ausfällt. Auch steigen die Restfinanzierungsbeiträge in
manchen Kantonen (zum Beispiel in den Kantonen TI und TG) nicht
exakt linear mit dem Pflegeaufwand. Dies ist darauf zurückzuführen,
dass die Restfinanzierungsbeiträge aufgrund von Normkosten pro Pflegestufe ermittelt werden, während andere Kantone die Restfinanzierung

04 _ Finanzierung der Alterspflege85

Tabelle 1

Maximale	Restfi	nanzierung	in	Pfl	egeheimen	zwischen	46	und	295	Franken	pro	Tag
Die Restfinanzierung pro Pflegestufe durch die öffentliche Hand, nach Abzug der Patientenbeteiligung im stationären Bereich, spiegelt wohl die
unterschiedlichen Kostenniveaus der Alterspflege in den Kantonen. Sie spiegelt aber genauso politische Entscheide, zum Beispiel in Bezug auf die
maximale Patientenbeteiligung. Wird sie gesenkt, steigt der Finanzierungsanteil des Staates.
Restfinanzierung in Alters- und Pflegeheimen nach Pflegestufe (2015) in Fr.
1

2

AG

0.00

0.00

7

8

9

10

1.70 12.80 23.90 35.00 46.10

3

4

5

6

57.20

68.30

79.40

ZH

0.00

1.95 20.15 38.40	 56.65 74.85	 93.10	 111.35	 129.55 147.80	 166.05 184.25

TI

5.40	 19.05 20.85 33.90	 50.05 56.60 69.35	 72.00

89.75

11

12

90.50 294.50

87.45	 101.75 177.80

Kommentare
Pfl	egestufe	12:	vom	effektiven	Zeitaufwand	
abhängig,	RAI	(Fr.	101.60	-	294.50)	/	BESA	
(Fr.	101.60	-	oben	nach	Aufwand)
Kantonale	Normdefi	zite;	Gemeinden	können	in	
Leistungsvereinbarungen	davon	abweichen
Durchschnittswerte,	effektive	Werte	sind	leistungserbringerspezifi	sch

TG

0.00

0.00

3.40	 16.90 37.00	 46.80	 60.40	 65.30	 83.50	 82.30	 97.90 164.10

NE

0.80

3.60	

6.00 10.90 21.50 32.10	 42.70	 53.30	 63.80	 74.40	 85.00 154.30

APH,	die	sich	dem	GAV	Santé	21	verpfl	ichten;	
Pfl	egestufe	12:	vom	effektiven	Zeitaufwand	
abhängig	(Fr.	95.60	-	154.30)

0.00

0.00

0.00

0.00

0.40	

6.20 12.10

18.00

23.90	 29.80

35.60	 86.20

APH,	die	sich	dem	GAV	ANIPPA	oder	ANEDEP	
verpfl	ichten;	Pfl	egestufe	12:	vom	effektiven	Zeitaufwand	abhängig	(Fr.	41.50	-	86.20)

0.00

0.00

0.00

0.00

0.00

1.90

11.80

16.80

21.80

APH	ohne	GAV;	Pfl	egestufe	12:	vom	effektiven	
Zeitaufwand	abhängig	(Fr.	31.90		-	73.80)

6.80

21.80

73.80

ZG

3.30	 19.75 36.25	 52.70 50.15 66.65 83.10	 87.60 104.05	 120.55 137.00	 153.45

UR

0.00

1.00 12.45	 26.90 41.15	 56.45	 69.85

84.65	 99.50 113.80	 129.10 143.10

Durchschnittswerte,	effektive	Werte	sind	leistungserbringerspezifi	sch

SZ

0.00

0.00

80.80

Durchschnittswerte,	effektive	Werte	sind	leistungserbringerspezifi	sch;	ab	BESA	12:	zusätzlich	nach	
Pfl	egeaufwand	gemäss	ärztlicher	Verordnung

NW

0.00

0.00 10.40	 24.40	 38.40	 52.40	 66.40	 80.40	 94.40	 108.40	 122.40	 136.40

0.00 10.30	 24.40	 38.50	 52.60

94.90	 109.00 123.10	 137.20

GR

0.00

0.00

7.40	 20.80 34.20	 47.60	 61.00

SG

0.00

0.00

7.40	 20.40	 33.40	 46.40	 59.40	 72.40	 85.40	 98.40	 111.40	 124.40

SH

0.00

0.00

6.40	 19.40	 32.40	 45.40	 58.40	 71.40	 84.40	 97.40	 110.40	 123.40

VS

4.50	 10.00 20.00 29.00 39.50	 48.00	 58.50

74.40	 87.80 101.20 114.60	 128.00

68.50

90.50

99.50 122.50

Falls	Patientenvermögen	unter	100	000	Fr.

4.60	 14.60	 23.60	 34.10	 42.60	 53.10	 63.10	 74.60	 85.10

94.10	 117.10

Falls	Patientenvermögen	zw.	100	000	und	199	999	Fr.

0.00

0.00

9.20 18.20 28.70 37.20 47.70

79.70

88.70 111.70

Falls	Patientenvermögen	zw.	200	000	und	499	999	Fr.

0.00

0.00

0.00

7.40	 17.90 26.40	 36.90	 46.90	 58.40	 68.90

77.90 100.90

Falls	Patientenvermögen	grösser	oder	gleich	
500 000 Fr.

57.70

80.00

Abweichende	Regelungen	bei	einem	Teil	der	kommunalen	Heime	(Defi	zitdeckung)	und	im	kant.	Pfl	egezentrum	(höhere	Beiträge	für	spezialisierte	Pfl	ege)

0.00

69.20

AI

0.00

0.00

5.40	 18.00 30.60 43.20 55.80

68.40

81.00

93.60 106.20 118.80

AR

0.00

0.00

0.00

61.05

73.50

86.95 100.35 112.80

6.10 20.75 34.15 47.65

BS

0.00

0.00

3.80	 15.90 27.90 39.80	 51.90

63.80	 75.90

87.90

99.80 111.90

BE

0.00

0.00

3.70	 15.60 27.50 39.40	 51.30	 63.25	 75.15

87.05

98.95 110.90

SO

0.00

0.00

0.00 14.70	 27.80 39.00	 50.80

73.70	 82.80

95.00 108.00

BL

0.00

0.00

2.35	 13.70	 25.05 36.45	 47.80	 59.20

70.55

81.90

93.30	 104.65

FR

7.00 16.45	 23.40	 30.40	 37.30	 44.25	 51.30	 60.80

67.80

74.70	 81.65

VD

2.05

6.30	 10.50 14.75	 18.95 23.20	 27.40	 31.65	 35.85	 40.10	 44.30	 48.55

JU

0.00

0.00

GE

0.00

0.00

2.25

61.00

8.55 14.90	 21.20

27.50

98.90

33.80	 40.10	 46.40

Durchschnittswerte,	effektive	Werte	sind	leistungserbringerspezifi	sch
Ab	2016	werden	für	die	Pfl	egestufe	12	neue	Abstufungen	eingeführt	von	Fr.		46.40	bis	71.60	(300	min+)

leistungserbringerspezifi	sch

GL, LU, OW
FL

Zudem	gibt	es	eine	Leistungsvereinbarung	mit	
einem	Heim	für	Patienten	mit	über	240	Minuten	
Pfl	ege	pro	Tag	(nach	Zeitaufwand:	Fr.	69.-	/	Std.)

gemeindespezifi	sch
0	-	100	min:	Fr. 0.00;	101	-	180	min:	Fr. 16.00;	181	-	240	min:	Fr. 33.00;	240	min+:	Fr. 48.00

Nach TF 96

Quelle: eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015

86

Kantonsmonitoring 7  | 2016

aufgrund von durchschnittlichen Pflegekosten über alle Pflegestufen hinweg benutzen. |29
Betrachtet man die Restfinanzierung bei hohen statt tiefen Pflegestufen, verliert der Einfluss der Patientenbeteiligung an Bedeutung. Bei der
Handhabung schwerpflegebedürftiger Patienten lassen sich die Kantone
in drei Gruppen einteilen. In einer ersten Gruppe fallen die Kantone JU
und VD sowie das FL durch besonders tiefe Restfinanzierungsbeiträge
auf. Bei der Pflegestufe 11 (dort spielen die Effekte des unterschiedlichen
Umgangs mit Patienten mit mehr als 220 Pflegeminuten pro Tag keine
Rolle, was den Quervergleich vereinfacht) liegen sie etwa 45 % tiefer als
der Schweizer Durchschnitt. Im FL ist dieser tiefe Wert umso bemerkenswerter, als die stationären Pflegetarife, im Gegensatz zur Schweiz, auch
teilweise Betreuungskosten decken sollten. Allerdings profitieren die Pflegeheime im FL von einer staatlichen Defizitgarantie. In einer zweiten
Gruppe sind die Kantone ZH, ZG, UR, SZ und NW zu finden. Die Rest4.1 _  Die Troika der Pflegefinanzierung

finanzierungbeiträge liegen dort deutlich über den Werten anderer Kantone. Nimmt man zum Vergleich die Beiträge der Pflegestufe 11, liegen
die Werte im Kanton ZH 74 % und im Kanton ZG 44 % über dem Schweizer Durchschnitt. Im Kanton ZH liegen sie auch 40 % höher als im Kanton mit dem dritthöchsten Beitrag bei dieser Pflegestufe (UR). Eine dritte
Gruppe sind die übrigen Kantone, die relativ kompakt in einer Band­breite
von ca. ± 20 % Abweichung vom Schweizer Durchschnitt liegen.

Defizit an Pflegeeinnahmen von 390 Millionen Franken
Welche Bilanz kann nach der Analyse der drei Finanzierer der Alters­
pflege, nämlich Patienten, Krankenkassen und öffentliche Hand, gezogen werden? Setzt man die Summe aller Pflegeeinnahmen von 3,33 Mrd.
Fr. im Jahre 2014 in ein Verhältnis zur Summe aller Pflegekosten von
3,83 Mrd. Fr. (BFS 2015b), ergibt sich ein Deckungsbeitrag der Pflegekosten
durch die Pflegeeinnahmen von schweizweit 86 %

(vgl. Tabelle 10, S. 78).

Die

SOMED-Statistik bildet die Pflegeeinnahmen der Kantone TI und GE
jedoch unvollständig ab. |30 Ohne diese zwei Kantone ergab sich 2014 im
Mittelwert ein Deckungsbeitrag von 90 %. Auf die gesamten Pflegeausgaben hochgerechnet, resultierte ein Fehlbetrag von ca. 390 Mio. Fr. für
das Jahr 2014. Diese fehlenden Einnahmen müssen entweder durch Subventionen der öffentlichen Hand, den Abbau von Vermögensreserven der
einzelnen Pflegeheime oder eine Quersubventionierung der Pflegeleis-

Die fehlenden Einnahmen müssen entweder
durch Subventionen
der öffentlichen Hand,
den Abbau von Reserven
der Pflegeheime oder
durch Einnahmen für
Betreuung und Hotellerie aufgefangen werden.

tungen durch Einnahmen für Betreuung und Hotellerie aufgefangen

29	 Manche Kantone wie TI, BL, GR und SO gewähren nebst Subjektfinanzierungen in
Abhängigkeit der Pflegestufe des Patienten auch Objektfinanzierungen, zum Beispiel
als festen Beitrag pro neugebautes Pflegebett. Allerdings schlagen sich solche
Subventionen in den Pflegekosten nur marginal nieder, weil Immobilienkosten grossmehrheitlich unter Hotellerie und Betreuung verbucht werden.
30	 Im Kanton GE und TI werden in der SOMED-Statistik die Beiträge der öffentlichen
Hand für die Pflege zusammen mit Beiträgen für Hotellerieleistungen verbucht.

04 _ Finanzierung der Alterspflege87

werden. Eine solche Quersubventionierung wäre gesetzwidrig. Doch gemäss einer Analyse des BFS (2015j) erwirtschafteten 661 der 1060 Heime,
die 2013 die Pflegekosten nicht durch Pflegetaxen decken konnten, einen
Einnahmenüberschuss bei den Betreuungs- und Hotellerieleistungen.
Gemäss BFS liegt es nahe, dass die Pensionstaxen zur teilweisen Deckung
der Pflegekosten herangezogen werden.
Die kantonalen Unterschiede der Deckungsbeiträge sind beträchtlich.
Die grössten Fehlbeträge können bis zu 30 % der Pflegeausgaben ausmachen. Die Deckungsbeiträge betrugen 2014 71 % in den Kantonen FR
und SH, 78 % im Kanton AR und 81 % im Kanton BL. In diesen Kantonen wird die gesetzlich maximale Patientenbeteiligung erhoben und die
Restfinanzierungsbeiträge sind im Schweizer Vergleich überdurchschnittlich. Die Erklärung für die Fehlbeträge ist deshalb eher bei den Kosten­
strukturen der Alters- und Pflegeheime zu suchen. Kantone mit Einnahmenüberschuss im Pflegebereich gibt es hingegen nur zwei, UR und VS.
Allerdings betragen ihre Überschüsse lediglich 6 % (UR) bzw. 4 % (VS)
der Pflegekosten.

	 4.2	_	Ergänzungsleistungen für jeden zweiten
	 Pflegeheimpensionär
«Heimbedingte Mehrkosten» von 1,75 Milliarden Franken
Die bisherigen Analysen der Pflegeheimeinnahmen nach der SOMED-Statistik basieren auf einer «Heimperspektive». Das heisst, sie bilden die Einnahmen ab, wie die Heime sie den Patienten, Krankenkassen und der
öffentlichen Hand in Rechnung stellen. Doch viele Patienten können
sich die Pflegekosten im engeren Sinn und vor allem die Betreuungs- und
Hotelleriekosten in einem Pflegeheim nicht leisten. In diesen Fällen sind
sie auf Ergänzungsleistungen angewiesen.
Die Ergänzungsleistungen (EL) sind das Auffangnetz der Sozialversicherungen. Sie werden IV- oder AHV-Rentnern bezahlt, wenn ihre anrechenbaren Ausgaben (z.B. Miete, Krankenkassenprämien, minimaler
Lebensbedarf) ihre anrechenbaren Einnahmen (z.B. Renten aus der 1., 2.
und 3. Säule, Vermögensverzehr usw.) überschreiten. Lebt ein EL-Rentner in einem Heim, wird in einer Ausscheidungsrechnung ermittelt, wel-

Der Anteil EL-Bezüger
bei den Pflegeheim­
tenzsicherung) ergeben hätte und welcher Anteil heimspezifisch ist. Die bewohnern variiert
Finanzierung der Existenzsicherung (die EL-Ausgaben «zu Hause») wird zwischen 33% (AR) und
zu fünf Achteln vom Bund sichergestellt. Die restlichen Ausgaben, inklu- 74% (JU).
cher Anteil seiner EL-Ausgaben sich bei einem Aufenthalt zu Hause (Exis-

siv heimbedingter EL-Mehrkosten, müssen die Kantone vollumfänglich

finanzieren (BSV 2015d).
Im Dezember 2014 bezogen 52 % der Pflegeheimbewohner heimbedingte Ergänzungsleistungen, wobei auch hier die kantonalen Unterschiede beträchtlich sind

(vgl. Tabelle 13).

In manchen Kantonen liegt die

EL-Quote bei ca. einem Drittel der Pflegeheimbewohner (AR: 33 %, VS:

88

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 1

Jeder	zweite	Patient	im	Pfl	egeheim	bezieht	Ergänzungsleistungen

Anteil Patienten mit Gesamteinnahmen
heimbedingter EL Patienten (vor EL)
in %
in Mio. Fr.

Heimbedingte
EL-Ausgaben
(AV und HV)
in Mio. Fr.

Anteil heimbedingter
EL (AV und HV) an
Patienteneinnahmen
in %

AR

33

59,5

9,2

15

VS

35

	137,6	

20,1

15

SH

36

79,0

	13,7	

17

ZG

37

68,5

	14,0	

20

GL

41

	31,7	

5,9

19

TG

42

167,2

	34,6	

21

NW

42

25,1

	5,3	

21

TI

43

170,7

19,0

11

AG

45

	384,5	

	84,7	

22

ZH

45

1 229,7

	318,8	

26

AI

46

8,1

SZ

48

GR

51

VD
OW

2,0

25

	100,3	

	33,6	

33

	154,1	

	48,4	

31

53

	410,9	

157,0

38

54

	25,3	

6,9

27

SG

55

	337,6	

	103,8	

31

SO

56

162,5

	60,3	

37

UR

57

	30,5	

BE

59

927,1

BS

59

LU

60

NE

61

BL

63

FR

	7,4	

24

	309,9	

33

219,5

76,1

35

	296,3	

	83,7	

28

	143,9	

	37,0	

26

227,7

81,7

36

69

	180,3	

	56,3	

31

GE

70

	322,4	

	143,3	

44

JU

74

	46,9	

18,5

39

CH

52

	5	946,8	

	1	751,0	

29

Quelle: BSV 2015b, eigene Berechnungen

35 %, SH: 36 %), während sie in den Kantonen GE (70 %) und JU (74 %)
doppelt so hoch liegt. Volumenmässig betrugen die heimbedingten
EL-Mehrkosten 2014 für die Schweiz 1,75 Mrd. Fr. |31 oder 29 % aller Leistungen, die Pflegeheime den Patienten in Rechnung gestellt hatten. Den
geringsten Anteil haben die heimbedingten EL im Kanton TI (11 %), den
höchsten im Kanton GE (44 %). Eine Aufteilung dieser Kosten auf Pflege,
Betreuung oder Hotellerie ist nicht möglich.

31	 Heimbedingte Mehrkosten zu AV und HV, ohne IV.

04 _ Finanzierung der Alterspflege89

4.2 _  Ergänzungsleistungen für jeden
zweiten Pflegeheimpensionär

2014 wurden 1,8 Mrd. Fr. Ergänzungsleistungen für heimbedingte Mehrkosten ausgegeben.
Das entspricht knapp 30 % der Heimeinnahmen, die Patienten in Rechnung gestellt werden.

De-facto-Verdoppelung des Staatsbeitrags
Die finanzielle Entlastung der Heimpatienten durch die heimbedingten
Ergänzungsleistungen bedeutet zugleich eine signifikante Zusatzbelastung für die öffentliche Hand. 2014 beteiligte sich Letztere mit 1,52 Mrd.
Fr. an den stationären Pflegekosten, primär mittels Restfinanzierungsbeiträgen der Pflege im engeren Sinne (Art. 7 KLV). Zählt man die 1,75 Mrd. Fr.

Tabelle 1

45	Prozent	der	gesamten	Heimeinnahmen	werden	effektiv	durch	die	Patienten	erbracht
Der hohe «Out-of-pocket»-Anteil der Pflegekosten wird im internationalen Vergleich oft auf über 60 % beziffert. Doch diese Zahl berücksichtigt die
Finanzierung via Ergänzungsleistungen nicht. Nach Abzug der Ergänzungsleistungen sinkt er um 19 Prozentpunkte. Bemerkung: Die Kantone sind nach
steigender Beteiligung der Patienten nach EL sortiert.
Einnahmen
ohne EL

Einnahmen
inkl. heimbedingter EL

Anteil
Anteil
Anteil Kranken- öffentliche
Patienten
kassen
Hand
in %
in %
in %

Anteil
Anteil
Patienten Krankennach EL
kassen
in %
in %

Differenz
PatientenAnteil
anteil
öffentliche
nach / vor
Hand
inkl. EL EL in Prozentpunkten
in %

Gesamte
Einnahmen
in Mio. Fr.

DeckungsGesamte
grad der
Kosten Einnahmen
in Mio. Fr.
in %

GE

59

19

22

33

19

49

-26

	549,9	

JU

60

26

13

37

26

37

-24

77,6

VD

60

26

15

37

26

37

-23

688,7

	675,4

102

TI

42

27

30

38

27

35

-5

	404,1	

	393,1	

103

SO

64

18

18

40

18

42

-24

	253,9	

261,0

97

FR

60

20

21

41

20

39

-19

	302,8	

	304,3	

99

NE

56

25

19

42

25

34

-14

255,5

258,9

99

VS

50

25

25

43

25

33

-7

	275,4	

	273,2	

101

BE

67

21

13

44

21

35

-22

	1	391,4	

	1	377,8	

101

SZ

67

18

15

45

18

37

-22

	149,9	

161,5

93

LU

62

19

18

45

19

36

-18

	474,8	

	470,2	

101

BS

70

16

14

46

16

38

-24

	311,6

	317,0	

98

GR

67

20

13

46

20

34

-21

228,8

	237,4	

96

UR

62

20

18

47

20

33

-15

	48,9	

	49,6	

99

OW

65

17

18

47

17

36

-18

BL

74

16

10

48

16

37

-27

SG

69

19

12

48

19

34

-21

ZH

67

16

17

49

16

35

-17

ZG

62

19

19

50

19

31

-13

AI

67

20

13

50

20

30

-17

NW

64

19

17

51

19

31

-14

SH

65

18

17

54

18

28

-11

TG

68

19

12

54

19

26

-14

AG

70

20

10

55

20

25

GL

69

20

11

56

20

24

AR

71

20

10

60

20

21

-11

CH

64

20

16

45

20

35

-19

	38,9	

	74,3	

101
104

	39,6	

98

	334,5	

92

	489,4	

500,0

98

	1	844,6	

1 910,1

97

121,0

91

12,1

12,1

100

	38,9	

	39,2	

99

	121,3	

129,1

94

	244,1	

	248,7	

98

-15

	549,8	

	564,9	

97

-13

	45,7	

	48,5	

94

	84,4	

89,1

95

	9	299,0	

	9	434,7

99

	306,7

109,9

Quelle: BFS 2105b, eigene Berechnungen

90

	544,3

Kantonsmonitoring 7  | 2016

heimbedingter Ergänzungsleistungen hinzu, verdoppelt sich der Beitrag,
den Kanton und Gemeinde für die stationäre Pflege geleistet haben. Im
Jahr 2014 trug der Staat insgesamt 3,27 Mrd. Fr. oder 35 % zu den Einnahmen der stationären Alterspflege bei (vgl. Tabelle 14).
Entsprechend reduziert sich der Anteil der Einnahmen, der durch die
Patienten effektiv geleistet wird. 2014 betrug im Schweizer Durchschnitt
der Anteil dieser «Out-of-pocket»-Ausgaben der Langzeitpflege 45 %. Er
bleibt im internationalen Vergleich hoch. Gemäss einer OECD-Studie
lag dieser Anteil 2007 lediglich in Portugal (45 %) und in Deutschland
(30 %) auch oberhalb von 30 % (Colombo et al. 2011). Er liegt aber deutlich unter den 60 %, also dem Wert ohne Berücksichtigung der Ergänzungsleistungen, der oft zitiert wird (zum Beispiel Colombo et al. 2011, Gasser et al. 2015).
Im interkantonalen Vergleich lag der «Out-of-pocket»-Einnahmenanteil
nach Ergänzungsleistungen 2014 in den Kantonen GE, JU, VD und TI unter 40 % bzw. über 55 % in den Kantonen AG, GL und AR (vgl. Tabelle 14). Der
Einfluss der Ergänzungsleistungen ist auch je nach Kanton sehr unterschiedlich. Er kann den Anteil der öffentlichen Hand um nur 5 Prozentpunkte
4.2 _  Ergänzungsleistungen für jeden
zweiten Pflegeheimpensionär

erhöhen (im Kanton TI), aber auch um bis ca. 25 Prozentpunkte steigen
lassen, zum Beispiel in den Kantonen BL, GE, BS, JU sowie SO. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Finanzierung der Alterspflege nur unter Berücksichtigung der Ergänzungsleistungen analysiert werden sollte.

Sehr unterschiedlicher Zugang zu den Ergänzungsleistungen
Wie kann die sehr unterschiedliche Bezugsquote der Ergänzungsleistungen in den Kantonen erklärt werden? Wie gross ist der Handlungsspielraum der Kantone, um diese Quoten zu beeinflussen? Die Anzahl Personen, die von Ergänzungsleistungen profitieren, hängt gewiss von der
Einkommens- und Vermögensverteilung der Bevölkerung in einem Kanton ab. Aber nicht nur. Das Bundesgesetz über die Ergänzungsleistungen
(ELG) macht Mindestvorgaben, ab wann ein Bürger Anrecht auf Ergänzungsleistungen hat. Die Kantone dürfen jedoch, und manche tun es
auch, den Zugang zu Ergänzungsleistungen erleichtern.
Die Berücksichtigung eines fiktiven Vermögensverzehrs für die Bestimmung der anrechenbaren Einnahmen ist eine erste Stellschraube für
die Kantone. Dafür werden nur Kapitalien oberhalb eines sogenannten
Vermögensfreibetrags angerechnet. Der Mindestfreibetrag beträgt gemäss Bundesgesetz 37 500 Fr. für alleinstehende Personen oder 60 000 Fr.
für Ehepaare (Art. 11 ELG). Zum Vergleich liegen die Freibeträge in der
Sozialhilfe deutlich tiefer und betragen 4000 Fr. für Einzelpersonen und

Die Berücksichtigung
eines fiktiven
Vermögensverzehrs ist
eine erste Stellschraube
für die Kantone,
den Zugang zu den
Ergänzungsleistungen
zu steuern.

8000 Fr. für Ehepaare (SKOS 2015). Bei den Ergänzungsleistungen werden
Wohneigentümer zudem besser gestellt als Mieter. Ist das Wohneigentum
von mindestens einer Person bewohnt, erhöht sich der Freibetrag auf
112 500 Franken. Wenn ein Ehepaar eine Liegenschaft besitzt, die von einem Ehegatten bewohnt wird, während der andere im Heim oder Spital
lebt, steigt der Freibetrag auf 300 000 Fr.

04 _ Finanzierung der Alterspflege91

Gemäss ELG darf der massgebende jährliche Vermögensverzehr für eine
Person mit AHV-Rente im Heim höchstens 20 % betragen (Art. 11 ELG).
Während die Mehrheit der Kantone diesen Spielraum voll ausnützt, wendet jeder fünfte Kanton einen tieferen Vermögensverzehr von 10 % pro
Jahr (AG, BL, GL, OW und TI) an. Zudem wenden drei Kantone zwar
einen Satz von 20 % für Einzelpersonen an, benutzen jedoch einen reduzierten Satz von 10 % für Ehepaare (BS, FR und JU). Im Kanton GR wird
der 20 %-Satz im ersten EL-Jahr angewendet und dann auf 10 % reduziert.
Auch im Fürstentum Liechtenstein wird ein Vermögensverzehr von 10 %
angerechnet. Allerdings sind dort die Vermögensfreibeträge anders definiert (AHV / IV / FAK Liechtenstein 2014a). Sie sind für Einzelpersonen
höher (30 000 Fr.), für Ehepaare hingegen tiefer (45 000 Fr.). Sonderbehandlungen für Wohneigentümer sind im Gegensatz zur Schweiz keine
vorgesehen.
Die Festlegung des «richtigen» Vermögensverzehrs bewegt sich in
einem Spannungsfeld. Einerseits bietet ein tieferer Vermögensverzehr
einen besseren Schutz des angesparten Kapitals und fördert damit die
private Altersvorsorge. Sparen wird eher belohnt, was auch der Finanzierung der Alterspflege dienen kann. Anderseits erleichtern tiefere Vermögensverzehrwerte den Zugang zu den Ergänzungsleistungen, weil weniger Einkommen aus dem Vermögen berücksichtigt wird. Ist der Zugang
zu den Ergänzungsleistungen erleichtert, folgt schneller eine Sozialisierung der Pflegekosten. Das angesparte, geschützte Vorsorgegeld wird
nicht mehr für die Pflege benutzt. Ist der Schwellenwert für die Ergänzungsleistungen einmal erreicht, verschwindet jeder Anreiz für einen
sparsamen Umgang mit Pflegeressourcen. In Anbetracht der hohen Freibeträge der Ergänzungsleistungen – im Vergleich zu den Freibeträgen
der Sozialhilfe oder zu den sehr hohen Freibeträgen für Wohneigentümer – scheint ein Vermögensverzehr von 20 % deshalb angebrachter.
Eine zweite Stellschraube, mit der der Zugang zu den Ergänzungsleistungen gelenkt werden kann, ist die Höhe der sogenannten persönlichen
Auslagen. Mit diesem Begriff werden Ausgaben wie Taschengeld, Kleider,
Toilettenartikel, Zeitungen, Steuern usw. zusammengefasst (BSV 2012). Die
Höhe dieses Betrags steht explizit in der Kompetenz der Kantone (Art. 10
Abs. 2 ELG). Damit können die Lebenshaltungskosten in den Kantonen

Der Zugang zu den
Ergänzungsleistungen
kann mit der Höhe
der sogenannten
persönlichen Auslagen
gelenkt werden.

berücksichtigt werden. Doch diese allein können die Unterschiede zwischen den Kantonen nicht erklären (vgl. Abbildung 14). Kantone mit hohen Lebenshaltungskosten wie GE und VD haben unterdurchschnittliche persönliche Auslagen. Umgekehrt ist der Kanton GL mit tiefen
Lebenshaltungskosten eher grosszügig. Die anerkannten persönlichen
Ausgaben variieren zwischen 190 Fr. (TI) und 536 Fr. (ZH, SG |32 und ZG)
pro Monat

(BSV 2015c).

Auf das Jahr hochgerechnet werden also, je nach

32	 Für Pflegestufe 1 bis 4.

92

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Abbildung 1

Die	Höhe	der	persönlichen	Auslagen	spiegelt	die	Lebenshaltungskosten	nicht
Bei der Bestimmung der anrechenbaren Kosten für die Gewährung von Ergänzungsleistungen werden kantonsspezifi sche
persönliche Auslagen für Taschengeld, Kleider, Toilettenartikel usw. berücksichtigt. Die kantonalen Ansätze sind jedoch kaum
durch das Niveau der Lebenshaltungskosten erklärbar, sondern primär politisch bestimmt.
Persönliche	Auslagen	in	Fr.

Lebenshaltungskosten	indexiert	(CH	=	100)

600

120

500

100

400

80

300

60

200

40

100

20

0

0
JU

TG

AI

AR

OW

NE

VD

GE

FR

UR

VS

LU

NW

BL

BE

AG

BS

SO

SZ

GR

Persönliche	Auslagen

GL

SH

ZH

SG

ZG

Lebenshaltungskosten

Quelle: BFS 2015i, BSV 2015a, BSV 2015c, Comparis 2015b, SKOS 2014, eigene Berechnungen

Kanton, Ausgaben von 2280 Fr. bis 6432 Fr. anerkannt, was einer Differenz von über 4000 Fr. entspricht.

