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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

— IV —
Kriegsbedarfs eingestellt gew esenen Industrie zur Friedensarbeit fehlte es an den not­
w endigsten Betriebs- und Hilfsmitteln, vor allem auch an der rechten U nternehm ungs­
lust, der Arbeitswille war durch die vorausgegangenen Jah re  der Entbehrungen 
geschwächt, alle A chtung vor dem Gesetz aufgehoben, die der Fesseln der Zwangs­
wirtschaft m ehr und m ehr entledigten Preise begannen sprunghaft em porzuschnellen. 
So taum elten wir am Ende der Berichtszeit am Rande des Abgrundes.
Auch die Entw icklung der Bevölkerung unserer Stadt w urde durch diesen Gang 
der E reignisse aufs nachhaltigste beeinflußt. Nach ununterbrochenem  W achstum hat 
während der Kriegszeit die Einwohnerzahl zum ersten Male eine A bnahm e erfahren. 
Nach den Ergebnissen der Bevölkerungsfortschreibung belief sie sich zu Beginn der 
Berichtszeit auf rund 269000 und am Schluß des R echnungsjahres 1918 auf nur m ehr 
267000 Personen. Sie hat sich während dieser 5 Jah re  um 1768 Personen vermindert, 
eine Folge des Geburtenausfalls und des Ausfalls des W anderungsgew inns der früheren 
Jahre auf der einen und der erhöhten Sterblichkeit auf der anderen Seite. Einen 
G eburtenüberschuß, wie er in früheren Jahren  die Regel gew esen war, wies nur noch 
das Jah r 1914 auf; in den folgenden Berichtsjahren überw ogen die Sterbefälle die 
Geburtenfälle bedeutend. Insgesam t stehen den 16207 in der Zeit von 1914— 1918 
Lebendgeborenen (ohne Ortsfremde) 21933 gestorbene Neuköllner E inw ohner gegen­
über. Das ergibt einen unm ittelbaren Bevölkerungsverlust von über 5700 M ehr­
gestorbenen. Hinzu kommt dann noch der Geburtenausfall, der sich für die 5 Berichts­
jahre auf annähernd 8000 schätzen läßt, was unter Berücksichtigung der Totgeburten 
und der Säuglingssterblichkeit einen weiteren Bevölkerungsverlust von etwa 6500 
Personen bedeutet. Die Zahl der Neuköllner Kriegsteilnehmer läßt sich auf etwa 
40 —45000 schätzen, d. h. ungefähr l/« der Gesam tbevölkerung. Von ihnen waren bis 
zum Ende der Berichtszeit insgesam t 6600 als gefallen oder gestorben gemeldet. 
Infolge der zahlreichen E inberufungen verm inderte sich die Zivilbevölkerung und 
dem entsprechend anfänglich auch die Zahl der Todesfälle von Zivilpersonen. Aber 
schon vom Jahre 1917 an traten auch bei diesen die W irkungen des Krieges, namentlich 
der Blockade in Gestalt einer starken Zunahm e der Sterblichkeit aufs deutlichste zu 
Tage. W enn wir auch von eigentlichen Volksseuchen, wie sie frühere Kriege zum eist 
im Gefolge hatten, verschont blieben, so ragen doch Tuberkulose und Grippe unter 
den Todesursachen merklich hervor. Kennzeichnend für die Sterblichkeitsverhältnisse 
ist auch die gesteigerte G efährdung der höheren Altersklassen. Einen Lichtblick 
gew ährt nur die vergleichsweise nicht ungünstige Entw icklung der Säuglingssterblich­
keit, offenbar ein erfreulicher Erfolg der w eitgehenden öffentlichen und privaten 
Fürsorge auf diesem Gebiet. Auch die örtliche Bevölkerungsbew egung w ar nur 
schwach ausgeprägt. Die beiden ersten Berichtsjahre 1914 und 1915 brachten einen 
beträchtlichen W anderungsverlust mit sich, w ährend die übrigen Jahre mit einem 
M ehrzuzug abschlössen, der jedoch erst im letzten Berichtsjahr 1918 infolge der 
Dem obilm achung und der politischen Um wälzungen eine nennensw erte Höhe 
(1489 Personen) erreichte. Insgesam t verlor unsere Stadt w ährend der 5 Berichts­
jahre 1047 Personen durch M ehrabw anderung.
Auch die in den letzten F riedensjahren immer m ehr aufblühende äußere E nt­
wicklung unseres Gem einw esens w urde durch den Krieg jäh unterbrochen. Zahlreiche 
schwebende Pläne für die industrielle Ausschließung und die bauliche A usgestaltung 
Neuköllns m ußten bei Beginn des Krieges hinter anderen dringenderen Aufgaben 
zurückstehen oder w urden infolge des Arbeiter- und Baustoffmangels unmöglich 
gem acht. Trotzdem wurden zahlreiche norm ale Aufgaben, nam entlich auf dem Gebiete 
des Bauwesens, durchgeführt. So w urde im städtischen K rankenhaus ein neuer Isolier­
pavillon fertiggestellt und die neue, in technischer Hinsicht m ustergültige Desinfektions­
anstalt dem Verkehr übergeben. F ü r die seit 1897 bestehende Sparkasse w urde ein 
Neubau errichtet. Im Industrieviertel des Luisenstädtischen K irchengeländes wurde 
rüstig  w eitergearbeitet und der Körnerpark w urde fertiggestellt. In dem neuen W ohn­
viertel in der Köllnischen Heide mit der Bahnhofsanlage und den schönen Plätzen 
und Anlagen w urde eine eifrige Tätigkeit entfaltet. F erner w urde die neue Spree­
brücke erbaut, die nach der von der Stadt erw orbenen Abteiinsel führt. W ährend des
        
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