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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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— 304 —
XI. Soziale Fürsorge und Wohlfahrtspflege.
A. Allgemeine Wohlfahrtseinrichtungen und Anstalten.
1. S t ä d t i s c h e  R e c h t s a u s k u n f t s t e 11 e.
Die städtische Rechtsauskunftstelle war wohl mit eine der Verwaltungsstellen in 
Neukölln, die ein umfassendes Bild des unendlichen Elends erhielt, das der Krieg 
über unser Volk brachte. Vor die Rechtsauskunftstelle brachten die Kriegsbeschädigten 
ihr Leid, wenn sie den fiskalischen Interessen der M ilitärversorgungsinstanzen die 
kärglichen Rentengebührnisse abringen m ußten; hier entrollte sich das Unglück der 
Kriegswitwen und -Waisen. Zur Rechtsauskunftstelle kamen aber auch alle die M änner 
und Frauen, die an sich selbst die entsetzlichen Folgen der M oralzerrüttungen erlebt 
hatten, die der Krieg mit sich gebracht hatte. Und letzteres war für die Rechts­
auskunftstelle, die nicht bloß ein fühlloser Auskunftsautomat sein, sondern mit der 
Volksseele fühlen und leiden wollte, gewiß das traurigste Kapitel. Wieviel Eheglück 
ist nicht durch den Krieg zerstört worden, in wieviel Fällen mußte nicht die Rechts­
auskunftstelle behilflich sein, das äußere gesetzliche Band zu lösen, das infolge der 
Zerreißung der Familie von dem einstigen Bündnis der Herzen allein noch übrig 
geblieben war!
Der Krieg drückte in der Berichtszeit der gesamten Wirksamkeit der Rechts­
auskunftstelle seinen Stempel auf. Die bisherigen M ieträume Isarstraße 12 mußten 
aufgegeben und neue Räumlichkeiten in einem städtischen G ebäude, dem neuen 
Sparkassengebäude Ganghoferstraße 11/12, in Benutzung genom m en werden. Die 
Fülle neuer Aufgaben im Gemeindeleben brachte es mit sich, daß der bisherige Leiter 
der städtischen Rechtsauskunftstelle gleichzeitig mit der Leitung des Kriegsfürsorge­
amts betraut wurde. Zu seiner Entlastung wurde ihm ein in den städtischen Dienst 
getretener Rechtsanwalt beigegeben. Daneben war ständig eine Stenotypistin in der 
Rechtsauskunftstelle beschäftigt; an drei Nachmittagen in der Woche arbeitete ein hierfür 
besonders vorgebildeter städtischer Beamter (Assistent) für die Rechtsauskunftstelle; 
er hatte die nötigen Schriftsätze und Anträge nach Anweisung der in der Auskunft­
stelle tätigen Juristen anzufertigen.
Abgesehen von der durch den Krieg veranlaßten Verm ehrung der Geschäfte spielte 
sich die Arbeit der Rechtsauskunftstelle in den durch die bisherige Praxis bewährten 
Bahnen ab. In allen Fällen, die nur irgendwie geeignet erschienen, wurde dem
Publikum gegenüber daran festgehalten, daß die Rechtsauskunftstelle vor der In­
anspruchnahm e der Gerichte zunächst den Versuch einer gütlichen Einigung machte, 
der in einer erfreulich großen Anzahl von Fällen auch von Erfolg begleitet war. Die 
enge Verbindung von Rechtsauskunftstelle und Kriegsfürsorgeamt, auf die schon hin­
gewiesen wurde, brachte es mit sich, daß alle Rentenstreitsachen der Kriegsbeschädigten 
und Hinterbliebenen, die zur Kenntnis des Fürsorgeam ts kamen, von diesem an die 
Rechtsauskunftstelle zur Bearbeitung verwiesen w urden; aus der im Laufe des Krieges 
ständig zunehm enden Zahl der Kriegsopfer erwächst eine ganz erhebliche Mehr­
belastung der Rechtsauskunftstelle. Ebenso verm ehrte sich ganz erheblich die Zahl 
der Pflegschaften, die der Leiter der Rechtsauskunftstelle übernommen hatte; die
Arbeit stieg so, daß zu ihrer büromäßigen Bearbeitung ein besonderer Beamter heran­
gezogen werden mußte.
Eine besonders große Arbeitslast brachte für die Rechtsauskunftstelle das Studium 
der ganz außerordentlich zahlreichen Verordnungen und Gesetze mit sich, die
während der Kriegszeit von militärischen und zivilen Stellen ausgingen und über das
deutsche Volk sich ergossen, dem es natürlich unmöglich war, in die Kenntnis und 
das Verständnis dieser Paragraphenflut auch nur notdürftig einzudringen, und das 
daher ohne das segensreiche Wirken der Auskunftstelle in noch weit höherem Maße 
als in Friedenszeiten von sich aus allen rechtlichen Fragen gegenüber hilflos da­
gestanden hätte.
        
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