Path:
Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

Vorstandes des jeweiligen Aufenthaltsortes des Inhabers verfügt werden durfte. Das 
Sparkassenbuch verblieb in Verwahrung und Verwaltung der Sparkasse. Die Ver­
ordnung trat in Kraft am 3. April 1916.
Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Reihen der Jugendlichen sowohl wie 
vieler Eltern. Sie konnten oder wollten den wohlgemeinten Sinn der V erordnung 
nicht verstehen. Ein großer Teil glaubte nun seinem Herzen Luft machen zu können, 
indem er bei der vom Magistrat eingerichteten Abteilung stürmisch die Auszahlung 
des gesparten Lohnteiles unter allerlei Ausflüchten beantragte und dabei häufig eine 
Tonart anschlug, die an die Besonnenheit der mit den Arbeiten betrauten Beamten 
und Hilfskräfte hohe Anforderungen stellte. Viele junge Leute legten w egen des 
Lohnabzugs die Arbeit nieder, um dann die Auszahlung des G uthabens zu verlangen; 
ein Teil verzog auch nach Landesteilen, wo eine derartige Beschränkung nicht ver­
fügt war. Jedenfalls wurde in jeder Weise versucht, sich der W irkung des Erlasses 
zu widersetzen.
Welche Löhne an Jugendliche Anfang 1916 gezahlt wurden und wieviel Personen 
Anträge auf Freigabe eines Teiles ihres Sparguthabens bereits innerhalb sechs Wochen 
nach dem Inkrafttreten der Verordnung beantragten, ergibt folgende Aufstellung:
W ochenverdienst j Zahl der Anträge
bis 25 M. 86
über 25 ,, 30 » 109
» 30 ii 40 »» 106
40 ii 50 V 31
„ 50 ii 60 »» 17
„ 60 ii 70 »» 8
„ 70 ii 80 »» 7
.„. 80 ii 90 >» 190 ii 100 i , 2
zusammen 367
Zur Bewältigung der erforderlichen Arbeiten, zu der häufige Nachprüfungen an 
Ort und Stelle notwendig waren, mußten zunächst drei Beamte beschäftigt werden. 
Als später die Abfertigung minder schwierig wurde, wurden die Beamten durch Büro- 
hilfskräfte ersetzt.
Die weiter fortschreitende T euerung machte es notwendig, vom 1. 7. 1916 ab
den abzugsfreien Teil auf 21 M., am 1. 1. 1917 auf 24 M., am 1.4 . 1917 auf 30 M.
und am 29 7. 1918 auf 36 M. zu erhöhen.
Hervorgehoben muß werden, daß in zahlreichen Fällen die beabsichtigte W irkung 
erreicht worden ist, nämlich die Jugend vor gesundheitlichen und sittlichen Gefahren 
zu schützen, den Sparsinn zu fördern und den betreffenden Personen und auch deren 
Angehörigen ein Kapital zu sichern, das ausreichte, um für wirtschaftlich ungünstige 
Zeiten einen Halt zu bieten. Die bekannte Regel, daß nach den ersten gesparten 
100 M. die Lust zum Sparen erst beginnt, traf auch hier zu. Es gab Jugendliche, 
die in verhältnism äßig kurzer Zeit ein Kapital von 1000 M. aufweisen konnten,
während es einige bis auf über 2000 M. gebracht haben.
Zum Teil mußten auch jugendliche Sparer vor Ausbeutung durch ihre eigenen 
Angehörigen geschützt werden. Eine Milderung in der H andhabung der Anträge 
wurde bei den in das Heer eintretenden jungen Leuten dadurch bewirkt, daß diesen 
ohne weiteres gegen Vorzeigung des Gestellungsbefehls einmalig Beträge bis zu 
50 M. von der Sparkasse ausgezahlt werden konnten.
Die Anordnung eines solchen Sparzwangs war ein unm ittelbarer Ausfluß der 
kriegszeitlichen Verhältnisse. Die vielfach aufgetretenen Bestrebungen, diese Ein­
richtung auch für die Friedensverhältnisse anzuwenden, konnten infolge der Ver­
schiebung der politischen M achtverhältnisse nicht zur Durchführung gebracht werden.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.