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Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1914/1918

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leistet werden. Welchen Umfang diese Ueberstunden angenommen haben, ist daraus 
ersichtlich, daß einzelne Arbeiter für die gemachten Ueberstunden mehr als die Hälfte 
ihres Normallohnes im Jahre verdient haben.
Besondere Vergünstigungen wurden für Kriegsteilnehmer bei Dienstunfähigkeit 
oder für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen oder infolge der Kriegs­
verwundung oder Kriegsdienstbeschädigung Gestorbenen gewährt.
Vom 1. Januar 1918 ab ist den Arbeitern sowie deren Hinterbliebenen, die ein 
Ruhegeld, Witwen- und Waisengeld oder eine widerrufliche Unterstützung bezogen, 
eine Kriegsbeihilfe von 30 Proz. der bisher gezahlten Beträge, jedoch nicht über 
250 M. jährlich und für jedes unversorgte Kind 10 Proz. dieses Betrages bewilligt 
worden. Mit Wirkung vom 1. April 1918 konnte nach Lage des Einzelfalles die Kriegs­
beihilfe bis auf 50 Proz. erhöht werden.
Im November und Dezember 1918 erhielten Ruhegeldempfänger je eine einmalige 
Kriegsteuerungszulage von 150 M. und außerdem für jedes Kind eine solche von 50 M. 
Für die im Ruhestand befindlichen Arbeiter sowie deren Hinterbliebene, welche wider­
rufliche Unterstützungen oder Witwen- und Waisengeld bezogen, waren die einmaligen 
Teuerungszulagen auf 50 Proz. des Jahressatzes der ihnen gewährten laufenden Kriegs­
beihilfe, mindestens jedoch auf 100 M. und höchstens auf 400 M. bemessen.
Zur gleichen Zeit wurden auch den städtischen Arbeitern und Arbeiterinnen zwei 
einmalige Teuerungszulagen bewilligt; und zwar erhielten verheiratete Personen, soweit 
sie einen eigenen Haushalt führten, jedesmal 400 M., außerdem für jedes unversorgte 
Kind 100 M. Ledige Arbeiter und Arbeiterinnen über 18 Jahre bekamen 250 M., 
unter 18 Jahren 125 M. Diese Sätze wurden gezahlt, wenn die Beschäftigten am 
Stichtage der Teuerungszulagen — 1. November und 19. Dezember 1918 — ein volles 
Jahr im Dienste der Stadt waren. An diejenigen Arbeiter und Arbeiterinnen, die noch 
nicht ein volles Jahr beschäftigt waren, wurde für jeden vollen Monat ihrer Beschäftigung 
Vis der oben genannten Sätze gezahlt.
Gewaltige Aenderungen in allen die Arbeiterschaft betreffenden Fragen brachte 
die Revolution vom 9. November 1918. Viele bisher vergeblich erstrebte Forderungen 
wurden jetzt erreicht. Schon lange vorher war der Achtstunden-Arbeitstag Gegenstand 
langwieriger Verhandlungen gewesen; die städtischen Körperschaften hatten sich bisher 
stets ablehnend verhalten, da sie die bedeutenden hierdurch entstehenden Mehrkosten 
nicht verantworten zu können glaubten Die Verordnungen des Reichsamtes für die 
wirtschaftliche Demobilmachung vom 23. November und 17. Dezember 1918 setzten 
die regelmäßige tägliche Arbeitszeit in allen gewerblichen Betrieben einschließlich des 
Bergbaues sowie in den Betrieben des Reiches, des Staates, der Gemeinden und Ge­
meindeverbände auf 8 Stunden fest. Für bestimmte Betriebe, deren Natur eine Unter­
brechung nicht gestattet, wurde eine abweichende Regelung zugelassen. In Neukölln 
wurde nunmehr auch in allen Betrieben so schnell und soweit es durchführbar war, 
die achtstündige Arbeitszeit eingeführt.
Die Rückkehr der städtischen Arbeiter aus dem Heeresdienst bedingte die Ent­
lassung vieler Kriegsaushilfsarbeiter; namentlich Frauen, deren Männer aus dem Felde 
zurückkehrten und Arbeit fanden, mußten entlassen werden, weil dadurch der ge­
waltigen Arbeitslosigkeit wenigstens etwas abgeholfen werden konnte. Infolge des 
Mehrbedarfs an Arbeitskräften durch Einführung des Achtstundentages konnten auch 
von Aushilfsarbeitern viele zunächst gehalten werden. Die Zahl der Arbeiter am 
Schlüsse der Berichtszeit betrug etwa 2300.
Weitere bedeutsame Bestimmungen enthielt die Verordnung vom 23. Dezember 1918. 
Sie regelte die Fragen des Tarifrechtes, traf Bestimmung über Errichtung von Arbeiter­
und Angestellten-Ausschüssen sowie von Schlichtungsausschüssen. Auf Grund dieser 
Bestimmung wurden auch die Arbeiterausschüsse der städtischen Betriebe neu gewählt.
Seit langem waren die Bestrebungen der Arbeiterschaft darauf gerichtet, Tarif­
verträge mit den Arbeitgebern abzuschließen. Nach der Revolution nahmen diese Be­
strebungen greifbare Formen an. Die Groß-Berliner Gemeinden schlossen sich zu-
        
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