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Full text: Wissenstransfer zwischen Forschung und Gesellschaft

Wissenstransfer zwischen
Forschung und Gesellschaft
Ethische, rechtliche und soziale Aspekte des Wissenstransfers
in den modernen Lebenswissenschaften

1

Inhalt
Vorwort

3

Vom Wissen, das Leben rettet

4

Wie gute Ideen aus der Forschung sich in der medizinischen Praxis durchsetzen ..................................................4 


Wissenstransfer: Gegenstand, Bedeutung, Funktion, Probleme

6

Was ist Wissenstransfer? .............................................................................................................................................................................. 7

„Öffentliche Debatten verändern die Wissenschaft“. Interview mit dem Soziologen Peter Weingart .................. 9

Wissenstransfer in den Lebenswissenschaften ...............................................................................................................................11

Hemmnisse für den Wissenstransfer....................................................................................................................................................12

„Emotionen können die Wahrnehmung verzerren“. Interview mit dem Psychologen Kai Sassenberg ................13


Wie Wissenstransfer heute erforscht wird

16

Beteiligte Disziplinen und Forschungseinrichtungen ..................................................................................................................17

Die wichtigsten Methoden und Konzepte .........................................................................................................................................17

Wie der Sprung über die Fachgrenzen gelingt. Interview mit der Ärztin Julika Loss ...................................................18

„Ich fahnde nach Mustern in Texten“. Interview mit der Historikerin Oonagh Hayes ................................................21

„Wir beobachten das soziale Miteinander im Internet“. Interview mit der Politikwissenschaftlerin 

Barbara Prainsack ..........................................................................................................................................................................................24


Forschungsförderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 28 

Die Citizen-Science-Bewegung – Bürgerforschung für mehr Gesundheit .......................................................................30

Die Selbstvermesser kommen – Was verändert sich durch das Web 2.0? .........................................................................32

„Mit der Hirnforschung schmückt man sich gern.“ Interview mit dem Philosophen Fabio de Sio .......................34 

Wie Übertreibungen entstehen – Medizinische Information auf dem Weg in die Öffentlichkeit ........................36

Begegnungen auf Augenhöhe – Wissenschaft und Ärzteschaft tauschen sich aus ......................................................38

Wenn das Wunschkind ausbleibt – Was Migrantinnen über Reproduktionsmedizin wissen ..................................40


2

Wenn Information unter die Haut geht – Der Einfluss von Emotionen auf den Wissenstransfer ........................42

Leistungssteigernde Medikamente – Expedition ins Reich der Wunderpillen ................................................................44

Die verschwiegenen Gene – Wie reden wir über vererbte Anlagen? ....................................................................................46

Gesundheits-Apps – Weckruf in der Leichtschlafphase ............................................................................................................48

Formeln für ein gesundes Leben – Was verbirgt sich hinter Risikotest? ............................................................................50


Ausblick

52


Anhang

53


Literatur................................................................................................................................................................................ 53

Internetadressen des ELSA-Förderschwerpunkts ...................................................................................................... 53

Internetadressen zum Förderschwerpunkt "Wissenstransfer" ................................................................................. 53

Internetadressen zu einzelnen Themen der Broschüre ............................................................................................. 53

Fachbegriffe ........................................................................................................................................................................ 54


Impressum

57

3

Vorwort
Forschung ermöglicht medizinischen Fortschritt. Die
Förderung des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung (BMBF) in der Gesundheitsforschung zielt
darauf ab, dass dieser medizinische Fortschritt die
Menschen erreicht und bessere Diagnosen, Therapi­
en und Prävention schafft. Von neuen Erkenntnissen
profitieren aber nur dann möglichst viele Menschen,
wenn das Wissen effektiv vernetzt wird. Wir setzen uns
deshalb dafür ein, dass der Wissenstransfer noch besser
funktioniert. Dazu ist es wichtig, die verschiedenen Ak­
teure einzubeziehen – Forschende genauso wie Medien,
politische und gesellschaftliche Institutionen sowie die
Bürgerinnen und Bürger.
Einen interdisziplinären Ansatz verfolgt auch die
Forschung zu den ethischen, rechtlichen und sozia­
len Aspekten der modernen Lebenswissenschaften,
genannt ELSA (Ethical, Legal and Social Aspects). Sie
beschäftigt sich vor allem mit den gesellschaftlichen
Chancen und Herausforderungen und fördert den
Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und
Politik. Dabei spielt die Zusammenarbeit verschiedener
Forschungsdisziplinen aus den medizinisch-naturwis­
senschaftlichen, den geistes- bzw. sozialwissenschaft­
lichen Fächern und den Lebenswissenschaften sowie
die Weitergabe von Wissen an die Öffentlichkeit eine
wichtige Rolle.

Eine ELSA-Fördermaßnahme haben wir auf den
Wissenstransfer ausgerichtet, um die damit verbun­
denen Strukturen, Mechanismen und Auswirkungen
zu untersuchen. Die Ergebnisse der einzelnen Projekte
können wertvolle Synergien schaffen und weitere
Forschungsinitiativen sowie gesellschaftliche wie poli­
tische Diskussionen anstoßen. Zudem können sie neue
Anregungen für eine bessere Wissenskommunikation
geben. Dies wird auch der Gesundheitsversorgung
zugutekommen.
Die vorliegende Broschüre gibt einen Einblick in die
spannenden Wege des Wissenstransfers und in die
Schwerpunkte der ELSA-Förderung. Ich wünsche allen
Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre und
viele neue Impulse.

Prof. Dr. Johanna Wanka
Bundesministerin für Bildung und Forschung

4

Vom Wissen, das Leben rettet

Wie gute Ideen aus der Forschung
sich in der medizinischen Praxis
durchsetzen
Eine Delikatesse war dieses saure Kraut wirklich nicht,
das musste Captain Cook zugeben. Aber es half offenbar
gegen die schreckliche Krankheit Skorbut, der schon
ganze Schiffsbesatzungen zum Opfer gefallen waren.
Deshalb lagerten im Bauch des Schiffs, mit dem James
Cook 1776 von Plymouth zu seiner dritten Weltumseg­
lung aufbrach, hunderte Fässer mit Sauerkraut. Während
der monatelangen Fahrt kam das Gemüse regelmäßig
auf den Tisch. Mit beeindruckendem Erfolg: Nach der
Reise war kein einziger Seemann an Skorbut erkrankt.

Früher Wissenstransfer
Zu verdanken war das den Forschungen von James
Lind. Um 1750 hatte der schottische Arzt in einem
der ersten systematischen Versuche an Patienten
bewiesen, dass Zitrusfrüchte, Kräuter und eben auch
Sauerkraut den allmählichen Verfall des Körpers durch
Skorbut verhindern können. Kapitän Cook war faszi­
niert von dem neuen Wissen, das er umgehend an
seine Besatzung weitergab.

In der Medizin gibt es viele Erfolgsgeschichten zum
Thema „Wissenstransfer“. Im Mittelpunkt stehen oft
leidenschaftliche Ärztinnen und Ärzte wie James Lind,
die einer Idee mit großer Beharrlichkeit zum Durch­
bruch verhelfen. Linds Experimente waren auf wenige
Patienten beschränkt, aber die Ergebnisse reichten aus,
um mit James Cook einen besonders einflussreichen
Zeitgenossen zu überzeugen – ein frühes Beispiel für
ein Ineinandergreifen von Forschung und Praxis zum
Wohl der Patientinnen und Patienten.
In diesem Sinn ist auch John Snow ein Pionier des
Wissenstransfers. Der Londoner Arzt hatte Mitte des
18. Jahrhunderts erkannt, dass Cholera nicht durch
giftige Dämpfe, sondern von winzigen lebenden
Organismen im Trinkwasser übertragen wird. Trotz
eindeutiger Nachweise zweifelte die Fachwelt lange an
seiner Theorie – bestätigt wurde sie erst nach dem Tod
des großen Arztes. Weltweit wurde daraufhin die Ka­
nalisation ausgebaut, die bis heute die Gesundheit von
Milliarden Menschen schützt. Und John Snow? Er ist
als Held in die Medizinhistorie eingegangen und wird
als Begründer der Epidemiologie verehrt.
Ein zeitgenössisches Beispiel für erfolgreichen Wissen­
stransfer ist die Aidsbehandlung. Als die Immunschwä­

5

Bei der Kommunikation von
Gesundheitsthemen sind
eine gute Ausbildung, Unvor­
eingenommenheit, Erfahrung
und Genauigkeit wichtig –
bei Medienvertretern wie
auch bei Pressestellen.
Susanne Glasmacher, Pressesprecherin,
Robert Koch-Institut, Berlin

chekrankheit in den 1980er-Jahren ausbrach, zitterte
die Welt vor einer globalen Epidemie. Die
Medizin hatte ihr so gut wie nichts entgegenzusetzen
und wer mit dem Aidsvirus infiziert war, musste mit
dem Tod rechnen. Um das zu ändern, formierte sich
eine beispiellose Allianz von Forschern, Ärzten, Politi­
kern, Betroffenen und Angehörigen für den Umgang
mit dieser neuen Erkrankung. Sie schaffte es zum
Beispiel, binnen weniger Jahre mehrere antivirale
Medikamente zu entwickeln und in die Praxis zu
bringen. Durch eine geschickte Kombination dieser
Arzneimittel können Aidspatientinnen und -patienten
heute lange und gut mit ihrer Krankheit leben – aus
der einst tödlichen ist eine chronische Erkrankung
geworden.

Beschleunigung durch das Internet
Einen Forschungsboom gibt es heute nicht nur bei ein­
zelnen Krankheiten, sondern in den Lebenswissenschaf­
ten allgemein. Das Ergebnis ist eine noch nie dagewese­
ne Fülle neuer Erkenntnisse. Sie werden nicht mehr nur
durch gedruckte Medien wie Zeitschriften und Bücher
verbreitet, sondern zunehmend auch online.
Das Internet mit seinem unendlichen Rechercheange­
bot und der unbegrenzten Verfügbarkeit beschleunigt
die Weitergabe von Informationen und erleichtert den

Dialog zwischen Forschung und Ärzteschaft, aber auch
mit Patientinnen und Patienten. Aber: Man kann sich
auch leicht verlaufen in dem Dickicht von Informa­
tionen, wo Wichtiges und Unwichtiges, Falsches und
Wahres häufig unsortiert nebeneinandersteht. Der
Bedarf an Orientierung ist groß, gerade im Gesund­
heitsbereich mit seinen besonders sensiblen Themen.
Gleichzeitig eröffnet das Mitmachinternet, das soge­
nannte Web 2.0, neuartige Wege der Zusammenarbeit.
Auf sozialen Plattformen werden Gesundheitsdaten
ausgetauscht und interpretiert, Bürgerwissenschaft­
ler und Lebenswissenschaftler kommen auch online
schneller und direkter zusammen. Neue Initiativen
haben das Potenzial, das klassische Rollengefüge in
Lebenswissenschaften und Medizin zu bereichern und
Anfänge dieser Entwicklung sind bereits sichtbar.
Der Transfer von Wissen zwischen Forschung, medizi­
nischer Praxis und Gesellschaft hat viele Gesichter und
er ist gewiss nicht immer einfach. Doch er kann und
muss gelingen – die guten Ideen warten darauf.
Die Explosion des Wissens

Jedes Jahr steigt die Zahl wissenschaftlicher Veröf­
fentlichungen weltweit um acht bis neun Prozent.
Das berechneten die Wissenschaftler Lutz Bornmann
und Rüdiger Mutz im Jahr 2014. Demnach kommt es
etwa alle neun Jahre zu einer Verdopplung aktueller
Fachinformationen – auch in den Lebenswissen­
schaften.
Beeindruckende Zuwächse verzeichnet auch die
weltgrößte Quelle für medizinische Literatur, die USDatenbank Medline. Aktuell sind dort 22 Millionen
Artikel aus allen Bereichen der Medizin gespeichert.
Täglich kommen bis zu 4.000 neue Beiträge hinzu.
Dabei handelt es sich um eine Auswahl: Die weltwei­
te Produktion liegt nach Expertenschätzungen bei
rund 6.000 medizinischen Artikeln pro Tag.
Für den Alltag praktisch tätiger Ärztinnen und
Ärzte ist nur ein Bruchteil davon wichtig. Und doch
müssten sie, um in ihrem Fach einigermaßen auf dem
Laufenden zu bleiben, im Schnitt 20 Artikel täglich
lesen. Doch wer hat dafür die Zeit?

6

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

Wissenstransfer: Gegenstand,
Bedeutung, Funktion, Probleme

WISSENSTRANSFER: GEGENSTAND, BEDEUTUNG, FUNKTION, PROBLEME

7

Stellen wir uns vor, die biomedizinische Forschung findet endlich einen Wirkstoff, der Alzheimer heilen kann. Aus
der Fachliteratur erfährt die Ärzteschaft von großen Studien, in denen die Substanz erfolgreich an Patientinnen und
Patienten getestet wurde. Die Publikumsmedien berichten verständlich und ausgewogen über die neue Therapie.
In den Betroffenengruppen wird ausgiebig über Vor- und Nachteile des neuen Medikaments diskutiert.

Bald darauf kommt das Medikament auf den Markt.
Die Öffentlichkeit ist gut vorbereitet. Sie konnte sich
ausgiebig über Wirkungen und Nebenwirkungen infor­
mieren – im Internet, in den klassischen Medien und
bei Ärztinnen und Ärzten. Es bilden sich Gruppen, die
online oder im persönlichen Kontakt ihre praktischen
Erfahrungen mit dem Medikament austauschen. Wis­
senschaft und Medizin sind einbezogen und gemein­
sam gelingt es, die Demenztherapie zu verbessern.
So könnte ein Wissenstransfer neuer medizinischer
Erkenntnisse verlaufen. Doch die Realität sieht häufig
anders aus. Es dauere zu lange, klagen Fachleute, bis
Innovationen aus dem Labor ans Krankenbett gelang­
ten. Selbst gesichertes Wissen brauche 15 Jahre, bis es
die ärztliche Routineversorgung erreiche.

Was ist Wissenstransfer?
Wissenstransfer ist eine komplexe Aufgabe, nicht nur
für Lebenswissenschaften wie Medizin, Biologie und
Psychologie. Sie beschäftigt Forschungseinrichtungen,
Wirtschaftsunternehmen und andere Institutionen
der modernen Wissensgesellschaft, deren Erfolg in
heutiger Zeit maßgeblich vom Gelingen dieses Trans­
fers abhängt. Dass er nicht reibungslos funktioniert,
zeigt die zunehmend beklagte Kluft zwischen Theorie
und Praxis.
Konjunktur hat das Thema „Wissenstransfer“ seit den
1960er-Jahren. Damals begann ein Boom in der globa­
len Produktion von Wissen, der bis heute anhält und
längst nicht abgeschlossen ist. Parallel dazu wurde auch
der Transfer von Forschungserkenntnissen wichtiger.

Inzwischen gibt es etliche Varianten des Wissenstrans­
fers, mehrere Definitionen und sehr viele Bezeich­
nungen dafür. 125 Namen zählt zum Beispiel die
englischsprachige Internetplattform „WhatisKT“ und
22 Definitionen von knowledge transfer. Im Deutschen
ist die Situation ähnlich: Begriffe wie „Wissenstransfer“,
„Wissensaustausch“ und „Wissensvermittlung“ sind eng
miteinander verwandt, und ihr gemeinsamer Nenner
ist die Kommunikation zwischen Menschen.

Wie Wissenstransfer definiert wird

Viele Definitionen von Wissenstransfer sind mehr
oder weniger deutlich auf bestimmte Zielgruppen in
Wirtschaft und Management, Organisationen, For­
schungseinrichtungen oder im Gesundheitsbereich
zugeschnitten.
Für die Weltgesundheitsorganisation beispielsweise
ist Wissenstransfer ein Instrument, um die „know­
do“-Lücke zu schließen – die Kluft also zwischen
dem, was wir wissen und dem, was wir tun. Die
Aufgabe sei anspruchsvoll und nur zu lösen, wenn
das Wissen für den jeweiligen Verwendungszweck
aufbereitet werde. Dazu sei ein ständiger Austausch
zwischen den Produzenten und Anwendern von
Forschungsergebnissen erforderlich.
In den meisten Definitionen wandert das Wissen von
oben nach unten, etwa von der Wissenschaft in die
Öffentlichkeit. Einen Transfer von unten nach oben
oder eine Zirkulation des Wissens lässt folgende
Definition zu: „Unter Wissenstransfer ist die zielge­
richtete Übertragung von Wissen von einem Trans­
ferpartner (Sender) zu einem anderen Transferpartner
(Empfänger) zu verstehen, wobei die Transferpartner
Individuen oder Kollektive sein können und die Rol­
len Sender und Empfänger in einer Transfersituation
wechseln können.“ (aus: Michael Thiel: Wissenstrans­
fer in komplexen Organisationen, Gabler Verlag,
Wiesbaden 2002)

8

Von Sendern und Empfängern
Doch was ist eigentlich Kommunikation? Die beiden
Nachrichtentechniker Claude Shannon und Warren
Weaver definierten sie Ende der 1940er-Jahre als Über­
tragung einer Information von einem Sender zu einem
Empfänger. Dabei wird die Information kodiert und als
Signal über einen Übertragungskanal übermittelt. Für
viele Laien ist diese Vorstellung bis heute gültig, doch
in der Fachwelt ist längst klar: So einfach funktioniert
Kommunikation nicht.
Denn Informationen sind keine Eigenschaften von
Signalen – sonst müsste zum Beispiel ein Text auf
Kyrillisch von allen Leserinnen und Lesern gleich gut
verstanden werden. Das aber trifft bekanntlich nicht zu.

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

An dieser Stelle hilft ein Blick auf die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes „Information“. Es kommt vom
lateinischen „informare“, was mit „einprägen“, „formen“
oder „gestalten“ übersetzt werden kann. Auf die Kom­
munikation übertragen heißt das: Aus Signalen werden
nur dann Informationen, wenn die Empfängerseite da­
ran mitwirkt – sie muss den Rohdaten gewissermaßen
Bedeutung verleihen. Das ist ein subjektiver Vorgang
und so können objektiv gleiche Inhalte, je nach Indivi­
duum, zu unterschiedlichen Informationen führen.
Aus Informationen kann Wissen entstehen. Zwar
werden die beiden Begriffe in der Umgangssprache oft
synonym verwendet, sie haben jedoch einen unter­
schiedlichen Stellenwert. Denn Wissen ordnet Infor­
mationen in einen größeren Kontext ein, es struk­
turiert und ordnet sie mit dem Ziel größtmöglicher
Gewissheit. Es erfordert persönlichen Einsatz und lässt
sich deshalb (leider) nicht wie ein Paket überreichen
oder gar eintrichtern. Die gute Nachricht: Wissen wird
nicht weniger, wenn man es teilt.

Erfahrungsschätze heben
Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen implizi­
tem und explizitem Wissen. Als explizit gelten Wissens­
inhalte, die ein Mensch bewusst beherrscht und die er
in der Regel auch sprachlich artikulieren kann. Implizite
Inhalte sind als Erfahrungswissen gespeichert und nicht
bewusst verfügbar – wie zum Beispiel sprachliches
Wissen in Form von Sprachgefühl. „Wir wissen mehr,
als wir zu sagen wissen“, sagte der ungarisch-britische
Chemiker und Philosoph Michael Polanyi, der das Kon­
zept begründete. Die implizite Dimension des Wissens
gewinnt in der Forschung zunehmend an Bedeutung.
Explizites Wissen kann bewusst aktiviert werden und
ist wesentlich leichter zu vermitteln als implizites Wis­
sen – auch mithilfe von Informations- und Kommu­
nikationstechnologien. Ob das mit implizitem Wissen
überhaupt geht, ist umstritten. Es wird am besten im
persönlichen Kontakt übertragen, durch gemeinsa­
me Aktivitäten und Lernen am Modell. Implizites in
explizites Wissen umzuwandeln ist möglich und davon
profitiert der Wissenstransfer.
Dabei ist es nicht wichtig, ob das Wissen Top-down
(englisch: von oben nach unten) oder Bottom-up (von
unten nach oben) fließt. Top-down steht für die klassi­

WISSENSTRANSFER: GEGENSTAND, BEDEUTUNG, FUNKTION, PROBLEME

9

„Öffentliche Debatten verändern die Wissenschaft“

Interview mit Prof. Dr. Peter Weingart, Soziologe an der Universität Bielefeld,
über vorbildlichen Wissenstransfer, mächtige Fachjournale und die Suche
nach Orientierung

Herr Professor Weingart, Sie untersuchen
den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft
und Gesellschaft seit den 1970er-Jahren. Was hat
sich seither verändert?
Früher ließ man die Wissenschaftlerinnen und Wissen­
schaftler ungestört vor sich hinforschen. Heute wird er­
wartet, dass sie mit der Gesellschaft über ihre Forschung
diskutieren. Universitäten und andere Forschungsein­
richtungen haben sich diesem Dialog weit geöffnet.

Wie ist dieser Wandel zu erklären?
Eine große Rolle spielt die zunehmende Akademisie­
rung: Vor fünfzig Jahren nahmen nicht einmal fünf
Prozent der Deutschen ein Hochschulstudium auf,
heute bewegen wir uns auf fünfzig Prozent zu. Immer
mehr Menschen interessieren sich für Themen aus
der Forschung und wollen darüber informiert werden.
Häufig wird das auch als legitime Gegenleistung für die
teure Förderung aus Steuermitteln gesehen.

Wie gehen die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler mit der neuen Situation um?
Viele von ihnen haben gelernt, darauf einzugehen und
ihren Nutzen daraus zu ziehen. Zwar kostet der Dialog
mit der Gesellschaft Zeit und Energie, aber er kann
auch die öffentliche Akzeptanz einer Forschungsrich­
tung und ihre Chancen auf weitere Förderung erhöhen.

