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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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Kriegsnotstandskommission einem besonderen L e b e n s m i t t e l a u s s c h u ß  Übertrager!, 
der aus  4 Magistratsmitgliedern, 8 Stadtverordneten und mehreren Vertretern des 
Handels und des Handwerks bestand. Die dem Ausschuß übertragenen Aufgaben 
lauteten: M aßnahm en zur S icherung  und Anschaffung von Lebensrnitteln sowie zur 
V erausgabung  derselben an die E inw ohner der Stadt und Kontrolle der Lebensm itte l­
preise. Als Richtlinien für die Tätigkeit des Ausschusses w urden folgende Leitsätze 
aufgestellt:
S o r g e  fü r  d ie  E r n ä h r u n g .
Die Kindervolksküchen sind zu vermehren, sollen aber im übrigen nach dem bisher 
bewährten  System fortarbeiten. An besonders belebten Stellen der Stadt (Bergstraße, 
Herm annstraße) werden V o l k s s p e i s e h a l l e n  zu errichten sein, in denen gegen  billiges 
Geld nahrhafte Kost verabreicht wird. F ü r  möglichst billige Vermittlung von Materialien 
für diese E inrichtungen wird die Lebensmittelkommission zu sorgen haben. Der 
Betrieb der Speisehallen wird entweder von der Stadt selbst oder von einem der 
großen Berliner Vereine für Speisehallen zu übernehm en sein.
F e rn e r  wird eine Organisation geschaffen werden müssen, durch welche außer­
halb der Armenpflege an bedürftige Familien Lebensrnittel (Kartoffeln, Brot, H ülsen­
früchte etc.) und Heizstoffe aus städtischen Beständen, die von der T eu e ru n g s ­
kommission beschafft sind, abgegeben  werden. —
Hand in Hand mit der Errichtung des Ausschusses g ing die Schaffung und die 
E rw eiterung  einer besonderen Verwaltungsstelle, des späteren L e b e n s m i t t e l a m t s .
A bgesehen von der fortgesetzten Beobachtung der Preisgestaltung auf dem 
Lebens- und Futtermittelmarkt bestanden die ersten Arbeiten in der V ersorgung  der 
städtischen Betriebe, wie K rankenhaus, S iechenhaus, S traßenrein igung usw. mit 
Lebensrnitteln, V erw ertung der Erzeugnisse  der Rieselgüter in eigener Verwaltung, 
E inrichtung einer Nähstube zwecks Beschäftigung weiblicher Arbeitsloser und Anlage 
einer Volksküche auf dem Grundstücke der Berliner Kindl-Brauerei, Hermannstraße 
Ecke Jägers traße. Der Magistrat stellte zunächst einen Betrag von 100 000 M. zur 
Verfügung. Später  wurde aus dem Lebensmittelausschuß eine besondere E i n k a u f s ­
k o m m i s s i o n  gebildet und dem entsprechend für die Ankäufe die städtische W a r e n ­
e i n k a u f s s t e l l e  eingerichtet.
Zur S icherung  der E rn äh ru n g  w ährend der Frostperiode 1914/15 wurden für 
rund 500000  M. K a r t o f f e l n  eingekauft und auf Lager genom m en. Die A ngebots­
preise bew egten sich zwischen 2.35 M. bis 3.25 M. je Ztr. frei Bahnhof Neukölln je 
nach Sorte. Als Lagerort  waren die großen Eisschuppen auf dem noch w ährend des 
Friedens angekauften  Mier’schen Eiswerk, Mittelbuschweg, sehr gee ignet;  zur E in­
m ietung gelangte  ein Teil der Kartoffeln auf dem Gelände der Drorystraße.
Größere H o l z m e n g e n  w urden angekauft und im Winter 1914/1915 an die 
minderbemittelte Bevölkerung abgegeben . F e rne r  erfolgte die Beschaffung einer 
größeren  M eh lre se rv e ,  g roßer Bestände an H e r i n g e n  und M a r g a r i n e .  Zur 
Kontrolle des Brot-, Kartoftel- und Heringverkaufs wurde eine besondere Kommission, 
bestehend aus Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten, eingesetzt.
Auf die A nregung  des Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten  
fanden dort bereits im Novem ber 1914 die ersten Besprechungen über die V e r ­
w e r t u n g  d e r  K ü c h e n a b f ä l l e  für die Viehfütterung statt. Auf Grund dieser 
Besprechungen  wurden, nachdem das G roß-B erliner  Projekt einer Sam m lung  und 
Trocknung  sich zerschlagen hatte, im Ja n u a r  1915 in Neukölln die ersten M aßnahm en 
zur Erfassung  der Küchenabfälle aus den Haushaltungen  als Futter  für die Kühe zum 
Zwecke der V erbesserung der M ilcherzeugung getroffen. Am 21. 1. 1915 w urde auf 
Grund der inzwischen erlassenen Bekanntm achung des O berkom m andos in den Marken 
vom 19. 1. 1915 mit dem Verein der Molkereibesitzer von Neukölln und U m gegend 
ein Vertrag abgeschlossen, der die Molker zur Abholung  der gesam m elten  Abfälle 
nach bestimmten Bezirken verpflichtete und der bis zum Schlüsse der Berichtszeit 
und darüber h inaus in Kraft blieb. Im Laufe der Berichtszeit hat es wiederholter 
Aufrufe bedurft, um nicht nu r  die Verbraucher, sondern auch die E igentüm er und 
Molkereibesitzer an ihre Pflicht zu erinnern. Jedoch  kann im allgemeinen gesagt
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