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Periodical volume 16. Januar 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Z igaretten  handelt, anstatt beizutragen, b a ß  das, w as 
das L a n d  (Zwischenrufe von der Galerie.)
Vorsteher: Ich  bitte die G alerie, sich jeder B ei­
fallskundgebung zu enthalten.
Redner (fortfahrend): W enn draußen auf dem 
Lunde nicht genügend W ohnungen vorhanden sind, 
müssen w ir m it den gegebenen Tatsachen rechnen. D as 
Land ist nicht daraus eingestellt, daß plötzlich Tausende 
h inaus kommen. D ann  müssen auch die A rbeiter einm al 
ein Loch zurückstecken. (Zwischenrufe.) S ie  machen 
anderen Vorwürfe. (Zwischenrufe. Große Unruhe. 
Glocke des Vorstehers.) S agen  S ie  einm al Ih re m  A n­
hang, daß er das Einzelinteresse gegenüber der Ge­
samtheit zurückstellt, w enn es einm al heißt, einmal 
etw as langer zu arbeiten a ls  acht S tunden , und wenn 
cs heißt, sich einm al etw as mehr zu plagen. D as ge­
schieht nicht im Einzelinteresse, sondern im Interesse 
der Gesamtheit. W ir hoben den Krieg verloren. D as 
ist eine Tatsache, dam it müssen w ir rechnen. E s w äre 
ganz etwas anderes, wenn w ir den Krieg gewonnen 
hätten. D as sind Tatsachen. Ich sage nochmals, die 
ganze E rnäh rungsfrage  ist eine. F rag e  der Kohlen­
förderung, sie ist eine F rage  des T ranspo rtes , weil 
nicht genügend W agen gestellt w eiden für den A b­
tran sp o rt der vorhandenen Produkte. Deshalb, glaube 
ich, w äre es ganz gut, wenn S ie  neben dem L am en­
tieren auch einm al Ih re n  Kreisen sagen w ürden, daß 
es viel bester w äre, zu arbeiten, als alle zwei Tage die 
A rbeit niederzulegen und zu protestieren. S ie  wollen 
jetzt wieder die A rbeit niederlegen wegen Liebknecht, 
wegen dem Rätegesetz, dann der S treik im T ranspo rt- 
gewerbe, dann die Unruhen im  Ruhrgebiet —  ja, haben 
S ic  eine Ursache, anderen Leuten einen V orw urf zu 
machen? S obald  S ie  dafür sorgen, daß in  Ih re n  
Kreisen gearbeitet w ird, gestehe ich Ih n e n  das Recht zu, 
auf andere einen S te in  zu werfen, solange S ie  aber 
hinter den Kulissen die Aufwiegler und Hetzer spielen 
(erregte Zwischenrufe), solange haben S ie  g a r  keine 
Ursache, über irgend einen S tan d  den S ta b  zu brechen. 
D as m uß einm al ausgesprochen werden. Die E rnäh- 
rungesrage ist neben der Förderungsfrage und  der 
T ransportfrage auch eine B ildungs- und Erziehungs­
frage, und es w äre viel bester, anstatt in Zukunft mit 
Schlagworten und P hrasen  zu operieren, zu arbeiten. 
(Große Unruhe. Glocke des Vorstehers.) S ie  müssen 
in Ih re n  Versam mlungen den Teilnehmern volksw irt­
schaftliche Begriffe beibringen. W enn alle hier Reden 
halten w ürden, wie H err Radtke, w ürde m an vielleicht 
noch zu einer V erständigungsbasis kommen, solange 
aber noch Reden gehalten werden, wie von H errn  Künst­
ler, F reund, S ievers und dergleichen, solange 
können w ir uns kaum verständigen. B ringen S ie  
Ih re n  Leuten etw as volkswirtschaftliche Begriffe bei, 
erziehen S ie  sie etw as für die Allgemeinheit! Ich  be­
dauere, daß die Zeit so vorgeschritten ist, vielleicht bietet 
sich eine andere G elegenheit. . .  (Große Unruhe.) Ich  
brauche doch die M aßnahm en der R egierung nicht p  
verteidigen und auch der Landwirtschaft kein Loblied 
zu singen, aber w ir müssen auch eingestehen, daß es 
einfach Verhältnisse sind, denen kein Mensch gewachsen 
ist, ob e r  M ehrhcitssozialist, U nabhängiger oder Z en­
trum sm ann  ist. W ir kämpfen n u r  dagegen an, w enn 
w ir einig und geschlossen zusammenstehen, jeder an 
seinem Platz. Deshalb bin ich dafür, daß dieser Schluß­
satz geändert w ird. I n  dem S in n e  könnte ich mich dafür 
aussprechen.