Gibt es ein Beispiel für einen besonders
gelungenen Wissenstransfer?
Großartig fand ich die öffentliche Diskussion aus
Anlass der Stammzellgesetzgebung im Jahr 2001. Es
war eine sehr differenzierte Debatte, die mit großem
Respekt für die unterschiedlichen Meinungen geführt
wurde. Viele Medien haben daran teilgenommen und
ihrem Publikum kompetent und sorgfältig erklärt, um
was es geht. Wer die Debatte aufmerksam verfolgt hat,
war am Ende wirklich schlauer.

Ist der Transfer von
Wissen auch einmal
richtig schiefgegangen?
Ja, und zwar bei der
Diskussion um das Wald­
sterben vor gut zwanzig
Jahren. Erste Hinweise auf Baumschäden durch Abgase
wurden damals maßlos aufgebauscht. Das Ende des
deutschen Waldes schien kurz bevorzustehen. Heute
geht es den Wäldern so gut wie nie zuvor. Und man
weiß, dass einige der frühen, überstürzt eingeleite­
ten Schutzmaßnahmen übertrieben oder gar sinnlos
waren.

Die Auseinandersetzung
mit Kritik ist wichtig für
den Wissenstransfer
Wie konnte das passieren?
Der innerwissenschaftliche Diskurs funktionierte
nicht. Es gab von Anfang an Kritik an der Hypothese
vom Waldsterben, aber die Skeptiker wurden an den
Rand gedrängt, ihre Argumente überhört. Die meisten
Medien schlossen sich den Untergangspropheten an
und liefen mit ihnen in die falsche Richtung.

Was lässt sich aus solchen Beispielen lernen?
Die Diskussion um das Waldsterben führt uns vor Au­
gen, wie wichtig die Auseinandersetzung mit kritischen
Stimmen für den Wissenstransfer zwischen Forschung
und Gesellschaft ist. Und das Stammzell-Beispiel zeigt,
dass eine öffentliche Debatte die Wissenschaft selbst
verändern kann.

Inwiefern?
Unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Publi­
kumsmedien sahen sich die Forscherinnen und For­
scher gezwungen, Alternativen zu Embryostammzellen

10

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

zu suchen. Das Ergebnis war ein Verfahren zur Repro­
grammierung voll entwickelter Körperzellen, das der
Wissenschaft völlig neue Perspektiven eröffnet hat und
dabei ethisch unbedenklich ist. Wissenstransfer, das
lässt sich hier gut erkennen, ist kein linearer Prozess
von der Wissenschaft in die Öffentlichkeit, sondern es
gibt mächtige Rückkopplungen in umgekehrter Rich­
tung, die fruchtbar für die Forschung sein können und
zuweilen deren Kurs verändern.

Fachzeitschriften 

beeinflussen die 

Berichterstattung 

der Massenmedien

Kann die Wissenschaft diesen Prozess
beeinflussen?
Ja, und zwar von Anfang an. Schlüsselrollen spielen
hierbei internationale Fachzeitschriften wie Nature,
Science oder Cell. Mit ihren Pressemitteilungen
beeinflussen sie die Berichterstattung der Massenme­
dien weltweit – deren Themenauswahl, aber auch die
Bewertung der Forschungsergebnisse. Man muss schon
sagen: Die großen Journale verstehen sich auf erfolgrei­
ches Marketing.

Marketing für wen?
Für sich selbst, aber auch für bestimmte Forschungsfel­
der. Über spektakuläre Studienergebnisse, etwa aus den
Lebenswissenschaften, zuerst zu berichten verschafft
den Zeitschriften Aufmerksamkeit und erhöht ihren
Marktwert. Auch die Autorinnen und Autoren der Stu­
die profitieren von der medialen Beachtung.

Leider halten die sensationellen Nachrichten
nicht immer, was sie versprechen.
Das stimmt und es passiert durchaus, dass einst hoch­
gejubelte Publikationen zurückgezogen werden müs­
sen, weil sie gravierende Mängel enthalten. Die Studien
waren von den Fachjournalen nicht sorgfältig genug
geprüft und vorschnell veröffentlicht worden.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Viele werden sich an den Fall des koreanischen Stamm­
zellforschers Hwang Woo Suk erinnern. Das Fachma­
gazin Science hatte seine Studie über geklonte embry­
onale Stammzellen vor zehn Jahren als bahnbrechende
Neuerung vorgestellt. Das Thema beherrschte darauf­
hin weltweit die Schlagzeilen. Doch bald schon wurde
Hwang der Datenfälschung überführt. Seine Studie
wurde zurückgezogen und die Science-Redaktion
muss sich bis heute den Vorwurf mangelnder Sorgfalt
gefallen lassen.

Wie kommt die Öffentlichkeit in dieser
Gemengelage an zuverlässige, objektive
Informationen aus der Wissenschaft?
Das ist gar nicht so einfach. Der Wissenschaftsjourna­
lismus wird gerade durch die Medienkrise dezimiert.
Parallel dazu bauen die Pressestellen der Forschungs­
institutionen ihre Kapazitäten aus; doch ihre Infor­
mationen sind von den Interessen des eigenen Hauses
geleitet. Und das Internet macht es dem Wissensdursti­
gen auch nicht gerade leicht, Wertvolles von Wertlosem
zu unterscheiden.

Was also ist zu tun?
Als Einzelne sind wir mit einer offenen, abwägenden
und selbstbewussten Haltung gut beraten. Und als Ge­
sellschaft müssen wir Wege finden, den kompetenten,
kritischen Wissenschaftsjournalismus zu stärken – er
ist unersetzlich.

WISSENSTRANSFER: GEGENSTAND, BEDEUTUNG, FUNKTION, PROBLEME

sche Vorstellung, dass neues Wissen in der Forschung
entsteht und über Zwischenstationen, etwa die Medi­
en, zum einzelnen Wissensempfänger gelangt. Beim
Bottom-up-Transfer gelangt das Wissen von unten über
verschiedene Knotenpunkte nach oben. Ein Beispiel ist
die Citizen-Science-Bewegung (auch „Bürgerwissen­
schaften“ genannt), in der Bürgerinnen und Bürger aktiv
zu neuen Forschungsergebnissen beitragen.

Wenn das Wissen zirkuliert
Wenn Top-down und Bottom-up sich treffen, entsteht
etwas Neues. Es kann zu einer Zirkulation des Wissens
kommen, etwa zwischen Forschung und Medizin,
Forschung und Öffentlichkeit oder zwischen Laien
untereinander.
In diesen Kommunikationsprozessen gibt es ver­
mittelnde Instanzen. Fachzeitschriften wählen For­
schungsergebnisse nach bestimmten Kriterien aus und
verbreiten sie in der Fachwelt, Publikumsmedien su­
chen das für sie Passende heraus und vermitteln es auf
ihre Weise an die Öffentlichkeit – so war es lange Zeit.
Doch das Internet beschert den angestammten Schleu­
senwärtern des wissenschaftlichen Informationssys­
tems zunehmend Konkurrenz. Vertraute Absender von
Forschungsergebnissen, etwa die Pressestellen von For­
schungseinrichtungen, gewinnen an Bedeutung. Neue
Knotenpunkte kommen hinzu, darunter vor allem die
Foren, Blogs und sozialen Netzwerke des Internets. Das
Gefüge des traditionellen Wissenstransfers erhält neue
Impulse – auch in den Lebenswissenschaften.

Wissenstransfer in den
Lebenswissenschaften
Seit ihren Anfängen in der Antike ist die Wissenschaft
auf die Vermittlung von Kenntnissen an nachfolgende
Generationen angelegt. Zur ersten Aufgabe der Lehre
kam später die Wissensvermehrung durch Forschung
hinzu und heute, als dritte Mission, der zügige Trans­
fer von Erkenntnissen in die Gesellschaft. Die Idee
dahinter: Das Wissen soll nicht im Elfenbeinturm der
Forschung verharren, sondern schließlich denjenigen
zugutekommen, die seine Produktion mit ihren Steuer­
mitteln ermöglichen.

11

Ich erlebe immer wieder, dass
Ärzte und Wissenschaftler gut
erzählte journalistische Beiträge
als unseriös empfinden – selbst
wenn die Fakten stimmen.
Marieke Degen, Wissenschaftsjournalistin,
Berlin

In vielem unterscheiden sich die Lebenswissenschaften
nicht von anderen Wissenschaftsbereichen. Auch hier
findet sich beispielsweise der „Technologietransfer“,
der die rasche Umsetzung von Erfindungen in an­
wendbare Produkte oder Verfahren anstrebt. In diesem
Rahmen bleibt ebenfalls die sogenannte translationale
Forschung, die Entdeckungen im Labor schneller ans
Krankenbett bringen will.

Gründe für die Informationsflut
Und doch kommt den Lebenswissenschaften eine Son­
derstellung zu. Da ist zum einen die Explosion neuen
Wissens. In einschlägigen Fachzeitschriften – und
davon gibt es weltweit inzwischen rund 25.000 – er­
scheinen jährlich etwa zwei Millionen Artikel, Tendenz
steigend. Die Informationsflut hat nicht zuletzt mit der
enormen Förderung der Lebenswissenschaften zu tun:
In kaum einem anderen Forschungsbereich wird so viel
öffentliches und privates Geld investiert. Und nirgend­
wo sonst hat Wissen häufig eine derart existenzielle
Bedeutung – die richtige Anwendung kann über Leben
und Tod entscheiden.
Zudem werfen Erkenntnisse aus den Lebenswissen­
schaften vielfach ethische Fragen auf. Ob es um die
Forschung mit embryonalen Stammzellen geht oder
um neue Techniken der Fortpflanzungsmedizin – häu­
fig ist die Gesellschaft gefordert, sich zu informieren
und Stellung zu beziehen. Der lebenswissenschaftliche
Wissenstransfer beinhaltet daher auch die Kommu­
nikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Zu
deren Verbesserung will das Bundesministerium für
Bildung und Forschung mit der spezifischen For­
schungsinitiative zum „Wissenstransfer“ im Rahmen
des Förderschwerpunktes „Ethische, rechtliche und
soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften“
beitragen.

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Erfolgskriterien für den Wissenstransfer

Bisher haben vor allem Wirtschaftswissenschaft­
lerinnen und -wissenschaftler Kriterien für den
erfolgreichen Transfer von Wissen erarbeitet. Einige
Komponenten lassen sich auf die Situation in den
Lebenswissenschaften übertragen:
 Sender und Empfänger müssen ihr Wissen teilen
und Neues lernen wollen.
 Sender und Empfänger begegnen sich auf Augen­
höhe.
 Informationen werden so übertragen, dass sie
in der gewünschten Weise verstanden werden
können.
 Damit Wissen entstehen kann, ist eine Vernetzung
mit dem individuellen Kontext des Empfängers
erforderlich

Impulse durch das Internet
Neuen Schub hat die Kommunikation zwischen
Lebenswissenschaften und Gesellschaft durch neue
Entwicklungen im Internet bekommen. Gesundheits­
informationen stehen nun nicht selten kostenlos
rund um die Uhr und dank mobiler Technologien fast
allerorts zur Verfügung. Pressestellen von Forschungs­
einrichtungen können ihre Nachrichten jetzt direkt
verbreiten – ohne Vermittlung durch die klassischen
Medien. Das interaktive Web 2.0 eröffnet neue Mög­
lichkeiten des Austauschs zwischen Wissenschaft
und Öffentlichkeit. Sie reichen von der Diskussion
in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken bis hin zur
gemeinsamen Produktion von Wissen in den Bürger­
wissenschaften.

Diese Entwicklung hat gerade erst begonnen und
sie wird zweifellos weitergehen. Die einst hohe
Barriere zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wis­
senschaftlern sinkt durch das Internet zunehmend.
Die Folgen sind in Ansätzen schon heute sichtbar.
Sie betreffen das Verhältnis von Wissenschaft und
Öffentlichkeit, die Medienlandschaft, das Gesund­
heitssystem und die Beziehung zwischen Ärztinnen
und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten.
Was das im Einzelnen bedeutet, untersuchen meh­
rere Projekte des Förderprogramms. Sie werden ab
Seite 28 vorgestellt.

Hemmnisse für den Wissenstransfer
Die Lebenswissenschaften erzeugen viel neues Wissen
und das Interesse der Öffentlichkeit daran ist besonders
groß – schließlich möchte jeder Mensch möglichst ge­
sund sein. Man könnte meinen, dass einem lebendigen,
erfolgreichen Wissenstransfer kaum etwas im Weg steht.
Und doch stößt neues Wissen auf zahlreiche Hemm­
nisse. Bemerkbar machen sie sich zum Beispiel entlang
der oft unüberschaubaren Wege, die Informationen oft

WISSENSTRANSFER: GEGENSTAND, BEDEUTUNG, FUNKTION, PROBLEME

gehen müssen. Dort gibt es viele Schaltstellen, an denen
das Wissen mitunter verzerrt und verfälscht wird oder
sogar ganz verloren geht. Die Hemmnisse haben aber
auch unmittelbar mit Besonderheiten bei den Sendern
und Empfängern neuer Erkenntnisse zu tun. Was diese
Besonderheiten genau sind, wird im Förderschwerpunkt
„Ethische, rechtliche und soziale Aspekte des Wissen­
stransfers zwischen den modernen Lebenswissenschaf­
ten und der Gesellschaft“ des Bundesministeriums
für Bildung und Forschung erforscht. Gesucht werden
Lösungsansätze für etliche Herausforderungen beim
Wissenstransfer in den Lebenswissenschaften. Hier eini­
ge Beispiele, die in Vorhaben bearbeitet werden:



13

Publikationsflut
Zwei Millionen Fachveröffentlichungen jährlich
allein in der Medizin – das Angebot war noch nie
so groß wie heute, und nie zuvor war es so einfach,
an Fachinformation zu kommen. Doch die meisten
Medizinerinnen und Mediziner fühlen sich überrollt
von dieser Lawine und auch Medien und Öffentlich­
keit macht das Überangebot zu schaffen.
In Freiburg erarbeitet ein Forscherteam Empfehlungen
zur Überwindung der Sprachbarriere und zum Um­
gang mit der Flut neuer Studien (siehe Seite 36).

„Emotionen können die Wahrnehmung verzerren“
Prof. Dr. Kai Sassenberg ist Psychologe am Leibniz-Institut für Wissensmedien
in Tübingen und Leiter des ELSA-Forschungsprojekts „Von der Wissenschaft zur
Öffentlichkeit: Das Beispiel der Tiefen Hirnstimulation“.

Herr Professor Sassenberg, welche Rolle spielen
Emotionen beim Wissenstransfer?

Bleibt in diesem Fall nur
das Negative hängen?

Sie haben einen enormen Einfluss, das wissen wir aus
vielen Studien. Wer sich durch bestimmte Informati­
onen bedroht fühlt, ist nicht mehr so aufmerksam wie
sonst und konzentriert sich auf das Negative. Aber auch
starke positive Gefühle, Hoffnung zum Beispiel, können
zu einer verzerrten Wahrnehmung führen: Dann sind
wir geneigt, alles durch die rosarote Brille zu sehen.

Das untersuche ich
derzeit zusammen mit
meinen Kollegen. Durch
Befragungen wollen wir
herausfinden, wie sich Emotionen bei der Aufnahme
von Wissen auf das Gedächtnis auswirken.

Können Sie die Rolle von Emotionen an einem
Beispiel illustrieren?
Nehmen wir die Wirkung von Medienberichten über die
Tiefe Hirnstimulation, die manchen Parkinsonpatienten
hilft. Eine realistische Schilderung der dabei erforder­
lichen Operation ruft bei den meisten Mediennutzern
ein Gefühl von Bedrohung hervor – da kann der Zei­
tungsartikel oder der Fernsehbericht noch so ausgewo­
gen sein.

Kann man sagen, dass Emotionen den Wissens­
transfer eher behindern?
Nein. Emotionen gehören zum Menschen, in jeder Se­
kunde, auch beim Erwerb und bei der Weitergabe von
Wissen. Es ist aber wichtig, ihren Einfluss zu erkennen.

Wird Ihre Studie einen praktischen Nutzen haben?
Das ist unser Ziel. Wir wollen Empfehlungen für Jour­
nalisten erarbeiten, damit sie ihre Berichte so gestal­
ten können, dass ihre Botschaft möglichst unverzerrt
ankommt.

14





Eine wissenschaftliche Studie
führt zu diesen Ergebnissen,
die nächste zu ganz anderen.
Was stimmt denn nun?

Theorie-Praxis-Kluft
Forschungsergebnisse lassen sich meist nicht eins
zu eins in die Praxis übertragen; sie müssen vorher
an die spezifischen Bedingungen angepasst werden.
Doch dazu kommt es oft nicht – mangels Kommu­
nikation, aber auch wegen wechselseitiger unter­
schiedlicher Perspektiven.
In Magdeburg bringt ein Projekt Neurowissenschaftler
und Hausärzte zusammen, um die Versorgung von
Menschen mit Demenz zu verbessern (siehe Seite 38).
Ethische Bedenken
Wenn genetische Krankheitsrisiken als unabänder­
liches Schicksal verstanden werden, sind Gespräche
darüber häufig tabu. Dadurch verschenkt man wirk­
same Präventionsmöglichkeiten.
Ein Forscherteam an der Universität Regensburg will
herausfinden, warum die familiäre Belastung für eine
bestimmte Augenkrankheit hierzulande ausgeklam­

Patientin

mert wird – in der Öffentlichkeit, aber auch im Dialog
zwischen Arzt und Patient (siehe Seite 46).


Wissen nutzbar machen
Deutschsprachige Gesundheitsinformationen
verpuffen, wenn die Adressatinnen und Adressaten
sie nicht verstehen – sei es aufgrund sprachlicher
Hürden oder weil das passende Zugangswissen fehlt.
Mangelnde Bildung verschärft das Problem.
Ein weiteres Forscherteam in Regensburg, bestehend
aus Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissen­

15

Bei Beschwerden suche ich
zuerst Rat im Internet. Danach
bin ich oft erschlagen von der
Masse an Informationen – und
fühle mich kränker als vorher.
Patientin

schaftlern, ermittelt, was Migrantinnen über die Mög­
lichkeiten der Reproduktionsmedizin wissen und wie
sich ihr Zugang zu vorhandenen Angeboten verbessern
lässt (siehe Seite 40).


Emotionen
Wissen wird individuell konstruiert. Dabei spielen
Emotionen, wie sie zum Beispiel durch Medienbe­
richte geweckt werden, eine wichtige Rolle. Wie sich
bestimmte Darstellungsformen im Detail auswirken,
ist noch wenig bekannt.
Ein Tübinger Wissenschaftlerteam untersucht den
Einfluss von Emotionen, Voreinstellungen und Persön­
lichkeitseigenschaften auf das Verstehen und Erinnern
von Gesundheitsinformationen (siehe Seite 42).





Informierter Patient
Die Auskünfte von medizinischem Fachpersonal so­
wie die Informationen, die Menschen an sich selbst
erheben und/oder selbst recherchieren, können
voneinander abweichen.
Eine Forschergruppe in Greifswald untersucht so­
genannte Selbstdiagnose-Anwendungen auf deren
gesellschaftliche, soziale und personale Auswirkungen.
Diese Apps werden zunehmend mittels Smartphones
genutzt (siehe Seite 48).
Qualitätsverluste bei der Vermittlung
Auf dem Weg in die Öffentlichkeit verlieren Fach­
informationen oft an Qualität. Ergebnisse werden
nicht selten verzerrt, verfälscht oder in ihrer Bedeu­
tung übertrieben.
Forscherinnen und Forscher in Dortmund analysieren
die Schwachstellen der Kommunikationskaskade und
entwickeln Gegenmaßnahmen (siehe Seite 36).

16

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

Wie Wissenstransfer heute
erforscht wird

WIE WISSENSTRANSFER HEUTE ERFORSCHT WIRD

17

Forschung zum lebenswissenschaftlichen Wissenstransfer beschäftigt sich heute meistens mit der Frage, wie es
gelingen kann, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung schneller in die Anwendung zu bringen – entweder direkt
am Krankenbett oder in einem Unternehmen. Dagegen ist der Transfer von Wissen zwischen Lebenswissenschaften
und Gesellschaft nur selten Gegenstand der Forschung. Um hier einen Impuls zu geben, hat das Bundesministerium
für Bildung und Forschung ein eigenes Forschungsprogramm initiiert.

Die ausgewählten Projekte decken ein ungewöhnlich
breites Fächerspektrum aus den Natur-, Sozial- und
Geisteswissenschaften ab. Zur Bearbeitung ihrer For­
schungsfragen nutzen die beteiligten Wissenschaftle­
rinnen und Wissenschaftler jedoch fast ausschließlich
Methoden der empirischen Sozialforschung. Damit
gemeint ist ein Fundus von Regeln und Verfahren zur
wissenschaftlich kontrollierten Gewinnung und Analy­
se von Daten über soziale Phänomene.
Auch innerhalb des Programms findet Wissenstransfer
statt. Dazu zählen die gemeinsame Auftaktkonferenz
der Projektleiterinnen und -leiter sowie regelmäßige
Arbeitstreffen der einzelnen Gruppen. Auf projektin­
ternen Abschlusskonferenzen werden die Ergebnisse
vorgestellt und diskutiert. Publikationen sorgen für
den Wissenstransfer in die interessierte Öffentlichkeit.

