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Periodical volume 6. August 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

legung des Friedhofes und teils bei der Herstellung der 
einzelnen Häuser.
Ln der Vorlage selbst haben w ir eine Kapelle noch 
nicht vorgesehen. W ir haben uns nur auf das Aller- 
notwendigste beschränkt. Ich habe aber bemerkt, daß 
aus der Reihe der Versammlung Wünsche rege ge­
worden sind, und ich glaube, schon im voraus erklären 
zu können, daß der M agistrat nichts dagegen einzu­
wenden hat, wenn mit dem Bau der Kapelle auch be­
gonnen werden könnte. W ir hatten nur Bedenken 
wegen des M aterials, aber w ir sehen die zwingende 
Notwendigkeit ein, daß der B au der Kapelle auch sofort 
vorgenommen werden muß. Die heutigen Mittel be­
ziehen sich nicht auf den B au  der Kapelle. Es würde 
sich darum  handeln, daß S ie  sich im Prinzip mit dem 
B au der Kapelle einverstanden erklären, und daß wir 
später die Kostenanschläge und Vorlagen Ihnen  vor­
legen.
Ich möchte also bitten, daß S ie heute Ih re  Z u­
stimmung geben, daß wir den Kredit von 5 Millionen 
Mark aufnehmen können und mit dem Friedhof sofort 
beginnen^ können. Über die Ausgestaltung der Anlage 
werden später noch Zeichnungen und Skizzen vorgelegt 
werden können. E s handelt sich heute im großen um 
die prinzipielle Frage, daß der Friedhof angelegt wird 
und die M titel bewilligt werden.
Stadtverordneter M Umann (Bürgt. V.): Wir
stimmen der Vorlage zu. Jedoch möchte ich dabei noch 
auf folgendes hinweisen, was schon Herr S tad tra t 
Conrad mit kurzen Worten gestreift hat. I n  der letzten 
Sitzung der Hochbaudeputation wurden P läne und 
Entwürfe für die auszuführenden baulichen Anlagen 
des neuen Friedhofes in Rudow zur Begutachtung vor­
gelegt. Dabei wurde mitgeteilt, daß die Kapelle mit 
der Leichenhalle in der geplanten Ausführung nicht mit 
einbegriffen sein soll, und zwar soll der B au für spätere 
Zeit zurückgestellt werden, wohl mit Rücksicht auf die 
schwierige Beschaffung der Baumaterialien und mit 
Rücksicht auf die hohen Kosten. Die Unterbringung der 
Leichen sollte, wie uns erklärt wurde, vorläufig in den 
Räumen des Verwaltungsgebäudes oder sonstiger B e­
helfsbauten erfolgen. Meine Damen und Herren! Ich 
halte diese Zurückstellung der geplanten Kapelle für 
bedenklich und halte gerade die Ausführung der Ka­
pelle mit der Leichenhalle, die sonst bei jeder Anlage 
eines Friedhofes der erste B au  ist, für äußerst wichtig.
Ich möchte aber noch auf etwas anderes hinweisen. 
Ich erinnere, wenn eine Epidemie, wie im letzten 
Jah re  die Grippe, die in so verheerender Weise in Neu­
kölln ihre Opfer gefordert hat, wieder eintritt, daß dann 
diese notdürftigen Räume für die Unterbringung der 
Leichen bei weitem nicht mehr ausreichen würden, und 
die Kirchhofsverwaltung würde in große Schwierig­
keiten geraten. W ir würden von der vorgesetzten Be­
hörde anderweitig aufgefordert werden, Abhilfe zu 
schaffen. Die Hochbaubeputation hat die Notwendigkeit 
anerkannt und einstimmig beschlossen, der heutigen 
Stadtverordnetenversammlung den B au  der Kapelle 
mit der Leichenhalle gleichzeitig zu empfehlen und mit 
der Ausführung baldmöglichst zu beginnen, denn wir 
schaffen dadurch auch weitere Arbeitsgelegenheit bei der 
jetzt bestehenden Arbeitslosigkeit, ich bitte S ie, der 
Vorlage in diesem Sinne zuzusttmmen.
