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Periodical volume I. Bevölkerungsverhältnisse

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1912/1913

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Abgesehen von der auf den standesamtlichen Sterbfallkarten beruhenden Todes­
ursachenstatistik  wird im Statistischen Amt seit Oktober 1909 noch eine andere, die 
sogen s e k r e t e  T o d e s u r s a c h e n s t a t i s t i k  geführt. Grundlage für diese Auszählungen 
bilden die Totenschein-Anhänge, die vom Arzt ohne N ennung des N am ens des Ver­
s torbenen ausgefüllt und im verschlossenen Briefumschlag "durch Vermittlung des 
Polizeipräsidiums dem Statistischen A m t übersandt werden. Sie enthalten die F rage 
nach der G rundkrankheit und der nächsten Todesursache, ferner die F ragen  danach, 
ob Selbstmord, Unfall oder Verbrechen, ob Alkoholismus, Lues, Geisteskrankheit, 
Abortus oder erbliche Belastung vorlag  bzw. ob ein darauf bezüglicher Verdacht besteht. 
Diese Totenschein-Anhänge sollen der Ermittlung der wirklichen Todesursache in 
allen den Fällen dienen, wo die richtige Diagnose erfahrungsgem äß mit Rücksicht auf 
die A ngehörigen des Verstorbenen oder andere Personen, durch deren Hände der 
Totenschein geht, verschwiegen wird, unter W ahrung  des ärztlichen Berufsgeheimnisses. 
Die Nebenfragen sollen zur Klärung wichtiger bevölkerungs- und medizinalstatistischer 
P roblem e beitragen.
Es sind in den Berichtsjahren 1912 und 1913 eingegangen  2107 bzw. 2010 
Totenschein-Anhänge, d. s. 92.7 bzw. 90 7 v. H. der standesamtlichen Sterbfall karten bzw. 
Totenscheine. W as zunächst die Angaben über Grundkrankheit und Todesursache 
betrifft, so sind diese auf den Anhängen  nicht im m er ganz klar ausgefallen. Das 
liegt nicht etwa an dem guten Willen der Aerzteschaft, die fast durchw eg mit dankens­
wertem Eifer die Ausfüllung besorgte, sondern an den großstädtischen Verhältnissen. 
A bgesehen  von den ganz plötzlichen Todesfällen, bei denen der Arzt einem Sterbenden 
oder Toten gegenübertritt, wird in einer ganzen Reihe von Fällen ärztliche Hilfe erst im 
letzten Stadium der Krankheit in Anspruch genom m en. Und da ist es dann für den 
Arzt oft schwer, Krankheit und Todesursache festzustellen. So w ar  in den Jahren 
1912 bzw. 1913 nicht w eniger als 67 bzw. 44 mal eine genaue  Angabe der Krankheit 
bzw. Todesursache nicht möglich, in zahlreichen Fällen waren E intragungen mit dem 
V erm erk , angeb lich ' oder „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ usw. versehen. Immerhin 
zeigen die Auszählungsergebnisse aus den A nhängen, daß eine Reihe von Todes­
ursachen  stärker  vertreten ist als nach der Statistik der standesamtlichen Sterbfall­
karten. Alkoholismus w ar z. B. als alleinige Todesursache auf den Sterbfallkarten 
1 bzw. 2 mal, auf den A nhängen  dagegen  2 bzw. 4 mal angegeben, Lues w ar  1912 
bei den Sterbfallkarten 4 mal, bei den Anhängen 14 mal, 1913 bei den Sterbfallkarten 
8 mal, bei den Anhängen  19 mal angegeben. Das Vorliegen von Alkoholismus bei 
anderer  Todesursache  w urde 30 bzw. 12 mal festgestellt Erbliche Belastung wurde 
66 bezw. 49 mal vermerkt, darunter 50 bzw. 29 mal an Tuberkulose. 19 bzw. 17 mal 
an Lues. Die Frage , ob während  der letzten W ochen vor dem Tode eine Operation 
sta ttgefunden hat, ist 69 bzw. 76 mal bejaht worden. Anlaß zur Operation gaben 
in den meisten Fällen (je 24 mal) Krankheiten der V erdauungsorgane; häufig waren 
auch Operationen bei Äbscessen, Frauenkrankheiten und Krebs.
Durch Selbstmord setzten 51 (1912) bezw. 52 (1913) Personen ihrem Leben 
gew altsam  ein Ende, darunter (1912) 11 und (1913) 16 Frauen. Eine weibliche Selbst­
mörderin  des Jah res  1913 w ar noch nicht 16 Jah re  alt, 1 männlicher und 3 weibliche 
Selbstm örder des Jah re s  1912 sowie 1 männlicher und 1 weiblicher Selbstmörder des 
Jah res  1913 standen im Alter von 16 bis 20 Jahren. Im Alter von über 70 Jahren  
nahm en  sich im Jah re  1912 3 Frauen und im Jahre  1913 je ein Mann und eine Frau 
das Leben W as die Art der Selbstentleibung anbelangt, so sind bei den Männern 
E rhängen , Erschießen und Vergiften am häufigsten, w ährend bei den Frauen neben 
dem Strick noch das Gift eine Rolle spielt. Erschossen hatte sich nu r  im Jahre  
1912 eine Frau Die sonst wohl bei Selbstmördern sehr beliebte Todesart des Ertränkens 
kom m t in Neukölln verhältn ism äßig  selten vor, weil es dazu an Gelegenheit fehlt, wie 
sie besonders abgelegene Stellen am W asser  bieten D em gegenüber wird mitunter 
das Herabstürzen aus der Höhe (Fenster) gewählt, so im Jahre  1912 von 2 Männern 
und 1 Frau, 1913 von 4 M ännern und 1 Frau.
Ueber die B ew eggründe zum Selbstmord lassen sich im allgemeinen e inw and­
freie Angaben  nicht gewinnen, da die Selbstmörder selbst nur in seltenen Fällen
        
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