Begrenzte Taxen für EL-Bezüger in Heimen
Das Volumen der Ergänzungsleistungen hängt nicht nur von der Anzahl
Bezüger  –  also von den oben beschriebenen Zugangsregeln  –  ab, sondern
ist auch eine Funktion der Höhe der Ergänzungsleistungen pro Fall.
Grundsätzlich sieht das ELG keine Obergrenzen der EL-Beträge vor. Die
Kantone können jedoch für Personen in Heimen maximale Tagestaxen
festlegen, die durch die EL finanziert werden (Art. 10 Abs. 2 ELG).
Zweiundzwanzig Kantone und das Fürstentum Liechtenstein haben
allgemeingültige maximale Heimtaxen für EL-Bezüger definiert (vgl. Tabelle 15). |33

In diesen Kantonen können EL-Bezüger ihr Pflegeheim frei wäh-

len, solange die Betreuungs- und Hotellerietaxen unter dem Maximalwert
liegen oder die Differenz anderweitig beglichen wird, zum Beispiel durch
finanzielle Unterstützung von Angehörigen. Die Kantone GE, NE und
VD definieren heimspezifische EL-Taxen.
Zehn Kantone (AI, AR, BE, BL, BS, GR, SH, SO, TG und ZG) differenzieren die maximalen Heimtaxen für EL-Bezüger nach der Pflege­stufe
des Patienten. Diese Abstufung berücksichtigt einerseits den mit steigender Pflegestufe zunehmenden Betreuungsbedarf. Anderseits soll die

33	 Ab 2016 gelten auch im Kanton BL heimspezifische Maximaltaxen für EL-Bezüger.

04 _ Finanzierung der Alterspflege93

4.2 _  Ergänzungsleistungen für jeden
zweiten Pflegeheimpensionär

TI

Tabelle 1

EL-Bezüger	in	Pfl	egeheimen	leben	am	besten	im	Kanton	AR
Die Kantone dürfen maximale Heimtaxen für Betreuung und Hotellerie für ihre EL-Bezüger festlegen. Die kantonalen Werte (auf
den Franken gerundet) variieren jedoch beträchtlich zwischen 84 und 330 Fr.
EL-Tarife 2015: Begrenzung der anrechenbaren Heimkosten in Fr.
(inkl. maximaler Patientenbeteiligung)
Pflegestufe

BL

1

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Max. Betrag
in Fr.

220

235

250

265

275

285

295

305

315

320

325

330

330

AR

150

190

240

280

OW
ZH
170
182

175

255

185

210

194

210

202

SG

202

202

ZG

184

192

196

196

196

SO

176

188

AI

127

133

BE

163

175

196
195

138

148

154

159

164

195
170

175

180

185

191

183

191
183

AG

182

182

SZ

181

181

GR

160

174

SH

Gemäss	Pfl	egeheim-Rahmenvertrag

202

187

NW

Ab	2016	für	alle	Pfl	egestufen	207	Fr.

264

255

TG
BS

280

264

Kommentar

180
157

Im Einzelfall, auf Gesuch bis zu 222 Fr.

180
177

177

LU

162

162

UR

162

162

FR

160

160

JU

150

150

NE

144

144

GL

144

144

VS

125

125

Für Patienten mit weniger als 100 000 Fr.
Vermögen entfällt die Patientenbeteiligung.
Diese wird durch den Kanton mittels
Restfi	nanzierung	abgegolten.

FL

111

111

Exkl. Betreuung

TI

84

84

BL

keine	Begrenzung	für	Heime	auf	Pfl	egeheimliste	des	Kantons	oder	mit	Leistungsauftrag

n.a.

GE

je	nach	Heim

n.a.

VD

je	nach	Heim

n.a.

Sind die anerkannten Preise für Pension
von	Heimen	mit	Leistungsvereinbarungen	
höher, zahlt die Gesundheitsdirektion den
Preisunterschied.

n.a. = nicht anwendbar
1

BL (ausserhalb des Kantons)

Quelle: BSV 2015c, eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015

94

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Abstufung das Verbleiben von leichtpflegebedürftigen EL-Bezügern in
ihren eigenen vier Wänden fördern.
Die Bandbreite für die Heimtaxen bei der höchsten Pflegestufe ist sehr
breit und variiert fast um den Faktor vier zwischen dem Minimal- (TI:
84 Fr.) und dem Maximalwert (BL: 330 Fr. für Aufenthalte ausserhalb
des Kantons). Der besonders tiefe Wert im Kanton TI hängt unter anderem mit der dort unterschiedlich gestalteten Heimfinanzierung zusammen. Im Kanton TI werden die Immobilienkosten (zum Beispiel Abschreibungen, Finanzierungskosten) mittels einer Objektfinanzierung,
konkret einer heimspezifischen Finanzierung, sichergestellt, während in

Die Bandbreite für die
Heimtaxen bei der
höchsten Pflegestufe ist
sehr breit und variiert
fast um den Faktor vier
zwischen dem Minimal(84 Fr.) und dem
Maximalwert (330 Fr.).

anderen Kantonen diese Kosten mittels einer Subjektfinanzierung, also
über die patientenbezogenen Heimtaxen, vergütet werden. Im Fürstentum Liechtenstein sind die Betreuungskosten bei den Heimtaxen nicht
eingeschlossen, weil sie durch die Beiträge der Krankenkassen beglichen
werden. Selbst unter Ausklammerung dieser beiden Fälle bleibt die Streuung zwischen den Kantonen gross. Vier Kantone (GL, JU, NE und VS)
und ZH) über 250 Fr. pro Tag ausgeben.

Chancen im betreuten Wohnen
Der Heimeintritt ist für viele zu kostspielig und kann nur durch Ergänzungsleistungen abgedeckt werden. Umkehrt kann der Heimeintritt für
Personen mit tiefen Einkommensverhältnissen, zumindest aus finanzieller Hinsicht, vorteilhaft sein, weil nebst Pflege auch die Betreuung und
die Hotelleriekosten (Kost und Logis) übernommen werden. Gerade in
Umbruchsituationen, zum Beispiel wenn die günstige Wohnung gekündigt wird, ist zudem aus Sicht des Einzelnen der Heimeintritt die einzig
rationale Lösung.
Viele dieser leichtpflegebedürftigen Patienten könnten allerdings in
einer betreuten Wohnung begleitet und gepflegt werden. Doch das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen sieht nur zwei Tarife für das Wohnen vor: Wohnen zu Hause mit einem monatlichen Beitrag von 1100 Fr.
(BSV 2015d)

oder Wohnen in Heimen mit kantonalen Obertaxen (vgl. Tabelle 15).

Diese Taxen dürfen jedoch nur in Pflegeheimen verrechnet werden, und
die Beiträge für das Wohnen zu Hause reichen nicht aus, um in einer betreuten Wohnung zu leben.
Manche Kantone haben deshalb finanzielle Lösungen geprüft, um eine
Alternative zum Heimeintritt für EL-Bezüger anzubieten. Der Kanton
GE bietet 1911 betreute Wohneinheiten an (IEPA: immeubles avec enca­
drement pour personnes âgées), die vor allem Bürgern mit tiefen Einkommensverhältnissen vorbehalten sind

(DGS 2011).

Der Kanton GR hat

im Dezember 2015 das kantonale Krankenpflegegesetz angepasst, um
erhöhte EL-Beiträge für betreutes Wohnen zu ermöglichen. Der Kanton
JU plant ebenfalls eine Anpassung des kantonalen EL-Gesetzes in diese
Richtung

(Gouvernement JU 2015).

Die Erhöhung der EL-Beiträge gegenüber

04 _ Finanzierung der Alterspflege95

4.2 _  Ergänzungsleistungen für jeden
zweiten Pflegeheimpensionär

zahlen maximal 150 Fr. pro Tag, während vier Kantone (AR, BL, OW

dem Verbleib zu Hause im Kanton JU um etwa 27 Fr. pro Tag soll eine
monatliche Miete in einer betreuten Wohneinheit von ca. 2000 Fr. ermöglichen. Der Kanton BE kannte bis Ende 2012 eine solche Regelung
(Art. 34 EV ELG / BE). In diesem Kanton lagen 2012 die EL-Maxima bei
115 Fr. für betreutes Wohnen und 161 Fr. für Wohnen im Pflegeheim. Im
Rahmen der Angebots- und Strukturanpassung des Kantons BE wurden
die EL-Beiträge für betreutes Wohnen jedoch wieder abgeschafft.
Die widersprüchlichen Trends zeigen die Komplexität der Thematik.
Während im Grundsatz die Förderung intermediärer Strukturen,
auch für EL-Bezüger, sinnvoll ist, sind die finanziellen Konsequenzen je
nach Kanton unterschiedlich. Dabei sind drei Hauptparameter zu
berücksichtigen.
Erstens hängt das Einsparungspotenzial von der Anzahl leichtpflegebedürftiger Patienten in Pflegeheimen ab, die in einer betreuten Wohnung gepflegt werden könnten und zudem Ergänzungsleistungen beziehen. Die SOMED-Statistik der Alters- und Pflegeheime gibt zwar Auskunft
über die Anzahl Patienten mit tiefen Pflegestufen, enthält jedoch keine
Angabe zu allfälligen Ergänzungsleistungen. Die EL-Statistik hingegen
liefert keine Information zur Pflegebedürftigkeit der Bezüger. Als erste
Annäherung dürfte das Potenzial in Kantonen mit sehr vielen leichtpflegebedürftigen Heimpensionären

(vgl. Tabelle 2, S. 26)

und / oder in Kantonen

mit einem starken Anteil von Patienten mit Ergänzungsleistungen
Tabelle 13, S. 89)

(vgl.

eher hoch sein.

Zweitens hängt das Einsparungspotenzial vom Preisunterschied zwischen Heimaufenthalt und betreutem Wohnen ab, Letzteres inklusive
Spitex-Kosten. Je höher die Heimkosten bzw. je billiger das betreute
Wohnen, desto grösser die Einsparungen. Der Kanton GE, der im Schweizer Vergleich sehr hohe Heimkosten pro Tag ausweist, rechnet mit
Kostenunterschieden zwischen beiden Wohnformen von bis zu 288 Fr.
pro Tag (DGS 2011). |34
Drittens müssen diesen Einsparungen mögliche zusätzliche Kosten ge-

EL-Beiträge für das
betreute Wohnen
nen führt nicht nur zu einer Substitution im Heimbereich, sondern kann können Einsparungen,
auch eine zusätzliche Nachfrage nach betreutem Wohnen generieren. aber auch zusätzliche
EL-Bezüger, die bisher mit Hilfe von Spitex zu Hause oder bei Verwand- Kosten verursachen.
genübergestellt werden. Die Schaffung neuer EL-Tarife für betreutes Woh-

ten geblieben waren, könnten neu in eine betreute Siedlung einziehen.

Tiefe EL-Tarife für betreutes Wohnen könnten die zusätzliche Nachfrage
etwas dämpfen. Liegen die Tarife allerdings zu tief, wird es kaum möglich
sein, betreutes Wohnen für EL-Bezüger anzubieten, was den Anreiz für
einen Heimeintritt wiederum erhöhen würde. Nach Pflege­stufe differenzierte EL-Obertaxen für Pflegeheime (vgl. Tabelle 15, S. 94) würden diesem Anreiz

34	 Strenggenommen müsste noch eine allfällige Differenz der Lebenserwartung
bzw. der Heimaufenthaltsdauer zwischen EL-Bezügern und Nicht-EL-Bezügern
berücksichtigt werden.

96

Kantonsmonitoring 7  | 2016

hingegen entgegenwirken. Als weitere Alternative schlägt der Verband Senesuisse (2016) eine Prüfung der Pflegebedürftigkeit von EL-Bezügern
durch den Hausarzt oder eine kantonale Stelle vor. Diese Prüfung soll attestieren, dass der Umzug in eine betreute Wohnung eine Verzögerung
oder gar eine Verhinderung des Heimeintritts ermöglicht.

	 4.3	_	Wer zahlt, befiehlt – wer befiehlt, zahlt
Optimierte Subsysteme, aber kein Gesamtoptimum
Im Kapitel 2 wurde die Bedeutung einer integrierten Betrachtung der Alters­
ten. Um diese auch institutionell zu leben, ist es wichtig, dass die Vergabe und die Finanzierung von Leistungsaufträgen für ambulante,
intermediäre und stationäre Dienstleistungen aus einer Hand koordiniert
werden. Dabei spielt es weniger eine Rolle, welche institutionelle Instanz – Kanton oder Gemeinde – diese Verantwortung trägt.
Manche Kantone (AI, AR, OW, NW, GL, UR usw.) haben eine geringere Gesamtbevölkerung als grosse Gemeinden wie Zürich, Genf oder
Basel. In diesen kleinen Kantonen könnte die Bürgernähe trotz allfälliger Kompetenzen beim Kanton höher sein als in diesen Grossstädten, die
ebenfalls für die Alterspflege zuständig wären. Umgekehrt haben viele
Gemeinden mit wenigen hundert Einwohnern nicht das nötige Einzugs-

Es ist wichtig, dass die
Vergabe und die Finanzierung von Leistungsaufträgen aus einer
Hand koordiniert werden. Dabei spielt es
weniger eine Rolle,
welche institutionelle
Instanz – Kanton oder
Gemeinde – diese
Verantwortung trägt.

gebiet, um eine Spitex-Organisation oder ein Pflegeheim eigenständig
wirtschaftlich zu betreiben – Bürgernähe hin oder her. Eine Pauschal­
empfehlung, welche institutionelle Anbindung für die Organisation und
die Finanzierung der Alterspflege optimal ist, würde diesen lokalen
Gegeben­heiten zu wenig Rechnung tragen.
Wichtig ist hingegen die Vermeidung von Interessenkonflikten, wenn
zum Beispiel der Kanton für die ambulante, aber die Gemeinde für die
stationäre Pflege zuständig ist. Auf der Suche nach der Optimierung der
eigenen Organisationen (zum Beispiel der möglichst hohen Auslastung
des Personals und der Infrastrukturen) könnten sich Kantone und Gemeinden beim fliessenden Übergang von der ambulanten zur stationären
Pflege gegenseitig hemmen und damit sowohl für den Patienten wie für
die Gesellschaft suboptimale Lösungen suchen. Auch steigt der Koordinationsaufwand, wenn unterschiedliche Entscheidungsinstanzen Anpassungen des Leistungsangebots beschliessen müssen.
Um diese potenziellen Konflikte zu illustrieren, wurden in

Tabelle 16

die Zuständigkeiten für die Planung, die Erteilung der Betriebsbewilligung, die Festlegung der Tarife und die Finanzierung von Alterspflegeleistungen pro Kanton dargestellt. Dabei zeichnen sich vier Typologien
ab. In einer ersten Gruppe, bestehend primär aus Kantonen der lateinischen Schweiz, aber auch aus kleinen Kantonen der Zentral- und Ostschweiz (AI, NW), sind diese Zuständigkeiten weitgehend beim Kanton
angesiedelt.

04 _ Finanzierung der Alterspflege97

4.3 _  Wer zahlt, befiehlt – wer befiehlt, zahlt

pflege unterstrichen. «Ambulant mit stationär» soll die neue Maxime lau-

Tabelle 1

Zahlt	wirklich,	wer	befi	ehlt?
Ob Gemeinde oder Kanton für die Pflegeversorgung verantwortlich ist, spielt grundsätzlich keine Rolle. Wichtig ist jedoch,
dass die Körperschaft, die Leistungen bestellt, auch für diese finanziell geradesteht. Dies ist für die Kantone der zwei unteren
Gruppen der Tabelle nur teilweise gegeben.
Ambulante Leistungen
Wer schliesst
Leistungsaufträge mit Wer legt
Versorgungs- die Pflegepflicht ab?
tarife fest?

Stationäre Leistungen

Wer finanziert die
Pflegerestkosten?

Wer legt
die Bettenplanung
fest?

Wer erteilt
die Betriebsbewilligungen für Wer legt
Alters- und die PflegePflegeheime? tarife fest?

EL

Wer finanziert die
Pflegerestkosten?

Wer trägt die
EL-Kosten?

AI
GE
NE
NW
BE
JU
FR
VD
TI
VS
GL
LU
OW

n.a.

ZG
ZH
UR
TG
SH
BS
AR
BL

n.a.

SZ

2
1

GR
SO
SG
AG
FL
1
2

A

A

SZ: Kosten werden unter den Gemeinden aufgrund der Einwohnerzahl verteilt
BL: Ab 2016 werden die heimbedingten Mehrkosten der EL vollständig durch die Gemeinden getragen
Kanton
Gemeinden

A Andere Entität
n.a. nicht anwendbar

Kanton und Gemeinden

Quelle: eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015, eigene Darstellung

98

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Analog sind die Gemeinden in fünf Kantonen (GL, LU, OW, ZG, ZH)
für die ambulante und die stationäre Pflege zuständig. In diesen Kantonen bleibt allerdings die Erteilung von Betriebsbewilligungen für Spitex-Organisationen und Pflegeheime – wie übrigens im Falle aller anderen medizinischen Betriebe  –  sowie die Bettenplanung Sache des Kantons.
Bis auf diese zwei Ausnahmen werden auch in dieser Gruppe alle Entscheide für die Alterspflege auf der gleichen institutionellen Stufe gefällt.
In einer dritten Gruppen sind die Gemeinden für die ambulanten und
die Kantone für die stationären Dienstleistungen zuständig (SH, TG) oder
umgekehrt (UR). Hier könnten möglicherweise Subsysteme auf Kosten
des Gesamtsystems optimiert werden. Allerdings sind die Gemeinden
der Kantone SH und TG an der Finanzierung der Pflegeheime beteiligt.
Im Kanton SH ist der Kanton ebenfalls in die Finanzierung von Spitex-Angeboten involviert. Dadurch erhalten beide Instanzen Einsichtsund Mitspracherechte, die eine umfassendere Koordinierung der Alters­
pflege erleichtern.
Die vierte und letzte Gruppe besteht aus Kantonen, in denen die Ge4.3 _  Wer zahlt, befiehlt – wer befiehlt, zahlt

meinden die Finanzierung der ambulanten und der stationären Alters­
pflege sicherstellen müssen, die Tarife hingegen in der Kompetenz der
Kantone liegen. Diese Teilung der Kompetenzen sorgt häufig für Unmut.
Die Gemeinden sehen ihre Verhandlungskompetenz mit den Leistungserbringern eingeschränkt. Zu einem fixen Preis können die Leistungen
kaum nach oben ausgeweitet oder individualisiert werden. Auch lohnt
sich der Leistungsverzicht nicht, weil sonst die Einsparungen bei gegebenen Preisen lediglich zugunsten der Leistungserbringer fliessen.

Mangelnde fiskalische Äquivalenz
Die fiskalische Äquivalenz – im Volksmund: «Wer zahlt, befiehlt» – ist
ein Prinzip der Finanzwissenschaft. Nach Wettstein (2001) ist sie gegeben, wenn sich im Rahmen einer staatlichen Aufgabe der Kreis der Nutz­
niesser mit demjenigen der Kosten- und Entscheidungsträger deckt. Bei
fiskalischer Äquivalenz sind die Anreize der Auftraggeber und Geldgeber
gleich gerichtet. Es werden nur Leistungen bestellt, die auch einen dem
Preis entsprechenden Nutzen stiften.
In einer Tischgesellschaft von zwanzig Personen, die im Voraus vereinbart haben, sich die Spesenkosten pro Kopf zu teilen, ist die Versuchung gross, nach dem Dessert einen Kaffee zu bestellen. Jeder weiss,
dass er für diese Zusatzleistung, den einen Kaffee, nur einen Zwanzigstel

Die fiskalische Äquivalenz – «Wer zahlt,
befiehlt» – ist gegeben,
wenn sich im Rahmen
einer staatlichen
Aufgabe der Kreis der
Nutzniesser mit
demjenigen der Kostenund Entscheidungsträger
deckt.

des Kaffeepreises berappen muss. Umgekehrt wird der Verzicht auf einen
Kaffee nur mit einer Einsparung von einem Zwanzigstel belohnt. In dieser Situation denken alle Gäste, dass sie besser fahren, wenn sie einen
Kaffee bestellen. Die fehlende fiskalische Äquivalenz in diesem Beispiel
führt dazu, dass die Gesamtrechnung für alle Gäste steigt. Obwohl nicht
alle einen Kaffee zum «normalen» Preis bestellt hätten.

04 _ Finanzierung der Alterspflege99

In der Alterspflege ist es infolgedessen wichtig, dass der Auftraggeber (der
Kanton oder die Gemeinde) auch die Kosten für die bestellten Pflegeleistungen trägt. Teilt eine Gemeinde die Kosten eines Pflegeheimausbaus
mit dem Kanton (zum Beispiel unter einer 50:50-Regel), läuft man Gefahr, dass der Ausbau überdimensioniert wird. Aus Sicht der Gemeinde
können beispielsweise 16 statt 8 zusätzliche Betten für den gleichen Preis
gebaut werden. Aus Sicht des Kantons lohnt sich ein Streit über Lohnverhandlungen mit dem Heimpersonal wenig, weil er nur die Hälfte der

In der Alterspflege ist es
wichtig, dass der Auftraggeber (der Kanton
oder die Gemeinde)
auch die Kosten für die
bestellten Pflegeleistungen trägt.

möglichen Kostenersparnisse für andere kantonale Projekte verwenden
kann. Am Schluss steigen jedoch für alle Bürger des Kantons die Pflegekosten, die sie via kommunale und kantonale Steuern oder via Krankenkassenprämien zahlen.
Eine Aufteilung der Pflegekostenfinanzierung zwischen Gemeinden
und Kantonen – und damit eine Abschwächung der fiskalischen Äquivalenz – trifft in sieben Kantonen im ambulanten und in neun Kantonen
im stationären Bereich zu. Im stationären Bereich beteiligt sich der
Kanton an den Kosten der Restfinanzierung mehrheitlich in den Kantonen VS (70 %) und VD (67 %), hälftig in den Kantonen SH, SO und TG
sowie im FL und minderheitlich in den Kantonen FR (45 %), GR (25 %)
und TI (20 %). In fünf Kantonen wird die Last der Restfinanzierung
solidarisch von den Gemeinden getragen. In den Kantonen FR, SZ und
TG wie im FL basiert der Verteilungsschlüssel auf der Einwohnerzahl.
Im Kanton VS werden 11 Prozentpunkte der Gesamtkosten proportional
zum Pflegeaufwand der Einwohner der jeweiligen Gemeinde und
19 Prozentpunkte in Abhängigkeit der Einwohnerzahl unter den Gemeinden verteilt.

Ungewollte Verzerrungen durch Ergänzungsleistungen
In Anbetracht der sehr hohen Bedeutung der Ergänzungsleistungen in
der Alterspflege – jeder Franken Restfinanzierung der öffentlichen Hand
wird durch einen Franken für heimbedingte Mehrkosten der EL nachgedoppelt – ist die fiskalische Äquivalenz auch unter Berücksichtigung
der Ergänzungsleistungen zu sichern. Doch diese Forderung ist in lediglich fünf Kantonen erfüllt (AI, GE, NE, NW und ab 2016 auch BL). In
den meisten anderen Kantonen wird die fiskalische Äquivalenz durch
die finanzielle Unterstützung der Kantone an die Ergänzungsleistungskosten untergraben.
In sieben Kantonen sind die Gemeinden alleine für die Restfinanzierung von stationären Pflegekosten zuständig, der Kanton übernimmt jedoch die vollen Kosten der Ergänzungsleistungen (GL, OW, ZG, UR, BS,
SG, AG). Ähnlich sieht es, wenn auch in geringerem Ausmass, in den
Kantonen AR, LU, SZ und ZH aus, wo der Kanton die Gemeinden bei
einem Teil der Ergänzungsleistungen unterstützt. In den Kantonen FR,
GR, SH und TG sind zwar Kanton und Gemeinden gemeinsam für
die Restfinanzierung der Pflegekosten verantwortlich, die Ergänzungs-

100

Kantonsmonitoring 7  | 2016

leistungen trägt allerdings der Kanton alleine. Umgekehrt ist in den Kantonen BE und JU allein der Kanton für die Restfinanzierung der Alterspflege in der Pflicht, er überwälzt jedoch einen Teil der EL-Kosten auf
die Gemeinden.

	 4.4	_	Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage
Nach dem Grundsatz «Ambulant vor stationär» haben zahlreiche Kan­
tone finanzielle Anreize geschaffen, damit ihre Bürger ambulante Dienstleistungen bevorzugen. Dabei stehen grundsätzlich zwei Instrumente zur
Verfügung: einerseits eine unterschiedliche Patientenbeteiligung an der
ambulanten und stationären Pflege und anderseits eine gezielte Subventionierung von Betreuungs- und Hotellerieleistungen für ambulante
(Spitex) oder semistationäre (z.B. Tagesstrukturen) Dienstleister.

Förderung ambulanter Pflegeleistungen über Patientenbeteiligung
Das Krankenversicherungsgesetz sieht eine Plafonierung der FinanzieTag im ambulanten und von Fr. 21.60 pro Tag im stationären Bereich vor
(Art. 25a KVG, Art. 7 KLV). Unter Anwendung der Maximalbeträge ist
somit im Bundesgesetz eine Steuerung in Richtung ambulanter Dienstleistungen verankert. Es unterliegt jedoch der Kompetenz der Kantone,
diese maximalen Beträge zu reduzieren (und durch Steuermittel zu kompensieren). Es wäre also grundsätzlich möglich, die Patientenbeteiligung
im stationären Bereich dem Niveau der Patientenbeteiligung im ambulanten Bereich anzugleichen. Damit entstünden Finanzierungsregeln, die
weder Spitex-Organisationen noch Pflegeheime bevorteilen, ganz nach
dem Motto «Ambulant mit stationär».
Doch bis auf die Kantone GE, VS und ZG nehmen die Kantone keine
Herabsetzung der Patientenbeteiligung im stationären Bereich vor. Im
Kanton ZG ist die Patientenbeteiligung beim Aufenthalt im Heim um
50 % auf Fr. 10.80 pro Tag reduziert. Im Kanton GE beträgt sie im stationären wie im ambulanten Bereich 8 Fr. Im Kanton VS hängt die Pati-

Es wäre grundsätzlich
möglich, die Patientenbeteiligung im stationären Bereich dem Niveau
der Patientenbeteiligung
im ambulanten Bereich
anzugleichen. Damit
wären weder SpitexOrganisationen noch
Pflegeheime bevorzugt.

entenbeteiligung vom steuerbaren Einkommen ab. Sie variiert zwischen
0 Fr. für Vermögen unter 100 000 Fr. und Fr. 21.60 für Vermögen über
500 000 Fr. Dazwischen beträgt sie Fr. 5.40 bzw. Fr. 10.80 für Vermögen
ab 100 000 Fr. bzw. 200 000 Fr. (Art. 19 LSLD / VS).
Im ambulanten Bereich hingegen verlangt weniger als ein Drittel der
Kantone (8) die maximale Patientenbeteiligung gemäss KVG (vgl. Tabelle 17,
S. 112). Acht Kantone setzen tiefere Plafonds von 8

Fr., sieben Kantone und

einzelne Gemeinden im Kanton GL sogar von 0 Fr. pro Tag fest. Zwei
Kantone (TG, ZG) verrechnen nur 10 % der Krankenkassenprämienbeiträge statt wie im KVG vorgesehen maximal 20 %, jedoch maximal
Fr. 15.95 pro Tag. Schliesslich wendet der Kanton BE differenzierte Tarife
je nach Einkommen an. Dort sind Einwohner mit einem massgebenden

04 _ Finanzierung der Alterspflege101

4.4 _  Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

rung von Pflegeleistungen durch die Patienten von maximal Fr. 15.95 pro

Abbildung 1

Systematische	Steuerung	zugunsten	von	ambulanten	Leistungserbringern
Nur wenige Kantone nutzen den maximalen Spielraum bei der Festlegung der Patientenbeteiligung im ambulanten Bereich. Dadurch entsteht eine starke Steuerung der Nachfrage
nach Spitex-Organisationen, unabhängig vom Schweregrad der Pflegebedürftigkeit.
Bemerkung: Die Zuteilung der Kantone in der Grafik bezieht sich nur auf die Säule aussen
rechts.
Anzahl	Kantone
Fr. 0.00
bis 21.60

26
24

Fr. 10.80

Fr. 0.00

BE,	FR,	GL,	JU,	NE,	TI,	VD,	VS
Fr. 21.60

20
AI,	AR,	BL,	BS,	GR,	SZ,	ZH

16
Fr. 8.00
12

Fr.	13.60
Fr. 21.60

8
weniger
als
Fr. 6.00

Fr. 15.95

4

AG,	GE,	LU,	NW,	OW,	
SG,	SH,	SO,	TG,	UR,	ZG

0
Maximum	im	
ambulanten Bereich

Maximum	im	
stationären Bereich

Maximaler	Unterschied
ambulant	vs.	stationär
Patientenbeteiligung

Quelle: eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015, eigene Darstellung

Einkommen |35 von unter 50 000 Fr. pro Jahr von der Patientenbeteiligung befreit. Ab einem jährlichen Einkommen von 100 000 Fr. wird die
maximale Patientenbeteiligung von Fr. 15.95 pro Tag verrechnet, dazwischen nimmt sie linear zu (Art. 25d SHV / BE).
Wenn Kantone die maximale Patientenbeteiligung in Pflegeheimen
verrechnen und diejenige bei Spitex-Organisationen reduzieren, erhöht
sich der finanzielle Anreiz für eine ambulante Behandlung. Der Unterschied kann bis zu Fr. 21.60 pro Tag betragen

(vgl. Abbildung 15).

Bei leicht­

pflegebedürftigen Patienten ist diese Steuerung der Nachfrage sinnvoll,
ab 60 bis 120 Minuten täglicher Pflege ist sie hingegen kontraproduktiv
(vgl. Kapitel 2).

