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Periodical volume 31. März 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Warum nicht? Schade!) Ich lehne Namensnennungen 
ab, denn ich wünsch«, daß Namen erst dann genannt 
werden, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist. Eine 
Namensnennung würde ein An-den-Pranger-stellen 
bedeuten (Zuruf: Verdienen sie!), und solange die 
Schuld dieser Herren nicht unbedingt erwiesen ist, kann 
ich hier Namen nicht nennen. Ich stelle anheim, das 
später zu tun, wenn die Schuld einwandfrei von den 
dazu bestimmten Stellen nachgewiesen ist. Solange das 
nicht geschehen ist, erachte ich mich nicht für verpflichtet, 
hier Namen zu nennen, nicht einmal für berechtigt.
Besonders merkwürdige Zustände sollen im 
Krankenhaus Buckow geherrscht haben! (Sehr gut!) Da 
haben Ärzte gewagt, sich in einer so ungehörigen Weise 
augenblicklich auf die Seite des neuen M ilitärs zu 
stellen, daß sie alle übrigen Anwesenden, die auch 
städtische Beamte sind, aufs tiefste verletzten. Es sollen 
sogar Ratschläge an die neuen Gewalthaber gegeben 
worden sein, wichtige Persönlichkeiten der Stadt Neu­
kölln dem sofortigen Tode durch Standrecht zu über­
liefern. (Rufe: Unerhört! Zuruf: Bürgermeister Scholz 
als erster!) Es ist das kein großes Wunder, daß das 
in dem Krankenhause zu Buckow geschehen ist, denn die 
Herren haben es für zulässig und für eine mögliche 
Lebensart erachtet, sich am Festtage des früheren 
Kaisers in Uniform in Räumen einzufinden, die für 
alle Staatsbürger zur Verfügung stehen, und sie haben 
kein Bedenken getragen, olle übrigen zu verletzen. Dann 
muß aber auch gesagt werden, daß besonders die 
Stätten, wo all diese Herren ihre Bildung genießen, 
in dieser Zeit einen Geist verraten haben, den w ir auf 
die Dauer nicht dulden können. (Sehr richtig!) Von 
diesen Stätten nenne ich besonders das Realgymnasium 
in der Kaiser-Friedrich-Straße. (Zuruf: Andere auch!) 
Zunächst nur dieses! Dort haben die Schüler nach der 
Aussage des stellvertretenden Anstaltsleiters teils mir, 
teils ohne Erlaubnis des Direktors ohne weiteres den 
Unterricht verlassen. Nach der einen Darstellung soll 
der Direktor in  einer Prüfung begriffen gewesen sein 
und sich nicht um die Schüler haben kümmern können. 
Aus der Abwesenheit des Direktors haben die jungen 
Leute nach Darstellung des Vertreters des Direktors 
ohne weiteres in zuchtlosester A rt die Erlaubnis für sich 
hergeleitet, die Anstalt zu verlassen und sich der tech­
nischen Nothilfe zur Verfügung zu stellen. Dadurch 
sind einzelne zu Schaden gekommen, und es ist die 
Frage, wer es verteidigen kann, daß sich so junge 
Menschen, die vom Leben doch noch keine Ahnung 
haben und nicht über die geringste Erfahrung ver­
fügen, in solcher Weise gefährden. Schon lange vor 
dem Putsch hat das Verhalten mancher der Herren 
vom Kaiser-Friedrich-Realgymnasium sehr viel zu 
wünschen übrig gelassen. Da ist ein Herr gewesen, der 
es gewagt hat, trotz des Erlasses, daß die Politik nichts 
in der Schule zu suchen hat, Schriften politischen I n ­
halts an einen Schüler, und zwar diesmal an einen 
demokratischen, zu geben: „Wer ist schuld am Welt­
kriege?" und ein anderes Buch: „Die Schuld der
Juden am Kriege". (Zuruf: Namen nennen!) Das 
war ein jüdischer Schüler. So wagt man in einer hohen 
Schule Schüler zu beleidigen, die unter der Gewähr in 
die Schule eintreten, daß die Politik dort keine Rolle 
zu spielen hat. Ich begreife nicht, wie das trotz des 
Erlasses möglich ist. Es ist nur möglich, wenn sich der 
betreffende Herr über den Ministerialerlaß als über 
etwas für ihn nicht Verbindliches ohne weiteres hinweg­
zusetzen wagt. Den Geist der Schule aber kennzeichnet 
ein Vorkommnis, auf das ich näher eingehen muß. Es 
erhellt blitzartig die ganzen Gründe, aus denen solche 
Dinge hervorgehen, die ganze Luft, die dort herrschen 
mutz, und die es erklärlich werden läßt, daß dann 
