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Periodical volume IV. Erziehunge- und Bildungswesen

Full text: Verwaltungsbericht der Stadt Neukölln Issue 1910/1911

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mittelbar nach dem Verlassen der Anstalt und ohne besondere Vorbereitung die Ein- 
jährigen-Priifung abzulegen. Hierdurch ist die Knaben-Mittelschule den Berechtigungen 
einer Realschule nahe gerückt.
Bei Beurteilung der Frage, inwieweit eine solche Knaben-Mittelschule den in 
Neukölln obwaltenden besonderen Bedürfnissen entspricht, war die soziale Struktur 
der Bevölkerung von ausschlaggebender Bedeutung. Bei der beruflichen Gliederung 
der Neuköllner Einwohnerschaft tritt nämlich die gewerbliche und handwerksmäßige 
Betätigung derart hervor, daß Neukölln als ein besonders günstiger Boden gerade für 
das Mittelschulwesen angesehen werden muß. Auch die Entwickelung, die die 
städtische Mädchen-Mittelschule genommen hat, beweist, daß der Wunsch, den 
Mädchen eine über das Ziel der Volksschule hinausgehende gründliche Vorbildung 
für das gewerbliche Leben zu geben, in der Bürgerschaft stark hervortritt. Die ge­
steigerten Ansprüche, die in Bezug auf schulmäßiges Wissen und Können gestellt 
werden, treten indessen noch besonders hervor bei der Ausbildung der Knaben. 
Diesen Ansprüchen zu genügen, ist die Volksschule nach ihrer heutigen Gestaltung 
trotz aller ihr zugedachten Verbesserungen nicht in der Lage. Die Volksschule muß 
sich damit begnügen, der großen Masse der Bevölkerung die für jedermann not­
wendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln.
Abzuweisen ist jedenfalls die bei G ründung von Mittelschulen des öfteren vor­
gebrachte Befürchtung, daß die Volksschule dadurch nicht nur an Schülerzahl, sondern 
auch an Interesse bei der Bürgerschaft und ihrer Vertretung für die weitere Ausgestaltung 
einbüßen werde. Die Volksschule wird stets die Zentralstelle der Volksbildung bleiben, 
in welcher die überwiegende M ehrheit der Bevölkerung ihre Ausbildung für die werk­
tätigen Berufe erhalten muß und bedarf deshalb gerade in unserer Stadt besonders 
eifriger Pflege und Förderung. Die Erfahrung lehrt außerdem, daß gerade in Städten 
mit gut organisierten Mittelschulen, z. B. Frankfurt, Stettin, Wiesbaden, sich auch die 
Volksschulen einer besonders guten inneren und äußeren Ausbildung erfreuen.
Da es in Neukölln an einer mittleren Schulgattung, welche den gesteigerten 
Anforderungen des praktischen Lebens zu genügen vermag, fehlt, wird alljährlich eine 
große Zahl von Kindern strebsamer, aber unbem ittelter Eltern den höheren Schulen 
zugeführt. In allen Anstalten ist dabei der Anteil der minderbemittelten Kinder in der 
Unterstufe weitaus am größten und nimmt nach der Oberstufe zu progressiv ab. 
Daraus ergibt sich, daß es den Eltern dieser Kinder vielfach schon infolge ihrer 
wechselnden Erwerbsverhältnisse nicht möglich ist, falls ihnen nicht ganze oder halbe 
Freistellen gew ährt werden, ihre löbliche Absicht, den Kindern eine abgeschlossene 
höhere Schulbildung zu geben, durchzuführen. Im Zusam m enhang damit steht die 
unverhältnism äßig hohe Zahl der Fälle, in denen das Schulgeld für den Besuch 
höherer Knabenschulen hier zwangsweise eingezogen werden muß. W ichtiger 
aber ist, daß eine größere Anzahl von Schülern auch von Hause aus nicht die 
nötigen Fähigkeiten mitbringt, und bald zurückbleibt. Daraus erklärt sich, daß 
die Vorschule und die Unterstufen der höheren Lehranstalten für Knaben regelmäßig 
an Ueberfüllung leiden bzw. geteilt werden müssen, während die Schülerzahl in den 
mittleren und oberen Klassen ganz erheblich abnimmt und vielfach bedeutend hinter 
der Maximalziffer zurückbleibt. Durch diesen ungleichmäßigen Aufbau verteuert sich 
der Betrieb höherer Lehranstalten in unserer Stadt ganz bedeutend. Aber auch ein 
großer Teil der Schüler selbst leidet unter diesen Verhältnissen und dem unverständigen 
A ndrang zu höheren Schulen überhaupt. Allein aus den Klassen Quarta bis Tertia 
haben an den drei höheren Lehranstalten, von denen die Realschule eine normal 
besetzte Quarta erst seit Oktober 1910 besitzt, in den letzten 3 Jahren 242 Schüler 
die Anstalt verlassen, von denen nur ein kleinerer Teil auf andere höhere Lehr­
anstalten übergegangen ist. Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, daß diese 
beträchtliche Zahl von Knaben, welche bei dem Streben nach höherer Schulbildung 
aus inneren oder äußeren Gründen Schiffbruch leiden, nicht nur ihren Eltern un­
verhältnism äßig hohe und nutzlos aufgewendete Kosten verursachen, sondern auch, 
was weit schlimmer ist, infolge ihrer unabgeschlossenen und lückenhaften Vorbildung 
selten für das praktische Leben brauchbar werden. Auch die Anzahl derjenigen
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