Stadtverordneter Güttler (S . P . D.-: Namens der 
sozialdemokratischen Fraktion habe ich die Zustim­
mung zu der Vorlage des M agistrats zu erklären. Des 
weiteren schließen wir uns der Anregung des Herrn 
Stadtverordneten Küllmann an, den M agistrat zu er­
suchen, uns recht bald eine Vorlage zu machen, die den 
B au einer Friedhosskapelle auf dem Friedhofe vor­
sieht. E s könnten wohl gewisse Bedenken gegen diesen 
P la n  auftauchen nach der Richtung, daß der B au bei
den heutigen großen Baukosten eine zu starke finanzielle 
Belastung der S tad t darstellen würde, denn es ist an­
zunehmen, daß der B au einer Friedhofskapelle nicht 
unter zwei Millionen M ark Kosten bewirkt werden 
kann. Andererseits steht dem gegenüber, daß, wenn 
diese notwendigen Baulichkeiten nicht errichtet werden, 
die Belegungsziffer beeinträchtigt werden könnte und 
die Rentabilität des ganzen Friedhofes dadurch in 
Frage gestellt würde. Aus diesen Erwägungen und 
aus denen des Herrn Stadtverordneten Küllmann, daß 
wir es -uns angelegen sein lassen müssen, recht viel 
Arbeitsgelegenheit bei der gegenwärtigen Arbeits­
losigkeit zu schaffen, stimmen wir der Anregung zu, 
wobei ich auch noch bemerke, daß in  der Friedhofs- 
deputation Einstimmigkeit darüber herrschte, den M a­
gistrat um eine derartige Vorlage zu ersuchen. Ich 
will den Wunsch aussprechen, daß recht bald der An­
regung der Stadtverordnetenversammlung entsprochen 
und das Projekt zur Beschlußfassung unterbreitet wird.
Die Gelegenheit, über Friedhofsangelegenheiten zu 
sprechen, will ich nicht vorübergehen lassen, ohne dem 
Friedhossdezernat einige Wünsche und Anregungen zu 
übermitteln. Die Friedhöfe sollen Plätze des Friedens 
und der Stim m ung fein, des Gedenkens an die Ver­
storbenen. Wenn wir aber unsere alten Friedhofs­
anlagen durchwandern, werden wir finden, daß nicht 
immer dieser Auffassung bei der Ausstattung der 
Friedhöfe entsprochen worden ist. Besonders der 
Friedhof in der Rudower S traße zeigt recht krasse un­
schöne Beispiele. W ir sehen, besonders auf den so­
genannten Wahlstätten, daß Baulichkeiten aufgeführt 
worden sind, die nach außen prunkhaft aussehen sollen, 
aber an Geschmacklosigkeit ziemlich alles übertreffen. 
Gräber, die einfacher, stimmungsvoller gehalten sind, 
werden durch diese Geschmacklosigkeit herabgedrückt. 
Ich möchte den Herrn Dezernenten bitten, dafür zu 
sorgen, daß bei unserer neuen Friedhofsanlage der­
artige Dinge nicht vorkommen, daß die Verordnungen 
hinsichtlich der Grabanlagen, die geschaffen werden, 
derart gehalten sind, daß eine wirkliche stimmungsvolle 
Ruhe über der ganzen Anlage liegt. Ich weiß wohl, 
daß Herrn S tad tta t Eonrad als Dezernent kein Vor­
wurf zu machen ist, daß die gerügten M ängel auf 
den alten Friedhöfen vorhanden sind. Ich kenne sein 
Bestreben, da reformierend einzugreifen und bedauere 
nur, daß ihm aus seinem Wege, hier reformierend zu 
wirken, so viele Schwierigkeiten gemacht werden. Ich 
weiß au s meiner Tätigkeit in der Friedhossdeputation, 
daß verschiedentlich Zuschriften an ihn gelangt sind, die 
sich- mit Entrüstung dagegen wehren, daß die Jnne- 
haltuna gewisser Normen bei der Aufstellung der 
Grabdenkmäler vorgeschrieben war, und auch in  der 
Presse werden Herrn S tad tra t Conrad in der Beziehung 
Vorwürfe gemacht. W ir müssen in der Stadtverord­
netenversammlung erklären, daß wir uns ganz ent­
schieden gegen diese Anwürfe wenden, daß wir mtt B e­
stimmtheit von unserem Dezernenten verlangen, daß er 
auf diesem Wege weiter schreitet und bei der neuen 
Friedhofsanlage darauf sieht, daß, wenn irgend mög­
lich, die Vorschriften noch strenger befolgt werden.
E in  paar Worte zu den Begräbnis-Formalitäten 
selbst. W ir haben leider noch das sogenannte Klassen­
system bei der Beerdigung, das unserem Geschmack 
nicht entspricht. Wenn es nach unseren Wünschen ginge, 
würden wir eine einheitliche Beerdigungsform haben. 
Das läßt sich jetzt leider noch nicht durchführen. Es 
müßte jedoch darauf gehalten werden, daß die Unter­
schiede bei den Begräbnisformalitäten nicht allzu kraß 
in Erscheinung treten. M ir ist gesagt worden, daß bei 
Begräbnissen es höchst unliebsam empfunden wird, daß, 
wenn eine Beerdigung 1. Klaffe stattgefunden hat, die 
Ausschmückung der Redehalle sofort beseitigt wird, wenn
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