Beteiligte Disziplinen und
Forschungsrichtungen
Die meisten Expertinnen und Experten im Forschungs­
programm „Wissenstransfer“ kommen aus den Sozial­
wissenschaften, vor allem aus der Soziologie mit
dem Spezialgebiet Medizinsoziologie, aber auch aus
Politologie, Ethnologie, Psychologie, Kommunika­
tionswissenschaft und Journalistik. Die Medizin ist mit
zahlreichen Fachgebieten präsent: Allgemeinmedizin,
Augenheilkunde, Biometrie/Statistik, Epidemiologie,
Humangenetik, Medizinethik, Neurologie und Psychia­
trie. Die Geisteswissenschaften sind durch die Fachbe­
reiche Philosophie und Geschichte vertreten.
In allen Projekten arbeiten Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen
zusammen, häufig in bunt gemischten Teilprojekten. Da
untersuchen Expertinnen und Experten aus Medizin
und Sozialwissenschaften, warum die Ergebnisse neuro­
wissenschaftlicher Forschung nicht bei den Hausärzten
ankommen.

Andernorts verfolgen Fachleute aus Journalistik und
Medizinischer Biometrie, wie sich die Qualität me­
dizinischer Information verändert, wenn sie medial
verbreitet wird. Und ein großes Forscherkonsortium
will wissen, warum das Wissen über genetische Krank­
heitsrisiken häufig zwischen Grundlagenforschung und
ärztlicher Praxis versickert. Einfach ist die interdiszi­
plinäre Zusammenarbeit nicht, aber für die Forschung
zum Wissenstransfer ist sie unverzichtbar (siehe Inter­
view mit Professorin Julika Loss, siehe Seite 18).
Das Forschungsprogramm führt Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler von Universitäten und außeruni­
versitären Einrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet
zusammen. Kooperationen mit Kolleginnen und Kolle­
gen im europäischen Ausland ergänzen das Vorhaben.

Die wichtigsten Methoden
und Konzepte
Erforscht wird der Wissenstransfer in den Lebenswis­
senschaften mit bewährten Methoden der empirischen
Sozialforschung. Dazu zählen einerseits quantitative Ver­
fahren zur standardisierten Erhebung und statistischen
Analyse numerischer Daten und andererseits qualitative
Methoden: Durch eine offene und einfühlende Heran­
gehensweise wollen die Forscherinnen und Forscher die
spezifische Qualität von sozialen Phänomenen erfassen.
Für das aktuelle Forschungsprogramm besonders
wichtige Verfahren werden im Folgenden in Grund­
zügen erläutert.* In allen Projekten wenden die
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere
Methoden an, um ihre Forschungsfragen möglichst
umfassend zu bearbeiten.
* Die Erläuterungen beziehen sich auf zwei Quellen: auf das Buch
„Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften“ (Wiesbaden 2015)
und die Onlineveröffentlichung „Methoden der Sozialwissenschaften“
(sowi-online e.V., Bielefeld 2007).

18

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

Wie der Sprung über die Fachgrenzen gelingt

Prof. Dr. Julika Loss ist seit 2010 Professorin für Medizinische Soziologie
an der Universität Regensburg. Sie leitet ein interdisziplinäres
ELSA-Forschungsprojekt zu genetischen Risiken bei Volkskrankheiten.

Frau Professorin Loss,
Sie leiten ein For­
schungsprojekt zum
Wissenstransfer über
genetische Risiken von
Volkskrankheiten am
Beispiel einer alters­
bedingten Augenerkrankung. Aus welchen Diszi­
plinen kommen die beteiligten Wissenschaftlerin­
nen und Wissenschaftler?
Aus vier Fachbereichen und ganz unterschiedlichen
Grunddisziplinen. In der genetischen Epidemiologie
durchforsten Informatiker und Mathematiker die
genetischen Informationen großer Patientengruppen
und bewegen dabei unvorstellbar große Datenmengen.
In der Humangenetik studieren Biologen im Labor die
Entstehung und Entwicklung genetischer Erkrankun­
gen. In der Augenheilkunde geht es primär um die ärzt­
liche Versorgung von Patienten mit einer Erkrankung
der Stelle des schärfsten Sehens im Auge, der alters­
bedingten Makuladegeneration. In der Medizinischen
Soziologie untersuchen Soziologen, Gesundheitswis­
senschaftler und Psychologen, wie im Gesundheitssys­
tem Wissen weitergegeben wird.

Auf was kommt es konkret an?
Jede Teilaufgabe im Projekt muss fachlich kompetent,
methodisch fundiert und auf dem neuesten Stand der
jeweiligen Wissenschaft erledigt werden. Es darf aber
am Schluss nicht vier Ergebnisse von Teilprojekten
geben, die für sich exzellent sind, aber unverbunden
nebeneinanderstehen. Deshalb muss man von Anfang
an die Fragestellungen verzahnen und sich regelmäßig
austauschen. Das klingt leicht, ist aber schwierig, denn
es kostet wertvolle Zeit.

Mit welchen Problemen muss man rechnen?
Jede Disziplin spricht ihre eigene Fachsprache und hat
auch eigene Vorstellungen davon, was Wissenschaft­
lichkeit bedeutet. Da zweifelt der Sozialwissenschaftler
vielleicht an der Sinnhaftigkeit von grundlagenbezoge­
ner „Mäuseforschung“ im Labor, während der Natur­
wissenschaftler wenig Verständnis für Fragebögen zur
Erfassung der Lebensqualität von Patienten aufbringt.
Für die einen steht die Veröffentlichung in möglichst
hochrangigen Zeitschriften im Vordergrund, für andere
praktische Verbesserungen, etwa in der Patientenver­
sorgung.

Wie gehen Sie mit den Diskrepanzen um?
Dass sich so viele Fächer zusammentun, ist nicht
gerade üblich.
Das stimmt. Viele Disziplinen arbeiten und denken in
ihren Schubladen und tauschen sich fast ausschließlich
in ihren eigenen Zirkeln aus. Wenn man aber mitei­
nander ins Gespräch kommt, erkennt man plötzlich
die Schnittmengen zu anderen Fachbereichen oder
anderen Experten.

Wie schaffen Sie es, in großer Runde gut
zusammenzuarbeiten?
Wir kennen uns persönlich – das ist sehr wichtig. So
kann Wertschätzung für die Perspektiven der anderen
entstehen. In unserer Gruppe sind inzwischen alle
überzeugt, dass die Zusammenarbeit einen echten
Mehrwert für jeden von uns bringt.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel illustrieren: Für
unser Projekt in der Medizinischen Soziologie befragen
wir rund hundert Patienten, die in der Augenklinik
der Universität Regensburg behandelt werden. Damit
unsere Studie den Klinikablauf nicht allzu sehr stört,
nehmen wir in Kauf, dass wir vielleicht nicht immer
alle Fragen stellen können. Umgekehrt akzeptieren die
Augenmediziner gewisse Erschwernisse im Klinikalltag,
weil sie sich von unserer Erhebung wichtige Impulse
versprechen. Das gilt allgemein: Wenn ein Gewinn für
die eigene Arbeit in Aussicht steht, sind die Projektpart­
ner bereit, in die Kooperation zu investieren.

WIE WISSENSTRANSFER HEUTE ERFORSCHT WIRD

Befragung/Interview
Die systematische Befragung von Personen in Einzelin­
terviews, in Gruppendiskussionen oder per Fragebogen
ist eine der beliebtesten und am häufigsten genutzten
Methoden der Sozialforschung. Dabei tauschen sich
Fragende und Befragte mündlich oder schriftlich aus,
um Informationen über die Befragten oder über be­
stimmte Sachverhalte zu gewinnen. Befragungen oder
Interviews – die beiden Begriffe werden oft synonym
gebraucht – verlaufen mehr oder weniger standar­
disiert. Verwandt ist die geschichtswissenschaftliche
Methode Oral History zur Erschließung mündlicher
Quellen (siehe Interview mit Oonagh Hayes, Seite 21).
Beim offenen Interview sind in der Regel das Thema, der
Einstieg sowie zuweilen auch die Nachfragen vorge­
geben; in Gang gehalten wird es durch den Erzählfluss
des oder der Befragten. Zunehmend eingesetzt wird
das narrative Interview, bei dem Interviewpartnerinnen
oder -partner ermuntert werden, zusammenhängende
Geschichten zu einem bestimmten Thema zu erzählen.

19

Die meisten Ärzte und Wissen­
schaftler wissen es inzwischen zu
schätzen, wenn Journalisten fundiert
über ihr Fachgebiet berichten –
und dabei auch die Grenzen medizi­
nischen Könnens aufzeigen.
Anke Brodmerkel, Medizinjournalistin, Hamburg

Beim fokussierten Interview setzen die Interviewten
sich zunächst mit einem bestimmten Reiz auseinander,
einem Text beispielsweise, einem Experiment oder
einer Situation. Dazu werden ihnen anschließend
Fragen gestellt, die sich an einem eigens entwickelten
Leitfaden orientieren. Einem strikten Muster folgen
standardisierte Interviews: Oft sind nicht nur die Fragen
vorgegeben, sondern auch das Reaktionsverhalten
der Interviewer. Dadurch werden die Antworten gut
vergleichbar.

20

Die Befragten geben in unterschiedlichen Rollen Aus­
kunft: als Alltagsmenschen oder als Anwenderinnen
und Anwender einer bestimmten Technik. Bei Exper­
teninterviews soll das besondere Wissen von Fachleuten
zu einem bestimmten Themenfeld über die Befragung
erschlossen werden. In der Regel treffen Fragende und
Befragte paarweise aufeinander. Es gibt jedoch auch
Gruppeninterviews, bei denen die Mitglieder meist
nacheinander von einer Person befragt werden – und
nicht miteinander diskutieren.

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

Ich wünsche mir mehr Kontakt
zwischen der Wissenschaft und
uns Ärzten, um für die drängen­
den Probleme medizinischer
Praxis Lösungen zu finden.
Dr. Hildor Landsmann, niedergelassener
Allgemeinmediziner, Magdeburg

Y Beispiel Seite 40:

Was Frauen mit Migrationshintergrund über Mög­
lichkeiten der Reproduktionsmedizin wissen, ermittelt
ein Forscherteam aus Regensburg mittels telefonischer
Befragungen. Ergänzt wird das Bild durch eine Online­
befragung reproduktionsmedizinischer Zentren.

Y Beispiel Seite 32:

Hamburger und Karlsruher Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler ermitteln mit fokussierten, narrativen
und Experteninterviews, ob und wie sich das Verhältnis
von Lebenswissenschaften und Gesellschaft durch das
Web 2.0 verändert.

Y Beispiel Seite 44:

Mit einer repräsentativen Befragung erkundet ein Main­
zer Forscherteam die Einstellungen zum Thema „Hirn­
doping“ in Deutschland.

Beobachtung
Die systematische Beobachtung sozialen Handelns ist
eine zentrale Methode der Sozialwissenschaften mit
zahlreichen Varianten. Bei der teilnehmenden Beob­
achtung beteiligt sich die Forscherin oder der Forscher
aktiv an dem Geschehen, das beobachtet wird. In
einer Gruppe werden sie dadurch nicht als Störfaktor
wahrgenommen und können den Untersuchungsge­
genstand quasi von innen betrachten. Ein Risiko ist der
mögliche Distanzverlust, weil die Qualität der Beob­
achtung dadurch sinkt.
Diese Gefahr entfällt bei der nicht teilnehmenden
Beobachtung. Wenn die Beobachterin oder der Beob­
achter dabei für eine Gruppe sichtbar ist, wird dies
jedoch häufig als Kontrolle empfunden. Beobachtun­
gen können darüber hinaus verdeckt oder unverdeckt
stattfinden, oder sie können strukturiert oder unstruk-

turiert erfolgen. Das Beobachtungsspektrum reicht von
ganzen Kulturen – die entsprechende Methode heißt
„Ethnografie“ – und sozialen Bewegungen bis hin zu
einzelnen Treffen von Expertinnen und Experten.
Untersuchungsgegenstand der Netnografie ist die
Kommunikation im Internet. Was beobachtet werden
soll, wird zuvor geplant und in ein Kategoriensys­
tem umgesetzt. Im Fokus steht meist das sprachliche
Verhalten, aber auch nonverbale Ausdrucksformen
werden in den Protokollen festgehalten. Dennoch: Was
Menschen wahrnehmen, ist immer selektiv – das wis­
sen Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler
genau. Deshalb gehen sie davon aus, nie alle Einzelhei­
ten vollständig erfassen zu können.

Y Beispiel Seite 50:

In Berlin dokumentiert eine Gruppe von Forscherinnen
und Forschern, wie die ersten Untersuchungen der bisher
größten deutschen Gesundheitsstudie verlaufen. Ihre
Methode ist die teilnehmende Beobachtung.

Y Beispiel Seite 24:

In Kiel und London nutzt ein Team von Wissenschaft­
lerinnen und Wissenschaftlern das Instrument der
Netnografie, um zu beobachten, wie Anwender von
Genomtests sich im Internet austauschen (siehe Inter­
view mit Professor Barbara Prainsack).

Y Beispiel Seite 32:

Karlsruher Forscherinnen und Forscher besuchen Treffen
von Quantified-Self-Gruppen, um mithilfe der teilneh­
menden Beobachtung Einblick in die Diskussionen, Ziele
und Strukturen dieser neuen Gesundheitsbewegung zu
erhalten.

WIE WISSENSTRANSFER HEUTE ERFORSCHT WIRD

21

„Ich fahnde nach Mustern in Texten“
Oonagh Hayes ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut
für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. In einem
ELSA-Forschungsprojekt zur Tiefen Hirnstimulation rekonstruiert sie den
Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Öffentlichkeit.
Frau Hayes, als Historikerin untersuchen Sie
den Wissenstransfer aus dem Blickwinkel der
Entangled history. Wie kann man sich das
vorstellen?
In meiner Forschung geht es um den Diskurs über die
Tiefe Hirnstimulation, eine moderne Methode zur
Behandlung von Hirnerkrankungen wie Parkinson. Ich
analysiere den Austausch von Argumenten innerhalb
der Lebenswissenschaften, aber auch in Medien und
Öffentlichkeit. Zwischen diesen Sphären gibt es eine
Vielzahl von Wechselwirkungen. Die kann ich besser
erkennen, wenn ich das Geschehen als miteinander
verwobene Geschichte betrachte – nichts anderes
meint der Begriff „Entangled history“. Historiker unter­
suchen damit die Verflechtungen zwischen Nationen
oder Kulturen.

Es geht also um eine bestimmte Sichtweise?
Ja, es ist eine besondere Aufmerksamkeit für Wechsel­
wirkungen, die mir sonst vielleicht entgehen würden.
Ich achte zum Beispiel genau auf die Resonanz, die
Medienberichte über die Tiefe Hirnstimulation in der
Fachwelt haben und wie das möglicherweise die For­
schungsdiskurse beeinflusst.

Welche Methoden wenden Sie dabei an?
Ich nutze klassische Methoden der Sozialwissenschaf­
ten. Zum Beispiel die Diskursanalyse mit ihrem Haupt­
instrument, der Textanalyse.

Wie gehen Sie genau vor?
In journalistischen Texten über die Tiefe Hirnstimu­
lation untersuche ich beispielsweise den Aufbau des
Beitrags und fahnde nach Mustern bei der Verwendung
von Wörtern. Dabei haben sich drei Kategorien ergeben
– Angst, Hoffnung und Faszination –, denen sich fast
alle Texte oder Textteile zuordnen lassen.

Und welches Motiv
überwiegt?
Meine Hypothese war,
dass die Angst vor der
Tiefen Hirnstimulation als
Grundstimmung vor­
herrscht. Doch das ist falsch, wie die Textanalyse zeigt:
Die Faszination für diese Technik liegt mit großem
Abstand vorn. Unsere Bildanalysen, etwa von beglei­
tenden Infografiken, kommen zum gleichen Ergebnis.

Sie nutzen auch eine Methode namens „Oral
history“. Was genau ist damit gemeint?
Unter dem Begriff versteht man wissenschaftliche In­
terviews, mit denen Historiker mündliche Quellen er­
schließen. Für die Geschichtswissenschaften ist es eine
relativ neue Methode, die mit der Befragung von Holo­
caustüberlebenden als Zeitzeugen begann. Vorher hat
man in meiner Disziplin meist nur staubiges Archiv­
material ausgewertet. Beim Thema Wissenstransfer
führe ich Interviews mit Lebenswissenschaftlern, um
meine Theorien anhand der Erfahrungen von Experten
zu überprüfen. Dabei halte ich fest, was sie sagen, aber
auch, wie sie es sagen.

22

Diskursanalyse
Der Oberbegriff fasst Ansätze zur Untersuchung
von Text-, Sprach- und Wissensstrukturen in unter­
schiedlichen Forschungsdisziplinen zusammen. Mit
dem Instrument arbeiten beispielsweise Linguisten,
Soziologen, Politologen und Historiker. Anders als bei
der offeneren Inhaltsanalyse (siehe Seite 26) gehen die
Forscherinnen und Forscher bei der Diskursanalyse mit
bestimmten Konzepten an Texte oder andere Unter­
suchungsobjekte heran. Analog dazu interpretieren
sie ihre Befunde, suchen nach Wissensstrukturen und
Hinweisen auf soziale Zusammenhänge.

Y Beispiel Seite 21:

Die Tübinger Historikerin Oonagh Hayes fahndet mit dis­
kursanalytischen Methoden nach verborgenen Mustern
in journalistischen Berichten.

Die wichtigsten Entwicklun­
gen in meinem Fach auf den
Punkt gebracht und frei von
Lobbyinteressen dargestellt:
Das ist es, was ich brauche und
leider viel zu selten finde.
Dr. Michael Eich, niedergelassener
Allgemeinmediziner, Kevelaer

Experiment
Eine zentrale Forschungsmethode in den Sozialwis­
senschaften ist das Experiment. Es wird eingesetzt,
um Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im sozialen
Bereich aufzuspüren. Ebenso wie beim naturwissen­
schaftlichen Experiment wird zunächst ein Versuchs­

23

Kompliziertes verständlich zu
erklären ist nicht leicht, aber
wichtig, damit die Kommuni­
kation zwischen Wissenschaft
und Öffentlichkeit funktio­
niert. Ich habe große Achtung
vor allen, die dazu beitragen.
Dr. Gisela Olias, Leiterin der Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Instituts
für Ernährungsforschung, Potsdam

Faktorieller Survey
Bei dieser Form der Befragung (englisch: survey) be­
werten die Befragten komplexe Untersuchungsobjekte,
die das Ergebnis einer experimentellen Versuchsanord­
nung sind. Ein ausgeklügeltes Auswertungsverfahren
erlaubt es, die Bedeutung einzelner Aspekte dieser Ob­
jekte gegeneinander abzuwägen. Der faktorielle Survey
ist dann die Methode der ersten Wahl, wenn ganzheit­
liche Bewertungen komplexer Sachverhalte analysiert
werden sollen. In der Marktforschung lässt sich damit
beispielsweise herausfinden, welchen Beitrag einzelne
Produkteigenschaften zur Gesamtbewertung durch
Konsumenten leisten.
plan entwickelt. Eine darin festgelegte unabhängige
Variable wird unter kontrollierten Bedingungen
variiert, um dann die Auswirkungen auf eine abhängige
Variable zu dokumentieren.

Die Vignettenanalyse ist ein weitgehend identisches
Verfahren. Sie erlaubt es jedoch, eine noch größere Zahl
von Aspekten zu berücksichtigen.

Doch nicht immer lassen sich die Pflichteigenschaften
eines naturwissenschaftlichen Experiments – Planbar­
keit, Variierbarkeit und Wiederholbarkeit – im sozialen
Bereich umsetzen. Hier finden Versuche häufig unter
natürlichen Umweltbedingungen statt. Bei solchen Feld­
experimenten lassen sich die Bedingungen – anders als
beim Laborexperiment – nicht exakt steuern.

In Greifswald beobachtet ein Forscherteam mithilfe eines
faktoriellen Surveys, wie Versuchspersonen auf speziell
entwickelte Gesundheits-Apps reagieren, um deren All­
tagstauglichkeit zu verbessern.

Y Beispiel Seite 42:

Mit Experimenten im Labor und im Feld testen Tübinger
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie journalis­
tische Texte auf Leser wirken.

Y Beispiel Seite 48:

Y Beispiel Seite 38:

Magdeburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
wenden die Vignettenanalyse an, um Probleme von
Demenzpatientinnen und -patienten in der hausärzt­
lichen Praxis besser zu erfassen.

24

„Wir beobachten das soziale Miteinander im Internet“
Prof. Barbara Prainsack lehrt am Department of Social Science, Health & Medicine am King’s College
in London. Sie forscht im ELSA-Forschungsprojekt „Die Partizipatorische Wende? Ethische, gesellschaftliche
und regulatorische Aspekte von Citizen Science im Gesundheitsbereich“.
Frau Professor Prainsack, Sie erforschen das
wissenschaftliche Engagement von Laien im
Gesundheitsbereich. Welche Methoden nutzen
Sie dabei?
Wir arbeiten mit klassischen Interviewtechniken, aber
auch mit neuen Verfahren wie der Netnografie.

Könnten Sie diesen Begriff bitte erläutern?
„Netnografie“ ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus
„Internet“ und „Ethnografie“. Gemeint ist die Übertra­
gung einer bewährten sozialwissenschaftlichen For­
schungsmethode auf das Web 2.0 mit seinen interak­
tiven Plattformen. Dort treten Menschen miteinander
in Kontakt und tauschen sich aus. Wir beobachten und
beschreiben das nach dem Vorbild von Ethnologen, die
das soziale Miteinander in fremden Kulturen, aber auch
in der eigenen Kultur durch teilnehmende Beobach­
tung zu verstehen suchen.