Zweischneidige Folgen der Subventionierung von Tagesstrukturen
Neben den im Kapitel 2 erläuterten Erfolgsfaktoren für den Betrieb von Tagesstrukturen spielt die Preisgestaltung eine besonders wichtige Rolle.
Sie hängt wiederum von den Finanzierungsmöglichkeiten ab, die je nach
Kanton unterschiedlich sind.
Grundsätzlich gelten für die Pflegeleistungen in Tagesstrukturen die
gleichen Finanzierungsregeln wie für einen stationären Langzeitaufent-

35	 Das massgebende Einkommen setzt sich aus dem steuerbaren Einkommen zuzüglich
eines Zehntels des steuerbaren Vermögens zusammen (Art. 25d SHV / BE).

102

Kantonsmonitoring 7  | 2016

halt. Das bedeutet: eine pro Tag plafonierte Patientenbeteiligung sowie
pflegestufenabhängige Beiträge der Krankenkasse und der öffentlichen
Hand. Die Kosten für Betreuung und Hotellerie tragen die Patienten
selbst. Hotellerie bedeutet in diesem Fall zwar kein eigenes Zimmer, aber
die meisten Tagesstrukturen bieten ausser Aufenthaltsräumen auch Ruhebetten oder Liegemöglichkeiten an.
Das Einhalten von gleichen Finanzierungsregeln für intermediäre und
stationäre Einrichtungen ist wichtig, will man den Grundsatz «Ambulant
mit stationär» nicht torpedieren. Zwölf Kantone weichen jedoch von
dieser Regel ab und subventionieren die Betreuungs- und Pensionskosten
von Tagesstrukturen (vgl. Tabelle 29 im Anhang). Dabei kann man zwei Subventionierungsmethoden unterscheiden. Im ersten Fall definieren die Kantone
(bzw. die Gemeinden) einen maximalen täglichen Betrag, den Patienten

Das Einhalten von
gleichen Finanzierungsregeln für intermediäre
und stationäre Einrichtungen ist wichtig, will
man den Grundsatz
«Ambulant mit stationär»
nicht torpedieren.

für ihren Aufenthalt in einer Tagesstruktur zahlen müssen, und die Subvention ist die Resultante. So kostet im Kanton VD ein halber Tag Aufenthalt, ohne Mittagessen, lediglich 5 Fr. Ein ganzer Tag Aufenthalt mit Mittagessen 25 Fr. Im Kanton JU war der Finanzierungsanteil des Patienten
73 Fr. in einer Psychiatrie und 81 Fr. in einer auf Demenz spezialisierten
Institution (Gesundheitsdepartement BS 2014). Im Kanton GE betrug 2015 die Maximaltaxe Fr. 100.60 pro Tag. Sie wird jedoch degressiv in Abhängigkeit
vom massgebenden Einkommen definiert (IMAD 2015).
Bei der zweiten Subventionsmethode wird ein maximaler staatlicher
Beitrag definiert, die Patienten zahlen die Resultante. Der resultierende
Preis für den Patienten hängt von der Kostenstruktur und vom Angebot
der Institution ab. Der Kanton FR unterstützt die Tagesstrukturen mit
einem Fixbetrag von 30 Fr. pro Person und Aufenthaltstag und mit einer
Beteiligung von maximal 30 % an den Betriebskosten

(Sozialvorsorgeamt FR

2016). Im Kanton AI werden die Tagesstrukturen zusammen mit Pro Senec-

tute finanziert. 2015 betrug der Kantonsbeitrag 70 Fr. pro Tag. Im
Kanton BE beteiligt sich der Kanton mit 80 Fr. pro Tag. Im Kanton VS
werden unterschiedliche Beiträge für Betreuung und Pension in Abhängigkeit der Pflegestufe durch die öffentliche Hand (Kanton und Gemeinde) subventioniert. Die Unterstützung pro Tag variierte 2015 zwischen
43 Fr. für die tiefste und 76 Fr. für die höchste Pflegestufe (DSASC 2013). Im
Kanton NE gewährt der Kanton eine tagesstättenspezifische Defizitgarantie, die je nach Institution 40 Fr. bis 70 Fr. pro Tag beträgt. Ähnlich wird
im Kanton TG unterschieden, ob die Tagesstätte als Teil eines Alters- und
Pflegeheims oder separat als eigenständige Institution betrieben wird. Im
ersten Fall betrug 2015 der Gemeindebeitrag 40 Fr., im zweiten Fall 70 Fr.
(Art. 44 KVV / TG). Der tiefere Beitrag für Tagesstätten innerhalb eines
Pflegeheims wird mit potenziellen Synergien begründet. In den Kantonen NE und TG werden also Kosten und nicht Leistungen subventioniert.
Die Subventionierung von Betreuungs- und Pensionstaxen in Tagesstrukturen ist umstritten. Einerseits können solche Subventionen helfen,

04 _ Finanzierung der Alterspflege103

4.4 _  Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

2015 auf 50 Fr. begrenzt. Im Kanton BS betrug er 66 Fr. im Allgemeinen,

den Heimeintritt eines Pflegebedürftigen zu verzögern. Die Einsparungen
können substanziell sein, auch wenn diese Patienten wenig Pflege pro Tag

Über 60 % der Patienten
in Tagesstrukturen
als 60 Minuten Pflege pro Tag, Köppel 2015) und dementsprechend die Rest- brauchen weniger
finanzierungsbeiträge oft niedrig sind. Auch können diese Subventionen als 60 Minuten Pflege
nicht nur als Beitrag für den Patienten, sondern auch als Investition in pro Tag.
benötigen (über 60 % der Patienten in Tagesstrukturen brauchen weniger

die Gesundheit der pflegenden Angehörigen betrachtet werden. Dank

diesen punktuellen Entlastungen können sich die Angehörigen erholen,
soziale Kontakte pflegen und damit vermeiden, dass sie selber pflegebedürftig (sogenannte hidden patients) werden. Anderseits können die Subventionen eine Nachfrage nach Betreuung generieren, die sonst durch
Familienangehörige gewährleistet würde, was zusätzliche Kosten für die
öffentliche Hand verursachen könnte. Auch widerspricht diese angebotsspezifische Unterstützung dem Grundsatz «Ambulant mit stationär» und
bevorzugt eine besondere Form der Leistungserbringung, unabhängig
vom Pflegebedürfnis.
Wie bei der Festlegung von maximalen EL-Taxen für betreutes Wohnen (vgl. S. 59) hängt der Nutzen solcher Subventionen schliesslich von den
gewährten Beiträgen, den Taxen der Pflegeheime und der Bedeutung der
Ergänzungsleistungen in einem Kanton ab. In Interviews mit Experten
aus den Kantonen mit Subventionen für Pensionskosten wurde eine maximale Tagespauschale von 100 Fr. als psychologische Obergrenze für die
Nutzung von Tagesstätten angegeben. Es ist jedoch kaum einzusehen,
warum für Seniorentagesstätten eine Tagestaxe von 100 Fr. nicht zumutbar wäre, während im Bereich der ausserschulischen Kinderbetreuung
(Kitas) Pauschalen von deutlich über 100 Fr. pro Tag und Kind über Jahre hinweg verrechnet werden.
Hohe Tagespauschalen können für Senioren mit bescheidenen finanziellen Verhältnissen, die jedoch keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben, eine grosse Hürde darstellen. Degressive Tarife wie im
Kanton GE können eine pragmatische Lösung sein, einkommensschwache Haushalte gezielt zu unterstützen, ohne ausführliche EL-Abklärungen eigens für den Fall einer Benutzung von Tagesstrukturen vornehmen
zu müssen. Auch in diesem Sinne prüft die Stadt Luzern, inwiefern sie
ihr Konzept von einkommensabhängigen Kita-Gutscheinen für die
Alters­pflege anpassen könnte

(Anschwanden 2015).

Bei dieser Form der Sub-

jektfinanzierung werden nicht Institutionen wie die Spitex oder Pflegeheime, sondern die Pflegebedürftigen selber finanziell unterstützt. Mit
den Gutscheinen können sie dann die von ihnen gewünschten Leistungen beim Anbieter ihrer Wahl begleichen.

Geldleistungen für pflegende Angehörige in der Schweiz
Die Finanzierung von Betreuungs- und Hauswirtschaftsleistungen ist in
der Schweiz Sache des Pflegebedürftigen. Diese Leistungen werden oft
freiwillig durch die Angehörigen, meist den Ehepartner oder die Kinder,

104

Kantonsmonitoring 7  | 2016

erbracht. Je nach Pflegebedürftigkeit, zum Beispiel im Fall einer Demenz,
kann diese Betreuungsarbeit mehrere Stunden pro Tag betragen. Gemäss
einer Studie von Perrig-Chiello und Höpflinger (2012) investieren pflegende Töchter im Durchschnitt 34, pflegende Söhne 27 Stunden pro Woche für Hilfs- und Pflegeaufgaben zugunsten ihrer Eltern. Eine solche
Betreuungsintensität lässt sich schlecht mit einer beruflichen Tätigkeit
vereinbaren. Über die Hälfte der pflegenden Töchter reduzieren dafür
ihren Beschäftigungsgrad, 16 % geben ihre Stelle sogar ganz auf
Chiello 2012).

(Perrig-

In solchen Fällen hat das unbezahlte Engagement unmittel-

bare finanzielle Konsequenzen (Lohnausfall) sowie längerfristige Folgen,
zum Beispiel in Form verminderter Karriereperspektiven und einer reDie Unterscheidung zwischen Pflegeleistungen im engeren Sinne und
Betreuungsleistungen wird mit der zunehmenden Bedeutung von Demenzerkrankungen immer problematischer. Betreuungsleistungen sind
bei Demenzpatienten oft wichtiger als Pflegeleistungen. Erstere sind aber
privat, Letztere kollektiv finanziert. Mit einem Heimeintritt (und dem
damit oft verbundenen Zugang zu Ergänzungsleistungen) kann diese
Problematik zumindest aus der Perspektive der Angehörigen gelöst werden. Für die Pflegeheime ist die Situation dagegen nicht zufriedenstel-

Die Unterscheidung zwischen Pflegeleistungen
im engeren Sinne und
Betreuungsleistungen
wird mit der zunehmenden Bedeutung von
Demenzerkrankungen
immer problematischer.

lend. 69 % der Heimleiter halten die derzeitige Finanzierung bei Demenzpatienten für nicht ausreichend

(BAG und GDK 2013).

Da rund zwei Drittel

der Heimbewohner eine Demenzdiagnose oder einen Demenzverdacht
haben

(von Gunten 2011),

handelt es sich um ein wichtiges Thema. Im Rah-

men der nationalen Demenzstrategie werden nun neue Finanzierungsmodelle geprüft (BAG und GDK 2013).
Es gibt allerdings bereits einzelne Initiativen, die Betreuungsarbeit
durch Angehörige finanziell zu unterstützen. Im Kanton GL dürfen pflegende Angehörige durch Leistungserbringer angestellt werden, wenn sie
über ausreichende Qualifikationen verfügen und das Rentenalter noch
nicht erreicht haben (Art. 7 SpitexV / GL). Im Kanton BS haben «dauernd
pflegebedürftige Personen mit Wohnsitz im Kanton Basel-Stadt, die durch Angehörige oder Dritte gepflegt werden, […] Anspruch auf finanzielle Beiträge,
sofern ein bedeutender Pflege- und Betreuungsaufwand notwendig ist und erbracht wird.» (Art. 10 GesG / BS). Voraussetzung für die Beiträge ist ein
täglicher Betreuungs- und Pflegeaufwand von mindestens 60 Minuten.
Dieser muss der Vermeidung eines Aufenthalts in einer stationären Einrichtung oder in einem Spital dienen und unentgeltlich erbracht werden.
Der Beitrag entspricht 35 % einer maximalen AHV-Rente (2016: 2350 Fr.),
das heisst ca. 27 Fr. pro Tag. Die wirtschaftliche Situation der Bezüger
wird nicht berücksichtigt, doch ist der Pflegebeitrag dem Subsidiaritätsprinzip unterstellt. Er wird angepasst, falls die pflegebedürftige Person
Hilflosenentschädigungen erhält, und er wird um allfällige Leistungen
einer Sozialversicherung des Bundes oder einer Privatversicherung gekürzt. Finanziert wird er durch die Gemeinden.

04 _ Finanzierung der Alterspflege105

4.4 _  Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

duzierten Altersrente.

Zwar ist dieser Pflegebeitrag auf Betreuungsleistungen zu Hause beschränkt, aber da der Aufenthalt in einer Tagesstruktur im Kanton BS
ebenfalls subventioniert wird, wenn auch auf anderen Wegen, besteht
eine relativ grosse Durchlässigkeit zwischen den ambulanten und den
semistationären Pflegeangeboten. Bei Schwerpflegebedürftigen bleiben
stationäre Institutionen aber im Nachteil, weil dort die Betreuung zu­
lasten des Patienten verrechnet wird.

Grosszügiges Entgelt für Betreuungsarbeit in Liechtenstein
Das Fürstentum Liechtenstein hat 2010 ein Betreuungs- und Pflegegeld
für häusliche Betreuung eingeführt (vgl. Box 1), das die finanzielle Abgeltung
von Betreuungsarbeiten durch Angehörige oder durch Angestellte
(Spitex-Organisationen, selbständige Betreuungspersonen, Care-Migranten) ermöglicht. Es handelt sich um eine Subjektfinanzierung. Die Beiträge werden dem Pflegebedürftigen und nicht einer Institution, zum
Beispiel einer Spitex-Organisation, ausgerichtet. Der Pflegegeldempfänger
kann den Leistungserbringer selber wählen und mit den Betreuungsgeldern bezahlen. Dadurch wird der Wettbewerb zwischen den Anbietern
gefördert, und Leistungen werden dort erbracht, wo die entsprechende
Nachfrage existiert.
Das Betreuungs- und Pflegegeld hilft auch, Schwarzarbeit in der Alters­
pflege, zum Beispiel von Care-Migranten, zu reduzieren, da Finanzierungsbeiträge nur gegen Belege gewährt werden. Will jemand Familienangehörige oder Care-Migranten mit diesen Geldern bezahlen, muss er
die Personen anstellen und Sozialbeiträge auf ihre Löhne entrichten. Da
die Betreuungs- und Pflegegelder nicht durch Beiträge von Versicherten
oder Arbeitgebern, sondern durch Steuern finanziert werden, dürfen sie

Das Betreuungs- und
Pflegegeld in Liechtenstein hilft, Schwarzarbeit in der Alters­
pflege, zum Beispiel
von Care-Migranten,
zu reduzieren.

nur im FL bezogen werden. Der Anspruch auf sie erlischt, sobald eine
Person das Land verlässt. Für das FL mit seinem grossen Grenzgängeranteil ist das relevant.
Die Finanzierung von Betreuungsarbeit ist allerdings zweischneidig.
Sie führt zu einer Monetarisierung von Pflegeleistungen, die vorher unentgeltlich durch Angehörige erbracht wurden. Die Beziehungen zwischen Pflegenden und Gepflegten können dadurch tiefgreifend verändert
werden. Im positiven Fall kann ein Betreuungsgeld das Schuldgefühl der
Gepflegten oder die Widerwilligkeit der Pflegenden reduzieren, da die
Betreuungsarbeit nun finanziell entschädigt wird. Im negativen Fall kann
es zu einer ausgeprägteren Anspruchshaltung der Gepflegten führen,
die «schliesslich für die Leistung zahlen». Aus dieser geringeren Dankbarkeit könnte wiederum weniger Motivation der pflegenden Angehörigen resultieren.

106

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Box 1

Betreuungs- und Pflegegeld für häusliche Betreuung im
Fürstentum Liechtenstein
Einwohner des Fürstentums Liechtenstein haben Anspruch auf einen Beitrag an die finan­
ziellen Ausgaben, die aus der gesundheitsbedingt notwendigen und zu Hause erfolgenden
Betreuung und Pflege durch Drittpersonen entstehen.
Leistungsbegünstigte: Alle Personen mit Wohnsitz in Liechtenstein, unabhängig vom Alter
und von ihren wirtschaftlichen Verhältnissen, haben Anspruch auf Betreuungs- und Pflegegelder, sofern sie dauernd betreuungs- oder pflegebedürftig sind (mindestens drei Monate).
Die Beeinträchtigung muss ärztlich nachgewiesen werden und mindestens 60 Minuten Betreuung und Pflege pro Tag verlangen.
Leistungsumfang: Die entgeltliche Erbringung hauswirtschaftlicher Leistungen und die
entgeltliche Betreuung von Personen durch Dritte, einschliesslich angemessen entlohnter
Familienangehöriger, werden zur Aufrechterhaltung der allgemeinen täglichen Lebensverrichtungen rückvergütet.
Finanzieller Umfang: Die Höhe der finanziellen Unterstützung hängt vom Grad des Betreuungs- und Pflegebedarfs ab und wird in sechs Leistungsstufen unterteilt. Bei der tiefsten
Leistungsstufe beträgt das Betreuungs- und Pflegegeld 10 Fr., bei der höchsten Stufe 180 Fr.
pro Tag. Es wird neben einer allfälligen Hilflosenentschädigung ausgerichtet.
4.4 _  Stellschrauben zur Steuerung der Nachfrage

Kosten und Finanzierung: Die Gesamtausgaben des Betreuungs- und Pflegegelds betrugen
2015 7,9 Mio. Fr. Sie werden hälftig durch das Land und hälftig durch die Gemeinden finanziert.
Inanspruchnahme: Das Betreuungs- und Pflegegeld wurde erst 2010 eingeführt. 2015 erhielten 381 Personen entsprechende Gelder. 45 % davon benötigten weniger als drei Stunden,
22 % mehr als sechs Stunden Pflege pro Tag.
Quelle: AHV / IV / FAK Liechtenstein 2014a und 2014b, Art. 3octies ff ELG / FL, eigene Berechnungen

Die Monetarisierung bisher nicht entgoltener Arbeit bedeutet natürlich
auch mehr ausgewiesene Kosten. 2015 beliefen sich die Betreuungs- und
Pflegegelder auf 7,9 Mio. Fr. Zum Vergleich: Die EL-Kosten zur AHV betrugen im gleichen Jahr 5 Mio. Fr.

(AHV / IV / FAK Liechtenstein 2014b).

Die Mo-

netarisierung von Care-Leistungen dürfte auch das geschlechtsspezifische
Verhalten (Frauen pflegen häufiger) eher verstärken (Schmid 2014). Zugleich
kann die Auszahlung der Betreuungs- und Pflegegelder aber den Wert
der Arbeit der Angehörigen bzw. deren Einkommensverzicht sichtbar
machen und damit einen Beitrag zu ihrer gesellschaftlichen Anerkennung leisten.
Nebst diesen eher konzeptionellen Überlegungen gibt es auch konkrete kritische Punkte. Für schwer betreuungs- und pflegebedürftige Personen ist diese Finanzierung angesichts von Höchstbeiträgen von 180 Fr.

Die Monetarisierung
bisher nicht entgoltener
Arbeit bedeutet mehr
ausgewiesene Kosten,
sie macht aber auch den
Wert der Arbeit der
Angehörigen sichtbar.

pro Tag sehr grosszügig ausgestaltet. Zu diesen Tagespauschalen für die
Betreuung kommen Ausgaben für die Pflege im engeren Sinne, für allfällige Hilflosenentschädigungen und für Kost und Logis. Zum Vergleich:
In der Schweiz gewähren 14 Kantone Höchsttaxen für EL-Bezüger in
Pflegeheimen unter 180 Fr. (vgl. Tabelle 15). Diese Taxen decken nicht nur die
Betreuung, sondern vor allem die Hotellerieleistungen.

04 _ Finanzierung der Alterspflege107

Dass die Auszahlung von Betreuungs- und Pflegegeldern unabhängig von
den wirtschaftlichen Verhältnissen des Leistungsberechtigten erfolgt, ist
auf den ersten Blick überraschend. Allerdings werden im FL im stationären Bereich Betreuungsleistungen durch die Krankenkassen und durch
den Staat mitgetragen, im ambulanten Bereich hingegen grundsätzlich
nicht. Eine einkommensunabhängige Unterstützung durch die Betreuungs- und Pflegegelder gleicht bis zu einem gewissen Grad diesen Unterscheid aus. Doch die Betreuungs- und Pflegegelder bei Schwerpflegebedürftigen dürften deutlich höher ausfallen als das, was die Krankenkassen
bei ähnlichen Situationen in Pflegeheimen vergüten.
Schliesslich widerspricht das hohe Betreuungs- und Pflegegeld für
Schwerpflegebedürftige dem Konzept «Ambulant mit stationär». Mit dem
Pflegegeld werden nur Leistungen, die zu Hause erbracht werden, entgolten. Eine Betreuung in Tagesstrukturen oder in Pflegeheimen kann
mit diesen Mitteln nicht finanziert werden. Damit wird gerade für
Schwerpflegebedürftige à tout prix (im wahrsten Sinn des Wortes) eine
ambulante Lösung gesucht, obwohl meist ein stationärer Aufenthalt in
einem Pflegeheim vermutlich sowohl in finanzieller als auch in qualitativer Hinsicht besser wäre. 22 % der Bezüger benötigten 2015 mehr als
sechs Stunden Betreuung und Pflege pro Tag und waren somit schwerpflegebedürftig. Zudem stellt sich die Frage, ob die Betreuung allein durch
Angehörige zu Hause bei solchen schweren Pflegefällen qualitativ genügt
und nicht an medizinische Grenzen stösst. Eine Beschränkung der Betreuungs- und Pflegegelder auf leicht- bis mittelschwerpflegebedürftige
Personen sowie eine Ausweitung auf Leistungen in intermediären Strukturen wie Tagesstätten könnte diese Nachteile reduzieren und die Durchlässigkeit zwischen den Pflegeangeboten fördern.

	 4.5	_	Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots
Der Staat kann durch finanzielle Anreize nicht nur die Nachfrage, sondern auch das Angebot steuern, etwa indem er das Entstehen oder Aufrechterhalten spezifischer Leistungen, zum Beispiel in der Grundversorgung oder im Bereich Palliative Care, besonders vergütet. Er kann ferner
gemeinnützige Leistungserbringer gegenüber erwerbsorientierten Anbietern besser- oder schlechterstellen, und er kann die Vielfalt von
nicht-pflegerischen Leistungen fördern, indem er in diesem Bereich keine Tarif-Einschränkungen vornimmt.

Intransparente Abgeltung der Versorgungspflicht im
ambulanten Bereich
Im Bereich der ambulanten Pflege kann man grundsätzlich zwei Typen
von Anbietern unterscheiden: jene mit und jene ohne Versorgungspflicht.
Erstere sind zum Beispiel verpflichtet, jeden Patienten zu versorgen, auch
wenn dieser sehr weit entfernt vom Stützpunkt der Spitex-Organisation

108

Kantonsmonitoring 7  | 2016

wohnt oder der Einsatz sehr kurz ist. Die Behandlung dieser Patienten
ist für die Spitex-Organisation finanziell unattraktiv, weil die nicht-vergütete Reisezeit im Verhältnis zu den vergüteten Pflegeminuten sehr hoch
ist. Auch kann die Versorgungspflicht einen Pikettdienst zu Randzeiten,
in der Nacht oder am Wochenende enthalten.
Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte diese Unterscheidung kaum eine
Rolle. In den meisten Gemeinden gab es nur eine gemeinnützige Spi-

Im Bereich der ambu­
lanten Pflege kann man
grundsätzlich zwei
Typen von Anbietern
unterscheiden: jene
mit und jene ohne
Versorgungspflicht.

tex-Organisation, die als Monopolistin alle Nachfrager im Versorgungsgebiet behandelte. Mit dem Aufkommen privater Spitex-Anbieter und
selbständiger Pflegefachpersonen, die keiner solchen Versorgungspflicht
unterstellt sind, wurde die Monopolstellung der bisherigen Anbieter
untergraben. Es wurden zunehmend mehr Pflegebedürftige durch die
neuen Anbieter betreut und gepflegt.
In diesem Kontext ist es wenig erstaunlich, dass die beiden Organisationstypen sich gegenseitig Vorwürfe machen. Spitex-Organisationen mit
Versorgungspflicht werfen den privaten Anbietern Rosinenpicken vor,
weil sie nur Patienten mit hohem zeitlichem Tagespflege- und Betreuungsbedarf, jedoch wenig komplexen Bedürfnissen annähmen, die zuter den Spitex-Organisationen mit Versorgungspflicht Ineffizienz, wenig
Flexibilität, stetige Personalwechsel bei der Betreuung der Patienten und
fehlende Kundenorientierung vor.
Eine Studie für den Kanton ZH (Ecoplan 2014) liefert einige Fakten, die
eine Versachlichung der oft emotional geführten Diskussion erlauben
sollten. Sie zeigt, dass im Kanton ZH die Spitex-Organisationen mit Versorgungspflicht tatsächlich deutlich mehr Kurzeinsätze wahrnehmen
müssen, dass sie komplexere Pflegefälle behandeln und daher auch auf
besser qualifiziertes, teureres Personal angewiesen sind. Auch bilden sie
mehr Lehrlinge aus als Anbieter ohne Versorgungspflicht. Hingegen
stimmt es offenbar nicht, dass Anbieter ohne Versorgungspflicht kürzere
Anfahrtswege haben. Die meisten sind über die Gemeinde-, manche sogar über die Regions- oder Kantonsgrenze hinweg tätig. Das Nachtangebot ist bei Anbietern ohne Versorgungspflicht umfassender als bei den
Spitex-Organisationen mit Versorgungspflicht, während das Angebot am
Wochenende bei allen vergleichbar ist. Und schliesslich nehmen zwar die
Mitarbeiter von Spitex-Organisation mit Versorgungspflicht mehr an Weiter- und Fortbildungen teil als die Mitarbeiter der Anbieter ohne Versorgungspflicht, am meisten werden die Weiterbildungsangebote jedoch
von den selbständigen Pflegefachpersonen genutzt.
Das Beispiel des Kantons ZH zeigt, wie schwer es ist, die Zwänge der
Versorgungspflicht und ihre finanziellen Konsequenzen genau zu
beschreiben. Klar ist jedoch, dass diese Unschärfe die Gefahr birgt,
dass betriebliche Ineffizienzen als Folge der Versorgungspflicht darge­
stellt werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Kantone oder die zuständigen Gemeinden den Umfang der Versorgungspflicht möglichst genau

04 _ Finanzierung der Alterspflege109

4.5 _  Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

dem in unmittelbarer Nähe wohnten. Umgekehrt werfen private Anbie-

beschreiben und nur die daraus entstehenden spezifischen Leistungen
vergüten.
Vor diesem Hintergrund vergeben sich Kantone (wie AR, OW, VS)
oder Gemeinden (wie in den Kantonen SH, SG, SO), die Defizitgaran­

Defizitgarantien bieten
keine Anreize für
Möglichkeiten der Steuerung. Defizitgarantien bieten keine Anreize für einen schonenden
einen schonenden Umgang mit knappen Ressourcen, und sie zwingen Umgang mit knappen
nicht zu einer sauberen Unterscheidung zwischen betrieblichen Ineffizi- Ressourcen.
tien für Spitex-Organisationen mit Versorgungspflicht gewähren, einige

enzen und erhöhten Kosten aufgrund der Versorgungspflicht. Die Defi-

zitregelung des Kantons AR hat immerhin den Vorteil, dass sie nur den
Mittelwert der Aufwandüberschüsse der Organisationen mit Versorgungspflicht entschädigt.
Über ein besseres Steuerungsinstrument verfügen jene Kantone, die
(wie JU und NE, aber auch das FL) jährlich einen fixen Beitrag oder ein
Kostendach für die Erbringung der Versorgungspflicht im Voraus festlegen. Die Spitex-Organisationen erhalten damit einen finanziellen Spielraum, um Vorhalteleistungen zu finanzieren, ohne jede davon akribisch
definieren und mitteilen zu müssen. Sie müssen sich jedoch aufgrund
der begrenzten Mittel bemühen, ihre Ressourcen möglichst effizient einzusetzen.
Die Mehrheit der anderen Kantone wenden leistungsbezogene Vergütungen an, am häufigsten in Form eines Zuschlags pro Pflegestunde. Der
Kanton BE zahlt zudem einen Betrag von Fr. 14.90 pro Jahr pro Einwohner im Versorgungsgebiet

(ALBA 2014).

Im Kanton NW wird ein Tageszu-

schlag für kurze Einsätze geleistet, der sich an der Zahl der Pflegeeinsätze orientiert, die weniger als 30 Minuten dauern. Im Kanton TG werden
Zusatzfinanzierungen für palliative Einsätze gewährt, sofern die Anbieter über die nötige Zertifizierung verfügen.
Doch natürlich sind auch diese leistungsbezogenen Vergütungen keine
Garanten dafür, dass sich die unter der Versorgungspflicht angebotenen
Leistungen am «Marktpreis» orientieren. Im Kanton ZH, wo die Gemeinden für die ambulante Pflege verantwortlich sind, hat die Gesundheitsdirektion Transparenz über die Stundenkosten der Spitex-Organisationen
mit oder ohne Versorgungspflicht und der selbständigen Pflegefachpersonen geschaffen

(Ecoplan 2014).

Die Gemeinden haben damit ein Instru-

ment in der Hand, um das kantonale Kostenniveau abzuschätzen, die
Effizienz ihrer Leistungserbringer zu prüfen und ihre Leistungsverträge
allenfalls neu zu verhandeln. Im Kanton SO haben die Gemeinden
Grindel, Erschwil und Himmelried (vgl. Kapitel 2) die Versorgungspflicht ausgeschrieben. So musste einerseits der Umfang der Versorgungspflicht genau beschrieben werden, und anderseits konnte so ein lokaler Marktpreis
für diese Leistung ermittelt werden.

