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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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Krieges w urde das Rittergut Bornsdorf bei Luckau mit einem Braunkohlenbergwerk 
und Ziegelei betrieben erworben und eine Stadtbank geschaffen. Am Ende der Berichts­
zeit w urde zur Steuerung der Erwerbslosigkeit schließlich noch der M illionenbau der 
U ntergrundbahn als Notstandsarbeit aufgenommen.
Die Erfüllung der neuen Aufgaben, die der Krieg mit sich brachte, w urde in 
Neukölln dadurch besonders erschwert, daß der durchweg junge Beam tenstand durch 
Einberufung zur Fahne alsbald stark gelichtet wurde. In kurzer Zeit waren jedoch 
die Schwierigkeiten überwunden und immer ausgedehnter wurde der Kreis der der 
Stadtverw altung obliegenden unmittelbaren und mittelbaren Kriegsmaßnahmen.
Gleich zu Anfang des Krieges gesellte sich zu den M obilmachungsgeschäften 
die Sorge für die Fam ilien der eingezogenen Einwohner. Die Zahlung der Fam ilien­
unterstützung war zu organisieren, die vom Reich erstatteten M indestsätze heischten 
bald einen städtischen Zuschuß, an bedürftige Familien wurden Sonderunterstützungen, 
Kohlenkarten, Mietbeihilfen usw. gewährt, die Reichswochenhilfe wurde durch die 
Stadt vermittelt, für Truppenteile mußte Q uartier besorgt, Beschlagnahm en für die 
H eeresverw altung vorgenom m en werden. Bald trafen V erwundetentransporte ein, für 
die es Verpflegung und Unterkunft zu schaffen galt. Nicht minder hohe Anforderungen 
stellte die Verpflegung durchziehender Truppen und die Versendung von Liebesgaben 
an Neuköllner Kriegsteilnehmer. Der immer zahlreicher w erdenden Opfer des Krieges 
nahm  sich die Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge an.
Im Verlauf des Krieges trat dann die Sorge für die Zivilbevölkerung in den 
Vordergrund. Alle wichtigen Lebens- und Futterm itttel sowie auch viele andere 
Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens wurden in öffentliche Bewirtschaftung ge­
nom m en: Brot, Mehl, Kartoffeln, Milch, Eier, Fleisch, Fett, Kolonialwaren u. a. m. 
w urden rationiert, desgleichen Seife, Petroleum , Spiritus, W äsche und Kleiderstoffe. 
Auch der Beschaffung von Brennstoffen, von Kleidung und Schuhwerk sowie von 
Möbeln nahm  sich die Stadt an. Kartensysteme der verschiedensten Art wurden ein­
geführt, eine Gem üsetrocknungsanstalt, M armeladenfabrik und Futterm ittelwerke wurden 
eingerichtet, Speiseanstalten und Kriegsküchen eröffnet. Hand in Hand hiermit gingen 
zahlreiche Bestandsaufnahm en und Sam m lungen und im Bereich der sozialen und 
gesundheitlichen Fürsorge brachte fast jeder Tag neue Aufgaben.
Von diesem vielseitigen und ausgedehnten Wirken der städtischen Verwaltung 
w ährend der Kriegszeit kann der vorliegende Verwaltungsbericht nur ein gedrängtes 
und, wie zugestanden w erden muß, im einzelnen sehr unvollkommenes Bild liefern. 
Die Länge der Berichtszeit, w ährend welcher die leitenden Beamten häufig wechselten, 
z. T. sogar ganz aus dem Dienst der Stadt ausgeschieden sind, sowie die derzeitige 
Ueberlastung aller V erwaltungsabteilungen mit dringlichsten Arbeiten aller Art werden 
hoffentlich die vorhandenen M ängel entschuldigen und die Verschiedenwertigkeit der 
einzelnen Berichtsabschnitte erklären. Eine ausführliche Darstellung der Kriegs­
geschichte Neuköllns muß einer ruhigeren Zeit vorbehalten bleiben; sie erst wird in 
vollem Umfange die unendliche Fülle von Organisations- und Verwaltungsarbeit er­
kennen lassen, deren es bedurft hat, um die Stadt auf der Höhe zu erhalten, die sie 
in der Vorkriegszeit unter den deutschen Großstädten eingenom m en hatte. Mit Stolz 
und Befriedigung dürfen wir rückschauend sagen, daß dies, soweit unter den g e ­
gebenen Um ständen überhaupt möglich, gelungen ist. Und hieraus können w ir auch 
die Hoffnung für die Zukunft schöpfen, daß wir im Verbände der neuen Stadtgem einde 
Berlin die Schwierigkeiten, denen wir uns z. Zt. noch gegenübersehen, überwinden 
und wieder aufbauen werden, was der Krieg zerstört hat.
N e u k ö l l n ,  im April 1921.
Der Magistrat.
S c h o l z .
Dr. B ü c h n e r .
        
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