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Periodical volume 17. September 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

keine V eran lassung  haben  w ü rden ,  die w eite ren  Kredite 
nicht zu bewilligen im Intereesse der Allgemeinheit.  
A ber  m ir  haben  u n s  erst e inm al die F ra g e  vorzulegen: 
L iegt es  auch wirklich im Interesse der Allgemeinheit, 
haben w ir  auch die innere  Ü berzeugung gew innen  
können, daß  die G e w ä h ru n g  w eite re r  Kredite wirklich 
im Interesse der Allgemeinheit lieg t?  Und da m u ß  ich 
wiederholt erklären, daß  w ir  diese Auffassung b is  jetzt 
nicht haben, daß w ir  sie vor allen D ingen  deshalb nicht 
haben, weil m a n  u n s  b isher die U n ter lagen  d a fü r  v o r ­
en thal ten  hat. W e n n  gesagt w orden  ist, d a ß  es seine 
Schwierigkeiten gehabt hätte, eine B i lan z  von der G ro ß -  
handelsgesellschast schon jetzt vorzulegen, ja, meine D a ­
m en u n d  H erren , jede andere  Privatgesellschaft ist gesetz­
lich verpflichtet, B ilanzen  zu ziehen und sie vorzulegen, 
und  w a r u m  denn nicht die Großhandelsgesellschaft?
Ich  habe es sehr bedauert , daß  H e rr  H e itm an n  den 
Versuch gemacht hat, u n s  a ls  einseitige Jnteressen- 
vertre ter  hinzustellen. Nein , ganz so ist die Sache  nicht. 
(Z u ru f :  Doch, doch!) N ein , d a s  In teresse  der G esam t­
heit, der Allgemeinheit steht auch u n s  wesentlich höher, 
a l s  d a s  In teresse einer einzelnen Schicht, u n d  ich w ürde  
es meinerseits nicht tun , da ß  ich einem I h r e r  F reu n d e  
den V c rrc u r f  machte, daß  S ie  lediglich einseitig 
Arbeiterinteressen vertreten. Ich habe von I h n e n
im m er a n g en o m m en  und  nehme d a s  auch heute an , daß 
auch S i e  sich lediglich von den In teressen  der A ll­
gemeinheit leiten lassen. Ehe S i e  nicht den G eg en ­
bew eis  zu führen verm ögen, sollten S ie  e tw as  v o r ­
sichtiger mit d era r t igen  V o rw ü r fen  sein. W ir  sind auch 
da, wo es sich u m  berechtigte Arbeiterinteressen h a n ­
delte und w en n  A n trä g e  dazu gestellt w orden  sind, 
für diese eingetreten. D a s  w erden  S i e  u n s  zugestehen 
müssen, daß w i r  fü r  berechtigte F o rd e ru n g e n  stets e in ­
getreten sind und  ihnen unsere Z us t im m un g  gegeben 
haben.
W i r  ha lten  also unsererseits den A n tra g  aufrecht, 
un d  ich bitte S i e  nochmals im Interesse  der A llgem ein­
heit, die Sache heute zu vertagen  und u n s  erst e inm al 
die rechnerischen U nterlagen  zu geben, dam it  w ir  in 
der L age  sind, d a s  nachprüfen zu können. S o ll te  die 
V ersam m lu ng  nicht d a rau f  eingehen, so kann ich e r ­
klären, daß  w ir  nicht in  der L ag e  sind, der V orlage  
unsere Z u s t im m u n g  zu geben.
B ürgerm eis te r  Scholz: Zunächst will ich d a rau f  
an tw o rten ,  w a s  H err  B o rn e m a n n  soeben a u s ­
geführt ha t  bezüglich der In a n sp ru ch n ah m e  der 
Kredite. E s  ist ja schließlich ganz selbstver­
ständlich bei dem W iderstände, den d a s  neue B er l in  
findet, daß  die S tad tv e ro rd n e ten v e rsa m m lu n g  noch 
M itte l  zur V erfü g u n g  stellen m uß, ehe die neue Be- 
z irksoe r jam m lun g  zusam m entre ten  kann, d am it die 
bestehenden In s t i tu te  arbeiten  können. E s  ist doch sehr 
leicht zu verstehen, daß  plötzlich noch M it te l  zur V e r ­
füg un g  gestellt w erden  müssen. I m  übrigen  ist es bei 
den meisten Geschäftsleuten heute so, daß  sie dazu über­
gehen, nach und  nach ihren W aren bes tan d  zu  erhöhen, 
und  dazu müssen sie Kredite in  Anspruch nehmen. 
D a s  ist eine altbekannte Erscheinung in der ganzen 
Geschäftswelt.
I m  übrigen  will ich zu den A u s fü h ru n g e n  des 
H errn  Dr. Bierbach sprechen. Ich  will I h n e n  zunächst 
mitteilen, daß  ein Beschluß des M a g is t r a ts  sowohl wie 
des Aufsichtsrats  vorliegt, daß  der E r lö s  a u s  der B e ­
kleidungsstelle an  die S lad thauptkasfe  abzuführen ist, 
infolgedessen m uß  ein neuer Kredit aufgenom m en  
werden. E s  w ä re  viel einfacher und  bequem er ge­
wesen, den E r lö s  a u s  der Bekleidungsstelle der N e u ­
köllner Eroßhandelsgesellschast zu über t rag en .  D as  
ist a u s  bestimmten G rü n d en  nicht geschehen. I n f o lg e ­
dessen m u ß  die Bekleidungsstclle an  den M ag is t r a t  diese 
S u m m e  abführen, und  die Neuköllner G roß han de ls -
gesellschast m uß, um  weitere  W a r e n  e in lau fen  zu 
können, insbesondere fü r  eine Bestellung a n  Ulster, neue 
Kredite aufnehm en.