Wie gehen Sie konkret vor?
Wir wollen herausfinden, wie unterschiedliche Perso­
nengruppen mit Genomtests umgehen, die im Internet
angeboten werden. Dazu werten wir mit diskursanalyti­
schen Methoden aus, was Anwendende und Kritikerin­
nen bzw. Kritiker solcher Tests, aber auch Personen aus
den Bereichen Medizin und Wissenschaft in bestimm­
ten Blogs und Foren im Internet schreiben. Es geht
dort um Erfahrungen bei der Nutzung, um mögliche

Gefahren und vermeintliche Vorteile solcher Tests.
Darüber hinaus führen wir persönliche Interviews mit
Anwendenden sowie Expertinnen und Experten und
erstellen dann ein Gesamtbild.

Apropos Internetrecherche: Wissen die Forums­
mitglieder, dass sie von Forscherinnen und
Forschern beobachtet werden?
Im Regelfall melden wir uns mit Namen an und sagen,
was wir vorhaben.

Hemmt das nicht den spontanen Austausch
untereinander?
Ja, aber damit müssen wir leben. Immerhin geht es in
solchen Foren oft auch um persönliche Gesundheits­
informationen. Hier unerkannt mitzudiskutieren, wäre
unethisch.

Gewinnen Sie mit Ihren Methoden am Ende
ein umfassendes Bild von Menschen, die sich
Genomtests im Internet unterziehen?
Ich denke ja. Wir fragen die Anwender, was sie von
diesen Tests haben und was sie daran nachteilig
finden, und dokumentieren die Angaben in allen Ein­
zelheiten. Wenn in neuen Interviews oder Beobach­
tungen keine zusätzlichen Aspekte mehr auftauchen,
bedeutet das: Unser Bild ist so vollständig wie derzeit
möglich.

WIE WISSENSTRANSFER HEUTE ERFORSCHT WIRD

25

Fallstudie

Grounded Theory

Einem einzelnen Fall besonders nahe kommen und ihn
umfassend darstellen – mit dem Forschungsinstrument
der Fallstudie ist dies möglich. Der in vielen sozialwis­
senschaftlichen Disziplinen verbreitete Ansatz erlaubt
es auch, einzelne Fallbeispiele anhand bestimmter
Kriterien zu vergleichen. Er steht im Kontrast zu fallübergreifenden Ansätzen, die meist auf der Basis von
Zufallsstichproben einen Repräsentativitätsanspruch
erheben.

Das wohl am weitesten verbreitete Konzept der
qualitativen Sozialforschung ist die Grounded Theory.
Darunter versteht man einen Forschungsstil, bei dem
sich die Theorie aus der kontinuierlichen Auswertung
empirischer Daten entwickelt. Die Grounded Theory
geht zurück auf die beiden US-Sozialwissenschaftler
Anselm Strauss und Barney Glaser, die das Konzept
1967 erstmals vorstellten. Entstanden ist es während
einer mehrjährigen medizinsoziologischen Studie in
amerikanischen Krankenhäusern. Dabei bewährte sich
eine flexible Vorgehensweise, bei der die Methoden
fortwährend an die Forschungssituation angepasst
werden.

Y Beispiel Seite 34:

Den Wissenstransfer von den Neurowissenschaften in
andere Disziplinen untersucht ein Düsseldorfer Forscher­
team anhand ausgesuchter Fallbeispiele.

Y Beispiel Seite 50:

Mit einer Fallstudie über einen Risikotest für Herzkrank­
heiten führt eine Forschergruppe aus Frankfurt typische
Abläufe im Medizinsystem vor Augen.

Nicht nur in meinem Handeln
als Ärztin, sondern auch als
Medizinjournalistin fühle ich
mich den Patienten und der
Gesellschaft verpflichtet.
Dr. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin
Medizinreport und Perspektiven,
Deutsches Ärzteblatt

26

Den Realitätstest müssen auch die theoretischen
Annahmen bestehen: Sie werden laufend anhand neu
gewonnener Daten überprüft und gegebenenfalls
korrigiert. Durchgesetzt hat sich die Grounded Theory
vor allem in den Fächern Soziologie, Erziehungswis­
senschaft und Psychologie.

Y Beispiel Seite 50:

Forscherteams in Berlin und Frankfurt begleiten den Auf­
takt zur größten Gesundheitsstudie in Deutschland mit
sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Sie bewegen
sich auf unkartiertem Terrain – die Grounded Theory hilft
ihnen, Kurs zu halten.

Gruppendiskussion/Fokusgruppe
Wenn Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler
wissen wollen, wie ein bestimmtes Thema von Betrof­
fenen mit welcher Gruppendynamik diskutiert wird,
greifen sie gern zum Instrument der Gruppendiskussion.
Sie wird von einer Moderatorin oder einem Moderator
geleitet und anschließend ausgewertet, um typische
Muster zu erkennen. Eine Variante ist die Fokusgruppe,
bei der ein vorgegebenes Thema so bearbeitet werden
soll, dass praktikable Ergebnisse herauskommen.

Y Beispiel Seite 36:

Dortmunder und Freiburger Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler moderieren Gruppendiskussionen mit
Ärztinnen und Ärzten sowie medizinischen Laien. Sie
wollen deren Erwartungen an die Qualität medizinischer
Information erfahren und dokumentieren.

Y Beispiel Seite 38:

In Magdeburg erörtern Neurowissenschaftler und Haus­
ärzte in Fokusgruppen, wie die Situation von Menschen
mit demenziellen Erkrankungen langfristig verbessert
werden kann.

Inhaltsanalyse
Wer teilt wem was, wie und mit welcher Absicht und
Wirkung mit? Das ist die Grundfrage der Inhaltsana­
lyse, mit der Sozialwissenschaftlerinnen und -wis­
senschaftler bevorzugt Medieninhalte untersuchen:
Pressemitteilungen, Rundfunk- und Fernsehsendun­
gen, Blogs im Internet bis hin zu ganzen Jahrgängen
von Zeitungen und Zeitschriften. Zur Verfügung stehen
quantitative und qualitative Techniken, die allein oder
in Kombination verwendet werden.

Bei der besonders häufig genutzten quantitativen
Inhaltsanalyse wird das Untersuchungsmaterial for­
mal und inhaltlich nach den Kategorien eines zuvor
erarbeiteten Codebuchs ausgewertet. Die weniger
standardisierte qualitative Inhaltsanalyse greift auf
unterschiedliche Methoden zurück, die zuweilen auch
Textanalyseverfahren heißen. Es geht meist darum, das
Material so zu verdichten, dass die wesentlichen Inhal­
te deutlich werden. Ein Synonym für die Inhaltsanalyse
ist der Begriff „Dokumentenanalyse“.

Y Beispiel Seite 36:

Dortmunder Forscherinnen und Forscher durchleuchten
den Expertenkonsens erfahrener Medizinjournalistinnen
und -journalisten zur Güte von Medienbeiträgen mit
inhaltsanalytischen Methoden. So wollen sie die Qualität
der Begutachtung sichern.

Y Beispiel Seite 46:

In Regensburg wertet ein Wissenschaftlerteam Medien­
berichte über die Augenkrankheit altersbedingte Makula­
degeneration aus – mit Verfahren zur Textanalyse.

Literaturrecherche
Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
googeln, wenn sie erste Informationen zu einer For­
schungsfrage suchen. Für einen zuverlässigen Über­
blick über ein neues Forschungsfeld reichen Google,
Wikipedia und Co. jedoch nicht aus. Dazu ist eine

27

In der Diskussion über
Themen der Hochtechnolo­
gie, etwa in den Lebenswis­
senschaften, fehlt es oft an
wissenschaftlichen Basis­
kenntnissen. Dann haben
Polarisierer und Schwarz­
Weiß-Maler leichtes Spiel.
Prof. Dr. Oliver Brüstle, Stammzell­
forscher, Medizinische Fakultät der
Universität Bonn

Y Beispiel Seite 30:

Wie viele Citizen-Science-Projekte gibt es im Gesund­
heitsbereich? Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissen­
schaftler haben eine Bestandsaufnahme gemacht.

Szenario
systematische Literaturrecherche erforderlich, die heute
überwiegend im Internet stattfindet. Literaturdaten­
banken, Zeitschriftenarchive und wissenschaftliche
Suchmaschinen werden dabei nach möglichst präzise
formulierten Suchbegriffen durchforstet. Im nächsten
Schritt wird die relevante Literatur ausgewählt und zur
Nutzung für das eigene Forschungsprojekt aufbereitet.

Hypothetische Vorstellungen von zukünftigen Ent­
wicklungen und Zuständen lassen sich in einem
Szenario plastisch vor Augen führen. Die Szenariotech­
nik wird häufig genutzt, um herauszufinden, welche
Entwicklungen wahrscheinlich, wünschenswert oder
doch eher nachteilig sind.

Eine weitere Suchstrategie ist das Schneeballverfahren,
das aufgrund bekannter Autorinnen und Autoren oder
Publikationen ähnliche Literatur erfasst. So ergibt sich
idealerweise ein lückenloses Bild mit den wichtigsten
Autorinnen und Autoren, aber auch mit den prägen­
den Ideen, Strömungen und Ereignissen in einem
Forschungsfeld. Bei der verwandten Bestandsaufnahme
wird das Untersuchungsfeld zur Vorbereitung eigener
Forschung abgesteckt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Tech­
nischen Universität Dortmund nutzen die Technik, um
die Qualität von Pressemitteilungen und Zusammenfas­
sungen von Fachartikeln zu überprüfen. Ihr Szenario: Sie
übertragen bewährte Kriterien zur Beurteilung journalis­
tischer Texte in ihrer Gesamtheit auf die anderen Medien
– und beobachten, was dabei herauskommt.

Y Beispiel Seite 44:

Über das Thema „Hirndoping“ ist schon viel geschrieben
worden. Umso wichtiger ist die systematische Literatur­
recherche, mit der ein Mainzer Team seine Forschungsar­
beit beginnt.

Y Beispiel Seite 36:

28


Forschungsförderung des
Bundesministeriums für Bildung
und Forschung

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

29

Immer mehr Demenzkranke, Diabetes auf dem Vormarsch, Antibiotika verlieren ihre Wirkung: Die täglichen
Nachrichten zeigen, wie dringend wir auf neue Erkenntnisse aus der Biomedizin angewiesen sind. Die großen
Volkskrankheiten sind noch längst nicht besiegt und nach wie vor bedrohen Krankheitskeime unsere Gesundheit.
Hinzu kommen die enormen Herausforderungen durch eine alternde Gesellschaft.

Gesundheit sei ein Megatrend des 21. Jahrhunderts,
sagen Zukunftsforscherinnen und -forscher. Tatsäch­
lich interessiert sich die Öffentlichkeit für kaum ein
anderes Thema mehr als für aktuelle Erkenntnisse aus
der Medizin. Häufig kommen diese aus den Laboren
der Lebenswissenschaften – ein Wissenschaftsbereich,
der seit Jahrzehnten expandiert und weiter wächst.
Es gibt einen enormen Wissenszuwachs auf diesem
Gebiet – manche sprechen sogar von einer Wissens­
explosion – und stündlich kommen neue Forschungs­
ergebnisse dazu.

dung in der Medizin? Wirken gesellschaftlich geführte
Diskurse zurück auf die Wissenschaft?
Um Antworten auf solche Fragen zu finden, finanziert
das Bundesministerium für Bildung und Forschung
eine Reihe von fachübergreifenden Forschungspro­
jekten zum Thema „Wissenstransfer“. Die Initiative ist
Teil des umfassenden Förderschwerpunkts „Ethische,
rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebens­
wissenschaften“.

Große Forscherteams aus vielen Disziplinen
Austausch über Chancen und Risiken

Auf diese öffentliche Ausschreibung bewarb sich
eine große Zahl von Projektteams aus dem gesamten
Um die Erkenntnisse zum Wohl der Gesellschaft nutzen
Bundesgebiet. In einem standardisierten Begutach­
zu können, muss deren Potenzial erkannt werden. Eine
Voraussetzung dafür ist der stete Austausch zwischen
tungsverfahren wurden elf Projekte ausgewählt. In
Wissenschaft, Ärzteschaft,
ihnen arbeiten insgesamt über
Politik und Gesellschaft.
hundert Wissenschaftlerinnen
Die ELSA-Förderung des BMBF in
Nur wenn deren Vertrete­
und Wissenschaftler aus vielen
den
Lebenswissenschaften
Fachdisziplinen, darunter
rinnen und Vertreter sich
über Chancen und Risiken
biomedizinischer Neuerun­
gen verständigen und das
umsetzen, was für gut befun­
den wurde, ist nachhaltiger
Fortschritt möglich.

Die ELSA-Forschung des BMBF beschäftigt sich
mit den ethischen, rechtlichen und sozialen
Aspekten in den Lebenswissenschaften (Ethical,
Legal and Social Aspects). Sie soll wissenschaft­
lich basierte Aussagen zu den gesellschaftli­
chen Auswirkungen der modernen Lebens­
wissenschaften ermöglichen. Sie ist damit ein
wichtiger Beitrag für den öffentlichen Diskurs.
Die ELSA-Förderung des BMBF umfasst ver­
schiedene Themengebiete, beispielsweise ELSA
der Stammzellforschung, der Genom Editierung
oder der Neurowissenschaften. Die ELSAForschung ist interdisziplinär ausgerichtet. Sie
bezieht sowohl die Geistes- und Sozialwissen­
schaften als auch die Lebenswissenschaften
ein. Das BMBF unterstützt die ELSA-Forschung
derzeit mit rund fünf Millionen € pro Jahr.

Es geht also um eine mög­
lichst reibungslose Kom­
munikation und darum,
wie sie in den Lebenswis­
senschaften gelingen kann.
Zunächst stellen sich viele
Fragen: Wie verändern sich
neue Erkenntnisse aus der
Forschung auf ihrem Weg
über die Medien in die
allgemeine Öffentlichkeit?
Welchen Einfluss haben
soziale Netzwerke auf den Wissenstransfer? Wie wirken
sich das Internet und die neuen interaktiven Formen
des digitalen Wissensaustauschs aus? Warum finden
neue Forschungsergebnisse oft nur verzögert Anwen-

Medizin, Naturwissenschaften,
Philosophie und Sozialwissen­
schaften. Dabei wird das Thema
aus unterschiedlichen Richtun­
gen beleuchtet.
Einen Schwerpunkt bilden die
neuen Medien. Mehrere Pro­
jektteams untersuchen, wie das
Internet mit seinen Rechercheund Interaktionsmöglichkeiten
den lebenswissenschaftlichen
Wissenstransfer verändert. Eine
wichtige Rolle spielt dabei die
Mobiltechnologie.

In dem Förderschwerpunkt
geht es nicht nur um akademi­
sche Erkenntnisse. Alle Projekt­
teams sind angehalten, konkrete Empfehlungen für
eine Verbesserung des Wissenstransfers zu entwickeln.
Denn das Ziel ist: Wissenschaft soll in der Gesellschaft
ankommen.

30

Die Citizen-Science-Bewegung –
Bürgerforschung für mehr Gesundheit
Die Citizen-Science-Bewegung hat die Medizin erreicht. Das ermöglicht Forschungsprojekte neuen Typs und
technische Innovationen. Ein ELSA-Forschungsprojekt an der Universität Kiel, geleitet von Prof. Dr. Alena Buyx,
untersucht die Bewegung und ihre Auswirkungen.

Sie fangen Schmetterlinge, zählen Vogelarten oder
beobachten den Sternenhimmel: begeisterte Laien,
die mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit die Wissenschaft
unterstützen. Bürgerforschung, auch Citizen Science
genannt, ist zu einer weltweiten Bewegung geworden.
Und ebenso wie in anderen Ländern wächst das Inte­
resse auch in Deutschland von Jahr zu Jahr. Tausende
Menschen engagieren sich bereits, ausgereizt ist das
Potenzial aber offenbar noch lange nicht: Ein Drittel
der Deutschen kann sich vorstellen, an einem Projekt
der Bürgerforschung mitzuwirken, ergab eine reprä­
sentative Umfrage.
Wer sich für Naturschutz interessiert, hat derzeit die
größte Auswahl, wie der Blick auf die Internetseite der
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
geförderten Citizen-Science-Plattform www.buerger­
schaffenwissen.de zeigt. Anders bei Themen rund um
die Gesundheit: „Noch gibt es hierzulande kaum Pro­
jekte in diesem Bereich, an denen sich Citizen Scien­
tists beteiligen können“, berichtet die Medizinethikerin
Alena Buyx.

Initiativen zum Mitmachen
Mit diesem Ergebnis einer ersten Bestandsaufnahme
habe sie nicht gerechnet, so die junge Professorin von
der Universität Kiel. Im Rahmen eines Projekts des
BMBF untersucht sie die ethischen, gesellschaftlichen
und regulatorischen Aspekte von Citizen Science im
Gesundheitsbereich.
Methodisch stützt die Kieler Wissenschaftlerin sich
in ihrer Studie zum Beispiel auf die Netnografie, ein
modernes Verfahren zur Beobachtung des Kommuni­
kationsflusses in Online-Communities. Hinzu kom­
men Interviews mit Citizen-Science-Expertinnen und
-Experten in aller Welt.
Mangels geeigneter Beispiele in Deutschland untersucht
Alena Buyx nun Laienbewegungen im Ausland, zum
Teil gemeinsam mit der Sozialwissenschaftlerin Barbara
Prainsack vom King’s College in London (siehe Interview
Seite 24). Buyx: „Gerade in den angelsächsischen Län­
dern sind Laienbewegungen entstanden, die sich online
austauschen, darunter international bekannte Initiati­
ven wie wie ‚PatientsLikeMe‘ und ‚CureTogether‘.“

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

31

Näher anschauen wollen sich die Wissenschaftlerinnen
zum Beispiel das British Gut Project. Es handelt sich
um ein europaweit einzigartiges Forschungsvorhaben
in Großbritannien, das die Zusammenhänge zwischen
Darmflora und Gesundheit untersucht. Nicht nur
das Wohlbefinden, auch Krankheiten und sogar die
Lebensspanne haben mit dem Mikrobiom zu tun, den
Trillionen Bakterien, die den Körper besiedeln.

Wer aber erhält Zugriff auf Daten, die mithilfe von Bür­
gerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern gewon­
nen wurden? Wie lässt sich sicherstellen, dass das neue
Wissen tatsächlich in die öffentliche Forschung fließt
und nicht komplett privatwirtschaftlich genutzt wird?
Und welche ethischen Maßstäbe gelten für Selbstversu­
che von Citizen Scientists? Auch auf solche Fragen will
Alena Buyx Antworten finden.

Die freiwilligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des
British Gut Project senden Proben an ein Labor und
dokumentieren auf Fragebögen, wie sie sich ernäh­
ren. Im Gegenzug erhalten sie Informationen über ihr
persönliches Mikrobenprofil und wie es sich von den
übrigen Studienteilnehmenden unterscheidet. Sie kön­
nen auch mit verschiedenen Diäten experimentieren
und die Auswirkungen auf die Zusammensetzung ihrer
Darmflora untersuchen lassen.

Ärztinnen und Ärzte reagieren ihrer Erfahrung nach
unterschiedlich auf die neue Patientenbewegung. „Als
Forscher sind sie oft begeistert davon, weil Projekte à
la British Gut möglich werden, an die vorher nicht zu
denken war“, sagt die Medizinerin. Oft gebe es dafür
sogar noch extra Fördermittel.

Steuerung von oben
„Die Initiative für dieses Projekt geht nicht von den
Teilnehmern selbst aus, sondern von einer Londoner
Forschungseinrichtung“, sagt Alena Buyx. Die Kommu­
nikation verlaufe überwiegend nach dem Top-downPrinzip, das Wissen fließe also meist von den Expertin­
nen und Experten zu den Studienteilnehmenden. Die
Steuerung von oben sei charakteristisch für Citizen­
Science-Vorhaben im Gesundheitsbereich und stehe in
deutlichem Kontrast zur basisdemokratischen Rhetorik
von Protagonisten der Bewegung insgesamt.
Ähnliche Befunde zeichnen sich auch bei der zweiten
Fallstudie ab, einer portugiesischen Innovations­
plattform für Medizinprodukte. Dabei können
Patientinnen und Patienten ihre Ideen per Internet
zusammen mit Fachexpertinnen und -experten
weiterentwickeln. „Oft sind es überraschend einfache
Lösungen – bessere Krücken für Gehbehinderte zum
Beispiel“, sagt Alena Buyx. Treibende Kraft in diesem
Prozess seien allerdings auch hier meist die Fachleute
aus Forschung und Industrie, hat sie bei der Auswer­
tung von Blogs und Foren der Plattform festgestellt.

Auf der Suche nach neuen Regeln
Insgesamt sei das kommerzielle Interesse an medizi­
nischen Citizen-Science-Projekten groß, berichtet die
Kieler Professorin. Einige Plattformen seien schon von
Pharmafirmen aufgekauft worden.

Schwieriger kann es in der Sprechstunde werden. Denn
Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler seien
oft besonders gut informierte Patientinnen und Patien­
ten, sagt Buyx, und es falle manchen Ärztinnen und
Ärzten schwer, gelassen mit der neuen Klientel umzu­
gehen. Noch bereite das Medizinstudium darauf nicht
vor, eine Änderung des Lehrplans sei daher dringend
erforderlich. Alena Buyx: „Denn Citizen Science für die
Gesundheit kommt auch nach Deutschland – es ist nur
eine Frage der Zeit.“

32

Die Selbstvermesser kommen –
Was verändert sich durch das Web 2.0?
Wie das Web 2.0 das Verhältnis von Lebenswissenschaften und Gesellschaft verändert, untersucht Dr. Günter Feuer­
stein in dem ELSA-Verbundprojekt „Wissenstransfer 2.0“ an der Universität Hamburg.

