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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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als sehr segensreich. Jedoch unterbrach der Ausbruch des Weltkrieges das so sehr 
im Interesse der Neuköllner Erwerbslosen liegende Zusammenwirken der Stadtgemeinde 
mit diesem Verein. Bis dahin hatte dieser bereits an insgesamt 1032 Arbeitstagen 
hiesige Arbeitslose vertragsmäßig beschäftigen können. Die von der Kolonisations­
institution unter Mithilfe der Qeneralkommission für die Provinzen Brandenburg und 
Pommern vorgenommenen Versuche, gesperrte Zwischenkredite wenigstens in be­
schränkter Höhe zu erhalten, führten nicht zum Ziel. Die städtischen Körperschaften 
konnten sich der schwierigen Lage, in die der Verein durch den Krieg geraten war, 
nicht verschließen und genehmigten im Dezember 1915 die beantragte Hinausschiebung 
des Beginns der Verzinsung sowie Tilgung des bereitgestellten Darlehns um zwei 
Jahre, auf den 1. April 1918. Inzwischen mußte infolge weiterer Verschlechterung der 
finanziellen Lage des Vereins am 14. August 1916 über sein Vermögen das Konkurs­
verfahren eröffnet werden, das bis zum Ende der Berichtszeit noch nicht ab­
geschlossen war.
b) D ie A u s g e s ta l tu n g  der E r w e rb s lo s e n fü r s o rg e  s e it  N o v em b er 1918.
Alle Bestrebungen um Einführung einer geregelten Arbeitslosenunterstützung 
bezw. Versicherung mußten durch die Waffenstillstandsverhandlungen und die danach 
eingetretene Staatsumwälzung notgedrungen in schnelleres Fahrwasser geraten. Um­
somehr mußten sich nunmehr vornehmlich die maßgebenden Reichs- und Staats­
instanzen mit der Lösung dieser Frage befassen, als nach dem Zusammenbruch es 
deutlich wurde, daß die Feinde sich nicht dazu verstehen konnten, Deutschland ge­
nügende Zeit für eine auch nur annähernd geregelte Demobilmachung seiner immer 
noch verhältnismäßig riesigen Truppenmassen zu lassen. Es zeigten sich auch sofort 
die schweren Folgen der bisherigen Versäumnisse. Stand man doch allseits der mit 
einem Schlage ins Ungeheure angewachsenen Arbeitslosigkeit, hauptsächlich was 
Vergebung von Arbeiten anlangte, vollkommen machtlos gegenüber.
Eine der ersten Taten der neuen Regierung war ein Erlaß über Errichtung eines 
Reichsamtes für die wirtschaftliche Demobilmachung (Demobilmachungsamt). Am 
13. November 1918 erging von diesem Reichsamt die Verordnung über Erwerbslosen­
fürsorge. Die Bezeichnung „Arbeitslosenfürsorge“ wurde amtlicherseits nicht mehr 
gebraucht; es sollte damit angezeigt werden, daß die Fürsorge nicht allein Arbeit­
nehmer im bisherigen Sinne umfasse.
ln ihren Grundzügen besagt die Verordnung, daß arbeitsfähigen und arbeits­
willigen über 14 Jahre alten Personen eine Unterstützung für den Fall der Erwerbs­
losigkeit gewährt werden soll, wenn diese als eine Folge des Krieges anzusehen ist. 
Die hierfür von seiten des Reiches zu 6ja, des Staates zu 4/i?> und der Gemeinden 
zu 2/ir bereitgestellten Mittel dürfen jedoch nur bei gleichzeitiger Bedürftigkeit und 
nach einer kurzen Wartezeit von höchstens einer Woche in Anspruch genommen 
werden. Trotz aller Anfeindungen, die solche aus schwerer Not der Zeit geborenen 
Bestimmungen insonderheit anfänglich erfahren mußten, brach sich doch mehr und 
mehr der Gedanke Bahn, daß diese Unterstützungen die notwendige materielle Be­
ruhigung aller durch den Krieg aus dem Gleichgewicht gebrachten wirtschaftlichen 
Existenzen fördern werde. Im Zurückblicken ergibt sich, daß im großen und ganzen 
die Fürsorge doch nur in manchen Fällen einen Gegenwert für das infolge des 
Völkerringens verloren gegangene tägliche Brot bedeutete.
Die Verwirklichung des in den letzten Jahren stärker anerkannten Gedankens 
eines organisierten Zusammenschlusses der mit der Stadtgemeinde Berlin eng ver­
bundenen wirtschaftlichen Vorortgebiete wurde gleich in den ersten Tagen der Durch­
führung der nunmehr gesetzlich festgelegten Erwerbslosenfürsorge zu einer dringenden 
Notwendigkeit. Der Demobilmachungsausschuß Groß-Berlin beschloß daher bereits 
am 3. Dezember 1918, daß im Interesse einer unmöglich zu entbehrenden Einheit­
lichkeit das inzwischen für den Stadtbezirk Berlin erlassene Statut über Erwerbslosen­
fürsorge auch für das Gebiet der Brotkartengemeinschaft Groß-Berlin Gültigkeit habe. 
Wenn 'auch diese Grundsätze den besonderen Verhältnissen Groß-Berlins Rechnung 
trugen, so waren jene doch vollkommen im Rahmen der Verordnung vom 13. No-
        
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