110

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Eingeschränkter Wettbewerb durch Finanzierungsregeln
«Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» gilt in der Alterspflege bei weitem
nicht immer. Besonders im ambulanten Bereich ist die gleiche Pflegeleistung je nach Leistungserbringer unterschiedlich viel «wert», zumindest
was die Restfinanzierung der öffentlichen Hand betrifft. Die Mehrheit
der Kantone (17) kennt je nach Rechtsform, Einzugsgebiet oder Ge­
winnorientierung der Leistungserbringer unterschiedliche Restfinanzierungsbeiträge (vgl. Tabelle 17). Zwölf Kantone wenden zwei, drei Kantone drei,
die Kantone AG und SZ sogar vier Tarife an.
In vielen Fällen sind die verschiedenen Tarife auf die Abgeltung der
Versorgungspflicht zurückzuführen. Wenn die unterschiedlichen Tarife
diese Pflicht wirklich abgelten, sind sie auch gerechtfertigt, weil eine zutung der Versorgungsleistungen, wie erläutert, transparenter.
Oft spiegeln die verschiedenen Tarife jedoch unterschiedliche Kosten­
strukturen der Leistungserbringer. Im Kanton AG wird zum Beispiel die
Grösse des Einzugsgebiets und damit der Reiseaufwand berücksichtigt,
während im Kanton NE die Einhaltung von GAV-Vorgaben eine Rolle
spielt. In unseren Interviews wurde oft darauf hingewiesen, dass die selbständigen Pflegefachpersonen weniger Overhead- und Infrastrukturkosten und deshalb auch weniger Anrecht auf eine Restfinanzierung hätten.
In vier Kantonen ist deshalb die Restfinanzierung – wenn man sie noch

Oft spiegeln die
verschiedenen Tarife
unterschiedliche
Kostenstrukturen der
Leistungserbringer.
Eine solche kosten­
basierte Argumentation
ist marktfremd und
nicht mehr zeitgemäss.

Finanzierung nennen kann – für selbständige Pflegefachpersonen auf
null Franken gesetzt.
Eine solche kostenbasierte Argumentation ist marktfremd und nicht
mehr zeitgemäss. Sie hatte vielleicht noch ihre Berechtigung, solange der
lokale Spitex-Anbieter eine Monopolstellung einnahm und seine Finanzierung allein durch öffentliche Gelder sichergestellt wurde. Doch heute
bieten auch private Spitex-Organisationen und selbständige Pflegefachpersonen ihre Dienstleistungen an, und die Pflegekosten werden neben
der öffentlichen Hand auch durch Krankenkassen und Pflegebedürftige
getragen. In einem solchen – wenn auch immer noch stark regulierten – Markt sollte sich der Preis am Wert der Leistung orientieren und
nicht an unterschiedlichen Kostenstrukturen der Anbieter.
Aus Sicht der Gepflegten spielt es keine Rolle, ob eine Pflegefachperson eine schlanke oder eine schwerfällige Administration im Rücken hat,
marktkonforme oder überhöhte Löhne erhält und ob die Erträge einen
allfälligen Gewinn ermöglichen. Massgebend ist die Qualität der erbrachten Leistung. Diese, und nur diese, sollte marktgerecht abgegolten werden. Nach diesem Prinzip sind die TARMED-Tarife konzipiert, die für
ambulante ärztliche Leistungen angewandt werden. Ob ein Hausarzt
oder ein Herzchirurg eine vornimmt, die Leistung wird überall mit gleich
vielen Taxpunkten vergütet, auch wenn mancher Arzt deutlich weniger
verdient als der andere. Warum sollte ein vielfach akzeptiertes Konzept
für Arztpraxen also nicht auch für Spitex-Organisationen gelten?

04 _ Finanzierung der Alterspflege111

4.5 _  Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

sätzliche Leistung honoriert wird. Allerdings wäre eine separate Abgel-

Tabelle 1

Gleicher	Lohn	für	gleiche	Leistung	gilt	im	ambulanten	Bereich	nicht
Die Kantone kennen bis zu vier Tarife für die gleichen Pflegeleistungen (Restfinanzierungsbeiträge für die erste Stunde Pflege, nach Abzug der maximalen
Patientenbeteiligung, wenn nur eine Pflegeleistungsart erbracht wird; die Kantone BE, BS und BL – BL ab 2016 – differenzieren ihre Tarife ab der
zweiten Stunde Pflege). Manche Unterschiede sind auf die Entschädigung der Versorgungspflicht zurückzuführen, manche spiegeln aber den Wunsch,
Kosten und nicht Leistungen zu vergüten.
Restfinanzierung im ambulanten Bereich in Fr.
(2015, nach Abzug der Beiträge der Krankenkasse und der Patientenbeteiligung, für die erste Pflegestunde)
Leistungsart nach Art. 7 KLV
Patientenbeteiligung
in % der Krankenversicherungsprämien und / oder Fr.

UnterAbklärung,
suchung,
Beratung,
Koordination Behandlung Grundpflege
AG

gde. spez.

gde. spez.

AG

15.70

21.50

gde. spez.

AG

0.00

0.00

0.00

AG

12.10

18.20

AI

36.20	

50.20

Organisationen	mit	Leistungsvereinbarung

20 % (15.95)

21.40	 Organisationen	ohne	Leistungsvereinbarung	mit	Gemeinde,	
mit dezentraler Leistungserbringung

20 % (15.95)

Organisationen	ohne	Leistungsvereinbarung	mit	Gemeinde,	
mit räumlich begrenzter Leistungserbringung

20 % (15.95)

18.60

Selbständige	Pfl	egefachpersonen

20 % (15.95)

28.50

Spitex-Organisationen	mit	Leistungsvereinbarung

10 %

(8.00)

Selbständige	Pfl	egefachpersonen

10 %

(8.00)

AI

0.00

0.00

0.00

AR

leist. spez.

leist. spez.

leist. spez.

Für	Spitex-Organisationen	(ab	voraus.	2017:	gleiche	Restfi	nanzierungsregeln	für	alle)

AR

0.00

0.00

0.00

BE

0.00 - 15.95

0.00 - 15.95

0.00 - 15.95

BL

0.00

0.00

BS

8.20

16.60

FR

0.00

0.00

0.00

FR

9.35	

7.70

6.40	 Selbständige	Pfl	egefachpersonen

0.00

Selbständige	Pfl	egefachpersonen	

8.00

Die	Patientenbeteiligung	(max.	Fr.	15.95)	hängt	vom	Einkommen	des	Patienten	ab.	
Der Kanton gleicht die Differenz aus. Zudem gilt ein Stundenzuschlag und eine
Pauschale	pro	Einwohner	für	Anbieter	mit	Versorgungspfl	icht
Jedoch	Defi	zitgarantie	für	gemeinnützige	Organisationen

17.40	 Beträge	tiefer	ab	der	zweiten	Pfl	egestunde

GE

n.a.

n.a.

n.a.

GE

0.00

0.00

0.00

GL

gde. spez.

gde. spez.

gde. spez.

Spitex-Organisationen

Einkommensabhängig
(max.	15.95)
10 %

(8.00)

10 %

(8.00)
0.00
0.00

Spitex-Organisationen

8.00

Selbständige	Pfl	egefachpersonen

8.00

Spitex-Organisationen

gde. spez.

Selbständige	Pfl	egefachpersonen

gde. spez.

GL

0.00

0.00

GR

33.70	

33.70	

33.70	 Organisationen mit kommunalem Leistungsauftrag

8.00

GR

18.90

18.90

18.90

Organisationen	ohne	kommunalen	Leistungsauftrag,	selbständige	Pfl	egefachpersonen

8.00

JU

23.40	

21.80

16.20

Für alle Leistungserbringer

0.00

gde. spez.

gde. spez.

LU

gde. spez.

0.00

8.00

Spitex-Organisationen

20 % (15.95)

LU

24.25	

18.65

19.45	 Selbständige	Pfl	egefachpersonen

NE

27.60

27.70

23.30	 Organisationen	mit	GAV	(CCT	Santé	21)	und	selbständige	Pfl	egefachpersonen

NE

0.00

0.00

NW
OW

30.25	
gde. spez.

OW
SG

13.60	
gde. spez.

SG

5.35	

17.65
gde. spez.
13.60	
gde. spez.
4.35	

0.00

17.45	 Für alle Leistungserbringer
gde. spez.

6.65

SG

9.00	-	24.95

9.00	-	24.95

9.00	-	24.95

SH

gde. spez.

gde. spez.

gde. spez.

SH

9.60

9.60

9.60

SO

gde. spez.

gde. spez.

gde. spez.

SO

0.00

0.00

0.00

112

20 % (15.95)

Spitex-Organisationen

20 % (15.95)

13.60	 Selbständige	Pfl	egefachpersonen
gde. spez.

0.00

Organisationen	ohne	GAV	(CCT	Santé	21)

20 % (15.95)

Spitex-Organisationen mit Leistungsauftrag der Gemeinde
Private	Spitex-Organisationen	ohne	Leistungsauftrag	der	Gemeinde

20 % (15.95)

Selbständige	Pfl	egefachpersonen,	je	nach	Patientenbeteiligung	
(20	%	des	Versichereranteils)

20 % (15.95)

Spitex-Organisationen mit Leistungsauftrag der Gemeinde

15.95

Übrige	Organisationen,	selbständige	Pfl	egefachpersonen

15.95

Organisationen mit Leistungsauftrag
Organisationen	ohne	Leistungsauftrag,	selbständige	Pfl	egefachpersonen

Kantonsmonitoring 7  | 2016

20 % (15.95)

Restfinanzierung im ambulanten Bereich in Fr.
(2015, nach Abzug der Beiträge der Krankenkasse und der Patientenbeteiligung, für die erste Pflegestunde)
Leistungsart nach Art. 7 KLV
Patientenbeteiligung
in % der Krankenversicherungsprämien und / oder Fr.

SZ

keine
Obergrenze

keine
Obergrenze

keine
Obergrenze

SZ

0.00

11.05

15.95

SZ

0.00

2.05

Organisationen mit Leistungsauftrag

10 %

(8.00)

Organisationen ohne Leistungsauftrag, mit Leistungsangebot im ganzen Kanton

10 %

(8.00)

13.95	 Organisationen ohne Leistungsauftrag, mit eingeschränktem Leistungsangebot

10 %

(8.00)

Selbständige	Pfl	egefachpersonen

10 %

(8.00)

Grundsätzlich	gemeindespezifi	sch,	
Empfehlung	des	Verbands	Thurgauer	Gemeinden	Fr.	6.60	/	13.30	/	17.40

10 % (15.95)

SZ

8.20

20.05

27.95

TG

gde. spez.

gde. spez.

gde. spez.
21.80

TI

53.50	

56.75

Gemeinnützige Organisationen
(Durchschnittswerte,	effektive	Werte	leistungserbringerspezifi	sch)

0.00

TI

0.00

11.70

3.65	 Private	Organisationen	
(Durchschnittswerte,	effektive	Werte	leistungserbringerspezifi	sch)

0.00

TI

0.70

15.10

UR

7.25

12.65

7.45	 Für alle Leistungserbringer

20 % (15.95)

VD

35.90	

29.45	

24.60	 Für alle Leistungserbringer

0.00

VS

30.20	

29.60

15.40	 Sozialmedizische Zentren

0.00

VS

7.20

13.60	

15.40	 Selbständige	Pfl	egefachpersonen	und	Diabetes-Vereinigung	

0.00

ZG

33.00	

23.00	

26.00

ZH

50.00

47.25	

54.75	 Organisationen	mit	kommunalem	Auftrag

8.00

ZH

0.00

23.70	

33.95	 Organisationen	ohne	kommunalen	Auftrag

8.00

ZH

29.60

34.65	

37.45	 Selbständige	Pfl	egefachpersonen

8.00

16.75

Selbständige	Pfl	egefachpersonen	
(Durchschnittswerte,	effektive	Werte	leistungserbringerspezifi	sch)

Öffentlich-rechtliche Spitex-Organisationen

gde. spez. = gemeindespezifisch, leist. spez. = leistungserbringerspezifisch
Quelle: SBK 2015, eigene Erhebungen bei den Kantonen 2015

Im Gegensatz zum ambulanten Bereich ist die Restfinanzierung im stationären Bereich in den meisten Kantonen unabhängig vom Leistungserbringer geregelt. Allerdings gibt es Ausnahmen: Im Kanton GE werden
die Restfinanzierungsbeiträge pro Pflegeheim definiert und konsolidiert
über alle Pflegestufen hinweg für ein gegebenes Jahr bestimmt. Im Kanton NE hängt die Höhe der Restfinanzierung vom Anschluss an einen
GAV ab. Unterstellt sich ein Pflegeheim dem GAV des staatlichen Personals (CCT Santé 21), ist der Restfinanzierungsbeitrag am höchsten. Unterschreibt das Pflegeheim einen anderen GAV, der tiefere Löhne als diejenigen des Staatspersonals vorsieht, sinkt die Restfinanzierung. Sie ist
dann am tiefsten, wenn kein GAV vorliegt. Der Unterschied zwischen
dem tiefsten und höchsten Beitrag ist signifikant (vgl. Tabelle 12, S. 86) und beträgt bei der höchsten Pflegestufe über 100 % (Fr. 73.80 pro Tag ohne
GAV, Fr. 154.30 pro Tag mit CCT Santé 21). Im Kanton TI wird neben
den Restfinanzierungsbeiträgen pro Pflegestufe noch eine heimspezifische Subvention gewährt. Die Subvention orientiert sich an den zu erwartenden Personalkosten, die unter Einhaltung des GAV der öffentlichen Hand anfallen würden. Die Subvention ist asymmetrisch konzipiert.
Zahlt ein Heim höhere Löhne als im GAV vorgesehen, bleibt die Subven-

04 _ Finanzierung der Alterspflege113

0.00

10 % (15.95)
4.5 _  Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

UnterAbklärung,
suchung,
Beratung,
Koordination Behandlung Grundpflege

tion identisch. Somit bestehen keine Anreize, die Personalkosten auszuweiten. Zahlt ein Heim hingegen tiefere Löhne als im GAV vorgeschrieben, wird die Subvention gekürzt. Sparanstrengungen werden somit
zunichtegemacht. In den Kantonen FR, UR und SZ sind die Restfinanzierungsbeiträge ebenfalls heimspezifisch und von der Kostenstruktur
des jeweiligen Heims abhängig. Die Kantone GE und VS gewähren nur
gemeinnützigen Institutionen Restfinanzierungsbeiträge und schliessen
damit de facto gewinnorientierte Pflegeheime aus dem Markt aus.
Die unterschiedliche Restfinanzierung je nach Lohnkosten wird oft
mit der Qualität der Pflege begründet. Doch der Lohn alleine ist keine
Garantie für gute Pflege. Wie der Grade-Mix ist auch das Lohnniveau
lediglich eine Input-Grösse, die einen Einfluss auf die Qualität haben
kann. Die effektive Qualität hingegen misst sich am Output. Zudem müssen alle Heime Mindestqualitätsvorgaben erfüllen, sonst wird ihnen die
Betriebsbewilligung entzogen bzw. gar nicht erteilt. Ist in allen Heimen
dieselbe Qualität gegeben, ist eine Differenzierung der Restfinanzierung
je nach Kostenstruktur, GAV-Gestaltung oder Gewinnorientierung auf

Die unterschiedliche
Restfinanzierung je nach
Lohnkosten wird oft
mit der Qualität der
Pflege begründet. Doch
der Lohn alleine, wie
Grade-Mix-Vorgaben, ist
keine Garantie für gute
Pflege.

der Basis des Qualitätsarguments nicht gerechtfertigt.
Wie im ambulanten Bereich hemmen also Restfinanzierungbeiträge,
die pro Leistungserbringer definiert sind, den Wettbewerb unter den
Pflegeheimen. Sie schalten Anreize für einen sparsamen Umgang mit
Ressourcen aus und behindern den Markteintritt von Anbietern, die sich
durch ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis differenzieren wollen.

Gedeckeltes Angebot im nicht-pflegerischen Bereich
Die nicht-pflegerischen Leistungen (z.B. Hauswirtschaftsdienst der
Spitex-Organisationen, Betreuung und Hotellerie in Pflegeheimen) werden durch die Patienten selbst finanziert. Wenn Patienten Leistungen
selber zahlen, könnte man vermuten, dass sich die Angebote und die dazugehörigen Preise an den Bedürfnissen der Klienten orientieren. Doch
auch im nicht-pflegerischen Bereich greifen viele Kantone in die freie
Angebots- und Preisgestaltung der Leistungserbringer ein. 2015 schränkten neun Kantone und das FL das Angebot im Hauswirtschaftsdienst
durch Tarifvorgaben ein. Ähnlich verfahren dreizehn Kantone und das
FL im Bereich Betreuung und Hotellerie bei Alters- und Pflegeheimen. |36
Sehr häufig werden für den ganzen Kanton einheitliche Tarife verlangt.
Im stationären Bereich ist dies der Fall in den Kantonen BS, FR, GR, JU,
VD und ZG. Eine solche Regelung gewährt den Patienten zwar insofern
volle Mobilität innerhalb eines Kantons, als die Klienten ihre Leistungserbringer unabhängig vom Preis wählen können. Sie lässt den Leistungserbringern aber kaum Spielraum, um sich über unterschiedliche Ange-

36	 Kantone mit Tarifvorgaben im Bereich Hauswirtschaftsdienst: GL, GE, GR, JU, NE,
NW, VS, ZG und ZH. Kantone mit Tarifvorgaben im Bereich Betreuung und Hotellerie:
AG, AR, BS, FR, GE, GR, JU, NE, SH, VD, VS, ZG und ZH.

114

Kantonsmonitoring 7  | 2016

bote zu differenzieren. Attraktive Gruppenaktivitäten für die
Heimbewohner, innovative Betreuungskonzepte, ein Zimmer mit Balkon
oder eine attraktive Lage im Stadtzentrum, all diese Leistungen müssen
mittels vorgegebener und einheitlicher Betreuungs- und Hotellerietaxen
finanziert werden. Angesichts objektiv unterschiedlicher Kostenstrukturen – ein Pflegeheim an bevorzugter Lage wird höhere Immobilienkosten haben als ein Pflegeheim in der Peripherie – gehen somit Vorteile
entlang einer Leistungsdimension fast immer auf Kosten von anderen
Attraktionen, etwa von Betreuungsaktivitäten.
Der am zweithäufigsten genannte Grund für Tarifeinschränkungen
im nicht-pflegerischen Bereich ist der Schutz vor der Quasi-Monopolsituation mancher Leistungserbringer. Alle Kantone gestatten den Pflegebedürftigen zwar volle Mobilität innerhalb des Kantons (vgl. Kapitel 2). Sind
sie mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis eines Anbieters unzufrieden, können sie einen anderen Leistungserbringer in einer anderen Gemeinde
aussuchen. Doch einerseits sind ältere Personen meist ihrem Wohnort
sehr verbunden und kaum bereit, sich weit entfernt von ihrem Wohnsitz
niederzulassen. Und anderseits bilden die hohen Investitionskosten im
le neue Pflegeheimanbieter. Dazu kommt noch eine gesetzliche Eintrittsbarriere dadurch, dass die Bettenzahl in vielen Kantonen plafoniert ist.

Hohe Investitionskosten
und plafonierte
kurrenz und stärkt ihre potenziell marktdominante Position.
Bettenzahlen bieten
Manche Kantone, wie etwa GE, haben deshalb maximale Taxen fest- bestehenden
gelegt. Im Kanton AR dürfen die Betreuungskosten maximal 20 % der Anbietern grossen
Pflegekosten ausmachen. |37 Der Kanton AG hat in seinem Pflegegesetz Schutz vor Konkurrenz.
Beides zusammen bietet bestehenden Anbietern grossen Schutz vor Kon-

(Art. 14 b) eine Regelung für ausserordentlich hohe Taxen definiert: «Bei
stationären Pflegeeinrichtungen, deren Taxen für die übrigen Kosten deutlich
vom branchen- und ortsüblichen Niveau abweichen, ohne dass dafür eine
plausible Begründung besteht, kann das zuständige Departement nach Anhörung der betroffenen stationären Pflegeeinrichtung geeignete Massnahmen anordnen.» Solche Massnahmen wurden sogar rückwirkend für Rechnungen des Jahres 2011 angeordnet.
Andere Kantone machen keine Vorgaben für die Höhe der Taxen per
se, sondern beschränken die Gewinnmöglichkeiten der Institutionen. Im
Kanton ZH dürfen Leistungserbringer mit Versorgungspflicht höchstens
Taxen verlangen, die den effektiven Kosten entsprechen (Gewinnverbot).
In eine ähnliche Richtung gehen die Kantone NE und VS mit den Pflegeheimvorgaben für nicht-pflegerische Leistungen, die für jedes Heim
spezifisch formuliert werden. Die Vorgaben orientieren sich an den reinen effektiven Kosten und schalten damit alle Sparanreize aus. Jede Senkung der Betriebskosten wird mit einer Senkung der Taxen «bestraft».

37	 Diese Regelung wurde 2016 abgeschafft.

04 _ Finanzierung der Alterspflege115

4.5 _  Finanzierungsregeln zur Steuerung des Angebots

stationären Bereich eine hohe finanzielle Eintrittsbarriere für potenziel-

Die Taxen in den Kantonen BL und SO sind im nicht-pflegerischen Bereich offen, solange die Preise oberhalb der maximalen EL-Obergrenzen
auch Leistungen entsprechen, die nur von Patienten ohne Ergänzungsleistungen bezogen werden. Somit kann eine Quersubventionierung von
EL-Bezügern durch selbstzahlende Patienten vermieden werden.

	 4.6	_	Fazit und Subranking «Finanzierung»
Fünf Beurteilungskriterien der kantonalen Finanzierungsstruktur
Das Ranking der Finanzierung der Alterspflege gliedert sich entlang
dreier Dimensionen. Erstens sollten die Beiträge der öffentlichen Hand
einer ökonomischen und nicht einer politischen Logik folgen. Die
Finanzierungsbeiträge sollten also von der Art der Leistungserbringer
(ambulant, semistationär und stationär) unabhängig sein. Zweitens sollte die fiskalische Äquivalenz, auch unter Berücksichtigung der Ergänzungsleistungen, eingehalten werden. Wer zahlt, befiehlt. Drittens sollte
die Eigenverantwortung gestärkt und die Solidarität gezielt gelebt werden, statt nach dem Giesskannenprinzip. Wir messen diese Dimensionen
anhand von fünf Kriterien, die gleich gewichtet werden und Werte zwischen 0 und 1 einnehmen können, wobei 1 die bestmögliche und 0 die
schlechteste Punktzahl ist (vgl. Tabellen 29 bis 33 im Anhang):
__Leistungserbringerneutrale Patientenbeiträge: Gemäss dem Grundsatz
«Ambulant mit stationär» sollte der Ort der Pflege aufgrund des Pflegebedürfnisses (leichte Pflege sollte ambulant, schwere Pflege stationär
behandelt werden) und nicht aufgrund politischer Erwägungen gewählt werden können. Die Patientenbeteiligung bei Pflegeleistungen
sollte deshalb für ambulante und stationäre Leistungserbringer möglichst identisch sein. 0,5 Punkte gibt es für die kleinste Differenz
(Fr. 0.– pro Tag), null Punkte für die höchste (Fr. 21.60 pro Tag). Dazwischen erfolgt die Punktevergabe linear. Zudem subventionieren
manche Kantone die Betreuungs- und Pensionsausgaben in Tagesstrukturen, während die gleichen Ausgaben durch den Patienten allein getragen werden müssen, wenn die Betreuung zu Hause oder im Pflegeheim erfolgt. Dadurch wird die Nachfrage verzerrt. Besteht eine solche
Subvention, gibt es keinen Punkt, sonst 0,5 Punkte.
__Leistungserbringerneutrale Finanzierungsbeiträge: Gleiche Leistung, gleiche Finanzierung: Nach diesem Grundsatz sollten alle Leistungs­
erbringer unabhängig von ihrer Rechtsform, Gewinnorientierung oder
Kostenstruktur entschädigt werden. Folgt ein Kanton dieser Logik bei
der Restfinanzierung von Pflegeleistungen gegenüber allen Leistungserbringern, gibt es für den ambulanten und den stationären Bereich je
0,5 Punkte, sonst keinen Punkt.
__Fiskalische Äquivalenz: Die fiskalische Äquivalenz ist der beste Garant
für einen schonenden Umgang mit Ressourcen. Wenn die gleiche Ebene
nicht nur das Angebot bestimmt, sondern auch dafür zahlt, kann die

116

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Versorgung eher der preisadjustierten Nachfrage entsprechen. Dabei
spielt es keine Rolle, ob der Kanton oder die Gemeinde diese Gesamtverantwortung trägt. Dementsprechend gibt es im ambulanten Bereich
0,2 Punkte, wenn die gleiche institutionelle Stufe (Kanton, Gemeinde)
die Tarife festlegt und die Restfinanzierung trägt. Wenn sich Gemeinde und Kantone die Finanzierung teilen, gibt es 0,1 Punkte, sonst keinen. Im stationären Bereich gibt es maximal 0,8 Punkte, wenn die gleiche Instanz (Kanton oder Gemeinde) die Pflegetarife festlegt und die
Restfinanzierung sowie die EL-Kosten trägt. Wird die Restfinanzierung
oder die Finanzierung der Ergänzungsleistungen zwischen dem Kanton und den Gemeinden aufgeteilt, gibt es je 0,2 Punkte Abzug. Ist die
Zuständigkeit für die Tarife von derjenigen für die Restfinanzierung
bzw. für die EL-Kosten unterschieden, gibt es je 0,4 Punkte Abzug. Das
stärkere Gewicht des stationären Bereichs entspricht etwa dem Anteil
der Pflegeheimkosten an den gesamten Kosten der Alterspflege.
__Höhe der Patientenbeteiligung: Die Finanzierung der Alterspflege ist primär kollektiv organisiert. 84 % der Einnahmen der Pflegeheime für
medizinische Pflegeleistungen gingen 2014 in der Schweiz zulasten der
Krankenkassen und der öffentlichen Hand. Die restlichen 16 % stammten aus den Beiträgen der Patientenbeteiligungen. Diese Beiträge sind
nach oben plafoniert, hingegen können sie die Kantone tiefer ansetzen.
Höhere Patientenbeteiligungen stärken die Eigenverantwortung und
alle kommen dagegen einer Subvention nach dem Giesskannenprinzip
gleich. Gezielter könnte man Bürger aus einfachen Verhältnissen mit
Ergänzungsleistungen unterstützen. Bei diesem Kriterium gibt es deshalb für den ambulanten Bereich 0,5 Punkte, wenn die Patientenbeteiligung das gesetzliche Maximum von Fr. 15.95 pro Tag, und 0,25 Punkte, wenn sie ein Maximum von Fr. 8.– pro Tag erreicht. Sonst gibt es
keine Punkte. Für 0,5 Punkte muss die Patientenbeteiligung im stationären Bereich auf allen Pflegestufen bei Fr. 21.60 (dem gesetzlichen
Maximum) liegen. Ist sie für gewisse Stufen tiefer, gibt es noch 0,25
Punkte. Erreicht sie auf keiner Stufe Fr. 21.60, gibt es keine Punkte.
__Gezielte EL-Zugangsregelungen: Jeder zweite Bewohner von Alters- und
Pflegeheimen kann für den Heimaufenthalt mit den eigenen finanziellen Mitteln nicht aufkommen und erhält Ergänzungsleistungen. Die
heimbedingten Mehrkosten der EL sind etwa gleich hoch wie die Beteiligung des Staates an der Restfinanzierung der Pflege. Statt vielen
(der Hälfte der Bewohner) etwas zu geben und dafür Steuern zu erheben, sollten die EL gezielter eingesetzt werden. Damit würde eine ineffiziente Umverteilung reduziert. Die Kantone können den Zugang
zu EL über zwei Stellschrauben steuern, den vorgeschriebenen Vermögensverzehr und die anrechenbaren persönlichen Auslagen. Kantone,
die erst Ergänzungsleistungen zahlen, wenn auch mit einem Vermögensverzehr von 20 % die Kosten nicht gedeckt werden können, erhal-

04 _ Finanzierung der Alterspflege117

4.6 _  Fazit und Subranking «Finanzierung»

dämpfen die Nachfrage nach Pflegeleistungen. Niedrigere Beiträge für

ten 0,5 Punkte. Kantone, die grundsätzlich 20 % anrechnen, jedoch
Sonderregelungen zum Beispiel für verheiratete Paare kennen, erhalten
0,33 Punkte. Kantone, die einen Vermögensverzehr von 10 % verlangen, bekommen 0,17 Punkte, die andern bekommen null Punkte. Weitere 0,5 Punkte erhalten jene Kantone, die für die Ausrichtung der EL
bei den persönlichen Ausgaben den kleinsten Wert vorsehen, 0 Punkte jene mit dem grössten Wert. Dazwischen erfolgt die Punktevergabe
linear.

Kanton NW an der Spitze, Kanton TI als Schlusslicht
Der Kanton NW führt das Finanzierungsranking mit 0,93 Punkten deutlich an (vgl. Tabelle 18). Er erreicht bei fast allen Kriterien Bestwerte. Nur die
Differenz zwischen der Patientenbeteiligung im stationären und im ambulanten Bereich sowie die persönlichen Auslagen bei den Ergänzungsleistungen sollten etwas tiefer sein. Der zweitplatzierte Kanton BE liegt
mit 0,71 Punkten schon deutlich zurück. Am Schluss der Rangliste stehen die Kantone FR und TI mit 0,37 bzw. 0,31 Punkten. Beide Kantone
erreichen bei den ersten beiden Kriterien der leistungserbringerneutralen
Finanzierung keinen Punkt.

118

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 1

Die	Reihung	der	Kantone	gemäss	dem	Subranking	«Finanzierung»	
Die Detailbewertung der einzelnen Rankingkriterien findet sich im Anhang.
Punktzahl
Leistungserbringerneutraler
Patientenbeitrag

Leistungserbringerneutrale
Finanzierungsregel

Fiskalische
Äquivalenz

NW

0,87

1,00

1,00

1,00

0,76

0,93

BE

0,00

1,00

0,80

1,00

0,74

0,71

UR

0,37

0,50

0,80

1,00

0,81

0,70

LU

0,87

0,00

0,80

1,00

0,79

0,69

ZG

0,88

1,00

0,50

0,50

0,50

0,68

SG

0,87

0,50

0,50

1,00

0,50

0,67

AI

0,19

0,50

1,00

0,75

0,90

0,67

AG

0,87

0,50

0,50

1,00

0,41

0,66

AR

0,69

0,50

0,40

0,75

0,90

0,65

SO

0,87

0,50

0,40

0,75

0,66

0,64

TG

0,37

0,50

0,60

0,75

0,92

0,63

GR

0,69

0,50

0,70

0,75

0,48

0,62

JU

0,00

1,00

0,80

0,50

0,76

0,61

OW

0,87

0,00

0,60

1,00

0,55

0,60

BS

0,19

1,00

0,50

0,75

0,55

0,60

VD

0,00

1,00

0,40

0,50

0,88

0,56

ZH

0,69

0,00

0,70

0,75

0,50

0,53

GE

0,50

0,00

1,00

0,25

0,84

0,52

BL

0,19

1,00

0,20

0,75

0,42

0,51

NE

0,00

0,00

1,00

0,50

0,88

0,48

SH

0,87

0,00

0,20

0,75

0,53

0,47

SZ

0,69

0,00

0,20

0,75

0,65

0,46

VS

0,00

0,50

0,40

0,25

0,79

0,39

GL

0,50

0,00

0,60

0,50

0,29

0,38

FR

0,00

0,00

0,70

0,50

0,65

0,37

TI

0,00

0,00

0,40

0,50

0,67

0,31

FL

n.a.

