Path:
Periodical volume X. Soziale Fürsorge, Wohlfahrtspflege

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1912/1913

—  228  —
3. G u t a c h t e n  und A n t r ä g e .
1. Im ersten Berichtsjahre wurde dem Reichsamt des Innern folgender A ntrag  
unterbre ite t:
Der A usschuß fü r G utachten und A nträge des K aufm annsgerich ts zu N eu­
kölln hat sich e instim m ig  für die E inführung der gänzlichen S o n n tag sru h e  im H an d e ls­
gew erbe ausgesprochen  und bean trag t ergebenst, die reichsgesetzliche R egelung  der 
S onn tagsruhe  im H andelsgew erbe in folgendem  Sinne v o rzu b e re iten :
An Sonntagen  dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter nicht beschäftigt 
werden.
Zur B egründung  des Antrages  wird geltend gem acht, daß von verschiedenen Seiten 
beabsichtigt wird, die vorerw ähnte  Einführung der gänzlichen S on n tag sru h e  mit 
folgenden A usnahm en zu b e a n t r a g e n :
ln offenen V erkaufsstellen dürfen S onn tags nur B ackw aren, M ilch, Fleisch, 
frische Blum en und Eis verkauft w erden, und zw ar n u r w ährend  zw eier au f­
einanderfo lgender V orm ittagsstunden .
Diesen A usnahm en ganz  besonders  glaubt der Ausschuß en tgegentre ten  zu m üssen.
Ein g ro ß er Teil der G eschäftsinhaber führt schon heute neben Milch, B ack­
w aren usw. auch Artikel, die nicht in den R ahm en der A usnahm en gehören . D adurch 
w ürde diesen G eschäftsleuten  G elegenheit g egeben  w erden, auch andere  n ich t zu den 
erw ähnten  A usnahm en gehörige  Sachen zu verkaufen. H ierdurch w ürden  dann die 
Inhaber der Spezialgeschäfte geschädigt.
2. Auf ein E rsuchen des R eg ierungspräsiden ten  zu Potsdam  um  eine g u t­
achtliche A eußerung  über einen G esetzentw urf betreffend die R egelung  der S o n n tag s­
ruhe im H andelsgew erbe w urde fo lgendes G utachten ab g eg eb en :
Der A usschuß für G utachten und A nträge des K aufm annsgerich ts zu N eu­
kölln hat sich in seiner letzten S itzung  m it dem Entw urf eines G esetzes 
betreffend S onn tagsruhe  im H andelsgew erbe beschäftigt und ist zu fo lgenden 
Beschlüssen gelang t:
G rundsätzlich vertritt der A usschuß die Ansicht, daß die E in füh rung  einer 
vollkom m enen S o n n tag sru h e  abgesehen  von den in den §§ 5 und 14 des 
Entw urfs vorgesehenen  B eschränkungen  am besten  den W ünschen  der Kauf­
leute und der H andlungsgehilfen  R echnung trag en  w ürde. Sollte indessen  
die E inführung  der vollkom m enen S o n n tag sru h e  in dem angegebenen  U m ­
fange nicht zum  Gesetz erhoben w erden können, so g lau b t der A usschuß, 
daß dann  w enigstens in dem  G esetzentw urf grundsätzlich  die S o n n tag sru h e  
unter den erw ähnten  B eschränkungen  mit der M aßgabe zum  Gesetz erhoben 
w erden  soll, daß die G em einde oder ein w eiterer K om m unalverband  durch 
sta tu tarische B estim m ung für alle oder einzelne G ew erbszw eige S onn tagsarbeit 
bis zur D auer von höchstens vier S tunden zu lassen kann.
Im einzelnen macht der Ausschuß folgende Vorschläge:
D er § 4 des Entw urfs ist zu streichen, weil e r zu U nzuträglichkeiten  
zw ischen den jüdischen und christlichen H andlungsgehilfen  führen  kann. 
D adurch, daß A ngestellte jüdischen G laubens an Sonn- und F esttagen  bis 
zur D auer von fünf S tunden  beschäftigt w erden  können, kann  unter U m stän­
den auf die A ngestellten christlichen G laubens ein D ruck ausgeüb t w erden, 
gleichfalls w ährend  dieser Zeit zu arbeiten
Im § 14 h in ter „G enußm itteln“ sind die W orte e inzufügen: „Mit A usnahm e
von T a b a k “ .
Im B erichtsjahre 1913/14 sind G utachten nicht erfordert und A nträge nicht 
geste llt w orden. E s w urden aber gem einschaftlich m it dem G ew erbegericht zwei 
P lenarversam m lungen  abgehalten . (Vgl. Seite 225 oben).
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.