Es begann im Jahr 2008, PatientsLikeMe war gerade
einmal vier Jahre alt und weit entfernt von heutiger
Bedeutung. Damals lud das Patientennetzwerk seine
Mitglieder erstmalig dazu ein, unerwünschte Wirkun­
gen von Arzneimitteln online zu melden, und zwar
direkt an die amerikanische Zulassungsbehörde FDA.
Es war nur ein kleiner Test, um zu sehen, ob die Idee im
Prinzip funktioniert.
Sieben Jahre später ist PatientsLikeMe das weltgrößte
Gesundheitsnetzwerk. Kürzlich klopfte die FDA erneut
an, um ein gemeinsames Forschungsprojekt zu verein­
baren, diesmal in großem Stil. Es könnte dazu führen,
dass Nebenwirkungen künftig regulär von den betrof­
fenen Patientinnen und Patienten gemeldet werden
– und nicht mehr nur durch Ärztinnen und Ärzte oder
von der Pharmaindustrie.

Eine neue Sozialfigur betritt die Bühne
„Der Wissenstransfer zwischen Lebenswissenschaf­
ten und Gesellschaft beginnt sich zu verändern“, sagt
der Soziologe Günter Feuerstein von der Universität
Hamburg. Wissen, Information und Daten entstehen
zunehmend außerhalb klassischer Institutionen und

fließen häufig, wie im Fall von PatientsLikeMe, zurück in
die akademische Welt. Zwischen die altbekannten Rol­
len des zertifizierten Experten und des Laien scheinen
immer häufiger „Prosumenten“ zu treten. Das Kunst­
wort steht für eine neue Sozialfigur, die Produktion
und Konsumtion von Wissen vereint.
Inwiefern solche Trends das Verhältnis zwischen
Lebenswissenschaften und Gesellschaft verändern
und welche Chancen und Risiken sich daraus ergeben,
untersucht jetzt eine Forschungsgruppe, die Günter
Feuerstein koordiniert. Das zweiteilige Verbundprojekt
„Wissenstransfer 2.0“ wird vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung gefördert.
Der Projektname ist eine Anspielung auf den Begriff
„Web 2.0“, der häufig als „Mitmachinternet“ übersetzt
wird. Tatsächlich wäre die moderne Laienbewegung des
Wissens ohne die grenzenlose Offenheit und globale
Verbreitung des Internets nicht möglich. Sie hat vor
allem im medizinnahen Bereich zu einem Boom neuer
Formate geführt – wer einmal online nach Gesund­
heitsinformationen gesucht hat, weiß, wie leicht man
den Überblick verliert.

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

Daher konzentrieren sich die Forscherinnen und
Forscher auf zwei Gebiete. Ein Teilprojekt beschäftigt
sich mit genetischen Heimtests, Direct-to-ConsumerGentests (DTC), und auf das Thema Gesundheit ausge­
richteten sozialen Netzwerken (Health Social Networks,
HSN), in denen die Tests diskutiert werden. Ein weiteres
Teilprojekt untersucht die Quantified-Self-Bewegung,
deren Anhängerinnen und Anhänger sich vor allem
mit der selbstständigen Erfassung persönlicher Ge­
sundheitsdaten, meist per Smartphone, und mit deren
Auswertung befassen.

Zunehmendes Interesse an Gentests
In den USA gibt es bereits eine erkennbare Nachfrage
nach frei verkäuflichen Gentests aus dem Internet.
Auch hierzulande steige das Interesse daran, wobei das
Thema in der Öffentlichkeit häufig kritisch diskutiert
werde, berichtet Anne Brüninghaus, die das entspre­
chende Teilprojekt an der Universität Hamburg leitet.
Der derzeit weltgrößte Anbieter von DTC-Gentests
ist die Firma 23andMe. Bis vor zwei Jahren bot sie von
Kalifornien aus medizinische Analysen von Genda­
ten an. Das wurde ihr von der US-Zulassungsbehörde
wegen nicht nachgewiesenen Nutzens im eigenen
Land untersagt. Inzwischen vertreibt das Unternehmen
seine medizinischen Gentests in Großbritannien, wo
andere Regeln gelten, und versucht gleichzeitig, durch
Forschung die zu Hause verlangten Nachweise zu
erbringen.
Auf die Mitwirkung von Patientinnen und Patienten
an derartigen Studien ist Anne Brüninghaus gespannt.
Stellen sie nur ihr Genmaterial zur Verfügung oder
wollen sie auch mit den Fachleuten über dessen
Verwendung diskutieren? Und wie stehen die Forsche­
rinnen und Forscher dazu? Herausfinden will Brüninghaus das durch ausführliche Interviews mit Menschen,
die im Internet über Gentests diskutieren, sowie durch
Interviews mit Lebenswissenschaftlern und Ärzten.
Zusätzlich analysiert sie Diskussionen auf Internet­
plattformen wie PatientsLikeMe.

33

Selftracker bevorzugen den persönlichen
Austausch
Im Bereich Quantified Self sei das Interesse an einem
Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissen­
schaftlern bislang eher verhalten, berichtet Nils Heyen.
Der Soziologe vom Fraunhofer-Institut für Systemund Innovationsforschung in Karlsruhe leitet das
zweite Teilprojekt der Studie.
Heyen hat an mehreren Treffen der Szene teilge­
nommen – in Deutschland und in den USA, wo die
Bewegung 2007 entstand – und Interviews mit Selftra­
ckern (deutsch: Selbstvermesser) geführt. Bei diesen
Zusammenkünften berichten die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer zum Beispiel über ihre Erkenntnisse
aus Selbstexperimenten oder Erfahrungen mit neuen
Apps. Das geringe Interesse an einer Kooperation mit
etablierten Forscherinnen und Forschern hat seiner
Ansicht nach mit dem Anspruch der Selftracker zu tun:
„Sie wollen sich vor allem selbst besser kennenlernen
und nicht unbedingt zu allgemeinen Erkenntnissen
beitragen.“
Andererseits sind Lebenswissenschaftlerinnen und -wis­
senschaftler, aber auch Medizinerinnen und Mediziner
offenbar sehr interessiert an den Daten der Selftracker.
Das erfuhr Nils Heyen von seinen Interviewpartnern.
Sie berichteten ihm weiterhin, dass Ärztinnen und
Ärzte die Messwerte oft anders interpretieren und sich
nicht gern von Selbstvermessern reinreden lassen. Wie
der Wissenstransfer 2.0 in der Medizin sich weiterent­
wickle, sei noch unklar, sagt der Karlsruher Forscher:
„Einen verstärkten Datenaustausch wird es auf jeden
Fall geben.“

34

„Mit der Hirnforschung schmückt man sich gern“
Beim Wissenstransfer ist keine Disziplin so erfolgreich wie die Neurowissenschaften. Aber warum
eigentlich? Ein Interview mit dem Philosophen Dr. Fabio de Sio

Herr Dr. de Sio, Sie untersuchen den Wissens­
transfer am Beispiel der Neurowissenschaften.
Warum haben Sie diese Disziplin ausgewählt?
Weil sie sich zur Leitdisziplin unserer Zeit entwickelt
hat. Wie keine andere Fachrichtung ist sie in andere
Wissenschaftsbereiche eingedrungen – Begriffe wie
„Neurotheologie“, „Neuroökonomie“ oder „Neuropäda­
gogik“ zeugen davon. Die Hirnforschung prägt inzwi­
schen auch unser Selbstverständnis: Das Gehirn ist zur
alles erklärenden Instanz für menschliches Empfinden,
Denken und Handeln geworden.

Wir leben also in einer Neurokultur?
Ich würde sagen, wir bewegen uns in diese Richtung.
Warum das so ist, wollen wir mit unserem historischen
Projekt erforschen.

Die Geschichte der Neurowissenschaften lässt
sich bis in die Antike zurückverfolgen. Wo setzen
Sie an?
Wir konzentrieren uns auf die Zeit von den 1950er­
Jahren bis heute. In diesen Jahrzehnten haben sich die
modernen Neurowissenschaften herausgebildet.

Warum haben sie sich gerade in dieser Zeit
entwickeln können?
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem Auf­
schwung der Wissenschaften insgesamt. Auch die
Neurowissenschaften profitierten von der wachsenden
staatlichen Förderung. Der größte Schub kam durch
neue bildgebende Verfahren wie die Kernspintomo­
grafie, mit der sich bestimmte Vorgänge im lebenden
Gehirn beobachten lassen.

Wie aber ist es den Neurowissenschaften gelungen,
sich als Leitwissenschaft zu etablieren?
Sie mussten sich zunächst einmal selbst formieren. Das
passierte in den 1950er- und 1960er-Jahren, als sich
Teildisziplinen wie Anatomie, Physiologie und Nerven­
heilkunde zusammenschlossen. In den folgenden Jahr­
zehnten geschah das, was wir als Infektion bezeichnen:
Der Transfer von neurowissenschaftlichen Erkenntnis­
sen in verwandte Disziplinen wie Psychiatrie oder Bio­
ethik, aber auch in entferntere akademische Bereiche
wie die Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften.

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

Das neue Wissen wurde bereitwillig
aufgenommen. Wie ist diese Offenheit
zu erklären?
Das untersuchen wir gerade an Fallbeispielen aus
Deutschland und Frankreich. In beiden Ländern
schmücken sich viele Disziplinen gern mit Erkennt­
nissen aus der Hirnforschung. In Deutschland sind
es zum Beispiel die Ökonomen, die sich auffallend
gern aus diesem Fundus bedienen. Vor allem in
den Sozial- und Geisteswissenschaften, so unser
Eindruck, ist die Versuchung groß, menschliches
Verhalten neurobiologisch zu erklären.

Werden die Befunde denn eins zu eins aus
den Neurowissenschaften übernommen?
Das bezweifeln wir. Wir vermuten vielmehr, dass
die Erkenntnisse so umgemodelt werden, dass sie
dem Bedarf der Fachwissenschaften entsprechen.
Der Wissenstransfer erfolgt nicht linear, sondern
er wird durch komplexe Interaktionen zwischen
Wissenschaft und Gesellschaft gesteuert. Diese These
werden wir jetzt überprüfen.

Werden die Neurowissenschaften ihre
Dominanz behalten?
Einen klaren Trendwechsel sehe ich derzeit nicht.
Allerdings formiert sich immer mehr Opposition ge­
gen den Universalitätsanspruch der Hirnforschung.
Nachdem deren Vertreter jahrelang andere Diszi­
plinen belehrten, setzen sich nun die Kulturwis­
senschaftler kritisch mit den Neurowissenschaften
auseinander. Mit unserem Projekt sehen wir uns als
Teil dieser Bewegung.

Dr. Fabio de Sio ist wissenschaft­
licher Mitarbeiter am Institut
für Geschichte der Medizin am
Universitätsklinikum Düsseldorf.
Zusammen mit dem Leiter
des Instituts, Professor Alfons
Labisch, erarbeitet er eine
Fallstudie zu Entwicklung
und Einfluss der Neurowissen­
schaften.

Meilensteine der Neurowissenschaften
– 1950 bis heute –

1961 kann der US-amerikanische Neurobiologe
Roger Sperry nachweisen, dass manche Bereiche der
linken und rechten Hirnhälfte auf unterschiedliche
Funktionen spezialisiert sind. Für seine Entdeckun­
gen zur Arbeitsweise beider Hemisphären erhält er
1981 den Nobelpreis für Medizin.
1963 beobachtet der US-amerikanische Neurowis­
senschaftler Eric Kandel, dass die Kontakte zwischen
Nervenzellen, die Synapsen, ihre Übertragungsstär­
ke ändern. In dieser Anpassung liegt, wie Kandel
herausfindet, das Geheimnis des Lernens. Was heute
allgemein bekannt ist – dass sich Wissen und Er­
fahrungen im Langzeitgedächtnis in Verknüpfungen
von Nervenzellen manifestieren –, war damals eine
bahnbrechende Entdeckung. Im Jahr 2000 wurde sie
mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
1979 erschüttert der US-Physiologe Benjamin Libet
einen festgefügten Glauben. Bereits 0,3 Sekunden vor
einem bewussten Entschluss, so stellt er fest, ist das
Gehirn aktiv. Ist der freie Wille also eine Illusion? Die
Frage ist bis heute nicht entschieden.
1987 entdeckt der Frankfurter Neurophysiologe Wolf
Singer den Rhythmus der Neuronen. Die Infor­
mationsverarbeitung im Gehirn, so schließt er aus
Experimenten mit Katzen, ist vor allem eine Frage
des richtigen Gleichtakts von Nervenzellen.
In den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelt sich
mit der funktionellen Magnetresonanztomografie
eine zentrale Methode der Hirnforschung. Mit ihr
lässt sich die Aktivität einzelner Hirnzentren sichtbar
machen.
2005 entdeckten May-Britt und Edvard Moser den
Sitz des Orientierungssinns des Menschen. Spezielle
Zellen bilden eine Art räumliches Koordinatensystem
im Gehirn, das unser „inneres GPS“ darstellt. Die
beiden Norweger erhielten 2014 zusammen mit dem
britisch-amerikanischen Forscher John O’Keefe den
Nobelpreis für Medizin. O’Keefe legte bereits in den
1970er-Jahren die wissenschaftlichen Grundlagen für
den späteren Durchbruch des Ehepaars Moser.

35

36

Wie Übertreibungen entstehen – Medizinische
Information auf dem Weg in die Öffentlichkeit
Auf dem Weg in die Öffentlichkeit verliert medizinische Fachinformation oft an Qualität. Das liegt nicht nur an den
Medien. Die verschiedenen Ursachen untersucht Prof. Holger Wormer in einem ELSA-Forschungsprojekt an der
Technischen Universität Dortmund.

Brustkrebspatientinnen, die eine Hormontherapie
machen, profitieren von Akupunktur mehr als von Me­
dikamenten: Die Nadelstiche lindern nicht nur lästige
Hitzewallungen, sie erhöhen auch das Wohlbefinden,
die geistige Klarheit und sogar die Lust auf Sex. Mit
diesem Tenor berichteten zahlreiche Medien über eine
Veröffentlichung in einer amerikanischen Fachzeit­
schrift. Die Meldung war ein Hingucker – doch leider
war sie falsch. In Wirklichkeit hatte die Studie keinen
Unterschied zwischen den Wirkungen von Arzneimit­
teltherapie und Akupunktur gefunden.
„Wenn solche Fehler passieren, beginnt umgehend
die Medienschelte“, sagt Holger Wormer, Professor für
Journalistik an der Technischen Universität Dortmund.
Verfälschung, Verzerrung, Übertreibung, lauteten dann
die zuweilen berechtigten Vorwürfe. Allerdings beginne
das Übel oft schon bei den Quellen journalistischer
Arbeit, sagt der Journalismusforscher.
Er zitiert eine Untersuchung aus Frankreich, die
Übertreibungen bereits in 40 Prozent der Abstracts
genannten Ergebniszusammenfassungen medizini­

scher Publikationen sowie in 47 Prozent der zugehöri­
gen Pressemitteilungen von Fachorganisationen fand.
Die Akupunktur-Studie dient dabei als Paradebeispiel
für die schrittweise Informationsverzerrung. Holger
Wormer: „Für eine Übertreibung bedarf es längst nicht
mehr der Medien, das Medizinsystem schafft das mit­
unter ganz allein.“

Die komplette Kaskade im Blick
Wie sich die Informationsqualität beim Transfer medi­
zinischen Wissens verändert, gerät zunehmend in den
Fokus der Forschung. Doch bisherige Studien be­
schränken sich auf Teilaspekte. Die erste Untersuchung
der kompletten Kommunikationskaskade – von der
Fachpublikation über Pressemitteilungen von Wissen­
schaftsinstitutionen und die anschließende Medizinbe­
richterstattung in deutschen Medien bis hin zu Ärzten
und Laien – wird derzeit erstellt.
Die Ergebnisse fließen in den Abschlussbericht eines
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
geförderten Verbundprojekts ein, für das zwei For­
scherteams um Holger Wormer und Gerd Antes vom

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

Deutschen Cochrane-Zentrum in Freiburg verantwort­
lich zeichnen. Der Bericht soll auch Handlungsempfeh­
lungen für künftige Verbesserungen enthalten.
Die Medizinberichterstattung der Massenmedien
erreicht schon jetzt ein Millionenpublikum. Und das
Interesse an Gesundheitsthemen nimmt weiter zu, ge­
nährt durch immer neue Magazine, Sonderseiten und
Sendungen der Medienhäuser. In der Regel berichten
sie über aktuelle Ergebnisse der lebenswissenschaftli­
chen Forschung und erreichen damit fast alle Bevölke­
rungsgruppen. Gemunkelt wird, dass auch Ärztinnen
und Ärzte ihr Wissen über medizinische Neuerungen
häufig aus den heimischen Massenmedien beziehen.
Umso wichtiger erscheint eine hohe Qualität der Be­
richterstattung.

Punkte vom Medien-Doktor
Doch wie misst man die Güte medizinjournalistischer
Produkte? Am besten an international erprobten
Kriterien, sagen die Macher des „Medien-Doktors
Medizin“ an der Technischen Universität Dortmund.
Dabei bewerten ausgewiesene Medizinjournalistinnen
und -journalisten die aktuellen Arbeiten von Kollegin­
nen und Kollegen. Punkte vergeben sie zum Beispiel
für die angemessene Darstellung von Nutzen, Risiken
und Kosten einer Therapie. Wenn der Text übertreibt
oder kaum mehr Information als eventuell zugehörige
Pressemitteilungen liefert, gibt es Abzüge.
„Nur jeder zweite medizinjournalistische Beitrag geht
deutlich über die zugrunde liegende Pressemitteilung
hinaus“, sagt Holger Wormer. Daher verbessere eine
gute Pressemitteilung die Berichterstattung der Medien
– und umgekehrt.
Doch hat der Journalismus überhaupt noch eine zen­
trale Bedeutung innerhalb der Wissenschaftskom­
munikation? Viele Medienhäuser müssen sparen und
verkleinern ihre Redaktionen. Andererseits sind Pres­
sestellen nicht mehr so wie früher auf die Redaktionen
angewiesen: Dank des Internets können sie sich direkt
an die Endnutzer wenden. „Wir machen Journalismus“,
tönt es schon aus mancher Kommunikationsabteilung.
„Es liegt daher nahe, auch Pressemitteilungen an
etablierten medizinjournalistischen Maßstäben
zu messen“, sagt Wormer. Zu prüfen sei zudem die

37

Übertragbarkeit solcher Regeln auf die Zusammenfas­
sungen wissenschaftlicher Studien.
Das Kriterienset des Medien-Doktor-Projekts könnte
hier eine gute Handhabe bieten. Darauf deuten die in
einem Zwischenbericht zusammengefassten ersten
Ergebnisse der Forscherinnen und Forscher hin. Sie
beruhen auf einem Vergleich von 30 ausgewählten me­
dizinjournalistischen Beiträgen aus dem Jahr 2013 mit
den zugehörigen Pressemitteilungen und Abstracts von
Fachartikeln in medizinisch-klinischen Zeitschriften.

Literatur mit Sprachbarriere
Die ständig wachsende Flut von Fachartikeln bereitet
auch den chronisch überlasteten Medizinerinnen und
Medizinern Mühe. Das sei hinreichend belegt, sagt Gerd
Antes: „Hinzu kommt die Sprachbarriere, denn neue
Erkenntnisse erscheinen fast ausschließlich in engli­
scher Sprache.“
Mit welchen Widrigkeiten Haus- sowie Fachärztinnen
und -ärzte im Einzelnen kämpfen und wie sie derzeit
an Fachinformationen kommen, will der Freiburger
Forscher mit seinem Team herausfinden. Von Grup­
pendiskussionen mit Ärzten und Patienten über deren
Vorstellungen von guter Medizinkommunikation er­
warten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Impulse für künftige Verbesserungen.

38

Begegnungen auf Augenhöhe – Wissenschaft und
Ärzteschaft tauschen sich aus
Ein enger Austausch zwischen Wissenschaft und Ärzteschaft über die Vorbeugung von Demenz ist unabdingbar,
aber noch längst nicht die Regel. Ein ELSA-Forschungsprojekt an der Universität Magdeburg um Prof. Dr. Markus
Herrmann will den Dialog in Gang bringen.

Wo liegt nur wieder die Brille? Wie hieß die Frau neu­
lich auf dem Fest? Und was war nochmal das andere
Wort für Durchlauferhitzer? Wer jenseits der Fünfzig
ist, kennt das mulmige Gefühl in solchen Situationen.
Beginnt jetzt der geistige Abbau, ist das gar der Anfang
einer Demenz?
Kaum eine Krankheit fürchten die Deutschen mehr
als Alzheimer und Co. Hierzulande leiden bereits 1,5 Mil­
lionen Menschen an demenziellen Erkrankungen und
jedes Jahr kommen knapp 40.000 neue Patientinnen und
Patienten hinzu. Trotz intensiver Forschung gibt es noch
kein Heilmittel, sondern lediglich Medikamente, die das
Fortschreiten der Krankheit bestenfalls verlangsamen
können. In dieser Situation richten sich viele Hoffnun­
gen auf Prävention und Früherkennung der Krankheit.
Doch wer soll die Menschen dafür gewinnen? Wer
kann erste Alarmsignale deuten und dann die Wei­
chen richtig stellen? Das sei die natürliche Aufgabe der
Hausärztinnen und -ärzte, sagen manche Neurowissen­
schaftlerinnen und -wissenschaftler – und kritisieren
im nächsten Atemzug, dass diese frühen Anzeichen der

Krankheit oft übersehen und damit Therapiechancen
vergeben würden.