0,50

n.a.

n.a.

n.a.

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: eigene Berechnungen

04 _ Finanzierung der Alterspflege119

4.6 _  Fazit und Subranking «Finanzierung»

Höhe der
Gezielte
Patienten- EL-ZugangsTotal
beteiligung
regelungen (Mittelwert)

120

Kantonsmonitoring 7  | 2016

05

	 Gesamtranking
	 und Ausblick

	

5.1	_	 Ein differenziertes Bild der Alterspflege

_  122

	

5.2	_	 Bisherige Herausforderungen nur ein Vorgeschmack

_  123

			 Ein grauer Tsunami
			 Immer knappere Personalressourcen
	
		 Pflegekosten von 18 Milliarden Franken im Jahr 2030

_  123
_  124
_  126

	

_  127

	
	
	

5.3	_	 Drei Erfolgsfaktoren für die Alterspflege der Zukunft
		 Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
		 Durchlässigkeit zwischen Leistungserbringern
		 Kosteneffizienz dank Wettbewerb

_  127
_  128
_  130

	

5.4	_	 Langfristige Finanzierung mit vererbbarem Pflegekapital

_  131

	

5.5	_	 Fazit

_  134

[Untertitel]
121

	 5.1	_	Ein differenziertes Bild der Alterspflege
Die bisherigen Kapitel zu Organisations-, Kosten- und Finanzierungs­
themen sind drei Facetten der Alterspflege in den Kantonen und im
Fürstentum Liechtenstein. Diese Facetten sind nicht nur komplementär,
sondern beeinflussen sich gegenseitig. Ein grosszügig ausgebautes
Pflegeangebot führt zu hohen Kosten, die – bei plafonierten Patientenund Krankenkassenbeiträgen – zu höheren Finanzierungsanteilen der
öffentlichen Hand führen. Umgekehrt können hohe Taxen der öffentlichen Hand zu einem ineffizienten, sprich teuren Einsatz personeller Ressourcen oder zu einer Fehlsteuerung des Angebots und der Nachfrage
führen. Unser Gesamtranking (vgl. Abbildung 16) will diese drei Facetten unter
einen Hut bringen. Es besteht aus der Summe der Subrankings der
Abbildung 16

Gesamtranking: Der Kanton NW an der Spitze, der Kanton FR als Schlusslicht
Gesamtranking KM 7
NW

0,6

AI

0,5

1,0

TG

0,7

0,8

BL
GR

0,6

OW

0,6

SG

0,6

0,8

SZ

0,5

0,8

SH
ZG

0,7

VD

TI

FR

0,6
0

0,6
0,5

0,4

0,4
0,5

1

Die abgebildeten Werte der einzelnen Subrankings
sind auf eine Kommastelle gerundet.

1,71
1,68

1,50
0,3

0,5

0,2

1,78

0,4

0,7
0,7

1,80

0,5

0,4

0,5

GE

1,80

0,6

0,4

0,6

1,81

0,7

0,6

0,7

NE

1,82

0,5

0,4

0,7

1,85

0,4

0,5

0,9

GL

0,5

0,6

ZH

1,86

0,6

0,5

JU

1,87

0,6

0,8

0,7

1,92
1,91

0,7

0,6

0,6

VS

1,93

0,7

0,6

0,8

1,96

0,7

0,8

0,4

AR

1,97

0,7

0,5
0,7

0,7

UR

2,01

0,6

0,6

0,8

BE

2,05

0,6

0,7
0,8

LU

0,6

0,6

0,6

BS

2,12
2,08

0,5

0,9

0,8

SO

2,15

0,7

0,7

0,7

2,20

0,6

0,7

0,7

AG

2,26

0,9

0,8

1,49
1,40
1,38
1,5
Organisation

2
Kosten

2,5
Finanzierung

Quelle: eigene Berechnungen

122

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Kapitel 2, 3 und 4.

Alle drei Subkriterien sind dabei gleich – mit maximal ei-

nem Punkt – gewichtet.
Das Gesamtranking fördert grosse Unterschiede zu Tage. Die zwei
Extreme bilden der Kanton NW mit 2,26 Punkten (von maximal 3,0
Punkten) einerseits und der Kanton FR mit 1,38 Punkten anderseits. Vier
Kantone (NW, AI, TG und AG) weisen Werte oberhalb von 2,1 Punkten
auf (mehr als 70 % der maximalen Punktzahl). Vier Kantone (NE, TI, GE
und FR) erhalten weniger als 50 % der möglichen Punkte (Werte unterhalb von 1,5 Punkten).
Die Analyse der einzelnen Subrankings zeigt ein differenziertes Bild.
Der Kanton GE ist vor allem aufgrund des tiefen Kosten-Rankings auf
dem vorletzten Platz. Die hohen Kosten lassen sich allerdings nicht nur
mit den hohen Lebenshaltungskosten erklären (vgl. Abbildung 8, S. 52), wie der
Vergleich mit den Kantonen ZH und BS unterstreicht. Im Bereich Organisation platziert sich der Kanton GE im mittleren Feld (Rang 10), im
Bereich Finanzierung hingegen ebenfalls im hinteren Feld. Der letzte
Kanton, FR, weist zwar tiefere Kosten pro Pflegebedürftigen von 65 Jahren und mehr aus als der Kanton GE, und er erhält dadurch mehr Punkte für die Kostendimension. Er schneidet aber bei der Organisations- und
der Finanzierungsdimension schlechter ab. Dies liegt unter anderem an
dem leistungserbringerabhängigen Patientenbeitrag und an der nicht
vollständigen fiskalischen Äquivalenz im Kanton FR. Umgekehrt ermög5.2 _  Bisherige Herausforderungen nur ein Vorgeschmack

licht die konsolidierte Betrachtung aller drei Dimensionen das Hervorheben von Kantonen mit schwachen einzelnen Subrankings. So erreichen
die Kantone SG und AI trotz schlechter Klassierung in der Organisationsdimension (Rang 26 bzw. 24) immer noch das Mittelfeld bzw. den
zweiten Platz des Gesamtrankings.

	 5.2	_	Bisherige Herausforderungen
	 nur ein Vorgeschmack
Ein grauer Tsunami
Die Herausforderungen der Alterspflege, die in diesem Kantonsmonitoring dargelegt werden, stellen lediglich eine Momentaufnahme dar. Doch
die Alterung der Gesellschaft ist ein Prozess, der bereits voll im Gange
ist und dessen Dynamik sich in den kommenden zwanzig Jahren signifikant beschleunigen wird. Die Lebenserwartung steigt gemäss neuesten
Erkenntnissen (BFS 2015k, Aon und Libera 2015) weiter. Das ist zwar nicht wirklich neu, neu ist aber die Ankunft der geburtenstarken Babyboomer-Jahr­
gänge im Rentenalter. Durch ihre Pensionierung setzt ein Turbo in der
Alterung unserer Gesellschaft ein, weil einerseits deutlich mehr Einwohner das Erwerbsleben verlassen und anderseits weniger Personen im
Erwerbs­prozess nachrücken.
Gemäss den neusten Referenzszenarien des Bundesamts für Statistik

Durch die Pensionierung der Babyboomer
setzt ein Turbo in
der Alterung unserer
Gesellschaft ein, weil
deutlich mehr Einwohner das Erwerbs­
leben verlassen und
weniger Personen im
Erwerbsprozess nachrücken.

wird die Zahl der 65-Jährigen und Älteren von 2014 bis 2035 um 61 %

05 _ Gesamtranking und Ausblick123

Abbildung 

Die	Alterung	der	Gesellschaft	mit	fi	nanziellen,	aber	auch	
personellen	Konsequenzen
Nicht nur für die Finanzierung der Altersvorsorge und -pflege, die eine starke Umverteilung von Jung zu Alt voraussetzt, werden die demografi schen Änderungen Konsequenzen
haben. Auch bedeutet der Rückgang der Anzahl Aktiven pro Hochaltrigen eine Herausforderung, will man genügend Personal für die Alterspflege rekrutieren können.
Anzahl	Aktive	(20	-	64)
pro	Rentner	(65+)

Anzahl	Aktive	(20	-	64)
pro	Hochaltrigen	(80+)

3,4

12,3

Anzahl	Jungrentner	(65	-	79)
pro	Hochaltrigen	(80+)
2,6

-	45	%

2,1

-	63	%

-	46	%

2,3
7,1

1,9

1,4
4,5

2015

2035

2055

2015

2035

2055

Relevant	für	die	FinanRelevant	für	die	Durchzierung	der	Altersvorsorge	 führung	professioneller	
und	-pfl	ege
Alterspfl	ege

2015

2035

2055

Relevant	für	die	Leistung	
freiwilliger	Alterspfl	ege

Quelle: BFS 2015k, eigene Berechnungen

und diejenige der 80-Jährigen und Älteren sogar um 86 % steigen. Im
gleichen Zeitraum wird die Bevölkerungsgruppe der 20- bis 65-Jährigen
lediglich um 7 % zunehmen (BFS 2015k). Stehen heute etwa zwölf Personen
im Erwerbsalter jedem 80-Jährigen und Älteren gegenüber, werden es
2035 nur noch sieben sein (vgl. Abbildung 17).
Das Jahr 2035 mag einem zwar noch fern scheinen, es ist jedoch nur
19 Jahre entfernt. Die Rentner von morgen sind nicht nur bereits geboren, sondern stehen in der Blüte ihrer beruflichen Karriere. Die Nettoimmigration dürfte diese demografische Tendenz kaum umkehren können.
Und die Babyboomer-Generation und ihr Einfluss auf die Alters­pyramide
sind kein vorübergehendes Problem, das sich von selbst löst. Das Verhältnis der 20- bis 64-Jährigen zu den 65-Jährigen und Älteren bzw. zu den
80-Jährigen und Älteren wird auch bis 2055 gemäss den neusten Projektionen des BFS weiter sinken (vgl. Abbildung 17).

Immer knappere Personalressourcen
Die Alterung der Gesellschaft bedeutet eine Zunahme der Anzahl Senioren, die Pflege – und damit das dafür erforderliche Fachpersonal – benötigen. Gemäss einer Credit-Suisse-Studie (Christen et al. 2015) braucht es bis
2040 allein in Pflegeheimen zusätzliche 48 000 bis 71 000 Pflegevollzeitstellen. 2014 waren es 89 000 Vollzeitstellen

(BFS 2015b).

Dieser Bedarf er-

gibt sich zusätzlich zum Bedarf für den Ersatz pensionierter Mitarbeiter.

124

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Die Rekrutierung von Pflegefachpersonen wird in einer alternden Gesellschaft zunehmend schwieriger. Nimmt man die Zahl der 80-Jährigen
und Älteren als Indikator für den Pflegebedarf und setzt sie ins Verhältnis zur Bevölkerung im Erwerbsalter

(vgl. Abbildung 18),

wird klar, dass der

Anteil pflegender Fachpersonen an der Erwerbsbevölkerung massiv – nämlich um gut 70 % – zunehmen müsste, falls die gleiche Pflegeleistung pro Person erbracht werden sollte.
Diese Zuspitzung des Fachkräftemangels in der Alterspflege bis 2035
gilt zwar für die gesamte Schweiz, aber mit je nach Kanton sehr unterschiedlichen Ausprägungen (BFS 2016d). Im Kanton BS wird das Verhältnis
der 80-Jährigen und Älteren zur Zahl der Personen im Erwerbsalter «nur»
um 18 % zunehmen, weil die Zunahme der Anzahl Hochbetagter weitgehend durch eine Zunahme jüngerer Einwohner kompensiert werden
wird. In den Kantonen NE, GE, VD und ZH wird sich das genannte Verhältnis bis 2035 um 45 % bis 55 % erhöhen, was immer noch deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt liegt. Am stärksten wird die verhältnismässige Zunahme der Hochbetagten in der Zentralschweiz sein, zum
Beispiel in den Kantonen UR (+118 %), OW (+146 %) und NW (+169 %).
Die Ausbildung neuer und der Erhalt bestehender Pflegefachpersonen
werden also von grosser Wichtigkeit sein. Auch die Nutzung brachliegender Potenziale (zum Beispiel Frauen oder Senioren, die nicht oder nur
bescheiden. Gemäss einer Schätzung von Schürch und Winkler (2014)
liegt das schlummernde Potenzial von Personen mit der nötigen Ausbildung im Gesundheitssektor lediglich bei 1500 bis 3000 Vollzeitstellen.

Abbildung 

Hochbetagte	auf	dem	Vormarsch
Die Anzahl 80-Jähriger und Älterer wird im Vergleich zur aktiven Bevölkerung in den kommenden 20 Jahren signifikant steigen.
Das Verhältnis der ersten zur zweiten Gruppe wird in der Schweiz im Durchschnitt um 0 % zunehmen.
Zunahme	des	Verhältnisses	der	80-Jährigen	und	Älteren	pro	Aktiven	zwischen	2015	und	2035,	in	%
175
150
125
100
75
50
25
0
BS

NE

GE

VD

ZH

LU

SH

FR

SO

GL

BL

BE

AR

JU

TI

SG

AI

AG

VS

ZG

TG

GR

SZ

UR OW NW

CH

Quelle: : BFS 2016f, eigene Berechnungen

05 _ Gesamtranking und Ausblick125

5.2 _  Bisherige Herausforderungen nur ein Vorgeschmack

Teilzeit arbeiten) ist ein wichtiger Ansatz. Allerdings sind die Reserven

Der Immigration von qualifiziertem Personal sind Grenzen gesetzt. 2013
waren bereits 32 % der Angestellten in Spitälern, Kliniken und Pflege­
institutionen ausländischer Herkunft (Schürch und Winkler 2014). Auch in den
Nachbarländern altert die Gesellschaft, und damit steigt der eigene Bedarf an Pflegekräften. Wenn sich die Arbeitsbedingungen für qualifiziertes Personal dort verbessern, sinkt die relative Attraktivität der Schweiz.
Auch die Umsetzung der «Masseneinwanderungsinitiative» dürfte die
Immigration in die Schweiz limitieren.
Das macht es zwingend notwendig, die in den Kapiteln 2 und 3 identifizier-

Der Immigration von
qualifiziertem Personal
sind Grenzen gesetzt.
2013 waren bereits 32%
der Angestellten in
Spitälern, Kliniken und
Pflegeinstitutionen ausländischer Herkunft.

ten Synergiepotenziale zu realisieren. Da derzeit 97 % der Bevölkerung
ein Alters- und Pflegeheim innert 10 Fahrminuten erreichen können (Credit Suisse 2015),

könnte eine massvolle Konzentration der Alters- und Pflege-

heime Personalressourcen schonen, ohne dass der Komfort der Angehörigen gross darunter leidet. Auch die Qualität würde sich verbessern,
wenn die Fallzahlen pro Pflegetyp und Institution steigen würden. Im
ambulanten Bereich wird die Bedeutung intermediärer Strukturen zunehmen müssen. Polikliniken, betreutes Wohnen mit «Spitin» (hausinterne Spitex), Demenz-Wohngemeinschaften usw. sind mögliche Stichworte.

Pflegekosten von 18 Milliarden Franken im Jahr 2030
Neben der Personalrekrutierung wird die Finanzierung der Alterspflege
zunehmend zur Herausforderung. Betrugen 2014 die Gesamtkosten für
Spitex sowie Alters- und Pflegeheime 11,1 Mrd. Fr. (BSV 2015a, BSV 2015b), werden sie 2030 gemäss einer Schätzung des Gesundheitsobservatoriums
Obsan 17,8 Mrd. Fr. oder 2,8 % des BIP betragen (Weaver et al. 2008).
Der potenzielle Einfluss des medizinischen Fortschritts wurde bei diesen Projektionen berücksichtigt und mit zwei Szenarien geschätzt. Im
ersten Szenario wurde angenommen, die Zunahme der Lebenserwartung
bis 2030 gehe mit einer Zunahme der gesunden Lebensjahre einher (Kompression der Morbidität). Im zweiten Szenario wurde angenommen, die
gewonnenen Lebensjahre seien mit einer Ausdehnung der Jahre bei
schlechter Gesundheit verbunden (Expansion der Morbidität). Gemäss
diesen Szenarien würden die Ausgaben für die Langzeitpflege 2030 zwischen 16,2 und 20,0 Mrd. Fr. bzw. 2,5 % und 3,1 % des BIP variieren
(Weaver et al. 2008).

Welches Szenario für die Schweiz wahrscheinlicher ist,

ist schwer abzuschätzen. So hat sich in der Vergangenheit für die USA
die Kompressionstheorie bestätigt, für Japan hingegen nicht (Harper 2014).
Genauso bedeutend wie der medizinische Fortschritt ist der Einfluss
der Alterspflegeorganisation. In einer Untersuchung über die Konsequenzen der Substitution der freiwilligen Arbeit von Pflegeangehörigen durch
die Spitex sowie der Leistungen in Alters- und Pflegeheimen durch die
Spitex ist die Spannbreite der Schätzungen ähnlich gross wie bei jenen
zu den Folgen des medizinischen Fortschritts. Die Ausgaben würden
2030 zwischen 15,7 Mrd. Fr. und 19,1 Mrd. Fr. betragen (Weaver et al. 2008).

126

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Die von Obsan verwendeten Szenarien stützen sich auf Bevölkerungsprojektionen von 2005 (Szenario A-00-2005). Die Eidgenössische Finanzverwaltung hat 2016 aufgrund aktuellerer Bevölkerungsszenarien (A-002015) ähnliche Projektionen gewagt und die Kosten der Langzeitpflege
bis 2045 geschätzt (Brändle et al. 2016). Die Kosten der Langzeitpflege in Prozent vom Bruttoinlandprodukt (BIP) wachsen von 1,6 % 2013 auf 2,3 %
2030 bzw. 3,4 % 2045. Neben dem Referenzszenario wurden Szenarien
untersucht, die neben der Kompression der Morbidität auch den Einfluss
der Migration sowie den Lohndruck im Gesundheitssektor aufgrund der
knappen Personalressourcen berücksichtigen. Je nach Szenario bewegen
sich die Kosten der Langzeitpflege 2045 für die öffentliche Hand zwischen 1,5 % und 1,9 % des BIP, davon beinahe 90 % auf Kosten der Kan-

Selbst im optimis­
tischsten Szenario ist
bis 2045 mit einer
Verdoppelung der
staatlichen Ausgaben
für die Alterspflege
im Verhältnis zum BIP
zu rechnen.

tone und Gemeinden. Verglichen mit den 0,8 % des BIP 2013 ist selbst
im optimistischsten Szenario somit bis 2045 mit einer Verdoppelung der
staatlichen Ausgaben im Verhältnis zum BIP zu rechnen.

	 5.3	_	Drei Erfolgsfaktoren für die Alterspflege
	 der Zukunft
Die kantonal sehr unterschiedliche Nachfrage nach ambulanten und stationären Dienstleistungen sowie nach diversen Formen und Ausprägungen intermediärer Entlastungsangebote zeigt, wie schwer es ist, eine Versorgung sicherzustellen, die der lokalen Topografie und Demografie
Rechnung trägt.
Zu den Nachfragefaktoren kommen Herausforderungen auf der Angebotsseite. In einer alternden Gesellschaft wird der Bedarf an Pflegefachpersonen stark steigen. Je nach künftigem medizinischem Fortschritt
und der künftigen Aufgabenteilung zwischen Angehörigen, SpitexOrganisationen und Pflegeheimen wird sich der Fachkräftemangel mehr
oder weniger zuspitzen. Qualifiziertes Fachpersonal zu finden, wird für
alle anspruchsvoll werden, besonders für Peripherieregionen und wirtschaftsschwache Kantone. Der Bau von Infrastrukturen (Pflegeheime,
geschütztes Wohnen, Tagesstätten) benötigt zudem hohe Investitionen
und lange Vorlaufzeiten. Um diese Herausforderungen zu meistern, empfiehlt es sich für die Kantone, in ihrer Alters- und Langzeitpflegepolitik
auf drei Erfolgsfaktoren zu achten.

Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
Die Entwicklung der Nachfrage nach Alterspflegeleistungen ist selbst
mittelfristig ungewiss, wie die Projektionen von Obsan und der Eidgenössischen Finanzverwaltung gezeigt haben. Umso wichtiger ist es, Flexibilität in die Versorgungskette einzubauen, damit sich Angebot und
Nachfrage bei veränderten Verhältnissen möglichst einfach und schnell
angleichen können. Eine stark dirigistische Haltung in einem sich lau-

05 _ Gesamtranking und Ausblick127

5.3 _  Drei Erfolgsfaktoren für die Alterspflege der Zukunft

sowie den Präferenzen und finanziellen Ressourcen der Bevölkerung

fend verändernden Umfeld ist zum Scheitern verurteilt. Die langen politischen Entscheidungswege sind zu träge und können lokale Besonderheiten nur ungenügend berücksichtigen. Wie in einem Interview zu Recht
gesagt wurde, variieren selbst im kleinen Kanton Uri die Bedürfnisse der
Einwohner im hinteren Schächental stark von denjenigen im 16 Kilometer entfernten Flüelen am Vierwaldstättersee.
Eine dezentrale, möglichst marktnahe Lösung wäre am besten geeignet, die individuellen und regionalen Bedürfnisse abzudecken. Gleichzeitig birgt eine zu grosse Dezentralisierung die Gefahr, zu kleinräumig
zu handeln und Skaleneffekte und Synergien ausser Acht zu lassen. Es
braucht eine Art «goldene Mitte». Zahlreiche Kantone (GR, SH, TI und
VS) haben deshalb Versorgungs- oder Planungsregionen innerhalb des
Kantons definiert, die für die Bettenplanung oder die Organisation von
ambulanten Dienstleistungen mit Versorgungspflicht zuständig sind. Im
Kanton VD, wo Spitex-Angebote grundsätzlich zentral vom Kanton gesteuert werden, werden neu regionale Zentren gebildet (wie der Balcon
du Jura, vgl. S. 32), die ambulante und stationäre Leistungen aus einer Hand
anbieten. In anderen Kantonen (wie ZG und SG) haben sich auch «von
der Basis» her Gemeindeverbände gebildet, die einzelne Pflegeleistungen
gemeinsam organisieren.
Flexibilität ist nicht nur Sache der physischen Nähe, sondern auch des
regulatorischen Umfelds. In den Kantonen GE und NE sind die Aufgaben und die Organisation der öffentlich-rechtlichen Spitex-Dienste detailliert in eigenen Gesetzen geregelt. So sind die Zusammensetzung des
Verwaltungsrats, Bestimmungen zur Einberufung von dessen Sitzungen
und zu den nötigen Quoten sowie die Zusammensetzung der Geschäftsleitung im Gesetz definiert. Ein solcher Detaillierungsgrad auf gesetzlicher Stufe versteift die Organisation der Alterspflege, weil jede Änderung
den Durchlauf des ganzen parlamentarischen Prozesses (von der Botschaft bis zur Schlussabstimmung) bedingt. Regelungen auf Verordnungsoder Beschlussstufe sind flexibler und daher vorzuziehen. Am idealsten
sind Regelungen im Rahmen von Leistungsvereinbarungen zwischen
der öffentlichen Hand und den Leistungserbringern, die regelmässig

Flexibilität ist nicht nur
Sache der physischen
Nähe, sondern auch des
regulatorischen Umfelds. Am idealsten sind
Regelungen im Rahmen
von Leistungsverein­
barungen zwischen der
öffentlichen Hand und
den Leistungserbringern,
die regelmässig überprüft werden können.

überprüft werden können. Im Kanton ZG werden Leistungsvereinbarungen vermehrt zeitlich befristet. Diese Frist gibt dem Leistungserbringer
Planungssicherheit (Kündigungsschutz während der Vertragsdauer) und
dem Staat die Möglichkeit und auch den Auftrag, den Leistungskatalog
und die Leistungspreise regelmässig zu prüfen und allenfalls neu zu verhandeln.

Durchlässigkeit zwischen Leistungserbringern
Die Bedürfnisse der Patienten und ihrer Angehörigen sind sehr unterschiedlich und werden sich zudem mit der Zeit ändern. Umso wichtiger
wird es sein, Organisations- und Finanzierungsformen zuzulassen, die

128

Kantonsmonitoring 7  | 2016

komplementäre und innovative Angebote ermöglichen und die Durchlässigkeit zwischen den Leistungserbringern fördern.
Nach dem Grundsatz «Ambulant mit stationär» sollte die Art des Leistungserbringers einzig durch die Pflegebedürftigkeit der Betagten und
nicht durch finanzielle Anreize bestimmt werden. Leichtpflegebedürftige sollten daheim, in Tagesstrukturen oder in betreuten Wohnungen gepflegt werden, Schwerpflegebedürftige im Heim. Finanzierungsregeln,
die ambulante Dienstleister oder Tagesstrukturen grundsätzlich besserstellen als stationäre Pflegeinstitutionen, sind deshalb zu vermeiden. Die
Kantone FR, JU, NE, TI, VD und VS verlangen überhaupt keine Patientenbeteiligung für Spitex-Dienstleistungen

(vgl. Tabelle 17, S. 112).

In anderen

Nach dem Grundsatz
«Ambulant mit
stationär» sollte die Art
des Leistungserbringers
einzig durch die
Pflegebedürftigkeit der
Betagten und nicht
durch finanzielle Anreize bestimmt werden.

Kantonen beträgt der Unterschied zwischen der Patientenbeteiligung im
ambulanten und im stationären Bereich Fr. 5.65 bis Fr. 21.60 pro Tag. Nur
der Kanton GE verlangt die gleiche Patientenbeteiligung von Fr. 8.– pro
Tag für beide Bereiche. Darüber hinaus unterstützen zwölf Kantone Tagesstrukturen mit Subventionen für Betreuungs- und Hotellerieleistungen. Dadurch sind Spitex-Organisationen und Alters- und Pflegeheime
im Nachteil, weil dort die Patienten die Kosten solcher Leistungen selber
tragen müssen.
Betreutes Wohnen wird immer wichtiger und stellt ein wichtiges Angebot zwischen dem Verbleiben zu Hause und einer Heimpflege dar.
Diese intermediären Strukturen bleiben jedoch EL-Bezügern verwehrt,
weil die Miete für solche Wohnungen nicht mit Ergänzungsleistungen
ins Pflegeheim somit die einzige finanzierbare Lösung, wenn das Verbleiben zu Hause mit Hilfe der Spitex nicht mehr möglich ist. Im Gegensatz
zur Miete beim betreuten Wohnen werden nämlich die Heimtaxen mit
Ergänzungsleistungen bezahlt, obwohl aus volkswirtschaftlicher Sicht
die Pflege in einer betreuten Wohnung oft günstiger wäre (vgl. S. 95ff). Der
Kanton GR hat deshalb 2015 entschieden, zusätzliche EL-Beiträge für
den Aufenthalt in betreuten Wohnungen auszurichten, und im Kanton
JU wurde Ende 2015 eine solche Finanzierungsform in die Vernehmlassung geschickt.
Schliesslich sind Subjektfinanzierungen – also direkte Zahlungen an
die Pflegebedürftigen – den Sachleistungen für eine bestimmte Institution vorzuziehen, weil sie dem Betroffenen die Entscheidungskompetenz
für die Wahl des Leistungserbringers übertragen. Subjektfinanzierungen
fördern die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht der Pflegebedürftigen (Gächter und Filippo 2016) und beleben gleichzeitig den Wettbewerb.
Das Angebot richtet sich schneller und besser auf die Bedürfnisse der
Betroffenen aus. Das Betreuungs- und Pflegegeld in Liechtenstein
S. 107)

(vgl.

ist ein Schritt in die richtige Richtung – allerdings ist die finanziel-

le Unterstützung auf Leistungen zu Hause beschränkt; sie sollte auf solche in Tagesstrukturen erweitert werden. Ausserdem müsste man die
Höhe der Beiträge überprüfen. In der Schweiz wurde mit der Einführung

05 _ Gesamtranking und Ausblick129

5.3 _  Drei Erfolgsfaktoren für die Alterspflege der Zukunft

finanziert wird. Für Personen mit niedrigen Einkommen ist der Eintritt

des Assistenzbeitrags in der IV ein ähnliches Instrument geschaffen (Gächter und Filippo 2016). Ein Konzept, Betreuungsgutscheine für die Langzeitpfle-

ge anzubieten, wie es die Stadt Luzern analog zur Kinderbetreuung ausarbeitet, ist ebenfalls zu begrüssen.

Kosteneffizienz dank Wettbewerb
Das in dieser Studie abgeschätzte jährliche Sparpotenzial von mindestens
1,9 Mrd. Fr. und die demografiebedingt erwartete starke Zunahme von
Pflegebedürftigen machen es deutlich: Die Alterspflege muss pro geleistete Stunde günstiger werden. Die beschriebenen Massnahmen zur Flexibilisierung des Angebots und zur erhöhten Durchlässigkeit zwischen
den Leistungserbringern werden die Optimierung der gesamten Versorgungskette unterstützen. Die Effizienzsteigerung der einzelnen Leistungserbringer ist dabei ebenfalls wichtig.
Im ambulanten Bereich ist vor allem die Abgeltung der Versorgungspflicht zu überprüfen. Im Kanton SO haben mehrere Gemeinden Leistungsaufträge mit Versorgungspflicht ausgeschrieben und neuen Anbietern zugeteilt. Eine Ausschreibung zwingt die öffentliche Hand, den
Umfang der Versorgungspflicht genau zu beschreiben, und ermöglicht
es, einen lokalen, marktgerechten Preis dafür zu bestimmen. Ist eine

Im ambulanten Bereich
sollten Leistungsaufträge
mit Versorgungspflicht
ausgeschrieben und
allenfalls neuen Anbietern zugeteilt werden.