solche Ärzte, solche Beamten daraus hervorgehen. Es
ist das ein Schriftsatz, erschienen in der „Deutschnatio­
nalen Jugend", von einem Primaner des Kaiser- 
Friedrich-Realgymnasiums. Ich habe den Schriftsatz 
seinerzeit gelesen. Er ist von Anfang bis zu Ende eine 
ganz ungehörige, naseweise Herabwürdigung der Neu­
köllner Stadtverordneten-Versammlung. Ich habe ge­
glaubt, daß einem so naseweisen Gebühren gegenüber 
erzieherische Maßnahmen notwendig sind, denn schließ­
lich hat man die Pflicht, einen jungen Menschen, der 
nicht zu leben weiß, fürs Leben zu erziehen. (Zuruf 
Treffert: Politisch zu erziehen!) Herr Treffers mit 
seinem Zwischenruf kann, um sich seinen Irrtum  von 
anderer Seite beweisen zu lassen, den Direktor selbst 
sprechen, der wird ihm mitteilen, daß ich ihm gesagt 
habe, es handele sich nicht um eine politische Beein­
flussung des jungen Mannes, sondern darum, ihm klar­
zumachen, wie er sich als junger Mensch einer Stadt- 
behörde gegenüber zu verhalten habe. Ich w ill noch 
sagen, daß das Vorkommnis merkwürdig beleuchtet 
wird, wenn ich an die frühere Zeit denke, die gewissen 
Parteien der Gegenwart so überaus teuer ist. Da ist 
folgendes geschehen. Der Neuköllner Lehrerverein 
hatte ein Gesuch an die Stadtverordnetenversammlung 
gerichtet. I n  dieser erhob ein Stadtverordneter Vor­
würfe gegen den Lehrerstand, die nicht stichhaltig 
waren, und stellte sachlich unrichtige Behauptungen 
auf. W ir widerlegten die Behauptungen in einem 
durchaus sachlich gehaltenen Schriftsatz. Darüber be­
schwerte sich der Herr Stadtverordnete bei der Pots­
damer Regierung, und die trat nicht ein in eine sach­
liche Prüfung, sondern sie verurteilte den Neuköllner 
Lehrerverband zu einer Ordnungsstrafe von 100 M. 
Das war die Freiheit der früheren Zeit. W ir be­
schwerten uns dann beim Minister, doch der Herr M i­
nister bestätigte diese Strafe. Das war früher, in der 
Zeit, die von manchen so sehnlich zurückgewünscht wird 
als die Zeit der goldenen Freiheit! (Zuruf: Anschei­
nend auch von Ihnen!) Heute wagt ein junger Mensch, 
in der läppischsten und albernsten Weise über die Ver­
handlungen in einem Stadthause zu schreiben, und 
wenn man sich unter Überreichung des Schriftsatzes an 
den Direktor wendet, nimmt er den Schriftsatz wohl 
entgegen und sagt, man wird der Sache nähertreten 
und dem jungen Mann das Geeignete eröffnen, aber 
nach einiger Zeit w ird der Herr Direktor krank und 
man bekommt vom Vertreter des Direktors als Ant­
wort folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr! I n  Sachen 
des Primaners soundso teile ich Ihnen ergebenst mit, 
daß die gesamte Konferenz es abgelehnt hat, der An­
gelegenheit näher zu treten, da nach einem Erlaß des 
Herrn Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volks­
bildung an die Schüler und Schülerinnen Preußens 
gesagt ist, daß durch die Schulzucht (Schuldisziplin) 
keinerlei Beeinträchtigung staatsbürgerlicher Rechte 
stattfinden soll." (Sehr richtig!) Ich hörte das Wort 
„sehr richtig". Ich glaube, das ist sehr falsch, denn der 
junge Mann hat in diesem Artikel keineswegs staats­
bürget [iche Rechte wahrgenommen, sondern hat — ich 
w ill es am ersten Satz beweisen — die Stadtverord­
netenversammlung verhöhnt. Er schreibt: „W ir hatten 
uns schon immer Sorgen gemacht, wie w ir Reklame 
für unseren Bund machen könnten, aber die Vorsehung 
hat es günstig gelenkt: die Stadtverordnetenversamm­
lung hat für uns Reklame geschlagen und uns dadurch 
eine Unmenge Kosten erspart. Die Stadtverordneten­
versammlung wird uns gütigst gestatten, daß w ir ihr 
dafür unseren Dank ausfprechen!" — Das ist nach 
meinem Gefühl eine Gotteslästerung, so lächerlich, daß 
ich nicht begreife, wie so etwas aus einem Gymnasium 
erfolgen kann. Zwischen dem Neger, der sich einen 
Klotz als Gott zurechtbaut, um Regen durch ihn zu 
erreichen, und einem Primaner, der sich einen Gott
        
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