Ausgelastet mit Patientenbetreuung
„Aus Sicht der Hausärztinnen und Hausärzte ist der
Vorwurf ungerechtfertigt“, sagt Markus Herrmann,
Professor für Allgemeinmedizin an der Universität
Magdeburg. „Sie haben mit der Betreuung von De­
menzkranken und ihrer Angehörigen alle Hände voll
zu tun und viele von ihnen zweifeln am Nutzen von
Früherkennung und Vorsorge.“
Neurowissenschaftliche Forschung und hausärztliche
Praxis hätten sich viel zu sagen, doch ein konstruktiver
Dialog findet so gut wie nicht statt. In Gang bringen
soll ihn das Projekt Neurotrans, das Markus Herrmann
zusammen mit einem interdisziplinären Forscherteam
leitet. Das vom BMBF geförderte Projekt ist an der
Universität Magdeburg angesiedelt.
Zahlreiche niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aus
städtischen und ländlichen Gebieten Sachsen-Anhalts
haben die Einladung zum Gespräch angenommen. Ei­

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

ner von ihnen ist der Magdeburger Arzt Hildor Lands­
mann. Er ist über das Ärztenetz Magdeburg, einen
Gesprächskreis von niedergelassenen Medizinerinnen
und Medizinern, zu Neurotrans gekommen.
Bei einem Treffen, berichtet Landsmann, hätten Wis­
senschaftlerinnen und Wissenschaftler über Mög­
lichkeiten der Frühdiagnostik berichtet. Dabei sei
immer wieder der Begriff „Mild Cognitive Impairment“
(MCI) gefallen, womit eine leichte Beeinträchtigung
der Hirnleistung gemeint ist. Mit der Diagnose MCI ist
man zwar schon etwas schusselig, kommt aber noch im
Alltag zurecht. Fachärztinnen und -ärzte können die
Störung durch moderne biochemische und bildgeben­
de Verfahren recht zuverlässig diagnostizieren – wenn
die Hausärztinnen und -ärzte ihnen Patientinnen und
Patienten überweisen.

Die Skepsis überwiegt
Hildor Landsmann schickt seine Patientinnen und
Patienten selten zu solchen Untersuchungen. Wie die
Mehrzahl seiner Kolleginnen und Kollegen sieht er
wenig Sinn in der Früherkennung einer Krankheit, der
die Medizin bisher wenig entgegenzusetzen hat. Syste­
matische Früherkennungsuntersuchungen bei älteren
Menschen, wie sie gelegentlich vorgeschlagen werden,
lehnen viele Hausärztinnen und Hausärzte daher ab.
Ihr Argument: Die Leidenszeit wird verlängert, die
Lebensqualität jedoch reduziert.
„Im Hinblick auf die Alzheimer-Demenz mag dies
zutreffen“, sagt Markus Herrmann. Allerdings können
leichte kognitive Beeinträchtigungen auch andere Ur­
sachen haben – etwa Gefäßschäden oder Depressionen.
Solche Grunderkrankungen seien oft gut behandel­
bar. Erste Symptome abklären zu lassen sei aber auch
für den Fall einer späteren Demenz sinnvoll, sagt der
Medizinprofessor. Aus zahlreichen Studien wisse man,
dass sich Gedächtnisfunktionen in frühen Phasen der
Krankheit oft erheblich stärken ließen.
Auch an der Universität Magdeburg werden neue
Trainingsmethoden für Körper und Geist erprobt. Ein
Forscherteam lässt die Studienteilnehmerinnen und
-teilnehmer zum Beispiel per Laufband durch digitale
künstliche Welten wandern, um ihre Reaktionsfähig­
keit in neuen Situationen zu verbessern.

39

Bei allem Engagement für die Demenz-Früherken­
nung: Markus Herrmann weiß um das grundsätzliche
ethische Dilemma: „Eine frühzeitige Diagnose kann
belastend sein, weil die Demenz derzeit noch unheilbar
ist – andererseits ist eine frühe Erkennung die Voraus­
setzung, um neue Strategien zur Verlangsamung des
Verlaufs prüfen zu können.“

Gut für Hirn, Herz und Aussehen
Die Entwicklung innovativer Präventionskonzepte
kann noch einige Jahre dauern. Doch Hildor Lands­
mann hat beschlossen, nicht länger zu warten. Er will
seine Patientinnen und Patienten künftig stärker für
einen Lebensstil gewinnen, dessen Nutzen unbestritten
ist. Nicht rauchen, mehr Bewegung und vitaminreiches,
ausgewogenes Essen – das sei gut für Hirn, Herz und
Aussehen.
Nach Abschluss des Projekts im Herbst 2015 würde
Landsmann gern das Gespräch mit den Neurowissen­
schaftlerinnen und Neurowissenschaftlern fortsetzen:
„Für uns Hausärzte ist das sehr bereichernd und anre­
gend.“ Im Prinzip und wenn es nicht zu viel Zeit koste,
sei er auch bereit, an Forschungsprojekten mitzuwirken.
Vermutlich wird der Hausarzt bald einen Brief vom
Neurotrans-Team erhalten. Denn auch die Magdeburger
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten
weitermachen. Markus Herrmann: „Wir haben schon
eine Menge Ideen, die wir mit interessierten Hausärzten
entwickeln wollen, damit Menschen mit demenziellen
Störungen künftig gezieltere Hilfe erhalten.“

Eine Probandin bewegt sich auf einem Laufband durch einen virtuel­
len Zoo. Solche Methoden sollen helfen, die Gedächtnisfunktion von
demenzkranken Menschen zu stärken.

40

Wenn das Wunschkind ausbleibt – Was Migrantinnen
über Reproduktionsmedizin wissen
Migrantinnen wissen oft wenig über die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin. Prof. Dr. Sonja Haug will
das ändern. Sie leitet ein ELSA-Forschungsprojekt an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Regensburg
und untersucht den Wissensstand der Migrantinnen.

In-vitro-Fertilisation, intrauterine Insemination, ICSI:
Leicht verständlich sind die Methoden der modernen
Reproduktionsmedizin nicht. Und doch setzen hierzu­
lande immer mehr Frauen und Männer ihre Hoffnung
darauf. Die Zahl der Kinderwunschbehandlungen steigt
stark an und ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.
Denn ein Baby wollen viele Paare erst haben, wenn die
Frau um die Dreißig ist und ihre natürliche Fruchtbar­
keit allmählich nachlässt. In knapp einem Drittel der
Fälle hält die Reproduktionsmedizin, was sie verspricht.
Doch kennen Frauen die Chancen einer Fertilitätsbe­
handlung? Was halten sie überhaupt davon? Und wo­
her beziehen sie ihre Informationen? Für Deutschland
gibt es zu diesen Fragen bisher kaum Erkenntnisse,
vor allem im Hinblick auf die immer größer werdende
Gruppe von Frauen mit Migrationshintergrund.
Die Sozialwissenschaftlerin Sonja Haug von der Ostbay­
erischen Technischen Hochschule Regensburg will das
ändern. In ihrer vom Bundesministerium für Bildung
und Forschung geförderten Studie über den Wissen­
stransfer zum Thema „Reproduktionsmedizin“ unter­

sucht sie den Einfluss sozialer Netzwerke im persönli­
chen Umfeld wie auch im Internet. „Dabei geht es mir
und meinem Team vor allem um die Situation zuge­
wanderter Frauen in Deutschland“, sagt die Professorin.
Fast ein Viertel der in Deutschland lebenden Frauen
zwischen 15 und 45 Jahren hat ausländische Wur­
zeln. Sie bringen mehr als die Hälfte der hierzulande
geborenen Kinder auf die Welt. Zwar liegt ihre durch­
schnittliche Geburtenrate damit noch deutlich über
dem deutschen Mittelwert von 1,4 Kindern pro Frau,
aber sie sinkt und gleicht sich zunehmend hiesigen
Verhältnissen an. Was aber tun Paare mit Migrations­
hintergrund, wenn es bei ihnen mit der Fortpflanzung
auf natürlichem Weg nicht klappt?

Deutsche Frauen wissen etwas besser Bescheid
Dass es in dieser Frage einen großen Informations­
bedarf gibt, zeigten bereits die ersten Ergebnisse der
Regensburger Studie. Sie basieren auf einer Telefonbe­
fragung von insgesamt tausend Frauen, darunter je 200
Migrantinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Polen,
Russland und der Türkei sowie einer deutschen Ver­

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

gleichsgruppe. Von der Reproduktionsmedizin gehört
hatten die meisten befragten Frauen. Als Informations­
quelle wurde zuerst das Fernsehen genannt, danach
Zeitschriften und Zeitungen.
Ihren eigenen Wissensstand schätzten die Frauen im
Schnitt mittelmäßig ein. Eine konkrete Wissensfrage
(„Ab welchem Alter nimmt die Fruchtbarkeit der Frau
langsam ab?“) konnten allerdings nur wenige von
ihnen korrekt beantworten. Dass der Rückgang schon
mit 25 Jahren einsetzt, wussten am ehesten noch Frau­
en aus Deutschland und Ex-Jugoslawien. „Allerdings
gaben hier alle befragten Gruppen mehrheitlich falsche
Antworten, was auf eklatante Wissensdefizite hindeu­
tet“, sagt Sonja Haug.
Besonders ausgeprägt seien die Defizite erwartungsge­
mäß bei geringen Deutschkenntnissen und niedrigem
Bildungsniveau. Typisch für alle befragten Gruppen,
so die Wissenschaftlerin, sei die Überschätzung der
Erfolgsaussichten assistierter Reproduktion.

Überraschend hohe Akzeptanz der
Reproduktionsmedizin
Angesichts des niedrigen Kenntnisstandes ist die
generelle Akzeptanz der Reproduktionsmedizin unter
Migrantinnen überraschend hoch. Während in der
deutschen Vergleichsgruppe nur 56 Prozent der Frauen
einer Fruchtbarkeitsbehandlung am eigenen Leib
zustimmen würden, haben 90 Prozent der aus Polen
stammenden Frauen und 75 Prozent der Frauen aus
der Türkei kein Problem damit.
Die Befunde überraschen Sonja Haug nicht: „Die
meisten Migrantinnen können sich ein erfülltes Leben
nur mit eigenen Kindern vorstellen.“ Oft übten auch
die Familien entsprechenden Druck aus. Die Repro­
duktionsmedizin werde als legitimer und realistischer
Weg zum Wunschkind gesehen, auch wenn das Wissen
darüber eher gering sei, sagt die Regensburger For­
scherin. Stark ausgeprägt sei hingegen das Vertrauen
in die Medizin, was sich etwa in der häufigen Nutzung
ärztlicher Beratung zeige.
Sollte das Wunschkind sich nicht spontan einstellen,
wird es für viele Menschen mit ausländischen Wur­
zeln schwierig. Zwar liegen in den knapp 130 repro­
duktionsmedizinischen Zentren des Landes und in

41

Beratungsstellen wie pro familia oft mehrsprachige
Informationsmaterialien aus. „Aber nur selten werden
darin kulturelle und religiöse Unterschiede der Frauen
berücksichtigt“, sagt Sonja Haug. Auch fehle es an ent­
sprechenden Fortbildungsangeboten für die Mitarbei­
terinnen und Mitarbeiter.

Entscheidend ist der persönliche Kontakt
Neuartige Empfehlungen für zielgruppenspezifische
Informationen in Form von Broschüren oder Internet­
seiten, die Haug zusammen mit ihrem Team erarbeiten
will, sollen helfen die Lücken zu schließen. Als Grund­
lage dienen neben der erwähnten Telefonstudie eine
Befragung von Frauen in Fruchtbarkeitsbehandlung
sowie Interviews mit Ärztinnen und Ärzten in repro­
duktionsmedizinischen Zentren.
„Entscheidend aber ist für Migrantinnen der direkte
persönliche Kontakt zu Akteuren des Gesundheits­
systems, denn hier findet der unmittelbare Wissens­
transfer statt.“ Um die entsprechenden Verbindungen
herzustellen, empfiehlt Sonja Haug, vermehrt Gesund­
heitslotsinnen und -lotsen als Brückenbauer zwischen
Migrantinnen und Medizinsystem einzusetzen.

42

Wenn Information unter die Haut geht – Der Einfluss
von Emotionen auf den Wissenstransfer
Welchen Einfluss haben Emotionen und Voreinstellungen auf den Weg des Wissens? Dr. Jens Clausen erforscht
diese und weitere Faktoren in einem ELSA-Forschungsprojekt an der Universität Tübingen.

„Noch am selben Tag stellt Guido Nikkah den Strom
in dem kleinen Kästchen an. 100 winzige Stromreize
pro Sekunde pulsen nun in Manfred Baums Gehirn.
Mit dem Knopfdruck stoppt das Zittern seiner rechten
Hand, und wie von Geisterhand verschwindet auch die
Muskelsteife. „Ich fühle mich wie neugeboren“, freut
sich der Patient. „Das Zittern ist weg, und ich kann
mich auch viel besser bewegen!“
Sie wollen jetzt wissen, wie es mit Manfred Baum
weitergeht? Und was es mit der Zaubertherapie auf
sich hat? Dann hätte die zitierte Passage aus einem bei
FOCUS Online erschienenen Text ihren Zweck erfüllt.
Sie arbeitet mit dem bewährten journalistischen Mittel
der Personalisierung. Das spricht nicht nur Gefühle der
Leserinnen und Leser an – es weckt auch das Interesse
am eigentlichen Thema des Beitrags. Darin geht es um
die Tiefe Hirnstimulation (THS), bei der Elektroden in
bestimmte Bereiche des Gehirns eingepflanzt werden,
um schwer kranken Patientinnen und Patienten mit
Parkinson und anderen neurologischen Leiden zu
helfen.

Durch Zerrbilder manipuliert?
Doch was bedeuten solche Darstellungstechniken für
den Wissenstransfer? Erhalten Mediennutzerinnen
und -nutzer ein realistisches Bild von medizinischen
Neuerungen oder werden sie durch Verzerrungen
manipuliert? Und welche Rolle spielen Emotionen,
Voreinstellungen, Überzeugungen und Persönlichkeits­
eigenschaften bei der Aneignung von Wissen?
Solchen Fragen stellen sich Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler von der Universität Tübingen und vom
ebenfalls in Tübingen ansässigen Leibniz-Institut für
Wissensmedien. In ihrem vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekt
„Von der Wissenschaft zur Öffentlichkeit – Das Beispiel
der Tiefen Hirnstimulation“ zeichnen sie den Weg des
Wissens nach: vom Diskurs in der Forschung über die
öffentlich-mediale Darstellung bis zur individuellen
Wahrnehmung.
Die Hirnforschung ist ein Schwerpunkt in Tübingen
und so lag es nahe, ein Beispiel in diesem Bereich zu
suchen. Mit der Tiefen Hirnstimulation fiel die Wahl
auf eine Methode, die in der Forschung lebhaft disku­

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

tiert wird, die Emotionen auslöst und von den Medi­
en immer wieder aufgegriffen wird. Die am Beispiel
der THS gewonnenen Erkenntnisse könnten, so die
Hoffnung des Forscherteams, den Umgang mit neuen
Gesundheitstechnologien insgesamt verbessern. Deren
Wirksamkeit einzuschätzen fällt Patienten und Laien
oft schwer, denn viele Innovationen aus den Lebens­
wissenschaften entwickeln sich ebenso rasant wie die
Tiefe Hirnstimulation: Ob sie sich auch für Patientin­
nen und Patienten mit Demenz oder Suchterkrankun­
gen eignet, wird derzeit in Studien überprüft.
Die Ergebnisse sind für viele Menschen wichtig.
Deshalb dürfte die Tiefe Hirnstimulation bald wieder
Konjunktur in den Publikumsmedien haben. „Ein
Dauerthema ist diese Therapieform nicht“, sagt die
Historikerin Oonagh Hayes von der Universität Tübin­
gen, „aber nach bedeutenden Fachveröffentlichungen
häufen sich die Berichte in Zeitungen, Zeitschriften,
Hörfunk, Fernsehen und Onlinemedien.“ Für den ers­
ten Teil des Tübinger Projekts zeichnet Hayes nicht nur
den Fachdiskurs zur Tiefen Hirnstimulation nach, sie
analysiert auch dessen Resonanz in der deutschspra­
chigen Öffentlichkeit.

Faszination statt Technikangst
Insgesamt sei der Tenor der Medienberichterstattung
ausgesprochen positiv, sagt Oonagh Hayes: „Erwartet
hatte ich eine ausgeprägte Technophobie, tatsächlich
spricht aus vielen Beiträgen jedoch eine starke Faszina­
tion für die Tiefe Hirnstimulation.“
Doch nicht immer wird die Therapiemethode so posi­
tiv dargestellt wie im eingangs zitierten Magazinbericht
über den Parkinsonpatienten Manfred Baum. Es finden
sich auch ängstigende Berichte, die mögliche Neben­
wirkungen übertreiben.
„In beiden Fällen werden Emotionen erzeugt, die einen
nachhaltigen Einfluss auf das Gedächtnis ausüben“, sagt
Kai Sassenberg. Der Psychologe am Leibniz-Institut für
Wissensmedien berichtet von einem Experiment, bei
dem Versuchspersonen nach der Lektüre eines ent­
weder positiv oder negativ gestimmten Berichts kurze
Zeit später eine Zusammenfassung schreiben sollten:
„Geleitet wurde die Erinnerung ganz klar durch die
emotional gefärbten Fakten.“

43

Was eine Patientin oder ein Patient in Medienbeiträgen
sage, erzeuge starke Emotionen bei den Nutzerinnen
und Nutzern, sagt Kai Sassenberg. „Dagegen haben Be­
wertungen durch einen Arzt nur wenig Einfluss auf die
Gefühle.“ Und gesprochene Texte, fügt der Psychologe
hinzu, gehen eher unter die Haut als gedruckte Texte.
„Wir brauchen ein Bewusstsein für diese Effekte“, sagt
Sassenberg, „bei Journalisten, aber auch bei den Lesern,
Zuhörern und Zuschauern.“

Wacklige Befunde erkennen
Manche Medienberichte wecken überhöhte Hoffnun­
gen. „Stromschläge lindern schwerste Depressionen
anhaltend“, steht dann beispielsweise über einem Text
zu ersten Ergebnissen einer Pilotstudie mit nur sechs
Patientinnen und Patienten. Es handelt sich um vor­
läufige Resultate, die durch größere Studien überprüft
werden müssen – doch können die Leserinnen und
Leser das erkennen?
Dass Intelligenz in diesem Fall nicht weiterhilft, zeigen
erste Laborexperimente der Psychologen Ulrike Cress
und Joachim Kimmerle vom Leibniz-Institut für
Wissensmedien. Dabei erfassten die klügsten Ver­
suchspersonen keineswegs besser, wie wacklig frühe
Forschungsbefunde sein können. Als besonders blind
erwiesen sich Probandinnen und Probanden, die sehr
von sich überzeugt sind. Über die Gründe kann Ulrike
Cress derzeit nur spekulieren: „Vielleicht erliegen diese
Personen der Illusion, ohnehin alles im Griff zu haben –
und sind deshalb leichter zu täuschen.“

44

Leistungssteigernde Medikamente –
Expedition ins Reich der Wunderpillen
Die Zahlen sind alarmierend – fast drei Millionen Menschen betreiben Hirndoping mit leistungssteigernden
Medikamenten. Prof. Dr. Klaus Lieb will durch ein ELSA-Forschungsprojekt an der Universität Mainz aufklären.

Immer mehr Doping am Arbeitsplatz – diese Nachricht
ging im Frühjahr 2015 bundesweit durch die Medien.
Anlass bot das beunruhigende Ergebnis einer neu­
en Studie, die auf den Daten der Krankenkasse DAK
basiert. Deren Berechnungen zufolge greifen knapp
drei Millionen Deutsche zu verschreibungspflichtigen
Medikamenten, um beruflich leistungsfähiger zu sein
oder Stress abzubauen. Das Hirndoping habe in den
vergangenen Jahren deutlich zugenommen, heißt es in
dem Gesundheitsreport, vor allem unter Beschäftigten
mit einfachen Tätigkeiten und in unsicheren Jobs.
Ein Experte wurde in den vielen Fernsehbeiträgen und
Zeitungsberichten besonders häufig genannt: Klaus
Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psycho­
therapie der Universitätsmedizin Mainz. Der 49-jährige
Facharzt forscht seit vielen Jahren zum pharmakologi­
schen Neuroenhancement, wie das Hirndoping in der
Fachsprache heißt.
Kurzfristig könne man mithilfe bestimmter Psycho­
pharmaka durchaus etwas wacher und fitter werden,
räumt Klaus Lieb ein: „Aber man riskiert auch erheb­
liche Nebenwirkungen – von Herzrhythmusstörungen,

Nervosität und Schlafstörungen bis hin zu Persönlich­
keitsveränderungen und Abhängigkeit.“ Was die Medi­
kamente langfristig bei eigentlich gesunden Menschen
bewirken, sei noch völlig unklar.
Der Mainzer Psychiater will die hohen Erwartungen
dämpfen, die viele Menschen mit leistungssteigernden
Substanzen verbinden. Er hält öffentliche Vorträge,
gibt Interviews und schreibt populärwissenschaftliche
Artikel. Im Jahr 2010 erschien sein Sachbuch „Hirndo­
ping. Warum wir nicht alles schlucken sollten“. Darin
erläutert Lieb die Wirkmechanismen der Präparate,
setzt sich mit sozialen und ethischen Fragen ausein­
ander und wirbt für gesunde Alternativen. Doch der
Glaube an die Wunderpille ist kaum kleinzukriegen.
Um zu verstehen, welche Kräfte beim Wissenstransfer
im Detail wirken, hat Klaus Lieb sich mit dem Mainzer
Kommunikationswissenschaftler Oliver Quiring und
dessen Team zusammengetan. Ihr vom Bundesminis­
terium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt
heißt „Pharmakologisches Neuroenhancement: zwi­
schen planbarem Wissenstransfer und nicht intendier­
ten Rückwirkungen“.