Ausschreibung nicht möglich, sollte zumindest die finanzielle Abgeltung
der Versorgungspflicht transparent und separat geregelt werden, Defizitgarantien sind zu vermeiden. Die Finanzierung der Versorgungspflicht
im Kanton BE mit einer Jahrespauschale pro Einwohner und einem Zuschlag pro Pflegestunde ist ein interessanter Ansatz.
Im ambulanten wie im stationären Bereich der Alterspflege muss sich
die Restfinanzierung der öffentlichen Hand allein an den erbrachten Leistungen orientieren. So entsteht in einem regulierten Markt am ehesten
Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern und wird die Entwicklung
neuer, preiswerter Angebote gefördert. In Arztpraxen (TARMED) ist das
heute schon der Fall. Anders in der Alterspflege: Viele Kantone leisten
unterschiedliche Beiträge für Spitex-Organisationen und selbständige Pflegefachpersonen (z.B. AI, AR, GE, GL). Im stationären Bereich werden im
Kanton NE unterschiedliche Restfinanzierungsbeiträge je nach Einhaltung eines Gesamtarbeitsvertrags ausgerichtet. Die Kantone GE und VS
gewähren Restfinanzierungsbeiträge nur gemeinnützigen Institutionen.
In den Kantonen FR, SZ, TI und UR hängt die Höhe der Unterstützung
von der Kostenstruktur der einzelnen Heime ab. Solche kostenbasierten
Regelungen eliminieren jegliche Anreize für eine effiziente Leistungserbringung: Reduziert der Leistungserbringer seine Kosten, sinkt die finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand.
Eine leistungs- statt kostenbasierte Finanzierung setzt allerdings die
Definition von klar messbaren Qualitätsvorgaben voraus. Die Kantone
haben zwar eigene Kriterien für die Bewertung der Leistungserbringer
definiert, doch deren Auswertung wird in keinem Kanton veröffentlicht.

130

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Der Wettbewerb zwischen den Anbietern kann aber nur funktionieren,
wenn die «Kunden» die Qualität der Leistungserbringer beurteilen können. Dabei wäre es wichtig, Qualität anhand von «Output»-Grössen zu
bewerten. Die heutigen Qualitätskriterien der Kantone beziehen sich
hingegen primär auf «Input»-Grössen wie die Einhaltung von Lohnskalen, Gesamtarbeitsverträgen oder Grade-Mix-Vorgaben. Allein die Tatsache, dass die «Input»-Vorgaben zwischen den Kantonen stark variieren – alle im Namen der Qualität –, beweist, dass solche Vorgaben für
die Qualitätssicherung kaum geeignet sind. Grade-Mix-Anforderungen
haben zudem nur einen geringen Einfluss auf den effektiven Grade-Mix
des Personals (vgl. Abbildung 11, S. 65). So machen die Kantone AI, LU, OW, SH
und ZG keine Vorgabe, zählen jedoch trotzdem zu den Kantonen mit
dem höchsten Anteil an Personal mit Tertiärausbildung.

	 5.4	_	Langfristige Finanzierung mit
	 vererbbarem Pflegekapital
Mindestens 86 % der Ausgaben für die medizinische Pflege im engeren
Sinne bzw. 55 % der Ausgaben für die Alterspflege inkl. Betreuung
oder mit Steuermitteln finanziert

(vgl. Tabelle 14, S. 90).

Diese kollektiven

Finan­zierungen ruhen primär auf den Schultern jüngerer Generationen,
und sie werden aufgrund der Alterung der Gesellschaft arg unter
Druck geraten.
Die Krankenkassenprämien sind im Wesentlichen als Kopfprämien
konzipiert. Auf den ersten Blick findet kein Transfer zwischen Aktiven
und Rentnern statt, sondern nur zwischen Gesunden und Kranken. Da
jedoch der grösste Teil der Gesundheitskosten in den letzten zwei Jah-

Die kollektiven Finanzierungen der Alterspflege
ruhen primär auf
den Schultern jüngerer
Generationen, und sie
werden aufgrund der
Alterung der Gesellschaft
arg unter Druck geraten.

ren vor dem Tod und somit meist im hohen Alter anfällt, führt das Kopfprämiensystem de facto zu einer Quersubventionierung der Betagten
durch die Jungen. Gemäss einer Studie der Universität St. Gallen (Eling
2013) flossen 2010

in der Krankenversicherung 6 Mrd. Fr. von Jung zu Alt.

2030 wird dieser Zahlungstransfer bereits 20,3 Mrd. Fr. betragen; das ist
eine Zunahme um 240 %. Auch bei den Steuermitteln (für die Restfinanzierung der Pflege und für die Finanzierung der Ergänzungsleistungen) fliesst ein beträchtlicher Teil von Jung zu Alt. Eine Analyse des
Steueramts des Kantons Zürich zeigt, dass 73 % der kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern von Steuerzahlern unter 65 Jahren geleistet werden. Berücksichtigt man alle Bürger bis 80 Jahre steigt der Wert
sogar auf 92 % (Perrez 2012, eigene Berechnungen). Die oben beschriebene Alterung der Gesellschaft und die damit verbundenen Kostenzunahmen in
der Alterspflege werden ceteris paribus zu einer signifikanten Zusatz­
belastung der aktiven Generation führen, via erhöhte Krankenkassenprämien und erhöhte Steuern. Neue Finanzierungsmodelle drängen sich
daher auf.

05 _ Gesamtranking und Ausblick131

5.4 _  Langfristige Finanzierung mit vererbbarem Pflegekapital

und Hotellerie wurden 2014 kollektiv mit Beiträgen der Krankenkassen

Oft wird in diesem Zusammenhang die Bildung einer neuen Sozialversicherung vorgeschlagen. Eine solche neue Sozialversicherung wäre im
Umlageverfahren finanziert, das heisst, die Pflegeausgaben eines bestimmten Jahres würden durch die Versicherungsbeiträge des gleichen
Jahres finanziert (analog zur AHV). Der Vorteil einer solchen Lösung
wäre, dass Pflegeleistungen neu nur noch von einer Finanzierungsinstitution bezahlt würden. Dies würde die Anzahl Schnittstellen für die Patienten und die Leistungserbringer reduzieren. Der Nachteil ist allerdings,
dass diese neue Finanzierungsform keine Anreize für einen schonenden
Umgang mit den Ressourcen setzen würde. Im Gegenteil bestünde eher
die Gefahr, «dass privates Sparen für die Langzeitpflege explizit nicht mehr
notwendig wäre und wohl weiter reduziert würde» (Trottmann et al. 2016). Mit ei-

Mit einer Finanzierung
im Umlageverfahren
würde sich die Problematik des Transfers zwischen den Generationen
verschärfen.

ner Finanzierung im Umlageverfahren würde sich somit die Problematik
des Transfers zwischen den Generationen verschärfen.
Box 2

Eckwerte eines Pflegekapitals
Finanzierung: Jeder Versicherte kumuliert seine einbezahlten Prämien, die er im Pflegefall
verwenden kann, auf einem individuellen Konto. Es findet keine Umverteilung statt. Im
Todesfall können die nicht verwendeten Ersparnisse vererbt werden. Damit wird indirekt das
Engagement der Familienmitglieder, die durch ihre Pflegetätigkeit die Pflegekosten niedrig
halten, honoriert. Die Prämienhöhe müsste so ausgelegt werden, dass sie die Finanzierung
eines durchschnittlichen Heimaufenthaltes sichern kann.
Leistungsberechtigte: Die angesparten Gelder können nur bezogen werden, wenn die Senioren einen hohen, ärztlich festgelegten Pflegebedarf, zum Beispiel mindestens 60 Minuten
Pflege pro Tag, nachweisen können. Leistungen können ambulant (Spitex), semistationär
(z.B. Tagesstrukturen) oder stationär in Pflegeheimen erbracht werden.
Versicherungspflicht: Die Versicherung ist als Obligatorium konzipiert. Die Versicherungspflicht beginnt erst im fortgeschrittenen Alter, zum Beispiel mit 55 Jahren und dauert bis
zum durchschnittlichen Alter des Heimeintritts (84,6 Jahre im Jahr 2013). Damit werden
junge Personen und Familien gezielt entlastet.
Leistungsumfang: Die Versicherung deckt sowohl Pflege- als auch Betreuungsleistungen,
die mittels Pauschale pro Pflegestufe abgegolten werden. Dank der Kombination von Pflegeund Betreuungsleistungen entfällt der Bedarf einer akribischen Leistungserfassung für die
Krankenkassen. Damit wird qualifiziertes Pflegepersonal von administrativen Tätigkeiten
entlastet und kann mehr Zeit mit den Patienten verbringen. Die Kosten für die Hotellerie
werden bewusst nicht eingerechnet, um keine Anreize für Essensdienste oder Heimeintritte
zu schaffen.
Organisation: Die Verwaltung sollte dezentral erfolgen, damit einerseits Wettbewerb entsteht und Innovation und Effizienz gefördert werden und anderseits die Anlagerisiken
auf verschiedene Institutionen verteilt werden. Bestehende Organisationen wie Kranken­
kassen oder Pensionskassen könnten dafür in Frage kommen. Sie besitzen die nötige
Infrastruktur und das Know-how für das Prämieninkasso, die Leistungsabrechnung und
die Vermögensverwaltung. Denkbar wäre aber auch die Schaffung neuer Gesellschaften,
die sich im Rahmen einer Lizenzvergabe für diese Aufgabe bewerben müssten.
Quelle: Cosandey 2014, Dutoit et al. 2016

 

132

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Avenir Suisse schlägt deshalb seit einiger Zeit die Bildung eines obligatorischen, individuellen Pflegekapitals vor

(Cosandey 2014).

Die angesparten

Mittel sind im Pflegefall für alle Leistungen einsetzbar, ob Pflege oder
Betreuung, ob zu Hause oder im Heim, je nach Präferenz. Es handelt
sich um eine Geldleistung, die dem Patienten die Autonomie über seine
Ausgaben gewährt.
Mit dem Pflegekapital wäre wie mit einer neuen Pflegeversicherung
im Umlageverfahren alles aus einer Hand finanziert. Gerade angesichts
der zunehmenden Bedeutung von Demenzkrankheiten ist die Abschaffung der unterschiedlichen Finanzierung für Betreuung und Pflege wichtig. Das Pflegepersonal müsste nicht mehr akribisch notieren, was von
wem bezahlt wird, und könnte sich vermehrt den Patienten widmen. Im
Gegensatz zu einer neuen Sozialversicherung im Umlageverfahren handelt es sich hier hingegen nicht um eine zentrale, anonyme Umverteilungsmaschine, nein, hier spart jeder auf seinem Konto Gelder an, die er
für die eigene Alterspflege brauchen kann. Die nicht verwendeten Ersparnisse werden im Todesfall vererbt. So wird die Unterstützung der Ange-

Mit dem Pflegekapital
wäre alles aus einer
Hand finanziert. Gerade
angesichts der zunehmenden Bedeutung von
Demenzkrankheiten
ist die Abschaffung der
unterschiedlichen
Finanzierung für Betreuung und Pflege wichtig.

hörigen honoriert, ein Ansporn zum schonenden Umgang mit Ressourcen gesetzt und die Eigenverantwortung gestärkt.
Das angestrebte Pflegekapital sollte die durchschnittlichen Pflege- und
Betreuungskosten (ohne Hotellerie und ohne Patientenbeteiligung) in
einem Pflegeheim decken können. 2014 waren das ca. 135 000 Fr. Beginnt
die Sparpflicht im Alter von 55 Jahren und dauert sie bis zum durchschnittlichen Eintrittsalter ins Pflegeheim, resultiert eine monatliche
Dies mag auf den ersten Blick hoch erscheinen. Allerdings darf diese Zahl
nicht mit dem Status quo verglichen werden, sondern muss den zu erwartenden Erhöhungen der Krankenkassenprämien und der Steuern gegenübergestellt werden. Eine zusätzliche Zwangsfinanzierung wird also
so oder so erfolgen: im Falle des Durchwurstelns oder mit der Schaffung
einer neuen Sozialversicherung über intransparente Umverteilungen,
beim Pflegekapital über die Pflicht zur Eigenvorsorge.
Heute werden etwa 70 % der vorgeschlagenen Monatsprämien des
Pflegekapitals über andere Kanäle finanziert, die entsprechend angepasst
werden müssen. Die öffentliche Hand übernimmt heute die Restfinanzierung der Pflegekosten sowie die Patientenbeteiligung und die Betreuungskosten der EL-Bezüger. Diese Kosten würden nun durch die Personen ab dem Alter 55 direkt getragen – es sind nach unseren Schätzungen
45 Fr. vor bzw. 70 Fr. pro Monat nach Berücksichtigung der EL-Ausgaben.
Entsprechend müssten die Steuern für diese natürlichen Personen sinken – am besten durch eine Reduktion des Steuerfusses. Da es der Politik
oft schwerfällt, hinfällige Ausgaben in Form einer nachhaltigen Steuerreduktion zu kompensieren, wäre eine Abziehbarkeit der Altersvorsorgeprämie als Zweitbestlösung denkbar.

05 _ Gesamtranking und Ausblick133

5.4 _  Langfristige Finanzierung mit vererbbarem Pflegekapital

Prämie von 235 bis 255 Fr., je nach Zinsannahmen (2,5 % oder 3,0 %).

Ferner sind heute auch ca. 30 Fr. der monatlichen Krankenkassenprämien der Erwachsenen durch Kosten der Alterspflege bedingt. Im Umfang
dieses Betrags wäre die Einführung des Vorsparens jedenfalls kostenneutral, weil die Krankenkassenprämien im gleichen Umfang gesenkt werden müssten. Diese Reduktion der Krankenkassenprämien käme vor
allem jüngeren Personen und Familien zugute. Heute sind vier von fünf
Personen, die auf eine staatliche individuelle Prämienverbilligung angewiesen sind, jünger als 55 Jahre.
2014 betrugen die gesamten Ausgaben für Betreuungsleistungen (bei
der Spitex und in Pflegeheimen) für die 55-Jährigen und Älteren ca. 55 Fr.
pro Monat. Diese Leistungen werden heute dem einzelnen Patienten verrechnet. Neu würden auch sie durch das Pflegekapital abgedeckt.
Das Modell sieht auch solidarische Elemente vor: Kann eine Person
die Prämie nicht zahlen, soll der Staat, analog zur heutigen Regelung für
Krankenkassenprämien, den Bürger entlasten. Reicht das angesparte Pflegekapital nicht aus, müssten die Ausgaben wie heute durch private Mittel oder Ergänzungsleistungen gedeckt werden. Damit bleibt ein soziales
Auffangnetz bestehen. Der Staat kommt jedoch nur subsidiär statt mit
der Giesskanne zum Zug.

	 5.5	_	Fazit
Das Kantonsmonitoring von Avenir Suisse zeigt die grossen kantonalen
Unterschiede in der Organisation, den Kosten und der Finanzierung der
Alterspflege in der Schweiz und im benachbarten Fürstentum Liechtenstein auf. Durch diese Auslegeordnung werden alte «Binsenweisheiten»
zum Teil bestätigt, andere über Bord geworfen oder zumindest in einem
neuen Licht dargestellt.
So spiegelt der Ansatz «Ambulant vor stationär» zwar den Geist der
Stunde und entspricht dem Wunsch vieler Bürger. Als Orientierungshilfe für die Versorgungsplanung greift dieses Leitmotiv jedoch deutlich
zu kurz. Die Versorgung in Kantonen mit mehr Personal in der ambulanten Pflege ist weder besser (gemessen am Personal pro Pflegebedürftigen insgesamt) noch notwendigerweise günstiger als in den anderen

«Ambulant vor
stationär» greift als
Orientierungshilfe
für die Versorgungs­
planung deutlich
zu kurz.

Kantonen.
Bei der Analyse der Kostentreiber sind die Lohnkosten in einer personalintensiven Branche wie der Pflege massgebend. Die Höhe der Lohnkosten liegt aber primär in der Hand der Sozialpartner und kann kaum
durch externe Faktoren wie die Lebenshaltungskosten erklärt werden.
Neben den Lohnkosten spielen die Betreuungsverhältnisse eine wichtige
Rolle. Tiefe Löhne helfen wenig, wenn das Personal nicht effizient eingesetzt wird. Auch hier sind die kantonalen Unterschiede gross. Die Kantone haben als Regulierer und als Arbeitgeber ebenso wie die privaten
Leistungserbringer wichtige Hebel in der Hand, um ihre Kosten zu beeinflussen.

134

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Das Einsparpotenzial bei Personal- und Sachkosten ist beträchtlich. Es
beträgt jährlich fast zwei Milliarden Franken, «nur schon» wenn alle
Kantone auf das Niveau des Schweizer Durchschnitts gehoben würden.
Die Realisierung dieser Einsparungen ist wichtig, einerseits für die Betagten, weil die Pflegekosten rasch die gesamten Ersparnisse der privaten
Haushalte verzehren können, und anderseits für die öffentliche Hand,
weil die steigenden Pflegekosten andere wichtige Budgetpositionen wie
Bildung, Infrastrukturen oder andere Sozialausgaben verdrängen.
Bei diesen Anstrengungen darf die Qualität der Dienstleistungen nicht
ausser Acht gelassen werden. Bedauerlicherweise findet eine Messung der
Qualität des Outputs nur selten und deren Veröffentlichung so gut wie
nie statt. Will man die Alterspflege in finanzieller und qualitativer Hinsicht auf Basis einer sachlichen Diskussion optimieren, sind hier Verbesserungen in allen Kantonen nötig.
Die kantonal unterschiedlichen Finanzierungsregeln bedeuten nicht
nur unterschiedliche Kostenverteilungsmechanismen zwischen den Patienten, den Krankenkassen und dem Staat. Sie beeinflussen auch die
Entwicklung des Pflegeangebots. Finanzierungsbeiträge der öffentlichen
Hand, die Leistungen aller Leistungserbringer einheitlich honorieren,
beleben den Wettbewerb. Damit fördern sie die Entstehung von Ange-

Kostenbasierte
Finanzierungsbeiträge
schneller anpassen. Umgekehrt festigen Finanzierungsbeiträge, die sich festigen ineffiziente
an den Kostenstrukturen der Leistungserbringer orientieren, überholte Strukturen.

boten, die sich den laufend verändernden Bedürfnissen der Bevölkerung

und inneffiziente Strukturen.

In einer alternden Gesellschaft sind alle Akteure, Individuen, Sozialpartner, Verbände, die Politik, Pflegebedürftige, Angehörige und professionelle Leistungserbringer, aber vor allem die Kantone und Gemeinden
gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, um einen möglichst effizienten Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen in der
Alterspflege zu sichern. Die Orientierung an den hier dargestellten kantonalen Massstäben, in organisatorischer und finanzieller Hinsicht, ist
nicht nur eine Kür. Im Hinblick auf die künftigen demografischen Her-

5.5 _  Fazit

ausforderungen ist sie eine Pflicht.

05 _ Gesamtranking und Ausblick135

136

Kantonsmonitoring 7  | 2016

			
	
	
	

Anhang

		 Beträchtliches Sparpotenzial in der Alterspflege
		 Detailbewertung der Rankingkriterien
		 Lohnkosten im interkantonalen Vergleich

_  138
_  138
_  141
_  154

			

Abkürzungsverzeichnis

_  155

			

Index

_  157

			

Literatur

_  159

[Untertitel]
137

Anhang

		Beträchtliches Sparpotenzial in der Alterspflege
Das Sparpotenzial in der Alterspflege wurde anhand von zwei Benchmarks
ermittelt: dem Durchschnitt aller 26 Kantone (vgl. Tabelle 19) und dem Durchschnitt der Top-10-Kantone pro Kostentreiber (vgl. Tabelle 20). Es wurden innerhalb eines Szenarios individuelle Benchmarks für die drei Kostentreiber «Gesamtkosten pro Vollzeitstelle», «Betreuungsverhältnis» und
«Quote der Inanspruchnahme» sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich ermittelt. Es wurde der Ansatz «Von den Besten lernen»
verfolgt. Das heisst: Es wurden für jeden Kanton die Kostentreiber auf
das Niveau des Benchmarks gesetzt, es sei denn, der Kanton weist bereits
bessere Werte als der Benchmark aus.
In einem ersten Schritt wird die Anzahl der effektiv zu pflegenden
Personen aufgrund der Quote der Inanspruchnahme, je für den ambulanten und für den stationären Bereich, gemäss Benchmark ermittelt. Im
ambulanten Bereich bezieht sich der Benchmark auf die Anzahl der Patienten in Langzeitpflege. Um die Gesamtkosten der Spitex-Organisationen abzuschätzen, ist jedoch die Gesamtanzahl Patienten inklusive Akutund Übergangspflege, Hauswirtschafts- und Mahlzeitendiensten nötig.
Diese Gesamtzahl wird mit Hilfe des durchschnittlichen Schweizer Verhältnisses aller Spitex-Patienten zu Langzeitpatienten geschätzt.
In einem zweiten Schritt wird der Pflegeaufwand für die ermittelten
gepflegten Personen geschätzt. Dabei wird der durchschnittliche Pflegeaufwand pro Stunde in der Schweiz – je im ambulanten und stationären
Bereich – verwendet und mit der Anzahl gepflegter Personen multipliziert. Verwendet wird der durchschnittliche Schweizer Pflegeaufwand
und nicht der Pflegeaufwand gemäss Benchmark. Damit soll vermieden
werden, dass der Pflegeaufwand von Kantonen, die viele leichtpflegebedürftige Patienten im stationären Bereich haben, als Benchmark für Kantone gilt, die wenige, aber dafür schwerpflegebedürftige Patienten haben.
In einem dritten Schritt wird aufgrund des Pflegeaufwands das nötige
Pflegepersonal in Vollzeitäquivalenten errechnet. Dafür wird je für den
ambulanten und den stationären Bereich das Betreuungsverhältnis
(VZÄ / Stunde) des Benchmarks angewandt.
Im vierten und letzten Schritt werden die Kosten der Alterspflege ermittelt, indem die Anzahl Vollzeitäquivalente im ambulanten wie im
stationären Bereich mit den entsprechenden Gesamtkosten pro Vollzeit­
äquivalent des Benchmarks multipliziert wird. Die Summe beider Grös­
sen bildet die Gesamtkosten der Alterspflege gemäss Benchmark.

138

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Das Sparpotenzial pro Kanton wird als Differenz zwischen den Kosten
der Alterspflege 2014 und denjenigen gemäss Benchmark definiert. Das
Sparpotenzial für die ganze Schweiz wird als Summe der kantonalen
Sparpotenziale berechnet. Trotz Angleichung an den Benchmark kann
es vorkommen, dass das kantonale Einsparungspotenzial negativ ist. Dies
ist darauf zurückzuführen, dass der durchschnittliche Schweizer Pflegeaufwand für alle Kantone angewendet wird, auch dort, wo der Aufwand
pro Patient 2014 sonst geringer war.
Tabelle 19

Sparpotenzial gemäss Benchmark «Durchschnitt aller 26 Kantone»
Gesamtkosten
gemäss
Benchmark
in Mio. Fr.
AG

Gesamtkosten
ohne
Benchmark
in Mio. Fr.

Einsparung
absolut
in Mio. Fr.
	-44	

Einsparungen
pro 65+
in Fr.

Einsparungen
pro 65+
in %

	695	

	651	

	-405	

-7

AI

17

	15	

AR

	70	

	96	

	-2	

	-678	

-13

	26	

	2	628	

27

BE

	1	473	

	1	607	

	134	

	668	

8

BL

311

	387	

	76	

	1	292	

20

BS

	329	

	366	

37

	946	

10

FR

	304	

	351	

	47	

	1	041	

13

GE

	296	

	744	

	449	

	5	696	

60

GL

	50	

	52	

3

	386	

6

GR

	253	

	271	

	18	

	457	

6

JU

	55	

	96	

	41	

	2	890	

43

LU

	447	

	529	

	82	

	1	236	

16

NE

199

	306	

	107	

	3	281	

35

NW

	40	

	45	

	5	

	656	

11

OW

	36	

	44	

	8	

	1	209	

17

SG

	581	

	566	

	-14	

	-169	

-3

SH

113

	142	

	30	

	1	857	

21

SO

	283	

	305	

	22	

	445	

7

SZ

	157	

179

	21	

	854	

12

TG

	281	

	284	

3

	72	

1

TI

397

	473	

77

	1	016	

16

UR

	45	

	54	

9

	1	292	

16

VD

	696	

931

	234	

	1	895	

25

VS

	253	

	335	

	81	

	1	330	

24

ZG

	129	

139

9

	486	

7

ZH

	1	743	

	2	166	

	423	

	1	740	

20

CH

9 251

11 134

1 883

1285

17

Anhang

Quelle: eigene Berechnungen

Anhang139

Tabelle 20

Sparpotenzial gemäss Benchmark «Durchschnitt der Top-10-Kantone»
Gesamtkosten
gemäss
Benchmark
in Mio. Fr.

Gesamtkosten
ohne
Benchmark
in Mio. Fr.

AG

	453	

	651	

AI

13

	15	

Einsparung
absolut
in Mio. Fr.
199

Einsparungen
pro 65+
in Fr.

Einsparungen
pro 65+
in %

	1	849	

30

	2	

	604	

12

AR

	47	

	96	

	50	

	4	927	

51

BE

	946	

	1	607	

	661	

	3	284	

41

BL

	238	

	387	

	149	

	2	526	

38

BS

	216	

	366	

	151	

	3	873	

41

FR

	192	

	351	

	159	

	3	541	

45

GE

	236	

	744	

	508	

	6	447	

68

GL

	35	

	52	

	18	

	2	384	

34

GR

171

	271	

99

	2	585	

37

JU

	46	

	96	

	50	

	3	482	

52

LU

	306	

	529	

	223	

	3	366	

42

NE

	140	

	306	

	166	

	5	098	

54

NW

	32	

	45	

13

	1	725	

30

OW

	26	

	44	

	18	

	2	818	

41

SG

	382	

	566	

	184	

	2	163	

33

SH

	76	

	142	

	67	

	4	161	

47

SO

	223	

	305	

	83	

	1	668	

27

SZ

	106	

179

73

	2	897	

41

TG

	190	

	284	

	94	

	2	173	

33

TI

	338	

	473	

	135	

	1	787	

29

UR

31

	54	

	23	

	3	365	

43

VD

	531	

931

	400	

	3	233	

43

VS

	222	

	335	

	112	

	1	835	

34

ZG

	81	

	58	

	2	994	

42

ZH

	1	103	

	2	166	

139

	1	063	

	4	370	

49

CH

6 377

11 134

4 757

3 246

43

Quelle: eigene Berechnungen

140

Kantonsmonitoring 7  | 2016

		Detailbewertung der Rankingkriterien
Organisationsranking
Tabelle 21

Ranking-Kriterium: Pflegepersonal pro pflegebedürftigen Einwohner
Punktevergabe: Die Spannbreite zwischen dem Maximalwert von 1,04 VZÄ pro pflegebedürftigen Einwohner (AR) und dem Minimalwert von 0,56 VZÄ pro pflegebedürftigen Einwohner (AI) wurde in vier gleich grosse Abschnitte unterteilt. Kantone im untersten Abschnitt erhalten keinen Punkt, diejenigen im zweiten und im obersten Abschnitt 0,5 Punkte.
Einen ganzen Punkt gibt es für Kantone mit einer leicht überdurchschnittlichen Personaldotation (dritter Abschnitt).
Vollzeitstellen pro pflegebedürftigen Einwohner

Punkte

AR

1,04

0,50

SH

0,97

0,50

FR

0,94

0,50

LU

0,93

0,50

OW

0,93

0,50

NE

0,91

1,00

UR

0,90

1,00

VD

0,88

1,00

ZH

0,88

1,00

BE

0,88

1,00

SZ

0,87

1,00

ZG

0,86

1,00

GR

0,84

1,00

GL

0,81

1,00

TG

0,81

1,00

BS

0,79

0,50

TI

0,77

0,50

GE

0,77

0,50

SG

0,77

0,50

NW

0,77

0,50

JU

0,75

0,50

AG

0,75

0,50

SO

0,72

0,50

BL

0,70

0,50

VS

0,69

0,50

AI

0,56

0,00

FL

0,87

1,00

Anhang

Quelle: eigene Berechnung basierend auf BFS (2015a), BFS (2015b) und Höpflinger et al. (2011)

Anhang141

Tabelle 22

Ranking-Kriterium: Durchschnittliche zeitliche Erreichbarkeit des nächsten
Alters- und Pflegeheims
Punktevergabe: Kantone, in denen 100 % der Bevölkerung innerhalb von zehn Minuten
das nächste Alters- und Pflegeheim erreichen (höchster Wert), bekommen einen Punkt.
Der Kanton, bei dem dies nur für 80 % der Fall ist (tiefster Wert), bekommt keinen Punkt.
Dazwischen erfolgt die Punktevergabe linear.
% der Bevölkerung innerhalb 10 Auto-Fahrminuten

Punkte

BS

100

1,0

GE

100

1,0

ZH

100

1,0

AR

100

1,0

ZG

100

1,0

BL

99

0,9

NE

99

0,9

SG

99

0,9

AG

99

0,9

LU

99

0,9

SH

98

0,9

BE

98

0,9

AI

98

0,9

OW

98

0,9

TG

97

0,9

GL

97

0,9

SO

97

0,9

FR

97

0,8

SZ

96

0,8

VD

95

0,8

TI

95

0,7

NW

93

0,7

UR

89

0,4

VS

86

0,3

GR

85

0,3

JU

80

0,0

FL

100

1,0

Quelle: Credit Suisse (2015)

142

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 23

Ranking-Kriterium: Marktzugang für alle Leistungserbringer
Punktevergabe: Es wird geprüft, ob für alle Leistungserbringer die gleichen Personalvorgaben, Rechnungslegungsvorschriften und Leistungskataloge für das Erhalten einer Betriebsbewilligung gelten, im stationären wie im ambulanten Bereich. Für ein «Ja» gibt es je
0,33 Punkte, für ein «Nein» 0 Punkte. Dazu werden 0,33 Punkte hinzugezählt, wenn alle
Spitex-Organisationen in einem Kanton einen Leistungsauft rag mit Versorgungspflicht
abschliessen dürfen.
Gelten die gleichen Anforderungen
für die Betriebsbewilligung (Personalvorgabe, Rechenlegungsvorschriften,
Leistungskatalog) für alle Leistungserbringer?