S tad tverordneter Künstler (U .S . P .) : M eine
Damen und Herren! I n  anbetracht der vorgerückten 
Zeit will ich n u r  kurz auf einzelne A usführungen  unseres 
Kollegen Bartsch zurückkommen. Kollege Bartsch sagte 
u. a„ die Regierung kann nicht in allem  verantwortlich 
gemacht werden, in  der Hauptsache ist die kapitalistische
Gesellschaft, die noch nie so kompromittiert gewesen 
w äre, als gegenwärtig, d aran  schuld. Jaw ohl, das ist 
auch unser S tandpunk t, und mit V ertretern  dieser 
kompromittierten kapitalistischen Gesellschaft setzen sich 
V ertreter I h re r  P a r te i zusammen und machen Reichs­
politik. S o m it ist I h re  P a r te i mitschuldig an den trau ­
rigen Verhältnissen, welche zurzeit bestehen. (Zuruf: 
Ohne die Uneinigkeit der A rbeiter!) Da habt I h r  
Schuld daran ! (Heiterkeit.) I m  B unde mit kompro­
m ittierten V ertretern des kapitalistischen System s schafft 
m an von S eiten  der R egierung ein Präm iensystem , 
welches an sich ein Freibrief für B etrug  und Schleich­
handel ist. Leider ist die Zeit schon zu weit vorgeschritten, 
um  genau und tiefer die Dinge hier m al zu r Sprache 
zu bringen. W enn m an sagt, die Reichspolitik ist nicht 
allein schuld daran , so habe ich schon einm al darau f hin­
gewiesen, H err Bartsch, daß das Präm iensystem , wel- 
i ches un ter Zustim m ung aller Reichsregierungsmitglie- 
der geschaffen worden ist, die kompromittierte kapita­
listische Gesellschaft noch mehr kompromittert und einen 
B etrug  an dem gesamten deutschen Volke darstellt. 
W ie das Präm iensystem  wirkt, hat mein P arte ifreund  
Radtke in  knappen, aber scharfen Strichen gezeichnet.
N un  w ird gesagt von H errn Tressert: J a ,  sagen 
S ie  u n s ein M ittel, wie m an restlos die agrarische 
P roduktion ergreifen kann, dam it die N ahrungsm ittel 
gerecht zu r V erteilung kommen! Um die Lebensm ittel 
zu erfassen, könnte ich Ih n e n  ein wirksames M ittel 
empfehlen: W ir stehen auf dem S tandpunkt, ein M ittel 
und ein kostbares Werkzeug, um restlos alle Lebens­
rnittel zu erfassen, sind die L andarbeiterräte. (Heiter­
keit.) W enn die L andarbeiterräte von Reichs wegen 
das Recht hätten, all die Produkte, die im  Laufe der 
Zeit geerntet werden, festzustellen, meine D am en und 
Herren, dann  w äre  der F a ll gegeben, daß nicht ohne 
weiteres, ohne V eran tw ortung  die Besitzer ihrerseits 
die N ahrungsm ittel zurückhalten könnten, sondern die 
L andarbeiterräte w ürden dafür sorgen, daß alle N ah ­
rungsm ittel erfaß t und abgeliefert werden. (Z uruf 
Tressert: Wie denn. H err K ünstler?) M ein H err! Ich 
kann Ih n e n  in dieser kurzen Zeit das Rätesystem und 
! seine segensreiche A rbeit nicht klarlegen, aber w enn S ie  
sich dafür interessieren und lernen wollen, so empfehle 
ich Ih n e n  die R äte lite ra tu r, die seit einigen Ja h re n  
zahlreich erschienen ist un d  alle F rag en  nach dieser und 
jener S ette  beleuchtet hat.
H err Tressert hob hervor, H err W urm  w ar auch 
einm al M itglied der Reichsregierung a ls  Reichs­
ernährungsm inister, und setzte hinzu, H err W urm  
konnte e s  auch nicht bester machen. D as ist aber doch 
zu oberflächlich gesprochen. W arum  ist W urm  ge­
gangen? W arum  sind unsere F reunde a u s  der Regie­
rung  ausgeschieden? W eil sie nicht diese verbrecherische 
Reichspolitik mitmachen konnten. Jene  Politik ist der 
Boden fü r  die heutigen trau rigen  Verhältnisse. (Zuruf: 
T ra u rig  genug, daß S ie  ausgetreten  sind!) H ätten die 
Rechtssozialisten eine grundsätzliche sozialistische Politik 
getrieben, dann w äre  auch ein M itarbeiten zwischen 
Unabhängigen und Rechtssozialisten gegeben. Weil 
m an das nicht konnte und vor allen Dingen nicht 
wollte, deshalb m ußten au s  Reinlichkeitsgefühl unsere 
i F reunde austreten. (Z u ru f: W eil m an  nichts veran t­
w orten wollte!) Nicht allein die Machenschaften, die 
Betrügereien der einzelnen A grarier sind schuld, son­
dern vor allem die Unfähigkeit der gegenwärtigen 
Reichsregierung, die, anstatt sich m it wichtigen F rag en  
zu beschäftigen, m it der E rn ä h ru n g  des deutschen 
Volkes, danach trachtet, die Arbeiterklasse in jeder Hin­
sicht niederzuhalten.
H err Tressert fordert, die Grenzen sollten m ehr 
überwacht werden. S ie  könnten überwacht werden, 
wenn m an die Sicherheitswehr, statt um die A rbeiter
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