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Periodical volume

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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Dr. Kiekebusch, gelang es, den seltenen Fund zu bergen, und ihn als Reitergrab eines 
germanischen Heerführers aus der Zeit des Ausgangs der Völkerwanderung zu bestimmen.
Die Grabstätte befand sich in schneeweißem Sande, "2‘/s m unter der Oberfläche 
des einstigen W indmühlenberges, in der Biegung der Selke- in die Jonasstraße, in 
der Richtung von Osten nach Westen und ergab sich als eine Doppelgruft: 2 47 m 
lang und 1.20 m breit, ln der südlich gelegenen Gruft befand sich ein M enschen­
leichnam. Das Skelett des Bestatteten lag genau auf dem Rücken. Es war ohne 
irgend eine Steinsetzung in Sand gebettet. Auch waren keine Reste von einer Be­
stattungshülle von Holz oder anderem Material zu entdecken. Ueber den Knochen 
wurde eine dünne fettig-erdige Masse bemerkt, die von der Verwesung der Weich­
teile, der Kleidung usw. herrühren dürfte. Die Knochen waren äußerst mürbe. Beim 
Aufheben der Wirbelknochen blieben vollständig aufgelöste Teile am Boden haften. 
Von Zehengliedern und Mittelfußknochen war nichts m ehr zu finden, von Fußwurzel­
knochen nur einer. Es fehlen auch die Handknochen und die oberen Wirbel, die 
wohl bei den Ausschachtungsarbeiten verloren gegangen sind Der rechte Arm war 
an den Körper gelegt. Der linke Unterarm dagegen lag über dem Hüftknochen. 
Quer über dem Skelett lag ein Schwert, das der Tote im linken Arm gehalten haben muß.
D as S c h w e r t  ist beinahe vollständig erhalten, nur der unterste Teil der Klinge 
fehlt. Diese ist jetzt noch 0.64 m lang. Das Schwert ist breit und zweischneidig. 
In der Mitte, wo die schützende Scheide fehlt, läßt sich sogar erkennen, wie das 
Eisen geschmiedet, gehämmert ist, da jeder einzelne Schlag des Hammers deutliche 
Spuren hinterlassen hat. Die weicheren Teile sind vom Roste zerstört. Der Griff 
besteht aus der nicht allzu breiten Griffangel, die von Holz umgeben und dann mit 
Leder überzogen war. Der Bronzeknauf ist unten rechteckig. Die vier Seitenflächen 
stellen Paralleltrapeze dar, die mit ihren kleineren Grundlinien nach Art eines Walm­
daches sich allseitig nach innen neigen und oben zu einem kleineren Rechteck auf­
einanderstoßen. Die Griffangel geht durch den Knauf hindurch und ist auf dem 
oberen Rechteck umgenietet. Verzierungen auf dem Knaufe waren nicht zu entdecken.
D ie  S c h e id e ,  in der die Schwertklinge steckt, besteht aus Holz, überzogen von 
Leder, von dem winzige Spuren zu entdecken waren. Die Scheide ist 6 cm breit. 
M etallbeschläge haben sich nicht mehr feststellen lassen.
Vom  G ü r te l  waren nur winzige filzige Lederteile zu entdecken. Er hat einen 
rötlichen Streifen hinterlassen, besonders oberhalb der linken Hüfte konnte man aus 
der verfilzten Masse auf einen Ledergürtel schließen. Zwei Bronzenägel des Gürtels 
sind gut erhalten. Nur die um genieteten Spitzen der Nägel sind abgebrochen. Der 
Gürtel muß seiner ganzen Länge nach mit Nägeln besetzt gewesen sein.
D as T o n g e fä ß , das auf der linken Seite des Skelettes stand, ist fast vollständig 
erhalten, nur von einem großen Teile des Randes sind Stücke ausgebrochen. Es 
besteht aus einem gutgeschlammten Ton. Die Oberfläche ist tiefschwarz und erinnert 
an die Mäandergefäße. Die Form scheint für die spätere Völkerwanderungszeit typisch 
zu sein. Das Gefäß ist nicht auf der Drehscheibe gearbeitet und unverziert, Höhe 
8 cm, oberer Durchmesser 10 cm, Bodendurchmesser 6 cm.
Mit dem Reiter hat man auch sein Roß bestattet.
D as P f e r d e s k e le t t  befand sich in der nördlichen Gruft. Es war ebenfalls mit 
dem Kopfe nach Westen bestattet. Durch das Abgraben des Berges von Osten nach 
Westen sind die hinteren Gliedmaßen des Pferdes verloren gegangen. Aus dem 
Befunde läßt sich schließen, daß das Roß, nachdem man es getötet, an der Nordseite 
des Grabes neben dem Reiter versenkt worden ist. Es brach selbstverständlich in 
sich zusammen. Das Roß war ein Hengst von nur mittlerer Größe (etwa 1.40 m 
W iderristhöhe), d. h. von der Größe der polnisch-galizischen Pferde, wahrscheinlich 
mit diesen Resten einer ehemals in Europa weit verbreiteten Rassengruppe verwandt.
B e d e u t u n g  d e s  F u n d e s .  Wie oben schon gesagt, gehört der Fund der späten 
Völkerwanderungszeit, etwa dem 6. Jahrhundert an und beweist, daß zu jener Zeit, 
da die W enden unsere Gegend schon inne hatten, noch germanische Heerscharen das 
Land durchzogen. Der Reiter muß ein Heerführer gewesen sein, sonst hätte man 
ihm nicht das sonst so seltene Pferd beigegeben. Der Fund scheint die sagenhafte
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