Können alle Spitex-Organisationen einen Leistungsauftrag mit Versorgungspflicht
abschliessen?

ambulant

stationär

AG

ja

ja

ja

Punkte
1,00

AI

ja

ja

ja

1,00

AR

ja

ja

ja

1,00

BL

ja

ja

ja

1,00

BS

ja

ja

ja

1,00

GL

ja

ja

ja

1,00

GR

ja

ja

ja

1,00

SH

ja

ja

ja

1,00

TG

ja

ja

ja

1,00

ZH

ja

ja

ja

1,00

BE

ja

ja

nein

0,67

FR

ja

ja

nein

0,67

GE

ja

ja

nein

0,67

TI

ja

ja

nein

0,67

UR

ja

ja

nein

0,67

VS

ja

ja

nein

JU

ja

ja

nein

0,67
1

0,67

VD

ja

nein

ja

0,67

SO

nein

ja

ja

0,67

SZ

nein

ja

ja

0,67

ZG

nein

ja

ja

0,67

NE

nein

ja

nein

0,33

NW

nein

ja

nein

0,33

OW

nein

ja

nein

0,33

LU

nein

nein 3

ja

0,33

SG

nein

nein

nein

0,00

FL

ja

ja

ja

2

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
1

nur eine Organisation für den ganzen Kanton
LPFES betrifft nur gemeinnützige Heime.
Kommunale Heime benötigen keine Betriebsbewilligung. Private Heime und Stiftungen hingegen schon.

2		
3

Anhang

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

Anhang143

Tabelle 24

Ranking-Kriterium: Transparenz über alle Angebote
Punktevergabe: Es wird bewertet, ob eine zentrale Plattform oder Anlaufstelle eine Übersicht über alle Leistungserbringer, im stationären wie im ambulanten Bereich und unabhängig ihrer Rechtsform, bietet. Ein «Ja» gibt je 0,25 Punkte, ein «Nein» keinen Punkt.
Analog wurde die Übersicht über die Tarife der Leistungserbringer bewertet und zur
Punktzahl der Angebotsübersicht addiert.
Gibt es eine Plattform oder Anlaufstelle, die den Überblick über alle
Angebote und Leistungserbringer
(Spitex-Organisationen, Heime usw.)
des Kantons bietet?

Sind die Tarife aller
Leistungsanbieter an einem
zentralen Ort vergleichbar
(Broschüre, Internet)?

ambulant

stationär

ambulant

stationär

GR

ja

ja

ja

ja

Punkte
1,00

JU

ja

ja

ja

ja

1,00

VS

ja

ja

ja

ja

1,00

BS

nein

ja

ja

ja

0,75

GE

ja

ja

nein

ja

0,75

NW

nein

ja

ja

ja

0,75

SZ

ja

ja

ja

nein

0,75

AG

nein

ja

nein

ja

0,50

AR

ja

ja

nein

nein

0,50

BE

nein

ja

nein

ja

0,50

FR

nein

ja

nein

ja

0,50

LU

nein

ja

nein

ja

0,50

OW

nein

ja

nein

ja

0,50

SH

ja

ja

nein

nein

0,50

SO

nein

ja

nein

ja

0,50

TG

ja

ja

nein

nein

0,50

UR

ja

ja

nein

nein

0,50

VD

nein

ja

nein

ja

0,50

ZH

ja

ja

nein

nein

0,50

AI

nein

ja

nein

nein

0,25

BL

nein

ja

nein

nein

0,25

NE

nein

nein

nein

ja

0,25

SG

nein

ja

nein

nein

0,25

GL

nein

nein

nein

nein

0,00

TI

nein

nein

nein

nein

0,00

ZG

nein

nein

nein

nein

0,00

FL

nein

nein

nein

nein

0,00

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

144

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Kostenranking
Tabelle 25

Ranking-Kriterium: Kosten der Alterspflege pro pflegebedürftigen 65-Jährigen
und Älteren (breite Definition der Pflege)
Punktevergabe: Einen Punkt erhält der Kanton mit den tiefsten, null Punkte derjenige mit
den höchsten Kosten pro pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren. Dazwischen werden
die Punkte linear in Abhängigkeit der Kostenhöhe verteilt. Für die Kosten nach breiter
Definition werden nebst den Kosten für medizinische Leistungen auch die Kosten für Betreuung und Hotellerie, Hauswirtschafts- und Mahlzeitendienste berücksichtigt.

Kosten pro pflegebedürftigen
65-Jährigen und Älteren in Fr.

Kosten pro pflegebedürftigen
65-Jährigen und Älteren
(CH = 100)

Punkte

AI

	57	739	

67

1,00

VS

	66	464	

78

0,81

TI

	68	391	

80

0,77

SO

	69	171	

81

0,76

NW

	73	176	

85

0,67

JU

73 339

86

0,67

AG

73 713

86

0,66

BL

	76	136	

89

0,61

SG

	76	885	

90

0,59

TG

	77	115	

90

0,59

GL

	77	683	

91

0,58

OW

	81	453	

95

0,50

GR

	82	308	

96

0,48

VD

	82	471	

96

0,47

CH

85 671

100

0,41

SZ

	87	434	

102

0,37

BS

	87	611	

102

0,37

BE

	87	638	

102

0,36

UR

	87	741	

102

0,36

ZG

	89	429	

104

0,33

LU

	90	132	

105

0,31

FR

	95	063	

111

0,21

SH

	95	982	

112

0,19

NE

	98	465	

115

0,13

ZH

	100	411	

117

0,09

GE

	101	958	

119

0,06

AR

	104	790	

122

0,00

FL

	83	919	

98

0,44

Anhang

Quelle: BFS (2015a), BFS (2015b), eigene Berechnungen

Anhang145

Tabelle 26

Ranking-Kriterium: Kosten der Alterspflege pro pflegebedürftigen 65-Jährigen
und Älteren (enge Definition der Pflege)
Punktevergabe: Einen Punkt erhält der Kanton mit den tiefsten, null Punkte derjenige mit
den höchsten Kosten pro pflegebedürftigen 65-Jährigen und Älteren. Dazwischen werden
die Punkte linear in Abhängigkeit der Kostenhöhe verteilt. Für die Kosten nach enger Definition werden nur die medizinischen Pflegeleistungen nach KLV Art. 7 berücksichtigt.

Kosten pro pflegebedürftigen
65-Jährigen und Älteren in Fr.

Kosten pro pflegebedürftigen
65-Jährigen und Älteren
(CH = 100)

Punkte

AI

	29	654	

75

1,00

BL

	30	509	

78

0,96

AG

	30	754	

78

0,95

GL

	31	922	

81

0,89

SO

	32	587	

83

0,86

SG

	33	351	

85

0,83

TG

	33	904	

86

0,80

VS

	33	968	

86

0,80

NW

	34	712	

88

0,77

TI

	36	258	

92

0,69

SZ

	37	554	

95

0,63

GR

	37	734	

96

0,63

JU

	38	849	

99

0,57

BE

	38	913	

99

0,57

UR

	39	185	

100

0,56

OW

	39	213	

100

0,56

CH

39 327

100

0,55

ZG

	39	611	

101

0,54

BS

	39	616	

101

0,54

ZH

	41	602	

106

0,45

VD

	42	060	

107

0,43

LU

	43	051	

109

0,38

SH

	45	627	

116

0,26

AR

	47	099	

120

0,19

NE

	49	229	

125

0,09

GE

	50	478	

128

0,04

FR

	51	237	

130

0,00

n.a.

n.a.

FL

n.a.

n.a. = nicht anwendbar
Quelle: BFS (2015a), BFS (2015b), eigene Berechnungen

146

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 27

Ranking-Kriterium: Grade-Mix-Vorgaben
Punktevergabe: Bestehen gar keine Grade-Mix-Vorgaben, gibt es einen Punkt. Werden für
eine bestimmte Bildungsstufe (zum Beispiel Sekundärbildung, Tertiärbildung, Sekundärund Tertiärbildung zusammen) Vorgaben formuliert, dann gibt es 0,67 Punkte, falls die
höchste Vorgabe unter 35 %, bzw. 0,33 Punkte, falls sie unter 40 % liegt. Ist sie höher, gibt
es keinen Punkt.
Welche Grade-Mix-Vorgaben werden für das pflegende Personal in
Alters- und Pflegeheimen gemacht?
geforderter Anteil
an Tertiärbildung
in %

geforderter Anteil an
Sekundärbildung
in %

geforderter Anteil
an Sekundär- und
Tertiärbildung
kombiniert in %

Punkte

AI

keine

keine

keine

1,00

BL

keine

keine

keine

1,00

LU

keine

keine

keine

1,00

OW

keine

keine

keine

1,00

SH

keine

keine

keine

1,00

NE

20

keine

20

0,67

VD

15

10

25

0,67

JU

15

15

30

0,67

SG

keine

keine

30

0,67

NW

17

keine

33

0,67

AR

17

keine

34

0,67

VS

20

15	-	20

35

0,67

AG

20

20

40

0,33

BS

keine

keine

40

0,33

FR

15	-	25

10	-	20

40

0,33

GR

20

keine

40

0,33

SO

keine

keine

40

0,33

SZ

5

35

40

0,33

TG

20

keine

40

0,33

TI

28

keine

40

0,33

UR

20

keine

40

0,33

BE

20

30

50

0,00

GL

20

30

50

0,00

ZG

keine

keine

50

0,00

ZH

25

keine

50

0,00

GE

20

40

60

0,00

FL

ja

ja

ja

n.a.

n.a. = nicht anwendbar

Anhang

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

Anhang147

Tabelle 28

Ranking-Kriterium: GAV-Pflicht
Punktevergabe: Besteht für keine Kategorie der Leistungserbringer eine Pflicht zu einem
Gesamtarbeitsvertrag (GAV), wird die höchste Punktzahl von 1 erreicht. Besteht für eine
Kategorie, im ambulanten oder im stationären Bereich, eine GAV-Pflicht, so werden
jeweils 0,17 Punkte abgezogen.
Schreibt der Staat (Kanton / Gemeinde) Gesamtarbeitsverträge für das
Personal aller Leistungserbringer vor?
öffentliche
Leistungserbringer

private, nicht-gewinn- private, erwerbsorientierte
wirtschaftliche
Leistungserbringer
Leistungserbringer

ambulant stationär

ambulant stationär

ambulant stationär

AG

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

AI

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

AR

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

BE

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

BL

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

BS

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

FR

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

GL

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

GR

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

LU

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

NW

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

OW

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

SG

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

SH

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

SO

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

SZ

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

TG

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

TI

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

UR

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

VS

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

ZG

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

ZH

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

JU

ja

ja

nein

nein

nein

nein

0,67

NE

ja

ja

nein

nein

nein

nein

0,67

GE

ja

ja

nein

ja

nein

nein

0,53

VD

ja

ja

ja

ja

ja

ja

0,00

FL

nein

nein

nein

nein

nein

nein

1,00

Punkte

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

148

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Finanzierungsranking
Tabelle 29

Ranking-Kriterium: Leistungserbringerneutraler Patientenbeitrag
Punktevergabe: Die Patientenbeteiligung bei Pflegeleistungen sollte für ambulante und
stationäre Leistungserbringer möglichst identisch sein. 0,5 Punkte gibt es für die kleinste
vorkommende Differenz (Fr. 0.00 pro Tag), null Punkte für die höchste (Fr. 21.60 pro Tag).
Dazwischen erfolgt die Punktevergabe linear. Zudem subventionieren manche Kantone
die Betreuungs- und Pensionsausgaben in Tagesstrukturen, während die gleichen Ausgaben
durch den Patienten allein getragen werden müssen, wenn die Betreuung zu Hause oder
im Pflegeheim erfolgt. Dadurch wird die Nachfrage verzerrt. Besteht eine solche Subvention,
gibt es keinen Punkt, sonst 0,5 Punkte.
Differenz zwischen den
Patientenbeteiligungen
im ambulanten und
stationären Bereich in Fr.

Punkte

Subventioniert der Staat
Tages- und Nachtstrukturen über die Restfinanzierung hinweg?

Punkte

Punkte
total

ZG
AG

5,15

0,38

nein

0,50

0,88

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

LU

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

NW

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

OW

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

SG

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

SH

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

SO

5,65

0,37

nein

0,50

0,87

AR

13,60

0,19

nein

0,50

0,69

GR

13,60

0,19

nein

0,50

0,69

SZ

13,60

0,19

nein

0,50

0,69

ZH

13,60

0,19

nein

0,50

0,69

GE

0,00

0,50

ja

0,00

0,50

GL

21,60

0,00

nein

0,50

0,50

TG

5,65

0,37

ja

0,00

0,37

UR

5,65

0,37

ja

0,00

0,37

AI

13,60

0,19

ja

0,00

0,19

BL

13,60

0,19

gde.	spez.

0,00

0,19

BS

13,60

0,19

ja

0,00

0,19

BE

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

FR

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

JU

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

NE

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

TI

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

VD

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

VS

21,60

0,00

ja

0,00

0,00

FL

n.a.

n.a.

n.a.

n.a.

n.a.

gde. spez. = gemeindespezifisch
n.a. = nicht anwendbar

Anhang

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

Anhang149

Tabelle 30

Ranking-Kriterium: Leistungserbringerneutrale Finanzierungsbeiträge
Punktevergabe: Gleiche Leistung, gleiche Finanzierung: Folgt ein Kanton dieser Logik bei
der Restfinanzierung von Pflegeleistungen gegenüber allen Leistungserbringern, gibt es für
den ambulanten und den stationären Bereich je 0,5 Punkte, sonst keinen Punkt.
Gelten für alle Leistungserbringer, unabhängig ihrer Rechtsform,
ihrer Trägerschaft, ihrer Gewinnorientierung, ihres Standorts, die
gleichen Restfinanzierungsbeiträge?
ambulant

stationär

BE

ja

ja

Punkte
1,00

BL

ja

ja

1,00

BS

ja

ja

1,00

JU

ja

ja

1,00

NW

ja

ja

1,00

VD

ja

ja

1,00

ZG

ja

ja

1,00

AG

nein

ja

0,50

AI

nein

ja

0,50

AR

nein

ja

0,50

GR

nein

ja

0,50

SG

nein

ja

0,50

SO

nein

ja

0,50

TG

nein

ja

0,50

UR

ja

nein

0,50

VS

nein

ja

0,50

FR

nein

nein

0,00

GE

nein

nein

0,00

GL

nein

nein

0,00

LU

nein

nein

0,00

NE

nein

nein

0,00

OW

nein

nein

0,00

SH

nein

nein

0,00

SZ

nein

nein

0,00

TI

nein

nein

0,00

ZH

nein

nein

0,00

FL

nein

ja

0,50

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

150

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 31

Ranking-Kriterium: Fiskalische Äquivalenz
Punktevergabe: Im ambulanten Bereich wurde geprüft, ob die gleiche institutionelle Stufe (Kanton, Gemeinde) die Tarife festlegt
und die Restfinanzierung auch trägt. Wenn ja, gibt es 0,2 Punkte. Wenn sich Gemeinde und Kanton die Finanzierung teilen, 0,1
Punkte und sonst keinen. Im stationären Bereich gibt es maximal 0,8 Punkte, wenn die gleiche Instanz (Kanton oder Gemeinde)
die Pflegetarife festlegt, die Restfinanzierung und die EL-Kosten trägt. Wird die Restfinanzierung oder die Finanzierung der
Ergänzungsleistungen zwischen dem Kanton und den Gemeinden aufgeteilt, gibt es je 0,2 Punkte Abzug. Ist die Zuständigkeit für
die Tarife von derjenigen für die Restfinanzierung bzw. für die EL-Kosten unterschiedlich, gibt es je 0,4 Punkte Abzug.
Ambulante Leistungen
Wer legt die
Pflegetarife
fest?

Punkte
ambulant

EL

Wer legt die Wer finanziert
Pflegetarife die Pflegerestfest?
kosten?

Wer trägt die
EL-Kosten?

Punkte
stationär

Punkte
total

AI

0,20

0,80

1,00

GE

0,20

0,80

1,00

NE

0,20

0,80

1,00

NW

0,20

0,80

1,00

BE

0,20

0,60

0,80

JU

0,20

0,60

0,80

LU

0,20

0,60

0,80

UR

0,20

0,60

0,80

FR

0,10

0,60

0,70

GR

0,10

0,60

0,70

ZH

0,10

0,60

0,70

GL

0,20

0,40

0,60

OW

0,20

0,40

0,60

TG

0,20

0,40

0,60

AG

0,10

0,40

0,50

BS

0,10

0,40

0,50

SG

0,10

0,40

0,50

ZG

0,10

0,40

0,50

AR

0,00

0,40

0,40

SO

0,20

0,20

0,40

TI

0,20

0,20

0,40

VD

0,00

0,40

0,40

VS

0,00

BL

0,00

SH

0,00

SZ

0,00

FL
1

Wer finanziert
die Pflegerestkosten?

Stationäre Leistungen

A

n.a.

2

1

A

0,40

0,40

0,20

0,20

0,20

0,20

0,20

0,20

n.a.

n.a.

SZ: Kosten werden unter den Gemeinden aufgrund der Einwohnerzahl verteilt.
BL: Ab 2016 werden die heimbedingten Mehrkosten der EL vollständig durch die Gemeinden getragen.

2		

Kanton
Gemeinden
Kanton und Gemeinden

A Andere Entität

Anhang

n.a. nicht anwendbar

Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

Anhang151

Tabelle 32

Ranking-Kriterium: Höhe der Patientenbeteiligung
Punktevergabe: Bei diesem Kriterium gibt es für den ambulanten Bereich 0,5 Punkte,
wenn die Patientenbeteiligung das gesetzliche Maximum von Fr. 15.95 pro Tag, bzw. 0,25
Punkte, wenn sie ein Maximum von Fr. 8.00 pro Tag erreicht, und sonst keine Punkte. Für
0,5 Punkte muss die Patientenbeteiligung im stationären Bereich auf allen Pflegestufen bei
Fr. 21.60 (dem gesetzlichen Maximum) liegen. Ist sie für gewisse Stufen tiefer, gibt es noch
0,25 Punkte. Erreicht sie auf keiner Stufe Fr. 21.60, gibt es keine Punkte.
Maximale Patientenbeteiligung im
ambulanten Bereich
in Fr.

Punkte

AG

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

BE

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

LU

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

NW

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

OW

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

SG

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

UR

15.95

0,50

21.60

0,50

1,00

AI

8.00

0,25

21.60

0,50

0,75

AR

8.00

0,25

21.60

0,50

0,75

BL

8.00

0,25

21.60

0,50

0,75

BS

8.00

0,25

21.60

0,50

0,75

GR

8.00

0,25

21.60

0,50

0,75

SH

15.95

0,50

PS	1:	2.00	PS	2:	15.00	
danach	21.60

0,25

0,75

SO

15.95

0,50

PS	1:	2.50	PS	2:	14.70	
danach	21.60

0,25

0,75

SZ

8.00

0,25

TG

15.95

0,50

ZH

8.00

0,25

FR

0.00

0,00

GL

gde.	spez.

0,25

JU

0.00

0,00

NE

0.00

0,00

TI

0.00

VD

0.00

ZG
GE

Maximale Patientenbeteiligung im
stationären Bereich
in Fr. Punkte

21.60

Punkte
total

0,50

0,75

0,25

0,75

21.60

0,50

0,75

21.60

0,50

0,50

0,25

0,50

21.60

0,50

0,50

21.60

0,50

0,50

0,00

21.60

0,50

0,50

0,00

21.60

0,50

0,50

15.95

0,50

10.80

0,00

0,50

8.00

0,25

8.00

0,00

0,25

VS

0.00

0,00

0,25

0,25

FL

n.a.

n.a.

n.a.

n.a.

PS	1:	6.70	
danach	21.60

PS	1:	4.00	PS	2:	15.00	
danach	21.60

Je	nach	Vermögen	
bis	zu	21.60
n.a.

gde. spez. = gemeindespezifisch
n.a. = nicht anwendbar
PS = Pflegestufe
Quelle: eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

152

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Tabelle 33

Ranking-Kriterium: Gezielte EL-Zugangsregelungen
Punktevergabe: Kantone mit einem Vermögensverzehr von 20 % erhalten 0,5 Punkte. Kantone, die grundsätzlich 20 % anrechnen, jedoch Sonderregelungen zum Beispiel für verheiratete Paare kennen, erhalten 0,33 Punkte. Kantone mit einem Vermögensverzehr von 10 %
bekommen noch 0,17 Punkte, sonst keine Punkte. Für die persönlichen Auslagen bei den
EL gibt es weitere 0,5 Punkte für den Kanton mit der kleinsten und 0 Punkte für denjenigen mit dem grössten Wert. Dazwischen erfolgt die Punktevergabe linear.
Angerechneter jährlicher
Vermögensverzehr für
die Bestimmung der
EL-Ansprüche einer Person
im Heim in %

Punkte

20

0,50

TG

Betrag für persönliche
Auslagen in Fr. Punkte
242

0,42

Punkte
total
0,92

AI

20

0,50

258

0,40

0,90

AR

20

0,50

258

0,40

0,90

NE

20

0,50

275

0,38

0,88

VD

20

0,50

275

0,38

0,88

GE

20

0,50

300

0,34

0,84

UR

20

0,50

322

0,31

0,81

VS

20

0,50

337

0,29

0,79

LU

20

0,50

338

0,29

0,79

NW

20

0,50

354

0,26

0,76

JU

20

0,33

240

0,43

0,76

BE

20

0,50

367

0,24

0,74

TI

10

0,17

190

0,50

0,67

SO

20

0,50

423

0,16

0,66

SZ

20

0,50

435

0,15

0,65

FR

20

0,33

320

0,31

0,65

BS

20

0,33

385

0,22

0,55

OW

10

0,17

273

0,38

0,55

SH

20

0,50

512

0,03

0,53

ZH

20

0,50

536

0,00

0,50

SG

20

0,50

536

0,00

0,50

ZG

20

0,50

536

0,00

0,50

GR

20

0,33

435

0,15

0,48

BL

10

0,17

360

0,25

0,42

AG

10

0,17

370

0,24

0,41

GL

10

0,17

454

0,12

0,29

FL

10

n.a.

n.a.

n.a.

n.a.

n.a. = nicht anwendbar

Anhang

Quelle: BSV 2015c, eigene Erhebung bei den Kantonen (2015)

Anhang153

		Lohnkosten im interkantonalen Vergleich
Tabelle 34

Die Lohnkosten pro Vollzeitstelle sind bei Spitex-Organisationen 16% höher als
bei Pflegeheimen
Durchschnittliche Lohnkosten pro VZÄ in Fr. pro Jahr
Pflegeheime

Spitex

AG

	74	121	

	87	736	

AI

	84	603	

	102	549	

AR

	72	226	

	86	603	

BE

	73	274	

	87	816	

BL

	84	372	

	87	286	

BS

	82	716	

	80	061	

FR

	83	681	

	95	696	

GE

	111	824	

	117	120	

GL

	71	314	

	77	251	

GR

	71	528	

	86	708	

JU

	81	112	

	84	995	

LU

	74	798	

	83	038	

NE

	85	807	

	100	469	

NW

	69	271	

	91	590	

OW

	71	310	

	80	248	

SG

	76	788	

	82	370	

SH

	76	572	

	91	262	

SO

	72	889	

	89	265	

SZ

	77	880	

	81	922	

TG

	71	760	

	84	632	

TI

	75	715	

	79	042	

UR

	73	042	

	77	517	

VD

	76	807	

	93	690	

VS

	81	630	

	96	157	

ZG

	83	843	

	88	886	

ZH

	85	809	

	96	542	

CH

79 720

92 242

Quelle: BFS 2015a, BFS 2015b, BAG 2015b, eigene Berechnungen

154

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Abkürzungsverzeichnis

AG	

=	 Kanton Aargau

AbPV / SH	

= 	 Verordnung zum Altersbetreuungs- und Pflegegesetz des Kantons SH

AHVG	

= 	 Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung

APH 	

=	 Alters- und Pflegeheim(e)

AI	

=	 Kanton Appenzell Innerrhoden

AR	

=	 Kanton Appenzell Ausserrhoden

AV	

=	Altersversicherung

BE	

=	 Kanton Bern

BESA	

=	

BL	

=	 Kanton Basel-Landschaft

BS	

=	 Kanton Basel-Stadt

BV	

=	Bundesverfassung

CIVESS	

= 	Coordination interservices de visites en établissements sanitaires et sociaux

EL	

=	Ergänzungsleistungen

ELG	

=	Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und

Bewohner / -innen-Einstufungs- und -Abrechnungssystem

Invalidenversicherung
ELG / FL 	

=	Gesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invaliden­
versicherung des Fürstentums Liechtenstein

EV ELG / BE	

= 	Einführungsverordnung zum Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung des Kantons BE

FL	

=	 Fürstentum Liechtenstein

FR	

=	 Kanton Freiburg

GAV 	

=	 Gesamtarbeitsvertrag

GDK	

= 	Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und
-direktoren

GE	

=	 Kanton Genf

GesG / BS	

=	 Gesundheitsgesetz des Kantons BS

GL	

=	 Kanton Glarus

GR	

=	 Kanton Graubünden

HV	

=	Hinterlassenenversicherung

JU	

=	 Kanton Jura

KLV	

=	Krankenpflege-Leistungsverordnung

KVG	

=	 Bundesgesetz über die Krankenversicherung

KVV / TG	

=	 Verordnung zum Gesetz über die Krankenversicherung des Kantons TG

LIMAD / GE	

=	Loi sur l’Institution de Maintien d’Aide et de soins à Domicile des Kantons GE

LSE	

=	Lohnstrukturerhebung

LSLD / VS	

= 	 Loi sur les Soins de Longue Durée des Kantons VS

LU	

=	 Kanton Luzern

NE	

=	 Kanton Neuenburg

Anhang

LPFES	=	
Loi sur la planification et le financement des établissements sanitaires d’intérêt public

Anhang
155

NOMAD / NE	 =	Loi portant constitution d’un établissement de droit public pour le maintien à
domicile des Kantons NE (NOMAD – Neuchâtel organise le maintien à domicile)
NW	

=	 Kanton Nidwalden

OECD	

=	 Organisation for Economic Co-operation and Development

OW	

=	 Kanton Obwalden

PflG / AG	

=	 Pflegegesetz des Kantons AG

PflgHR / FR 	

=	 Reglement über die Pflegeheime für Betagte des Kantons FR

PLAISIR 	

=	 PLAnification Informatisée des Soins Infirmiers Requis

RAI / RUG 	

=	 Resident Assessment Instrument / Resource Utilisation Groups

SG	

=	 Kanton St. Gallen

SH	

=	 Kanton Schaffhausen

SHV / BE	

=	 Sozialhilfeverordnung des Kantons BE

SKOS	

=	 Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

SO	

=	 Kanton Solothurn

SpitexV / GL	

=	Verordnung über die ambulante Langzeit- und Gesundheitspflege des Kantons GL

SZ	

=	 Kanton Schwyz

SOMED	

=	 Statistik der sozialmedizinischen Institutionen

TG	

=	 Kanton Thurgau

TI	

=	 Kanton Tessin

UR	

=	 Kanton Uri

VD	

=	 Kanton Waadt

VS	

=	 Kanton Wallis

VZÄ	

=	Vollzeitäquivalent

ZG	

= 	 Kanton Zug

ZH	

=	 Kanton Zürich

156

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Index

Nur Erwähnungen im Lauftext, ohne Abbildungen und Tabellen

AG

GR

22, 34, 37, 47, 51, 53, 56, 61, 63, 66, 85, 91, 92,

23, 32, 37, 41, 54, 55, 59, 63, 68, 80, 92, 93, 95,

100, 111, 115, 123,

100, 114, 128, 129

AI

JU

22, 23, 25, 28, 33, 34, 40, 41, 45, 47, 50, 53, 56,

22, 23, 24, 29, 34, 37, 38, 41, 50, 53, 56, 61, 62,

59, 63, 66, 68, 70, 72, 79, 80, 93, 97, 100, 103,

63, 68, 79, 85, 87, 89, 91, 92, 95, 96, 101, 103,

123, 130, 131

110, 114, 129

AR

LU

23, 27, 28, 33, 34, 37, 40, 47, 56, 59, 61, 63, 70,

34, 35, 38, 63, 65, 99, 100, 131

72, 85, 88, 91, 93, 95, 97, 100, 110, 115, 130

BE

NE
34, 45, 47, 48, 50, 53, 56, 59, 61, 62, 63, 69, 85,

28, 38, 54, 55, 59, 63, 64, 68, 80, 93, 96, 101,

93, 95, 100, 103, 110, 111, 113, 115, 123, 125, 128,

102, 103, 110, 118, 130

129, 130

BL

NW

23, 29, 34, 47, 50, 51, 63, 68, 72, 80, 88, 91, 92,

22, 47, 50, 53, 63, 66, 68, 85, 87, 97, 100, 110,

93, 95, 100, 116

118, 123, 125

BS

OW

22, 27, 47, 48, 51, 56, 63, 64, 66, 68, 56, 77, 80,

22, 34, 53, 59, 63, 65, 68, 79, 80, 92, 95, 97, 99,

91, 92, 93, 100, 103, 105, 106, 114, 123, 125

100, 110, 125, 131

FR

SG

34, 53, 63, 64, 70, 73, 85, 88, 92, 100, 103, 114,

23, 28, 32, 35, 41, 42, 47, 54, 55, 63, 68, 92, 100,

118, 123, 129, 130

110, 123, 128

GE

SH

22, 23, 24, 27, 36, 45, 47, 48, 50, 51, 53, 56, 61,

23, 25, 27, 29, 34, 37, 47, 53, 61, 63, 64, 65, 77,

62, 63, 68, 72, 77, 79, 87, 89, 91, 92, 93, 95, 96,

88, 89, 93, 99, 100, 110, 128, 131

100, 101, 103, 104, 113, 114, 115, 123, 125, 128,
129, 130

SO
23, 25, 28, 29, 34, 36, 47, 50, 63, 80, 85, 91, 93,

GL

100, 110, 116, 130
Anhang

22, 23, 25, 27, 50, 63, 65, 91, 92, 95, 97, 99, 100,
101, 105, 130

Anhang

157

SZ

VD

22, 27, 28, 39, 63, 85, 87, 100, 111, 114, 130

22, 23, 29, 32, 35, 38, 39, 50, 51, 53, 56, 59, 61,
62, 63, 69, 79, 80, 87, 91, 92, 93, 100, 103, 114,