B esonders  habe ich mich aber  d a rü b e r  gew undert,  
d aß  S ie  dem Chef der K üchenverwaltung  vorw erfen , 
daß  er nicht alles bei der Neuköllner G ro ß h a n d e ls ­
gesellschaft tauf t .  (Z u ru f  D r. Dierbach- Ich  habe der 
Eroßhandelsgesellschast den V o rw u r f  gemacht und  nicht 
dem Chef der K üchenverw altung!) M a n  konnte h e ra u s ­
hören, daß S ie  sich plötzlich ereifern, daß  in  der 
K üchenverw altung  nicht alles von der Neuköllner 
Eroßhandelsgesellschast gekauft w ird . B ish e r  w a r  cs 
doch im m er I h r e  Auffassung, m a n  solle bei Einkäufen 
nicht n u r  lediglich die städtischen Betriebe  berücksich- 
iigen; jetzt, w o  es e inm al  so gemacht w ird , da ist auch 
wieder der Teufel los. (B ew egung .)  E s  ist doch ganz 
klar, oaß  die Neuköllner Großhandelsgesellfchaft nicht 
sämtliche kaufmännischen Artikel w ird  führen können 
und  nicht in  jedem Artikel so konkurrenzfähig sein w ird  
wie dieser oder jener. M i t  der Z e i t  w ird  auch die N e u ­
köllner Großhandelsgesellschaft dah in te r  kommen und 
sich dem W a re n m a rk t  anpassen, und  in 4 b is  6 Wochen 
w ird  sie auch dazu übergehen, auch diese Artikel p re i s ­
w er te r  zu kaufen.
I m  übrigen  will ich d a ra u f  hinweisen, H e rr  Dr. 
Bierbach ha t  verlang t,  daß  die Geschäfte m odern  a u s ­
gestattet w erden  sollen. Ic h  freue mich darü ber ,  daß  
S ie  den alten  S ta n d p u n k t  aufgegeben hab en  und jetzt 
auch wollen, d aß  die Geschäfte nicht durch alte A u s ­
s ta ttung konkurrenzunfähig w erden. Ic h  freue mich, 
daß  S ie  wünschen, daß  die Geschäfte m odern  a u s ­
gestattet w erden, dam it die B evölkerung  dort gern 
kaust.
S t a d t r a l  Jaeck: Ich  kann zur B e ru h ig u n g  m it­
teilen. daß die Absicht, bei anderen  Geschäftsleuten zu 
kaufen, nicht in E rfü l lu ng  gegangen  ist. Die G r o ß ­
handelsgesellschaft ha t  es  zuerst abgelehnt, sich m i t  der 
Lieferung von Frischgemüsc zu befassen, ab e r  sie liefert 
jetzt d as  Frischgemüse zu demselben P r e i s e  wie andere 
G ro ßh änd le r .  S i e  ha t  diese Artikel auch in  ihr Bereich 
einbezogen. Infolgedessen ist au s  dem Privatgeschäft 
nichts geworden.
S ta d tv e ro rd n e te r  Ouäck (Dt.-dem. P . ) :  Ich  fühle 
mich verpflichtet, die A u s fü h ru n g en  des H errn  
B o r n e m a n n  nach einer Richtung hin zu ergänzen. Z u ­
nächst möchte ich feststellen, daß  ich die Ehrlichkeit und 
die Offenheit des H e rrn  B ürg e rm eis te rs  anerkennen 
m uß, der u n s  wirklich gesagt hat,  w a r u m  der Kredit 
n o tw end ig  ist. W e n n  S i e  aber  die Sach lage  richtig 
betrachten, so liegt sie doch sc, daß  jeder K unde bei der 
Grcßhandelsgefellschaft sofort im v o ra u s  fein G eld  be­
zahlen m uß , so d aß  der Eroßhandelsgesellschast schon 
im V orh ine in  ganz erhebliche M it te l  zu r  V erfüg un g  
stehen. (Z u ru f  B ürg e rm eis te r  Scholz: S i e  m u ß  doch 
auch kaufen!) Außerordentlich überrascht w a r  ich von  
den A u s fü h ru n g e n  des H e rrn  S t a d t r a t  L ange,  und  es 
w a r  ihm bei seinen A u sfü h ru n g en  auch wohl w en ig  
angenehm  zumute. (Heiterkeit.) W e n n  ich noch sein 
freudestrahlendes Gesicht sehe, a ls  er u n s  seinerzeit die 
B ilan z  in  Aussicht stellte, und er heute nicht m a l  eine 
A ufk lä rung  d a rü b e r  geben kann, w a r u m  dieses V e r ­
sprechen nicht eingelöst w erden  kennte, ja, meine H erren , 
d an n  halte ich dieses V erfah ren  nicht für sehr zweck­
m äß ig  und nicht a ls  im In teresse der F in a n z e n  N e u ­
köllns liegend.
Ich  m u ß  mich jetzt zu H e rrn  Kollegen H e itm an n  
w enden. H err  H eitm an  betonte, daß  unsere S e i t e  hier 
eine V e r tre tu ng  der Wirtschastsinteressen einer beson­
deren Schicht darstelle, und  e r  sagte, er sei V ertre te r  
der Allgemeinheit. M e ine  D a m e n  und  H erren! W e n n  
S ie  fü r  die Allgemeinheit e tw a s  schaffen, d a n n  soll die 
A llgem einheit auch Vorteile d a ra u s  ziehen. W e n n  w ir
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