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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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Schuhw aren den Privaten entzogen und den Gemeinden zugeteilt. Es war also eine 
ganz neue Aufgabe, die die Gemeinden zu erfüllen hatten und die ihnen zunächst 
große Schwierigkeiten zu bereiten schien. Sämtliche Groß-Berliner Gemeinden mit 
Ausnahm e von Lichtenberg und Neukölln gründeten zur Erfüllung dieser Aufgabe 
einen W irtschaftsbezirk Groß-Berlin und bedienten sich zur Bearbeitung der getragenen 
Garderobe einer eigens gebildeten Aktiengesellschaft „K leiderverw ertungs-A ktien­
gesellschaft, Berlin“. Neukölln ging an die Bearbeitung der Angelegenheit selbst 
heran und konnte infolgedessen am 10. Januar 1917 im Hause Bergstr. 29 den Alt­
handel mit getragenen Kleidungsstücken, W äschestücken und Schuhwaren eröffnen. 
Zur Eröffnung gab der M agistrat einen Vorschuß von 1 500 M., der nach ganz kurzer 
Zeit zurückgezahlt werden konnte. Die Stelle arbeitete zur vollsten Zufriedenheit des 
Publikums, konnte aber den durch die Verlängerung der Kriegsdauer immer stärker 
einsetzenden Bedarf der Bevölkerung an Kleidungsstücken nicht immer voll befriedigen. 
Die Notwendigkeit stellte sich heraus, die Stelle zu erweitern; auch die Aufsichts­
behörde drängte. Es mußte daher an die Beschaffung neuer preiswerter Garderobe 
gegangen werden. Der Bekleidungsstelle wurde bei der Stadthauptkasse ein offener 
Kredit eröffnet, mit dem es ihr möglich war, jeden Gelegenheitskauf, der sich bot, zu 
tätigen. Sie konnte im ersten Jahre des Bestehens auf einen Umsatz von 3 667 000 M. 
zurückblicken. Zunächst war die Bekleidungsstelle lediglich für die Neuköllner Be­
völkerung eingerichtet. Nachdem dann später die Bekleidungsstelle an die Selbst­
fabrikation ging und ganze Tuchlager durch ihre Fabrikanten konfektionieren ließ, 
brauchte nicht m ehr so ängstlich darauf gesehen zu werden, daß nur Neuköllner 
Einwohner mit Garderobe bedacht würden. Der Ruf der Bekleidungsstelle ging weit 
über das enge Stadtbild hinaus. Es kamen Deputationen aus den umliegenden Ort­
schaften, ja aus Sachsen, Westfalen, aus dem Rheinlande und aus Bayern, um unsere 
Stelle zu besichtigen und nach dem M uster unserer Stelle eigene Einrichtungen zu 
schaffen. Sie waren erstaunt über die Menge und Güte unserer Ware und baten 
wiederholt, ihnen von unseren Vorräten abzugeben. Da die Ware demselben Zweck 
bei den anderen Kommunen zugeführt wurde, für den sie bestimmt war, war die 
Abgabe bedenkenfrei. Die für die Bekleidungsstelle zunächst vorgesehenen Räume 
im städtischen Hause Bergstr. 29 reichten bei dem Wachsen des Unternehmens nicht 
mehr aus. Es mußte nicht nur das ganze Haus für die Zwecke der Bekleidungsstelle 
frei gem acht werden, sondern es mußten auch auf dem Hof erhebliche Erw eiterungs­
bauten errichtet werden. Der Bekleidungsstelle wurden eine städtische Schuhmacherei 
und eine städtische Schneiderei angegliedert. Beide Einrichtungen sind mit den 
neuesten Errungenschaften ausgestattet und werden maschinell betrieben. W ährend 
das Parterregeschoß, die 1. und 2. Etage dem Verkauf dienten, wurden die Hinter­
häuser und die 3. Etage für Lagerzwecke eingerichtet. Zur Zeit der Abfassung des 
Berichtes ist die Bekleidungsstelle in der Inventur. Schon heute kann übersehen 
werden, daß seit dem Bestehen etwa für ca. 50 000 000 M. W are durch ihre Räume 
gegangen ist. Genaues über ihren Stand kann z. Zt. nicht angegeben werden. So­
weit es sich aber überblicken läßt, hat sie ihrem Zweck entsprechend ohne Defizit, 
aber auch ohne Verdienst gearbeitet. Am Schlüsse der Berichtszeit schwebten Ver­
handlungen, das Unternehm en der Neuköllner Großhandelsgesellschaft anzugliedern.
2. B e z u g s c h e i n s t e l l e .
Auf Grund der Bekanntm achung des Herrn Reichskanzlers vom 10. Juni 1916 
mußte eine Regelung des Verkehrs mit Web-, Wirk- und Strickwaren für die bürger­
liche Bevölkerung einsetzen, da infolge der A bschnürung unseres Vaterlandes vom 
Auslandshandel jedwede Einfuhr ausgeschlossen war. Von den für die Zivilbevölkerung 
bereit gehaltenen W aren mußte vieles auch noch für Heereszwecke herangezogen 
werden. Um bei dem immer stärker werdenden Mangel ein Hamstern der W are zu 
vermeiden, wurden Bezugscheine eingeführt. Die Kommunen waren verpflichtet, 
besondere Bezugscheinstellen zu errichten, in denen für jede Familie eine Personalkarte 
angelegt werden mußte. Sobald in den Familien ein Bedarf an Web-, Wirk- und
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