TG

125, 128, 129

23, 28, 41, 47, 54, 55, 63, 64, 85, 93, 99, 100, 101,
103, 110, 123

VS
22, 23, 34, 36, 45, 47, 50, 51, 53, 56, 61, 63, 64,

TI

77, 79, 80, 88, 95, 100, 101, 103, 110, 114, 115, 128,

22, 23, 40, 41, 53, 56, 61, 63, 64, 65, 77, 79, 80,

129, 130

85, 87, 89, 91, 92, 95, 100, 113, 118, 123, 128, 129,
130

ZG
53, 63, 65, 87, 92, 93, 99, 100, 101, 114, 128, 131

UR
28, 34, 37, 39, 53, 63, 64, 87, 88, 97, 99, 100, 114,

ZH

125, 130

28, 36, 41, 53, 54, 55, 56, 63, 79, 80, 87, 92, 95,
99, 100, 109, 110, 115, 123, 125

158

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Literatur

Leistungsaufträge Gemeinden. www.acura-spitex.ch/htm/leistungsauftrag.htm. Zugriff: 12.04.2016.
AHV/IV/FAK Liechtenstein (2014a): Merkblatt über das Betreuungs- und Pflegegeld für häusliche Betreuung. Vaduz: Januar 2014.
AHV/IV/FAK Liechtenstein (2014b): Geschäftsbericht 2014. Vaduz: April 2014.
ALBA, Alters- und Behindertenamt (2014): Allgemeine Vertragsbestimmungen zum Leistungsvertrag 2015 betreffend Pflegeleistungen
in der Hilfe und Pflege zu Hause. Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern. Bern: Juli 2014.
Amt für Gesundheit und Soziales des Kantons Schwyz (2014): Ambulante medizinische Versorgung. Fachbericht. Schwyz: Juli 2014.
Anschwanden, Erich (2015): Neuartige Gutscheine für Spitex. In: Neue Zürcher Zeitung. 13.07.2015.
Aon Schweiz AG und Libera AG (2015): Pensionskassen: Höhere Lebenserwartung, weniger Invaliditätsfälle. Medienmitteilung.
www.bvg-grundlagen.ch/deutsch/embargodeut16122015.htm. Zugriff: 10.03.2016.
ASO, Amt für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn (2015): Merkblatt SPITEX /ambulante Pflege: Verrechnung von Wegkosten gegenüber Klientinnen und Klienten. Solothurn.
Bachmann, Nicole; Burla, Laila und Kohler, Dimitri (2015): Gesundheit in der Schweiz – Fokus chronische Erkrankungen. Nationaler
Gesundheitsbericht 2015. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.). Bern: Hogrefe Verlag.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2010): Palliative Care Bevölkerungsbefragung – Resultate der Segmentierungsanalyse. Bern.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2013): Auswertung Sterbeort 2006 – 2011. www.bag.admin.ch/themen/gesundheitspolitik/13764/13777/
13793/?lang=de. Zugriff: 01.04.2016.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2014): Tabellen mit detaillierter Berechnung zur Bestimmung der zu viel bzw. zu wenig bezahlten
Prämien 1996–2013. Bern.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2015a): Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler. www.bag.admin.ch/hospital/index.html?webgrab_path=aHR0cDovL3d3dy5iYWctYW53LmFkbWluLmNoL2t1di9zcGl0YWxzdGF0aXN0aWsvcG9ydGFsX2RlLnBocD9iYXNrZXQ9MjAwLTQ4fGc0LjEmYW1wO3llYXJz PWFsbCZhbXA7bmF2aWQ9cWlzcw%3D%3D&lang=de. Zugriff: 09.11.2015.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2015b): Kennzahlen der Schweizer Pflegeheime 2014. Bern.
BAG, Bundesamt für Gesundheit (2015c): Statistik der obligatorischen Krankenversicherung 2014. Bern.
BAG, Bundesamt für Gesundheit und GDK, Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (2013): Nationale
Demenzstrategie 2014–2017. Bern.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015a): Spitex-Statistik 2014. Synthese nach Leistungserbringertyp. Tabelle su-d-14.03.04.02-10.1.
Neuchâtel.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015b): Statistik der sozialmedizinischen Institutionen (SOMED) 2014 – Provisorische Standardtabellen
su-d-14.03.03-sm-2014-01. Neuchâtel.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015c): Ständige Wohnbevölkerung nach Alter und Altersmasszahlen nach Kanton, am 31.12.2014
(STATPOP). Neuchâtel.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015d): Zweijährliche abgekürzte Sterbetafeln. www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/06/blank/
dos/la_mortalite_en_suisse/tabl03.html. Zugriff: 20.11.2015.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015e): Spitex-Statistik 2014. Ausbildung und Anstellungsgrad des Personals nach Kanton. Tabelle su-d14.03.04.02-11.2. Neuchâtel.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015f): Lohnniveau – nach Grossregionen. Schweizerische Lohnstrukturerhebung. www.bfs.admin.ch/
bfs/portal/de/index/themen/03/04/blank/key/lohnstruktur/nach_grossregion.html. Zugriff: 14.12.2015.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015g): Betriebsübliche Wochenarbeitszeit nach Wirtschaftsabschnitten und Kantonen 2014.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/02/blank/data/07.html. Zugriff: 11.08.2015.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015h): Arbeitsstätten und Beschäftigte nach Kanton, Wirtschaftsabteilung und Grössenklasse
(STATENT) 2014. www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/06/02/blank/data.html. Zugriff: 11.08.2015.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015i): Durchschnittlicher Mietpreis von Mieter- und Genossenschafterwohnungen nach Zimmerzahl
(in Franken). www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/09/03/blank/key/mietpreise/nach_zimmerzahl.html. Zugriff:
15.12.2015.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015j): Indikatoren der Pflegeheime 2013. BFS aktuell. Neuchâtel. www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/
themen/14/22/publ.html?publicationID=6766. Zugriff: 03.05.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015k): Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz ab 2015 – Bevölkerung und Bewegungen
nach Szenario-Variante, Staatsangehörigkeit, Altersklasse, Jahr und Variable. STAT-TAB. Neuchâtel.

Anhang

Acura AG (2016):

Anhang
159

Krankenhausstatistik. Provisorische Standardtabellen 2014. Neuchâtel.
Bruttoinlandprodukt nach Verwendungsarten. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Neuchâtel.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016a): Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Grossregion und Kanton.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/04/02/05.html. Zugriff: 05.01.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016b): Entwicklung der Lebenserwartung bei Geburt.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/06/blank/dos/la_mortalite_en_suisse/tabl01.html. Zugriff : 10.03.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016c): Sterbetafeln für die Schweiz 1998/2003.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/06/blank/dos/la_mortalite_en_suisse/tabl01.html. Zugriff: 09.03.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016d): Satellitenkonto Haushaltsproduktion.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/06/blank/data.html. Zugriff: 03.03.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016e): Erwerbstätige nach Geschlecht, Nationalität und Altersgruppe. SAKE .
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/02/blank/data/03.html. Zugriff: 03.03.2016.
BFS, Bundesamt für Statistik (2016f): Kantonale Bevölkerungsszenarien 2015 – 2045, Referenzszenario AR-00-2015 – Zukünftige
Bevölkerungsentwicklung der Kantone nach Kanton, Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Variable, Jahr und Alter.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/01/new/nip_detail.html?gnpID=2016-374. Zugriff: 12.05.2016.
Brändle, Thomas; Colombier, Carsten; Philipona, Arabela und EFV (2016): Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen in
der Schweiz 2016. Bern.
BSV, Bundesamt für Sozialversicherungen (2012): Wegleitung über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL). Bern.
BSV, Bundesamt für Sozialversicherungen (2015a): Statistik der Ergänzungsleistungen zur AHV und IV 2014 – Tabellenteil. Bern.
BSV, Bundesamt für Sozialversicherungen (2015b): EL-Ausgaben nach Versicherungszweig, Wohnsituation und Kanton, Schätzung.
Sonderauswertung für Avenir Suisse. Bern.
BSV, Bundesamt für Sozialversicherungen (2015c): Kantonale Regelungen auf dem Gebiet der bundesrechtlichen Ergänzungsleistungen
im Jahr 2015. Mitteilung an die AHV-Ausgleichskassen und die EL-Durchführungsstellen Nr. 360. Bern.
BSV, Bundesamt für Sozialversicherungen (2015d): Statistik der Ergänzungsleistungen zur AHV und IV 2014. Bern.
Bundesrat (2005): Botschaft zum Bundesgesetz über die Neuordnung der Pflegefinanzierung. Bern: Februar 2005.
Bundesrat (2014): Unterstützung für betreuende und pflegende Angehörige. Bericht des Bundesrates. Bern: Dezember 2014.
Bundesverwaltungsgericht (2010): Urteil vom 8. September 2010. C-623/2009. Verein santésuisse gegen Regierungsrat des Kantons Zürich.
Cassis, Ignazio (2013): Curaviva Schweiz und die Pflegebedarfsinstrumente. RAI-NH-Fachtagung vom 21. August 2013.
www.qsys.ch/dwl/ab_2013/Cassis%20Ignazio_Curaviva.pdf. Zugriff: 28.05.2015.
Christen, Andreas; Hänggi, Philipp; Kraft, Christian; Künzi, Damian; Merki, Manuela und Ruffner, Jan (2013): Gesundheitswesen Schweiz 2013.
Der Spitalmarkt im Wandel. In: Keating, Giles und Adler, Oliver (Hrsg.): Swiss Issues Branchen, August 2013. Zürich.
Christen, Andreas; Hürzeler, Fabian; Jucker, Sascha und Roos, Emanuel (2015): Gesundheitswesen Schweiz 2015. Die Zukunft des Pflegeheimmarkts. In: Centola, Loris und Adler, Oliver (Hrsg.): Swiss Issues Branchen, Juni 2015. Zürich.
Colombo, Francesca; Llena-Nozal, Ana; Mercier, Jérôme und Tjadens, Frits (2011): Help Wanted? Providing and Paying for Long-Term Care.
OECD Health Policy Studies. OECD Publishing. doi 10.1787/9789264097759-en. Zugriff: 04.05.2016.
Comparis (2015a): Spitalvergleich Schweiz. www.comparis.ch/spitalvergleich/default.aspx. Zugriff: 09.11.2015.
Comparis (2015b): Steuern vergleichen und sparen. www.comparis.ch/steuern/steuervergleich/default.aspx. Zugriff: 15.12.2015.
Cosandey, Jérôme (2014): Generationenungerechtigkeit überwinden. Zürich: Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung.
Cosandey, Jérôme und Kienast, Kevin (2016): Verschwenden wir Pflegeressourcen? www.avenir-suisse.ch/54915. Zugriff: 17.02.2016.
Credit Suisse (2015): Separate Auswertung für Avenir Suisse. Zürich.
Crivelli, Luca; Filippini, Massimo; Lunati, Diego (2001): Regulation, ownership and efficiency in the Swiss nursing home industry.
Quaderno, 4. Lugano.
Curaviva (2012a): Integrierte Versorgung. Bern.
Curaviva (2015b): Medizinische Qualitätsindikatoren. www.curaviva.ch/Fachinformationen/Themendossiers/Neue-Pflegefinanzierung/
%20oMEyqgVH/PQBbv/. Zugriff: 20.11.2015.
Curaviva (2015c): Herausforderungen und Erfolgsfaktoren für Altersinstitutionen in naher Zukunft. www.curaviva.ch/Verband/
News/Herausforderungen-und-Erfolgsfaktoren-der-Schweizer-Altersinstitutionen/obazMt3B/PPhrB/. Zugriff: 20.11.2015.
Curaviva des Kantons Zürich (2015d): Fusion der Verbände Curaviva Kanton Zürich und Spitex Verband Kanton Zürich.
www.curaviva-zh.ch/Verband/Fusion/P4Z2Y/. Zugriff: 20.11.2015.
Curaviva (2016e): Medizinische Qualitätsindikatoren. www.curaviva.ch/Fachinformationen/Qualitaet-Lebensqualitaet/
Medizinische-Qualitaetsindikatoren/PiEWE/?lang=DE&redirect_lang. Zugriff: 05.04.2016.
DSASC, Département de la Santé, des Affaires Sociales et de la Culture (2013): Directive du Département de la santé, des affaires sociales et
de la culture concernant le financement des pouvoirs publics des structures de soins de jour. Sion.
BFS, Bundesamt für Statistik (2015m):
BFS, Bundesamt für Statistik (2015n):

160

Kantonsmonitoring 7  | 2016

DSAS, Département de la Santé et de l’Action Sociale du Canton de Vaud (2009):

Directive concernant le programme cantonal

«Bureaux régionaux d’information et orientation». Lausanne.
Planung des Platzangebots in Einrichtungen zur stationären Betreuung und
Pflege von Betagten im Kanton St. Gallen. St. Gallen.
Departement des Innern des Kantons Solothurn (2015): Richtlinien des Departements des Innern vom 1. Januar 2015 über die Umsetzung
der Pflegeheimplanung 2020 – Verfahren über die Bettenvergabe. Solothurn.
D-EDK, Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (2014): Lohndatenerhebung der Lehrkräfte, Auswertung 2014.
www.d-edk.ch/lohndatenerhebung. Zugriff: 11.08.2015.
DGS, Direction Générale de la Santé (2011): Planification médico-sociale et sanitaire du canton de Genève 2012-2015. Genève.
DocCheck (2016): Flexicon. http://flexikon.doccheck.com/de/Pr%C3%A4valenz. Zugriff: 16.05.2016.
Dutoit, Laure; Füglister-Dousse, Sylvie und Pellegrini, Sonia (2016): Soins de longue durée dans les cantons: un même défi, différentes
solutions. Evolutions 2006 – 2013. Neuchâtel: Obsan.
EC, European Commission (2014): Health status indicators. Heidi Data tools. ec.europa.eu/health/indicators/echi/list/
echi_40html#main?KeepThis=true&TB_iframe=true&height=450&width=920. Zugriff: 22.04.2014.
Ecoplan (2014): Analyse der Kostendifferenzen in der ambulanten Pflege im Kanton Zürich. Studie im Auftrag der
Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. Bern: November 2014.
Eling, Martin (2013): Generationensolidarität in der Krankenversicherung. In: I.VW HSG Schriftenreihe; 52. St. Gallen: Verlag
Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen.
Eugster, Beatrix und Jeanneret, Lionel (2015): Zuhause altern – demografische Ausgangslage und Gesundheitskosten – eine Trend­
analyse für 2030. Studie im Auftrag von Pro Senectute Schweiz. St. Gallen.
Felder, Stefan (2015): Die Rolle der privaten Spitex in der ambulanten Pflege – heute und in 20 Jahren. Schlussbericht zuhanden
der Association Spitex privée Suisse (ASPS). Basel: August 2015.
Gächter, Thomas und Filippo, Martina (2016): Grundfragen zu einer schweizerischen Pflegeversicherung. In: Pflegerecht – Pflegewissenschaft, 1, 35 – 40.
Gasser, Nadja; Knöpfel, Carlo und Seifert, Kurt (2015): Erst agil, dann fragil. Pro Senectute Schweiz. Zürich.
GDK, Gesundheitsdirektorenkonferenz (2013): Jahresbericht 2012. Bern.
Gehrig, Matthias; Oesch, Thomas und Stettler, Peter (2010): Pflegeausbildung und Pflegepersonalmangel im Kanton Graubünden.
Schlussbericht im Auftrag des Kantons Graubünden. Büro BASS. Bern.
Gesundheitsamt des Kantons Thurgau (2012): Alterskonzept Kanton Thurgau. Frauenfeld.
Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt (2014): Gesundheitsversorgungsbericht des Jahres 2013. Basel.
GETcare (2016): 24-Stunden-Betreuung in der Schweiz: Betreuung mit Herz ab 1.990 Franken im Monat! www.getcare.ch.
Zugriff: 05.04.2016.
Gfs.bern (2015): Gesundheitswesen konsolidiert – zwischen Kollektiv- und Eigenverantwortung. Studie im Auftrag von
Interpharma. Bern.
GKV-Spitzenverband (2014): Vereinbarung nach § 115 Abs. 1a Satz 6 SGB XI über die Kriterien der Veröffentlichung sowie die
Bewertungssystematik der Qualitätsprüfungen nach § 114 Abs. 1 SGB XI sowie gleichwertiger Prüfergebnisse in der
stationären Pflege – Pflege-Transparenzvereinbarung stationär (PTVS) – vom 17. Dezember 2008 in der Fassung vom
10.06.2013. www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/pflegeversicherung/richtlinien__vereinbarungen__ formulare/
transparenzvereinbarungen/pvts_neu_ab_2014_01_01stationaer/Pflege_PTVS_2013-06-10.pdf. Zugriff: 09.11.2015.
GKV-Spitzenverband (2015): Bewertungssystematik Pflegedienste. www.pflegenoten.de/bewertungssystematik/pflegedienste/
bewertungssystematik_pflegedienste.jsp. Zugriff: 09.11.2015.
Giger, Susanne (2011): Hauspflege als Geschäftsmodell. Rendez-vous. Radio DRS. www.srf.ch/sendungen/rendez-vous/
noch-mehr-rechnungsfehler-im-finanzdepartement. Zugriff: 28.01.2014.
Gouvernement de la République et du Canton du Jura (2015): Message relatif au projet de révision partielle de la loi portant introduction à
la loi fédérale sur les prestations complémentaires à l’assurance-vieillesse, survivants et invalidité (LiLPC). Delémont.
Hänni, Karin und von Fellenberg, Theodor (2012): Integrierte medizinische Versorgung im Val Müstair – die Lösung für die Peripherie?
In: Schweizerische Ärztezeitung, 93, 50, 1849 – 1850.
Harper, Sarah (2014): Economic and social implications of aging societies. In: Science, 346 (6209), 587 – 591.
Höpflinger, François; Bayer-Oglesby, Lucy und Zumbrunn, Andrea (2011): La dépendance des personnes âgées et les soins de longue durée.
Cahiers de l’Observatoire suisse de la santé (Obsan). Zürich: Verlag Hans Huber.
Höpflinger, François (2016): Fakten und Zahlen zur häuslichen Betreuung alter Menschen. In: Baumeister, Barbara (Hrsg.):
Schutz in der häuslichen Betreuung alter Menschen – erkennen und intervenieren. In Vorbereitung.
Hôpital du Pays-d’Enhaut (2014): Le Pôle santé du Pays-d’Enhaut – Un projet qui fédère les acteurs de la santé.
www.hopital-pae.ch/documents/pole_sante.pdf?PHPSESSID =52c99a3c8d029c94d4878e9f1aa7af35. Zugriff: 09.11.2015.

Anhang

Departement des Innern des Kantons St. Gallen (2011):

Anhang
161

Tarifs des prestations 2015. Genève.
Jaccard Ruedin, Hélène; Marti, Michael; Sommer, Heini; Bertschy, Kathrin und Leoni, Christian (2010): Soins de longue durée – Comparaison des
coûts par cas dans le canton du Tessin. Obsan Bericht, 36. Neuchâtel.
Kanton Solothurn (2013): Pflegeheimplanung 2020 Kanton Solothurn. Botschaft und Entwurf des Regierungsrates an den Kantonsrat von Solothurn. Solothurn.
Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Ständerates (2015): Parlamentarische Initiative Nachbesserung der Pflegefinanzierung.
Erläuternder Bericht. Bern.
Köppel, Ruth (2015): Erfolgreiche Praktiken von Tagesstätten. Studie im Auftrag der Age-Stiftung.
Krummenacher, Jürg; Wächter, Matthias (2013): Die Versorgung der Bevölkerung mit Spitexleistungen im Kanton Schwyz – 
Standortbestimmung und Ausblick. Schlussbericht, Hochschule Luzern. Luzern: August 2013.
Kupferschmid, Urs (2013): Integrierte Versorgung im Lichte des Pflegenotstandes am Beispiel der Stiftung RaJoVita. Vortrag im
Rahmen des Kongresses «Pflegenotstand Schweiz?» Luzern: 03.12.2013.
Lalive d’Epinay, Christian und Cavalli, Stefano (2013): Le quatrième âge ou la dernière étape de la vie. Lausanne: Presses polytechniques
et universitaires romandes.
Movimento della Scuola (2012): Manifesto per la scuola. movimentoscuola.ch/wp-content/uploads/2012/11/Dati-MdS-per-il-29.11.2012.ppt.
Zugriff: 11.08.2015.
Nittnaus, Michael (2013): Betreuungs- GAV gegen die Missstände. In: Berner Zeitung. 28.05.2013.
Obsan, Observatoire Suisse de la Santé (2015): Offre et recours aux structures intermédiaires pour personnes âgées en Suisse.
Appel d’offre. Neuchâtel.
OECD, Organisation for Economic Co-operation and Development (2016): OECD Stat: health status.
stats.oecd.org/viewhtml.aspx?datasetcode=HEALTH_STAT&lang=en#. Zugriff: 04.03.2016.
Perrez, Josef (2012): Altersstruktur und Steuerertrag. Statistisches Amt des Kantons Zürich. In: Statistik.info, 1. Zürich.
Perrig-Chiello, Pasqualina (2012): Familiale Hilfe und Pflege. In: Perrig-Chiello, Pasqualina und Höpflinger, François (Hrsg.):
Pflegende Angehörige älterer Menschen. Bern: Huber.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François und Schnegg, Brigitte (2010): Pflegende Angehörige von älteren Menschen in der Schweiz.
SwissAgeCare-2010. Forschungsprojekt im Auftrag von Spitex-Schweiz, Bern.
Perrig-Chiello, Pasqualina und Höpflinger, François (2012): Pflegende Angehörige älterer Menschen. Bern: Huber.
Pflegehilfe (2016): Betreuung zu Hause – Persönlicher und kostengünstiger. www.pflegehilfe.ch/betreuung/preise-angebote.
Zugriff: 05.04.2016.
Pflegenoten (2015): Reaktionen auf die Pflegenoten. www.pflegenoten.info/reaktionen.php. Zugriff: 09.11.2015.
Pro Senectute Kanton St. Gallen; Curaviva St. Gallen und Spitex Verband (2012): Ambulante und stationäre Hilfe und Pflege. Positionspapier.
www.sg.pro-senectute.ch/media/files/ambulant_stationaer_8.2.13.pdf. Zugriff: 11.03.2016.
RSBJ, Réseau de Santé Balcon du Jura.vd (2015): www.rsbj.ch. Zugriff: 09.11.2015.
RTS, Radio Télévision Suisse (2012): Salaires des enseignants: comparaison romande.
www.rts.ch/play/tv/19h30/video/salaires-des-enseignants-comparaison-romande?id=3984776. Zugriff: 11.08.2015.
Rüefli, Christian; Duetz, Margreet; Jordi, Michael und Spycher, Stefan (2015): Gesundheitspolitik. In: Oggier, Willy (Hrsg.). Gesundheitswesen
Schweiz 2015 – 2017. Bern: Hogrefe Verlag.
Rühli, Lukas (2012): Gemeindeautonomie zwischen Illusion und Realität. Kantonsmonitoring 4: Gemeindestrukturen und
Gemeindestrukturpolitik der Kantone. Zürich: Avenir Suisse.
SBK, Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (2015): Pflegevollkosten nach Kanton. www.sbk.ch/fileadmin/sbk/
service/freiberufliche_pflege/docs/2015_10_01_en_Pflegevollkosten_nach_Kantonen_www_de.pdf. Zugriff: 01.03.2016.
Schmid, Tina (2014): Generation, Geschlecht und Wohlfahrtsstaat. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Schoch, Claudia (2014): Der Zentralismus im Gesundheitswesen wächst. In: Neue Zürcher Zeitung. 26.11.2014.
Schürch, David und Winkler, Jürg (2014): Inländisches Fachkräftepotential in Spitälern, Kliniken und Pflegeinstitutionen.
In: Schweizerische Ärztezeitung, 95, 49, 1865–1867.
Schweizerische Alzheimervereinigung (2007): Die verfügbaren Plätze decken 12% des Bedarfs. In: Info, 47, 16 – 17.
SECO, Staatssekretariat für Wirtschaft (2015): Rechtliche Rahmenbedingungen für Pendelmigration zur Alterspflege. Bericht des
Bundesrates in Erfüllung des Postulats Schmid-Federer 12.3266 vom 16. März 2012. Bern: April 2015.
Seifert, Elisabeth (2015): Spitex-Monopol beginnt zu wanken. In: Aargauer Zeitung. 17.10.2015.
Sekimoto, Miho und Li, Masako (2015): Supplier-Induced Demand for Chronic Disease Care in Japan: Multilevel Analysis of
the Association between Physician Density and Physician-Patient Encounter Frequency. In: Value in Health Regional
Issues, 6, 103 – 110.
Senesuisse (2016): Vernehmlassung zur Änderung des ELG, des BVG und des FZG. Vernehmlassungsantwort von senesuisse. Bern.
IMAD, Institution Genevoise de Maintien à Domicile (2015):

162

Kantonsmonitoring 7  | 2016

SGK SR, Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Ständerates (2015):

finanzierung. Erläuternder Bericht. Bern.
SKOS, Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (2014):
SKOS, Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (2015):

Parlamentarische Initiative Nachbesserung der Pflege­

Monitoring Sozialhilfe. Bern.
SKOS -Richtlinien. skos.ch/uploads/media/2015_SKOS-Richtlinien-komplett-d.pdf.

Anhang

Zugriff: 01.02.2016.
Slembeck, Tilman (2006): Kostentreiber im Schweizer Gesundheitswesen – Eine Auslegeordnung. Studie im Auftrag von
santésuisse. Solothurn.
Sozialvorsorgeamt des Staats Freiburg (2016): Tagesstätten für betagte Personen: Finanzierung. www.fr.ch/sps/de/pub/aelteremenschen/
tagesstaetten/finanzierung.htm. Zugriff: 15.04.2016.
SRF, Schweizer Radio und Fernsehen (2015): Das Spitex-Monopol wankt. Sendung 10vor10. www.srf.ch/sendungen/10vor10/
spitex-monopol-umstrittene-body-cams-wurst-alarm. Zugriff: 28.10.2015.
Sugawara, Shinya; Nakamura, Jiro (2015): Gatekeeper incentives and demand inducement: An empirical analysis of care managers in
the Japanese Long-Term Care Insurance program. papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2578867. Zugriff: 07.01.2016.
Thurvita (2015): www.thurvita.ch/home.htm. Zugriff: 09.11.2015.
Trottmann, Maria; Vaterlaus, Stephan; Telser, Harry und Übelhart, Tobias (2016): Finanzierung der Langzeitpflege aus ökonomischer Sicht.
In: Pflegerecht – Pflegewissenschaft, 1, 29 – 32.
Von Bergen, Matthias (2015): Versorgungskonzept Gesundheit und Alter der Gemeinde Kriens: Chancen und Auswirkungen.
3. Tagung Alter – Dienstleistungen und Pflege. Liestal: 30. September 2015.
Von Gunten, Armin (2011): Behavioural and psychological symptoms of dementia in Swiss nursing homes: an analysis of existing
RAI-data. Working Report. Lausanne: Service universitaire de psychiatrie de l’âge.
Von Holten, Karin; Jähnke, Anke und Bischofberger, Iren (2013): Care-Migration – transnationale Sorgearrangements im Privathaushalt.
In: Obsan, Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.): Obsan Bericht, 57. Neuchâtel.
Wächter, Matthias; Künzi, Killian (2011): Grenzen von Spitex aus ökonomischer Perspektive. Kurzstudie im Auftrag des Spitex
Verbands Schweiz, Büro Bass. Bern.
Weaver, France; Jaccard Ruedin, Hélène; Pellegrini, Sonia und Jeanrenaud, Claude (2008): Les coûts des soins de longue durée d’ici à 2030 en
Suisse. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium Obsan, Neuchâtel.
Wettstein, Gérard (2001): Die Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgaben zwischen Bund und Kantonen – eine Auslegeordnung. In: Die Volkswirtschaft (12), 8 – 13.
Zúñiga, Franziska (2015): Rationierung in Schweizer Pflegeheimen – Hintergründe und Zusammenhänge aus der SHURP-Studie.
Präsentation am Curaviva Fachkongress. Basel: 15. Januar 2015.
Zúñiga, Franziska; Ausserhofer, Dietmar; Hamers, Jan; Engberg, Sandra; Simon, Michael und Schwendimann, René (2015): Are Staffing,
Work Environment, Work Stressors, and Rationing of Care Related to Care Workers’ Perception of Quality of Care?
A Cross-Sectional Study. In: Journal of the American Medical Directors Association, 16(10), 860 – 866.

Anhang
163

Zu dieser Studie

Das vorliegende Kantonsmonitoring beruht im Kern auf Primärdaten,
die Avenir Suisse in den 26 Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein
mittels standardisierter Fragebögen erhoben und in Einzelgesprächen
mit den zuständigen Amtsvorstehern im Sommer 2015 validiert hat. Die
so gesammelten Informationen wurden in umfangreichem «Desk
Research» verifiziert und mit der Analyse von national erhältlichen Statistiken (zum Beispiel Spitex-Statistik und SOMED-Statistik) ergänzt.
Der Text wurde von Jérôme Cosandey verfasst, der die Gesamtprojektleitung innehatte und auch für die Recherchearbeit verantwortlich war.
Bei den umfangreichen Datenaufbereitungen wurde er von Kevin Kienast
unterstützt.
Die Lektoren Marius Brülhart (Universität Lausanne), Reto Föllmi (Universität St. Gallen), François Höpflinger (Universität Zürich), Thomas
Lorenz (Stiftung Zukunft.li) und Christian Streit (senesuisse) lieferten
wichtige Anregungen und Verbesserungsvorschläge.

164

Kantonsmonitoring 7  | 2016

Jérôme Cosandey (* 1970) promovierte an der ETH Zürich
und erwarb einen Master der Universität Genf in internationaler
Wirtschaftsgeschichte. Er setzt sich seit 2011 als Senior Fellow
von Avenir Suisse mit dem Reformbedarf in der Altersvorsorge,
der Organisation und Finanzierung der Alterspflege und Fragen
der Altersarbeit auseinander.
Kevin Kienast (* 1986) hat Master-Abschlüsse der Universität
St. Gallen in internationalen Beziehungen sowie der Yonsei
Universität Seoul in Global Economy and Strategy. Er arbeitet
seit April 2015 als Researcher bei Avenir Suisse.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.