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

Den Weg des Wissens nachzeichnen
Dabei soll der Weg des Wissens von der medizinischen
Forschung über die Vermittlung von Ärzten und Jour­
nalisten bis zu den Konsumentinnen und Konsumen­
ten nachgezeichnet werden. Geplant ist zum Beispiel
eine repräsentative Befragung der Bevölkerung, um
die Einstellungen zum Hirndoping kennenzulernen
und den tatsächlichen Konsum zu ermitteln. Solche
Daten gebe es für Deutschland bisher noch nicht, sagt
Klaus Lieb. Geplant sind zudem Befragungen von rund
hundert Journalistinnen und Journalisten, die Beiträge
zu leistungssteigernden Mitteln verfasst haben, sowie
eine Inhaltsanalyse medialer Berichterstattung in den
vergangenen zwanzig Jahren. Mit dieser Methode las­
sen sich gemeinsame Argumentationsstränge aus einer
Vielzahl von Texten herauspräparieren und subtile
Werturteile von Autorinnen und Autoren erkennen.
Gespannt sein darf man auch auf ein theoretisches Mo­
dell, das den Wissenstransfer im Gesundheitsbereich
transparenter machen soll. Dabei geht es um nicht
intendierte Rückwirkungen des Wissensaustauschs,
die dazu führen, dass gesunde Menschen Arzneimittel
schlucken, die nur für Kranke gedacht sind.
Das Medikament Ritalin zum Beispiel ist zugelassen
für die Behandlung von Kindern mit einem Aufmerk­
samkeitsdefizitsyndrom. Nachdem sich jedoch he­
rumgesprochen hat, dass das Mittel die Hirnleistung
erhöht, ist es zur gefragten Studentendroge geworden.
Ein weiteres Beispiel: Der stimulierende Wirkstoff
Amphetamin wurde ursprünglich eingesetzt, um
Piloten länger wachzuhalten. In der Fliegerei ist die
verschreibungspflichtige Substanz wegen ihres hohen
Suchtpotenzials längst tabu. Nicht jedoch in der Party­
szene: „Dort beschafft man sich das Mittel über dunkle
Kanäle, um nächtelang durchtanzen zu können“, sagt
Oliver Quiring.
Die Mainzer wollen nun herausfinden, wie das Wis­
sen um die Missbrauchspotenziale von Psychodrogen
um sich greift, wer dabei den Ton angibt und welche
Momente entscheidend sind. Auf dieser Grundlage soll
dann ein theoretisches Modell des Wissenstransfers
entstehen, mit dem sich ähnliche Konstellationen in
Zukunft besser und schneller einordnen sowie bewäl­
tigen lassen.

45

Praktische Empfehlungen für die Kommunikation
geplant
Und, was Klaus Lieb sehr wichtig ist: „Wir werden
praktische Handlungsempfehlungen für die Kommu­
nikation zum Thema ‚Neuroenhancement‘ formulie­
ren“. Bedarf sieht er zum Beispiel bei Krankenkassen
und Beratungsstellen im Gesundheitsbereich, die ihre
Klientel bestmöglich vor den Gefahren des Hirndo­
pings schützen wollen. Ihnen wollen die Mainzer
Forscherinnen und Forscher wissenschaftlich fundierte
Tipps geben, etwa für die inhaltliche Gestaltung von
Broschüren und Internetseiten.
Journalistinnen und Journalisten liefert das Mainzer
Projekt jetzt schon Stoff für eine kritische Selbstrefle­
xion. Denn ihre Berichterstattung, darauf deuten erste
Ergebnisse der Inhaltsanalyse hin, folgt ausgetretenen
Pfaden. „Fast immer werden die gesundheitlichen
Folgen von Psychopillen warnend in den Vordergrund
gestellt“, sagt Oliver Quiring. So gut wie nie gehe es um
ethische Fragen, etwa zur Zukunft einer Gesellschaft,
die nur noch Leistung kennt und ihre Menschlichkeit
aufs Spiel setzt. Sich damit auseinanderzusetzen, ist
ungleich schwerer und erfordert mehr Mut, als nach
bewährtem Muster zu berichten.

46

Die verschwiegenen Gene – Wie reden wir
über vererbte Anlagen?
Volkskrankheiten haben oft eine erbliche Komponente. Das eröffnet neue Chancen – aber es wird viel zu selten darü­
ber gesprochen. Prof. Dr. Julika Loss untersucht genetische Risiken in einem ELSA-Forschungsprojekt an der Universi­
tät Regensburg.

Schnupsi06 macht sich Sorgen um ihren Vater. „Er
hat in einem sehr kurzen Zeitraum (wenige Monate)
einen Großteil seiner Sehkraft eingebüßt“, schreibt
die Tochter in einem Diskussionsforum im Internet.
Die Ärzte hätten eine altersbedingte Makuladegene­
ration, kurz AMD, festgestellt, eine schulmedizinische
Behandlung mit Spritzen habe begonnen – allerdings
ohne Aussicht auf Besserung. Im Forum beginnt nun
eine angeregte Diskussion über alternative Thera­
pien. Dann schaltet sich Heimchen88 ein: „Ich kann
Dir nur den Tip geben, dass Du (oder auch Geschwis­
ter) Dich untersuchen lässt.“ Darauf die erstaunte
Schnupsi06: „Gibt es da wirklich eine erbliche Kom­
ponente?“

Titel „Prävention im post-genomischen Zeitalter“ läuft
noch bis 2017 und untersucht, wie genetische Risiken
für Volkskrankheiten kommuniziert werden.

„Diese Komponente gibt es und sie kann sogar deutlich
ins Gewicht fallen“, sagt Julika Loss, Professorin für
Medizinische Soziologie an der Universität Regensburg.
Allerdings werden viele Patientinnen und Patienten von
ihren Ärztinnen und Ärzten nicht darüber aufgeklärt,
wie ein interdisziplinäres, von Loss geleitetes For­
schungsprojekt zeigt. Das vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung geförderte Vorhaben mit dem

Die weitverbreitete Unkenntnis bereitet Organisationen
von Augenärztinnen und -ärzten sowie Patientinnen
und Patienten Sorgen. Bedingt durch die zunehmende
Alterung der Gesellschaft sei bereits im Jahr 2030 mit
sechs Millionen Betroffenen zu rechnen, heißt es in
einer gemeinsamen Pressemitteilung zum Sehbehin­
dertentag 2015. Vorbeugen könne man der Krankheit
mit vitaminreicher Ernährung, regelmäßiger Bewe­

Eine fast unbekannte Krankheit
Mit 4,5 Millionen Patientinnen und Patienten in
Deutschland zählt die AMD zweifellos zu den Volks­
krankheiten. Sie nimmt nach dem 75. Lebensjahr
rapide zu und kann zu schweren Sehbehinderungen bis
hin zur Erblindung führen. Und doch ist die altersab­
hängige Makuladegeneration weitgehend unbekannt.
Dass mit dem Begriff eine Augenkrankheit gemeint ist,
wissen aktuellen Studien zufolge nicht einmal zehn
Prozent der Deutschen.

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

gung und einem Leben ohne Zigaretten. Dass es eine
familiäre Belastung gibt, wird in dieser Presseinforma­
tion nicht erwähnt.

Forschungswissen verbreitet sich langsam
Das deckt sich mit den Erfahrungen von Julika Loss.
In Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern von
Verbänden der Augenmediziner, Optiker und Industrie
sei der Genetik ein nur geringer Einfluss auf die AMD
beigemessen worden. „Offenbar gelangt das Wissen der
schnell voranschreitenden genetischen Forschung nur
langsam zu denen, die für die medizinische Versorgung
zuständig sind“, sagt Julika Loss.
In Regensburg sitzt die junge Medizinerin an der Quel­
le neuer Erkenntnisse der Genforschung. Im Jahr 2013
veröffentlichten Wissenschaftlerinnen und Wissen­
schaftler der dortigen Universitätsklinik zusammen
mit einem internationalen Konsortium den weltweit
größten Datensatz zur Genetik der altersabhängi­
gen Makuladegeneration. Diesen Fundus nutzen die
Forscherinnen und Forscher jetzt, um das Zusammen­
wirken von Genetik, Verhaltensweisen und Umwelt­
einflüssen in ein Risikomodell zu übersetzen. Es soll
Ärztinnen und Ärzten helfen, ihre Patientinnen und
Patienten umfassend zu beraten.

Genetik als Schicksal und Chance
Solche praktisch nutzbaren Strategien seien dringend
erforderlich, sagt Julika Loss. Denn eine genetische
Belastung werde vielfach noch als unabänderliches
Schicksal verstanden und nicht als Chance, durch be­
stimmte Verhaltensweisen, etwa einen Rauchverzicht,
den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern.
Der Erfolg von Prävention steht und fällt mit dem
Engagement der Betroffenen. Daher wollen Julika Loss
und ihre Kolleginnen und Kollegen genau ausloten,
welches Vorwissen, aber auch welche Wünsche und
Bedürfnisse Patientinnen und Patienten und ihre
Familien haben. Wollen sie über genetische Risiken
informiert werden und wenn ja wie? Sollten Kinder
und Geschwister von Erkrankten einen Gentest ma­
chen? Und was ist, wenn er ein erhöhtes Risiko anzeigt:
Würden Familien ihre Angehörigen dann bei einem
präventiven Lebensstil unterstützen oder würden sie
eher Druck ausüben?

47

„Letztlich geht es darum, Patienten und ihren Ver­
wandten, aber auch der Gesellschaft insgesamt, geneti­
sches Wissen so zu vermitteln, dass Verunsicherungen
und Schuldzuweisungen ausbleiben“, sagt die Regens­
burger Wissenschaftlerin. Einmal gefunden, könnte
sich dieser Weg auch für andere Volkskrankheiten wie
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz
eignen. Sie zeichnen sich ebenso wie die AMD durch
ein komplexes Ursachengeflecht aus und auch bei
ihnen ist der genetische Einfluss immer genauer und
einfacher zu bestimmen.

Was deutsche Medien von Prävention halten
Welchen Leitbildern der Prävention deutsche Medien
folgen, wollen Julika Loss und ihre Kolleginnen und
Kollegen durch die Auswertung führender Tageszeitun­
gen und Zeitschriften herausfinden. Sie nehmen dafür
alle in den letzten Jahren erschienenen Berichte über
die AMD unter die Lupe.
Darüber hinaus wollen die Regensburger Wissenschaft­
lerinnen und Wissenschaftler die Kommunikation
von AMD-Selbsthilfeorganisationen beobachten und
dabei Gruppen in Deutschland und USA miteinander
vergleichen. Im Zentrum, sagt Julika Loss, stehe immer
wieder die Frage: „Lähmt das neue genetische Wissen
die Betroffenen oder regt es sie zu mehr Prävention
an?“ Nach Antworten will man auch in Internetforen
suchen, in denen sich überwiegend Betreuerinnen
und Betreuer und Angehörige von Patientinnen und
Patienten austauschen – so wie Heimchen88 und
Schnupsi06.

48

Gesundheits-Apps – Weckruf in der
Leichtschlafphase
Die Auswahl an Gesundheits-Apps ist riesig und wächst täglich. Doch halten sie auch, was die Anbieter versprechen? 

Dr. Holger Mühlan erforscht Chancen und Risiken in einem ELSA-Forschungsprojekt an der Universität Greifswald.


Sie klingeln, wenn es Zeit ist, die Pille zu nehmen, sie
messen Blutdruck und Alkoholpegel und wo genau
die Milz sitzt, zeigen sie auf Knopfdruck: spezielle
Softwareprogramme für mobile Endgeräte. Gesund­
heits-Apps sind wohl die bekanntesten Produkte des
weltweit boomenden Mobile-Health-Marktes. Unter
„M-Health“, so der Kurzbegriff, versteht man Soft­
warelösungen für die Gesundheit, die über mobile
Geräte wie Smartphone oder Tabletcomputer zugäng­
lich sind.
Manche Programme nutzen im Gerät eingebau­
te Sensoren, etwa wenn es darum geht, die richtige
Schlafphase für den sanften Weckruf am Morgen
zu erkennen. Andere benötigen ein Zusatzgerät, um
beispielsweise den Blutzuckerwert exakt zu bestimmen
und die passende Insulingabe zu empfehlen. Heute
stehen bereits 400.000 M-Health-Anwendungen für
Lebensstil, Gesundheit und Medizin in den App-Stores
zur Auswahl und ihre Zahl nimmt täglich zu.

Unterstützung bei chronischen Krankheiten
„M-Health kann das Gesundheitsbewusstsein stärken
und Menschen mit chronischen Leiden helfen, ihre

Krankheit zu bewältigen“, sagt Holger Mühlan von der
Universität Greifswald. In dem vom Bundesministe­
rium für Bildung und Forschung geförderten Projekt
untersucht der Psychologe mit seinen Kolleginnen und
Kollegen mobile medizinische Programme als Medien
des Wissenstransfers zwischen Lebenswissenschaften
und Anwenderinnen und Anwendern.
Aber lösen die Anbieter ihre Versprechen auch ein? Was
wünschen die Nutzerinnen und Nutzer? Wie muss das
Wissen aufbereitet sein, damit es seinen Zweck erfüllt?
Und zeichnet sich ab, dass Laien künftig Früherken­
nung und Diagnose übernehmen und damit in einen
Bereich eindringen werden, der bislang Ärztinnen und
Ärzten vorbehalten war? Solchen Fragen geht das Team
um Holger Mühlan nach, um Chancen und Risiken
der neuen Technologie abwägen und Vorschläge für
Verbesserungen machen zu können. Die dürften auf
fruchtbaren Boden fallen, denn der boomende M­
Health-Markt ist bisher kaum reguliert und überwacht.
Dabei ist unstrittig, dass die elektronischen Gesund­
heitshelfer enorme Vorteile bieten. Sie sind leicht zu
erwerben und rund um die Uhr verfügbar, sie können

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

ihren Nutzerinnen und Nutzern manchen Arztbesuch
ersparen und so das Gesundheitssystem entlasten. Weil
Millionen Menschen ohnehin ein Smartphone besit­
zen, bleibt der finanzielle Aufwand im Rahmen. Und
wer als kranker Mensch in einer entlegenen Gegend
wohnt, kann bestimmte Messwerte selbst erheben,
an die Ärztin oder den Arzt weiterleiten und sich bei
Bedarf online beraten lassen.

Selbstdiagnosen können verunsichern
Neben dem großen Potenzial gibt es eine Reihe von
Risiken. „Die Ergebnisse solcher Selbstuntersuchungen
können die Betroffenen sehr verunsichern“, sagt Holger
Mühlan und nennt als Beispiel Hautkrebs-Apps, mit
denen man Pigmentmale selbst untersuchen kann.
Weitgehend unklar sei bisher, wie Menschen reagieren,
wenn sie auf diese Weise mit einem Melanom-Verdacht
konfrontiert werden.
Zwar gebe es inzwischen gerade für Hautkrebs sehr
gute Apps, deren Qualität wissenschaftlich überprüft
und bestätigt sei, sagt der Greifswalder Wissenschaftler:
„Doch die wenigen hervorragenden Angebote in der
Fülle des Angebots zu finden gleicht der Suche nach
der Nadel im Heuhaufen.“
Hinzu komme eine undurchsichtige Datennutzung.
Das beklemmende Gefühl ausgespäht zu werden,
das Nutzerinnen und Nutzer von Gesundheits- und
Fitness-Apps zuweilen beschleicht, sei durchaus ange­
bracht, sagt Mühlan: „Es handelt sich um persönliche
und nicht anonymisierte Daten, die häufig kommerzi­
ell genutzt werden.“
All diese Aspekte spielen eine Rolle in der Greifswalder
M-Health-Studie. Im ersten Schritt analysieren die
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Holger
Mühlan die Produktbeschreibungen. Dann führen sie
Interviews: mit Entwicklern von M-Health-Anwen­
dungen, Vertretern von Gesundheitsinstitutionen
und gesunden Menschen, die M-Health-Programme
zur Verbesserung der Fitness und zur Vermeidung
von Krankheiten nutzen. Dabei interessiert Mühlans
Team sich für die Absichten der Anwenderinnen und
Anwender, um diese mit den Versprechen der Anbieter
zu vergleichen.

49

Abschließend sollen die aus den Befragungen abgelei­
teten Erkenntnisse überprüft werden. Geplant ist zum
Beispiel, Versuchspersonen bei der Nutzung eigens
entwickelter Apps zu beobachten, um mehr über deren
Alltagstauglichkeit zu erfahren. Die Ergebnisse der
Studie sollen im Jahr 2017 vorliegen.

Kriterien für eine gute Wahl
Erste Orientierungshilfen für alle, die individuell
passende, sichere und qualitativ hochwertige Angebo­
te suchen, gibt es schon heute. „Zunächst sollte man
sich über den eigenen Bedarf klar werden“, rät Holger
Mühlan. Wer bloß Laborwerte verstehen will, kann
seine Suche genau darauf ausrichten. Und wer bereits
gute Erfahrungen mit einem bestimmten Anbieter
gemacht hat, kann sich zuerst nach dessen Produkten
umschauen.
Nützlich seien auch folgende Fragen, sagt Mühlan:
„Gibt der Anbieter sich zu erkennen? Sind Kontakt­
möglichkeiten angegeben? Werden die medizinischen
Expertinnen und Experten genannt, die für die fach­
liche Richtigkeit der Inhalte stehen? Legt der Anbieter
offen, was mit den persönlichen Gesundheitsdaten pas­
siert? Und wie finanziert sich die App eigentlich?“
Dass derartige Standards erfüllt sind, weist zum Bei­
spiel das HON-Siegel der Health On the Net Found­
ation aus. Künftig sollen derartige Zertifikate noch
genauer auf die Bedürfnisse der M-Health-Anwender
zugeschnitten sein. Dazu will Holger Mühlan mit seiner
Studie beitragen.

50

Formeln für ein gesundes Leben – Was verbirgt
sich hinter Risikotest?
Wer einer Krankheit gezielt vorbeugen will, ist schnell beim Risikotest. Doch wie kommt so ein Test eigentlich
zustande? Prof. Dr. Susanne Bauer untersucht epidemiologische Risiko-Scores in einem ELSA-Forschungsprojekt
an der Universität Frankfurt.

Herzinfarkt: Testen Sie Ihr Risiko! Sie wollen wissen,
wie hoch Ihr Risiko für Alzheimer, Diabetes, Migräne
oder Asthma ist? Für Rheuma, Gicht, Allergien oder
andere Krankheiten? Die passenden Selbsttests finden
sich im Internet und die Antworten gibt es binnen
weniger Minuten und fast immer kostenlos. Doch wie
verlässlich sind solche Prognosen? Und worauf beru­
hen sie eigentlich?
Wer hinter die Kulissen der bunten Vielfalt medizini­
scher Risikotests blickt, sieht zunächst einmal Zahlen,
Theorien und eine Menge Fachbegriffe. „Epidemiolo­
gische Studie“ ist so ein Begriff. Dabei werden Bevölke­
rungsgruppen mit dem Ziel untersucht, mehr über die
Verbreitung, Ursachen und Folgen bestimmter Krank­
heiten zu erfahren.
Die wohl bekannteste epidemiologische Untersuchung
ist die amerikanische Framingham-Studie, die 1948
begann und bis heute läuft. Sie wies erstmals nach,
dass Rauchen, fettreiche Ernährung, Übergewicht und
Bewegungsmangel das Risiko für eine Herzerkrankung
erhöhen. Aus den Daten wurde die Framingham-

Formel errechnet. Dieser Risiko-Score beziffert die
Wahrscheinlichkeit, mit der eine Herzkrankheit bei
einer bestimmten Person innerhalb der nächsten zehn
Jahre auftreten wird.

Für einen gesünderen Lebensstil
Risiko-Scores gibt es auch für viele andere Krankheiten
und nicht nur Tests im Internet gründen darauf. Auch
Ärztinnen und Ärzte nutzen solche Formeln, um ihre
Patientinnen und Patienten individuell zu beraten.
Weit verbreitet ist zum Beispiel die Software „Arriba“,
die das persönliche Risiko für Herzinfarkt und Schlag­
anfall, aber auch die positive Wirkung eines gesünde­
ren Lebensstils in Form von Smileys darstellt.
Welche Kräfte auf dem langen Weg des Wissens
wirken – von der epidemiologischen Grundlagenfor­
schung über die Institutionen des Medizinsystems bis
zum Internetportal oder in die Hausarztpraxis – ist so
gut wie unbekannt. Zwei Forschergruppen aus Frank­
furt und Berlin wollen nun dazu beitragen, die For­
schungslücke zu schließen. „Uns interessiert vor allem,
welche Entscheidungen von wem und warum getrof­

FORSCHUNGSFÖRDERUNG DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

fen werden“, sagt die Soziologin Susanne Bauer von der
Universität Frankfurt am Main. Zusammen mit einem
Team um Christine Holmberg von der Charité-Univer­
sitätsmedizin in Berlin untersucht Bauer epidemio­
logische Risiko-Scores als Instrumente des Wissens­
transfers. Das Projekt wird vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung unterstützt.
In diese Zeit fällt der Auftakt zur größten Gesundheits­
studie in Deutschland, den die Sozialwissenschaft­
lerinnen mit ihrer Forschung begleiten. Im Rahmen
der NAKO Gesundheitsstudie sollen 200.000 Menschen
zwischen 20 und 69 Jahren untersucht und bis zu
30 Jahre nachbeobachtet werden. Dadurch will man
den Ursachen von Volkskrankheiten wie Herzinfarkt,
Krebs, Diabetes und Demenz auf die Spur kommen.
Langfristiges Ziel ist es, die Früherkennung und Vor­
beugung zu verbessern; mittelfristig geht es um die
Entwicklung von Risiko-Formeln, die der Situation
in Deutschland entsprechen.

Deutsche sind anders als Amerikaner
„Alle Risiko-Scores sind geprägt durch die regionalen
Besonderheiten der untersuchten Bevölkerung“, sagt
Christine Holmberg. So habe die aus den USA stam­
mende Framingham-Formel in Deutschland zunächst
zu einer Überschätzung von Herzrisiken geführt.
Seither werde sie zwar an hiesige Verhältnisse ange­
passt, sagt Holmberg, größere Sicherheit böten jedoch
eigene Scores, wie die NAKO Gesundheitsstudie sie nun
ermögliche.
An der Charité, wo ein Zentrum der Bevölkerungsstu­
die angesiedelt ist, untersucht Holmberg mit ihrem
Team, wie die Kommunikation zwischen den Teilneh­
menden und den Repräsentanten der Studie verläuft.
Die Ethnologin und Epidemiologin konzentriert sich
auf die Phase der Rekrutierung, wenn die späteren Pro­
bandinnen und Probanden für die Teilnahme gewon­
nen werden, und auf die Zeit der ersten Untersuchun­
gen. Dabei wird ihnen eine Blutprobe entnommen,
es sind Fragen zum Lebensstil zu beantworten und
zuweilen schließen sich gerätemedizinische Untersu­
chungen an.
„Wir setzen uns in solchen Situationen dazu und
dokumentieren genau, was von wem gesagt und getan
wird“, skizziert Holmberg eine Methode. Teilnehmende

51

Beobachtung heißt die ursprünglich aus der Ethnologie
stammende Methode. Hinzu kommen Interviews mit
Probandinnen und Probanden und Inhaltsanalysen
der Mitteilungen, die vom Studienzentrum verschickt
werden. Um den Einfluss der Medien zu erfassen,
werten die Forscherinnen aus, was in Internetforen
und in Zeitungen und Zeitschriften über die NAKO
Gesundheitsstudie veröffentlicht wird. „Am Anfang gab
es viele Berichte und Kommentare“, berichtet Christine
Holmberg, „inzwischen ist es recht still geworden.“

Fachdiskurse unter der Lupe
Ändern wird sich das spätestens, wenn erste Ergebnisse
der NAKO Gesundheitsstudie vorliegen. „Und dann
werden noch einmal Jahre vergehen, bis neue RisikoScores ausgehandelt sind“, sagt Susanne Bauer. Denn
die Formeln werden nicht einfach nur berechnet, sie
sind vielmehr das Ergebnis intensiver Diskurse in der
medizinischen Fachwelt. Wie dieser Prozess verlau­
fen kann, rekonstruiert das Team um Susanne Bauer
anhand von Fallstudien, etwa am Beispiel des ArribaScores.
„Wer setzt sich dafür ein, dass Ärzte mit Arriba arbeiten,
wie wird das Programm in der Praxis bewertet – das
sind Fragen, die uns interessieren“, sagt die Frankfurter
Wissenschaftssoziologin. Am Ende sollen die Ergebnis­
se aus Frankfurt und Berlin ein zusammenhängendes
Bild der Kommunikations- und Entscheidungsprozesse
rund um die neuen Risikoformeln für Deutschland
liefern. Es wird ein komplexes Bild sein, so viel ist jetzt
schon klar.

52

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

Ausblick
Die Bedeutung des Wissenstransfers in den Lebenswis­
senschaften wird weiter zunehmen. Für diese Prognose
bedarf es keiner prophetischen Fähigkeiten. Die Hinwei­
se, die heute schon erkennbar sind, genügen.

Wir stehen am Anfang des Jahrhunderts der Lebens­
wissenschaften, wie das 21. Jahrhundert oft genannt
wird. Zu Recht, denken wir nur an die enormen He­
rausforderungen durch eine wachsende und gleich­
zeitig alternde Weltbevölkerung. Andererseits eröffnet
die Genomforschung völlig neue Möglichkeiten im Ge­
sundheitsbereich. Wie heute schon bei einigen Krebs­
arten, wird man künftig auch viele andere Krankheiten
gezielter behandeln können: mit personalisierten
Therapien, die auf das individuelle Erbgut abgestimmt
sind. Vielleicht gelingt es in Zukunft sogar, manches
Leiden durch maßgeschneiderte Diäten zu verhindern,
die am individuellen Genprofil ausgerichtet sind. Die
Forschung arbeitet weltweit daran.
Auf breiter Linie erfolgreich wird die personalisierte
Medizin aber nur sein, wenn das neue Wissen alle
erreicht. Ärztinnen und Ärzte benötigen es für eine
sachkundige Beratung in der Sprechstunde. Patientin­
nen und Patienten werden vor Entscheidungen gestellt,
die nur mithilfe fundierter Informationen zu treffen
sind. Für den Journalismus eröffnen sich neue Chan­
cen: bei der Vermittlung von Wissen, aber auch in der
kritischen Begleitung eines Megatrends.

ihre Zahl wird voraussichtlich wachsen – darauf deutet
das steigende Interesse von Laien an mehr Teilhabe am
Medizinsystem hin.
Zunehmen wird auch der Austausch im interaktiven
Internet, dem sogenannten Web 2.0 – vor allem durch
die mobilen Internetdienste. Und jede weitere techni­
sche Innovation bringt neue Impulse für die Wissens­
kommunikation.

Keine Wunderpille, kein Hirnchip
Bei aller Veränderung: Viele lieb gewonnene Utopien
werden uns erhalten bleiben. Dazu zählt die Vorstel­
lung von der Wunderpille, die allen Krankheiten ein
Ende setzt. Und auch der Hirnchip, mit dem sich neues
Wissen, klickklack, einfach in den Kopf einsetzen
lässt. Für Medienleute sind schreibende Roboter eine
negative Utopie: Doch dass Maschinen intelligentem
Wissenschaftsjournalismus morgen oder übermorgen
den Garaus machen, ist eher nicht zu befürchten.
Was also tun, um den unverzichtbaren Transfer biome­
dizinischen Wissens voranzubringen? Eine Strategie
sind zusammenfassende Analysen einzelner Veröffent­
lichungen. Sie tragen dazu bei, in der Informations­
flut den Überblick zu behalten. Davon brauchen wir
mehr, vor allem in deutscher Sprache. Gegen die Kluft
zwischen Wissenschaft und ärztlicher Praxis helfen
auch gemeinsame Forschungsprojekte. Sie nützen allen
Seiten, vor allem den Patientinnen und Patienten.

Informationsflut schwillt weiter an
Man wird neue Lösungen finden müssen, und zwar auf
allen Ebenen des Wissenstransfers. Beginnen wir bei der
Fachliteratur. Sie wird weiter anschwellen, weil welt­
weit immer mehr staatliches und privates Geld in die
Lebenswissenschaften fließt. Dies geht auf lange Sicht
auch mit mehr Publikationen einher. Als Sprache der
Medizin wird sich Englisch noch stärker durchsetzen.
Gleichzeitig steigt das Interesse der Öffentlichkeit an
neuem Wissen aus der Biomedizin. Dazu trägt nicht
nur die steigende Akademisierung bei, auch die Alte­
rung unserer Gesellschaft macht empfänglicher für
solche Themen. Bürgerwissenschaftliche Projekte im
Gesundheitsbereich sind hierzulande noch rar. Doch

Die Forschungsprojekte, die Sie in dieser Broschüre
kennengelernt haben, werden neue Ideen für den Wis­
senstransfer zwischen lebenswissenschaftlicher For­
schung und Gesellschaft liefern. Sie werden dringend
gebraucht – für eine gesündere Zukunft.

ANHANG

53

Anhang
Literatur
Klaus Beck: Kommunikationswissenschaft (4. Aufl.), utb, Stuttgart 2015

Rainer Diaz-Bone/Christoph Weischer (Hrsg.): Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften, Springer VS,

Wiesbaden 2015
Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, oekom verlag, München 2014
Klaus Hurrelmann/Eva Baumann (Hrsg.): Handbuch Gesundheitskommunikation, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG,
Bern 2014
Klaus Lieb: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten, Artemis & Winkler Verlag, Mannheim 2010
Renate Mayntz/Friedhelm Neidhardt/Peter Weingart/Ulrich Wengenroth (Hrsg.): Wissensproduktion
und Wissenstransfer. Wissen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit, Transcript Verlag,
Bielefeld 2008

Internetadressen des ELSA-Förderschwerpunkts
www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/186.php

Im Rahmen des Förderschwerpunkts ELSA (Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebenswissen­
schaften) fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung zahlreiche Vorhaben. Die Internetseite gibt
einen Überblick über die Forschungsprogramme – hier geht es neben dem Wissenstransfer auch um Diagnostikverfahren und Systemmedizin – sowie über Diskursvorhaben und die Nachwuchsförderung im Rahmen von ELSA.

Internetadressen zum Förderprogramm „Wissenstransfer“
www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/5131.php

Auf der Webseite finden sich kurze Beschreibungen aller elf Forschungsprojekte zum Wissenstransfer sowie die Namen
und Adressen der leitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Getragen und regelmäßig aktualisiert wird die
Seite vom Förderschwerpunkt „Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften“ (ELSA)
des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Internetadressen zu einzelnen Themen der Broschüre
www.buergerschaffenwissen.de

Die Internetplattform versteht sich als zentrale Anlaufstelle für Bürgerforschung in Deutschland. Sie will informieren,
Akteure miteinander vernetzen und den aktuellen Diskurs zu Bürgerwissenschaften begleiten.
http://qsdeutschland.de

Webseite der deutschen Quantified-Self-Gemeinde. Mit Hintergrundinformationen, aktuellen Nachrichten aus Regional­
gruppen und internationaler Szene, Diskussionen und Veranstaltungshinweisen.

54

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

www.britishgut.org

Forschungsvorhaben in Großbritannien, das die Zusammenhänge zwischen Darmflora und Gesundheit untersucht. Frei­
willige sind aufgerufen, sich zu beteiligen; sie erhalten Informationen über ihr individuelles Mikrobenprofil. Das Projekt
orientiert sich am Vorbild des American Gut Project.
www.patientslikeme.com, http://curetogether.com

Zwei Internetplattformen, auf denen sich Patientinnen und Patienten über Krankheiten und Behandlungen austauschen
und zu Forschungsprojekten beitragen. Die in den USA angesiedelten Portale wurden von Laien aufgebaut. Im Jahr 2012
wurde CureTogether an die Gentest-Firma 23andMe verkauft.
www.23andme.com

Das US-Biotechnologie-Unternehmen 23andMe bietet Privatpersonen die Analyse ihrer Erbinformation an. Untersucht
wird dabei eine eingesandte Speichelprobe; die Ergebnisse werden per Internet mitgeteilt. Nachdem die amerikanische
Arzneimittelzulassungsbehörde 23andMe Gesundheitsanalysen untersagt hat, bietet die Firma in den USA nur noch
Abstammungsuntersuchungen an. Die 2006 gegründete Firma gilt als Pionier auf dem Gebiet der privaten Genanalyse;
inzwischen gibt es weitere Anbieter.
www.medien-doktor.de

Webseite des Instituts für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Dort finden sich Bewertungen medizin­
journalistischer Beiträge in Print-,TV-, Hörfunk- und Onlinemedien und von Wissenschafts-Pressemitteilungen nach
definierten Kriterien. Die Ergebnisse der Gutachten von Fachjournalistinnen und -journalisten werden regelmäßig im
Internet veröffentlicht.
www.healthonnet.org, www.afgis.de

Auf diesen Webseiten geht es um die Qualitätssicherung von gesundheitlichen Informationen im Internet. Die gemein­
nützigen Initiativen Health on the Net und das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem haben Kriterien für hoch­
wertige Angebote entwickelt. Wer diese akzeptiert, kann ein entsprechendes Zertifikat für seine Webseite erhalten.

Fachbegriffe
Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)
Die Hauptursache schwerer Sehbehinderungen bei älteren Menschen in den Industrienationen. Es gibt zwei Formen: die
langsam fortschreitende trockene AMD und die feuchte AMD. Ein Heilmittel gibt es noch nicht, doch das Fortschreiten
der feuchten Variante kann durch Medikamente gebremst werden. In Deutschland sind rund zwei Millionen Menschen
betroffen.
Amphetamin
Eine synthetisch hergestellte Substanz, die aufputschend und euphorisierend wirkt. Als Arzneimittel wird sie unter an­
derem zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt. Als illegale Suchtmittel
sind Amphetamine in der Drogenszene unter Bezeichnungen wie „Speed“, „Crystal“ oder „Glass“ bekannt. Sie können zur
psychischen Abhängigkeit führen.
Citizen Science
Der englische Begriff bedeutet „Bürgerwissenschaft“. Dabei arbeiten Bürgerinnen und Bürger an wichtigen Forschungs­
themen mit – im Dialog mit Wissenschaftlern. Solche Projekte gibt es auch in Deutschland schon lange, vor allem in der
Naturbeobachtung. Im Jahr 2014 hat die Bewegung hierzulande einen großen Schub erhalten.

ANHANG

55

Demenz
Neurologische Krankheit, die mit einem zunehmenden Verlust von geistigen Fähigkeiten einhergeht. Die häufigste Form
ist die Alzheimer-Demenz; an ihr leiden etwa zwei Drittel der Betroffenen. Eine heilende Therapie gibt es bisher nicht. In
Deutschland leben rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Im Alter von 80 Jahren ist jede fünfte, jenseits der 90 jede
dritte Person betroffen.
Direct-to-Consumer(DTC)-Tests
Frei verkäufliche genetische Untersuchungen, die meist über das Internet angeboten werden. Die Analyse wird in der
Regel anhand eingeschickter Speichelproben vorgenommen; die Ergebnisse gehen direkt an die Auftraggeberin oder
den Auftraggeber.
Epidemiologie
Wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Verbreitung und dem Verlauf von Krankheiten in der Bevölkerung befasst.
Neben der Erforschung der Krankheitsursachen untersucht die Epidemiologie auch Möglichkeiten der Prävention.
Entstanden ist das Fach Mitte des 19. Jahrhunderts.
Health Social Network (HSN)
Webseite, die Laien Information und Unterstützung in Gesundheitsfragen bietet und auf der sie ihre Erfahrungen
austauschen können. Ein Beispiel für ein HSN ist die Internetplattform „PatientsLikeMe“.
Hirndoping
Der Missbrauch von Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung. Dazu zählen verschreibungspflichtige Medikamente,
etwa Mittel gegen Depressionen, aber auch illegale Drogen wie Kokain.
Health on the Net Foundation (HON)
Eine 1995 gegründete Stiftung mit Sitz in der Schweiz, die einen Zertifizierungsdienst für Webseiten mit medizinischen
Informationen betreibt. Sie vergibt das HON-Siegel für Seiten, die ihrem Qualitätsstandard entsprechen.
In-vitro-Fertilisation (IVF)
Reproduktionsmedizinische Behandlung, bei der Ei- und Samenzelle in einer Glasschale zusammengebracht und nach
der Befruchtung über einen dünnen Schlauch zurück in die Gebärmutter gegeben werden.
Intrauterine Insemination (IUI)
Samenzellübertragung in die Gebärmutter: Der Weg der Spermien zur Eizelle wird so kürzer, die Wahrscheinlichkeit
der Befruchtung höher.
Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)
Eine Weiterentwicklung der IVF für den Fall, dass die Spermien zu träge sind. Nach einer Hormonstimulation werden der
Frau mehrere reife Eizellen entnommen. Unter einem Mikroskop wird dann ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle
eingebracht.
M-Health
Der Begriff „M-Health“ (Mobile Health: englisch für „mobile Gesundheit“) steht für gesundheitsbezogene Software­
lösungen für mobile Endgeräte. Bekannt sind sie auch unter der Bezeichnung „Gesundheits-Apps“. M-Health ist ein
Teilbereich von E-Health, mit der die Anwendung elektronischer Geräte für medizinische Zwecke gemeint ist.
Mikrobiom
Die Gesamtheit aller den Menschen besiedelnden Mikroorganismen. Auf und im Körper, vor allem im Darm, leben
mehr als 10.000 verschiedene Bakterienarten. Sie versorgen den Menschen mit Nährstoffen und Vitaminen,
entsorgen den Rest und wehren Krankheiten ab.

56

WISSENSTRANSFER ZWISCHEN FORSCHUNG UND GESELLSCHAFT

NAKO Gesundheitsstudie
Deutschlands größte Gesundheitsstudie zur Erforschung von Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
Krebs und Diabetes. An der Studie, die im Jahr 2014 begann, sollen 200.000 Menschen teilnehmen; geplant ist
eine Laufzeit von bis zu 30 Jahren. Ziel sind bessere Strategien zur Prävention und Früherkennung.
Pharmakologisches Neuroenhancement
Die Verwendung psychoaktiver Substanzen durch gesunde Menschen mit dem Ziel, ihre geistige Leistungsfähigkeit
zu verbessern. Klassiker wie Koffein und Alkohol zählen dazu, aber auch verschreibungspflichtige Medikamente und
illegale Drogen.
Prosumer
Verbraucher (Konsumenten), die gleichzeitig Produzenten sind. Heute wird der englische Begriff häufig im Zusammen­
hang mit dem interaktiven Internet verwendet, wo Konsumenten von Informationen häufig auch neue Inhalte
produzieren.
Quantified Self
„Das optimierte Selbst“, so lässt sich der englische Begriff übersetzen. Mit diesem Ziel ist eine weltweite Bewegung ent­
standen, deren Anhänger meist per Smartphone eigene Gesundheitsdaten messen und auswerten. Erfasst wird alles, was
technisch möglich ist: die tägliche Schrittzahl beispielsweise, Kalorienaufnahme, Schlafqualität oder Stimmungen. Das
Motto der im Jahr 2007 von zwei US-Journalisten gegründeten Bewegung ist „Selbsterkenntnis durch Zahlen“.
Reproduktionsmedizin
Ein Gebiet der Medizin, das sich mit der natürlichen und assistierten Fortpflanzung und ihren Störungen beschäftigt.
Die Reproduktionsmedizin hat eine Vielzahl von Verfahren entwickelt, um ungewollt Kinderlosen zu Nachwuchs zu
verhelfen. Dazu zählen die In-Vitro-Fertilisation (IVF), die Intrauterine Insemination (IUI) und die Intracytoplasmatische
Spermieninjektion (ICSI).
Ritalin
Handelsname für den Wirkstoff Methylphenidat. Das verschreibungspflichtige Medikament erhöht die Hirnleistung
und ist zugelassen für die Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Miss­
bräuchlich wird Ritalin verwendet, um nächtelang lernen oder feiern zu können.
Risiko-Score
Begriff aus der Epidemiologie. Gemeint ist eine Formel für die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Krankheit bei einer
bestimmten Person innerhalb eines definierten Zeitraums (meist sind es zehn Jahre) auftritt.
Self-Tracker
Der englische Begriff bedeutet „Selbstvermesser“. Gemeint sind Menschen, die ihre Aktivität oder Körperdaten mithilfe
von Smartphones messen und auswerten, um ihre Gesundheit zu verbessern. Der Begriff stammt aus der Quantified-SelfBewegung.
Tiefe Hirnstimulation (THS)
Therapieform, bei der Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns eingepflanzt werden, um mit Hochfrequenzimpul­
sen schwer kranken Patienten zu helfen. Zugelassen ist die Behandlung bei Parkinson, unwillkürlichem Zittern (Tremor)
und Verkrampfungen (Dystonie). Weltweit tragen 150.000 Menschen eine THS-Elektrode im Gehirn und den dazu
gehörigen Hirnschrittmacher unterhalb des Schlüsselbeins.
Web 2.0
Interaktives Internet, auch „Mitmachinternet“ genannt. Dabei konsumieren die Nutzer nicht nur den Inhalt, sondern sie
stellen selbst Inhalte zur Verfügung, treten zueinander in Kontakt und tauschen sich aus.

57

Impressum
Herausgeber
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Referat Ethik und Recht in den Lebenswissenschaften
11055 Berlin
Bestellungen
schriftlich an
Publikationsversand der Bundesregierung
Postfach 48 10 09, 18132 Rostock
E-Mail: publikationen@bundesregierung.de
Internet: http://www.bmbf.de
oder per
Tel.: 030 18 272 272 1
Fax: 030 18 10 272 272 11
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Business: S. 48, 49 Fotolia/Spectral-Design: S. 30, gettyimages/
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poba: S. 10, iStock/powerofforever: S. 8, iStock/shapecharge:
S. 19, 22, iStock/shironosov: S. 4/5, iStock/wundervisuals:
Titel, K. Henseler: S. 38, KLéREN: S. 21, Presse- und Infor­
mationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler: Vorwort
(Porträt Prof. Dr. Johanna Wanka) S. 2, Prof. Thomas Schläpfer,
Universität Bonn: S. 43, shutterstock/Pavel L Photo and Video:
S. 47, Thinkstock/Stockbyte: S. 6, Thinkstock/Wavebreakmedia
Ltd: S. 46, 50
Text
Lilo Berg
Lilo Berg Media, Berlin
Redaktion und Konzeption
Ursula Porwol, Dr. Thomas Becker und Dr. Marina Schindel
(DLR Projektträger, Gesundheitsforschung)

Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit
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Kommunalwahlen sowie für Wahlen zum Europäischen
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ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahl­
werbung. Unabhängig davon, wann, auf welchem Weg und in
welcher Anzahl diese Schrift der Empfängerin/dem Empfänger
zugegangen ist, darf sie auch ohne zeitlichen Bezug zu einer
bevorstehenden Wahl nicht in einer Weise verwendet werden,
die als Parteinahme der Bundesregierung zugunsten einzelner
politischer Gruppen verstanden werden könnte.

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